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Interview mit Chr. von Aster, B. Koch, M. Hoffmann

|Vor einigen Wochen habe ich mich mit den drei Berliner Autoren Christian von Aster, Boris Koch und Markolf Hoffmann in einem Berliner Café getroffen und ihnen ein paar Antworten zu ihrer Lesereihe, dem StirnhirnHinterZimmer, und ihrem Schaffen entlocken können.|

_Sven Ollermann:_
Stellt euch unseren Lesern bitte einmal vor.

_Markolf Hoffmann:_
Hier vor mir sitzt der großartige, phantastische Christian von Aster, seines Zeichens aufstrebender Jungliterat.

_Christian von Aster:_
Gleiches kann ich von meinem mir schräg gegenüber sitzenden Kollegen Boris Koch sagen, der wohl ebenso aufstrebend und jung-literarisch ist wie ich.

_Boris Koch:_
Neben mir dann Markolf Hoffmann, der jüngste und weitest gestrebteste von uns allen, mit fast einem abgeschlossenen Studium in der Tasche.

_Sven Ollermann:_
Wie hat das mit dem StirnhirnHinterZimmer eigentlich angefangen? Wer hat sich den Namen ausgedacht?

_Markolf Hoffmann:_
Ich weiß gar nicht mehr so richtig, wer war das denn eigentlich?

_Christian von Aster:_
Oh, ja, das war dann wohl meine Aufgabe. |(zu Koch)| Du machst den Newsletter, |(zu Hoffmann)| du machst die Nachbereitung, und ich habe mir den Namen ausgedacht.

_Markolf Hoffmann:_
Dann war’s wohl Christian, selbstverständlich.

_Boris Koch:_
Uns war nur klar, dass ein „Z“ drin sein muss.

_Markolf Hoffmann:_
Genau, es musste ein „Z“ drin sein, wegen der Z-Bar. Wir kannten ja schon den Ort der Lesung. Wie waren doch gleich die Alternativvorschläge? Lügenlabor?

_Sven Ollermann:_
Da ist aber kein „Z“ drin.

_Christian von Aster:_
Oh doch, da ist ein „Z“ drin, man sieht es nur nicht …

_Markolf Hoffmann:_
Weil es eben eine Lüge ist.

_Christian von Aster:_
Ein dezentes „Z“ – also ein de’entes „Z“.

_Markolf Hoffmann:_
Das waren die beiden Vorschläge, zwischen denen wir am Ende abgestimmt haben. Und da kam dann StirnhirnHinterZimmer bei raus, weil die Lesung ja auch im Hinterzimmer stattfindet – der Name liegt nahe.

_Boris Koch:_
Die Wahrheit liegt uns ja auch irgendwo am Herzen.

_Markolf Hoffmann_
Ganz genau.

_Christian von Aster:_
Den Gedanken daran fanden wir so gut und ganz schön, sich ins Hinterzimmer des Gehirns zurückzuziehen – das Unterbewusste und all diese Dinge, nicht wahr?

_Sven Ollermann:_
Und wie hat es angefangen?

_Boris Koch:_
Eigentlich zwangsweise – auf dem Odyssee-Con. Plötzlich saßen wir da zu dritt auf der Bühne, nach Mitternacht und machten …

_Christian von Aster_
Ne, Moment, Moment. Vor „plötzlich saßen wir zu dritt“ gab es noch „wo bleibt Markolf?“. Das ging ziemlich lange, wir waren schon dabei, Hohnlieder auf Hoffolf Markmann zu dichten. Aber er kam …

_Boris Koch:_
Das ist ein bisschen übertrieben. Also nur, weil wir sechs Stunden früher da waren als Markolf …

_Christian von Aster:_
… und eigentlich mit ihm gerechnet hatten.
Ich muss ja sagen, ich bin immer recht kritisch und ein garstiger, kleiner Mistbock; ich wollte ja schon auf Markolf Hoffmann schimpfen und alles schlecht finden, weil der ja auch bei großen Verlagen veröffentlicht – der kann ja nicht gut sein. Dann habe ich ihn gesehen und er war gut. Das fand ich so richtig scheiße. Hab ich ihm aber auch gesagt, dass ich es scheiße finde, dass er so gut war.

_Markolf Hoffmann:_
Also, nur um mal die Legende zurechtzurücken: Ich hatte die Abgabe meines zweiten Buchs. Deswegen kam ich dann wirklich erst kurz vor knapp. Aber ich kam und las. Und dann trafen wir uns am Ende zu dritt bei einer Nachtlesung, die eigentlich sehr witzig war. Da hab ich dann erstmal verbale Prügel bezogen.

_Christian von Aster:_
Haben wir die eigentlich zusätzlich gemacht?

_Boris Koch:_
Nee, die war schon geplant. Na ja, so halbwegs, wir wollten ja auch mal zusammen … „Könnt ihr auch zusammen?“ haben die Veranstalter gefragt, worauf wir: „Wir kennen zwar Markolf nicht, aber können wir.“

_Christian von Aster:_
Das war schon nett, richtig nett. Und dann haben wir festgestellt, dass wir alle in einer ähnlichen Stadt wohnen, und dann war der Schritt nicht mehr weit, zu sagen …

_Markolf Hoffmann:_
Na ja, der Zufall wollte es, dass wir die Texte der anderen gegenseitig geschätzt haben und bemerkten: „Okay, die machen keinen Scheiß.“

_Christian von Aster:_
Vor allem aber auch geil, weil wir auch gemerkt haben, dass es zwar gut ist, aber eben auch wirklich verschieden. Jeder von uns hat irgendwie einen anderen Humor, eine andere Herangehensweise, und auch andere Qualitäten in den Geschichten – und was ich halt beim StirnhirnHinterZimmer wirklich genial finde: Manchmal denk ich mir „Scheiße, ist das geil“, denn eigentlich haben wir, wie ich das Gefühl habe, in jedem StirnhirnHinterZimmer einen richtig schönen Knalleffekt drin.
Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall fett stolz darauf, dass wir das Ding so etabliert gekriegt haben, weil hier in Berlin jeder Arsch immer liest und du irgendwie jeden Tag deine 20 Lesungen zusammenkriegst.

_Boris Koch:_
Aber nicht jeder liest auch in der Sommerpause, so wie wir – wir ziehen das durch.

|(nach einer kleinen geräuschpegelbedingten Pause)|

_Markolf Hoffmann:_
Um noch mal auf die Anfänge des Hinterzimmers zurückzukommen: Wir hatten auf der Nachtlesung vereinbart, uns „demnächst mal“ zu treffen. Aus „demnächst“ wurden dann vier oder fünf Monate, ich weiß es nicht mehr genau. Der Con war im August, und im März hatten wir die erste Lesung.

Wir haben uns also in der Zwischenzeit das Konzept überlegt; dass es immer ein Motto geben wird, das immer einer reihum auswählt. Und dann ging es los. Nachdem wir am Anfang so um die 15 Zuhörer hatten, haben wir uns dann gesteigert, und bald platzte die Z-Bar aus allen Nähten. Notsitze wurden eingerichtet, Günni |(der Wirt der Z-Bar)| hat das Hinterzimmer dann leicht vergrößert. Die Z-Bar wird immer kleiner, weil das StirnhirnHinterZimmer immer weiter in die Bar reinwuchert – bis es irgendwann nur noch die Theke und das StirnhirnHinterZimmer gibt.

_Sven Ollermann:_
Häufig ist es phantastische Literatur, ab und an mal Realsatire oder Fantasy, aber primär liegt das Augenmerk doch auf der Phantastik. Wie seid ihr darauf gekommen?
Boris, wie bist du an die Phantastik gekommen, das ist ja nun alles andere als Mainstream und nicht gerade einfach bei den Verlagen unterzubekommen, oder?

_Boris Koch:_
Ja, aber wenn du etwas schreibst, ist die erste Frage ja nicht automatisch: „Wie kriege ich das bei einem Verlag unter?“ Das wäre zu wenig, man will ja auch etwas Bestimmtes erzählen, etwas sagen, was einem im Kopf umgeht. Ich weiß nicht genau, warum Phantastik, es steckt einfach im Kopf und muss raus. Ist sozusagen die Art, wie ich denke. Gerade groteske Elemente schleichen sich immer wieder in Geschichten, die ich eigentlich „realistisch“ anlege. Wo dieses grundsätzliche Faible für die Phantastik herkommt, ist einfacher: Ich hab mit elf oder zwölf angefangen, einiges in die Richtung zu lesen, grotesken Humor immer gern gehabt, und dann bleiben halt die Symbole übrig, die man irgendwo in der Kindheit und Jugend gelesen hat. Und auch wenn ich immer viele andere Sachen gelesen habe und lese, dann weiß ich immer noch, was ein Werwolf ist, was Außerirdische sind und benutze sie gerne als Metaphern – auch weil es einfach Spaß macht.

_Sven Ollermann:_
Also ist es eher eine Form der Kunst. Autor eher im Sinne eines Künstlers, als um damit primär Geld zu verdienen?

_Boris Koch:_
Ich find die Trennung sowieso albern, also …

_Sven Ollermann:_
Schau dir unsere literarische Landschaft an, kann man die nicht genauso einteilen?

_Boris Koch:_
Nee, das find ich gar nicht, überhaupt nicht. Es gibt genug Leute, die intelligente Dinge schreiben und damit Geld verdienen und es gibt genug Leute, die Schwachsinn schreiben und damit kein Geld verdienen. Es ist zu einfach gedacht, entweder schreibe ich Niveau oder ich verdiene Geld. Ich glaube, damit tue ich Umberto Eco ziemlich unrecht, um mal ein Beispiel zu nennen, wenn nicht vielleicht das beliebteste Beispiel überhaupt.

_Sven Ollermann:_
Wie sieht es bei dir aus, Christian – ist die Phantastik dein größtes Faible oder gibt es da auch andere Dinge?

_Christian von Aster:_
Ich weiß nicht, ich denke eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, und meine Vorbilder sind halt irgendwie allesamt Storyteller. Natürlich kennt man seine Klassiker und mag das, aber ich mag vor allem solche Leute wie Roal Dahl und Neil Gaiman, die sich keine genretechnischen Begrenzungen setzen. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte und wenn mir was einfällt … – manchmal kommt sogar ein Brettspiel dabei heraus. Gut, will aber keiner haben.

_Boris Koch:_
Hätte vielleicht auch kein Spiel sein sollen, sondern eine Geschichte, vielleicht funktioniert es dann …

_Christian von Aster:_
Das ist eben auch genau dasselbe wie mit Kurzfilmen oder sonstwas, eine Geschichte sagt eigentlich demjenigen zu dem sie kommt, wie sie sein will. Geschichten haben ihre eigenen Gesetze, und wenn man darauf hört, dann kommt dabei auch das Richtige raus. Meistens sind es Kurzgeschichten, oftmals in der Phantastik, so denk ich das.

_Sven Ollermann:_
StirnhirnHinterZimmer sind ja Kurzgeschichten – die eine kürzer, die andere etwas länger, nech, Markolf?

_Markolf Hoffmann:_
Jetzt fängt der auch schon an.

_Christian von Aster:_
Das ist die Wahrheit, die lässt sich nicht auf Dauer unter den Teppich kehren, Markolf.

_Sven Ollermann:_
Markolf hat seine Roman-Reihe und gedenkt ja auch weiterhin immer wieder Romane zu schreiben. Boris, wie sieht das bei dir aus, Romane oder eher primär Kurzgeschichten? Bleibt überhaupt so was wie Zeit, sich Konzepte für Romane einfallen zu lassen?

_Boris Koch:_
Zeit für Konzepte bleibt immer, das Problem ist Zeit für Romane. Aber ich hab erst gerade einen geschrieben, für die Shadowrun-Reihe bei Fantasy Productions, „Der Schattenlehrling“. Romane und Kurzgeschichten sollen es sein, nicht entweder oder. Und ich hatte schon zusammen mit Jörg Kleudgen vor Jahren einen Roman geschrieben und in seiner Goblin Press veröffentlicht.

_Sven Ollermann:_
Und bei dir Christian, wie schaut es mit Romanen aus?

_Christian von Aster:_
Ich hab jetzt erstmal ’nen Kabarett-Preis gewonnen und schaue mal, ob ich jetzt bühnentechnisch mehr mache und ansonsten hab ich halt vor allem Bock auf Filme. Allerdings hab ich auch gerade einen Roman, an dem ich arbeite. Abgesehen davon hab ich sogar schon welche veröffentlicht, „Schatten der Götter“, „Armageddon TV“; nee, da gibt es auch mehr, ich bin gerade auch an meinem persönlichen Harry Potter dran, wo ich dann nach drei Seiten festgestellt hab, der wird dann doch nichts für Jugendliche, aber das ist ja nicht meine Schuld.

_Sven Ollermann:_
Bei dir liegt die Zukunft also eher auf der Bühne und hinter der Kamera?

_Christian von Aster:_
Ich hab gesagt, da hab ich Lust drauf. Natürlich würde ich auch gerne bei einem ordentlichen Verlag unterkommen. Aber Markolf sagt mir ja nicht, mit wem ich schlafen muss.

_Sven Ollermann:_
Und bei dir, Markolf?

_Markolf Hoffmann:_
Da steht jetzt der vierte Roman an, der letzte Teil des „Zeitalters der Wandlung“. Ich habe dann natürlich auch – also ich glaube, an Konzepten sind wir alle nicht arm, vor allem nicht an Romankonzepten – noch verschiedene andere Pläne. Ich würde gerne auch mal außerhalb der Fantasy und auch außerhalb der Phantastik etwas machen. Ich teile auch mit Christian das Interesse am Film. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, ein Drehbuch zu schreiben oder Regie zu führen. Der Vorteil beim Filmdrehen ist, dass man da nicht allein in seinem Kämmerchen sitzt und vor sich hin schreibt, sondern eben mit anderen zusammenarbeitet. Das ist nämlich das größte Manko der Schriftstellerei, finde ich.

_Sven Ollermann:_
Wie steht’s mit einer Gemeinschaftsproduktion mit anderen Autoren bezüglich Romanen?

_Markolf Hoffmann:_
Habe ich bisher noch nicht ausprobiert, aber stelle ich mir reizvoll vor. Und ich denke, das StirnhirnHinterZimmer ist auch der erste Schritt einer Zusammenarbeit. Da ziehe ich auch persönlich viel heraus, weil man jeden Monat halt was schreiben muss, ob kurz oder lang. Und man kriegt auch viel Input. Also ich finde es sehr interessant, wie die anderen beiden ihre Geschichten gestalten, man lernt, was beim Publikum ankommt und was nicht. Und vor allem lernt man regelmäßig zu schreiben, jeden Monat muss was da sein, das Publikum will unterhalten werden.

_Sven Ollermann:_
Boris, wie sieht bei dir die Zukunft aus?

_Boris Koch:_
Abwarten, ich hab jetzt Blut geleckt, was Romane anbelangt; hab da Lust, was zu machen, zu schreiben. Schauen, was da als Nächstes kommt. Aber ob Phantastik, realistisch, historisch oder Kinderbuch, das werden wir sehen. Das entscheide ich dann, wenn ich mit dem Roman fertig bin, also mit der Überarbeitung. Ansonsten kann ich mir auch andere Medien vorstellen. Comic oder Hörspiel würden mich beide sehr reizen. Film auch, klar – aber ich glaube, beim Hörspiel hat man mehr Freiheiten als beim Film. Es ist einfach spannender in Hinsicht auf die Umsetzung, weil das alles gleich teuer ist. Die Geräusche von einem explodierenden Hubschrauber sind genauso teuer wie die einer Fliege. Beim Film kommt dir irgendeiner mit Budget und du kannst irgendetwas nicht machen. Nicht, dass ich jetzt auf einen explodierenden Hubschrauber Wert lege, aber vom Prinzip ist es einfach so, dass man beim Hörspiel viel freier ist. Da würde ich halt gern was machen.

_Christian von Aster:_
Zumal wir da auch zu dritt was machen könnten. Die Technik haben wir, das ist beim Hörspiel ganz schön.
Ich hab meine Kinderbücher gar nicht erwähnt. Ich muss ja nur noch zwei illustrieren, dann hab ich nämlich zwei. Vergesse ich immer.

_Sven Ollermann:_
Das heißt, du illustrierst selbst?

_Christian von Aster:_
Manchmal. Ich hab ja damals Kunst und Germanistik studiert und das heißt, mich irgendwann auch mal für andere Sachen interessiert.

_Sven Ollermann:_
Wie sieht es bei euch mit Hörbüchern aus? Markolf, wir hatten das ja beim [letzten Mal]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=34 schon. Du kannst dir das vorstellen, Romane als Hörbücher freizugeben.
Wie ist das bei euch beiden? Oder doch lieber in Eigenproduktion und nicht immer die großen Synchronsprecher oder Schauspieler als Sprecher?

_Boris Koch:_
Weiß ich nicht, aber knallhart gesagt, es ist einfach eine Geldfrage. Wenn ein Verlag sagt, hör zu, hier kriegst du soundsoviel Geld für die Hörspiel-/Hörbuchrechte an dem Ding, freue ich mich. Ansonsten, wie man sich das traumhaft vorstellt, ist natürlich, dass eine möglichst große Verbreitung da ist, damit man einfach gehört wird. Und beim Sprecher: Es gibt sehr gute, die es meinetwegen gern machen könnten.

_Sven Ollermann:_
Christian, Hörbücher und Hörspiele? Oder gar nicht so deine Welt? Ein Hörbuch hast du ja schon draußen, würdest du weitermachen in der Richtung?

_Christian von Aster:_
Eins? Zwei, du Arsch.

_Sven Ollermann:_
Wie schon zwei?

_Christian von Aster:_
„Das Koboltikum“ und „Höllenherz“. Ach ja, und „House of Usher“. Ich finde Hörbücher und Hörspiele sehr geil, aber empfinde das Ding mit den prominenten Sprechern – auch wenn ich mich damit unpopulär mache – als die Pest. Du kannst den größten Scheiß machen und nimmst halt Joachim Kerzel (Synchronstimme u. a. von Jack Nicholson) und dann glänzt es auch wie Gold. Genau so funktioniert das.

_Markolf Hoffmann:_
Na ja, auf der anderen Seite kann man das auch langsam gar nicht mehr hören, ständig die Synchronstimme von Robert De Niro.

_Christian von Aster:_
Daran krampft es irgendwie ein bisschen. Aber Verlage nehmen halt lieber diese großen Stimmen, weil die eben nochmal zusätzlich Absatz versprechen. Finde ich ein bisschen unschön. Also, ich denke, alleine produzieren wäre fein, aber wie Boris schon sagte, wenn man für die Rechte Kohle geboten kriegt, dann sollte man nicht nein sagen. Denn was uns dann irgendwie, glaub ich, das Wichtigste ist, auch wenn ich da jetzt für die Kollegen spreche, ist einfach, wenn du irgendwoher mal Kohle kriegst und dir mal ein halbes Jahr keine Sorgen machen musst, um dann arbeiten zu können. Ich weiß ja nicht, ob hier irgendwer den Eindruck erwecken möchte, dass wir keine Geldprobleme haben. So ist das zumindest bei mir, und es ist einfach übelst anstrengend, wenn du jedes Wochenende auf Lesungen bist und dann unter der Woche vier Tage Zeit hast, um dein Zeug irgendwie auf die Reihe zu kriegen – und da auch immer noch den ganzen anderen Scheiß machen musst. Von daher, verkaufen ist schon immer gut, und das darf dann auch Joachim Kerzel oder wer auch immer lesen. Tja, aber ansonsten, selber machen ist nicht das Falscheste.

_Boris Koch:_
Wichtig ist halt, das der Text halbwegs so bleibt. Es gibt ja auch gekürzte Lesungen. Sinnvolle Kürzungen, ja, aber bei gekürzten oder veränderten Texte möchte ich mich nicht plötzlich wundern müssen, wie es zu einer derartig konservativen Einstellung des Protagonisten kommt und wo das Happy End plötzlich her ist.

_Sven Ollermann:_
Thema große Verlage – kleine Verlage. Markolf ist ja bei Piper. Boris, du hast mit Medusenblut mindestens einen kleinen Verlag, in dem du tätig bist. Hast du den mit aufgebaut – ist das quasi dein Baby, oder bist du da irgendwie anders zu gestoßen?

_Boris Koch:_
Ist quasi mein Baby. War es von Anfang an, mehr oder weniger. Es sollte eigentlich nur eine Reihe innerhalb eines Verlages werden. Bevor das erste Ding rausgekommen ist, hatte ich mich mit dem Verlag … na ja, sagen wir, wir hatten den Kontakt verloren. Er hat sich nicht mehr gemeldet. Lag wahrscheinlich an gewissen Differenzen, die wir hatten, was politische Ansichten anbelangt.
Und dann ergab es sich einfach, ich hatte ’nen Schwung Autoren, aber keinen Verlag mehr, und dachte dann, na gut, machen wir es halt selber. Ich hatte davor schon mal ein Fanzine herausgegeben, von daher war das nicht ganz blauäugig. Nur zwei Drittel blauäugig.

_Sven Ollermann:_
Der Verlag soll aber schon weiterhin in der literarischen Landschaft agieren, oder würdest du den einstampfen, wenn du irgendwo bei einem großen Verlag mit deinen Sachen unterkommst?

