Robert Jackson Bennett: Mr. Shivers

In den 1930er Jahren verfolgt eine Gruppe verzweifelter Landstreicher einen Serienkiller; Hunger, Unwetter und das korrupte Gesetz erschweren die Jagd auf „Mr. Shivers“, der womöglich dämonischer Herkunft ist … – Vor historischem Hintergrund zeichnet der Autor das Bild einer US-Nation im Untergang, in das sich übernatürliche Elemente unheilvoll harmonisch einfügen. Land und Leute werden einprägsam geschildert; die Intensität eines Joe Lansdale oder Jack Ketchum geht Robert J. Bennett freilich (noch) ab.

Das geschieht:

In der Mitte der 1930er Jahre stecken die USA in der schlimmsten Wirtschaftskrise ihrer Geschichte. Zur „Großen Depression“ kommt die „Dust Bowl“, eine mehrjährige Dürreperiode mit gewaltigen Staubstürmen. Millionen Menschen verlieren in den Städten ihre Jobs, unzählige Farmer verlassen ihr Land und machen sich verzweifelt als Wanderarbeiter in den Südwesten auf.

Dies ist die Ära der „Hobos“, wurzelloser Menschen, die auf der Suche nach Arbeit durch das ganze Land reisen. Sie haben kein Geld und springen auf Güterzug-Waggons auf, wo sie von den Angestellten der Bahn gesucht, vertrieben oder gar ausgeraubt werden. Marcus Connelly ist einer von ihnen, doch nicht Arbeitslosigkeit, sondern der Wunsch nach Rache hat ihn unter die Hobos getrieben: Er jagt den mysteriösen „Mr. Shivers“, den Mörder seiner Tochter, der sich unter das Heer der Wanderarbeiter gemischt hat, sich nach Südwesten bewegt und immer neue Morde begeht.

Auch Reverend Pike, Jakob Hammond und Roosevelt wurden von Mr. Shivers heimgesucht, auch sie wollen ihn töten und schließen sich Connelly an. Doch stets ist ihnen Shivers ein Stück voraus, nie können sie seiner habhaft werden. Stattdessen wird Shivers auf seine Verfolger aufmerksam. Erst beginnt er mit ihnen zu spielen, dann trachtet er ihnen nach dem Leben.

Vor allem Connelly fragt sich, ob Shivers überhaupt ein menschliches Wesen ist. Seine Kräfte sind gewaltig, stets scheint er zu wissen, wo seine ‚Jäger‘ sich verbergen, und überall kann er auf Helfer zurückgreifen, die voller Angst seine Befehle befolgen. Schließlich gelingt es, Shivers zu stellen, und endlich zeigt er sein wahres Gesicht …

Das Böse in Zeiten der Hoffnungslosigkeit

Die Realität schlägt jede Fiktion: Robert Jackson Bennett beweist uns in seinem Debütroman, dass auch eine Binsenweisheit zutreffen kann. Mit dem titelgebenden „Mr. Shivers“ gelingt ihm ein durchaus eindrucksvoller Bösewicht, aber stärker prägen sich seine Schilderungen aus der Zeit der „Großen Depression“ ein.

Niemals zuvor – und (noch) niemals danach – standen die Vereinigten Staaten von Amerika vor einer größeren wirtschaftlichen Katastrophe, die sich ungemildert in das Gesellschafts- und Alltagsleben fortsetzte. Gott ist mit dem Tüchtigen, und wer nicht mithalten kann, geht zu Boden; er verdient es nicht anders: Noch sehr viel drastischer als heute war dies die zeitgenössische Haltung, die durch eine Politik der offiziellen Nichteinmischung und das beinahe vollständige Fehlen eines sozialen Netzes Millionen ins soziale Aus trieb.

In der Krise zeigt sich die Natur des Menschen. Dies ist ein Pfeiler, auf dem Bennett seine Geschichte ruhen lässt. Mr. Shivers ist die meiste Zeit ein Mythos, der in Rückblenden und Erzählungen auftaucht oder sich höchstens in der Ferne blicken lässt. Stattdessen konzentriert sich Bennett auf Marcus Connelly und seine Gefährten. Sie stehen in diesem „period piece“ stellvertretend für jene, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, und reisen durch ein Land, in dem ähnlich verletzte Menschen um ihren Lebensunterhalt und ein wenig Restwürde kämpfen müssen.

