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Kui, Alexandra – Nebelfelsen, Der

Die 32-jährige Autorin Alexandra Kui(tkowski) legt nach ihrem erfolgreichen Jugendroman „Ausgedeutscht“ aus dem Jahre 1998 ihr erstes Erwachsenenbuch vor, nämlich den Kriminalroman „Nebelfelsen“, der im fiktiven Harzort Grauen spielt. Alexandra Kui lebt als Songwriterin und freie Autorin auf dem platten Land bei Hamburg.

_Grauenvolles aus dem Harz_

Schon in ihrem Urlaub in Pompeji denkt Antonia Czechy darüber nach, einfach alles aufzugeben und davonzulaufen, um ein neues Leben zu beginnen. Spontan will sie ihren überaus korrekten Freund Kai, der als Werbetexter arbeitet, vorwarnen, doch dieser reagiert nur genervt und will Antonia nicht ernst nehmen. Zurück in Hamburg, legt Antonia sich dermaßen mit ihrem Chef an, dass dieser ihr den Job kündigt. Nachdem sie ihre Arbeit als Fotografin in Hamburg los ist, reist Antonia ohne Verabschiedung und ohne Gepäck in das Harzer Städtchen Grauen, in welchem ihre beste Freundin Cleo sich das Leben genommen hat.

Genau zur Walpurgisnacht trifft Antonia in Grauen ein und läuft auf der Suche nach geeigneten Fotomotiven durch die Straßen. Dort sieht sie auch einen kleinen Mann im offensichtlich selbstgestrickten Ringelpulli, der mitten im Harz Flamencogitarre spielt. Als Antonia genug hat von dem Hexentreiben in Grauen, stellt der Gitarrenspieler sich ihr als Tom Sturm vor und bittet sie um die Fotos von der Walpurgisnacht. Bei dieser Gelegenheit lernt die junge Hamburgerin den Chefredakteur des Lokalblattes „Harzer Kurier“ kennen, der ihr eine Stelle als Fotografin bei der kleinen Zeitung anbietet.

Nach einer mit Tom Sturm durchzechten Walpurgisnacht erwacht Antonia in einer kleinen Pension bei der beleibten Kneipenwirtin Ulli, die sie am vergangenen Abend mit Bier versorgt hat. Antonia nimmt den Job beim Harzer Kurier an, da sie der Faszination der geheimnisvollen Nebelfelsen und ihrer eigenen verkorksten Vergangenheit nicht entkommen kann. Als sie oben auf den Felsen steht und in die nebelverhangene Tiefe blickt, ist sie nahe davor, sich selbst in die Tiefe zu stürzen. Der kleine Ort Grauen lebt vom Sensationstourismus rund um die Klippenspringer, die für ihren Selbstmord in den Harz reisen.

Auch Cleos Selbstmord lässt Antonia nicht los, hinzu kommt die aufkeimende Liebe zwischen ihr und Tom Sturm, der sie sich bald nicht mehr entziehen kann. Doch irgendetwas scheint Tom zu verbergen, auch die ansonsten so gutmütige Ulli möchte Antonia vor Tom warnen, doch die ist auf diesem Ohr taub und zieht bald zu ihrem neuen Freund und dessen zwei Töchtern in das „Muschelhaus“. Aber auch bei Antonia wachsen mit der Zeit Skepsis und Angst, denn mit den Nebelfelsen und Toms Familie scheint etwas nicht zu stimmen …

_Kuis Bild vom Harz_

Alexandra Kui, die selbst als Volontärin bei der Goslarschen Zeitung im Harz gearbeitet hat, zeichnet in ihrem Roman ihr persönliches Bild von der Harzer Landschaft und besonders dem erdachten Ort Grauen, der durch die Todesspringer an den Nebelfelsen zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Die Beschreibung der Szenerie des Harzes ist dabei sehr gelungen, der Ort Grauen wird dem Leser eindrucksvoll präsentiert und steht einem direkt vor Augen, auch die Nebelbänke an den Schläferklippen kann man sich bildlich vorstellen. Für mich hatte dieses Buch daher einen besonderen Reiz, da ich nicht nur die erwähnten Orte wie Goslar, Braunschweig und Wernigerode kenne, sondern auch die berühmten Walpurgisfeste im Harz; so konnte ich beim Lesen mein eigenes Bild vom Harz mit dem der Autorin vergleichen, was das Buch zu einem interessanten Leseereignis für den Harzer Ortskundigen macht. Ganz entgegen zu meinen sonstigen Lesevorlieben hätte ich mir in diesem Buch noch mehr Lokalkolorit gewünscht, da ich im Harz aufgewachsen bin und noch mehr über Alexandra Kuis Bild vom Harz hätte erfahren wollen.

_Personelle Schwächen_

Obwohl das Buch auf der Titelseite mit der Bezeichnung „Kriminalroman“ wirbt, stehen die Charaktere im Mittelpunkt des Buches, vor allem die 27-jährige Antonia Czechy aus Hamburg und der 52-jährige Chefredakteur Tom Sturm sind hier zu nennen. Alexandra Kui räumt den beiden in ihrem Roman viel Platz ein, lässt eine Liebesgeschichte entstehen, die allerdings von vielen Streitereien und Problemen gekennzeichnet ist. Beide Menschen erscheinen kompliziert und schwer durchschaubar, leider bleibt selbst die Vergangenheit der Ich-Erzählerin Antonia hierbei größtenteils unklar. Ihre Verhaltensweisen waren mir daher oftmals unverständlich, in vielen Situationen reagiert sie völlig unangemessen und geht an die Decke, ohne dass dem Leser klar wird, was die Gründe für diesen Ausbruch sind. Am Rande wird erwähnt, dass Antonia vor ihrer eigenen Vergangenheit davonlaufen will, vor den Erlebnissen in Kalifornien mit ihrem Exfreund Cire und vor dem Selbstmord ihrer besten Freundin, den Antonia immer noch nicht verarbeitet oder verstanden hat. Aus ihrer Vergangenheit erfahren wir einiges, dennoch werden uns zu viele Informationen vorenthalten, beispielsweise, was aus Cire geworden ist, der nebenbei häufiger erwähnt wird, aber ansonsten völlig im Dunkeln bleibt, oder auch, was hinter der Verbindung zwischen Cleo und Tom steckt, von der Antonia erfahren musste. Dennoch ist genau diese Vergangenheitsbewältigung verbunden mit einer ehrlichen Selbstkritik der Ich-Erzählerin das Thema des Buches. Schade, dass Alexandra Kui uns nicht mehr Facetten ihrer Romanfigur präsentiert hat, die ihre Eigenarten erklärbar gemacht hätten, denn so wirkt Antonia unecht und manchmal auch unreif, sie reagiert zu häufig zu übertrieben, um Sympathien für sie entwickeln zu können oder sich gar mit ihr identifizieren zu können. Dabei gefiel Antonia zunächst gut und wirkte interessant, erst später summierten sich ihre komischen Anwandlungen zu sehr und ihre Liebschaft zu ihrem Chef machte sie leider nicht sympathischer.

Auch die Figur des Tom Sturm wird einem nicht erklärbar, obwohl er neben Antonia den größten Raum im Buch erhält. Die Beziehung zwischen den beiden wird schnell zu einem Hauptthema des Romans und verdrängt die geheimnisvollen Nebelfelsen aus der Erzählung. Allerdings wirkt ihre Annäherung und plötzliche Verliebtheit zu gekünstelt, da Antonia zuvor offen ihre Abneigung Tom gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Zu sehr fallen also ihre neu entwickelten Gefühle vom Himmel, ich habe sie nicht nachvollziehen können.

Viel authentischer und natürlicher wirkt dagegen die Kneipenwirtin Ulli, die sich mit mütterlicher Sorge um ihren neuen Pensionsgast Antonia kümmert, ihr neue Kleidung kauft und sie liebevoll bekocht. Auch wenn Ulli an manchen Stellen nichts über ihre frühere Beziehung zu Tom Sturm erzählen mag und sich mit geheimnisvollen Andeutungen begnügt, bleiben ihre Handlungen stets nachvollziehbar.

_Von Krimi keine Spur_

Durch die Ankündigung eines Kriminalromans mit finalem Showdown hatte ich mich auf eine falsche Fährte leiten lassen und vermutet, einen spannungsgeladenen Roman lesen zu können, doch hier wurde ich enttäuscht, denn obwohl die Nebelfelsen an vielen Stellen als mystisch und mit besonderer Anziehungskraft versehen beschrieben werden, bleiben sie schnell hinter Toms und Antonias Beziehung zurück. Der Leser muss sich mit einigen Hinweisen am Rande, bezogen auf die sogenannten Schläferklippen, begnügen, von Krimi ist allerdings keine Spur. Auch Spannung wird nur wenig aufgebaut, da die spärlichen Andeutungen in Bezug auf Tom und seine dubiose Vergangenheit nicht ausreichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Erst spät kommt die Handlung ins Rollen, als Antonia entscheidende Hinweise auf die Mutter von Toms jüngerer Tochter erhält, die sie aufhorchen lassen. Doch ist sofort offensichtlich, was hinter der Geschichte stecken muss und was damals passiert ist, sodass am Ende kaum Überraschungen bleiben.

Mit ihrem Showdown kann Alexandra Kui nicht überzeugen. Zu konstruiert wirkt die Auflösung der Geheimnisse um die Nebelfelsen und um Tom Sturm, hier greift Kui in die Trickkiste, um ihrem Buch etwas Spannung hinzuzufügen, doch vergallopiert sie sich dabei. Das Ende hinterlässt daher einen faden Beigeschmack beim enttäuschten Leser, ein etwas weniger sensationelles Buchende wäre realistischer und auch zufriedenstellender gewesen. Schade, dass die Autorin an dieser Stelle ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist.

_Viel gewollt und wenig geschafft_

Alexandra Kui wollte scheinbar zu viele verschiedene Dinge in ihr nur 300-seitiges Buch packen. So beginnt das Buch zunächst mit Antonias Beziehungs- und Jobproblemen, der Leser wird mit geheimnisvollen Andeutungen zu ihrer Vergangenheit und Cleos Selbstmord gelockt, anschließend reisen wir gemeinsam in das düstere Örtchen Grauen mit den nebelverhangenen Schläferklippen. Gerade in Grauen treffen wir auf skurrile und merkwürdige Personen, die oftmals in ihren Handlungsweisen zu übertrieben agieren, aber offensichtlich einiges zu verbergen haben. Besonders Tom Sturm muss einige Leichen im Keller begraben haben, das wird aus den zarten Andeutungen der Bewohner deutlich. An dieser Stelle entdeckt Antonia plötzlich ihre Gefühle für Tom, die zu einer turbulenten und problematischen Beziehung führen, in der auch noch zwei Töchter des Chefredakteurs auftauchen und eine Rolle spielen. Kui greift zu viele Aspekte in ihrer Erzählung auf und vergisst dabei, ihre Kriminalgeschichte weiterzuentwickeln, Spannung aufzubauen und am Ende allen aufgegriffenen Handlungsfäden ein passendes Ende zu verleihen. Es bleiben zu viele Fragen offen, sodass das Buch keine runde Sache geworden ist, auch in ein Genre ist der Roman schwierig einzuordnen, da von Kriminalgeschichte wenig zu spüren war.

Insgesamt kann das Buch als Kriminalroman nicht überzeugen, da kaum Spannung aufgebaut wird, sondern die handelnden Charaktere im Zentrum des Buches stehen. Insbesondere die beginnende Beziehung zwischen der jungen Hamburgerin Antonia Czechy und dem alternden Lokalchef Tom Sturm steht hier im Vordergrund, dennoch bleiben die Hintergründe etwas im Unklaren. Die aufkeimende Liebe fällt vom Himmel, da Ich-Erzählerin Antonia zuvor zu oft betont hatte, dass sie den kleinen Mann im Ringelpulli nicht ausstehen kann. Alexandra Kui hält sich in ihren Beschreibungen manchmal zu sehr auf, im Grunde genommen nebensächliche Dinge wie Antonias Einstieg in Toms Band werden zu sehr ausgebreitet und bremsen den Spannungsbogen deutlich aus. Auch die Nebelfelsen werden nur am Rande erwähnt und rücken schnell in den Hintergrund. Leider kann auch das Buchende nicht überzeugen, sodass der Roman für Harzer durch die bekannten Orte durchaus lesenswert ist, aber nicht dazu verlocken kann, das Buch weiterzuempfehlen oder gar ein zweites Mal zu lesen.

Izzo, Jean-Claude – Sonne der Sterbenden, Die

Marseille ist Izzo. Izzo ist Marseille. Fast schon untrennbar sind die Stadt und der Autor verbunden. Kein Wunder, dass auch Izzos letzter Roman, den er vor seinem Krebstod 2000 geschrieben hat, in „seiner“ Stadt spielt. Ebenso wie schon die „Marseille-Trilogie“ („Total Cheops“, „Chourmo“, „Solea“), mit der ihm der Durchbruch gelang und durch die er in die Topliga der französischen Krimiautoren aufstieg, ist auch „Die Sonne der Sterbenden“ eine Liebeserklärung an Marseille.

Dabei war Izzo nie zwangläufig nur auf Krimis festgelegt. Nur Marseille, Marseille war immer sein wichtigstes Thema – nicht nur die Stadt an sich, sondern auch deren Einwohner, die Izzo stets am Herzen lagen. „Die Sonne der Sterbenden“ ist ebenfalls kein Kriminalroman. Vielmehr eine Lebensgeschichte, ein Reflektieren des Erlebten und eine Analyse des Scheiterns.

Erzählt wird das Leben von Rico, einem Pariser Clochard. Rico lebt schon seit einigen Jahren auf der Straße, losgelöst vom normalen Leben und von der Gesellschaft. Einen Freund und Vertrauten hat er in Titi gefunden. Titi ist ebenfalls Clochard und lebt schon länger auf der Straße als Rico. Die Beiden passen aufeinander auf und können sich aufeinander verlassen – jederzeit. Bis Titi eines kalten Wintertages tot unter der Bank einer Metrostation gefunden wird. Rico zieht es das letzte bisschen Boden unter den Füßen weg. Mit Titi verliert er seinen einzigen Bezugspunkt.

Mit Titis Tod will auch Rico seinem Leben in Paris einen Schlusspunkt setzen. Er erinnert sich der glücklichen Momente in seinem Leben, an die Frauen, die er einst geliebt hat, besonders seine große Liebe Lea, und erinnert sich damit zwangsläufig an Marseille, wo er seinerzeit mit Lea lebte und liebte. Rico zieht Bilanz: Er hat alles verloren, wurde von seiner Frau Sophie geschieden, was den ersten Schritt in den Abgrund markierte, darf seinen Sohn Julien nicht mehr sehen und haust nun schon seit Jahren auf der Straße. Kurzum, Rico hat sein Leben gründlich verpfuscht. Mit Titis Tod fällt diese Bilanz umso schmerzhafter aus und Rico beschließt, Paris zu verlassen. Er macht sich auf in Richtung Süden, Marseille als Ziel seiner Reise vor Augen. An Marseille knüpft er alle seine Hoffnungen …

„Die Sonne der Sterbenden“ erzählt die Geschichte von Rico, allerdings nicht aus seiner Perspektive. Der eigentliche Erzähler der Geschichte ist Abdou, ein junger Araber, der in den Straßen von Marseille zu Hause ist und der in Rico eine Art väterlichen Freund findet. Ihm scheint genauso wie dem Leser Ricos Lebensbeichte zu gelten. Und die fällt, typisch für Jean-Claude Izzo, genauso düster wie ehrlich und unverklärt aus. Doch in all den dunklen Gedanken, in all den schweren Erinnerungen, die auf Ricos verhärteter Seele lasten, glimmt auch ganz klein und fast unscheinbar immer noch ein Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich irgendwann doch noch alles zum Guten wendet. Rico nährt diese Hoffnung durch die Rückkehr nach Marseille, den Ort, an dem er die glücklichsten Momente seines Lebens verbrachte.

Izzos klassische „Hauptfigur“ Marseille betritt dabei erst im letzten Drittel des Romans die Bühne. Bis dahin steht die Reflektion von Ricos Leben im Vordergrund. Während seiner Reise gen Süden denkt Rico immer zurück an die Vergangenheit. Erinnerungen vermischen sich mit neuen Eindrücken. Rico trifft unterwegs neue Menschen, erhält neue Perspektiven, bei denen vor allem zwei prägend sind. Zunächst wäre da der Junge Felix. Etwas zurückgeblieben, stets in Begleitung eines Fußballs, den er unter dem Arm umherträgt, und mit einem tätowierten Eidechsenkopf an der Schläfe, wirkt der Junge stets etwas verschlossen und geheimnisvoll. Und dann wäre da noch Mirjana, die aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet ist und nun dadurch, dass sie sich an Männer verkauft, versucht, die Schulden abzubezahlen, die sie bei den Schleppern für die „Einreise“ nach Italien bezahlt hat. Diese Begegnungen hinterlassen bleibenden Eindruck bei Rico und er denkt auch später immer wieder daran zurück.