_Boris Koch:_
Nee, eingestampft auf keinen Fall. Das ist ja nicht ausschließlich ein Verlag für meine Bücher, es sind zwar welche von mir dabei, aber ein Großteil sind ja andere Autoren. Es ist ja auch eine andere Arbeit. Ich kann mir da Umstrukturierungen vorstellen, klar. Aber das hat nichts mit meinem Schreiben zu tun. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich überhaupt nichts Phantastisches über Jahre schreibe, aber der Verlag ist halt einer, der nur Phantastik rausbringt, also das ist inhaltlich eine komplette Unterscheidung.

_Sven Ollermann:_
Das heißt, die Verlagsarbeit ist auch durchaus neben der Schreiberei wichtig für dich?

_Boris Koch:_
Ja.

_Sven Ollermann:_
Und bei dir, Christian, du hast, wie ich neulich festgestellt habe, auch einen kleinen Verlag, um so schreiben zu können, wie du das gerne möchtest.

_Christian von Aster:_
Ich hab damals … Ich bin nicht mit so viel Geduld gesegnet wie andere Autoren. Mitunter, wenn man an zehn oder zwanzig Verlage was schickt – und ich habe damals halt geschickt und keine positive Antwort bekommen. Mein Ego wollte das halt nicht so auf sich sitzen lassen und da hab ich eben angefangen, meine Sachen selber zu veröffentlichen. So ab und zu mach ich auch manchmal eine – wie heißt das – eine Anthologie. Und hab da dann manchmal seltsame Ideen, was man da so machen könnte. Aber vor allem ist es ausschlaggebend, dass ich schreiben kann, was ich will und wie ich es will. Darum veröffentliche ich eben auch von Kinderbüchern über Science-Fiction bis zu Horror, und solche Sachen, die man nirgendwo kategorisieren kann. Ähnlich wie Ubooks, aber anders. Also, es ist die Freiheit, alles so machen zu können, wie ich es will.

_Sven Ollermann:_
Auch mit der Gefahr, dass du es dann nicht absetzen kannst?

_Christian von Aster:_
Das Gros meiner Einkünfte kommt ja tatsächlich über die Lesungen. Eine Mischung aus Kabarett und Literatur. Dadurch passiert sehr viel. Auf den Lesungen setze ich halt eben auch einige Bücher ab. Ist eine Nische. Heutzutage musst du mit einem Verlag entweder groß sein oder eine Nische bedienen. Das, was Boris meines Erachtens auch macht, und was ich mache, sind kleine Verlage, aber Boris ist professioneller. Ich möchte mir nicht immer so viel Stress mit den Büchern machen, deshalb mach ich auch immer so understatement designs.

_Sven Ollermann:_
Wobei, wenn man an das Trollbuch zurückdenkt oder das Koboltikum …

_Christian von Aster:_
Solche Sachen sind was Besonderes, was zwischendurch passiert. Wenn du ein Buch mit Schieferplatten als Cover oder mit gebeiztem Holz machst, oder so …

_Markolf Hoffmann:_
Wie wär’s mal mit Wurstscheiben? |(lacht)|

_Christian von Aster:_
Brotscheiben, nicht Wurst. Wenn man die vernünftig imprägnieren kann, wäre Brot eigentlich gar nicht falsch. So Knäckebrot …
Na ja, die Trollbücher müssen jetzt verteufelt fertig werden. Wir werden in der Schweiz in einer Höhle lesen, mit Trollmusik und einer Geschichtenerzählerin und mit mir, und da muss ich natürlich einige Bücher mitnehmen. Hauptsache ist, ich kann machen, was ich will. Für mich ist es einfach ein Austoben, der Verlag ist nicht auf Expansion ausgelegt, es reicht, wenn er sich selbst trägt und mir meine Miete zahlt. Und dann darf man ja nicht vergessen, diese Lesungsdinger sind ja nicht zu unterschätzen, es gibt ja auch sehr große Aktionen, so wie zum Beispiel das WGT, wo ich dann halt vor tausend Leuten innerhalb von drei Tagen lese. Und da verkauft man dann schon zwei Bücher. Es funktioniert halt anders, es ist eine Nische und es ist anstrengender Scheiß, aber es ist gut für mich.

_Sven Ollermann:_
Markolf – großer Verlag. Wo liegen die Vorteile bzw. Nachteile gegenüber dem, was deine Herren Kollegen gerade erzählt haben?

_Markolf Hoffmann:_
Die Vorteile liegen auf der Hand: Man steht in den Buchläden, man verdient eine feste Summe, der Verlag kümmert sich natürlich um Werbung, etc. – mal mehr, mal weniger. Der Nachteil ist, es reden dir natürlich sehr viele andere mit rein. Man muss um Seitenzahlen kämpfen, man ärgert sich über Cover, die einem nicht passen, man hat Abgabetermine, die mehr oder weniger unumstößlich sind. Man ist halt nicht so frei wie die Kollegen.

_Boris Koch:_
Aber auch bei den kleinen Verlagen hast du halbwegs Abgabetermine, die du einhalten solltest, die dich fordern, weil … du hast ja auch einen Abgabetermin für deine Miete.

_Sven Ollermann:_
Du würdest also auch definitiv bei den großen Verlagen bleiben wollen und nicht in einem kleinen Verlag rumwuseln, wenn dir die großen eine Absage erteilen?

_Markolf Hoffmann:_
Also erstmal, wenn man in einem großen Verlag veröffentlicht, dann finde ich das schön und gut, hat wie gesagt auch viele Vorteile, und ich bin froh, diesen Schritt so problemlos geschafft zu haben. Gleich im ersten Anlauf, was ja schon ungewöhnlich ist. Da hab ich verdammt viel Glück gehabt. Es schließt sich ja nicht aus, auch in Kleinverlagen zu veröffentlichen. Ich hab jetzt auch schon einen Text für eine Anthologie geschrieben, die erscheint in einem kleinen Verlag, der neu gegründet wurde. In den „Arkham-Reiseführer“ hat Christian mich hineingeschmuggelt. So etwas wie Anthologien machen große Verlage ja eigentlich gar nicht, oder es läuft unter ganz obskuren Bedingungen ab. Das ist eine Nische, die kleine Verlage haben und das finde ich auch sehr wichtig. Zum Glück habe ich ja Kontakt zu meinen beiden Stirnhirn-Kollegen – ich wuchere buchstäblich aus der großen Verlagswelt in die kleine Verlagswelt hinein. Eine ganz perfide Strategie.

_Sven Ollermann:_
Schlagen wir mal eine kleine Brücke zwischen StirnhirnHinterZimmer und Verlag. Wie sieht das aus, habt ihr vor, was zu veröffentlichen?

_Boris Koch:_
Ist in Planung, wird kommen.

_Christian von Aster:_
Wird kommen. Das ist eine gute Aussage.

_Markolf Hoffmann:_
Muss kommen.

_Sven Ollermann:_
Großer Verlag oder kleiner Verlag?

_Boris Koch:_
Werden wir sehen.

_Markolf Hoffmann:_
Du siehst, wir machen den Eindruck, das Feuer unter dem Kessel zu schüren.

_Christian von Aster:_
Genau, es wird ein beeindruckendes Buch. Es wird groß, phantastisch.

_Markolf Hoffmann:_
Es wird wirklich ein „Best of“ im besten Sinne des Wortes.

_Sven Ollermann:_
So, dann ist jetzt noch ein bisschen Platz für Werbung und eigene Worte an die Leser. Christian?

_Christian von Aster:_
StirnhirnHinterZimmer rockt. Prima. Was für Kinder und Eltern. Spaß für die ganze Familie.

_Markolf Hoffmann:_
Also, mein Werbespruch wäre: StirnhirnHinterZimmer – kommt vorbei, sonst kommt es zu euch.

_Boris Koch:_
Noch mehr Werbung muss nicht sein. Aber hätte irgendwer dort draußen Lust, einmal im Monat zum Saubermachen vorbeizukommen? Die Stirnhirnbrösel treten sich sonst in den Teppich.

[Christian von Aster]http://www.vonaster.de
[Boris Koch]http://www.boriskoch.de
[Markolf Hoffmann]http://www.nebelriss.de
[StirnhirnHinterZimmer]http://www.stirnhirnhinterzimmer.de

Matthews, John – Celtic Totem (Eine Reise zu den keltischen Totemtieren)

Schamanen und ihre Krafttiere umwittern seit je her fantastische Geschichten, Sagen und Märchen, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Während die Totemtiere in früheren Zeiten zum alltäglichen Leben gehörten, haben wir sie heutzutage weitestgehend aus unserer Welt verbannt. John Matthews öffnet mit seinem Buch „Celtic Totem“ das Tor zu unseren germanischen Wurzeln und schildert auf eindrückliche Weise, welchen Stellenwert die Tiere als Wegbegleiter, Ratgeber und Verbündete für unsere Vorfahren hatten.

_Über den Autor_

John Matthews lebt in Oxford und verdient seinen Lebensunterhalt als freischaffender Autor. Der frühere Bibliothekar hat einige herausragende Bücher über |König Artus|, den |Heiligen Gral| und die |keltische Mythologie| verfasst.

Seit vier Dekaden ergründet er die weltweite Geschichte des Schamanismus in Theorie und Praxis und gilt als internationaler Experte auf den Gebieten keltische Tradition und Schamanismus. Sein offener Umgang mit den verschiedensten Ausprägungen – seien es die Lehren des |Don Juan Matus| oder der Inuit, sibirische Schamanen oder die vorchristlichen Priester der Britischen Inseln – eröffnete ihm neben einem großen Wissensschatz auch interessante spirituelle Erkenntnisse. 1992 gründete er zusammen mit Felicity Wombwell und seiner Frau Caitlín die |Foundation for Inspirational and Oracular Studies| [(FiOS),]http://www.hallowquest.org.uk/fiosframe.htm die sich der Wiederbelebung der alten Traditionen verschrieben hat.

_Einführung, Geschichten und Praxis_

Der [Arun-Verlag]http://www.arun-verlag.de/ verwöhnt den geneigten Leser mit einem kleinen Schamanismus-Set, in dem neben dem Buch auch eine |Trommel-CD| und 20 |Tier-Karten| enthalten sind. So kann jeder, der sich von diesem Buch inspiriert fühlt, sogleich ans Werk gehen und seine eigene schamanische Reise antreten.

Im ersten Teil des Buches entführt John Matthews den Leser in vergangene Zeiten, und schlägt einen Bogen von den Tierhelfern, die sich in den Namen zahlreicher Stämme wiederfinden, über die „Gestaltwandlung“ der Schamanen bis hin zur sinnbildlichen Wiedergeburt und Seelenwanderung. Er stellt Geschichte und Religion unserer keltischen Vorfahren vor und führt den Leser behutsam an das Thema heran. Seine differenzierte Sichtweise und der strukturierte Aufbau lassen kaum einen Zweifel am historischen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen. Zudem bereichert Matthews seine Einführung mit einigen Textauszügen aus althergebrachten Geschichten.

Der zweite Teil des Buches beherbergt neun klassische keltische Erzählungen. John Matthews sieht sich in der Tradition der alten keltischen Barden und ist bemüht, den Leser mittels dieser Geschichten eigene Erfahrungen mit der Welt der keltischen Totem-Tieren machen zu lassen. Er hat sie aus den wenigen Fragmenten der alten Überlieferungen zusammengestellt und sie in eine der heutigen Zeit entsprechende Sprache übertragen, ohne die mythische, balladeske Stimmung der Erzählungen aus den Augen zu verlieren. Unter anderem finden sich dort |“Die Geschichte des Taliesin“|, in der sich der walisische Seher Taliesin mittels unterschiedlicher Verwandlungen der Verfolgung durch die Göttin Ceridwen zu entziehen sucht, wie auch |“Die Suche nach Mabon“|, eine der wohl ältesten überlieferten Geschichten aus dem Sagenkreis um König Artus. Einige der Geschichten hat Matthews um Fragmente anderer überlieferter Erzählungen erweitert, um dem Leser zum einen Sachverhalte zu verdeutlichen und andererseits Verwirrungen zu ersparen. Am Ende einer jeden Geschichte geht der Autor noch einmal kurz auf die zentralen Elemente ein und belegt etwaige Veränderungen in den Geschichten mit den dazugehörigen Quellenverweisen.

Das Buch endet mit einem kleinen Praxis-Kapitel und einer eingehenden Erläuterung der einzelnen Totem-Tiere. In diesem letzten Teil eröffnet John Matthews seinen Lesern den Weg zur eigenen schamanischen Reise, um auch in der heutigen Zeit die Kraft und das Wissen der Totem-Tiere spüren und nutzen zu können. Neben einigen Wegweisern und Tipps für eine solche Trance-Reise ist noch genug Platz für eine kurze Einführung in die Handhabung der Tier-Orakel-Karten.

_Die Trommel als Reisebegleiter_

Dem Buch liegt die CD „Schamanisches Trommeln“ von John und Caitlín Matthews bei. Sie enthält drei Trommelsequenzen (Single & Double Drumming), die den Reisenden in eine leichte Trance singen und ihn so in die Anderswelt, das eigene Unbewusste, geleiten. Die Stücke wurden mit einer |Double-headed Sea Drum| und einer |irischen Bodhran| eingespielt. Diese CD hält auch dem Vergleich mit Michael Harners „Shamanic Drumming“, dem Standardwerk für schamanische Reisen, stand.

Track 1: Einzelne Trommel (20 min)
Track 2: Zwei Trommeln (20 min)
Track 3: Einzelne Trommel (30 min)

_Auf dem Pfad des Schamanen_

John Matthews zeigt in seinem Buch, dass Schamanismus nicht immer exotisch und fern ab unserer westlichen Kultur angesiedelt sein muss. Auch in der heutigen Zeit können wir etwas von der Magie der Totemtiere in unseren Alltag einfließen lassen. „Celtic Totem“ ist weit mehr als eine der unzähligen esoterischen Veröffentlichungen zum Thema Schamanismus, es ist ein gelungener Einstieg in den |keltischen Schamanismus| und macht Lust auf mehr. Ich wünsche allen Neugierigen eine gute Reise.

|Originaltitel: Celtic Totem Animals
144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, mit CD und 20 Orakelkarten
Format: 17,0 x 24,0 cm|

StirnhirnhinterZimmer

All jenen geneigten Lesern, die sich nun verwundert fragen, was dieses StirnhirnhinterZimmer sein mag, möchte ich anfangs ein paar einleitende Zeilen aus der gleichnamigen Präsentation in den Weiten des Netzes an die Hand geben:

|“Das StirnhirnhinterZimmer ist eine regelmäßige Lesereihe, die sich der phantastischen Literatur in ihren verschiedenen Ausprägungen widmet. Im Zentrum der Veranstaltung stehen Fantasy, Science Fiction, Märchen, Unheimliches und Groteske gleichberechtigt nebeneinander, um an jedem zweiten Donnerstag des Monats unter einem bestimmten Thema zum Vortrag gebracht zu werden.(…)“

„Ein Raum jenseits der tristen Korridore des Alltags. Ein Raum voller Fabelwesen, furchtsamer Weltraumpioniere, machttrunkener Dämonenfürsten (…) Ein Raum der Phantastik in all ihren Spielarten, präsentiert und imaginiert von drei jungen Berliner Autoren.“|

http://www.stirnhirnhinterzimmer.de

Bei meinem letzten Berlinbesuch kam ich nun endlich in den Genuss einer Visite im StirnhirnhinterZimmer, in dem sich die drei Berliner Autoren _Markolf Hoffmann_, _Christian von Aster_ und _Boris Koch_ das erste Stelldichein des Jahres 2006 gaben. In überschwänglicher Vorfreude kamen wir viel zu früh an der Z-Bar (Bergstraße 2, Berlin-Mitte) an. Nach kurzer Wartezeit, die wir uns mit einem kleinen Gaumenschmeichler vertrieben, öffneten dann auch gegen 20:30 die Tore des StirnhirnhinterZimmers, welches an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Getreu dem Abendmotto „Hinab ins Dunkle“ kamen die drei Protagonisten und Gastgeber polternd und fluchend aus den dunklen Kellergewölben der Z-Bar, in denen sie nach eigenen Angaben die letzten Tage des Schaffens verbrachten. Markolf Hoffmannn eröffnete den Abend mit seiner Geschichte „Ego Shooter“, in der er sich in die trostlose und verwinkelte Welt eines solchen Computerspiels versetzte und dem Auditorium einige interessante Gedanken des bedauernswerten Protagonisten offenbarte, der bar jeder Erinnerung an sein früheres Leben erwacht und sich in einer todbringenden Umgebung wiederfindet. Schon bald wurde klar, dass er dieses Labyrinth am liebsten wieder verließe, in das ihn der menschliche Spieler, einer Marionette gleich, eingesperrt hatte. Christian von Aster konterte mit dem „Schattenbastard“ und Boris Koch eröffnete den Gästen tiefe Einblicke in den „Keller“, der einem trauernden Witwer zur Zuflucht und seinem Sohn zu einem Ort unbeschreiblichen Grauens wurde. Von Aster ließ den ersten Teil dieses schaurigen Abends mit seinen „Schrankaffen“ ausklingen, einer Kriminalgeschichte, in der sich ein englischer Kleinkrimineller mit den Machenschaften eines irren Wissenschaftlers konfrontiert sieht, die ihn in ein moralisches Dilemma stürzen.

In der nun folgenden kurzen Pause ergab sich die Möglichkeit, mit den Autoren ein kleines Schwätzchen zu halten, sich mit neuen Getränken zu versorgen oder einfach nur das soeben Gehörte sacken zu lassen.

Den zweiten Teil des Abends eröffnete Koch mit zwei neuen |urban legends|, „Jäger mit Promille“ und „Die Waffen einer Frau“. In „Jäger mit Promille“ berichtete er von den grotesken Versuchen eines alkoholisierten Waidmanns, sich eines unliebsamen Nagers zu entledigen. Die Stimmung im Saal war ausgesprochen heiter und ausgelassen, so dass auch die folgenden Geschichten, die sich eher der Groteske zuwandten, als dass sie wirklich schauriger Natur waren, beim Auditorium auf freudige Zustimmung trafen. Als nächstes geleitete Boris Koch uns in das literarische B-Movie „Giftangriff aus dem All“, in dem bösartige Aliens die Menschheit mittels vergammelter Imbissspeisen zu vernichten drohen. Markolf Hoffmann gab seinen „Brandbrief“ zum Besten und eröffnete den Zuhörern Einblicke in die obskuren Folgen eines Partyflirts. Christian von Aster erläuterte den Anwesenden die Vorteile einer Zwangssiamesierung mit seinem „Informationsblatt der Überlingen-Stiftung“ und schloss den Abend mit einer gelungenen Darbietung von „Sexuelle Identität: Krise, Konsequenz und Kompromiss“ in deren Verlauf er der Zuhörerschaft anhand einiger archetypischer Beispiele die sexuelle Psyche des Menschen erklärte. Zu guter Letzt wurde noch das Thema des nächsten StirnhirnhinterZimmers bestimmt, wobei sich Boris Koch eigenmächtig der Meinung des Auditoriums bediente. Am 09.02.2006 heißt es dann „Schweinekalt“.

Und so entließen die drei Gastgeber ihre Gäste dann aus den Fängen des StirnhirnhinterZimmers und wünschten uns noch einen angenehmen Abend. Natürlich standen sie auch noch für Gespräche, Anregungen und Feedback zur Verfügung und erfreuten sich ebenso des gelungenen Abends wie ihr Publikum.

Wer Spaß an experimentierfreudiger, junger Literatur hat und einen Besuch in Berlin einrichten kann, dem sei das StirnhirnhinterZimmer wärmstens ans Herz gelegt. Der frische Vortragsstil der drei Autoren wie auch ihr Ideenreichtum lassen einen Abend in ihrer Obhut zu einem ganz besonderen Ereignis werden. Und auch, wenn die Bestuhlung eigentlich nur ca. 30 Leute vorsieht, so lassen sich sicherlich noch einige Stühle organisieren, wenn der eine oder andere Gast mehr an die Tore des StirnhirnhinterZimmers klopft. Wenn ich euer Interesse geweckt habe und ihr mehr über das StirnhirnhinterZimmer und seine Gastgeber erfahren wollt, dann schaut doch einfach mal auf der [Website]http://www.stirnhirnhinterzimmer.de vorbei.

|© Foto: Nadja Ritter|

Taylor, Stephen B. / Lueg, Lars Peter – Gruselmärchen mit Alptraumgarantie

|“Wie kommt man in der heutigen Zeit dazu, alptraumhafte Gruselmärchen zu schreiben?
Die Antwort liegt auf der Hand!
Nichts ist so fesselnd wie die pure Angst, die ein jeder Mensch auch heute noch in sich trägt. (…)“| (Lars Peter Lueg)

Und so verfassten Stephen B. Taylor und Lars Peter Lueg ihr erstes Hörbuch. Es entstand ein _“Gruselmärchen mit Alptraumgarantie“_ – vielmehr sieben an der Zahl, die geeint zu einer schaurigen Geschichte in diesem Hörbuch vertreten sind.

