Brin, David – Sonnentaucher

_Gespenster in der Sonne, Schneebälle in der Hölle_

Dies ist der erste Roman des promovierten Physikers David Brin und zugleich der erste Band in den zwei Trilogien des Uplift-Zyklus. Diese Space-Opera in Brins Uplift-Universum gehört zu den wichtigsten Science-Fiction-Werken der 80er und 90er Jahre.

_Hintergrund_

Im Universum der Fünf Galaxien, so der Hintergrund von Brins Roman, haben vor Urzeiten die so genannten „Progenitoren“ dafür gesorgt, dass sich mehrere Rassen – je eine pro Galaxie – zu Bewusstsein entwickeln konnten, um die Herrschaft über die jeweilige Galaxis anzutreten. Dies war das allererste Uplifting des Bewusstseins. Die Debatte dreht sich darum, ob auch die Menschen davon betroffen waren oder ob sie sich selbst zur „Sapienz“ entwickelten. Wie auch immer: Die Progenitoren verschwanden, die Menschen uplifteten die Delphine und Schimpansen zur Sapienz. Das war ihr Glück, denn sonst wären sie nach dem Erstkontakt mit den Aliens selbst upgeliftet worden – falls man sie dessen für würdig befunden hätte. Die Aliens hätten sie zum dienstverpflichteten „Klienten“ eines „Patrons“ gemacht – wer weiß, für welche fremdartigen Zwecke.

_Handlung_

Beim Beginn der Handlung arbeitet der junge Jacob als Trainer für upgeliftete Delphine vor der südkalifornischen Küste. Eines Tages erhält er die Einladung zu einer Besprechung mit Aliens südlich von San Diego. Dort befindet sich eine Reservation für Aliens, vor der Tausende demonstrieren. Es gibt nämlich auf der Erde den hitzigen Streit um die Stellung des Menschen in der Evolutionstheorie: Erreichte der Mensch selbst die Sapienz à la Darwin, oder wurde er von Aliens upgeliftet ‑ à la Däniken?

Mit mehreren Aliens sowie einem Wissenschaftler und einem aufdringlichen dogmatischen Reporter darf Jacob mit einem Raumschiff zur Sonne fliegen: Die Wissenschaftler meinen, dort auf Gespenster gestoßen zu sein! Aufgrund der Lügen und Tricks eines der Patron-Aliens glauben die Beobachter zunächst, wirklich die Solarier-Gespenster gefunden zu haben. Doch Jacob gelingt es, den Alien zu entlarven. Dieser wollte lediglich die verachtete Wissenschaft der Erde der Lächerlichkeit preisgeben. Wäre es ihm gelungen, wären die Aussichten der Terraner, Forschungsresultate von der galaktischen Gemeinschaft zu erhalten, sehr geschwächt worden. Doch die Chancen hätten sich erhöht, zu Klienten dieser Alien-Rasse adoptiert zu werden!

Mit einem deduktiven Bravourstück hat Jacob den einen Alien ausgeschaltet, als schon der nächste Ärger macht. Ihm, Culla, hatte Jacob wesentlich mehr vertraut. Culla bringt jedoch das Sonnentauchschiff zum Absturz. Mit knapper Not gelingt es der Mannschaft und ganz besonders Jacobs neuer Geliebter, der Pilotin Helene, das Raumschiff zu retten und Culla auszuschalten. Ihr Absturz wird auch von einigen wirklichen Solariern gebremst.

Schließlich jedoch versagt der Gravitationsausgleich und alle (außer dem dritten, widerstandsfähigen Alien) werden Opfer der gigantischen Schwerkraft der Sonne. Wenigstens ist es nicht aus mit ihnen: Durch die durch Helene veranlasste Tiefkühlung an Bord wurden ihre klinisch toten Körper tiefgefroren, so dass man sie später wieder auftauen konnte. Und ihre Aufzeichnungen geben ihnen sehr gute Karten in die Hand, die sie beim galaktischen Poker um Macht und Einfluss einsetzen können …

_Unterm Strich_

„Sonnentaucher“ mag zwar David Brins erster Roman gewesen sein, aber es ist zweifellos ein Meisterwerk. Und so kommt es einem vor, als habe hier einer der alten Profis à la Heinlein ein ausgereiftes Produkt abgeliefert.

Brin zeichnet zunächst ein geschlossenes, einheitliches Universum, wie man es in der Science-Fiction noch nicht „gesehen“ hat. Dann führt er glaubwürdige Charaktere ein und verwickelt sie in eine sich dramatisch steigernde Handlung. Beim kühnen Unternehmen des Sonnentauchens entspinnt sich ein veritabler Krimi mit gleich zwei Finalen. Und Brin überrascht den Leser mit immer neuen Haken, die die Handlung schlägt, so dass man nicht aufhören könnte, selbst wenn man wollte: Jacob stellt sich als gespaltene Persönlichkeit heraus, der scheinbare Bösewicht LaRoque als verleumdeter Unschuldiger und der brave Alien Culla als mörderischer Oberbösewicht.

Brin verwendet in „Sonnentaucher“ sein solides Wissen in der modernsten Physik, um dem Leser Szenarien und Bilder vor Augen zu führen, die zum klassischen „sense of wonder“ beitragen: So wird zum Beispiel die Raumkapsel „Sundiver“ zum sprichwörtlichen Schneeball in der Hölle ‑ innen tiefgekühlt durch abgestrahlte Laserenergie, außen gebraten durch das Innere der Sonne.

Diese Genialität ist gepaart mit einem frechen, stellenweise gar unverschämten Humor, der die Lektüre zu einem reinen Vergnügen macht. Klasse!

|Originaltitel: Sundiver, 1980
Aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Schmidt|