Burgwächter, Till – Schmerztöter

Ring frei zur Runde zwei!

Wer sich nach dem satirischen Rundumschlag [„Juhr Gait Tu Hewi Mettäl“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=26 langsam aber sicher wieder vom Ringboden erhebt, der sollte aufpassen, denn im November 2003 holte der einzig wahre Burgwächter des Metals zum Nachschlag aus: „Schmerztöter“ heißt das Werk, das nur mehr knapp halb so dick ist wie der Vorgänger, dafür aber eine ganze Ecke bissiger.

Der Charakter des „satirischen Nachschlagewerks“, den JGTHM noch hatte, ist bei Schmerztöter ebenfalls nicht mehr vorhanden. Vielmehr finden sich in diesem Buch verschiedene kurze Glossen, die sich alle auf den gemeinsamen Nenner „Metal“ bringen lassen. Lediglich in zwei Kapiteln unterrichtet Dozent Burgwächter noch mal Metal-Basiswissen:
„Bands für Feinschmecker“, in welchem von |Amon Amarth| bis |Wizard| einige weitere Bands zum Vollbad im Schokotrunk geladen werden. Spontan konnte bei mir hier z. B. das Gedicht zur Ägypten-Sound-Death-Combo NILE punkten – Feuer mit Feuer bekämpft, könnte man sagen.
Im Kapitel „Die vergessenen Stile“ geht Till unter anderem auf Comedy Metal („Witzischkeit kennt keine Grenzen“), Gothic Metal („Heul doch“), Mittelalter-Metal („Feuerspuck“) oder Stoner Rock („Eine weitere Erfindung der AJMOBAA, der Arbeitslosen Journalisten Mit Ohne Bock Auf Arbeit“) ein und verdeutlicht dabei auch dem Unkundigen auf gewohnt amüsant-sarkastische Weise, was ihn eigentlich hinter den oftmals kryptischen Genrebezeichnungen erwartet.

Vielen aus dem Herzen spricht unser Till wohl auch mit dem Kapitel „Bands, die nicht Metal sind“, in welchem er unter anderem glaubhaft erläutert, warum die HIM-Herzbuben, The Offspring, Die Happy und Konsorten eben kein Metal sind …

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Joey-DeMaio-„Erlebnisbericht“, genannt „Joey sei mit mir“. Für mich persönlich eins der schwächeren Kapitel dieses Buches, wenngleich auch zahlreiche detailverliebte Anspielungen im Text zu finden sind. Vermutlich bin ich einfach schon zu abgestumpft gegenüber allem, was mit Joey zu tun hat – oder noch nicht genug.

Auch „Ein Gott muss vor Gericht“ will erst im zweiten Durchgang richtig zünden, dann aber um so heftiger. Mit jedem neuen Lesen werden die Parallelen zu den realen Ereignissen deutlicher, lassen sich mehr und mehr Details finden, und nicht zuletzt die stete Aktualität des Textes ist ein weiteres, großes Plus.

Ansonsten profitiert Till ganz eindeutig davon, dass die thematischen Grenzen in „Schmerztöter“ weniger eng gesteckt sind als noch bei JGTHM, denn ein durchaus amüsanter Text wie „Metaller im Urlaub“ hätte dort wohl ebensowenig gepasst wie „Vier verwirrt oder ‚The Osbournes'“ und ich kann versichern: Es wäre eindeutig schade darum gewesen.

Eines der Highlights ist übrigens der Text „Heimreise“, in welchem sich dann doch das geschmissene Studium des Herrn Burgwächter zu Wort zu melden scheint, denn hier plant und beschreibt er eine schwermetallische Kaffee-/Pilgerfahrt quer durch unsere schöne Republik, entlang der wichtigsten Pilgerstätten, von Wacken bzw. Hamburg über München (ich wüßte gerne, wie viele Leser das HAMMER-mäßige Wortspiel in dem kurzen Absatz über München nicht entdecken) bis in „die Zone“. Besucht werden dabei unter anderem „Onkel Tom“ Angelripper, Peavy Wagner, die Schalke-Arena, die Karlsruher Studentenbude von |Nightwish|-Frontfrau Tarja und natürlich der |Subway to Sally|-Kräutergarten.

Die restlichen Themen kann sich jetzt jeder aus dem Inhaltsverzeichnis ziehen, ich habe eigentlich nur noch zu sagen: YES!
Inhaltlich gab es ja schon am Vorgänger nicht wirklich was auszusetzen, aber für mich persönlich ist „Schmerztöter“ die konsequente Weiterentwicklung und damit noch mal ein ganzes Stück lesenswerter. Sowohl sprachlich als auch thematisch präsentiert Till Burgwächter sich in seinem neuen Buch vielseitiger und abwechslungsreicher. Auch der wesentlichste Kritikpunkt, die Rechtschreibung, wurde recht ordentlich behoben, auch wenn im mir vorliegenden Exemplar noch immer der eine oder andere Fehler zu finden ist.

Ganz eindeutig: Wer den Metal mag und nichts dagegen hat, eventuell ein bisschen mit Dreck beworfen zu werden, der muss dieses Buch haben.
Till Burgwächter liefert mit „Schmerztöter“ etwas ab, das mit Sicherheit unterm Tannenbaum jedes Metallers liegen sollte.

_Inhaltsverzeichnis_

1. Vorwort
2. Bands für Feinschmecker
3. Die vergessenen Stile
4. Bands, die nicht Metal sind
5. Joey sei mit mir
6. Ein Gott muss vor Gericht
7. Die Reunion
8. Metaller im Urlaub
9. Heimreise
10. Der Kult um androgyne Bassisten
11. Wir nehmen einen Sampler fürs Auto auf
12. Fünf Platten, die die Welt verändern
13. Vier verwirrt oder The Osbournes
14. Drei Gaffer für ein „Hallo Julia“
15. Zwei wie Durchfall und Verstopfung
16. Eine Band wird gezeichnet: Die Semi-Professionellen
17. Test: Sind sie ein guter Hobbyjournalist
18. Unmetallisches