Benjamin, Melanie – Alice und Ich

„Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll ist wohl eins der bekanntesten Kinderbücher. Gerade wurde es von Tim Burton neu verfilmt und ist im Frühjahr mit Stars wie Johnny Depp oder Anne Hathaway im Kino erschienen. Doch über die Entstehung des Buches wissen wohl die wenigsten etwas. Auch nicht darüber, dass es diese Alice tatsächlich gegeben hat. Diesem Umstand nimmt sich die Amerikanerin Melanie Benjamin an. In „Alice und ich“ beschreibt sie das Leben der echten Alice im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Alice Liddell wächst behütet und sorglos in einer Dekansfamilie in Oxford auf. Sie und ihre zwei Schwestern, die ältere Ina und die jüngere Edith, pflegen eine lockere Freundschaft mit Mr. Dodgson, einem Mathematikdozenten. Sie machen häufig Ausflüge mit dem herrischen Kindermädchen Mrs. Prick und Mr. Dodgson zückt dann gerne seine Kamera, um die Kinder zu fotografieren. Besonders Alice mit ihrem lebendigen Charakter und ihrer Altklugheit hat es ihm angetan. Und auch Alice mag Mr. Dodgson sehr gerne, doch da ist sie nicht alleine. Mit ihren Geschwistern buhlt sie um dessen Gunst, nicht ahnend, wohin das später führen wird.

Als Alice 11 Jahre alt ist, kommt es zu einem folgeschweren Ereignis mit Mr. Dodgson, das dazu führt, dass die beiden keinen Kontakt mehr haben. Sich der Anwesenheit ihres Kindheitsfreundes durchaus noch bewusst, wächst Alice zu einer jungen Frau heran. Währenddessen veröffentlicht Dodgson das Buch „Alices Abenteuer unter der Erde“, den Vorläufer des Kinderbuchklassikers, unter dem Pseudonym Lewis Carroll. Dass Alice Liddell diese Alice ist, spricht sich auf dem Campus von Oxford herum und erreicht schließlich auch Prinz Leopold, den jüngsten und kränklichen Sohn von Königin Viktoria. Er verliebt sich in Alice, doch ihre Beziehung steht unter keinem guten Stern …

Handelt „Alice und ich“ von einer realen Person oder ist es doch nur eine dieser fiktiven Biografien? Wer sich mit Lewis Carrolls Kinderbuch nicht auskennt, weiß auch nicht, dass die Hauptfigur tatsächlich gelebt hat. Trotzdem schreibt Melanie Benjamin im Nachwort, dass „Alice und ich“ keine Biografie, sondern ein Roman ist. Die Autorin fundiert diesen zwar mit historischen Quellen, setzt an manchen Stellen aber auf die dichterische Freiheit. Das ist sicherlich nicht verwerflich. Schaut man sich Alices Biografie bei Wikipedia an, sieht man, dass sich Benjamin doch sehr stark an Belegtem orientiert hat. Mit ihrem lebendigen Schreibstil, der dem kratzbürstigen Wesen der jungen sowie der alten Alice sehr ähnelt, erweckt sie Carrolls Heldin zum Leben. Im ersten Teil des Buches schildert sie alles sehr gekonnt aus Kinderaugen mit der entsprechenden Leichtigkeit, dem Witz und der Altklugheit, die man als Erwachsener Kindern zuschreibt. Mit dem Alter wird Alice dann etwas gemäßigter, doch wirklich an die Gepflogenheiten ihrer Zeit passt sie sich nie an. Ihr Humor, ihr Sarkasmus und auch ihre Frechheit bleiben weiterhin erhalten und fließen in die Geschichte ein.

Eine Bewertung der Handlung vorzunehmen fällt natürlich schwer, wenn diese quasi durch ein reales Leben vorgeschrieben ist. In diesem Zusammenhang ist die Darstellung der Hauptfigur wesentlich wichtiger. Allerdings fällt auf, dass dem Buch in gewisser Weise ein Ziel fehlt. Ein roter Faden ist durchaus erkennbar. Mr. Dodgson und das Buch, in dem Alice die Hauptrolle spielt, kommen immer wieder vor. Melanie Benjamin reitet jedoch nicht übertrieben darauf herum. Vielmehr entwickelt das Buch einen gewissen Symbolcharakter. Eine Nacherzählung von Alices Abenteuern sollte man trotzdem nicht erwarten. Benjamin erwähnt nur immer wieder Elemente der Geschichte, die man allerdings auch als Nichtkenner des Kinderbuchs versteht und die vor allem nicht zu häufig vorkommen. Sie lockern das Lesen sogar auf.

Was jedoch negativ auffällt, ist die Breite der Geschichte. Es beginnt mit der ungefähr siebenjährigen Alice und endet mit der 80-jährigen Alice. Dazwischen erstreckt sich ein weiter Zeitraum, aufgeteilt in drei Buchabschnitte. Die Autorin legt dabei besonders viel Gewicht auf die Kindheit, am wenigsten auf Alices späte Jahre. Diese wirken deshalb sehr gerafft und man fragt sich als Leser auch, ob sie wirklich wichtig waren. Besser wäre es vielleicht gewesen, nur einen bestimmten Abschnitt heraus zu picken und diesen dafür in aller Breite und mit den dafür zur Verfügung stehenden Mitteln zu beschreiben.

Die Intention der Autorin – dem Leser das Leben der echten Alice näher zu bringen – verdient sicherlich Respekt. Ihr Schreibstil sowie ihre Verarbeitung der Quellen und Darstellung einer anderen historischen Zeit auch. Lesenswert ist das Buch also, nur etwas lang am Ende und ein klein wenig unfokussiert. Wer sich daran aber nicht stört, erhält auf belletristische Art und Weise eine etwas andere Sicht auf „Alice im Wunderland“.

|Originaltitel: Alice I have been
Aus dem Englischen von von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann
366 Seiten, Gebunden
ISBN-13: 978-3570100479|
http://www.cbertelsmann.de