In einer Unwetternacht verunglückt ein junger Schriftsteller in einer abgelegenen, ländlichen Gegend mit dem Auto. Er entdeckt ein einsames Haus in der Nähe des Waldes, dessen Fenster hell erleuchtet sind. Dem jungen Autor scheint das Glück hold, gewährt ihm der Herr des Hauses doch Zuflucht am warmen Kamin und bietet ihm sogar an, ihn am folgenden Morgen mit in die Stadt zu nehmen. Dankbar ob der Gastlichkeit erklärt unser Gestrandeter sich bereit, aus seinem Manuskript vorzulesen – sechs schaurige Märchen hat er zusammengetragen, doch das siebente, welches ihm sein Gastgeber im Morgengrauen erzählt, wird sein ganzes Leben verändern …

_|Grusel| und |Märchen| – wie das wohl zusammenpasst?_

|Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ír nu wunder hœren sagen.|
Aus: Der Nibelunge Not (um 1200)

Hier gilt es wohl, zunächst ein wenig erklärend auszuholen: Das Wort Märchen ist ein Diminutiv zu dem heute veralteten Nomen |Mär| oder |Märe| (‚Kunde‘ oder ‚Nachricht‘) und wurde bis ins 19. Jahrhundert in der Bedeutung von ‚kleine Erzählung‘, aber auch im Sinne von ‚Gerücht‘ gebraucht. Der Wortstamm lässt sich jedoch bis zu den alten Germanen zurückverfolgen, deren Adjektiv |mar| so viel bedeutete wie ‚groß‘, ‚bedeutend‘, ‚berühmt‘. Im Alt- und Mittelhochdeutschen finden wir die Verben |maren| (ahd.) und |mæren| (mhd.), die man mit ‚verkünden‘ oder ‚rühmen‘ übersetzen kann.

Märchen sind frei erfundene kürzere Geschichten, die zumeist von wunderbaren Begebenheiten erzählen. Sie haben üblicherweise keinen direkten Bezug zu historischen Ereignissen, Orten oder Personen und sind zeitlich nicht festgelegt, wodurch sie sich von Sagen und Legenden unterscheiden. Das phantastische Element tritt in Form von sprechenden Tieren, verwunschenen Menschen in Tier- oder Pflanzengestalt, Hexen und Zauberern, Zwergen, Riesen oder Fabelwesen (Drachen, Einhörner etc.) in Erscheinung. Inhaltlich steht in der Regel eine heldenhafte Gestalt im Mittelpunkt, die sich mit natürlichen und übernatürlichen Ausprägungen des Guten wie auch des Bösen auseinandersetzen muss, um mit Herz und Geschick einem glücklichen Ausgang des Märchens entgegenzustreben. Diese Hauptfigur wird stets so beschrieben, dass die Zuhörerschaft sich mit ihr zu identifizieren vermag.

Alle volkstümlichen Märchen bedienen sich einer einfachen, eindimensionalen Erzählform, die es ermöglichte, die Geschichten von Generation zu Generation weiterzugeben. In vielen Märchen finden sich daher Sprichwörter und Redensarten.

Märchenhafte Erzählungen finden sich bei allen Völkern und waren ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Ausprägung. Wie alt Märchen tatsächlich sind, ist jedoch nicht geklärt.

Nun mag mancher denken, |Ich kenne die Kindermärchen der Gebrüder Grimm, die waren doch nicht gruselig, da hat immer das Gute gesiegt!|, und soweit es Kindermärchen betrifft, ist das wohl auch richtig, enden die meisten doch mit dem Satz |“Und so lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.“| oder |“Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“|. Diese Kindermärchen sind jedoch nur ein geringer Teil der Volksweisen, die überliefert wurden. Viele Märchen richteten sich an Heranwachsende und Erwachsene und dienten – neben einer vielleicht zu übermittelnden Botschaft – überwiegend der Geselligkeit.

Und so ist es in der heutigen Zeit kaum verwunderlich, dass auch das |Grauen| in einigen neueren Märchen seinen Platz findet. Während die klassischen Gespenstergeschichten eher den Mythen oder Legenden zuzuordnen sind, kann man die kurzen Geschichten eines H. P. Lovecraft durchaus als moderne Horror-Märchen bezeichnen.

_Gebrüder Grimm goes Horror_

Inspiriert von einer Originalausgabe der |Grimmschen Kinder- und Hausmärchen| aus dem Jahre 1812 kam Stephen B. Taylor (mit bürgerlichem Namen Steffen Schneider) die Idee zu diesem „Gruselmärchen mit Alptraumgarantie“. Für die Umsetzung stieg er tief hinab in die Katakomben seines Selbst, um dort die verborgenen Ängste zu ergründen und ans Tageslicht zu bringen. Zur besseren ‚Vorlesbarkeit‘ überarbeitete Lars Peter Lueg zusammen mit Stéphane Bittoun die Texte noch einmal und übernahm neben der Produktion auch die Regie. Die durchweg passende musikalische Untermalung stammt von den |Mountain Birds|.

Mit diesem Debüt-Werk, das im Herbst/Winter 2001 auf den Markt kam, fiel der Startschuss zu einer Reihe außergewöhnlicher Horror-Hörbücher aus der Schmiede von |LPL records|. Lars Peter Lueg wählt die Geschichten persönlich aus und sorgt für die notwendige dramaturgische Aufbereitung. Während er in den folgenden Jahren Oliver Rohrbeck, Sven Hasper und Frank Gustavus für die Regie verpflichtete, übernimmt er seit 2004 wieder selbst das Steuer.

_Eine Stimme, als käme sie direkt aus dem Fegefeuer_

Zum größten Teil verzaubert Stéphane Bittoun das Publikum und entführt die Hörerschaft in eine Welt des Grauens und der Angst. Dem |Gastgeber| jedoch leiht Lars Peter Lueg höchstpersönlich seine Stimme. Auf die Frage, wie es zu dieser Besetzung kam, antwortete LPL in einem Interview: |“Ich war schon für den Hessischen Rundfunk als Sprecher tätig, aber noch nie als Schauspieler! Aus Kostengründen war es uns einfach nicht möglich eine(n) weiteren Sprecher(in) zu engagieren. Daher musste ich einspringen. Da aber meine Stimme klingt, als käme sie direkt aus dem Fegefeuer war die Besetzung doch recht gelungen. Es hat sich jedenfalls noch niemand beschwert. ;-)“|
Dem habe ich nichts entgegenzusetzen, denn Anlass zu Beschwerden birgt dieses Hörbuch in keiner Weise. Ausgenommen vielleicht einer schlaflosen Nacht, wenn eine zart besaitete Seele dieses Märchen kurz vor dem Schlafengehen zu hören wünscht.

|Stéphane Bittoun| (geboren am 12. Februar 1970) ist seit 1997 für Rundfunk, TV und Film tätig. Neben Regie und Schauspielerei begeistert er sich auch für das Erzählen spannender und lebendiger Geschichten. Mit viel Liebe kleidet er sich in die verschiedenen Rollen und haucht ihnen Leben ein. Seine deutsch-französische Herkunft eröffnet ihm viele Möglichkeiten und so arbeitet er unter anderem für schauspielfrankfurt, ARTE, den Hessischen Rundfunk und das ZDF.

Lars Peter Lueg lebt und arbeitet in einem kleinen hessischen Dorf an der |Deutschen Märchenstraße|. Dort hört er „die verlorenen Seelen in der Ferne schreien, wenn der Wind des Nachts über die Dächer streicht.“ Nach erfolgreichen Jahren als Freier Mitarbeiter beim HR, Tourmanager und Musikproduzent entschied sich LPL letztendlich, die Menschen das Fürchten zu lehren und verzaubert uns seither mit seiner „Gänsehaut für die Ohren“.

Ich komme nicht umhin: Dieses Gruselmärchen wirkt wie eine gelungene Synthese aus alten Mären und dem subtilen Grauen eines H.P. Lovecraft. Zu guter Letzt bleibt mir nur noch, euch einen schaurigen Hörgenuss zu wünschen.

_CD1_
Der Anfang |(03:09)|
Eine Nacht auf dem See |(16:13)|
Der Trank |(16:14)|
Gevatter Tod |(24:24)|

_CD2_
Drei Uhr |(00:30)|
Frisches Fleisch |(14:01)|
Bruder Lukas |(17:49)|
Furcht |(36:25)|
Das Ende |(03:07)|

Interview mit Markolf Hoffmann

|Vor ein paar Monaten überraschte mich der Berliner Autor Markolf Hoffmann mit seinem Debüt-Roman [„Nebelriss“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=473 Anlässlich der Veröffentlichung seines zweiten Romans „Flammenbucht“ am 28.10.2004 habe ich mich letztes Wochenende nach Berlin aufgemacht, um den jungen Mann einmal persönlich kennen zu lernen.|

_Sven Ollermann:_
Moin Markolf, schön, dass du dir ein bisschen Zeit genommen hast. Stell dich unseren Lesern doch bitte einmal vor.

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin der Autor von „Nebelriss“ und dem Nachfolger „Flammenbucht“. Ich studiere in Berlin Geschichte und Literaturwissenschaften und habe vor einigen Jahren damit begonnen, ernsthaft an meiner Schriftstellerkarriere zu arbeiten. Damals habe ich angefangen, „Nebelriss“ zu schreiben. Auch in Zukunft möchte ich weiter als Schriftsteller arbeiten.

_Sven Ollermann:_
Du hast ja schon in deiner Schulzeit geschrieben und auch Preise bei Literaturwettbewerben gewonnen, unter anderem den ersten Preis beim Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg mit der Geschichte „Haktars Schweigen“. Wie bist du damals zum Schreiben gekommen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe schon als Kind angefangen zu schreiben und meiner Mutter, die mich sehr gefördert und mir die Literatur nahe gebracht hat, erste Bildergeschichten diktiert. Das hat sich dann immer weiter entwickelt. Am Anfang habe ich für mich geschrieben; Kurzgeschichten oder Gedichte, die ich zu Weihnachten an Verwandte geschickt habe. Mit 16 oder 17 habe ich dann ernsthaft darüber nachgedacht, Autor zu werden und das Schreiben professionell zu betreiben. Später habe an einigen Literaturwettbewerben teilgenommen, wo ich dann meine ersten Erfolge mit Kurzgeschichten hatte. Damit war klar, in welche Richtung mein Weg führt.

_Sven Ollermann:_
Wie stehst du zu der literarischen Bildung in der Schule; sollte der Schwerpunkt weiterhin bei den Klassikern liegen – Kafka, Goethe, etc. – oder sollten die Lehrer dazu übergehen, auch neuere Literatur in der Schule zu lesen? Zum Beispiel auch den „Nebelriss“?

_Markolf Hoffmann:_
Es wäre natürlich schön, wenn „Nebelriss“ in den nächsten Jahren in den Oberstufenseminaren gelesen würde. Ich glaube schon, dass Klassiker sehr wichtig sind und für die deutsche Sprache, die Literatur und Kultur einen wichtigen Beitrag leisten; die Frage ist nur, ob die Beschäftigung mit einigen Werken in der Schule nicht vielleicht zu früh erfolgt. Ich bin sehr dafür, auch zeitgenössische Literatur stärker ins Auge zu fassen, gerade um junge Leute an Literatur heranzuführen. Für einige Klassiker muss man als Leser vielleicht noch etwas reifen. Ich kann heute mit Goethe sehr viel mehr anfangen als zu Schulzeiten.

_Sven Ollermann:_
Wie war das bei euch, habt ihr auch zeitgenössische Literatur gelesen oder wie üblich nur die Klassiker?

_Markolf Hoffmann:_
Bei uns wurden eigentlich fast nur Klassiker gelesen. Die einzige Ausnahme, an die ich mich erinnere, war „Schlafes Bruder“, was in meinen Augen allerdings kein sonderlich interessantes Buch ist. Die Lehrer haben einfach zu wenig Ahnung von zeitgenössischer Literatur. Es gibt verschiedene Genres, die man beachten könnte, man sollte da in meinen Augen noch viel tun.

_Sven Ollermann:_
Stichwort Lehrerausbildung. Die Literaturwissenschaften gehören ja neben Germanistik auch zu den Studienfächern eines Deutschlehrers; wie sieht das an der Uni aus, geht es da überwiegend um die ältere Literatur oder werden auch Seminare zur neueren Literatur angeboten?

_Markolf Hoffmann:_
Es gibt Seminare zur neueren Literatur, die werden aber eher stiefmütterlich behandelt. Nur wenige Professoren setzen sich damit auseinander, auch von den Studenten kommt eindeutig zu wenig, obwohl Interesse durchaus vorhanden ist. Es setzt sich also fort: An der Universität wird zu wenig zeitgenössische Literatur behandelt, dementsprechend lernen die angehenden Lehrer zu wenig darüber, und das landet dann letztendlich bei den Schülern.

_Sven Ollermann:_
Du experimentierst sehr gerne mit der deutschen Sprache, das sieht man auch an deinem Roman „Nebelriss“, der literarisch durchaus anspruchsvoll ist. Gibt es irgendeinen Schriftsteller, der dich inspiriert hat, oder wie kommt es dazu, dass du die deutsche Sprache so wichtig nimmst?

_Markolf Hoffmann:_
Ich kann nicht sagen, dass mich ein einzelner Autor besonders beeinflusst hat. Ich selbst lege sehr viel Wert auf Sprache und Stil, wenn ich Literatur lese. Das versuche ich dann auch in meinen Romanen umzusetzen, wobei ich in Zukunft gerne noch mehr experimentieren würde. An sich bin ich ein großer Freund experimenteller Literatur – ob die Werke von Burroughs oder James Joyce oder die Romane des ostdeutschen Autors Reinhard Jirgl. Das sind alles Leute, die mir Mut geben, mich weiter an der Sprache zu versuchen und zu experimentieren. Ich denke, da bin ich auch erst am Anfang. Ich kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen und an die Leser weitergeben.

_Sven Ollermann:_
Dann können wir ja auf deine nächsten Werke gespannt sein. Welches Buch liest du gerade?

_Markolf Hoffmann:_
Zur Zeit lese ich Umberto Ecos „Baudolino“. Ich habe noch nicht viel von Eco gelesen, aber dieser Roman beeindruckt mich sehr und ist wirklich spannend.

_Sven Ollermann:_
Du liest also durchaus auch historische Romane?

_Markolf Hoffmann:_
Ich muss sagen, ich lese bunt gemischt, nicht nur Fantasy, sondern vor allem zeitgenössische Bücher oder Klassiker. Neulich habe ich z. B. voller Begeisterung Flaubert verschlungen. Eigentlich gibt es immer irgendwas, das mich gerade packt, und dann lese ich ziemlich viel von dem betreffenden Autor. Jetzt habe ich sozusagen meine Eco-Phase.

_Sven Ollermann:_
Kommen wir zu deinem neuen Roman. Kannst du ein bisschen was über „Flammenbucht“ erzählen?

_Markolf Hoffmann:_
„Flammenbucht“ ist die Fortsetzung von „Nebelriss“, ich versuche die Geschichte weiterzuspinnen und ihr auch ganz neue Richtungen zu geben. Hm, lass mich mal kurz nachdenken; gar nicht so einfach, wie fasst man einen so komplexen Roman schnell zusammen?

_Sven Ollermann:_
Okay, Baniter wird ja Arphat wieder verlassen und zurück nach Sithar reisen; wie stehen die Chancen für das Bündnis? Seine Rückkehr wird das Gespann sicherlich überraschen, was hat er zu erwarten?

_Markolf Hoffmann:_
Die Ereignisse überschlagen sich. Als Baniter zurückkommt, erwartet ihn ein Haufen neuer Probleme. Er stellt zum Beispiel fest, dass der Kaiser verschwunden ist und sich die Situation im silbernen Kreis weiter zugespitzt hat. Mit Baniters Rückkehr wird in Thax nicht wirklich gerechnet. Gleichzeitig gerät die Lage im Kaiserreich Sithar außer Kontrolle. Der neue Hohepriester Nhordukael sorgt für Überraschungen, als er die Hauptstadt einnimmt und dem Erdboden gleichmacht. Letzten Endes muss sich Baniter zu einem Waffenstillstand mit seinen einstigen Konkurrenten durchringen, und dieses fragile Bündnis wird für einige Spannung sorgen.
Ein weiterer Handlungsstrang, der in eine ganz andere Richtung geht, behandelt die Reise des düsteren Zauberers Rumos in das Silbermeer. Hier werde ich zwei neue, etwas hellere Charaktere einführen, nämlich einen troublinischen Großmerkanten und seinen Leibdiener, die Rumos auf seinem Weg begleiten. Die Geschichte verlagert sich hierbei ins Silbermeer, und somit rücken ganz neue Gegenden des Welt Gharax in den Mittelpunkt.

_Sven Ollermann:_
Eine Sache interessiert mich brennend: Warum musste in deinem Roman ein Plätzchen für Magie eingeräumt werden? Fantasy und Magie sind zwei Elemente, die man gemeinhin gerne zusammenfasst. Schaut man sich aber zum Beispiel die „Gezeitenwelt“ an, so findet man diese fantastische Form von Magie einfach nicht. Hast du dich privat mal mit dem Thema beschäftigt oder ist die Magie eher ein Standard-Klischee?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe am Anfang lange darüber nachgedacht, welche Rolle Magie in dieser Trilogie spielen soll. Ich selbst habe mich während des Studiums aus Interesse mit antiker, vor allem spätantiker und ägyptischer Magie beschäftigt. Mich interessiert dabei vor allem die Schnittstelle zwischen Religion und Magie, dass z. B. die Auseinandersetzung mit Magie in der Antike letzten Endes ein Umgang mit den Göttern war und eine stärkere religiöse Konnotation hatte, als dies heute wahrgenommen wird. Mit diesem Thema wollte ich mich auseinandersetzen. Religion spielt deshalb eine große Rolle im „Nebelriss“ und zwar eine durchaus kritische. Mich interessierte die Frage: Wie erlangen Menschen mit Hilfe von Religion und Magie Macht über andere Menschen? Und wie gehen diese damit um?

_Sven Ollermann:_
Wo wir gerade ins Magische abdriften: Bist du mehr Träumer oder doch eher Realist?

_Markolf Hoffmann:_
Ich denke, ich bin vielleicht eher Realist, wobei ich sehr gerne träume. Um diesen Widerspruch ein wenig aufzuschlüsseln, kann man sagen, dass ich versuche, den Träumen auf den Grund zu gehen und mit ihnen zu arbeiten. Also bin ich vielleicht beides.

_Sven Ollermann:_
Die Welt Gharax mit ihrem durchaus komplexen politischen, religiösen und magischen Gefüge und mit der ‚parallelen Dimension‘ der Goldéi – wie bist du darauf gekommen? Haben dich da politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge in unserer Welt inspiriert oder Bücher anderer Autoren?

_Markolf Hoffmann:_
Die politischen Auseinandersetzungen in der Welt Gharax haben mich sehr interessiert, und ich habe sie bewusst forciert, weshalb die Politik eine große Rolle spielt. ‚Das Zeitalter der Wandlung‘ beschäftigt sich ja mit dem Niedergang, dem Verfall einer Welt und ihrer Strukturen. Diese Umwälzung fordert die Menschen heraus. Wie gehen sie politisch damit um? Da gibt es Menschen, die diese Veränderungen bekämpfen, es gibt andere, die sie willenlos mitgehen und mitgestalten, und wieder andere versuchen sich ihnen anzupassen. Diese drei Wege zeige ich beispielhaft an den drei Hauptcharakteren Nhordukael, Laghanos und Baniter. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wie beeinflusst Macht die Menschen, wie deformiert sie die Menschen oder stärkt sie? Und ich habe natürlich auch einige politische Anspielungen in „Nebelriss“ versteckt, zum Beispiel im Rochenland-Konflikt die Auseinandersetzung mit dem Separatismus, der ja ein gewaltiges Problem unserer Zeit ist. Ich finde es reizvoll, Entwicklungen unserer Zeit in der Phantastik zu spiegeln. Dieses Genre eignet sich perfekt dazu.

_Sven Ollermann:_
Die Welt ist vielschichtig und sehr bildhaft. Ich habe häufig das Gefühl gehabt, dass wirklich ein Film vor meinem inneren Auge abläuft. Meinst du, dass deine Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor dir dabei geholfen hat, diese Verbildlichung der Welt zu Wege zu bringen?

_Markolf Hoffmann:_
Ja, definitiv, vor allem in sprachlicher Hinsicht. An vielen Stellen und vor allem bei Beschreibungen stelle ich mir die Szene als Bild oder als Filmszene vor und setze sie dann sprachlich um. Auch bei schnelleren Szenen, zum Beispiel Actionszenen, überlege ich mir die ‚Schnitte‘ schon vorher und fertige ein Mini-Drehbuch im Kopf an, nach dem ich schreibe. Es hilft sehr, die Ideen während des Schreibens zu verbildlichen. Meine Erfahrungen als Drehbuchautor und Regisseur von Kurzfilmen sind, denke ich, ein guter Schlüssel zur Literatur.

_Sven Ollermann:_
Die Charaktere haben durchaus phantastische Namen, Nhordukael, Laghanos, Baniter – wie hast du sie entwickelt? Hast du eine eigene Etymologie für die Welt Gharax entworfen, auf andere Sprachen zurückgegriffen oder sind sie einfach deiner Phantasie entsprungen?

_Markolf Hoffmann:_
Es sind Eigenkreationen. Etymologie wäre etwas zu hoch gegriffen. Ich habe allerdings versucht, die meisten Namen historisch einzubetten, damit sie sich aus der Geschichte des Landes herleiten lassen. Ich fand es jedoch nicht so wichtig, mir eine komplette Etymologie zu überlegen. Die Namen sollten vor allem phantastisch genug klingen, um sie von unserer Welt abzugrenzen.