Das Reflektieren seines eigenen Lebens vollzieht er entlang seiner Reiseroute immer wieder in verschiedenen Momenten. Rico erzählt, wie es zu seinem Absturz kam. Erschreckend und faszinierend zugleich, wie einen Menschen eine beendete Beziehung aus der Bahn werfen kann, wie ihn unerwiderte Gefühle irgendwann an den Rand der Gesellschaft drängen. Rico beschreibt dabei eine fast schon klischeehafte und doch so logische Chronologie des Absturzes: unerwiderte Liebe, Alkohol, Einsamkeit, Jobverlust, Schulden, Obdachlosigkeit. Irgendwann hat Rico einfach kapituliert, die Illusion auf eine Rückkehr ins normale Leben aufgegeben. Izzo drückt das so aus: |“Nicht in die Gesellschaft zurückkehren zu wollen, war kein Unvermögen. Nur eine große Müdigkeit.“| (S. 135)

Während Rico seine Vergangenheit reflektiert, kristallisiert sich immer deutlicher seine gegenwärtige Erscheinung heraus. Rico ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ein Toter, der noch immer unter den Lebenden wandelt: |“Wir ziehen mit unserer alten Haut durch die Gegend. Wir sind nur noch leere Hüllen.“| (S. 142) So bringt Mirjana die klägliche Existenz auf den Punkt, die nicht nur sie selbst führt, sondern auch Rico. Ein Aspekt, der die Figuren verbindet. Beide sind ganz unten angekommen und jeder geht mit seinem Schicksal auf seine eigene Art um. Die Unterschiede in der Existenz der Beiden sind nur marginal und dennoch überdeutlich, was Rico dadurch betont, dass er sich an die Worte seine Freundes Titi erinnert: |“Ich will dir mal was sagen, Rico, wenn ein Mann am Ende ist, geht er betteln, eine Frau dagegen, die verkauft sich. Also denk immer daran, die Erniedrigung, die du empfindest, ist im Vergleich zu der, die sie empfinden müssen, gar nichts.“| (S. 144)

Izzo wäre nicht Izzo, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse ziehen ließen, in denen stets auch Kritik mitschwingt. Auch dafür eignet sich „Die Sonne der Sterbenden“ wunderbar, genau wie es schon bei der „Marseille-Trilogie“ der Fall war. Izzo lässt den Leser durch die Augen des Clochards Rico die Gesellschaft von außen betrachten. Er verpasst dem Leser einen veränderten Blickwinkel, indem er ihn Ricos Perspektive einnehmen lässt. Erst eine Figur, die am Rand der Gesellschaft steht, die nicht mehr Teil von ihr ist, macht die Kritik an der Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft besonders deutlich und schärft den Blick für die Problematik der an den Rand Gedrängten, die im gesellschaftlichen Auf und Ab irgendwann unter die Räder gekommen sind. Rico ist ein Paradebeispiel dafür: |“Rico gehörte nicht zu denen, die in Wiedereingliederungsstatistiken erfasst wurden. Andere ja, zweifellos. Glücklicherweise. Oder unglücklicherweise, wer weiß. Aber für einen, der wieder auf die Beine kam, wie viele stürzten da wohl im gleichen Moment ab?“| (S. 181)

Rico fühlt sich nicht mehr dazu in der Lage, etwas wie Liebe zu empfinden. |“Die Worte der Liebe wie „ich liebe dich“ und alle anderen, abgeschmackt und infantil, die man erfindet, waren langsam zerfasert. Sie riefen nur noch Erinnerungsfetzen hervor.“| (S. 133) Trotz der offensichtlichen emotionalen Wüste, die Rico durchwandert, merkt man der Erzählung an, dass Izzo große Gefühle mit seinen Figuren verbindet. Er zeichnet sie liebevoll und mit einem feinsinnigen Gespür für ihr Schicksal. Izzo hat eben ein großes Herz, wie seine Bücher immer wieder zeigen, nicht nur für Marseille, sondern auch für Menschen und im Besonderen eben auch für die, die am Rande stehen. Das ist eine der großen Stärken, die einem bei jedem Izzo-Roman aufs Neue ins Auge fallen.

Etwas verwirrend empfand ich im ersten Moment die Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler bleibt dem Leser zunächst verborgen. Man weiß nicht, wer er ist, mutmaßt zunächst, es wäre vielleicht der Autor selbst, um dann beim Einstieg ins letzte Drittel der Geschichte mit Abdou in Marseille endlich den Erzähler präsentiert zu bekommen. Marseille spart Izzo sich für sein Finale auf. Mit dem erstmaligen Auftauchen Abdous vollzieht sich ein Bruch. Izzo verändert den Blickwinkel mit dem Auftauchen des Jungen, was beim Lesen im ersten Moment wie ein Stolperstein (bewusst oder unbewusst) wirkt. Man fällt ein wenig aus dem Erzählfluss heraus und mich persönlich hat dieser Bruch ein wenig irritiert. Man braucht danach einen Augenblick, um wieder in die Handlung zurückzufinden und sich wieder voll und ganz auf das Schicksal von Rico einzulassen.

Sprachlich ist „Die Sonne der Sterbenden“ ein fast typischer Izzo. Schon der Titel verheißt Tragik und Dramatik. Einerseits schreibt Izzo klar und gradlinig, ohne zu beschönigen, andererseits aber wunderbar poetisch und melancholisch. Izzo schafft es immer wieder, das Seelenleben seiner Protagonisten in perfekt passende Worte zu kleiden, ohne dabei verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Das ist seine ihm eigene Art, die ihn neben der Leidenschaft für seine Figuren so lesenswert macht.

Izzos Figuren gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Man trägt Rico auch weiter mit sich herum. Ein Einzelschicksal, zweifellos, aber dennoch eines, das einem dank Izzos fabelhafter Darstellung in eindrucksvoller Erinnerung bleibt – packend und ergreifend.

Gundermann, Bettina – Lysander

_Von Menschen, die verloren haben._

„Lysander“ ist der zweite Roman der Autorin Bettina Gundermann, Jahrgang 1969. Geboren wurde sie in Dortmund, den ersten Roman „Lines“ legte sie 2001 vor. Lysander heißt auch der Protagonist der Erzählung, in der Bettina Gundermann zuweilen die Atmosphäre eines Gruselmärchens verbreitet, die Rolle des bösen Wolfs übernimmt hier aber das Leben selbst.

Unterteilt wurde die 152-seitige Erzählung in zwei Kapitel. Das erste umfasst nur drei Seiten und schildert als Prolog die widrigen Umstände, unter denen der Protagonist in Form eines Antihelden das Licht der Welt erblickt. Mit „Lysander wurde im Dreck geboren“ wird der Roman begonnen, es folgen Sätze wie „Seine Mutter schwitzte, stank, japste und schrie“ oder „Sie sprach kein Wort zu ihrem Kind, sie trug es wie eine schwere Last, nicht einmal schaute sie ihr Baby an, überprüfte, ob noch Leben in ihm sei. Fast hätte sie es einfach fallen lassen auf ihrem Weg.“ Dem Säugling kommt von der ersten Minute seines Leben keine Liebe entgegen, versteckt im Wald gebärt die Mutter, will es am liebsten dort zurücklassen und zündet es schließlich an. Aber Lysander hat Glück, sollte man denken, denn er wird gerettet und zu einem kirchlichen Kinderheim gebracht.

Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, wird das Leben für das entstellte Kind zur Qual. Die Erzieherinnen wissen nicht mit ihm umzugehen, die anderen Kinder im Heim lachen es aus, vergraben es einmal sogar im Schnee. Lysander zieht sich in sich selbst zurück und lauscht der Melodie in seinem Kopf, die immer da ist, wenn es regnet. Als er geboren wurde, regnete es auch. Er versteckt sich tagsüber im Keller, spricht kaum, denn niemand spricht mit ihm.

Eines Tages reicht es dem gehänselten Kind und es rammt sich frustriert eine Gabel in die Stirn. Er überlebt unbeschadet, wird als Gefahr für sich und andere aber in ein Heim für psychisch gestörte Kinder überwiesen. Auch da lacht man ihn aus, außer Riccardo. Der ist „Hässlichkeit gewöhnt“ und wird zum besten und einzigen Freund Lysanders.

Die Freunde teilen ein gemeinsames Schicksal, sie haben beide im Spiel des Lebens verloren und keine Aussicht auf Besserung. Riccardo musste im Kindesalter mit ansehen, wie seiner Mutter Augen und Zunge aus dem Gesicht geschnitten wurden. Sie starb daran, der Vater wurde verrückt. Riccardo kommt zu einer neuen Familie, er entwickelt sich nach außen gut, seine neue Mutter ist stolz auf ihn, bis er auf einem Jahrmarkt das Feuer eröffnet und mehrere Menschen durch seine Hand sterben. Jetzt hat auch er niemanden mehr und muss ins Heim.

Als sie erwachsen sind, können sie das Heim verlassen. Lysander kommt ein Jahr vor seinem Freund raus. Der freute sich schon auf die Freiheit, Lysander hatte Angst vor ihr. Was will er auch damit? Andere Menschen haben Angst vor ihm. Bis Riccardo aus dem Heim entlassen wird, geht Lysander keinen Schritt vor die Tür, zeigt sich niemandem und überlebt nur durch die Vorfreude auf seinen einzigen Freund. Als der wieder da ist, geht es Lysander aber nur für kurze Zeit besser. Riccardo geht nach draußen, so oft wie es geht. Besorgt sich einen Job und viele Frauen, die seine innere Leere ausfüllen sollen. Dem Leser wird schnell klar, dass sie beide hässlich sind: Lysander von außen, Riccardo von innen.

Lysander fühlt sich schnell im Stich gelassen, ist trotz der Wohngemeinschaft mit Riccardo einsam. Der schenkt ihm schließlich ein Klavier, damit Lysander die Melodien in seinem Kopf spielen und Riccardo das Leben weiter in sich aufsaugen kann.

Bald kommt eine dritte Person ins Spiel. Kira liegt stark blutend auf der Straße, als sie Riccardo bei seinen nächtlichen Streifzügen findet und sich verliebt. In ihr sieht er etwas, das ihm helfen kann, die unsterbliche Leere seiner Seele zu füllen, die schwere Melancholie seiner selbst mit ihrer „Leichtigkeit“ zu füllen. Lysander zeigt sich ihr nicht, sorgt mit seinem berührenden Klavierspiel aber dafür, dass Kira sich in Riccardo, der das Spiel als das Seine ausgibt, unsterblich verliebt.

Sie heiraten, Lysander bleibt allen zurück. Er spielt nicht mehr auf dem Klavier, die Melodien kommen nicht mehr zu ihm, er vereinsamt abgeschnitten von der Außenwelt. Auch Riccardo geht es immer schlechter, Kiras Liebe kann ihn nicht vor Angst und düsteren Gedanken retten. Ein finsterer Schatten legt sich über beide und begleitet sie bis zum unvermeidbaren Ende.

„Lysander“ ist eine Geschichte von Menschen, die das Glück einfach nicht finden können und stattdessen in den eigenen Untergang marschieren. Es ist auch eine Geschichte, die den Leser mit ihrer schonungslosen Gestaltung überrollt. Sie überzieht den Leser mit ihrer kalten aber kurz vor dem Überschwappen stehenden Gefühlswelt. Die Sätze sind kurz und klar, beschönigen nichts und legen den Schmerz einer gefühllosen Welt offen, so dass ihn jeder sehen kann. Der allwissende Erzähler taucht nach Belieben in die Gedanken und Erinnerungen der Personen ein und gibt alles so wieder, als würde es ihn nicht berühren. Und so hat der Leser auch nach der Lektüre an diesem originellen wie auch hervorragenden Roman zu knabbern.

Wetering, Janwillem van de – entartete Seezunge, Die

New York, 11. September 2001: Der alte Bankier Johan Halbertsma wird Zeuge der Terrorattacken auf das World Trade Center. Sofort steigt in ihm die Lust auf eine gebratene Seezunge auf: Dies ist die Mahlzeit, die seit jeher zu wichtigen und tragischen Ereignissen im Haus Halbertsma serviert wird. So ist es schon seit über sechs Jahrzehnten, als die Familie noch im holländischen Rotterdam ansässig war. Am 10. Mai 1940 hatte die deutsche Luftwaffe die alte Hafenstadt in Schutt und Asche gelegt. Johan hat den Bombenterror er- und überlebt. Diese Katastrophe übertünchte ein persönliches Drama: Die Halbertsmas verloren ihren Adoptivsohn Henri. Johan erinnert sich genau an den Tag, als er seinen Bruder verlor. Allerdings scheut er die Frage, ob Henri bei einem von ihm mitverschuldeten Unfall umkam oder ob er von Johan umgebracht wurde …

Johan hält es nicht mehr in New York. Er reist zurück nach Holland, um sich dort endlich Gewissheit zu verschaffen. Hat er einst gemordet? Falls ja: Wieso hat er es getan? Und muss er sich deshalb schuldig fühlen? Henri war nur ein Toter neben unzähligen unschuldigen Opfern der Nazis, so wie nun viele tausend Menschen von fanatisierten „Glaubenskriegern“ instrumentalisiert wurden. Ein liebenswerter Zeitgenosse war Henri zudem nicht, sondern ein selbst ernannter „Übermensch“, der Nietsche vergötterte und skrupellos den eigenen Vorteil und die Nähe der Nazis suchte. Johan quälte dagegen der Naziterror gegen die Juden, auf deren Kosten sich die Halbertsmas ansonsten tüchtig bereicherten. So kam der Tag, an dem sich Henri einmal zu oft seiner grenzenlosen Menschenverachtung brüstete …

Musste Henri sterben? Warum sterben Menschen überhaupt für oder wegen einer „Sache“? Das ist eine der (philosophischen) Fragen, die Janwillem van de Wetering umtreiben. Das Verbrechen vom 11. September 2001 ist für ihn Anlass, sie wieder einmal zu stellen. Um ihre allgemeine Gültigkeit zu verdeutlichen, stellt er sie gleichzeitig zu einer andere historische Episode, als die scheinbar so einfach zu definierenden Positionen „gut“ und „böse“ miteinander verschmolzen.

Die Zerstörung von Rotterdam ist für van de Wetering sein persönliches 11/09/01. In gewisser Weise ist Johan Halbertsma sein Alter Ego. Auch van de Wetering hat als Kind die deutsche Bombenattacken auf die alte Hafenstadt, deren blutige Folgen und die Besetzung seines Heimatlandes erlebt. Vor allem musste er mit ansehen, wie seine jüdischen Mitschüler und Freunde von den Nazis deportiert wurden – ein lebenslang nachwirkendes Drama, das der Verfasser hier auch für sich zu beschwören und zu bannen versucht. Was ist der Mensch wert? Gibt es ‚bessere‘ und ‚minderwertige‘ Menschen? Wer hat das Recht, dies zu entscheiden? Woraus leitet sich dieses Recht ab? Gibt es umgekehrt ein Recht, sich zu wehren? Eine Pflicht sogar? Wie weit darf man dabei gehen? Ist Mord gerechtfertigt, um Leben zu retten? Kann Unrecht wirklich gesühnt werden?

Schwerer Stoff für ‚ernsthafte‘ Literatur also und nicht unbedingt ein „normaler“ (historischer) Krimi. Freunde der eher unterhaltsamen Gripstra/De Gier-Polizeiromane seien deshalb gewarnt. Van de Wetering hat dieses Mal noch weniger als sonst eine klassische Gauner-gegen-das-Gesetz-Story im Sinn. „Schlimmer“ noch: Er kann seine Fragen letztlich auch nicht beantworten. Der Versuch führt zu der frustrierenden Erkenntnis, dass dies womöglich überhaupt unmöglich ist. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch“ – mit diesem klassischen Plautus-Wort lässt es sich immerhin in Worte fassen, wenn auch nicht erklären.

„Die entartete Seezunge“ führt auf recht originelle Weise in die sonst düstere Geschichte ein. Der Geruch eines gebratenen (eigentlich köstlichen, hier jedoch als Schlüssel zu Unerfreulichem „entarteten“) Fischgerichts führt Johan Halbertsma zurück in die Zeit, als er Zeuge und Täter war. Sechs Jahrzehnte abgelagerter und nachträglich gewerteter Erinnerungen können so akkurat aufgearbeitet werden. Dieser olfaktorische Weg ist möglich; viele Menschen stimulieren ihr Hirn per Nase oder Zunge. Friedrich Schiller bewahrte beispielsweise faulende Äpfel in seinem Schreibtisch auf, deren Geruch ihn beim Dichten und Schreiben inspirierte. Der Verstand wird überlistet bzw. gelenkt – für Johan Halbertsma in eine unerfreuliche Richtung.

Er hat sich – wie die islamischen Terroristen 2001, wie die Nazis 1940 – zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. Seit vielen Jahren plagt Halbertsma – bisher meist unterbewusst – die Frage, wie er dies vor sich selbst und überhaupt rechtfertigen kann. Schließlich war er lange gewissermaßen das Spiegelbild seines Adoptivbruders Henri, der höchstens konsequenter war als er. Friedrich Nietsches „Lehre“ vom „Übermenschen“ fiel bei beiden Brüdern auf fruchtbaren Boden. Henri verinnerlichte sie freilich, während Johan skeptisch blieb und umdenken konnte.

Henri ist (Achtung: Ironie!) ein echter Prüfstein für jeden Moralisten. Er hat sich in die Familie Halbertsma hineingemogelt und -gelogen. Das Leid seiner Mitmenschen belustigt ihn oder ist ihm gleichgültig, da er sich über sie erhaben fühlt. Er schachert mit den Nazis und betrügt in existenzielle Not geratene Juden um ihren Besitz. Da ist sie wieder, die Frage, ob man einen solchen gefährlichen, gesellschaftlich verantwortungslosen Menschen nicht zur Verantwortung und aus dem Verkehr ziehen muss!

Wobei Johan selbst durchaus keine reine Weste hat. Nicht nur die Erinnerung an Henris Ende führt ihm der Duft der Seezunge ins Gedächtnis zurück. Das Bankhaus Halbertsma hat gut verdient in der Nazizeit. Jüdische Mitbürger verbargen hier für eine saftige „Gebühr“ ihre Vermögen; viele Konten blieben nach Kriegsende verwaist. Johans Reichtum speist sich auch und vor allem aus dieser Quelle. Er ist ein Mitläufer, der seine Skrupel gut genug unterdrückt hat, um vorzüglich zu verdienen. Letztlich darf man seinem Wort – so van de Weterings Schlussfolgerung – auch nicht trauen.

Janwillem Lincoln van de Wetering wurde am 12. Februar 1931 in Rotterdam geboren. Als Kind durchlebte er die Schrecken des II. Weltkriegs. Nach seiner Schulzeit besuchte er ein Business-College. Anschließend ging van de Wetering nach Südafrika. Sein Vater, ein Kaufmann, hatte ihm dort einen Job bei einer holländischen Firma vermittelt. Diesen warf er zwar bald hin, blieb aber dennoch im Land, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und heiratete.

Nach sechs Jahren verließ van de Wetering Südafrika und ging nach London, wo er Philosophie studierte und den Zen-Buddhismus für sich entdeckte. Konsequent ging er 1958 Kyoto nach Japan und lebte zwei Jahre in einem Zen-Kloster. Dann meldete sich der schnöde Alltag zurück; van der Wetering musste Geld verdienen und als Kaufmann nach Kolumbien und Peru, wurde Grundstücksmakler in Australien. Ab 1965 leitete er die Textilfabrik seines verstorbenen Schwiegervaters in Holland. Um den Wehrdienst zu umgehen, meldete sich van de Wetering als Hilfspolizist. Die Arbeit gefiel ihm, er blieb sieben Jahre bei der Polizei und brachte es bis zum Inspektor.

