Orson Scott Card – Enders Schatten (Shadow #1)

„Enders Schatten“ ist die parallel geführte Geschichte zu „Ender: Das große Spiel“, das demnächst von Wolfgang Petersen verfilmt wird (siehe Imdb.com). Der vierjährige Junge Bean ist mit außergewöhnlicher Intelligenz ausgestattet und kann dadurch auf den gefährlichen Straßen überleben. Eine Ordenschwester macht das Militär auf ihn aufmerksam, und er darf an der Kampfschule an Bord einer Raumstation das Privileg genießen, zum Soldaten ausgebildet zu werden. Allerdings nicht gegen Menschen, sondern gegen im Weltraum lebende Aliens, die Schaben.

Das ist das gleiche Hintergrund-Szenario wie in „Das große Spiel“, doch in „Enders Schatten“ wird viel mehr daraus als ein Ballerspiel mit echten Beteiligten. Denn der Autor hat sich weiterentwickelt.

Der Autor

Orson Scott Card wurde 1951 in Richland, Washington, geboren. Er erlangte einen legendären Ruf im Science-Fiction-Genre, als er mit den ersten beiden Bänden der ENDER-Serie zweimal hintereinander den Hugo- und den Nebula-Award gewann.

Er hat bislang über 40 Romane geschrieben, etliche Kurzgeschichten, ein Dutzend Theaterstücke, ein Musical, hunderte von Hörspielen und mehrere Drehbücher für Videospiele. Sein umfangreiches Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, er selbst kommt des Öfteren zu Conventions in Europa. Und er hat es, wie man hört, geschafft, dass Andreas Eschbachs Roman „Die Haarteppichknüpfer“ im April 2005 in den USA erscheint – im Hardcover.

Er ist Vater von sechs Kindern, von denen eines an Zerebralparese starb. Heute lebt er mit seiner Frau Kristine und seiner jüngsten Tochter in Greensboro, North Carolina. Zwischenzeitlich stand er der „Kirche der Heiligen der letzten Tage“ (vulgo: Mormonen) nahe, hat sich aber inzwischen von ihr abgewandt. Aber es erklärt, warum er sich mit allen, selbst den obskursten Büchern der Bibel (Neues und Altes Testament sowie die Apokryphen) hervorragend auskennt.

Der „Ender“-Zyklus:

Ender – Das große Spiel (1985)
Sprecher für die Toten (1986)
Xenozid (1991)
Enders Kinder (Children of the Mind, 1996)
First Meetings: In the Enderverse (2004, Erzählungen)

Der „Shadow“-Zyklus:

Enders Schatten (1999, dt. 2005)
Shadow of the Hegemon (erscheint 2005 auf deutsch)
Shadow Puppet (2003)
Shadow of the Giant (30.3.2005)

Handlung

Ein kleiner Junge wächst in den gefährlichen Straßen von Rotterdam nach dem Krieg gegen die Schaben auf. Die Aliens haben 100 Millionen Menschen in China getötet und bereiten schon den nächsten Angriff vor. Die ehemaligen Niederlande sind nun internationales Territorium, und es treiben sich allerlei seltsame Leute herum.

Der kleine Junge schließt sich einer Kinderbande an, die von Poke angeführt wird. Poke ist ein Mädchen, das sich als Junge verkleidet hat, um anerkannt zu werden. Alle Kinderbanden werden drangsaliert von den Schlägern, also größeren Kindern. Sie halten sie von den Essensausgabestellen des Roten Kreuzes und anderer Organisationen fern. Es ist also eine Frage des Überlebens, ob man die Schläger überlisten kann, oder nicht.

Als der kleine Junge sich Poke anschließt, gibt ihre Bande ihm wegen seiner geringen Größe den Spitznamen „Bean“. Der bleibt lange Jahre an ihm kleben. Niemand kennt bislang seinen wahren Namen, denn keiner kennt seine außergewöhnliche Herkunft. Poke staunt: Bean ist erst vier Jahre, denkt aber schon schlauer als sie. Er schlägt ihr vor, einen Schläger zu engagieren, den sie beherrschen kann. Der so Angeworbene ist Achilles, doch weil er ein verkrüppeltes Bein hat, ist er leicht zu überwältigen. Als Bean Poke rät, Achilles zu töten, lehnt sie ab. Das versteht Bean nicht, denn es verstößt gegen alles, was er gelernt hat. Leider wird sich zeigen, dass Achilles ziemlich nachtragend ist …

