C. J. Cherryh – Cyteen: Die Wiedergeburt (Cyteen 2)

Klon-Projekt: Ari entdeckt die Wahrheit

Dies ist der zweite Band der preisgekrönten Cyteen-Trilogie. „Cyteen: The Rebirth“ ist der Mittelband einer Trilogie, die ein Cloning-Projekt beschreibt. Nachdem Ariane Emory, die Leiterin des Gentechnikunternehmens Reseune auf Cyteen ermordet wurde, wird ihr erster Klon Ari von ihren Nachfolgern aufgezogen. Keiner sagt Ari, wer oder was sie ist, und auch die Tatsache, dass ihre Klon-Mutter tot ist statt auf einer fernen Raumstation zu leben, wird verschwiegen. Die Entdeckung der Wahrheit ist jedoch nur eine Frage der Zeit. Doch wer ist der Mörder ihrer Klon-Mutter, der immer noch frei herumläuft?

Für ihre Science Fiction-Trilogie bekam Caroline Janice Cherryh 1989 den HUGO-GERNSBACK-Award ein zweites Mal. Der Roman spielt in dem von Cherryh erdachten Allianz-Union Universum. Chronologisch spielt er nach Pells Stern (englischer Titel: Downbelow Station) und parallel zur ersten Hälfte von Vierzigtausend in Gehenna (englischer Titel: Forty Thousand in Gehenna). Die Trilogie ist einer der besten Einstiege in Cherryhs Allianz-Union-Universum und tolles Lesefutter mit anspruchsvollem Tiefgang. Der Roman wurde in „Regenesis“ fortgesetzt.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov. Cherryh heiratete 2014 ihre Kollegin Jane Fancher und lebt im US-Bundesstaat Washington.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The Short Fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Wichtige Romane und Trilogien des Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus:

„Downbelow Station“ („Pells Stern“): PELL 1
„Merchanter’s Luck“ („Kauffahrers Glück“): PELL 2
„40.000 in Gehenna“ (dito): PELL 3
„Rimrunners“ („Yeager): PELL 4
„Heavy Time“ („Schwerkraftzeit“): PELL 5
„Hellburner“ („Höllenfeuer“): PELL 6
„Finity’s End“ („Pells Ruf“): PELL 7
„Tripoint“ (dito): PELL 8
„Cyteen“ (3 Romane im Sammelband „Geklont“) + „Regenesis“
„Serpent’s Reach“ („Der Biss der Schlange“)
„Cuckoo’s Egg“ („Das Kuckucksei“)
Die DUNCAN-Trilogie „Die Sterbenden Sonnen“: Kesrith; Shon’jir; Kutath.
Der CHANUR-Zyklus: Das Schiff der Chanur; Das Unternehmen der Chanur; Die Kif schlagen zurück; Die Heimkehr der Chanur; Chanurs Legat.

Vorgeschichte

In „Pells Stern“ (Downbelow Station, PELL #1, s.o.) schildert die Autorin, wie es zur Entstehung von Kauffahrer-Allianz und Kolonien-Union kam. Die Union, angeführt von Cyteen, besteht aus selbständig gewordenen Kolonien, die sich gegen die Flotte der Erde zur Wehr setzen, die die Earth Company gegen die abtrünnigen Kolonien in Marsch gesetzt hat. Der Verlauf des Konflikts erinnert in bestimmten Merkmalen an den Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland England.

2005 bis 2352 n.Chr.

Im 21. Jahrhundert hatte die Earth Company nur eine Station nach der anderen gebaut, die um andere Welten nach dem Vorbild der erdnahen Sol Station kreisten. Die einen großen Kreis fliegenden Frachter versorgten die Stationen mit Waren, die nur die Erde herstellen konnte, v.a. Lebensmittel. Sie lieferten dafür Rohstoffe, v.a. Erze. An den Profiten wurde die Company fett, satt und träge. Dann gewannen die Isolationisten großen Einfluss, die der Company den Einfluss neideten. In der Folge entfremdeten sich die Stationen von der Company, und umso mehr dann, nachdem eine lebensfreundliche Welt entdeckt worden war: Pells Welt, die von den Stationsleuten „Downbelow“ genannt wird.

