Archiv der Kategorie: Belletristik

Uther, Hans-Jörg (Hrsg.) – schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit, Die

Märchen und Geschichten gehören zur Advents- und Weihnachtszeit wie Lebkuchen oder Kerzenlicht. Diese besondere Sammlung trägt dieser Stimmung Rechnung, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Literarische Werke von Theodor Storm, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde und Theodor Fontane geben sich ein Stelldichein mit Volksmärchen aus Irland, Norwegen, dem Odenwald und der Lüneburger Heide. Alle haben mehr oder weniger mit Weihnachten zu tun, und sei es auch nur ganz am Rande.

Die ersten drei Geschichten über Frau Holle, Nikolaus und Christkind gehören zusammen und erzählen in ganz eigener Weise, wie das Christkind nach Europa kam. Die Mischung aus heidnischen Überlieferungen und christlichem Gedankengut ist für manchen vielleicht überraschend und gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber auch Darstellung eines Übergangs. Gerade zu einer Zeit, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, wurde noch viel in Bildern und Symbolen gedacht, insofern spiegelt sich hier die Christianisierung einer Volksseele, die uns so nicht mehr bewusst ist, weil wir inzwischen schon so lange in einer christlichen Umgebung aufwachsen.
Außer diesen dreien ist lediglich „Das Tannenbäumchen“ ein echtes Weihnachtsmärchen. Die übrigen Volksmärchen haben ihren Bezug zu Weihnachten nur im Zeitpunkt der Handlung, die sich selbst nicht unbedingt um Weihnachten dreht.
Die literarischen Texte dagegen rücken Weihnachten als Fest wesentlich stärker in den Mittelpunkt. Die meisten sind gar nicht als Weihnachtsgeschichten geschrieben, da sie aber großteils für diesen Band onehin zu lang wären, wurden die entsprechenden Abschnitte als Auszüge aufgenommen oder der Text wurde ggf. gekürzt. So entstanden Momentaufnahmen in den unterschiedlichsten Stimmungen, von ausgelassener Fröhlichkeit in „Weihnachtsabend“ aus Wilhelm Raabes „Die Chronik der Sperlinggasse“ über Melancholie in „Da stand das Kind am Wege“ aus Storms „Immensee“ bis hin zu Verzweiflung in Tiecks „Weihnacht-Abend“.

Insgesamt fand ich die Auswahl der Texte recht gelungen, mit zwei kleinen Ausnahmen. „Die verwünschte Burg“, ein irisches Elfenmärchen, spielt zwar an Weihnachten, es fehlt ihr aber im Hinblick darauf jegliches Flair, irgendwie passt sie nicht in den Kontext des Buches. Außerdem wirkt sie gegen Ende abgehackt und hinterlässt das Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich vermisste einen Kern in der Geschichte. „Der Wolf angelt“ erwähnt das Wort Weihnachten überhaupt nicht, und obwohl die Geschichte an sich nicht wirklich schlecht war, fragte ich mich, warum sie in diese Sammlung aufgenommen wurde. Auch hier fehlt der Bezug zum eigentlichen Thema des Buches.
Oscar Wildes „Der glückliche Prinz“ spielt ebenfalls nicht ausdrücklich an Weihnachten, was in diesem Fall aber überhaupt nicht stört, da die Aussage der Geschichte zu Weihnachten passt.
Entgegen der gängigen Kurzbeschreibung nicht enthalten sind „Die Schneekönigin“ und „Väterchen Frost“, was ich vor allem angesichts der erwähnten beiden „Fehlgriffe“ äußerst bedauerlich finde.

Positiv aufgefallen ist mir, dass die Texte sprachlich nicht überarbeitet wurden, bzw. dass Uther sie nicht in modernes Deutsch übertragen hat. In vielen modernen Ausgaben haben die Märchen dadurch einen Großteil ihres Zaubers verloren.
Dasselbe gilt für die zwölf Illustrationen, die dezent in Schwarzweiß gehalten sind und teilweise aus alten Quellen wie dem Augsburger Bilderbogen stammen. Auch das Bild des Schutzumschlags ist schön gemacht, ganz unaufdringlich und nicht so schreiend grell, wie es heute auch bei Weihnachtssachen bereits oft der Fall ist.
Außerdem hat das Buch ein Quellenverzeichnis, was für mich vor allem im Hinblick auf die Textausschnitte und gekürzten Texte interessant war. Wer Interesse an den vollständigen Texten hat, weiß also, wo er suchen muss.

Alles in allem ein hübsches Bändchen für ein paar ruhige Minuten vor dem brennenden Kamin oder beim Schein von Adventskerzen. Wer etwas sucht, um in der Hektik des Vorweihnachtsgetriebes seine eigentliche Weihnachtsstimmung wiederzufinden, liegt hier bestimmt nicht falsch. Zum Vorlesen für Kinder ist das Buch allerdings nur bedingt geeignet. Die literarischen Texte sind naturgemäß sprachlich und inhaltlich ein paar Stufen zu hoch, aber auch die Volksmärchen sind nicht alle uneingeschränkt kindergeeignet. Am ehesten lassen sich die Märchen um Frau Holle und das vom Tannenbäumchen vorlesen, die stammen aber auch aus einem Kinderbuch mit Weihnachtsmärchen. Der damaligen Zeit entsprechend klingen sie stellenweise etwas kitschig, Kinder wird das aber wohl nicht stören.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. Er hat eine ganze Liste von Märchensammlungen veröffentlicht, darunter „Sagenschatz“, „Märchenschatz“, „Märchen vom Glück“ und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Fabula.

http://gutenberg.spiegel.de/raabe/sperling/sperling.htm
http://gutenberg.spiegel.de/storm/immensee/immensee.htm
http://gutenberg.spiegel.de/fontane/ellernkl/ellernkl.htm
http://gutenberg.spiegel.de/etahoff/floh/floh01b.htm
http://gutenberg.spiegel.de/arndt/msarndt/avenstak.htm

Bret Easton Ellis – American Psycho

Bret Easton Ellis’ Kultroman „American Psycho“ hält den amerikanischen Yuppies der 80er Jahre ein hässliches Spiegelbild vor und vermittelt als Nebenprodukt dem mittelständischen Leser mit drei Hypotheken die beruhigende Botschaft, dass ein Job an der Wall Street und ungezählte Kreditkarten kein Garant für ein glückliches und erfülltes Leben sind. Nun ist diese Erkenntnis heutzutage weder überraschend noch neu, doch wie Ellis seine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum an den Leser bringt, war seinem Verlag |Simon & Schuster| bei der Erstveröffentlichung des Romans im Jahre 1991 einen Skandal wert. Er hatte dort bereits zwei Romane veröffentlicht und für „American Psycho“ einen Vorschuss erhalten. Als das Buch jedoch auf den Markt kam und der Chef von |Paramount| (zu dessen Konzern |Simon & Schuster| gehört) in einer Zeitung Auszüge aus dem Roman las, ließ er „American Psycho“ vom Markt nehmen und die bereits gedruckten Exemplare einstampfen. Dies löste natürlich eine noch größere Kontroverse über den Inhalt des Buches und eine eventuelle Zensur von Seiten des Verlags aus, bis sich der Vintage-Verlag|Ellis’ Buch annahm und den Roman neu herausbrachte.

