C. J. Cherryh – Cyteen: Die Rechtfertigung (Cyteen 3)

Action-Finale: Endspiel um Cyteen

Ari Emory, die Klon-Tochter der ermordeten Leiterin des Gen-Labors Reseune auf Cyteen, ist mit sechzehn Jahren vom Staatsrat für volljährig erklärt worden. Mit Hilfe der Aufzeichnungen ihrer Vorgängerin beginnt sie sich stark für die Programmierung von Klonen zu interessieren. Der beste Designer auf diesem Gebiet ist Justin Warrick, doch der steht unter spezieller Bewachung des allmächtigen Sicherheitsdienstes. Zu allem Überfluss verliebt sie sich auch noch in den traumatisierten Mann. Als sie erfährt, dass er von ihrer Klon-Mutter einst vergewaltigt wurde, als er erst 17 Jahre alt war, beginnt sie alle Hebel ihrer Macht in Gang zu setzen – mit unabsehbaren Folgen…

Für ihre Science Fiction-Trilogie bekam Caroline Janice Cherryh 1989 den HUGO-GERNSBACK-Award ein zweites Mal. Der Roman spielt in dem von Cherryh erdachten Allianz-Union Universum. Chronologisch spielt er nach Pells Stern (englischer Titel: Downbelow Station) und parallel zur ersten Hälfte von Vierzigtausend in Gehenna (englischer Titel: Forty Thousand in Gehenna). Die Trilogie ist einer der besten Einstiege in Cherryhs Allianz-Union-Universum und tolles Lesefutter mit anspruchsvollem Tiefgang. Der Roman wurde in „Regenesis“ fortgesetzt.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The Short Fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Wichtige Romane und Trilogien des Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus:

„Downbelow Station“ („Pells Stern“): PELL 1
„Merchanter’s Luck“ („Kauffahrers Glück“): PELL 2
„40.000 in Gehenna“ (dito): PELL 3
„Rimrunners“ („Yeager): PELL 4
„Heavy Time“ („Schwerkraftzeit“): PELL 5
„Hellburner“ („Höllenfeuer“): PELL 6
„Finity’s End“ („Pells Ruf“): PELL 7
„Tripoint“ (dito): PELL 8
„Cyteen“ (3 Romane im Sammelband „Geklont“) + „Regenesis“
„Serpent’s Reach“ („Der Biss der Schlange“)
„Cuckoo’s Egg“ („Das Kuckucksei“)
Die DUNCAN-Trilogie „Die Sterbenden Sonnen“: Kesrith; Shon’jir; Kutath.
Der CHANUR-Zyklus: Das Schiff der Chanur; Das Unternehmen der Chanur; Die Kif schlagen zurück; Die Heimkehr der Chanur; Chanurs Legat.

Vorgeschichte

In „Pells Stern“ (Downbelow Station, PELL #1, s.o.) schildert die Autorin, wie es zur Entstehung von Kauffahrer-Allianz und Kolonien-Union kam. Die Union, angeführt von Cyteen, besteht aus selbständig gewordenen Kolonien, die sich gegen die Flotte der Erde zur Wehr setzen, die die Earth Company gegen die abtrünnigen Kolonien in Marsch gesetzt hat. Der Verlauf des Konflikts erinnert in bestimmten Merkmalen an den Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland England.

2005 bis 2352 n.Chr.

Im 21. Jahrhundert hatte die Earth Company nur eine Station nach der anderen gebaut, die um andere Welten nach dem Vorbild der erdnahen Sol Station kreisten. Die einen Großen Kreis fliegenden Frachter versorgten die Stationen mit Waren, die nur die Erde herstellen konnte, v.a. Lebensmittel. Sie lieferten dafür Rohstoffe, v.a. Erze. An den Profiten wurde die Company fett, satt und träge. Dann gewannen die Isolationisten großen Einfluss, die der Company den Einfluss neideten. In der Folge entfremdeten sich die Stationen von der Company, und umso mehr dann, nachdem eine lebensfreundliche Welt entdeckt worden war: Pells Welt, die von den Stationsleuten „Downbelow“ genannt wird.