Mit Pell und seiner Station änderten sich die Regeln des Spiels. Denn nun konnten sich die Stationen selbst versorgen und waren nicht auf Nachschub von der Erde angewiesen. Einige schlossen sich zur „Union“ zusammen, insbesondere auf Betreiben der Regierung, die auf der neu entdeckten und autarken Welt Cyteen herrschte und Unmengen von Klonen herstellte, um die umliegenden Welten und Stationen zu bevölkern (man lese dazu die „Cyteen“-Trilogie). Pell gehört nicht zur Union und deshalb sehr begehrt – von allen Seiten. Weil man auf Cyteen auch die Raumsprung-Technologie erfunden hatte, ließen sich die Reisezeiten von Jahren auf Monate, Wochen oder gar Tage reduzieren. Das Draußen rückte enger zusammen.

Die Earth Company sah nun ihre Felle davonschwimmen. Zuerst versuchte sie es mit Steuern, genau wie seinerzeit die Engländer des 18. Jahrhunderts. Und manche Stationen und Kauffahrer zahlten, doch andere, rebellischere weigerten sich. Also baute die Earth Company eine Kriegsflotte. Die „America“, die „Europe“, die „Australia“ und die „Norway“ waren die größten ihrer Schlachtkreuzer, allesamt Sprungschiffe. Die erdnahen Stationen zahlten Steuern nun wie einen Tribut, doch die rebellische Union breitete sich immer weiter erdabgewandt aus und verweigerte die Zahlungen. So manches ungeschützte Ziel wurde abgeschossen.

Dann änderte sich die Erdpolitik abermals, und die Earth Company stellte die Unterstützung für ihre eigene Flotte ein: Sie war ihr zu teuer geworden. Der erneute Isolationismus zwang die Flotte, sich selbst zu versorgen, und aus 50 Schiffen wurden nur noch fünfzehn, die sich als Piraten betätigten. Nach einem ihrer Befehlshaber, Conrad Mazian, wurden sie Mazianni oder Mazianer genannt. Sie verbreiten Furcht und Schrecken, wo sie auftauchen.

Ariane Emory

Man schreibt das Ende des 24. Jahrhunderts, und der Krieg von Union und Allianz mit der Erde und ihrer Flotte, der fast fünfzig Jahre dauerte, ist noch nicht vorüber, denkt Ariane Carnath-Emory. Sie ist die Tochter von Wissenschaftlern und war 17, als der Krieg begann. Jetzt ist sie biologisch gesehen über 120 Jahre alt, aber durch wiederholte Verjüngungsmaßnahmen weit davon entfernt, gebrechlich zu sein. Im Gegenteil, sie führt das Kommando, als wäre sie noch vierzig.

Ariane Emory leitet Reseune, das fortschrittlichste gentechnische Institut der Galaxis auf dem Unions-Planeten Cyteen. In Reseune werden seit 200 Jahren erfolgreich Menschen geklont und mit Bandprogrammen psychisch angepasst: Azis. Diese Azis werden zu allen möglichen Aufgaben eingesetzt, von der Landwirtschaft über Raumschiffbesatzungen bis hin zu Militärzwecken.

Doch wie der Versuch, die geniale Physikerin Estelle Bok zu kopieren, bei seinem Scheitern gezeigt hat, gibt es bei der Reproduktion von Individuen ein Problem: Menschen sind nicht nur die Summe ihrer Gene, sondern auch Produkte ihrer Umwelt. Und die lässt sich schwer lückenlos rekonstruieren und vor überraschenden Ereignissen schützen.

Nun soll ein neues Projekt von einem Genie namens Rubin in Angriff genommen werden, um diesen Restfaktor – die „Seele“, erworbene Fähigkeiten – ebenfalls auf Bänder zu bannen und damit Sonderpersonen, wie Emory eine ist, reproduzierbar zu machen. Das Rubin-Projekt soll auf der Fargone-Station in einem Sonderbereich ablaufen, und es ist damit zu rechnen, dass Ariane Emory alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um dieses Projekt zu einem Erfolg zu machen.

