Lewis Carroll / Oliver Sturm – Die Jagd nach dem Schnatz

Sinnlich-hintersinnige Nonsens-Sch(n)atzsuche

Neun Männer und ein Biber landen auf einer Insel, um dort den sagenhaften Schnatz zu jagen. Doch was ist dieses Fabelwesen? Einen Schnatz zu erkennen, ist gar nicht so einfach – und ihn zu fangen noch viel schwieriger! Weit und breit taucht kein Harry Schotter® auf, um den Schnatzjägern einen hilfreichen Hinweis zu geben. Doch der furchtlose Captain ist ein Meister darin, seine Mannen zu motivieren, und so gelingt dem Bäcker, was keiner mehr für möglich gehalten hätte. Leider ist er gleich darauf auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Das Hörspiel ist für Kinder ab 7 Jahren geeignet, gibt der Verlag an.

Der Autor

Lewis Carroll trennte sein Nebenleben als Schriftsteller strikt von seinem Hauptleben als Charles Lutwidge Dodgson (1832-1898), in dem er Logik und Mathematik in Oxford lehrte. Sein Buch „Alices Abenteuer im Wunderland“ schrieb er 1864 für die kleine Tochter seines Dekans, Alice Pleasance Liddell. „Alice hinter den Spiegeln“ folgte 1871. Sein Nonsensgedicht „Die Jagd nach dem Schnatz – Eine Agonie in acht Krämpfen“ erschien 1876. Die in Versform verfasste Geschichte wurde als Kinderbuch mit zahlreichen Illustrationen veröffentlicht und seitdem in etlichen Varianten für die Bühne und als Musical bearbeitet. (Verlagsinfo)

Die Inszenierung

Oliver Sturm, Jahrgang 1959, promovierte 1991 über das Spätwerk des irischen Dramtikers Samuel Beckett und ist seitdem als Opern- und Hörspielregisseur, Autor und Dramaturg tätig. 1994-95 war er Produktionsdramaturg am Ballett der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf und in Berlin.

1996 erschien seine Übersetzung von „Die Jagd nach dem Schnatz“, das im selben Jahr unter seiner Regie als das vorliegende Hörspiel inszeniert und vom SWR gesendet wurde. Sturm lebt in Berlin und ist dort seit Herbst 2001 Leiter der Woche des Hörspiels. (Verlagsinfo, Auszug)

Die wundervolle Musik und Geräusche steuerte Klaus Buhlert bei.

Handlung

Wie schon oben erwähnt, ist das Gedicht in acht „Krämpfe“ eingeteilt, die zusammen eine „Agonie“ ergeben. „Agonie“ bedeutet eigentlich „Todeskampf“, und man kann das Wort in diesem Kontext auffassen, wie man will. Aber für den Bäcker trifft diese Bedeutung leider zu.

Zehn Männer haben sich offenbar auf den Weg gemacht, um auf einer Insel den sagenhaften Schnatz zu erjagen und einzufangen. Der Captain ist ein furchtloser Mann, doch leider hat seine Landkarte den Nachteil, dass darauf nur Ozeane verzeichnet sind, aber kein Land. Zu den zehn Männern gehören außerdem: ein Hutmacher (wie schon auf Alices „Teeparty“), ein Makler, ein Anwalt, ein Liftboy, ein Bankier, ein Schlachter, ein Bäcker, ein Billard-Markör (der beim Spiel die Punkte zählt und somit betrügen kann) und nicht zu vergessen: ein Biber. Klügere Geister als ich mögen sich darüber streiten, ob Biber als Männer zählen oder nicht.

Angesichts der öden Felsenlandschaft, die sie zu durchqueren haben, gibt der Captain erst einmal den Befehl für ein Rumgelage. Schon regen sich die Geister, und der Captain zählt die fünf Methoden auf, einen Schnatz zu erkennen. Denn dies ist mindestens ebenso schwierig wie einen zu fangen. Keiner weiß, wie ein Schnatz aussieht, und deshalb ist die Erkenntnisfähigkeit sicherlich von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Jagd.

Dass die Jagd an sich schon gefährlich sein kann, vergisst der Captain ebenfalls nicht zu erwähnen. Da ist zunächst der liebliche Jabjap-Vogel, der durch seinen verführerischen Gesang die Jäger vom rechten Weg abbringen könnte. Nur die Standfesten werden also Erfolg haben. Wenn sie nicht der Bandergrapp holt! Und obwohl er im Gedicht nicht erwähnt wird, so war doch später zu erfahren, dass auf dem Eiland auch der grause Jabberwock hausen soll.

Das interessanteste Mitglied der Crew ist sicherlich der Bäcker. Er leidet unter Schlaflosigkeit, hat Probleme mit seinem bürgerlichen Namen „Backmilch“, trägt sieben Jacken und drei paar Schuhe übereinander. Entweder ist er ständig unterkühlt, übervorsichtig oder hat etwas zu verbergen – auf jeden Fall ein Narr. Wenigestens ist er womöglich der Gescheiteste der Crew: Nur ihm ist bekannt, dass sich der Schnatz letzten Endes als ein Buhdscham erweisen und einfach verschwinden könnte. Tja, und was dann?

