Alle Beiträge von Oliver Schneider

Feige, Marcel – Inferno – Macht der Toten

Band 1: [„Ruf der Toten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2112
Band 2: [„Schwester der Toten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2991

Berlin erstickt endgültig unter einer dichten Schneedecke. Und inmitten dieses meteorologischen Chaos steht der Fotograf Philip vor den Trümmern seines Lebens. Es ist nur eine Woche her, dass er von diversen Substanzen angefeuert in einem Techno-Club unbeschwert abzappeln konnte. Diese Unbeschwertheit ist vollkommen verflogen und einer inneren Leere gewichen. Der junge Mann ist müde, ausgelaugt, verängstigt und weiß mittlerweile, dass er bis vor kurzem das Leben eines anderen geführt hat. Ein Leben, das gegenüber seiner jetzigen Situation, die von Ungewissheit und Hilflosigkeit bestimmt wird, fast ausnahmslos Vorteile hatte.

_Beurteilung:_

Der letzte Teil der „Inferno“-Trilogie ist gleichzeitig der düsterste. Zwar waren auch „Ruf der Toten“ und „Schwester der Toten“ keine Stimmungsaufheller, aber „Macht der Toten“ lässt noch ein paar dunklere Wolken aufziehen. Vor allem das Setting des dritten Bands, das sehr plastisch beschrieben wird, trägt nicht unerheblich zur apokalyptischen Atmosphäre bei. Das unwirtliche Berlin ist der ideale Schauplatz für die Zusammenführung der Handlungsstränge und die Beantwortung der in den ersten beiden Teilen aufgeworfenen Fragen.

Anders als in den Vorgängern lässt Autor Marcel Feige seinen Hauptfiguren im Abschlusswerk immer mehr die Rolle der Agierenden zukommen. So versucht Philip, die Visionen, in denen er Kontakt mit der Totenwelt aufnehmen und das zukünftige Schicksal jeder Person, die er berührt, voraussehen kann, zu interpretieren, um ein wenig Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen, während Beatrice in der Gewalt des Vatikankillers Cato gezwungenermaßen den Weg von London nach Berlin antritt, um den Fotografen zu finden.

Im Kontext der Geschichte deplatziert wirkt die Entwicklung des Priesters Jakob Kahlscheurer, der Philip in „Macht der Toten“ endgültig als Verbündeter an die Seite gestellt wird. Dieser durchläuft eine Art Selbstfindungsprozess, an dessen Ende er seinen verloren gegangenen Glauben wiederfindet. Und obwohl der katholischen Kirche in „Inferno“ eine Rolle zugedacht wird und somit religiöse Motive naheliegend sind, wird dieses Element sehr unvermittelt eingeführt. Dem religiösen Glauben kommt zu keinem Zeitpunkt eine übergeordnete Bedeutung zu, geschweige denn dient er als Handlungsantrieb und Auslöser der Ereignisse.

_Fazit:_

„Macht der Toten“ ist unterm Strich ein würdiger und logischer Schlussabschnitt der „Inferno“-Saga, überzeugt erneut mit einer durchdachten Dramaturgie und wird noch rasanter erzählt als die Teile eins und zwei. Die Auflösungen, die nicht in Friede-Freude-Eierkuchen-Plattitüden abgleiten, sind zudem gelungen, und die letzte Szene schreit geradezu nach einer Verfilmung des Stoffs, die hoffentlich im Falle eines Falls nicht in Deutschland realisiert wird und als muffiges ProSieben-„Event-Movie“ mit C-Schauspielern endet.

Dass auch der finale Band den einzelnen Charakteren keine wirkliche Tiefe verleihen kann, ist aufgrund des gegebenen Unterhaltungswerts zu verschmerzen. Und so wartet man gespannt auf das Inferno, das eintritt – oder doch nicht?