Allerdings hat sie fähige Gegner. Listig hat sie vor ihrem Ableben für alle Eventualitäten Vorsorge getroffen, die ihrem heranwachsenden Duplikat widerfahren könnten…

Handlung

Im Genlabor Reseune, das auf der Kolonisten-Welt Cyteen so groß ist wie eine ganze Stadt, geht’s drunter und drüber, seit Ariane Emory ermordet wurde. Der Wissenschaftler Justin Warrick und sein Azi-Freund Grant, die am Klon-Projekt Ariane Emory und am Geheimprojekt RUBIN beteiligt sind, schützen einander. Doch sie geraten unter Kritik, als sich ihr Schützling Ari unvorhergesehen verhält, obwohl Ari unter den gleichen Umweltbedingungen wie ihre Klon-Mutter aufwächst.

Die 7,99 Jahre (Cyteen-Jahre sind länger als Erdenjahre) alte Ari Emory verlässt sich auf ihre eigenen Azis: ihr Kindermädchen Nellie, das sie ausnutzt, und die gleichaltrigen Leibwächter Florian und Catlin. Die beiden letzteren haben eine Tiefenprogrammierung erhalten und gehorchen jedem von Aris Befehlen. Schon mit zarten 8,0 Jahren ist Ari überaus clever, „bearbeitet“ Menschen und merkt anhand des Farbcodes auf der Schlüsselkarte der beiden Azis, dass sie dem Sicherheitsdienst angehören. Aber wovor sollen sie sie beschützen?

Das Pferd

Florian und Catlin trainieren Ari in allen Tricks, die man im Kampf so braucht, aber auch im Tricksen und Täuschen, damit sie gegen die Verwaltung und alle anderen „Älteren“ besser bestehen kann. Von körperlicher Reaktionsschnelligkeit bis zum Austricksen der Überwacher und ihrer Videokameras gehört alles zum Lehrprogramm der beiden Leibwächter.

Ari verkleidet sich zuweilen als Azi und benimmt sich auch so. So gelingt es ihr, den ausgedehnten Verwaltungs- und Wohnkomplex der Administration von Reseune zu verlassen und mit den Azis zu den Ställen außerhalb zu gehen. Wow, ein richtiges, äh, „Pferd“! So ein Wesen hat Ari bislang nur auf Schulbändern gesehen. Kaum hat Florian das (gentechnisch erzeugte) Tier gestreichelt, will Ari es auch schon reiten. Als sie abgeworfen wird, bricht sie sich den Arm. Das tut höllisch weh, aber die Fürsorge, die alle anderen auf einmal entwickeln, gefällt ihr.

Das Album

Nun sind besonders ihre beiden 130 Jahre alten Onkels aufgeregt, Denys und Giraud Nye, denn sie leiten das Projekt Ari Emory und arbeitet für den Wissenschaftsrat von Cyteen. Denys versucht, sanft zu sein, aber sie spürt seine Wut. Giraud ist nicht so diplomatisch, sondern bereitet einen Publicity- und Politik-Coup vor. Er will Ari endlich der Öffentlichkeit vorstellen.

Denys erklärt Ari, was es bedeutet, vor Gericht erscheinen zu müssen. Die bösen Leute wollten ihr alles wegnehmen, was ihre liebe Mama Jane Strassen, die jetzt auf Fargone Station lebt, ihr vermacht habe, außerdem müsse sie verteidigen, was die Familie Emory ihr alles vererbt habe. Sie sei Ariane Emory und keine andere. (Warum sie Emory und nicht Strassen heißt, wird nicht geklärt, und es findet auch kein DNS-Test statt.) Ein Fotoalbum mit alten Bildern beweist es. Da sind Ariane und die beiden Brüder und – guck mal! – auch Florian und Catlin. Alle stehen vor einem Haus, das vor über hundert Jahren auf der Erde stand. Ari fühlt sich unglücklich, weiß aber nicht genau, warum eigentlich.