Bret Easton Ellis – American Psycho weiterlesen

Deforges, Régine – Unwetter, Das

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?

Er schreibt: |“Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“| Der Leser ist gewarnt.

|Die Autorin|

Die Französin Régine Deforges ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Frankreichs. 1968 gründete sie als erste Frau in Frankreich einen Verlag. Auch hierzulande wurde sie mit erotischen Werken in den siebziger und achtziger Jahren bekannt, so etwa mit den Erzählungen in dem Band „Der schwarze Milan“ (Rowohlt). Das besondere Kennzeichen dieser Storys ist einerseits die Tabus überschreitende Erkundung der Erotik und die feinfühlige psychlogische Begründung dieser Forschungsreise und ihrer Entdeckungen.

Bekannter wurde sie in den letzten Jahren mit ihrem historischen Roman „Das blaue Fahrrad“ und dessen Fortsetzung „Die weiße Lilie“, die beide im 2. Weltkrieg spielen, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war.

_Handlung_

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Schreiberin dieses Tagebuches einen gewaltigen Dachschaden hat. Als Beweis diene zunächst einmal, dass sie mehrmals das Grab ihres an Krebs verstorbenen Gatten besucht, sich darauf setzt und sich darauf munter einen runterholt. Tut dies eine anständige Frau? Vermutlich nicht.

Außerdem behauptet sie im Text, der geliebte Gatte sei immer noch „bei ihr“. Nun, er erfüllt sie jedenfalls in Gedanken und Gemüt derart, dass sie nicht wagt, von ihm als einem Verstorbenen zu sprechen. Dementsprechend konsterniert reagiert ihre Umgebung auf ihre Einstellung, insbesondere die Schwiegermutter.

Die Wahrheit ist, dass ihr Gatte sie zu solch gewagten sexuellen Handlungen verführt hatte, dass die gewöhnlichen Interaktionen zwischen Männlein und Weiblein nur wenig Reiz bereithalten. Selbst als sein Bruder Jean sie besucht und mit ihr ans Meer fährt, kommt es nicht zum Beischlaf. Stattdessen befiehlt sie ihm, sie in die Brustwarzen zu beißen.

Eine verhängnisvolle Entwicklung bahnt sich bei ihren wiederholten Besuchen auf dem nahen Friedhof an. Denn der Dorftrottel Lulu beobachtet die erotische Mänade aus dem Gebüsch. Lulu hat zwar nix im Kopf, aber dafür umso mehr in der Hose. Obwohl sie ihn bemerkt hat, denkt Marie gar nicht daran, in ihrem aufreizenden Tun innezuhalten. Als ein Gewitter losbricht, reißt sie sich vielmehr die Klamotten vom Leib, um den belebenden Regen zu genießen. Es kommt zu einem ersten Verkehr mit Lulu.

Nach einer Zeit der Krankheit und Genesung , während der sie die Annäherungsversuche des verliebten Trottels registriert, kommt es eines Nachts zu einem Höhepunkt ihrer sexuellen Begegnungen mit Lulu, als dieser sie seiner Familie vorstellt …

_Mein Eindruck_

Das Büchlein lässt sich ebenso einfach wie flott lesen, denn die Sätze sind ebenso kurz wie der Gesamttext. Nur ca. 83 Seiten umfassen die verschiedenen Texte, von denen das Tagebuch natürlich den Löwenanteil einnimmt. Es ist an den verblichenen Gatten Edouard gerichtet. Seine Funktion besteht nicht nur in einem Erlebnisbericht für die Nachwelt, sondern vielmehr als Beichte und Rechenschaftsbericht vor dem verlorenen Geliebten, den sie schon bald wiederzusehen hofft. Diese letzten Zeilen kommen für den Leser ziemlich unvermittelt. Mit einem gewissen Schock registriert er, dass sich die Schreiberin wieder einmal ein Unwetter ausgewählt hat, um den Übergang ins Jenseits zu vollziehen. Wurde sie wirklich vom Blitz erschlagen, wie die Zeitung schreibt?

|Freie Liebe|

Dieser Edouard muss ein ziemlicher Freigeist gewesen sein. Er propagierte die freie Liebe, also auch freien, außerehelichen Sex. Und zwar nicht nur mit Menschen. Was Marie in seinem Namen vollzieht, ist eng mit Gewittern verbunden. Diese sind nicht nur Erschütterungen aus den Elementen der Natur, die den Menschen in Aufruhr versetzen und ihn zu Veränderungen treiben. Sie sind auch Symbole für die Kraft der Natur und vor allem für die Präsenz des Animalischen im Menschen. Diese Triebkräfte freizusetzen, hat sich Marie – ohne es zu formulieren – vorgenommen. So gedenkt sie den Willen ihres geliebten Edouard zu erfüllen.

|Wichtige Zusatztexte|

Vier Zusatztexte stellen den Inhalt des Tagebuchs in einen anderen Kontext. Textimmanent gesehen, führen zwei Zeitungsmeldungen die Handlung fort. Darüber schweige ich. Doch dem Tagebuch sind zwei weitere externe Texte beigefügt. Der wichtigere der beiden ist ein Fragment von Georges Bataille aus seinem Roman „Madame Edwarda“, den er 1941, 1945 und 1956 veröffentlichte. In dem Fragment kommen eine Marie und ein Edouard vor. Dieser stirbt, doch Marie ist nicht schnell genug mit Ausziehen, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. |“Sie stand neben dem Toten, abwesend, über ihrem Selbst, in schwerfälliger Ekstase befangen, überwältigt.“| (S. 87) Die Schlüsselbegriffe sind „über ihrem Selbst“ und „Ekstase“. Marie ist in spirituellem Sinne außer sich.

Verstärkt wird diese Charakterisierung Maries durch einen Auszug aus einem frommen Gedicht der Theresia von Lisieux: |“Mein Vielgeliebter, laß mich bald / Die Milde Deines ersten Lächelns ahnen / Und laß mich in meinem glühenden Taumel, / Ach, laß mich in Deinem Herzen mich bergen! / Seliger Augeblick! Welch unaussprechliches Glück, / Wenn ich den süßen Klang Deiner Stimme hören werde, / Wenn ich den göttlichen Glanz Deines anbetungswürdigen Antlitzes / Schauen werde zum ersten Mal!“| – Dies klingt, als wolle eine unschuldige Nonne, erfüllt von spiritueller Leidenschaft, endlich als „Braut Jesu“ die Vereinigung vollziehen – im Jenseits.

|Die literarische Tradition|

Und von dieser Ausgangslage ausgehend entspinnt Régine Deforges ihre Novelle „Das Unwetter“. Damit stellt sie ihren Text in eine relativ ehrwürdige Tradition: die der erotischen Literatur Frankreichs. Dazu zählen neben Bataille sicher auch Pauline Réage („Geschichte der O“), Jean de Berg („Das Bild“) und der Marquis de Sade („Justine oder das Mißgeschick der Tugend“).

