Archiv der Kategorie: Abenteuer

Thiemeyer, Thomas – Korona

_Amanda „Amy“ Walker_ ist eine Gorillaforscherin im ugandischen Ruwenzori-Mountains-Nationalpark. Dieses wolkenverhangene und nebelige Gebirge an der Grenze Ugandas zur Demokrantischen Republik Kongo, gerne auch als „Mondberge“ und Nilquelle bezeichnet, wurde erst im Jahr 1888 erforscht. Tourismus zu den Berggorillas ist zwar möglich, erfordert jedoch körperliche Fitness. Diese scheint ihr neuer Mitarbeiter Ray Cox durchaus zu besitzen, doch das ist nicht das Problem. Cox ist ein ehemaliger Häftling, der Ex-Knacki saß im berüchtigten irischen Gefängnis Mountjoy ein. Doch er besitzt auch eine vorzügliche wissenschaftliche Ausbildung. Trotzdem ist Amy nicht ganz wohl zumute, sie vermutet zu Recht, dass mehr hinter der „persönlichen Bitte“ steckt, Cox ins Team aufzunehmen. Ray Cox interessiert sich auffallend für den im Ruwenzori verschollenen William Burke, einem dekorierten Forscher aus Amys Team.

Amy bricht zusammen mit ihm und drei weiteren Teammitgliedern auf, um ein Auge auf die in letzter Zeit verhaltensauffälligen Gorillas zu werfen, die zu allem Überfluss erneut von Wilderern heimgesucht wurden. Dabei stoßen sie auf den Stamm der Bugonde, die ihnen Hinweise über den Verbleib des verschollenen William Burke geben. Die Gruppe entdeckt eine verlassene Stadt, eine Hinterlassenschaft des ehemals mächtigen Königreichs Kitara.

Richard Mogabe aus dem Basiscamp macht sich derweil Sorgen: Heftige Sonnenaktivitäten – ungewöhnlich starke Flares – legen die Kommunikation in weiten Teilen der Erde lahm. Eine besonders heftige Eruption droht das Gebiet der Ruwenzori zu treffen, doch Kommunikationsausfall und extreme Wetterschwankungen sind nicht die einzige Bedrohung. Ein Portal zu der „anderen Seite“ hat sich geöffnet und ein alptraumhaftes Wesen aus uralten Mythen ist in unsere Welt gelangt. Aufgrund widriger Umstände bleibt Amys Gruppe keine andere Wahl, als Burke in die fremde Welt zu folgen …

_Durch nebelverhangene Berge im Herzen Afrikas in eine andere Welt_

Thomas Thiemeyer (* 1963) studierte Kunst und Geologie in Köln und machte sich sowohl als Schriftsteller als auch Illustrator einen Namen, seine Umschlagillustrationen wurden mehrfach mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Die wunderschönen Cover aller seiner bisher erschienen Romane, „Medusa“, „Reptilia“, „Magma“, „Nebra“ und dem neuen „Korona“ hat Thiemeyer selbst gestaltet.

Wieder einmal handelt ein Thiemeyer-Roman in Afrika, inspiriert von den Erlebnissen auf seiner Afrikareise zu den Gorillas strickte der Autor daraus eine Story, die an einen Mix aus „The Time Machine“ von H.G. Wells und „Predator“ erinnert. Liebe und Rache kommen auch nicht zu kurz. Wieder einmal präsentiert der Autor seine bewährte Mischung aus Mystik, Science Fiction und Wissenschaft. Auffallend ist, wie schnell Thiemeyer in Vergleich zu seinen vorherigen Romanen in die Vollen geht. Konflikte schwelen nicht, sie brechen sehr schnell aus, die Handlung schreitet viel flotter voran als gewohnt, sie ist auch actionreicher als üblich. Das hat sie auch nötig, denn es steckt viel Erzählstoff in diesem Roman – vielleicht zu viel. So kommen viele faszinierende Handlungselemente einfach zu kurz, und so paradox es klingt, während die Charaktere selbst viel ausgereifter und besser beschrieben sind als in allen vorherigen Thiemeyer-Romanen (mir haben insbesondere Cox und Mogabe gefallen), so kann man dies über ihre Gruppendynamik und insbesondere Amy Walker nicht sagen. Auch wenn Amy ein risikobereites Naturell hat, als Frau alleine einen langjährigen Häftling abholen und später gezielt für eine nicht ungefährliche Expedition eine Gruppe aus Personen zusammenstellen, die in Konflikt miteinander stehen, ist nicht nur ungewöhnlich, es wirkt leider arg konstruiert. Dasselbe gilt auch für den „persönlichen Gefallen“, der Ray Cox in das Team brachte.

Es blieb wohl nicht genug Platz für all das, was Thiemeyer erzählen wollte. So enstand ein Eintopf, der zwar ganz klar auf einem bewährten Thiemeyer-Rezept beruht, aber einfach zu viel von allem und zu wenig von jedem enthält. Das soll nicht heißen, dass „Korona“ mir nicht gefallen hätte. Ein guter Roman, der mich jedoch nicht so begeisterte wie seine Vorgänger, insbesondere „Magma“ und „Nebra“. Die Mischung aus Mystik und Krimi in „Nebra“ sagte mir persönlich einfach mehr zu als der wilde Science-Fiction- und Mystik-Mix von „Korona“, der mir nicht ganz so gut gemundet hat.

_Fazit:_

Ein packender Roman, der von den profunden Afrikakenntnissen Thomas Thiemeyers profitiert. Die temporeiche Mischung aus Science Fiction, Afrika und Mystik ist – so seltsam es klingt – mit Ideen überfrachtet, weniger wäre hier mehr gewesen. Schade, die zahlreichen schmackhaften Leckerbissen gehen leider ineinander unter, hier stimmt die Mischung der Geschichte nicht. Zwar ist der Roman immer noch gut, doch wer Thiemeyer noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich eher die wesentlich runderen Romane „Magma“ und „Nebra.“

http://www.thiemeyer.de/

_Mehr von Thomas Thiemeyer auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Thomas Thiemeyer 03/07 – »Magma ist großes Kino«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74
[Interview mit Thomas Thiemeyer 09/04 – »Am liebsten male ich groß, fett und in Öl.«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25
[„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482
[„Reptilia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1615
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3415
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4796 (Hörbuch)
[„Nebra“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5602
[„Korona“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6606

Jack London – Lockruf des Goldes

Die Handlung:

Elam „Burning Daylight“ Harnish ist einer der härtesten Kerle unter den Goldsuchern in Alaska. Sein Riecher für die richtigen Stellen zum Graben und sein Geschäftssinn lassen ihn reich, aber auch korrupt werden. In der großen Stadt lernt er, unter den Finanzhaien zu schwimmen, und verliebt sich gerade hier zum ersten Mal in seinem Leben. Wird die Liebe den alten Harnish in ihm zurückbringen?

Mein Eindruck:

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die alle ihren eigenen Charme besitzen, weil sie eigentlich aus drei unterschiedlichen Genres stammen.

Teil eins

Hier wird der harte Kerl, der Goldsucher „Burning Daylight“, beschrieben, der seinen Spitznamen daher hat, dass er seine Mitstreiter mit dem Ausruf: „Burning Daylight!“ zu wecken pflegt. Der Leser erfährt, wie sehr Harnish dem Glücksspiel verfallen ist, das ihn nicht nur sein Vermögen kostet, sondern auch fast das Leben. Er ist ein harter Hund, der fest an sich und seine Überzeugungen glaubt. Und als er, seinem Riecher folgend, am Klondike River seine Claims absteckt, wird er schnell reich.

Teil zwei

Jetzt zieht es ihn in die große Stadt, und nachdem ihm drei „Finanzexperten“ in New York sein Vermögen abgenommen haben, verändert sich sein Wesen, nachdem er seine Lektion gelernt hat. Er geht nach San Francisco und wird mit seinem Riecher für Geschäfte und die richtigen Investitionen in die Zukunft wieder sehr reich. Aber er verändert sich, wird hartherzig, legt an Gewicht zu und hat nur noch wenig gemein mit dem Mann, der er einmal gewesen ist.

Teil drei

Dann verliebt er sich zum ersten Mal in seinem Leben (im zarten Alter von 36 Jahren) in seine Sekretärin, die aber nichts von ihm wissen will, da er nur in sein Geld verliebt zu sein scheint. Er erkennt, dass sie Recht hat, lässt das Geschäft und die Großstadt hinter sich und zieht mit ihr auf eine Ranch. Happy End.

Und was lernen wir daraus?

„Geld verdirbt den Charakter“. So hätte man Jack Londons erfolgreichen Roman auch zusammenfassen können. Vom sympathischen, harten Kerl, der, wenn er etwas anpackt, es auch richtig machen will, über den reichen, geldgierigen und unnachgiebigen Geldsammler bis hin zum Geläuterten, erlebt der Leser die Stationen des Lebens von „Burning Daylight“.

Zwar wird sich der Leser eher weniger mit einem Goldsucher identifizieren können, der in Alaska Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat, aber die Veränderungen seiner Charakterzüge lassen sich auf jede Zeit und jede Gegend der Welt übertragen. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum das Buch nicht nur zu Londons Lebzeiten sehr erfolgreich war. Auch heute noch sagt vielen zumindest der Titel etwas.

Die Rechtschreibung

Die Vorlage für diese Neuausgabe stammt aus dem Jahr 1973. Dementsprechend ist auch dieses Buch, wie auch schon die Vorgänger der „Abenteuer“-Serie des Verlages, nicht auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung.

Der Anhang

Im Nachwort interpretiert Sebastian Domsch den Roman und schildert die zeitlichen Hintergründe der Geschichte und Vorbilder des Protagonisten. Außerdem gibt es für den Leser noch ein paar interessante Informationen zu Jack London, die nicht in der nachfolgenden Zeittafel zu Leben und Werk Londons zu finden sind.

Mein Fazit:

Drei Bücher zum Preis von einem. Goldrausch-Abenteuer, Finanzgeschichte und Liebesgeschichte. Von jedem genug, um eine interessante Lebensgeschichte zu erzählen. „Lockruf des Goldes“ ist besonders für Film und Fernsehen geeignet und wird immer mal wieder gezeigt und umgesetzt.

Ein amerikanischer Klassiker, der diesen Titel zu Recht trägt und 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch spannend, gemein und romantisch ist.

Die „Klassiker der Abenteuerliteratur„:

Dieses war das letzte Buch der kleinen und feinen Reihe, die bei dtv als Neuausgabe im Laufe dieses Jahres erschienen ist. Fraglich ist, wen sich der Verlag als Käufer vorgestellt hat und wen er mit teilweise jahrzehntealten Übersetzungen in der veralteten deutschen Rechtschreibung zum Kauf überreden möchte. Die durchaus interessanten Anhänge und Zeittafeln reichen da sicherlich nicht aus.

Auch fehlen mir in der Reihe Klassiker wie „Moby Dick“, „Gullivers Reisen“ und „Die drei Musketiere“, um jetzt nur die zu nennen, die mir in diesem Moment in den Kopf kommen.

Taschenbuch: 256 Seiten
Originaltitel: Burning Daylight (1910)
Aus dem Amerikanischen von Erwin Magnus
Mit einem Nachwort und einer Zeittafel von Sebastian Domsch
ISBN-13: 978-3423138864
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“
Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“
Jack London: „Lockruf des Goldes“

&Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Karl May – Der Schatz im Silbersee

Die Handlung:

Old Firehand ist auf der Reise zurück zum Silbersee, an dem er eine Silberader entdeckt hatte. Aber nicht nur er ist auf dem Weg dorthin, auch eine Gruppe von Tramps unter der Führung von Cornel Brinkley, der im Silbersee einen Schatz heben will.

Viele Kämpfe und Indianerüberfälle behindern die Reisenden, zu denen sich auch Winnetou und Old Shatterhand gesellen.

Mein Eindruck:

Eigentlich ist der Titel des Buches irreführend, denn eigentlich beschreibt der Großteil der Handlung den Kampf zwischen guten Cowboys (und teilweise auch Indianern) und bösen Tramps (und teilweise auch Indianern).

Immer wieder kommt es zu Konflikten und immer wieder werden neue Charaktere zum Handlungsstrang hinzugefügt. Das dient zum einen der Auflockerung, zum anderen fragt sich der Leser aber irgendwann, ob bei dem Roman der Weg das Ziel ist. Und auch die Namen der Protagonisten sind Karl-May-typisch lustig. Tante Droll, der gar keine Frau ist, sondern nur aufgrund seiner Kleidung so genannt wird, Hobble Frank, Der lange Davy, Der dicke Jemmy … allein schon beim Lesen der Namen formt sich ein schräges Bild im Kopf.

Die Charakterzeichnung ist sehr klar und strikt. Es gibt gute Menschen und schlechte Menschen. Bei Old Shatterhand und seinen Leuten bzw. der Gegenseite um Cornel Brinkley kann man leicht und schnell erkennen, wer hier gut und wer böse ist. Aber auch bei den Indianern gibt es nicht nur die Bösen, die überfallen, skalpieren und Ohren abschneiden, sondern auch die guten Timbabatschen. Die allerdings verraten die Guten und werden dann auch wieder böse.

Wer das Buch liest, weil er schnell herausfinden möchte, was es denn nun mit dem Schatz auf sich hat, der wird vielleicht etwas enttäuscht sein, weil er beim Lesen ständig von Kämpfen und Überfällen aufgehalten wird. Wer sich aber an die Seite von Old Shatterhand gesellt, den erwartet eine tolle und spannende Abenteuerreise mit jeder Menge Action. Allerdings ist die Action streckenweise sehr brutal beschrieben, denn die Indianer schneiden tatsächlich Ohren ab und lassen ihre Widersacher von Hunden zerfleischen.

Die Sprache – Die Rechtschreibung

„Der Text des vorliegenden Bandes folgt originalgetreu der ersten Buchausgabe von 1894“, steht noch vor der Inhaltsübersicht, und entsprechend ist die Rechtschreibung auch „alt“. Aufgelockert wird der Text durch immer wieder eingestreute englische Vokabeln wie „drink“ oder „behold“ oder auch „all devils“, was bei mir allerdings eher als eine Art „Guckt mal, das spielt wirklich im Wilden Westen … und alle reden auch wirklich Englisch!“ jedes Mal ein Grinsen hervorrief. Auch die Sprache des Romans ist dem Alter entsprechend authentisch.

Mein Fazit:

Ein zeitloser Klassiker, den man auch heute noch lesen kann. Denn ein Abenteuer bleibt ein Abenteuer, egal in welcher Zeit es spielt. Hauptsache es ist spannend erzählt. Und „Der Schatz im Silbersee“ ist eine spannende Erzählung.

Taschenbuch: 768 Seiten
Mit sämtlichen Illustrationen der ersten Buchausgabe von 1894,
einem Essay von Hans-Rüdiger Schwab zu dem Roman
und einer Zeittafel zu Leben und Werk von Karl May
ISBN-13: 978-3423138857
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“
Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Robert Louis Stevenson – Die Schatzinsel

Die Handlung:

Der junge Jim Hawkins gerät an eine Schatzkarte und bildet mit seinen Freunden Dr. Livesey und Squire Trelawney sofort ein Expeditionsteam, um den verborgenen Schatz des Piratenkapitäns Flint zu finden, den er auf einer Insel vergraben hat. Doch die frühere Piratenmannschaft Flints ist ebenfalls hinter dem Gold her und heuert unerkannt auf dem Expeditionsschiff an. Auf der Insel angekommen, beginnt der Kampf der Piraten gegen den Rest der Besatzung um den begehrten Schatz. (veränderte Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Und wieder hat sich der Verlag ein tolles Buch ausgesucht, um es im Rahmen der „Abenteuerklassiker“-Reihe neu aufzulegen. Auf jeder Seite spürt man die Begeisterung des Autors für das Reisen und für Abenteuer. Diese überträgt sich nahtlos auf den Leser, der schnell von der Geschichte gefesselt ist.