Vor Gericht

Ari weiß natürlich von ihren Lehrbändern, was ein Klon ist. Alle Azis, die Reseune auf Cyteen erzeugt, sind programmierte Klone. Neu ist allerdings, dass sie als Nicht-Azi, als Ziv, ebenfalls geklont und programmiert worden ist. Deshalb ist sie wahnsinnig froh (und Onkel Giraud offensichtlich auch), dass das Gericht ihre Identität bestätigt und sie alle Verträge, die ihre Klon-Mutter Ariane Emory abschloss, auch für sie gelten, also Besitzurkunden und dergleichen.

Mit einer Ausnahme: Das Etikett „PR“ bekommt sie nicht, denn das würde bestätigen, dass Klein-Ari der direkte Klon von Ariane Emory wäre. Aber natürlich sieht ein Blinder, dass sie ein PR ihrer Klon-Mutter Ariane Emory ist. Die nachfolgende Pressekonferenz ist harmlos, denn alle wollen nett zu ihr sein und bedauern, dass sie von einem – was war das noch gleich? – „Pferd“ gefallen sei. Ari verteidigt das in den Reseune-Labors erschaffene Wesen: Es könne nichts dafür. Aber sie wünscht sich zum neunten Geburtstag ein solches Pferd. Onkel Denys schnauft und stöhnt, aber er lässt Ari ihren Willen. Nur müsse sie alles über Pferde lernen und beherzigen. Das geht klar.

Mama

Als ihre Mama Jane Strassen auf Fargone stirbt, erfährt es die Welt und Ari erst sechs Monate später, denn so viele Reisemonate ist Fargone Station entfernt. Ari ist traurig, aber auch wütend. Klugerweise zeigt sie ihre Wut nicht, denn das würde ihrem Feind zeigen, dass sie hinter Mamas Tod ein Verbrechen vermutet.

Florian und Catlin, die Sicherheits-Azis, stellen immer die gleiche Frage: Wer ist Aris Feind? Da sie es nicht weiß, beginnt sie, Ermittlungen anzustellen. Wer hat beispielsweise allen ihren Mitschülerinnen derartig viel Angst eingejagt, dass sie es nicht wagen, Ari zu triezen, zu beleidigen oder gar zu hauen. Schülerinnen wie Valery Schwartz, die Tochter von Justin Warricks Chef Yanni Schwartz, sind sogar spurlos verschwunden.

Mutter

Eines Tages zwischen ihrem neunten und zehnten Geburtstag führt Onkel Denys Ari in das riesige Apartment ihrer Klon-Mutter. Nicht nur gibt er ihr dazu elektronischen Zugang, sondern auch zu der Künstlichen Intelligenz in Mutter Arianes Computersystem Basis/Eins, kurz B/1. Ari identifiziert sich als AE2 und B/1 akzeptiert sie, um sie instruieren, auch auf die persönlichen Aufzeichnungen ihrer Klon-Mutter zuzugreifen – bis einem gewissen Freigabe-Level, versteht sich. Sofort macht sich Ari an die Arbeit, nach Widersprüchen, Fehlern und Lücken in den verfügbaren Dateien zu suchen. Aber sie darf weder nach Fargone Station noch nach Valery Schwartz fragen. Ari wird noch wütender. Hört Onkel Denys sie etwas ab, während sie sich mit ihm unterhält?

In den Tunneln

Zwischen ihrem zehnten und vierzehnten Geburtstag erschafft Ar zusammen mit ihren Leibwächter eine Untergrundorganisation. Das erste Mal hat sie Amy Carnath in den nicht überwachten Wartungstunneln in die Mangel genommen. Amy hat so viel Angst, dass Ari sie erst einmal beruhigen muss, bevor ihre Mitschülerin irgendetwas sagt. Im „Verhör“ wird Ari klar, wie groß ihre Sonderstellung unter ihren Gleichaltrigen ist. Alle haben Angst vor ihr. Daher ist es nicht einfach, noch weitere Vertraute zu rekrutieren: Maddy, Sam, Tommy und ‚Stasi. Sie macht sie alle zu ihren Komplizen und gründet so eine Untergrundorganisation. Der Zweck: So viel herausfinden wie möglich – und Waffen beschaffen.