Mit Pell und seiner Station änderten sich die Regeln des Spiels. Denn nun konnten sich die Stationen selbst versorgen und waren nicht auf Nachschub von der Erde angewiesen. Einige schlossen sich zur „Union“ zusammen, insbesondere auf Betreiben der Regierung, die auf der neu entdeckten und autarken Welt Cyteen herrschte und Unmengen von Klonen herstellte, um die umliegenden Welten und Stationen zu bevölkern (man lese dazu die „Cyteen“-Trilogie). Pell gehört nicht zur Union und deshalb sehr begehrt – von allen Seiten. Weil man auf Cyteen auch die Raumsprung-Technologie erfunden hatte, ließen sich die Reisezeiten von Jahren auf Monate, Wochen oder gar Tage reduzieren. Das Draußen rückte enger zusammen.

Die Earth Company sah nun ihre Felle davonschwimmen. Zuerst versuchte sie es mit Steuern, genau wie seinerzeit die Engländer des 18. Jahrhunderts. Und manche Stationen und Kauffahrer zahlten, doch andere, rebellischere weigerten sich. Also baute die Earth Company eine Kriegsflotte. Die „America“, die „Europe“, die „Australia“ und die „Norway“ waren die größten ihrer Schlachtkreuzer, allesamt Sprungschiffe. Die erdnahen Stationen zahlten Steuern nun wie einen Tribut, doch die rebellische Union breitete sich immer weiter erdabgewandt aus und verweigerte die Zahlungen. So manches ungeschützte Ziel wurde abgeschossen.

Dann änderte sich die Erdpolitik abermals, und die Earth Company stellte die Unterstützung für ihre eigene Flotte ein: Sie war ihr zu teuer geworden. Der erneute Isolationismus zwang die Flotte, sich selbst zu versorgen, und aus 50 Schiffen wurden nur noch fünfzehn, die sich als Piraten betätigten. Nach einem ihrer Befehlshaber, Conrad Mazian, wurden sie Mazianni oder Mazianer genannt. Sie verbreiten Furcht und Schrecken, wo sie auftauchen.

Ariane Emory

Man schreibt das Ende des 24. Jahrhunderts, und der Krieg von Union und Allianz mit der Erde und ihrer Flotte, der fast fünfzig Jahre dauerte, ist noch nicht vorüber, denkt Ariane Carnath-Emory. Sie ist die Tochter von Wissenschaftlern und war 17, als der Krieg begann. Jetzt ist sie biologisch gesehen über 120 Jahre alt, aber durch wiederholte Verjüngungsmaßnahmen weit davon entfernt, gebrechlich zu sein. Im Gegenteil, sie führt das Kommando, als wäre sie noch vierzig.

Ariane Emory leitet Reseune, das fortschrittlichste gentechnische Institut der Galaxis auf dem Unions-Planeten Cyteen. In Reseune werden seit 200 Jahren erfolgreich Menschen geklont und mit Bandprogrammen psychisch angepasst: Azis. Diese Azis werden zu allen möglichen Aufgaben eingesetzt, von der Landwirtschaft über Raumschiffbesatzungen bis hin zu Militärzwecken.

Doch wie der Versuch, die geniale Physikerin Estelle Bok zu kopieren, bei seinem Scheitern gezeigt hat, gibt es bei der Reproduktion von Individuen ein Problem: Menschen sind nicht nur die Summe ihrer Gene, sondern auch Produkte ihrer Umwelt. Und die lässt sich schwer lückenlos rekonstruieren und vor überraschenden Ereignissen schützen.

Nun soll ein neues Projekt von einem Genie namens Rubin in Angriff genommen werden, um diesen Restfaktor – die „Seele“, erworbene Fähigkeiten – ebenfalls auf Bänder zu bannen und damit Sonderpersonen, wie Emory eine ist, reproduzierbar zu machen. Das Rubin-Projekt soll auf der Fargone-Station in einem Sonderbereich ablaufen, und es ist damit zu rechnen, dass Ariane Emory alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um dieses Projekt zu einem Erfolg zu machen.

Allerdings hat sie fähige Gegner. Listig hat sie vor ihrem Ableben für alle Eventualitäten Vorsorge getroffen, die ihrem heranwachsenden Duplikat widerfahren könnten…

Handlung

Ari Emory, die Klon-Tochter der ermordeten Leiterin des Gen-Labors Reseune auf Cyteen, ist mit sechzehn Jahren vom Staatsrat für volljährig erklärt worden. Nicht ganz eigennützig, versteht: Ari soll den neun Räten verraten, was ihre Mutter, einst die Wissenschaftsrätin, der Öffentlichkeit vorenthielt. Schlimme Dinge, in der Tat, weiß Ari zu berichten. Mutter Emory war von Anfang an gegen das vom Verteidigungsamt geplante und durchgeführte Projekt „Gehenna“ (siehe den entsprechenden Roman), dass nach wenigen Monaten scheiterte.