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Feige, Marcel – Inferno – Schwester der Toten

Band 1: [„Ruf der Toten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2112

„Manchmal bedeutet Dunkelheit Gnade.“ Dieser großartige Satz bringt die Lage des Fotografen Philip präzise auf den Punkt. Innerhalb weniger Tage ist sein ohnehin nur in Grundzügen geregeltes Leben inklusive diverser Ecstasy-Abstürze völlig aus den Fugen geraten und droht nun, komplett den Bach runterzugehen. Er steht unter Mordverdacht, befindet sich auf der Flucht vor der Polizei, weil er aus der Untersuchungshaft geflohen ist, wird von Visionen geplagt, in denen er schreckliche Verbrechen geschehen sieht, und scheint plötzlich für kurze Zeit in die Vergangenheit reisen zu können. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als all das auszublenden, den Kopf frei zu bekommen, abzuschalten. Stattdessen werden immer neue Fragen aufgeworfen. Fragen, die er nicht versteht, und Fragen, deren Antworten er nicht kennt. Nur eins wird ihm immer bewusster: Sein bisheriges Leben ist eine große Lüge gewesen.

Beatrice muss ähnliche Erfahrungen machen, allerdings sind die Vorzeichen genau umgekehrt. Seitdem die Londoner Studentin ohne Erinnerung in einer dreckigen Seitenstraße aufgewacht ist, möchte sie der Dunkelheit entfliehen. Wer ist sie? Wie hat ihr Leben ausgesehen? Auf der Suche nach ihrer Vergangenheit wird sie von ähnlichen Erscheinungen heimgesucht wie Philip. Die Toten sind in Aufruhr, möchten ihr etwas mitteilen. Irgendwas braut sich zusammen, und sie scheint in dem großen Ganzen eine gewichtige Rolle zu spielen.

_Beurteilung:_

Im zweiten Teil der „Inferno“-Trilogie werden die Daumenschrauben weiter angezogen. Bestach bereits „Ruf der Toten“ durch zügiges Tempo, so geht es diesmal noch etwas rasanter zur Sache. Noch immer alternieren die Schauplätze Berlin und London bzw. in diesem Band auch Lindisfarne, eine Insel im Norden Englands, und Autor Marcel Feige bereitet es insbesondere in der zweiten Hälfte des Buchs große Freude, dem Leser am Ende jedes Kapitels ein Wort oder einen Satz vorzusetzen, die es enorm erschweren, den Schmöker aus der Hand zu legen. Allerdings merkt man sehr schnell, dass es tatsächlich erst im abschließenden Teil Auflösungen geben wird. Auch mit „Schwester der Toten“ verweigert Feige konsequent die Beantwortung der Frage „Worum geht es eigentlich wirklich?“.

Das Augenmerk liegt erneut voll und ganz auf der Vorantreibung der verschiedenen Handlungsstränge, die zum Teil zusammengeführt werden; eine detaillierte Charakterzeichnung findet nicht statt. Die Figuren werden genau wie im ersten Teil wie auf einem Schachbrett verschoben, bleiben dabei zwar nicht vollständig anonym, aber man erfährt nur so viel über sie, dass es die Geschichte voranbringt und gleichzeitig ein Grundinteresse an ihrem Schicksal geweckt wird. Und so weiß der Leser genauso viel über die Hauptcharaktere wie diese über sich selbst: nichts. Es dominieren einzig Gefühle wie Angst, Verzweiflung und Ungewissheit, die elementar wichtige Bestandteile der Story sind und nicht unerheblich zur Spannungssteigerung beitragen.

Dass die Figuren der „Inferno“-Romanwelt ohne Probleme auf der für sie angemessenen Seite des Gut-Böse-Schemas eingeordnet werden können, tut dem Lesespaß keinen Abbruch. Auch wenn der herrlich verschlagene (und natürlich narbengesichtige) Vatikanhäscher Lacie von Anfang an als Person eingeführt wurde, mit der man sich besser nicht anlegt und die selbst ihren Auftraggebern suspekt ist, und man somit nicht von seinen Taten überrascht wird, sind seine Auftritte kleine Höhepunkte der ohnehin ereignisreichen Handlung. Wenn Marcel Feige ihn das „Nur über meine Leiche“ eines seiner Opfer mit einem „Endlich ein vernünftiger Vorschlag“ kontern lässt, hat das zynischen Stil, der perfekt zur Weltuntergangsstimmung der Geschichte passt.

