Fredric Brown – Die grünen Teufel vom Mars

brown-teufel-cover-kleinDie Marsianer kommen! – kleine grüne Männchen, die nicht kriegerisch sondern gemein und lästig sind und sich nicht loswerden lassen, bis die irdische Zivilisation sich in einen Scherbenhaufen verwandelt … – Dieser Klassiker der humorvollen Science Fiction hinterfragt den (US-typischen) Alltag (der 1950er Jahre), indem er dessen Normen und Regeln außer Kraft setzt und sich ausmalt, welche Folgen dies haben könnte. Gewaltfrei, ideenreich und erfreulich respektlos (wenn auch aus heutiger Sicht harmlos) spielt der Verfasser seinen Plot durch und kann damit auch im 21. Jahrhundert noch zum Lachen und zum Nachdenken reizen.

Das geschieht:

Sie kommen, sie sehen und hören alles – und sie wollen einfach nicht mehr verschwinden: Als sie tatsächlich stattfindet, gestaltet sich die von den Menschen gefürchtete und fabulierte Invasion vom Mars völlig anders als erwartet. Die fremden Besucher sind zwar tatsächlich klein und grün, doch sie kommen nicht als Eroberer, sondern als Eindringlinge. Gerade haben sie das „Kwimmen“ erfunden, das es ihnen ermöglicht, die Erde ohne Raumschiffe zu erreichen. Hier sind sie zwar körperlos, doch sie können sich an jeden Ort versetzen, der sie interessiert.

Und das trifft auf praktisch jeden Winkel der Welt zu. Sprachliche Barrieren existieren für die Marsianer ebenso wenig wie Wände, politische Grenzen oder militärische Geheimnisse. Sie können in der Dunkelheit und sogar durch Mauern sehen. In erster Linie sind sie jedoch boshaft. Sie beleidigen ihre entgeisterten ‚Gastgeber‘, spielen ihnen gemeine Streiche, plaudern ihre intimsten Geheimnisse aus. Gern halten sie sich in Schlafzimmern auf und kommentieren respektlos, was unter den Bettdecken geschieht. Die menschliche Zivilisation kommt praktisch zum Erliegen, denn Politik, Wirtschaft oder Militär sind Institutionen, die ohne Geheimniskrämerei nicht existieren können.

Verzweifelt sucht man nach Methoden, sich der Plagegeister zu entledigen. Doch wo weder Waffen noch Appelle an Rücksicht und Anstand Wirkung zeigen, muss der Mensch kapitulieren. Erst einige Freigeister finden den richtigen Ansatz: Was geschieht, wenn wir wie die Marsianer denken und auf diese Weise in Erfahrung bringen, was sie wollen – oder besser: was ihnen ganz und gar nicht behagt? Dieser Weg ist freilich reich an Sackgassen und Irrtümern, während der Marsianerspuk scheinbar unaufhaltsam seinen absurden Höhepunkt erreicht …

Immer den Himmel beobachten!

Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die Menschenwelt eine sowohl einfachere als auch Furcht erregende Zeit. Natürlich traf dies nicht auf alle Aspekte des Alltags zu, doch es schloss auf jeden Fall die Angst vor dem Untergang besagter Welt ein. Der „Kalte Krieg“ zwischen den Großmächten USA und UdSSR (plus China) konnte jederzeit heiß werden. Man war auf beiden Seiten vorbereitet, und sollte es zum Äußersten kommen, würde man Atombombe mit Atombombe & Wasserstoffbombe mit Wasserstoffbombe vergelten. Bis es soweit war, vermischten sich echte Kriegssorge und Paranoia. „Watch the Sky!“ hieß ein populärer Warnspruch der Zeit, denn von dort würden sie kommen – die Flugzeuge der gottlosen roten Kommunisten, besetzt mit Invasoren, beladen mit Bomben, flankiert von Raketen.

Auch der Weltraum gehörte zumindest theoretisch zum Aufmarschgebiet der Großmächte. Gerade erst begann man ihn vor Ort zu erforschen, und wie der Satellit „Sputnik“ zeigte, hatten die Roten die Nase vorn! Dies forderte vom US-Bürger besondere Wachsamkeit. Was geschehen konnte, wenn man dies vernachlässigte, stellte u. a. Hollywood in drastischen Bildern vor. Weil allzu ausgeprägter pädagogischer Eifer allerdings die Zuschauer den Kinos fernhalten würde, steckte man die Invasoren aus dem Osten in abenteuerliche Kostüme und nannte sie Außerirdische. Der Zeitgenosse unterhielt sich und wusste dennoch, wer eigentlich gemeint war. Außerdem verhinderte es Beschwerden der inkriminierten (und nicht amüsierten) „Commies“.