_Sven Ollermann:_
Stichwort Geschichte der Welt Gharax. Deine Homepage bietet ja eine Menge an Hintergrundinformationen, worüber deine Leser, welche sich damit beschäftigen wollen, sicherlich sehr dankbar sind. Die Homepage bietet aber noch mehr: je eine mehrteilige Vorgeschichte zu deinen beiden Romanen „Nebelriss“ und „Flammenbucht“. Ist das jetzt eher eine Marketing-Strategie oder ein Geschenk an potenzielle Leser und Fans vom „Nebelriss“?

_Markolf Hoffmann:_
Es ist beides. Ich möchte natürlich Leser werben, möchte sie anlocken und ihnen die Chance geben, sich auf das Buch vorzubereiten. Auf der anderen Seite ist es auch ein Geschenk für interessierte Leser, damit sich diese mit der Geschichte von Gharax auseinandersetzen und in die Welt einarbeiten können. Und da ich selbst sehr viel Spaß daran habe, mich mit dieser Welt zu beschäftigen, habe ich auch zum zweiten Teil eine Vorgeschichte entworfen. Diese orientiert sich an Leserwünschen, denn viele Fans von „Nebelriss“ fanden vor allem die Episoden im Königreich Arphat sehr interessant. Deswegen habe ich bewusst die Vorgeschichte zu „Flammenbucht“ in Arphat angesiedelt, um die Hintergründe dieses Reiches näher zu beleuchten. Diese Hintergründe sind für den Roman „Flammenbucht“ nicht wirklich bedeutsam, sie sind vielmehr als Vertiefung gedacht. Es ist außerdem eine schöne Vorbereitung auf „Flammenbucht“. Der Prolog wird nämlich ebenfalls in Arphat spielen, weil dieses Land den Feldzug gegen die Goldéi beginnt.

_Sven Ollermann:_
Hast du die Geschichten parallel zu den Romanen geschrieben oder nachträglich?

_Markolf Hoffmann:_
Nachträglich. Ich habe sie zeitgleich zur Erstellung der Homepage geschrieben. Es ist ein sehr angenehme Abwechslung, weil ich eine solche Vorgeschichte natürlich anders schreibe als einen Roman. Ich arbeite nicht mit parallelen Strängen, und sie ist besteht aus kürzeren Abschnitten.

_Sven Ollermann:_
Dann sei noch erwähnt, dass zweimal pro Woche ein neuer Teil der Vorgeschichte auf der Homepage veröffentlicht wird. Sind es wieder zehn Kapitel?

_Markolf Hoffmann:_
Es werden sieben Kapitel sein.

_Sven Ollermann:_
Reden wir mal über das Cover, da hat sich ja jetzt einiges verändert, wegen des Verlagswechsels. Das alte Cover wirkte düster und bedrohlicher, ich fand, es passte sehr gut zum Roman. Das neue Cover von |Piper| wirkt friedlicher, fast ein wenig klischeehaft. Wie stehst du dazu?

_Markolf Hoffmann:_
Ich kann dazu nur sagen, dass man als Autor leider kein Mitspracherecht hat. Ich habe zwar Vorschläge gemacht, aber der Verlag hat sich für andere Cover entschieden. Ich persönlich hätte mir sowohl bei |Heyne| wie auch bei |Piper| etwas Abstrakteres gewünscht. Ich finde zwar, dass die neuen Cover sehr schön anzusehen sind, aber sie sind ein wenig bieder und spiegeln die Atmosphäre nicht unbedingt wieder. Auf der anderen Seite sind sie recht atmosphärisch, was mir ganz gut gefällt. Dennoch hat mir das Cover von |Heyne| besser gefallen. Ich würde mir wünschen, dass der Verlag noch mehr auf die Autoren hört, weil diese schließlich am besten wissen, welche Gestaltung die Atmosphäre eines Buches wiedergibt.

_Sven Ollermann:_
Eine Sache, die mir bei den Rezensionen auffiel und mir selber auch sehr schwer gefallen ist – die Festung, die auf den Büchern abgebildet ist, liegt die im Rochenland oder sind es die Augen von Talanur?

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin genauso am Rätselraten wie du. Ich würde zu gerne wissen, welche Festung im Buch das Bild darstellen soll. Nun ja, ich denke, man muss ein solches Cover assoziativ verstehen.

_Sven Ollermann:_
Du warst mit „Nebelriss“ auf Lesereise. Ist das mit „Flammenbucht“ auch wieder geplant?

_Markolf Hoffmann:_
Ich werde Lesungen machen. Nicht mehr so stark wie bei „Nebelriss“, weil die Resonanz nicht so groß war, wie ich mir das gewünscht habe, aber es wird Lesungen in Berlin, München und Hamburg geben. Ich würde mich auch freuen, wenn sich noch weitere Termine ergeben. Ich bin einfach mal gespannt, ob Leute oder Institutionen an mich herantreten, damit ich meinen Roman vorstellen kann, weil ich mir auch bei der Ausarbeitung des Lesekonzepts sehr viel Mühe gegeben habe. Ich begleite meine Lesungen ja mit Musik. Ein Freund von mir, der Tonkünstler Michael Carmone, hat ein paar Tonspuren für die Lesungen geschrieben. Ich selbst gebe zudem einige atmosphärische Klavierkompositionen zum Besten. Dieses Konzept geht eigentlich über eine Lesung hinaus. Ich sehe es mehr als Konzert mit literarischen Elementen.

_Sven Ollermann:_
Ein Konzert mit literarischen Elementen – da fällt mir ein, dass heute ja Hörbücher groß im Kommen sind. Könntest du dir vorstellen, dass du „Das Zeitalter der Wandlung“ für eine Hörbuchserie freigibst?

_Markolf Hoffmann:_
Das könnte ich mir sogar sehr gut vorstellen. Falls ein Hörbuchverlag Interesse hätte, soll er sich ruhig bei mir melden. Ich hätte auch große Lust, daran mitzuarbeiten oder vielleicht Regie zu führen. Das ist auch der Grund, weswegen ich mir die Rechte zurückbehalten habe, und falls das Interesse der Leser an einem Hörbuch da ist, werde ich es umsetzen.

_Sven Ollermann:_
Du hast ja – oder besser, du wurdest von Heyne zu Piper gewechselt, weil Heyne die Fantasy-Reihe abtreten musste. Du hast mal in einem Interview gesagt, das Lektorat bei Heyne hätte dir sehr viele Freiheiten gelassen, auch im Bezug auf die sprachlichen Experimente. Wie lief das mit dem Lektorat bei Piper?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe das große Glück, dass die Lektorin, die mich bei Heyne betreut hat, freischaffend arbeitet und ich deswegen mit ihr weiterarbeiten konnte. Daher wird sich auch an den Sprachexperimenten nichts ändern. Es wird im selben Stil weitergehen.

_Sven Ollermann:_
Piper veröffentlicht nicht so viele Bücher wie Heyne – eben auch im Fantasy-Bereich, bislang zumindest. Wie sieht das mit der Vermarktung deines Buches aus? Bist du zufrieden damit? Weißt du überhaupt schon, wie die PR läuft?

_Markolf Hoffmann:_
Das ist natürlich alles erst in der Schwebe. Ich hoffe mal, dass sich Piper besser als Heyne darum kümmert. Ich werde natürlich auch mein Scherflein dazu beitragen, zum Beispiel die Internetwerbung mache ich komplett alleine. Die Homepage habe ich selbst entworfen. Ich würde mir wünschen, dass der Verlag noch etwas mehr tut, zum Beispiel Zeitungsartikel schaltet. Wir werden sehen. Ich hoffe einfach mal, dass sich auch das Erscheinen von „Flammenbucht“ herumspricht.

_Sven Ollermann:_
Wie läuft es mit dem Endspurt deines Studiums? Du hast mir erzählt, dass du scheinfrei bist. Gedenkst du deine Magisterarbeit noch in diesem Jahr fertigzustellen?

_Markolf Hoffmann:_
Ja, die hat sich jetzt natürlich durch die Abgabe des zweiten Buches verschoben. Das nächste Projekt wird für mich der Abschluss meines Studiums sein, also zunächst eine Magisterarbeit zu verfassen.

_Sven Ollermann:_
Haben deine Dozenten mitbekommen, dass du ein Buch veröffentlicht hast? Wenn ja, wie sind sie darauf eingegangen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich hab das nicht herumposaunt. Eigentlich möchte ich Studium und Schriftstellerei bewusst voneinander trennen.

_Sven Ollermann:_
Studium, Kurzfilme, Autor zweier Bücher – wie hast du das bewältigt? Hast du einen straffen Tagesplan oder eher eine freie Zeiteinteilung?

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin eher Etappenarbeiter. Vor einem Jahr habe ich mich etwa mit meinem letzten Filmprojekt beschäftigt, eine Horror-Groteske, die auch noch nicht ganz abgeschlossen ist (der Film muss noch geschnitten werden). Dann war natürlich der Roman dran, an dem ich sehr viel gearbeitet habe. Dann gab es wieder Monate, in denen ich mich ausschließlich in mein Studium vertieft habe. Ich versuche, alle Energie auf ein Projekt, das zur Zeit wichtig ist, zu bündeln. Ich liebe die Abwechslung. Ich beschäftige mich auch sehr gerne mit Geisteswissenschaften, also mit der Rezeption von Texten und Theorien. Dann ist natürlich Musik ein großes Interessengebiet von mir, sowohl als Konsument als auch als Komponist.

_Sven Ollermann:_
Wie sieht es mit anderen Hobbys aus, neben deinen kreativen Tätigkeiten? Computer zocken, Kino, Kultur – bleibt dir dafür Zeit?

_Markolf Hoffmann:_
Ich nehme mir einfach die Zeit. Ich habe einen großen Freundeskreis, mit dem ich gerne etwas unternehme. So gehe ich gerne ins Kino und ins Theater. Dass mich das Theater geprägt hat, kann man vielleicht auch an der Dialoglastigkeit meiner Romane erkennen. Computer spiele ich gelegentlich ganz gerne. Früher habe ich auch mal eine Rollenspielphase gehabt, die leider aus Zeitgründen abgeschlossen ist. Außerdem gehe ich gerne schwimmen, und das Nachtleben Berlins bietet ebenfalls diverse Möglichkeiten.

_Sven Ollermann:_
Du hast mal gesagt, dass du nicht so gerne Fantasy liest. Begründet hast du es mit den vielen Klischees und der flachen, oft geglätteten Sprache, sowohl bei Übersetzungen als auch bei deutschen Romanen. Wirst du weiterhin in der Phantastik bleiben oder wechselst du vielleicht das Genre?

_Markolf Hoffmann:_
Ich würde gerne auch in anderen Genres arbeiten, obwohl mich Fantasy sehr interessiert. Ich habe auch schon ein weiteres Manuskript, einen zeitgenössischen Roman, den ich gerade bei einem Verlag unterzubringen versuche. Doch auch im Bereich Fantasy möchte ich weiterarbeiten. In diesem Genre kann man noch sehr viel Neues ausprobieren. Interessanterweise hat die zeitgenössische Literatur sehr viele phantastische Elemente aufgenommen, es gibt sehr viele zeitgenössische Romane mit Horror-Elementen, mit Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen, während die Fantasy sehr wenige zeitgenössische Themen aufnimmt. Es würde mich deshalb reizen, in die Fantasy einige Elemente der E-Literatur ‚hineinzuzerren‘ und somit die Mauer von der anderen Seite her aufzubrechen. Von Seiten der E-Literatur ist das schon geschehen, von Seiten der Fantasy eben noch nicht, und ich denke, da stehe ich noch ganz am Anfang. Ich kenne auch einige andere Autoren, die sich an dieser Grenze versuchen.

_Sven Ollermann:_
Könntest du dir vorstellen, „Das Zeitalter der Wandlung“ noch mal aufzugreifen, oder wird es mit der Trilogie abgeschlossen sein? Es geht ja um den Untergang und den Strukturwandel einer Welt, das könnte man natürlich weiterspinnen und später über den Aufbau einer neuen Welt schreiben. Bist du daran interessiert?

_Markolf Hoffmann:_
Eigentlich ist es mein festes Ziel, nach der Trilogie diese Welt beiseite zu legen. Es kann natürlich sein, dass mich in zehn Jahren Gharax noch einmal zu sich ruft, aber eigentlich denke ich, dass die Geschichte abgeschlossen ist – auch mit ihren offenen Enden. Ich erzähle ja nur einen Abschnitt dieser Welt; der Rest sollte besser unerzählt bleiben und offen sein für Interpretationen, für Träume und Visionen. Ich denke, es wäre schade, Gharax totzuschreiben. Auf mich warten andere Themen, andere Welten.

_Sven Ollermann:_
Beispiel Lovecraft. Er hat eine Welt erschaffen und schon zu Lebzeiten, aber überwiegend nach seinem Tod, haben sich viele Autoren darangesetzt und den Mythos weitergeschrieben. Wie stehst du dazu, wenn sich irgendwann ein junger aufstrebender Autor daransetzt und sagt: Ich habe da ein paar tolle Ideen; ich schreibe einen Roman, der in der Welt Gharax spielt. Wäre das okay für dich?

_Markolf Hoffmann:_
Es ist nicht uninteressant, wenn sich Autoren an vorhandenen Konzepten orientieren und etwas Neues aus ihnen herauszuholen … allerdings nur dann, wenn sie es schaffen, sich von ihrem Vorbild zu lösen. Wenn es reines Epigonentum ist, bin ich eher dagegen. Es würde auf das Konzept ankommen, aber wenn wirklich jemand daran Interesse hat und das Ganze von einem neuen Blickwinkel her angeht, könnte das durchaus reizvoll sein.

_Sven Ollermann:_
Berlin – du studierst hier, geboren bist du in Braunschweig, dann hast du einige Jahre im Süden Deutschlands gelebt. War das damals schon ein Traum, nach Berlin zu gehen, oder war es hier nur einfacher, einen Studienplatz zu bekommen? Und wie verhält es sich heute, würdest du wieder woanders hinwollen?

_Markolf Hoffmann:_
Für mich war das schon ein Traum. Alleine schon, weil ich vom Gefühl her ein Großstadtmensch bin. Ich habe mich im Alter von sechzehn in die Stadt London verliebt. Dann war der erste Schritt, nach Berlin zu ziehen, denn ich wollte in Deutschland studieren. Berlin ist sehr faszinierend, ich würde auch jederzeit wieder hierherziehen, wenn ich noch mal anfangen würde. Was kulturelle Möglichkeiten betrifft, ist Berlin schon die Stadt, die am meisten in Deutschland zu bieten hat.

_Sven Ollermann:_
Du warst auf der Frankfurter Buchmesse. Mit deinem neuen Werk?

_Markolf Hoffmann:_
Es hatte es leider noch nicht aus der Druckerei geschafft, deswegen hatte ich es noch nicht in den Händen.

_Sven Ollermann:_
Gab es die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen – zu anderen Autoren, anderen Verlagen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich hab vor allem die Leute des neuen Verlags kennen gelernt, die Piper-Besatzung. Das war sehr interessant. Ich hatte auch Gespräche mit anderen Autoren, aber vor allem ging es darum, den Kontakt zum Verlag zu vertiefen.

_Sven Ollermann:_
Wie feierst du Halloween? Als Rollenspieler, als jemand, der sich mit Magie beschäftigt hat, als Fantasy-Autor – bist du ein Mensch, der auf die großen Partys geht oder eher privat feiert?

_Markolf Hoffmann:_
Ich muss gestehen, dass ich keinen persönlichen Bezug zu Halloween habe, aber wenn sich eine Party anbietet, werde ich die sicherlich mitnehmen, denke ich mal.

_Sven Ollermann:_
Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?

_Markolf Hoffmann:_
Vielleicht, dass mich der Austausch mit den Lesern sehr interessiert – Meinungen, Kritik und Anregungen sind immer willkommen. Ich würde mich freuen, wenn sich der eine oder andere meine Homepage anschaut. Wer Fragen hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben. Ich finde, es macht ein Buch lebendiger, wenn man sich als Autor mit den Lesern austauschen kann. Und dies ist ja heute dank Internet sehr einfach geworden. Ich hoffe, dass sowohl die Leser als auch ich diese Chance nutzen.

_Sven Ollermann:_
Ich danke dir, Markolf, und freue mich riesig auf „Flammenbucht“ und den dritten Teil.

Also, liebe Leser, wer sich mit „Das Zeitalter der Wandlung“ näher beschäftigen oder sich mit dem Autor auseinandersetzen möchte: Auf http://www.nebelriss.de besteht die Möglichkeit dazu.

Lovecraft, H. P. / Carter, Lin / Howard, Robert E. / Smith, D. R. / Aster, Christian von – Cthulhu-Mythos, Der

Im Jahr 2002 begann |LPL records| mit der Hörbuchreihe „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“. Der hier vorliegende erste Teil, „Der Cthulhu-Mythos“, wurde mit dem |Deutschen Phantastik-Preis 2003| als _Bestes Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2002_ ausgezeichnet.

_Lovecrafts Werk und Vermächtnis_

Howard Phillips Lovecraft war zu Lebzeiten leider kein ernst zu nehmender schriftstellerischer Ruhm vergönnt, auch wenn die Gründung der Zeitschrift |Weird Tales| im Jahre 1923 ihm einen einigermaßen beständigen Absatzmarkt eröffnete. Posthum hat sein Lebenswerk, der |Cthulhu-Mythos|, jedoch eine recht anschauliche, weltweite Leserschaft gefunden. Dass wir heute überhaupt in den Genuss seiner Werke – leider nur etwa 40 Kurzgeschichten und 12 längere Erzählungen – kommen, verdanken wir zum Einen der |United Amateur Press Association|, der er im Jahre 1914 beitrat, als auch seiner Entdeckung des Schriftstellers |Lord Dunsany| (mit vollem Namen Edward John Moreton Drax Plunkett) im Jahr 1919. Der rege Austausch gegenseitiger Kritik und Ermunterungen unter den Mitgliedern der UAPA ermöglichte es ihm, sich der schlimmsten archaischen Züge und Unbeholfenheiten seines Stils zu entledigen. Aus der Mitte dieser eingeschworenen Gemeinschaft kam dann auch die Bitte, er möge doch mit dem Schreiben unheimlicher Geschichten fortfahren, worauf er 1917 eine Geschichte über den Meeresgott „Dagon“ verfasste, die auch in diesem Hörbuch vertreten ist. Die Werke Lord Dunsanys verliehen seiner Schriftstellerei gewaltigen Auftrieb und animierten ihn, ein künstliches Pantheon mit einer eigenen Mythenwelt zu erschaffen – den |Cthulhu-Mythos|.

|“That is not dead which can eternal lie, yet with strange aeons even death may die.“| – „Das ist nicht tot, was ewig liegt, denn in fremder Zeit wird selbst der Tod besiegt.“ war Lovecrafts Bitte an die Nachwelt, seine Kreaturen nicht sterben zu lassen, derer sich nicht nur seine Freunde annahmen. Bis heute finden sich immer wieder Autoren bereit, den Mythos zu bereichern und am Leben zu erhalten. Wie Mosaiksteinchen zusammengesetzt, weisen diese Geschichten unseren Blick zu den nahezu unerforschten Gebieten des menschlichen Geistes – dem Wahnsinn und den Nachtmahren, in denen das Grauen leibhaftig wird.

_Die Vorlage_

Frank Festa (|Festa|-Verlag) nahm sich des Lebens H. P. Lovecrafts und seiner Werke an und veröffentlichte u. a. „Der Cthulhu-Mythos“, eine zweibändige Sammlung ausgewählter Erzählungen von Lovecraft und anderen Meistern des Schreckens, die sich um den kosmischen Mythos der |Großen Alten| drehen – Cthulhus dämonische Brut, die zu einer Zeit von den Sternen in unsere Welt drang, da die Sonne noch jung war und die Erde noch kein eigenes Leben beherbergte. In dem vorliegenden Hörbuch sind sechs dieser Geschichten enthalten.

_Die Erzählungen_

|“Der Ruf des Cthulhu“ – H. P. Lovecraft (1928)|
Übersetzt von Andreas Diesel

Den Auftakt übernimmt das zentrale Werk Lovecrafts: die Geschichte um einen uralten Schrecken, der seit Aeonen – tot und doch nicht tot – auf dem Grund des Meeres lauert, um einst wieder aufzusteigen und erneut seine (unsere) Welt zu beherrschen. |“Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn“| – „In seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu“.

Als der Großneffe des verstorbenen George Gammel Angell – emeritierter Professor für semitische Sprachen an der |Brown University| von Providence – dessen Hinterlassenschaft sichtet, stößt er auf eine verschlossene Schatulle, deren Inhalt den Anfang einer Kette grausiger Erkenntnisse bildet. Er entdeckt ein abscheuliches Basrelief, das einen gebeugten humanoiden Körper mit oktopodem Kopf und Drachenflügeln darstellt. Die uralten Schriftzeichen, die sich unter dieser Abbildung befinden, stehen jedoch im Widerspruch zu dem recht geringen Alter dieser Scheußlichkeit. Weiterhin beinhaltet die Schachtel ein in seines Großonkels Handschrift verfasstes Manuskript, das in peinlich genauen Buchstaben mit |Cthulhu-Kult| überschrieben ist. Neugierig ob des scheinbar verwirrten Geisteszustandes des alten Mannes, beginnt er mit seinen Nachforschungen und fördert einen Kult zutage, dessen Anhänger im Verborgenen auf die Auferstehung ihres träumenden Gottes warten. Doch was er dann in Folge seiner weiteren Ermittlungen in Erfahrung bringt, lässt ihm schier das Blut in den Adern gefrieren …

|“Der Schwarze Stein“ – Robert E. Howard (1931)|
Übersetzt von Eduard Lukschandl

_Robert Ervin Howard_s (* 22. Januar 1906, + 11. Juni 1936) bekannteste Schöpfung ist wohl |Conan, der Barbar|, doch auch die Geschichten um |Kull von Atlantis| oder |Solomon Kane| stammen aus seiner Feder.
Seine eigene psychische Labilität spiegelt sich in seinen latent depressiven Helden durchaus wider. Leider nahm sich der langjährige Brieffreund H. P. Lovecrafts im Alter von 30 Jahren – nach dem Ableben seiner Mutter – selbst das Leben. Lovecrafts Einfluss auf Robert E. Howards Werke, wie auch die enge Freundschaft, die beide verband, spiegeln sich zum Beispiel in dem gelungenen Versuch der folgenden Horrorgeschichte wider, die ganz klar in den |Cthulhu-Mythos| gehört.

