Byron, Lord / Polidori, John William – Vampyr, Der – Die Erzählungen

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati, schauriges Wetter bringt auf dumme Gedanken: Der berühmt-berüchtigte englische Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der bekannte Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft-Godwin (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten.

Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und „Der Vampyr“ hervorgehen. Das Besondere am „Vampyr“: Die Story wurde praktisch von Byron begonnen und von Polidori vollendet. Dumm nur, dass sich später niemand mehr an Polidori erinnern wollte.

_Der Autor Lord Byron_

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk »Childe Harold’s Pilgrimage« (deutsch »Ritter Harolds Pilgerfahrt«) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung) Seine Version von „The Vampyre“ erschien 1819 in der Sammlung „Mazeppa“.

_Der Autor John William Polidori_

John William Polidori wurde 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird! (Byron dementierte die Autorenschaft, aber es war allen klar, wer mit Lord Ruthven gemeint ist.)

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren in London Soho, vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift, obwohl neuere Forschung dies widerlegt. Er war der Onkel von zwei bedeutenden Dichtern der viktorianischen Ära: Dante Gabriel Rosetti und Christina Rosetti.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt, Jahrgang 1950, gab sein Fernsehdebüt mit 15 Jahren in der ARD-Serie „Tommi Tulpe“. Später arbeitete er als Mime an den Berliner Kammerspielen, am Hansa- und Renaissance-Theater und wirkte in zahlreichen Fernsehspielen mit. Im Laufe der Jahre verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Arbeit im Synchronstudio. Heute zählt J. Tennstedt zu den gefragtesten Synchronsprechern und -regisseuren des Landes. Man kennt ihn als Stimme von John Malkovich, Billy Crystal, Jeff Bridges und Michael Keaton. (Verlagsinfo)

Andreas Fröhlich wurde 1965 in Berlin geboren und mit sieben Jahren im Kinderchor des SFB als Synchronsprecher entdeckt (einen seiner frühen Einsätze hat er in „Die Herren Dracula“). Von Anfang bis Mitte der 70er sammelte er erste Hörspielerfahrungen und übernahm 1979 den Part des „Bob Andrews“ in der Serie „Die drei Fragezeichen“. Es folgten Arbeiten als Schauspieler für Film und Fernsehen sowie diverse Auftritte auf der Theaterbühne.

Fröhlich ist leidenschaftlicher „Hörspieler“, arbeitet als Drehbuch- und Dialogautor sowie als Synchronregisseur (Jacksons „Herr der Ringe“, Petersens „Troja“). Als Synchronsprecher leiht er seine Stimme u. a. John Cusack, Edward Norton und Ethan Hawke. In der deutschen Fassung von Jacksons „Herr der Ringe“ sprach er die (schizophrene!) Rolle des Gollum. (Verlagsinfo)

Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus

Musik: Stephan Jacobi;

Produktion: Ripper Records (Elmshorn) 2004.

_Handlung von Byrons Erzählung_

Der jugendliche Ich-Erzähler begibt sich während des 18. Jahrhunderts mit dem geheimnisvollen Augustus Darwell auf eine Reise durch Südeuropa, die ihn weiter in die Türkei führt, genauer: nach Smyrna, das heutige Izmir. Mit einem Führer und einem Soldaten reiten sie zu den Ruinen des antiken Ephesus.

Darwell leidet an der so genannten Auszehrung, aber auch an einer seelischen Wunde, deren Ursache er verbirgt. Wegen eines plötzlichen Unwohlseins muss die kleine Gruppe an einem türkischen „Totenacker“ Halt machen, dessen Grabsteine verwittert und halb versunken sind. Der Erzähler bringt Darwell in den Schatten einer düsteren Zypresse und gibt ihm zu trinken.

