Archiv der Kategorie: Belletristik

Langer, Adam – Crossing California

„Crossing California“ ist das Debüt des im Jahre 1967 geborenen Amerikaners Adam Langer. Der Journalist, Bühnenautor und Filmproduzent lebt in New York, stammt aber aus Chicago. In dieser Stadt hat er auch, anders als es der Titel vermuten lässt, seine rund 600 Seiten lange Erzählung angelegt.

„Crossing California“ entführt den Leser in das Chicago anfang der Achtzigerjahre und beleuchtet das Leben dreier Familien in einem jüdisch geprägten Viertel. Die Wasserstroms, Wills und Rovners sind drei Familien, deren Wege sich immer wieder im dem Viertel, das von der California Avenue durchzogen wird, kreuzen. Die California ist eine besondere Straße, denn sie teilt die obere von der unteren Mittelschicht. Westlich der Straße wohnen die Rovners. Vater Michael ist Arzt, seine Frau Ellen Psychologin. Die Tochter Lana wird von der unterkühlten Mutter als penetrant, ehrgeizig und mäßig intelligent eingeschätzt. Ihr älterer Bruder Larry träumt von einer jüdischen Rockkarriere und sexuellen Abenteuern. Etwas weiter östlich wohnen die Wasserstroms. Vater Charlie erzieht seine Töchter Jill und Michelle nach dem Tod der Frau allein. Noch weiter östlich lebt die Afro-Amerikanerin Deidre Wills mit ihrem Sohn Muley. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen und das, obwohl Muleys Vater Carl Silverman in Los Angeles Karriere als Plattenproduzent gemacht hat. Deidre verweigert jedoch jeden Kontakt zwischen Muley und seinem Vater sowie jegliche finanzielle Unterstützung.

Zwei Jahre lang begleitet man diese zehn Protagonisten durch ihr Viertel. Abwechselnd widmet sich der allwissende Erzähler den Charakteren, die allesamt mit sich hadern und allzu menschliche Entwicklungen durchmachen müssen. Ellen und Michael Rovners Ehe ist am Ende, beide schlafen in getrennten Betten, sie sehnt sich nach einem Leben allein, er nach sexuellen Abenteuern mit einer Kollegin. Auch bei der Familie Wasserstrom ist eine Menge los: Michelle will Schauspielerin werden, verbringt ihre Freizeit mit Alkohol, Gras und Sex, während die jüngere Schwester Jill im Stillen gegen scheinbar alles rebelliert. Charlie verliert seinen Job bei einem Fast-Food-Restaurant durch einen bissigen Artikel der Journalistin Gail, in die er sich prompt verliebt. Daraus ergeben sich viele kleine Konflikte, meist aus tragikomischen Zufällen heraus. Der Star unter den unterschiedlichen Handlungssträngen ist jedoch die zarte Liebesbeziehung zwischen den Teenagern Muley und Jill, zwischen denen es einfach nicht so recht klappen will, trotz jedes noch so rührenden Annäherungsversuches Muleys.

An dieser Stelle gelangt man aber auch zu den Problemen des Romans. Die vielen Charaktere und Handlungsstränge machen es dem Leser schwer, sich in das Gefüge einzulesen. Ähnlich verhält es sich mit den vielen Ortsbeschreibungen, da hilft auch die abgedruckte Landkarte des Viertels nicht, im Gegenteil: Das Nachschauen in der Karte oder dem Jiddisch-Glossar am Ende des Buches stören den Lesefluss zusätzlich.
Was diesem vielversprechendem Debüt ebenso fehlt, ist die Fähigkeit des Autors, seine Charaktere messerscharf zu charakterisieren, zudem wahrt der Erzähler eine zu große Distanz zu den Charakteren, was das Identifikationspotenzial für den Leser deutlich nach unten korrigiert. Nichtsdestotrotz hat der Roman seine bestechenden Momente, die Annäherungsversuche zwischen Jill und Muley bieten einige davon. Adam Langer bringt aber noch weitere interessante Aspekte in seine Erzählung ein; so versteht er es blendend, die Geschichte der Achtzigerjahre in seine Handlungen einzubinden und möglichst authentisch in seinen Schilderungen zu wirken. Um so bedauernswerter ist es da, dass es ihm aufgrund seiner schwammigen und distanzierten Schreibweise nicht gelingt, den Leser an dieses Buch zu fesseln, so wie es seinen amerikanischen Kollegen John Irving oder Jeffrey Eugenides immer wieder glückt.

Kureishi, Hanif – Buddha of Suburbia, The

_“What a mess everything had been“_

|Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll – „Genauso war es!“, werden die Dabeigewesenen nostalgisch seufzen. Die später Geborenen werden sich melancholisch wünschen, sie wären einige Jahre eher zur Welt gekommen. Hanif Kureishis Roman „The Buddha of Suburbia“ (dt. „Der Buddha aus der Vorstadt“) lässt die schrillen Siebziger in England wieder aufleben.|

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines ersten Romans war Kureishi bereits bekannt als Dramatiker und Autor von Filmskripten wie „My Beautiful Laundrette“ (dt. „Mein Wunderbarer Waschsalon“). Sein Erstlingsroman „The Buddha of Suburbia“ gewann den |Whitebread Prize| für den besten Roman des Jahres 1990 und wurde 1993 als TV-Serie von der |BBC| ausgestrahlt.

Der Roman steht in der Tradition des englischen Initationsromans (Fielding: „Tom Jones“ z. B.). Die Integrität einer jugendlichen Hauptfigur wird in der heuchlerischen Erwachsenenwelt getestet. Komisch und traurig zugleich sind die Erlebnisse des Helden im „Buddha of Suburbia“, bis er am Ende die Spielregeln dieser Gesellschaft akzeptiert und seinen Platz in ihr gefunden hat.

So begleitet der Leser den adoleszenten, vom Leben gelangweilten Karim Amir („an Englishman born and bred, almost“) auf seinem verzweifelten Versuch, den Londoner Vororten zu entkommen und dabei alle Möglichkeiten zu nutzen, die die 70er und das Leben selbst ihm bieten. Als erstgeborener Sohn aus einer Ehe zwischen einer weißen Engländerin und einem Vater pakistanischer Herkunft muss er mit ansehen, wie die Ehe seiner Eltern zerbricht, weil sein Vater Haroon eine Beziehung mit Eva eingeht, die sich ihrerseits von ihrem Ehemann getrennt hat. Karim folgt seinem Vater, der mit transzendentalem Geschwafel und Evas Hilfe zu einer Art Guru (ironisch: dem Buddha) aufsteigt und Botschaften verkündet wie |“Follow your feelings. All effort is ignorance. There is innate wisdom. Only do what you love.“| (dt. etwa „Folge deinen Gefühlen. Jegliche Anstrengung ist Ignoranz. Es gibt eine gottgegebene Weisheit. Tu nur, was du liebst.“). Wer hört da nicht die |Beatles| „All You Need is Love“ singen und sieht nicht, wie sich Massen bekiffter Amerikaner im Schlamm von Woodstock wälzen?

Im Verlaufe des Romans zieht die neue Familie nach London um, Karim entwickelt sich zum relativ erfolgreichen Schauspieler. Gemäß den Vorstellungen von freier Liebe erlebt er mit so ziemlich allem erotische Abenteuer, was ihm über den Weg läuft – u. a. mit seinem „Stiefbruder“ Charlie (der seinerseits zu einem gefeierten, international erfolgreichen Rockstar wird), mit seiner „Cousine“ (die sich, ebenso wie ihr Mann, mit den Problemen einer von ihrem Vater arrangierten Ehe auseinandersetzten muss) und mit einem Hund (oder besser der Hund mit ihm) – und an allen Orten, die man sich nur denken kann: im Bett, auf dem Boden, im Park, auf öffentlichen Toiletten. Natürlich darf auch die bei Kureishi übliche Szene nicht fehlen, in der ein Pärchen beim Sex beobachtet wird (pikanterweise sein Vater beim Begehen des Ehebruchs).

Ebenfalls typisch für Kureishi ist, dass sein Protagonist sich mit seiner jugendlichen Verwirrung, mit Rassismus auf verschiedenen Ebenen, mit seiner Identitätsfindung und dem Finden eines Lebensziels sowie verschiedenen Formen des Zusammenlebens auseinandersetzten muss. London bietet dabei alle Möglichkeiten sich auszuprobieren: |“There were kids dressed in velvet cloaks who lived free lifes, there were thousands of black people everywhere, so I wouldn’t feel exposed, there were bookshops with racks of magazines, there were shops selling all the records you could desire; there were parties where girls and boys you didn’t know took you upstairs and fucked you; there were all the drugs you could use …“| (dt. etwa: „Es gab Kids in samtenen Umhängen, die ein freies Leben lebten, es gab überall Tausende Schwarze, so dass ich mich nicht exponiert fühlte, es gab Buchläden mit Regalen voller Magazine, es gab Läden, die alle Aufnahmen verkauften, die man sich nur wünschen konnte, es gab Partys, bei denen dich unbekannte Mädchen oder Jungen mit nach oben nahmen, um dich zu ficken, es gab alle Drogen, die man nutzen konnte …“).

Richtig lesenswert wird der Roman jedoch durch Kureishis Humor. Derbe Witze wechseln mit Ironie, Satire oder komischen Anekdoten. Tragikomisch wirkt zum Beispiel der Hungerstreik von Karims Onkel, der damit die arrangierte Hochzeit seiner Tochter mit Changez erpresst. Tragikomisch geht es weiter, wenn dieser Ehemann sich als beleibter Krüppel herausstellt, der nicht in der Lage ist, die Hoffnung seines Schwiegervaters, der sich für ihn fast zu Tode gehungert und Hilfe in seinem Geschäft erwartet hatte, zu erfüllen. Tragikomisch ist auch die Figur des Changez‘ an sich, der sein Wissen über England aus den Romanen Conan-Doyles bezogen hat und hoffnungsvoll in das gelobte Land kommt, um erfahren zu müssen, dass seine Frau lieber mit Karim und später mit anderen Frauen schläft als mit ihm und, dass er seinen pakistanischen Lebensstandard mit Villa und Dienern letztendlich für das Leben in einer Kommune aufgegeben hat.

Dem Autor gelingt es in seinem teilweise autobiographischen Roman, die asiatische und englische Kultur gegenüberzustellen und zu zeigen, wodurch Vorurteile auf beiden Seiten entstehen. Auf ironisch liebevolle Weise führt er den europäischen Leser in eine für ihn fremde Welt ein und zeigt die Auflösung der östlichen Traditionen und Religion in einer Welt sich mischender Kulturen und Völker. Nach knapp 300 Seiten entlässt Kureishi seine Leser mit dem guten Gefühl, dass das Leben zwar verwirrend und chaotisch sein kann, dass es jedoch nicht so bleiben muss.

Zweifelsohne ist „The Buddha of Suburbia“ ein Höhepunkt in Kureishis Schaffen. Ein komischeres, rührenderes, vielschichtigeres und ehrlicheres zeitgenössisches Werk, das soziale Probleme und jene des Erwachsenwerdens mit dieser Tiefgründigkeit behandelt, habe ich bisher weder von Kureishi noch von jemand anderem gelesen. Die Aussagen pendeln zwischen dem Vulgären und dem Ästhetischen, dem Komischen und Ernsthaften, zwischen schwerwiegenden Fragen und dem Lächerlichen sowie zwischen dem Sentimentalen und dem Obszönen.

Als Londonfan und Anhänger des Musikstils der Siebzigerjahre kommen mir das Setting des Romans und die Anspielungen auf Musiker und Bands dieser Zeit entgegen. Wenn man sich in der Musik der Siebziger auskennt (Beatles, Stones etc.) und die entsprechenden Songs im Ohr hat, kann man während des Lesens quasi einen „Soundtrack zum Buch“ hören. Außerdem findet man Anspielungen auf Künstler dieser und der Folgezeit, die auf der gleichen Schule in Bromley wie Hanif Kureishi waren. Die Geschichte des Stiefbruders Charlie „Hero“ ist angelehnt an die Geschichte von David Bowie. Erwähnt wird auch der spätere Billy Idol (Billy Broad).

Alles in allem ist „The Buddha of Suburbia“ ein lesenswerter Roman über das Aufwachsen in den Siebzigern – für mich ist es Hanif Kureishis bisher bester.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net/

|Eine deutsche [Neuauflage]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499241129/powermetalde-21 ist für November 2005 geplant.|

Franzen, Jonathan – 27ste Stadt, Die

Spätestens seit dem grandiosen Erfolg seines 2001 mit dem |National Book Award| prämierten Romans [„Die Korrekturen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=1233 ist Jonathan Franzen in fast aller Munde. Wann immer es um moderne amerikanische Literatur geht, wird Franzen gerne als Vergleich bemüht, wirkt er doch gleichermaßen lesevergnügen- wie umsatzversprechend. Umsatzversprechend erschien es dem |Rowohlt|-Verlag offensichtlich auch, nach dem Verkaufsschlager „Die Korrekturen“ einmal ganz tief in der Schublade zu wühlen und die Druckmaschinen mit Franzens Erstling von 1988 zu füttern. Zwischen beiden Werken liegen schon allein zeitlich Welten und inwiefern den „Korrekturen“-begeisterten Leser eine sozusagen „Olle Kamelle“ wie „Die 27ste Stadt“ vom Hocker zu hauen vermag (oder vielleicht auch nicht), soll sich im Folgenden klären.