Georges Bataille gilt als Verfechter des libertären Erotismus, der die Erotisierung des gesamten Erlebens forderte und in seinen Schriften auch schilderte, so etwa in „Die Geschichte des Auges“ (1928). Bataille, auf den sich Deforges hier beruft, ist jedoch ein ganz anderer Autor als der bekanntere de Sade. Bataille hat 1943 und 1949 eine soziale Theorie aufgestellt, „deren Ziel die Erfassung der menschlichen Totalität ist, zu der die hohen und niederen Aspekte des Seins gleichermaßen zählen“, wie das „Harenberg Lexikon der Weltliteratur“ ausführt (S. 306). |“Im fiktionalen Werk wie in seiner Literaturkritik manifestiert sich Batailles Suche nach dem Absoluten, das nur in herausragenden Momenten der Existenz, im Augenblick der ’souveränen Kommunikation‘ erreicht werden kann.“|

|Selbsttranszendenz|

Deforges greift gar nicht so hoch. Sie lässt ihre Heldin Marie D. gar nicht nach den Sternen greifen. Doch dem Leser ist schnell klar, dass Marie auf der gleichen Straße wandelt wie O, ihre berühmtere Schwester. Wo sich O in freiwilige Sklaverei begibt, um den Wunsch ihres geliebten René zu erfüllen, dort begibt sich Marie, in totaler Hingabe an die Wünsche des geliebten verstorbenen Edouard, auf den Weg der totalen Hingabe an die Wünsche von Lulu und seiner Familie. Um die vollkommene Ekstase zu erfahren, opfert sie sich, so umschreibt sie es zwischen den Zeilen, auf dem Altar ihrer Liebe zu Edouard. Dies ist ist aber keine pathetische Selbstzerstörung, sondern führt zur Selbstranszendenz.

Nach dieser Aufgabe der Persönlichkeit zugunsten der Erfüllung ihres sexuellen Wesens bleibt ihr nichts anderes mehr zu tun als die Aufhebung der eigenen körperlichen Existenz. Wie es Bataille klar war und wie Susan Sontag in ihrem klarsichtigen Essay „The pornographic imagination“ deutlich formuliert hat, ist der konsequente Endpunkt sexueller Erfüllung nicht die endlose Variation und Rekombination von sexuellem Vergnügen, wie uns de Sade glauben machen will, sondern der Tod. Anti-Erotiker würden dies als „Sakrileg“ bezeichnen. Doch für Deforges und ihre Heldin ist es ein „Sakrament“, das hier bis zu letzten Konsequenz vollzogen. Und Theresia von Lisieux hätte ihr darin beigepflichtet.

_Unterm Strich_

Régine Deforges ist eine der letzten Vertreterinnen der älteren erotischen Literaturtradition Frankreichs. Zu ihrer Generation zähle ich auch Emmanuelle Arsan, Anais Nin, die Freundin Henry Millers, sowie die Frau, die unter dem Pseudonym „Pauline Réage“ publizierte. Ihre Generation wurde von der so genannten „Hurenliteratur“ (die eigentliche Bedeutung von „pornos graphein“) abgelöst. Was Marie Darrieusecq („Schweinerei“) und Catherine Breillat („Romance XXX“) anfingen, wird heute bereits in einem breiteren Strom in die Buchhandlungen gespült. Zumindest in Frankreich. Hierzulande schämt man sich noch, dergleichen im Buchladen auszustellen.

Die Generation der Deforges ist mir weitaus lieber. Ihre Heldin Marie mag vielleicht in einem ländlichen Nimmerland leben und sich dort erotisch austoben, aber ihre Sexualität ist nicht deformiert und zur ausgebeuteten Ware gemacht worden. Ihre Sexualität ist sozusagen spirituell – eine Ansicht, über die heutige Autorinnen nur noch lachen können. Aber sie hat ein menschliches Antlitz, und das ist mehr, als man von so mancher moderner Heldin sagen kann. Maries Wahn ist nicht krank, sondern heilig, ihr Sex nicht Sakrileg, sondern Sakrament. Und so etwas hat offenbar keinen Platz mehr in unserer Zeit. Kein Wunder: Sakramente lassen sich weder kaufen noch verkaufen.

Für die heutige Leserin hält „Das Unwetter“ vielleicht nur wenig Neues bereit. Selbst ein Gangbang ist heute schon selbstverständlich.

Fried, Amelie – Liebes Leid und Lust

Fried hat eine ungewöhnliche Frauenfigur geschaffen: Hanna befindet sich im seelischen Exil, in einer Entfremdung, die sie überwinden muss – und schließlich auch kann. Doch der Weg dorthin ist lang und gepflastert mit Hindernissen: Der Mann, den sie liebt, ist verheiratet.

|Der Titel|

Der Titel des Buches ist von Shakespeares Liebeskomödie abgeleitet: Leider wird deren Originaltitel „Love’s Labor Lost“ im Deutschen meist mit „Verlorene Liebesmüh“ wiedergegeben. „Liebes Leid und Lust“ ist doch viel schöner!

Näheres zur Autorin gibt es am Ende dieser Rezension.

_Handlung_

Hanna ist eine junge Schauspielerin, die sich gerade mit ihrem Stiefbruder Jo auf eine Amerikareise begeben hat. Sie lebt mit ihm zusammen, doch die Beziehung ist, nach einem erotischen Fehlstart, platonisch. Die Reise wurde von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater bezahlt, es gibt also keine Probleme. Sollte man meinen.

Lustvoll cruisen die beiden Filmfreaks Jo und Hanna mit einem Kultauto über die Highways von Los Angeles, als sich ein paar seltsame Dinge ereignen. Hinter einem Schnellrestaurant holt Hanna ohne mit der Wimper zu zucken einem LKW-Fahrer einen runter – und lehnt die Bezahlung ab. Als Jo und Hanna den Mulholland Drive, die Straße der Reichen hoch über der Stadt, befahren, will Hanna eigentlich nur die tolle Aussicht genießen: endlich im David-Lynch-Land! Doch irgendwie kommt der Wagen ins Rollen und Hanna rollt mit, in den Abgrund. War es ein Unfall oder Absicht?

Eigentlich hätte diese Nahtoderfahrung Hanna ein wenig auf den Teppich bringen sollen, aber das scheint nicht der Fall zu sein, wie ihre Mutter besorgt feststellt. Daher schickt sie Hanna in psychotherapeutische Behandlung, und die tut ihr den Gefallen, um sie zu beruhigen. Doch der Seelenklempner ist alles andere als ein hässlicher Ignorant: Als Hanna André kennen lernt, trifft sie die Liebe wie ein Blitzschlag.

Und obwohl André schon gute 40 Jahre alt und zufrieden verheiratet ist und einen halbwüchsigen Sohn hat, zeigt auch er sich von Hanna nicht unbeeindruckt: Zunächst befreit er sie vom Trauma ihrer Kindheit, als sie ihre Schwester verlor und sich die Schuld an deren Tod gab; als sie ihren Vater verlor, der in eine Heilanstalt ging. Was Hanna noch nicht ahnt: André ist der Mann einer Auftraggeberin, die als Casting-Agentin Hanna ein paar lukrative TV-Aufträge verschafft hat.