Im Sterben liegend, ringt Darwell seinem Begleiter ein unheilvolles Versprechen ab, das auch bei Polidori wieder auftaucht: Der Jüngling muss Darwells Tod, wenn er in die Heimat zurückkehrt, unbedingt verheimlichen. Außerdem soll er einen Siegelring in die Salzquellen der Bucht von Eleusis werfen sowie am 9. Tag eines Monats zu den Ruinen des Ceres-Tempels gehen. (Ceres / Demeter war die Mutter von Proserpina / Persephone, der Gattin von Hades, dem Gott der Totenwelt. Eleusis beherbergte in der Antike ein bekanntes Orakel.)

Nachdem sich ein Storch, der eine Schlange im Schnabel gepackt hält, auf dem Friedhof niedergelassen hat, stirbt Darwell, erschüttert wegen dieses symbolhaften Anblicks (Schlange = Satan; Storch = Lebensbringer). Der Chronist ist reichlich beunruhigt über den Umstand, dass sich das Gesicht Darwells fast schwarz färbt. Gift? Die drei Überlebenden begraben seine Leiche. Ob der Vampir wiederkehren wird? Das Fragment wurde nie vollendet.

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist belanglos genug, doch die Grundelemente für Polidoris folgen- und einflussreiche Erzählung sind schon angelegt. Ein Jüngling und ein älterer Mann mit einer Krankheit und einem Geheimnis gehen auf eine Reise, die tragisch endet. An ihrem Ende muss der Jüngling einen Schwur leisten und bestimmte geheimnisvolle Handlungen vollziehen, die wie ein Ritual anmuten.

Byron wurde von seinem Verleger Murray gezwungen, dieses Fragment 1819 in der Sammlung „Mazeppa“ zu veröffentlichen. Die literarische Qualität ist in keiner Weise mit „Manfred“ zu vergleichen, einem Versgedicht, das Byron bereits 1817 veröffentlichte. Darin zeigt er sich in seinem literarischen Ego Manfred als ein besessener Sucher, der keine Erfüllung finden kann. Dieser Charakterzug ist später stets Teil des Byronischen Vampirs, z. B. in den Vampirromanen von Anne Rice. Aber von Blutsaugerei ist bei Byron noch keine Rede.

_Handlung von Polidoris Erzählung_

In den Londoner Kreisen taucht ein seltsamer Edelmann auf, der dadurch auffällt, dass er sich nicht an den Vergnügungen beteiligt. Dieser Außenseiter hat „seelenlose graue Augen“ und ein „totenblasses, aber hübsches Gesicht“. Lady Mercer, eine bekannte Ehebrecherin, macht ihn vergeblich an, obwohl dieser Lord Ruthven keineswegs ein Kostverächter ist, wie sich zeigt.

Der junge Aubrey ist ein reicher Träumer, der noch unter Vormundschaft steht. Er umwirbt den mysteriösen Lord, der ihm wie aus einem Abenteuerroman entstiegen erscheint, dem es aber an Geld mangelt. Davon haben Aubrey ebenso wie seine Schwester mehr als genug. Ruthven revanchiert sich, indem er Aubrey zu einer Reise nach Europa einlädt. Dort verprasst er Aubreys Geld, allerdings scheint auf seinen Gaben ein Fluch zu liegen: Alle lasterhaften Empfänger, aber auch die Unschuldigen ereilt ein übles Schicksal.

In Rom ist Aubrey schon so weit von seinem Begleiter abgestoßen, dass er dem Rückruf seiner Vormünder Folge leisten will. Sie warnen, dass Ruthven Vergnügen darin findet, junge Damen in die Tiefen des Lasters hinabzuziehen (will heißen: sie werden danach Huren, wenn man sie nicht gleich ins Kloster steckt). Da bekommt er mit, dass Ruthven eine junge Gräfin verführen will. Nach Aubreys Intervention wird das verhängnisvolle Rendezvous abgesagt. Denkt er.

In Athen, das er ohne Ruthven erreicht, lernt er in seinem Logis die wunderschöne Ianthe kennen und verliebt sich, wovon sie allerdings nichts mitbekommt. Was er allerdings höchst interessant findet, ist ihr „Ammenmärchen“ von einem Vampir. Was soll das denn sein? Solch ein Mann, erklärt sie, lebe unerkannt unter den Bürgern, sauge aber in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen die Lebenskraft (= Blut) aus. Aubrey fällt auf, dass diese Beschreibung exakt auf seinen unliebsamen Bekannten Lord Ruthven passt. Doch Ianthes Eltern bestätigen ihre Geschichte, und das Mädchen warnt ihn davor, nachts durch den nahen Wald zu reiten. Vampire trieben dort ihr Unwesen.