Der Autor hält sich und den Leser nicht lange und schon gar nicht langweilig mit ausschweifenden Erklärungen auf, sondern beginnt direkt geheimnisvoll mit den Umständen, durch die Jim in den Besitz der Schatzkarte gerät.

Einzig der Kampf zwischen den Piraten und der Schiffsführung auf der Insel treibt zum schnelleren Lesen an. Schließlich will der Leser ja erfahren, ob es tatsächlich einen Schatz gibt. Wie und wo, und vor allem von wem er tatsächlich gefunden wird, ist interessant gelöst und spannend erzählt. Und das Ganze ohne Vampire, Werwölfe, Drachen und Zauberer. Ob das allerdings ein Verkaufsargument für die jüngere Zielgruppe ist …

Die Rechtschreibung

Leider hat der Verlag auch in diesem Teil seiner „Abenteuer“-Reihe wieder auf eine alte Übersetzung und entsprechend alte und mittlerweile falsche Rechtschreibung zurückgegriffen. Und selbst das Nachwort ist nicht neu, sondern stammt aus dem Jahr 2000.

Aus diesem Grund allein schon eignet sich auch dieser Teil nicht für den Schulunterricht.

Die Fortsetzung

Unter dem Titel „Jim Hawkins und der Fluch der Schatzinsel“ ist übrigens 2005 eine „Fortsetzung“ erschienen. Francis Bryan beschreibt hier, wie Jim Hawkins sich doch noch einmal auf den Weg in die Südsee macht.

Mein Fazit:

Eine spannende Geschichte, die um eine simple Grundidee gestrickt ist, aber einfach Spaß macht. Ein zeitloses Abenteuer für Leser jeden Alters.

Taschenbuch: 256 Seiten
Originaltitel: Treasure Island (1883)
Aus dem Amerikanischen von Richard Mummendey (1962)
Mit einem Nachwort von Uwe Böker (2000) und einer Zeittafel zu Leben und Werk des Autors
ISBN-13: 978-3423138840
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“
Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“
Mark Twain: „Tom Sawyers Abenteuer“
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Mark Twain – Tom Sawyers Abenteuer

Die Handlung:

Tom Sawyer, der Archetyp des Lausbuben, erzählt dem Leser seine Erlebnisse. Er bringt andere Jungs dazu, für ihn einen Zaun zu streichen und in der Sonntagsschule erschummelt er sich eine neue Bibel. Als er und sein Freund Huckleberry Finn auf dem Friedhof aber Zeuge eines Mordes durch Indianer-Joe werden, schwören die beiden, nie etwas über das Gesehene zu verraten und fliehen auf eine Insel, um fortan als Piraten zu leben.

Und das war erst der Anfang der Abenteuer von und mit Tom Sawyer. Es geht spannend weiter und am Ende wartet sogar noch ein echter Schatz und ein Showdown mit Indianer-Joe …

Mein Eindruck:

So sollte ein Abenteuerroman sein. Spannend, lustig, ohne großartige und meist langweilige Beschreibungen von Dingen, die Abenteuer-Fans eh nicht interessieren. Hier wird in kurzen Kapiteln episodisch auf die Abenteuer von Tom Sawyer geblickt, in dem sich jeder Junge und Junggebliebene entweder selber wiedererkennt oder sich gern wiedererkennen würde, weil er Tom einfach für sein unbeschwertes Leben beneidet.

Fängt das Buch noch als eine Art Kurzgeschichtensammlung an, die man ohne Probleme auch in nicht-chronologischer Reihenfolge lesen könnte, da die Ereignisse unabhängig voneinander sind, so ändert sich das nach dem Erlebnis auf dem Friedhof. Ab jetzt gibt es einen roten Faden, der sich um Indianer-Joe wickelt, der am Ende auch das bekommt, was der Leser ihm schon lange wünscht.

Die Sprache, in der das Buch geschrieben ist, ist flüssig zu lesen, da sie erfrischend einfach gehalten ist. So, wie ein Junge im 19. Jahrhundert am Mississippi eben geredet hat. Und da stört auch der heute als politisch nicht korrekt betrachtete „Neger“ nicht, denn so nannte man Afro-Amerikaner zu der Zeit halt. Auch werden sie weder herablassend noch sonst wie anders beschrieben als alle anderen Akteure des Buches.

Die Rechtschreibung

Der Verlag hat sich zwar die Mühe gemacht und stellt ans Ende des Romans ein längeres Nachwort von Rudolf Beck und eine interessante Zeittafel zu Leben und Werk von Mark Twain, übernimmt aber leider nicht die Neue Rechtschreibung. Das wirkt gerade für jüngere Leser sicher irritierend, besonders bei den Klassikern wie dem „daß“.

Mein Fazit:

Ein absolut zu empfehlender Klassiker, der zeitlos immer wieder aus dem Bücherregal geholt werden kann und junge und junggebliebene Leser gleichermaßen anspricht.

Taschenbuch: 304 Seiten
Originaltitel: The Adventures of Tom Sawyer (1876)
Aus dem Amerikanischen von Lore Krüger (2005)
ISBN-13: 978-3423138833
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: [„Robinson Crusoe“
Jules Verne: [„Reise zum Mittelpunkt der Erde“
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“ (August 2010)
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Boothby, Guy Nevell – Rache des Doctor Nikola, Die

_Das geschieht:_

Er ist das kriminelle Superhirn seiner Zeit: Auf der ganzen Welt spinnt der mysteriöse Dr. Nikola seine Intrigen, die in der Regel damit enden, dass reiche Männer und große Firmen viel Geld verlieren. Doch vor einiger Zeit hat sich jemand Nikola in den Weg gestellt, wodurch dem Schurken diverse Pläne zunichte gemacht wurden. Nun ist es genug, aber Nikola wäre nicht Nikola, wollte er sich den Rivalen nur vom Hals schaffen. Dem Frechling soll eine Lektion erteilt, er soll ruiniert und gedemütigt werden. Um dies zu gewährleisten, entwirft Nikola einen komplizierten Racheplan. Für die Realisierung heuert er drei skrupellose Schurken an und schickt sie mit genauen Anweisungen aus.

Buchstäblich am anderen Ende des Globus“ – in Australien – stolpert Richard Hatteras in das Abenteuer seines Lebens. Als er eine Reise nach England antritt, um die Heimat seines Vaters kennenzulernen, verliebt er sich in die junge Phyllis Wetherell. Sie ist in Begleitung ihres Vaters, des Kolonialsekretärs Sylvester Wetherall, der sich als Nikolas „Zielperson“ entpuppt. Davon ahnt Hatteras natürlich zu diesem Zeitpunkt nichts, weshalb er nicht einschätzen kann, wieso der alte Wetherell, der Nikolas Schergen entdeckt hat, voller Schrecken und in Begleitung seiner Tochter in Australien untertaucht.

Hatteras beginnt eine intensive Suche nach seiner Braut und gerät dabei Nikola in die Quere. Obwohl vom Doktor eindringlich gewarnt, macht er sich auf den Weg nach Australien. In Begleitung eines jungen englischen Adligen gerät Hatteras in diverse Fallen und Ablenkungsmanöver des tückischen Dr. Nikola. Unerschrocken bleibt er diesem auf den Fersen. Auf einer einsamen Südsee-Insel kommt es zum finalen Duell, doch das Schurkengenie hält auch dieses Mal die Fäden fest in der Hand …

_Vom Archetyp zum Klischee_

An ihren prägnanten Eigenheiten lassen sie sich erkennen: Die großen, klassisch gewordenen Schurken definierten sich niemals allein über ihre Taten. Sie drücken ihre böse Intelligenz bereits optisch und akustisch aus, präsentieren sich flamboyant, extravagant, aufregend. Auf keinen Fall sind sie gewöhnliche Verbrecher, verwenden auf Stilfragen mindestens soviel Energie wie auf den Entwurf unerhört komplizierter Pläne, deren Aufgehen sie eher gleichgültig lässt. Viel wichtiger ist ihnen die Intrige, das Düpieren übermächtiger Gegner sowie die Demütigung von Rivalen. Nie können sie der Versuchung widerstehen, sich vor diesen zu spreizen, wenn sie endlich in ihre Gewalt geraten sind, statt sie endgültig auszuschalten und sich auf die Durchführung ihrer genialen Projekte zu konzentrieren, die folgerichtig meist in letzter Sekunde scheitern.

Im 21. Jahrhundert sind die besten Macken längst vergeben. Die genialischen Bösewichter wiederholen sich und sind vom Archetyp zum Klischee herabgesunken. Nur selten fällt einem Schuft noch etwas Originelles ein. Da hatten es die kriminellen Ahnen einfacher. Dr. Nikola ist hier für manche echte Überraschung gut: Er beherrscht die Kunst der Hypnose und zwingt seine Gegner buchstäblich in seinen Bann, ist ein begnadeter Wissenschaftler (und Alchemist), der in seinem Labor betäubende Wundermittel und exotische Gifte mischt, sowie ein Meister der Maske, der zudem überall auf Verstecke und Helfershelfer zurückgreifen kann.

|Auf die Details kommt es an!|

Außerdem benutzt er eine schwarze Katze als Accessoire (und entlarvt damit die James-Bond-Nemesis Blofeld als schnöden Nachahmer). Guy Nevell Boothby hat einen gut entwickelten Sinn für die Inszenierung seines Schurken. In einem feinen Lokal in London lässt der Doktor drei gefährliche Männer zusammenkommen. Zu seinen Anweisungen gehört die Bereitstellung einer Schale mit Milch. Was bedeutet dieses Detail? Noch bevor Boothby seinen Lesern Nikola vorstellt, hat er sie neugierig auf diese Figur gemacht, die er später so überhöhen wird: |“Nun, er ist Nikola, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Wenn Sie ein kluger Mann sind, werden Sie nicht mehr wissen wollen. Fragen sie die chinesischen Mütter, … wer er ist, fragen sie die Japaner, die Malaien, die Hindus, die Burmesen, die Kohlenträger in Port Said, die buddhistischen Priester auf Ceylon; fragen Sie den König von Korea, die Menschen oben in Tibet, die spanischen Priester in Manila oder den Sultan von Borneo, den Minister von Siam oder die Franzosen in Saigon, sie alle kennen Dr. Nikola und seine Katze; und glauben Sie mir, sie fürchten ihn.“| (S. 210)

Nikola scheint nicht nur für Blofeld, sondern auch für andere klassische Finsterlinge Pate gestanden zu haben: Sein betont mysteriöses Auftreten und sein Faible für schwarzmagisch anmutende Tricks verweisen auf Dr. Fu-Manchu, den Sax Rohmer (1883-1959) ab 1913 auf ahnungslose Abendländler losließ. Freilich war der Osten als Hort einer „gelben Gefahr“ für brave und vorsichtshalber stets wachsame Abendländer bereits um 1900 ein politischer, kultureller und eben auch literarischer Topos. Zwei Jahrzehnte später bescherte Norbert Jacques seinen Lesern mit Dr. Mabuse einen „europäischen“ Super-Verbrecher, der nichtsdestotrotz Dr. Nikola in Auftritt und Handlung sehr ähnlich war. Dass Dr. Nikola echte übernatürliche Kräfte besitzt, deutet Boothby zwar an, lässt es aber offen; als kluger Autor, der an die Zukunft denkt, lässt er diese Katze im ersten Band seiner Serie im Sack.

|Der Inhalt verdeckt die Form|

Starke Figuren können dem Verfasser, der sie zu schaffen versteht, viel Arbeit ersparen. In unserem Fall überstrahlt Dr. Nikola mit einer Persönlichkeit, die selbst in seiner Abwesenheit über der Handlung schwebt, die im Grunde simple Struktur dieses Romans. Hinter dem Gewirr eines überkompliziert eingefädelten und selbst im 19. Jahrhundert unrealistischen Intrigengespinstes kommt viel heiße Luft zum Vorschein. Boothby konnte nie viel Zeit auf originelle Plots verwenden. Sie waren in seinem Metier – der Unterhaltungsliteratur – auch nicht wichtig. Hier griff man auf bewährte Geschichten und Figuren zurück, die variiert und der jeweiligen Handlung angepasst wurden.

In der Tat funktionieren Elemente wie Verfolgungsjagden, Todesfallen oder dramatische Rettungsaktionen, selbst wenn das dabei zum Einsatz kommende Instrumentarium inzwischen altmodisch wirkt. Auch die Rollenverteilung hat sich konserviert. Das Dreieck Schurke – Maid in Not – junger Held ist zeitlos, selbst die damit einhergehenden Klischees fallen mehr als 100 Jahre später kaum irritierend ins Gewicht.

Das wahre Alter der Geschichte wird dort zum Problem, wo sich der Alltag grundlegend gewandelt hat. Die Liebesgeschichte von Richard und Phyllis wirkt heute steif und in die Länge gezogen, während den zeitgenössischen Lesern die diffizilen Regeln im Umgang zwischen Mann und Frau bekannt und vertraut waren. Natürlich – so muss man beinahe sagen – erweist sich Hatteras nicht nur als Ehren- sondern zufällig auch als Edelmann, wodurch sämtliche Vorbehalte, die man gegen ihn hegen könnte, mit einem Schlag ausgeräumt sind: Auch dies ist ein einst gern eingesetzter Knalleffekt.

Weniger erfreulich ist Boothbys Hang zu Wiederholungen und abschweifenden Nebenhandlungen, die mit der zentralen Handlung wenig bis gar nichts zu tun haben. Hierin erkennt man den Vielschreiber, der die Hatz auf Nikola und damit seinen Roman auf möglichst einfache, d. h. ideenarme Weise zu verlängern sucht. Immerhin lesen sich diese Schlenker oft unterhaltsam, da Boothby Land und Leute, über die er schreibt, selbst bereist hat und deshalb kennt.

|Gute Bücher und schöne Bücher|

Dass sich „Die Rache des Doctor Nikola“ mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung insgesamt immer noch flüssig und spannend liest, spricht für den Verfasser (sowie für einen Übersetzer, der das künstlich Altmodische vermeidet, ohne das Alter der Vorlage zu verleugnen). Nicht nur die bloße Tatsache, dass ein Verlag das Risiko eingeht, eine mehr als 100 Jahre alte Reihe neu übersetzt auf den Buchmarkt zu bringen, ist positiv zu registrieren. Mit Bestseller-Auflagen ist hier kaum zu rechnen, weshalb die „großen“ Häuser Dr. Nikola keines Blickes würdigen würden. Wie heute üblich, springt ein kleiner, aber engagierter und wohl auch mutiger Verlag in die Bresche. Dem Käufer und neugierigen Leser, der über den Tellerrand der üblichen Verbrauchsliteratur schauen möchte, wird für einen moderaten Preis darüber hinaus ein Vorwort des Übersetzers geboten, der knapp aber umfassend Auskunft über Leben und Werk des Verfassers gibt.

„Die Rache des Doctor Nikola“ erscheint als Paperback in Klappenbroschur. Das Buch ist schön gebunden, lässt sich aufschlagen, ohne dass dabei der Rücken krachend bersten würde, und dank ihres guten, dicken Papiers verkraften die Seiten auch energisches Umblättern ohne eselsohriges Nachgeben. Wer seine Bücher nicht nur liest, sondern auch liebt und sammelt, wird mit diesem Exemplar auf seine Kosten kommen!

Es bleibt noch die Frage, wieso die Abkürzung „Dr.“ in dieser neuen deutschen Ausgabe hartnäckig als „Doctor“ aufgelöst wird …

_Autor:_

Am 13. Oktober 1867 wurde Guy Newell Boothby im australischen Glen Osmond, einer Vorstadt von Adelaide, geboren. Die Boothbys gehörten zur Oberschicht, Guys Vater saß im Parlament von Südaustralien. Der Sohn besuchte von 1874 bis 1883 die Schule im englischen Salisbury, dem Geburtsort seiner Mutter.

Nach Australien zurückgekehrt, versuchte sich Boothby als Theaterautor. Sein Geld verdiente er allerdings als Sekretär des Bürgermeisters von Adelaide. Beide Tätigkeiten wurden nicht von Erfolg gekrönt. Boothbys Lehr- und Wanderjahre führten ihn 1891/92 kreuz und quer durch Australien sowie den südasiatischen Inselraum. Sein 1894 veröffentlichter Reisebericht wurde zum Start einer außergewöhnlichen Schriftstellerkarriere.