Als André sich zusehends in seine verführerische, burschikose, ein wenig manipulative Patientin verliebt, bekommt er es mit der Angst zu tun. Wie kann eine Behandlung möglich sein, bei der der Behandelnde nicht mehr objektiv sein kann? Er bittet seinen Betreuer um Rat, dann bricht er die Behandlung ab. Hanna ist schwer enttäuscht.

Doch Amors Wege sind unerforschlich. Auf Umwegen wieder zusammengeführt, stürzen sich Hanna und André in eine leidenschaftliche Affäre, die alles zu vernichten droht, was den beiden bislang teuer war: Familie, Liebe, Freundschaft, Arbeit. Alleine schon die Affäre zu verbergen, kostet schier übermenschliche Anstrengung, die zuweilen aber für uns komische Aspekte aufweist.

Doch das psychische Erdbeben führt auch zu etwas Gutem. So findet Hannas Vater aus seiner eigenen privaten Hölle wieder zurück in den Kreis seiner früheren Familie. Und wer weiß: Vielleicht findet Hanna endlich den Richtigen. Bei einer Theateraufführung der Shakespeare-Komödie kommt es jedenfalls erst einmal zum großen Knall.

_Mein Eindruck_

Dieser Roman will unterhalten. Das ist keine verwerfliche Absicht und gelingt auch hundertprozentig. Die Perspektiven der beiden Hauptfiguren Hanna und André wechseln sich ab – sogar die wörtliche Rede ist unterschiedlich wiedergegeben (mal mit, mal ohne Gänsefüßchen). Hanna erzählt in der Ich-Form, André wird in der Er-Form geschildert – eine im deutschen Unterhaltungsroman recht seltene Kombination, vielleicht sogar ein Experiment.

Die Sätze lesen sich flüssig und die Wörter lösen keine stilistischen Folterspuren aus – hier war eine hervorragende Lektorin am Werk, da steckt viel Arbeit am Text drin (siehe die Anmerkung zu „Autorin“). Daher ist es also vielmehr der Inhalt der Sätze, der den Leser stutzig macht. Wie schon der zweite Absatz des Handlungsabrisses klar machen dürfte, ist der Roman nicht für Kinder geeignet, noch nicht einmal für Zwölfjährige. In diesem Buch treffen ungewöhnliche Lebenserfahrungen und -einstellungen aufeinander. Das ist einer der Gründe, warum es so spannend zu lesen ist.

Hanna und ihr leiblicher Vater befinden sich in einem seelischen Exil. Doch im Unterschied zu ihrem Vater tut Hanna so, als sei alles in Ordnung. Ihre Beziehung zu ihrem Stiefbruder Jo, einem Junkie und Filmstudenten, ist jedoch lediglich platonisch. Eine echte Liebesbeziehung kennt Hanna nicht.

Daher kommt ihr André, der sich in festen Händen befindet, gerade recht. Aber warum sollte sie sich ihm öffnen und sich somit verletzbar machen? Ihre Standardstrategie bei Männern sieht die Manipulation, das Spiel, ja sogar das Schauspielern – das ist ihr Job – vor. Leider ist ihr Standard mit dem einer therapeutischen Behandlung unvereinbar. André entpuppt sich als harte Nuss, eine Herausforderung, die Hannas Lebensgeister weckt. Doch von André Besitz zu ergreifen erfordert etwas, das Hanna schon lange nicht mehr entwickelt hat: echte Hingabe und wahre Gefühle.

André seinerseits gerät in schwere Turbulenzen, die sein Leben in Mitleidenschaft ziehen. So eine Liebesaffäre mag ja sehr befreiend sein, denn viele erotische Wünsche lassen sich erfüllen. Doch wenn man dann wieder auf den Teppich zurückkehrt, kann die Landung ganz schön hart ausfallen: Liebe bedeutet eine große Verantwortung, wie nicht nur er herausfinden muss. Sein Kumpel, ein Bruder Leichtfuß, vögelt sich munter durch Deutschlands Bordelle (wie täglich eine Million anderer Männer), doch André sieht stattdessen sein Leben zerbröseln, als ihm seine Frau die Schliche kommt. Hanna macht eine ähnliche Erfahrung, als Jo ihr aus Eifersucht die Freundschaft kündigt.

Bis alle Beteiligten ihre jeweiligen Transformationen durchgemacht und zu neuen Horizonten gefunden haben, vergehen etliche hundert Seiten. Aber diese sind so interessant und fesselnd geschrieben, dass die Lesezeit wie im Fluge vorbeigeht. Die Autorin hört immer stets dann auf, wenn sie in Gefahr gerät, zu viel zu verraten. Der Leser weiß als Beobachter selten mehr als die Figuren. Insofern tauchen selten ironische Momente auf. Vielmehr liest sich der Roman streckenweise wie ein Drama der Leidenschaften.

Um nun aber nicht in Mord und Totschlag oder gar deutschen Bierernst zu münden, hat sich die Autorin einige Kniffe einfallen lassen, um dieses Abrutschen zu verhindern – schließlich könnte dies ja eine Shakespeare’sche Liebeskomödie sein. Wie gesagt, sind dies zum einen die ungewöhnliche Heldin, die zu Anfang mit ihrer psychischen Dissoziation für Verblüffung, wenn nicht sogar Erschrecken sorgt. Später sorgt ihre zynische Art, die Dinge zu sehen, für erfrischende Bemerkungen über Einstellungen und Figuren, die ansonsten vielleicht abgedroschen gewirkt hätten: Dreiecksgeschichten – gibt es etwas Alltäglicheres und Banaleres? Doch das Innenleben einer Dreiecksbeziehung, wie die Autorin es uns durch Hannas Augen betrachten und erfahren lässt, ist vielmehr aufregend, rauschhaft und auch ein ganz klein wenig gefährlich.

Ganz anders hingegen André, der gesetzte Vierziger kurz vor der Midlife-Crisis. Er wirkt nicht ganz lebendig, ihm fehlt ein Stück Eigentümlichkeit, wiewohl er sich ob seiner Untreue in schwerer Gewissensnot befindet. Vielleicht ist er doch zu brav und erfolgsorientiert? Dass erkeineswegs scheintot ist, beweisen seine heftige Affäre mit Hanna und die Auseinandersetzungen mit seiner Frau Bea, der Casting-Agentin beim Fernsehen.

In diesem Medienmilieu kennt sich die Autorin (siehe unten) bestens aus: Auch hier gelten die Gesetze der Wildnis. Hanna hält hierzu ein paar herrliche Kommentare bereit. Aber sie nimmt sich nicht aus: Auf Seite 78 verdächtigt sie sich selbst einer |deformation professionelle| (im Buch mit |accents|, aber die gehören da nicht hin).