St. Louis, die ehemals so blühende Metropole im Mittleren Westen, ist zum Zeitpunkt der Geschichte Mitte der Achtziger eine stagnierende Stadt. Stand sie früher noch auf Rang 4 der wichtigsten US-Städte, so ist sie zwischenzeitlich auf einen mageren 27. Platz abgesackt. Der Glanz früherer Tage ist verschwunden und die Stadt erreicht aufgrund der begrenzten Fläche ihre Wachstumsgrenze. In dieser Zeit erhält St. Louis einen neuen Polizeichef: S. Jammu – eine Frau und obendrein eine Inderin. Wirkt sie zunächst jung, sympathisch und zerbrechlich, so entpuppt sie sich schon bald als harter Brocken. Gnadenlos räumt sie in den Problemstadtteilen auf und bewirkt eine Senkung der Kriminalitätsrate.

Doch sonderbarerweise taucht etwa gleichzeitig eine nicht minder sonderbare Terrorgruppe auf. Bomben explodieren, Schüsse fallen, die Gewalt greift um sich, doch Jammu, als strahlender Stern am Polizeihimmel von St. Louis, ist stets Herrin der Lage. Wer sich hinter dem Terror verbirgt, bleibt den Bürgern von St. Louis unklar.

Auch das Leben der Familie Probst macht in dieser Zeit eine Reihe merkwürdiger Veränderungen durch. Tochter Luisa geht plötzlich eigene Wege, für Familienvater Martin Probst brechen harte Zeiten an. Dabei hat er als Vorsitzender des Wachstumsvereins von St. Louis und großer Bauunternehmer stets großes Ansehen genossen. Schließlich hat Probst den „Arch“, das Wahrzeichen von St. Louis, erbaut. Mit der Zeit beginnt die heile Welt der Vorzeigefamilie Probst zu bröckeln.

Gibt es zwischen dem Terror und dem Zerfall der Familie einen Zusammenhang? Martin mag das nicht so recht glauben, während Sam Norris, sein sturköpfiger Freund aus dem Wachstumsverein, eine groß angelegte Verschwörung vermutet – genau genommen eine indische Verschwörung …

Die Erwartungen an „Die 27ste Stadt“ konnten eigentlich nur zu hoch sein, nachdem Franzen mit den „Korrekturen“ so zu begeistern wusste. Sein ausgefeiltes Portrait des Zerfalls einer amerikanischen Familie ist sicherlich ein Glanzpunkt am Buchmarkt der letzten Jahre. Die Euphorie ist damit also berechtigt. Wenn dann aber vom gleichen Autor ein Buch hervorgekramt wird, das bereits mehr als 15 Jahre auf den Buckel hat, sollte man mit hochgesteckten Erwartungen lieber vorsichtig sein, denn wer vorher „Die Korrekturen“ gelesen hat, der hat in gewissem Sinne schon die Sahne abgelöffelt.

Was bleibt, ist dennoch mehr als kalter Kaffee, aber eben ohne Sahne. „Die 27ste Stadt“ lässt Franzens großes Talent zwar immer wieder aufblitzen, hat aber dennoch nicht durchgängig Klasse genug, um auf ganzer Linie zu überzeugen. Die Ansätze dessen, was Franzen auch gerade mit Blick auf „Die Korrekturen“ so brillant gemacht hat, sind zwar erkennbar, das Buch damit sicherlich für Franzen-Fans interessanter Stoff, dennoch fehlt am Ende das gewisse Etwas, das man vielleicht auch deswegen vermisst, weil man aus der Rückschau eben weiß, dass er es Jahre später viel besser machen wird.

Ein wenig wirkt „Die 27ste Stadt“ wie ein Roman, der nicht so recht weiß, was er will. Die Komposition verheißt Großes, keine Frage, aber man wird dabei das Gefühl nicht los, dass Franzen sich damit etwas verschätzt. Ein ehrgeiziges Buch hat er geschaffen, das Kritik am Zerfall der amerikanischen Gesellschaft übt, im Großen, sprich auf sozialer Ebene, wie im Kleinen, anhand der Familie Probst geschildert. Während im Vordergrund der Handlung wirtschaftlicher Aufschwung den Beginn einer neuen Epoche für St. Louis verheißt, verfallen im Hintergrund die moralischen Werte. Aufstieg und Zerfall gehen Hand in Hand, was als Grundkomponente des Romans absolut überzeugend wirkt.

Auch der Mikrokosmos der Familie Probst, den Franzen sehr detailliert beobachtet, genau genommen nicht nur beobachtet, sondern richtig gehend seziert, bleibt als Stärke im Gedächtnis. Franzen zeigt damit, was er auch Jahre später in den „Korrekturen“ besonders überzeugend anzulegen weiß: Das mikroskopisch genaue Portrait einer Familie.

Der Kern also überzeugt auch schon in Franzens Erstlingswerk, was aber hier und da Kopfschmerzen verursacht, ist der Rahmen. Weiß die „indische Verschwörung“ als ironischer Seitenhieb anfangs noch zu überzeugen (schließlich heißen im Englischen sowohl Inder als auch Indianer |Indians|), so bleibt das ganze Verschwörungsgerüst über die kompletten 670 Seiten leider ziemlich wackelig.

Wer was warum macht, geht ein wenig unter. Die Motive bleiben genauso blass wie der Sinn und Zweck der Verschwörung, und man hat als Leser das Gefühl, man würde manchmal einen Schritt hinterherhängen. Die Verschwörungsgeschichte wirkt ein wenig so, als wäre sie einfach nur Mittel zum Zweck. Mit ihrer Hilfe vollzieht Franzen den moralischen Zerfall der Gesellschaft und im Speziellen das Zerbröckeln der heilen Strukturen der Familie Probst. Aber vielleicht wäre das anhand eines anderen Handlungsrahmens überzeugender gewesen.

Franzens Hang zum Darlegen sämtlicher Details lässt ihn manchmal über das Ziel hinausschießen. Es tauchen unheimlich viele Figuren auf, die Erzählung wird in unheimlich viele einzelne Erzählstränge aufgesplittet, dass es hier und da schon mal etwas undurchsichtig werden kann. Bei manchen Figuren weiß man auch am Ende nicht so ganz, warum sie eigentlich in die Handlung eingebracht wurden. Das Einordnen der Figuren in den Gesamtzusammenhang fällt etwas schwer, vor allem weil die Erzählebenen sehr unterschiedlich ausbalanciert sind. Es gibt Figuren, die tauchen nur in kurzen Zwischenblenden auf und es fällt nicht ganz leicht, dabei den Überblick nicht zu verlieren.

Auch der Spannungsbogen kommt nicht ohne Kritik davon. Sehr ausschweifend geht Franzen die Geschichte an, baut dabei zwar auch eine dichte Atmosphäre auf, kommt aber im Mittelteil des Buches manchmal nicht so recht von der Stelle. Die Geschichte stockt ein wenig, zieht dann aber zum Ende hin unheimlich das Tempo an. Im Finale überschlagen sich die Ereignisse derart, dass das Buch zu einem wahren „Pageturner“ wird, und erst in den letzten Kapiteln beginnt die Geschichte sich mit aller Macht so richtig zu entfalten. Die unterschwellige Thrillerthematik kommt erst hier vollständig zum Tragen. Über die ersten zwei Drittel des Buches wird sie mehr angedeutet, als dass sie wirklich durchbrechen kann.

Was Franzen auf erzählerischer Ebene an Punkten verliert, bügelt er sprachlich wieder aus. Auch Franzens Erstling zeichnet sich durch sprachliche Treffsicherheit aus. Wohlakzentuierte und stimmige Vergleiche erzeugen beim Lesen reichhaltige Bilder. Figuren und Handlungen wirken durch Franzens gekonntes Formulieren sehr lebendig. Der Roman hat vor allem auch auf sprachlicher Ebene eine faszinierende Tiefgründigkeit.

Unterm Strich stellt man das Buch nach der Lektüre mit eher gemischten Gefühlen zurück ins Bücherregal. Einerseits deutet sich schon in Franzens 88er Werk an, was er später in den „Korrekturen“ zur vollen Entfaltung bringt, andererseits wirkt „Die 27ste Stadt“ nicht immer ganz ausgereift. Franzen hat unverkennbare Stärken im sprachlichen Bereich, wie auch im mikroskopisch genauen Beobachten seiner Figuren und im Schildern der Mechanismen und Denkweisen innerhalb der Familie. Der Handlungsrahmen, in dem er sein Können entfaltet, wirkt allerdings etwas überzeichnet und unpassend. „Die 27ste Stadt“ ist somit sicherlich kein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte, aber Zeitverschwendung ist die Lektüre definitiv auch nicht.

Nedjma – Mandel, Die

Laut Verlag handelt es sich bei der Autorin um eine Araberin Anfang bis Mitte vierzig, die unter dem Pseudonym „Nedjma“ ihre Lebensgeschichte veröffentlicht. In Frankreich stand das Buch lange Zeit auf den Bestsellerlisten und das wohl aus einem guten Grund, denn Sex verkauft sich natürlich immer hervorragend. Nach der Lektüre des Buches kommen dem nachdenklichen Leser einige begründete Zweifel an der wahren Identität der Autorin, denn bereits das angebliche Alter stimmt nicht mit der im Buch erzählten Geschichte überein. Doch interessiert das wirklich? Wird dieser Roman spektakulärer durch ein wahres Schicksal? Oder ist er als erdachte Erzählung nicht ebenso lesenswert? Ich persönlich glaube nicht an die Wahrheit der erzählten Geschichte und habe das Buch dennoch gern gelesen …

_Badras Geschichte_

Badra ist erst siebzehn Jahre jung, als sie den wesentlich älteren Hmed heiraten muss. Wie die Tradition es haben möchte, wird vor der Hochzeit ihre Jungfräulichkeit überprüft, damit ihr zugedachter Ehemann sie in der Hochzeitsnacht entjungfern kann. Doch bereits die erste Nacht zwischen Badra und Hmed wird für die junge Frau zur Qual. Ihr Ehemann ist bereits zum dritten Mal verheiratet, da seine ersten beiden Frauen ihm keine Kinder hatten schenken können. Schon in der Hochzeitsnacht müssen Badras Schwester und Schwiegermutter hinzukommen, um sie festzuhalten, da Badra sich vor dem Geschlechtsverkehr sträubt. Jede Nacht stirbt Badra ein wenig mehr, wenn ihr Ehemann emotionslos über sie hinwegsteigt und seinen eigenen Orgasmus als einziges Ziel sieht.

Nur drei Jahre lang hält Badra es bei Hmed aus, ihre eigene und glücklich verheiratete Schwester ist es schließlich, die ihr zur Flucht nach Tanger zu ihrer Tante Selma verhilft. Ihrer Tante erzählt Badra von den Qualen ihrer Ehe, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie nicht zu Hmed zurückkehren kann. Bald lernt Badra den angesehenen Arzt Driss kennen und lieben. Er ist es schließlich, der ihr bei der Erfüllung ihrer geheimsten sexuellen Wünsche hilft. Mit ihm erlebt sie über Jahre hinweg scheinbar das sexuelle Glück in Vollendung, doch muss Badra sich schließlich eingestehen, dass sie ihrem Liebhaber hörig ist. Obwohl es sie unendlich quält, dass er neben ihr auch mit anderen Frauen und Männern schläft, kann sie sich nicht von Driss trennen.

_Klartext reden_

Bereits in einem kurzen Vorwort macht Badra deutlich, worum es ihr in diesem Buch geht, denn sie möchte ihre eigene Lebensgeschichte aufschreiben und von ihrer sexuellen Befreiung berichten. Sie ist überzeugt davon, das allerschönste Geschlecht überhaupt zu besitzen, das sie einzusetzen weiß und dies auch tut. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund, um von ihren intimsten Erlebnissen zu berichten, das zeigt schon die kurze Leseprobe aus dem Vorwort:

S. 10: |“Ich, Badra, verkünde, mir nur einer Sache sicher zu sein: Dass ich das schönste Geschlecht der Welt habe; es hat die schönste Form von allen; es ist prall, heiß, feucht, duftend und singt wie kein anderes; und es ist unübertrefflich in seinem Verlangen nach harpunengleich sich reckenden Schwänzen.“|

In abgeklärten Worten schildert Badra von ihrer gescheiterten Ehe mit Hmed und den seelischen Qualen, die sie dort erleiden musste. Als die Ehe kinderlos bleibt, muss sie zudem merkwürdige Rituale vollführen, um die Fruchtbarkeit anzulocken, doch selbstverständlich scheitern all diese Versuche. Fast bekommt der Leser den Eindruck, dass Badra eine mögliche Schwangerschaft durch bloßen Widerwillen ihrem Mann gegenüber verhindern konnte.

