Bankl, Hans – Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin

„Geschichten aus der Gerichtsmedizin“ lautet der Untertitel dieses Werkes; er muss ihm vom hilflos zwangsverpflichteten Lektor verliehen worden sein, um dem krausen Durcheinander wenigstens notdürftig ein Motto überzustülpen. Ansonsten gibt es nämlich keinerlei roten Faden, obwohl das Ganze halbwegs verheißungsvoll startet – mit einem Rückblick auf die Geschichte der Gerichtsmedizin und ihren langen Weg zwischen Skalpell und Hightech.

Aber dann springt uns plötzlich ein Kapitel mit der Überschrift „Nichts ist interessanter als ein toter Promi“ an, wir befinden uns in der Gegenwart und werden mit absolut oberflächlichen Regenbogenpresse-„Informationen“ über Fleddereien halb vergessener Leichen wie Elvis Presley gelangweilt.

Abrupter Schnitt, weiter geht’s mit mühsam für Laien verständlich bzw. lesbar gemachten Lehrbuch-Weisheiten aus der Gerichtsmedizin, vermischt mit Reflexionen über die Rolle des Pathologen in Literatur, Kino und Fernsehen.

Es folgt ein erster Abschnitt über berühmte Leichen der Vergangenheit (Napoleon Bonaparte, Einstein, Martin Bormann, Josef Mengele usw.) und ihr schauriges Schicksal (Wo blieb Mata Haris Kopf? Wurde Columbus stückweise bestattet? Was geschah mit Kardinal Richelieus Gesicht?), verschnitten immer wieder mit persönlichen Autoren-Erinnerungen an frühere Seziersaal-Schlachten und die Begegnung mit exzentrischen Gründervätern der Pathologie.

Immer wilder werden die Wechsel; sie lassen sich hier kaum nachvollziehen. Eine zentrale Passage listet bekannte Selbstmörder der Weltgeschichte auf. Wieso, weshalb? Vermutlich eine persönliche Liebhaberei des Verfassers, der zudem bequem aus einschlägiger „Literatur“ abschreiben kann.

Den Unbedarften sollen Überschriften wie „Wie gelingt ein perfekter Mord? Tipps vom Experten“ locken. Erwartungsgemäß verbergen sich dahinter plump verpackte Warnungen vor der Schlauheit der Kriminalpolizei und ihrer Verbündeten, der Gerichtsmedizin. Denen müssten übrigens unbedingt mehr Rechte zugebilligt werden, weil noch immer viel zu viele Morde unbestraft zu bleiben drohen; am besten nimmt man den trauernden Hinterbliebenen – alles potenzielle Verdächtige, wie der erfahrene Fachmann weiß – die Bestattung ganz aus den Händen und lässt routinemäßig die (übrigens sträflich unterbezahlten) Quinceys ‚ran.

Rätselhaft bleibt ein langes Kapitel über Giftmorde. Wieso ausgerechnet Gift? Es muss wohl wiederum ein Steckenpferd des Verfassers sein. Leider interessiert er sich auch für Geschichte und zwängt ein Kapitel über den Selbstmord der Hitler-Nichte Geli Raubal in sein Machwerk, das sich in schlüpfrigen Gerüchten suhlt. (Bemerkenswert auch, wie Bankl auf kaum anderthalb Seiten endlich jedes Rätsel über den Tod von Marilyn Monroe ausräumt.)

„Neues vom Geschlechtsverkehr“ erzählt von den ulkigen Peinlichkeiten, die den Menschen bei der schönsten Nebensache der Welt unterlaufen können. Da befindet sich der Verfasser sichtlich in seinem Element und kann den Lesern liefern, was diese offenbar erwarten. Erschöpft lassen sie sich anschließend noch Alibi-Weisheiten über die Gefahr übertriebenen Leistungssportes servieren. Sanft eingelullt biegen sie schließlich in die Endkurve ein. „Schauspieler als Ärzte und Ärzte als Schauspieler“ belegen, wieso beides mit der Realität nicht übereinstimmt. Wer hätte das gedacht?

Wer nun glaubt, in Sachen Oberflächlichkeit und Peinlichkeit sei keine Steigerung möglich, lasse sich auf das Schlusskapitel „Titanic, Kursk und Konzentrationslager“ ein und werde nachdrücklich eines Schlechteren belehrt!

Aus dem Versuch einer Inhaltsangabe lassen sich sicherlich schon Schlüsse auf den „Wert“ dieses Werkes ziehen. Rätselhaft ist sein Erscheinen – doch andererseits wieder nicht. Seine völlige Wertlosigkeit dürfte verlagsseitig nicht unbemerkt geblieben sein, auch wenn Bücher heute wie Tiefkühlpizzas oder Duschvorhänge industriell hergestellt werden. Doch lustige Geschmacklosigkeiten liegen derzeit im Trend; Verlage wie |Imprint| oder |Eichborn| verdienen sehr viel Geld mit diversen „Lexika“ prominenter Selbst- oder Serienmörder, Sammlungen grauslich-komischer Unfälle oder sonstiger, möglichst exotischer Todesfälle. Daran möchte man sich offenbar lukrativ anhängen.

Ansonsten lässt sich gar nicht oft genug wiederholen, dass „Im Rücken steckt das Messer“ als Sachbuch eine Zumutung ist, die jeglichen Zusammenhang vermissen lässt. Die Dürftigkeit der „Quellen“, aus denen hier geschöpft wird, ist ein allzu deutliches Indiz. Da sind nicht nur Titel im Literaturverzeichnis zu finden, deren Verfasser selbst vor allem fleißig voneinander abschreiben. Darüber hinaus ärgert das distanzfreie Verrühren von Hörensagen und Halbwahrheiten, wie es in Tageszeitungen und Wochenpublikationen à la „Focus“ exerziert wird.

„Seriös“ gilt der heutigen Spaßgesellschaft als Synonym für „spielverderbend“, wird oft geklagt. Es sind zusammengeklitterte Elaborate wie dieses, welche solche Vorurteile mit Leben füllen. „Im Rücken steckt das Messer“ ist das literarische Pendant zu den unsäglichen „True Crime“-Shows, mit denen uns das Privatfernsehen ausgiebig foltert: scheinbar sachlich, tatsächlich sensationslüstern, dazu dilettantisch, auf jeden Fall eine Zeitverschwendung. Damit wäre auch „Im Rücken …“ ausreichend charakterisiert.

Hans Bankl (geb. 1940) gilt als „international anerkannte Koryphäe“ seines Fachgebiets, der Pathologie, wenn man dem Klappentext glauben möchte (was Ihr Rezensent nach dem „Genuss“ des vorliegenden Werkes nur bedingt tut). An der Wiener Kunsthochschule lehrt er außerdem „Anatomie für Künstler“; es möge jede/r für sich selbst versuchen, diese Informationen in einen verständlichen Zusammenhang zu bringen …