1895 siedelte Boothby nach England um, heiratete und gründete eine Familie. Er schrieb nun Romane, wobei er sämtliche Genres der Unterhaltungsliteratur bediente und lieferte, was ein möglichst breites Publikum wünschte. Boothby war ein findiger und fleißiger Autor, der überaus ökonomisch arbeitete, indem er seine Worte nicht niederschrieb, sondern in eine Phonographen diktierte und die so besprochenen Wachswalzen von einer Sekretärin in Reinschrift bringen ließ. Jährlich konnten auf diese Weise durchschnittlich fünf Titel erscheinen. Boothbys Einkünfte ermöglichten ihm den Kauf eines Herrenhauses an der Südküste Englands, in dem er mit seiner Familie lebte, bis er am 26. Februar 1905 im Alter von nur 37 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

_Die „Dr. Nikola“-Reihe:_

(1895) Die Rache des Doctor Nikola (|A Bid for Fortune, or: Dr. Nikola’s Vendetta| / |Enter Dr. Nikola!|)
(1896) Die Expedition des Doctor Nikola (|Dr. Nikola|)
(1898) |The Lust of Hate|
(1899) |Dr. Nikola’s Experiment|
(1901) |Farewell, Nikola|

Band 3 – |The Lust of Hate| – wird keine Neuauflage erfahren; Dr. Nikola tritt nur als „Gaststar“ in einer Geschichte auf, die ansonsten mit „seiner“ Serie nichts zu tun hat.

|Broschiert: 232 Seiten
Originaltitel: A Bid for Fortune, or: Dr. Nikola’s Vendetta (London : Ward, Lock & Co. 1895) / Enter Dr. Nikola! (Hollywood/Californien : Newcastle Pub. Co. 1975)
Deutsche Erstausgabe: März 2010 (Wurdack Verlag)
Übersetzung: Michael Böhnhardt
ISBN-13: 978-3-938065-61-7|
[www.wurdackverlag.de]http://www.wurdackverlag.de
[Verlagsblog – doctornikola.blogspot.com]http://doctornikola.blogspot.com

_Guy Newell Boothby bei |Buchwurm.info|:_
[„Pharos der Ägypter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=297

Jules Verne – Reise zum Mittelpunkt der Erde

Die Handlung:

Der herrische und jähzornige Professor Lidenbrock aus Hamburg findet in einem alten isländischen Buch ein geheimnisvolles Papier. Zusammen mit seinem Neffen Axel macht er sich an dessen Entzifferung. Nachdem Axel auf die Lösung gekommen ist, kann der Text, der aus alten Runen besteht, entschlüsselt werden. Es stellt sich heraus, dass der Zettel eine Notiz des vor einigen hundert Jahren verstorbenen Forschers Arne Saknussemm ist. Er beschreibt, wie man durch einen Krater in Island zum Mittelpunkt der Erde kommt. Der mögliche Einstieg wird Ende Juni durch einen Schatten, ähnlich einer Sonnenuhr, angezeigt.

Lidenbrock zeigt sich sofort begeistert und zwangsverpflichtet seinen Neffen, mit ihm dieselbe Reise zu unternehmen. Die beiden brechen schnell auf, da die Zeit drängt. In Reykjavik engagiert Lidenbrock den phlegmatischen Hans, der als Führer dienen soll.

Die drei steigen hinab ins Erdinnere, verlaufen sich, verdursten fast, finden ein riesiges Meer und gelangen am Ende durch einen zuvor verschlossenen Gang mit einem Floß wieder zur Erdoberfläche zurück. Hier stellen sie fest, dass ihre Reise sie auf die Insel Stromboli im Mittelmeer geführt hat. Der Ausbruch des Vulkans der Insel brachte das Floß wieder an die Oberfläche.

Mein Eindruck:

Diese Ausgabe von „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ kann auf zwei Arten gelesen werden:

1. Auf die herkömmliche Art und unter Ignorierung der 305 Anmerkungssternchen.

2. Unter Einbeziehung der 305 Anmerkungssternchen, die auf 24 Seiten im Anhang und in kleiner Schrift so ziemlich jedes ungewöhnliche Wort in dem Roman erklären. Das ist in etwa das gleiche Erlebnis, als würde man eine Film-DVD mit Audio-Kommentar gucken, nur mit ständigem Blättern.

Erzähler des Buches ist Axel, der Neffe der treibenden Kraft des Romans – Professor Lidenbrock-, der die oftmals sehr unsympathisch rohe Art seines Onkels gut zu nehmen weiß und sie offenbar schon gewohnt ist. Eigentlich will Axel auch nicht wirklich mit auf die Reise, sondern lieber bei seiner Verlobten Graüben bleiben, deshalb sträubt er sich zuerst noch, seinem Onkel den entscheidenden Tipp zur Übersetzung des Zettels zu geben.

Interessant ist, dass die Notiz zu keiner Zeit vom Professor infrage gestellt wird, und wenn Saknussemm schreibt, dass er selber schon den Mittelpunkt der Erde besucht hat, dann wird das wohl so sein.

Auch der gescheiterte Versuch, sich auf dem Weg zum besagten Vulkan mit Literatur vom isländischen Forscher zu versorgen, lässt die beiden Reisenden nicht zweifeln. Saknussemm war nämlich als Ketzer verfolgt und seine Bücher von seinem Henker 1573 verbrannt worden.

Danach folgt ein Bombardement von Anmerkungssternchen auf jeder Seite, neben Begriffen, die die verschiedenen Erdzeitalter beschreiben, während die Gruppe immer weiter hinab steigt. Oftmals ist deshalb nicht klar, ob Verne hier eine Geschichte erzählen oder einfach nur den Stand der Wissenschaft wiedergeben wollte.

Der Plagiatsvorwurf:

Interessanterweise wurde Verne von René de Pont-Jest wegen gerade dieser Geschichte verklagt. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches warf dieser ihm vor, aus seinem Buch „La Tête de Mimer“ abgeschrieben zu haben. Als Beweis führte er diese vier Punkte an:

1. Auch sein Held ist Deutscher.
2. Auch sein Held findet eine Wegbeschreibung in einem Buch.
3. Auch diese Wegbeschreibung ist in Runen geschrieben.
4. Auch sein Held findet den entscheidenden Hinweis durch einen Schatten.

Verne räumte bei Punkt 4 eine Vergleichbarkeit ein, wies aber die Plagiatsvorwürfe zurück. Das Gericht wies die Klage ab. Es hält sich das Gerücht, dass Pont-Jest nur geklagt hatte, weil Verne ihm keine Eintrittskarten für eine Aufführung von „In 80 Tagen um die Welt“ hatte zukommen lassen.

Wenn überhaupt, dann hat Verne bei sich selber abgeschrieben, denn die Story ähnelt seinem eigenen Roman „Fünf Wochen im Ballon“, der kurz vorher erschienen war, sehr.

Fazit:

In diesem kurzweiligen Abenteuer wird es nie langweilig, und auch der Professor zeigt sich auf der Reise öfter mal von seiner fürsorglich menschlichen Seite. Hans hat ständig die Ruhe weg und bleibt in jeder Situation gelassen. Zusammen mit dem teilweise aufgedrehten, teilweise vor Erschöpfung schlafenden Axel sorgen diese drei unterschiedlichen Charaktere für Belebung und bereiten dem Leser eine Menge Spaß – ob dieser nun den Anmerkungssternchen folgt oder sie ignoriert.

Taschenbuch: 432 Seiten
Original: „Voyage au centre de la Terre“ (Paris 1864)
Aus dem Französischen von Volker Dehs
Mit sämtlichen Illustrationen der französischen Originalausgabe, Anmerkungen, Nachwort, Zeittafel und Briefen zum Plagiatsvorwurf
ISBN-13: 978-3423138826
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“
Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Juni 2010)
Mark Twain: „Tom Sawyers Abenteuer“ (Juli 2010)
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“ (August 2010)
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)

Daniel Defoe – Robinson Crusoe

Handlung:

Entgegen dem Rat seines Vaters, gibt der Teenager Robinson Crusoe seinem Fernweh nach und schifft sich aus England in die weite Welt ein. Nachdem es ihn nach Afrika in die Gefangenschaft verschlagen hat, gelingt ihm die Flucht, und mit Hilfe eines netten Kapitäns, der ihn aufgreift, anschließend die Überfahrt nach Brasilien. Hier wird er zum Plantagenbesitzer; bald aber treibt ihn das Fernweh wieder aufs Meer hinaus und er macht sich auf den Weg nach Afrika, um sich neue Sklaven für seine Plantage zu besorgen. Bei dieser Fahrt gerät sein Schiff in ein Unwetter und sinkt.

Crusoe ist der einzige Überlebende, der sich auf eine in der Nähe gelegene unbewohnte Insel retten kann. Er schlachtet das gesunkene Schiff aus und verbringt die nächsten 28 Jahre auf dieser Insel. Die letzten davon begleitet ihn sein Diener Freitag; ein Ureinwohner einer Nachbarinsel, den er vor dem Tod durch Verspeisung durch Mitglieder eines feindlichen Stammes rettet. Später bringen Crusoe und Freitag einen Spanier und einen weiteren Ureinwohner, der sich als Freitags Vater herausstellt, vor Kannibalen in Sicherheit. Die beiden werden zurück zur Nachbarinsel geschickt, von der sie kamen, um die restlichen dort verbliebenen Spanier zu holen.

Währenddessen landet eine meuternde Schiffsmannschaft auf der Robinson-Insel, um ihren Kapitän hier abzusetzen. Crusoe und Freitag stehen ihm bei und helfen ihm, das Kommando zurückzuerlangen. Als Dank dafür nimmt er die beiden wieder mit zurück nach Europa. Hier angekommen, ordnet Crusoe seine Finanzgeschäfte, heiratet, zeugt drei Kinder und wird trotzdem weiterhin vom Fernweh geplagt. Nach dem Tod seiner Frau zieht es ihn daher wieder hinaus. Er lässt seinen Neffen zum Kapitän ausbilden, kauft ihm ein Schiff und lässt sich zu seiner Insel zurückbringen, um zu erfahren, wie es den Zurückgebliebenen ergangen ist.

Auf der Insel gab es zwischenzeitlich etliche Streitereien zwischen den nach der Meuterei hier ausgesetzten Matrosen und den von der Nachbarinsel hinzugekommenen Spaniern. Auf dem anschließenden Weg zum Festland wird Freitag bei einem Gefecht von angreifenden Ureinwohnern getötet. Jetzt folgt eine Reise, die Crusoe von Madagaskar über Kambodscha, Taiwan, China und durch Russland führt. Letztendlich kehrt er nach zehn Jahren wieder nach England zurück.

Mein Eindruck:

Den meisten wird der Name Robinson Crusoe geläufig sein. Die wenigsten haben hingegen das gleichnamige Buch gelesen. Und der geringste Teil wird dies in der ungekürzten Version getan haben. Wobei auch dieses Buch – obwohl sich der Verlag auf der Rückseite rühmt, diese Ausgabe enthalte nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil des Klassikers von Daniel Defoe vollständig – immer noch nicht komplett ist. Es gibt nämlich noch einen dritten Teil ‚von‘ und mit Robinson Crusoe, der einen ähnlich langen Titel trägt wie die beiden Vorgänger: „Ernstliche und wichtige Betrachtungen des Robinson Crusoe, welche er bei den erstaunungsvollen Begebenheiten seines Lebens gemacht hat.“ Schade, „vollständig“ heißt in diesem Fall leider nicht „komplett“.

Die Übersetzung hat einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Das hat den Vorteil, dass sie nicht politisch korrigiert wurde. Hier heißt es noch „Negersklave“ und nicht „afro-amerikanischer Zwangsarbeiter“. So erkennt auch der Laie im Zusammenhang, dass Freitag zwar ein lieber netter Kerl ist, aber immer nur ein Diener bleiben wird. Klar, er ist ja auch schwarz. Oder die weiblichen Ureinwohner, welche die zurückgelassenen Spanier und Engländer auf der Insel befreit hatten und sich zur Frau nahmen, wären in England durchaus als schön bezeichnet worden – wenn sie nicht schwarz wären. Das klingt für den heutigen Leser so seltsam, dass es schon fast zum Lachen anregt. Aber damals hat man sich halt einfach in Afrika ein paar Neger geholt, damit sie für einen arbeiten, weil man es konnte und weil es alle so machten.

Der Nachteil des Alters der Übersetzung ist die alte und oft auffallend falsche Rechtschreibung. Das macht diese Ausgabe für schulische Zwecke nicht sehr reizvoll. Vermutlich war eine Überarbeitung für den Verlag nicht interessant, weil schlichtweg zu teuer.

Natürlich dreht sich im ersten Robinson-Buch so gut wie alles um seine Zeit auf der Insel; schließlich war er ja auch 28 Jahre dort. Eine richtige Handlung aber scheint weder das erste noch das zweite Robinson-Crusoe-Buch zu besitzen. Es ist ein Reisebericht, und dementsprechend ist alles teilweise ausführlichst detailliert geschildert. Und immer, wenn die Langeweile des Lesers schon nicht mehr zu steigern ist, weil sich der Autor in Schilderungen verfängt, die an Spannung einem Beipackzettel gleichen, schreibt Defoe, dass er den Leser ja nicht langweilen will. Das klappt allerdings nur selten. Zu ausufernd wird beschrieben, wie Crusoe auf seiner Insel Getreide anbaut, Boote und Hütten zimmert.

Interessant wird es erst wieder, als er sich mit Freitag gegen die Eindringlinge der Nachbarinsel zur Wehr setzt und gegen Ende des ersten Buches die Meuterer bekämpft, um im Anschluss wieder nach Hause gebracht zu werden. Und das gesamte zweite Buch ist eigentlich nur noch ein reiner Reisebericht. Auch wird Crusoe übrigens nicht, wie im Titel angekündigt, von Seeräubern gerettet – die spielen in diesem Buch keine Rolle.

Worauf Defoe sein Augenmerk bei seinen Erzählungen legt, habe ich mich oft gefragt. Da schreibt er seitenweise über ein völlig belangloses Ereignis, bei dem er mit Freitag auf dem Weg zurück nach England auf einen Bären und ein paar Wölfe trifft, aber handelt in einem einzigen Satz seine Hochzeit, seine Kinder (von denen er im Anschluss nicht wieder spricht) und den Tod seiner Frau ab. Auch macht er immer wieder einfach Zeitsprünge von teilweise mehreren Jahren, was manchmal schon irritiert – gerade weil es in diesem Buch keine Absätze und keine Kapitel gibt und der Leser von der Textmasse teilweise erschlagen wird.

Was den religiös uninteressierten Leser erheblich stören könnte, sind die ständigen Bezüge auf die Bibel, die Crusoe bei sich auf seiner Insel hatte, und die Anrufungen Gottes. Auch, dass er Freitag keine Religionsfreiheit einräumt, sondern ihn so lange einer christlichen Gehirnwäsche unterzieht, bis dieser seinen eigenen Glauben ablegt, weil Robinsons Gott ja viel besser und stärker ist als seiner, könnte unangenehm aufstoßen. Im zweiten Buch gibt es überdies ein weiteres ermüdend langes Gespräch mit einem Geistlichen.

Den Abschluss des Buches bildet ein 40-seitiger Essay zu Leben und Werk von Daniel Defoe mit speziellem Augenmerk auf „Robinson Crusoe“, gefolgt von einer zweiseitigen Zeittafel, die das Leben und Schaffen des Autors zeigt.

Fazit:

Muss man „Robinson Crusoe“ ungekürzt gelesen haben? Wenn dem Leser vorher bewusst ist, dass ihn ein Reisebericht erwartet, der ausschließlich aus Handlungsbeschreibungen besteht, dann kann er sich durchaus die Zeit nehmen; denn der Autor will ja nach eigenen Angaben nicht nur erzählen, sondern auch belehren. Und was 1719 als belehrend verstanden wurde, ist schon interessant für Neuzeitler.