In den 1970er Jahren wurde van de Wetering schriftstellerisch tätig. Er übernahm die Philosophie des Jean-Paul Satre und die unterhaltsame Gesellschaftskritik des George Simenon und verschmolz beides in seiner Serie um die Amsterdam-Cops, welche kaum als klassische Polizeiromane, sondern eher als kritische und ironische Kommentare zu zeittypischen Missständen zu bezeichnen sind.

Den wanderlustigen van de Wetering hielt es nicht in Holland. In den 1980er Jahren lebte er in Maine in den USA auf einem Boot, mit dem er im Sommer die Küste befuhr. Weitere Weltreisen schlossen sich an. Als Schriftsteller verfasste van de Wetering nun ein Theaterstück, Kinder- und Sachbücher. Erst seit 1993 kehrt er (sporadisch) zum Kriminalroman zurück.

Van de Wetering ist auch im Internet präsent. Unter http://www.dpbooks.com/vandewet.htm erwartet den neugierigen Besucher ein vom Schriftsteller persönlich verfasster Lebenslauf. Vielleicht tröstet das über die Tatsache, dass die Website hoffnungslos unaktuell ist …

|Anmerkung: Um jeden Preis – ein Buch!|

Janwillem van de Wetering ist seit langem nicht nur ein Verfasser beliebter Kriminalromane, sondern auch ein Liebling des Feuilletons. Die ganze Welt hat er bereist, in einem Zen-Kloster meditiert, unter den Armen & Geknechteten der Dritten Welt gelebt, gesellschaftskritische Romane geschrieben – ein Produzent jener Art von Literatur also, die der (links-)intellektuelle Bildungsbürger unauffällig auf seinem Wohnzimmertisch auslegt, obwohl sie sich sträflich unterhaltsam liest.

Leider ist van de Wetering in den letzten Jahren ein wenig schreibfaul geworden. Hier und da ringt er sich eine Kurzgeschichte ab – oder einen Kurzroman wie „Die entartete Seezunge“. Dummerweise schätzt der Buchmarkt Novellen gar nicht. Romane „gehen“ gut, möglichst dick sollten sie sein, schließlich wünscht der Kunde anständige Ware für sein gutes Geld.

Also wird van de Weterings „Seezunge“ halt zum Buch „aufgewertet“, indem man sie ordentlich zwischen feste Einbanddeckel bindet und möglichst viel publizistisches Gewese darum treibt. Das übertönt dann hoffentlich auch den ketzerischen Gedanken daran, dass „Die entartete Seezunge“ auch deshalb so entartet ist, weil man die ursprüngliche Novelle so lange mit einer schweren Druckerpresse überrollte, bis daraus ein Buch geworden war (erste Runde 2002: 78 Seiten, zweite Runde 2005: 128 Seiten) – mit Rändern, auf denen man Tagebuch führen kann, und einer Schrift, die auch den sprichwörtlichen Maulwurf vor keine Probleme stellen dürfte. Ein bisschen Grafikschmuck übertüncht so manche gar zu leere Ecke – fertig ist die bibliophile Kostbarkeit, die immerhin recht preisgünstig geblieben ist.

Lennon, J. Robert – Postmann

Die Kritiker überschlagen sich förmlich vor Lob, wenn es um „Postmann“, den neuesten Roman aus der Feder des amerikanischen Autors J. Robert Lennon, geht. Da wird Lennon schon mal als „literarisches Schwergewicht ersten Ranges“ bezeichnet (|Chicago Tribune|) oder als „Sprachkünstler mit einem abgedrehten Sinn für Humor“ (|The Times|) und „Postmann“ wird mit den schönsten Adjektiven geschmückt: „originell, authentisch, schräg, wunderbar und auf jeden Fall mitreißend“ (ebenfalls |The Times|). Kein Wunder, dass der Verlag selbst nicht davor zurückschreckt, den Roman, mit dem Lennon in den USA und England der Durchbruch gelang, als „eines der beeindruckendsten Werke der amerikanischen Literatur der letzten Jahre“ zu titulieren*. So viel Lob steckt halt an und ermuntert nicht zuletzt auch den Leser, einen genaueren Blick auf einen bis dato eher unbekannten Autor zu werfen.

Für mich ist „Postmann“ ein Roman, der im ersten Moment schwer greifbar ist. Den Handlungsbogen genau zu erfassen, erscheint zunächst nicht ganz einfach. Der Leser begleitet den neurotischen Postboten Albert Lippincott für zehn Tage. Die gegenwärtige Handlung wird dabei oft an den Rand gedrängt und Lennon verliert sich in ausgiebigen Rückblenden, die das Leben von Albert reflektieren. Der Roman zeigt sich bei näherer Betrachtung sehr vielschichtig und entwickelt dabei immer wieder eine Tiefe, die man anfangs nicht vermutet.

Hauptfigur ist also Albert Lippincott, unser neurotischer Postbote, vom Autor stets liebevoll Postmann genannt, wohnhaft in Nestor, einer kleinen Universitätsstadt im Staate New York. Zunächst schauen wir ihm an einem ganz normalen Arbeitstag über die Schulter. Es ist Freitagmorgen, er sortiert seine Post, stellt sie zu und zweigt sich den einen oder anderen Brief als Abendlektüre ab. Den Rest des Tages verbringt er auf dem wenig aufregenden Nestor-Fest, bestaunt die Attraktionen, die alle anderen auch bestaunen, und isst Hühnchensandwiches, die ihm nicht wirklich schmecken. Das klingt zunächst alles wahnsinnig unspektakulär und ist für Postmann der normale Alltag.

Doch genaugenommen ist dieser Freitag für Postmann alles andere als ein normaler Freitag. Er markiert den Beginn eines Prozesses, der sein Leben vollkommen umkrempelt. Am Ende ist nichts mehr wie es war, doch Postmann ahnt davon an diesem Morgen noch gar nichts. Erste Probleme deuten sich an, als er sieht, dass Jared Sprain, einer der Bewohner in seinem Zustellbezirk (und einer, von dem er noch einen Brief zu Hause liegen hat), tot aus seiner Wohnung getragen wird. Selbstmord – was nicht wirklich verwunderlich ist, denn Sprain war schon lange depressiv. Dennoch plagen Postmann Gewissensbisse, hatte er es doch in der letzten Woche versäumt, den Brief eines Freundes von Sprain zuzustellen, in dem dieser ihm (wie so oft) seine Selbstmordgedanken auszureden versucht. War Postmann durch das Nichtzustellen des Briefes etwa schuld an Sprains Selbstmord? Sollte nun auffliegen, dass Postmann sich die Briefe seiner Kunden „ausleiht“?

Im Laufe weniger Tage häufen sich, ausgehend von diesem Ereignis, für Postmann mehrere Probleme an, die seine kleine Welt ins Wanken bringen. Sein trostloses Wochenende über hängt er größtenteils der Vergangenheit nach, bevor sich mit Beginn der neuen Woche die Turbulenzen verschlimmern …

Das Bild, das Lennon von seinem Postmann skizziert, weckt die vielfältigsten Gefühle. Mal wirkt die Gestalt des neurotischen kleinen Briefträgers geradezu zum Lachen, mal stimmt uns seine jämmerliche amerikanische Kleinstadtwelt mit ihrem ganz normalen Wahnsinn traurig oder melancholisch. Mit einem Blick für die tragikomischen Momente im ganz alltäglichen Leben lässt Lennon die markantesten Punkte in Postmanns Dasein Revue passieren.

Wer Postmann aufgrund seines derzeitigen Lebenswandels für einfältig und beschränkt hält, der wird sich im Laufe des Buches wundern. Postmann hat sogar mal ein paar Semester studiert, bevor er seine mittlerweile 30-jährige Postkarriere startete. Postmanns Leben hat viele Facetten: sein gescheitertes Studium, seine schwierige, manchmal etwas zu ungeschwisterlich innige Beziehung zu seiner Schwester, dann seine gescheiterte Ehe mit der Krankenschwester Lenore, das etwas verkorkste Verhältnis zu seinen Eltern und nicht zuletzt eine verrückte Reise in die tiefste Provinz Kasachstans.

Lennon widmet sich dieser vielschichtigen Lebensgeschichte seines oberflächlich betrachtet eher langweiligen Charakters ausgiebig, und so sind es auch die Rückblenden, in denen mit Blick auf den Handlungsbogen die Stärken des Romans liegen. Die Gegenwart gerät dabei schon mal ein wenig ins Hintertreffen und so hatte ich gerade im Mittelteil des Romans hier und da ein wenig das Gefühl, dass Lennon etwas die Ausgewogenheit der beiden Erzählebenen vermissen lässt. Die Rückblenden sind stark, keine Frage, aber man verliert darüber in der Gegenwart hier und da ein wenig den Faden – nicht zuletzt auch, weil die Handlung in der Gegenwart streckenweise nicht so recht vorankommt.

Die Gegenwart spielt vor allem am Anfang und am Ende eine größere Rolle, so dass Lennon den Roman trotz dieser stellenweise auftretenden Gegenwartsschwäche als eine runde, größtenteils stimmige Sache gestaltet. Am Ende schafft er es, die Balance wieder herzustellen. Kern des Romans ist letztendlich die Lebensgeschichte von Postmann und die stellt Lennon ganz hervorragend dar. Thematisch ist dabei im weitesten Sinne mal wieder der viel beschworene amerikanische Traum ein entscheidendes Element, beziehungsweise sind es die Schwierigkeiten, selbigen im alltäglichen Leben zu verwirklichen.

Lennons Roman ist ein Sammelsurium verkrachter Existenzen, von denen jede auf eigene Art scheitert. Postmanns Mutter, die stets von einer großen Gesangskarriere geträumt hat, aber nur Auftritte in billigen Bars auftreiben kann. Postmanns Vater, der ein großer Wissenschaftler hätte werden können, der sich aber zunehmend in seinem Kellerlabor verkriecht und vom Familienleben kaum etwas mitbekommt. Postmanns Schwester, die ihre hart erarbeitete Schauspielkarriere nie so voranbringen konnte wie sie wollte. Und Postmann selbst, der anfangs zunächst einen vielversprechenden Weg mit seinem Studium eingeschlagen hat, der versucht alles richtig zu machen, aber im weiteren Verlauf schon an den kleinsten Dingen scheitert.

Für den Leser fällt Postmanns Scheitern unter Umständen ganz amüsant aus, denn gerade seine Figur ist so tragisch und komisch zugleich, dass man mal über ihn lachen kann, im nächsten Moment den Kopf schüttelt und ihn einen Idioten schimpfen will und im übernächsten Mitleid empfindet. Man kommt nicht umhin, Postmann mit all seinen Macken und eigenartigen Lebensweisen als schräg zu bezeichnen, und spätestens, wenn Postmann mutterseelenallein in der tiefsten Provinz Kasachstans hockt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Lennon skizziert die Figur liebevoll und detailreich, so dass der 605-seitige Umfang des Romans durchaus angemessen erscheint – gerade auch mit Blick auf Lennons etwas weitschweifige aber mitreißende Erzählweise.

Lennons Stil braucht ein paar Seiten, bis er sich richtig entfaltet, bis man sich voll und ganz auf Figuren und Handlungsorte einlässt, aber kommt er erst einmal in Fahrt, ist er dem Anschein nach nicht mehr zu bremsen. Auf Basis einer kleinen, nahezu belanglosen Romanfigur an einem verschlafenen Ort entsteht ein Roman, der überraschend tiefgreifend und weitsichtig ist. Lennon schmückt seine Betrachtungen von Postmanns verkrachter, fast schon mickriger Existenz mit philosophischen Fingerübungen und gesellschaftlichen Überlegungen und bereichert seinen Roman damit um eine weitere interessante Facette.

Dank seines gewitzten Umgangs mit der Sprache und seines feinsinnigen, teils schwarz angehauchten Humors übermittelt er seine Ansichten und Eindrücke nachhaltig. Lennon versteht es, treffende Vergleiche zu ziehen und mit seinen ausgeklügelten Formulierungen stets den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die Lektüre wird dadurch im Laufe der Zeit zu einem wahren Genuss. Nett verpackt in einem ironischen, gewitzten Ton, mit bildhaften Vergleichen und einer Prise Melancholie schafft es Lennon, den Leser auch sprachlich zu fesseln und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Lennon gelingt auf diese Weise eine lesenswerte Reflexion des Lebens an sich, mit all den glücklichen Momenten und all den Lebenslügen und dem verloren gegangenen amerikanischen Traum. Man kommt nicht umhin, auch nach der Lektüre immer mal wieder an Postmann zurückzudenken. Er wächst einem trotz aller Schrullen, trotz all der merkwürdigen neurotischen Züge, die er entwickelt, eben doch nachhaltig ans Herz.

Klappt man am Ende das Buch zu und lässt „Postmann“ noch einmal in Ruhe gedanklich Revue passieren, so lässt es sich kaum umgehen, beim Blick auf all das Lob und all die positiven Worte zu Lennons Roman zustimmend zu nicken. Es ist genau so wie der |Independent| schreibt, es gelingt Lennon tatsächlich „meisterlich, die Traurigkeit und Melancholie des Alltags einzufangen“. „Postmann“ ist ein Wechselbad der Gefühle, das mit zunehmender Seitenzahl an Dramatik und Tragik gewinnt und dabei stets ein wenig schräg, sonderbar und auf seine ganz eigene Art liebenswürdig bleibt. Lennons Stil überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer schon mit Freude Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen gelesen hat, für den könnte sich „Postmann“ als Glücksgriff entpuppen.

* Wobei wir nicht so spitzfindig sein und die Kompetenz des |Heyne|-Verlags mit Blick auf die amerikanische Literatur infrage stellen wollen, nur weil sie den Australier Max Barry in den Verlagsempfehlungen amerikanischer Szeneautoren auf der letzten Seite des Buches zum Amerikaner machen. Schließlich gehört Australien in [„Logoland“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=96 Barrys abgedrehter Utopie der globalisierten Welt von morgen, praktisch mehr oder weniger zu den USA. Also ist das gar kein Fehler, sondern höchstens vorausschauend …

Coupland, Douglas – Hey Nostradamus!

_Douglas Coupland_

Douglas Coupland wurde 1961 geboren und lebt heute in Vancouver. Seinen Durchbruch feierte er Anfang der 90er mit dem Kultroman „Generation X“. Es folgten die Romane „Shampoo Planet“, „All families are psychotic“, „Miss Wyoming“ und „Girlfriend in a coma“. Neben seinen fiktionalen Romanen veröffentlichte er auch Essays und Ähnliches, so auch „American Polaroids“ oder den Fotoband „City of glass“.

_Hey Nostradamus!_

Der Roman beginnt im Jahr 1988. Wir begegnen der Ich-Erzählerin Cheryl, die uns gleich zu Beginn eröffnet, dass sie tot ist. Wie es dazu kam, erzählt sie auf den folgenden Seiten. Cheryl wohnt in Vancouver und geht noch zur High School. Sie hat einen Freund namens Jason, er geht auch zur High School, ist im Gegensatz zu ihr aber in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Sie lieben sich, beide möchten miteinander schlafen, Jason will davor aber unbedingt heiraten, was sie heimlich auch tun. Cheryl wird daraufhin schwanger. Eines Tages kommt es darüber zum Streit. Am selben Tag stürmen maskierte Schüler die Cafeteria und Cheryl befindet sich mitten in einem Schulmassaker, dessen Opfer sie schließlich wird. Als sie stirbt, schreibt sie noch folgende Zeilen:

|“God is nowhere. God is now here“|

Jason beendet den Amoklauf, indem er einen der Attentäter mit einem Stein erschlägt. Ende des ersten Teils, jetzt springt die Geschichte zum Jahr 1999. Jason ist nun der Ich-Erzähler und schildert das Massaker aus seiner Sicht der Dinge. Wir erfahren eine Menge neuer Dinge; so wurde Jason beschuldigt, von diesem Attentat gewusst zu haben, weil er es schließlich auch beendet hatte. Cheryl wurde wegen ihrer Botschaft zur Heiligen hochsterilisiert und Reg, der Vater von Jason, sagte, dass sein Sohn zur Hölle fahren wird, weil dieser einen Attentäter umgebracht hätte. Egal ob er damit anderen das Leben gerettet hat, Mord bleibt Mord. Daran soll auch die Ehe von Jasons Eltern zerbrechen. Seine Noten werden schlecht und die Leute fangen an, ihn zu meiden. Zwar stellte sich die Vermutung, dass Jason am Amoklauf beteiligt war, als falsch heraus, aber ein bitterer Beigeschmack bleibt natürlich immer und so begegnet der Leser einem Jason, der seinen Glauben verloren hat, nie über den Tod seiner Jugendliebe hinweggekommen ist und versucht, irgendwie durchs Leben zu kommen. Er geht den Weg des geringsten Widerstands, folglich ist er weder auf beruflicher noch auf zwischenmenschlicher Ebene erfolgreich.
Es folgen darauf zwei weitere Kapitel, das dritte führt ins Jahr 2002, diesmal erzählt Heather, die neue Freundin von Jason. Seinen Abschluss findet die Geschichte 2003 aus der Perspektive von Reg, Jasons Vater, der nun auf der Suche nach seinem inzwischen verschollenen Sohn ist.

_Hey, LESENSWERT!_

Dieses Buch ist hervorragend, da es auf mehreren Ebenen funktioniert und die Charaktere so glaubwürdig und echt wirken. Sie sind typisch Coupland. Es sind Außenseiter, zumindest werden sie das. Trotzdem kann man sich sehr gut in sie hineinversetzen, da Coupland ihre Macken nicht überzeichnet und normal wirken lässt. Durch die Erzählperspektive findet man sich zudem in der Gedankenwelt der durchweg interessanten Charaktere wieder, was zur Identifikation beiträgt.

Thematisch spielt Religion eine ebenso große Rolle wie die Frage, ob es ein Schicksal gibt, ob alles im Leben schon vorbestimmt ist, was den Titel „Hey Nostradamus“ erklärt. Für mich steht aber im Mittelpunkt, wie ein einzelnes Vorkommnis, in diesem Fall ein Schulmassaker, das Leben so vieler Menschen für immer verändert, ihr Leben sozusagen steuert. Damit sind nicht nur die Menschen, die direkt etwas mit Cheryl zu tun hatten, gemeint, sondern auch Menschen, die sie nie kannten. Jasons Leben wurde zum Beispiel extrem durch den Tod der Jugendliebe geprägt, die Ehe seiner Eltern ging deswegen auseinander und Heather, die nie etwas mit Cheryl zu tun gehabt hat, soll trotzdem dadurch beeinflusst werden, weil sie eine Beziehung mit Jason eingeht. Man kann aber noch so vieles in diesem Roman finden; so könnte man im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Jason die Rolle der Medien diskutieren, aber auch unsere Gesellschaft im Allgemeinen, die jemanden nur aufgrund von Vermutungen verurteilt.