_Fazit:_

Am Ende von „Schwester der Toten“ hat man (fast) denselben Wissensstand wie nach dem Abschluss des Vorgängers, und dennoch hat man das Gefühl, jede Menge neuer Erkenntnisse gewonnen zu haben, die im dritten Teil noch sehr wertvoll sein können. So und nicht anders muss eine Trilogie aufgebaut sein. Was genau passieren wird, ist immer noch nicht vorherzusehen; dass etwas passieren wird, ist gesichert. Die Apokalypse steht unmittelbar bevor, und bei „Inferno“ sitzt man in der ersten Reihe.

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Akoto, Philip – Menschenverachtende Untergrundmusik?

Provokation und Rockmusik gehen seit jeher Hand in Hand, sind fast untrennbar miteinander verbunden und wirken bis zu einem gewissen Grad sogar unmittelbar zusammen. Die Kombination aus lauten, elektrisch verstärkten Gitarren und einer womöglich extravaganten visuellen Umsetzung ist prädestiniert, revolutionäre, anarchistische oder einfach nur oppositionelle Ideen zu kommunizieren, wovon letztlich tausendfach Gebrauch gemacht wurde und auch weiterhin wird. Welche musikalische Kunstform eignete sich auch besser, um moralische Wertvorstellungen auf die Probe zu stellen und verkrustete Systeme aufzubrechen? Zeige ein ungewöhnliches Verhalten, und es wird dir Aufmerksamkeit zuteil.

Waren es früher die lasziven Hüftschwünge des Elvis Presley oder der exzessiv vor- und ausgelebte „Sex, Drogen & Rock ’n‘ Roll“-Lebensstil von Bands wie THE WHO oder THE ROLLING STONES, die Stürme der Entrüstung heraufziehen ließen, so müssen die Extreme heutzutage deutlich weiter ausgelotet werden, um eine Gegenreaktion hervorzurufen – sollte man meinen. Doch gerade die Beispiele aus der jüngsten Geschichte zeigen, dass dem nicht unbedingt so ist. Wenn es den Finnen LORDI gelingt, nur aufgrund einer Horrormaskierung Boykottaufrufe zu provozieren, muss man konstatieren, dass sich trotz eines nicht unerheblichen Gesellschaftswandels innerhalb der letzten fünfzig Jahre offenbar nicht viel verändert hat.

_Alles nur Schein?_

Es stellt sich nun die Frage, was bleibt, wenn man eine auf Äußerlichkeiten und Entertainment fixierte Band wie LORDI oder die in ihrem Streben nach Aufmerksamkeit deutlich weiter gehende Death-Metal-Band CANNIBAL CORPSE hinterfragt hat. Gibt es ein Konzept, das die Provokation übersteigt und die Außendarstellung dieser Gruppen über den bloßen Unterhaltungsfaktor erhebt? Oder allgemeiner formuliert: Beherbergt die heutige Rock- und Metalszene Musiker, die mit ihrer Kunst eine wie auch immer gelagerte Veränderung anstreben?

An diesem Punkt setzt der analytische Teil des vorliegenden Buches an. Am Beispiel verschiedener Bands aus dem Gothic-, Industrial- und Thrash/Death/Black-Metal-Bereich beleuchtet Autor Philip Akoto die Ideologie (sofern vorhanden) bzw. Motivation der betreffenden Musiker, mit dem Ziel, ihnen Subversion nachzuweisen oder abzusprechen. Ein grundlegender Aspekt seiner Untersuchung ist dabei der von Wolfgang Sterneck (u.a. Schriftsteller und Gründer des KomistA-Verlages) geprägte Begriff der „konsequenten Musik“, wonach Bands nur als subversiv zu bezeichnen sind, wenn sie ein politisches Bewusstsein haben und danach handeln, um letztlich die erwähnte (soziale) Veränderung anzustreben.