_Unterm Strich_

Ich wurde von der Autorin gewarnt, nicht zu viel von ihrem Buch zu erwarten. Falsche Bescheidenheit, dachte ich. Andererseits sollte man an einen Roman, der durchaus unterhalten will und soll, nicht den gleichen Maßstab anlegen wie an einen Jahrhundertroman à la „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Auch wenn „Liebes Leid und Lust“ kein Spiegel der aktuellen Gesellschaft sein will und kann, so findet sich der Leser doch darin wieder.

Denn es geht ja um die Erfahrungen zweier Generationen, der von Hanna und der von André. Beide haben ihre Ansprüche, ihre Erfolge und zuweilen ihr Scheitern. Die Autorin, selbst Mutter und Ehefrau, aber auch berufstätig, bringt ihre Erfahrungen ein – natürlich narrativ verarbeitet. Die Spannungen, die aus den Konflikten zwischen den zwei Generationen entstehen, tragen wesentlich zum Fortgang der Handlung und dem Interesse des Lesers am Schicksal der Figuren bei.

Am Schluss wird der Fall nicht von irgendeinem hellsichtigen Kommissar geklärt und als „gelöst“ deklariert – dann könnten wir alle beruhigt nach Hause gehen und zufrieden einpennen. Ganz im Gegenteil zieht sich im Buch der Schluss über etliche Seiten hin, ohne dass ein großer Zampano oder |deus ex machina| auftauchte. Die Szenen wechseln sich rasch ab, bis sich endlich am Ende des „fünften Aktes“ ein Silberstreif am Horizont zeigt – mehr darf hier nicht verraten werden. Jedenfalls lädt der Schluss dazu ein, das Buch gleich noch einmal anzufangen – und so etwas ist mir bislang selten passiert.

_Die Autorin_

Amelie Fried wurde 1958 in Ulm geboren. Mit 16 machte sie bereits Abitur, mit 26 moderierte sie ihre erste Fernsehsendung, u. a. 1987 die erste landesweite Talkshow „Live (aus der Alten Oper, Frankfurt)“. Heute moderiert sie die Show „3nach9“ bei Radio Bremen. Vor allem ihr frischer, aufgeschlossener Stil hebt sie von anderen Moderatoren ab.

|Jugend und frühes Leid|

Wie ich bei ihrer Lesung in Stuttgart feststellen konnte, ist sie klug, enorm belesen und auf dem neuesten Stand, was die zeitgenössische Literatur angeht. Das ist vielleicht auf ihr Elternhaus zurückzuführen: Die Mutter war Buchhändlerin, ihr Vater Herausgeber und Büchersammler. „In unserer Wohnung gab es an die 15.000 Bücher. Aber den Schlüssel zum ‚Giftschrank‘ hatte ich bald gefunden und las alle verbotenen |Goldmann|-Krimis sowie alle Sherlock-Holmes-Romane.“ Da war sie neun, mit elf schrieb sie Gedichte und Tagebücher – für ihre Beobachtungen, denn sie wollte Schriftstellerin werden. Um ihrem Freund Oliver nahe zu bleiben, übersprang sie in der reformierten Oberstufe zwei Schulklassen und machte machte mit ihm zusammen Abitur. Als er nach Berlin zog, riss sie von zu Hause aus und fuhr ihm hinterher. Leider erwiesen sich die sechs bis acht Wochen in der Liebeslaube auch als ernüchternd, und so kehrte sie wieder heim. Ihr Vater sagte nur: „Do bisch jo wiedr, Mädle.“

|Eigene Bücher|

1989 zog sie sich selbst ins Familienleben zurück, um sich ihren Kindern Leonhard und Paulina zu widmen. Erlebnisse mit den Kindern bewegten sie, selbst Bücher zu schreiben, zunächst „Die StörenFrieds“, der aus einer Zeitschriftenkolumne hervorging, und 1996 den ersten Roman „Traumfrau mit Nebenwirkungen“. |“Als 50-60 Seiten geschrieben waren, legte ich das Manuskript weg. Als ich ich es Jahre später wieder hervorzog, gab ich es meinem Agenten. Nach Wochen der Funkstille rief er an und fragte, ob ich gut säße. Ich erwartete das Schlimmste, aber er sagte nur, dass fünf Verlage das Buch bringen wollten. Und ich hatte nur ein Sechstel der 300 Seiten!“|

|Kinderbücher|

„Am Anfang war der Seitensprung“ und „Der Mann von nebenan“ folgten. Die Verfilmung des letzteren Buches findet sie am gelungensten von allen drei Filmen, für die ihr Mann Peter Probst jeweils das Drehbuch schrieb. Ihr erstes Kinderbuch „Hat Opa einen Anzug an?“ erhielt den |Deutschen Jugendliteraturpreis|, denn es ist nach Angaben der Autorin das erste, das sich mit dem Thema des Todes auf ernsthafte Weise beschäftigt, nicht so tantchenhaft und oberchristlich wie bisher. Gibt es eine Seele, und falls ja, wohin kommt sie nach dem Tod eines Menschen? Was passiert, wenn der Himmel mit Seelen überfüllt ist und dicht macht? Diese und andere Kinderfragen werden hier beantwortet.

Ein zweites Kinderbuch namens „Der unsichtbare Vater“ befasst sich mit einem Kind, dessen leiblicher Vater unsichtbar bei ihm ist, bis eines Tages ein Stiefvater den Platz auf dessen Esstischstuhl einnimmt. Es folgt ein langer Prozess des Widerstands, des Umdenkens und ein Neuanfang.

|“Liebes Leid und Lust“|

Den Roman „Glücksspieler“ habe sie in zwei Jahren fertig stellen können, aber es sei eine Qual gewesen. Auch für den neuesten Roman „Liebes Leid und Lust“ habe sie ein Jahr benötigt, aber die Arbeit sei ihr leicht von der Hand gegangen. Im Buch dankt die Autorin ihrer Lektorin, der 60-jährigen Ingrid Grimm „für ihre liebevolle Hartnäckigkeit“. Die harte Arbeit am Manuskript hat sich ausgezahlt. Im ersten Kapitel stirbt die Heldin beinahe, aber dennoch kommt nie das Gefühl der lächerlich herbeigeschriebenen Absurditäten auf, die man so häufig bei modernen deutschen Frauenromanen (wie etwa von Hera Lind oder Gaby Hauptmann) findet.

Bitte beachtet auch unser [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=26 mit der Autorin.

King, Stephen – Atlantis

Wenn es etwas gibt, das man Stephen King, dem Meister des Alltag-Horrors, nicht vorwerfen kann, dann ist es ein Mangel an Abwechslung in seinen Geschichten.
Dass ein Stoff mehrmals aufgewärmt wird, wie etwa bei den Genrekollegen Koontz oder Herbert, kommt bei King eher selten vor, was wohl einfach an dem schier unerschöpflichen Ideenpotenzial dieses Mannes liegt. Ausnahmen, wie der unsägliche „Rose Madder“-Roman, der mehr als nur eine Parallele zum „Feind in meinem Bett“ aufwies, sollen vorkommen; allerdings ist dieser Roman auch in der wohl schwächsten Phase Kings erschienen, welche 1992 mit „Geralds Game“ („Das Spiel“) begann und mit dem spannenden Doppelpack „Regulator“ und „Desperation“ zum Glück wieder vorbei war.
Dass King auch noch richtige Meisterwerke abliefern kann, hat er spätestens mit „The Green Mile“ ziemlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dabei kam der Fortsetzungsroman, ebenso wie bereits die geniale Novelle „The Shawshenk Redemption“ oder „Dolores“, ganz ohne Horror-Elemente aus, zumindest beinahe. Auch in seinem aktuellen Werk spielt das Übersinnliche nur eine eher untergeordnete Rolle.