Wie könnte es anders sein, so schafft es Aubrey in der unvertrauten Umgebung nicht, rechtzeitig aus dem Wald herauszukommen. In einer einsamen Hütte will er nach dem rechten Weg fragen. Da hört er einen grässlichen Schrei, der nur von einer Frau stammen kann! Als er eintritt, packt ihn ein Mann von hinten und stößt ihn nieder. Zum Glück erklingen Stimmen von draußen, und der Mann flüchtet. Entsetzt bemerkt Aubrey im Fackelschein Ianthes totes Gesicht – und in ihrem bleichen Hals die Bissmale des Vampirs.

Als Aubrey sein Fieber auskuriert, taucht Lord Ruthven auf. Nachdem dieser Aubreys Entsetzen und Grauen zerstreut hat und der Patient geheilt ist, machen sie sich gemeinsam auf eine Exkursion in eine Gegend, in der es von Räubern wimmeln soll, weshalb sie eine Schutztruppe mitnehmen. Leider erweisen sich die Räuber als zahlreicher und besser bewaffnet. Während diese auf das Lösegeld warten, verändert sich Ruthven. Im Sterben verlangt er Aubrey einen folgenschweren Schwur ab: Er soll über seinen Tod schweigen und ein Jahr und einen Tag lang nichts über das, was er über Ruthven erfahren habe, verlauten lassen. Blöderweise schwört Aubrey „bei allem, was ihm heilig ist“. Die Räuber haben die Leiche des Lords weggeschafft, doch als Aubrey nachschaut, ist nichts mehr davon zu finden …

London. Der letzte Teil des Dramas hebt an. Als Aubreys – im übrigen namenlose, aber ebenso reiche – Schwester nach ihrem 18. Geburtstag in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden soll, bemerkt Aubrey zu seinem Entsetzen Lord Ruthven, der sich dem Mädchen nähert. Ein erster Fluchtversuch gelingt, doch später hat Aubrey nicht so viel Erfolg. Sein Geisteszustand verwirrt sich und die Vormünder stellen ihn unter ärztliche Aufsicht. Leider darf er wegen seines Schwurs niemandem verraten, was die Ursache seiner seelischen Verzweiflung ist. Ruthven töten zu wollen, wäre sinnlos, denn er hat ja schon bewiesen, dass er unsterblich ist. Aubrey hat auch den Beweis, dass Ruthven Ianthes Mörder ist.

Aubrey wagt bereits wieder zu hoffen, denn die Zeit arbeitet für ihn: Bald werden das Jahr und der eine Tag vorüber und er frei sein, sein Geheimnis zu verraten! Da eröffnet ihm sein Schwesterherz, dass sie am nächsten Tag heiraten werde, und zwar einen Lord Marston. Man stelle sich Aubreys Erschütterung vor, als sich herausstellt, dass der Bräutigam kein anderer als der verfluchte Vampir ist.

Er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Hochzeit zu verhindern, sind es doch nur 24 Stunden, die er noch zum Schweigen verdammt ist …

_Mein Eindruck_

Polidori lieh sich den Namen seines Antihelden aus einem zeitgenössischen Roman namens „Glenarvon“ aus. Den hatte Lady Charlotte Lamb 1816 veröffentlicht, um sich an ihrem Ex-Lover Lord Byron zu rächen. Alle Welt wusste natürlich, wer sich hinter dem Namen des Schurken „Clarence de Ruthven, Lord Glenarvon“ verbarg. Und so fiel es den Zeitgenossen nicht schwer herauszufinden, wen Polidori meinte, als er einen Vampir mit diesem Namen versah. Und so wie Lambs Ruthven ein Zerrbild war, so ist auch Polidoris Byron eine Karikatur des echten Lords: „ein über Leichen gehender Salonlöwe von messerscharfem Verstand – attraktiv, kaltherzig, weltgewandt, grausam, aber auch charmant – Attribute, die allesamt auf Byron zutrafen“, wie das Booklet schreibt.