Wenn man aber schnell gelangweilt ist, weil man eigentlich die ganze Zeit nur im „Big Brother“-Stil Crusoe dabei beobachtet, wie er seine Hütten und Boote baut und seine Felder bestellt und anschließend um die Welt reist, dann reicht auch eine gekürzte Jugendausgabe. Denn auch so kann man erfahren, was der Autor durch Robinson Crusoe zum Ausdruck bringen will: Wenn der Mensch nur will, dann kann er alles schaffen!

Und hier noch mal die unfassbar langen Titel der beiden in dieser Ausgabe abgedruckten „Robinson Crusoe“-Bücher im Original:

Band 1:
„Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe, eines Seemanns aus York, 28 Jahre lang ganz allein auf einer unbewohnten Insel an der amerikanischen Küste nahe der Mündung des Orinoko-Stromes lebte, wohin er nach einem Schiffbruch, bei dem die ganze Besatzung außer ihm umkam, verschlagen wurde, nebst dem Bericht, wie er auf wunderbare Weise durch Seeräuber gerettet wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Band 2:
„Die weiteren Abenteuer des Robinson Crusoe, die den zweiten und letzten Teil seines Lebens bilden, sowie die erstaunlichen Berichte von seinen Reisen um drei Viertel der Erde. Geschrieben von ihm selbst.“

Taschenbuch: 720 Seiten
Aus dem Englischen von Franz Riederer
Mit einem Essay von Hans-Rüdiger Schwab und einer Zeittafel
Mit den Illustrationen der Amsterdamer Ausgabe von 1726/1727
ISBN-13: 978-3423138819
www.dtv.de

Dieses Buch bildet den Anfang der Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ vom dtv:

Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Juni 2010)
Mark Twain: „Tom Sawyers Abenteuer“ (Juli 2010)
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“ (August 2010)
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)

Porsche, Dieter – Weiße Berg, Der: Überlebenskampf am Dhaulagiri

Mit mehreren Achttausendern in der Hinterhand gehört Dieter Porsche zu den erfolgreichsten Höhenbergsteigern der Moderne. Dabei gelangte der Alpenvereins-Aktivist erst relativ spät zum Bergsteigen und widmete sich diesem Hobby erst im Alter von 30 Jahren (1985) intensiver. Seither gilt Porsche als erfahrener Ansprechpartner geschätzter Ausbilder und fanatischer Extremsportler, für den das steigende Alter kein Hindernis für neue Herausforderungen mehr ist.

Im April 2003 startete er schließlich eine seiner dramatischsten Expeditionen. Im Rahmen einer |AMICAL alpin|-Reise sollte der Aufstieg zum Weißen Berg, dem Schneefleck des Himalaya, realisiert werden. Doch der Dhaulagiri erwies sich im steten Schneetreiben und während der zahlreichen Frühjahrsstürme als harte Nuss, die Porsches Expedition teuer bezahlen sollte. Sechs Jahre später erzählt er nun als Autor seines persönlichen Erlebnisberichtes von dieser knapp zweimonatigen Tour, von den Freuden, den Gefahren, den Ausnahmesituationen und schließlich vom dramatischen Unglück, das sich kurz nach dem Erreichen des Gipfels zutrug.

In „Der Weiße Berg: Überlebenskampf am Dhaulagiri“ schildert Porsche aber bei weitem nicht nur das tragische Ende dieser Gipfelepisode, sondern präsentiert ein ausgedehntes Gipfeltagebuch, das bereits mit den Vorbereitungen zur Nepalreise startet, die langen Tage in den Basislagern ausführlich beschreibt, aber auch sonst die ganzen Eigenheiten des Höhenbergsteigens mit viel Hintergrundwissen nahebringt. Der Autor pflegt hierbei einen sehr familiären, sympathischen Schreibstil und vermittelt dem Leser relativ bald das Gefühl, er sei selber ebenfalls an der Expedition beteiligt und würde in der Seilschaft mit den Scherpas gen Gipfel stürmen.

Nichtsdestotrotz sind seine Beschreibungen nicht selten emotional, gerade wenn die gesamte Tour mal wieder vor einem großen Fragezeichen steht und das unberechenbare Wetter den Teilnehmern eine unsichere Zukunft beschert. Sehr gelungen ist dabei das Gefühl des Ausgesetztseins, der Hilflosigkeit in der exponierten Landschaft des Himlaya, beschrieben, welches Porsche und seine engen Vertrauten immer wieder bekämpfen müssen. Mangels technischer Möglichkeiten ist eine Wettervorhersage beispielsweise vor Ort nicht exakt durchzuführen, so dass per komplexem Satellitenfunk und Recherchearbeit am mitgeschleppten Laptop die vagen Prognosen aus dem europäischen Raum herhalten müssen.

Unterdessen sind die Erlebnisse vor dem Nordostgrad des Dhaulagiri für alle prägend. Ein Hochgefühl ob der überraschend hellen Morgensonne wird durch den folgenden Sturm, der die Depots begräbt und die Zelte in Stücke reißt, wieder getrübt. Immer wieder erschüttern neue Extreme die Situation und zwingen die Leitung zu steten Planänderungen. Zum Glück für die deutschen Teilnehmer ist ihre Expedition nicht die einzige, die den Dhaulagiri als Ziel auserkoren hat. Vier Teilnehmer aus Sachsen sowie ein bekannter französischer Solobergsteiger (Jean-Christophe Lafaille, wird seit 2006 vermisst) sind ebenfalls in den schneebedeckten Wänden unterwegs und können mit Erfahrung, Fixierungsarbeiten und Spurarbeiten unterstützen.

Dennoch steht das gesamte Projekt auf der Kippe, als sich Mitte Mai, zwei Wochen vor dem eigentlichen Abreisetermin, eine Schlechtwetterfront ankündigt und die Frage aufwirft, ob man das (unter anderem auch finanzielle) Risiko eingehen und die Gipfelbesteigung noch um einige Tage aufschieben oder doch besser das Lager räumen und sich den Widrigkeiten geschlagen geben soll. Die ehrgeizigen Bergsteiger um Dieter Porsche entscheiden sich schließlich für die zweite Variante, nutzen die beiden Sonnentage für den Gipfelgang und stürzen beim Abstieg in eine beinahe tödliche Tragödie. Porsches Freund Christoph stürzt gemeinsam mit einem der Sachsen 600 Meter in die Tiefe, überlebt den Sturz aber ebenso wie sein Mitopfer.

Doch die Rettungsaktion fordert ihren Tribut – auch bei Porsche, der später noch Wochen an den Folgen des unfreiwilligen nächtlichen Biwaks laboriert und auf dieser Tour zum ersten Mal am eigenen Körper erfahren hat, was es heißt, der Bedrohung in der Todeszone ausgeliefert zu sein. Und was er dabei durchlebt hat, das schildert er in den sehr intensiven letzten Kapiteln eines umfassenden Tourtagebuchs, welches durch seine Detailverliebtheit und die mitreißende persönliche Note vor allem eines bewirkt hat: Die Faszination fürs Höhenbergsteigen auf den Achttausendern noch auszubauen.

Unterdessen klärt Porsche auch die sich in diesem dramatischen Zusammenhang erst recht aufdrängende Frage, was Leute wie ihn in diesen vermeintlichen Wahnsinn treibt. Und dies gelingt dem Autor nicht durch die Darstellung irgendwelcher Heldentaten oder dergleichen, sondern mit Kraft seiner begeisterungsfähigen Worte und den leidenschaftlich erzählten Landschaftsdokumentationen. Hinzu kommt, dass der Mann zeitgleich passionierter Fotograf ist und seine Touren stets mit seinem Equipment festhält. Unzählige Fotos von allen Tagesetappen und dem gewaltigen Panorama des Dhaulagiri und den umliegenden Bergmonstern vervollständigen die Nachlese dieser Expedition und sind alleine schon Grund genug, sich mit „Der Weiße Berg“ auseinanderzusetzen.

Dass das Geschriebene den Bildern jedoch mindestens ebenbürtig ist, ehrt Porsche als Autor und zeugt letzten Endes auch davon, wie glaubwürdig der Mann diese Schicksalsreise für die Nachwelt festgehalten hat. Einen letzten Schliff verpassen die penibel aufgearbeitete Historie um die bisherigen Besteigungen des Dhaulagiri sowie ein kleines Bonus-Lexikon, das sich mit den Gefahren des Höhenbergsteigens beschäftigt – gerade für diejenigen, die sich überhaupt kein Bild von den möglichen Krankheitsbildern in der Höhe machen können, eine sinnvolle, lesenswerte Ergänzung und schließlich der aufschlussreiche Abschluss eines grandiosen Bergsteigerbuchs, geschrieben von ‚einem von uns‘.

|256 Seiten, gebunden
mit zahlreichen Farbfotos
ISBN-13: 3-613-50610-6|
http://www.paul-pietsch-verlage.de

Kaltenbrunner, Gerlinde / Steinbach, Karin – Ganz bei mir: Leidenschaft Achttausender

Als Extrembergsteiger ständig in den Medien präsent zu sein, war vor drei Jahrzehnten noch undenkbar. Seien es Kammerlander, Messner oder jüngst die Huber-Brüder: Sobald neue Extreme erprobt oder Erstbesteigungen im unkonventionellen Stil durchgeführt wurden, waren die entsprechenden Meldungen auch jenseits der Fachpresse von Interesse. Dennoch ist es erstaunlich, dass die Leistungen der österreichischen Bergsportlerin Gerlinde Kaltenbrunner nicht in größerem Rahmen gewürdigt wurden. Immerhin ist die in Kirchdorf aufgewachsene Profi-Bergsteigerin auf dem besten Weg, als erste Frau alle 8000er bestiegen zu haben – und das wohlgemerkt ohne Unterstützung durch zusätzlichen Sauerstoff und dergleichen.

Für Kaltenbrunner waren die Erfolge aber nicht alleine ausschlaggebend, ihren harten Weg, der seinerzeit in den Alpen begonnen hat, für die Nachwelt festzuhalten. Ihre Grenzerfahrungen, die Dramen, aber auch die Leidenschaft für die Extreme haben in den vergangenen zwei Dekaden genügend Inspiration hinterlassen, das Leben in der Welt der höchsten Gipfel der Welt zu dokumentieren und zu beschreiben, woher die Faszination rührt bzw. wie selbst plötzliche Todesfälle niemals die Motivation stoppen konnten. In „Ganz bei mir“ analysiert Kaltenbrunner letzten Endes nicht nur die Bergwelten des Karakorum und des Himalaya – sie reflektiert auch ihr eigenes Tun, ihre Entscheidungen, potenziellen Leichtsinn, andererseits aber auch die Entschlossenheit und den Ehrgeiz, der nötig ist, um an der Schwelle zwischen Leben und Tod die Nerven zu behalten.

Dabei offenbart der Lebenslauf der unscheinbaren Österreicherin schon eine ständige Suche nach dem eigenen Ich. In einer großen Familie aufgewachsen, schnell auf sich selbst gestellt und schließlich fest entschlossen, der großen Schwester nachzueifern, machte Kaltenbrunner früh die Ausbildung zur Krankenschwester und lernte unterdessen auch ihren ersten Lebensgefährten kennen, mit dem sie erstmals auch im höheren Alpenraum unterwegs war. Dessen Erfahrung und vor allem die Erzählungen von den asiatischen Gebirgen trieben sie sehr früh dazu, nach Pakistan zu reisen, um dort eine größere Expedition zum Broad Peak zu begleiten, die zwar nur bis zum Vorgipfel führte, aber zum ersten Mal – im zarten Alter von 23 Jahren – das Gefühl von bestiegenen 8000 Metern offenbarte.

Kaltenbrunner war infiziert, trainierte hart und entschloss sich, ihre Stelle als Krankenschwester langfristig aufzugeben, um weitere Expeditionen in ihren Zeitplan einflechten zu können. Nach einigen finanziellen Startschwierigkeiten wurden erste Sponsoren gefunden, der Job in einen Outdoor-Vertrieb angeboten und die Rahmenbedingungen geschaffen, weitere Gipfel zu stürmen. Doch schon die ersten Expeditionen zeigten der jungen Dame die Schattenseiten des Extrembergsteigens. Der Tod in Gestalt von Höhenkrankheit, überraschenden Abstürzen, Lawinen und Erschöpfung wurde zum unangenehmen Begleiter ihrer neuen Herausforderungen, und spätestens mit der Dhaulagiri-Expedition 2006, bei der sie hauchdünn am Tod vorbeischlidderte, ist das Bewusstsein eingetreten, dass Schicksal und Bestimmung im Akutfall die Oberhand behalten.

Die Art und Weise, wie Kaltenbrunner und ihre Co-Autorin Karin Steinbach die letzten zwei Dekaden im Gebirge beschreiben, ist allerdings erst das, was „Ganz bei mir“ zusätzlich zu allen Erfolgsdokumentationen und grenzwertigen Erfahrungen auszeichnet. Kaltenbrunner glorifiziert weder ihr eigenes Können, noch verschönert sie die dramatischen Situationen. Es ist der stete Kampf am Berg, gegen das Wetter, gegen den inneren Schweinehund, gegen Schmerzen, Kälte und Willenlosigkeit und zuletzt gegen die Vernunft. Dass zwischendrin sehr detaillierte Beschreibungen über die extremsten Gipfel der Erde stehen, viele persönliche Anekdoten Platz finden und schließlich auch das innige Verhältnis zwischen der Autorin und ihrem langjährigen Wegbegleiter und mittlerweile Ehemann Ralf Duijmovits erwähnt werden, macht die gesamte Lebensgeschichte greifbarer. Anders als bei den Ausführungen eines Reinhold Messner verkommt das Ganze außerdem nicht zum Politikum, sondern bleibt Erlebnisbericht, Kulturreise und atemberaubende Biografie in einem – eben das, was man erwartet und lesen will, wenn ein Mensch schildert, was er auf mittlerweile zwölf Achttausendern erlebt hat!

Doch am Ende ist es vielleicht noch ein bisschen mehr als all das, insbesondere für diejenigen, die das Bergsteigen selber aktiv praktizieren, in den höheren 3000er-Gebieten Erfahrungen gesammelt haben, sich aber mangels Ideen zur Umsetzung nie mit den gewaltigsten Gesteinsmassiven beschäftigt haben. In diesem Fall sind Worte hier mindestens genauso aussagekräftig und ehrfurchterweckend wie ein Diavortrag Kammerlanders oder eine Lesung Messners – und das über eine Krankenschwester zu sagen, die irgendwann die Passion für die Berge entdeckt und angefangen hat, sie zu leben, ist fast schon mehr, als man sich von einem solchen Unterfangen erhoffen kann. Wer sich im Anschluss dabei ertappt, selber Informationen einzuholen, welche Voraussetzungen nötig sind, was technisch gefragt ist und wie der finanzielle Kraftakt Achttausender bewältigt werden kann, der ist nicht nur vom Himalaya und Karakorum infiziert, sondern bei dem hat Kaltenbrunner alles herausgeschlagen, was „Ganz bei mir“ zu bewirken imstande ist!

|320 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3890293325|
http://www.piper-verlag.de/malik/

Messner, Reinhold – Westwand

In beinahe fünf Jahrzehnten hat Reinhold Messner das Klettern und Extrembergsteigen geprägt wie kaum ein zweiter auf diesem Planeten. Er war Vorbild für historische Alpinisten wie Kammerlander und Krakauer, brach Rekorde, probierte stets Revolutionäres und lebte das von ihm propagierte Prinzip Abgrund 24 Stunden am Tag. Dennoch hat auch die in Südtirol lebende, aufgrund der gelegentlich extremen Meinungen häufig polarisierende Kultfigur in ihrem Leben Situationen erlebt, die bei aller Euphorie über das Geleistete zur persönlichen Einkehr motivierten. Es war sicherlich jener schicksalhafte Abstieg am Nanga Parbat, bei dem Messner seinen Bruder Günther verlor, der hier als prägendes Ereignis und großer Schatten über den Erfolgen stand. Doch auch allerhand kleine Niederlagen machten Messner zu dem, was er heute ist, und was er über Jahre verkörpert hat – so zum Beispiel der Aufstieg über die Westwand des Ortlers, der im Sommer 2004 beinahe zur persönlichen Tragödie geworden wäre.