Ein schwarzer Monolith bildet den Kern dieser Geschichte. Nachdem der Erzähler in mehreren Quellen auf die schrecklichen Legenden gestoßen ist, die sich seit altersher um den schwarzen Felsen ranken, reist er selbst nach Ungarn, um das Quentchen Wahrheit zu ergründen, das in jeder Legende verborgen ist. Er bringt zwar Interessantes über Land und Leute in Erfahrung, doch über den schwarzen Stein mag niemand so recht reden. Als die Mittsommernacht – welche häufig in diesen Legenden Erwähnung findet – bevorsteht, begibt er sich zu der Berglichtung, in deren Mitte der schwarze Monolith aufragt. Der Albtraum, dessen er in dieser Nacht gewahr wird, bringt ihn an den Rand des Wahnsinns …

|“Die Glocke im Turm“ – H. P. Lovecraft & Lin Carter (1989)|
Übersetzt von Ralph Sander

_Lin Carter_ (mit vollem Namen Linwood Vrooman Carter) wurde am 09. Juni 1930 in St. Petersburg, Florida, geboren und verstarb am 07. Februar 1988 in Montclair, New Jersey. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit nahm er sich einiger zu Unrecht vergessener oder unbekannter Juwelen der Fantasy an, bereitete sie liebevoll auf und gab sie in der |Adult Fantasy|-Reihe (erschienen bei |Ballentine Books|) neu heraus.
Zusätzlich zu seinen eigenen Serien, die in allen Bereichen der Phantastik beheimatet sind, arbeitete er in den sechziger Jahren – zusammen mit |L. Sprague de Camp| – vor allem an der |Conan|-Reihe und nahm sich Robert E. Howards |Kull|-Fragmenten an. Sein Werk umfasst über 50 Bücher wie auch Biographien und Sekundärliterarisches aus der Phantastik (z. B. |LOVECRAFT: A Look Behind The Cthulhu Mythos|).
Er nahm sich – wie auch einige andere – ebenso der Fragmente und Notizen aus Lovecrafts Hinterlassenschaft an und suchte diese in einer posthumen Gemeinschaftsarbeit im Stil H. P. Lovecrafts zu vollenden. Eines dieser Werke ist die folgende Erzählung – wenn ich auch anmerken muss, dass Carter zumeist nicht an die düstere Atmosphäre und den hintergründigen Schrecken des |Einsiedlers aus Providence| heranreicht.

Nachdem er endlich das |“Necronomicon“| – das verbotene Buch des Abdul Al Hazred – in einer staubigen kleinen Buchhandlung erstanden hat, muss Williams leider feststellen, dass er mit der Übersetzung des altertümlichen Lateins seine Sorgen hat. Kurzerhand eilt er über den Flur, um mit Hilfe des Nachbarn – eines zurückgezogen lebenden, alten Sonderlings – die Geheimnisse seines neuen Besitzes zu ergründen. Lord Northam ist dem Wahnsinn nahe, als der junge Williams ihm das |“Necronomicon“| präsentiert und rät dem jungen Besucher dringend vom Studium dieses unheiligen Buches ab. Auf dessen Drängen hin erzählt der Alte dann aber doch von seinen eigenen Erfahrungen mit dem Buch und berichtet auch von den Schrecken, die ihn seither heimsuchen …

|“Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ – D. R. Smith (1950)|
Übersetzt von Alexander Amberg

Das |“Necronomicon“| des wahnsinnigen Arabers Abdul Al Hazred, der im 7. Jahrhundert n. Chr. lebte, ist so sehr in die Horror- und Fantasyliteratur eingegangen wie kein anderes Buch. Lovecraft verweist in seinen Geschichten selbst darauf und nimmt es als Beleg für Beschwörungsformeln und Rituale.
Den Quellen zufolge soll |Al Hazred| um 700 in Sanaa im Jemen geboren worden sein. Nach einer langen Reise durch die innerarabische Wüste ließ er sich in Damaskus nieder und schrieb sein Buch |“Kitab Al’Azif“ (Vom Heulen der Wüstendämonen)|, welches später als das „Necronomicon“ bekannt wurde. Dieses Buch enthält Informationen über die Älteren Wesen – z. B. die |Großen Alten| – und ihre Zivilisation zur Zeit der Entstehung der Erde. Es ist voller verschlüsselter Andeutungen und Doppeldeutigkeiten, zwischen denen geschickt verschiedene magische Anweisungen verborgen sind. Der Legende zufolge wurde |Al Hazred| kurze Zeit nach Vollendung des Buches im Jahre 738 auf einer Straße in Damaskus von einem unsichtbaren Ungeheuer verschlungen.
Tatsächlich handelt es sich bei dem „Necronomicon“ um ein Werk aus der Feder H. P. Lovecrafts selbst. In seinen Erzählungen verweist er immer wieder auf unterschiedliche Bücher, um den Geschichten eine glaubwürdige Note zu verleihen. Manche dieser Bücher existieren wirklich, andere finden in Legenden Erwähnung und einige – wie eben auch das |Necronomicon| – wurden von ihm selbst erdacht.

_D. R. Smith_ (nicht zu verwechseln mit Clark Ashton Smith) – über den ich leider nichts in Erfahrung bringen konnte – erzählt hier vom römischen Feldherrn Marcus Antonius, der sich mit seinen Soldaten in den Alpen verirrt. Der Geschichte zufolge sind diese Geschehnisse im letzten Kapitel des „Necronomicon“ niedergeschrieben.
In einem Bergtal entdeckt die kleine Armee neben einem Bach den Eingang zu einer finsteren Höhle, aus der der Pesthauch des Todes hervorströmt. Neugierig begibt sich Marcus Antonius in die Höhle, um ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen – kurz darauf ertönt Kampflärm aus der dunklen Öffnung …

|“Dagon“ – H. P. Lovecraft (1917)|
Übersetzt von Andreas Diesel

In seiner autobiographischen Schrift „Einige Anmerkungen zu einer Null“ (aus dem Jahr 1933) äußert sich H. P. Lovecraft über unheimliche Literatur: |“Ich bin der Ansicht, daß die unheimliche Literatur ein ernst zu nehmendes Genre darstellt, das der besten literarischen Künstler wert ist, obwohl sie zumeist ein ziemlich eng begrenztes Gebiet ist, das nur einen kleinen Ausschnitt der unendlich vielfältigen Gemütsverfassungen des Menschen spiegelt. Gespenstergeschichten sollen realistisch und stimmungsvoll sein – sie sollen ihre Abweichung von der Natur auf die eine ausgewählte übernatürliche Bahn beschränken und nie aus dem Auge verlieren, daß Szenenschilderung, Stimmung und Naturerscheinung bei der Vermittlung des zu Vermittelnden weit wesentlicher sind als Charaktere und Handlung. Die ‚Wucht‘ einer wahrhaft unheimlichen Geschichte ist einfach die Aufhebung oder Überschreitung eines unumstößlichen kosmischen Gesetzes – eine phantasievolle Flucht aus der erdrückenden Wirklichkeit. Denn Naturerscheinungen, nicht aber Personen sind ihre logischen ‚Helden‘. Das Grauen sollte originell sein – der Rückgriff auf alltägliche Mythen und Legenden mindert nur seine Wirkung.“|
Getreu diesem Credo schrieb Lovecraft sechzehn Jahre zuvor eine Geschichte, die wohl als die erste des |Cthulhu-Mythos| gelten muss.

|“Ich schreibe dies unter beträchtlicher geistiger Anspannung, (…) Wenn Du diese hastig hingekritzelten Seiten gelesen hast, magst Du zwar erahnen, aber nie gänzlich begreifen, warum ich das Vergessen oder den Tod suche.“| Dann schildert der Erzähler, was er als junger Seemann im ersten Weltkrieg erfahren musste. Er war der Gefangenschaft auf einem deutschen Kriegsschiff entkommen und irrte in einem kleinen Rettungsboot über den Pazifik. Als er eines Morgens erwachte, fand er sich mitsamt seinem Boot auf einem Eiland wieder – von den brausenden Wogen des Meeres war jedoch nichts mehr zu sehen oder zu hören. Die Ebene war von einem schwarzen, fauligen Morast überzogen, in den der junge Mann halb eingesunken war. Er verbrachte den Tag und die folgende Nacht in seinem Boot und bemerkte, dass die Hitze der Sonne den Boden so weit ausgetrocknet hatte, dass er sich auf eine Erkundungstour über dieses unheilvolle Eiland begeben konnte. Die Schrecken, die ihm nach einem mehrtägigen Weg über diese ungastliche Insel begegneten, trieben ihn in den Wahnsinn …

|“Ein Portrait Torquemadas“ – Christian von Aster (2002)|

Der deutsche Schriftsteller _[Christian von Aster]http://www.vonaster.de _betätigt sich in vielen Bereichen der Literatur. Zudem bereicherte er in der Vergangenheit einige Anthologien mit seinen Werken, darunter |“Yamasai – des Fürchterlichen fürchterlichstes Kind“| in „Die Saat des Cthulhu“ und |“Ein Portrait Torquemadas“| in „Der Cthulhu-Mythos 1973 – 2002“.
Von Asters Geschichte versetzt den |Cthulhu|-Mythos in die Gegenwart und bereichert ihn um einige zeitgenössische Verschwörungstheorien. Seine Erzählung erreichte bei einem |Cthulhu|-Schreibwettbewerb den ersten Platz.

Der Dominikanermönch Cajetanus sitzt am Krankenbett des Kunsthistorikers Felix Ney und blättert in dessen Aufzeichnungen. Dem Vatikan, in dessen Auftrag Cajetanus unterwegs ist, liegt nichts ferner, als dass diese Schriften an die Öffentlichkeit gelangen. Ney war offensichtlich bereits dem Wahnsinn verfallen, als er in der münchener Pinakothek ein Bild des florentinischen Malers Delcandini zerstörte.
Während der Dominikanermönch die Unterlagen durchsieht, kommt er einer Verschwörung auf die Spur, die seinen Glauben in den Grundfesten erschüttert …

_Über die Hörbuchproduktion_

Nachdem die Buchreihe „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ (erschienen im |Festa|-Verlag) geradezu Kultstatus erlangt hat, war es abzusehen, dass die Werke des |Großmeisters der Angst| und die seiner getreuen Nachfolger als Ohrenschmaus mit Gänsehautgarantie aufbereitet werden. Für die gelungene Umsetzung zeichnen sich neben Lars Peter Lueg, dem Produzenten und Verlagsleiter von |LPL records|, die Regisseure Sven Hasper (die deutsche Stimme von Michael J. Fox und Christian Slater) und Oliver Rohrbeck (bekannt als |Justus Jonas| von den „drei ???“) verantwortlich. Die beiden waren u. a. auch für die deutsche Fassung der Filme „Sleepy Hollow“ und „The Game“ zuständig.

Frank Festa legte bereits bei seiner Buchreihe großen Wert darauf, die ungekürzte Fassung der Erzählungen in neuer Übersetzung zu veröffentlichen, wovon nun auch die Hörbücher der gleichnamigen Reihe profitieren.

Die Rolle des Erzählers übernimmt kein Geringerer als Joachim Kerzel – einer der besten Sprecher Deutschlands. Auf unnachahmliche Weise gelingt es ihm, die grauenerregende Atmosphäre der Geschichten einzufangen und dem geneigten Hörer einen eisigen Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Das Grauen und der Wahnsinn nehmen beinahe eine leibhaftige Gestalt an.
Der Schauspieler Joachim Kerzel (* 1941 in Oberschlesien) ist heute überwiegend als Synchronsprecher und -regisseur tätig. Neben Jack Nicholson lieh er sein Stimme u. a. auch Robert DeNiro und Sir Anthony Hopkins. Die zahlreichen Bestseller-Lesungen und die Rolle des Erzählers in diversen Hörspielen und Hörbüchern brachten ihm einen rapide wachsenden Hörerkreis ein. Seine leidenschaftliche Arbeit an den Projekten ist Garant für eine |Gänsehaut für die Ohren|.

Durch dieses Hörbuch geleitet uns David Nathan, der mit einer ironisch distanzierten Stimme Howard Phillips Lovecraft seinem Grab entsteigen und wieder zum Leben erwachen lässt. Zwischen den einzelnen Erzählungen weiß er einige interessante Details über Lovecrafts Leben und die Geschichten zu berichten. Die Texte stammen allesamt aus der Feder von Lovecraft-Verleger Frank Festa und fügen sich mit den Geschichten nahtlos zu einem Ganzen zusammen.
David Nathan (* 1971) arbeitet als Regisseur und Synchronsprecher. Er ist u. a. die Synchronstimme von Johnny Depp und |Spike| (aus der TV-Serie „Buffy“), doch auch aus Werbung und Computerspielen ist seine Stimme nicht mehr wegzudenken.

Die Einleitung spricht Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian Anderson (aus „Akte X“).

Für die passende musikalische Untermalung sorgt Andy Matern (|Sonic Piracy|). Die eigens für dieses Hörbuch komponierte Musik besticht durch ihre düstere Atmosphäre und lässt die abendlichen Schatten zu den ungeahnten Schrecken heranwachsen, die sich nachts in unseren Albträumen erheben.

Zu guter Letzt beinhaltet die letzte CD auch noch eine vierzehnminütige Hörprobe aus dem zweiten Hörbuch dieser Reihe, „Der Schatten über Innsmouth“, die dem geneigten Hörer Lust auf mehr macht.

|Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs|

_Abschlussbetrachtungen_

Den absoluten Tiefpunkt bildet sicherlich die Geschichte von D. R. Smith. Der Versuch, das Pantheon der |Großen Alten| bis ins Kleinste aufzuschlüsseln, wie auch die Frechheit zu behaupten, dass ein Mensch den Kampf mit einem von ihnen unbeschadet überstehen könnte, überzeugen genauso wenig wie die Art der Erzählung selbst. Meines Erachtens hätte diese Unflätigkeit auch gerne in der Versenkung verschwinden können – aber es ist ja glücklicherweise die kürzeste Erzählung.

Die Geschichten von Lin Carter, Robert E. Howard und Christian von Aster passen nicht nur inhaltlich in den |Cthulhu-Mythos|, sie beinhalten auch eine ähnlich düstere Atmosphäre und wurden sicherlich äußerst gut gewählt.
Lin Carters Vollendung dieses Fragments verkörpert durchaus den Geist von H. P. Lovecrafts Horrorgeschichten. Man könnte fast meinen, die beiden hätten zusammen an diesem Werk gearbeitet – aber eben nur fast.
Robert E. Howard nimmt sich – ähnlich wie Lovecraft – viel Zeit, um in die Begebenheiten einzuführen. Er beruft sich auf Quellen und Legenden, die er näher erläutert und glaubhaft vermittelt, bevor sein Erzähler eigene Erfahrungen macht, die ihn schier in den Wahnsinn treiben. „Der Schwarze Stein“ ist eine sehr gelungene und atmosphärische Geschichte, die Lovecraft sicher gefallen hat.
Christian von Asters Geschichte hat mir – sieht man einmal von den beiden Geschichten |des Meisters| ab – allerdings am besten gefallen, wenn auch am Schluss der unausweichliche Wahnsinn, dem Lovecrafts Erzähler zumeist sehr nahe sind, fehlt. Dennoch vermittelt die Geschichte in makelloser Form einige andere Aspekte von Lovecrafts Geschichten – den Fatalismus und die Erkenntnis, dass es kein Entkommen gibt. Dass von Aster sich in seiner Geschichte durchaus bei anderen großen Autoren bedient (ich sehe da z. B. einige Aspekte aus „Der Club Dumas“ von Arturo Perez-Reverte), stört dabei überhaupt nicht.

Mit „Der Cthulhu-Mythos“ war der Startschuss zu einer äußerst gelungenen und durch Wissen um den Autor angereicherten Hörbuchreihe gegeben. Es folgten [„Der Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=424 sowie „Das Ding auf der Schwelle & Ratten im Gemäuer“. Leider ist Lovecrafts Lebenswerk nicht gerade umfangreich, doch es bietet noch genügend Erzählungen, um diese Reihe weiterzuführen. Vielen Dank an die Verantwortlichen!

Hohlbein, Wolfgang – Auf der Spur des Hexers

Wolfgang Hohlbein, der selbsternannte Chronist Robert Cravens, liest „Auf der Spur des Hexers“. In dieser Erzählung, welche die Vorgeschichte seiner phantastischen |Hexer|-Saga schildert, dreht sich das Geschehen um Robert Cravens Vater, Roderick Andara.

_Überblick_

Wir schreiben den 9. Juli anno 1862. Seit mehr als zehn Jahren ist Roderick Andara schon auf der Flucht vor den grauenvollen Geschöpfen, die jenseits der Realität, in Nachtmahren und im Wahnsinn hausen – den |GROßEN ALTEN|.

Nun führt ihn sein Weg nach Colorado, in das verschlafene Nest Walnut Falls, um seinen dreijährigen Sohn einer Frau anzuvertrauen, die er nur aus ihren Briefen kennt. Nicht um ihn – wie sie glaubt – aus dem Weg zu haben, sondern um ihm das Leben zu ersparen, zu dem er, Roderick Andara, verdammt ist. Er klammert sich an die Hoffnung, seine Widersacher könnten dem Jungen hier nichts anhaben – viel zu spät erkennt er seinen Irrtum. Robert wird entführt …

Im weiteren Geschehen lernt Roderick Andara einen Mann kennen, der sich ihm als H. P. vorstellt – kein Geringerer als Howard Phillips Lovecraft höchstpersönlich. Doch das erste Zusammentreffen der beiden zukünftigen Kampfgefährten verläuft nicht so harmonisch, wie man es sich vielleicht vorstellen mag. Das Abenteuer, welches die beiden zusammen bestehen müssen, bringt Andara so nahe an seine Feinde heran, wie wohl noch nie einen Menschen zuvor – er kämpft den Kampf seines Lebens; doch kann er ihn auch gewinnen?

_Die Hörbuchserie_

Nachdem vor mittlerweile über 13 Jahren die beiden Hörspiele „Der Hexer von Salem“ (1990) und „Neues vom Hexer von Salem“ (1991) auf den Markt kamen, haben sich Wolfgang Hohlbein und Albert Böhne letztes Jahr dazu entschlossen, eine |Hexer|-Hörbuch-Serie in Angriff zu nehmen. Anlass dafür bot die Hexer-Sammler-Edition im |Weltbild|-Verlag, bei der erstmalig, zum zwanzigjährigen Jubiläum der Hexer-Reihe, alle Hexer-Heftromane komplett in der Originalfassung und von Wolfgang Hohlbein chronologisch geordnet als Hardcover veröffentlicht werden. Geplant ist, zu jedem Buch der Sammler-Edition ein Hörbuch herauszugeben.

Der erste Teil dieser Hörbuch-Reihe ist seit Anfang 2004 auch bei |Lübbe Audio| erhältlich. Wolfgang Hohlbein liest persönlich seinen 1990 erschienen Roman „Auf der Spur des Hexers – Wie der Horror begann“, welcher ursprünglich nicht aus der Heftroman-Serie stammt. Der Vollständigkeit halber erscheint er trotzdem in der Sammler-Edition als erster Band.
Leider gestehen Hohlbein und Böhne den Hörbüchern nur einen Umfang von drei Audio-CDs zu, was gewisse Kürzungen und Bearbeitungen voraussetzt. Sehen wir mal, was daraus geworden ist …

_Bearbeitung und Kürzungen_

Die überarbeitete Fassung beinhaltet zum Glück keinerlei Kürzungen, die dem Gesamtbild der Geschichte großartigen Schaden zufügen, allerdings gehen ein paar schöne Anspielungen auf H. P. Lovecrafts Originalwerke verloren, durch welche den belesenen Lovecraft-Kenner einige Vorahnungen ereilen könnten. Zudem wurde etwa in der Mitte der Geschichte ein kompletter Abschnitt mitsamt den daraus resultierenden Folgeszenen herausgestrichen. Dieser durchaus atmosphärische Teil ist zwar nicht lebensnotwendig für die Erzählung, erklärt aber zu einem Teil Andaras Gemütszustand gen Ende der Geschichte.

Einige Passagen sind, wie ich finde, sinnvoll gekürzt oder um ein paar erläuternde oder der Atmosphäre zuträgliche Sätze erweitert worden, so dass sich der Lesefluss dort durchaus verbessert hat. Glücklicherweise sind auch einige Fehlerteufelchen dem Korrekturstift zum Opfer gefallen, was zum Beispiel den zeitlichen Ablauf der Geschichte im Hörbuch durchaus ein wenig glaubwürdiger erscheinen lässt.