Nach einiger Zeit sind die Kinder in Pokes Gruppe wieder gesund und fast schon wohlgenährt, denn mit Achilles‘ und Beans Hilfe ist es ihnen gelungen, sich durchzusetzen und sogar die Organisationen für ihre Seite zu gewinnen. Da bemerkt Bean, dass Achilles etwas im Schilde führt und verdrückt sich. Er wird Zeuge der letzten Begegnung zwischen Achilles und Poke, als sich die beiden küssen. Wenig später bemerkt er entsetzt, dass Pokes Leiche im Wasser des Flusses schwimmt. Fortan geht er Achilles aus dem Weg.

Ein illegales Experiment

Schwester Carlotta ist immer auf der Suche nach verlorenen Schäfchen unter den Straßenkindern. Sie wurde auf das ungewöhnliche Kind aufmerksam gemacht, das man allgemein Bean nennt. Sie nimmt ihn in ihre Schule und bemerkt, wie scharf und verschlagen Beans Verstand ist. Und dabei ist der Kleine erst fünf! Sie lässt ihn verfolgen, als er aus dem Wohnheim ausbüchst, um jenes Haus zu suchen, an das er sich als seine Herkunft erinnern kann: das „saubere Haus“.

Während die Rekrutierungsbeamten der Internationalen Flotte Bean in ihre Obhut nehmen und ihn Eignungstests unterziehen, forscht Schwester Carlotta weiterhin. Sie findet heraus, wer das Haus zuletzt benutzt hat: Hier wurden 22 Babys getötet. Sie waren Teil eines genetischen Experiments, das nach den Richtlinien eines inzwischen geächteten Arztes vorgenommen wurde, um Organe zu züchten, die später verkauft werden sollten. Ein höchst illegales Labor. Doch woher kamen die Eizellen für die Babys? Warum ist Bean so intelligent? Und hat seine Intelligenz einen Preis?

Die Kampfschule

Zusammen mit einer anderen Ladung Kinder fliegt Bean zur Raumstation in der Umlaufbahn, wo das Militär die Kids zu perfekten Soldaten ausbildet. Allerdings sollen diese Soldaten weder auf dem Lande, auf dem Wasser oder in der Luft kämpfen, sondern ausschließlich im Weltraum. Schließlich wird der Krieg nicht gegen Menschen geführt, sondern gegen die Schaben, oder?

Beans Ausbilder halten Schwester Carlottas und spätere Testergebnisse bezüglich Beans Intelligenz für gefälscht – ein schwerer Fehler. Es gelingt Bean im Handumdrehen, sich in der feindlichen Umgebung der Raumstation, die ihn an die Straßen von Rotterdam erinnert, zurechtzufinden. Durch seine geringe Größe gelingt es ihm, durch das Lüftungssystem zu den Quartieren der nichts ahnenden Offiziere vorzudringen und deren Passwörter zu stehlen. Schon bald weiß er über die übrigen Kinder ebenso völlig Bescheid wie über die Pläne der Ausbilder.

Er spielt das „Psycho-Spiel“ nicht, mit dem sie seine Intelligenz und geistige Einstellung taxieren wollen. Dafür bringt er seine Geschichtskenntnisse auf Vordermann und erreicht damit Traumnoten in den Prüfungen. Dennoch hat er ein eindeutiges Problem: Niemand nimmt ihn ernst, weil er so klein ist.

Das ändert sich erst, als er von Andrew Wiggin hört, den alle „Ender“ nennen. Das soll ja ein ganz toller Bursche sein, ein wahres Kampfgenie, das seine „Armee“, die Drachen, siegreich von Kampftraining zu Kampftraining führt. Bean misstraut allen Führungsfiguren. Dennoch lässt er sich in die Drachenarmee aufnehmen. Und erlebt sein blaues Wunder: Enders Kampftaktiken sind ebenso unorthodox wie seine Menschenführung. Kein Wunder, dass ihm keiner der anderen das Wasser reichen kann. Doch auch Ender hat Feinde. Bean beschließt, Ender zu beschützen – was einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

An Enders Seite sieht Bean endlich einen Weg, ganz an die Spitze zu kommen, eine eigene Armee zu erhalten und schließlich den Kampf gegen die Schaben aufzunehmen. Denn kommen werden die Aliens, das haben ihm die Offiziersdateien gezeigt. Das Problem besteht darin, keines der zahllosen Schiffe der Insektenartigen zur Erde durchkommen zu lassen. Denn sonst werden wieder Millionen sterben müssen.

