John Dickson Carr – Der Club der Masken

In einem unheimlichen Pariser Wachsfigurenkabinett finden sich diverse Frauenleichen, deren gewaltsames Ende durch die allzu große Nähe zu einem moralisch verwerflichen Kuppel-Club verursacht wurde … – Stilisierter „Whodunit?“-Klassiker aus der großen Zeit dieses Subgenres; schamlos übertrieben, gespickt mit Elementen des Schauerromans, absolut realitätsfern und dadurch erst recht unterhaltsam: ein Spaß für Freunde des gekonnt Absurden.

Das geschieht:

In den vielen Jahren seiner Existenz haben nur wenige Besucher ihren Weg ins „Museum Augustin“ gefunden. Die dort ausgestellten Wachsfiguren wirken zwar erschreckend lebensecht, doch Monsieur Augustin, der verschrobene Eigentümer, legt keinen Wert auf Werbung. Deshalb reagiert er verdächtig panisch, als ihn Henri Bencolin, der gefürchtete Polizeipräfekt von Paris, und ein aufgewühlter Capitaine Chaumont aufsuchen: In der Seine treibend fand man die zerschundene Leiche seiner Verlobten Odette Duchêne, die lebend zuletzt gesehen wurde, als sie Augustins Wachsfigurenkabinett betrat!

Bencolin, ein begnadeter Kriminalist, besteht darauf, das Museum persönlich zu untersuchen. Zum allgemeinen Entsetzen stößt er auf eine weitere Frauenleiche: Claudine Martel, Odettes beste Freundin, liegt erstochen in den Armen des „Satyrs von Paris“, einer besonders gelungenen wächsernen Schreckensgestalt des Meisters Augustin! Sie wurde in einem Gang hinter dem Museum ermordet und dann aus unerfindlichen Gründen ins Innere geschafft. Am eigentlichen Ort des Verbrechens wird eine schwarze Seidenmaske gefunden.

Wie üblich weiß Bencolin schon mehr: Im Nachbarhaus hat der gefürchtete Erpresser Etienne Galant den „Club der bunten Masken“ eingerichtet. Abenteuerlustige Männer und Frauen der Pariser Oberschicht können hier scheinbar anonym ihren amourösen Lastern pflegen. Schon seit vielen Jahren liefern sich Galant und Bencolin ein mitunter mörderisches Katz-und-Maus-Spiel. Der Präfekt weiß genau, dass sein Feind die schmutzigen Hände im Spiel haben muss. Oder soll man doch den Beteuerungen Monsieur Augustins Glauben schenken, er habe des Nachts die Wachsfigur der berüchtigten Axtmörderin Madame Louchard durch das Museum schleichen sehen …?

Krimi-Grusel oder Grusel-Krimi?

„Der Sinn, der Geist, die Illusion eines Wachsfigurenkabinetts. Es ist eine Atmosphäre des Todes. Sie ist lautlos und bewegungslos. Steingrotten schirmen es vom Tageslicht ab, wie in einem Traum … Alle Dinge sind tot, in der Haltung des Schreckens spielen sich wirkliche Szenen der Vergangenheit ab.“ (S. 13)

Willkommen in der Welt des John Dickson Carr, der Schrecken und Schauder mit Nonchalance und Geschick zu einer unnachahmlichen Mischung verquickt! Er liebte einsame Landhäuser und verfallene Burgen, schätzte aber auch die übrigen Orte romantischen Grusels. Das Wachsfigurenkabinett des Monsieur Augustin musste ihn deshalb magisch anziehen.

Was seine Attraktion ausmacht, hat Dickson Augustin mit dem oben erwähnten Zitat in den Mund gelegt. Zusätzlich wirft er sein bemerkenswertes Erzähltalent in die Waage, um die Schrecken dieses Ortes herauszustellen; er flutet ihn mit grünlichem Zwielicht, beschwört die gruselige Magie einschüchternd menschenähnlicher Figuren herauf, die zudem besonders unangenehme Zeitgenossen personifizieren, die man im wahren Leben ungern hinter sich wüsste – Mörder, Wahnsinnige, Folterknechte. Das ist Horror pur, und Carr macht keinen Hehl daraus.

Dennoch ist „Der Club der Masken“ ein Kriminalroman – ein bis ins Mark klassischer sogar. Mysteriöse Morde geschehen, die zunächst unmöglich scheinen, bis ein genialer Kriminalist – hier Henri Bencolin – kunstvoll verstreute Indizien zu einem eigentlich aberwitzigen, aber logisch nachvollziehbaren Tathergang zusammensetzt. „Whodunit?“, wer ist es gewesen?, lautet die für den Leser vergnüglich beantwortete Frage, die Carr hier noch ergänzt durch das Rätsel, wieso der/die Täter ihre Opfer ausgerechnet in einem Wachsfigurenkabinett buchstäblich ausstellen, statt Diskretion walten, d. h. die anfallenden Leichen unauffällig verschwinden zu lassen.

Doppeldeutigkeiten, Schatten und Hintertüren

Selbstverständlich löst Carr das kriminalistische Rätsel überaus logisch und zufriedenstellend. Dennoch spielt „Der Club der Masken“ auf einer eigenen Ebene zwischen Realität und Fiktion. Die Figuren legen ein stilisiertes Benehmen an den Tag. Bencolin liefert sich mit Galant eine private Fehde, was ihn eigentlich seinen Job kosten müsste. Als der Täter gestellt ist, will Bencolin ihn zum Selbstmord nötigen.

