Baxter, Stephen – Sternenkinder (Kinder des Schicksals 2)

Stephen Baxter (* 1957) wird heute oft als der moderne Asimov oder Heinlein gefeiert, bekannt wurde er für seine ideenreichen Science-Fiction-Romane, in denen er mit seinem fundierten naturwissenschaftlichen Hintergrundwissen glänzen kann. Er studierte in Cambridge Mathematik, ist Doktor der Ingenieurswissenschaften und lehrte einige Jahre Mathematik, Physik und Informatik, bevor er 1991 seinen ersten Roman „Das Floß“ (The Raft) veröffentlichte. Baxter arbeitet seit 1995 hauptberuflich als Autor und wurde seitdem mit zahlreichen renommierten SciFi-Preisen wie dem |Philip K. Dick Award| und dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Er ist außerdem Vize-Präsident der |British Science Fiction Association| (BSFA).

„Sternenkinder“ (Exultant) ist der zweite Band der Serie „Kinder des Schicksals“, die mit dem Band [Der Orden]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1040 begann. Spielte dieser Roman noch in Vergangenheit und Gegenwart, ein eigentümlicher Mix aus Science-Fiction und historischem Roman, springt Baxter mit „Sternenkinder“ um rund 25.000 Jahre in die Zukunft – und in das „Xeelee“-Universum, in denen seine ersten Romane spielten. Kamen Fans von Science-Fiction und Action im Vorgänger erst spät oder gar nicht auf ihre Kosten, ist „Sternenkinder“ eine reinrassige, allerdings tief schürfende Space-Opera und beginnt mit einer Raumschlacht – aber Baxter wäre nicht Baxter, wenn er sich darauf beschränken würde. Die Ursprünge der mysteriösen Xeelee und des Universums selbst nimmt er in „Sternenkinder“ unter die Lupe.

|Heldentum ist antidoktrinell|

Bereits 20.000 Jahre währt die dritte Expansion der Menschheit. Man hat nicht nur die Besatzung der Erde durch die außerirdischen Qax überstanden, sondern nach dem Sieg über die Rasse der „Silbergeister“ im Oriongürtel keinem wirklichen Gegner mehr gegenübergestanden und zahllose Alien-Zivilisationen assimiliert und ausgerottet.

Sogar die Xeelee, den seit mittlerweile mehr als dreitausend Jahren bekämpften Erbfeind der Menschheit, hat man durch schiere Masse in den galaktischen Kern zurückgedrängt.

Doch nun stockt die Expansion der Menschheit. Ein Zermürbungskrieg tobt im galaktischen Zentrum, bei dem die Xeelee technologische Vorteile besitzen – ihre Raumschiffe sind in jeder Beziehung irdischen überlegen. Das tödliche Patt, welches das Blatt aller Voraussicht nach langsam, aber sicher zugunsten der Xeelee wendet, besteht nun schon seit drei Jahrtausenden. Denn beide Seiten können auf das so genannte Überlicht-Vorherwissen zurückgreifen. Überlichtschnelle Raumschiffe sind zugleich quasi Zeitmaschinen. So können die Überlebenden einer fatalen Schlacht in der Zukunft eine Nachricht in die Vergangenheit senden – und die Schlacht wird nie oder unter anderen Voraussetzungen stattfinden.

In einer solchen Situation ist es die Pflicht eines Piloten, eine Nachrichtenbake in die Vergangenheit zu senden und kämpfend unterzugehen. Doch der Pilot Pirius, ein Kindersoldaten-Veteran, der immerhin schon sagenhafte fünf Einsätze überlebt hat, stellt sich dem Gefecht mit einem überlegenen Nachtjäger der Xeelee, pfeift auf die militärische Doktrin und lockt ihn in eine Falle. Nicht nur überleben er und seine Crew, er schafft es sogar, einen Nachtjäger der Xeelee zu kapern! Doch bei der Rückkehr zu seiner Basis, um von der verlorenen Schlacht zu berichten, macht man ihm und seinem jüngeren Ich den Prozess … denn offenkundig hat Pirius sowohl gegen Befehle als auch die Doktrin verstoßen. Beide werden bestraft. Der ältere Pirius Blau wird zu einem Strafbataillon der Bodentruppen nahe der Xeelee-Front versetzt, der jüngere Pirius Rot wird milder bestraft für eine Tat, die in einer nun nicht mehr existenten Zeitlinie von ihm begangen worden wäre.