Mein Eindruck

„Enders Schatten“ ist als eine Art Parallelgeschichte zu „Ender – Das große Spiel“ zu verstehen. Sozusagen eine weitere Seite derselben Medaille. Zu „Das große Spiel“ schrieb ich: „Selten hat mich ein Roman so angesprochen. Card beherrscht es, den Leser in seinen Bann zu ziehen, ihn auch gefühlsmäßig in die Handlung einzubinden und auf der letzten Seite mit Herzklopfen daraus zu entlassen. Cards Themen und sein Stil berühren, fesseln, überwältigen – seine Bücher sind keine, die man vergisst, sobald man sie aus der Hand legt. ‚Das große Spiel‘ ist eine meisterhaft geschriebene psychologische Studie. Card versucht alle beteiligten Seiten verstehbar zu machen, lässt aber auch keine Illusionen über menschliche Eigenschaften, insbesondere Furcht und Aggression, aufkommen.“

Das Gleiche gilt auch für „Enders Schatten“ – mit einem Unterschied: Zwischen 1985 und 1999 lagen 14 Jahre, in denen Card nach den Angaben, die er im Nachwort macht, sehr viel hinzugelernt hat. Ich hatte immer das Gefühl, dass Ender in „Das große Spiel“ seinen Sieg über die Aliens viel zu billig errungen hat. Das ist in „Enders Schatten“, in dem der gleiche Kampf noch einmal stattfindet, keineswegs mehr der Fall.

Zu dumm: Wir kennen den Schluss

Das Problem, das der Roman von Anfang an hat, besteht darin, dass der Ausgang dem Leser bereits bekannt ist. Folglich muss dieser Ausgang so unwahrscheinlich gemacht werden, wie es nur geht. Weil der Autor in diesem Bemühen ganze Arbeit leistet, ist auch „Enders Schatten“ ein sehr spannender Roman geworden.

Aber er ist noch viel mehr als spannend. Er ist im Augenblick des triumphalen Finales von einer so anrührenden Traurigkeit erfüllt, dass der Sieg über den Feind keine Frage von militärischem Machismo oder technischer Überlegenheit ist, sondern eine Angelegenheit tiefster Menschlichkeit. Der Sieg hat einen hohen Preis – auf allen Seiten.

Beans Wandel

Wir wissen ja, was danach mit Ender passiert: Er wird „Sprecher für die Toten“. Aber wir haben keine Ahnung, was mit Bean passiert, als er die Schiffe der Internationalen Flotte gegen die Heimatwelt der Schaben führt. Der Autor lässt keine Sekunde lang Zweifel zu, dass Bean ein enorm intelligenter und schnell denkender Junge ist (er ist mittlerweile sechs).

Diese Intelligenz formt jede seiner Handlungen, und zwar auch moralische Entscheidungen. Als die zwei Kommandanten Ender und Petra zeitweilig wegen Erschöpfung ausfallen, läge es nahe, dass Bean das Oberkommando übernimmt. So bieten es ihm die Offiziere auch an. Er tut es aber nicht. Er wartet volle 60 Sekunden – eine halbe Ewigkeit im Millisekundenbereich der Kampfführung -, bis Ender etwas eingefallen ist und dieser die Verantwortung für das Finale des Kampfes übernimmt.

Vor seiner Begegnung mit Ender und anderen Gefährten hätte Bean alle Feinde skrupellos kaltgemacht, so wie er Achilles auf den Straßen Rotterdams tot sehen wollte. Nun aber sieht Bean ganz andere Vorgaben und Gesetzmäßigkeiten, die sein Handeln bestimmen können. Der Roman beschreibt den langen und komplizierten Prozess, wie es dazu kommt.

Tatsächlich haben die idiotischen Ausbilder den inzwischen „reparierten“ Achilles ebenfalls zur Kampfschule gebracht. Schwester Carlotta hat sie eindringlich vor einem Aufeinandertreffen von Bean und Achilles gewarnt. Sie schlugen die Warnungen in den Wind, um einen weiteren Rekruten bekommen zu können. Der alte Bean hätte Achilles sofort kaltgemacht, doch der neue Bean geht viel subtiler vor …

Die Übersetzung

Die neue Übersetzerin der Ender-Serie, Regina Winter, hat einen so anspruchsvollen Roman wie „Enders Schatten“ dennoch beinahe völlig fehlerlos übersetzt. Allerdings verwendet sie neue Bezeichnungen, so heißen die altgewohnten „Krabbler“ nun „Schaben“, was wohl dem ursprünglichen „buggers“ etwas näherkommt, es aber immer noch nicht vollständig trifft. Denn „buggers“ hat auch noch negative sexuelle Konnotationen.