Genazino, Wilhelm – Liebesblödigkeit, Die

Der Trend geht eindeutig zur Zweitfreundin, jedenfalls wenn man dem Protagonisten aus Wilhelm Genazinos aktuellem Roman „Die Liebesblödigkeit“ Glauben schenken mag. Wieso sollte der Mensch sich auch mit nur einem Partner zufrieden geben, wenn sogar von ihm erwartet wird, dass er beide Eltern liebt und sich dabei nicht auf einen Elternteil beschränken darf? Diese und andere philosophisch angehauchten Fragen sind Thema der „Liebesblödigkeit“ – ein Buch, das schon durch seinen sympathischen Titel zum Kauf verlocken kann. Erst im vergangenen Jahr wurde Wilhelm Genazino mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und selbst das „literarische Quartett“ hatte nur Worte des Lobes für Genazino übrig; so begann der Verkauf seines neuesten Werkes mit vielen Vorschusslorbeeren.

Der alternde Ich-Erzähler der „Liebesblödigkeit“ hat bereits seit einigen Jahren zwei Freundinnen parallel, die voneinander nichts wissen. Auf der einen Seite wäre da Sandra, die als Sekretärin arbeitet und sich um die Altersvorsorge ihres Partners sorgt und ihn deswegen gerne heiraten möchte, auf der anderen Seite steht Judith, die gescheiterte Konzertpianistin, die nun als Nachhilfelehrerin ihr frustriertes Dasein fristet und den lieben langen Tag in der Straßenbahn sitzt, um von einem Schüler zum nächsten zu fahren. Beide Frauen bevorzugen Lebensweisen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, sodass es dem Ich-Erzähler ermöglicht wird, sein Doppelleben gefahrlos aufrechtzuerhalten. Doch nun spürt er die ersten Erscheinungen des Alterns, die Krampfadern schmerzen mehr denn je und beeinträchtigen bereits den Sex im Liegen und auch sein Urin sah schon einmal besser aus. In dieser Situation kommen ihm erstmals Gedanken an die Trennung von einer der beiden Frauen. Denn was wäre, wenn er plötzlich ins Krankenhaus müsste und Sandra und Judith sich dort begegnen würden? Eine Entscheidung muss her, denn er kann nicht mehr länger mit beiden Frauen ein Verhältnis haben, auch wenn dieses Arrangement doch so praktisch ist. Als Sandra ihm schließlich einen Heiratsantrag macht, gerät unser Frauenheld in eine Zwickmühle.

Finanziell hält der Ich-Erzähler sich mit Seminaren über die Apokalypse über Wasser, ein Thema, das aktueller denn je zu sein scheint, sodass sich seinem Seminar in der Schweiz kurzentschlossen einige Rentner anschließen, um seinen spannenden Vorträgen lauschen und mit ihm über apokalyptische Themen diskutieren zu können. Den Erzähler erfreut dies, sichern die neuen Seminarteilnehmer ihm doch freie Kost und Logis im Hotel.

Gleichzeitig beobachtet der Erzähler genauestens seine verkommende Umwelt und kommentiert diese mit meist scharfen Worten. Auf diese Weise wird zunehmend das Elend dieser Welt deutlich, das sich oft schon in den kleinen Gesten widerspiegelt. Nebenbei tauchen immer wieder skurrile Gestalten wie Schockforscher und auch Ekelreferenten auf, die mit ihren gewagten Thesen die Welt verbessern wollen. Im Laufe der Geschichte gibt der Erzähler darüber hinaus viele Informationen über sich und seine Vergangenheit preis, der Leser lernt seine Exfrau Bettina kennen und erfährt die Gründe für das Scheitern ihrer Ehe. Am Ende des Buches steht schließlich die wichtige Entscheidung über seine Zukunft aus …

Schon mit den allerersten Sätzen beweist Wilhelm Genazino sein überragendes Erzähltalent, punktgenau und präzise weiß er sämtliche Situationen und Personen zu beobachten und zu analysieren. Dabei entgeht keine Kleinigkeit seinem scharfen Auge, jede noch so vermeintliche Nebensächlichkeit findet eine Erwähnung und trägt zum Gesamtbild des Romans bei. Genazino zeichnet ohne Scheu und Rücksichtnahme ein ehrliches und teilweise sogar abstoßendes Bild von einem gescheiterten Apokalypseexperten, der seine Seminare geben muss, bis er tot umfällt, weil er sich nicht um seine Altersvorsorge gekümmert hat. Selten habe ich eine so gelungene Charakterstudie in einem Roman wiedergefunden wie in diesem, denn durch die schonungslosen Beobachtungen unseres Erzählers lernen wir mehr über ihn, als ihm lieb sein wird. In jeder noch so peinlichen und unangenehmen Situation ist der Leser dabei, sei es der Kauf der ungeliebten fleischfarbenen Stützstrümpfe oder die genaue Beobachtung seines wandelbaren Urins, nichts wird uns vorenthalten. Auch die beiden Lebenspartnerinnen werden detailliert vorgestellt und kritisiert. Wie bricht es dem Erzähler doch fast das Herz, als ihm Sandra stolz ihre talentlosen Bilder vorführt und er peinlich berührt daneben steht und diese gar nicht ansehen mag. Kein Fehler, keine Charakterschwäche wird verschwiegen, die Personen werden regelrecht seziert. Auch für seine Seminarteilnehmer hat der Erzähler oft nur Spott übrig. So versucht er immer wieder, diesen anderen Menschen zu entkommen, um seine Ruhe zu haben.

Genazino spielt mit den Sympathien der Leser, denn als Sandra bereits wie die sichere Siegerin im Liebesduell aussieht, zeigt sie ihre selbstgemalten Bilder und beweist ihr fehlendes kulturelles Verständnis, während Judith gerade auf diesem Gebiet punkten kann. Immer wieder schwankt der Leser hin und her, fiebert mal mit Sandra mit, mal mit Judith. Bis zum Schluss scheint die Entscheidung offen zu sein, wobei Sandra doch der wesentlich größere Raum im Buch zugestanden wird. Obwohl der Erzähler schonungslos ehrlich dargestellt wird mit all seinen Verfehlungen und Ansichten, werden dennoch Sympathien für ihn aufgebaut. Seine Handlungsweisen werden dem Leser verständlich gemacht, seine beiden Liebschaften werden nachvollziehbar, wie ich mir dies nie hätte vorstellen können. Der Erzähler wirkt immer mehr wie eine geradezu armselige Gestalt, die weiß, dass sie gescheitert ist. Eine Identifikation mit dem Erzähler ist über weite Strecken nicht möglich, trotzdem findet man immer wieder eigene Gedanken im Text wieder, oftmals kann man den tragischen Helden irgendwo verstehen.

Die beschriebenen Situationen muten meist völlig skurril an, besonders das Apokalypseseminar in der Schweiz springt dem Leser hierbei ins Auge. Während der Erzähler sich vorher lieblos überlegt, welche Thesen er in seinen Vorträgen anbringen kann, sind seine Seminarteilnehmer restlos begeistert. Als Leser wird man allerdings nie den Eindruck los, dass der Erzähler für seine Mitmenschen oft nur Spott und Mitleid übrig hat. Ganz am Rande lässt er den Gedanken fallen, dass er sich ebenso gut in ein anderes Themengebiet einlesen könnte, aber die Apokalypse ist beliebt und läuft gut, warum also sollte er umschwenken auf ein anderes Seminarthema? Die Apokalypse ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, seine persönliche Überzeugung kann er jedoch gut verbergen. Trotz all der Skepsis bleibt der Erzähler von seinen apokalyptischen Studien offensichtlich nicht ganz verschont, denn häufig dringen seine gesundheitlichen Ängste durch und wir gewinnen den Eindruck, dass die Hauptfigur sich wohl etwas zu viel mit der Apokalypse beschäftigt hat.

Auch sprachlich weiß Genazino auf ganzer Linie zu überzeugen, seine Sätze klingen ausgereift und überzeugend, seine Geschichte ist einfach nett und sympathisch geschrieben. „Die Liebesblödigkeit“ ist ein kleines aber feines Stück Literatur, das leicht zu lesen, aber nicht leicht zu verdauen ist. So schnell das Buch auch durchgelesen ist, so schnell ist es noch lange nicht vergessen, denn nach Zuklappen des Buches schwirren uns viele Gedanken über das eigene Leben und die Gesellschaft durch den Kopf, sodass das Buch noch lange nachwirkt. „Die Liebesblödigkeit“ ist nicht einfach zu konsumieren, auch über das Ende sollte man nachdenken, um herauszufinden, was Genazino damit sagen möchte. Für mich ist dieser Roman dadurch schon jetzt die persönliche Entdeckung des Jahres. Wie oft habe ich beim Lesen schmunzeln müssen über die Eigenarten der Figuren, wie gut habe ich mich unterhalten gefühlt, dieses Buch werde ich sicherlich bald ein zweites Mal lesen.

„Die Liebesblödigkeit“ erzählt auf den ersten Blick eine nette kleine Geschichte über das Leben und die Liebe, die aber schon auf den zweiten Blick deutlich mehr zu offenbaren hat. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr die Frage nach der Trennung von einer Frau. Dieser Punkt ist nur einer von vielen, denn im Leben des Erzählers liegt mehr im Argen als nur seine |ménage à trois|. Wilhelm Genazino beweist neben seinem hervorragenden Erzähltalent auch eine scharfe Beobachtungsgabe, die nicht nur den Charakterzeichnungen zugute kommt, sondern auch für eine besondere Plastizität des gesamten Geschehens sorgt. Die auftauchenden Figuren werden teilweise richtiggehend seziert und absolut schonungslos vorgestellt. Dieser Roman hat zwar nur etwas mehr als 200 Seiten und ist zügig durchgelesen, dennoch wirkt die Erzählung lange nach. Hinter diesem fast seichten Buchtitel und kindlich wirkenden Buchcover versteckt sich eine fein erzählte Geschichte, in der es viel zu entdecken gilt. So bleibt am Ende eigentlich nur festzustellen, dass Genazino sich seine Vorschusslorbeeren vollauf verdient und seine Leserschaft absolut zufrieden gestellt hat. Nur ein einziger kleiner Wehmutstropfen bleibt zurück, denn das Ende des Romans kommt ein klein wenig zu plötzlich und an einem Punkt, an dem der Leser den tragischen Erzähler lieb gewonnen hat und gerne mehr über seine Zukunft erfahren möchte.

Szerb, Antal – Pendragon-Legende, Die

Ende 2004 erschien im |Deutschen Taschenbuchverlag| eine Neuübersetzung der „Pendragon-Legende“, die der ungarische Literaturprofessor Antal Szerb bereits im Jahre 1934 verfasste. Szerb ist in Ungarn bis heute berühmt, obwohl er bereits 1945 im Alter von nur 43 Jahren im Internierungslager Balf in West-Ungarn starb.

Im Alter von 32 Jahren lernt János Bátky auf einer Soiree bei Lady Malmsbury-Croft den Earl of Gwynedd kennen, der auch unter dem Namen Owen Pendragon bekannt ist. Die beiden unterhalten sich gut und diskutieren unter anderem über Fludds Naturphilosophie. Am Ende des Abends erhält Bátky eine Einladung nach Wales auf das Schloss Llanvygan der Pendragons, wo ihm eine ausführliche Sichtung der dortigen Bibliothek ermöglicht werden soll. Bátky freut sich zwar über das Angebot, fühlt sich allerdings viel zu träge, um wirklich nach Wales zu reisen. Dennoch wird seine Neugierde geweckt, als er erfährt, dass die Pendragon-Bibliothek weltweit berühmt ist für ihre Werke aus dem Gebiet der Mystik und des Okkultismus im 17. Jahrhundert. Kurze Zeit später erhält Bátky einen mysteriösen Anruf, der ihn vor einer Reise nach Wales warnen will, da dort sein Leben in Gefahr sei. Doch Bátky versucht, dieses Telefonat wieder zu vergessen.

Durch einen Zufall (?) lernt er bei seinen Studien zur Familiengeschichte der Pendragons im |British Museum| den lebens- und reiselustigen George Maloney aus Connemara kennen, der sogleich von seinen zahlreichen und aufregenden Auslandsaufenthalten erzählt. Bei einem gemeinsamen Abendessen stellt Maloney seinem neuen Bekannten Bátky den Neffen des Earl of Pendragon vor. Der gebildete Osborne Pendragon studiert in Oxford, möchte aber seine Ferien auf Llanvygan verbringen und hat dazu auch seinen Freund Maloney eingeladen. So beschließen Maloney und Bátky, gemeinsam nach Wales zu reisen.

Schon die Begrüßung auf dem Schloss verläuft nicht so erfreulich, wie Bátky sich das erhofft hat, und gleich in der ersten Nacht wird er von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Als er seinen Revolver aus dem Nachtschrank holen will, muss Bátky erstaunt feststellen, dass sämtliche Patronen aus der Waffe entfernt worden sind und auch ein Päckchen fehlt, das er für Maloney mit sich geführt hat. Auf dem Gang vor seinem Zimmer trifft er auf eine mittelalterlich gekleidete Gestalt, die sich als Hausdiener vorstellt, doch bei einem Blick aus seinem Zimmerfenster kann Bátky einen schwarzen Reiter mit Fackel und Hellebarde beobachten. Kurz darauf wird ein Mordanschlag auf den Earl verübt, dem er nur mit viel Glück entkommen kann. Es scheint, als könnte der Earl drohendes Unglück spüren, denn dies war bereits der dritte Mordversuch, den er vereiteln konnte. Langsam aber sicher verdichten sich die Verdachtsmomente, bald ist ein angeblich Schuldiger gefunden, doch was steckt wirklich hinter den Mordanschlägen?

„Die Pendragon-Legende“ ist aus der Sicht des János Bátky geschrieben, der seine Lebensgeschichte erzählen möchte. In seinen ersten 32 Lebensjahren ist außer dem ersten Weltkrieg nichts Entscheidendes passiert; so entschließt sich Bátky, gleich beim Soiree der Lady Malmsbury-Croft einzusetzen und damit bei seiner ersten Begegnung mit dem Earl of Pendragon. Obwohl sofort offensichtlich wird, dass dieses Kennenlernen für den Ich-Erzähler von entscheidender Bedeutung gewesen sein muss, lässt Szerb sich in seiner Erzählung viel Zeit. Zunächst entwickelt er seine Charaktere und verleiht Bátky einige selbstkritische Züge, da er immer wieder einstreut, mit welchen Charakterzügen er an sich selbst unzufrieden ist. Die Charakterzeichnungen sind ein Punkt, der sofort positiv auffällt an diesem Buch, denn neben János Bátky lernt der Leser auch die anderen Hauptfiguren recht gut kennen. Eine besonders sympathische Figur ist dabei Maloney, der immer wieder unglaubliche Geschichten aus Connemara von sich gibt, die ihn ein wenig spleenig, aber auch nett erscheinen lassen. Aufgrund der abstrusen Geschichten bezeichnet Bátky Maloney wenig schmeichelhaft als Münchhausen, doch kommt der Leser nicht umhin, diesen Geschichten doch ein wenig Glauben zu schenken. Maloneys extravagante Hobbys tragen dazu bei, dass der Leser sich ein gutes Bild von diesem überdrehten und lebenslustigen Charakter machen kann. Szerb entwickelt Charaktere, wie es sie im wahren Leben möglicherweise eher weniger geben mag, dennoch kann man ihm dies nicht übel nehmen, da einem die Personen einfach ans Herz wachsen durch ihre menschlichen Macken und Eigenarten. Der Autor zeigt an vielen Stellen eine erstaunliche Beobachtungsgabe, da er in etlichen weiteren Situationen Eigenschaften und Merkmale seiner Charaktere anbringt. Als dritte Figur tritt Osborne Pendragon in Erscheinung, der zwar gebildet und intelligent ist, aber seine Schwierigkeiten mit Frauen zu haben scheint; auch er vermag es durch sein leicht schrulliges Verhalten, dem Leser in einigen Situationen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Besonders Lene Kretzsch weiß eine sehr amüsante Episode über Osborne zu berichten, als sie nämlich versucht, den reservierten und wohlerzogenen Osborne zu verführen, was sich als äußerst kompliziert erweist. Natürlich fehlen auch nicht die Frauenfiguren in diesem Roman; so treten die ominöse Eileen St. Claire, die bezaubernde Cynthia Pendragon und die toughe Lene Kretzsch in Erscheinung. Hier prallen drei völlig unterschiedliche Frauentypen aufeinander, die sich Antal Szerb wahrlich meisterhaft ausgedacht hat.

Szerbs Erzählweise ist gemächlich, aber unheimlich sympathisch, in vielen Sätzen verstecken sich sensibler Humor und feine Ironie, die uns nicht vor lauter Lachen vom Sofa fallen lassen, aber immer wieder zum Schmunzeln bringen. Der besondere Reiz liegt hier in den Feinheiten, die am Rande fallen und auf die man genau Acht geben sollte. „Die Pendragon-Legende“ sollte daher mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit gelesen werden, da Szerb viel zu sagen hat und dem Leser zahlreiche Informationen mit auf den Weg gibt. So erfährt der Leser während Bátkys ausführlicher Literatursichtung vor seiner Reise nach Wales einiges aus der Familiengeschichte der Pendragons, die eng verwoben ist mit der Geschichte der Rosenkreuzer. Stein um Stein baut Szerb dadurch seine Geschichte auf. Oftmals wird die eigentliche Erzählung ein wenig unterbrochen durch diverse Einschübe, wenn beispielsweise eine neue Person auftaucht, die János Bátky zunächst vorstellen möchte, oder wenn aus der Historie der Pendragons berichtet wird. Obwohl ich derlei Einschübe sonst eher lästig finde, muss ich zugeben, dass sie hier in die Geschichte passen, zumal die eingeschobenen Szenen meist interessant oder auch amüsant sind.