Er wird seinem Verteidiger, Kommissar Nilis, zugeteilt. Dieser hat ihn sich zur besonderen Verwendung ausgeliehen: Die Taktiken, die Pirius im Kampf gegen den Nachtjäger angewandt hat, und der erbeutete Nachtjäger selbst stellen für Nilis den Schlüssel zum Sieg über die Xeelee dar. Für Pirius Rot ist dies ein ungeheuerlicher Schock, denn den Sieg sah er bisher nur als etwas an, das in weiter Zukunft kommenden Generationen vorbehalten ist. In der verknöcherten und erstarrten menschlichen Gesellschaft ist Nilis einer der wenigen Träumer und Freidenker, die sich gegen gegen uralte Doktrinen erfolgreich auflehnen und nach neuen Wegen suchen.

Er zwingt Pirius Rot, über sich selbst hinauszuwachsen, Führungsqualitäten zu entwickeln, die ihm sein gesamtes kurzes Kindersoldatenleben lang (der jüngere Pirius ist 17, der ältere auch nur 19 Jahre alt) eingebläute Konditionierung und Doktrin zu hinterfragen, kreativ zu denken. Pirius Rot ist auch einer der wenigen im galaktischen Kern aufgewachsenen Kindersoldaten, der die Erde und das Leben auf ihr mit eigenen Augen sehen wird. Doch alleine damit ist es nicht getan: Von niederster bis höchster Ebene steht ihnen eine Jahrtausende lang gewachsene Stagnation in Politik, Militär, Forschung, Bürokratie und auf allen anderen nur denkbaren Gebieten im Weg.

|Ein kurzes Leben brennt hell|

Man würde dem Buch Unrecht tun, wenn man es auf die Probleme der menschlichen Gesellschaft und den Krieg reduzierte. Stephen Baxter hat zahllose Ideen und Konzepte in diesen Roman gepackt, so dass Abwechslung garantiert ist.

Zu Beginn wird oft zwischen Pirius Rot und Pirius Blau hin und her geblendet. Während Pirius Rot erkennt, wie luxuriös die Menschen auf der Erde verglichen mit den in Tanks gezüchteten Kindersoldaten im galaktischen Zentrum leben, die nur den Krieg gegen die Xeelee kennen, erfährt Pirius Blau, dass es noch eine Existenzstufe unter seiner gibt: Auf dem Planetoiden des Infanterie-Strafbataillons sieht er, wie viel weniger die zum „Graben und Sterben“ ausgebildeten Infanteristen vom Leben haben.

Nebenher wird die Entstehung des Quasi-Stillstands menschlicher Entwicklung und der Druz-Doktrin erklärt: Die Qax haben nach einem Aufstand von „Wigners Freunden“, einer Sekte, deren Glaube auf Erkenntnisse des Physikers Eugene Paul Wigner zurückgeht, bewusst alle historischen Bauten der Menschheit, inklusive der Städte und weiter Teile der Natur, vernichtet. Sogar die Nahrungsmittelherstellung wurde auf Nanobot-Technologien der Qax umgestellt. Die Vergangenheit der Menschheit scheint somit weitgehend ausgelöscht.

In dieser Zeit gelang es Hama Druz, seine legendären Doktrinen zu formulieren, die der Menschheit den Sieg und eine beispielose Expansion über die ganze Galaxis ermöglichten. In ihnen zählen das |Jetzt| und das Allgemeinwohl, nicht was war oder sein wird, Opferbereitschaft und strikte Befolgung von Befehlen. Die ganze Menschheit wurde auf Krieg und Überlebenskampf ausgerichtet.

Nach dem verlustreichen Sieg über die Qax und als letzter großer Hürde über die „Silbergeister“ im Oriongürtel konnte nichts den Aufstieg der Menschheit stoppen, man rottete gnadenlos alle Alien-Zivilisationen aus oder assimilierte sie mitsamt ihrer Technologien. Hier stellt Baxter einen Bezug zu seinem Roman „Der Orden“ her. Denn die radikalen Methoden der Assimilation und Auslöschung ähneln stark dem Verhalten sich bekämpfender Schwarmgesellschaften. Im gleichen Maß gingen der Menschheit aber Individualität und Kreativität verloren: Man verliert in Jahrhunderten mehr Menschen als jemals auf der Erde insgesamt gelebt haben, aber der Fortschritt, den man früher in Jahrzehnten erzielte, ist mittlerweile in ähnlichem Maß verlangsamt. Auch gibt es eklatante Technologieunterschiede zwischen den menschlichen Siedlungsgebieten, auf der Erde und im Zentrum herrscht Hochtechnologie, auf entlegenen, technologisch rückständigen Schlachtfeldern früherer Zeiten bilden sich immer öfter Koaleszenzen, Schwarmgesellschaften, heraus, die der Druz-Doktrin einer reinen, geeinten Menschheit widersprechen und erbarmungslos bekämpft werden.