Angst schlägt in Humor um

Über die Auswüchse des Kalten Kriegs kann man sich heute amüsieren. Einige Zeitgenossen taten es damals schon. Fredric Brown spielt – vorsichtig – mit den Schreckgespenstern der Gegenwart von 1955, indem er sie ad absurdum führt. Er bedient sich der schärfsten Waffe seiner literarischen Zunft: des (milde) geistvollen Humors, der das nur vorgestellte bzw. heraufbeschworene Böse der Lächerlichkeit preisgibt. Brown verwandelt die roten Kommunistenteufel in die grünen Teufel vom Mars.

Der Plot kreist um folgende Frage: Was geschieht, wenn ein Feind auftaucht, gegen den keinerlei Abwehr möglich ist? Normalerweise beträte dieser Feind mit überlegener Feuerkraft die Bildfläche. Brown verwirft dieses Klischee. Seine Marsianer können körperlich nicht verletzen. Ihre einzige Waffe ist ihr Mundwerk, die Munition liefert die Fähigkeit, jedes Geheimnis aufzudecken.

Wer meint, dies sei keine Bedrohung, lasse sich von Brown eines Besseren belehren. Vom Normalbürger bis hinauf zur politischen, wirtschaftlichen, militärischen und religiösen Führung basiert das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft auf Geheimnissen, ist seine einleuchtend präsentierte Prämisse. Wie könnte ein Überfall auf „den Feind“ stattfinden, wäre dieser bereits vorab über den Angriff informiert? Wie könnte ein Messias und Weltenretter vor seinen Jüngern bestehen, würden diese über sehr menschliche Fehltritte in Kenntnis gesetzt? Oder ein Präsident, ein Diktator, ein General, der behauptet, man müsse einer Bedrohung zuvorkommen, die tatsächlich nur behauptet ist? Ansehen und Stellung werden stets gestützt durch Schein, Lug & Trug. Die Marsianer legen offen, dass jeder Mensch ein Skelett im Schrank verbirgt, das ihn verletzlich macht.

Die Welt als ratloses Tollhaus

Diese Erkenntnis illustriert Brown anhand zahlreicher Beispiele. „Die grünen Teufel vom Mars“ besitzt zwar einen roten Faden, zerfällt indes bei näherer Betrachtung in viele Einzelepisoden. Mit Luke Devereaux gibt es eine Hauptfigur, die der Verfasser jedoch immer wieder aus der Handlung verbannt. Stattdessen wirft er Schlaglichter darauf, wie die Marsianer die Grundfesten der Menschheit erschüttern.

Dabei beschränkt er sich keineswegs auf die USA. Brown ist im Grunde selbst ein Marsianer: er macht sich lustig über das, was als wichtig oder gar heilig gilt oder die tiefsten Befürchtungen seiner Zeitgenossen berührt. In einer der unzähligen Szenen, in der die Marsianer völlig gewaltfrei die Welt aus den Angeln heben, bringen sie ultrageheime Abwehrpläne der US-Streitkräfte in Erfahrung, während die Hüter dieser Geheimnisse sie ebenso verzweifelt wie erfolglos daran zu hindern versuchen. Die Episode gipfelt in der Realisierung des schlimmsten Albtraums, den sich ein militärischer Entscheidungsträger vorstellen kann: „Der Martier wandte sich an einen der anderen Martier im Zimmer … ‚He‘, sagte er. ‚Kwimmen wir doch rasch mal ‘rüber und schauen nach, was die Russen aufzuweisen haben. Und vergleichen die Notizen mit ihnen.‘“ (S. 38) Die Reaktion bleibt nicht aus: „Der andere Martier lachte spöttisch. Auch der General lachte, allerdings nicht spöttisch. Er lachte so lange, bis zwei Adjutanten ihn wortlos hinausführten.“ (S. 38) Der General hat verloren, was ihm seine hohe Stellung garantiert, und das treibt ihn in den Wahnsinn.