Was ich aber einfach nicht verstehen kann, ist, warum Roderick Andaras Frau im Hörbuch |Victoria| Price heißt, während ihr Name in meiner Ausgabe des Romans |Jennifer| Price lautet. Nicht, dass sie in der Geschichte auch nur einmal in persona aufträte, verstarb sie doch zwei Jahre zuvor, aber das macht das Ganze nicht weniger rätselhaft.

Es sei noch erwähnt, dass die letzten Seiten des Romans – Roberts kurzes Scharmützel mit drei abtrünnigen Templern – aus rein chronologischen Gründen unter den Tisch fallen mussten. Das lässt sich aber auch einigermaßen leicht begründen: Ursprünglich ist dieser Roman zwischen dem zweiten und dritten Hexer-TB erschienen, also zu einer Zeit, als die Hexer-Saga schon dementsprechend weit vorangeschritten war. Nun erscheint er als Vorgeschichte im allerersten Band der Sammler-Edition und von daher scheint es ratsam, die paar Seiten, die im Grunde nichts mit den eigentlichen Geschehnissen zu tun haben, entfallen zu lassen.

_Wenn der Autor selbst erzählt_

Zum Auftakt der Hexer-Hörbücher ließ Wolfgang Hohlbein es sich nicht nehmen, den Part des Erzählers persönlich zu übernehmen. Leider bringt das neben den klaren Vorteilen auch einige Nachteile mit sich. Sicherlich weiß er selbst am besten, welche Stimmungen er erzeugen und wie er die Geschichte gelesen bzw. verstanden wissen will, doch leider wirkt die Umsetzung anfangs eher holprig. Im Laufe der Erzählung wird die Akzentuierung der wörtlichen Rede wie auch der zu erzählenden Passagen immer besser, bis sich die Erzählung am Ende zu einem Hochgenuss steigert. Das Gesamtbild betrachtend, reichen seine Künste leider dennoch nicht an die eines Profis, wie zum Beispiel Joachim Kerzel, heran. Wirklich auffallend ist dies bei zwei Passagen im mittleren Teil der Geschichte – die |Traum-Sequenz| glänzt mit einer prächtig gelungenen sphärischen Hintergrundmusik, doch Hohlbeins kaum veränderte Stimme torpediert die musikalisch wunderbar aufgebaute Atmosphäre; beim Kampf mit dem |Tiefen Wesen| ist es allerdings am schlimmsten, denn da wirken sich sowohl die unpassenden Gitarrenriffs im Hintergrund als auch Hohlbeins Erzählstil sehr schädigend auf die Atmosphäre aus.

Ich muss leider noch etwas Unerfreuliches zur Sprache bringen, denn die Kapitelansagen, die alle zehn bis fünfzehn Minuten von Jürgen Hoppe beigesteuert werden, stören den Hörgenuss in ziemlich hohem Maße.

Neben diesen zum Teil weniger erfreulichen Begebenheiten gibt es aber noch etwas, das ich positiv hervorheben möchte – Roderick Andaras suggestiv verstärkte Befehle werden zweistimmig vorgetragen, dabei scheint die zweite Stimme stark verfremdet und wirkt somit düster und beschwörend. Ein wirklich gelungenes Stück tontechnischer Bearbeitung.

Einen kleinen Brückenschlag zu den alten Hörspielen vollführt Böhne mit Dirk Vogeley, der bereits 1991 dem Erzähler auf „Neues vom Hexer von Salem“ seine Stimme lieh. Auf dem vorliegenden Hörbuch übernimmt er die Stimme aus dem Kristall, die eine Botschaft aus der Vergangenheit zu verkünden weiß.

_Der Ton macht die Musik_

Für die musikalische und klangtechnische Verfeinerung des Hörbuches sorgen Albert Böhne und sein |ANDARA Project|. Die musikalische Begleitung ist im Gegensatz zu den früheren Hexer-Hörspielen zumeist rockig und wird nur in der Traumsequenz und der Botschaft aus der Vergangenheit durch düstere Sphärenklänge stilgerecht unterbrochen. Zudem bietet die CD zwei erstklassige Leckerbissen, aber dazu später.

Betrachten wir zunächst den Titelsong „Warlock“, der den Liebhabern der alten Hexer-Hörspiele im ersten Moment sehr wohl vertraut vorkommen dürfte. Das altbekannte |Hexer-Thema| erklingt genau einmal – auf den Saiten einer E-Gitarre – um dann auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung zu verschwinden. Der Song gleitet in ein orchestrales Thema mit akustischer Gitarre, Cello und Englisch-Horn-Klängen über, wird jedoch plötzlich von rockigen Gitarren und einem Schlagzeug dominiert. Alleine damit sollte allen altgedienten Hexer-Hörern klar sein, dass hier etwas gänzlich Neues seinen Anfang nimmt.

Sieht man einmal von den peinlichen Gitarrenriffs bei der oben erwähnten Kampfszene ab, trifft die musikalisch Untermalung allerorten den richtigen Ton und sorgt während der dramatischen Szenen für eine angenehm unbehagliche Atmosphäre.

Kommen wir nun zum ersten musikalischen Highlight. Für den Gesangspart von „Necron’s Song: Run!“ konnte Albert Böhne den Frontmann von |Accept| und |U.D.O.| verpflichten. Ja, liebe Freunde schwermetallischer Klänge, ihr lest richtig: Udo Dirkschneider bereichert mit seiner unvergleichbaren Stimme „Die Spur des Hexers“. Den Text zu [„Necron’s Song: Run!“]http://www.hohlbein.de/autor/audio/run.txt habe ich euch mal herausgesucht.

Bevor ich euch den zweiten Gaststar vorstelle, möchte ich noch ein paar Worte zur klanglichen Umsetzung des |Cthulhu|-Rituals verlieren. Hier hat sich Albert Böhne selbst übertroffen – durch den Einsatz vieler echter Trommeln und der stark verfremdeten Stimmen, mit denen die Beschwörungsformel zelebriert wird, kommt zum Ende des Hörbuches noch einmal richtige Gänsehaut-Stimmung auf.

|:Cthulhu – Fthagn – Ngai – R’Lyeh!:
Yog – Sothoth – Shudde – Mell
Nyarla – Tothep – Shubb – Niggurath
Azatoth – Glaaki – Wendigo – Hastur
Cthuga – Shodagoi – Dagon – ChoCho
Tsa – Thoggua – Yib – Tsstl
:Cthulhu – Fthagn – Ngai – R’Lyeh!:
R’Lyeh!
R’Lyeh!|

Dieser Part hat mir ehrlich gesagt am besten gefallen, zumal ich jetzt auch endlich weiß, wie all ihre Namen ausgesprochen werden.
|“Sie – das waren die, DEREN NAMEN MAN NICHT AUSSPRECHEN SOLL, will man nicht Gefahr laufen, sie zu rufen und den Preis für ihr Kommen zu zahlen, der schrecklich ist.“|

Zu guter Letzt kommen wir zum zweiten musikalischen Höhepunkt, dem Schlusssong „The Age of Damnation“. Niemand anderer als Steve Whalley, der Sänger der altgedienten Hardrock-Formation SLADE, bringt den glorreichen Abschluss dieser drei CDs.

_Mitwirkende_

|Sprecher:|
Wolfgang Hohlbein – Erzähler
Dirk Vogeley – Stimme aus dem Kristall
Jürgen Hoppe – Einleitung und Kapitelansagen

|Gesang:|
Udo Dirkschneider – „Necron’s Song: Run!“
Steve Whalley – „The Age of Damnation“
Albert Böhne – „Ritual“

|Musiker:|
Albert Böhne – Klavier, Keyboards, Background Vocals
Bernie Adamkewitz – Gitarre
Stefan Kaufmann – Gitarre
Michael Dötsch – Gitarre
Ian Stewart – Bass
Karl Övermann – Schlagzeug, Percussion

|3 CDs, Spielzeit 222 Minuten|

_Schlusswort_

Und nun noch ein paar abschließende Worte zum ersten Teil der neuen Hörbuch-Reihe aus dem Hause Hohlbein. Ich muss leider sagen, dass diese Umsetzung meines Erachtens nicht mehr als befriedigend ausfällt. Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass ich am Ende dieses Werkes ein gutes Gefühl verspürt habe, aber das Gesamtbild reflektierend, kann ich diverse Unstimmigkeiten einfach nicht ignorieren. Ich würde mich freuen, wenn Wolfgang Hohlbein auch die anderen Hörbücher dieser Reihe erzählt, aber bitte mit der erzählerischen Finesse der letzteren Szenen. Ich kann eigentlich nur empfehlen, sich die Taschenbücher oder die Sammler-Edition zu besorgen und zu lesen – dieses Hörbuch ist dann sicherlich eine Bereicherung, aber ersetzen kann es das geschrieben Wort Hohlbeins nicht.

Wer jetzt Lust bekommen hat, sich näher mit H. P. Lovecrafts |Cthulhu|-Mythos oder Wolfgang Hohlbeins Hexer-Saga zu beschäftigen, dem seinen zwei meiner Rezensionen ans Herz gelegt:
[„Der Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 sowie
[„Der Hexer von Salem“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249

Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Ein neuer Stern leuchtet am Himmel der Cyberpunk-Literatur: Richard Morgan synthetisiert in seinem Debüt-Roman den guten alten Cyberpunk im Stile William Gibsons mit einer Detektivgeschichte, die aus der Feder Raymond Chandlers stammen könnte, zu einem exzellenten Cyberkrimi. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) wurde mit dem |Phillip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Im 26sten Jahrhundert – die Menschheit hat sich über die Galaxien ausgebreitet und ferne Planeten kolonialisiert – hat die Wissenschaft erreicht, was Religionen nur in Aussicht stellen konnten: |das ewige Leben|.

Die Informationstechnik ist an ihrem Höhepunkt angelangt – sie ist in der Lage, das menschliche Bewusstsein in einer Datenbank zu speichern und zu jeder Zeit in einen beliebigen Körper – |Sleeve| genannt – herunterzuladen. Ein |kortikaler Stack|, der im Nacken platziert und an das zentrale Nervensystem angeschlossen ist, fungiert dabei als Speichermedium. Mit dieser Technologie ist der Tod nicht mehr als ein düsterer Schatten vergangener Epochen. Oder doch?
Solange der |kortikale Stack| im Todesfall intakt bleibt, kann jedes Bewusstsein wieder in die Datenbank geladen und zu einem späteren Zeitpunkt |resleevt| werden. Wird der Stack jedoch beschädigt oder gar zerstört, so tritt der |Reale Tod| ein und die Existenz der betreffenden Person ist unwiderruflich beendet. Nur die wenigsten Menschen – jene, welche über das nötige Kleingeld und das entsprechende Maß an Macht verfügen – können sich eine permanente externe Speicherung in einer privaten Datenbank leisten. Sie sind die |Meths| – die Methusalem – deren subjektives Leben Jahrhunderte währt. Je nachdem, in welchen Abständen ein |Meth| sein Bewusstsein extern speichert, verliert er bei einem realen Todesfall nur einige wenige Tage seiner Erinnerungen …

Hier beginnt unsere Geschichte. Laurens Bancroft, ein Meth, dessen subjektives Leben bereits dreieinhalb Jahrhunderte andauert, wird tot in seiner Villa aufgefunden – neben ihm liegt seine eigene Waffe. Sein Kopf und mit diesem der kortikale Stack sind völlig zerstört. Die Abteilung für |organische Defekte| der Polizei von Bay City ermittelt jedoch nur oberflächlich und legt den Fall nach kürzester Zeit zu den Akten – Selbstmord.
Für Bancroft, der umgehend resleevt wird, scheint dieser Tatbestand unvorstellbar, weiß er doch um seine externe Speicherung – doch die einzige Person, die außer ihm Zugang zu seinen Waffen hatte, ist die Frau, mit der er seit hundertfünfzig Jahren verheiratet ist. In der festen Überzeugung, dass weder seine Frau noch er selbst diese Tat begangen haben, heuert er den Privatdetektiv Takeshi Kovacs an, um die Arbeit der Polizei zu einen befriedigenden Ende zu bringen und den wahren Täter zu ermitteln. Genauer gesagt holt Bancroft ihn dank seiner ausgezeichneten Beziehungen aus der Einlagerung in Kanagawa, hundertsechsundachtzig Lichtjahre von der Erde entfernt, wo Kovacs, dessen letzter Auftrag mit seinem Ableben endete, in der Einlagerung verweilt und eine weit über hundertjährige Strafe verbüßt. Der Vertrag läuft zunächst auf wenige Wochen, beinhaltet jedoch bei erfolgreichem Abschluss die Annulierung der restlichen Einlagerungsstrafe, einen Rücktransfer auf seinen Heimatplaneten – Harlans Welt – in einen Sleeve seiner Wahl und eine Gutschrift von 100.000 UN-Dollar. Widerwillig nimmt Takeshi Kovacs die Ermittlungen auf …

Richard Morgan (* 1965 in Norwich, England) studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach lange Zeit als Englischlehrer an der |Strathclyde University| in Glasgow. Sein Erstlingswerk schrieb er neben seiner Lehrtätigkeit, an den Abenden und Wochenenden. Ein Leben als Vollzeit-Autor kam für ihn damals noch nicht in Betracht, war er doch fast 15 Jahre Lehrer und mit seinem Job durchaus zufrieden. Auf die Frage, wann und warum er zu schreiben begann, antwortete Richard Morgan in einem Interview für das „Crowsnest SF e-magazine“: |“Ich denke, ich hatte die gleiche Motivation, wie Asimov – Ich schrieb, weil ich gerne las und ich wollte meine eigenen Geschichten für mich selbst verfassen. Das ist etwas, das bis in meine Kindheit zurückgeht. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwas geschrieben habe. (…)“|
Heute verdient Richard Morgan sein Geld ausschließlich als freier Schriftsteller. Leider liegen von den beiden letzten Romanen noch keine deutschen Übersetzungen vor. 2003 erschien „Broken Angels“, der zweite Roman um Takeshi Kovacs und im Frühjahr dieses Jahres „Market Forces“, ein Globalisierungsthriller, der sich jedoch nicht mit den Abenteuern unseres Protagonisten befasst. In der Enstehung befindet sich derzeit der dritte Takeshi-Kovacs-Roman.

Doch nun zurück zum Debütroman …

Richard Morgan beschreibt diesen Roman in einem Satz als |“eine beeindruckend brutale Tragödie über das Wesen der Macht und wie sich zukünftige Technologie darauf auswirken mag.“|

Die düstere und weitestgehend pessimistische Zukunftsvision, die Richard Morgan in dieser Geschichte zeichnet, reflektiert durchaus seine eigene Weltanschauung. Eine |best-case|-Zukunft zu entwerfen, ergibt für ihn keinen Sinn, da ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass die Menschheit nicht im Stande scheint, aus irgendeiner Situation das Beste zu machen. So gesehen ist die Welt, in der Kovacs lebt, allerdings kein |worst-case|-Szenario, sondern schlicht eine Extrapolation des derzeitigen menschlichen Strebens.

Wenige Jahrhunderte humanitären Denkens stehen gegenüber den Aeonen, in denen unsere Rasse ihren animalischen Trieben freien Lauf gelassen hat. Anstatt jedoch diesen geistigen Wandlungsprozess voranzutreiben und die immer komplexeren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu hinterfragen, flüchten sich viele in die – seit langem obsoleten – Gefilde des |das-geht-mich-doch-nichts-an|-Denkens und laufen mit Scheuklappen durch unsere Welt. Zudem hat uns die Technologie in den letzten hundert Jahren mit ihrer rasanten Entwicklung in die Lage versetzt, unsere Zivilisation mitsamt der menschlichen Rasse zu unterjochen oder gar zu vernichten. In seinem Roman nimmt sich Richard Morgan einer möglichen Entwicklung unserer heutigen Welt an:

Daten sind – wie auch heute – eines der wichtigsten Handelsgüter. Doch die Technologie ist noch einen Schritt weiter; sie ist im Stande, selbst den Menschen (das |Humankapital|) in Bits und Bytes zu speichern und reduziert ihn somit nun auch physisch auf seinen reinen Datengehalt – ein Großteil der Menschheit verkommt ergo zu einer handelbaren Ware von meist minderem Wert. Nur die wenigsten Menschen sind unabhängig und vermögend genug, um diese |technischen Meisterleistungen| nach freiem Willen nutzen zu können.

Diese wenigen Menschen, die Meths, haben beinahe unbeschränkten Zugriff auf die Angebotspalette der Sleeves – selbst die Körper anderer Menschen sind für sie nicht unantastbar. Die Versuchung ist groß, kann doch nun jegliche Handlung – auch ein Verbrechen – in einem Körper verübt werden, dessen registrierter Besitzer vorübergehend in einer privaten Datenbank oder einer Virtuellen Realität verweilt, ohne sich dieses Umstandes unmittelbar bewusst zu sein. Das perfekte Verbrechen?

Wegen der ermöglichten Unsterblichkeit ist ein Wechsel in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft auf natürlichem Wege undenkbar. Daraus folgt, dass sich für die Meths im Laufe der Jahrhunderte die Wahrnehmung der Welt verändert; sie wird zu einem Spielplatz, auf dem mit immer neuen perfiden Manipulationen der Umwelt und der Menschen dem eigenen Degenerationsprozess Einhalt geboten werden soll – das Leben muss doch schließlich noch etwas zu bieten haben. Doch welche Möglichkeiten ergeben sich, um Menschen zu kontrollieren oder zu quälen?

„Ein meisterhaftes Beispiel für einen Cyberkrimi … Der letzte Debütroman, der ähnlich aufregend war, dürfte William Gibsons |“Neuromancer“| gewesen sein.“ (Zeitschrift |Phantastisch|)

Normalerweise halte ich nichts von derartigen Vergleichen, muss in diesem speziellen Falle jedoch zustimmen – beinahe 20 Jahre nach dem „Neuromancer“ erblickt ein Roman das Licht des deutschen Buchhandels, der eine ähnlich düstere Zukunftsvision ausmalt wie Gibsons Erstlingswerk dereinst. Dabei nimmt Morgan den Faden von einer der Informationstechnologie unterworfenen Welt auf und spinnt ihn ein weiteres halbes Jahrtausend in die Zukunft. Während es im „Neuromancer“ noch einzigartig war, dass ein Daten-Cowboy von einer KI digitalisiert und in einem Computerkonstrukt gespeichert wird, ist es fünfhundert Jahre später völlig normal. Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Abstieg der menschlichen Zivilisation weiterzudenken.

Neben dieser thematischen Kohärenz der beiden Romane kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu – wie einst |Case| im „Neuromancer“, so nimmt uns auch Takeshi Kovacs mit auf eine atemberaubende Reise in eine Welt der Mächtigen und der Ausgestoßenen. Beide Protagonisten gehörten einmal zum Besten, was der |Abschaum der Menschheit| hervorgebracht hat, bis sie, vom System fallen gelassen, ganz nach unten stürzten. Bevor jedoch ihr Ruf in den Nebeln der Zeit vollends verblasst, werden sie vom Schicksal wieder empor gerissen und bekommen eine zweite Chance. Nun könnte der geneigte Leser ob dieser vielen Parallelen dem Irr-Glauben verfallen, Takeshi Kovacs sei nur eine futuristische Kopie von Case – vielmehr drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass der Archetyp des Anti-Helden prädestiniert dazu ist, die Misere derer zu verdeutlichen, die entweder wegen ihrer niederen Abstammung oder aber durch vermeintliche Fehler im System dazu verdammt sind, täglich um ihre Existenz zu kämpfen. Im Gegensatz dazu verblasst das Geschrei der Mächtigen zum Gezänk kleiner Kinder, die sich im Sandkasten um eine Schaufel streiten.

Als Drittes fesselt und hypnotisiert „Das Unsterblichkeitsprogramm“ seine Leser ebenso wie damals der Urvater des Cyberpunk. Die erstklassig extrapolierte Technik, die düstere und kantige Erzählweise, welche das Leben am Bodensatz der Gesellschaft wunderbar widerspiegelt, wie auch die durch Sex und Gewalt dargestellten animalischen Triebe, die allen Gesellschaftsschichten immanent sind, verleihen dem Roman den betörenden |neuromantischen| Flair.

Wer sich bis heute noch immer der Illusion der Massenmedien hingibt und sich in einer nahezu |heilen Welt| wähnt, für den wird dieser Roman eine rein fiktive Geschichte beherbergen, die jeglicher gesellschaftskritischen Grundlage entbehrt. Jenen unter euch, die ihren Blick vor der Misere des sozialen Wandels und der fortschreitenden Degeneration unserer Gesellschaft jedoch nicht verschließen, mag dieser Roman in überzeichneter Form eine Welt offenbaren, die aus der unseren durchaus hervorgehen könnte.

Viel Spaß beim Lesen.

_Quellen:_
[Interview für Crowsnest SF e-magazine]http://www.computercrowsnest.com/sfnews/newsd0202.htm
[Interview für Infinity+ e-magazine]http://www.infinityplus.co.uk/nonfiction/intrm.htm

Hoffmann, Markolf – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1)

Mit seinem Debüt-Werk „Nebelriss“ liefert Markolf Hoffmann den ersten Teil der phantastischen Trilogie |Zeitalter der Wandlung| ab.