Dass Konsequenz auch zu Kontroversen führt und ernst zu nehmende Subversion von unterschiedlicher Qualität sein kann bzw. auf unterschiedlichen Ebenen abläuft, zeigen alle von Akoto detailliert untersuchten Gruppen. Während sich die amerikanische Death-Metal-Band CATTLE DECAPITATION entsprechend ihrer aggressiven Musik drastischer textlicher und visueller Mittel bedient, um eine vergleichsweise simple Vegetarismus-Botschaft zu verbreiten, und die dem Gothic-Bereich entstammenden THANATEROS ein spirituelles Schamanismus-Konzept präsentieren, gehen die Industrial-Band THE GREY WOLVES und die schwedische Death/Black-Metal-Band DISSECTION globaler, totalitärer und vor allem politisch fragwürdiger vor. Liefern die sich selbst als Kulturterroristen bezeichnenden Briten THE GREY WOLVES bereits durch die Benennung nach der rechtsradikalen türkischen Terrorgruppe eine Diskussionsgrundlage, kokettieren sie darüber hinaus auch offen mit faschistischer Symbolik, sehen dies allerdings nur als Teil eines anarchistischen Verwirrungsplans. Was die Engländer mit DISSECTION respektive ihrem Sänger und Gitarristen Jon Nödtveidt verbindet, ist eine ihrem Handeln zugrunde liegende Agenda. Einmal handelt es sich dabei um das „Cultural Terrorist Manifesto“, das THE GREY WOLVES als Orientierung dient, während Nödveidt zu den Mitbegründern des „Misanthropisch-luziferischen Ordens“ gehört. Diese Organisation fasst ihre Ideologie in den sogenannten „Satanic Aphorisms“, einem 24 Punkte umfassenden Regelwerk zusammen.

All diese Hintergründe wurden von dem seit 1998 als freier Musikjournalist tätigen Philip Akoto sorgfältig recherchiert, und der Leser könnte sich alleine mit den verschiedenen Quellenangaben wochenlang beschäftigen. Allerdings enthält auch das ursprünglich als Magisterarbeit eingereichte Buch bereits eine Fülle von Informationen, die wissenschaftlich-sachlich aufbereitet und verarbeitet werden.

_Das Spiel mit morbider Ästhetik_

Neben den konkreten Fallbeispielen werden im ersten Teil des Buches die Verbindungen zwischen den verschiedenen Subkulturen untersucht, wobei Akoto vor allem auf die Darstellung von Tod und Gewalt eingeht, die sich wie ein roter Faden durch die unterschiedlichen Szenen zieht. Dabei liegt das Augenmerk nicht ausschließlich auf dem Musikbereich. In kurzen Exkursen wird der Umgang mit dem Thema Tod in TV-Sendungen, Filmen und der Literatur nachgezeichnet. Und insbesondere die letzten beiden Bereiche dienen den Metal-, Gothic- und Industrial-Genres als Inspiration, was unzählige Texte und Plattencover reflektieren.

_Fazit_

„Menschenverachtende Untergrundmusik?“ bietet auf 117 Seiten eine qualitativ hochstehende Untersuchung des Subversionspotenzials der Industrial-, Metal-, und Gothic-Musik vor dem Hintergrund des (vermeintlich) gleichgültigen Umgangs bzw. der wahllosen Darstellung von Gewalt und Sterben. Darüber hinaus straft es jene Kritiker lügen, die den betrachteten Kunstformen von vorneherein Inhaltslosigkeit vorwerfen. Deutlich wird allerdings auch, dass das Verhältnis von Entertainment zu Inhalt klar zu ungunsten des letztgenannten Aspekts ausfällt und sich zu viele Bands mit bloßer Provokation zufrieden geben.