Wenn Badra von ihren Erlebnissen mit Hmed berichtet, sind ihre Sätze meist kurz und knapp, darüber verliert sie kein Wort zu viel, während sie ihre sexuellen Episoden mit Driss und anderen demgegenüber ausschmückt und ausführlich in allen Facetten zu beschreiben weiß. So drücken sich ihre Gefühle auch in der veränderten Sprache aus:

S. 47: |“Ihn bedienen, dann wieder abräumen. Ihm ins Ehebett folgen. Die Beine breit machen. Mich nicht bewegen. Nicht seufzen. Die Übelkeit bekämpfen. Nichts fühlen. Sterben. Auf den Kelim starren, der an der Wand hängt. Saied Ali zulächeln, der den Menschenfresser mit seinem gegabelten Schwert enthauptet. Mich zwischen den Beinen trockenreiben. Schlafen. Die Männer hassen. Ihr Ding. Ihr übel riechendes Sperma.“|

Der gesamte Roman ist leicht und verständlich geschrieben, ein ausführliches Glossar am Ende des Buches erleichtert das Verständnis des arabischen Vokabulars, das sich nicht immer aus dem Zusammenhang erschließt. Doch deckt das Glossar alle fremden Vokabeln ab, sodass keine Fragen offen bleiben.

_Nichts ist unmöglich_

Die Autorin entwickelt zwei verschiedene Handlungsstränge. Auf der einen Seite berichtet Badra von ihren Erlebnissen bei Tante Selma in Tanger und von ihrer Liebe zu Driss, eingeschoben sind aber immer wieder kursiv gedruckte Kapitel, die Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählen. Im Vordergrund stehen jedoch die Episoden um Driss, die den deutlich größeren Raum in diesem Buch erhalten. Über Badras Vergangenheit erfahren wir nur das Nötigste, hier offenbart sie nur die Fakten, die erforderlich sind, um ihre Handlungsweisen zu verstehen und um deutlich zu machen, dass sie aus ihrer Ehe flüchten musste.

Neben den Episoden einer gescheiterten Ehe erfährt der Leser darüber hinaus Geschichten aus Badras Kindheit und muss erkennen, dass die junge Frau schon lange vor ihrer Entjungferung mehr als neugierig war. Dort lesen wir Geschichten über ihre Cousine Noura, die oftmals mit einigen Freundinnen zu Badra zu Besuch kommt, um dort statt mit Puppen zu spielen, sich gegenseitig zu erkunden und zu befriedigen. Doch auch die Jungen wissen sich zu helfen, denn eines Tages kann Badra eine Reihe von Jungen beobachten, von denen „jeder den neben ihm Liegenden zwischen den Beinen bearbeitete“, so ihre Ausdrucksweise.

Als Badra schließlich ihre Affäre zu Driss beginnt, driftet „Die Mandel“ (welch treffender Titel!) deutlich ins Schlüpfrige ab, der Leser bekommt mehr als offenherzige Episoden zu lesen, nicht nur Badra erscheint uns sexsüchtig, sondern auch Driss, der offen bekennt, dass er auch gerne mit Männern und bisexuellen Frauen schläft. In diesem Buch gibt es nichts, was es nicht gibt. Hier befriedigen sich die Jugendlichen nicht nur untereinander, da gibt es auch Driss‘ Großmutter, die sich mit Vorliebe jungen Mädchen gewidmet hat, auch Geschichten aus der Oberschule erzählt uns Badra, wo die Mädchen des nachts zu zweit in einem Bett geschlafen haben – offiziell, um sich gegenseitig zu wärmen, doch bezeichnet Badra das Schulheim ganz deutlich als „knisterndes Freudenhaus“.

Bei derlei Beschreibungen über den arabischen Lebensstil regen sich nun spätestens leise Zweifel angesichts des Wahrheitsgehalt dieses Buches, denn schwer vorstellbar ist es doch, dass derlei freie Liebe dort wirklich praktiziert wird. Doch haben diese Zweifel auch ihren Reiz, da der Leser für sich entscheiden kann, ob er Nedjmas Lebensbeichte Glauben schenken mag oder das Buch als unterhaltsame erotische Lektüre sieht, die vielleicht noch Anregungen für das eigene Liebesleben zu bieten vermag?!

_Sexuelle Befreiung?_

Ein wichtiger Punkt ist die Frage nach der sexuellen Befreiung, auf den die Autorin besonders deutlich verweist. Badra flüchtet zu ihrer Tante Selma, um ihrem lieblosen Ehemann zu entkommen, der sie als bloßes Stück Fleisch ansieht, an dem er sich allabendlich kurz abreagieren kann. Dass auch seine Frau sexuelle Begierden hat, scheint Hmed nicht zu interessieren. Erst Driss ist es, der seiner Geliebten jeden Wunsch von den Augen ablesen kann, der sie in Sphären mitreißen kann, die sich Badra nie erträumt hätte. Sie ist abhängig von ihm und süchtig nach dem Sex mit ihm, in ihrer Beziehung zueinander dreht sich alles um das Eine und Badra erkennt schnell, dass ihr einmal Sex nicht reicht. Der Leser ist selbstverständlich immer mittendrin im Geschehen und erlebt alles hautnah mit.

Während Badra noch von ihrer sexuellen Befreiung schwärmt, merkt sie offensichtlich nicht, wie sie immer abhängiger wird von Driss. Er gibt ihr jeden Monat Geld für ihren Lebensunterhalt und kauft ihr am Ende sogar eine Wohnung. Obwohl es Badra fast das Herz zerreißt, lässt sie Driss gewähren und mit anderen Frauen und Männern schlafen. Selbst wenn die beiden zusammen ausgehen, ist es doch nicht sicher, dass Driss später Badra auswählt, die er mit nach Hause nehmen wird. Alles schluckt sie runter, auch Zeiten der Abstinenz, in denen Driss Badra nicht beachtet und nicht mit ihr schläft. Badra wird dabei immer unglücklicher und beschließt schlussendlich, sich von ihrem Geliebten zu trennen, doch ist die Hörigkeit so groß, dass sie es nicht schafft.

So wird beim Lesen doch immer offensichtlicher, dass die sexuelle Befreiung keine wirkliche Befreiung ist, da sich Badra in eine Abhängigkeit zu Driss begeben hat. Erst spät erkennt sie die Lage, in die sie geraten ist und nach Driss‘ Tod spricht Badra teils in verbitterten Worten über ihren einstigen Geliebten. Dennoch finde ich es fragwürdig, diese sexuelle Hörigkeit als eine Befreiung hinzustellen, die sie in Wahrheit nicht ist.

_Bildungslektüre mit Spaßfaktor_

Insgesamt ist das Buch angenehm zu lesen und auch eine unterhaltsame Lektüre, die eventuell manchem Leser noch etwas Neues zu berichten weiß. Am Ende ist man fast traurig, dass es nur einen Abend braucht, um dieses schmale Buch zu lesen, das einen in eine exotische und faszinierende Welt versetzt, die man höchstens aus erotischen Filmen kennt, die keine Jugendfreigabe erhalten. Diskussionswürdig ist die Frage nach der sexuellen Befreiung, die eigentlich keine ist, auch wenn die Geschichte einer Frau, die sich von religiösen und kulturellen Fesseln lösen kann, anderen Frauen in einer ähnlichen Situation vielleicht auch Mut machen kann. Das Buch wird ergänzt durch ein umfassendes Glossar, das alle auftauchenden arabischen Wörter erklären kann. Mit nur kleinen Einschränkungen bleibt das Buch insgesamt empfehlens- und auch lesenswert.

http://www.droemer-knaur.de/mandel/

Enquist, Per Olov – Buch von Blanche und Marie, Das

|“Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?“|

Marie Curie ist bis heute die vielleicht berühmteste Physikerin überhaupt. Sie war nicht nur die erste Frau, die mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet wurde, sondern sie ist bis heute die einzige Frau, der zweimal ein Nobelpreis verliehen wurde; auch ist Curie neben Linus Pauling die einzige, die in zwei unterschiedlichen Fachgebieten den Nobelpreis erhalten hat. Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre Curie sorgte ihre Beziehung zum verheirateten Kollegen Paul Langevin für einen öffentlichen Skandal. Im Jahre 1934 starb die polnische Physikerin Marie Curie an Leukämie, eine Krankheit, die sie sich höchstwahrscheinlich durch den ständigen Umgang mit radioaktiven Substanzen zugezogen hatte.

Per Olov Enquist hat sich für seinen aktuellen Roman einige bekannte historische Persönlichkeiten herausgepickt, um eine fiktive Geschichte um sie herum zu spinnen. Im Zentrum der Erzählung stehen zwei bekannte Frauen, nämlich eben jene Marie Curie und Blanche Wittman, die als Medium des Nervenarztes Jean Martin Charcot in die Geschichte einging. Darüber hinaus begegnen dem Leser Figuren wie Paul Langevin, der in Physikerkreisen ebenfalls recht bekannt ist, aber auch Sigmund Freud findet sich in diesem Roman wieder.

_Wahrheit oder Fiktion?_

Ein Erzähler präsentiert dem Leser die Geschichte von Blanche und Marie, wobei ein Teil des Romans aus dem sogenannten „Fragebuch“ von Blanche stammt, das sie in Art eines Tagebuches verfasst hat. Der Rest ist aus der Sicht des Erzählers geschrieben und überbrückt meist die Zeit zwischen den Fragebuchpassagen, indem Einschübe über die Geschichte der Radioaktivität und über die gesicherten historischen Daten der bekannten Figuren berichten.

In zwei verschiedenen Handlungssträngen erfährt der Leser mehr über das Leben und Lieben von Marie Curie und Blanche Wittman. Blanche fungiert dabei als Bindeglied zwischen beiden Biographien, da sie zumindest in Enquists Geschichte einige Jahre nach ihrer Entlassung aus der Salpetrière Laborassistentin bei Curie wird. Der Autor beginnt bei bekannten historischen Fakten, erzählt also von Curies physikalischer Karriere und von der Geschichte der Radioaktivität, wir erfahren mehr über die Experimente mit Pechblende und auch über die Ehe zwischen Marie und Pierre Curie. Später beginnt Marie eine Affäre mit dem verheirateten Paul Langevin, die tatsächlich damals zu einem öffentlichen Skandal wurde. Enquist bedient sich also dieses Wissens und schmückt die Fakten mit eigenen Ideen aus.

Seine Phantasie kann etwas weiter gehen in der Zeichnung der Figur von Blanche Wittman, da sie zwar bekanntlich das berühmte Medium von Professor Charcot gewesen ist und als Königin der Hysterikerinnen bezeichnet wurde, doch dichtet Enquist eine kurze Liebesaffäre zwischen Arzt und Patientin hinzu, die alles andere als historisch gesichert ist. Darüber hinaus kann man dem Autor allerdings nicht viel Phantasie zugestehen, da er wenig über bekannte biographische Daten der auftauchenden Figuren hinausgeht.

_Amputierte Figuren_

Schon zu Beginn des Buches wird Blanche Wittman als ein Torso vorgestellt, da ihr im Laufe der Jahre beide Beine und ein Arm amputiert werden müssen. Später verbringt Blanche daher die meiste Zeit des Tages in einer Holzkiste, in der sie mit ihrem einen verbleibenden Arm ihr Fragebuch füllt. Obwohl etliche Passagen des Romans aus Blanches Sicht geschrieben sind, bleibt sie doch recht undurchsichtig. Recht früh wird ihre möglicherweise aktive Beteiligung an Prof. Charcots Tod angedeutet, doch später schildert sie diese Episode ganz anders. Auch über ihre Krankheiten wird der Leser im Dunkeln gelassen, nur andeutungsweise werden die Patientenexperimente und öffentlichen Vorführungen an der Salpetrière geschildert und etwas über die mögliche Krankengeschichte der dortigen Patienten erzählt, doch bleibt alles undurchsichtig und zweifelhaft. Auch kann der Leser nur vermuten, dass Blanches Amputationen von den Experimenten mit radioaktiven Substanzen herrühren.

Selbst ihre Gefühle werden nur zart angedeutet, obwohl sie doch ein Buch über die Liebe schreiben und diese erklären möchte. Ihre gesamte Beziehung zu Charcot und ihr Wesen zeichneten sich für mich nicht klar ab, sodass mir ihre Figur einfach nur absurd erschien. Darüber hinaus legt Enquist meiner Meinung nach zu viel Wert darauf, Blanche als verkrüppelten Torso hinzustellen, sodass es schwierig wird, sich diese Frau als ein liebendes Wesen zu denken, zu deutlich führt uns der Autor ihre Krankheiten vor Augen.

Marie Curie erhält dagegen den ihr zustehenden Raum im Buch, ihre Biographie ist hinlänglich bekannt und gesichert, sodass sich Enquist auf diese Fakten stützen kann, nur ihre Verbindung zu Blanche Wittman stammt aus Enquists Feder. Doch auch Curies Zeichnung gelingt nur mäßig, da wir zwar viele biographische Daten kennen lernen, aber zu wenig über ihre menschliche Seite erfahren.