Eine ganze Welt steht vor dem Untergang – oder vielleicht doch nur vor dem Aufbruch in ein neues Zeitalter?

|Gharax| heißt diese Welt, sie umfasst vier Königreiche (Arphat, Candacar, Gyr und Kathyga), ein selbsternanntes Kaiserreich (Sithar) und die Ländereien eines zunehmend unberechenbaren Gildenrates (Troublinien).
Nach Jahren des Friedens sehen sich die Völker Gharax mit einer Gefahr konfrontiert, die nur in den fast vergessenen Legenden der magischen Logen und religiösen Orden Erwähnung findet. |Goldéi| heißen die zweibeinigen echsenartigen Eindringlinge, die ein Königreich nach dem anderen im Handstreich erobern. Die Zauberer und Priester schweigen und glauben in ihrer unermesslichen Arroganz, sie könnten dem Feind entgegentreten und ihn in die Schatten der Legenden zurückdrängen. Nachdem Candacar und Gyr von der Übermacht der Angreifer vernichtend geschlagen sind und der Herrscher von Kathyga vor den goldgeschuppten humanoiden Reptilien sein Haupt gebeugt hat, um seinem Volk ein brutales Massaker zu ersparen, marschieren die Goldéi in Richtung der Grenzen der letzten beiden freien Reiche.

Sithar, dessen naiver und ungesitteter Kaiser Akendor seine Macht an |das Gespann|, zwei machthungrige und intrigante Fürsten des Thronrates, abgegeben hat, war einstmals ein Teil des Königreiches Arphat, bevor es sich im Südkrieg vor 348 Jahren von dessen Herrschaft lossagen konnte. Trotz des tief verwurzelten gegenseitigen Hasses dieser beiden Reiche, wagt es Fürst Baniter Geneder, der ewige Gegenspieler |des Gespanns|, eine Gesandtschaft nach Arphat zu führen, um ein Bündnis mit der grausamen Königin Inthara zu schließen …

In der Kirche Tathrils steht ein Machtwechsel kurz bevor und so erreichen auch hier die Intrigen eine kritische Phase, in der es sich entscheiden wird, welchen Kurs die Priesterschaft in der kommenden Zeit einschlägt. Nhordukael, ein junger Priester und der ergebene Diener des Kirchenoberhaupts, trägt inmitten dieses aufkeimenden Tumults einen Glaubenskrieg in seinem Inneren aus …

An einem anderen Ort wird ein junger Eleve, ein Schüler der Magie, aus der Hand der Goldéi befreit. Laghanos weiß um ihre Pläne, die magischen Quellen, die vor über einem Jahrtausend von dem mächtigen Zauberer Durta Slargin gebändigt und unterworfen wurden, zu befreien. Erreichen die Reptilien ihr Ziel, könnten große Teile der Welt im Chaos der Natur vergehen …

Markolf Hoffmann wurde 1975 in Braunschweig geboren und lebt derzeit als Student der Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin. Schon während seiner Schullaufbahn nahm er an einigen Schreibwettbewerben teil und erhielt sogar den ersten Preis im Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg. 1996 absolvierte er sein Abitur und erhielt den Scheffelpreis für hervorragende Leistungen im Fach Deutsch. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Studium engagiert er sich zudem in Kurzfilmprojekten und war 1998 mit dem Film „Schnittfehler“ (Buch und Regie) im Auswahlprogramm des Internationalen Jugendfilmfestivals |up-and-coming| vertreten. 1999 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für ein Jahr nach London. Der Themenschwerpunkt seines Studienaufenthalts war die |Britische Literatur der 90er Jahre|.
Seine ersten Veröffentlichungen erschienen im Jahr 2003 – die Kurzgeschichte „Ein meisterliches Mahl“ in der Anthologie |Tolkiens Geschöpfe| (Heyne) und die Erzählung „In Poseidons Armen“ in der Anthologie |Matrixfeuer| (|Phönix|-Verlag).

Nebelriss – so nennen die Bewohner eine Schlucht am nördlichen Rande des Hochlands, der Grenze zwischen Sithar und Arphat. Alten Legenden zufolge werden in ihr die Wolken geboren, um dann über die Welt zu ziehen und sie mit Regen zu belohnen oder mit Stürmen zu strafen.
Über diese Schlucht führt die alte Brücke von Pryatt Par, die auch Fürst Baniter Geneder beschreiten muss, um seine Gesandtschaft in das verfeindete Königreich Arphat zu führen.

Markolf Hoffmann nimmt den geneigten Leser mit auf eine atemberaubende Reise, in deren Verlauf er mit seiner leidenschaftlich düsteren Erzählweise eine Welt zum Leben erweckt. Viele liebevoll arrangierte Details, die manchmal wie die Requisiten in einer gemütlichen Taverne anmuten, machen den Reiz dieser bis ins Kleinste ausgearbeiteten Welt aus. „Nebelriss“ birgt ein unvergleichliches Erlebnis für alle Freunde phantastischer Literatur. Seine mitreißende Art und die stilistisch eindrucksvolle Sprache bringen ein literarisches Werk zum Vorschein, welches international seinesgleichen sucht.

Dem Autor ist etwas gelungen, was gerade in der phantastischen Literatur leider eine Rarität ist; er hat eine komplexe und vielseitige Geschichte erschaffen, wie sie sonst nur das Leben selbst zu erzählen vermag. Die Protagonisten, wie auch wichtige Nebenfiguren, zeigen auf ihrem Weg neben ihren Stärken ebenso ihre Schattenseiten und der eine oder andere wächst unerwartet über sich selbst hinaus – es gibt keinen schillernden Helden in einer goldenen Rüstung und genauso wenig finden sich schwarze Drachen auf einem Hort aus purem Gold oder menschenfressende Trolle. Hier geht es nicht um den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, vielmehr geht es um eine dem Untergang geweihte Welt, in der die einzelnen Personen ihrer Bestimmung nachgehen, um ihren Platz in der neuen Ordnung zu finden. Bei seinen Figuren hat Markolf Hoffmann großen Wert darauf gelegt, dass sie natürlich erscheinen und eine Konsistenz im Denken und Handeln aufweisen. Aus der Sicht des jeweiligen Charakters erscheint sein Streben gut und richtig, auch wenn es für einen anderen bedeuten mag, dass ihm daraus Unannehmlichkeiten erwachsen oder er gar mit dem Rücken an die Wand gedrückt wird. Selbst die unheilbringenden Goldéi, welche danach trachten, eine längst vergangene Ordnung wieder herzustellen, scheinen ein gerechtes Ziel zu verfolgen – natürlich nur aus ihrer Sicht. Auf Grund dieser menschlichen Züge, der Stärken und Schwächen und der teils eigennützigen Zielen fällt es schwer, einen eindeutigen Sympathieträger auszumachen.

Gestattet mir ein paar Worte zum Buch selbst. Das Cover-Artwork ist wahrlich eine gelungene Arbeit von Christopher Vacher, doch auch wenn es die teils bedrückende Atmosphäre der Geschichte malerisch widerzuspiegeln vermag, so habe ich doch meine Schwierigkeiten, es in einen Kontext zum Roman zu bringen – mag sein, dass es einen Teil des Rochenlandes darstellt oder die |Augen von Talanur| im Yanur-Se-Gebirge in Arphat. Auf jeden Fall macht das Buch allein schon wegen des Einbandes auf sich aufmerksam.
Sollte der geneigte Leser und Liebhaber phantastischer Literatur nun allerdings auf die Idee verfallen, das Buch umzudrehen, um sich mittels des Klappentextes einen Einblick in die Geschichte zu verschaffen, so erfährt er eine herbe Enttäuschung, denn die Art und Weise, wie hier versucht wird, dem potenziellen Leser das Buch schmackhaft zu machen, zielt wohl eher auf die falsche Zielgruppe ab. Ganz oben der unnötige und völlig irreführende Vergleich mit J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, direkt gefolgt von ein paar allgemein gehaltenen Phrasen, die eher zu einer |Sword & Sorcery|-Reihe passen. Warum nur, lieber |Heyne|-Verlag, erachtest du das, und dann in dieser Form, als unbedingt erwähnenswert? Ich möchte noch auf ein weiteres Manko hinweisen; ich finde es ziemlich schade und auch ein wenig irritierend, dass von außen nichts darauf hindeutet, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Auf der Vorderseite finden nur der Verlag, der Autor und der Titel des Romans – nebst einem Verweis darauf, dass es sich eben um einen Roman handelt – Erwähnung und auch auf dem Buchrücken steht nichts von einer Trilogie. In diesem Zuge sei erwähnt, dass wegen des Verkaufs der Fantasy-Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag der zweite Teil dieser Trilogie, „Flammenbucht“, – und hoffentlich auch der abschließende dritte Teil – bei Piper erscheint, und zwar zeitgleich mit der Neuveröffentlichung dieses ersten Bandes im November 2004.

Nun aber wieder zu den erfreulichen Seiten dieses Buches, nämlich den ersten. Dort findet der Leser ein Aufstellung der |dramatis personae|, eine Karte der Welt Gharax und die dazugehörige Legende. Da der Roman ohne ein großartiges Präludium direkt ins Geschehen einsteigt, mag die Erläuterung, wer wohin gehört und welches Amt er dort bekleidet, dem einen oder anderen Leser hilfreich sein; ich persönlich liebe derart komplexe Stories und habe sie, während ich mich von der Welt und den Personen habe entführen lassen, nicht benötigt. Bei der Rezension war sie mir allerdings eine große Hilfe, da ich so ohne größeres Suchen die Schreibweise von Orten und Personen nachschlagen konnte. Meines Erachtens ist diese Idee eine angenehme Bereicherung für das Buch. Die Karte entstammt der Feder von Markolfs Schwester, Hjördis Hoffmann, und erlaubt dem Leser trotz ihrer geringen Größe, den Wegen Baniter Geneders und denen der Goldéi geographisch zu folgen.

Und damit kommen wir auch schon zu einem weiteren, wie ich finde, sehr gelungenen und ungewöhnlichen Leckerbissen, den Markolf Hoffmann seinen Lesern bietet: die [Nebelriss-Homepage,]http://www.nebelriss.de die er eigenhändig pflegt. Neben einem reichhaltigen Angebot an Hintergrundinformationen bietet der Nachwuchsautor seiner Leserschaft eine kostenlose Probe seines Könnens. In der Rubrik „Online-Konzept“ hat er eine kurze Vorgeschichte, „Der Preis des Verrats“, in Form eines Briefwechsels verfasst, mit dem der geneigte Leser einen kleinen Einblick in die Welt Gharax und die Bedrohung durch die Goldéi erlangen kann. Der kathygische König Eshandrom hat seinen Ratgeber Pushindra in das Nachbarreich Candacar entsandt, damit dieser den Gerüchten über eine gesichtete Invasionsflotte goldgeschuppter Echsen auf den Grund gehe. In zehn kurzen Kapiteln, die bereits in den Wochen vor der Veröffentlichung von „Nebelriss“ auf der Homepage präsentiert wurden, wird dieser Briefverkehr wiedergegeben.
Ein ähnliches Konzept ist auch im Vorfeld der Veröffentlichung von „Flammenbucht“ geplant.

Abschließend bleibt mir nur noch, euch einige wunderschöne Leseabende mit „Nebelriss“ bei Kerzenschein und einem guten Glas Wein zu wünschen.

Lovecraft, Howard Phillips – Schatten über Innsmouth, Der

Howard Phillips Lovecraft ist bekannt für seinen – zumindest für heutige Verhältnisse – eigentümlichen Schreibstil. Seine Erzählung „Schatten über Innsmouth“ (Buchtitel) ist in Form eines Reiseberichtes gehalten – genauer gesagt, erzählt ein junger Mann rückblickend von zwei Tagen seiner Reise.

Er feiert seine Volljährigkeit mit dieser Reise durch Neuengland – um das Land kennen zu lernen und außerdem historische und genealogische Studien zu betreiben. In Newburyport angekommen, bemüht sich der Erzähler um eine Passage nach Arkham. Als er den horrenden Fahrpreis für den Dampfzug beanstandet, berichtet ihm der Fahrkartenverkäufer von einem Autobus, der zweimal täglich von Newburyport über Innsmouth nach Arkham fährt. Die Einheimischen meiden jedoch diese kleine Hafenstadt an der Mündung des Manuxet, da sie sich vor den Bewohnern ekeln, ja sogar ängstigen. Es habe den Anschein, so erfährt der junge Mann, dass die Einwohner von Innsmouth, je älter sie werden, zunehmend einer heimtückischen Krankheit zum Opfer fallen. Daher ranken sich um das geheimnisumwogene Innsmouth und seine Bewohner ungeheuerliche Legenden. Von der Neugier gepackt, schickt sich der Reisende an, noch am selben Abend den Autobus zu nehmen, wird jedoch in seinem Enthusiasmus von seinem Gesprächspartner gebremst, der ihm rät, erst am nächsten Morgen zu fahren, um den Tag in Innsmouth zu verbringen, jedoch noch am Abend des selben Tages seine Weiterreise nach Arkham anzutreten. Als Begründung führt er die Erzählungen eines Gewerbeinspektors an, der vor zwei Jahren im Gilman House, dem einzigen Hotel in Innsmouth, abgestiegen war. Dieser Mann berichtete von seltsamen, unnatürlichen Stimmen, die aus den leer stehenden Zimmern des Hotels drangen und sich in einer fremden Sprache die ganze Nacht unterhielten. Er habe es nicht gewagt, sich zu entkleiden und zu Bett zu gehen, jedoch am nächsten Morgen die Beine in die Hand genommen und mit dem Autobus die Stadt verlassen. Im weiteren Gespräch erfährt der junge Mann auch, dass selbst der Bahnangestellte, der doch gar nicht aus dieser Gegend stammt, die Menschen aus Innsmouth nicht besonders leiden kann. Sie seien eben ein sehr sonderbares Völkchen. Der Erzähler nutzt die ihm verbleibende Zeit des Tages für Recherchen in den örtlichen Archiven und Museen, wobei seine Neugier nur weiter angestachelt wird.

Am nächsten Morgen findet er sich an der Haltestelle des Autobusses ein und beginnt seine abenteuerliche Reise nach Innsmouth. Seine Mitreisenden wirken tatsächlich ein wenig sonderbar und ihr Äußeres stößt ihn wahrlich ab. Am Ziel angekommen, erkundet er den kleinen Platz, an dem der Autobus hält und vergewissert sich ob der abendlichen Abfahrtszeit. Der junge Mann entdeckt einen kleinen Laden, in dem er sich mit Proviant für den Tag versorgt. Der Verkäufer erkennt ihn als Zugereisten und so kommen sie ins Gespräch. Er sei auch nicht von hier und wäre lieber an jedem anderen Ort auf der Welt, doch die Geschäftsleitung habe ihn nach Innsmouth versetzt und da er seine Stellung nicht aufgeben wolle, habe er sich damit abgefunden. Doch immer, wenn es ihm möglich sei, verlasse er diesen Ort, denn hier sei es nicht geheuer. Er berichtet von dem alten Zadok Allen, der ihm bestimmt mehr über Innsmouth und seine Einwohner erzählen könne. Es werde jedoch nicht gerne gesehen, wenn der alte Zadok sich mit Fremden unterhalte, doch mit einer Flasche seines Lieblingsstoffes könne man seine Zunge lösen. Das meiste, was er zu erzählen habe, seien jedoch Schauergeschichten, die man nicht glauben könne. Der Verkäufer zeichnet noch eine grobe Skizze der Stadt und der junge Reisende macht sich auf den Weg, die Stadt zu erkunden…

Die unheimlichen Geschichten von H. P. Lovecraft (* 20. August 1890, + 15. März 1937), dem Großmeister der Angst, zählen heutzutage zum Weltliteraturerbe. Dabei war er zu Lebzeiten nicht gerade von sich und seinen Werken überzeugt. Eine seiner längsten autobiographischen Schriften trägt den Titel “Einige Anmerkungen zu einer Null”. Er wagte damals nicht einmal zu hoffen, dass seine Werke jemals mit denen von Poe, Dunsany oder Blackwood auf einer Ebene stünden. Er selbst schrieb hierzu: |“Für mein Werk kann ich nichts weiter vorbringen als seine Redlichkeit. Ich weigere mich, den mechanischen Konventionen der Unterhaltungsliteratur Tribut zu zollen oder meine Erzählungen mit Klischeefiguren und abgedroschenen Situationen vollzustopfen. Ich lege Wert darauf, echte Gemütsäußerungen und Eindrücke so gut zu schildern, wie ich es vermag. Die Ergebnisse mögen armselig sein, doch ringe ich lieber weiter hartnäckig um echten literarischen Ausdruck, als die künstlichen Maßstäbe wohlfeiler Schnulzen zu akzeptieren.”|

In frühester Kindheit lauschte er den Märchen und Sagen und bereits im Alter von vier Jahren waren die Gebrüder Grimm seine bevorzugte Lektüre. Kurz darauf zog ihn „Tausendundeine Nacht“ in ihren Bann. Doch nicht nur Bücher und Sagen übten ihre Faszination auf ihn aus, auch die alten Straßen seiner Heimatstadt Providence, in denen die mit gefächerten Oberlichtern ausgestatteten Türen im Kolonialstil, winzige Fenster und anmutige Dachfirste aus der Zeit König Georgs den Glanz des achtzehnten Jahrhunderts lebendig erhalten hatten, übten einen Zauber auf ihn aus, den er sich kaum erklären konnte. Sein Faible für das achtzehnte Jahrhundert spiegelt sich in vielen seiner Erzählungen wider, so auch in “Schatten über Innsmouth”. In langen Passagen beschreibt er die Straßenzüge voll verlassener Häuser mit ihren vernagelten Türen und Fenstern, von denen eine gespenstische Atmosphäre ausgeht.

Aus gesundheitlichen Gründen war es ihm nicht vergönnt, regelmäßig die Schule zu besuchen, so dass er sich seine Bildung in Form eines chaotischen Selbstudiums bereits in jungen Jahren allein aneignen musste. Sein Augenmerk fiel auf die Wissenschaften und so trachtete er anfänglich mehr nach der Wahrheit denn nach Mythen und unheilmlichen Geschichten. Alsbald begann Lovecraft sich für Edgar A. Poe zu interessieren, doch seine frühe literarische Zeit war geprägt von Gedichten und Essays. Für ihn waren die wenigen phantastischen Gehversuche, die er unternahm, eher eine unbedeutende Nebensache. Zwar schrieb er seine erste unheimliche Geschichte ‚Der edle Lauscher‘ schon im Alter von sieben Jahren, doch er bezeichnete sie im Nachhinein als jämmerlich und infantil. Den |Cthulhu|-Mythos mit seinem eigenen Pantheon schuf er erst über 20 Jahre später, nach seiner Entdeckung Lord Dunsanys (mit vollem Namen Edward John Moreton Drax Plunkett), welche seiner Schriftstellerei gewaltigen Auftrieb verlieh. H. P. Lovecraft kann man guten Gewissens, ebenso wie Poe und Dunsany, als einen der Pioniere der phantastischen Literatur bezeichnen. Wenn auch sein Stil nicht gerade hohe literarische Maßstäbe anlegt, so vermitteln seine Erzählungen doch einen hintergründigen Schrecken und eine unheimliche Atmosphäre. Die Städte Arkham und Kingsport, die in einigen seiner Geschichten vorkommen, sind ein mehr oder weniger verändertes Salem und Marblehead (Massachusetts), die er neben einigen anderen Städten auf seinen Reisen durch die Vereinigten Staaten besuchte.

“Schatten über Innsmouth” gehört zweifelsohne in den |Cthulhu|-Mythos, den Lovecraft in überwiegend fragmentarischer Form ins Leben rief. Es ist die einzige längere Geschichte, die noch zu seinen Lebzeiten in Buchform bei einem kleinen Verlag publiziert wurde. Das Grauen in dieser recht aparten Erzählung geht zwar nicht von |Cthulhu| und dem Geschlecht der |Großen Alten|, ebenso wenig von dessen Dienerkreaturen aus, doch auch die |Tiefen Wesen|, grauenerregende Froschkreaturen, die in den Meeren leben, kamen einstmals von den Sternen und bevölkerten neben den |Großen Alten| die Erde, als diese noch kein eigenes Leben beherbergte. H. P. Lovecraft versteht es, mittels seiner detaillierten Schilderung der Stadt und des von ihr ausgehenden Unbehagens, den Leser in eine Atmosphäre des Grauens einzuführen und obwohl das schreckliche Ende bereits zu Beginn der Geschichte offenbar wird, steigert sich die Spannung und bietet einen kleinen Einblick in die abscheulichen Abgründe des |Cthulhu|-Mythos.

In dieser Geschichte finden sich Lovecrafts gewohnte Stilmittel wieder. Ein einzelner Mann sieht sich mit einer widernatürlichen Übermacht des Grauens konfrontiert und bietet sein ganzes Wesen auf, um ihr zu entgehen. Jahre danach entschließt er sich, von Alpträumen geplagt und in der Überzeugung, keinen weiteren Schaden mehr anzurichten, seine Erlebnisse der Welt zu enthüllen. Wie so oft ist die Erzählung also nur wenig von wörtlicher Rede durchzogen – sieht man einmal von ein paar Gesprächen zu Beginn und der längeren Unterhaltung mit Zadock Allen ab. Alles, was der Leser erfährt, beruht auf den Erlebnissen des Erzählers, den Geschichten, die ihm auf seiner Reise zutragen werden und dem schrecklichen Schicksal, mit dem er sich heute konfrontiert sieht.