Die Medien, mit denen Ari spricht, sind schockiert zu erfahren, dass auf Gehenna nicht nur 40.000 Personen – meist Azi-Klone – einfach ihrem Schicksal überlassen, sondern dass diese einem schrecklichen Virus ausgesetzt sind, der keinesfalls die Mutterwelt Cyteen erreichen darf. Ari bekommt, was sie insgeheim gewünscht hat: Gehenna wird unter Quarantäne gestellt. Und Verteidigungsrat Khalid muss sich ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen. Doch Khalid ist aggressiv und geht Ari mit harten Bandagen an. Ari erklärt den staunenden Reportern haarklein, mit welchen irrationalen, aber raffinierten Methoden der Minister gegen sie argumentiert und intrigiert. Es sieht nicht so aus, als hätte er große Chancen auf eine Wiederwahl.

Ultrageheim

In den vertraulichen Aufzeichnungen ihrer Klon-Mutter stößt Ari auf ein ultrageheimes Projekt, das die galaktische Zivilisation umkrempeln soll und im Verborgenen immer noch andauert. Ausgehend von der Schaffung einer Persönlichkeit, also Psychogenese, schritt Ariane 1 eine Phase weiter: Soziogenese. Indem sie den von Reseune erzeugten Azis unsichtbare Befehle einprogrammierte, verbreitete Ariane 1 bestimmte Voreinstellungen und Verhaltensweisen, um die gesamte Menschheit auf die Begegnung mit dem Unbekannten jenseits der besiedelten Welten – Erde, Cyteen, Pell und Gehenna – vorzubereiten: durch Verhaltensänderung.

Dass dieses Projekt niemals publik werden darf, versteht sich von selbst: es würde sich selbst zerstören, weil seine Träger sich weigern würden, wie Marionetten zu agieren – obwohl die Azis keine Wahl hätten. Nein, die Bürger – Zivs genannt – würden nicht erlauben, dass das Vermächtnis einer einzelnen Ministerin das Schicksal der Menschheit dirigiert. Wo bliebe da sonst der freie Wille bzw. der „Wille des Volkes“?

Designer unter sich

Immerhin haben Ari und der geniale Chefdesigner Justin Warrick es geschafft, die Azis mit menschlichen Eigenschaften zu versehen und will Richtung Soziogenese weiterarbeiten: Sie können jetzt „Emotionen fühlen“. Sie nennen es „das Fließen“, wobei sie Mühe haben, das Fließen in ihre ansonsten rationale Denkweise und in ihr programmiertes Verhalten zu integrieren. Durch Kommunikation geht das aber, hat Ari schon mit dreizehn festgestellt: Da hat sie das erste Mal mit ihrem Leibwächter-Azi Florian geschlafen. Doch mit dem Essen kommt der Appetit: Ari sucht einen neuen Sex- und Liebespartner.

Sie glaubt, ihn in ihrem Lehrer Justin Warrick gefunden zu haben und ist daher erstaunt, dass er vor ihr zurückschreckt, als wäre sie eine Klapperschlange. Sie hat nicht gewusst, dass er von ihrer Mutter mit 17 vergewaltigt wurde – das war vor 15 Jahren. Und dass es zudem ein Videoband gibt, auf dem das ganze Geschehen vom Sicherheitsdienst aufgezeichnet wurde. Onkel Denys hat ihr alles verschwiegen, nun muss er ihr das Band aushändigen, oder er kriegt gewaltigen Ärger.

Das Problem wird dadurch potenziert, dass Justin der Sohn eines politischen Gefangenen ist: Jordan Warricks, des ehemaligen Chef-Designers Ariane Emorys. Die Vater-Sohn Beziehung dient Onkel Denys und Onkel Giraud als Druckmittel, um beide gefügig zu halten – das wird Ari erst ganz allmählich klar. Als Onkel Denys auch noch hergeht und Justin zu einer Rejuvenilisierungsmaßnahme nötigt, die Justin zeit seines Lebens von einem bestimmten, sauteuren Medikament abhängig machen wird, ist für Ari das Maß voll.

