Alle Beiträge von Stefan Kayser

Seidel, Wolfgang – Wie kam der Sturm ins Wasserglas? Zitate, die zu Redewendungen wurden

Wolfgang Seidel hat sich wieder einmal auf Spurensuche unserer Redegewohnheiten gemacht. In seinem neuesten Buch „Wie kam der Sturm ins Wasserglas?“ untersuchte er Sprichworte, Redewendungen und sprichwörtliche Figuren, die ihren Ursprung in der – im weitesten Sinne des Wortes – literarischen Welt haben. So beackert der Autor Literatur und Musik, Film und Bühne. Dabei wechselt er unbekümmert zwischen den Bereichen E und U, so dass auch in die Alltagssprache eingegangene Zitate aus Comics und Werbung vorgestellt werden.

Da Seidel auch bei diesem Titel wieder kein Fachbuch, sondern ein Sach- und Stöberbuch für ein breites Publikum verfasst hat, hat er sich auch hier die Freiheit genommen, beliebig Beispiele aus den gewählten Bereichen auszusuchen und zwischen Bedeutung, Rezeption und weitergehenden Informationen zur Quelle zu springen.

Eine gute Idee war es, die meistzitierten Schriftsteller und Dichter in einem eigenen Kapitel zu behandeln, so dass dem Leser die Bedeutung herausragender Köpfe bewusst wird. Einzelne Werke, vor allem Schillers „Wilhelm Tell“ und Goethes „Faust“, werden als Fundgruben in Erinnerung gerufen, die allein in ihrer Nachwirkung ganze Bibliotheken in den Schatten stellen. Die Kapitel über jüngere Unterhaltungsmusik stellen so manche wenig bekannten Komponisten und Texter vor, die doch mit Schlagern, Gassenhauern, Filmmusik und Werbemelodien im Alltag präsent sind.

Nachdem in „Es geht um die Wurst“, dem vorherigen Buch Seidels aus der Serie, Fachbegriffe verschiedener Wissenschaften und Berufe den Schwerpunkt bildeten, erforderte der jetzige Fokus auf „Literatur mit viel Raum für Alltags- und Unterhaltungskultur“ sicher weniger Rechercheaufwand für den Autor und macht das Buch auch für Leser ohne viel Vorwissen leichter zugänglich. Allerdings hat diese „Lockerheit“ einige auffällige Lücken hinterlassen: Zu John Tolkiens Mittelerde hätte man sicher den Einfluss von Midgard aus der germanischen Mythologie erwähnen sollen. Auch den Satz „Geht nicht gibt’s nicht“ hat sich schon so mancher Bundeswehr-Rekrut von seinen Ausbildern anhören dürfen, lange bevor er durch die Werbung popularisiert worden ist.

Leider haben sich auch ein paar Fehler eingeschlichen: So hätte es dem Autor oder einem Lektor doch auffallen sollen, dass der römische Schriftsteller Plinius d. Ä., der als Mann mittleren Alters beim berühmten Vulkanausbruch des Vesuv (Pompeji) zu Tode kam, kaum über 100 Jahre alt geworden sein kann. Und wer sich ein wenig in der Populärmusik der letzten Jahrzehnte auskennt, wird verwundert lesen, dass das Lied ‚Irgendwie, irgendwo, irgendwann‘, in den 80ern von der Band „Nena“ geschrieben und gespielt, hier einem erst 1976 geborenen Komponisten zugeschrieben wird, das dann später von „Nena“ gecovert worden sei!

Wenn man nicht so strenge Ansprüche anlegt und das Buch einfach als lockere Lektüre zur Alltagssprache hinnimmt, so kann man „Wie kam der Sturm ins Wasserglas?“ einige interessante und lustige Anekdoten zu feststehenden Ausdrücken unserer Sprache entnehmen und auch zu bekannten Zitaten noch ein paar Hintergrundinformationen finden.

|Taschenbuch: 304 Seiten
ISBN-13: 978-3-423-34666-5|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Wolfgang Seidel bei |Buchwurm.info|:_
[„Es geht um die Wurst“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6075

Amos, Thomas – Ernst Jünger

Wie will man einem Schriftsteller, der über 100 Jahre alt geworden ist und während etwa 80 Jahren viele Bücher, Essays und Aufsätze geschrieben hat, mit einem Text von rund 130 Seiten gerecht werden? Und warum schreibt man so ein Büchlein, nachdem vor wenigen Jahren erst die umfangreichen Jünger-Biographien von Heimo Schwilk und von Helmuth Kiesel erschienen sind?

Thomas Amos, Literaturwissenschaftler offenbar mit eigentlichem Schwerpunkt Romanistik, hat dies mit seiner Monografie „Ernst Jünger“ getan. Dieses Buch kann natürlich keine durchgehende Biografie oder Werkbeschreibung sein. Ziel und Motivation seines Buches tut der Autor nicht explizit kund. Aber da er – quasi als Vorwort – die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt am Main an Jünger 1982 sowie die damaligen Proteste der eigentlichen Ausarbeitung voranstellt, scheint er dessen Leben und Werk besonders unter dem Aspekt der Anwürfe seiner Gegner untersucht zu haben; vor allem, inwieweit Ernst Jünger eine literarische und allgemein kulturelle Bedeutung für den bundesrepublikanischen Biedermann haben kann. Jedoch bemüht der Autor sich spürbar um eine ausgewogene Darstellung. Wenn er die Person Ernst Jünger den Vorwürfen seiner Gegner gegenüberstellt, begibt er sich nicht pauschal auf eine Seite, sondern urteilt differenziert.

Wie in der Kürze des Buches nicht anders möglich, beschreibt Amos einzelne Stationen aus der Biografie Jüngers, wobei die lückenhafte und selektive Bearbeitung des Themas mit der Zeit zunimmt. Aus Jüngers Schaffen seit 1949, immerhin fast ein halbes Jahrhundert, werden nur die Tagebuchreihe „Siebzig verweht“ und die „Annäherungen. Drogen und Rausch“ berücksichtigt. Außerdem der Jugendroman „Die Zwille“, allerdings im Kapitel über Jüngers Kindheit, da Amos viel Autobiografisches in dem Roman sieht.

Die Auswahl der Schwerpunkte bleibt den traditionellen Vorlieben verhaftet: Teilnahme und literarische Verarbeitung des 1. Weltkrieges, politische Publikationen in der Weimarer Zeit, Leben im Nationalsozialismus und schließlich die Drogenerfahrungen. Sogar der Besuch von Helmut Kohl und Francois Mitterand (wird gern in jedem hingepfuschten TV-Beitrag verwendet) wird kurz erwähnt, nicht aber der Kontakt zu etlichen – geistesgeschichtlich – bedeutsameren Zeitgenossen.

Dieses häufige Festklammern an etablierten Themenschwerpunkten gerät dem Verfasser teilweise zur Falle: So zitiert auch er jene Stelle aus dem „Zweiten Pariser (Kriegs-)Tagebuch“, in denen Jünger von einem Hotel aus bei einem Glas Burgunder einen Bombenangriff beobachtet und die dank leicht empörbarer Gouvernanten des Gutmenschenfeuilletons als „Burgunderszene“ Bekanntheit erlangt hat. Nur dummerweise ist es Amos entgangen, dass Tobias Wimbauer vor einigen Jahren durch eine kleine Recherche herausbekommen hat, dass zu dieser Zeit an diesem Ort gar keine Bombenangriffe stattgefunden hatten, und die besagte Stelle anschließend durch genaue Textanalyse als verschlüsselte Darstellung privater Dinge ermittelt hat.

Darüber darf aber nicht übersehen werden, dass der Autor die ausgewählten Ausschnitte i. d. R. mit sicherem Wissen behandelt. Gerade für die besprochenen Bücher beweist Amos dabei oft seine Kennerschaft, und besonders beim „Abenteuerlichen Herzen“, dieser Sammlung kleiner verschiedenartiger Texte, bewährt sich seine Methode, einzelne Stellen zu zitieren. Bei den „Annäherungen“ hätte man sich allerdings auch andere Zitate gewünscht als nur solche von grellen Drogengeschichten.

Manchmal wird jedoch schon arg viel in Jüngers frühe Texte hineingeheimnist. So zitiert Amos eine Äußerung Jüngers über die Trauer („Sie reicht tief in die Träume hinein“), aber er belässt es nicht etwa bei der Erfahrungstatsache, dass schwerwiegende Erlebnisse, die einen Menschen umtreiben, auch in seinen Träumen erscheinen können; nein, es muss schon der Name Sigmund Freud fallen. Und wenn in Jüngers Kriegsbüchern das Blut rot und Einschusslöcher rußschwarz sind, entdeckt der Autor darin expressionistische Stilmittel.

Wer neu im Thema „Ernst Jünger“ ist, wird für den Einstieg mit dem schmalen und preisgünstigen Bändchen von Thomas Amos nicht viel falsch machen, da es zumindest keine groben Fehler enthält – außer einem Kriegstagebuch, dessen Ende auf 1955 datiert wird! Kundigere Interessierte werden Besseres suchen und auch finden.

|Taschenbuch: 157 Seiten (mit Anhang)
ISBN-13: 978-3-499-50715-1|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Epstein, Lewis C. – Denksport Physik: Fragen und Antworten

In der Fachwelt ist dieses Buch ein Klassiker. 1979 zum ersten Mal auf Englisch erschienen, hat „Denksport Physik“ auch bei uns schon einige Auflagen erlebt. Der mittlerweile emeritierte Physikprofessor Lewis Carroll Epstein stellt seine Wissenschaft leichtverständlich und kurzweilig in Form von Rätseln zum Selberlösen vor. Entsprechend dem Untertitel „Fragen und Antworten“ wird nicht doziert, sondern der Autor stellt dem Leser eine Frage und gibt ihm mehrere Antwortmöglichkeiten vor, so dass dieser durch eigenes Mitdenken zu einem Ergebnis kommen soll. Um das Schummeln zu erschweren, sind die Lösungen kopfstehend oder erst auf der nächsten Seite abgedruckt. Erst in diesen Lösungen wird etwas Theorie nachgeschickt, wenn beim Leser das Interesse geweckt und deren Nutzen zur Problemlösung erkannt ist. Aber auch Hinweise zur Lösungsstrategien, zu häufig anwendbaren Grundsätzen und zur Denkweise in der Physik finden sich.

Gegliedert ist das Buch nach den Teilwissenschaften der Physik, und bei der Lektüre bemerkt der Leser – vielleicht bewusst, vielleicht intuitiv – dass die Natur, je tiefgehender man sich mit ihr beschäftigt, immer überraschender wird. Dementsprechend sind die Denksportaufgaben in der Mechanik oder Elektrik für den Leser, aber auch für den Autor dankbarer als in der Relativitätstheorie oder der Quantenphysik. Denn auch in diese fortgeschrittenen Bereiche der Physik führt Epstein.

Ein wenig Vorwissen in der Physik und auch in der Mathematik ist schon erforderlich, und es wird nicht immer deutlich, welches Niveau vorausgesetzt wird. Wahrscheinlich ist es auch nicht klar definiert. So wird in der Optik eine Denksportaufgabe über Polfilter gestellt, und erst ein paar Seiten weiter wird dieses Gerät erklärt. Außerdem hat der Autor einige Aufgaben eingebaut, die der Laie kaum beantworten kann, um neue Gedanken anzustoßen und zu weiteren Gebieten überzuleiten. Aber ein paar Kopfnüsse unter mehreren hundert Rätseln sollte der Interessierte sportlich nehmen und sich nicht entmutigen lassen. Denn die meisten Aufgaben sind erhellend und mit etwas Nachdenken lösbar.

Ein weiteres Plus ist die kompetente Übersetzung durch Hans-Erhard Lessing in ein fachlich und allgemein gutes Deutsch, die durch einige kluge, sparsame Anmerkungen ergänzt ist, wo es Unterschiede in den Sprachen oder abweichende nationale Gepflogenheiten erforderlich machen.

„Denksport Physik“ ersetzt kein Lehrbuch, aber es hilft, die Wissenschaft der Natur, die uns ständig umgibt und doch oft so rätselhaft bleibt, besser zu verstehen.

|Taschenbuch: 580 Seiten
ISBN-13: 978-3-423-24556-2|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Denksport bei |Buchwurm.info|:_
[„Denksport Mathematik: Rätsel, Aufgaben und Eselsbrücken“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6727

Willers, Michael – Denksport Mathematik. Rätsel, Aufgaben und Eselsbrücken

Terme, Gleichungen, Potenzen, Wurzeln, Logarithmen – das sind Begriffe, bei denen die einen glänzende Augen kriegen und die anderen am liebsten weglaufen möchten. Der kanadische Mathematiklehrer Michael Willers hat mit „Denksport Mathematik. Rätsel, Aufgaben und Eselsbrücken“ ein Buch geschrieben, das die erste Gruppe vergrößern soll.

Im lockeren Plauderton, wie er häufig in nordamerikanischen Sachbüchern zu finden ist, stellt er viele Gebiete der Schulmathematik vor und geht an einigen Stellen sogar darüber hinaus. Bei der Lektüre wird schnell klar, dass der Titel des Buches irreführend ist. Ein typisches „Denksport“-Buch liegt hier nicht vor, „Rätsel und Aufgaben“ zum Selbertüfteln gibt es auch nicht, sondern sie sind Fallbeispiele, mit denen man in die einzelnen Themen eingeführt wird. Der Autor erklärt mathematische Begriffe, erläutert Regeln und führt Rechenwege vor. Anhand der Fallbeispiele verdeutlicht er die Nützlichkeit der Mathematik im Alltag, etwa bei der Finanzrechnung, der Wahrscheinlichkeit, der Verschlüsselung oder verschiedenen geometrischen Problemen. Daneben macht Willers auch einige Exkurse in die Wissenschaftsgeschichte und reißt dabei die aufgeworfenen Probleme, die Denkweisen und die Erkenntnisse der griechischen, arabischen, indischen und abendländischen Mathematik an. Man kann dabei erfahren, dass die Null, die wir heute selbstverständlich als Zahl betrachten, den alten Griechen unbekannt war und erst im 7. Jahrhundert von dem Inder Brahmagupta in die Mathematik eingeführt worden ist.