Erst zum Ende hin lässt Enquist seine beiden Hauptfiguren in den Vordergrund treten, erst dann geht es wirklich um die Liebe, nämlich um die verzweifelte Liebe zwischen Marie Curie und Paul Langevin, die für einen Skandal sorgte und fast das Ende von Curies Karriere gewesen wäre, und um die kurze aber heftige Liebe zwischen Blanche Wittman und ihrem Arzt. Zu viel Zeit vergeudet Enquist damit, zwei Biographien zu entwickeln und zu wenig Raum gibt er der eigentlich interessanten Geschichte, an der seine eigene Phantasie einsetzen kann. So erfährt der kundige Leser wenig Neues über das Leben von Marie Curie, lediglich die Passagen über Blanche Wittman und die Geschichte der Salpetrière offenbarten mir unbekannte Fakten.

_Orientierungslos_

Da Per Olov Enquist gleich zwei sagenumwobene Frauengestalten in den Mittelpunkt seines schlanken Buches stellt und beide Lebensgeschichten zu entwickeln versucht, verheddert er sich leider zu häufig in den einzelnen Episoden. Es gibt zu viele Gedankensprünge im Buch, zu oft wechselt der Erzähler von Blanche zu Marie, zu häufig tauchen Zeitsprünge auf, sodass der Leser ratlos die Seiten umblättert und den Gedankengängen des Autors nur sehr schwierig folgen kann. Ein roter Faden, der uns durch das Buch leitet, wäre sehr wünschenswert gewesen, doch hinterlässt „Das Buch von Blanche und Marie“ eher den Eindruck einer losen Gedankensammlung, die noch sortiert und in die richtige Reihenfolge gebracht werden muss. Auch die häufig wechselnde Erzählerperspektive erschwert das Lesen, da oft erst aus dem Zusammenhang klar wird, ob der Erzähler spricht oder wir Passagen aus Blanches Fragebuch zu lesen bekommen.

Leider möchte der Autor zu viele Aspekte in seinem Büchlein unterbringen, sodass er die meisten Dinge nur anreißen kann, denn natürlich ist die Biographie einer Persönlichkeit wie Marie Curie nicht annähernd in ein so dünnes Buch zu quetschen. Zudem tauchen zahlreiche bekannte Figuren auf, die ihren Raum verlangen; der Versuch, all diese Personen unter einen Hut zu bringen, muss zwangsläufig scheitern.

Wünschenswert wäre gewesen, wenn Per Olov Enquist sich auf ein Thema beschränkt hätte, wenn er also aus Curies und Wittmans Leben nur ihre Liebesgeschichten erzählt hätte oder wenn er nur eine der beiden Damen herausgepickt hätte. Doch hält er sich mit Beschreibungen aus der Vergangenheit der beiden Frauen so sehr auf, dass für die Liebe zu wenig Raum bleibt. Darüber hinaus ist es schade, dass Enquist die Schicksale beider Frauen nicht mehr miteinander verbindet, da beide Erzählungen fast zusammenhanglos nebeneinander stehen.

_Gefühlskalte Worte_

Auch sprachlich weiß das Buch nicht zu überzeugen. Häufig finden sich nur kurze holperige Satzfragmente, die teils ohne Verb auskommen müssen. Darüber hinaus hat Enquist offenbar eine Vorliebe für Ausrufezeichen, die manchmal gehäuft mitten in einem Satz auftauchen und den Lesefluss erheblich stören. Als Stilmittel sind mir diese eingeschobenen Satzzeichen nicht sonderlich positiv aufgefallen, da sie scheinbar zufällig einzelne Worte betonen.

S. 115: |“Der Punkt! von dem aus die Geschichte betrachtet wurde und wirklich wurde! einen Meter von einem Tisch entfernt, an dem sie einst! als Pierre noch lebte! den geheimnisvollen Stoff entdeckt hatte, der! und das blaue radioaktive Licht! war denn dies nicht der richtige Punkt, um die Angst zu überwinden!“|

Besonders negativ aufgestoßen ist mir die Passage über Pierre Curies Unfalltod, der völlig herzlos und gefühlskalt beschrieben wird wie von einer Person, die sich nichts mehr gewünscht hat als diesen brutalen Tod. Mir erscheint eine solche Ausdrucksweise in der Situation völlig unangemessen, da sie selbst Maries Trauer nicht adäquat zeigen kann.

S. 85: |“Man rief die Ehefrau Marie herbei, und sie kam. Und er war tot. Nichts mehr zu machen. Wir müssen alle sterben. Aber er war doch noch so jung. […] So endete Maries dritte Liebe. Sein Kopf wurde zertrümmert. In keiner Weise gleich einem Vogel, der von der Wasseroberfläche abhebt und im Nebel verschwindet, nein, sein Kopf wurde ganz einfach von dem sechs Tonnen schweren Wagen zertrümmert, und dann war es zu Ende.“|

_Versuch eines Brückenschlages_

„Das Buch von Blanche und Marie“ wird im Nachwort ausdrücklich als Roman tituliert, dennoch stützt Enquist sich auf viele historische Quellen, die etliche Aspekte des Buches belegen können. Besonders aus Marie Curies Leben ist offensichtlich wenig hinzugedichtet, da bis auf ihre Freundschaft zu Blanche Wittman alle ihre Daten bekannt sind. Somit scheint das Buch eine Vermischung zwischen Biographie und Roman werden zu wollen, doch ist dieser Versuch misslungen. Die Geschichte um Blanche Wittman ist an vielen Stellen zu skurril, als dass sie wirklich mitreißen und unterhalten könnte, sodass ich auf diesen Part im Buch leicht hätte verzichten können. Über Marie Curie schreibt Enquist aber zu wenig, um sich deutlich von einer Biographie abzugrenzen.

Ein solcher Brückenschlag wäre durchaus möglich gewesen, wenn der Autor sich am Ende genug Raum gelassen hätte, um seine eigene Geschichte zu entwickeln, die sich endlich vom bereits Bekannten abgrenzen kann. Als das Buch etwas in Schwung kommt, Blanche von ihrer Affäre zu Charcot erzählt und Marie unter Liebeskummer leidet, da hetzt Enquist plötzlich, obwohl er sich doch vorher so viel Zeit genommen hat, um den persönlichen Hintergrund seiner Figuren zu entwickeln. Fast hat es den Eindruck, als wären ihm die Ideen ausgegangen und auch der Mut, eine eigene Geschichte über zwei so bekannte Personen zu schreiben.

_Ein Fazit_

Der vorliegende Roman ist schwierig in ein Genre einzuordnen, da er sich größtenteils auf bekannte historische Fakten stützt und zwei Biographien entwickelt, die in unabhängigen Quellen nachzulesen sind. Zu wenig eigene Ideen hat Enquist eingebaut, wobei er die Charakterisierung Blanche Wittmans leider zu stark übertrieben hat. Wittman erscheint dem Leser eher als verkrüppelter und verschrobener Torso denn als eine gefühlsvolle Frau, die versucht, die Liebe zu erklären. Auch sprachlich konnte Enquist mich nicht überzeugen, die Wahl seiner Stilmittel erscheint mir oftmals ungeschickt und unangemessen. Sein Schreibstil kam mir unausgegoren vor, zumal die Erzählung einen roten Faden deutlich vermissen ließ. Abschließend kann ich nur nochmals unterstreichen, dass ich enttäuscht war von diesem Buch und mir deutlich mehr erwartet hatte.

Dische, Irene – Ein Job

Ganz harmlos fängt sie an, die Geschichte, die Irene Dische um die Erlebnisse eines kurdischen Profikillers in New York spinnt, mit Schneeballwerfen in der kurdischen Heimat. Der kleine Junge, der damals türkische Soldaten mit Schneebällen beworfen hat, ist in der Gegenwart der gefürchtete Killer „Schwarzer Stein“. Nach der Flucht aus dem türkischen Gefängnis, in dem Alan Korkunç inhaftiert war, bringt ihn sein neuer Auftraggeber nach New York, um ihn dort einen Job erledigen zu lassen. Alan soll einem unbequemen Geschäftpartner seines Auftraggebers eine Lektion erteilen und zu diesem Zweck dessen Familie umbringen.

Alan versucht den Job mit der gleich Coolness anzugehen wie jeden anderen auch. Die Tatsache, dass er zum ersten Mal in New York ist und nicht ein Wort Englisch versteht, ist für einen Mann wie Alan schließlich kein Hindernis. Etwa eine Woche bleibt ihm für die Vorbereitungen, die er nach den ersten schweißtreibenden Erlebnissen beim Donutkauf und bei der Fortbewegung durch die Stadt angehen will. Doch irgendwie ist er hin- und hergerissen zwischen neuen Eindrücken und der Sehnsucht nach Vertrautem. Er sehnt sich nach seinen Joop-Socken und seinen teuren Anzügen, die daheim in Istanbul in seinem Schrank hängen, während er in New York nicht einmal eine Hose zum Wechseln hat. Seine Finger brauchen dringend eine Maniküre, denn mit nichtmanikürten Fingern den Abzug zu ziehen, kommt für Alan nicht in Frage, schließlich ist er Perfektionist.

Doch irgendwie geht mit Alan auch eine merkwürdige Veränderung vor sich, denn da wäre noch Mrs. Allen, die ältere Dame, die im Appartement nebenan wohnt und glücklicherweise Türkisch spricht. Alan trägt ihr nicht nur die Einkaufstaschen in die Wohnung, er isst auch mit ihr und sieht zusammen mit ihr fern. Die fremde Stadt, Mrs. Allen – irgendwie scheint Alan ein wenig aus dem Takt zu geraten. Aber er hat schließlich noch einen Job zu erledigen …

Einen Kriminalroman verspricht Irene Dische dem Leser und hält das Versprechen, während sie es gleichzeitig bricht. Sie provoziert eine gewisse Erwartungshaltung, die letztendlich eine kleine, aber geschickte Fallgrube ist, denn am Ende stößt sie den „Kriminalroman-Leser“ ein wenig vor den Kopf. Auch die Krimizutaten Profikiller und Mordauftrag können nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Ein Job“ eine Geschichte ist, die sich eigentlich auch noch auf einer gänzlich anderen Ebene abspielt. Seltsam schwarzhumorig angehaucht, entpuppt sich die gerade einmal 155 Seiten lange Erzählung zum Ende hin als eine Art Lebensmärchen. Eine Geschichte, die ein Vater seiner Tochter erzählt.

Für den Leser ist dies allemal unterhaltsam. Der Zusammenprall zweier gänzlich unterschiedlicher Kulturen, mit allen Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, wird mit scharfem Blick und Witz geschildert. Die kurdische Problematik taucht dabei nur am Rande auf. Alan ist ein eher unpolitischer Mensch. |“Ein Kurde ist zu wenig. Zwei Kurden sind zu viel.“| So lautet Alans Einstellung. Alan, der in Istanbul stets um Coolness und korrektes, mitunter eiskaltes Auftreten bemüht war, der es verstand, Frauen mit einem gewissen Blick um den kleinen Finger zu wickeln, wirkt nach dem Ortswechsel seltsam deplatziert. Wie ein dummer Bauerntrottel stolpert er durch die Metropole. Seine Beschattungsversuche des Zielobjekts verlaufen derart unprofessionell und stümperhaft, dass man als Leser fast schon Mitleid bekommt, und so entwickelt sich eine etwas sonderbare Sympathie zwischen Leser und Hauptfigur.

Alan wirkt mitunter orientierungslos und fängt dabei, ohne dass er es selbst großartig merkt, an, sich anderen Menschen zu öffnen. Er verbringt viel Zeit mit Mrs. Allen, trinkt mit ihr Sherry und fährt mit ihr spazieren, und so entsteht daraus ein überraschend herzliches Verhältnis, das so gar nicht zu dem eiskalten Profikillerimage passen mag. Die Erzählung wird dadurch um eine weitere interessante und unterhaltsame Komponente erweitert – zumal der Leser schon recht schnell vermuten darf, dass es für den Job eines Killers nicht unbedingt förderlich ist, so eine enge persönliche Bindung zu einer älteren Dame einzugehen.

Je näher der Tag rückt, an dem Alan seinen Job auszuführen hat, desto mehr scheint er bereits aus dem Takt geraten zu sein. Auch in diesem Punkt hegt man als Leser im Laufe der Erzählung die dunkelsten Befürchtungen. Es scheint fast unausweichlich. Irgendetwas geht bestimmt schief. Man spürt es einfach. Und so baut Irene Dische einen kontinuierlichen Spannungsbogen auf, der eine ausgewogene und professionelle Gesamtkomposition erkennen lässt. Der Leser fiebert mit und sehnt den Tag des „Jobs“ richtiggehend herbei.

Zum Ende der Geschichte hin, aber führt Irene Dische den Leser noch einmal ein wenig an der Nase herum. Sie fährt ein etwas sonderbares Happy-End auf, bei dem man nicht so recht weiß, was man davon halten soll. Irgendwie absurd wirkt es, wie sie den Leser aus der Geschichte schickt.