Als Messner vor mehr als fünf Jahren die gefährliche Route zum König des Vinschgaus wählte, war er sich der Risiken sicher bewusst, nicht jedoch der Dramatik, die das Erlebte später beschreiben sollte. Und es war definitiv einer dieser Momente, in denen der Mix aus Risikofreude und Vernunft ein weiteres Mal zum gesunden Mittelweg fand und Schlimmeres verhinderte. In seinem neuen Buch „Westwand“ schildert der legendäre Alpinist nun die Erfahrungen dieses Aufstiegs und das drohende Ende unter einem bedrohlichen Serac unterhalb des Gipfels. Doch dieses Grenzerlebnis ist schließlich nur der Aufhänger für einen sehr kritischen Blick auf den Leichtsinn im Extrembergsteigen und die, in Messners Augen, Fehlinterpretationen dessen, was das Klettern und den Alpinismus im Allgemeinen ausmacht.

Messner wettert hierbei in erster Linie gegen die widersprüchlichen Schein-Idealisten, die gegen die Erschließung romantischer Bergregionen angehen, während sie hierbei selber die Herrlichkeit der großen Blumenwiesen zertrampeln. Eine Menge Aktionismus und Propaganda für den Umweltschutz ist es auf der einen Seite, eine fehlinterpretierte Umsetzung dieser Projekte auf der anderen, die den Autor und erfahrenen Bergsteiger beunruhigen. Die Berge sind für jeden da, haben aber nach Messners Ermessen ebenfalls das Recht darauf, ihre Mythen zu wahren, nicht von jedem erkundet und erschlossen zu werden – und das ausgerechnet aus dem Mund desjenigen, der seit den 60ern aktiv daran beteiligt ist, dass Erstbegehungen in schwierigsten Gebieten keine Unmöglichkeit mehr darstellen.

Die Frage stellt sich nun, was Messner mit „Westwand“ erreichen möchte. Sicher, eines der elementaren Ziele besteht darin, aufzuwecken, Missstände anzuklagen und auch kräftig auszuteilen. Der Autor spart mit Seitenhieben nicht und hält mit seiner sehr direkten Meinung nicht hinterm sinnbildlichen Berg. Doch wo sind die Lösungen? Statt den selbst gewählten Idealismus auch zielgerichtet zu vertreten und ihn auch konsequent zu transferieren, bleibt Messner ausschließlich auf der anklagenden Spur. Gleichzeitig wird er nicht müde, seine persönlichen Errungenschaften im Berg demonstrativ in den Vordergrund zu stellen und sein bisheriges Handeln als Optimum herauszukehren – und genau dieser Aspekt macht das Geschriebene über weite Strecken unsympathisch und überheblich. Der Finger wird gehoben und eine fast schon politische Debatte zum alpinistischen Umweltschutz initiiert. Und genau dieses Element nimmt „Westwand“ einen großen Teil des erhofften Unterhaltungswertes.

Letztgenannter ist nur selten wirklich ausgeprägt, nämlich genau dann, wenn Messner mal etwas tiefer in seinen Erinnerungen schwelgt und auch jene Mission zum Nanga Parbat anschneidet. Es sind die Erlebnisberichte, die weitaus bewegender sind und als Appell spürbar mehr bewirken als die wiederholte Analyse des permanenten Fehlverhaltens des hiesigen wie extremen Bergsteigers. Und selbst dort ist Messner mit seiner persönlichen Meinung nicht im Reinen. Er verurteilt die Leichtsinnigkeit, schätzt aber die Protagonisten des Free-Climbings, allen voran die Huber-Brüder, für ihre Leistungen und das, was sie für das moderne Bergsteigen bewirkt haben. Doch wo ist da die klare Linie?

„Westwand“ hat seine interessanten Momente und verfügt über die wertvollen, unvergleichlichen Erfahrungen eines Menschen, der seine eigenen Grenzen ebenso ausgelotet hat wie die Grenzen des menschlichen Schweinehunds. Doch das Prinzip Abgrund als Devise funktioniert in Messners neuem Roman nicht wirklich. Zu viel Zeigefinger, zu wenig Entertainment vor extremem Hintergrund – dieser Mann weiß grundsätzlich, wie man ein solches Projekt angeht. Doch in diesem Fall ist die bereits öfter aufgeblitzte Engstirnigkeit wieder einmal ein Hindernis, das für Messner größer zu sein scheint als mancher Achttausender. Und dennoch: Man sollte mal einen Blick riskieren, denn die zahlreichen Bildaufnahmen in „Westwand“ machen das Buch schon wieder fast unersetzlich. Was für ein Zwiespalt …

|224 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3100494160|
http://www.fischerverlage.de

Thiemeyer, Thomas – Nebra

Kaum jemand würde die kleine sächsische Stadt Nebra kennen, wäre dort nicht 1999 die nach dem Ort benannte „Himmelsscheibe von Nebra“ von Raubgräbern gefunden worden. Das rund 3600 Jahre alte Artefakt ist von unschätzbarem Wert, bereits seine Fundgeschichte ist ein Krimi. Über Mittelsmänner wurde die Scheibe illegal weiterverkauft, bis die Schweizer Polizei sie im Jahr 2002 bei einem fingierten Kauf sicherstellen und an das Land Sachsen-Anhalt zurückgeben konnte. Heute wird die Scheibe als Prunkstück im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt, von einem ungefähren Versicherungswert von 100 Millionen Euro wird gemunkelt.

Mittlerweile ist es eher ruhig geworden um die Himmelsscheibe, die gründlich untersucht wurde und zu zahlreichen Spekulationen verleitet hat. Denn die weltweit älteste Darstellung des Nachthimmels mit ihren Mond-, Sternen- und Sonnensymbolen, rund 200 Jahre älter als die ältesten bekannten ägyptischen, ist in ihrer Deutung nach wie vor umstritten und gibt den Archäologen Rätsel auf. Eine der faszinierendsten Theorien stammt von der an der Erforschung beteiligten Archäologin und Spezialistin für Religionen der Bronzezeit, Miranda Aldhouse-Green: Die Häufung religiöser Themenkreise wie Sonne, Sonnenwenden, Sonnenbarke und Mond sowie der Plejaden stelle eine Sammlung verschiedener europäischer (Anmerkung: Die Sonnenbarke steht eher in ägyptischer Tradition) religiöser Symbole dar und könnte einem europaweiten, komplexen Glaubenssystem angehören und eine heilige Botschaft repräsentieren.

Da man die Himmelsscheibe von ihrem Fundort am Mittelberg aus an dem ca. 85 Kilometer entfernten Berg Brocken im Harz justieren und so zur Beobachtung von Sommer- und Wintersonnenwenden nutzen kann, bot sich für den Autor Thomas Thiemeyer eine blendende Gelegenheit, ein archäologisches Rätsel mit einer geballten Ladung Mythologie und Abenteuer zu verbinden. Der Brocken ist bekannt für die Walpurgisnacht und Hexensabbat. Der christliche Versuch, das heidnische Beltanefest durch das Überstülpen eines christlichen Feiertags, eben den der heiligen Walburga, zu assimilieren und in Vergessenheit zu bringen, war bis heute nicht völlig erfolgreich.

Hier setzt Thiemeyer an: Auch im Jahr 2008 gibt es den heidnischen Kult noch. Der ganze Harz ist auf den Beinen und bereitet sich auf eine groß angelegte Walpurgisnacht vor, ein großes Fest für den Tourismus und ein Gräuel und Frevel für die Sekte. Doch die Sterne stehen günstig, zudem wurde die fehlende Himmelsscheibe mittlerweile entdeckt. Mit ihrer Hilfe will man die Tore zur Hölle öffnen und strafende Dämonen entfesseln. Blitze, Hagel und Wetterleuchten rund um den Brocken sind nur der Anfang … Unfreiwillig im Mittelpunkt steht die aus Thiemeyers erstem Roman [„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482 bekannte Archäologin Hannah Peters, die zu diesem Zeitpunkt versucht, die Geheimnisse der Himmelsscheibe von Nebra zu lüften.

_Ein Riesenbrocken Spaß, Spannung, Mythologie, Archäologie und Abenteuer_

Thomas Thiemeyer (* 1963) studierte Kunst und Geologie in Köln und machte sich sowohl als Schriftsteller als auch Illustrator einen Namen. Das kommt auch der Gestaltung von „Nebra“ zugute, denn das Cover hat der Meister, wie bereits bei „Medusa“, „Reptilia“ und „Magma“, selbst gestaltet.

Schriftstellerisch hat Thiemeyer sich seit „Medusa“ kontinuierlich weiterentwickelt. Nebra liest sich noch flüssiger als „Magma“ und ist noch packender und faszinierender als seine Vorgänger. Wie er die reiche Kultur und Geschichte Deutschlands als Grundlage seines Romans nutzt, ist wirklich großartig. Wer hätte gedacht, dass man babylonische, ägyptische, britisch-bronzezeitliche und andere mythologische Elemente stimmig in den Harz verlegen kann? Der Prolog um vier Jugendliche, die sich während einer Klassenfahrt in eine Höhle im Brocken verirren, von einer Art Wolfsmenschen gefangen und in ein heidnisches Ritual als Opfer eingebunden werden, ist nur der Beginn eines Ideenfeuerwerks, das seinesgleichen sucht. Ich fühlte mich spontan an Michael Crichtons „Eaters of the Dead“ erinnert, beziehungsweise an die bekannte Verfilmung „Der 13te Krieger“ mit Antonio Banderas.

Interessant dürfte auch ein Vergleich mit Dan Brown und Ken Follett sein, die einen ähnlichen Stil pflegen, zumindest, was die Länge der Kapitel und Wechsel der Perspektive angeht. „Nebra“ unterteilt seine 507 Seiten in 57 Kapitel. Liegt das Geheimnis moderner Romane etwa auch in Kürze und Abwechslung? Wegen der gelungenen Kombination von Fiktion und Deutung archäologischer Hinweise kann „Nebra“ hier punkten, die Geschichte entwickelt sich im Schneeballsystem zu einer wahren Lawine. Ständig erfährt man etwas Neues, Faszinierendes. Gelegentlich kann ein aufmerksamer Leser sogar den Charakteren voraus sein und Fakten und Verdachtsmomente erfolgreich kombinieren, was mir sehr gut gefallen hat.

Eine meiner Lieblingsfiguren war der pensionierte Kommissar Pechstein, der ein guter Freund des Polizeipräsidenten ist und seine ehemalige „Schülerin“ und Nachfolgerin Ida Benrath bei aller Freundschaft mit seiner väterlich-bevormundenden Art doch gehörig nervt und die Ermittlungen teilweise auch eher behindert. Glaubhafte und interessante Nebencharaktere geben „Nebra“ noch eine Extraportion Würze. Leider trifft das nicht auf die Hauptfigur Hannah Peters zu. Eine schöne, intelligente und leider auch komplizierte Frau, die gelegentlich doch sehr naiv ist, mag an und für sich eine interessante Figur sein, doch scheint das Genre Abenteuerroman zwischen zwei Extremen zu pendeln. Entweder hat man charismatische Über-Figuren wie einen Indiana Jones oder relativ austauschbare Stichwortgeber und Rätselknacker à la Robert Langdon. Letzterer musste in „Sakrileg“ seine geliebte Vittoria aus „Illuminati“ für ihre Forschung an einem ominösen Schwarm wandernder Rochen vor der indonesischen Küste aufgeben, während Hannah Peters ihr Ex- oder Möchtegern-Freund John nach wie vor hinterherhechelt. Ob es nun Hannah Peters, David Astbury oder Ella Jordan sind, die in Thiemeyers Romanen agieren, der Hauptcharakter ist grundsätzlich ersetzbar, denn es ist stets die fabelhafte Geschichte selbst, die fasziniert.

_Fazit:_

„Nebra“ könnte bereits im Frühjahr der Roman des Jahres 2009 sein. So viel geballte und intelligente Unterhaltung scheint nur Thiemeyer in Serie produzieren zu können, und wieder einmal übertrifft er sich selbst. Dabei ist er abwechslungsreicher als Dan Brown, der stets dasselbe grundlegende Schema neu aufkocht. Das Mythologie/Archäologiespektakel am Brocken ist zudem aktueller und innovativer als ein zugegeben gelungener Neuaufguss längst bekannter Gralslegenden. Kurz gesagt, wer Dan Browns Romane mag, der muss Thiemeyers Romane lieben; ich persönlich halte sie, wie erwähnt, in vielerlei Hinsicht für noch besser.

Tipp: „Nebra“ kaufen, „Google Earth“ installieren und sich die Gegend um den Brocken und andere Handlungsschauplätze des Romans ansehen und zusätzlich zur Lektüre kredenzen. Hannah Peters ist, wie vermutlich der Autor des Romans auch, von dem Programm begeistert.

http://www.thiemeyer.de/

_Mehr von Thomas Thiemeyer auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Thomas Thiemeyer 03/07 – »Magma ist großes Kino«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74
[Interview mit Thomas Thiemeyer 09/04 – »Am liebsten male ich groß, fett und in Öl.«]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25
[„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482
[„Reptilia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1615
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3415
[„Magma“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4796 (Hörbuch)

Bonné, Mirko – eiskalte Himmel, Der

Es gab eine Vielzahl von Expeditionen in die Antarktis. Das Ewige Eis wurde von vielen Abenteuern und Entdeckern, die nach Ruhm strebten, unterschätzt, viele fanden den Tod oder blieben verschollen. Plötzliche Witterungsänderungen, Schneestürme, Mangel an Nahrung und die großen Entfernungen, die zurückzulegen sind, forderten zahlreiche Opfer. Neben Roald Amundsen und Robert Falcon Scott zählt auch Ernest Henry Shackelton zu denjenigen, die als Polarforscher in die Geschichte eingegangen sind.

Auch im 21. Jahrhundert ist die Polarforschung noch lange nicht abgeschlossen. Zwar verfügen die Wissenschaftler und Forscher inzwischen über eine ganz andere Ausrüstung als ihre Vorgänger, doch die Wetterbedingungen und die Gefahren sind dennoch nicht zu unterschätzen. Die Polargebiete (Arktis und Antarktis) bergen weiterhin viele Geheimnisse, nicht nur an Bodenschätzen, sondern auch an klimatischen Besonderheiten und weiteren Sonderheiten.

„Der eiskalte Himmel“ des deutschen Autors Mirko Bonné ist dessen dritter Roman, den man im historischen Genre ansiedeln kann. In diesem Roman beschreibt der Autor detailliert und akribisch die Shackleton-Expedition in die Antarktis im Jahre 1914. Das Ziel von Ernest Henry Shackleton war es, den antarktischen Kontinent zu Fuß zu durchqueren. Ein ziemlich verwegenes und eigentlich überflüssiges Wagnis des Briten, da dies längst von dem Norweger Amundsen gewagt worden war.

Mirko Bonné erzählt das Drama aus der Perspektive des 17-jährigen Merce Blackboro, der sich bei dieser historischen Expedition als blinder Passagier beteiligte. Schnell wurde er allerdings zum Maskottchen am Bord der |Endurance|.

_Die Geschichte_

Drei Tage bevor die Briten 1914 den Deutschen den Krieg erklären und der erste Weltkrieg beginnt, startet der britische Polarforscher Ernest Henry Shackleton eine Expedition in das Ewige Eis. Mit seiner 27-köpfigen Besatzung und einen blinden Passagier an Bord bricht er im August mit seinem Schiff, der |Endurance|, auf. Als sie den 17-jährigen Merce Blackboro aus New Port finden, ist es zu spät umzukehren, also fährt dieser als Küchenjunge angeheuert mit.