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Beddor, Frank – Spiegellabyrinth, Das

Der britische Autor Lewis Carroll schuf mit „Alice im Wunderland“ (1865) und dem Nachfolger „Alice hinter den Spiegeln“ (1871) zwei heute als Klassiker geltende Werke der Kinder- und Jugendliteratur. Auch jenseits dieser Alterklasse erfreuten und erfreuen sich diese Bücher großer Beliebtheit. Dies liegt vor allem an der fantasievollen Gestaltung des Wunderlands und seiner „Bewohner“. Mathematische Logik scheint in dieser Welt nicht zu existieren, weshalb es dort vor Absurditäten und Ungereimtheiten nur so wimmelt. So lieferten die Romane sowohl Gesprächsstoff für Intellektuellen-Diskussionsrunden, die sich gegenseitig naturwissenschaftliche Formeln um die Ohren hauen konnten, um zu beweisen, dass dieses oder jenes Ereignis der Handlung nicht möglich ist, als auch für jüngere Leser, die sich einfach nur über die lustigen Charaktere und deren Verwandlungen und Veränderungen austauschen konnten.

Warum ich das alles erzähle? Nun, Frank Beddor nimmt sich in seinem Roman „Das Spiegellabyrinth“ die von Lewis Carroll erschaffene Welt mit Nachdruck zur Brust. Genauer gesagt packt er sich Alice, die Spielkarten und alles, was noch so dazu gehört, schmeißt sie in einen Fleischwolf und dreht mal ordentlich an der Kurbel. Herausgekommen ist dabei ein Zerrbild des Alice-Universums. „Das Spiegellabyrinth“ ist der ungeliebte kleine Bruder von „Alice im Wunderland“, der immer schlechter behandelt wurde und deshalb garstig, böse und gefährlich geraten ist. Keiner wollte je mit ihm spielen, und jetzt ist die Zeit der Vergeltung gekommen …

_Geschichte:_

Die Heimat von Prinzessin Alyss [sic!] ist wahrlich kein anheimelnder Ort. Das Land wurde in der Vergangenheit von Bürgerkriegen erschüttert, und die Einwohner leben im ständigen Gefühl der Unsicherheit. Obwohl Königin Genevieve, Alyss‘ Mutter, die Geschicke mit Umsicht leitet, sieht sie sich allerhand Neidern gegenüber, die ihr liebend gerne die Macht entreißen würden, jedoch bisher keine offene Konfrontation suchten. Das ändert sich an Alyss‘ siebtem Geburtstag schlagartig.

Genevieves verhasste Schwester Redd, der brutalste und gefährlichste unter ihren Widersachern, fällt mit ihren Armeen in die Hauptstadt Wundertropolis ein, tötet jeden, der sich ihr in den Weg stellt, und macht letztlich auch nicht vor der Königin Halt. Der kleinen Alyss gelingt in letzter Sekunde die Flucht durch einen Spiegel, der sie zum Teich der Tränen teleportiert. Nach einem Sprung in das Gewässer landet sie in einer ihr unbekannten Welt, dem viktorianischen London. Die Öffnung, durch die sie gekommen ist, verschwindet sogleich, und sie ist in der „Parallelrealität“ gefangen …

_Beurteilung:_

Um euch einen Einblick in Frank Beddors Sicht der Dinge zu geben, möchte ich kurz sein Vorwort zitieren: „[…] Die wahre Geschichte von Wunderland ist voll Blutvergießen, Mord, Rache und Krieg. Ich entschuldige mich im Voraus bei allen, die manche Szenen in diesem Buch erschütternd finden mögen, aber es war mir wichtig, alles so wiederzugeben, wie es sich tatsächlich zugetragen hat […]“. Nach dieser kurzen Einleitung ist man bereits gewarnt. Vorsichtshalber sollte der Sicherheitsgurt beim Lesen aber trotzdem angelegt sein, da es rasant zur Sache geht.