Marsianer als Spiegelbild der Menschen?

„… in ihrer Gesamtheit waren sie beleidigend, unangenehm, lästig, frech, brutal, streitsüchtig, sarkastisch, grob, abscheulich, unhöflich, scheußlich, teuflisch, vorlaut, keck, störend, gehässig, feindselig, schlecht gelaunt, unverfroren, schamlos, spitzzüngig, höhnisch, elende Spielverderber. Sie waren lüstern, ekelhaft, boshaft, feindselig, widerlich, anstößig, mürrisch, pervers, streitsüchtig, grob, hypochondrisch, verräterisch, grausam, schroff, undankbar, bissig, niederträchtig, schwatzhaft, stets darauf bedacht, sich verhasst zu machen und jedermann Verdruss zu bereiten.“ (S. 43)

Anders ausgedrückt: Die Marsianer halten sich nicht an die Spielregeln, nach denen die (US-) Gesellschaft funktioniert. Diese sind nüchtern betrachtet Regeln, die von den Mächtigen formuliert und den weniger Mächtigen oktroyiert werden. Erstere können sehr gut, letztere müssen mit ihnen leben. Jetzt stellen die Marsianer dies auf den Kopf. Sie bieten dem Bürger die Möglichkeit, seine Fesseln abzuwerfen. Brown konstatiert sarkastisch, dass er (und sie) stattdessen hilflos reagieren, wenn von Oben keine Anweisungen mehr kommen.

Luke Devereaux ist ein solcher „John Doe“, der den durchschnittlichen US-Amerikaner repräsentiert. Er stolpert durch eine Welt, die sich in ein Irrenhaus verwandelt. Es fehlen einfach die Mittel, sich der Eindringlinge zu erwehren. Erst als die Anführer und Konfliktlöser kapituliert haben, können sich jene Gehör verschaffen, die sich nicht in die Schubladen des Establishments stecken lassen und dafür mit Ignoranz und Hohn gestraft werden: Philosophen, Künstler, Querdenker, die geistig in der Lage und willens sind, wie die Marsianer zu denken, statt auf sie zu schießen, mit ihnen verhandeln, statt sie zu ignorieren. (Erfolgreich sind sie allerdings auch nicht – Brown verschont niemanden mit seinem Spott.)

Komödie mit Untertönen

Selbstverständlich hält Brown seinen Landsleuten noch einen ganz anderen Spiegel vor: Die Marsianer benehmen sich in den USA im Grunde genauso wie die US-Amerikaner außerhalb ihrer Landesgrenzen. Sie halten sich seit jeher für Bürger eines von Gott privilegierten Staates, der deshalb berechtigt ist, den anderen, weniger begünstigten Nationen zu zeigen, wo’s lang geht, oder sie gar zu ihrem Glück zu zwingen. Den selbst ernannten Heilsbringer schallte dafür schon in den 1950er Jahren ein „Ami, Go Home!“ entgegen. Nun lässt Brown seine Mitbürger die eigene Medizin schmecken, und sie scheint ziemlich bitter zu sein.

Warum gehen die Marsianer wirklich? Auch in diesem Punkt gestattet Verfasser Brown keine simple Auflösung. Tun sie es, weil man sie endlich durchschaut hat, oder langweilt sie die Menschenwelt, die sie deshalb freiwillig verlassen? Die Frage bleibt offen, eine Rückkehr der Marsianer möglich.

Oder hat es sie gar nicht gegeben? Womöglich hat sich weltweite Angst vor dem III. Weltkrieg so gewaltig manifestiert, dass sich die Menschen die Marsianer quasi selbst geschaffen haben – als kollektive Angstvorstellung und als geistiges Ventil, über das sich der emotionale Überdruck ablassen ließ. Als dies geschafft und zumindest in Browns Welt die Kriegstreiber abgewirtschaftet haben, verschwinden die (eingebildeten) Marsianer.