In den Antarktischen Gewässern durch Eis, Schnee und unmenschlicher Kälte steuert die |Endurance| mit ihrer entschlossenen Besatzung den südgeorgischen Walfangort Grytviken an. Der Leiter dieser Walfangstation rät aufgrund des vielen Packeises von einer Weiterfahrt ab. Auch der Pastor bekniet das Expeditionsteam, Gott nicht herauszufordern und die Unternehmung abzubrechen.

Am 5. Dezember 1914 verlässt die Endurance allen Warnungen und Ahnungen zum Trotz den Walfangort in Richtung der Südsandwichinseln. Schnell umgibt das Schiff eine unendlich erscheinende Eisdecke. Es ist still am Bord, still auf der See – nur meterhohe Eisberge und Eisfelder bewegen sich knirschend um das Expeditionsschiff. Eine dunkle Kälte umgibt die Mannschaft,und besonders spüren sie diese mit dem Einbruch der Nacht, wenn die so genannte Rattenwache stattfindet, die von Mitternacht bis zum frühen Morgen gehalten wird. Am ersten Weihnachtstag sind sie noch weit von ihrem gewünschten Zielpunkt entfernt und wissen, dass es bis Ende Januar hart werden wird.

Als sie Coatsland erreichen, sind sie umringt von steilen Eisküsten, ein Schneesturm bricht über sie herein; sie suchen Schutz in einer Bucht und werden vom Packeis eingeschlossen. Die Strömung treibt die |Endurance| noch weiter von der Küste weg, so dass sie schließlich am 25. Februar 1915 eingeschlossen sind.

Monate der Einsamkeit stehen der Expedition bevor. Der antarktische Winter hat vorerst gesiegt und die Unternehmung kann als gescheitert betrachtet werden. Die Besatzung ist nun auf sich allein gestellt und wird durch eisige Temperaturen, die Dunkelheit der Polarnacht und die endlose Langweile auf eine schwere Probe gestellt. Die Stimmung der Mannschaft sinkt, und als die mitgebrachten Schlittenhunde verenden, liegen alle Nerven bloß.

Die |Endurance|, eingeschlossen vom Eis, wird zerstört, doch die Männer retten sich auf die drei Beiboote und eine Eisscholle. In ihrem Lager aus Eis verharren sie und müssen zusehen, wie die |Endurance| mit dem zurückkehrenden Sommer versinkt. Geschockt und fassungslos versinkt zugleich die Hoffnung auf Rettung in den Fluten des Eismeeres. Mit ihren kleinen Beibooten gelingt es ihnen dennoch, der Gefahr vorerst zu entfliehen, und so landen sie im April 1915 auf einer von Sturmwinden umtosten Insel.

Doch sie wissen, dass ihr Proviant sich dem Ende zuneigt und sie einen weiteren antarktischen Winter keinesfalls überleben können. Ernest Henry Shackleton trifft eine konsequente Entscheidung. Zusammen mit fünf seiner Männer bricht er auf, um Hilfe zu holen. Das Ziel ist die bereits besuchte Walfangstation Grytviken …

_Eindrücke_

Mirko Bonné beschreibt in „Der eiskalte Himmel“ das Drama dieser Expedition und benutzt dafür den blinden Passagier als Beobachter und Erzähler. Die Geschichte ist ein klassischer historischer Abenteuerroman und weist viele Elemente im Stil eines Jack London auf. Mirko Bonné schafft es sprachlich gut, die britische, sehr kultivierte Umgangssprache, die unter der Mannschaft Verwendung findet wird, einzufangen. Trotz aller dramatischen Situationen kommen diese Umgangsformen ernst, aber unterhaltsam zu lesen daher. Ob dies nun als authentisch zu werten ist, kann ich allerdings nicht bestätigen. In den Beschreibungen erkennt man jedenfalls ganz klar den Lyriker, der in Mirko Bonné schlummert.

Persönlich empfand ich den Roman als zu schwerfällig, vielleicht auch aufgrund des erwähnten Sprachstils, den der Autor verwendet hat. Die Dramaturgie wurde zwar ausgearbeitet, aber die Hoffnungslosigkeit und die Ängste der Mannschaft wurden mir zu wenig greifbar. Vielleicht liegt diese Wahrnehmung auch darin begründet, dass die Geschichte aus der Sicht eines 17-jährigen Jungen beschrieben wird. Der Leser benötigt schon recht viel Geduld und Ruhe zur Lektüre, aber er findet diese Ruhe auch in der Geschichte selbst, die manchmal belanglos dahinplätschert.

Die ganze Erzählung verströmt dafür einen schon viel zu humoristischen Grundton. Der Autor erzählt zwar faszinierend und mit viel Fantasie von den endlosen Weiten der arktischen Wildnis und man spürt förmlich die klirrende Stimmung dieser für uns fremden und trostlosen Welt, doch bleibt diese unterm Strich nur eine Illusion. Denn in solch einem Drama, in dem es um Leben und Tod geht, hat Humor für meine Begriffe nicht viel zu suchen.

_Der Autor_

Mirko Bonné (* 1965 im oberbayerischen Tegernsee) ist ein deutschsprachiger Schriftsteller. Nach dem Abitur 1986 jobbte Mirko Bonné unter anderem als Taxifahrer und Altenpflegehelfer. Seit 1994 ist er als Autor, Feuilleton-Publizist und Übersetzer tätig. Mirko Bonné lebt in Hamburg und ist Mitglied des Internationalen P.E.N.-Clubs.

Gegenstände des Alltagslebens werden insbesondere in seinen Lyrikbänden in eine „sinnliche Schwebe“ (Literaturwissenschaftlerin Maike Albarth) gehoben. Geschärft hat Mirko Bonné seine Wahrnehmung in der Übersetzung englischsprachiger Lyriker wie Keats, Cummings und Yeats sowie französischsprachigen wie dem rumänisch-jüdischen Surrealisten Ghérasim Luca. Neben drei eigenen Romanen hat er das Hörspiel „Roberta von Ampel“ (1992) verfasst. In der |FAZ| und anderen Zeitungen veröffentlichte er Gedichte, Essays und Artikel.

http://www.heyne.de

Kern, Claudia – Anno 1701: Kampf um Roderrenge

Nach den Adaptionen zahlreicher Ego-Shooter und Fantasy-Spiele folgt nun endlich auch der Strategie-Bereich in einer lebendigen Roman-Aufarbeitung. „Anno 1701“, neben den berüchtigten „Siedlern“ der wohl erfolgreichste Genre-Beitrag des endenden Jahres, lieferte Claudia Kern die Inspiration für einen überraschend spannenden Abenteuerroman, der sich sphärisch dicht an die PC-Welt anlehnt und dennoch als eigenständiger Plot abseits gewohnter Schemen funktioniert. „Anno 1701“ – scheinbar nicht nur am Bildschirm ein Hit!

_Story_

Der junge Arbor schlägt sich nach dem Tod seiner Eltern als Handlanger des Piraten Rodriguez mehr schlecht als recht durchs Leben. Derzeit hat er an Bord der |Windemeer| des wohlhabenden Gouverneurs Marten von Rallingen angeheuert, um dort zu intrigieren und die Besitztümer des Adligen in die Hände seiner Auftraggeber zu befördern. Da er jedoch nicht imstande ist, für seine Ziele zu töten, entgeht er Rodriguez und dessen Häschern und sticht mit von Rallingen in See.

Als die |Windemeer| Tage später einem heftigen Sturm ausgesetzt ist, fliehen ihr Besitzer und Jon als letzte Überlebende auf das Beiboot des Seglers, jedoch gelingt es nur dem jungen Matrosen, sich zu retten. Gemeinsam mit der Schatztruhe des Gouverneurs wird er von einem Händler entkräftet aufgefunden und nach Roderrenge, eine Kolonie von Rallingens, gebracht und dort tatsächlich für den verstorbenen Schiffseigner gehalten. Jon lässt sich alsbald auf das Spiel ein und schlüpft in die Scheinrolle des Gouverneurs, erlernt die Geschicke seiner Position und verändert das negative Gesamtbild, das die arme Bevölkerung Roderrenges von ihrem Regenten hat.

Doch just in dem Moment, in dem das Leben und der Handel auf Roderrenge florieren wie schon lange nicht mehr, sieht sich Jon einer neuen Bedrohung ausgesetzt; die Insel wird von Unbekannten angegriffen, die Ernte ruiniert und die Behausungen der meisten zerstört. Dies lässt der Inselherr aber nicht lange auf sich sitzen; auf der Suche nach den Urhebern lässt er sich auf einen unmoralischen Deal ein, enttarnt die unverhofften Betrüger in seinen Reihen und schwört, seine dahingeschiedenen Freunde zu rächen. Doch je weiter seine Reise führt, desto unschlüssiger ist sich der einstige Pirat, wer nun tatsächlich hinter den Anschlägen auf Roderrenge steckt …

_Persönliche Meinung_

Die Aufgabe, sich sowohl an den Vorgaben des Spiels als auch an den Erwartungen der kritischen Fans zu orientieren, war mitunter die schwierigste, die die Autorin zu meistern hatte. Einerseits galt es sicherlich, die Atmosphäre des Insel-Strategie-Klassikers aufrechtzuerhalten, andererseits war aber sicher auch eine gewisse Distanz vonnöten, damit die Story auch als eigenständig und zumindest im Rahmen des Möglichen als innovativ erachtet werden darf. Diesen Balanceakt hat Claudia Kern im Laufe der relativ knappen Story jedoch weitestgehend überzeugend gemeistert, wobei die stringente Linearität des Plots manchmal noch ein wenig mehr Detailfülle verlangt hätte. Gerade im zweiten Teil, als sich die Szenen geradezu überschlagen und die Geschichte mit vielen raschen Wendungen fortschreitet, fehlt es an Entfaltungsspielräumen, die gerade im Bezug auf Jons obskure Planungen etwas besser ausstaffiert hätten sein müssen. So nämlich steuert die Erzählung auf ein allzu flott überwundenes Finale zu, welches leider nicht gänzlich das Potenzial der eigentlichen Handlung auszuschöpfen vermag.

Dass Kern indes durchaus in der Lage ist, ein spannendes, umfassendes Abenteuer-Setting zu kreieren, beweist die Autorin besonders auf den ersten hundert Seiten, die einerseits nicht weniger wechselfreudig sind als die zweite Halbzeit, andererseits aber jeglichen Freiraum nutzen, um die Charaktere und ihre Motivationen etwas näher zu beleuchten. Außerdem ist der Plot zu diesem Zeitpunkt noch von einigen Mysterien umgeben, die sich vor allem um die Personen auf Roderrenge ranken, allesamt Leute, die nicht weniger zu verbergen haben als der falsche Gouverneur Jon Arbor. Speziell dieser Aspekt heizt die Spannung im Gesamtverlauf immer wieder deutlich an und ermöglicht eine Vielzahl überraschender Begebenheiten, die selbst die erprobte Spürnase nicht dringend durchschaut hätte. In diesem Sinne ist „Kampf um Roderrenge“ auch ein erstklassiger Roman!

Derweil zehrt die Story weiterhin von den zahlreichen Lügen und Intrigen, von Täuschungen und Scheinrealitäten, wobei schlussendlich wirklich niemand mehr um die wahre Identität des jeweils anderen weiß. Bedingt dadurch wird das Erzähltempo auf einem gewissen Höchstmaß festgehalten und erst auf den letzten, leider nicht ganz so befriedigenden Seiten rapide abgesenkt. Auch diesbezüglich gilt der Autorin ein deutliches Lob, da die Materie definitiv nicht jederzeit das Potenzial bietet, diesen Geschwindigkeitslevel fortwährend zu halten.

Der einzige Kritikpunkt dieses überraschend starken Buches bezieht sich auf die teils zu kompakte Schreibweise und den mangelnden Facettenreichtum. „Kampf um Roderrenge“ verdient etwas mehr Ausschmückung bzw. ein kleines bisschen mehr Liebe zum Detail in den jeweiligen Szenensprüngen. Ansonsten darf man dem Projekt eine durchaus gelungene, nicht nur für eingeschworene Fans empfehlenswerte, alles in allem überzeugende Umsetzung attestieren, die direkt nach einer Fortsetzung verlangt. Entsprechende Voraussetzungen liefert das PC- und Konsolenspiel jedenfalls ausreichend!

http://www.paninicomics.de/anno-1701-s10512.html

Mark Hebden – Geisterstadt am Amazonas

Hebden Geisterstadt Cover kleinDrei Abenteurer begeben sich auf eine moderne Schatzsuche in den Norden Perus. In einer verfallenen Geisterstadt geraten sie nicht nur aneinander, sondern müssen sich auch vor der gefährlichen Natur in Acht nehmen … – ‚Kleiner‘ aber gelungener Abenteuerroman, der aus dem uralten Plot von der riskanten Suche nach dem versunkenen Schatz spannend das Beste macht.
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Jules Verne – Die geheimnisvolle Insel

Fünf Männer stranden auf einer einsamen Pazifikinsel. Sie kämpfen gegen die Elemente und hungrige Tiere. Später machen ihnen Piraten zu schaffen, und zu allem Überfluss ist die Insel Sitz einer geheimnisvollen Macht mit überirdischen Kräften … – Abenteuer, Triumphe des menschlichen Geistes & Mysterien: Dies ist ein Jules Verne in Hochform, der seine (dem heutigen Leser vermutlich zu ausschweifende) Geschichte über die gesamte Distanz fesselnd und mit immer neuen Überraschungen erzählt. Der zeitlose, oft verfilmte Klassiker ist endlich wieder greifbar, auch wenn es sich nur um eine „überarbeitete“ Uralt-Übersetzung handelt.
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Quincy, Paul – Schwarze Flagge – Rote Segel

Die Piratengeschichten haben seit „Pirates of the Caribean – Fluch der Karibik“ wieder Konjunktur. Ruhmreiche Seeschlachten, verwegene Gestalten, romantische Liebe und nicht zuletzt das Mystische, Geheimnisvolle wollen spannend und unterhaltsam erzählt werden.

Piraten gab es damals aus jeder Nation. Für die einen waren sie gefürchtete und erfahrene Seeleute, die nichts mehr zu verlieren hatten und demnach jedes Risiko eingegangen sind, für die anderen waren es Nationalhelden, die die Seewege sicherten bzw. feindlich gesinnte Schiffe anderer Nationen aufbrachten, plünderten und oftmals keine Gefangenen machten – wo kein Kläger, da auch kein Richter. Besonders die Karibik mit ihren Unmengen an unerforschten Inseln, aber auch wirtschaftlich wichtigen Gütern war nicht nur das Ziel von Piraten, sondern hier erschlossen sich für handelnde Nationen wahre Goldgruben exotischer und einmaliger Waren.

Im Jahre 1776 herrscht ein brüchiger und unruhiger Frieden. England beherrscht mit seinen Kolonien in Nordamerika das politische Geschehen. Die fernen Kolonisten in Amerika wirken aufrührerisch und möchten sich der englischen Besatzung entledigen, um eine eigene Nation zu bilden. Sie stehen damit nicht alleine da, denn die französische Nation unterstützt die junge, sich noch im Entstehen befindliche Nation. Frankreich hatte zu diesem Zeitpunkt zu England über Jahrhunderte bereits eine Erzfeindschaft.

Der Autor Paul Quincy erzählt in seinem Roman „Schwarze Flagge – Rote Segel“ von den Geschehnissen jener Epoche.

_Die Geschichte_

1776 befindet sich der europäische Kontinent in einem ungewohnten Zustand des Friedens. Eine unruhige Zeit, in der jede Nation versucht, ihre Kolonien in Übersee zu stabilisieren, um den Handel mit Waren zu kontrollieren, die Wohlstand und ein gewisses Monopol gewährleisteten. Doch selbst England hat es nicht einfach in seinen Kolonien. Zwar haben sie den Krieg gegen Frankreich um die Vorherrschaft in Nordamerika gewonnen, doch nun sehnen sich die Kolonisten aus allen Ländern nach Unabhängigkeit und der Eigenständigkeit einer eigenen Nation.