Wollte man all die großartigen Details aufführen, die in diesem ungemein inspirierten Roman stecken, müsste man den Rahmen dieser Rezension bei weitem überschreiten. Frank Beddor hat sich im Vorfeld eingehend mit Lewis Carrolls „Original“ auseinander gesetzt – so viel steht fest. Die Überlegungen, die er danach angestellt hat, dürften in etwa gelautet haben: Was finde ich an der Handlung nett und einladend und wie kann ich das ins Gegenteil verkehren? Und deshalb ist seine Geschichte im Gegensatz zu „Alice im Wunderland“ auch nur bedingt bis gar nicht für Kinder geeignet. Speziell die Figur der Tante Redd kennt in ihren Handlungen überhaupt kein Erbarmen und agiert nah am Sadismus. So bekommt ihre Nummer-eins-Killermaschine, eine Kreuzung aus Mensch und Kater, ein ums andere Mal ihre Launen zu spüren und wird kurzerhand niedergemeuchelt. Da Mietzekatzen aber bekanntlich neun Leben haben, steht die Kreatur (unter großen Schmerzen) immer wieder auf, um seiner Herrin auch weiterhin zu dienen. Das Ganze wird von Beddor mit einem sarkastischen Unterton versehen, der es einigen erschweren dürfte, ein Lächeln über die Lippen kommen zu lassen. Man sollte sich allerdings nicht gegen ein leichtes Grinsens sträuben, und sei es nur aus Zufriedenheit ob des großen schreiberischen Talents des Autors.

Stellvertretend für die unzähligen Einzelheiten, die Frank Beddor in sein Werk einarbeitet, sei an dieser Stelle die grandiose Vermischung der fiktionalen Romanwelt mit biographischen Eckdaten Lewis Carrolls erwähnt. Im viktorianischen England landet die Hautfigur Alyss schließlich in einer Pflegefamilie, die allerdings mit der Schreibweise ihres Namens nicht einverstanden ist und sie in „Alice“ ändert. Im Verlauf ihres dortigen Aufenthalts, der viele Jahre andauern soll, trifft sie einen Mann namens Charles Lutwidge Dodgson alias – natürlich! – Lewis Carroll. Dieser ist fasziniert von den Geschichten, die Alyss/Alice unentwegt erzählt, weshalb er sie aufschreibt. Was macht aber nun dieser alte Mathematiker? Er bringt die Dinge so zu Papier, wie sie ihm gefallen, und verdreht – sehr zum Unmut von Alyss – die Tatsachen. Das Ergebnis dieser Aufzeichnungen kennen wir heute unter dem Namen „Alice im Wunderland“.

Dass man „Das Spiegellabyrinth“ irgendwann in einem Atemzug mit der Vorlage nennt, wage ich zwar zu bezweifeln, aber das ändert nichts daran, dass Frank Beddor mit diesem Buch ein ziemlich großer Wurf gelungen ist. Der Amerikaner zeigt Respekt für das Original, macht sich aber trotzdem mit diebischer Freude über die liebenswerten Figuren und Eigenheiten des Wunderlands her, bis letztlich eine Fantasiewelt entsteht, die der Realität unangenehm nahe kommt.

Da der Roman lediglich der Auftakt einer Trilogie ist, bin ich mehr als gespannt, wie sich die Situation in Wundertropolis entwickeln wird. Eins steht jedoch schon jetzt fest: Auch in den beiden Fortsetzungen werden Köpfe rollen! Be there!

http://www.dtv.de/special__beddor/flash/alyss__new.htm

Feige, Marcel – Inferno – Ruf der Toten

Der Berliner Autor Marcel Feige wagt sich mit seinem vierten Roman „Inferno – Ruf der Toten“ an eine Trilogie, die – soweit man dies nach dem vorliegenden ersten Band beurteilen kann – nichts Geringeres als das Ende der Menschheit heraufzubeschwören scheint. Eine Menschheit, die mit großen Schritten auf die Apokalypse zusteuert, auf einen Zusammenstoß von Imagination und Wirklichkeit, von Vergangenem und Gegenwärtigem, von Leben und Tod. Und eines möchte ich gleich vorwegschicken: Nach den letzten Sätzen von „Inferno – Ruf der Toten“ möchtet ihr am liebsten sofort wissen, wie die Geschichte weitergeht und alles zusammenhängt. Garantiert! Kein Zweifel!

