Gerald Axelrod / Liane Angelico – Die Nacht des Blutmondes

Wer kennt dieses Gefühl nicht? Man betrachtet mit relativ emotionslosem Interesse ein historisches Gebäude, und plötzlich, von einem bestimmten Standpunkt aus, ergibt sich ein majestätischer Eindruck. Oder man spaziert unter einem alten Gewölbe entlang und verspürt unerwartet etwas Unheimliches. Und die Standbilder der Helden, Heiligen und Dämonen scheinen irgendwie zu leben.

Die Bilder

Der österreichische Fotograf Gerald Axelrod hat für seinen neuesten Bildband „Die Nacht des Blutmondes“ historische Bauwerke und Skulpturen, vereinzelt auch Landschaften in verschiedenen europäischen Ländern und den USA aufgenommen. Seine dunklen Schwarzweiß-Bilder zeigen die Gebäude in der Gesamtansicht oder in Details, Interieurs und Statuen. Und gerade die Außenaufnahmen lassen in der Zusammenschau mit dem Wasser, der Vegetation und besonders einem wolkenverhangenen Himmel eine dunkle Atmosphäre aufkommen und holen das zweite geheimnisvolle Gesicht der Bauwerke und Landschaften hervor. Durch die Auswahl besonderer Einzelheiten oder die Gesamtansicht aus bestimmten Blickwinkeln kann man auch Touristenmagneten wie der Burg Karlstein bei Prag oder Notre-Dame in Paris etwas Neues abgewinnen. Besonders reizvoll ist es, die verschiedenen, teilweise weit im Buch verstreuten Aufnahmen eines Gebäudes zu vergleichen, etwa der an der Atlantikküste gelegenen Festung Saint-Michel in der Bretagne.

Zwei außergewöhnliche Stätten sind durch sehr zahlreiche Fotos besonders hervorgehoben: einmal der Park der Monster in Bomarzo in Italien mit seinen phantasievollen Plastiken inmitten von Bäumen und Sträuchern, dann das Beinhaus in Kuttenberg (Kutná Hora) in der Tschechei. Beinhäuser waren in der Vergangenheit nach der Aufhebung von Friedhöfen die Aufbewahrungsorte der ausgegrabenen sterblichen Überreste. Im Kuttenberger Beinhaus wurden aus Unmengen von Schädeln und Knochen Wand- und Deckenverzierungen geschaffen! Überhaupt wird einem beim Betrachten der Bilder wieder einmal bewusst, wie sehr Leid, Gefahr und Tod – also Themen, die in der heutigen schönen, neuen Welt lieber ausgeblendet werden – in früheren Zeiten im Alltag präsent waren und auch die Kunst mitbestimmten. Die vertrauliche Redewendung vom „Gevatter Tod“ wird einem verständlicher.

Die Geschichte

Neben den Fotos enthält das Buch auch ein von Liane Angelico verfasstes Gruselmärchen für Kinder: Die freche, aber gutmütige kleine Hexe Lemura flieht zusammen mit dem Dämon Kemon vor dem Hexenjäger Hiremus, dem sie zugleich zuvorkommen muss. Denn dieser will in der Nacht des Blutmondes die Fähigkeit erlangen, alle Hexen aufzuspüren. Bei ihren Abenteuern muss Lemura aber lernen, dass auch die bösen Hexen der schwarzen Magie ihre Feinde sind. Als sie und Kemon mit viel Glück schließlich beide Gegner besiegt haben, finden sie auch eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe im Leben. Schauplätze des Märchens kann man mit etwas Phantasie in den Fotos auf den benachbarten Seiten entdecken. Und wie in diesen schönen alten Märchenbüchern ziert den Kopf jeder Textseite ein Ornament, und jedes Kapitel beginnt mit einer kalligraphischen Initiale.

Fazit

„Die Nacht des Blutmondes“ ist ein außergewöhnlicher Bildband, den man immer wieder in die Hand nehmen kann, um neue Details zu entdecken. Es ist ein Buch, in dem man alleine oder mit der ganzen Familie an langen Sonntagen oder (Achtung, Klischee) an dunklen Winterabenden lesen und blättern kann. Der Verlag hätte sich aber bei der Lektorierung etwas mehr Mühe geben können, damit bei den Bildunterschriften nicht „linke“ und „rechte Seite“ vertauscht werden. Außerdem scheint die kleine Hexe Lemura das eine oder andere Komma im Text weggehext zu haben. Diese kleinen Schönheitsfehler mindern aber nicht den positiven Gesamteindruck.

Über die Arbeit von Gerald Axelrod kann man sich weitergehend auf seiner Internetseite unter www.axelrod.at informieren.

Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
September 2005 (1. Auflage)
www.ubooks.de

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