Die große Entfernung macht die Kontrolle nicht unbedingt einfach; über Seewege müssen die Truppen auf dem amerikanischen Kontinent versorgt werden, doch diese werden von Freibeutern immer wieder aufgebracht und vernichtet. Oftmals gibt es keine Überlebenden, die Zeugnis vom Geschehen ablegen können – ein unhaltbarer Zustand für das britische Empire. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kennen die Freibeuter erschreckend genaue Details über die Pläne und Versorgungslinien der englischen Flotte.

Der junge Leutnant William Turner wird von der britischen Admiralität aufgefordert, den Verräter innerhalb der Flotte zu finden und zu beseitigen – ein legitimierter Auftragsmord der englischen Krone. Turner ist von diesem Befehl hin- und hergerissen. Einerseits wäre es das erste eigene Kommando für den jungen Offizier, andererseits weiß er, dass dieses Kommando eine tödliche Mission sein kann.

Sein Schiff wird ein kleines, aber mit hochmodernen Waffen ausgerüstetes Schiff sein – das Kriegsschiff |Shark|. Seine eigenen Offiziere haben mit den aufrührerischen Rebellen noch viele offene Rechnungen zu begleichen, und für Turner ist dies die Chance, zu Amt und Würden zu gelangen. Sein Name ist nicht unbekannt in der englischen Flotte, viele kennen ihn auch unter den Namen „Wild Bull“, weil er kein Risiko scheut und oftmals seine Befehle etwas zu draufgängerisch sind.

In wenigen Monaten hat sich der junge Leutnant Turner einen Namen gemacht, aber auch die Gefahr steigt, damit selbst ein Ziel für die Freibeuter zu werden, denn die Übergriffe und die Brutalität eines bestimmten Freibeuterschiffes mit schwarzen Segeln nehmen immer mehr zu …

_Kritik_

Dem Leser werden die Parallelen bekannter Persönlichkeiten zu „Fluch der Karibik“ auffallen. Der Name William Turner und ebenso der weibliche Part der Elisabeth sind vielleicht eine Hommage an die berühmte Piraten-Trilogie, vielleicht auch eine an den Marinemaler William Turner (1775 – 1851). Der Roman ist das Erstlingswerk des Autors Paul Quincy und weist noch so einige Schwächen auf, die, wie ich hoffe, in den nächsten Romanen weiter abgebaut werden.

Die Handlung ist recht flach und vorhersehbar gehalten und der Autor schafft es nicht wirklich, Spannung aufkommen zu lassen. Einzig und allein die Seeschlachten sind wirklich spannend erzählt, wenn auch an manchen Stellen zu blutig und brutal geschildert. Zum Glück unterlässt es der Autor, mit nautischen Begriffen die Handlung in die Länge zu ziehen.

Die Charaktere sind nicht unbedingt vielschichtig. Turner und Elisabeth erinnern so manches Mal an ihre Originale in „Fluch der Karibik“. Vielleicht gedachte der Autor, mit diesen bekannten Filmfiguren einen gewissen Wiedererkennungsgrad zu bewirken und Leser dazu zu verführen, den Roman eher zu kaufen. Ich hätte durchaus gerne mehr gelesen über den Hauptcharakter mit seiner Vergangenheit, die gar nicht uninteressant gestaltet ist.

Leider reiht sich Klischee an Klischee; für einen Erstlingsroman allerdings bedingt entschuldbar. Auch die historischen Begebenheiten werden mir zu wenig erklärt, denn gerade in diesem Konflikt ist die Thematik für das Verstehen der Handlungen unabdingbar. Und gerade dieser Konflikt birgt den Stoff für viele unzählige Abenteuergeschichten, um gleich mehrere Handlungen verstrickt erzählen zu können. Paul Quincy lässt die Handlung jedoch viel zu schnell voranschreiten und vieles bleibt unerwähnt der Interpretation des Lesers überlassen.

_Fazit_

Es wird deutlich, dass die Geschichte um den jungen William Turner noch stark ausbaufähig ist. Die Charaktere alleine bergen schon mächtig viel Potenzial, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass die Reihe auf mehrere Teile ausgelegt sein wird.

Für Freunde von Seeschlachten und Freibeutern ist dieser Roman sicherlich unterhaltsam und macht Lust auf mehr. Seien wir gespannt auf die nachfolgenden Romane des Autors, der hoffentlich noch an seinem handwerklichen Können arbeiten wird.

_Der Autor_

Paul Quincy startete als Schiffsjunge auf einem Frachter in der Nordsee und wechselte dann als Matrose auf einen Stückgutfrachter der Handelsmarine. Nach mehreren Jahren in der Karibik befuhr er mit dem Steuermanns- und Kapitänspatent in der Tasche alle Ozeane der Welt. Zurzeit verdient er seinen Lebensunterhalt vorwiegend als Skipper auf Yachten in der Ostsee und im Mittelmeer.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/

Schröder, Rainer M. – Labyrinth der schwarzen Abtei, Das (Die Bruderschaft vom Heiligen Gral 3)

|Die Bruderschaft vom Heiligen Gral:|
Band 1: [Der Fall von Akkon]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2324
Band 2: [Das Amulett der Wüstenkrieger]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2727
Band 3: _Das Labyrinth der schwarzen Abtei_

Paris im August 1306: Die vier Gralshüter Gerolt, Tarik, Maurice und McIvor haben den Gral aus Akkon retten und nach einer abenteuerlichen Flucht aus Ägypten, quer durch die Sahara und verfolgt von den Häschern des ersten Knechts des Teufels, Sjadú, sicher in den Gewahrsam der Templerburg im Herzen Frankreichs bringen können.

Im Schutz des Templerordens verweilt der Gral lange Zeit sicher vor dem Zugriff der Iskaris, während die vier Gralshüter im Streit auseinandergegangen sind. Tarik arbeitet an einer Übersetzung des Koran, der Stein des Anstoßes für den Zwist. So kommt es, dass Gerolt in Deutschland weilt und seinen verhassten Bruder aufsucht, während Maurice vom Ordensobersten Antoine einen Bußgang auferlegt bekommen hat, da er einfach nicht weiblichen Reizen widerstehen kann. Tarik selbst ist als Stellvertreter Antoines in der Ordensburg zurückgeblieben, während McIvor diesem geflissentlich aus dem Weg geht. So kommt es auch, dass er alleine in einer Schänke über einen Krug Bier brütet, als er in der Nacht vom 12. auf Freitag, den 13. Oktober, von Männer des Königs belästigt wird.

McIvor ist gezwungen, sich gegen die unverhohlene Aggression zur Wehr zu setzen. Er findet ein versiegeltes Dokument mit Befehlen, die eine unverzügliche Verhaftung aller Templer in Frankreich anordnen. Ihnen wird Ketzerei, Sodomie und Götzendienst vorgeworfen. Obwohl McIvor sofort aufbricht, um seine Brüder zu warnen, ist es zu spät: Tarik und Antoine werden mitsamt der gesamten Besatzung der Ordensburg eingekerkert, nur wenige Templer können der perfekt organisierten Polizeiaktion des Königs von Frankreich entkommen.

Für den Plan Philipp des Schönen zeichnet sein Vertrauter Wilhelm von Nogaret verantwortlich, Sjadú hat die günstige Gelegenheit ergriffen, um den König und seinen Stellvertreter zu manipulieren und bereits vorhandenen Hass in seinem Sinne zu nutzen. Der König braucht Geld, welches der Orden im Übermaß besitzt. Zudem musste Philipp sich erst kürzlich schmachvollerweise vor einem Aufstand der eigenen Bürger in der Pariser Ordensburg verstecken, die zu einem Distrikt von beachtlicher Größe gewachsen ist. Das Missfallen des Königs gegen einen mächtigen Staat im Staat und die Tatsache, dass sein Mitgliedsantrag im Templerorden abgelehnt wurde, führen schließlich dazu, dass Philipp IV. nur zu gerne Sjadú und Nogaret sein Ohr leiht …

Es liegt in den Händen McIvors, die Gefährten wieder zu vereinen und den Gral zu retten. Doch ist es damit alleine nicht getan; der Gral muss erneut vor den Iskaris verborgen werden. Die Flucht führt die Gruppe fort aus Frankreich, man beschließt, nach Portugal zu reisen, wo die Templer nicht verfolgt werden. Auf ihren Weg durchziehen die Gralshüter das Gebiet der Katharer, wo es zu einem Wiedersehen mit Beatrice und Heloise kommt, die in die Hände der Inquisition geraten sind und ihrer Hilfe bedürfen.

_Der Autor_

Rainer M. Schröder (* 1951) beschreibt sich selbst als Mann mit vielen Neigungen und Talenten. Bevor er im Jahr 1977 zum Schriftsteller wurde, studierte er Gesang, später Jura und Theaterwissenschaften, arbeitete als Lokalreporter für rheinische Lokalzeitungen und den Rundfunk. Beeinflusst von Autoren wie Jack London und Joseph Conrad, unternahm er zusammen mit seiner Frau abenteuerliche Reisen, von den Everglades über den stürmischen Nordatlantik bis in die australische Wildnis. Zusammen mit dem berühmten Schatztaucher Mel Fisher tauchte er nach der spanischen Schatzgaleone Atocha; diese Erlebnisse verarbeitete er in seinem Abenteuerroman „Das Goldriff“. Heute lebt er in Palm Coast, Florida.

Während Rainer M. Schröder in Deutschland vor allem als Jugendbuchautor mit Schwerpunkt auf historischen Themen bekannt ist, veröffentlichte er unter dem Pseudonym Ashley Carrington umfangreiche historische Gesellschaftsromane für ein erwachsenes Publikum. „Der Fall von Akkon“ stellte den ersten Band der Trilogie „Die Bruderschaft vom Heiligen Gral“ dar, mit der Rainer M. Schröder sowohl jugendliches als auch erwachsenes Publikum erreichen will. Es folgten „Das Amulett der Wüstenkrieger“ und „Das Labyrinth der schwarzen Abtei“.

_Die Zerschlagung des Templerordens_

|“Nun legte Sjadú dem Fürsten der Finsternis ausführlich dar, wie er sich diesen vernichtenden Schlag gegen den mächtigen Orden der Templer vorstellte und wie er ihn in die Wege zu leiten gedachte. Und es war ein wahrhaft überzeugender, teuflischer Plan (…)“|

So unheilvoll deutete Rainer M. Schröder bereits am Ende des letzten Bandes an, was der Leser in „Das Labyrinth der schwarzen Abtei“ zu erwarten hat. Allerdings beschränkt er sich auf die historische exakte Wiedergabe einer der ersten Großrazzias der Geschichte; Sjadú kommt hier nur die Rolle eines Einflüsterers zu. Der Fokus liegt auf den vier Gralshütern, bei denen Gerolt und Maurice weitab vom Geschehen sind und ihre eigene kleine Geschichte erzählen, bis McIvor sie zur Rettung des Grals und Tariks wieder einsammelt. So verspielt Schröder leider die Chance, der Verschwörung etwas mehr Biss zu geben. Vielleicht ging er davon aus, dass die Fakten bereits hinlänglich bekannt sind, dennoch hätte ich mir hier mehr gewünscht.

Schröder wechselt die Erzählperspektive nicht, sie bleibt stets starr auf die Gralshüter fixiert. So erlebt Tarik die Befragungen beziehungsweise Folter der Inquisition nur aus der Sicht eines Gefangenen im Kerker mit, der mit fast zu Tode gefolterten, standhaften Templern und weniger standhaften Geständigen die Zelle teilt. Die Aussagen Großmeister Jacques von Molays, Konflikte zwischen Papst und König sowie die unterschiedliche Verfolgung der Templer außerhalb Frankreichs (nur in Frankreich gelang eine vollständige Zerschlagung des Ordens, in England, Spanien und insbesondere Portugal wurden die Templer oft von den gegen sie erhobenen Scheinvorwürfen freigesprochen) werden nicht direkt erlebt, sondern nur berichtend nacherzählt.

Stattdessen erzählt Schröder in diesem geschichtlichen Rahmen seine eigene Mantel- und Degengeschichte, verbunden mit der Befreiung eines gefangenen Mitbruders, die qualitativ aber nicht an eine ähnliche Situation im zweiten Band „Das Amulett der Wüstenkrieger“ heranreicht. Hier hätte ich mir wirklich mehr erwartet; eine so erfreulich gelungene Verbindung von Historie und Geschichte wie im ersten Band hat er hier leider nicht einmal versucht.

_Im Land der Katharer_

Angenehm überrascht war ich von den Wendungen, die die Flucht der Hüter im Languedoc nimmt. Dort wütet die Inquisition nach wie vor unter den Katharern, sehr zur Freude des Teufels und seiner Knechte, die dort mit ihren Verlockungen viele Diener gewinnen können. Die Gebräuche der Katharer werden dem Leser unterhaltsam nahegebracht und geschickt mit der Story verwoben. Maurice hat den Fluchtweg mit Absicht so geplant, dass sich ihre Wege mit dem der mittlerweile verwitweten Beatrice kreuzen. Diese befindet sich unter dem Verdacht der Ketzerei; gemeinsam mit ihrer mittlerweile zu einer schönen jungen Frau herangewachsenen Schwester Heloise planen die Gralshüter ihre Befreiung, bei der sie mit Hilfe ihrer besonderen Fähigkeiten ein positives Gottesurteil fingieren, um Beatrice der Inquisition zu entreißen. Doch zwei schöne, junge Frauen und vier Gralshüter, von denen einer erwiesenermaßen ein Schürzenjäger ist, schreien nach Problemen. Die Iskaris nützen gnadenlos menschliche Schwächen aus, um sich des Grals zu bemächtigen …

_Das Labyrinth der schwarzen Abtei_

Der Teufel selbst residiert in dieser Festung am Fuße der Pyrenäen. Der Vordereingang ist schwer bewacht von seinen Jüngern, der Hintereingang liegt unter dem „Atem des Todes“; niemand kann dieses Tal betreten und dort überleben. Bis auf Iskaris und Gralshüter. Die vier Hüter müssen sich durch ein zur Bestrafung versagender Teufelsjünger angelegtes Labyrinth voller trickreicher Fallen und gefährlicher Monster vorankämpfen, um den Teufel, seinem ersten Knecht Sjadú und einer Unzahl seiner Jünger zuvorzukommen, die den Gral in einer unheiligen Zeremonie vernichten und ewige Nacht über die Menschheit bringen wollen.

Hier hat Schröder sich viel einfallen lassen; die Rätsel und Gefahren, denen sich die Gralshüter stellen müssen, übertreffen alles, was Steven Spielberg in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ geboten hat. Der große Showdown selbst fällt etwas antiklimatisch aus, insbesondere Sjadú wird recht unrühmlich und unspektakulär abserviert. Dafür hat der Autor eine sehr interessante Idee, wie der Gral in Zukunft gehütet werden soll, und vor allem: Wo er versteckt wird.

_Fazit_

Mit „Das Labyrinth der schwarzen Abtei“ findet die Trilogie um die Bruderschaft des Heiligen Grals ein gelungenes Ende. Insbesondere jüngeren Lesern wird mit den gut kommentierten Fußnoten und der Handlung an sich viel spannendes geschichtliches Hintergrundwissen vermittelt. Auch für ältere Leser bietet Schröder eine spannende Abenteuergeschichte; mein einziger großer Kritikpunkt ist die etwas fantasielose und unspektakuläre, recht nebensächlich wirkende Abwicklung des Untergangs des Templerordens, die viel mehr Potenzial geboten hätte.

Die gewohnt edle Ausstattung der Trilogie – ausgezeichneter Druck, hervorragendes Kartenmaterial und ein sehr gelungener goldener Umschlag des Hardcovers mit Lesebändchen – runden erneut das vorzügliche Gesamtbild der Trilogie ab. Der auf der Umschlagvorderseite gezeigte Gral entspricht exakt der Schilderung Schröders im Roman – so etwas sieht man heute viel zu selten!

Auch wenn ich mir wegen des ersten Bands etwas mehr Stoff für erwachsene Leser erhofft hatte, werden diese nicht enttäuscht sein. Für Kinder und Jugendliche ist diese Trilogie jedoch uneingeschränkt empfehlenswert.