Interessant sind die geduldeten Ausnahmen, die es laut Doktrin nicht geben dürfte: Das hochspezialisierte Archiv der Menschheit im Olympus Mons auf dem Mars wird von einer menschlichen Koaleszenz bevölkert – für solche Zwecke eignen sie sich einfach hervorragend, wie man dem entsetzten Pirius versichert. Dass man für die Entwicklung der Waffe gegen die Xeelee allerdings auch auf die hyperphysikalischen Fähigkeiten nachgezüchteter Silbergeister setzt, die in einer Kolonie auf dem Pluto leben, setzt dem Ganzen die Krone auf. Im weiteren Projektverlauf wird man zur Bedienung derselben gar einen Silbergeist-Ingenieur benötigen, die nach eigenen Angaben nur Kopien der ausgerotteten Geister sind, von Menschen geschaffen … Pirius bleibt dennoch misstrauisch.

Religion ist auch ein Aspekt der menschlichen Gesellschaft, den es laut der Druz-Doktrin nicht geben sollte. Doch die Kindersoldaten finden Trost in einer, wie man im Verlaufe des Buchs herausfinden wird, an quantenphysikalische Beobachtungen („Jeder bestimmte Zustand wird durch einen Beobachter bestimmt“) angelehnten Philosophie, die sich gerade in einer Gesellschaft, in der ständig Besucher und Nachrichten aus der Zukunft zurückkehren und Zeitlinien sich laufend verändern, blühen kann: „Wigners Freunde“ glauben an „die letzte Beobachterin“, die am Ende aller Zeiten steht und die Macht besitzt, sämtliche Ereignisse negativer Natur auszumerzen. Durch gute Taten hoffen die Wignerianer, der Menschheit die Gunst der letzten Beobachterin zu verschaffen, die sie dann von allem Leid erlösen wird. Der äußerst antidoktrinell und inoffiziell angenommene Name ihres ebenfalls wie Pirius Blau strafversetzten Anführers „Diese Bürde Wird Vergehen“ ist insofern Programm.

Gegen Ende des Buches geht Baxter auf die Entstehungsgeschichte der Xeelee ein. Hier liefert er auch Erklärungen, warum es – nach menschlichem Empfinden – über Jahrtausende keinerlei Kommunikation außer Waffengewalt gab, und warum man in diesen Jahrtausenden keinen einzigen Xeelee gefangen nehmen konnte. Er eröffnet zudem eine weitere Dimension des Konflikts, denn während die Menschheit die ganze Galaxis überrannte, standen auch die Xeelee in einem erfolgreichen Krieg – der von dem Spinner Peter in „Der Orden“ angesprochene Konflikt zwischer „normaler“ und dunkler Materie wird hier wieder aufgegriffen als Konflikt zwischen absolut fremdartigem baryonischem und supersymmetrischem Leben. Witzig hierbei für Leser des ersten Bandes: Der Verschwörungstheoretiker Peter hatte teilweise vollkommen Recht! Eine Kommunikation zwischen solch exotischen Lebensformen ist naturgemäß mehr als schwierig. Man bedenke, wie der Kontakt zu den in dieser Hinsicht wesentlich menschenähnlicheren Silbergeistern verlief …

_Fazit_

Selten habe ich einen Autoren mit so vielen Ideen gleichzeitig jonglieren sehen wie Baxter in diesem Buch. Dabei vergisst er aber nicht die Unterhaltung; der eigentlichen Haupthandlung zu folgen, ist sehr einfach: Nach und nach wird ein aus drei Teilen bestehendes Waffensystem entwickelt und trotz aller Hürden zum Einsatz gegen den xeeleeschen Hauptradianten Chandra, das schwarze Loch im Zentrum der Galaxis, gebracht. Für Baxter geradezu untypisch viel Action, die er vorzüglich mit dem Rest des Romans verbunden und inszeniert hat.

