Robert D. Ballard / Rick Archbold / Ken Marschall – Lost Liners

Sic transit gloria mundi – so vergeht der Ruhm der Welt …

Auf kein anderes Verkehrsmittel trifft dieses Zitat mehr zu als auf Transatlantik-Schiffe, denn ihre Zeit ist längst vorbei, dank des Aufkommens der Fliegerei sind diese Ozeanriesen immer mehr in den Hintergrund gedrängt und schließlich komplett obsolet geworden. Doch auch während ihrer Hochzeit war nicht immer alles zum Besten bestellt und spätestens seit dem Untergang der Titanic hat die Technikgläubigkeit der Menschheit einen schweren Schlag erlitten. Seereisen sind gefährlich, die Natur lässt sich selbst mit der ausgeklügelsten Technik nicht überlisten und allzu oft waren Schiffskatastrophen auch durch schlichtes menschliches Versagen gekennzeichnet. Ballard, Archbold und Marschall beleuchten in diesem Band die Geschichte der Passagier-Seefahrt und führen den Leser zu ausgewählten Wracks der einst stolzen und erhabenen Ozeanriesen – gemäß dem Untertitel: „Von der Titanic zur Andrea Doria – Glanz und Untergang der großen Luxusliner“

Auf Tauchstation! – Die Mitwirkenden

Meeresgeologe Dr. Robert D. Ballard von der |Woods Hole Oceanographic Institution|, Mitglied der |National Geographic Society|, ist seit seiner Entdeckung der |Titanic| und der |Bismarck| eine Berühmtheit unter den Tiefseeforschern. Nicht überall ist Ballard gut angesehen, das liegt jedoch an seiner plakativen Art, aber ganz sicher nicht an seiner Fachkompetenz, diese zweifeln auch seine Kritiker nicht an. Mittlerweile hat Ballard seine Meeresgeologie an den Nagel gehängt und konzentriert sich ausschließlich auf das Auffinden vermeintlich verschollener Schiffe, wobei ihm seine Erfolgsquote durchaus Recht gibt.

Seine Connections zur US Navy ermöglichen es ihm immer wieder an Schiffe und Tauchboote zu kommen, damit er sich in Tiefen wagen kann, die wohl noch keine Menschenseele lebend gesehen hat. Ansonsten lässt sich Ballard auch gerne von anderen Institutionen sponsern, um seine Expeditionen und das übrige Equipment/Personal zu finanzieren. Für den vorliegenden Band, der auch eine Zusammenfassung früherer Unternehmungen darstellt, ist erneut Rick Archbold als Texter/Historiker mit von der Partie, wird aber nicht auf dem Cover genannt, sondern muss sich mit einer Erwähnung auf Seite 4 im Impressum zufrieden geben.

Anders bei Ken Marschall, der ist vollkommen zu Recht Ballards erklärter Leib-Und-Magen-Illustrator, er ist seit dem Titanic-Band für Ballard in jedem seiner Bücher für die Illustration der entsprechenden Schiffe zuständig, darf auch hier wieder (neben dem obligatorischen Titelbild) künstlerisch tätig werden, diesmal sogar als genannter Co-Autor des Werkes. Marschall steuert gewohnt souverän sein Artwork bei, wobei sich dieses, wie schon bei der |Lusitania| oder der |Titanic|, nicht nur auf Bilder der Wracks, sondern auch auf den „schwimmenden Zustand“ und die Bilder der Katastrophen und deren bildliche Darstellung selbst ausdehnt. Marschall, der nach eigenen Angaben einen Hang zu Schiffen und ihrer Geschichte hat, visualisiert das Geschehen für den Leser wie kein zweiter.

Eintrag ins Logbuch – Aufmachung & Inhalt

Das Titelbild ziert der wohl berühmteste aller Luxusliner, die |Titanic| – steuerbordseitig, noch unter voller Beleuchtung schwimmend – mit abgefiertem Rettungsboot und einem bereits zu dieser Phase des sich abzeichnenden Untergangs bedrohlich tief unter Wasser liegenden Bug. Das Buch an sich ist sehr schwer, in Leinen gebunden und sämtliche Seiten sind in glattem, hochwertigem Glanzdruck gehalten. Aufgelockert wird der informative Text durch Bilder Ken Marschalls und zeitgenössische Fotos, Zeichnungen und Zeitungsausschnitte. Der Inhalt gliedert sich wie folgt:

Prolog / Wiedersehen mit den Luxuslinern – Ballard führt den Leser in die Welt der Ozeanriesen ein, erklärt, warum er davon so fasziniert ist und warum er dafür ist, die Schiffswracks so zu belassen, wie sie derzeit auf dem Meeresgrund liegen.

1) Angenehmer über den Ozean – Ein kleiner geschichtlicher Abriss über die Entstehung des Linienverkehrs auf dem Atlantik von 1819 – 1900. Viele zeitgenössische Darstellungen und ein Einblick in eine Zeit, die zur Entwicklung der ersten Dampfer, die vollkommen ohne Segel auskamen, führte.

2) Freundschaftliche Rivalen – Die Geschichte der fast baugleichen Schwestern |Mauretania| und |Lusitania|, während Erstere lange Zeit das „Blaue Band“ als schnellstes Transatlantik-Schiff innehatte, ereilte die |Lusitania| im Mai 1915 ein deutscher Torpedo. Sie sank nahe der irischen Küste, das Wrack hat Ballard bereits 1995 untersucht und ihm einen eigenen Bildband / Videofilm gewidmet.

