John Brunner – Morgenwelt

Vision von morgen – ein Buch wie ein Film

In „Stand on Zanzibar“ verwirklichte John Brunner ein gewagtes stilistisches Experiment: die Welt von morgen einzufangen wie in einem Film. „Morgenwelt“ ist ein ernst zu nehmender Roman für Erwachsene. „Wenn John Dos Passos Science Fiction geschrieben hätte – ein Buch wie dieses wäre das Ergebnis gewesen.“ (Washington Post)

Das ist sicherlich nicht jedermanns bevorzugte Lesekost: Actionfans kommen zwar auch auf ihre Kosten, doch ist die Action in so viel Kontext eingebettet, dass sie – das ist Absicht – keinen Spaß mehr macht. Also mehr ein Roman fürs Hirn.

Handlung

Das Geschehen des im Jahr 2010 angesiedelten Romans findet in USA und Europa, in Afrika und Asien statt. Facettenartig spiegelt er eine Zukunft wider, die einige Pluspunkte zu bieten hat: Künstliche Intelligenz und gentechnisch modifizierte Körper etwa, aber leider auch kulturell motivierte Kriege und fanatische Attentäter. Internationale Konzerne können ganze Länder aufkaufen und den Handel mit menschlichen Organen an der Börse notieren lassen.

Donald Hogan ist ein technisch aufgemotzter und grimmig motivierter US-Agent in geheimer Mission in Südostasien. Dort soll er Professor Sugaiguntung, der eine Methode zum Klonen von Soldaten erfunden hat, per U-Boot außer Landes schaffen. Doch leider läuft alles schief: Der Prof stirbt.

Hogans Gegenstück im multinationalen Konzern GT ist Norman House, ein aufstrebender Schwarzer. Sein Brötchengeber schickt ihn in das winzige afrikanische Ländchen Beninia, in dem eine Art Friedens-Gen entdeckt worden sein soll. Auch hier laufen die Dinge unversehens aus dem Ruder.

Dies sind die zwei Haupthandlungsstränge, die den roten Faden bzw. „Continuity“ (ein Film-Begriff) herstellen. Es gibt noch weitere Nebenhandlungen, aber auch Mini-Kapitel mit „Schlaglichtern“ aus den Medien.

So ergibt sich aus 118 Kapiteln ein Mosaik, das einen erschütternden Eindruck im Leser hinterlässt. Mit schwarzem Humor lässt Brunner Zitate aus einem „hippen Vokabular“ einfließen: die Stimme des Narren in diesem Drama.

Fazit

Dies ist eine Zukunft, wie sie unsere Kinder und Enkel noch erleben könnten. Brunner hat sich in vielerlei Hinsicht als Prophet erwiesen. Er hat zwar nicht das Internet vorhergesehen, wohl aber die Macht der Computer und der Gentechnologie, der Regierungen und Konzerne.

Und kompromisslos zeigt er auf, dass alle Unternehmungen dieser Täter zum Scheitern verurteilt sind, weil sie ihren Handlungen und Entscheidungen alle das falsche Denken zugrunde legen: Sie alle betrachten die Welt wie auch die Menschen als Objekte und als Mittel zum Zweck statt sich dem Streben nach Erkenntnis, nach Verstehen und Begreifen zu widmen; so gehen sie alle den kurzen Weg – in die Irre, ins Verderben. Bereits heute spielt dieses technizistische Denken die erste Geige in der Planung von Unternehmungen, in der Leitung von Konzernen und Staaten.

Dieses Denken ist nur einen winzigen Schritt von Zweck-Entfremdung/Instrumentalisierung und geistig-moralischer Vergewaltigung entfernt, wie Brunner – u. a. in „Der Schockwellenreiter“ – aufzeigt. Und allzu oft, ja immer häufiger sind die Täter und ihre Agenten bereit, diesen kleinen Schritt zu tun.

Gebundene Ausgabe: 857 Seiten
Originaltitel: Stand on Zanzibar, 1968
Aus dem Englischen übertragen von Horst Pukallus

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