Während Justin wie ein Zombie nach der ersten Zwangsbehandlung ins Bett wankt, macht sie Onkel Denys die Hölle heiß. Aber sie muss es klug anfangen, oder der Schuss geht nach hinten los…

Mein Eindruck

Dieser Abschlussband beschäftigt sich vor allem damit, wie die rasch erwachsen werdende Ari sich in die Politik ihrer Welt Cyteen einmischt. Die politische Lage ist, gelinde gesagt, etwas unübersichtlich. Aber sie ist etwas, das die Bürger unmittelbar beschäftigt: Sie werden Opfer von Terroranschlägen. Diese verübt offenbar eine Gruppierung, die sich ausgerechnet „Paxer“ nennt, die sich dem Frieden (lateinisch „pax“) verschrieben haben.

Reseune ist ein autonomes Gebiet und stellt folglich stets einen politischen Vertreter in den neunköpfigen Weltrat. Wenn also Ari die Bombe platzen lässt, dass das Militär auf Gehenna ein gescheitertes Siedlungsprojekt (siehe den Roman „40000 in Gehenna“) ((https://en.wikipedia.org/wiki/Forty_Thousand_in_Gehenna)) seinem Schicksal überlassen hat, so hat dies unvermeidlich gewisse Konsequenzen. Der Reseune-Rat ist derzeit Onkel Giraud. Und er sieht sich wachsender Opposition gegenüber, ein Stress, der seiner angegriffenen Gesundheit – trotz permanenter Verjüngung – nicht gut bekommt. Als er in einer Sitzung vor aller Augen stirbt – war sein Galas Wasser vergiftet? – bekommt die Opposition Oberwasser. Sie wittert Morgenluft und lädt Ari vor…

Justin, der Vergewaltigte

Justin Warrick ist ein brillanter Designer von Klon-Software. Doch sein Vater wurde ins Exil geschickt, nachdem Ariane Emory ermordet wurde. Ist er wirklich ein Mörder? Kaum ist Ari mit 16 Jahren für volljährig erklärt worden und in Arianes Gemächer umgezogen, versetzt sie Justin und seinen Klon-Freund Grant in ihre Abteilung für Design. Hier steigt sie zur Abteilungsleiterin auf und hat einen ganzen Flügel von Reseune unter sich. Während sie ihre alten Freunde wie etwa Amy näher an sich bindet, versucht sie Justin auch emotional an sich zu binden – und löst eine sehr heftige Zurückweisung aus.

Justin bleibt nichts anderes übrig, als die Gründe für seine Reaktion offenzulegen. Mit einer Psycho-Sonde entdeckt Ari, welche zwei Verbrechen ihre Klon-Mutter an ihm begangen hat. Als sie die Sitzung beendet, repariert Ari die seelischen Schäden, die Justin aufweist. Fortan kann er besser mit ihr zusammenarbeiten, doch die Onkels Denys und Giraud schüren weiterhin seine Paranoia.

Terroristen

Als Giraud im Rat stirbt, verstreichen nur wenige Stunden, bis Justins Vater Jordan seine Ansprüche geltend macht und Reseune verklagt. Nun droht Onkel Denys Nye auszurasten. Er warnt Ari eindringlich vor Jordan, der angeblich Kontakte zu den Terroristen habe.

Wie Ari zu ihrem Leidwesen feststellen muss, hat Onkel Denys recht: Der Bombenanschlag, hinter dem nur Jordan stecken kann, kostet sie um ein Haar das Leben. Ihre beiden Leibwächter, von Justin in letzter Sekunde vorgewarnt, schleppen sie aus der Gefahrenzone. Nun fürchtet sie um Justins Leben, doch der ist bereits auf der Flucht. Als sie aus der Hauptstadt nach Reseune zurückkehrt, finden sie alle Tore versperrt vor…

Bürger vs. Azi

Eine der wichtigsten Einsichten, die der Gesamt-Roman vermittelt, ist die, dass sich Azis zwar körperlich nicht von ZIVs, also geborenen Bürgern, unterscheiden, aber dafür umso grundlegender in geistiger Hinsicht. Das hängt damit zusammen, dass die Azis nicht wie ZIVs in einer Familie aufwachsen und Erfahrungen sammeln, sondern durch Bänder schon von frühester Kindheit an programmiert sind und immer wieder umprogrammiert werden.

Grant ALX etwa sagt seinem Freund Justin Warrick mehrmals, wie man sich das vorzustellen hat. Während ein ZIV zuerst seine Gefühle und Vorlieben ausbildet, bevor er auf dieser Basis logisch zu denken beginnt, ist es bei einem Azi genau andersherum: Er eignet sich durch die Bänder erst ein Fundament an Logik und beruflichen Fähigkeiten an, bevor er ganz vorsichtig mit Begriffen wie Gefühlen und Vorlieben bekannt gemacht wird.