Allmählich wird fast schon unmerklich Spannung aufgebaut durch kleine Hinweise auf mysteriöses Treiben im Hause Pendragon. Bátky kommt im Schloss kaum zum Schlafen, da nächtens die merkwürdigsten Dinge geschehen, darüber hinaus schwebt der Earl of Pendragon in Lebensgefahr, da er bereits drei Mordanschlägen durch schicksalhafte Mithilfe entkommen konnte. In Pendragons Labor entdeckt Bátky unglaubliche Dinge, die mit der Geschichte der Rosenkreuzer zusammenzuhängen scheinen. Doch bleibt lange unklar, worauf das Buch eigentlich hinauslaufen möchte.

Eine Einteilung in ein Genre ist bei der „Pendragon-Legende“ äußerst schwierig, da Szerb auf der einen Seite eine Geistergeschichte schreibt, auf der anderen aber auch ein Familienbild der Pendragons entwirft. Beide Handlungszweige sind eng verwoben und werden gleichberechtigt weitergeführt. Obwohl die Rosenkreuzer auftauchen und eine nicht unwesentliche Rolle spielen, darf man keinen Verschwörungsthriller im Stile eines Dan Brown erwarten, denn Szerb lässt seine „Pendragon-Legende“ in eine völlig andere Richtung gehen. Im Grunde genommen kann man das Buch als eine Gruselgeschichte mit ausführlichen Charakterzeichnungen und sympathisch erzählter Rahmengeschichte bezeichnen.

Die „Pendragon-Legende“ reißt nicht durch übergroße Spannung mit, sondern hat ihren ganz eigenen Charme, das Buch ist eine kleine literarische Perle, die man aufmerksam lesen sollte, um alle Feinheiten aufzunehmen. Antal Szerb lässt herrliche Charaktere entstehen, die allesamt irgendwo sympathisch werden, allen voran der philosophisch interessierte, schüchterne und ängstliche Ich-Erzähler Bátky, der auch den Reizen einer schönen Frau nicht widerstehen kann. Die eigentliche Gruselgeschichte passiert fast schon am Rande, obwohl sie doch eigentlich Anlass gegeben hat zu Bátkys Erzählung. Doch der besondere Reiz dieses Buches liegt in den Geschichten, die drumherum erzählt werden. Der Leser sollte sich allerdings auf Szerbs Erzählweise und die manchmal etwas schwerfällig anmutende Sprache einlassen, dann wird die „Pendragon-Legende“ für einige sehr unterhaltsame und interessante Stunden sorgen.

Hennig von Lange, Alexa – Woher ich komme

Alexa Hennig von Lange ist die wohl schillerndste unter den jungen Autorinnen Deutschlands. So jung ist die 1973 in Hannover geborene, ehemalige „Bim Bam Bino“-Moderatorin aber auch nicht mehr. Inzwischen lebt sie nach langem Aufenthalt in Berlin mit ihrem Mann und den zwei Kindern wieder in Hannover.
Literarisch ist man 1997 auf sie aufmerksam geworden, ihr Debüt „Relax“ hielt sich lange in den Bestsellerlisten und bestach durch die authentische und schonungslose Jugendsprache der Autorin. Wie es so häufig ist, wurden die folgenden Romane „Ich bin’s“ und der Tagebuchroman „Mai 3D“ zu echten Enttäuschungen und ließen am Talent des Rotschopfes zweifeln. Zurück zu alter Stärke hatte sie zum Glück mit dem Jugendbuch „Ich habe einfach Glück“ im Jahre 2001 gefunden, für das sie schließlich mit dem Jugendliteratur-Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschienen „Erste Liebe“ und „Mira reicht’s“ 2004. Die Erstausgabe zu „Woher ich komme“ wurde 2003 veröffentlicht.

Die Handlung des 100 Seiten kurzen Romans ist gar keine. Die 30-jährige, namenlose Protagonistin fährt mit ihrem Vater ans Meer, wie es die Familie jeden Sommer getan hat. In der Gegenwart hält man sich aber nicht lange auf, auf den gesamten Text bezogen nur wenige Seiten. Es ist ein stiller und träger Ausflug, den Vater und Tochter hier unternehmen. Das Meer, der Ort, zu dem es die Beiden gezogen hat, ist der Ort der Erinnerungen, die wie Schatten immer wieder, meist nur kurz, an der Oberfläche erscheinen.
Jede Erinnerung ist nur wenige Sätze lang, bricht so unvermittelt, wie sie aufgetaucht ist, ab und wird von einer anderen abgelöst. Die Protagonistin geht in Gedankensprüngen ihre Kindheit durch. Diese ist auf den ersten Blick eine glückliche. Man erfährt, dass sie einen kleinen Bruder hatte, der im Sommer, immer wenn die Familie zum Urlaub ans Meer gefahren ist, Geburtstag hatte. Liebevoll, fast poetisch werden Situationen dieser Sommertage geschildert, aber es klingt auch viel Wehmut darin an. Eines Sommers wird die Familie während des geliebten Sommerurlaubs für immer auseinander gerissen. Bei einem Spaziergang im Watt wird man von der Flut überrascht. Die Protagonistin kann sich an den Strand retten und muss zusehen, wie nur ihr Vater aus dem Wasser zurückkehrt.
Es tun sich inmitten dieser tragischen Gegebenheit und Schilderungen einer oberflächlich normalen und glücklichen Kindheit aber auch noch weitere düstere Abgründe auf. So zum Beispiel die Affäre der Mutter mit dem Nachbarn.

„Woher ich komme“ ist ein ruhiges und schlichtes, so zerbrechlich wie die Erinnerungen der Protagonistin wirkendes Buch. Es ist ebenfalls eine authentische Erzählung. Die Erinnerungen wurden ausgezeichnet von der Autorin gestaltet und angeordnet. Die von der Protagonisten erinnerten Dinge liegen schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Durch diesen Umstand wirken sie auf den Leser oft unklar und schemenhaft, an einigen Stellen aber bemerkenswert detailliert. Es sind meist die schönen Erinnerungen, wie die tiefe Verbundenheit mit dem Bruder oder Gesten der Mutter, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben, die präzise und emotional berührend wiedergegeben werden.
Angesichts der letztendlich mehr als tragischen Kindheit verbergen sich viele Dinge im Kopf der Protagonistin, die sie scheinbar noch nicht für sich abschließen konnte. Durch die räumliche Nähe zu diesen Erinnerungen (das Meer) brechen sie unweigerlich und geballt hervor. So wird es für den Leser schwierig, diese in einen Kontext einzuordnen, denn sobald sich Klarheit anbahnt, wird eine Erinnerung von der anderen abgelöst. Zeitliche und räumliche Sprünge folgen dabei aufeinander, bis sich das Angedeutete gegen Ende des Romans mehr und mehr entblättert, aber immer noch viel Raum für die Fantasie des Lesers lässt.
„Woher ich komme“ ist kein Buch, das sich mit der dramaturgischen Entwicklung einer Handlung oder der von Charakteren aufhält. Die Handlung ist die Vergangenheit, und die muss sich der Leser schon selbst erarbeiten. Wer sich darauf einlässt, kann einige gute Stunden mit einem höchst interessanten und für die Autorin außerordentlich erwachsenem Buch verbringen.

|Leseprobe| aus der Taschenbuchausgabe Februar 2005, Seiten 9/10.

»Meine Mutter und ich sahen, wie sich der Priel mit Wasser füllte, und der Sand war nicht mehr da, und mein Vater war weit draußen, hörte unsere Rufe nicht, und der Himmel war blau. „Lauf so schnell du kannst!“ Meine Mutter schubst mich in die Richtung, in der sie den Strand vermutet, und das ist die richtige Richtung, und ich renne so gut es geht, im feuchten Sand, und Mama versinkt in die andere Richtung, in Richtung meines Vaters, meines Bruders. Der war klein und wusste von nichts. Ging an Papas Hand und hatte uns zugewinkt. Die Sonne stand über uns, flirrend, keine Wolken, einfach nur Himmel und sehr viel Raum. Zwischen Mama und mir, zwischen mir und meiner Familie wurde der Abstand immer größer.
Mein Vater kam allein zurück.«

Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein

Ich habe geweint. Ganz ehrlich. Als die Geschichte zu Ende war, kullerten mir Tränen die Wangen hinunter. Das war mir noch nie passiert. Im Kino ja. Man kommt nicht umhin, hier und da mal auf die Tricks des Hollywoodkinos hereinzufallen und in die Gefühlsfalle zu tappen. Aber bei einem Buch? Nein, bei einem Buch war mir das noch nie passiert. Nur bei Anna Gavaldas neuem Roman „Zusammen ist man weniger allein“. Dabei drückt sie doch gar nicht auf die Tränendrüse, hebt keine hinterhältigen Gefühlsfallen in einem kitschbehangenen Plot aus und winselt nicht um Mitleid für ihre schicksalsgebeutelten Figuren. Warum also gleich anfangen zu heulen? Eine schwierige Frage, also verliere ich vielleicht lieber erst einmal ein paar Worte zur Handlung.

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Kennedy, Douglas – Um jeden Preis

_Liebe und Kabale im Filmgeschäft_

Drehbuchautor David Armitage lebt schon jahrelang am Existenzminimum, da bekommt er den Anruf, der seinen Aufstieg zum Zenit des Erfolgs einleitet. Doch Neider warten schon, und so ist der umso steilere Absturz nur eine Frage der Zeit.

|Der Autor|

Douglas Kennedy, 1955 geboren, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in London. Er schreibt Hörspiele und Reisebücher, doch erst seine drei Romane „Nachtblende“, „Der Job“ und „Die Entscheidung“ brachten ihm Bestsellerruhm.

_Handlung_

Zehn Jahre lang hat sich David Armitage als erfolgloser Drehbuchautor abgerackert und mit diversen Jobs über Wasser gehalten, wobei ihm seine Frau Lucy stets treu zur Seite stand. Er liebt seine Tochter über alles und möchte ihr unbedingt eine schöne Zukunft sichern.

Er ist bereits Ende vierzig, da bekommt er endlich den Anruf, auf den er sein Leben lang gewartet hat: Seine Agentin teilt ihm mit, dass der Sender FRT sein Drehbuch für „Auf dem Markt“ gekauft habe und eine Serie daraus stricken wolle. Plötzlicher Reichtum liegt zum Greifen nahe – er hat aber auch ein Preisschild.

David muss die Serie zusammen mit einer attraktiven Mitarbeiterin des Senders entwickeln. Natürlich verliebt er sich Hals über Kopf in Sally und steigt mit ihr ins Bett. Das Verbergen der Affäre vor seiner langjährigen Angetrauten quält ihn, aber eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und Lucy wirft ihn hinaus. Anstatt sich aus dem nächstbesten Fenster zu stürzen, stürzt sich David erst recht in die Arbeit an der TV-Serie „Auf dem Markt“, die in höchsten Tönen gepriesen wird, Zuschauerrekorde bricht und mit zwei Emmys ausgezeichnet wird. David ist auf dem Zenit seiner Laufbahn angelangt. Von hier an geht es steil abwärts.

Doch zunächst folgt ein für David recht merkwürdig anmutendes Intermezzo. Ein bekannter Milliardär namens Philip Fleck lädt ihn auf seine karibische Privatinsel ein, um über die Verfilmung eines von Davids Drehbüchern zu sprechen. Dummerweise taucht der Mann überhaupt nicht auf, vielmehr macht David die entzückende Bekanntschaft von Flecks Gattin Martha. Wenigstens kommt es nicht zu erotischen Verwicklungen, aber man hat die beiden beobachtet. Kurz bevor David gezwungen ist, nach L.A. zurückzufliegen, kann er kurz mit Fleck reden. Irgendwie scheint das Ganze ein gigantisches Missverständnis zu sein.

David klingen die Ohren, als wenige Tage später ein Klatschreporter der Hollywood-Presse seinen Namen in den Schmutz zieht und ihn des Plagiats zeiht. Beim ersten Mal kann David die Studiobosse noch hinter sich bringen, doch beim zweiten Mal steht er auf verlorenem Posten und stürzt ab: Verträge weg, Geliebte (Sally) weg, Familie weg – vielleicht sollte er doch noch aus dem Fenster springen.

Da taucht eines Tages in dem Nest, in das er sich verkrochen hat, Martha Fleck auf wie eine Erscheinung von einem anderen Stern. Sie erweist sich als Davids letzte Rettung. Denn natürlich war Davids Absturz kein Zufall.

_Mein Eindruck_

Ich weiß ja nicht, was der |Lübbe|-Verlag unter einem „spannungsgeladenen Thriller“ versteht, aber „Um jeden Preis“ ist keiner. Die einzigen Leichen, die sich hier häufen, sind die des verlorenen Ruhmes. Das Buch ist vielmehr eine rasant ablaufende Kolportagestory, die Johannes Mario Simmel gerade noch das Wasser reichen kann.

Mag ja sein, dass sich das Buch leicht begreifen lassen muss, um die angepeilte Zielgruppe zu erreichen, aber die Handlung und die daraus zu lernende Lektion über das „Leben im Filmgeschäft“ bringen nichts Neues, sondern wiederholen lediglich den Plot von Kennedys erstem Roman „Nachtblende“ (der durchaus spannend ist).

Zum anderen ist der moralische Zeigefinger ziemlich hoch erhoben: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Das gilt nicht nur für David, sondern auch für seinen Widersacher Fleck (warum nur muss der einen solchen deutschen Namen tragen?). Das dürfte David aber auch kein Trost sein. Er weiß, der Mensch ist verführbar, Glück zerbrechlich und Liebe nur ein Four-letter-word. Wenigstens tritt am Schluss kein Moralapostel auf – die Erkenntnis und die Buße bringt David ganz von alleine fertig.

|Ein Abgesang auf die goldenen Neunziger|

In einem gewissen Sinne ist „Um jeden Preis“ ein Abgesang auf die goldenen Neunziger, wie man die Clinton-Ära zwischen den beiden Bushes („sex between the Bushes“) inzwischen nennen könnte. Die New-Economy-Seifenblase blähte sich auf und platzte 2000/2001 unter solchem Donnergetöse, dass die Börse fast zusammenbrach. Inzwischen konzentriert man sich wie David Armitage wieder auf das Notwendigste: die so genannte „Kernkompetenz“. Und im 21. Jahrhundert achtet man auf die Familienwerte, ebenfalls wie David. Fleck, der Milliardär, ist der anmaßende Intrigant, der das Filmgeschäft an sich reißen will, ein später Howard Hughes (dessen Leben unter dem Titel „The Aviator“ mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale und weiteren Größen verfilmt wurde).

Dieser ganze Wandel wird von Kennedy noch etwas lebensphilosophisch verbrämt, indem sich David und Martha Gedichte der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson zuschicken – sozusagen kodierte Kurzbotschaften über die jeweilige Stimmung im Lande. So wunderschön Tante Emilys Gedichte auch sein mögen, ich finde ihre Verwendung in diesem Roman aufgesetzt und deplatziert.

_Unterm Strich_

Wer einen anspruchsvollen Thriller wie etwa von Ken Follett, Jeffery Deaver oder Minette Walters erwartet, sollte erst einmal alle Erwartungen nach unten schrauben und dann erst in den Roman einsteigen. Nachdem ich diese anfängliche Enttäuschung erst einmal verarbeitet hatte, konnte ich mich mit Vergnügen dem Rest des Buches widmen. Es hat durchaus ein paar witzige und nette Stellen, aber man merkt doch deutlich, dass sich der Autor in seinen Ansprüchen an den Leser zurückgehalten hat.

|Originaltitel: Losing it, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann|

Haushofer, Marlen – Wand, Die

Die Phantasie der Menschen regt sich schaudernd, aber neugierig, wenn die Frage in den Raum geworfen wird: Was wäre, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst? Die Antworten auf diese Frage könnten unterschiedlicher und teilweise dümmer nicht sein. Wenn man der letzte Mensch auf dieser Welt ist, muss man alle Handwerksberufe in sich vereinen, um zu überleben. Strom, Heizung und warmes Wasser gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Arzt, der Krankheiten heilt, keinen Bäcker, bei dem man Brötchen kaufen kann, es gibt nicht mal jemanden, der einem zuhört.
Entweder lernt man, mit der Natur zu leben oder man gibt sofort auf und sucht sich einen Baum mit einem starken Ast, der sehr hoch ist.

Die Protagonistin aus Marlen Haushofers „Die Wand“ gibt nicht auf. Sie ist zu Besuch bei ihrer Kusine und deren Mann. Sie ist zu Besuch in einem Jagdhaus, das in einem Kessel liegt, umringt von Bergen und Wald. Sie ist zu Besuch, als die Wand sie vom Rest der Welt trennt und sie zur wahrscheinlich einzigen Überlebenden macht. Ihre Kusine und deren Mann sind ins Dorf gegangen und als sie nicht wieder zurückkommen, macht sie sich in Begleitung des Jagdhundes Luchs auf den Weg und stößt auf eine unsichtbare Barriere, die einfach so da ist. Ohne Sinn, ohne Logik und vor allem ohne Erklärung.
Im ersten Moment völlig verwirrt, hält sie die Wand für eine Illusion, eine Sinnestäuschung, wieder einen Moment später ist die Wand eine militärische Waffe, eingesetzt von einer unbekannten Siegermacht, die sicherlich bald feststellen wird, dass sie irgendetwas nicht verstanden hat und nicht da sein dürfte, wo sie jetzt ist: Auf der anderen Seite der Wand. Auf der Seite, wo alles lebt, wo Vögel ohne Vorwarnung gegen die Wand geflogen sind und jetzt halb zerfetzt am Boden liegen. Auf der Seite, wo die Vögel nicht einfach so vom Himmel gefallen sind und die Menschen nicht in ihrer letzten Haltung erstarrt sind, als wäre plötzlich die Atmosphäre verschwunden. Auf der Seite, wo Luchs nun ihr einziger Freund wird und Angst ihre größte Herausforderung.

