Breillat, Catherine – Pornokratie

Eine junge Frau führt ein Experiment durch: Sie bezahlt einen Schwulen dafür, dass er sie beobachtet, nackt, im Schlaf, rund um die Uhr, um herauszufinden, ob sie ihn mit ihren weiblichen Reizen verführen kann. Wird er sie hassen oder sie lieben?

|Die Autorin|

Catherine Breillat, geboren 1948, ist Regisseurin, Drehbuchautorin (z. B. für Fellini und zu „Bilitis“) und hat mehrere Romane veröffentlicht. Seit ihrem Film „Romance X“/“Romance“ ist sie auch dem deutschen Publikum bekannt. Sie plant die Verfilmung von „Pornokratie“. Die dürfte ebenso für Diskussionen sorgen wie „Romance X“.

_Handlung_

Eine Nacht in der Pariser Diskothek. Die junge Frau hat sich hierher verirrt, ihrem Freund auf den Fersen, doch in der Disco gibt es offenbar nur Homosexuelle – sie hat ihn an sie verloren. Aus Frust gerät sie nicht nur ins männerfeindliche Philosophieren, sondern will sich auf der Toilette auch noch die Pulsadern aufschneidern. Es ist schon ein Kreuz mit der Weiblichkeit.

Ein junger, hübscher Schwuler bewahrt sie vor dem Exitus. Als Dank bietet sie ihm einen Deal an: Für ein regelmäßiges Honorar soll er sie Tag und Nacht beobachten, auch wenn sie nackt ist und schläft. Als Tatort hat sie ein einsames Haus am Meer ausersehen. Obwohl er skeptisch ist und sie natürlich überhaupt nicht sein Typ – keine Frau kann das sein -, willigt er ein.

Der Raum, in dem sie die nächsten Nächte miteinander verbringen, ist spärlich möblicht: ein breites Bett für sie, ein tiefer Ledersessel für ihn. Er nimmt Platz auf seinem Beobachterposten, während sie sich ihm ihrer weiblichen Nacktheit darbietet. Das Spiel von Anziehung und Abstoßung, Begierde und Frust kann beginnen, doch es endet nicht wie vorgesehen.

_Mein Eindruck_

Hätte die Breillat doch lieber einen Essay oder ein feministisches Kampfblatt geschrieben als diesen so genannten Roman! Von einer Handlung ist kaum etwas zu registrieren, denn im Grunde handelt es sich bloß darum, eine Versuchsanordnung in die Wege zu leiten und dann das Experiment bis zu seinem bitteren Ende auszuführen. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden in aller Breite und Tiefe dargelegt. Dabei handelt es sich keineswegs um Dialoge, sondern den inneren Monolog der Frau. Hinzu kommt später der innere Monolog des Beobachters.

Bei den Gründen werden die altbekannten Unzulänglichkeiten der beiden Geschlechter angeführt, die seit den siebziger und achtziger Jahren bekannt sind, die aber – zumindest in Deutschland – keine Frauen mehr auf die Barrikaden treiben. Die Erzählerin jedenfalls kommt sich vor wie die Angehörige eines überflüssig gewordenen Geschlechts – das dürfte ja angesichts der Massen von unbeweibten Homos unausweichlich sein. Aber andererseits will sie sich auch nicht von Heteros als Sammlerobjekt im goldenen Käfig einsperren und ausbeuten lassen, nein danke. Lieber bringt sie sich gleich um.

Als letzter Strohhalm erscheint ihr die Möglichkeit, einen Schwulen zu verführen und dabei etwas sowohl über sich als Frau wie auch über Männer herauszufinden. Kann sie den Abgrund zwischen den Geschlechtern überbrücken? Sie gibt sich dafür völlig preis, in dem Bewusstsein, dass ein Homo eine wehrlose Frau dennoch nicht vergewaltigen würde, ganz einfach deshalb, weil das seiner sexuellen Ausrichtung zuwiderlaufen würde. So verzweifelt ist sie also nicht, als dass sie nicht emotional kalkulieren könnte.

Ich will hier nichts weiter verraten, denn eine gewisse Spannung sollte schon erhalten bleiben. Immerhin erfährt der Leser, dass sich auch heute noch Schaufelstiele und Kieselsteine wirkungsvoll im Leib einer Frau einsetzen lassen, ohne dabei Gewalt auszuüben, und dass Menstrualblut den stärksten Mann umhaut. Wer also magische Substanzen sucht, der folge dem Motto: „Cherchez la femme!“ Der Schluss hat mir nicht gefallen. Die Autorin ergeht sich in einer zweideutigen Andeutung, die jeder interpretieren kann, wie er will.

_Unterm Strich_

Dies ist kein erotischer Roman wie so viele andere, die der Unterhaltung dienen wollen. Dies ist ein Essay, der vorgibt, erzählende Prosa zu sein. Die Autorin bringt zahlreiche Thesen vor, die sicher nicht jedem Leser, jeder Leserin schmecken dürften – denn auch das weibliche Geschlecht, das hier mehr über den Sexus zu erfahren hofft, kommt nicht allzu gut dabei weg. Was nicht heißt, dass der Mann favorisiert wird.

Mit scheint, so mein Fazit, dass die Autorin die mentalen und körperlichen Barrieren durchbrechen, niederreißen will, die den Abgrund zwischen Geschlechtern generiert haben und die so manchem Machthaber beiderlei Geschlechts sehr gut als Kontrollinstrument in den Kram passen: Keine/r darf jeden x-beliebigen vögeln, es sei denn, er/sie wolle dafür sozial geächtet werden. Die Angst vor der Ächtung und Ausgrenzung sorgt für die Kontrolle des (sexuell-sozialen) Wohlverhaltens. Die wahre Gleichstellung von Mann und Frau kann erst erfolgen, so verstehe ich Breillat, wenn sie beide die Barrieren dessen, was als „obszön“ gilt, durchbrochen haben und Körper und Seelen zueinander finden, ganz gleich, ob das auf eine „schöne“ oder „hässliche“ Art und Weise geschieht.

Man kann darüber nachdenken oder auch nicht, in jedem Fall ist dieser so genannte „Roman“ keine Unterhaltung, sondern ein Diskussionsbeitrag. Und dafür ist er eigentlich schon wieder zu teuer.

|Originaltitel: Pornocratie
Originalverlag: Denoel
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk|

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