Jeder gegen jeden und Shivers gegen alle

Wer noch hat, fürchtet um Besitz und Position, und will nicht teilen, sondern betrachtet jene, die nicht so viel Glück hatten, als Konkurrenten. Außerdem sorgt der Anblick des gestrauchelten Nachbarn für Unbehagen: So könnte es mir ebenfalls ergehen! Also entledigt man sich der plötzlich überflüssig und lästig gewordenen Mitmenschen, verjagt sie, treibt sie dorthin, wo sie hoffentlich unter sich bleiben und der funktionierende Restgemeinschaft nicht zur Last fallen werden.

Das Gesetz ist auf der Seite derer, die über Macht und Vermögen verfügen. Immer wieder lässt Bennett Hobos über Polizisten und Eisenbahnangestellte klagen, die sich als verlängerte, prügelnde Arme instrumentalisieren lassen: Mr. Shivers existiert in vielen Miniaturausgaben, die sich in ihrer Gesamtheit zu einem Ungeheuer addieren, mit dem selbst er, die Ausgeburt der Hölle, schwer mithalten kann.

„Mr. Shivers, der Mondlichtmann, der schwarze Reiter. Mr. Shivers, der Teufel der Landstreicher. Der schwarze Mann der Entwurzelten“ (S. 44): Die Sorgen und allgegenwärtigen Ängste der aus der Bahn geworfenen Menschen haben in ihm einen Kristallisationspunkt gefunden. Auf diese Weise manifestiert, können sie am nächtlichen Lagerfeuer besprochen, geteilt und gemildert werden: Die Not schafft nicht nur Hunger, sondern schlägt auch psychische Wunden. Immer wieder kommt der Verfasser darauf zurück und macht deutlich, dass und wieso die „Große Depression“ zum immer noch lebendigen Trauma einer ganzen Nation wurde.

Der Weg ist das Ziel

Das Land symbolisiert für Bennett die seelische Notlage der Menschen. Wenn ganze Staaten durch Staubstürme verwüstet werden, gibt es keinen Ort mehr, an dem man sich in Sicherheit bringen kann. Hitze, Trockenheit, verdorrte Vegetation, verhungertes Vieh: Wo bisher das Herz der US-Landwirtschaft schlug, hat sich die Hölle auf Erden aufgetan.

Sie würden es abstreiten, aber Mr. Shivers bietet Marcus Connelly und der Schar seiner Gefährten ein Ventil. Ihnen fehlt die Kraft, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Stattdessen investieren sie ihre Energie in einen Racheplan. Auf Shivers konzentriert sich ihr Zorn, der bereits – Bennett bietet entsprechende Rückblenden – in ihnen schwelte, bevor Shivers über sie und ihre Familien herfiel. Connellys Ehe stand vor dem Aus, Hammond lernte als jüdischer Einwanderer die engen Grenzen der US-Integration kennen, Lottie hat als Mutter versagt: Jetzt haben sie und ihre Begleiter ein Ziel.

Die Widersprüchlichkeit ihres Handelns ist den Gefährten durchaus bewusst. Mehrfach lässt Bennett sie die Frage stellen, was sie denn tun werden, sollten sie Shivers tatsächlich stellen. Sie haben sich bewaffnet und wollen ihm einen qualvollen Tod bereiten. Faktisch sind sie jedoch Menschen, die mit der Gewalt konfrontiert wurden, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Ihre Odyssee ist auch die Geschichte ihrer Verrohung, die wiederum keineswegs von Shivers allein ausgelöst wird.

Das Böse und sein Gesicht

Selbst in der Krise bleibt der Mensch schöpferisch. Die Hobos der 1930er Jahre haben eine eigene Kultur mit eigenen Mythen und vor allem Liedern hervorgebracht. Bennett beschreibt eine Parallel- oder Schattengesellschaft, die sich um die Gleise der Eisenbahnen konzentriert. Hobos sind Landstreicher der Moderne: Sie reisen gefährlich, nie bequem aber schnell. Die Eisenbahn wird zum Götzen, der „geschmiert“ = gefüttert werden muss: Wer unter die Stahlräder gerät, wird zum Menschenopfer.