Mit „Atlantis“ wird Stephen King so manchen Leser überraschen, denn der Roman stellt die bislang wohl ungewöhnlichste, gleichwohl aber auch ohne Zweifel die anspruchsvollste Arbeit des Amerikaners dar. Wobei die Bezeichnung „Roman“ eigentlich nur bedingt zutrifft, da die vier Abschnitte, aus denen das Buch besteht, nur in einem losen Zusammenhang stehen, der sich weniger auf die Handlung, sondern eher auf die Personen bezieht. Diese bilden aber ohnehin das Hauptelement des Buches und bestechen – wie so oft bei King – durch eine unglaublich lebendige, farbige Charakterzeichnung.

Was die Handlung anbelangt, so ist hier eigentlich nur der erste Teil in der typisch Kingschen Erzählform verfasst. King spannt einen chronologischen Bogen, der in den frühen 60ern seinen Anfang nimmt und bis ins Jahr 1999 reicht, wobei die 60er jedoch das tragende Element des Buches bilden.

So dreht sich im ersten Teil alles um den 11-jährigen Bobby Garfield, der zusammen mit seiner jähzornigen und vom Leben enttäuschten Mutter in einer Kleinstadt lebt und dort im Jahr 1960 die Bekanntschaft mit Ted Brautigan macht, einem älteren Herrn, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht und sich in Bobbys Haus zur Untermiete einquartiert. Sehr zum Leidwesen von Bobbys Mutter (von King hervorragend dargestellt), schließen die beiden schnell Freundschaft. Ted vertraut Bobby an, dass er auf der Flucht vor ominösen Männern in gelben Mänteln ist, die in grellbunten Wagen unterwegs sind und die trotz oder gerade aufgrund ihrer Auffälligkeit von den Erwachsenen nicht bemerkt werden. Nur Kinder können sie sehen. Anfangs glaubt Bobby, dass es sich bei den Männern in Gelb nur um Phantasiegeschöpfe handelt, doch als Ted ihm anbietet, sich ein paar Dollar zu verdienen, indem er nach merkwürdigen Zeichen Ausschau hält, mit denen sich die Männer untereinander verständigen, muss er seine Meinung recht bald ändern.

Spätestens an dieser Stelle wird der eine oder andere Leser ein Déja-Vu-Erlebnis haben. Dass Stephen King gern mal dazu neigt, Verknüpfungen zwischen seinen einzelnen Werken zu schaffen, ist dem aufmerksamen Fan vor allem bei den neueren Werken sicher nicht entgangen. In diesem Fall musste die Saga vom „Dunklen Turm“ für eine Verbindung herhalten {und auch Anleihen bei „Schlaflos“ sind erkennbar, Anm. d. Lekt.}, was jedoch durchaus geglückt ist, auch wenn die beiden Werke rein handlungstechnisch eigentlich nicht so recht zusammenpassen wollen.
Dieser erste und umfangreichste Teil ist eindeutig der beste – und das nicht nur, weil es der einzige ist, der eine komplexe Handlung und wirkliche Spannungsmomente aufweist. Vielmehr ist King mit diesem Abschnitt auch stilistisch wieder mal ein kleines Meisterwerk gelungen, was nicht zuletzt auch der wirklich guten Übersetzung zu verdanken ist. (Vielleicht hat dem sonst üblichen King-Übersetzer Joachim Körber die Pause auch mal gut getan.)

Doch auch was den Rahmen für die weitere Handlung anbelangt, ist der erste der wichtigste Teil. Indem King die Kindheit seiner Protagonisten beschreibt, leistet er hier nämlich die Vorarbeit für seine späteren Kapitel, deren einziger Bezug zum Hauptteil eben diese Erinnerungen der handelnden Personen an ihre Kindheit und die Beziehungen der Charaktere untereinander darstellen. So wird das Geschehen im zweiten Teil aus der Sicht einer Person geschildert, die zwar im ersten nicht vorkommt, die aber wiederum eine Beziehung zu einer anderen Person aus Teil 1 unterhält, so dass sich der Kreis hier wieder schließt.
Schauplatz dieses zweiten Abschnitts ist eine Universität, an der es Mitte der 60er Jahre zu Auseinandersetzungen der Studenten mit der Vietnamproblematik kommt, während sich langsam so etwas wie eine Friedensbewegung zu entwickeln beginnt.

Mit beängstigender Nüchternheit beschreibt King das Los der Studenten, für die ein guter Notendurchschnitt nichts anderes bedeutet, als überleben zu dürfen – denn wer die Uni verlässt, muss damit rechnen, sofort eingezogen zu werden.
Ahnungslos, wie schrecklich der Vietnamkrieg tatsächlich ist, spielen die Studenten aber lieber Karten, was für einige zu einer regelrechten Besessenheit wird, die sie direkt in den Dschungel führt. King ist mit diesem Teil der Kunstgriff gelungen, das Thema Vietnam mal von einer ganz anderen Seite her zu beleuchten. Selten konnte man sich so gut in die Lage der jungen Menschen versetzen, die in der grünen Hölle ihr Leben verloren, selbst wenn sie nicht den Tod fanden.

Nach einem kurzen Ausflug in die Achtzigerjahre, welcher den Alltag eines schizophrenen Vietnam-Veteranen beschreibt (wiederum eine Figur aus Teil 1), widmet sich King im letzten Teil wieder einer dem Leser vertrauten Figur, nämlich Sully (dem ehemaligen Freund von Bobby Garfield), der nun ebenfalls ein Vietnam-Veteran ist und – wie sollte es anders sein – von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird.

Anhand dieser kurzen Handlungsübersicht wird wohl bereits deutlich, wie vielschichtig dieses Werk ist. Der Autor versteht es ebenso meisterhaft, den Leser auf der einen Seite das Flair der 60er Jahre nachempfinden zu lassen, wie er ihm auf der anderen Seite die Grausamkeiten des Krieges vor Augen führt. King zeichnet hier vor allem im dritten Abschnitt ein überaus reales, plastisches Bild und beschreibt das Chaos in den Köpfen der Überlebenden so, als hätte er dieses traurige Kapitel der amerikanischen Geschichte selbst miterlebt.