Sprachlich wirkt die Erzählung jederzeit souverän. Irene Dische versteht mit Worten umzugehen, zaubert durch ihre Formulierungen immer wieder Witz und Charme in die Zeilen, zeichnet die Figuren sehr treffend und versteht mit wenigen Worten, die kulturellen Unterschiede spitzfindig herauszukehren. Selbst die eingestreuten kurdischen Wörter stören nicht, sondern tragen zur Atmosphäre bei, obwohl sie nicht übersetzt werden. Sie erschließen sich aus dem Zusammenhang. Einzig die Erzählperspektive wirkt hier und da verwirrend, denn es kommt vor (zwar nur an sehr wenigen Stellen der Geschichte), dass mit dem Erzählten eine Person direkt angesprochen wird, entweder der Leser oder irgendwer sonst, den der Leser nicht kennt. Diese merkwürdige Perspektive, die sich auch nicht aus dem Ende heraus so richtig erschließt, schafft wiederum eine gewisse Distanz zur Geschichte und bleibt etwas sonderbar.

Wer einen Roman mit Action erwartet, der ist schief gewickelt. Irene Dische konzentriert sich auf Alans Erlebnisse im New Yorker Alltag und schildert am Ende den Verlauf seines Auftrags. Aber Alans Zurechtfinden im Alltag, das Aufeinanderprallen zweier so unterschiedlicher Kulturen ist für sich genommen schon nervenaufreibend und teilweise rasant genug. Action ist da absolut überflüssig. Entstanden ist der Roman übrigens nach dem Drehbuch „The Assassin’s Last Killing“, das Irene Dische zusammen mit Nizamettin Ariç geschrieben hat.

Dische erzählt herrlich unterhaltsam, scharfsinnig beobachtend und manchmal urkomisch und schwarzhumorig. „Ein Job“ ist ein Krimi und ist es gleichzeitig nicht. Eine Geschichte, die mit der Erwartungshaltung des Lesers spielt und dabei absolut ausgewogen komponiert und für den Leser ein kurzweiliges Vergnügen ist.

Kui, Alexandra – Nebelfelsen, Der

Die 32-jährige Autorin Alexandra Kui(tkowski) legt nach ihrem erfolgreichen Jugendroman „Ausgedeutscht“ aus dem Jahre 1998 ihr erstes Erwachsenenbuch vor, nämlich den Kriminalroman „Nebelfelsen“, der im fiktiven Harzort Grauen spielt. Alexandra Kui lebt als Songwriterin und freie Autorin auf dem platten Land bei Hamburg.

_Grauenvolles aus dem Harz_

Schon in ihrem Urlaub in Pompeji denkt Antonia Czechy darüber nach, einfach alles aufzugeben und davonzulaufen, um ein neues Leben zu beginnen. Spontan will sie ihren überaus korrekten Freund Kai, der als Werbetexter arbeitet, vorwarnen, doch dieser reagiert nur genervt und will Antonia nicht ernst nehmen. Zurück in Hamburg, legt Antonia sich dermaßen mit ihrem Chef an, dass dieser ihr den Job kündigt. Nachdem sie ihre Arbeit als Fotografin in Hamburg los ist, reist Antonia ohne Verabschiedung und ohne Gepäck in das Harzer Städtchen Grauen, in welchem ihre beste Freundin Cleo sich das Leben genommen hat.

Genau zur Walpurgisnacht trifft Antonia in Grauen ein und läuft auf der Suche nach geeigneten Fotomotiven durch die Straßen. Dort sieht sie auch einen kleinen Mann im offensichtlich selbstgestrickten Ringelpulli, der mitten im Harz Flamencogitarre spielt. Als Antonia genug hat von dem Hexentreiben in Grauen, stellt der Gitarrenspieler sich ihr als Tom Sturm vor und bittet sie um die Fotos von der Walpurgisnacht. Bei dieser Gelegenheit lernt die junge Hamburgerin den Chefredakteur des Lokalblattes „Harzer Kurier“ kennen, der ihr eine Stelle als Fotografin bei der kleinen Zeitung anbietet.

Nach einer mit Tom Sturm durchzechten Walpurgisnacht erwacht Antonia in einer kleinen Pension bei der beleibten Kneipenwirtin Ulli, die sie am vergangenen Abend mit Bier versorgt hat. Antonia nimmt den Job beim Harzer Kurier an, da sie der Faszination der geheimnisvollen Nebelfelsen und ihrer eigenen verkorksten Vergangenheit nicht entkommen kann. Als sie oben auf den Felsen steht und in die nebelverhangene Tiefe blickt, ist sie nahe davor, sich selbst in die Tiefe zu stürzen. Der kleine Ort Grauen lebt vom Sensationstourismus rund um die Klippenspringer, die für ihren Selbstmord in den Harz reisen.

Auch Cleos Selbstmord lässt Antonia nicht los, hinzu kommt die aufkeimende Liebe zwischen ihr und Tom Sturm, der sie sich bald nicht mehr entziehen kann. Doch irgendetwas scheint Tom zu verbergen, auch die ansonsten so gutmütige Ulli möchte Antonia vor Tom warnen, doch die ist auf diesem Ohr taub und zieht bald zu ihrem neuen Freund und dessen zwei Töchtern in das „Muschelhaus“. Aber auch bei Antonia wachsen mit der Zeit Skepsis und Angst, denn mit den Nebelfelsen und Toms Familie scheint etwas nicht zu stimmen …

_Kuis Bild vom Harz_

Alexandra Kui, die selbst als Volontärin bei der Goslarschen Zeitung im Harz gearbeitet hat, zeichnet in ihrem Roman ihr persönliches Bild von der Harzer Landschaft und besonders dem erdachten Ort Grauen, der durch die Todesspringer an den Nebelfelsen zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Die Beschreibung der Szenerie des Harzes ist dabei sehr gelungen, der Ort Grauen wird dem Leser eindrucksvoll präsentiert und steht einem direkt vor Augen, auch die Nebelbänke an den Schläferklippen kann man sich bildlich vorstellen. Für mich hatte dieses Buch daher einen besonderen Reiz, da ich nicht nur die erwähnten Orte wie Goslar, Braunschweig und Wernigerode kenne, sondern auch die berühmten Walpurgisfeste im Harz; so konnte ich beim Lesen mein eigenes Bild vom Harz mit dem der Autorin vergleichen, was das Buch zu einem interessanten Leseereignis für den Harzer Ortskundigen macht. Ganz entgegen zu meinen sonstigen Lesevorlieben hätte ich mir in diesem Buch noch mehr Lokalkolorit gewünscht, da ich im Harz aufgewachsen bin und noch mehr über Alexandra Kuis Bild vom Harz hätte erfahren wollen.

_Personelle Schwächen_

Obwohl das Buch auf der Titelseite mit der Bezeichnung „Kriminalroman“ wirbt, stehen die Charaktere im Mittelpunkt des Buches, vor allem die 27-jährige Antonia Czechy aus Hamburg und der 52-jährige Chefredakteur Tom Sturm sind hier zu nennen. Alexandra Kui räumt den beiden in ihrem Roman viel Platz ein, lässt eine Liebesgeschichte entstehen, die allerdings von vielen Streitereien und Problemen gekennzeichnet ist. Beide Menschen erscheinen kompliziert und schwer durchschaubar, leider bleibt selbst die Vergangenheit der Ich-Erzählerin Antonia hierbei größtenteils unklar. Ihre Verhaltensweisen waren mir daher oftmals unverständlich, in vielen Situationen reagiert sie völlig unangemessen und geht an die Decke, ohne dass dem Leser klar wird, was die Gründe für diesen Ausbruch sind. Am Rande wird erwähnt, dass Antonia vor ihrer eigenen Vergangenheit davonlaufen will, vor den Erlebnissen in Kalifornien mit ihrem Exfreund Cire und vor dem Selbstmord ihrer besten Freundin, den Antonia immer noch nicht verarbeitet oder verstanden hat. Aus ihrer Vergangenheit erfahren wir einiges, dennoch werden uns zu viele Informationen vorenthalten, beispielsweise, was aus Cire geworden ist, der nebenbei häufiger erwähnt wird, aber ansonsten völlig im Dunkeln bleibt, oder auch, was hinter der Verbindung zwischen Cleo und Tom steckt, von der Antonia erfahren musste. Dennoch ist genau diese Vergangenheitsbewältigung verbunden mit einer ehrlichen Selbstkritik der Ich-Erzählerin das Thema des Buches. Schade, dass Alexandra Kui uns nicht mehr Facetten ihrer Romanfigur präsentiert hat, die ihre Eigenarten erklärbar gemacht hätten, denn so wirkt Antonia unecht und manchmal auch unreif, sie reagiert zu häufig zu übertrieben, um Sympathien für sie entwickeln zu können oder sich gar mit ihr identifizieren zu können. Dabei gefiel Antonia zunächst gut und wirkte interessant, erst später summierten sich ihre komischen Anwandlungen zu sehr und ihre Liebschaft zu ihrem Chef machte sie leider nicht sympathischer.

Auch die Figur des Tom Sturm wird einem nicht erklärbar, obwohl er neben Antonia den größten Raum im Buch erhält. Die Beziehung zwischen den beiden wird schnell zu einem Hauptthema des Romans und verdrängt die geheimnisvollen Nebelfelsen aus der Erzählung. Allerdings wirkt ihre Annäherung und plötzliche Verliebtheit zu gekünstelt, da Antonia zuvor offen ihre Abneigung Tom gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Zu sehr fallen also ihre neu entwickelten Gefühle vom Himmel, ich habe sie nicht nachvollziehen können.

Viel authentischer und natürlicher wirkt dagegen die Kneipenwirtin Ulli, die sich mit mütterlicher Sorge um ihren neuen Pensionsgast Antonia kümmert, ihr neue Kleidung kauft und sie liebevoll bekocht. Auch wenn Ulli an manchen Stellen nichts über ihre frühere Beziehung zu Tom Sturm erzählen mag und sich mit geheimnisvollen Andeutungen begnügt, bleiben ihre Handlungen stets nachvollziehbar.

_Von Krimi keine Spur_

Durch die Ankündigung eines Kriminalromans mit finalem Showdown hatte ich mich auf eine falsche Fährte leiten lassen und vermutet, einen spannungsgeladenen Roman lesen zu können, doch hier wurde ich enttäuscht, denn obwohl die Nebelfelsen an vielen Stellen als mystisch und mit besonderer Anziehungskraft versehen beschrieben werden, bleiben sie schnell hinter Toms und Antonias Beziehung zurück. Der Leser muss sich mit einigen Hinweisen am Rande, bezogen auf die sogenannten Schläferklippen, begnügen, von Krimi ist allerdings keine Spur. Auch Spannung wird nur wenig aufgebaut, da die spärlichen Andeutungen in Bezug auf Tom und seine dubiose Vergangenheit nicht ausreichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Erst spät kommt die Handlung ins Rollen, als Antonia entscheidende Hinweise auf die Mutter von Toms jüngerer Tochter erhält, die sie aufhorchen lassen. Doch ist sofort offensichtlich, was hinter der Geschichte stecken muss und was damals passiert ist, sodass am Ende kaum Überraschungen bleiben.

Mit ihrem Showdown kann Alexandra Kui nicht überzeugen. Zu konstruiert wirkt die Auflösung der Geheimnisse um die Nebelfelsen und um Tom Sturm, hier greift Kui in die Trickkiste, um ihrem Buch etwas Spannung hinzuzufügen, doch vergallopiert sie sich dabei. Das Ende hinterlässt daher einen faden Beigeschmack beim enttäuschten Leser, ein etwas weniger sensationelles Buchende wäre realistischer und auch zufriedenstellender gewesen. Schade, dass die Autorin an dieser Stelle ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist.

_Viel gewollt und wenig geschafft_

Alexandra Kui wollte scheinbar zu viele verschiedene Dinge in ihr nur 300-seitiges Buch packen. So beginnt das Buch zunächst mit Antonias Beziehungs- und Jobproblemen, der Leser wird mit geheimnisvollen Andeutungen zu ihrer Vergangenheit und Cleos Selbstmord gelockt, anschließend reisen wir gemeinsam in das düstere Örtchen Grauen mit den nebelverhangenen Schläferklippen. Gerade in Grauen treffen wir auf skurrile und merkwürdige Personen, die oftmals in ihren Handlungsweisen zu übertrieben agieren, aber offensichtlich einiges zu verbergen haben. Besonders Tom Sturm muss einige Leichen im Keller begraben haben, das wird aus den zarten Andeutungen der Bewohner deutlich. An dieser Stelle entdeckt Antonia plötzlich ihre Gefühle für Tom, die zu einer turbulenten und problematischen Beziehung führen, in der auch noch zwei Töchter des Chefredakteurs auftauchen und eine Rolle spielen. Kui greift zu viele Aspekte in ihrer Erzählung auf und vergisst dabei, ihre Kriminalgeschichte weiterzuentwickeln, Spannung aufzubauen und am Ende allen aufgegriffenen Handlungsfäden ein passendes Ende zu verleihen. Es bleiben zu viele Fragen offen, sodass das Buch keine runde Sache geworden ist, auch in ein Genre ist der Roman schwierig einzuordnen, da von Kriminalgeschichte wenig zu spüren war.

