Buschheuer, Else – Ruf! Mich! An!

_Die Frau mit der Walther PPK_

„Rotzfrech und sehr amüsant“, urteilt |Die Welt| über das Buch, auf dem die leicht gekürzte Hörbuchfassung basiert. Buschheuer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie schonungslos die erotischen Zu- und Missstände in unserer neuen Republik beschreibt.

Die ostdeutsche Autorin, die 1965 in Eilenburg bei Leipzig geboren wurde, ist vor allem durch ihre Arbeit bei Spiegel-TV, Pro7 (als Wetterfee) und N24 bekannt geworden. „Ruf! Mich! An!“ – kurz RMA – ist ihr erster Roman und wurde ein Mega-Erfolg.

_Inhalt_

Die Heldin Paprika ist Werbeagenturdirektorin in Berlin, somit Großverdienerin, die sich eine Wohnung in Daimler-City im Herzen der Stadt leisten kann. Wie schockiert ist diese empfindsame Stadtneurotikerin jedoch, als bei ihr gegenüber ein grauenhaft geschmacklos gekleidetes Ossi-Pärchen einzieht: Mandy und Maik. Sie betreiben einen „Bärschn-Glubb“, sprich: ein Bordell (Pärchen-Klub). Paprika ist versucht, zu ihrer Handtasche zu stürzen und ihre Walther PPK rauszuholen, um die beiden „Broiler“ umzunieten.

Die Talkshows von Bärbel Schäfer, die sie sich regelmäßig reinzieht, sind ebenso zum Davonlaufen: Die sexuellen Nöte und Heldentaten der Neuen RepublikanerInnen ziehen der Betrachterin stets fast die Schuhe aus. Da liegt Paprika schon eher die Ansicht ihres Bekannten Dietrich, der ihr empfiehlt, mal wieder „unter die Leute zu gehen, sonst würde das böse mit ihr enden“. Dabei sucht er selbst fortwährend „etwas Fickbares“. Auch ihr Bekannter Robert, ein sensibler Romantiker, scheint ihr nicht so recht der Mann ihrer Träume zu sein.

Dieser erscheint ihr vielmehr als erotische Stimme (ich sage nur: Christian Brückner!) von der Telefonauskunft, der ihr nur seine Nummer gibt. Während sie die devote Eugenie spielt, gibt er als der geheimnisvolle Valmont aus „Gefährliche Liebschaften“ (die Frears-Fassung, nicht die von Forman, klar?) kurz angebundene Befehle, wo Paprika sich ihm zur Verfügung zu halten habe. Die Liebschaft kennt keine Tabus – sie wird auf der Hörbuch-CD nicht bis ins letzte Detail dargestellt, keine Angst! Dennoch ist es schauerlich mit anzuhören, wie diese |amour fou| unsere Heldin langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Sie selbst registriert ihren Verfall mit geradezu medizinischer Präzision und Unterkühltheit. Gott sei Dank ruft ER eines Tages nicht mehr an.

_Fazit_

RMA enthält die witzigsten, frechsten und pointiertesten Beschreibungen des Großstadtalbtraums in Berlin, die ich in letzter Zeit gelesen und gehört habe. Allein schon die Überschriften sind Gold wert. Und die kurzen Kapitel sind geschliffen formuliert, um die Beobachtungen auf den Punkt zu bringen – allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Das Lob der zynischen Vernunft, das Buschheuer hier praktiziert, legt unter anderem den sexuellen Zynismus bloß, der körperliche Liebe zur Ware degradiert, und die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit, ja, den Rassismus, den Ostdeutsche wie Maik und Mändy anscheinend immer noch völlig in Ordnung finden. Geistige Gesundheit – was soll’n das sein? Buschheuer entlarvt mit unverstelltem, aber aufgeklärtem Blick das moderne Großstadtelend, ohne dabei weinerlich zu werden. Notfalls hilft ihr stets der Griff zur Walther PPK.

Die Autorin liest auf dieser Aufnahme selbst, und das ist ein großer Vorteil gegenüber dem gedruckten Buch: So bekam ich die sächselnde und Berliner Aussprache genau mit, zudem erhielt ich für die Sätze die richtige Betonung frei Haus geliefert. Es macht richtig Spaß, Else zuzuhören. Ich empfehle den Genuss in Portionen von je einer halben Stunde. Zu diesem Zeitpunkt kringelt man sich sowieso vor Lachen auf dem Teppich.

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