In dieser archaischen, gesetzlosen, barbarischen Welt ist Mr. Shivers ein Übel von vielen. Die Situation bietet ihm ein Schlaraffenland mörderischer Möglichkeiten. Im breiten Strom der Opfer fallen die von ihm begangenen Gräuel nur bedingt ins Gewicht. Eigentlich ist Shivers die notwendige Konsequenz einer aus den Fugen geratenen Gegenwart: ein einsamer aber gut beschäftigter Reiter der Apokalypse.

Als Jäger und Gejagter sich treffen, kann Bennett das Gleichgewicht zwischen literarischer Realität und symbolreicher Andeutung nicht mehr halten. „Mr. Shivers“ wird zur simplen Horrorgeschichte mit einer Auflösung, die sich allzu deutlich ankündigt. Jetzt rächt sich, dass der Verfasser allzu bildhaft ein quasi kosmisches Untergangsszenario entwarf: Er kann ihm im Finale nicht gerecht werden. Stattdessen flüchtet Bennett sich endgültig ins Visionäre und raunt von einer Zukunft, deren Drohungen – der II. Weltkrieg, die atomare Bedrohung, Umweltverschmutzung und -zerstörung – die Schrecken der „Großen Depression“ noch übersteigen werden.

Großer Ehrgeiz reicht nicht weit genug

Schon vor diesem Finale geht Bennett erzählerisch mehrfach die Luft aus. Er verliert sich in Episoden, verliebt sich in Einfälle, die der Handlung keinen Nutzen bringen. So trifft Connelly drei Schwestern, die offensichtlich Hexen oder besser: Schamaninnen sind. Man wechselt viele mysteriöse Worte, es wird gezaubert und gemunkelt. Während Connelly diese Erfahrung wenigstens einen vollen Magen und einen alten Mantel bringt, fragt sich der Leser nach dem Sinn dieses Einschubs.

Viele Emotionen werden weniger empfunden als beschrieben. Ein wenig erfahrener Schriftsteller sollte solche Fußangeln lieber meiden. Man glaubt Bennett einfach nicht, wenn er seine Figuren in elementaren Gefühlsnöten schildert. Auch die harten historischen Realitäten werden oftmals zu offensichtlich in Lagerfeuer-Gesprächen zur Sprache gebracht und wirken dadurch didaktisch bzw. strahlen die Künstlichkeit der angelesenen ‚Erfahrung‘ aus. Robert Jackson Bennett ist deshalb keinesfalls „eine der wichtigsten neuen Stimmen im modernen Horror“, wie auf dem Cover werbewirksam „Publishers Weekly“ zitiert wird – noch nicht. Er ist freilich ein vielversprechender Kandidat, dessen Name sich der Leser merken wird!

Autor

Über den privaten Robert Jackson Bennett, einen jungen aber sehr aktiven Schriftsteller, ist (noch) wenig bekannt. Er wurde 1984 in Baton Rouge, US-Staat Louisiana, geboren und wuchs in Katy, einer Kleinstadt in Texas, auf. Später studierte Bennett an der „University of Texas“ in Austin.

Eine akademische Karriere schlug er nicht ein, sondern sich – bald ein junger Familienvater – in einer Reihe unterbezahlter Jobs durch; u. a. arbeitete er in einem Callcenter und als Packer in einer Fabrik.

In dieser Zeit entstand „Mr. Shivers“, Bennetts Romandebüt, ein Historien-Roman mit phantastischen Elementen, dem er mit „The Company Man“ einen Kriminalroman folgen ließ, der im Jahre 1919 spielt. Auch „The Troupe“, Bennetts dritter Roman, war ein dieses Mal im Milieu des US-Vaudevilles angesiedeltes „period piece“. 2014 veröffentlichte Bennett den ersten Band der (inzwischen mehrfach fortgesetzten) Fantasy-Serie „Divine Cities“.

Mit seiner Familie lebt Robert Jackson Bennett in Austin.

Website

Paperback: 399 Seiten
Originaltitel: Mr. Shivers (New York : Orbit 2010)
Übersetzung: Andreas Decker
http://www.piper.de

eBook: 1379 KB
ISBN-13: 978-3-492-98126-2
http://www.piper.de

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