3) Gescheiterte Träume – Dieses Kapitel enthält wieder zwei Schwestern, die ruhmreiche und gefeierte |Titanic|, deren Untergang 1912 beinahe die ganze Welt schockte, und die zuverlässige |Olympic|, die im ersten Weltkrieg zum Truppentransporter umgebaut wurde, um schließlich in allen Ehren demontiert und verschrottet zu werden. Der Fund und die Erforschung der lange verschollenen |Titanic| hat Ballard berühmt gemacht – sein Buch und Film darüber sind weltweit ein Bestseller geworden.

4) Die Schwester der |Titanic| – Richtiger müsste es heißen: die jüngere Schwester, die eigentlich |Gigantic| getauft werden sollte, wovon man aber wegen des |Titanic|-Desasters schließlich absah und ihr den Namen |Britannic| gab. An ihrem Wrack im Mittelmeer – präziser: in der Ägäis – „übte“ Ballard 1984/85 die Unterwasser-Navigation für den Fall der Entdeckung der baulich sehr ähnlichen |Titanic| (deren Entdeckung und Erforschung ihm 1986 ja letztendlich auch geglückt ist). Die |Britannic| lief, zum Lazarett-Schiff umgebaut, vermutlich auf eine deutsche Ankertau-Mine und sank rasch. Auch die Versenkung durch ein U-Boot ist im Bereich des Möglichen, jedoch durch keinerlei Dokumente belegt und daher sehr unwahrscheinlich.

5) High-Society auf hoher See – Hauptsächlich geht es in diesem Kapitel um die |Normandie|, welche im Hafen von New York während eines Umbaus durch Schweißarbeiten in Brand geriet und kenterte. 18 Monate lag das Wrack im Hafen auf der Seite, bis es demontiert und weggeschafft werden konnte. Schiff Nummer zwei in diesem Kapitel ist die |Queen Mary|, die später zum reinen Hotelschiff umgebaut wurde. Dieser Teil des Buches ist insofern bemerkenswert, da keine Passagiere zu Schaden kamen und man die Geschichte der beiden Liner nicht als „Katastrophe“ im herkömmlichen Sinne betrachten kann.

6) Der plötzliche Tod – 1956 nahm der Transatlantik-Transfer per Luxusliner ein relativ jähes Ende, der Untergang der |Andrea Doria| markiert diesen Punkt, als sie von einem anderen Schiff im Nebel und unter Missinterpretation des Radars dessen Kurs schneidet und gerammt wird. Von diesem Untergang gibt es sogar Filmaufnahmen und er gilt als einer der bestdokumentierten der Seefahrt. Das Wrack liegt in verhältnismäßig seichten 90 Metern Tiefe und ist ein beliebter Tummelplatz für erfahrene Sporttaucher. Dies ist die letzte große Schiffskatastrophe auf dieser Strecke und somit auch in diesem Buch. Die weiteren tragischen Unglücke, obwohl gleichfalls mit hoher Opferzahl, wie jenes der |Wilhelm Gustloff| gegen Ende des WK2, der Fähren |Herold of free Enterprises| in den frühen 80ern und der |Estonia| in jüngerer Vergangenheit bleiben außen vor – logisch, das waren auch keine Transatlantik-Liner.

7) Schutz für gesunkene Passagierschiffe – Ballards abschließendes Plädoyer dafür, (insbesondere) zivile Schiffswracks als Friedhöfe anzusehen, die man zwar erforschen, doch an denen man tunlichst keine Veränderungen vornehmen sollte – oder gar versuchen, Teile zu entfernen/heben. Selbst bei so tief liegenden Wracks wie dem der |Titanic| und anderen ist das mittlerweile gar nicht mehr so abwegig, wie man meinen möchte. In der jüngsten Zeit gab es immer wieder – teils privat initiierte – Tauchgänge zu solch vermeintlich unerreichbaren Stätten und leider auch eine Vielzahl von richtiggehenden Plünderungen bzw. Beschädigungen.

Die „gute“ alte Zeit – Fazit

Diese Sammlung von Facts rund um die zivile Passagierschiffahrt ruft nicht zuletzt durch Ken Marschalls exzellentes Artwork und Ballards Erfahrung beim Auffinden und Erforschen von Wracks die alten glanzvollen (und auch die tragischen) Zeiten des Transatlantik-Verkehrs wieder ins Leben. Da Ballard diesmal kein Buch mit Informationen zu einem einzigen Wrack füllen muss, gehört „Lost Liners“ eher zu seinen kurzweiligen Werken, ohne viel Schnickschnack und sein sonst andauerndes und dauer-nerviges Gesülze, wie man ein Wrack aufspürt. Hier kümmert man sich eher um die Schiffe und ihre Story denn um dröge technische Vorträge über die Tiefseeforschung. Leider ist der Bildband derzeit vergriffen und eine Neuauflage ungewiss, doch hoffe ich, dass andere Verlagshäuser die Lizenz erwerben und diesen Band neu verlegen, er ist es absolut wert… Ansonsten bleibt nur der Weg über eBay oder Amazon als Gebraucht-Angebot (ehemaliger VK: 39,90 Euro).

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
www.heyne.de

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