Während seltsame Wesen die Jäger vorsichtig beobachten, freundet sich der Schlachter mit dem Biber an, man glaubt es kaum. Denn der Schlachter, seiner Profession getreu, zählt auch Biber zu den essbaren Wesen. Das grenzt ja an Kannibalismus. Um dem heiklen Thema auszuweichen, doziert er daher lieber über die Zubereitung des lieblichen Jabjap-Vogels, der in beständiger Leidenschaft lebe, so dass sein Gemüt sehr labil und er folglich leicht zu erlegen sei.

Der Anwalt hat einen gar kuriosen Traum. Vor dem hohen Gericht verteidigt der Schnatz mit Leidenschaft ein Hausschwein. Wiewohl dessen Verbrechen unbekannt ist, wird es doch vom hohen Richter schuldig gesprochen, was völlig klar ist, denn es hat ja einen Fluchtversuch unternommen. Zur Strafe wird es lebenslang in die Verbannung geschickt und muss obendrein eine Buße bezahlen. Dass der Gerichtsdiener einwendet, das Schwein sei seit Jahren tot, tut der Würde des Gerichtsurteils keinen Abbruch.

Das Los der Bankiers ist weitaus trauriger als das des Schweins. Er wird vom Bandergrapp-Vogel gejagt und beinahe davongetragen, was ihn leider den Verstand verlieren lässt, so dass er nur noch Unsinn redet, von Salden und Skonti, Konkursen und Börsen.

Die Dunkelheit bricht herein, und der Captain lässt das Lager aufschlagen. Die wackeren Schnatzjäger sind rechtschaffen müde von so viel Aufregung. Da erschallt ein Ruf aus der Höhe. Der Bäcker steht auf einer hohe Klippe und triumphiert: Er habe den Schnatz erhascht! Freudengeschrei bricht aus. Es ist geschafft! Erleichterung greift um sich, dass sich die Fahrt doch noch gelohnt hat.

Da stößt der Bäcker einen zweiten Ruf aus: „Es ist ein Buhd-“ Was kann er nur gemeint haben? Doch nicht etwa, dass …?

Bis zum Einbruch der Nacht ging die Jagd, doch man fand / keinen Knopf, keine Feder am Platz, / keine Spur auf die Schnelle, kein Indiz für die Stelle, / wo der Bäcker ihn traf: den Schnatz.

Gerade mitten im Wort, das er schon halb gesagt, / gerade mitten im Glück offenbar / wurd‘ er leise zu Luft, wie ein Traum, der verpufft – / denn der Schnatz war ein Buhdscham, nicht wahr?

Mein Eindruck

Was ist denn nun der sagenumwobene Schnatz? Darüber streiten sich die Gelehrten heute noch. Denn dass er ein Buhdscham sein könnte, beweist ja noch nichts. Er stehe für materiellen Reichtum, meint der eine, es gehe um die Frage des Absoluten, meint der nächste, und der dritte ist sich sicher, es gehe bei der Jagd um Selbstverwirklichung. Der Autor selbst hat praktisch keine Erklärungen gegeben, nur dass auf der Insel des Schnatzes auch der Jabberwock lebte und erschlagen wurde. (Und ich möchte fast wetten, dass in einer Höhle auch das gefürchtete Killerkaninchen auf arglose Gralssucher lauert.)

Dass „Die Jagd nach dem Schnatz“ etwas mit der Realität zu tun haben könnte, argwöhnten bereits die Zeitgenossen Carrolls. Sie sahen in dem Gedicht eine Parodie auf die Arktis-Expedition der beiden Dampfschiffe „Alert“ und „Discovery“, welche in den Nachrichten viel Beachtung fand. Einen anderen Zeitbezug meinten Leser im sechsten Krampf zu entdecken. Sie sahen darin eine Satire auf den „Tichborne-Fall“, einen Skandalprozess, der auch Carrolls Interesse erregte.

In diesem Prozess, so erfahren wir aus dem umfangreichen Booklet, ging es um die Aufklärung einer kuriosen Identitätsverwirrung. Sir Roger Charles Tichborne, ein reicher junger Engländer, war auf einer Seereise verschollen, woraufhin seine exzentrische Mutter eine Anzeige aufgab, er möge sich bitte bei ihr melden. Es antwortete ihr ein Schlachter (!) aus dem australischen Ort Wagga-Wagga, der seinem Aussehen nach das genaue Gegenteil des Vermissten war. Dennoch kam es zwischen Lady Tichborne und dem falschen Sohn zu einer rührenden Wiedererkennungsszene. Im folgenden Prozess, den die rechtmäßigen Tichborne-Erben anstrengten, schworen wundersamerweise mehr als hundert Personen, dass es sich bei dem Schlachter um den vermissten Sir Roger handle.