Schülern und Studenten mit Matheproblemen kann man „Denksport Mathematik“ nicht empfehlen, da Willers sehr eigene Schwerpunkte bei den Erklärungen setzt. Einige relativ einfache Umrechnungen werden wiederholt erläutert, aber Stellen, die Lernenden erfahrungsgemäß häufig Schwierigkeiten bereiten, bisweilen nur kurz gestreift. Und ob zu den verschiedenen Gesetzen Beweise vorgeführt werden oder nicht, bleibt der Willkür des Autors überlassen.

Richtig ärgerlich sind die vielen Fehler und Ungenauigkeiten, die im Verlaufe des Buches noch zunehmen. Neben der falschen Zuordnung zu einer Zahlenmenge und verschiedenen Rechenfehlern wird in der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Begriff „Permutation“ falsch für eine Anordnung benutzt, die eine „Variation“ ist, und zu diesem begrifflichen Fehler bekommt man als Leser auch noch einen griffigen Merksatz an die Hand! Schludrigkeiten im Druck machen an einzelnen Stellen Potenzen und Wurzeln zumindest missverständlich. Bei der Übersetzung wurden nationale Unterschiede in den Schreibweisen nicht bedacht. So wird die Umkehrfunktion des Sinus nicht wie hierzulande üblich als Arkussinus (|arcsin|) angegeben, sondern in der ungünstigen, in Amerika üblichen Schreibweise sin-1, die mit einer Potenz verwechselt werden kann. Ebenso wird der Zehnerlogarithmus mit |log| anstatt – wie in nahezu jedem deutschen Lehrbuch – mit |lg| abgekürzt. Wer hier Hilfe sucht, dürfte eher Verwirrung als Erkenntnis finden.

Leser, die über eine solide mathematische Vorbildung verfügen und nur einzelne Themen wiederauffrischen oder Wissenslücken schließen oder aber etwas über die Geschichte der Mathematik erfahren wollen und dabei die erwähnten Fehler selbst entdecken, können dieses Buch mit einigem Gewinn lesen. Aber auch nur sie.

|Taschenbuch: 176 Seiten
ISBN-13: 978-3423248389
Durchgehend vierfarbig illustriert|
http://www.dtv.de

Sarrazin, Thilo – Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

Ende August 2010 ist Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ erschienen und hat eine wilde, nicht immer qualifizierte Diskussion ausgelöst. Von daher kann es nützlich sein, einige Monate später das Buch noch einmal durchzugehen, nachdem die gedruckte Auflage die Millionengrenze überschritten hat, der Bundesbankvorstand Sarrazin vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden ist, ein Parteifunktionär, der Staatsoberhaupt spielt, sich gründlich blamiert hat, verschiedene Politiker, die den Autor kürzlich noch verteufelten, sich einige seiner Forderungen – zumindest verbal – zu eigen gemacht haben und die kurzatmige Medienwelt bereits die nächste Sau durchs Dorf treibt.

Gemäß dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ stellt Sarrazin die Hauptthese auf, dass Deutschland (wie auch andere westliche Industriestaaten) ihre eigene Existenz gefährden, weil sie es zugelassen haben, dass sich massive Probleme auftürmten, und diese nicht angepackt, sondern durch eine fahrlässige Gesetzgebung teilweise sogar selbst verschärft haben. Der Autor stellt in jedem der Kernkapitel zu den Problemfeldern Sozialpolitik, Arbeitsmarkt, Bildung, Zuwanderung und Demographie zunächst den Ist-Zustand anhand von umfangreichen Daten vor, diskutiert vorhandene Lösungsvorschläge auf ihre Tauglichkeit und – sofern umgesetzt – auf ihren (Miss-)Erfolg und unterbreitet zuletzt seine eigenen Vorschläge. Dabei mutet er Lesern, die selten Sachbücher konsumieren, einiges an Begriffsdefinitionen, Statistiken und Zitaten mit einem Anmerkungsapparat über Dutzende Seiten zu. Wer unter seinen gefühlten Anhängern und Gegnern ein Pamphlet erhofft hat, wird enttäuscht. Sarrazin schießt sich auch nicht auf Ausländer ein, nur eines der neun Kapitel befasst sich hauptsächlich mit Zuwanderungsproblemen.

Dabei breitet der Autor jede Menge Zündstoff aus, etwa dass Kinder aus Hartz-IV-Familien überdurchschnittlich oft einen Fernseher im Kinderzimmer stehen haben. Oder dass die untaugliche Phrase „Menschen mit Migrationshintergrund“ nicht nur Ausländer und deutsche Aussiedler vermischt, sondern auch Kinder mit einem bundesdeutschen Elternteil undifferenziert untermengt. Darf man annehmen, dass diese Begriffsverwirrung gewollt ist? Oder dass der emotionalisierbare Begriff „Armut“ nicht an absoluten Mängelkriterien, sondern relativ zum Durchschnitt definiert ist, sodass nach dieser Definition nicht nur der Verhungernde unter fast Verhungernden nicht arm ist, wohl aber der Millionär unter Milliardären; auch wird es damit offizielle Armut, solange keine friedhofsmäßige Gleichheit eintritt, zwangsläufig immer geben – und damit auch einen Arbeitsmarkt für die Betüttelungsindustrie aus Betreuern, Sozialarbeitern und anderen „Experten“. Oder, gleich mehrere Brennpunkte verknüpfend: „Deutsche Transferempfänger leben wie der durchschnittliche Tscheche, aber durchaus besser als der durchschnittliche Pole und weitaus besser als der durchschnittliche Türke“ (S: 148).

Der deutsche Sozialstaat bekämpft nicht die sozialen Probleme, sondern perpetuiert sie vielmehr. Wenn sich Menschen aus unterentwickelten Ländern nach Deutschland aufmachen, wo sie allein für ihre Existenz ein höheres Einkommen beziehen als in ihrer Heimat für Arbeit, verhalten sie sich ökonomisch rational. Ebenso Transferempfänger, wenn sie – unabhängig von ihrer Nationalität – überdurchschnittlich viele Kinder in die Welt setzen, weil sie so ihr verfügbares Einkommen erhöhen. Die offiziell steigenden Abiturientenzahlen sind durch deutliche Absenkungen der Anforderungen erkauft. (Der Verfasser dieser Zeilen gibt seit über 20 Jahren Unterricht und kann das zumindest für NRW bestätigen.) Sarrazin weist nach, dass der populistische Schnellschuss „mehr (Steuer-)Gelder = mehr Bildungserfolg“ keineswegs aufgeht, solange unsinnige Reformen den Schulen immer wieder Stöcke zwischen die Beine werfen. In all diesen Punkten könnte die Politik gegensteuern.

Dass Sarrazin sich das demokratische Verdienst erworben hat, brisante Informationen nicht immer als Erster, aber mit der größten Breitenwirkung unters Volk gebracht zu haben, darf nicht dazu verleiten, ihn unkritisch zu lesen oder Lücken in seiner Argumentation zu übersehen. So übergeht er bei seinen Lösungsvorschlägen völlig das Problem Europa, also die Frage, inwieweit Ideologen und Lobbyisten in Brüssel und Straßburg eine souveräne deutsche Gesetzgebung überhaupt noch zulassen. Wenn Sarrazin die relativ hohe Geburtenrate in Frankreich lobt, geht er nicht darauf ein, dass die dortige jakobinische Staatsauffassung es nicht ermöglicht, diese Geburtenrate nach echten Französinnen und eingebürgerten Araberinnen aufzuschlüsseln, also dass die vermeintliche Lösung eher einen Teil des Problems darstellen kann. Und natürlich sollte es jemandem, der regelmäßig Statistiken auszuwerten hat, nicht passieren, dass er bei einer Bevölkerungsprognose Mittelwert (Durchschnitt) und Zentralwert (Median) verwechselt.

Die rabiate Feindseligkeit aus dem Establishment aber dürfte vor allem zwei Gründe haben: Zum einen betont Sarrazin, dass viele menschliche Eigenschaften, z. B. die Intelligenz, stärker vom Erbgut als von sozialen Einflüssen abhängen. Das ist ein Frontalangriff auf den Machbarkeitswahn des Zeitgeistes, der glaubt, mit genug Geld alles managen zu können, und damit auf selbstgefällige Wahlkampfrhetorik. Das Wort „Sozialdarwinismus“ ist schnell bei der Hand, wenn man liebgewordene Denkgewohnheiten und Machtmittel aufgeben soll. Sarrazin ist ehrlich genug, auch von eigenen Lösungsvorschlägen zu sagen, dass sie gewisse Missstände nicht beseitigen, sondern nur vermindern können. Aber wer könnte sich einen Parteipolitiker vorstellen, der öffentlich sagt: „Ich kann das Problem genauso wenig lösen wie andere“ oder „Hier müssen die Betroffenen Eigenverantwortung ergreifen, der Staat darf und kann nicht alles regeln“?

Zum anderen plaudert hier ein ehemaliger Amtsträger (u.a. Berliner Finanzsenator, Bundesbankvorstand) aus dem Nähkästchen des Politik- und Medienbetriebs aus, wie dort die wahre Problemlage und die eigene Unfähigkeit vorsätzlich vertuscht werden. Hier nur einige wenige Beispiele:

– Die Merkel-Regierung hat den Bericht über Zuwanderungs- und Integrationsfragen 2009 so ausgeschrieben, dass eine Differenzierung nach verschiedenen Migrantengruppen nicht möglich ist (S. 261, Fußnote 7.5). Man will es also gar nicht so genau wissen.
– Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, Ergebnisse künftiger Pisa-Studien nicht mehr getrennt nach Bundesländern zu veröffentlichen, weil das für einige der für Schulpolitik zuständigen Länder zu peinlich wäre (S. 250). Das Volk soll es auch nicht so genau wissen.
– Der Kameramann eines mutmaßlich öffentlich-rechtlichen Senders sagt aus, dass er von oben die Anweisung hat, „in den Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern so zu filmen, dass man die umfangreiche elektronische Ausstattung nicht sehe“ (S. 118).
Allein um solche – das Wort ist nicht übertrieben – Skandale bekannt zu machen, ist dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen. Der Autor attackiert also weniger unterprivilegierte Minderheiten als vielmehr genau diejenigen, die am lautesten geschrien haben.

Wenn Sarrazin außerdem aussagt, dass die Mittelschicht die Lage verschärft, wenn sie eine längere Lebensarbeitszeit ablehnt oder zu wenige Kinder kriegt, mutet er auch seiner Leserschaft einige unangenehme Botschaften zu. Dass sich sein Buch dennoch zu Hunderttausenden verkauft, gibt Grund zur Hoffnung, dass das Volk durchaus bereit ist, unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen. Vom Bücherlesen allein hat sich die Welt freilich noch nie verändert.

|Gebundene Ausgabe: 463 Seiten
ISBN-13: 978-3421044303|
[www.dva.de]http://www.dva.de

Eckenga, Fritz – Fremdenverkehr mit Einheimischen

Fritz Eckenga ist wieder in Reimlaune. Nach [„Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4262 hat er nun mit „Fremdenverkehr mit Einheimischen“ einen weiteren Band mit lustigen Gedichten verfasst.

Genau wie in seinem Vorgänger gibt Eckenga in „Fremdenverkehr mit Einheimischen“ treffgenau Beobachtungen aus dem Alltag und dem großen Weltgeschehen in heiter-satirischen Versen wieder und kommentiert diese von einem unabhängigen Standpunkt, wobei er souverän genug zur Selbstironie bleibt. Auch wenn die komplizierteren Gedichtformen dieses Mal eher selten vor kommen, hat der Autor wieder akkurat an seinen Zeilen gedrechselt, so dass ihm kaum ein Holpern im Metrum, kaum ein unreiner Reim unter kommt, wie er im Gedicht ‚Nein, ich will nicht Grünbein sein‘ augenzwinkernd vermerkt. Und die gekonnten Formulierungen sitzen ohnehin passgenau.

Bei den persönlichen Themen verarbeitet Eckenga Erlebnisse – von nervigen Nachbarn bis zum Vordringen von Kommerzpraktiken in den Alltag – die die meisten Leser als eigene Wahrnehmungen bestätigen können. Bemerkenswert ist, dass sich hier neben satirischem Humor auch stellenweise eine unerwartete heitere Melancholie findet.

Natürlich ist für den Dortmunder Humoristen auch der Ruhrpott wieder ein Thema, nicht zuletzt als europäische Kulturhauptstadt 2010. Und so manche aktuelle Erscheinung wie der Sprachverfall im Kurznachrichten- und Kurzdenkdienst oder die Bankenkrise wird im Kreuzreim aufgespießt. Seine Gelassenheit bewahrt sich Fritz Eckenga auch dann, wenn er populistische Parteipolitiker ins Visier nimmt, indem er kurzerhand deren Sprüche und Taten in seine Verse einarbeitet, etwa bei jenem bekannten rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, der sich gerne publikumswirksam beim heimischen Bundesligaverein sehen ließ, mit dem er im Abstiegskampf dann nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Und damit sind wir auch schon beim Schlusskapitel angekommen, das natürlich wieder dem Fußball gewidmet ist sowie anderen Sportarten, die es gerüchteweise auch noch geben soll.

|Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
ISBN-13: 978-3888976551|

http://www.eckenga.de
http://www.kunstmann.de

Seidel, Wolfgang – Es geht um die Wurst. Was hinter unseren Wörtern steckt

„Es geht um die Wurst“ ist das neueste Buch von Wolfgang Seidel, in dem er wieder Worte und Redewendungen des Alltags erklärt. Schwerpunkte im vorliegenden Band sind dabei unter anderem Namen sowie Begriffe aus verschiedenen Fachsprachen und Berufsfeldern, die teilweise mit einem Bedeutungswandel in die allgemeine Sprache eingegangen sind. Ein eigenes Kapitel befasst sich sogar mit nonverbaler Kommunikation. Sprichworte jedoch sind, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, nicht das Thema.