Von ein paar offensichtlichen Druckfehlern abgesehen, hat mich nichts ins Grübeln gebracht. Dafür lieferte eine Verwechslung willkommenen Anlass zum Schmunzeln. Auf Seite 504, mitten im „Schlachtgetümmel“ an den Kontrollkonsolen der Kommandostation, wünschen sich Bean & Co., nicht mehr auf die Toilette gehen zu müssen. „Katheder“ würden eine prima Abhilfe schaffen. Richtig muss es natürlich „Katheter“ heißen. Denn Katheder gibt’s nur noch in uralten Schulen, wo noch die „Feuerzangenbowle“ für heilig gehalten wird …

Unterm Strich

Die Actionfans unter den Leser werden sich natürlich über jede spannende Kampfszene freuen. So war das ja auch in „Das große Spiel“. In der Tat gibt es im Mittelteil von „Enders Schatten“, als sich Bean der „Drachenarmee“ anschließt, einige sehr einfallsreiche Gefechte – in der Schwerelosigkeit, versteht sich. Auch das Finale kann sich hinsichtlich der Dramatik absolut sehen lassen.

Doch man sollte nicht darüber hinwegsehen, dass der Roman weit mehr ist als Action-Science-Fiction à la John Ringo und David Weber. Es ist die in eine glaubwürdige Handlung umgesetzte Studie der menschliche Aggression und der sich daraus ergebenden Konsequenzen: Furcht, Hass, Kampfgemeinschaften, Überlistung, Kampftaktik, Schutzverhalten, Freundschaft, ja sogar Opferbereitschaft – alles ergibt sich daraus und ist im Roman zu finden. Eine erstaunlich breite Palette von Fragen, die hier behandelt werden – so viel, dass ich nicht einmal anfangen kann, sie anzuschneiden.

Aktuelle Fragen

Eine aktuelle Frage wäre zum Beispiel die Position moralischer Entscheidungen in einem Krieg, der in der Realität zunehmend virtuell geführt wird, also durch die Vermittlung von Kameras, Satelliten und Drohnen sowie Computern. In der gleichen Situation befinden sich Ender & Co. Ihre Ausbilder haben ihnen vorgegaukelt, die Schlacht wäre nur ein weiteres Trainingsspiel, ein Test. Doch Bean weiß es besser: Die Schiffe, die auf dem Bildschirm explodieren, sind keine Lichtpunkte, sondern enthalten echte Menschen. Umgekehrt könnten sich heutige Soldaten in einer modernen Armee vormachen, dass die explodierenden Lichtpunkte auf ihren Bildschirmen keine Menschen bedeuten, die krepieren. Wird die moralische Entscheidung des Einzelnen durch die Virtualität abgeschafft? Ist sie überhaupt noch relevant oder realisierbar?

Fragen wie diese haben im übertragenen Sinn mit dem Überleben der real existierenden Menschheit zu tun. Der Krieg gegen die Schaben verhindert beispielsweise keineswegs, dass auf Macht erpichte Gruppierungen unmittelbar nach dem Sieg die herrschenden Strukturen überwältigen und abschaffen wollen. Die Folgen dieses Putschversuchs werden wohl die nächsten beiden Romane bestimmen.

Humor

„Enders Schatten“ ist von einem erfrischend sarkastischen Humor, einer an etlichen Stellen bemerkbaren Lust an der Ironie durchzogen. Diese wird am deutlichsten erkennbar in den bissigen Dialogen zwischen der streitbaren Schwester Carlotta und dem Chef der Ausbilder an der Kampfschule. (In diesen Dialogen, die jedem Kapitel voranstehen, werden fast nie die Beteiligten mit Namen genannt, allenfalls in der gegenseitigen Anrede – da heißt es also: Aufpassen!). Das macht Laune, ohne die Intelligenz einem billigen Unterhaltungseffekt zu opfern. Genau wie der gesamte Roman.

Originaltitel: Ender’s Shadow, 1999
Aus dem US-Englischen übersetzt von Regina Winter
Homepage des Autors: http://www.hatrack.com

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