Da auf Ariane Emorys Befehl hin sowohl Grant als auch Justin einer Neuprogrammierung durch Gehirnwäsche unterzogen worden sind, stellt sich die spannende Frage, wie sich dies im jeweiligen Opfer auswirken wird. Könnte es der Fall sein, dass der eine von beiden oder gar beide gewisse mörderische Handlungen begehen könnten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein? Dann könnte der Mörder Ariane Emorys jederzeit wieder zuschlagen. Es ist nur eine Frage des richtigen Auslösers.

Anspruch

„Cyteen“ ist ein fordernder Roman, der dem Leser alles abverlangt, was er an sprachlicher Bandbreite, erworbenem Wissen und kognitivem Begriffsvermögen aufbringen kann. Es ist also ein Roman, wie man ihn in der auf Breitenwirkung abgestellten Science-Fiction selten finden dürfte, denn diese genannten Fähigkeiten besitzen nur hochgebildete Leser, die selbst mit politischen Sitzungen und wissenschaftlichen Artikeln keine Probleme haben. In den letzten Jahren haben innovative Autorinnen wie die Britin Anne Leckie und der Chinese Cixin Liu dieses alte Vorurteil widerlegt. (Auf US-amerikanische Innovatoren warte ich immer noch.)

Zum Glück besteht der Roman auch aus einer Handlung, in der menschliche und quasi-menschliche Wesen mit nachvollziehbaren Motivationen und Reaktionen agieren. Das ist der eigentliche Grund, warum ich den langen Roman, der in der Übersetzung ja über 1300 Seiten lang ist, so spannend und bewegend finde. Wer sich in Justins, Grants und Aris Lage versetzen kann, hat bereits die halbe Miete gewonnen.

Humor

Und noch etwas kommt hinzu, das nur mit den Figuren zu tun hat: jede Menge Humor. Dieser ist niemals offensichtlich, sondern stets ironisch. Mit Klein-Aris Entdeckungen in ihrem Umfeld beginnt der Humor harmlos, und der Humor Ariane Emorys ist eher grimmiger Natur (sie wird stets nur verzweifelt „das Weibsbild“ genannt)

Die Übersetzung

Dieser dritte Band liest sich flüssiger als der erste und weist auch keine „Staatsbürgerkunde“-Texte auf. Das erleichtert die Lektüre ebenso wie die Umgangssprache in den Dialogen. Gemeint ist die Umgangssprache der frühen neunziger Jahre, versteht sich. Ansonsten haben sich wieder unzählige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Ich habe knapp 30 Fehler notiert, manche davon Stilfehler, die meisten aber Rechtschreibfehler, beispielsweise eine fehlende oder falsche Endung. Angesichts der Vielzahl dieser Fehler werde ich den Leser nicht damit langweilen, dass sich sie alle aufliste.

Weltkarte

Jeder Cyteen-Ausgabe ist eine Weltkarte des Planeten Cyteen beigefügt. Dass die Kolonie sowohl von Russen als auch Amerikanern besiedelt wurden, verraten die zahlreichen Ortsnamen. Der aufmerksame Leser wird auch bemerken, dass die Stadt Planys auf dem anderen der beiden Kontinente liegt: Hierhin hat Ariane Emory den Wissenschaftler Jordan Warrick verbannt, Justin Warricks Vater.

Die Illustrationen

Die Illustrationen in den drei Einzelbänden stammen wie in allen illustrierten deutschen Cherryh-Ausgaben von John Stewart. Seine Motive verraten einerseits ein Auge fürs Detail wie etwa bei dem Pferd, aber auch einen Sinn für Drama und Aktion, wie etwa in den Darstellungen eines Sturms oder eines Cyteen-Reptils, das eine Öl-Pipeline durchbeißt.

Unterm Strich

„Cyteen: Die Rechtfertigung“ ist viele Dinge in einem: ein psychologischer Thriller, ein Krimi um die stark hinausgezögerte Aufklärung des Mordes an Emory, futuristische Gentechnik, die Darstellung der Machtstrukturen auf Cyteen – alle finden in der Trilogie Platz, über Lichtjahre und zwei Lebensspannen hinweg. Vor allem aber ist dieser Schlussband eine Abrechnung mit dem politischen System. Die Art und Weise, wie die Gesellschaft bislang funktioniert, rechtfertigt nicht nur den Buchtitel, sondern auch Ariane Emorys ultrageheimes Projekt, die Gesellschaft durch entsprechend programmierte Klone zu „verbessern“ (siehe Band 2).