Um es gleich deutlich zu sagen, „Es geht um die Wurst“ ist kein wissenschaftliches Werk. Es ist ein Sachbuch, das dem Laien in einem kurzweiligen, mitunter humorvollen Plauderton einige ausgewählte Ausdrücke unserer Sprache darlegt. Dabei nimmt sich der Verfasser die Freiheit, zwischen der Erklärung der Wortbedeutung, der Wortherkunft und der Wortgeschichte, also etwa der Motivation von Bildern oder dem Übergang in andere Sachzusammenhänge, zu wechseln.

Unter diesen Voraussetzungen hat Seidel ein informatives und gut lesbares Buch abgeliefert. Man erfährt beispielsweise, dass „Entscheidung“ ebenso wie sein lateinisches Gegenstück „decisio“ ursprünglich „Schneiden“ bedeutete und auf Tieropfer hinweist. Man erkennt, wie viele Allerweltsausdrücke aus der landwirtschaftlichen, technischen oder kaufmännischen Fachsprache stammen. Darüber hinaus weist der Autor oft darauf hin, wenn deutsche Worte Verwandte in bestimmten ausländischen Sprachen haben, ob sie indogermanischer Herkunft oder noch älteren Ursprungs sind, und referiert dabei einige Erkenntnisse, die die allgemeine Kulturgeschichte aus der Sprachgeschichte gewonnen hat. Im letzten Kapitel wird dieses Thema noch vertieft.

Hauptsächlich stöbert Seidel aber, wie gesagt, durch verschiedene Wortfelder. Dass er das Thema Namen recht kurz abhandelt, ist eine kluge Entscheidung in einer Zeit, in der Ahnenforschung Volkssport ist und Legionen von Laien Chroniken wälzen und ihre Erkenntnisse vernetzen. Die Entstehung von Ortsnamen wird knapp und systematisch vorgestellt und gehört zu den stärksten Seiten des Buches. Neben vielen aufschlussreichen Informationen muss man jedoch feststellen, dass der Autor in den Gebieten Physik und Technik nicht ganz sicher ist. So ist „Strom“ keineswegs ein Synonym für „Elektrizität“, sondern bezeichnet – ganz im Wortsinne – nur fließende Elektrizität im Unterschied zur ruhenden, wie sie etwa bei einer statischen Aufladung entsteht. Mit der Erläuterung für „Datei“ dürfte mancher Informatiker Probleme haben. Und man darf natürlich bezweifeln, ob man in der heutigen Zeit noch irgend jemandem erklären muss, was im Autoverkehr „Vollbremsung“ oder in der EDV „speichern“ bedeuten.

Was Wolfgang Seidel mit seinem Buch trotz einiger Schwächen auf jeden Fall gelingt, ist, dem Leser wieder bewusst zu machen, dass die Sprache nicht nur ein Verständigungsmittel, sondern auch ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis ist. Eine reiche, faszinierende Welt tut sich im scheinbar Selbstverständlichen auf.

http://www.dtv.de

Scholl-Latour, Peter – Weg in den neuen Kalten Krieg, Der

Amerikanische Raketenstellungen in Polen, russische Flottenmanöver vor der amerikanischen Küste, ein georgisch-ossetischer Stellvertreterkrieg im Kaukasus. Für den bedeutendsten deutschen Journalisten Peter Scholl-Latour ist eine Epoche neuer Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Großmächten unterhalb der Grenze zum offenen Krieg im Entstehen begriffen, das sei „Der Weg in den neuen Kalten Krieg“, wie er sein neuestes Buch betitelt hat. Der neue Kalte Krieg, so der Autor, unterscheide sich vom alten durch eine größere Unberechenbarkeit und eine größere Anzahl von Kontrahenten. Während sich die Entwicklung derzeit in einem verschärften Gegensatz zwischen den USA und Russland äußere, könnte in Zukunft China als zusätzlicher Akteur auftreten. Weitere Parteien werden nicht benannt.

Um seine These und die Voraussehbarkeit der Entwicklung zu untermauern, hat Scholl-Latour sein neues Buch nicht geschrieben, sondern kompiliert. Neu ist nur das Vorwort, in dem Scholl-Latour diese These formuliert, sowie vermutlich auch der letzte, „Epilog“ überschriebene Aufsatz, der die aktuelle weltpolitische Lage am Vorabend der Amtsübernahme des neuen US-Präsidenten Barack Obama reflektiert. Ansonsten besteht das Buch in einer Zusammenstellung von Aufsätzen, Interviews und anderen Texten ab 2001 in dichter chronologischer Reihenfolge, die nicht nachbearbeitet wurden. Das ehrt den Autor, denn damit unterstreicht er die Bedeutung der von ihm schon vor Jahren erkannten Symptome, und er riskiert es auch, sich durch im Nachhinein überraschende Schwerpunktsetzungen und Fehleinschätzungen angreifbar zu machen. (Noch mehr ehrt es ihn freilich, dass solche Fehleinschätzungen extrem selten sind.) Dennoch wären einige Erläuterungen aus heutiger Sicht sowie Ergänzungen zu vernachlässigten Aspekten wie der chinesischen weltweiten Energiebeschaffung nützlich gewesen.

Ungeachtet der Prognose eines neuen Kalten Krieges bietet die vorliegende Textauswahl wieder all das, was an Peter Scholl-Latour geliebt und gehasst wird: eine knappe und einleuchtende Darlegung der geopolitischen Lage, exzellente Ortskenntnis, nicht der Anflug falschen Respekts vor Autoritäten und eine völlig rücksichtslose und undiplomatische Offenlegung von Interessen und Konflikten, Stärken und Schwächen. Und nicht zuletzt das ärgerliche Aufschrecken einer piefigen deutschen Gemütlichkeit, die das Hoffen auf Besserung und gelegentliches Scheckbuchzücken für Außenpolitik hält. Nebenbei gewährt sie in unserer Ein-Themen-Medienwelt, in der alle zwei Wochen eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, eine Wiederbegegnung mit fast schon vergessenen Krisen, Debatten, Geiselnahmen der letzten sieben Jahre.

Dass nach einer Phase der von US-Seite ausgenutzten russischen Schwäche das amerikanisch-russische Verhältnis konfrontativer geworden ist, steht außer Frage. Man betrachte unter diesem Aspekt nur den nach der Veröffentlichung des Buches aufgetretenen russisch-ukrainischen Erdgaskonflikt. Inwieweit nun insgesamt ein neuer Kalter Krieg bevorsteht, der dem alten ähnelt und sich von aggressivem Konkurrenzverhalten rivalisierender Mächte, wie es sie schon vor dem 20. Jahrhundert mehrfach gegeben hat, unterscheidet, wird nicht immer deutlich, zumal außer Russland und den USA noch keine Akteure auf so massivem Konfrontationskurs erkennbar sind.

Ein Kernproblem ist, dass Scholl-Latour im Vorwort nicht die Rolle der islamischen Welt in einem neuen Kalten Krieg darlegt. Jetzt und in absehbarer Zukunft gibt es „den“ Islam als einheitliches machtpolitisches Subjekt nicht. Die Interessen einzelner moslemischer Staaten, etwa Saudi-Arabiens, des Irans, Pakistans oder der Türkei, sind zu unterschiedlich, oft sogar gegensätzlich. Ganz zu schweigen von der Feindschaft zwischen Türken, Kurden und irakischen Arabern oder zwischen Sunniten und Schiiten. Sieht der Autor nun einen islamischen Machtblock – womöglich ausgelöst durch eine westlich-amerikanische Aggressionspolitik – am Horizont heraufdämmern oder einzelne dieser Staaten als Parteien im neuen Kalten Krieg auftauchen? Oder dienten die Feldzüge in Afghanistan und Irak den USA am Ende gar nur dazu, ihren Stiefel in den Vorgarten Russlands und Chinas zu setzen? Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass, obwohl es um die Rivalität von Großmächten geht, fast alle Aufsätze bis ins Jahr 2004 hinein die Lage dieser beiden Krisengebiete behandeln.

Weiterhin fällt auf, dass die Textsammlung unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mit dem anlaufenden Afghanistankrieg beginnt. Damit werden die USA nur unter der Präsidentschaft George W. Bushs betrachtet. Warum fängt Scholl-Latour seinen Rückblick nicht mit dem amerikanischen Eingreifen in den Jugoslawienkrieg an und erörtert, inwieweit es eine Kontinuität vom „Hufeisenplan“ des Demokraten Clinton zur einseitigen Anerkennung eines unabhängigen Kosovos unter dem Republikaner Bush gibt?

Auch wenn die Voraussage eines neuen Kalten Krieges über den amerikanisch-russischen Gegensatz hinaus durch die ausgewählten Texte nur bedingt abgeleitet werden kann, liest man Scholl-Latour nie ohne Gewinn. Gerade die vielen Beiträge über die Lage im Irak und Afghanistan und teilweise auch in Afrika sind in anderer Hinsicht erhellend: Zum einen wird sehr deutlich, inwieweit die „Theorie des Partisanen“ (Carl Schmitt) mittlerweile zu einer Machtgröße geworden ist, mit der auch die USA als bedeutendste militärische und wirtschaftliche Macht nicht mehr fertig werden. Zum anderen zeigt sich, dass das besondere amerikanische Sendungsbewusstsein, ein eigenartiges Selbstbild aus forscher Menschheitsbeglückung und eigennütziger Geschäftstüchtigkeit, in die Sackgasse geführt hat. Amerika präsentierte sich gerne als Bringer von Freiheit und Demokratie und muss nun mit ansehen, dass sich das Volk im Irak und anderswo erfrecht, von seinem neuen Wahlrecht nicht im amerikanischen Sinne Gebrauch zu machen, indem es etwa islamistische oder tribalistische Verbände stärkt. Langfristig könnten sich die Vereinigten Staaten also einer wesentlich rücksichtsloseren, ja offen brutalen Machtpolitik zuwenden. Auch insofern hilft „Der Weg in den neuen Kalten Krieg“ eine Welt im Epochenwandel besser zu verstehen, nachdem man für einen kurzen Augenblick die USA für die „einzige Weltmacht“ am „Ende der Geschichte“ gehalten hat. Nur dass es in diesem Buch über geopolitische Fragen überhaupt kein Kartenmaterial gibt, ist ein schmerzlicher Mangel.

|349 Seiten, gebunden
44 Farbabbildungen auf 22 Tafeln
ISBN-13: 978-3-549-07357-5|
http://www.propylaeen-verlag.de

Mehr von Peter Scholl-Latour auf |Buchwurm.info|:

[„Zwischen den Fronten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4450
[„Russland im Zangenkrieg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3158
[„Der Fluch des neuen Jahrtausend“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=712

Davis, Stephen – Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga

Angeblich gibt es bei der Bundeswehr die inoffizielle Aufgabe des Zahlmeisters. Das ist ein Feldwebel, der in einem gepanzerten Geldwagen hinter Manövern herfährt und dabei verursachte Schäden an Vieh, Saaten oder Zäunen mit den betroffenen Bauern sofort per Handschlag und Bargeld regelt. Auch skandalträchtige Rockbands sollen gerüchteweise über diskrete Schnellregulierer verfügen, die mit der dicken Brieftasche anrücken, nachdem vor „zufällig“ anwesenden Fotoreportern Hotelzimmer zerlegt oder Fernseher aus dem Fenster geworfen worden sind. In Stephen Davis‘ Bandbiographie „Hammer of the Gods. Led Zeppelin – Die Saga“ kann man an einigen Stellen zwischen den Zeilen lesen, dass es auch bei dieser Gruppe wohlkalkulierte Spontanausbrüche gegeben haben mag.

Im Großen und Ganzen aber ist „Hammer of the Gods“ als |Chronique scandaleuse| angelegt, die ausgiebig über Drogen- und Sexanekdoten verschwörerisch raunt und dabei ebenso die Jungen erfreut, die hier lesen können, was Mutti gar nicht schätzt, ganz wie die Altgewordenen, deren Jugend desto schöner wird, je weiter sie zurückliegt. Das Buch ist selbst schon ein kleines Stück |LED ZEP|-Geschichte geworden. 1985 erschien es zum ersten Mal und wurde seitdem mehrfach fortgeschrieben und um spätere Projekte wie |PAGE/PLANT| oder nachträgliche Veröffentlichungen ergänzt. Die letzte Überarbeitung, welche die Live-CD „How The West Was Won“ und die DVD „Led Zeppelin“ (beide 2003) erwähnt, den umjubelten Auftritt in London am 10.12.2007 aber nicht mehr, liegt seit November dieses Jahres in deutscher Übersetzung vor.

Wer ernsthaft an Rockgeschichte interessiert ist, findet in „Hammer of the Gods“ jede Menge Informationen und gewinnt dennoch kaum Erkenntnis. Über weite Strecken schreibt Davis als unkritischer Fan, und vor allem bemüht er das Klischee vom wilden Rock-&-Roll-Leben. Ein Füllhorn an Groupies, Rauschmitteln und schwarzer Magie wird über dem Leser ausgeschüttet. Dabei lässt sich Davis immer ein Hintertürchen offen, indem er nur selten klipp und klar sagt, wer denn was angestellt hat. Gerade bei Eskapaden, die strafrechtlich relevant sein dürften, hüllt sich alles in Nebel. Waren nun Bandmitglieder beteiligt? Oder doch nur die Roadies? Oder ist das Ganze nur ein Gerücht? (Oder hat unser geheimnisvoller Zahlmeister verkaufsfördernde Skandalgeschichten in die Welt gesetzt?)

Hinter dem Erfolg von |LED ZEPPELIN| standen vor allem zwei Männer: Zunächst war da der Bandgründer und Gitarrist Jimmy Page, ein guter Schüler und Student, der bereits in sehr jungen Jahren ein gut bezahlter Studiomusiker war. Er war das letzte Mitglied, das bei den |YARDBIRDS| aufgenommen wurde. Doch als diese sich auflösten, gehörten ihm die Namensrechte! Der zweite war Manager Peter Grant, der vermutlich Geld riechen konnte und immer neue Einnahmequellen entdeckte. Nach Amerika, wo es echtes Rockradio gibt und seinerzeit britische Bluesrockgruppen sehr gefragt waren, schickt er die Band regelmäßig auf Tour. Auf unfreundliche Presseberichte hin lädt man Journalisten zu Tourreportagen ein und engagiert sogar einen eigenen Pressesprecher. Als sich der Erfolg eingestellt hat, schlagen sie bei ihrem Verlag |Atlantic| ein eigenes Label, |Swan Song|, heraus, das erfolgreiche Bands wie |BAD COMPANY| und die |PRETTY THINGS| unter Vertrag nimmt und das |Atlantic| noch als Distributor unterstützen darf.