Was diese Schilderungen aber erst wirklich interessant macht, was ihre Authentizität ausmacht, das ist zweifellos die mit dem ersten Teil geschaffene Basis, der Kontrast der unschuldigen Kindheitsjahre zum traurigen Erwachsenendasein. Es ist schlichtweg genial, wie es King hier gelingt, diesem ersten Teil im Nachhinein somit eine ganz andere Bedeutung zukommen zu lassen, als es zunächst der Fall zu sein scheint.
King schlägt immer wieder eine Brücke zwischen den Zeiten und zwischen seinen Protagonisten und lässt diese dadurch so lebendig erscheinen wie in kaum einem anderen Werk.

Was dem Leser allerdings wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird, nachdem er dieses Buch gelesen hat, ist der erste Teil; hier insbesondere die Beziehung zwischen dem jungen Bobby Garfield und seinem großväterlichen Freund. Dieser lässt ihn den „Herr der Fliegen“ lesen, was King zum Anlass nimmt, sich mit diesem Buch und seiner Aussage auseinanderzusetzen und es dem Leser so ganz nebenbei ans Herz zu legen.
Doch auch andere Werke vergangener Tage finden Erwähnung, nicht zu vergessen natürlich die Musik der 60er. Alles in allem darf dieser erste Teil wohl auch als Aufbereitung von Kings eigener Jugend betrachtet werden.

Somit hat der Klappentext, welcher den Roman als Kings persönliches Meisterwerk titulierte, ausnahmsweise einmal nicht zuviel versprochen. Schade ist nur, dass der geniale erste Teil doch ziemlich abrupt endet und leider einfach viel zu kurz geraten ist (wenn er auch immerhin die Hälfte des Buches ausmacht).
Aber ganz genauso verhält es sich ja auch mit der Kindheit…

_Stefan Robijn_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

Hans Werner Kettenbach – Sterbetage

Heinz Kamp ist Buchhalter. Oder war Buchhalter, denn jetzt, mit sechzig Jahren, ist er arbeitslos. Seine Frau ist gestorben und sein Lebensalltag besteht aus regelmäßigen Besuchen der Stadtbibliothek, einmal in der Woche Schwimmen und selteneren Stelldicheins bei Hertha Klose, die praktischerweise sechs Etagen unter ihm wohnt.

Er wacht mitten in der Nacht auf, lauscht den Güterzügen, die über die Brücke in Nähe seiner Wohnung fahren, steht auf und geht spazieren. Er hofft, keine anderen Hausbewohner zu treffen, sie könnten ihn als unnormal ansehen, weil er mitten in der Nacht seine Wohnung verlässt.

Hans Werner Kettenbach – Sterbetage weiterlesen

Dunne, Dominick – Zeit des Fegefeuers

|Originaltitel: A Season in Purgatory|

Anfang der Siebzigerjahre lernt der weitgehend mittellose Harrison Burns auf der katholischen Eliteschule Milford den charismatischen Constant Bradley kennen, der einer reichen Unternehmerfamilie entstammt. Zwischen den ungleichen Jungen entsteht eine tiefe Freundschaft und Burns verbringt zunehmend mehr Zeit mit Constant und dessen Familie. Auf deren Landsitz Scarborough lernt er im Laufe der Zeit auch die Schattenseiten und Uneigenheiten des herrischen und skrupellosen Vaters sowie der Schwestern und Brüder von Constant kennen. Gerald Bradley findet als neureicher Emporkömmling trotz aller finanziellen Zuwendungen und Spenden keine Achtung in der alteingesessenen, feinen Ostküsten-Gesellschaft, wozu auch die Gerüchte über seine mehr als zwielichtigen Partner aus New Yorker Mafiakreisen und dubiose Geschäftspraktiken beitragen. Seine Frau Grace setzt alles daran, in der kirchlichen Gesellschaft zu Ehren zu kommen und lebt in einem Dauerzustand religiöser Verblendung, während Gerald seine Söhne mit allen Mitteln in hohe politische Ämter manövrieren will.

Als besonders aussichtsreich gilt der gut aussehende Constant mit seinem einnehmenden Wesen und der Fähigkeit, Menschen zu blenden und zu manipulieren. Aber die dunklen Seiten von Constant sind noch weit bedrohlicher, im Alkoholrausch erschlägt dieser nach einem Tanztreffen der örtlichen Debütantinnen die junge Winnifred Utley, die zwar seiner Einladung zu einem nächtlichen Treffen im Wald gefolgt ist, dann aber seinen sexuellen Wünschen offenbar nicht geneigt war. Der hochmoralische Burns hilft ihm zwar zunächst bei der Beseitigung der Spuren, leidet danach aber unter enormen Gewissensbissen. Gerald Bradley besticht den Jungen mit der Zahlung seines Studiums sowie einem einjährigen Aufenthalt in Europa, worauf sich Burns und Constant dann endgültig aus den Augen verlieren.

17 Jahre später ist Burns ein gefeierter Schriftsteller und Constant auf dem Weg in das amerikanische Repräsentantenhaus. Der alternde Gerald Bradley will Burns, der bereits früher einmal eine Rede für Constant geschrieben hat, zu einem Buch über Familie, Moral und andere Grundwerte überreden, das unter Constants Namen erscheinen und ihm den Weg in die große Politik ebnen soll. Wider besseres Wissen lässt sich Burns zu einem Familientreffen auf dem mittlerweile nach Southampton verlegten Landsitz überreden, bei dem sein lange gehegter Groll gegen seine eigene Mittäterschaft und die Machenschaften der Bradleys endlich ausbricht und sich die Situation dramatisch zuspitzt. Burns teilt sich schließlich den Behörden mit und es kommt zum Prozess gegen Constant, in dessen Verlauf jeder seine ganz persönliche Abrechnung präsentiert bekommt.

„Zeit des Fegefeuers“ ist kein Kriminalroman. Statt um die Aufklärung einer Straftat geht es um Schuld und Sühne, Ehre und Gewissen, moralische Grundwerte des Einzelnen und der Gesellschaft. Dies entwickelt sich langsam und subtil, und über einige Passagen hinweg ist der Unterschied zu einer der typischen, überladenen Familiensagen nicht mehr allzu groß. Die Vielzahl der Personen und deren familiäre Zusammenhänge werden allesamt sehr ausführlich dargestellt, obwohl der Anteil einiger Protagonisten an der eigentlichen Geschichte eher nichtig ist. Bis auf die fast lächerlich anmutende Szene von Burns Kampf mit dem „Hausmafioso“ der Bradleys ist die Geschichte jedoch schlüssig und nachvollziehbar und überzeugt durch eine besondere Atmosphäre und Spannung.

Dominick Dunne schreibt seit 1980 einen Erfolgsroman nach dem anderen, ein Großteil davon wurde verfilmt. Seine Werke gelten zumeist als kritische Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft und werden in den USA zuweilen mit denen Truman Capotes verglichen.