Insgesamt kann das Buch als Kriminalroman nicht überzeugen, da kaum Spannung aufgebaut wird, sondern die handelnden Charaktere im Zentrum des Buches stehen. Insbesondere die beginnende Beziehung zwischen der jungen Hamburgerin Antonia Czechy und dem alternden Lokalchef Tom Sturm steht hier im Vordergrund, dennoch bleiben die Hintergründe etwas im Unklaren. Die aufkeimende Liebe fällt vom Himmel, da Ich-Erzählerin Antonia zuvor zu oft betont hatte, dass sie den kleinen Mann im Ringelpulli nicht ausstehen kann. Alexandra Kui hält sich in ihren Beschreibungen manchmal zu sehr auf, im Grunde genommen nebensächliche Dinge wie Antonias Einstieg in Toms Band werden zu sehr ausgebreitet und bremsen den Spannungsbogen deutlich aus. Auch die Nebelfelsen werden nur am Rande erwähnt und rücken schnell in den Hintergrund. Leider kann auch das Buchende nicht überzeugen, sodass der Roman für Harzer durch die bekannten Orte durchaus lesenswert ist, aber nicht dazu verlocken kann, das Buch weiterzuempfehlen oder gar ein zweites Mal zu lesen.

Izzo, Jean-Claude – Sonne der Sterbenden, Die

Marseille ist Izzo. Izzo ist Marseille. Fast schon untrennbar sind die Stadt und der Autor verbunden. Kein Wunder, dass auch Izzos letzter Roman, den er vor seinem Krebstod 2000 geschrieben hat, in „seiner“ Stadt spielt. Ebenso wie schon die „Marseille-Trilogie“ („Total Cheops“, „Chourmo“, „Solea“), mit der ihm der Durchbruch gelang und durch die er in die Topliga der französischen Krimiautoren aufstieg, ist auch „Die Sonne der Sterbenden“ eine Liebeserklärung an Marseille.

Dabei war Izzo nie zwangläufig nur auf Krimis festgelegt. Nur Marseille, Marseille war immer sein wichtigstes Thema – nicht nur die Stadt an sich, sondern auch deren Einwohner, die Izzo stets am Herzen lagen. „Die Sonne der Sterbenden“ ist ebenfalls kein Kriminalroman. Vielmehr eine Lebensgeschichte, ein Reflektieren des Erlebten und eine Analyse des Scheiterns.

Erzählt wird das Leben von Rico, einem Pariser Clochard. Rico lebt schon seit einigen Jahren auf der Straße, losgelöst vom normalen Leben und von der Gesellschaft. Einen Freund und Vertrauten hat er in Titi gefunden. Titi ist ebenfalls Clochard und lebt schon länger auf der Straße als Rico. Die Beiden passen aufeinander auf und können sich aufeinander verlassen – jederzeit. Bis Titi eines kalten Wintertages tot unter der Bank einer Metrostation gefunden wird. Rico zieht es das letzte bisschen Boden unter den Füßen weg. Mit Titi verliert er seinen einzigen Bezugspunkt.

Mit Titis Tod will auch Rico seinem Leben in Paris einen Schlusspunkt setzen. Er erinnert sich der glücklichen Momente in seinem Leben, an die Frauen, die er einst geliebt hat, besonders seine große Liebe Lea, und erinnert sich damit zwangsläufig an Marseille, wo er seinerzeit mit Lea lebte und liebte. Rico zieht Bilanz: Er hat alles verloren, wurde von seiner Frau Sophie geschieden, was den ersten Schritt in den Abgrund markierte, darf seinen Sohn Julien nicht mehr sehen und haust nun schon seit Jahren auf der Straße. Kurzum, Rico hat sein Leben gründlich verpfuscht. Mit Titis Tod fällt diese Bilanz umso schmerzhafter aus und Rico beschließt, Paris zu verlassen. Er macht sich auf in Richtung Süden, Marseille als Ziel seiner Reise vor Augen. An Marseille knüpft er alle seine Hoffnungen …

„Die Sonne der Sterbenden“ erzählt die Geschichte von Rico, allerdings nicht aus seiner Perspektive. Der eigentliche Erzähler der Geschichte ist Abdou, ein junger Araber, der in den Straßen von Marseille zu Hause ist und der in Rico eine Art väterlichen Freund findet. Ihm scheint genauso wie dem Leser Ricos Lebensbeichte zu gelten. Und die fällt, typisch für Jean-Claude Izzo, genauso düster wie ehrlich und unverklärt aus. Doch in all den dunklen Gedanken, in all den schweren Erinnerungen, die auf Ricos verhärteter Seele lasten, glimmt auch ganz klein und fast unscheinbar immer noch ein Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich irgendwann doch noch alles zum Guten wendet. Rico nährt diese Hoffnung durch die Rückkehr nach Marseille, den Ort, an dem er die glücklichsten Momente seines Lebens verbrachte.

Izzos klassische „Hauptfigur“ Marseille betritt dabei erst im letzten Drittel des Romans die Bühne. Bis dahin steht die Reflektion von Ricos Leben im Vordergrund. Während seiner Reise gen Süden denkt Rico immer zurück an die Vergangenheit. Erinnerungen vermischen sich mit neuen Eindrücken. Rico trifft unterwegs neue Menschen, erhält neue Perspektiven, bei denen vor allem zwei prägend sind. Zunächst wäre da der Junge Felix. Etwas zurückgeblieben, stets in Begleitung eines Fußballs, den er unter dem Arm umherträgt, und mit einem tätowierten Eidechsenkopf an der Schläfe, wirkt der Junge stets etwas verschlossen und geheimnisvoll. Und dann wäre da noch Mirjana, die aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet ist und nun dadurch, dass sie sich an Männer verkauft, versucht, die Schulden abzubezahlen, die sie bei den Schleppern für die „Einreise“ nach Italien bezahlt hat. Diese Begegnungen hinterlassen bleibenden Eindruck bei Rico und er denkt auch später immer wieder daran zurück.

Das Reflektieren seines eigenen Lebens vollzieht er entlang seiner Reiseroute immer wieder in verschiedenen Momenten. Rico erzählt, wie es zu seinem Absturz kam. Erschreckend und faszinierend zugleich, wie einen Menschen eine beendete Beziehung aus der Bahn werfen kann, wie ihn unerwiderte Gefühle irgendwann an den Rand der Gesellschaft drängen. Rico beschreibt dabei eine fast schon klischeehafte und doch so logische Chronologie des Absturzes: unerwiderte Liebe, Alkohol, Einsamkeit, Jobverlust, Schulden, Obdachlosigkeit. Irgendwann hat Rico einfach kapituliert, die Illusion auf eine Rückkehr ins normale Leben aufgegeben. Izzo drückt das so aus: |“Nicht in die Gesellschaft zurückkehren zu wollen, war kein Unvermögen. Nur eine große Müdigkeit.“| (S. 135)

Während Rico seine Vergangenheit reflektiert, kristallisiert sich immer deutlicher seine gegenwärtige Erscheinung heraus. Rico ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ein Toter, der noch immer unter den Lebenden wandelt: |“Wir ziehen mit unserer alten Haut durch die Gegend. Wir sind nur noch leere Hüllen.“| (S. 142) So bringt Mirjana die klägliche Existenz auf den Punkt, die nicht nur sie selbst führt, sondern auch Rico. Ein Aspekt, der die Figuren verbindet. Beide sind ganz unten angekommen und jeder geht mit seinem Schicksal auf seine eigene Art um. Die Unterschiede in der Existenz der Beiden sind nur marginal und dennoch überdeutlich, was Rico dadurch betont, dass er sich an die Worte seine Freundes Titi erinnert: |“Ich will dir mal was sagen, Rico, wenn ein Mann am Ende ist, geht er betteln, eine Frau dagegen, die verkauft sich. Also denk immer daran, die Erniedrigung, die du empfindest, ist im Vergleich zu der, die sie empfinden müssen, gar nichts.“| (S. 144)

Izzo wäre nicht Izzo, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse ziehen ließen, in denen stets auch Kritik mitschwingt. Auch dafür eignet sich „Die Sonne der Sterbenden“ wunderbar, genau wie es schon bei der „Marseille-Trilogie“ der Fall war. Izzo lässt den Leser durch die Augen des Clochards Rico die Gesellschaft von außen betrachten. Er verpasst dem Leser einen veränderten Blickwinkel, indem er ihn Ricos Perspektive einnehmen lässt. Erst eine Figur, die am Rand der Gesellschaft steht, die nicht mehr Teil von ihr ist, macht die Kritik an der Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft besonders deutlich und schärft den Blick für die Problematik der an den Rand Gedrängten, die im gesellschaftlichen Auf und Ab irgendwann unter die Räder gekommen sind. Rico ist ein Paradebeispiel dafür: |“Rico gehörte nicht zu denen, die in Wiedereingliederungsstatistiken erfasst wurden. Andere ja, zweifellos. Glücklicherweise. Oder unglücklicherweise, wer weiß. Aber für einen, der wieder auf die Beine kam, wie viele stürzten da wohl im gleichen Moment ab?“| (S. 181)

Rico fühlt sich nicht mehr dazu in der Lage, etwas wie Liebe zu empfinden. |“Die Worte der Liebe wie „ich liebe dich“ und alle anderen, abgeschmackt und infantil, die man erfindet, waren langsam zerfasert. Sie riefen nur noch Erinnerungsfetzen hervor.“| (S. 133) Trotz der offensichtlichen emotionalen Wüste, die Rico durchwandert, merkt man der Erzählung an, dass Izzo große Gefühle mit seinen Figuren verbindet. Er zeichnet sie liebevoll und mit einem feinsinnigen Gespür für ihr Schicksal. Izzo hat eben ein großes Herz, wie seine Bücher immer wieder zeigen, nicht nur für Marseille, sondern auch für Menschen und im Besonderen eben auch für die, die am Rande stehen. Das ist eine der großen Stärken, die einem bei jedem Izzo-Roman aufs Neue ins Auge fallen.

Etwas verwirrend empfand ich im ersten Moment die Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler bleibt dem Leser zunächst verborgen. Man weiß nicht, wer er ist, mutmaßt zunächst, es wäre vielleicht der Autor selbst, um dann beim Einstieg ins letzte Drittel der Geschichte mit Abdou in Marseille endlich den Erzähler präsentiert zu bekommen. Marseille spart Izzo sich für sein Finale auf. Mit dem erstmaligen Auftauchen Abdous vollzieht sich ein Bruch. Izzo verändert den Blickwinkel mit dem Auftauchen des Jungen, was beim Lesen im ersten Moment wie ein Stolperstein (bewusst oder unbewusst) wirkt. Man fällt ein wenig aus dem Erzählfluss heraus und mich persönlich hat dieser Bruch ein wenig irritiert. Man braucht danach einen Augenblick, um wieder in die Handlung zurückzufinden und sich wieder voll und ganz auf das Schicksal von Rico einzulassen.

Sprachlich ist „Die Sonne der Sterbenden“ ein fast typischer Izzo. Schon der Titel verheißt Tragik und Dramatik. Einerseits schreibt Izzo klar und gradlinig, ohne zu beschönigen, andererseits aber wunderbar poetisch und melancholisch. Izzo schafft es immer wieder, das Seelenleben seiner Protagonisten in perfekt passende Worte zu kleiden, ohne dabei verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Das ist seine ihm eigene Art, die ihn neben der Leidenschaft für seine Figuren so lesenswert macht.

Izzos Figuren gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Man trägt Rico auch weiter mit sich herum. Ein Einzelschicksal, zweifellos, aber dennoch eines, das einem dank Izzos fabelhafter Darstellung in eindrucksvoller Erinnerung bleibt – packend und ergreifend.

Gundermann, Bettina – Lysander

_Von Menschen, die verloren haben._

„Lysander“ ist der zweite Roman der Autorin Bettina Gundermann, Jahrgang 1969. Geboren wurde sie in Dortmund, den ersten Roman „Lines“ legte sie 2001 vor. Lysander heißt auch der Protagonist der Erzählung, in der Bettina Gundermann zuweilen die Atmosphäre eines Gruselmärchens verbreitet, die Rolle des bösen Wolfs übernimmt hier aber das Leben selbst.

Unterteilt wurde die 152-seitige Erzählung in zwei Kapitel. Das erste umfasst nur drei Seiten und schildert als Prolog die widrigen Umstände, unter denen der Protagonist in Form eines Antihelden das Licht der Welt erblickt. Mit „Lysander wurde im Dreck geboren“ wird der Roman begonnen, es folgen Sätze wie „Seine Mutter schwitzte, stank, japste und schrie“ oder „Sie sprach kein Wort zu ihrem Kind, sie trug es wie eine schwere Last, nicht einmal schaute sie ihr Baby an, überprüfte, ob noch Leben in ihm sei. Fast hätte sie es einfach fallen lassen auf ihrem Weg.“ Dem Säugling kommt von der ersten Minute seines Leben keine Liebe entgegen, versteckt im Wald gebärt die Mutter, will es am liebsten dort zurücklassen und zündet es schließlich an. Aber Lysander hat Glück, sollte man denken, denn er wird gerettet und zu einem kirchlichen Kinderheim gebracht.

Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, wird das Leben für das entstellte Kind zur Qual. Die Erzieherinnen wissen nicht mit ihm umzugehen, die anderen Kinder im Heim lachen es aus, vergraben es einmal sogar im Schnee. Lysander zieht sich in sich selbst zurück und lauscht der Melodie in seinem Kopf, die immer da ist, wenn es regnet. Als er geboren wurde, regnete es auch. Er versteckt sich tagsüber im Keller, spricht kaum, denn niemand spricht mit ihm.

Eines Tages reicht es dem gehänselten Kind und es rammt sich frustriert eine Gabel in die Stirn. Er überlebt unbeschadet, wird als Gefahr für sich und andere aber in ein Heim für psychisch gestörte Kinder überwiesen. Auch da lacht man ihn aus, außer Riccardo. Der ist „Hässlichkeit gewöhnt“ und wird zum besten und einzigen Freund Lysanders.

Die Freunde teilen ein gemeinsames Schicksal, sie haben beide im Spiel des Lebens verloren und keine Aussicht auf Besserung. Riccardo musste im Kindesalter mit ansehen, wie seiner Mutter Augen und Zunge aus dem Gesicht geschnitten wurden. Sie starb daran, der Vater wurde verrückt. Riccardo kommt zu einer neuen Familie, er entwickelt sich nach außen gut, seine neue Mutter ist stolz auf ihn, bis er auf einem Jahrmarkt das Feuer eröffnet und mehrere Menschen durch seine Hand sterben. Jetzt hat auch er niemanden mehr und muss ins Heim.

Als sie erwachsen sind, können sie das Heim verlassen. Lysander kommt ein Jahr vor seinem Freund raus. Der freute sich schon auf die Freiheit, Lysander hatte Angst vor ihr. Was will er auch damit? Andere Menschen haben Angst vor ihm. Bis Riccardo aus dem Heim entlassen wird, geht Lysander keinen Schritt vor die Tür, zeigt sich niemandem und überlebt nur durch die Vorfreude auf seinen einzigen Freund. Als der wieder da ist, geht es Lysander aber nur für kurze Zeit besser. Riccardo geht nach draußen, so oft wie es geht. Besorgt sich einen Job und viele Frauen, die seine innere Leere ausfüllen sollen. Dem Leser wird schnell klar, dass sie beide hässlich sind: Lysander von außen, Riccardo von innen.

Lysander fühlt sich schnell im Stich gelassen, ist trotz der Wohngemeinschaft mit Riccardo einsam. Der schenkt ihm schließlich ein Klavier, damit Lysander die Melodien in seinem Kopf spielen und Riccardo das Leben weiter in sich aufsaugen kann.

Bald kommt eine dritte Person ins Spiel. Kira liegt stark blutend auf der Straße, als sie Riccardo bei seinen nächtlichen Streifzügen findet und sich verliebt. In ihr sieht er etwas, das ihm helfen kann, die unsterbliche Leere seiner Seele zu füllen, die schwere Melancholie seiner selbst mit ihrer „Leichtigkeit“ zu füllen. Lysander zeigt sich ihr nicht, sorgt mit seinem berührenden Klavierspiel aber dafür, dass Kira sich in Riccardo, der das Spiel als das Seine ausgibt, unsterblich verliebt.

Sie heiraten, Lysander bleibt allen zurück. Er spielt nicht mehr auf dem Klavier, die Melodien kommen nicht mehr zu ihm, er vereinsamt abgeschnitten von der Außenwelt. Auch Riccardo geht es immer schlechter, Kiras Liebe kann ihn nicht vor Angst und düsteren Gedanken retten. Ein finsterer Schatten legt sich über beide und begleitet sie bis zum unvermeidbaren Ende.

„Lysander“ ist eine Geschichte von Menschen, die das Glück einfach nicht finden können und stattdessen in den eigenen Untergang marschieren. Es ist auch eine Geschichte, die den Leser mit ihrer schonungslosen Gestaltung überrollt. Sie überzieht den Leser mit ihrer kalten aber kurz vor dem Überschwappen stehenden Gefühlswelt. Die Sätze sind kurz und klar, beschönigen nichts und legen den Schmerz einer gefühllosen Welt offen, so dass ihn jeder sehen kann. Der allwissende Erzähler taucht nach Belieben in die Gedanken und Erinnerungen der Personen ein und gibt alles so wieder, als würde es ihn nicht berühren. Und so hat der Leser auch nach der Lektüre an diesem originellen wie auch hervorragenden Roman zu knabbern.

Wetering, Janwillem van de – entartete Seezunge, Die

New York, 11. September 2001: Der alte Bankier Johan Halbertsma wird Zeuge der Terrorattacken auf das World Trade Center. Sofort steigt in ihm die Lust auf eine gebratene Seezunge auf: Dies ist die Mahlzeit, die seit jeher zu wichtigen und tragischen Ereignissen im Haus Halbertsma serviert wird. So ist es schon seit über sechs Jahrzehnten, als die Familie noch im holländischen Rotterdam ansässig war. Am 10. Mai 1940 hatte die deutsche Luftwaffe die alte Hafenstadt in Schutt und Asche gelegt. Johan hat den Bombenterror er- und überlebt. Diese Katastrophe übertünchte ein persönliches Drama: Die Halbertsmas verloren ihren Adoptivsohn Henri. Johan erinnert sich genau an den Tag, als er seinen Bruder verlor. Allerdings scheut er die Frage, ob Henri bei einem von ihm mitverschuldeten Unfall umkam oder ob er von Johan umgebracht wurde …

Johan hält es nicht mehr in New York. Er reist zurück nach Holland, um sich dort endlich Gewissheit zu verschaffen. Hat er einst gemordet? Falls ja: Wieso hat er es getan? Und muss er sich deshalb schuldig fühlen? Henri war nur ein Toter neben unzähligen unschuldigen Opfern der Nazis, so wie nun viele tausend Menschen von fanatisierten „Glaubenskriegern“ instrumentalisiert wurden. Ein liebenswerter Zeitgenosse war Henri zudem nicht, sondern ein selbst ernannter „Übermensch“, der Nietsche vergötterte und skrupellos den eigenen Vorteil und die Nähe der Nazis suchte. Johan quälte dagegen der Naziterror gegen die Juden, auf deren Kosten sich die Halbertsmas ansonsten tüchtig bereicherten. So kam der Tag, an dem sich Henri einmal zu oft seiner grenzenlosen Menschenverachtung brüstete …

Musste Henri sterben? Warum sterben Menschen überhaupt für oder wegen einer „Sache“? Das ist eine der (philosophischen) Fragen, die Janwillem van de Wetering umtreiben. Das Verbrechen vom 11. September 2001 ist für ihn Anlass, sie wieder einmal zu stellen. Um ihre allgemeine Gültigkeit zu verdeutlichen, stellt er sie gleichzeitig zu einer andere historische Episode, als die scheinbar so einfach zu definierenden Positionen „gut“ und „böse“ miteinander verschmolzen.

Die Zerstörung von Rotterdam ist für van de Wetering sein persönliches 11/09/01. In gewisser Weise ist Johan Halbertsma sein Alter Ego. Auch van de Wetering hat als Kind die deutsche Bombenattacken auf die alte Hafenstadt, deren blutige Folgen und die Besetzung seines Heimatlandes erlebt. Vor allem musste er mit ansehen, wie seine jüdischen Mitschüler und Freunde von den Nazis deportiert wurden – ein lebenslang nachwirkendes Drama, das der Verfasser hier auch für sich zu beschwören und zu bannen versucht. Was ist der Mensch wert? Gibt es ‚bessere‘ und ‚minderwertige‘ Menschen? Wer hat das Recht, dies zu entscheiden? Woraus leitet sich dieses Recht ab? Gibt es umgekehrt ein Recht, sich zu wehren? Eine Pflicht sogar? Wie weit darf man dabei gehen? Ist Mord gerechtfertigt, um Leben zu retten? Kann Unrecht wirklich gesühnt werden?

Schwerer Stoff für ‚ernsthafte‘ Literatur also und nicht unbedingt ein „normaler“ (historischer) Krimi. Freunde der eher unterhaltsamen Gripstra/De Gier-Polizeiromane seien deshalb gewarnt. Van de Wetering hat dieses Mal noch weniger als sonst eine klassische Gauner-gegen-das-Gesetz-Story im Sinn. „Schlimmer“ noch: Er kann seine Fragen letztlich auch nicht beantworten. Der Versuch führt zu der frustrierenden Erkenntnis, dass dies womöglich überhaupt unmöglich ist. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch“ – mit diesem klassischen Plautus-Wort lässt es sich immerhin in Worte fassen, wenn auch nicht erklären.

„Die entartete Seezunge“ führt auf recht originelle Weise in die sonst düstere Geschichte ein. Der Geruch eines gebratenen (eigentlich köstlichen, hier jedoch als Schlüssel zu Unerfreulichem „entarteten“) Fischgerichts führt Johan Halbertsma zurück in die Zeit, als er Zeuge und Täter war. Sechs Jahrzehnte abgelagerter und nachträglich gewerteter Erinnerungen können so akkurat aufgearbeitet werden. Dieser olfaktorische Weg ist möglich; viele Menschen stimulieren ihr Hirn per Nase oder Zunge. Friedrich Schiller bewahrte beispielsweise faulende Äpfel in seinem Schreibtisch auf, deren Geruch ihn beim Dichten und Schreiben inspirierte. Der Verstand wird überlistet bzw. gelenkt – für Johan Halbertsma in eine unerfreuliche Richtung.

Er hat sich – wie die islamischen Terroristen 2001, wie die Nazis 1940 – zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. Seit vielen Jahren plagt Halbertsma – bisher meist unterbewusst – die Frage, wie er dies vor sich selbst und überhaupt rechtfertigen kann. Schließlich war er lange gewissermaßen das Spiegelbild seines Adoptivbruders Henri, der höchstens konsequenter war als er. Friedrich Nietsches „Lehre“ vom „Übermenschen“ fiel bei beiden Brüdern auf fruchtbaren Boden. Henri verinnerlichte sie freilich, während Johan skeptisch blieb und umdenken konnte.

Henri ist (Achtung: Ironie!) ein echter Prüfstein für jeden Moralisten. Er hat sich in die Familie Halbertsma hineingemogelt und -gelogen. Das Leid seiner Mitmenschen belustigt ihn oder ist ihm gleichgültig, da er sich über sie erhaben fühlt. Er schachert mit den Nazis und betrügt in existenzielle Not geratene Juden um ihren Besitz. Da ist sie wieder, die Frage, ob man einen solchen gefährlichen, gesellschaftlich verantwortungslosen Menschen nicht zur Verantwortung und aus dem Verkehr ziehen muss!

Wobei Johan selbst durchaus keine reine Weste hat. Nicht nur die Erinnerung an Henris Ende führt ihm der Duft der Seezunge ins Gedächtnis zurück. Das Bankhaus Halbertsma hat gut verdient in der Nazizeit. Jüdische Mitbürger verbargen hier für eine saftige „Gebühr“ ihre Vermögen; viele Konten blieben nach Kriegsende verwaist. Johans Reichtum speist sich auch und vor allem aus dieser Quelle. Er ist ein Mitläufer, der seine Skrupel gut genug unterdrückt hat, um vorzüglich zu verdienen. Letztlich darf man seinem Wort – so van de Weterings Schlussfolgerung – auch nicht trauen.

Janwillem Lincoln van de Wetering wurde am 12. Februar 1931 in Rotterdam geboren. Als Kind durchlebte er die Schrecken des II. Weltkriegs. Nach seiner Schulzeit besuchte er ein Business-College. Anschließend ging van de Wetering nach Südafrika. Sein Vater, ein Kaufmann, hatte ihm dort einen Job bei einer holländischen Firma vermittelt. Diesen warf er zwar bald hin, blieb aber dennoch im Land, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und heiratete.

Nach sechs Jahren verließ van de Wetering Südafrika und ging nach London, wo er Philosophie studierte und den Zen-Buddhismus für sich entdeckte. Konsequent ging er 1958 Kyoto nach Japan und lebte zwei Jahre in einem Zen-Kloster. Dann meldete sich der schnöde Alltag zurück; van der Wetering musste Geld verdienen und als Kaufmann nach Kolumbien und Peru, wurde Grundstücksmakler in Australien. Ab 1965 leitete er die Textilfabrik seines verstorbenen Schwiegervaters in Holland. Um den Wehrdienst zu umgehen, meldete sich van de Wetering als Hilfspolizist. Die Arbeit gefiel ihm, er blieb sieben Jahre bei der Polizei und brachte es bis zum Inspektor.

In den 1970er Jahren wurde van de Wetering schriftstellerisch tätig. Er übernahm die Philosophie des Jean-Paul Satre und die unterhaltsame Gesellschaftskritik des George Simenon und verschmolz beides in seiner Serie um die Amsterdam-Cops, welche kaum als klassische Polizeiromane, sondern eher als kritische und ironische Kommentare zu zeittypischen Missständen zu bezeichnen sind.