Da Davis alle tatsächlichen und angeblichen Eskapaden exhibitionistisch ausbreitet und als lustigen Dauerkarneval präsentiert und dann aber nur selten wirklich konkret wird, verliert er selber die Maßstäbe. So heißt es von Jimmy Page, dass er sich bei den ersten Amerikatourneen, als es besonders hoch hergegangen sein soll, von harten Drogen fernhielt. Später erwähnt der Autor ganz beiläufig, dass Page und Grant Mitte der Siebziger sogar vor Zeugen Kokain schnupften, und geht gedankenlos zur nächsten Episode über, ohne zu würdigen, dass sich hier offenkundig das Ende schon ankündigte. Gab es in der Anfangszeit von |LED ZEPPELIN| fast jedes Jahr ein Album und zwei Tourneen, bricht ab 1975/76 langsam alles zusammen. Die äußerst wichtige Frage, ob John Bonhams Tod 1980 die Ursache oder nur noch der Anlass für die Bandauflösung war, bleibt unbeantwortet. Gleichzeitig siecht auch das von schnellem Erfolg begünstigte Label |Swan Song| dahin, weil in dieser Firma allmählich niemand mehr arbeitet.

Richtig ärgerlich wird es, wenn es um das Thema Okkultismus geht. Etliche Artikel über die Band hantieren seit Jahren etwas hilflos mit der Frage herum, inwieweit Aleister Crowley Jimmy Page und |LED ZEPPELIN| beeinflusst haben mag. Aber dieses ominöse, affektgeladene Thema lässt sich Stephen Davis natürlich nicht entgehen, um noch mehr effektheischende Nebelschwaden zu entfachen. Gleich zu Beginn tischt er eine mittelalterlich anmutende Räuberpistole vom Pakt mit dem Teufel auf, und Begriffe wie „Magie“, „Ritual“ usw. gibt es gleich im Dutzend billiger. Zu Crowley selber gibt es nur ein paar dürre biographische Daten, aber keine kritische Würdigung. Die entscheidende Frage, ob er denn wirklich ein dämonischer Teufelsbeschwörer oder vielleicht doch nur ein geltungsbedürftiges Großmaul war, wird gar nicht erst gestellt. Ebenso wenig, ob Pages Sammlung an Crowley-Devotionalien eine ernsthafte, womöglich verehrende Beschäftigung mit diesem Phänomen war oder nur ein Spleen oder ein medienwirksamer Trick.

Sehr stark ist das Buch dann, wenn es um das eigentliche Thema geht, die Musik. Jedes Studioalbum bespricht Davis Stück für Stück, er gibt die Konzertprogramme mit den verschiedensten Coverversionen und Medleys wieder, er nennt die Entstehung derjenigen Aufnahmen, die erst posthum auf der „Coda“ (1982) veröffentlicht wurden, und erwähnt auch sämtliche Soloalben, die nach der Bandauflösung entstanden sind. Insbesondere die ausführliche Würdigung der einzelnen Stücke und Konzertfavoriten macht einem wieder die Klasse und Bedeutung dieser kaum zu überschätzenden Gruppe bewusst. Ihre Beschäftigung mit Rock ’n‘ Roll, Blues, keltischer Folklore und auch exotischer Musik wird vorgestellt. Obwohl Fan, behandelt der Autor auch ausführlich die Tatsache, dass sich die Band gerade in ihrer Frühzeit gerne bei Fremdkompositionen bediente. Dass |LED ZEPPELIN| einige ihrer Stücke auf Grundlage fremder Ideen ausarbeiteten, mindert überhaupt nicht ihre künstlerische Bedeutung, zeigt aber, dass ihr Geschäftsgebaren manchmal die guten Sitten missachtete. Wenn es schließlich um die Wirkung ihrer Musik geht, tappt Davis in die eigene Falle. Er schildert ein wild begeistertes Konzertpublikum, Jugendliche außer Rand und Band, auf die ‚Whole Lotta Love‘ eine aufreizende und ‚Dazed And Confused‘ eine gespenstische Wirkung ausübte. Aber nachdem er so viele Skandalgerüchte aufgerührt hat, weiß man nicht mehr, ob man das glauben kann oder nicht. Und wenn ja, woran lag diese Entfesselung? War es die zeitbedingte Gier nach Neuem, oder sind wir heute – etwa vierzig Jahre und hundert Trends später – einfach zu abgestumpft, um eine derart tiefgehende Wirkung nachzuempfinden?

Natürlich sind Themen wie Geld und Organisation nicht annähernd so spannend wie halbdunkle Skandalgeschichten. Aber dennoch wäre es für Fans und Nachwuchsmusiker sicher interessant zu lesen, warum einige Bands wirtschaftlich überleben konnten und andere nicht. Und insbesondere in einer Zeit, in der etliche Musiker von Managern und Verlagen über den Tisch gezogen wurden, macht ein gesunder Geschäftssinn eine Rockband keineswegs unsympathisch. Inwieweit der Erfolg von |LED ZEPPELIN| von der Musik, der Geschäftstüchtigkeit und geschickter Öffentlichkeitsarbeit beeinflusst wurde, wird bei Davis nicht geklärt. Dass die Musik aber, die in ihren besten Momenten wirklich faszinierend war, die entscheidende Voraussetzung war, steht ganz außer Zweifel.

|ISBN-13: 978-3-927638-43-3
409 Seiten, 16 Fotografien|
http://www.led-zeppelin.com
http://www.rockbuch.de
http://www.edel.de

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Holland, Tom – Persisches Feuer. Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen

Wir leben in einer Welt, die unüberschätzbar vom Christentum und der griechisch-römischen Antike geprägt ist. Seit einigen Jahren erleben wir in vielfältigen Erscheinungen einen wachsenden Konflikt mit der islamischen Welt. Eine der großen derzeitigen Streitfragen ist die Forderung, die Türkei in die Europäische Union aufzunehmen, womit der Westen einen – allerdings politisch wie finanziell unkalkulierbaren – Brückenkopf im Orient hätte.

Der englische Historiker Tom Holland hat in den Perserkriegen 490 bis 479 v. Chr., als die Griechen die Unterwerfung durch das Persische Reich abwehrten, einen Ursprung des uralten Ost-West-Konfliktes ausgemacht. Mit „Persisches Feuer. Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen“ hat er sich die Aufgabe gesetzt, dieses Ereignis unter Beachtung neuerer Erkenntnisse einem breiten Publikum vorzustellen und seine Nachwirkungen in mitunter fragwürdigen Kontinuitäten und Vorstellungen offenzulegen. Hollands Ausführungen im Vorwort über die Brüchigkeit von Traditionslinien, die Mehrdeutigkeit historischer Vorbilder und die Unsicherheit von Quellen machen allein schon die Lektüre des Buches lohnend.

Es beginnt am Vorabend des Untergangs des brutalen Assyrischen Reiches um 600 v. Chr. Unter Führung der Meder erheben sich die Perser gegen ihre Unterdrücker und beenden deren Herrschaft. Ein Menschenalter später zerbricht die Koalition, und die Perser unterwerfen unter ihrem neuen König Kyros II. zuerst Medien und dann auch neben anderen Lydien und Babylon. Das Persische Reich ist entstanden. Die Doppelherrschaft seiner Söhne Kambyses und Bardiya endet in einem mysteriösen politischen Krimi, der bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Die Lösung des Rätsels würde auch die Frage beantworten, ob ihr Nachfolger Dareios ein Königsmörder und Usurpator oder der Retter des Reiches ist.

Die Griechen sind ein Kulturvolk gemeinsamer Sprache und Religion, einen gemeinsamen Staat haben sie nicht. Sie leben beiderseits der Ägäis in zänkischen Stadtstaaten, die von inneren Rivalitäten geprägt sind und auch gegeneinander zu den Waffen greifen. Nachdem Dareios europäische Gebiete nördlich von Griechenland erobert hat und die Griechen in Kleinasien einen blutigen Aufstand unternommen haben, greift er das griechische Kernland an, wo er überraschend von den Athenern in der Schlacht von Marathon besiegt wird. Einige Jahre später kehrt der nächste König Xerxes mit einer gigantischen Streitmacht zurück, und allein die Logistik dieses Feldzuges sprengt alles bis dahin Vorstellbare. Die Griechen finden keine Verbündeten, Athen wird evakuiert, und Forderungen nach einer freiwilligen Unterwerfung kommen auf. Doch nach der heroischen Niederlage am Thermopylenpass geschieht in den Siegen von Artemision und Salamis das Unmögliche, und die Ausdehnung der persischen Herrschaft nach Westen ist beendet.

Zwei Dinge sind für „Persisches Feuer“ kennzeichnend: Zum einen wollte Holland, wie erwähnt, kein Werk für die Fachwelt schreiben, sondern für den interessierten Laien eine historische Epoche spannend erzählen. Und spannend ist dieses Buch ohne Zweifel, dass man es kaum aus der Hand legen möchte. Ob Holland von den Feldzügen und den Intrigen der großen Politik berichtet, den Leser in die bedrängten griechischen Städte führt oder die weiten Landschaften und gewaltigen Bauwerke Persiens beschreibt, er fesselt den Leser. Bei so mancher geostrategischen und machtpolitischen Konstante oder menschlichen Schwäche lässt er den Leser durch leise Andeutungen Parallelitäten zu heute feststellen. Dass er sein Sachbuch beinahe wie einen Roman erzählt, geht manchmal auf Kosten der Genauigkeit. Wie Holland selbst einräumt, muss man unbedingt die Anmerkungen mitlesen. Über so manche Kausalität oder Datierung, die im Text mit großer Bestimmtheit vorgetragen wird, heißt es im Anmerkungsteil: Das ist nicht zweifelsfrei geklärt.

Als zweite Eigenheit verliert der Autor, auch wenn er ausführlich die Vorgeschichte der Hauptakteure Persien, Athen und Sparta ausbreitet, nie die Perserkriege als Höhe- und Zielpunkt seines Buches aus den Augen. Einige Details wie Babylon als Vorläuferreich oder die zoroastrische Religion werden nicht chronologisch abgehandelt, sondern dort, wo es zur Dramaturgie des Buches passt. Und als schließlich der Angriff des Xerxes und seines Feldherrn Mardonios endgültig abgewehrt ist, endet das Buch abrupt. Dass die Griechen einige Jahre später in die Offensive gingen und den Krieg in das persische, griechisch besiedelte Kleinasien trugen und sich schließlich bei einem Feldzug nach Ägypten gründlich die Finger verbrannten, wird nur noch auf der letzten halben Seite als Ausblick erwähnt.

Dass vor allem die persische Vorgeschichte sehr ausführlich behandelt wird, bringt einen interessanten Perspektivenwechsel für Westler mit sich. Die sogenannten Barbaren verfügten schon vor zweieinhalb Jahrtausenden über ein ausgeklügeltes Regierungs- und Verwaltungssystem. Unterworfenen Völkern ließen die Perser relativ viel Freiheit, um ihre Oberherrschaft erträglich zu halten und so langfristig zu sichern. Von „östlicher Despotie“ konnte nur bedingt die Rede sein. Umgekehrt bekommt das oft idealisierte Bild der alten Griechen einige Kratzer. So leisteten die Athener gegenüber einer persischen Gesandtschaft eine Unterwerfungsgeste und hatten damit die persische Oberhoheit anerkannt. Später ermordeten sie wie auch die Spartaner Gesandte, die unter diplomatischer Immunität standen. Außerdem erkennt man das unterschiedliche Gewicht des Krieges bei beiden Parteien. Während die Griechen mit äußerster Anstrengung und sehr viel Glück ihre Freiheit und ihre weitere eigenständige Entwicklung, die uns bis heute beeinflusst, gerettet hatten, war das Ganze für die Perser nur eine kleine ärgerliche Niederlage an der Westgrenze. Noch während des Krieges ging Xerxes nach Babylon, um dort erfolgreich einen Aufstand niederzuschlagen. Das persische Großreich sollte noch über ein Jahrhundert weiterbestehen.

Der Text wird ergänzt durch viele, teils farbige Abbildungen, Karten und eine Zeittafel. Mehrere Druckfehler erinnern wieder daran, wie sehr die Verlage mittlerweile bei den Lektoraten sparen. Trotz einiger kleiner Schwächen ist „Persisches Feuer“ ein Buch, das der geschichtlich Interessierte mit Gewinn aus der Hand legt.

|463 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-608-94463-1|
http://www.klett-cotta.de

Mary, Michael – Werte im Schafspelz

Ob es auch Bücher mit versteckter Kamera gibt? Verlage, die Schulreferate von Vierzehnjährigen mit noch nicht ausgereifter Bildung und Lebenserfahrung als zeitkritische Werke herausgeben und sich dann heimlich amüsieren, wenn sich die Leser hilflos winden? Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls bei der Lektüre von „Werte im Schafspelz“ von Michael Mary. Der Verfasser will den Begriff der „Werte“ untersuchen, auf die sich die Menschen im privaten Leben wie in der Politik häufig berufen. Leider kommt er über Selbstverständlichkeiten und anschließend über eine völlig haltlose und ressentimentgeladene Meinungskanonade nicht hinaus. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Verfasser früher einmal ganz fest an die eiserne Wirkmächtigkeit von Werten glaubte, dann bitter enttäuscht wurde und nun ein galliges „Enthüllungs“-Buch schreiben musste.