Aus diesem Grund ist seine Erzählung „The Vampyre“ nicht nur wegen der unübersehbaren literarischen Qualitäten im Gedächtnis geblieben, sondern auch weil sie einen festen Punkt im Zeit-Raum-Kontinuum markiert und alle späteren Vampirfiguren – die erste Oper folgte schon innerhalb der nächsten Dekade, der erste Film hundert Jahre später – beeinflusste.

Der Byronische Vampir ist ein satanischer, ausgebleichter, weltmüder Aristokrat, dessen Blick – besonders auf Frauen – eine hypnotische Wirkung ausübt und in dem Vampirismus und Verführung Teil des gleichen Vorgangs sind. Die Abgezehrtheit und Weltmüdigkeit sind jedoch lediglich eine Pose: Seine Energie stammt nämlich direkt aus der Hölle.

Der unsterbliche Blutsauger ist einer der Verdammten. Jeder, der mit ihm in Berührung kommt oder seinen Weg kreuzt, bekommt einen Teil von dieser Verdammnis ab. Für Aubrey gestaltet sich diese Begegnung unglücklicherweise so, dass er zunächst seine Verlobte Ianthe, dann seine Schwester und schließlich sich selbst an den Vampir verliert.

Aber aus welchem Grund? Zunächst hindert Aubrey ihn daran, sich an seiner Verlobten gütlich zu tun. Dann macht Aubrey seinen entscheidenden Fehler: Er leistet den Schwur, über Ruthven zu schweigen. Dadurch lädt er einen Teil der Verdammnis auf sich – und verurteilt so seine eigene Schwester zu einem grausamen Schicksal. Dieses kann Aubrey umso besser vorhersehen, als er bereits ein Opfer des Vampirs gekannt und geliebt hat: Ianthe.

Eigentlich müsste sich Aubrey die ganze Zeit in Selbstvorwürfen ergehen, doch Polidori traut dem Leser zu, dies sich selbst vorstellen zu können. Sein junger Held schwebt bereits am Rande des Wahnsinns, als er seine Schwester in Gefahr sieht. Uns interessiert in diesem Moment viel mehr, ob es ihm gelingen kann, Ruthven von seiner mörderischen Tat abzuhalten und sein Opfer zu retten.

In dieser Hinsicht funktioniert Polidoris Erzählung ausgezeichnet als klassische Horrorgeschichte. Das Grauen speist sich nicht so sehr aus Bluttaten, die man – außer in Griechenland – nicht zu Gesicht bekommt, als vielmehr aus der Vorstellung, welches Schicksal dem Opfer droht. Am Schluss schwingt sich die Erzählung zu kriminalistischer Spannung auf, als wir Aubreys Bemühungen folgen, seine Schwester zu retten.

|Woher Vampire kommen|

Woher kommt überhaupt Byrons Vorstellung von einem blutsaugenden Mann, der, wiewohl unsterblich, auf Leben spendenden Nachschub an kostbarem Lebenssaft angewiesen ist? Einen Hinweis liefert Bram Stokers zeitloser Klassiker „Dracula“. Auch hier tritt der Blutsauger als einsamer, unsterblicher Adeliger mit unstillbarem Durst auf, der es auf die Hälse junger Damen abgesehen hat. Der Byronische Vampir ist noch lebendig. In Sheridan Le Fanus [„Carmilla“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (1871/72) tritt der Vampir als eine Verkörperung der antiken Sagengestalt Lamia in Erscheinung – noch dazu lesbisch. Dieser sinnliche Lamia-Aspekt wurde von Theophile Gautier in seiner Erzählung „La morte amoureuse“ (1836) ebenfalls hervorgehoben.