Anmerkungen

Unter dem unnötig grellen, wohl zur Lockung des Lesers ‚übersetzten‘ Titel „Die grünen Teufel vom Mars“ wurde „Martians, Go Home!“ schon 1959 als gebundenes Buch in Deutschland veröffentlicht. Das Titelbild dieser Ausgabe ist wunderschön, doch wichtiger ist: Die Qualität der Textübersetzung (die von den Neuausgaben übernommen wurde) macht den Roman noch über ein halbes Jahrhundert später lesbar. Der Ton ist natürlich veraltet, der Übersetzer spricht durchweg von „Martiern“, und drollige Verständnisfehler kommen schon auf der ersten Seite vor: „[Luke Devereaux] war mit einem weißen T-Hemd bekleidet …“, was dem Werk andererseits einen nostalgischen Charme verleiht. Es hätte eine Neuauflage verdient, doch die erfährt es regelmäßig ausgerechnet in den USA, wo die Leser anscheinend kein Problem damit haben, über sich selbst zu lachen.

1990 inszenierte David Odell den Film „Martians, Go Home!“ nach einem Drehbuch von Charles S. Haas mit Randy Quaid in der Hauptrolle des Mark [sic!] Devereaux. Die überwältigende Mehrheit der ohnehin nicht zahlenstarken Zuschauer hielt das Werk für eine geist- und witzlose Zumutung, und als solche ging es auch unrühmlich in die Filmgeschichte ein.

Autor

Fredric William Brown wurde 1906 in Cincinnati, Ohio, geboren. Er besuchte die Abendschule der University of Cincinnati und studierte ein Jahr am Hanover College in Indiana. Zwischen 1924 und 1936 arbeitete er in einem Bürojob, anschließend wechselte er in die Redaktion des „Milwaukee Journal“. Ersten Kontakt zur literarischen Szene nahm Brown als Mitglied des „Milwaukee’s Fictioneers Club“ auf. In den 1930er Jahren begann er Storys für die Pulp-Magazine dieser Ära zu schreiben. In diesem schlecht bezahlten Gewerbe erwies er sich als schneller und einfallsreicher Autor, der nicht auf ein Genre fixiert war. Brown begann mit humoristischen Kurzgeschichten, verfasste Krimis und nach 1940 Science Fiction und Horror.

Nachdem er ca. 300 Storys veröffentlicht hatte, schrieb Brown 1947 mit dem Thriller „The Fabulous Clipjoint“ 1947 seinen ersten Roman, der von den „Mystery Writers of America“ als bester Krimi des Jahres mit einem „Edgar Award“ ausgezeichnet wurde. Brown schuf in diesem Buch seine einzigen Serienhelden, die Ermittler Ed und Am Huster, die er in fünf weiteren Werken auftreten ließ. Der Erfolg seines Erstlings ließ Brown den Schritt zum hauptberuflichen Schriftsteller wagen. Seine originellen, gut geplotteten und geschriebenen Thriller wurden gern gelesen und mehrfach auch verfilmt; Brown verfasste später selbst Drehbücher, so für Alfred Hitchcocks berühmte TV-Serie.

„What Mad Universe“ war 1951 sein erster Science-Fiction-Roman. Während Brown für seine Krimis gerühmt wird, beurteilt die Kritik sein phantastisches Werk differenzierter. Demnach belegen primär die Kurzgeschichten sein Talent. „Arena“ (1944) belegt auf allen Listen der besten SF-Storys aller Zeiten stets Spitzenplätze. (Sie wurde u. a. in der klassischen „Star Trek“-Serie 1966 verfilmt.) Brown war kein Freund überflüssiger Worte und verstand es auf den Punkt zu kommen; in die SF-Annalen ist er als Schöpfer der kürzesten Grusel-Story aller Zeiten eingegangen: „Der letzte Mensch der Erde saß allein in seinem Zimmer. Plötzlich klopfte es an der Tür …“

Unter Browns SF-Romanen ragen „What Mad Universe“ und „Martians, Go Home!“ heraus. Sie zeigen einen Verfasser, der sich wie wenige seiner Kollegen mit Humor und Sarkasmus über heilige Kühe aller Art lustig machen konnte, wobei er die SF und ihre Repräsentanten keineswegs ausklammerte. Brown war zweimal verheiratet und hatte zwei Söhne. Er starb am 11. März 1972 im Alter von 66 Jahren.

Taschenbuch: 155 Seiten
Originaltitel: Martians, Go Home! (New York : EP Dutton & Company, Inc. 1955)
Übersetzung: Herbert Roch
http://www.randomhouse.de/heyne

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