Glückwünsche

Am Tag nach ihrem vierzehnten Geburtstag gratuliert ihr Onkel Denys nicht nur zu ihrem Namenstag, sondern auch zu ihrem Status als Sonderperson mit erweiterten Rechten. Doch was wird all dies noch wert sein, sollte das Militäramt, das im Cyteen-Rat vertreten ist, Reseune, das praktisch Ari gehört, verstaatlichen? Als wäre diese Aussicht nicht schon schlimm, verrät er ihr, wie ihre Klon-Mutter starb: „Sie wurde ermordet. Ihre Mörder ist nicht mehr auf Cyteen.“ Ari ist geschockt…

Mein Eindruck

„Cyteen“ ist nicht nur der komplexe, durchdachte Entwurf einer durchgeplanten Gesellschaft, sondern auch ein Psychothriller. Dies macht sich besonders in der Kernhandlung um die Hauptfigur Ariane Emory bemerkbar. Für Ari ist es nicht nur eine Belastung zu erfahren, dass sie das Leben einer anderen „nach-lebt“, sondern auch von allen Seiten manipuliert und überwacht wird. Alles, was sie tut, isst und sagt, wird vom Sicherheitsdienst erfasst und beurteilt. Als sie Onkel Denys Nye entsprecht „bearbeitet“ – sie lernt schnell, seine Manipulationstechniken auf ihn selbst anzuwenden – zwingt sie ihn, das Abhören abzustellen und die Bänder zu vernichten. Soweit das der Sicherheitsdienst zulässt.

Außerdem erzwingt sie mit dem Auszug aus Onkel Denys‘ Apartment und mit dem Einzug in die weitläufigen Gemächer ihrer Klon-Mutter eine gewaltige Befreiung. Einerseits, denn es kann schon bedrückend werden, jeden Tags aufs Neue zu erleben, dass man das Leben einer anderen nach-lebt. Aber es gibt auch Aufregendes zu entdecken, Erwachsenendinge wie etwa Alkohol, Partykleider – und Porno-Videos. Mit zwölf (Cyteen-) Jahren verliert Ari ihre Jungfräulichkeit – an ihren Leibwächter Florian, um sicherzugehen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie noch nicht entdeckt, was sich ihre Klon-Mutter alles in dieser Hinsicht geleistet hat (siehe dazu Band 1).

Bürger vs. Azi

Eine der wichtigsten Einsichten, die der Gesamt-Roman vermittelt, ist die, dass sich Azis zwar körperlich nicht von ZIVs, also geborenen Bürgern, unterscheiden, aber dafür umso grundlegender in geistiger Hinsicht. Das hängt damit zusammen, dass die Azis nicht wie ZIVs in einer Familie aufwachsen und Erfahrungen sammeln, sondern durch Bänder schon von frühester Kindheit an programmiert sind und immer wieder umprogrammiert werden.

Grant ALX etwa sagt seinem Freund Justin Warrick mehrmals, wie man sich das vorzustellen hat. Während ein ZIV zuerst seine Gefühle und Vorlieben ausbildet, bevor er auf dieser Basis logisch zu denken beginnt, ist es bei einem Azi genau andersherum: Er eignet sich durch die Bänder erst ein Fundament an Logik und beruflichen Fähigkeiten an, bevor er ganz vorsichtig mit Begriffen wie Gefühlen und Vorlieben bekannt gemacht wird.

Da auf Ariane Emorys Befehl hin sowohl Grant als auch Justin einer Neuprogrammierung durch Gehirnwäsche unterzogen worden sind, stellt sich die spannende Frage, wie sich dies im jeweiligen Opfer auswirken wird. Könnte es der Fall sein, dass der eine von beiden oder gar beide gewisse mörderische Handlungen begehen könnten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein? Dann könnte der Mörder Ariane Emorys jederzeit wieder zuschlagen. Es ist nur eine Frage des richtigen Auslösers.