Immerhin macht sich Mary zunächst die Mühe, die wichtigsten Begriffe zu definieren sowie das Wesen und die Funktion von Werten anzudeuten. Werte sind keine unwandelbaren, eindeutigen Handlungsanweisungen. Sie sind kulturell geprägt, wandeln sich mit neuen historischen Situationen und gelten häufig nur in bestimmten Lebensbereichen wie Beruf oder Familie. Weil Werte allgemeine und theoretische Idealvorstellungen sind, können sie sogar widersprüchlich sein. Es sind noch die besten Abschnitte des Buches, wenn Mary – gerade mit Blick auf das wohlfeile Wahlkampfgetöse von Politikern – festhält, dass etwa „Gerechtigkeit“ ein sehr schwammiger und interpretationsbedürftiger Begriff ist, mit dem man je nach Vorstellung sogar zu gegensätzlichen Schlüssen kommen kann (Jedem das Seine oder jedem das Gleiche?) und dass „Freiheit“ und „Gleichheit“ letztendlich unvereinbar sind. Dass man Werte allein nicht als Handlungsgrundlage nehmen kann, ist keine neue Erkenntnis, auch wenn der Autor dies wie eine überraschende Entdeckung präsentiert. Genau deshalb bleiben Werte ja auch ungeschriebene Ideale und Orientierungsmarken und werden nie eins-zu-eins in Gesetzesform gegossen. Dass eine puristische Werteverwirklichung sogar gefährlich werden kann, wusste vor über 2000 Jahren schon der römische Staatsdenker Cicero, der erkannte, dass höchstes Recht auch in höchstes Unrecht umschlagen kann („summum ius, summa inuria“). Aber darüber findet sich in „Werte im Schafspelz“ genauso wenig ein Wort wie zu Max Webers klassischer Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik.

Die mangelnde Recherche – außer den Soziologen Niklas Luhmann und Dirk Baecker tauchen keine maßgeblichen Quellen auf – rächt sich spätestens nach den Grundlagenkapiteln. Dass Werte mitunter gelogen, geheuchelt, manipulierend eingesetzt und sogar gebrochen werden, ist bekannt. Für Mary sind Werte damit völlig wertlos und gar nicht mehr anders als im Missbrauch denkbar. Ab da wird der Text zunehmend unredlich. Mit selektiver Wahrnehmung, Unterstellungen, Klischees bastelt er sich die Welt so, dass sie zu seiner Meinung passt. Die Erkenntnis der Verhaltensforschung wird zwar erwähnt, dass man „zur Befriedigung seiner Bedürfnisse auf andere angewiesen sei“ (S. 127). Genau damit ergibt sich im Spannungsverhältnis aus Interessen und Werten eine Verhaltensgrundlage in der Vertragstreue, so dass man weder gegen sich selbst handelt noch sein Gegenüber übervorteilt. Aber zu diesem Gebiet findet sich im ganzen Text kein weiteres Wort. Auch werden mehrere wichtige Aussagen, die Professor Baecker im Interview macht, das dem Buch als Anhang angefügt ist, von Mary nicht aufgegriffen.

Bald zeigt sich, wie sehr Michael Mary vom Thema seines Buches intellektuell überfordert ist. Dass ach so aufgeklärte Kirchenkritiker dogmatische Begriffe wie Unfehlbarkeit oder unbefleckte Empfängnis regelmäßig falsch verstehen und ihre Kritik dann letztlich gegen die eigenen Bildungslücken richten, ist man ja schon gewohnt. Der Autor bildet hier keine Ausnahme, aber sogar dieses Niveau unterbietet er noch spielend. Man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man zu den amerikanischen Gefangenenlagern in Abu Ghuraib und Guantanamo einen Satz liest wie: Für die Gefangenen „gilt das Gebot der Nächstenliebe offenbar nicht, was logisch ist, weil es sich nicht um Menschen (…) handelt, sondern um ‚Kombattanten‘, also gewissermaßen um Nichtmenschen“ (S. 97). Hier fehlt jemandem auch nur der Hauch einer Kenntnis vom internationalen Kriegs- und Völkerrecht, und den grundlegenden Begriff des Kombattanten hat er so falsch verstanden, wie es nur geht. Aber das hindert ihn nicht daran, uns in pausbäckiger Unbekümmertheit die Welt zu erklären. Fast schon erheitert liest man, wenn sich der Autor auch nicht der Bemerkung entblödet (S. 151), dass der Papst Präsident Bush nicht von den Sakramenten ausgeschlossen hat. (Vielleicht weil Bush wie die meisten US-Amerikaner Protestant ist? Ach ja: Der Papst ist übrigens katholisch.) In dieser Qualität geht es seitenweise weiter. Ob Kindermangel oder Evolutionstheorie/Kreationismus, zu etlichen vielschichtigen und komplexen Themen äußert sich Mary auf einem Niveau irgendwo zwischen „Bildzeitung“ und Internetforum. Als Leser findet man sich irgendwann in der unappetitlichen Rolle des Voyeurs wieder, der zuschaut, wie sich jemand – ähnlich der tragikomischen Fernsehfigur „Dittsche“ – an Fragen überhebt, die weit über seinen Horizont gehen, und unaufhaltsam immer lächerlicher macht.

Viel schlimmer als diese Bildungslücken ist die Tatsache, dass Mary seine Anfangserkenntnisse nicht zu Ende denkt und die Fragwürdigkeit von Werten scheinbar nur noch zum Anlass nimmt, uns einfach ohne Fundament seine Meinung aufzudrängen. Das sei nur an einem Beispiel verdeutlicht: Seit Jahren wird in regelmäßigen Abständen das gegliederte deutsche Schulsystem wegen angeblich mangelnder „Chancengleichheit“ attackiert. Der Autor hat überhaupt nicht bemerkt, dass diese Angriffe aus den immer gleichen Funktionärs- und Lobbyistenkreisen kommen und ihre Formulierungen sich verdächtig gleichen, sondern er plappert diesen Vorwurf ohne jede Begründung einfach nach. Als Werteaufklärer hätte er seine Erkenntnisse auf genau diesen Fall anwenden und darlegen müssen, wie gewisse Kreise unter dem Wortgeklingel von „Ungleichheit“ und „Benachteiligung“ eigene ideologische und Machtinteressen verfolgen. Er hätte seine Leser aufrufen müssen, sofort misstrauisch zu werden, wenn uns immer häufiger unter der Parole „Chancengleichheit“ ein neuer Obrigkeitsstaat und Nivellierung auf unterstem Niveau verkauft werden sollen – und das nicht nur auf dem Gebiet Schule. Eine Chance ist eine immer wieder neue Herausforderung, die der Einzelne bestehen kann oder auch nicht. Eine gleiche Abiturientenquote in allen Bevölkerungskreisen als Naturzustand zu unterstellen, macht den Begriff „Chancengleichheit“ sinnlos.

Auf welcher Grundlage beklagt überhaupt jemand, der eben noch Werte destruieren wollte, vermeintliche Missstände? Man kann sich nur noch auf den Standpunkt stellen: Das ist halt meine Meinung, und die brauche ich nicht zu begründen. Aber letztlich beruhen Marys Tiraden dann doch wieder auf – seinen eigenen – Werten.

Für sehr weltfremde und blauäugige Menschen mag „Werte im Schafspelz“ in der ersten Hälfte einige neue Erkenntnisse bieten. Der Rest ist unzumutbar. Schade ums Papier.

http://www.michaelmary.de
http://www.luebbe.de

Popoff, Martin – Rainbow. Zwischen Genie und Wahnsinn

|“… einmal habe ich dabei zugehört, wie jemand Roger Glover interviewte, und ich saß dabei. Und er erzählte eine Geschichte darüber, was passiert ist, und ich saß dabei und rief: ‚Das ist nie geschehen und das auch nicht, und das war ganz anders!‘ Dann dachte ich mir, dass es schon seltsam ist, wie wir alle unsere Geschichten abändern, ohne es zu wollen. (…) Ich habe wahrscheinlich selbst Anekdoten erzählt und jemand anderer hat dazu gesagt: ‚Moment mal, so ist das aber nicht geschehen.‘ Es ist schon erstaunlich, wie man eine Geschichte verdreht, wenn man über etwas spricht, das 20 Jahre zurückliegt, und wie man sich an die Dinge erinnert.“|

Mit diesen Worten zitiert der Musikjournalist Martin Popoff in seiner neuesten Bandbiographie „Rainbow. Zwischen Genie und Wahnsinn“ (S. 169/171) Ritchie Blackmore, den Gründer und Kopf von RAINBOW. Dieses Zitat hätte er seinem Buch als Motto voranstellen können.

In seiner langjährigen Tätigkeit hat Popoff etliche Interviews mit Bandmitgliedern aus den verschiedenen Phasen der Gruppe geführt und damit eine breite und wertvolle Datenquelle geschaffen, aber sein Buch besteht in weiten Teilen nur aus einer unkritischen Zusammenstellung von Interviewzitaten. Weitere Quellen waren für den Autor offenkundig nur einige Fremdinterviews und die Covertexte der veröffentlichten Tonträger. Sein Buch hätte den Untertitel „RAINBOW in Selbstzeugnissen“ bekommen sollen. Was man als Leser aus dieser weitgehend unreflektierten und unkommentierten Aussagensammlung gewinnen kann, ist vor allem die Erkenntnis, wie sehr die Erinnerungen der Menschen von Eitelkeit, Kameradschaft, Interessantmacherei oder einfach einem schlechten Gedächtnis getrübt werden und das eingangs wiedergegebene Zitat Blackmores bestätigt wird. Wenn der Autor von verschiedenen Beteiligten allerdings gleichlautende Aussagen bekommt, dann gelingen ihm wichtige Erkenntnisse aus erster Hand. Insbesondere einige der vielen Umbesetzungen des autokratischen Bandleaders Blackmore (bei RAINBOW erschienen nie zwei Studioalben in der gleichen Besetzung) dürften hier endgültig geklärt sein und das Buch zur unverzichtbaren Quelle für alle weiteren Arbeiten über diese Band machen.

Ansonsten muss man als Leser zwischen den Zeilen lesen, besonders wenn die Musiker übereinander reden. Die Floskel „Aber er war ein netter Kerl“ scheint die gleiche Qualität zu haben wie „Der Trainer hat unser Vertrauen“ in Fußballerkreisen. Häufig interviewte Bandmitglieder werden – unabhängig vom Aussagewert – hinter ihren Äußerungen ein wenig als Menschen greifbar. So erkennt man einen launischen Blackmore, der heute seinen Begleitern kreative Freiräume gewährt und junge Talente fördert und sie morgen ohne ehrliche Aussprache feuert oder plötzlich Zugaben verweigert, wenn das Konzertpublikum sie nicht „verdient“ habe. Und einen eitlen Joe Lynn Turner (Sänger 1980 bis 1984), der gleich mehrfach betont, wie gut er doch beim weiblichen Publikum ankam, und mitteilt, dass seine Fans einer Umfrage zufolge intelligenter und wohlhabender seien als diejenigen seines Vorgängers Ronnie James Dio (trotzdem ist Dio natürlich ein netter Kerl).

Als Rockfan wird man auch den traurigen Eindruck nie ganz los, dass RAINBOW ein ungeliebtes Kind war. 1975 verlässt Ritchie Blackmore DEEP PURPLE, weil er fürchtet, dass die Soul-, Funk- und Blueseinflüsse, welche die Neumitglieder David Coverdale und Glenn Hughes mitgebracht haben, den reinen Rock auf barocker und klassischer Grundlage verwässern. Menschliche und hierarchische Reibereien dürften ebenfalls eine große Rolle gespielt haben. So entbeint Blackmore kurzerhand die PURPLE-Vorband ELF um ihren Gitarristen und spielt mit dem Rest als RAINBOW noch im selben Jahr das Debütalbum „Ritchie Blackmore’s Rainbow“ ein. Der erste gemeinsam aufgenommene Titel, der schlagerhafte Oldie ‚Black Sheep Of The Family‘ aus den 60ern, den die DEEP-PURPLE-Mitglieder zurückgewiesen haben, wirkt wie ein Fremdkörper auf dem Album und hinterlässt den Eindruck, dass es hier nur jemand den alten Kollegen ganz schnell zeigen wollte. Kaum ist die Platte draußen, entlässt Blackmore die ELF-Leute außer dem Sänger Ronnie James Dio. Die personellen und musikalischen Änderungen halten an. Im Rückblick ist Blackmore mit keinem Album restlos zufrieden, und als sich 1984 die Gelegenheit zur einer lukrativen PURPLE-Reunion bietet, löst er die eigene Band, in der er doch der Chef ist, wieder auf.

Martin Popoff lässt die Originalzitate aus den Interviews unverändert. Wenn ein Musiker mitten im Satz den Faden verliert und eine neue Formulierung beginnt, ist das genau so abgedruckt. Das zeigt einerseits den Respekt des Autors vor den Quellen, erschwert allerdings den Lesefluss, ohne zu einem Erkenntnisgewinn zu führen. Dass er, wie erwähnt, diese Zitate häufig auch ohne Überleitung und Kommentierung stehen lässt, führt dazu, dass neben Banalitäten der Sorte „Ich mochte diese Unterkunft, nicht aber jenes Studio“ echte Knaller fast untergehen. Wenn hier immer die Wahrheit gesagt wird, dann sind auf dem Erfolgsalbum „Love At First Sting“ der SCORPIONS ehemalige RAINBOW-Mitglieder und nicht etwa (nur) die eigene Rhythmusgruppe an Bass und Schlagzeug zu hören. Und dann wollte Ritchie Blackmore das 95er Album „Stranger In Us All“ gar nicht unter RAINBOW herausbringen, sondern wurde von den Kaufleuten beim Label zu diesem zugkräftigen Namen genötigt, was den Eindruck eines ungeliebten Kindes bestätigen würde.