Conroy, Pat – Herren der Insel, Die

Erzählt wird die Geschichte einer Familie, die von Liebe und Hass, von Zärtlichkeit und Gewalt zerstört und zusammengehalten wird. Als die Dichterin Savannah Wingo nach einem erneuten Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik von der Therapeutin Susan Lowenstein behandelt wird, macht diese sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer berühmten Patientin und holt deren Zwillingsbruder Tom nach New York. Tom Wingo übernimmt die Aufgabe, die er seit jeher unfreiwillig inne hat – er ist das Gedächtnis von Savannah. Mit Widerwillen und in Erinnerung an Schweigegelöbnisse seiner Mutter gegenüber, beginnt er die Lebens- und Leidensgeschichte der Wingokinder zu erzählen.

Aufwachsend auf Melrose Island, einer kleinen Insel vor South Carolina, lernen sie das Handwerk des Krabbenfischens von ihrem Vater Henry Wingo, einem einfachen, zur Gewalttätigkeit neigenden Mann, und den Sinn für die Natur von ihrer Mutter Lila, einer ehrgeizig aufstrebenden Frau. Zwischen den Eltern tobt ein immerwährender, mal schwacher, mal heftiger Krieg. Luke, Savannah und Tom entwickeln jeder für sich unterschiedliche Verhaltensmuster, um die nicht vorhersehbaren elterlichen Schlachten, in die sie mit hineingezogen werden, zu verarbeiten. Der Älteste, Luke, ist der Tatkräftige unter den Dreien. Er lenkt die Gewalttätigkeit des Vaters auf sich, um seine Geschwister zu schützen, er greift zum Gewehr, um gegen ihn zu kämpfen, während Tom die Leichtigkeit des Vergessens anstrebt, unterstützt von den Worten seiner Mutter, die alle Kinder zum Schweigen verdammt. Sein Ziel ist es, ein normaler Durchschnittsbürger zu werden, was ihm leider nicht gut gelingt. Savannah hingegen driftet in bedrohliche Wahnvorstellungen ab, hat massive Gedächtnislücken und verwandelt mit Toms Hilfe die traumatischen Erlebnisse in poetische Verse, die sie zwar zu einer erfolgreichen Dichterin machen, aber ihre zerbrochene Seele nicht heilen können, so dass sie in kurzer Zeit mehrere, immer ernster werdende Selbstmordversuche unternimmt. Über allem schwebt das Wort „Callenwolde“, das der Schlüssel zu Savannahs Heilung zu sein scheint, dessen Geschichte jedoch in Tom fest eingeschlossen ist.

Aber auch in der Gegenwart sieht es nicht besser aus: Henry Wingo, unfähig seiner Frau das zu geben, was sie will, zerbricht an der Scheidung, während Lila ihren Aufstieg in die gehobenere Schicht nach langer Planung geschafft hat. Luke wurde als Amokläufer bei polizeilicher Gegenwehr erschossen. Toms Frau hat einen Liebhaber und will sich von ihm trennen, er selbst ist arbeitslos und unzufrieden mit sich. Zynisch und verbittert kämpft er gegen sich selbst, gegen seine eigene Familie und auch gegen die Therapeutin. Savannah liegt im lebensbedrohlichen Zustand in der Klinik und ist wieder einmal auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen. Selbst die Therapeutin Susan Lowenstein hat private Probleme, die sie nicht bewältigen kann.

Nach und nach dringt Dr. Lowenstein in die Schreckensgeschichte der Wingos ein, macht sich an die schwere Aufgabe, das Siegel der Verschwiegenheit zu durchbrechen und die Heilung mittlerweile nicht nur von Savannah in Angriff zu nehmen, sondern auch von Tom und nicht zuletzt von sich selbst.

Pat Conroy, aus South Carolina stammend und zur Zeit in Rom lebend, schuf ein Buch, das herzzerreißender und denkanregender kaum sein kann. Lebhaft erzählt er in einem ständigen Wechsel von wunderschönen, verträumten und kalten, selbstzerstörerischen Bildern die Geschichte einer psychoanalytischen Selbstfindung, die den Leser unwillkürlich dazu bringt, auch mal in sich selbst hineinzuhorchen, um vielleicht eine schnelle Analyse seiner eigenen Lebenssituation zu vollziehen.

Erfolgreich verfilmt wurde das Buch unter dem Titel „Der Herr der Gezeiten“ von und mit Barbra Streisand, die die Therapeutin Susan Lowenstein spielt, mit Nick Nolte an ihrer Seite als Tom Wingo.

_Leseprobe:_

|“Ich wünschte, es gäbe keine Geschichte, über die hier zu berichten wäre. Lange Zeit habe ich so getan, als hätte meine Kindheit nicht stattgefunden. Ich hielt sie tief in meiner Brust verschlossen. Nein, ich konnte sie nicht herauslassen, ich folgte dem fragwürdigen Beispiel meiner Mutter. Gedächtnis ist auch eine Sache des Willens, und ich entschied mich gegen mein Gedächtnis. Da ich die Liebe zu meiner Mutter und meinem Vater brauchte, trotz all ihrer menschlichen Schwächen und Gebrechen, konnte ich es mir nicht leisten, sie unverblümt auf die schweren Vergehen anzusprechen, die sie an uns Kindern begangen hatten. Ich konnte sie nicht verantwortlich machen oder ihnen die Schuld an schweren Fehlern geben, die sie nicht hatten verhindern können. Sie hatten ihre eigene Geschichte, eine Geschichte, an die ich mich nur mit Zärtlichkeit und Schmerz zugleich erinnere und die mich all ihre Vergehen an den eigenen Kindern verzeihen ließ. In Familien gibt es kein Verbrechen, das nicht vergeben werden könnte.

Nach Savannahs zweiten Selbstmordversuch besuchte ich sie in New York in einer psychiatrischen Klinik. Ich beugte mich zu ihr hinab, um sie in europäischer Manier auf beide Wangen zu küssen. Nachdem ich tief in ihre erschöpften Augen geblickt hatte, stellte ich ihr eine Reihe von Fragen – wie stets, wenn wir uns nach langer Trennung wiedersahen.

‚Wie war dein Familienleben, Savannah?‘ erkundigte ich mich im Tonfall eines Interviewers.

‚Hiroshima‘, flüsterte sie.

‚Und wie war dein Leben, seit du den sicheren, warmen Schoß deiner fürsorglichen, einträchtigen Familie verlassen hast?‘

‚Nagasaki‘, antwortete sie mit einem bitteren Lächeln um den Mund.“|

Sibylle Berg – Sex 2

Sibylle Berg: Sex 2

Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und leidest an einer merkwürdigen Krankheit; die Welt, die dich umgibt, ist zu einem allzu transparenten Kosmos geworden, den du durchschreiten kannst und in dem dir nichts entgeht, weil du alles durchschaust wie Glas: Türen, Wände, ja selbst die Köpfe der Menschen sind kein Hindernis. Du bist wie Gott, der die Wahrheit zu erkennen vermag und auch die schrecklichsten Geheimnisse der Menschen kennt, die tief in ihren Seelen ruhen. Doch was anfangen mit dieser Wahrheit – und viel wichtiger, wie damit umgehen? „Die natürliche Reaktion auf den Wahnsinn ist der Wahnsinn“, und so begibst du dich auf einen Streifzug, der dich Herz und Verstand kosten könnte.

Sibylle Berg – Sex 2 weiterlesen