Anspruch

„Cyteen“ ist ein fordernder Roman, der dem Leser alles abverlangt, was er an sprachlicher Bandbreite, erworbenem Wissen und kognitivem Begriffsvermögen aufbringen kann. Es ist also ein Roman, wie man ihn in der auf Breitenwirkung abgestellten Science-Fiction selten finden dürfte, denn diese genannten Fähigkeiten besitzen nur hochgebildete Leser, die selbst mit politischen Sitzungen und wissenschaftlichen Artikeln keine Probleme haben. In den letzten Jahren haben innovative Autorinnen wie die Britin Anne Leckie und der Chinese Cixin Liu dieses alte Vorurteil widerlegt. (Auf US-amerikanische Innovatoren warte ich immer noch.)

Zum Glück besteht der Roman auch aus einer Handlung, in der menschliche und quasi-menschliche Wesen mit nachvollziehbaren Motivationen und Reaktionen agieren. Das ist der eigentliche Grund, warum ich den langen Roman, der in der Übersetzung ja über 1300 Seiten lang ist, so spannend und bewegend finde. Wer sich in Justins, Grants und Aris Lage versetzen kann, hat bereits die halbe Miete gewonnen.

Humor

Und noch etwas kommt hinzu, das nur mit den Figuren zu tun hat: jede Menge Humor. Dieser ist niemals offensichtlich, sondern stets ironisch. Mit Klein-Aris Entdeckungen in ihrem Umfeld beginnt der Humor harmlos, und der Humor Ariane Emorys ist eher grimmiger Natur (sie wird stets nur verzweifelt „das Weibsbild“ genannt)

Die Übersetzung

Der zweite Band liest sich flüssiger als der erste und weist auch weniger „Staatsbürgerkunde“-Texte auf. Das erleichtert die Lektüre ebenso wie die Umgangssprache in den Dialogen. Gemeint ist die Umgangssprache der frühen neunziger Jahre, versteht sich. Ansonsten haben sich wieder unzählige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen.

S. 13: „mein Nochfolger“ statt „mein Nachfolger“.

S. 15: „besser[e] Experten“ – einer der zahlreichen Endungsfehler.

S. 60: „sie benutzte ihr[e] Schlüsselkarte“ – dito.

S. 135: „ein Handtuch, das Nelly[s] ständig wegnahm…“ Dito.

S. 200: „nach dem Prinzip der Parentalen I[n]dentität…“ Das N ist überflüssig.

S. 285: Ständig ist auf „Akten“ in einem Computersystem die Rede. Gemeint sind aber Dateien.

S. 292: „Sie war [auf] Maddy bestimmt nicht neidisch.“ Hier fehlt ein Wort.

S. 299: „eine ganz neve Fertigungsabteilung“: Korrekt wäre „neue“.

S. 377: „damit zu weißt, wie du es in deine Basis eingeben musst.“ Statt „zu“ müsste es „du“ heißen, damit der Satz einen Sinn ergibt. „Basis“ meint stets ein Computer-Terminal.

S. 420: „Deshalb sind [sie] so verdammt nervös.“ Hier fehlt ein Wort.

S. 440: Den Hinweis „Beschwörungsstab eines Downers“ versteht man nur, wenn man „Pells Stern“ gelesen hat (siehe oben).

S. 453: „Eigentlich wollte die das Füllen (…) aufpeitschen…“ Statt „die“ muss es „sie“ heißen.

Weltkarte

Jeder Cyteen-Ausgabe ist eine Weltkarte des Planeten Cyteen beigefügt. Dass die Kolonie sowohl von Russen als auch Amerikanern besiedelt wurden, verraten die zahlreichen Ortsnamen. Der aufmerksame Leser wird auch bemerken, dass die Stadt Planys auf dem anderen der beiden Kontinente liegt: Hierhin hat Ariane Emory den Wissenschaftler Jordan Warrick verbannt, Justin Warricks Vater.

Die Illustrationen

Die Illustrationen in den drei Einzelbänden stammen wie in allen illustrierten deutschen Cherryh-Ausgaben von John Stewart. Seine Motive verraten einerseits ein Auge fürs Detail wie etwa bei dem Pferd, aber auch einen Sinn für Drama und Aktion, wie etwa in den Darstellungen eines Sturms oder eines Cyteen-Reptils, das eine Öl-Pipeline durchbeißt.

