Benford, Gregory – Zeitschaft

|Nebula Award| 1981, das sagt (dem eingeweihten SF-Fan) alles! Dies ist ohne Zweifel einer der besten SF-Romane der letzten Jahrzehnte. Meisterhaft verknüpft Benford, selbst ein gestandener Physiker, wissenschaftliche Theorie mit einer packenden dramatischen Handlung. Kernthema ist die Nachrichtenübermittlung aus der Zukunft.

Kaum ein anderer Roman – SF oder Non-SF – hat ähnlich authentisch und überzeugend die Welt der Wissenschaftler dargestellt. Modernste physikalische Theorien werden allgemeinverständlich dargelegt und treiben mit ihren Auswirkungen die spannende Handlung voran.

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist ein gestandener Physiker, der an der Uni von Kalifornien in Irvine lehrt. Aber er hat auch ein Verständnis von Literatur, von Stil, vom Abenteuererzählen und der Kraft der Wörter.

Sein CONTACT-Zyklus ist wahrscheinlich sein bekanntestes Werk, aber „Zeitschaft“ wird wohl immer sein bester Roman bleiben. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Das Rennen zum Mars“, „Cosm“ und „Eater“ (alle bei |Heyne|). Benford ist außerdem Autor des ersten Bandes der Zweiten Foundation-Trilogie, „Foundation’s Fear“.

_Handlung_

Dieser lange Roman spielt teils im England des Jahres 1998 und teils im Kalifornien der Jahre 1962 und ’63. Ende der Neunziger stirbt die Welt an den Folgen des Zusammenbruchs der Umwelt. Algenblüten erscheinen auf der Oberfläche der Ozeane und ersticken alles Leben. Sie breiten sich bis in die Flüsse und Seen aus wie eine Epidemie.

Was ist zu tun? Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern an der heruntergekommenen Universität Cambridge, die unter widrigsten Bedingungen arbeiten, kommt auf die Idee, Tachyonen zu benutzen – jene Teilchen, die sich schneller als das Licht fortbewegen und daher rückwärts in der Zeit -, um eine Warnung in die Zeit vor 35 Jahren zu schicken. Denn bestimmte Biodaten lassen sich dazu benutzen, um die Entstehung von Algenblüten überhaupt zu verhindern.

Indem sie Tachyonen im Morsecode an jene Stelle schießen, wo sich die Erde im Weltraum vor 35 Jahren befand, hoffen sie, dass ihre Botschaft wenigstens jene wenigen Leute erreicht, die über die nötige Ausrüstung verfügten, um sie empfangen zu können.

Dies ist in der Tat ein sehr gewagter Schuss, doch die Schwierigkeiten des Unterfangens, die Hartnäckigkeit, mit der die Cambridger Wissenschaftler gegen die widrigen Umstände angehen müssen, machen diese Schilderung zu einem der überzeugendsten Beispiele für eine Zeitreise in der ganzen Science-Fiction.

Die meines Erachtens besten Episoden des Buches spielen in Kalifornien in den frühen Sechzigern. Keine Spur von Flower-Power, sondern vielmehr von erstarkender Supermacht. In La Jolla (sprich: la choia) mag zwar die Wissenschaft sitzen, aber gleich nebenan, in San Diego, besitzen die Vereinigten Staaten einen der größten Kriegshäfen der Welt.

An der Uni von La Jolla müht sich ein junger Assistenzprofessor namens Gordon Bernstein vergeblich damit ab, die elenden „Interferenzen“ zu verstehen, die sein Experiment in Sachen nuklearer Resonanzeffekte beeinträchtigen. Doch allmählich muss er erkennen, dass die Interferenzen die Struktur des Morsecodes besitzen und eine Botschaft aus der Zukunft darstellen. Die entschlüsselte Botschaft ist düster und ominös, wie man sich denken kann.

Gegen innere Widerstände muss Gordon seine skeptischen Kollegen von der Wahrheit seines Fundes überzeugen, während er die sensationslüsternen Massenmedien meidet. Schließlich gewinnt er doch noch.

Doch der Höhepunkt des Romans wird erst am 22. November 1963 erreicht, jenem Tag, an dem ein gewisser Lee Harvey Oswald auf den Präsidenten schießt. Im Moment des Feuerns funkt Oswald ein junger Mann dazwischen. Der Präsident lebt weiter. Und somit ist bewiesen, wie die verzweifelten Wissenschaftler aus Cambridge den Lauf der Geschichte, ja das Überleben des Menschen an sich zum Besseren wenden konnten.

_Fazit_

Nie las sich Wissenschaft von innen spannender als in diesem Thriller. Hier fiebert der Leser wirklich mit, wie es einem jungen Astrophysiker gelingt, Kontakt mit der Zukunft aufzunehmen und in seiner eigenen Zeit eine Katastrophe zu verhindern. Man merkt eben, dass hier Benford aus seinem eigenen Arbeitsbereich erzählt: absolut authentisch. (Natürlich verlangt das vom Leser einige Kenntnisse in Sachen Physik!)

Nach dem Roman wurde ein eigenes SF-Imprint, das den bekannten US-Verlagen |Simon & Schuster| und |Pocket Books| gehörte, benannt: |Timescape Books|. Diese Reihe konnte zwischen 1981 und 1983 dreimal den begehrten Kritikerpreis |Nebula| gewinnen, u. a. mit Michael Bishops „Nur die Zeit zum Feind“, der deutsch bei |Heyne| erschien.

Übrigens: „time-scape“ ist ein aus den Wörtern „time“ (= Zeit) und „landscape“ (= Landschaft) zusammengesetzter neuer Begriff von Benford.

|Originaltitel: Timescape, 1980
Aus dem US-Englischen von Bernd Holzrichter|