Als sie den Bericht beginnt, lebt sie bereits mehrere Jahre alleine im Jagdhaus. Sie glaubt nicht, dass ein menschliches Auge ihre Worte jemals lesen wird. Sie schreibt, um sich einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren, sieht sich aber selbst, wie sie eines Tages das Geschriebene findet und es animalisch zerfetzt. Sie schreibt auf alte Kalenderrückseiten, um nicht wahnsinnig zu werden.
Innerhalb kurzer Zeit wird Luchs vermenschlicht. Auch die alte Katze, die sich eines Tages bei ihr einnistet, wird zum Menschersatz. Zusammen mit der Kuh Bella, die sie auf einem Erkundungstrip findet, schmelzen die drei zu einer neuen Familie zusammen.
Ihre echte Familie existierte sowieso schon lange nicht mehr. Ihr Mann war vor mehreren Jahren gestorben, ihre Kinder waren längst erwachsen und ihr komplett entfremdet, als die Wand die Scheidung endgültig machte. Sie mochte ihre Kinder als Erwachsene sowieso nicht leiden. In ihrer Erinnerung bleiben sie klein und brauchen ihre Mutter noch. Nun brauchen die Tiere sie. Die Kuh stellt sie alleine vor große Probleme. Sie braucht einen Stall und nach kurzer Zeit keimt der Verdacht auf, dass das Tier trächtig ist.
Sie muss sich um Nahrung kümmern. Sie hasste es schon immer, Tiere zu töten, doch nun ist sie gezwungen, auf die Jagd zu gehen. Dankbar für einen kleinen Vorrat an Bohnen und Erdäpfeln, beginnt sie den Ackerbau zu lernen. Sie lernt, an Rückschlägen, an ihrer mangelnden Kraft, Intelligenz und Courage nicht zu verzweifeln, sondern erneut das Haupt zu heben und verbissen weiterzumachen. Sie lernt das Überleben für sich und ihre Tiere. Und um sie herum hält die Wand, hinter der es offenbar kein Leben mehr gibt, den Tod von ihr fern.

Sie hat keinen Namen, denn in einer Welt, wo sie niemand mehr rufen kann, ist ein Name bedeutungslos geworden. Bedeutung haben nur noch der Wald, die Tiere und ihre Gedanken, die in ihrem Erlebnisbericht herumspringen wie Flöhe auf einem Hundefell. Ihre Worte sind einfach – sie selbst hält sich für eine Frau durchschnittlicher Intelligenz. Doch gerade diese Einfachheit ist schmerzhaft eindringlich. Ihre sprunghafte Analyse der zwei Leben, vor und nach der Wand, klingt hart und abgestumpft und ist doch nur ein Resultat der Distanziertheit – wer soll ihr schon einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Kinder als heranwachsende, gefühlskalte Monster sieht? Sie fühlt sich befreit von den Zwängen und Regeln, die andere Menschen ihr aufgedrückt haben. Es gibt keine Menschen mehr und nun kann sie sich selbst die Wahrheit eingestehen: Irgendwie ist die Wand doch das Beste, was ihr widerfahren konnte.

Doch Menschen können nicht ohne andere Menschen leben. So werden die Tiere ihre Gefährten. Der Hund, der ihr bedingungslos vertraut und sie beschützt, sie aufmuntert, sie rüffelt. Die Katze, die launisch mit Zuckerbrot und Peitsche spielt und sie emotional am meisten berührt. Die kleinen Katzen, die ihre Kinder werden und ihr alle wieder genommen werden. Sie nimmt sich vor, ihr Herz nicht wieder zu verlieren und kann doch nichts gegen den nächsten Wurf unternehmen. Sie lernt, dass Abschied nehmen nun einmal mit ihrem neuen Leben untrennbar verbunden ist.
Bella, die Kuh, die ihr größtes Sorgenkind und ihre Nährmutter ist. Bella, die ihr Stier als neuen Sohn gibt, um den sie sich kümmern kann. Bella ist Segen und Fluch zugleich, denn gerade die Kuh zeigt ihr mit ihren Anforderungen, wie klein und schmächtig und unzulänglich sie ist. Und gerade die Kuh treibt sie immer wieder an, noch mehr zu schaffen.

Marlen Haushofer veröffentlichte „Die Wand“ im Jahre 1963. Zu dem Zeitpunkt war sie 43 Jahre alt, verheiratet, geschieden und mit dem gleichen Partner erneut verheiratet. Sie hatte bereits die Novelle „Das fünfte Jahr“ veröffentlicht, für die sie mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Mit „Die Wand“ schuf sie ihr Lebenswerk.

Eingezwängt von den Erwartungen ihrer Familie, floh sie sich ins Schreiben, schuf sich ihre Wand, die sie gegen die Menschen abschottete. In der Natur und in ihrer Arbeit fand sie vorübergehende Erfüllung – wie ihre Heldin in dem Roman. Ihre Sprache ist trostlos und wunderschön, teilt Empfindungen in ihrer höchsten und reinsten Form mit. Der Leser wird mit einer Identitätskrise konfrontiert, die ihn selbst tief erschüttert und ihm zeigt, wie sinnlos und töricht die meisten menschlichen Wünsche und Erwartungen sind. Natürlich kommt unterschwellig die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Tragen und das ist bei diesem Roman äußerst legitim. Denn „Die Wand“ zeigt eine neue Einschätzung des Lebens, die unweigerlich zum Nachdenken führt. Hinzu kommt eine unheimliche, düstere Atmosphäre, die schwermütig und hoffnungslos ins Gehirn des Lesers schleicht und gleichzeitig doch von so viel Freiheit und Schönheit spricht, dass einem das Herz noch schwerer wird.

Marlen Haushofer starb im März 1970 an Krebs. „… ein Abschied ohne Bedauern, sachlich-entrückt: fixiert in ihrem geistigen Vermächtnis, luzid ob seiner Erkenntnis und Selbsterkenntnis:
‚Mach dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir. Vielleicht hast du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.'“ (Zitat aus dem Nachwort von Klaus Antes)

„Die Wand“ ist das einzige Buch, das ich bisher von der österreichischen Autorin gelesen habe, aber dafür geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Nur wer wirklich an hoher literarischer Kunst interessiert ist, an einer Psychoanalyse auf poetischem Niveau, nur der sollte dieses Werk zur Hand nehmen und sich auf einen einzigartigen Ausflug in ein Jagdhaus in einem Kessel zu Füßen von Bergen und mitten im Wald, ganz allein mit sich und einigen herzgewinnenden Tieren, begeben. Denn so könnte es sich anfühlen, der letzte Mensch auf der Welt zu sein.

Henry Miller – Stille Tage in Clichy

Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. „Clichy“ entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet. Doch die erotischen Abenteuer, die Millers Alter Ego Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre (genauer: 1933). Ein Abstecher in das deutschsprachige und -gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.

Handlung

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Bradley, James – Wrack

Der australische Historiker David Norfolk jagt wieder einmal seinem Lebenstraum hinterher. Er möchte unbedingt das Wrack jenes portugiesischen Schiffes finden, das unbestätigten historischen Berichten zufolge ein Sturm im Jahre 1519 auf den Sand der Küste von New South Wales geworfen hat. Die aktuelle Grabungskampagne ist vermutlich seine letzte Chance, denn das Forschungsinstitut, für das er arbeitet, ist es leid, ihm eine ergebnislose Expedition nach der anderen zu finanzieren.

Davids Aufregung ist daher verständlich, als er mit dem Detektor eine unbestimmte, aber große Form unter dem Sand aufspürt. Als er und seine Helfer zu graben beginnen, machen sie allerdings eine makabre Entdeckung: die Leiche eines schon vor Jahrzehnten erschossenen Mannes. Die Polizei erscheint – und mit ihr Claire Sen, Davids Ex-Geliebte, die ihn einst wegen eines Anderen verlassen hat. Die Beziehung ist in die Brüche gegangen, und nun ist sie zurückgekehrt, um wieder in ihrem Beruf als Pathologin zu arbeiten. Rasch bemerken sowohl sie als auch David, dass da noch Gefühle füreinander existieren, was Anne, Davids derzeitige Gefährtin, mit verständlichem Missmut zur Kenntnis nimmt.

Als die Ausgräber endlich weiterarbeiten können, stoßen sie nur auf einige verschrottete Landmaschinen. Inzwischen hat aber einer der Polizisten David einen Tipp gegeben: Nicht weit entfernt haust in einer schäbigen Hütte in den Dünen der alte Kurt Seligman, der vorgibt, von dem Portugiesenschiff zu wissen. David sucht den Einsiedler auf, doch der liegt im Sterben. Die Angst, mit Seligmans Tod auch seines Wissens verlustig zu gehen, lässt David den Entschluss fassen, sich um den alten Mann zu kümmern, um zu versuchen, diesen in der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt, über das Schiff auszufragen!

Seligman hat tatsächlich lange Jahre nach dem Wrack in den Dünen geforscht und Erstaunliches herausgefunden. Noch wichtiger ist es ihm indes, ein Publikum für seine Lebensgeschichte gefunden zu haben, die er sich von der Seele reden will, bevor es zu spät ist. David und Claire hören zu, denn geschickt flicht der alte Mann immer wieder kryptische Andeutungen auf das Schiff in seine Erzählungen ein, die bald einer Beichte zu gleichen beginnen und in einem düsteren Eifersuchtsdrama münden. Das Schiff erweist sich schließlich als sehr real, doch der vom Leben enttäuschte Seligman hat Vorsorge dafür getroffen, dass es auf ewig ein Mythos bleiben wird …

Im Jahre 1770 landet der berühmte Seefahrer und Entdecker James Cook an der Nordküste Australiens und nimmt den siebten Kontinent für seine britannische Majestät in Besitz. Doch schon den Zeitgenossen ist klar, dass die Briten keineswegs die Ersten in Australien gewesen sind. Von den Aborigines, den Ureinwohnern, die bereits vor Jahrzehntausenden über das Meer gekommen sein müssen, einmal ganz abgesehen, ist so mancher Vertreter der seefahrenden Nationen Europas hier gelandet – in der Regel nicht freiwillig, sondern als Folge nautischen Ungeschicks oder eines Schiffbruchs nach schwerem Tropensturm. Kein Wunder, dass man von solchen Unglücklichen in der Heimat meist nichts mehr gehört hat.

Wer denn nun als erster Europäer die zweifelhafte Ehre hatte, den Fuß auf australischen Boden zu setzen, ist in der Historikerzunft umstritten. Vermutlich war es ein Portugiese, irgendwann im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts; so lassen es die dürftigen Quellen vermuten. James Bradley baut seinen Debütromans auf dieser Prämisse auf und fährt gut damit. Historische Rätsel als Treibriemen einer abenteuerlichen Geschichten funktionieren immer – siehe Lara Croft. Es muss nur gewährleistet sein, dass derjenige, der sie beschwört, sein Handwerk auch versteht. Die Vergangenheit hat durchaus ihre Gesetze, die sich zwar biegen, aber nicht mutwillig brechen lassen, ohne dass es selbst der Laie merkt und verstimmt ist. Eine gute Mischung aus Wahrheit – es muss ja gar nicht viel sein – und Spekulation erzeugt jene Spannung, die selbst den altgedienten Leser noch immer in erwartungsvolle Stimmung versetzt.

Bradley versteht sein Handwerk – und mehr. Viele Debütromane leiden an ihrer thematischen Überfrachtung; der frischgebackene Autor will das Rad neu erfinden und klinkt noch ein Abenteuer und noch einen Konflikt an den roten Faden, bis dieser schließlich darunter zerreißt. Auch Bradley legt die Latte hoch an: „Wrack“ ist nicht nur ein Abenteuer, sondern ein Rückblick auf fünf Jahrhunderte Entdeckungsreisen und Geografie, eine Liebesgeschichte, ein Thriller und auch noch ein Historienroman, und das auf gleich drei Zeitebenen! Aber der Autor behält nicht nur alle Elemente im Griff, sondern auch in wunderbarer Balance.

Bradleys Figuren sind nicht nur Papiertiger, sondern sorgfältig gezeichnete Individuen – ganz „normale“ Menschen, die sich unerwartet mit dem Außergewöhnlichen konfrontiert sehen und durchaus ihre Schwierigkeiten damit haben. Die noch unverbrauchte Kulisse der australischen Nordküste komplettiert den rundum positiven Eindruck, den dieses zudem angenehm lesbare, weil gut geschriebene und elegant übersetzte Buch hinterlässt. James Bradley – ein Name, den man sich merken sollte, wie es so schön und dieses Mal zur Abwechslung einmal sehr zutreffend heißen kann.

Eugenides, Jeffrey – Middlesex

Gekauft – aber noch nicht gelesen? Angelesen, aber irgendwie nicht weitergekommen? Mit belletristischen Bestsellern machen wohl viele Käufer solche Erfahrungen. Angelockt von hymnischen, begeisterten oder einfach nur positiven Besprechungen wird gekauft, aber dann …

Mit „Middlesex“, dem 2003 erschienenen zweiten Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, mag es sich ähnlich verhalten. Aber: Er hat diese mögliche Missachtung nicht verdient. Im Gegenteil.
Abschreckend mag am Anfang wirken, dass das Buch recht umfangreich ist. Es bietet 529 Seiten im Original, 816 in der deutschen Übersetzung von Eike Schönfeld, als Taschenbuch mit 736 Seiten im November 2004 bei |Rowohlt| erschienen. Aber das sollte doch die eifrigen Leser langer Schmöker, von denen es unter unseren Lesern durchaus einige geben soll, nicht abhalten. Zurückhaltung mag auch durch das vordergründig nicht so wahnsinnig spannende Thema gefördert werden: Der Roman erzählt die Familiengeschichte eines griechischstämmigen Hermaphroditen, dessen Kindheit und Adoleszenz, sehr knapp durchschossen von einigen Sequenzen im Berlin von heute (die sind aber nur schmückendes Beiwerk).

_Wer schreibt da?_

Jeffrey Eugenides ist hierzulande seit Erscheinen des Buches auf Deutsch im Sommer 2003 ein immer wieder gerne präsentierter Vorzeige-Amerikaner. 1960 in Detroit geboren, seit einigen Jahren in Berlin lebend und arbeitend. Griechische Herkunft, Intellektuellen-Kinnbärtchen, Halbglatze.
Warum das wichtig ist? Nun ja, die Hauptfigur des Romans („Calliope“ oder einfach „Cal“) teilt mit ihm das Geburtsjahr, den spitzen Künstlerbart, annähernd die Herkunft – aber nicht die Halbglatze.

Eugenides wurde vor rund zehn Jahren mit seinem Romandebüt „The Virgin Suicides“ (auch verfilmt, mit ordentlichem Soundtrack der geschmäcklerischen Franzosen |Air|) schon recht bekannt. Da hatte er ein Thema, das sich auch in Middlesex wiederholt: Den Beginn der bewussten Wahrnehmung eigener Sexualität, das Leben in geordneten amerikanischen Vorstadt-Verhältnissen, und die Turbulenzen darunter. Vereinfacht könnte man sagen: Der Kerl schreibt ja Jugendromane! Aber so ganz stimmt das natürlich nicht. Und mit „Middlesex“ übertrifft er meiner Meinung nach das vor zehn Jahren hoch gelobte (und von mir damals auch erfreut aufgenommene) Debüt doch erheblich. Reifer ist er geworden, tiefer, schärfer, brillanter.

_Worum es geht_

Nein, die Story in allen Verästelungen darf ruhig ein anderer nacherzählen, am besten lässt sie sich ohnehin im Buch selbst nachlesen. Da dies keine klassische Spannungs- oder Abenteuerliteratur ist, sind die Wendungen des Plots ohnehin nicht das Wichtigste.
Kurz gefasst spannt sich die Erzählung über einen Rahmen von etwa 80 Jahren, beginnend mit der Vertreibungsgeschichte der kleinasiatischen Großeltern des Helden / der Heldin. Zwei Geschwister wachsen auf in einem Dorf, leben von der Seidenraupenzucht, bis der Krieg (Atatürk) sie aus der Heimat vertreibt. Auf dem Schiff nach Amerika heiraten die Geschwister, kommen an in Amerika, genauer in Detroit. Dort beginnen sie ihr neues Leben, arbeiten für Ford, als Schmuggler, in der eigenen illegalen Kellerbar (Prohibition), für eine falsche schwarze Erweckungsgemeinschaft, im eigenen Imbiss.
Die zweite Generation (Cals Eltern) ist schon richtig amerikanisch, verlässt nach Rassenunruhen das Zentrum Detroits (wie so ziemlich alle anderen auch), kommt zu jährlich neuen Cadillacs und zu zwei Kindern. Eins davon ist das Wunschmädel Calliope, deren Kindheit und ganz besonders frühe Teenjahre ausführlich geschildert werden. Sie verliebt sich in eine junge rothaarige Kettenraucherin, einem liebevollen Sommer (samt Entjungferung Cals) folgt das jähe Erwachen: Cal ist genetisch ein Mann – und die zugehörigen Geschlechtsorgane sind auch da, nur ein wenig versteckt. Jetzt sind schon über achtzig Prozent des Plots herum, die männlichen Jahre Cals bis heute werden nur noch in kurzen Impressionen geschildert.

_Und worum geht es wirklich?_

Die eigentlichen Themen von Eugenides’ Roman sind durchaus vielschichtig. Nach meinem Verständnis geht es unter anderem um

– sexuelles Erwachen
– Immigration
– Identitätswechsel
– sich entvölkernde Städte
– Selbstfindung in Suburbia
– Nature vs. Nurture
– letzte Chancen

Und am Rande lernen interessierte Leser natürlich auch noch einiges über Hermaphroditen, die Geschichte Kleinasiens und Detroits, griechisches Essen, Kultur, und und und.

_Zur Bewertung_

In der Rückschau darf „Middlesex“ als eine der besten Neuerscheinungen des Jahres 2003 gelten – wenn nicht |die| beste.
Vieles, wenn nicht das meiste an der Story dieses breit angelegten Romans ist durchaus nicht im alltäglichen Erfahrungsfeld der allermeisten Leser zu finden – und doch fühlt zumindest dieser Rezensent sich konstant angesprochen. Die Charaktere sind fast durchgängig mehr als glaubhaft, interessant bis fesselnd. Die Sprache ist souverän, so soll Erzählen heute klingen. Die Geschichte, die Jeffrey Eugenides ausbreitet, ist bei aller Entfernung eine Geschichte, die mich schon nach wenigen Seiten wirklich interessiert und stellenweise fasziniert.
Und hatte ich mich anfangs noch hauptsächlich wegen des in guter Erinnerung gebliebenen Autors und des etwas exotischen Sujets für „Middlesex“ interessiert, so wich diese oberflächliche Neugier doch bald dem unbedingten Weiterlesen-Wollen.