Nun könnten wir Heutigen vielleicht die Experten von Schotter® Incorporated fragen, worum es sich bei dem Schnatz wohl handeln könnte, aber wir wollen uns ebenfalls kein X für ein U vormachen lassen und überlassen die Frage einfach unserer Intuition. Pi mal Daumen würde ich also sagen, dass der Schnatz für das Glück steht. Willst du es erhaschen, entschlüpft es dir wieder und hast du es doch einmal, kann es sich leicht als ein weiterer Buhdscham erweisen. So erging es dem Bäcker, in dem sich unschwer der Autor selbst erkennen lässt.

Viel wichtiger ist jedoch für das eigene Leben die Frage, wie man das Glück erkennt. Des Captains fünf Methoden sind da schon mal ganz hilfreich, wenn auch von etwas zweifelhafter Glaubwürdigkeit, handelt es sich doch bei ihm ebenfalls um einen Narren. Auf der Jagd sollte man auch der zahlreichen Gefahren gewärtig sein, die auf den arglosen Schnatzsucher lauern. Da gibt es einerseits Wegelagerer wie den grausamen Bandergrapp, und andererseits verführerische Ablenkungen wie den lockenden Japjab-Vogel. Wer dann noch einen Schnatz findet, ist wahrlich glücklich zu preisen.

Die Inszenierung

Der Ablauf des parodistischen Dramas ist alles andere als chaotisch. Zunächst einmal gibt es acht „Krämpfe“, also das, was Homer einen Gesang genannt hätte. Der Beginn jedes Krampfes wird wie eine Runde im Boxkampf mit dem Läuten einer Glocke (und dem Titel des „Krampfes“) signalisiert. Sodann erklingt hin und wieder ein Chor aus Erzählern (Hans-Werner Meyer, Chris Pichler – die einzige weibliche Stimme im Stück), die uns schildern, wie die Schnatzjäger mit „Gabeln und Fabeln“ bewaffnet unterwegs sind.

Die Musik könnte aus dem Varieté stammen oder von einer Kleinkunstbühne. Bestimmend ist das Akkordeon, aber auch Bass und Glocke spielen eine gewichtige Rolle. Ihnen geben unterschiedlichste Percussion-Instrumente ein solides Fundament, können aber auch schon mal als Kontrapunkt und Ornament fungieren.

Die Geräusche auf der Insel sind natürlich von höchster Bedeutung, um die richtige Stimmung zu erzeugen. Sie müssen fremdartig sein, aber zugleich auch so vertraut, dass man ihnen eine Charakteristik zuordnen kann. Der gurrende „Lockruf des Japjab-Vogels“ spielt eine wichtige Rolle im sechsten Krampf, als der Schlachter mit dem Biber Freundschaft schließt.

Die Sprecher sind allesamt bühnenerprobt, und ich habe etliche von ihnen schon in Hörspielaufnahmen ihre Rollen sprechen hören, so etwa Heinrich Giskes oder Jens Wawrczek. Peter Fricke (Anwalt) und Otto Sander (als Schnatz) sind vom Fernsehen bekannt, die anderen Sprecher kennt man sicher bereits dem Vernehmen nach.

Unterm Strich

„Die Jagd nach dem Schnatz“ hat mir viel Spaß gemacht. Es ist ein sehr sinnliches Hörspiel, in dem Musik, Geräusche und Sprechrollen miteinander harmonieren. Thematisch geht es um eine grundlegende Frage der menschlichen Existenz, die jeder für sich beantworten muss: Wie definiert man das „Glück“, wie kann man es suchen und erkennen (ohne dass es einen in den Allerwertesten beißt) – und vor allem: Was macht man damit, wenn man es entgegen aller Wahrscheinlichkeit gefunden hat?

Dass es sich bei den zehn „Helden“ des Gedichts allesamt um Narren handelt, dürfte klar sein. Aber das braucht man einem Siebenjährigen nicht extra klarzumachen. Jeder Blinde mit einem Krückstock kann das erkennen. Und doch rührt uns das Schicksal des triumphierenden Bäckers, der gleich darauf enttäuscht wird. Warum nur? Weil wir uns in ihm wiedererkennen.

Für denjenigen, der sich Zeit für ein mehrmaliges Anhören des kurzen Dramas nimmt, hält es noch zahlreiche Entdeckungen und Nuancen bereit. Man sollte diese Chance nützen. Das Booklet erweist sich als wertvoller Führer in die Bedeutungsebenen des kleinen Meisterwerks. Ich könnte mir lediglich eine Dramaturgie vorstellen, die mehr auf Spannung geachtet und entsprechende Szenen herausgearbeitet hätte. Erwachsene Hörer werden sich fragen, wohin all dies führen soll, doch für Kinder ist diese Frage wohl weniger wichtig, als die seltsamen Begebenheiten auf der Suche nach dem Schnatz es sind.

Originaltitel: The Hunting of the Snark, 1876
ca. 46 Minuten auf 1 CD

www.hoerverlag.de