Galant wirkt wie ein französischer Dr. Mabuse, den sein Größenwahn längst zu Fall hätte bringen müssen. So ‚funktioniert‘ Verbrechen einfach nicht – Galant fädelt ständig kunstvolle Übeltaten ein, die so kompliziert sind, dass sich ihr Sinn einfach nicht erschließen mag. Offenbar will er vor allem den Bösewicht mimen, denn seine Schurkentaten wirken wie für ein Publikum inszeniert. Sie sind das intellektuelle Vergnügen eines Anti-Genies, das seine überdurchschnittliche Intelligenz des Bösen widmet und deshalb doppelt bedrohlich, aber künstlich wirkt.

Dasselbe lässt sich mit Fug und Recht über Henri Bencolin behaupten, den Carr nach Joseph Fouché (1759-1820) gestaltete, der unter Napoléon Bonaparte als Polizeiminister (1799-1802 sowie 1804-1810) ‚diente‘, über ein verzweigten Netzes von Spionen und Spitzeln verfügte und quasi selbst definierte, worin seine Tätigkeit bestand. Carr liebt es, Bencolins mephistophelische Züge und Manieren hervorzuheben, wobei er sich fast filmischer Methoden bedient: „Bencolin blieb unentschlossen stehen, als er sich zur Tür wandte. In diesem Augenblick stieß Augustin mit dem Ellenbogen gegen den Lampenschirm, so dass es sich seitlich verschob und ein starker gelber Lichtschein auf das Gesicht des Polizeipräfekten fiel. Er betonte die hohen Backenknochen, die düsteren Augen mit den buschigen Augenbrauen, die ruhelos durch den Raum wanderten -„ (S. 20)

Wäre Bencolin nicht Polizist, hätte er ein ebenso fähiges Verbrechergenie wie Galant werden können, der sein dunkles Spiegelbild darstellt. Bencolin ist allerdings geschickter, denn er hat dafür gesorgt, für seine – gelinde ausgedrückt – exotischen kriminalistischen Methoden das Gesetz auf seine Seite zu ziehen.

Das i-Tüfelchen zum Klassiker

Was einem ‚modernen‘ Krimi arg angekreidet würde, wird von einem Roman wie dem „Club der Masken“ quasi erwartet. Er entstand 1932 und in einer Phase, als Geschichten wie diese ihre große Zeit hatten. Nur wenige Jahre später hatte die Zeit sie eingeholt, und spätestens der II. Weltkrieg ließ sie lächerlich wirken. Doch der „Whodunit“ erwies sich als erstaunlich zählebiges Subgenre. In seiner Nische konnte er sich nicht nur behaupten, sondern begab sich immer wieder auf den Vormarsch.

Der Faktor Nostalgie wirkte dabei sehr unterstützend. „Der Club der Masken“ ist hoffnungslos anachronistisch in Plot, Handlung und Figurenzeichnung. Der heutige Leser wird die ‚Notwendigkeit‘ eines geheimen Clubs für Sex-Abenteuer schwer begreiflich finden, da die Prominenz, die hier so angstvoll und umständlich ihre Eskapaden verbirgt, diese im 21. Jahrhundert mehr und mehr zu filmen und ins Internet einzustellen scheint. Hinter der altmodischen Krimi-Mär tritt Carrs handwerkliches Geschick als Autor trotzdem deutlich hervor. Er war kein Literat, sondern eher ein Geschichtenerzähler, der das Absurde und Groteske freudig und mit großer Meisterschaft in sein Werk integrierte.

Wachsfigurenkabinette in Paris und auf der Leinwand

Gab oder gibt es gar noch solche Wachsfigurenkabinette wie das „Museum Augustin“ in Paris? Man sollte meinen, dass ihnen die multimediale Gegenwart längst den Garaus gemacht hat, doch das Konzept erwies sich als erstaunlich moderesistent: Im Musée Grévin stehen die Großen und/oder Bösen der Weltgeschichte weiterhin vor dem faszinierten Publikum – nicht hinter Glas in Vitrinen, sondern genauso wie bei Monsieur Augustin im sorgfältig gedimmten Licht praktiziert quasi im Raum verstreut, sodass sich der Besucher nie sicher sein kann, mit einem lebendigen Zeitgenossen oder mit einer Wachsfigur konfrontiert zu werden, was den Gruselfaktor angenehm ansteigen lässt: Mancher Klassiker lässt sich eben nicht mehr verbessern!

Wer einen Eindruck davon gewinnen möchte, wie sich Carr das Museum Augustin vorstellte, sehe sich den ebenfalls 1932 entstandenen Gruselfilm-Klassiker „Mystery of the Wax Museum“ (dt. „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“) mit Fay Wray und Lionel Atwill in den Hauptrollen an. Auch „House of Wax“ (dt. „Das Kabinett des Professor Bondi“), das Remake von 1953 mit Vincent Price (und Charles Bronson) kann sich sehen lassen.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (|DuMont’s Kriminal-Bibliothek| Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus – die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die Ihrem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Taschenbuch: 170 Seiten
Originaltitel: The Waxworks Murder (London : Hamish Hamilton 1932)/The Corps in the Waxworks (New York : Harper & Brothers 1932)
Übersetzung: Luise Däbritz
http://www.ullsteinbuchverlage.de

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