„Middlesex“ unterhält, es macht nachdenklich, es öffnet neue Blickwinkel. Der |Pulitzer|-Preis dafür ist mehr als gerechtfertigt, und ich bin froh, dass der Detroit-Berliner Vorzeige-Autor noch jung genug ist, weitere Bücher zu schreiben. Wenn er in dieser Form weitermacht, dann kommt da alle paar Jahre mal wieder ein wirkliches literarisches Ereignis. Von denen gibt es nicht genug, also sage ich schon im Voraus einmal: Danke.

Und damit zur abschließenden Empfehlung (in vier Worten):

Nicht bloß kaufen – |LESEN!|

Bausch, Richard – Kannibalen, Die

Der Titel des Buches lässt sehr viel Raum zur Interpretation. „Die Kannibalen“, da vermutet man schnell eine Horror-Geschichte über kompromisslose Menschenfresser oder aber eine Dokumentation über so manches menschenunwürdige Leben in der afrikanischen Zivilisation oder die Brutalität, mit der sich die Menschen gegenseitig zerfressen und zerstören. All dies trägt ein wenig Wahrheit in sich, denn der preisgekrönte Autor Richard Bausch spielt mit dem Titel und nimmt ihn symbolisch dafür, wie die Menschen sich kannibalenähnlich mehr und mehr selbst auffressen, ohne dabei die echten Werte im Leben zu erkennen. Sicherlich eine gewagte Annahme, die Bausch aber mit seiner Geschichte immer wieder zu bestätigen weiß.

Die Story handelt von der jungen Lily, der Tochter zweier angesehener Schauspieler, die in ihrer Umgebung nie so richtig akzeptiert wird, weil sie eben anders ist als ein durchschnittlicher Teenager. Sie widersetzt sich der gängigen Mode und lebt nach ihrer eigenen Weltvorstellung, die vor allem durch das Lesen von Büchern geprägt wird. Eines Tages bekommt sie ein Buch über berühmte Forscher geschenkt, durch das sie auf eine Frau namens Mary Kingsley aufmerksam wird, die seinerzeit allein zu einem Kannibalenstamm nach Westafrika aufgebrach, nachdem sie sich jahrelang aufopferungsvoll um ihre Familie gekümmert hatte. Lily erkennt mehr und mehr Parallelen zu ihrem eigenen Leben und ist zunehmend von der Erscheinung der Forscherin angetan.

Mit der Zeit grenzt Lily sich immer weiter von ihrer Umgebung ab und startet, geprägt durch die Trennung ihrer Eltern, ein Leben in Einsamkeit. Sie hat die Hoffnung an die wahre Liebe aufgegeben und auch ihre überstürzte Hochzeit mit ihrem neuen Freund Tyler erfüllt sie nicht vollends. Als sie dann auch noch erfährt, dass sie mit Tyler keine Kinder haben kann, weil dieser zeugungsunfähig ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Die einzige Chance, den Kinderwunsch erfüllt zu bekommen, besteht darin, einen anderen Mann mit einzubeziehen, was für Lily undenkbar ist.

Über all die Jahre hat sie sich die Begeisterung für das Leben von Mary Kingsley erhalten, und als sie im weiteren Verlauf der Handlung immer wieder in bedrücktende, ausweglose Situationen gerät, beginnt sie der längst verstorbenen Forscherin Briefe zu schreiben, in der Hoffnung, sich bei ihr verstanden zu fühlen, jedoch wohl wissend, dass sie nie eine Antwort erhalten wird.

Richard Bausch beschreibt sehr eindrucksvoll die Beziehung zweier Frauen, die sich nie kennen gelernt haben, deren Schicksal und deren Leidenschaft für ihren aufopferungsvollen Kampf um Liebe und Geborgenheit sie aber dennoch verbindet. Die philosophische Betrachtungsweise des Autors gibt dabei reichlich Denkanstöße über das eigene Leben, und nicht selten steht die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Daseins im Vordergrund. Leider braucht Bausch eine ganze Weile, um die Verbindungen deutlich zu machen, grob gesagt sogar an die 400 Seiten, was es natürlich erst einmal recht anstrengend macht, der Geschichte von Lily zu folgen. Doch mit der Verknüpfung der Parallelen zwischen dem Leben dieser beider Frauen steigt auch der Anspruch, und gleichzeitig entwickelt sich dieser Roman zu einem fesselnden, unvergleichlichen Dokument menschlicher Schicksale. Einhundert Jahre liegen zwischen den Leben beider Frauen, und dennoch haben sie so viel gemeinsam; das ist einerseits erschreckend, andererseits aber auch phänomenal bewegend.

Dennoch, es dauert eben eine Weile, bis man Bauschs Geschichte folgen kann, und das ist leider auch das große Manko dieses Buches. Manche haben nämlich unter Umständen auf der fast 900 Seiten langen Reise aufgegeben; diejenigen jedoch, die bis zum Ende durchhalten, werden schon bald wissen, wovon ich rede, wenn ich sage, dass „Die Kannibalen“ auch über die Zeit des Lesens hinaus beschäftigt und Fragen aufwirft, die man erst nach längerer Denkphase beantworten kann.

Den Lesern kann ich also nur empfehlen, sich tatsächlich die Zeit zu nehmen und die beiden Charaktere Lily und Mary näher kennen zulernen. Ich behaupte nämlich ruhigen Gewissens, dass es sich im Endeffekt definitiv lohnen wird, tiefer in dieser Geschichte zu versinken.

Fischer, Marc – Jäger

Ein Mann steht auf den Bahamas einige Meter vom Ufer entfernt im Wasser und schneidet sich mit einem Messer zwei Wunden in die Oberschenkel. Er lässt das Messer fallen, breitet die Arme aus und wartet. Er wartet auf die Haie, die in der Bucht zu der Zeit unterwegs sind. Er wartet darauf, dass sie die Witterung aufnehmen und zu ihm kommen. Er wartet auf den Tod.

Mit dieser düsteren Szene beginnt „Jäger“, nach „Eine Art Idol“ der zweite Roman des deutschen Autors Marc Fischer. Eine Szene, die ihre Schatten vorauswirft bzw. vielmehr zurück, denn auf den folgenden 249 Seiten erfährt der Leser weniger, wie es weitergeht, sondern eher, wie es dazu kommen konnte, dass der Protagonist mit dem Messer in der Hand und dem Tod vor Augen ins Meer steigt.

Und das ist eine lange Geschichte. Sie handelt von Gursky. Gursky ist der Mann mit dem Messer, aber bevor er auf den Bahamas seinem Leben ein Ende setzen wollte, war er Moderator bei einem Musiksender. Starmoderator zudem. Gursky war einer der Moderatoren, die umso erfolgreicher wurden, je mehr sie ihre prominenten und semiprominenten Gäste beschimpften. Polemik als Erfolgsrezept. Respektlosigkeit als Quotengarant. Gursky wurde dadurch zum Star.
Als er diesen Job kündigt, scheint sein Leben wieder in geordnetere Bahnen einzuschwenken. Gursky scheint ernsthafter zu werden, endlich bereit dazu, Verantwortung zu übernehmen und erwachsen zu werden. Er will seine Freundin Nathalie heiraten. Das erste Kind ist bereits unterwegs. Im Angesicht der zukünftigen Vaterrolle will Gursky seine wilden Jahre würdig beschließen und macht sich ganz allein nach Kuba auf. Seine Mission: Er will einen Hai fangen – aus ganz persönlichen Gründen.

Auf Kuba angekommen, trifft Gursky rein zufällig seinen alten Widersacher von Schweitzer. Was in der Heimat nie geklappt hat – trotz stetiger Bemühungen der Freunde – klappt nun in der Ferne. Der Schriftsteller und der Moderator kommen ins Gespräch und schließen sogar Freundschaft. Schon bald ist von Schweitzer fasziniert und mitgerissen von Gurskys Jagdziel.
Doch die Jagd, die als harmloses (obgleich illegales) Touristenabenteuer beginnt, droht schon bald zu eskalieren. Von Schweitzer und Gursky entwickeln eine Art Besessenheit und legen einen Schwur ab, dem zufolge sie erst dann die Heimreise antreten wollen, wenn sie „ihren“ Hai gefangen haben …

Im ersten Moment weckt Fischers Roman Erinnerungen an Alex Garlands „The Beach“. Auch „The Beach“ setzt eine zunehmend düstere, eskalierende Handlung in den harten Kontrast einer paradiesischen Umgebung. Der Himmel, der sich als Hölle entpuppt, weil Menschen eine Grenze überschreiten, die sie besser nicht überschritten hätten. Fernab der vertrauten Welt tun sich die Abgründe der menschlichen Seele auf, die Nebenwirkungen der modernen Gesellschaft, die im gleißenden Sonnenschein der paradiesischen Szenerie umso düsterer und beklemmender wirken.

Bei Alex Garland ist diese Mischung wunderbar aufgegangen und da „Jäger“, egal ob absichtlich oder nicht, gewisse Assoziationen hervorruft, kommt man nicht umhin, die Parallelen zu bemerken. Doch „Jäger“ ist kein zweites „The Beach“ und Marc Fischer nicht die deutsche Ausgabe von Alex Garland. Auch wenn gewisse Gemeinsamkeiten durchaus augenfällig sind, unterscheiden sich beide fundamental – weniger in der Qualität, denn auch Fischer hat seine Vorzüge, dafür mehr in Handlung und Intention.

Fischer schickt Gursky auf einen Selbstfindungstrip in Richtung Erwachsenwerden. Der Hai bzw. die Jagd nach selbigem soll Gurskys wilde Jahre zu einem würdigen Abschluss bringen, wobei es ihm weniger um sein zurückliegendes als um sein zukünftiges Leben geht. Gursky will seinem Kind später eine Geschichte erzählen können. Nicht irgendeine, sondern die Geschichte, wie er einen Hai fing. Darin mag man sehen was man will: Männlichkeitswahn, übersteigertes Geltungsbedürfnis oder Angst vor kleinbürgerlichem Spießertum, vielleicht will Gursky einfach nur einmal in seinem Leben wirklich etwas riskieren und Mut beweisen, um nicht als das gleiche Weichei zu enden, als das er seinen Vater früher gesehen hat.

Doch ebenso geht es ihm darum, seine von Kindesbeinen an gepflegte Haifaszination einmal auszuleben. Haie haben für Gursky eine besondere Bedeutung. Sie faszinieren und erschrecken ihn zugleich, durch ihre Schnelligkeit, ihre Eleganz und ihren Instinkt. Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Hai, sondern mehr das Ideal, hinter dem Gursky her jagt. Besonders von Schweitzer, der erst nach dem ersten gemeinsamen, erfolglosen Jagdtag auf dem Meer so richtig von dieser Faszination gepackt wird, scheint es gerade auch darum zu gehen.

Von Schweitzer befindet sich quasi zu Therapiezwecken auf Kuba. Betrogen von der Freundin, hat er einfach das Weite gesucht, ist dabei auf Kuba gelandet und weiß dort nicht so recht etwas mit sich anzufangen, außer Drogen und Alkohol in den Bars von Havanna zu konsumieren. Nach den ersten gemeinsamen Tagen auf Kuba scheint zwischen beiden ein Austausch stattzufinden. Von Schweitzer übernimmt von Gursky den Jagdeifer, den er obendrein noch steigert, Gursky erkennt die „Vorzüge“ bestimmter bewusstseinserweiternder Substanzen. Achtet Gursky beim ersten Ausflug noch besorgt darauf, dass von Schweitzer nüchtern das Boot betritt, erkennt er nach einiger Zeit die scheinbaren Vorteile von durch Koks geschärften Sinnen bei der Jagd. Damit überschreiten beide in gewisser Weise eine Grenze, die sie durch ihren Schwur besiegeln.

Die Atmosphäre der ganzen Geschichte, die düstere Vorahnung, dass etwas Schlimmes passieren wird, macht letztendlich den besonderen Reiz und die Spannung des Buches aus. Zeigt „The Beach“ die Abgründe der menschlichen Seele, die sich in einer Kommune fernab der Zivilisation in einem scheinbaren Paradies offenbaren, so befasst sich auch Fischer letztendlich mit dem Thema Seele, wenngleich anders als Garland.

Dabei wirken die Figuren auf den ersten Blick gar nicht so, als ob sie auf tief greifendere Betrachtungen ausgelegt wären. Sowohl Gursky als auch von Schweitzer entstammen einer gewissen elitären, sozialen Oberschicht. Von Schweitzer wurde dort schon hineingeboren, während Gursky erst durch seine Karriere als respektloser Moderator in diesen Kreis vordringt. Menschen am Puls der Medienlandschaft, die in ihrer Art und ihrem Verhalten viele gängige Klischees zu bestätigen scheinen, die wir aus der Boulevardpresse zur Genüge kennen: Groupies, Drogen, Partys – im ersten Moment ist man versucht, Fischer vorzuwerfen, er würde seine Protagonisten mit allzu vielen breitgetretenen Klischees ausstaffieren.

Doch was bei anderen Romanen leicht zum Kritikpunkt werden kann, wird von Fischer überzeugend ausgearbeitet. Er beschränkt sich nicht auf die Klischees, er zeigt die Menschen, die dahinter stecken. Auch wenn seine Figuren zunächst etwas eindimensional wirken, wie Abziehbilder der modernen Gesellschaft, schafft er es im Laufe der Zeit, den Menschen dahinter zu entblättern. Klischees ja, aber bitte mit Tiefgang. So liefert Fischers Ausgestaltung der Figuren auch schon mal Gedanken, die die moderne Welt in Frage stellen.

Fischers Stil entpuppt sich als sehr locker und flüssig lesbar. Er schreibt sehr direkt und ohne Umschweife, beschreibt nicht lang und breit, sondern versteht es, mit wenigen Worten und trotz seines etwas kühlen, nüchternen Stils eine dichte Atmosphäre aufzubauen – genau passend für seine Protagonisten und ihr Hai-Abenteuer. Gurskys und von Schweitzers Jagd strebt unaufhaltsam ihrem unweigerlich unheilvollen Höhepunkt entgegen. Fischer gelingt ein dichter, stetig aufstrebender Spannungsbogen, der erst am Ende wieder gelockert wird.

Das ganze Bild seiner Figuren offenbart sich erst zum Ende hin und bleibt auch dann noch ansatzweise in der Schwebe. Letztlich lässt Fischer den Leser mit seinen Gedanken allein. So klingt der Roman zwar nach, lässt aber auch ein klein wenig das unbefriedigende Gefühl unbeantworteter Fragen zurück. Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, und Fischers zukünftige Publikationen im Auge zu behalten, könnte sich durchaus lohnen. „Jäger“ macht zumindest Hoffnung darauf, dass man von Marc Fischer noch einige interessante Werke erwarten darf.

Elrod, P. N. – endlose Tod, Der (Jonathan Barrett 2)

Autorin P. N. Elrod hat sich auf Vampire spezialisiert. In ihrer umfangreichen Serie um [Jack Fleming]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=432 begleitet sie den vampirischen Detektiv bei der Aufklärung seiner Fälle. In den Romanen um den amerikanischen Vampir Jonathan Barrett dagegen zeichnet sie ein faszinierendes Sittenbild frühester US-amerikanischer Geschichte, in das sie die Abenteuer ihres Protagonisten einbettet.

[„Der rote Tod“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=821 der erste Roman der mehrteiligen Serie, war ein furioser Auftakt. Jonathan Barrett, den naiven jungen Helden, verschlägt es zum Studium nach England und geradewegs in die Arme der unwiderstehlichen Nora Jones. Deren Affäre findet zwar ein Ende, als Jonathan nach seinen Studien nach Long Island zurückkehren muss, doch hinterlässt Nora bei ihm einen bleibenden Eindruck: Als er nämlich bei einem Scharmützel (die Handlung spielt während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs) tödlich verwundet wird, erhebt er sich eine Nacht später wieder aus seinem Grab, um zu seiner Familie zurückzukehren. Sein Vater und seine Schwester sind außer sich vor Freude und akzeptieren ohne Murren Jonathans neue Lebensgewohnheiten. So hat er keinen Herzschlag mehr, verschläft den Tag in seinem Zimmer bei zugezogenen Gardinen und erleichtert in der Nacht die familieneigenen Pferde um ihr Blut.

„Der endlose Tod“ knüpft nahtlos an die Ereignisse aus „Der rote Tod“ an und verfolgt zunächst weiter, wie sich Jonathan mit seinem neuen vampirischen Zustand arrangiert. Zusammen mit Vater und Schwester stellt er einige Versuche an, um herauszufinden, welche Kräfte er besitzt (so kann er beispielsweise andere per Hypnose beeinflussen oder sich in Luft auflösen). Doch außer der Tatsache, dass Jonathan am Tagesgeschehen offensichtlich keinen Anteil mehr nimmt und erst nach Sonnenuntergang aus seinem Zimmer kommt, stört nichts das gepflegte Zusammenleben im Haushalt Barrett. Zwar tobt draußen immer noch der Unabhängigskeitskrieg, allerdings scheint dieser eher unangenehm störend als wirklich gefährlich zu sein. Denn auf wundersame Weise schafft es immer nur Jonathan, vor die Flinte (Stichwaffe, stumpfen Gegenstand – man füge eine Waffe seiner Wahl ein) eines Soldaten oder Söldners zu laufen. So wird er niedergeschossen, niedergestochen, niedergeschlagen und entführt.

Außer auf Jonathans anhaltendes Unwohlsein aufgrund von lebensbedrohlichen Verletzungen, konzentriert sich die Handlung auf seine Schwester Elisabeth. Zwei neue Gäste haben sich nämlich im Hause niedergelassen und zwischen Elisabeth und Lord James Norwood entwickeln sich ziemlich schnell zarte Bande, die in einer Hochzeit enden. So besteht „Der endlose Tod“ über weite Strecken aus Teegesellschaften, zivilisierten Unterhaltungen und dem Nähen von Hochzeitskleidern. Doch wäre es glücklicherweise zu einfach, die eheliche Idylle unberührt zu lassen, und so muss Jonathan auf den letzten Seiten des Romans die Ehre seiner Schwester retten.

„Der endlose Tod“ kann mit seinem Vorgänger nicht mithalten. Die meisten Figuren sind bekannt (tatsächlich werden nur Norwood und seine Schwester neu eingeführt) und das Gleiche gilt für das Setting in Long Island. Jonathan bewegt sich ständig von seinem Haus zu einer Kneipe oder durch finstre Wälder zum Haus der Geliebten seines Vaters. Viel Neues wird der Leser also nicht erfahren. Auch zu Jonathans vampirischem Zustand wird kaum etwas hinzugefügt. Mittlerweile hat Jonathan zwar seine Kräfte und Möglichkeiten ausgiebig getestet, doch nutzt er sie kaum.