Baxters Theorien haben jedoch einige Haken: So wirft die Kommission für ökonomische Kriegsführung Nilis und Pirius vor, wie sie sich anmaßen könnten, ihre Idee für einzigartig und erfolgversprechend zu halten. Schließlich befasst man sich seit Jahrtausenden mit aberwitzigen Ideen von Spinnern, die letzten Endes die Menschheit wertvolle Ressourcen kosten könnten. Warum sollten also gerade sie gefunden haben, was bisher in Jahrtausenden nicht gelang?

Eine haarsträubende Argumentation, aber mit einem Funken Wahrheit: In einer unheimlich kurzen Zeitspanne erreichen Nilis, Pirius und Co. mehr als die gesamte Menschheit in Jahrtausenden. Ich kann mir ebenfalls nicht vorstellen, dass sich in einer riesigen Galaxis nicht irgendwann und irgendwo eine bahnbrechende Idee durchsetzt. Gerade weil die Menschheit zwar geeint im Krieg gegen die Xeelee ist unter der das Allgemeinwohl über das des Einzelnen stellenden Druz-Doktrin, aber überall sich hinterwäldlerische Koaleszenzen und andere menschliche Subspezies ausbreiten, kann ich mir eine solche Innovationsarmut nicht vorstellen. Zumal der Schwarm – im Großen wie im Kleinen – von Baxter als einzige gesellschaftliche Form menschlicher Evolution propagiert wird, sieht man vielleicht von „Wigners Freunden“ und der alles beherrschenden Druz-Doktrin ab.

Kurz kommt leider auch der Konflikt zwischen Pirius Rot und Pirius Blau. Rot hat seine Freundin Torec noch, während Torec Blau in einer nun nicht mehr existenten Zeitlinie den Tod im Kampf fand. Da Rot und Blau den Großteil des Romans an zwei verschiedenen Orten tätig sind und eher die Unterschiede zwischen dem Leben auf der Erde und dem Zentrum der Galaxis dokumentieren, bleibt wenig Raum für die Problematiken einer an und für sich spannende Begegnung mit einem älteren Zeitzwilling. Recht platt und enttäuschend ist auch die Rolle von Luru Parz, deren mysteriöse und vorerst unbekannte Herkunft, ihre ebenso unbekannten Motive und ihre Bedeutung für den Roman letzlich demystifiziert werden, was sie auf eine Rolle als stets stechenden Joker für Nilis reduziert, wenn alle anderen Überzeugungsmittel versagt haben.

Ohne Baxters fabelhafte Fähigkeit, schwierige Konzepte der Quantenphysik, Thermodynamik sowie die bei Überlichtflügen auftretenden zeitlichen Phänomene verdaulich und nachvollziehbar zu erklären, würde dieses Buch nicht funktionieren. Dennoch ist es keine leichte Lektüre; entgegen der oft aufgestellten Behauptung, man könne es auch ohne seinen Vorgänger „Der Orden“ lesen, rate ich davon ab. Denn gerade die Gedanken zur Druz-Doktrin und der evolutionären Entwicklung der Menschheit setzen auf der Einführung in diese Thematik im ersten Band der Serie auf. Zumal die zusammenhanglos erscheinenden Verschwörungstheorien Peters in „Der Orden“ hinsichtlich der dunklen Materie und eines Krieges im galaktischen Zentrum sich in „Sternenkinder“ ironischerweise als Volltreffer entpuppen.

Übersetzer Peter Robert hat ebenfalls ganze Arbeit geleistet. Besonders gut gefielen mir seine für unbedarfte Teutonen direkt in den Romantext geschriebenen Ergänzungen, wie man Baxters englische Rassebezeichnungen wie Qax („Khäcks“) oder Xeelee („Sili“) auszusprechen hat. Das würde ich mir auch von anderen SciFi-Übersetzern wünschen.

Herausragend an diesem Buch sind Baxters gewaltige Vorstellungskraft und seine Fähigkeit, komplexe Konzepte und Ideen verständlich an den Leser zu vermitteln. Daher sehe ich gerne über einige Ungereimtheiten wie die nicht wirklich überzeugende absolute Stagnation und die kontrastierend extrem rasant erfolgende Entwicklung und Integration dreier vollständig neuer Technologien hinweg.

The Baxterium – Die offizielle Homepage des Autors:
http://www.cix.co.uk/~sjbradshaw/baxterium/baxterium.html