_Unheilvolle Vorboten_

Nach einer durchgefeierten Drogen-Nacht kollabiert Philip auf den Straßen Berlins. Das beängstigende Nahtoderlebnis, das er in diesem Moment hat, ist nur der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Visionen, die ihn von nun an heimsuchen sollen und ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Irgend etwas scheint mit ihm nicht in Ordnung zu sein …

London: Beatrice, eine völlig normale, 22-jährige junge Frau, erleidet wie aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus kann ihrem zukünftigen Ehemann Paul wenig später nur noch die Nachricht des Todes seiner Verlobten überbracht werden. Als dieser sich in der Leichenhalle ein letztes Mal von Beatrice verabschieden will, macht er eine schockierende Entdeckung: Seine Freundin ist spurlos verschwunden.

An anderer Stelle Londons: Beatrice erwacht in einer dreckigen Gasse und kann sich nicht mehr an ihre Identität erinnern. Der obdachlose Elonard, der in allerletzter Sekunde verhindern kann, dass sie von ein paar schmierigen Typen vergewaltigt wird, ist ihr behilflich, ihr Leben zu rekonstruieren.

In Rom tritt eine geheime Versammlung von Würdenträgern des Vatikans zusammen, um über Maßnahmen zu beraten, wie eine sich durch verschiedene Zeichen andeutende Katastrophe für die Menschheit abgewendet werden kann …

_Beurteilung_

Marcel Feige lässt von Beginn seines Romans keinen Zweifel daran, dass es ihm mit seiner „Inferno“-Trilogie absolut ernst ist und er vor allem das Talent hat, eine etwas komplexere Geschichte nicht in einem Sumpf aus Überambition und Orientierungslosigkeit versickern zu lassen. Kontinuierlich steigert er die Spannung, so dass der Leser zusammen mit den Figuren in einen Strudel der Ereignisse gesogen wird. Dabei lässt Feige mehrere Handlungsstränge parallel zueinander ablaufen, deren Zusammenhänge in „Inferno – Ruf der Toten“ lediglich angedeutet werden und für die beiden kommenden Bände noch einiges hoffen lassen.

Die Hauptfiguren des Romans sind zudem so angelegt, dass sie dem Leser – wenn man den fantastischen Hintergrund der Geschichte außer Acht lässt – ein leises „Das könnte dir auch passieren“ einflüstern. Denn sowohl der junge Fotograf Philip, der zwischen Verantwortungsbewusstsein im Job und drogengeschwängerten Partys hin- und hergerissen ist, als auch Beatrice, eine 22-jährige Studentin, sind absolute Durchschnittsmenschen, wie sie einem jeden Tag auf der Straße über den Weg laufen. Beide schickt Feige auf einen sehr schmerzvollen Trip, auf dem der Tod ein ständiger Begleiter ist.

Neben diesen zentralen Personen erhoffe ich mir persönlich noch viel von den beiden dubiosen Vatikan-Schergen Lacie und Cato, die für die altehrwürdigen Eminenzen unliebsame Probleme auf eine hässliche, aber konsequente Art und Weise lösen. Da stehen uns für die kommenden Bände sicherlich noch einige Zeugenbeseitigungsaktionen ins Haus.

„Inferno – Ruf der Toten“ ist alles in allem ein wirklich lesenswertes Buch, das locker und sprachlich versiert geschrieben ist – vor allem gelingt es Marcel Feige, mit nur wenigen Worten, die verschiedenen Situationen lebhaft vor dem geistigen Auge des Rezipienten entstehen zu lassen – und einige Vorfreude auf die 2006 erscheinenden Bände zwei und drei weckt.

Temporeich, spannend und ziemlich kickend!

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