Onkel Giraud und Onkel Deys, Ari zwei bisherigen Vormünder, haben von Ariane Emorys Geheimprojekt anscheinend nichts gewusst, sondern ihr eigenes Süppchen gekocht. Sie haben Reseune an der Macht gehalten. Doch nun stehen sie im Wege, nicht nur Ari, sondern auch der Weiterentwicklung der Gesellschaft. Wie diese soziale Evolution aussehen wird, erzählt die Fortsetzung „Regenesis“. Sie wurde noch nicht übersetzt.

Zwei Mütter, eine Tochter

Anrührend fand ich zum Beispiel die Entwicklung des jungen Mädchens Ari Emory. Nicht nur verliert sie seine „Mama“ Jane Strassen, sondern entdeckt auch, dass sie die ziemlich genaue Kopie ihrer Klon-Mutter Ariane Emory ist. Und noch dazu der Gegenstand eines gewaltigen genetischen, psychologischen und soziologischen Experiments. Ari hat also zwei Mütter, eine leibliche und eine psychologische. Welche Unterschiede bestehen, erkundet die Handlung durch die unschuldigen Augen der Tochter.

Freiheit vs. Manipulation

Die Folgen dieser Enthüllungen bestärken Ari darin, immer stärker nach Freiheit zu streben und ihre menschliche Umgebung zu „bearbeiten“, allen voran Onkel Denys, ihren gesetzlichen Vormund. Immer behauptet er, sie zu lieben, doch wenn sie ihn fragt und „bearbeitet“, muss er zugeben, dass Ari rund um die Uhr abgehört und beobachtet wird; dass sie laufend Spritzen bekommt und Lehrbänder konsumieren muss, als wäre sie ein programmierter Klon, ein Azi. So lernen wir, ihre Beobachter, was es heißt, ein Mensch in einer total durchorganisierten Gesellschaft zu sein und jederzeit ersetzt werden zu können.

Ari ist nicht zu beneiden. Aber sie lernt, die Verantwortung eines Aufsehers gegenüber Azis und Mitschülern, ihrer geheimen Untergrund-Organisation, zu übernehmen und sich gegen die Umgebung zu wehren. Parallel dazu verfolgen wir den Werdegang des Band-Programmierers Justin Warrick, der noch eine wichtige Rolle zu spielen hat (er wurde von Ariane Emory vergewaltigt, ebenso sein Freund, der Azi Grant, siehe Band 1).

Die Technologie

Im Gesamtroman kommen zahlreiche Technologien zum Einsatz, die im Jahr 1988, als der Roman veröffentlicht wurde, sicherlich revolutionär erschienen. Sie sollten im 24. Jahrhundert die Avantgarde bilden. Im Jahr 2018 ist jedoch bereits ein Großteil dieser Technologien verwirklicht worden. Dazu gehören Künstliche Intelligenz plus Avatar in einem Computersystem, zudem die komplette IT-Technik, die heute bereits überholt erscheint, so etwa die Magnetbänder (die es aber immer noch gibt).

Fortschrittlicher erscheinen hingegen die Gentechnikmethoden. Zwar ist der heutige Stand der Technik „top secret“, doch es gibt meines Wissens noch keine Serienfertigung von Klonen, geschweige denn die durchautomatisierte Programmierung solcher Klone durch Hypno-Bänder. Nicht nur lassen sich „Menschen“ auf diese Weise zu bestimmten Zwecken in unterschiedlichen Klassen heranzüchten; sie können auch umprogrammiert werden, um geistig herauf- oder herabgestuft zu werden. Wie sich eine solche Azi-Gesellschaft, auf sich gestellt, in einer fremdartigen Umgebung entwickeln könnte, schildert die Autorin in dem Roman „40.000 in Gehenna“, der parallel zu „Cyteen“ spielt.

Der abschließende Band des Gesamtromans unterhielt mich durch seine emotionalen Szenen, die zahlreichen Enthüllungen und schließlich durch ein packendes Action-Finale. Während die zahlreichen Fehler nicht, würde ich durchaus 4,5 Punkte vergeben, doch so muss bei 4,0 bleiben. Meine dringende Empfehlung lautet, die drei Bände am Stück zu lesen. Mein Fehler war, zehn Jahre zwischen Band 1 und 2 verstreichen zu lassen.

Taschenbuch: 458 Seiten
Originaltitel: Cyteen: The Vindication, 1988
Aus dem Englischen von Michael K. Iwoleit
ISBN-13: 9783453042971

www.heyne.de

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