Brown, Dan – Illuminati

Das Weiße Haus bot schon oft Romanstoff für Bombenattentate, aber das kann man noch steigern: Auch den Vatikan mitsamt Papst einzuäschern, verspricht Spannung satt.

Der Streit zwischen katholischer Kirche und der Wissenschaft ist uralt. Galileo Galilei’s heliozentrisches Weltbild wurde Jahrhunderte lang nicht anerkannt, trotz aller Fakten, die dafür sprachen. Hier setzt der Autor Dan Brown an: Die legendäre Bruderschaft der Illuminaten stand Pate für den deutschen Titel des schon im Jahre 2000 in den USA veröffentlichten Thrillers „Angels & Demons“.

Eine uralte Verschwörung von Wissenschaftlern, die Illuminati, die Grund haben die katholische Kirche bis ins Mark zu hassen, bildet den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Der Konflikt zwischen moderner Forschung und konservativem Glauben wird von Brown zu einer Schnitzeljagd quer durch Rom und Jahrhunderte der Geschichte ausgebaut… Terror und Mord inklusive!

Robert Langdon, amerikanischer Forscher für Kunstgeschichte und Symbolik, wird in das CERN (Erfinder des WWW und berühmtes Forschungszentrum) in Genf gerufen. Er soll bei der Klärung eines Mordes helfen. Der Forscher Leonardo Vetra wurde in seinem Labor ermordet. Er hatte kurz zuvor eine bahnbrechende Entdeckung gemacht. Es gelang ihm, mit einem Teilchenbeschleuniger die Schöpfung bis hin zum Urknall zurück zu simulieren. Dabei entstand die Energiequelle der Zukunft: Er konnte geringe Mengen an Antimaterie erzeugen und lagern. Doch nun ist er tot, ermordet und mit dem Brandzeichen ILLUMINATI auf der Brust versehen. Seine Tochter Vittoria bemerkt, dass der Behälter mit der Antimaterie gestohlen wurde. Außerhalb des CERN kann er nur für 24 Stunden stabilisiert werden. Die geringe Menge reicht bereits aus, um eine Explosion im Größenbereich von 5.000 Tonnen TNT zu verursachen.

Man muss nicht lange suchen: Die beiden werden in den Vatikan beordert, wo derzeit das Konklave zur Wahl des kürzlich verstorbenen Papstes tagt. Der Assassine der Illuminati hat sich gemeldet: Er übernimmt nicht nur die Verantwortung für den Tod des Papstes, nein, er zeigt rotzfrech ein Überwachungskamerabild des Antimaterie-Containers, den er irgendwo in der Vatikanstadt gelagert hat… bloß wo ist die Kamera, wo ist der Container? Die Zeit läuft genau um Mitternacht ab… Explodiert der Behälter, vernichtet er die ganze Vatikanstadt, und sofern man nicht die mit der Papstwahl beauftragten Kardinäle zuvor evakuiert, auch die Führung der Kirche neben den in der Vatikanbank gelagerten Vermögenswerten der Katholiken.

Auf noch perfidere Weise sollen Rache und Sieg der Illuminaten über die Kirche zelebriert werden: Die vier Top-Kandidaten für die Nachfolge des Papstes sind entführt worden, unter den Augen der Schweizergarde, die sie verzweifelt sucht. Der Assassine verspricht, sie medienwirksam jede volle Stunde an öffentlichen Plätzen in Rom zu opfern, versehen mit je einem Brandzeichen der Illuminaten, den vier klassischen Elementen des Altertums (Feuer, Erde, Wasser, Luft). Danach soll als Krönung der Vatikan in die Luft fliegen, gesprengt durch Antimaterie, den Triumph moderner Wissenschaft…

Robert und Vittoria folgen jedoch dem uralten „Pfad der Erleuchtung“, den sie im Vatikanarchiv in Galileo’s DIAGRAMMA DELLA VERITA als Gedicht in der damals im gelehrten Vatikan verpönten Sprache der modernen Wissenschaft, Englisch, finden:

|From Santi’s earthly tomb with demon’s hole
´Cross Rome the mystic elements unfold.
The path of light is laid, the sacred test,
Let angels guide you on your lofty quest.|

Der uralte Aufnahmetest der Illuminaten – in nur wenigen Stunden zu lösen, um das Leben der Kardinäle und die heilige Stadt zu retten. Eine unheimlich spannende Schnitzeljagd durch Rom beginnt… Übrigens, kennt ihr Santi? Er ist euch vermutlich unter seinem Vornamen geläufiger…

MEHR VERRATE ICH HIER NICHT – erweist euch selbst würdig, ein ILLUMINAT zu sein!