In den letzten beiden Jahren erschienen gleich zwei Hörbücher der Reihe |H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens| aus der Schmiede von |LPL records|. Während „Der Cthulhu-Mythos“ (2002) mit dem |Deutschen Phantastik-Preis 2003| als „Bestes Hörbuch/Hörspiel des Jahres“ ausgezeichnet wurde, steht ihm sein jüngerer Bruder „Der Schatten über Innsmouth“ (2003) in nichts nach. In Zeiten, da immer weniger Menschen Zeit zum Lesen finden, vermag dieses neue Medium vielleicht auch den |Cthulhu|-Mythos aufs Neue zu entfachen.

Die deutsche Fassung stammt aus der Feder von Andreas Diesel und wurde von Frank Festa (|Festa|-Verlag) für die Hörbuchfassung überarbeitet. |LPL records| hat mit diesem Hörbuch eine von Lovecrafts besten Horrorgeschichten in ein eindrucksvolles Gewand gekleidet. Nicht nur, dass Lars Peter Lueg, der Produzent und Verlagsleiter von |LPL|, dem geneigten Zuhörer eine ungekürzte Fassung dieser Erzählung bietet, außerdem ergänzt eine Bonus-CD mit Texten von S. T. Joshi und David E. Schultz, welche düstere Hintergrundinformationen über die Entstehung von Lovecrafts bekanntester Geschichte liefert und interessante Details über dessen alptraumhafte und geniale Gedanken enthüllt, die 215 Minuten lange Geschichte. Als letzte Zugabe befindet sich auf dieser CD auch eine 26-minütige Hörprobe aus „Der Cthulhu-Mythos“.

Ebenso trägt die Wahl der Sprecher maßgeblich zu der herausragenden Umsetzung bei. Lutz Riedel leiht dem Erzähler seine Stimme, während Joachim Kerzel – der bereits den Erzählungen in „Der Cthulhu-Mythos“ eine schauderhafte Atmosphäre verlieh – auf unnachahmlich eindrucksvolle Weise die Rolle des alten Zadok Allen übernimmt. Der Zuhörer vermag die Angst des Alten förmlich zu spüren. Im Zusammenspiel dieser beiden altgedienten Synchronsprecher entsteht eine Atmosphäre, die das Grauen und das spätere blanke Entsetzen, welches den Erzähler immer mehr in die Fänge des Wahnsinns zu treiben droht, sehr überzeugend zu vermitteln vermag. Beide wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Realität und Wahnsinn.

Lutz Riedel nimmt den geneigten Hörer mit auf eine Reise in die düsteren Abgründe der Phantasie, die Stadt Innsmouth erscheint buchstäblich vor den Augen der Hörerschaft und die Flucht durch die alten Straßen der Stadt lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er versteht es, die Spannung dieser Geschichte zu keinem Punkt abreißen zu lassen, und so wird aus der Synthese von Lovecraft und Riedel ein Meisterwerk wahnhaften Grauens.

Andy Matern sorgt zudem für eine passende musikalische Untermalung, welche die schaurige Atmosphäre an den richtigen Stellen noch unterstreicht. Dunkle Chöre und düstere, sphärische Klänge begleiten die Erzähler auf ihrem Weg und lassen den Schrecken beinahe real werden.

Wie auch schon bei „Der Cthulhu-Mythos“ übernimmt David Nathan auf der Bonus-CD die Rolle des H. P. Lovecraft, während Nana Spier sich der Texte annimmt, die dieses Bonusmaterial gänzlich abrunden. Selbst für Lovecraft-Liebhaber – jene unter euch, die sich mit dem Meister des Makaberen schon längere Zeit beschäftigen – wird die eine oder andere Information auf dieser CD möglicherweise einen neuen Aspekt seines Lebens und Schaffens eröffnen. Ich möchte mich hier bei den Verantwortlichen für dieses Lovecraft-Liebhaber-Paket bedanken, mehr kann man einfach nicht erwarten.

Der Berliner Schauspieler Lutz Riedel erblickte 1947 das Licht der Welt. Neben seiner Tätigkeit als Buch- und Dialogregisseur, sowie Dialogautor synchronisierte er u. a. Timothy Dalton („James Bond – Lizenz zum Töten“) und Richard Gere („Internal Affairs“). Er war auch die Stimme von Jan Tenner in der gleichnamigen Hörspielserie.
Joachim Kerzel wurde 1941 in Oberschlesien geboren und besuchte ab 1963 die Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Neben der Schauspielerei begann er mit der Synchronarbeit, als Sprecher wie auch als Regisseur. Er ist die deutsche Stimme von Jack Nicholson und lieh sie u. a. Dustin Hoffmann und Robert DeNiro. Joachim Kerzel hat sich durch zahlreiche Bestseller-Lesungen einen Namen gemacht. Der versierte Sprecher sorgt neben seinen Rollen in den Lovecraft-Hörbüchern als Erzähler der neuen John-Sinclair-Hörspiele für Spannung und lässt den Hörer gruseln, erzittern und mitfiebern.
David Nathan (*1971) ist Regisseur und Synchronsprecher. Seine Stimme leiht er seit 1991 der Werbung, der Synchronisation und Dokumentation sowie Computer- und Hörspielen. Er ist u. a. die Synchronstimme von Johnny Depp. Neben Deutsch und Englisch spricht David Nathan auch fließend Berlinerisch.
Nana Spier (*1971) ist u. a. die deutsche Stimme von Drew Barrymore und Sarah Michelle Gellar. Die gebürtige Berlinerin ist zudem seit 1992 immer wieder im deutschen Fernsehen zu sehen, zuletzt als Schwester Elke in der Serie „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“ (ARD).

Zu guter Letzt sei mir noch ein Ausblick auf die Fortsetzung dieser Reihe gestattet.
Im September 2004 erscheint „Howard Phillips Lovecrafts Bibliothek des Schreckens 3 – Das Ding auf der Schwelle“. Auf dieser Doppel-CD befindet sich neben der Titelgeschichte auch H. P. Lovecrafts Erzählung „Ratten im Gemäuer“. Als Sprecher wurde wieder Lutz Riedel verpflichtet. Ich denke, wir dürfen gespannt sein.

Mehr Informationen bei |wikipedia|: http://de.wikipedia.org/wiki/Lovecraft

Bitte beachtet auch unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=506 der Buchausgabe.

Gibson, William – Neuromancer

William Gibson ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der letzten zwanzig Jahre. Er hat, wie kein anderer SF-Autor, in kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Sein Erstlingswerk „Neuromancer“ wurde mit dem |Nebula Award|, dem |Hugo Award|, dem |Locus Award| und dem |Philip K. Dick Memorial|-Preis ausgezeichnet.

William Gibson entführt seine Leser in eine Welt immanenter, teils futuristischer Technik, die sich aber von ihrem sozialen und politischen Gefüge her kaum von unserer wirklichen Welt unterscheidet – multinationale Megakonzerne beherrschen die Wirtschaft und die Politik; die Ballungsräume haben sich zu immer größeren, geschwürartigen Gebilden entwickelt, bis sie irgendwann zusammengewachsen sind; ein sehr großer Teil der Bevölkerung lebt in den Randgebieten des Sprawl – in den Slums – und kämpft ums Überleben. Einige von ihnen haben sich die Technik zu Nutze gemacht und verdienen ihr Geld mit Datendiebstahl und Industriespionage.

|“Cyberpunks nennen sich die Computerfreaks mit implantierter Elektronik im Schädel, allesamt verrückt und süchtig nach irren Abenteuern jenseits der Realität. Die Direktschaltung von Gehirn und Computer verheißt Allgegenwart und nie dagewesene Sensationen. Eine neue Welt tut sich auf, intensiv wie ein elektrischer Schock.“| (Bruce Sterling)

Case war ein solcher Cyberpunk. Mit 22 Jahren war er einer der besten Deckjockeys im Sprawl – ein |Cowboy|, wie er es nannte. Er war ein Dieb, der für die großen, reicheren Diebe arbeitete. Seine Auftraggeber beschafften ihm die Software, die er benötigte, um in die riesigen Industrie-Komplexe mit ihren geheimen Forschungslaboratorien einzubrechen und dort all jene Daten zu stehlen, an denen sie interessiert waren.
Dann machte er den klassischen Fehler. Case behielt etwas von dem zurück, was ihm nicht gehörte. Er wollte das große Geld machen – und zwar schnell. Sie kamen ihm auf die Schliche, fanden ihn und bestraften ihn auf eine Art, die für Case schlimmer war als der Tod. |“Sie schädigten sein Nervensystem mit einem russischen Mykotoxin aus Kriegszeiten. In einem Hotel von Memphis ans Bett gefesselt, halluzinierte er dreißig Stunden lang. Mikron für Mikron brannte sein Talent aus. Der Schaden war gering, unauffällig, aber äußerst wirksam.“ (S. 14/15)| Seit dieser Nacht war der Cyberspace nur noch eine Erinnerung, ein Traum. Die Ärzte in den schwarzen Kliniken hatten seine Verstümmelung bestaunt, doch sie konnten ihn nicht heilen.
Darauf folgte der soziale und gesellschaftliche Abstieg. Er begann Drogen zu nehmen, Speed und Alkohol, und steigerte sich in eine akute Suizidgefahr hinein. Case stand mit einem Mal am Rande der Gesellschaft und agierte hart an der Grenze zur Unterwelt. Er war nur ein kleiner Gauner unter vielen.
|Heute| ist Case 24 Jahre alt. Er ist ein Punk, der orientierungslos einen Leitfaden durch sein Leben sucht. Case versucht den Eindruck zu erwecken, er habe mit seinem |früheren| Leben abgeschlossen, doch Drogen und mehr oder weniger unmotivierter Sex vermögen ihm nicht zu geben, was er außerhalb des Cyberspace entbehren muss.. |“(…) Der Körper war nur Fleisch. Case wurde ein Gefangener des Fleisches.“ (S. 15)|
Er ist einer der unzähligen Straßendealer in Ninsei, den Slums von Chiba City. Er schläft in den billigsten Absteigen und schlägt sich mit illegalen Geschäften für das organisierte Verbrechen und manchmal auch mit Mord durchs Leben. Die neuen Yen, die ihm seine Deals einbringen, investiert er direkt in den nächsten Auftrag und in Drogen.
Eines Abends tritt Molly in sein Leben. Molly ist eine kybernetisch aufgewertete Straßenkämpferin mit implantierten Linsen und Nagelmessern. Ihr Job ist es, Case zu ihrem Auftraggeber Armitage zu bringen – nur um zu reden, wie sie ihm versichert. Armitage unterbreitet ihm einen interessanten Deal. Er will Case’s Nervenschäden in einer illegalen Klinik heilen lassen, wenn dieser dafür einen Auftrag im Cyberspace übernimmt. Anfänglich zögert Case, da er zu oft enttäuscht wurde. Sein altes Leben wieder zum Greifen nah, willigt er dann aber doch ein, da er der Verlockung, endlich wieder den Cyberspace betreten zu können, nicht widerstehen kann …

William Gibson wurde am 17. März 1948 in Convay, South Carolina (USA), geboren. Nachdem 1966 seine Mutter starb, verließ er im Alter von 19 Jahren die USA und zog, um sich der Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen, nach Toronto (Kanada). Seit 1971 wohnt er in Vancouver, British Columbia (Kanada).
Auf der |University of British Columbia| begann William Gibson zu schreiben. 1977 verkaufte er, zu Beginn der Punkbewegung, seine Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“ (später im Heyne-Verlag veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“) an die wenig verbreitete Zeitschrift UnEarth.

Er begründete den Begriff |Cyberspace| und beschrieb die |Virtuelle Realität| (VR) und das |Internet|, bevor die meisten Menschen deren Existenz auch nur erahnten.

Der Cyberspace ähnelt im Großen und Ganzen unserem heutigen Internet. Während man, um das Internet zu benutzen, vor einem Bildschirm sitzt und seine Daten via Tastatur und Maus eingibt, |’steckt’| der User in Gibsons Vorstellung jedoch nur noch |’ein’|, worauf sein Geist in den Cyberspace eintaucht und dort agiert. Die Visualisierung basiert auf der Technologie der virtuellen Realität, die auf eine abstrakte Art und Weise an die reale Welt angelehnt ist.
Der Cyberspace wird z.B. genutzt, um Geschäftsprozesse von jedem Ort auf der Welt für die berechtigten Benutzer zugänglich zu machen. Aus den Mauern der realen Industriekomplexe und Banken werden im Cyberspace unsichtbare Mauern aus EIS (Elektronisches Invasionsabwehr-System). Auch hier gibt es, wie in der Realität, technische Möglichkeiten, diese Abwehrmechanismen zu umgehen. Genau wie in der realen Welt, treiben auch im Cyberspace Gauner, Diebe und Industriespione ihr Unwesen. Ihre Werkzeuge sind nur nicht mehr Dietrich und Schneidbrenner, sondern eigens zum Durchbrechen der Mauern aus EIS geschriebene Computerviren.
In Gibsons Vorstellung kann ein Deckjockey im Cyberspace auch sterben. Die Idee, welche dahintersteht, ist, dass, wenn der Geist im Cyberspace angegriffen und |getötet| wird, eine Rückkopplung erfolgt, die das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes grillt. Es besteht also ein gravierender Unterschied zwischen unseren heutigen Computerspielen, z.B. in Virtual-Reality-Cafés, und Gibsons Cyberspace. Wenn ein Deckjockey im Cyberspace einen schwerwiegenden Fehler begeht, dann wird kein virtuelles Leben abgezogen und es gibt auch keinen Schriftzug |Game Over|, der in roter Schrift im Blickfeld aufblinkt, der Deckjockey stirbt einfach – sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt.

Als Hommage an Gibsons „Neuromancer“ entstand das Pen&Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“, welches in der düsteren Welt von „Neuromancer“ spielt.

William Gibson gilt auch als Begründer einer neuen literarischen Strömung in der Science-Fiction, dem |Cyberpunk| oder – in Anlehnung an „Neuromancer“ – der |Neuromantik|.

Der Titel „Neuromancer“ ist ein Wortspiel zu |Necromancer| (dt.: Nekromant), was soviel wie Geisterbeschwörer bedeutet, und |neuro|, also Nervensystem. Case, der Protagonist der Geschichte, ist ein zeitgenössischer, in naher Zukunft angesiedelter Zauberer. Seine Hexerei besteht darin, das menschliche Nervensystem mit dem elektronischen neuronalen Netzwerk der Computerwelt zu |interfacen| und diese zu manipulieren bzw. von ihr manipuliert zu werden. Dieser Gedanke folgt analog dem wechselwirkenden Eintritt eines Schamanen in traditionelle mystische Bereiche (die Geisterwelt) mittels Drogen und/oder Trance.

Das Genre ist geprägt vom Lebensgefühl der Punkkultur, die sich in einer modernen, von Elektronik geprägten Welt wiederfindet. Im Mittelpunkt steht ein Computernetzwerk ähnlich unserem Internet, der Cyberspace oder auch die Matrix, welches dem Menschen mittels Interfaces ein völlig neues Terrain eröffnet.

William Gibson verbindet in seinen Romanen zwei Strömungen der Science-Fiction, die |Hard SF| und die |New Wave| der siebziger Jahre. Seine wissenschaftlich-technische Extrapolation entstammt der Hard SF, während seine stilistische Ausführung New Wave pur ist, das heißt, er schreibt gesellschaftskritisch mit einem romantischen Impuls und er bedient sich des in der New Wave verwendeten Archetypus der Protagonisten.

Die Hard SF zeichnet sich durch einen logischen Positivismus, traditionelle moralische Werte und ein wissenschaftliches Weltbild aus. Streng wissenschaftlich orientiert, werden in simpler, transparenter Erzählkunst die Geschichten gestählter Könnertypen und gefühlloser Technikmenschen dem Leser nahe gebracht. Die Archetypen dieser Stilrichtung sind beispielsweise Computerhacker oder Weltraumkommandanten, die meist aus mittelständischen oder aristokratischen Gesellschaftsschichten stammen.
Aus der Sicht der Hard-SF-Autoren vertreten die Autoren des New Wave eine nihilistische, gegen Wirtschaft und Technik gerichtete Einstellung.

Die New Wave hingegen begründet sich auf ein |gesundes| Volksempfinden, welches sich in der Rebellion gegen Establishment und Krieg manifestiert. Sie steht für sexuelle Befreiung und einen kulturellen Pluralismus, aus dem sich ein charakterologischer Realismus ergibt, der sich auch in den Archetypen, wie z. B. Hippies oder Punks widerspiegelt. Stilistische Experimente, wie z. B. Slang oder mehrere Erzählstränge und ein starker romantischer Impuls, der sich in der Einbeziehung und Beschreibung des Banden- und Straßenmilieus offen zeigt, runden das Bild der New Wave ab.
Die New-Wave-Autoren werfen den Autoren der Hard SF vor, sie seien naiv, da sie zu glauben scheinen, ein Aufschwung in Wirtschaft und Technik müsse eo ipso zur Verbesserung der menschlichen Bedingungen beitragen.

Die Merkmale dieser beiden Strömungen galten lange Zeit als unvereinbar. Doch Gibsons Werke scheinen genau den Nerv der Zeit zu treffen. Er vereinigt in seinen Romanen eine komplexe Synthese der Popkultur mit High-Tech und einem fortgeschrittenen Schreibstil. Seine Werke beheimaten dichte und bizarre Storys, eine kantige und düstere Leidenschaft und intensive Detailfreude. Hervorzuheben sind dabei neben der Neuromancer-Trilogie, welche durch „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ komplettiert wird, die |Sprawl-Serie|, zu der die Kurzgeschichten „Johnny Mnemonic“, „New Rose Hotel“ und das fabelhafte „Burning Chrome“ gehören. Die Charaktere sind ein Sammelsurium aus Verlierern, Gangstern, Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Irren, mit denen man sich durchaus zu identifizieren vermag. Gibson schreibt von |normalen| Menschen, die sich in unserer technisierten Welt zurecht finden müssen und nicht von den unfehlbaren |Super|-Helden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, wie es die Hard SF bevorzugt.

Im Vorwort von „Cyberspace“ schreibt Bruce Sterling über Gibsons Erzählungen:
|“(…) In seiner Welt ist die Wissenschaft kein Wunderbrunnen schrulliger Genies, sondern eine allgegenwärtige, alles durchdringende, greifbare Kraft.
Die Geschichten zeichnen ein Bild der modernen Misere, das ein jeder auf den ersten Blick erkennt. Gibsons Extrapolationen führen uns mit überspitzter Klarheit den verborgenen Teil eines Eisbergs sozialen Wandels vor. Dieser Eisberg treibt mit finsterer Majestät durchs späte zwanzigste Jahrhundert, aber seine Proportionen sind gewaltig und düster.“|

Gibsons Schreibstil, die kantige und düstere Leidenschaft seiner Geschichten, spiegelt sich in der Passage auf der ersten Seite des Buches wider. Er nutzt nicht nur in der wörtlichen Rede, sondern auch bei seinem Erzählstil eine Syntax, die dem Straßenslang sehr nahe kommt. Hier zeigt sich der Impuls des New Wave, der in Gibsons Geschichten eine große Rolle spielt.
|Case schloss die Augen.
Fand den geriffelten EIN-Schalter.
Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosphene aus den Grenzen des Raumes auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information.
Bitte, betete er, jetzt …
Eine graue Scheibe, Himmelsfarbe von Chiba.
Jetzt …
Die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zur hellgrauen Sphäre. Weitete sich.
Und floß, entfaltete sich für ihn. Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit entfernt sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn.
Und irgendwo er, lachend, in einer weiß getünchten Dachkammer, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht mit Freudentränen überströmt.
in Liebe für Deb,
die es möglich gemacht hat|

Mir liegen noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung auf der Seele.

Zum Einen wirkt es ein wenig befremdlich, wenn man anstelle des weit verbreiteten Begriffes |Cyberspace| immer wieder |Kyberspace| lesen muss. Noch schlimmer kann man ein englisches Wort wohl kaum verunstalten – das erste Teilwort auf Deutsch und das zweite weiterhin auf Englisch. Nun gut, diese Übersetzung ist in der Mitte der achtziger Jahre entstanden und so mag man es dem guten Reinhard Heinz nachsehen, aber ehrlich gesagt, habe ich mich da im gesamten Buch nicht dran gewöhnen können.
Dieser Hirnverdreher ist zwar in der neuen Auflage behoben, dafür ist aber der gesamte Sprachstil |geglättet| worden. Meiner Meinung nach verliert der Roman dadurch viel an Atmosphäre. Da „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ nicht mehr einzeln erhältlich sind, wird sich der geneigte Leser ein Bild davon machen können, wenn er die neue Fassung mit der alten vergleicht. Ich empfehle wirklich, den ersten Roman in der älteren Übersetzung zu lesen.
Leider tritt das gleiche Phänomen auch bei der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“ auf und auch hier verlieren die Geschichten an Atmosphäre.

Alles in allem ist dieses Buch in jedem Falle ein Leckerbissen für alle „Cyberpunk“- und „Shadowrun“-Rollenspieler, aber auch alle Nicht-Rollenspieler, die sich an diesem Genre erfreuen, werden ihre helle Freude daran haben.

|Siehe ergänzend dazu Michael Matzers [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=521 zum Hörspiel.|

Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

Wolfgang Hohlbein – einer der bekanntesten und preisgekrönten Autoren phantastischer Literatur – hat sich in seiner Serie „Der Hexer von Salem“ H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos angenommen und diesen wieder zu neuem Leben erweckt.

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)

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