Musik in Worten wiederzugeben, ist grundsätzlich schwierig. Aber der Autor geht in seiner nach Alben gegliederten Bandbiographie auf jeden veröffentlichten Titel ein, indem er O-Töne der Beteiligten zitiert oder eigene kurze Beschreibungen abgibt, wobei persönliche Meinungsäußerungen als solche kenntlich sind. Diese Konzentration auf die Musik als das Wesentliche ist eine Stärke des Buches. Aus den Aussagen mehrerer Bandmitglieder geht hervor, dass die Lieder in der Entwicklung der Gruppe von 1975 bis 1983/84 immer kommerzieller wurden und auch werden sollten. Nun bedeutet „kommerziell erfolgreich“ zunächst einmal nur, dass sich etwas besser verkauft, ein geringerer künstlerischer Wert ist damit nicht zwangsläufig gemeint. Ob RAINBOW vor oder nach Dios Weggang besser waren, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber hier wäre eine Analyse oder Kommentierung des Autors gefragt, festzustellen, dass RAINBOW nach 1979 nie mehr echte Markenzeichen wie ‚Catch The Rainbow‘, ‚Gates Of Babylon‘ und vor allem ‚Stargazer‘ hervorgebracht haben, die man sich so bei keiner anderen Gruppe vorstellen könnte. Vergleiche mit anderen Bands wie JOURNEY seit dem Einstieg Steve Perrys hätten auch etwas über die damalige Zeit aussagen können.

Der Anhang des Buches enthält eine ausführliche Liste der offiziellen und halboffiziellen Alben. Das Bildmaterial reicht von gelungen (Bandfotos, Tourplakate, Magazincover mit einem humorvollen und selbstironischen Ritchie Blackmore) bis überflüssig (ganze Porträtstrecken von Ronnie James Dio, Roger Glover, Candice Night), wobei die fehlenden Bildunterschriften den RAINBOW-Neuling eher hilflos zurücklassen dürften. Seine Leser wir das Buch vermutlich überwiegend unter den beinharten RAINBOW-Fans finden.

http://www.ritchieblackmore.com (offizielle Seite zu RAINBOW und BLACKMORE’S NIGHT)
http://www.martinpopoff.com
http://www.ip-verlag.de

Caspers, Ralph / Westland, Daniel – Scheiße sagt man nicht! Die 100 (un)beliebtesten Elternregeln

Scheiße sagt man nicht. Und wenn man schielt, bleiben die Augen so stehen. Und mit vollem Magen darf man nicht schwimmen gehen.

Alle Kinder haben solche Sprüche schon von ihren Eltern gehört. Ralph Caspers, Moderator von „Wissen macht Ah!“ und Mitarbeiter bei der „Sendung mit der Maus“, hat 100 mehr oder weniger bekannte Elternregeln auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht und sich dabei Rat aus der Wissenschaft geholt. Je nach Ergebnis hat er sie in seinem Buch „Scheiße sagt man nicht! Die 100 (un)beliebtesten Elternregeln“ in „Stimmt“, „Stimmt nicht“ und „Stimmt nicht ganz“ eingeteilt.

Caspers präsentiert seine Erkenntnisse in dem populärwissenschaftlichen bis populären Tonfall, wie er in seiner Sendung vorherrscht, und dazwischen ist er immer mal wieder für einen Kalauer gut. Seine lockere und leicht verständliche Sprache ist auf die jugendlichen Leser gerichtet, denen ganz offenkundig seine Sympathie gilt, auch wenn er ihnen manchmal das Ergebnis zumuten muss: Tja, da haben die Eltern wohl oder übel Recht. Insofern greift hier auch der Effekt der „Sendung mit der Maus“: Man erklärt für die deklarierte Zielgruppe der Kinder besonders einfach, und die Erwachsenen sind insgeheim erleichtert: „Jetzt verstehen wir es auch endlich.“

So erfahren wir von Caspers, dass man Essensreste wirklich nicht die Toilette hinunterspülen sollte, weil sich auch in zivilisierten Ländern mit funktionierendem Wasser-/Abwassersystem massenhaft Ratten in der Kanalisation tummeln, die nur auf solche Fütterungen warten. Andererseits ist laut Autor das Herunterschlucken eines Kaugummis oder einer kleinen Menge Zahnpasta ungefährlich.

Bei einigen hinterfragten Erziehungssprüchen bringt Caspers nichts Neues. Dass man bei Rot wirklich nicht über die Straße gehen sollte, andererseits aber der altbekannte Satz „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ keine ethnologische Tatsachenbehauptung ist (und von Eltern auch nie so gemeint ist), dürfte jedem klar sein. Dennoch fördert das Büchlein auch bei vermeintlich eindeutigen Fällen noch einige interessante Hintergründe zutage. Vermutlich glaubt niemand, der auch nur das Alter der Schulpflicht erreicht hat, dass man durch das brave Leeressen seines Tellers schönes Wetter am folgenden Tag hervorrufen könnte. Aber wer hat gewusst, das dieser Spruch auf den zutreffenden plattdeutschen Satz zurückgeht: Iss deinen Teller leer, „dann gifft dat morgen godes wedder“, d. h. wieder Gutes oder Frisches – und nicht die aufgewärmten Reste von heute. Darüber, wie bereitwillig Erziehungsberechtigte diesen Spruch missverstanden haben, kann man nur spekulieren …

„Scheiße sagt man nicht!“ liefert also Eltern wie Kindern einiges an Munition zum Diskutieren. Jetzt kommt es nur darauf an, wer es als Erster liest und vor dem anderen geheimhalten kann. Illustriert ist das Taschenbuch mit teilweise echt witzigen Karikaturen Eva von Platens.

http://www.scheissesagtmannicht.de
http://www.rororo.de

Scholl-Latour, Peter – Zwischen den Fronten

Man sollte auf keinen Fall das Vorwort übergehen. Im nur halbseitigen Vorwort von Peter Scholl-Latours neuem Buch „Zwischen den Fronten“ steht als zentraler Satz das Zitat Leopold von Rankes: „Der Historiker muss alt werden, da man große Veränderungen nur verstehen kann, wenn man persönlich welche erlebt hat.“ Gemäß diesem Motto hat der 83-jährige Scholl-Latour dieses Mal keinen Reisebericht, sondern einen Essay geschrieben, und er will dabei die Gegenwart aufschließen wie ein Historiker die Vergangenheit. Die gelegentlichen lateinischen Zitate mag man als Wink verstehen, dass der Autor dabei vielleicht einige spätrömische Zeithistoriker als Vorbild im Sinn hatte. Seine teils schonungs- und illusionslosen Urteile etwa, die quer zum unbekümmerten Zeitgeist stehen, erinnern gelegentlich an Sallust.

„Zwischen den Fronten“ besteht aus vier Aufsätzen über die USA, den Orient, China und – für den weltweit Reisenden bemerkenswert – Europa. Auch wenn Scholl-Latour 2007 wieder ausgiebig gereist ist und dabei gewonnene Erkenntnisse in den Text einfließen lässt, ist das Buch insgesamt eine auf die lange Sicht angelegte Betrachtung unserer heutigen Welt. Viele Erlebnisse von früheren Reisen in den letzten Jahrzehnten und Verweise auf die entfernte Geschichte finden sich ebenso wie kleine Beobachtungen und Gespräche aus diesem Jahr, die symptomatisch große Entwicklungen verdeutlichen sollen. Dabei legt der Autor wirkmächtige Einflussgrößen hinter den bewussten Absichten der Politik bloß: typische historische Abläufe, wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten, geopolitische Konstanten und nicht zuletzt die überlieferte Kultur und Religion.

Besonders die Religion: Die erstaunliche Unterstützung des jüdischen Staates durch die in Europa mindestens als aufdringlich geltenden amerikanischen Christen des Bible Belt beruht auf der Erwartung, dass die Anwesenheit der Juden auf biblischem Boden eine Voraussetzung für die Wiederkehr des Messias sei. Der Orientkenner Scholl-Latour führt die Feindschaft zwischen den Juden und den arabischen – also ebenfalls semitischen – Moslems auf die biblische Rivalität der Abrahamssöhne Isaak und Ismael zurück. Der Hass zwischen Sunniten und Schiiten geht auf verschiedene religiöse Autoritäten zurück, die bereits in der frühesten islamischen Geschichte kurz nach dem Tod Mohammeds in blutigen Fehden lagen. Eine ferne, teils mythische Vergangenheit ist also eine mächtige Größe der Gegenwart. Die Erlahmung der Religion in der alten Welt mag, so Scholl-Latour, ein Grund für die geistige und politische Schwäche Europas sein.

Die meisten deutschen Auslandsjournalisten wirken nur als Beobachter, nicht als Analysten. Für das Thema China heißt das, die rasante technische und wirtschaftliche Entwicklung wird berichtet, aber nicht zu erklären versucht. Peter Scholl-Latour bietet dagegen eine Deutung, die die heutige chinesische Mentalität als ein Produkt aus sozialistischem Gemeinschaftssinn, kapitalistischem Initiativgeist und einer Rückbesinnung auf konfuzianische Ordnungs- und Staatsbegriffe betrachtet. Die vor allem vom Westen betriebene Globalisierung und die damit einhergehende Verknappung, also Verteuerung der Güter richtet sich durch ein China aus diesem Geist als Waffe gegen sich selbst. Die autoritäre Führung Pekings sichert sich mit ihrer bescheidenen und „emsigen“ Bevölkerung afrikanische Bodenschätze, indem sie in rohstoffreichen Gebieten Afrikas eine effiziente Aufbauarbeit leistet, die die nordamerikanischen und europäischen Volkswirtschaften so günstig gar nicht mehr erbringen könnten. Wie eine Ouvertüre zu diesem Thema erwähnt der Autor schon im ersten Kapitel die chinesischen Gemeinden in Amerika mit ihrem schnell wachsenden Wohlstand.

Amerika sieht Scholl-Latour ohnehin sehr schwarz. Er erwähnt nicht nur die bekannten außenpolitischen und geheimdienstlichen Schlappen der letzten Jahre. Wenn es um Präsident Bush geht, zeigt sich der sonst so nüchterne Autor schon etwas polemisch. Bemerkenswert ist, dass er im Amerika-Kapitel auf drei selbst erlebte, schwere militärische Niederlagen zurückblickt, nämlich die der deutschen Wehrmacht 1945 sowie der französischen Kolonialtruppen in Indochina und Algerien. Auch die hier aufkommende Untergangsstimmung mag den Leser an spätantike Vorbilder denken lassen.

Im Kapitel über Europa legt Scholl-Latour, bekanntermaßen ein Bewunderer Charles de Gaulles, einen Schwerpunkt auf Frankreich. Einige Hoffnung scheint er dabei auf die außenpolitischen Konzepte (Mittelmeer-Union) des neuen Präsidenten Sarkozy zu setzen. Dessen Darstellung ist etwas blass, Scholl-Latour räumt ein, ihn nicht persönlich zu kennen. Es bleibt abzuwarten, ob Sarkozy, der die Wahl u. a. durch seine entschiedene Ablehnung der von den USA forcierten türkischen EU-Mitgliedschaft gewann, zu seinem Wort stehen wird. Die deutsche Politik, die sich nur noch in Wahlkampfkrämerei erschöpft, wird durch wenige, aber treffende Beispiele in ihrer Substanzlosigkeit vorgeführt. „Eine deutsche Außenpolitik, die diesen Namen verdient, gibt es ebenso wenig wie ein deutsches strategisches Konzept.“ (S. 284) Das deutsche Wunschdenken von einem Orient nach westlichem Vorbild wird allein durch die entgegengesetzte geschichtliche Entwicklung widerlegt. Sowohl die Türkei als auch der Iran waren in der Vergangenheit westlich orientierter und in religiöser Hinsicht toleranter als heute. Selbst im Irak des Diktators Saddam Hussein waren Christen vor religiöser Verfolgung sicher, während sie heute trotz amerikanischer Besatzung am helllichten Tag ermordet werden.

Im erwähnten Vorwort weist der immer noch aktive Peter Scholl-Latour es weit von sich, schon eine Autobiographie geschrieben zu haben. Aber dennoch ist der Großessay „Zwischen den Fronten“ so etwas wie ein Vermächtnis. Der weitgereiste Autor, der mehrere Jahrzehnte Zeitgeschichte hautnah miterlebt hat, gibt aus seinen Erfahrungen einen Überblick über die weltpolitische Lage. Neben dem Hauptthema machen zudem die ereignis- und geistesgeschichtlichen Exkurse und die Anekdoten am Rande die Lektüre lohnend.

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Mader, Matthias – Judas Priest, Der stählerne Weg von

JUDAS PRIEST ist die wahrscheinlich wegweisendste Gruppe im Heavy Metal. Ohne die Band aus Birmingham wäre diese Musik nicht so, wie sie sich seit fast 30 Jahren darstellt, wenn sie sich überhaupt jemals voll entfaltet hätte.

Seit über 20 Jahren gab es keine umfassende Biographie über JUDAS PRIEST mehr. Erst in diesem Jahr werden einige Werke aufgelegt oder vorbereitet. Eines davon ist „Der stählerne Weg von Judas Priest“ des langjährigen Musikjournalisten Matthias Mader. Mader ist seit den späten 70ern bekennender Anhänger von JUDAS PRIEST, was sich als Stärke und zugleich Schwäche seines Buches herausstellt. Eine Stärke ist es, weil der Autor aus einer jahrelangen Beobachtung der Band und vielen persönlichen Interviews schöpfen kann. Die Schwäche ist die mangelnde nüchterne Distanz zum Thema, die sich teils in einer unkritischen Verehrung, teils in der überkritischen Betrachtung des 110-prozentigen Fans äußert.

Mader stellt die Geschichte der Gruppe in chronologischer Ordnung dar, wobei fast jedes Kapitel ein neues Album zum Hauptthema hat. Wichtige Ereignisse wie der Prozess von Reno, bei dem der angebliche Einfluss der Band auf den Selbstmord zweier Jugendlicher verhandelt wurde, oder die lange und mühselige Suche nach einem neuen Sänger, als sich Rob Halford für etwa ein Jahrzehnt ausklinkte, werden gesondert abgehandelt. Auch die Neben- und Soloprojekte sowie die Veröffentlichungen des ursprünglichen PRIEST-Sängers Al Atkins werden vorgestellt. Dadurch wird auch deutlich, dass der Autor eine fast ausschließlich musikalische Biographie verfasst hat. Das Privatleben der Bandmitglieder bleibt beinahe völlig außen vor. Erst recht werden dem Leser nicht wie in vielen anderen Musikerbiographien sämtliche abgelegten Groupies und Schnapsflaschen vorgestellt.