Die Mischung aus modernster High-Tech-Wissenschaft und den Verschwörungen der legendären Illuminati-Bruderschaft sowie Kunstgeschichte begeistert! Quer durch bekannte Plätze in Rom hetzten Robert und Vittoria, und jedesmal ist der Assassine ihnen voraus. Besonders toll finde ich: Ich war ja schon einmal in Rom, am Petersplatz, in der sixtinischen Kapelle, am Piazza Navona… und viele Objekte und Standbilder, die in diesem Buch als Teil des geheimen Pfades der Erleuchtung der Illuminaten verwendet werden, habe ich selbst gesehen und berührt. Aber dass man sie so |genial| in einen Verschwörungs-Thriller einbinden könnte, das hätte ich mir niemals vorgestellt.

Auch die pingelige Haltung der Schweizergarde zu kurzen Hosen ist mir bekannt: Ähnlich Vittoria hatte ich Probleme, in den Vatikan mit meinen Shorts eingelassen zu werden. Als ich mich an der anderen Seite einschlich, wurde ich schließlich persönlich von zwei Gardisten herausgeworfen. Auch Brown hat diese Erfahrung gemacht, er war persönlich in Rom und hatte sogar eine Audienz beim Papst. Er hat gründlich recherchiert und daraus einen unheimlich spannenden und schlüssigen Thriller gemacht. Ich möchte darauf hinweisen, dass weder die katholische Kirche noch die Wissenschaft in diesem Buch dämonisiert oder verteufelt werden. Keine Partei wird hier zum Buhmann gemacht.

Voller Symbolik und versteckter Hinweise steckt der Thriller. Die mystischen Zahlen der Illuminati, auffällige Architektur in Rom, vor aller Augen öffentlich angebrachte geheime Wegweiser – einfach brillant, was Brown sich hat einfallen lassen! Umso genialer, da dieser Wegweiser real existiert und funktionieren kann. Ist Brown etwa selbst ein abtrünniger Illuminat? Besonders lobenswert: Die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten. Ich hatte schon meine Schlüsse über den Verräter im Vatikan gezogen und Janus, das Oberhaupt der Illuminaten, enttarnt. Und doch lag ich total falsch, wie sich schließlich herausstellte…

Die faszinierenden Ambigramme „ILLUMINATI“ und die vier Elemente, die auf den Kopf gedreht sich genauso lesen wie umgekehrt, wurden von dem Künstler John Langdon geschaffen. Sie sind wahre Kunst: Dreht das Buch auf den Kopf, und ihr könnt ILLUMINATI, EARTH, FIRE, WATER und AIR genauso lesen wie richtig herum! Die Krönung ist jedoch das sechste Ambigramm, ein Viereck, der legendäre Illuminati-Diamant… aber auch das verrate ich euch hier nicht.

Die Übersetzung ist Axel Merz sehr gut gelungen, das Cover der deutschen Ausgabe ist ebenfalls ein Augenschmaus. Der rote Assassine und der Illuminati-Schriftzug sind erhaben auf das Cover geprägt. Zwei Karten Roms und der Vatikanstadt, die einem ermöglichen der Handlung zu folgen, findet man am Anfang des Buches.

Obwohl sehr viel auf Kunstgeschichte und Historie eingegangen wird, kann jedermann das Buch lesen. Brown lässt Vittoria und Robert unaufdringlich alles erläutern. Schließlich wurde das Buch ja für ein breites Publikum geschrieben. Stilistisch gesehen besteht das Buch aus 137 stets recht kurzen Kapitelchen. Ein anderer Rezensent hat sogar in die Zahl der Kapitel einen tieferen Sinn hineininterpretiert…

Was kann man an dem Buch eigentlich kritisieren? Normalerweise kann ich ja alles madig machen, aber das Buch ist unheimlich spannend und ich habe es in Windeseile durchgelesen. Obwohl mir Verschwörungen und Thriller normalerweise zuwider sind. Mir persönlich missfiel das Ende, die Auflösung aller Rätsel: Es ist nicht ganz auf dem hohen Niveau, das Brown vorgelegt hat und erweitert das Buch um eine ziemlich unglaubwürdige Stunt-Szene.

Aber die Illuminaten, die blendend eingebundene Historie, die feurige Vittoria und der sympathische Robert lassen mir einfach keine andere Wahl: Höchstnote für „Illuminati“. Dan Brown hat sich die Messlatte verdammt hoch gelegt. Ich bin gespannt, ob er dieses Buch noch einmal toppen kann!

Homepage des Autors: http://www.danbrown.com