Doch die Idee, dass er noch von jenseits des Grabes als reanimierter Leichnam zuschlagen könnte, stammt laut „Encyclopedia of Fantasy“ aus verschiedenen osteuropäischen Volkslegenden, die solchen Leichen kannibalistische Gelüste zuschreiben. Die drei Einflüsse Byron, Lamia und Kannibalismus fanden ihre perfekte Verschmelzung in Stokers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 von 1897.

Erst 1980 begannen sich AutorInnen mit der Physiologie des Vampirs zu befassen, so etwa Suzy McKee Charnas in „Der Vampir-Baldachin“ von 1980: Wird ein Virus übertragen, der das Blut verändert? Doch ungeachtet dessen wird der Vampir stets der Inbegriff des dämonischen bzw. dämonisierten Liebhabers bleiben. Gerade wenn die Liebe am gefährlichsten ist, wird sie am aufregendsten. Und deshalb lieben besonders Frauen solche Storys.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt trägt die Geschichte des Ich-Erzählers wunderbar moduliert und verständlich vor. Es fällt nicht schwer, sich auf jedes Wort, jeden Satz zu konzentrieren – insbesondere dann, wenn man die Geschichte ein zweites Mal anhört. Der Autor hat nämlich etliche hintergründige und geheimnisvolle Verweise hineingepackt, so etwa den, dass Darwell, der Vampir, schon einmal zuvor in der türkischen „Totenstadt“ gewesen ist. Tennstedt spricht Byron in „Gespenstersommer am Genfer See“, daher ist es angemessen, dass er auch Byrons Story vorträgt.

Gleiches gilt für Andreas Fröhlich, der die Rolle des Dr. Polidori so wunderbar lebendig gestaltet hat. Allerdings gibt es hierbei keinen Ich-, sondern einen Er-Erzähler. Das macht aber nichts, denn die meiste Zeit verfolgen wir das Geschehen durch Aubreys Augen. Aber wir sind auch in der Lage, Aubrey selbst kritisch zu mustern. Fröhlich beherrscht die Kunst, durch Verzögern und Beschleunigen bestimmte Satzteile oder Passagen zu betonen, hervorragend.

Übrigens werden uns beide Erzählungen vor einer passenden Geräuschkulisse vorgetragen. An Anfang, Mitte und Schluss kracht der Donner einer Gewitternacht. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer. Wenn’s richtig heimelig wird, schaudert’s uns am liebsten.

_Das Booklet_

Allein schon das Cover-Design ist genau der Epoche angemessen, aus der die Erzählungen stammen: dunkelbraunes Lederimitat mit Leinenrücken. Darauf ein sepiabraunes Etikett mit den Autorennamen, dem Titel, dem Untertitel und den Namen der Sprecher. Einzig der Titel selbst fällt aus dem Rahmen, denn damals war diese Times-Roman-Schrift nur wenig verbreitet, wage ich zu behaupten. Dafür wirkt der handschriftlich in roter Tinte eingetragene Untertitel „Die Erzählungen“ doch ziemlich authentisch.

_Unterm Strich_

Sollte man dieses Hörbuch kaufen, wenn man bereits [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 besitzt? Nicht unbedingt, denn dort findet man die Byron-Story schon in voller Länge (oder besser: Kürze). Das Hörbuch lohnt sich jedoch vor allem wegen der endlich in voller Länge vorgetragenen Polidori-Story, deren literarische Qualitäten ich bereits oben gelobt habe.

Zwei der besten deutschen Sprecher – man könnte auch Sprachkünstler sagen, wenn es nicht so hochtrabend klänge – tragen die beiden Erzählungen nach allen Regeln der Kunst vor. Donner rollt, ein Kaminfeuer prasselt, und wir lassen unsgerne von diesen Schauergeschichten unterhalten. Ich könnte diese Storys immer wieder hören und doch stets etwas Neues entdecken.

|56 Minuten auf 1 CD
The Vampyre – Fragment of a Novel, 1819, aus dem Englischen von Bernd v. Guseck, ca. 1850;
The Vampyre. A Tale, 1819, aus dem Englischen von Helmut Splinter, 2004|

Wer an Ripper Records schreiben möchte, benutzt am besten die schaurig-sinnige Adresse jack@ripperrecords.de!