Offizielle Homepage von Rainer M. Schröder:
http://www.rainermschroeder.com/

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Moers, Walter – Stadt der Träumenden Bücher, Die

Im Alter von nur 77 Jahren verliert der junge Lindwurm und Dichter Hildegunst von Mythenmetz seinen geliebten Dichtpaten Danzelot von Silbendrechsler. Dieser hinterlässt ihm nicht mehr als ein Manuskript (abgesehen von einem Garten), welches er vor Jahren von einem jungen Talent zugesandt bekam. Und tatsächlich entpuppt sich dieses Manuskript als das wertvollste, schönste und vollkommenste, was Hildegunst je gelesen hat. Er begibt sich auf die Suche nach dem Schöpfer dieses Werkes. Und welcher Ort wäre besser dafür geeignet, einen Autor ausfindig zu machen, als Buchhaim, die Stadt der Träumenden Bücher?

Dort angekommen, überwältigt diese Stadt Hildegunst mit ihrem ganz besonderen Charme, dem er sofort verfällt. Alles ist der Literatur und der Dichtkunst gewidmet. An jeder Ecke finden sich Antiquariate, Lektorate, Büchereien und gemütliche Cafés, in welchen regelmäßig Dichterlesungen gehalten werden. Kurzum, diese Stadt ist eine einzige Ode an das Lesen. Hildegunst möchte nicht mehr fort und vergisst kurzfristig, weshalb er überhaupt nach Buchhaim kam.

Doch die Stadt hat auch ihre Schattenseiten in Form eines riesigen unterirdischen Höhlenlabyrinthes. Angeblich lebten dort die ersten Bewohner von Buchhaim, bevor die Stadt erbaut wurde. Und so befinden sich dort die wahren Schätze Buchhaims. Bücher von unermesslichem Wert. Gehoben werden diese Schätze von skrupellosen Buchjägern. Die Labyrinthe sind kein Ort, an welchem sich Hildegunst gerne aufhalten würde. Doch genau dorthin verschlägt es den Helden dieser Geschichte, als er mit seinen Nachforschungen bezüglich des Manuskriptes beginnt.

Welches Geheimnis verbergen die dunklen Schatten? Welche Gefahren lauern dort unten außer Spinxxxen, Harpyren und den schrecklichen Buchlingen? Und welches Geheimnis umgibt den mysteriösen Schattenkönig?

|“Von den Sternen kommen wir, zu den Sternen gehen wir. Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde.“| Dieses Zitat eines gewissen Danzelot von Silbendrechsler beschreibt treffend genau, in welche Welt Walter Moers den Leser entführt. Eine Welt voller Mysterien, in der die Fantasie des Autors in allen nur denkbaren Facetten dem Leser entgegenschwappt.

Walter Moers versteht es wie kein anderer, vor dem inneren Auge des Lesers eine Welt zu erschaffen, die so unmöglich, so fantastisch, so farbenfroh, so erheiternd und gleichzeitig so grausam sein kann. Mit seiner unbeschwerten Art des Schreibens entführt er den Leser auf eine leichtfüßige Reise durch Zamonien. Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches im einen Moment so herzhaft gelacht, nur um Augenblicke später vor Spannung fast zu erstarren.

Dieses Buch ist eine Hommage für alle Buchliebhaber. Die bildhaften Beschreibungen Walter Moers‘ ließen mich das alte Pergament förmlich riechen. Inhaltlich setzt sich Walter Moers mit allerlei Klischees auseinander, und wirklich jeder der Branche bekommt sein ‚Fett weg‘; vom Autor über den Verleger bis zum Kritiker. Niemand wird verschont, doch dies immer auf eine liebenswerte Art und Weise. Ein weiteres Highlight des Buches sind die vielfach verwendeten Namen bekannter Zamonischer Dichter und Autoren, die nahezu alle Anagramme bekannter Größen der Literatur sind und auch diesen somit die Ehre erweisen.

„Die Stadt der Träumenden Bücher“ war mein erster Zamonien-Roman bislang, und ich denke, der Ausflug nach Zamonien hat sich gelohnt. Weder hatte ich als ‚Quereinsteiger‘ Schwierigkeiten, mich in diese mir unbekannte Welt hineinzudenken, noch fiel es mir schwer, mich auf das Abenteuer einzulassen. Einzig und allein das Trompaunenkonzert war für meinen Geschmack etwas zu langatmig ausformuliert. Doch auch das kann nicht über die Klasse des Autors, der ja eigentlich nur der Übersetzer war (Leser des Buches werden wissen, was ich meine), hinwegtäuschen.

Ich bin mir sicher, dass Walter Moers das Orm erworben hat. Anders kann ich mir die Qualität des Buches nicht erklären. Dieses Werk kann uneingeschränkt denjenigen empfohlen werden, die gerne auf fantastischen Pfaden wandeln und sich auf ein unvergleichliches Abenteuer einlassen möchten. Auch Zamonien-Einsteigern sei das Buch sehr ans Herz gelegt.

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_Frank P. Albrecht_

Napier, Bill – 77. Grad, Der

Als mäßig erfolgreicher Antiquar und Fachmann für historische Karten fristet Harry Blake sein bescheidenes Einkommen. Für den reichen Sir Toby Tebbit soll er ein verschlüsseltes Tagebuch auf seine Echtheit überprüfen, das diesem angeblich ein Verwandter im fernen Jamaica vererbte. Blake schlägt ein, doch der scheinbare Routineauftrag entpuppt sich als Spießrutenlauf: Noch hat er keinen genauen Blick auf das Werk werfen können, da tritt schon eine erste Unbekannte drohend an ihn heran und fordert die Herausgabe. Blake weigert sich selbstverständlich und informiert Sir Toby, der sich etwas zu offensichtlich unwissend gibt. Weitere und immer bedrohlicher werdende Attacken erschrecken Blake, der das Tagebuch übersetzt und herausfindet, wieso es für seine Gegner von solchem Wert ist.

Es erzählt von den Erlebnissen des James Ogelvie, eines Schotten, der 1585 – zur Zeit der anglikanisch-protestantischen Königin Elisabeth I. – mit dem berühmten Seefahrer Sir Walter Raleigh auf eine Reise in die Karibik geht. Ziel ist es, den „Längengrad Gottes“ zu finden und dort eine Kolonie zu gründen. Doch der (katholische) Feind schläft nicht. Mörder gehen auf dem Schiff um und wollen das Unternehmen sabotieren. Sie führen heimlich eine christliche Reliquie von unerhörter Kraft mit sich, die besagte Kolonie im Namen von Maria Stuart, Elisabeths Erzkonkurrentin und Rivalin um den Thron, zu einem Zentrum der katholischen Bewegung umwerten soll.

In der Gegenwart wird Sir Toby umgebracht. Der entsetzte Blake setzt sich mit dessen Tochter Debbie in Kontakt und sucht die Unterstützung der Historikerin Zola Khan. Gemeinsam bemüht man sich das Rätsel der Ogelvie-Aufzeichnungen zu lüften, bevor dem mysteriösen Gegner dies gelingt. In der Vergangenheit wie in der Gegenwart hören die Gewalttaten nicht auf, sodass sowohl der junge James als auch Harry, Zola und Debbie in Lebensgefahr geraten …

Vorab ein Wort der (Ent-)Warnung: „Ein packender Mysterythriller für die Fans von Scott McBain und Dan Brown“, dröhnt die Werbetrommel auf dem Backcover. Man beachte die Reihenfolge: Dan Brown kennt und liest bekanntlich jede/r, und Scott McBain ist einer seiner (sogar noch) minderbegabteren Nachahmer, der seine Trash-Thriller hierzulande recht erfolgreich im |Knaur|-Verlag (Aha!) veröffentlicht; möge das Publikum den Hieb mit dem Zaunpfahl verstehen und auch Bill Napier durch reichliche Buchkäufe würdigen …

Aber Napier verdient den Vergleich mit gleich zwei tonfüßigen Bestseller-Fabrikanten nicht. Sein Werk kann für sich selbst stehen. Wer’s mag (oder braucht), darf die Schubladen „Literatur“ und „Unterhaltung“ aufziehen: „Der 77. Grad“ gehört in Letztere. Als solche kann dieser Roman nicht nur gut mithalten in der Flut der meist grässlichen Copy-Thriller um biblische & historische Mysterien, sondern schwimmt sogar an der Oberfläche auf.

Das Rätsel des 77. Grads wird bereits recht früh gelüftet – eine gute Entscheidung, denn vermutlich hätte es ins Finale verlegt die meisten Leser irritiert und unzufrieden aus der Geschichte entlassen. Ohne an dieser Stelle Entscheidendes zu verraten, darf immerhin erwähnt werden, dass es um den Streit zwischen katholischer und anglikanisch-protestantischer Kirche geht, der zu den prägenden Ereignissen des 16. Jahrhunderts gehört. Die Intensität dieses Kampfes, der zugleich hochpolitisch war und mehrfach in Kriege ausartete, lässt sich heute vom historischen Laien schwer nachvollziehen. Doch damals war diese Auseinandersetzung eine Grundsatzfrage, deren Entscheidung unzählige Menschen das Leben kostete.

Nur in diese Welt passt ein kompliziertes Komplott, wie es Autor Napier entwirft. Es geht um Kartografie, Kalender, Kolonien. Realpolitik und Religion finden eng miteinander verknüpft statt. Aus heutiger Sicht wirkt das wie gesagt abstrakt. Napier gleicht dies aus, indem er zusätzlich eine christliche Super-Reliquie ins Geschehen bringt, die auch im 21. Jahrhundert enorme Begehrlichkeiten wecken kann. So schafft er eine einleuchtende Verbindung zwischen den beiden im Wechsel geschilderten Handlungsebenen: Quasi parallel kommen James Ogelvie 1585 und Harry Blake & Co. in der Gegenwart dem Mysterium auf die Spur – ein geschickter Kunstgriff, der die Spannung verdoppelt – und einen „modernen“ Thriller immer wieder mit dem Historienroman kreuzt: zwei beliebte Genres in nur einem Roman!

Die rasante Handlung folgt recht ausgefahrenen Pfaden. Im Ausknobeln eines Plots ist der Verfasser eindeutig besser. Vor allem jener Strang, der im 21. Jahrhundert spielt, gleicht den Schnitzeljagden, die heute in allen Unterhaltungsmedien zum Thema „Rätsel und Schätze der Vergangenheit“ stattfinden. Napiers Jamaica ist beispielsweise eine karibisch knallige Rastafari-Insel, auf der lässige Lebensfreude und schonungslose Gewalt nahtlos ineinander übergehen.

Es ist objektiv schwer zu entscheiden, wie eine originellere Handlung aussehen könnte, da wir nie mit einer solchen konfrontiert werden. Immerhin ist Napier Routinier genug, den Spannungsbogen nicht abreißen zu lassen, während er immer wieder in die Vergangenheit zurückkehrt, die er mit Einfallsreichtum und Fachwissen zu beleben weiß.

Bill Napier mag es klassisch: Sein „Held“ ist ein Jedermann, der zwar über gewisse intellektuelle Fähigkeiten, nicht jedoch über (körperliche) Kräfte gebietet, die ihn über den Durchschnitt erheben bzw. ihm helfen, sich gegen seine skrupellosen, brutalen, schwer bewaffneten Feinde durchzusetzen. Harry Blake – schon der Namen symbolisiert Alltäglichkeit – ist ein beruflich und privat wenig erfolgreicher Antiquar, also ein weltfremder und schwächlicher Zeitgenosse, wie ihn das Klischee für Romane wie diesen fordert.

„Klischee“ ist ein wichtiges Wort, denn Blake trifft auf Böslinge, die wohl nur in der Märchenwelt des „77. Grades“ Angst und Schrecken verbreiten können, mimen sie doch so drastisch die chronischen Möchtegern-Weltherrscher, dass es schon wieder lächerlich wirkt. Da haben wir also den irrsinnig-fanatischen Superschurken, dem selbstverständlich eine ebenso schöne wie zutiefst verdorbene weibliche Schönheit (die hier auch noch auf den Namen „Cassandra“ hört) zur Seite steht. Sie und diverse vertierte Helfershelfer gieren förmlich danach zu foltern und zu morden; alle orientieren sich in Wort und Tat an den kindischen James-Bond-Thrillern der Vor-„Casino-Royale“-Ära. Wie es diesen Knallchargen gelingt, einen weltweit aktiven Geheimbund zu gründen und zu führen, ist das wahre Rätsel dieser Geschichte …

Auch im Spiegel stimmt das Bild: Wie es sich gehört, kann sich Harry auf einen kleinen Kreis ergebener Helfer stützen, zu denen erwartungsgemäß eine hübsche, tatkräftige (Reihenfolge beachten!) Frau gehört. Hier sind es derer sogar zwei, denn neben die tatkräftige Fachfrau Zola Khan (was für ein Name!) tritt – als Identifikationsfigur für jüngere Leser? – die erst süße 19 Jahre zählende Anbeißmaus Debbie; keine der guten Ideen des Verfassers.

Siehe da, irgendwann lässt Napier plötzlich durchblicken, dass Harry nicht immer ein Antiquar gewesen ist. Düster fallen Namen von Orten, die Großbritanniens Einsätze in diversen Kriegen der näheren Vergangenheit dokumentieren, an denen Harry anscheinend als Soldat teilgenommen hat. So wirkt es einleuchtender, wenn er den Schurken, die ihn ständig überfallen, Saures geben kann.

Wesentlich „lebensechter“ wirken die Figuren des Ogelvie-Handlungsstrangs. Der Verfasser profitiert hier von der Tatsache, dass er Personen schildert, deren Äußerungen und Verhalten schwer oder gar nicht nachgeprüft werden können: Wer kennt sich als Leser so genau im Jahre 1585 aus, dass ihm (oder ihr) Verstöße gegen die historische Realität bewusst werden? Dem besser mit der Materie vertrauten Kritiker fällt jedenfalls auf, dass sich auch die Bewohner der Vergangenheit primär so verhalten, wie es uns Lehrfilmen wie „Fluch der Karibik“ oder „Master and Commander“ nahebrachten. Zumindest der fiktiven Vergangenheit steht das Klischee jedoch besser als der Realität. Oder anders ausgedrückt: Dieses Garn ist dick genug, dass wir alle unser Lieblingsfädchen daraus zupfen können.

William Napier wurde 1940 im schottischen Perth geboren. Er wuchs im Städtchen Strathaven im Westen auf, studierte an der Universität zu Glasgow und verließ sie mit einem Doktortitel in Astronomie, bevor er für ein Jahr am Royal Holloway College in Surrey lehrte. Er übernahm dann einen Posten am Royal Observatory in Edinburgh, den er 25 Jahre innehatte, bis er 1992 in den vorzeitigen Ruhestand trat. Nach einem kurzen Gastspiel als Dozent in Oxford ging Napier als Astronom ans Observatorium in Armagh, wo er noch heute tätig ist.

Erst in Armagh begann Napier sich ernsthaft als Unterhaltungsschriftsteller zu versuchen. Der Science-Thriller „Nemesis“, der sich um den drohenden Einschlag eines Riesenmeteoriten auf die Erde dreht, brachte ihm auf Anhieb den Durchbruch. Den sicheren Boden der Astronomie verließ Napier 2000 mit seinem Thriller „Revelation“ (dt. [„Die Offenbarung“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3387 Noch ein Stück weiter ging er mit „The Lure“, in dem er die Konsequenzen einer klassischen „Begegnung der Dritten Art“ beschreibt.

2003 sprang Napier auf den Dan-Brown-Express auf und trug seinen Teil zur aktuellen Bestseller-Verschwörungstheorie bei, nach der die christliche Kirche seit zwei Jahrtausenden mit Hilfe vorzeitlicher Super-Hightech, albinotischer Meuchelmörder oder maskierter Außerirdischer klammheimlich die Welt regiert & die Menschheit für dumm verkauft. „Shattered Icon“ (dt. „Der 77. Grad“) war einfalls- und erfolgreich genug, um vom Originalverlag mit einer ebenso werbeträchtigen wie marktschreierischen aber witzigen Website begleitet zu werden: http://www.splinteredicon.com.

http://www.droemer-knaur.de