Die problematische unentschiedene Stellung Maders zwischen Chronist und Fan zeigt sich schon in der Einleitung, wenn er JUDAS PRIEST als die „Erfinder des Heavy Metal“ vorstellt, die „einzig und allein“ die maßgeblichen Eigenschaften dieser Musik schufen (S. 4f), was er allerdings auch wieder, teilweise mit Zitaten Rob Halfords, relativiert, indem er an die älterem BLACK SABBATH erinnert, ebenso an DEEP PURPLE und LED ZEPPELIN; man hätte wohl auch noch die im Buch nicht genannten BLUE ÖYSTER CULT u. a. erwähnen können. JUDAS PRIEST haben die vorhandenen Ansätze aufgegriffen, umfassend weiterentwickelt und den Heavy Metal, wie wir ihn heute kennen, geprägt wie keine andere Gruppe sonst, aber sie waren nicht die Ersten und nicht die Einzigen. Die endgültige Definition der PRIEST’schen Bedeutung für den Metal liegt also auch mit Maders Buch noch nicht vor.

Auch die musikalische Entwicklung der Band zeichnet er als Fan, und zwar vor allem der ausgeprägten Metalalben „British Steel“ (1980), „Screaming For Vengeance“ (1982) und „Painkiller“ (1990). Seine Kritik an der teilweise poppigen und zeitgeschmäcklerischen „Turbo“ (1986) und der demonstrativ bis zur Selbstkarikatur vollzogenen Rückkehr zum Heavy Metal von „Ram It Down“ (1988) hat gute Gründe und ist berechtigt. Wenn auch andere Alben, etwa das Debüt „Rocka Rolla“ (1974), als „schlecht“ bezeichnet werden, übersieht Mader, dass immer (mindestens) zwei Herzen in der Brust von JUDAS PRIEST geschlagen haben. Außer Metallern waren sie als Kinder ihrer Zeit auch eine klassische spielfreudige und instrumental versierte Rockband, deren zweites Gesicht sich in düster-melancholischen Stücken und einer schwerblütigen Spielweise zeigte. Insofern führt eine klare Linie von ‚Run Of The Mill‘ über ‚Beyond The Realms Of Death‘ und ‚Out In The Cold‘ bis zu ‚Worth Fighting For‘ von der bislang letzten Studioscheibe „Angel Of Retribution“. Und ein Album wie „Stained Class“ ist ohne „Rocka Rolla“ gar nicht völlig erfassbar.

Bei der Vorstellung der einzelnen Etappen der Bandgeschichte kann Mader nun aus seinen über eine lange Zeit geführten Interviews schöpfen. Zu Alben, Tourneen und anderen Stationen ihrer Biographie, etwa zu den Vorwürfen über Nachbearbeitungen am ersten Livealbum „Unleashed In The East“, kann er exklusive Aussagen von aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern vorlegen. Diese gewinnen dabei auch allmählich für den Leser persönliche Gesichter. Man lernt Musiker aus armen Verhältnissen kennen, die ihre Bodenständigkeit und ihre Geschäftstüchtigkeit, sobald sich der Erfolg einstellte, prägten. Sie bemühten sich immer, faire Geschäftspartner – gerade auch den Fans gegenüber – zu sein, aber in ihren Äußerungen zeigen sich auch einige Eitelkeiten und gewollt-ungewollte Erinnerungslücken. Insbesondere die Wandlungen Rob Halfords in seinem Solojahrzehnt von der zunehmenden, teilweise provokanten Abwendung vom Metal bis zur Rückkehr des verlorenen Sohns in die Band zeichnet Matthias Mader gut nachvollziehbar nach.

Dann ist es auf der anderen Seite wieder ärgerlich, wie unreflektiert und genügsam der Autor gelegentlich mit seinem Quellenmaterial umgeht. Am Beispiel der Verkaufszahlen von „Screaming For Vengeance“: Erst wird diese Platte mehrfach als PRIESTs meistverkaufte herausgestellt, doch als es um konkrete Zahlen geht, wird ein zehn Jahre altes Interview angeführt, in dem Gitarrist K. K. Downing drei Millionen verkaufte Exemplare schätzt!

Illustriert ist „Der stählerne Weg von Judas Priest“ mit vielen, meist farbigen Fotos, die der Qualität des Textes entsprechen: Jede Menge sehenswerte Zeitdokumente wie Konzertfotos, Tourplakate und Eintrittskarten werden präsentiert, auf seltenen Plattenhüllen sind liebevoll Sonderpressungen etwa auf farbigem Vinyl drapiert. Aber leider fehlen immer Bildunterschriften; auch Fans dürften nicht unbedingt alle jemals veröffentlichten Singles und Bootlegs und alle ehemaligen Mitglieder der Vor- und Frühzeit kennen. Fast schon mustergültig ist aber der Anhang mit einer ausführlichen Diskographie, einer Bibliographie der Sekundärliteratur und einer Konzerthistorie, für die Matthias Mader alle nachweisbaren Liveauftritte von 1969 bis 2006 zusammengetragen hat.

„Der stählerne Weg von Judas Priest“ liefert dem Interessierten jede Menge Daten über eine bedeutende und bisher kaum untersuchte Band. Gerade für Fans dürfte es ein wichtiges Nachschlagewerk werden. Auf eine rundum befriedigende Biographie von JUDAS PRIEST muss man aber weiterhin warten.

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Eckenga, Fritz – Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel

Fritz Eckenga, Humorist aus dem Ruhrgebiet, hat wieder zur Feder gegriffen, um einige heitere Gedanken zur Zeit festzuhalten. Und weil die moderne Welt schon so prosaisch ist, hat er sie in Gedichten in klassischen Formen beschrieben. Der Vers „Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel“ aus dem Titel stammt aus dem ersten Gedicht, doch darf man sich nicht täuschen lassen. Eckenga bedient sich nicht nur solcher Knittelverse, sondern er übt sich auch in verschlungeneren Reimschemata und schreckt auch nicht vor großen Formen wie dem Sonett zurück.

Thematisch steigt er zu immer bedeutenderen Gefilden empor. Er beginnt bei Alltagsbeobachtungen, gelangt über die persönliche Lebensführung zum Zusammenleben in Staat und Gesellschaft und erreicht schließlich den Gipfel: Fußball. Ansonsten gibt es keinen roten Faden, Eckenga ist offenkundig mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen, hat das Skurrile im Alltag entdeckt und sich seinen Reim darauf gemacht. Einige der Beobachtungen sind im Bild festgehalten, so der Merchandisingstand der Polizei mit Minihandfesseln für einen Euro, der Schalkefan, der friedlich und besoffen in einem Durchgang schlummert, oder die Ankündigung vom Tag der offenen Tür im Knast (Generationen von Komikern hatten die Vision, nun ist es Wirklichkeit geworden.). Auch große Ereignisse wie die Papstwahl 2005 und die Fußball-WM 2006 erhalten eine Nachbetrachtung. Und nicht zuletzt bekommen einige unangenehme Zeitgenossen ihr Fett weg, etwa jener von jeglicher Fachkompetenz unbelastete Unweltminister, der mit viel heißer Luft zur Erderwärmung beiträgt.

Aber nicht nur durch das Wort, sondern auch mit dem Wort amüsiert Fritz Eckenga seine Leser. Da ist zunächst natürlich das Zusammentreffen teilweise banaler Allerweltsgeschichten mit der feinen Sprache und den klassischen Versen. Immer wieder wechselt der Autor von einer gewählten Ausdrucksweise in Umgangssprache oder vom Hochdeutschen ins Ruhrgebietsplatt und hält auf diese Art Stimmungen und Mentalitäten fest. Höhepunkte dieser Sprachvirtuosität sind u. a. zwei Gedichte, die Aussprüche von Franz Müntefering zwischen autoritärer Berechnung und jovialer Kumpelhaftigkeit auseinandernehmen. Eckenga verschränkt seine Anmerkungen mit Originalzitaten, bis man glaubt, Münteferings schnarrende Stimme mit dem rollenden R tatsächlich zu hören. Oder das Werk ‚Blindverkostung‘, das den Leser mit der leicht überkandidelten Sprache der Weinkenner erst in die Irre führt, bevor es sehr eindrücklich eine ganz andere Geruchskulisse präsentiert. Oder ‚Beim Läuten der Zwiebel‘, die Abrechnung mit dem Doppelmoralisten Günter Grass, wenn ganz nebenbei noch die Phrasen seiner Anhänger karikiert werden.

Natürlich befinden sich nicht alle Gedichte auf gleich hohem Niveau. Neben sehr gelungenen Beispielen intelligenter Unterhaltung stehen auch einige Poeme, mit denen der Autor scheinbar krampfhaft das Papier vollgeschrieben hat, wie er in ‚Alle Farben Frau‘ selbstironisch durchblicken lässt. Aber insgesamt ist „Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel“ ein empfehlenswertes Büchlein für zwischendurch, das den Leser mit seinem Humor und seiner Freude an der Sprache schmunzeln und manchmal laut lachen lässt.

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Kiesel, Helmuth – Ernst Jünger. Die Biographie

In wenigen Monaten, am 17.02.2008, jährt sich der Todestag des – in mehrfachem Sinne des Wortes – Jahrhundertschriftstellers Ernst Jünger (1895-1998) zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass hat der Heidelberger Literaturprofessor Helmuth Kiesel eine Biographie veröffentlicht, die auch neuere Erkenntnisse berücksichtigt. Sein Anspruch war es, mit „Ernst Jünger. Die Biographie“ die Vielfältigkeit eines schillernden Lebens und Werkes darzustellen und zu einer abgewogenen Beurteilung des Denkers zu kommen, zumal sich zwischen der Begeisterung der „Jünger-Jünger“ und der scharfen Ablehnung seiner Gegner bisher wenige nüchterne Urteile finden.

Danach sieht es zunächst nicht aus. In der Einleitung verbeugt sich Kiesel ganz tief vor dem Zeitgeist, wenn er ein über hundertjähriges Leben vor allem unter dem Blickpunkt der berühmten zwölf Jahre betrachtet und sich fast schon für seine Themenwahl entschuldigt. Wenn der Literaturwissenschaftler seine Einleitung mit der Binsenweisheit, dass „komplexen Sachverhalten … nicht mit einfachen Formeln beizukommen“ sei, beschließen zu müssen glaubt, sagt das allerhand über unsere heutige Zeit aus.

Aber das eigentliche Buch erweist sich als deutlich erfreulicher. Kiesel gibt einen breiten, kenntnisreichen Überblick und kommt überwiegend zu ausgewogenen und begründeten Urteilen. So wird zum Beispiel der für Jünger gar nicht zu überschätzende Begriff des „stereoskopischen Sehens“ knapp, treffend und verständlich erläutert. Seine Denkfiguren wie der Waldgänger oder der Anarch werden gut, wenn auch etwas kurz dargestellt. Da der Autor seine Wertungen in der Regel belegt, kann der Leser selbst entschieden, wie weit er ihm dabei folgt.

Statt „|Die| Biographie“ hätte der Untertitel des Buches besser „|Eine| Biographie“ gelautet. Denn Kiesels Interessenschwerpunkt ist ganz klar der Jünger der Zwanzigerjahre, der seine Erlebnisse als Frontoffizier im Ersten Weltkrieg verarbeitete und unter dem Eindruck der zeitgeschichtlichen Erschütterungen radikale politische Aufsätze publizierte. Mancher Zeitschriftenbeitrag aus dieser Zeit wird intensiver behandelt als verschiedene Bücher des späteren Jünger. Seine erste Veröffentlichung „In Stahlgewittern“ von 1920 wird in ihren verschiedenen, teilweise deutlich überarbeiteten Fassungen auf nicht weniger als 57 Seiten besprochen! Die „Stahlgewitter“ waren ein Bericht über Jüngers Fronterfahrungen. Ob er dauerhaft als Schriftsteller leben würde, war noch nicht entschieden. Kiesel kommt hier mehr dem eigenen Forschungsinteresse als dem Informationsinteresse des Lesers nach, wenn er diesem relativ nüchternen, faktenorientierten Text viel mehr Beachtung schenkt als verschlüsselten und anspielungsreichen Werken wie etwa „Heliopolis“ oder „Eumeswil“. Bis auch die folgenden Kriegsbücher und die politisch-programmatischen Schriften bis zum Essay „Der Arbeiter“ von 1932 abgehandelt sind, ist man schon in der Mitte des Buches angelangt.

Da Kiesel in dieser Phase häufig den Fokus auf – nach heutigen Maßstäben – Reizthemen wie Krieg und Politik / Ideologie legt, übersieht er fast den schon in jener Zeit spekulativen Denker Jünger, dessen theologische, naturkundliche oder psychologische Beobachtungen und Assoziationen seine bleibende Bedeutung und die Faszination auf seine Leser ausmachen, und nicht irgendwelche zeitbedingten verbalen Kraftmeiereien in politischen Aufsätzen. Beispielhaft sei das nur an der berühmten Erläuterung des Begriffes |Entsetzen| aus beiden Fassungen des „Abenteuerlichen Herzens“ dargelegt, die Kiesel überwiegend als Erarbeitung eines politischen Kampfbegriffs sieht. Dass sich Jünger ausgerechnet dieses Wort aussuchte, mag an der revolutionären Stimmung seines Umfelds gelegen haben, aber dieser kleine Text geht weit über politische Tagesfragen hinaus. Schon oft ist die Unzulänglichkeit verbaler Definitionen, also der Erklärung des Wortes durch das Wort, beklagt worden. Jünger grenzt nun |Entsetzen| nicht nur strikt von |Grauen| oder |Furcht| ab (Wie viele heutige Schreiberlinge bemerken nicht einmal den Bedeutungsunterschied?), sondern er wagt eine bildhafte Begriffsdefinition!