Unterm Strich

„Cyteen: The Rebirth“ ist viele Dinge in einem: ein psychologischer Thriller, ein Krimi um die stark hinausgezögerte Aufklärung des Mordes an Emory, die Darstellung der Machtstrukturen auf Cyteen – alle finden in der Trilogie Platz, über Lichtjahre und zwei Lebensspannen hinweg. Vor allem aber ist dieser Mittelband eine hervorragende Erkundung dessen, was uns menschlich macht.

Zwei Mütter, eine Tochter

Anrührend fand ich zum Beispiel die Entwicklung des jungen Mädchens Ari Emory. Nicht nur verliert sie seine „Mama“ Jane Strassen, sondern entdeckt auch, dass sie die ziemlich genaue Kopie ihrer Klon-Mutter Ariane Emory ist. Und noch dazu der Gegenstand eines gewaltigen genetischen, psychologischen und soziologischen Experiments. Ari hat also zwei Mütter, eine leibliche und eine psychologische. Welche Unterschiede bestehen, erkundet die Handlung durch die unschuldigen Augen der Tochter.

Freiheit vs. Manipulation

Die Folgen dieser Enthüllungen bestärken Ari darin, immer stärker nach Freiheit zu streben und ihre menschliche Umgebung zu „bearbeiten“, allen voran Onkel Denys, ihren gesetzlichen Vormund. Immer behauptet er, sie zu lieben, doch wenn sie ihn fragt und „bearbeitet“, muss er zugeben, dass Ari rund um die Uhr abgehört und beobachtet wird; dass sie laufend Spritzen bekommt und Lehrbänder konsumieren muss, als wäre sie ein programmierter Klon, ein Azi. So lernen wir, ihre Beobachter, was es heißt, ein Mensch in einer total durchorganisierten Gesellschaft zu sein und jederzeit ersetzt werden zu können.

Ari ist nicht zu beneiden. Aber sie lernt, die Verantwortung eines Aufsehers gegenüber Azis und Mitschülern, ihrer geheimen Untergrund-Organisation, zu übernehmen und sich gegen die Umgebung zu wehren. Parallel dazu verfolgen wir den Werdegang des Band-Programmierers Justin Warrick, der noch eine wichtige Rolle zu spielen hat (er wurde von Ariane Emory vergewaltigt, ebenso sein Freund, der Azi Grant, siehe Band 1).

Die Technologie

Im Gesamtroman kommen zahlreiche Technologien zum Einsatz, die im Jahr 1988, als der Roman veröffentlicht wurde, sicherlich revolutionär erschienen. Sie sollten im 24. Jahrhundert die Avantgarde bilden. Im Jahr 2018 ist jedoch bereits ein Großteil dieser Technologien verwirklicht worden. Dazu gehören Künstliche Intelligenz plus Avatar in einem Computersystem, zudem die komplette IT-Technik, die heute bereits überholt erscheint, so etwa die Magnetbänder (die es aber immer noch gibt).

Fortschrittlicher erscheinen hingegen die Gentechnikmethoden. Zwar ist der heutige Stand der Technik „top secret“, doch es gibt meines Wissens noch keine Serienfertigung von Klonen, geschweige denn die durchautomatisierte Programmierung solcher Klone durch Hypno-Bänder. Nicht nur lassen sich „Menschen“ auf diese Weise zu bestimmten Zwecken in unterschiedlichen Klassen heranzüchten; sie können auch umprogrammiert werden, um geistig herauf- oder herabgestuft zu werden. Wie sich eine solche Azi-Gesellschaft, auf sich gestellt, in einer fremdartigen Umgebung entwickeln könnte, schildert die Autorin in dem Roman „40.000 in Gehenna“, der parallel zu „Cyteen“ spielt.

Ausblick

Offene Fragen und ausstehende Entscheidungen finden sich im dritten und letzten Band der Trilogie. Wird Reseune der Verstaatlichung entgegen, und was hat es mit dem „Projekt Rubin“ auf sich, an dem Justin Warrick beteiligt wird?

Taschenbuch: 461 Seiten
Originaltitel: Cyteen: The Rebirth, 1988
Aus dem Englischen von Michael K. Iwoleit
ISBN-13: 978-3453042964

www.heyne.de

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