Und genau hier liegt der erzählerische Knackpunkt des Romans. Elrod benutzt in ihrem Roman nicht einmal das Wort „Vampir“. Jonathan weiß also nicht, was er ist (was durchaus seine Spannungsmomente hat). Doch auch er sollte festgestellt haben, dass er nicht so leicht zu töten ist. Dass er bereits tot und begraben war, weder einen Herzschlag noch eine nennenswerte Atmung hat, sollte Jonathan eigentlich ausreichend Indizien liefern. Elrod wirft ihren Protagonisten ständig in Situationen, die für einen normalen Menschen gefährlich, wenn nicht gar tödlich wären. Für einen Vampir jedoch sind sie bloße Unterhaltung. Und so mag beim Leser nicht wirkliche Empathie aufkommen, wenn Jonathan mal wieder angeschossen wurde. Weiß er doch (im Gegensatz zu Jonathan selbst), dass eine Schusswunde ihm nichts anhaben kann. Und so freuen sich Jonathan und sein Vater jedes Mal über die wundersame Genesung, der Leser aber rollt nur die Augen.

„Der endlose Tod“ bietet also gegenüber seinem Vorgänger kaum etwas Neues. Die Handlung wird weitergeführt, doch plätschert sie diesmal etwas zu bedächtig dahin, um so zu fesseln wie der erste Band. Stattdessen liefert Elrod Charakterstudien ihrer handelnden Figuren und lädt den Leser ein, an der Familiengeschichte der Barretts teilzuhaben. Leider scheint die Tatsache, dass es sich beim Sohn der Familie um einen Vampir handelt, hier nur eine Nebenrolle zu spielen.

Wenn Vampirfans also gegenüber „Der rote Tod“ nichts Neues erfahren werden, so ist „Der endlose Tod“ doch ein überzeugender historischer Roman. Gerade durch ihre durchdachten und überzeugenden Charaktere schafft es P. N. Elrod, dem Amerika des ausgehenden 18. Jahrhunderts Leben einzuhauchen. Ihr Unabhängigkeitskrieg ist eine ziemlich unehrenhafte Sache, die von Schurken und Söldnern ausgetragen wird, wobei die Bewohner der Gegend in jedem Fall die Verlierer sind, weil sie ständig zwischen die Fronten geraten. Jede Seite versucht, die Einwohner mit unlauteren Mitteln um Nahrung und Vieh zu erleichtern – eine Tatsache, die Jonathan im ersten Band das Leben kostete.

„Der endlose Tod“ schafft es also leider nicht, den Grad der Spannung zu erzeugen, der noch dem „roten Tod“ eigen war. Doch ist das Buch trotzdem unterhaltsam, wenn man es als Historienroman liest. Dann überzeugen vor allem die sympathischen und glaubhaften Charaktere und deren Interaktion miteinander. Dass P. N. Elrod in diesem Band so vorsichtig mit ihrem vampirischen Protagonisten umgeht, heißt zum Glück aber bei weitem nicht, dass sie dessen Potenzial schon erschöpft hätte. Jonathan ist immer noch auf der Suche nach Nora Jones, von der er hofft, dass sie ihn offiziell in seinen vampirischen Zustand einweihen kann. Er weiß mittlerweile, dass sie sich vermutlich in Italien aufhält, doch ist die internationale Post im 18. Jahrhundert noch nicht wirklich flott, und so erhält er in „Der endlose Tod“ noch kein erhellendes Lebenszeichen von ihr. Doch vielleicht im dritten Teil?

Patterson, James – Tagebuch für Nikolas

Gleich zu Beginn von „Tagebuch für Nikolas“ lernt man Katie Wilkinson kennen, die einsam in ihrer Badewanne sitzt, umgeben von ihrer Katze Guinevere und ihrem Labrador Merlin, die sie aber nicht über ihre Trennung hinwegtrösten können. Sie muss an das Tagebuch denken, das ihr einstiger Freund Matt ihr überlassen hat, ein Tagebuch seiner Frau Suzanne an ihr gemeinsames Kind Nikolas. Doch wie kann das sein? Wie konnte Katie nur so glücklich sein mit Matt und auf eine gemeinsame Hochzeit hoffen, wenn er doch eine Frau und ein Kind hat, obwohl er ihr immer versichert hat, dass er nicht verheiratet ist?

Das Tagebuch wird es erklären.

Suzanne widmet ihrem Sohn Nikolas ein Tagebuch, in welchem sie ihm von ihrer Vergangenheit und ihrer Liebe zu Matt erzählt. Suzanne war einst eine erfolgreiche Ärztin am |Massachusetts General Hospital|, als sie bereits im Alter von 35 Jahren einen Herzanfall erleidet und am Herzen operiert werden muss. Nur vier Wochen nach dem Herzanfall verlässt ihr Lebensgefährte Michael sie, und Suzanne beschließt ihr Leben umzukrempeln, ihren stressigen Job aufzugeben und zieht nach Martha’s Vineyard, wo sie während ihrer Kindheit sämtliche Sommerferien mit ihren Großeltern verbracht hatte.

Dort übernimmt Suzanne eine kleine Arztpraxis und genießt das Leben in Strandnähe, sie trifft einen ehemaligen Freund wieder und freundet sich immer mehr mit dem Mann an, der ihr Haus renovieren soll. Spaßeshalber wird er immer nur Picasso genannt, doch eigentlich heißt er Matt und wird einmal der Vater ihres Sohnes Nicholas sein. Suzanne und Matt verlieben sich ineinander, sind glücklich und heiraten schließlich. Irgendwann kommt dann auch Nikolas auf die Welt und macht ihr Glück perfekt.

Wirklich perfekt? Oder was wird passieren, das Matt dazu bringt, eine Beziehung zu Katie zu beginnen? Welche Erklärungen beinhaltet das Tagebuch?

Zugegebenermaßen habe ich eine kleine Schwäche für schnulzige Liebesromane und auch Liebesfilme, was dazu geführt hat, dass ich Nicholas Sparks’ sämtliche Bücher mit Tränen in den Augen verschlungen habe und immer sehnsüchtig auf neue Werke warte, damit ich mich wieder in wunderschöne Fantasiewelten begeben kann. Doch kann James Patterson Sparks das Wasser reichen, wo er doch sonst in ganz anderen Genres schreibt?

Schon der Inhalt des Buches klingt stark nach einer triefenden Schnulze, die bereits nach zwanzig Seiten auf das unweigerliche Happyend hinarbeitet. Zwischendurch werden gekonnt einige tragische Schicksale wie die Trennung von Matt und Katie oder auch Suzannes Herzanfall eingestreut, um dem Buch etwas mehr an Realitätssinn zu verleihen, doch konnte mich dies alles nicht überzeugen. Hätte mich jemand nach den ersten paar Kapiteln gefragt, wie ich mir das Ende des Buches ausmale, so hätte ich ihm genau das Ende vorhergesagt, wie Patterson es in seinem Buch niederschreibt, es gibt für meine Begriffe in dieser Erzählung leider keine Überraschungen, sodass Sparks-Kenner spitzfindig nach wenigen Seiten das Buch durchschaut haben dürften.

Die Geschichte um Katie wird aus der Sicht eines außen stehenden Erzählers geschrieben, das Tagebuch liest sich logischerweise in Ich-Form aus Sicht von Suzanne. Anfangs fand ich den Sprung vom Erzähler zur Ich-Form etwas verwirrend, aber die Sprünge werden durch ein neues Kapitel und die Freiseiten entsprechend deutlich gekennzeichnet. Verwirrender dagegen fand ich das Auftauchen eines zweiten Matt. Bereits im ersten Kapitel um Katie erfährt der Leser, dass sie von ihrem geliebten Matt verlassen worden ist, der ihr aber Suzannes Tagebuch überlassen hat. Im Tagebuch taucht dann auch recht schnell ein Matt auf, doch plötzlich eröffnet Suzanne dem Leser, dass sie sich in den Maler „Picasso“ verliebt hat und er der Vater von Nikolas ist. Erst später wurde dann klar, dass auch Picasso Matt heißt. Der andere Matt spielt aber später gar keine Rolle mehr, warum also tauchte er überhaupt auf und warum musste er auch noch den gleichen Namen erhalten? Das stiftet unnötig Verwirrung, zumal man beim Lesen eines Liebesromans ja nicht immer ein großes Maß an Aufmerksamkeit mitbringt.

Das Tagebuch ist immer wieder unterbrochen durch Anreden an den geliebten Nikolas beziehungsweise an den starken Ritter Nikolas oder auch den kleinen Prinzen. Allein diese Anredeformen an Nikolas wirken schon ein wenig übertrieben, aber noch kitschiger wird schließlich das allumfassende Glück, das Matt und Suzanne zusammen erleben. Dazu eine kleine (willkürlich herausgegriffene) Leseprobe:

|“Ich musste daran denken, was Matt in der Nacht, als er mir den Heiratsantrag machte, zu mir gesagt hatte: „Ist es nicht ein unermessliches Glück, dass es dich noch gibt und dass wir zusammen glücklich sein können?“ Ja, es war ein unglaubliches Glück, und dieser Gedanke ließ mich schauern, als ich dort am Abend unserer Hochzeit neben Matt stand.“|

In diesem Stil ist nahezu das gesamte Tagebuch geschrieben, Redewendungen wie „unermessliches Glück“ oder „Ich liebe dich“ zählen hier sicherlich zu den am häufigsten verwendeten Floskeln überhaupt. Das Tagebuch ist schwärmerisch, überschwenglich, verträumt und steckt voller Glücksmomente, die im Rahmen des kurzen Buches dennoch etwas zu häufig hervorgehoben werden. Gut, ein Liebesroman sollte triefen und das Wunder der Liebe lobpreisen, aber muss es gleich so übertrieben werden? Muss auf jeder Seite explizit erwähnt werden, wie sehr Matt und Suzanne sich geliebt haben und dass ihr Sohn das perfekteste Wesen auf der Welt ist, das bereits im Alter von weniger als einem Jahr sprechen und laufen kann? Ich erhebe nicht den Anspruch von Realitätsnähe bei einer Liebesschnulze, aber ich hatte auch gerade beim Lesen anderer Rezensionen über dieses Buch den Eindruck, dass „Tagebuch für Nikolas“ für mehr gehalten wird als eine verkitschte Liebesgeschichte, die von vorne bis hinten absehbar ist, und das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bemerke weder große literarische Leistungen von Seiten Pattersons noch eine besonders kreative und innovative Liebesgeschichte oder eine Story, die mich am Ende überraschen kann. Wo ist dieses Buch also mehr als eine ganz normale Schnulze?

Als verträumter Liebesroman mag „Tagebuch für Nikolas“ sehr unterhaltsam und nett sein, ich kann aber nicht behaupten, dass mich das Buch schwer beeindruckt hätte. Es ist nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, aber auch die erwähnten tragischen Schicksale werden so überdramatisiert, dass sie für mich einem Rosamunde-Pilcher-Roman entnommen sein könnten. Solche tragischen Ereignisse machen einen Liebesroman für meine Begriffe nicht zu einem großen literarischen Werk, sondern sie gehören irgendwo zu solchen Schnulzen dazu, denn in den meisten Kitschromanen steht das große Glück erst am Ende einiger Schicksalsschlägen, oder nicht?

Mir persönlich sind nicht einmal die Charaktere besonders ans Herz gewachsen, da sie einfach zu unmenschlich gut waren. Matt scheint der absolute Traummann zu sein, der seiner Traumfrau jeden Wunsch von den Augen ablesen kann und einfach nur perfekt ist, doch gibt es so jemanden wirklich? Ich konnte auch Katies Trauer und ihre Wut nicht mitfühlen, da die Geschichte meiner Meinung nach für solche Gefühle recht abgedroschen ist. Die Personen werden uns durch die Erzählung der Geschichte schon näher gebracht, aber sie werden zu einseitig dargestellt und ihre Fehler gar nicht erwähnt, sodass sie künstlich wirken und daher auch von mir kein Mitleid erhalten konnten.

Das Buch unterhält gut, entlockt uns zwischendurch eventuell die eine oder andere Träne, berührt vielleicht ein wenig, entführt seine Leser für zwei bis drei Stunden in romantische Welten, ist dann aber sicherlich wieder schnell vergessen. Um es kurz zu sagen: ein typischer und kitschiger Liebesroman, der nicht mit Überraschungen aufwarten kann und auch nicht weniger schnulzig ist als beliebige andere Liebesromane zuvor.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Uther, Hans-Jörg (Herausgeber) – Märchenschatz

„Märchenschatz“ ist eine von mehreren Sammlungen, die Hans-Jörg Uther herausgegeben hat. Hier geben sich Märchen aus so ziemlich allen Teilen des deutschsprachigen Raumes ein Stelldichein, darunter allseits bekannte wie „Dornröschen“, „Aschenputtel“ oder „Die Sterntaler“, aber auch andere wie „Die Geschichte von der Metzelsuppe“, „Bruder Lustig“ oder „Der Bärenhäuter“, wobei manches Märchen, dessen Titel dem Leser unbekannt schien, sich beim Lesen unter Umständen als alter Bekannter entpuppt, der hier nur im Kleid einer lokalen, leicht variierten Version auftaucht. Zu dieser Gruppe der weiträumig und dabei leicht unterschiedlich erzählten Geschichten gehören unter anderen „Der Deserteur mit dem Feuerzeug“ (bei Grimms: „Das blaue Licht“), „Vom Vogel Fenus“ („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) und „Das Märchen vom Knüppel aus dem Sacke“ („Tischlein, deck dich“). Manch einem, der Preußlers „Krabat“ gelesen hat, mag der „Zauberwettkampf“ bekannt vor kommen. Am meisten überrascht hat mich aber das Märchen „Der arme Schuster“, das in abgewandelter Form eine Geschichte aus 1001 Nacht erzählt! Wie diese Geschichte aus dem Orient ins Donauland kam oder umgekehrt, wäre eine interessante Frage.

Die Unterschiede zu den allseits bekannten Versionen, die meist von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurden, reichen von kaum spürbar, wie bei „Hans Wohlgemut“ („Hans im Glück“), über deutlich, wie bei „Die Geiß mit ihren zehn Zicklein und der Bär“ („Der Wolf und die sieben Geißlein“), bis gravierend bei „Das kleine Rotkäppchen“.

In den meisten Fällen betreffen diese Unterschiede lediglich die Ausführung, ohne die zugrunde liegende Aussage zu verändern. Aber nicht immer: Das Märchen vom Rotkäppchen zum Beispiel endet hier ganz aprupt an der Stelle, an der das Rotkäppchen gefressen wird! Kein Happyend!

Nun sind Märchen nicht einfach nette Geschichten, die man sich eben erzählt. Märchen erfüllen einen bestimmten Zweck. Der eine ist der psychologische. Oft wurde den Märchen vorgeworfen, sie seien so grausam, und es wurde fleißig daran gebastelt, sie zu entschärfen. Heute sind Psychologen der Meinung, dass Märchen grausam sein sollen! Märchen helfen dabei, mit Ängsten fertig zu werden. Kinder empfinden es als ermutigend, wenn Hänsel und Gretel die böse Hexe besiegen, und das auch noch ganz allein.

Der andere ist der pädagogische. Märchen lehren, dass der Gute immer gewinnt, der Böse immer verliert, dass es sich also nicht lohnt, böse zu sein. Genau dieser Punkt ist aber bei der hier erzählten Rotkäppchenversion ausgehebelt! Kein Jäger kommt, um das – zugegebenermaßen ungehorsame und leichtsinnige – Rotkäppchen zu befreien. Der Grundtenor lautet eher: Geschieht ihr recht! Die unschuldige Großmutter bleibt dabei völlig unbeachtet. Dadurch erhält die Geschichte einen Touch von Struwwelpeter-Pädagogik, die inzwischen allerdings stark umstritten ist. Rotkäppchen hat keine Gelegenheit mehr, aus ihrem Fehler zu lernen. Und der Wolf, der doch noch viel böser ist als Rotkäppchen, kommt ohne Strafe davon.

Außer den klassischen Volksmärchen finden sich aber auch Tiergeschichten und Schwänke, so zum Beispiel „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ und „Die sieben Schwaben“. Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie in der typischen Märchensprache belassen wurden, die zum Flair eines Märchens einfach dazugehört. Das wirkt sich gerade bei den beiden vorgenannten äußerst positiv aus, da die wörtliche Rede teilweise sogar die entsprechende Mundart verwendet.

Natürlich lesen sich manche Passagen dadurch etwas umständlich. Das Buch in einem Rutsch durchzulesen, ist anstrengend. Kleine Kinder werden gelegentlich eine Erklärung brauchen, ältere Kinder, die selber lesen, möglicherweise auch, sofern sie nicht aus ihrer Vorlesezeit bereits Märchenerfahrung haben. Aber das gibt sich rasch.

Illustriert ist der Band mit einfachen Bleistiftzeichnungen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und sich vor allem durch Schlichtheit und einem Blick fürs Detail auszeichnen. Sie wurden von Otto Ubbelohde, einem hessischen Zeichner, für eine Ausgabe der Grimmschen Hausmärchen gefertigt und geben nicht nur Szenen aus den jeweiligen Märchen wieder, sondern auch Ausschnitte aus der damaligen Zeit, zum Beispiel in Kleidung und Einrichtung, und runden damit die Gesamterscheinung hervorragend ab.

Insgesamt eine interessante und schön gestaltete Ausgabe abseits der verwässerten und teilweise lieblos hingeklatschten Billigsammlungen, allerdings halte ich es für empfehlenswert, dass im Falle kindlicher Leser die Eltern mit den Kindern über das Gelesene sprechen. Aus eigener Erinnerung weiß ich, dass Kinder vieles gar nicht so deutlich und scharf empfinden wie wir Erwachsenen. Es sind aber auch nicht alle Märchen gleich einfach zu verstehen. Gerade im Falle von „Rotkäppchen“ oder auch der „Mär vom Marchandelbaum“ und der „Eiche am Elbufer“ wäre ein Erfragen des Gelesenen hilfreich, um zu sehen, wie die Kinder mit der Geschichte klargekommen sind.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. In der Liste der von ihm veröffentlichten Sammlungen finden sich auch „Sagenschatz“, „Märchen vom Glück“, [„Die schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=775 und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift |Fabula|.