Sein einziges krasses Fehlurteil unterläuft Kiesel auch aufgrund dieser Sichtweise bei der Interpretation der „Marmorklippen“. Da er den heutigen deutschen Blickwinkel fixiert hat und neben dem Nationalsozialismus den früher einsetzenden und opferreicheren Kommunismus in der Sowjetunion fast völlig ausblendet, sieht er diesen Roman auch gegen Jüngers eigene Aussage (!) einseitig als Parabel auf die NS-Diktatur und nicht auf moderne Terrorherrschaft im Allgemeinen, wie sie sich eben auch bei den Jakobinern und Kommunisten oder analog in der römischen Antike bei Sulla und Marius und verschiedenen Kaisern seit Nero zeigte.

Während drei Kernwerke des mittleren Jünger, nämlich die erwähnten „Marmorklippen“, das zweite „Abenteuerliche Herz“ und „Heliopolis“, zwar schon knapper, aber doch noch auf einigen Seiten Beachtung finden, werden die Veröffentlichungen nach den Fünfzigerjahren schnell abgefertigt. Bücher wie die „Gefährliche Begegnung“ und „Die Schere“ oder die über ein Jahrzehnt lang gemeinsam mit Mircea Eliade herausgegebene Zeitschrift „Antaios“ werden gerade noch genannt.

Eine Stärke dieser Biographie ist jedoch, dass sie nahezu alles Wichtige, auch wenn es nur episodenhaft bleibt, zumindest erwähnt, etwa Begegnungen, Lektüren oder Reiseerlebnisse. Manchmal hat man den Eindruck, dass bei nicht erforschten Ereignissen Andeutungen zwischen den Zeilen gemacht werden. Bei aller Kürze vermittelt der Autor auch, dass Jünger sich zunehmend von einer eindeutigen literarischen Form wie dem Roman entfernte und sich etwa mit dem Alterswerk „Siebzig verweht“, an dem noch der über Hundertjährige schrieb, einer eigentümlichen Gattung zuwandte, die auch mit ‚Tagebuch‘ unzureichend beschrieben ist und sogar die Grenze zwischen Belletristik und Sachbuch sprengt.

„Ernst Jünger. Die Biographie“ ist sicherlich eine lesenswerte Lebensbeschreibung, aber aufgrund seiner radikalen Schwerpunktsetzung eher Jünger-Kennern als Neulingen zu empfehlen. Was nur ansatzweise hervortritt, ist der außergewöhnliche Mensch und nonkonforme Denker Ernst Jünger, der seine Leser als entschiedene Anhänger oder Gegner hinterließ. Der sich nicht um Moden und Interessen rings um ihn scherte, dabei aber keinerlei Berührungsängste kannte. Der Träumen, Naturbeobachtungen und spekulativen Gedanken die gleiche Aufmerksamkeit wie großen historischen Ereignissen zuteil werden ließ. Insofern hat Helmuth Kiesel eine ordentliche Chronistenarbeit geleistet. Ein abenteuerliches Herz hat er nicht.

|Gebundenes Buch, 720 Seiten|
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Guillaume, André de – Weltherrschaft für Anfänger

(Keine Angst, weder das Buch noch diese Rezension sind so ganz ernst gemeint.)

„Was will uns der Dichter damit sagen?“ André de Guillaume hat in seinem Büchlein „Weltherrschaft für Anfänger“ eine kleine Anleitung zur Gewinnung der Macht vorgelegt, bei der man sich nie ganz sicher ist, ob es ein Ratgeber, ein ironisches Enthüllungsbuch oder eine Satire sein soll. Angelegt ist das Buch als eine Sammlung kompakter Tipps, Kurzporträts berühmter Machtmenschen und natürlich der beliebten Hitlisten (etwa zur Vorbereitung ‚Zehn Jobs, die Sie zur Weltherrschaft führen können‘). Das und die flüchtigen Karikaturen deuten am ehesten auf eine Satire hin, wenn dieser Eindruck nicht geschickt von dem zwar launigen, aber in der Sache unbeirrt ernsthaften Tonfall der Ratschläge konterkariert würde.

De Guillaume zieht seine Unterweisungen chronologisch für einen Herrschaftsablauf auf. Er beginnt bei den Voraussetzungen, die man schon mitbringen sollte, leitet über die Jugend und die Vorbereitung und Durchführung der Machtübernahme zur Ausübung und Sicherung der Herrschaft und schließlich zur Planung des nicht unbedingt freiwilligen Abgangs. Zynisch lässt er sich über erforderliche Maßnahmen wie Mord, Untreue und natürlich allerlei Lumpereien rund ums Geld aus. Misstrauen gegen jedermann ist selbstverständlich unerlässlich. In einem merkwürdigen Gegensatz dazu stehen die Empfehlungen, den Reichtum und die Ergebenheit der Umgebung genüsslich auszukosten. Das ist zumindest gut beobachtet, denn egal wie arm ein Land ist: Die hohen Herren haben noch nie Not gelitten. In einer Art Nachwort berichtet de Guillaume von einem eigenen misslungenen Putschversuch in einem kleinen Inselstaat namens Cashman (!) Islands. Offenbar ist der Autor hier seinem eigenen Ratschlag gefolgt, sich als angehender Diktator eine interessante Vita zuzulegen.

„Was will uns der Dichter damit sagen?“ Strategien zur tatsächlichen Erlangung der Weltherrschaft verlieren natürlich schlagartig ihren Wert, sobald sie veröffentlicht sind – zumal es ja auch nicht unbegrenzt viele Weltenherrscher geben kann. Als Ratgeber zur Machtgewinnung im kleinen, im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld hilft das Buch höchstens ansatzweise, da es fast nur politische Macht betrachtet. (Nun gut, sehr machtbewusste Menschen, die zwischen den Zeilen lesen können, werden schon den einen oder anderen Hinweis erhalten.) Es hilft auch nicht wirklich, die eigene Regierung besser zu durchschauen, da es sich nur vereinzelt mit den Intrigen demokratischer Regime auseinandersetzt und in Diktaturen ohnehin verboten sein dürfte.

Um noch stärker als humorvolles politisches Aufklärungsbuch zu funktionieren, fokussiert sich „Weltherrschaft für Anfänger“ also zu stark auf typische Diktaturen. Deren Bevölkerungen dürften auch ohne Buch nur zu gut um ihre Situation wissen. Einen subversiven Charme könnte das Buch gewinnen, wenn de Guillaume noch etwas ausführlicher die Aushebelung der Demokratie durch gewählte Regierungen beschrieben hätte, z. B. durch Desinformation via staatlicher Medien, den diskreten Aufbau von Nichtregierungsorganisationen, deren Forderungen man dann als „guter Demokrat“ entgegenkommt, oder die Instrumentalisierung der Wissenschaft (Geschichtsschreibung, Energiefragen) durch Bestechung statt Bedrohung.

Wahrscheinlich muss man „Weltherrschaft für Anfänger“ als Unterhaltungsbuch mit einem gallig-zynischen Humor nehmen, das einem vorführt, was menschenmöglich ist. Wenn das Buch dem Leser hilft, weniger übertriebenen Respekt vor den Mächtigen zu haben sowie Karrieristen und Ehrgeizlinge im Alltag besser einzuschätzen, dann hat es neben der kurzweiligen Lektüre auf jeden Fall seinen Nutzen bewiesen.

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Gerry McAvoy & Pete Chrisp – On the Road. Mein Leben mit Rory Gallagher und Nine Below Zero

Im Juni war es zwölf Jahre her, dass der große irische Blues- und Rockgitarrist RORY GALLAGHER gestorben ist. Nicht einmal fünf Jahre nach STEVIE RAY VAUGHANs Tod im Hubschrauberwrack waren die Musikfans tief getroffen, wieder einen bedeutenden Gitarristen, der mit großen musikalischen Leistungen statt mit Skandalen auffiel, so früh verloren zu haben. Gerry McAvoy, der fast die ganze Zeit Bassist in GALLAGHERs Band war, hat 2005 mit seinem Co-Autor Pete Chrisp ein Buch über die gemeinsame Zeit geschrieben, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Müller-Kraenner, Sascha – Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt

Fast kein Tag vergeht, an dem man nicht in den Nachrichten von steigenden Benzinpreisen, dem Energiehunger des aufstrebenden China und dem Kleinkrieg der amerikanischen Besatzungsmacht in Afghanistan und Irak hört. Der Energiebedarf der etablierten Industrienationen und schnell wachsender Schwellenländer wie China und Indien bei knappen oder zumindest schwerer zugänglichen Vorkommen an Kohle, Öl und Gas haben dazu geführt, dass eine dauerhafte und sichere Energieversorgung keine Detailfrage der Wirtschaftspolitik, sondern mittlerweile ein Kernthema für die Chefsache Außen- und Sicherheitspolitik ist.

Sascha Müller-Kraenner hat in seinem Buch „Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt“ die gegenwärtige weltweite Energiesituation dargestellt und sich Gedanken über Auswege gemacht. Dabei ist ihm zwar ein nicht immer ausgewogenes, aber erfreulich nüchternes, sachliches und weitgehend faktengesättigtes Ergebnis gelungen. Das beginnt damit, dass er seinen Titelbegriff „Energiesicherheit“ nicht den Assoziationen des Lesers überlässt, sondern in einem kurzen Eingangskapitel klar definiert. Für Müller-Kraenner bezeichnet er nicht nur eine langfristige, verlässliche Energieversorgung, sondern auch die Berücksichtigung der Sicherheitspolitik und des Umweltschutzes in der Energiepolitik.

Besonders lesenswert sind die Kapitel über Russland sowie China und andere asiatische Staaten von Indien bis Japan. Mit einer hierzulande seltenen Klarheit stellt er die geopolitische Lage, d. h. Bodenschatzverteilung, Topographie, Grenzverläufe sowie die teils vereinbaren, teils divergierenden nationalen Interessen dar. Die Vorstellung der bekannten und vermuteten Öl- und Gasvorkommen im mittleren Asien von Iran über Kasachstan bis Sibirien macht die gegenwärtige politische Lage verständlicher. Dass Deutschland als importabhängiges Land hier mit viel diplomatischem Geschick seine Interessen vertreten muss und nicht als reiner Tor der Weltbeglückung zu dienen hat, macht Müller-Kraenner deutlicher als mancher Politiker. Auch die Situation der USA wird betrachtet, allerdings nicht der gleichen kritischen und ausführlichen Analyse unterzogen wie die übrigen erwähnten Staaten. Genauso auffällig ist, dass bei der Diskussion der offiziellen und inoffiziellen Atommächte (S. 186ff) Israel ausgeklammert wird. Da wundert es auch nicht, dass die US-kritischen südamerikanischen Regierungen von Chavez bis Morales sehr undifferenziert kritisiert werden, während der Milliardenspekulant George Soros, der Gerüchten zufolge schon fast einen privaten Geheimdienst unterhalten soll, als uneigennützige Friedenstaube gepriesen wird. Dass das Kapitel über die EU etwas richtungslos bleibt, mag daran liegen, dass regelungswütige Eurokraten, die gleichzeitig Tabakanbau und Nichtraucherkampagnen unterstützen, sich von harten Interessenkonflikten lieber fernhalten.

Müller-Kraenner liefert auch einige Lösungsansätze. Wenn er dem von Energieimporten abhängigen Industriestaat Deutschland die Diversifizierung bei Energieträgern und Exporteuren, Energieeinsparung und eine höhere Ausnutzung der Primärenergie vorschlägt, ist so weit zuzustimmen. Dass er die beiden letzten Punkte nur kurz anreißt, geht in Ordnung, da er ja kein Technikbuch geschrieben hat. An anderen Punkten merkt man, dass der Autor, der einige Jahre für die den „Grünen“ nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung gearbeitet hat, nicht über seinen Schatten springen kann. Die These, nach der CO2 das Klima beeinflusst, ist für ihn eine nicht hinterfragbare Wahrheit, auch wenn auffällig viele Wissenschaftler in letzter Zeit mit Formulierungen wie „wahrscheinliche Ursache“ oder „Mitverursacher“ zurückrudern. Ebenso ist für ihn die Ablehnung der Atomenergie über jeden Zweifel erhaben. Dass Uran ebenso wie Öl und Gas importiert werden muss, ist in der Tat ein schwerwiegendes Argument. Wenn aber alle Welt außer Deutschland wieder verstärkt auf Atomkraft setzt, hätte man zumindest die Frage erörtern müssen, ob womöglich nicht alle anderen Unrecht haben, sondern wir. Beim Thema der sogenannten „erneuerbaren“ oder alternativen Energien vermisst man erwartungsgemäß das Zauberwort „Wirkungsgrad“ (Für Nicht-Physiker: Der Wirkungsgrad eines Kraftwerks ist das Verhältnis der nutzbaren, von ihm zur Verfügung gestellten Sekundärenergie zu der von ihm benötigten Primärenergie.) Andererseits enthält das Buch interessante Abschnitte über Wasserstoff und Biomasse als künftig nutzbare Energieträger. Alternative Energien müssen für die langfristige Planung sicher ein Thema für Forschung und Entwicklung sein; jetzt und in absehbarer Zukunft jedoch, das muss man ganz klar sehen, sind sie kein Ersatz für Atomkraft und fossile Energieträger.

Die politischen Lösungsansätze des Autors kann man nur als blauäugig bezeichnen. Hier setzt Müller-Kraenner als Kind der deutschen Konsensokratie auf internationale Abkommen, bei denen gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen werden und Staaten mitunter gegen eigene Interessen handeln. Die Frage ist, welches Land, das das nicht nötig hat, sich auf so etwas überhaupt einließe. Die USA, die Ölexporteure besetzen, Russland, das sich frühere Sowjetrepubliken mit Bodenschätzen durch Zuckerbrot und Peitsche wieder gefügig zu machen versucht, und China, das mit verschiedensten Regimen von Asien über Afrika bis Lateinamerika (!) langfristige Lieferanten bindet, machen jedenfalls auf ihre Art Nägel mit Köpfen. Das alles ist in seinem eigenen Buch nachzulesen.

Das Gesamturteil über das Buch fällt unentschieden aus. Wer sich über den Ist-Zustand der Energielage informieren will, dem kann man „Energiesicherheit. Die neue Vermessung der Welt“ unbedingt empfehlen. Wer Anregungen zum Soll-Zustand sucht, schaut sich besser anderweitig um.

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