Den wanderlustigen van de Wetering hielt es nicht in Holland. In den 1980er Jahren lebte er in Maine in den USA auf einem Boot, mit dem er im Sommer die Küste befuhr. Weitere Weltreisen schlossen sich an. Als Schriftsteller verfasste van de Wetering nun ein Theaterstück, Kinder- und Sachbücher. Erst seit 1993 kehrt er (sporadisch) zum Kriminalroman zurück.

Van de Wetering ist auch im Internet präsent. Unter http://www.dpbooks.com/vandewet.htm erwartet den neugierigen Besucher ein vom Schriftsteller persönlich verfasster Lebenslauf. Vielleicht tröstet das über die Tatsache, dass die Website hoffnungslos unaktuell ist …

|Anmerkung: Um jeden Preis – ein Buch!|

Janwillem van de Wetering ist seit langem nicht nur ein Verfasser beliebter Kriminalromane, sondern auch ein Liebling des Feuilletons. Die ganze Welt hat er bereist, in einem Zen-Kloster meditiert, unter den Armen & Geknechteten der Dritten Welt gelebt, gesellschaftskritische Romane geschrieben – ein Produzent jener Art von Literatur also, die der (links-)intellektuelle Bildungsbürger unauffällig auf seinem Wohnzimmertisch auslegt, obwohl sie sich sträflich unterhaltsam liest.

Leider ist van de Wetering in den letzten Jahren ein wenig schreibfaul geworden. Hier und da ringt er sich eine Kurzgeschichte ab – oder einen Kurzroman wie „Die entartete Seezunge“. Dummerweise schätzt der Buchmarkt Novellen gar nicht. Romane „gehen“ gut, möglichst dick sollten sie sein, schließlich wünscht der Kunde anständige Ware für sein gutes Geld.

Also wird van de Weterings „Seezunge“ halt zum Buch „aufgewertet“, indem man sie ordentlich zwischen feste Einbanddeckel bindet und möglichst viel publizistisches Gewese darum treibt. Das übertönt dann hoffentlich auch den ketzerischen Gedanken daran, dass „Die entartete Seezunge“ auch deshalb so entartet ist, weil man die ursprüngliche Novelle so lange mit einer schweren Druckerpresse überrollte, bis daraus ein Buch geworden war (erste Runde 2002: 78 Seiten, zweite Runde 2005: 128 Seiten) – mit Rändern, auf denen man Tagebuch führen kann, und einer Schrift, die auch den sprichwörtlichen Maulwurf vor keine Probleme stellen dürfte. Ein bisschen Grafikschmuck übertüncht so manche gar zu leere Ecke – fertig ist die bibliophile Kostbarkeit, die immerhin recht preisgünstig geblieben ist.

Lennon, J. Robert – Postmann

Die Kritiker überschlagen sich förmlich vor Lob, wenn es um „Postmann“, den neuesten Roman aus der Feder des amerikanischen Autors J. Robert Lennon, geht. Da wird Lennon schon mal als „literarisches Schwergewicht ersten Ranges“ bezeichnet (|Chicago Tribune|) oder als „Sprachkünstler mit einem abgedrehten Sinn für Humor“ (|The Times|) und „Postmann“ wird mit den schönsten Adjektiven geschmückt: „originell, authentisch, schräg, wunderbar und auf jeden Fall mitreißend“ (ebenfalls |The Times|). Kein Wunder, dass der Verlag selbst nicht davor zurückschreckt, den Roman, mit dem Lennon in den USA und England der Durchbruch gelang, als „eines der beeindruckendsten Werke der amerikanischen Literatur der letzten Jahre“ zu titulieren*. So viel Lob steckt halt an und ermuntert nicht zuletzt auch den Leser, einen genaueren Blick auf einen bis dato eher unbekannten Autor zu werfen.

Für mich ist „Postmann“ ein Roman, der im ersten Moment schwer greifbar ist. Den Handlungsbogen genau zu erfassen, erscheint zunächst nicht ganz einfach. Der Leser begleitet den neurotischen Postboten Albert Lippincott für zehn Tage. Die gegenwärtige Handlung wird dabei oft an den Rand gedrängt und Lennon verliert sich in ausgiebigen Rückblenden, die das Leben von Albert reflektieren. Der Roman zeigt sich bei näherer Betrachtung sehr vielschichtig und entwickelt dabei immer wieder eine Tiefe, die man anfangs nicht vermutet.

Hauptfigur ist also Albert Lippincott, unser neurotischer Postbote, vom Autor stets liebevoll Postmann genannt, wohnhaft in Nestor, einer kleinen Universitätsstadt im Staate New York. Zunächst schauen wir ihm an einem ganz normalen Arbeitstag über die Schulter. Es ist Freitagmorgen, er sortiert seine Post, stellt sie zu und zweigt sich den einen oder anderen Brief als Abendlektüre ab. Den Rest des Tages verbringt er auf dem wenig aufregenden Nestor-Fest, bestaunt die Attraktionen, die alle anderen auch bestaunen, und isst Hühnchensandwiches, die ihm nicht wirklich schmecken. Das klingt zunächst alles wahnsinnig unspektakulär und ist für Postmann der normale Alltag.

Doch genaugenommen ist dieser Freitag für Postmann alles andere als ein normaler Freitag. Er markiert den Beginn eines Prozesses, der sein Leben vollkommen umkrempelt. Am Ende ist nichts mehr wie es war, doch Postmann ahnt davon an diesem Morgen noch gar nichts. Erste Probleme deuten sich an, als er sieht, dass Jared Sprain, einer der Bewohner in seinem Zustellbezirk (und einer, von dem er noch einen Brief zu Hause liegen hat), tot aus seiner Wohnung getragen wird. Selbstmord – was nicht wirklich verwunderlich ist, denn Sprain war schon lange depressiv. Dennoch plagen Postmann Gewissensbisse, hatte er es doch in der letzten Woche versäumt, den Brief eines Freundes von Sprain zuzustellen, in dem dieser ihm (wie so oft) seine Selbstmordgedanken auszureden versucht. War Postmann durch das Nichtzustellen des Briefes etwa schuld an Sprains Selbstmord? Sollte nun auffliegen, dass Postmann sich die Briefe seiner Kunden „ausleiht“?

Im Laufe weniger Tage häufen sich, ausgehend von diesem Ereignis, für Postmann mehrere Probleme an, die seine kleine Welt ins Wanken bringen. Sein trostloses Wochenende über hängt er größtenteils der Vergangenheit nach, bevor sich mit Beginn der neuen Woche die Turbulenzen verschlimmern …

Das Bild, das Lennon von seinem Postmann skizziert, weckt die vielfältigsten Gefühle. Mal wirkt die Gestalt des neurotischen kleinen Briefträgers geradezu zum Lachen, mal stimmt uns seine jämmerliche amerikanische Kleinstadtwelt mit ihrem ganz normalen Wahnsinn traurig oder melancholisch. Mit einem Blick für die tragikomischen Momente im ganz alltäglichen Leben lässt Lennon die markantesten Punkte in Postmanns Dasein Revue passieren.

Wer Postmann aufgrund seines derzeitigen Lebenswandels für einfältig und beschränkt hält, der wird sich im Laufe des Buches wundern. Postmann hat sogar mal ein paar Semester studiert, bevor er seine mittlerweile 30-jährige Postkarriere startete. Postmanns Leben hat viele Facetten: sein gescheitertes Studium, seine schwierige, manchmal etwas zu ungeschwisterlich innige Beziehung zu seiner Schwester, dann seine gescheiterte Ehe mit der Krankenschwester Lenore, das etwas verkorkste Verhältnis zu seinen Eltern und nicht zuletzt eine verrückte Reise in die tiefste Provinz Kasachstans.

Lennon widmet sich dieser vielschichtigen Lebensgeschichte seines oberflächlich betrachtet eher langweiligen Charakters ausgiebig, und so sind es auch die Rückblenden, in denen mit Blick auf den Handlungsbogen die Stärken des Romans liegen. Die Gegenwart gerät dabei schon mal ein wenig ins Hintertreffen und so hatte ich gerade im Mittelteil des Romans hier und da ein wenig das Gefühl, dass Lennon etwas die Ausgewogenheit der beiden Erzählebenen vermissen lässt. Die Rückblenden sind stark, keine Frage, aber man verliert darüber in der Gegenwart hier und da ein wenig den Faden – nicht zuletzt auch, weil die Handlung in der Gegenwart streckenweise nicht so recht vorankommt.

Die Gegenwart spielt vor allem am Anfang und am Ende eine größere Rolle, so dass Lennon den Roman trotz dieser stellenweise auftretenden Gegenwartsschwäche als eine runde, größtenteils stimmige Sache gestaltet. Am Ende schafft er es, die Balance wieder herzustellen. Kern des Romans ist letztendlich die Lebensgeschichte von Postmann und die stellt Lennon ganz hervorragend dar. Thematisch ist dabei im weitesten Sinne mal wieder der viel beschworene amerikanische Traum ein entscheidendes Element, beziehungsweise sind es die Schwierigkeiten, selbigen im alltäglichen Leben zu verwirklichen.

Lennons Roman ist ein Sammelsurium verkrachter Existenzen, von denen jede auf eigene Art scheitert. Postmanns Mutter, die stets von einer großen Gesangskarriere geträumt hat, aber nur Auftritte in billigen Bars auftreiben kann. Postmanns Vater, der ein großer Wissenschaftler hätte werden können, der sich aber zunehmend in seinem Kellerlabor verkriecht und vom Familienleben kaum etwas mitbekommt. Postmanns Schwester, die ihre hart erarbeitete Schauspielkarriere nie so voranbringen konnte wie sie wollte. Und Postmann selbst, der anfangs zunächst einen vielversprechenden Weg mit seinem Studium eingeschlagen hat, der versucht alles richtig zu machen, aber im weiteren Verlauf schon an den kleinsten Dingen scheitert.

Für den Leser fällt Postmanns Scheitern unter Umständen ganz amüsant aus, denn gerade seine Figur ist so tragisch und komisch zugleich, dass man mal über ihn lachen kann, im nächsten Moment den Kopf schüttelt und ihn einen Idioten schimpfen will und im übernächsten Mitleid empfindet. Man kommt nicht umhin, Postmann mit all seinen Macken und eigenartigen Lebensweisen als schräg zu bezeichnen, und spätestens, wenn Postmann mutterseelenallein in der tiefsten Provinz Kasachstans hockt, hat man ihn ins Herz geschlossen. Lennon skizziert die Figur liebevoll und detailreich, so dass der 605-seitige Umfang des Romans durchaus angemessen erscheint – gerade auch mit Blick auf Lennons etwas weitschweifige aber mitreißende Erzählweise.

Lennons Stil braucht ein paar Seiten, bis er sich richtig entfaltet, bis man sich voll und ganz auf Figuren und Handlungsorte einlässt, aber kommt er erst einmal in Fahrt, ist er dem Anschein nach nicht mehr zu bremsen. Auf Basis einer kleinen, nahezu belanglosen Romanfigur an einem verschlafenen Ort entsteht ein Roman, der überraschend tiefgreifend und weitsichtig ist. Lennon schmückt seine Betrachtungen von Postmanns verkrachter, fast schon mickriger Existenz mit philosophischen Fingerübungen und gesellschaftlichen Überlegungen und bereichert seinen Roman damit um eine weitere interessante Facette.

Dank seines gewitzten Umgangs mit der Sprache und seines feinsinnigen, teils schwarz angehauchten Humors übermittelt er seine Ansichten und Eindrücke nachhaltig. Lennon versteht es, treffende Vergleiche zu ziehen und mit seinen ausgeklügelten Formulierungen stets den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die Lektüre wird dadurch im Laufe der Zeit zu einem wahren Genuss. Nett verpackt in einem ironischen, gewitzten Ton, mit bildhaften Vergleichen und einer Prise Melancholie schafft es Lennon, den Leser auch sprachlich zu fesseln und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Lennon gelingt auf diese Weise eine lesenswerte Reflexion des Lebens an sich, mit all den glücklichen Momenten und all den Lebenslügen und dem verloren gegangenen amerikanischen Traum. Man kommt nicht umhin, auch nach der Lektüre immer mal wieder an Postmann zurückzudenken. Er wächst einem trotz aller Schrullen, trotz all der merkwürdigen neurotischen Züge, die er entwickelt, eben doch nachhaltig ans Herz.

Klappt man am Ende das Buch zu und lässt „Postmann“ noch einmal in Ruhe gedanklich Revue passieren, so lässt es sich kaum umgehen, beim Blick auf all das Lob und all die positiven Worte zu Lennons Roman zustimmend zu nicken. Es ist genau so wie der |Independent| schreibt, es gelingt Lennon tatsächlich „meisterlich, die Traurigkeit und Melancholie des Alltags einzufangen“. „Postmann“ ist ein Wechselbad der Gefühle, das mit zunehmender Seitenzahl an Dramatik und Tragik gewinnt und dabei stets ein wenig schräg, sonderbar und auf seine ganz eigene Art liebenswürdig bleibt. Lennons Stil überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer schon mit Freude Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen gelesen hat, für den könnte sich „Postmann“ als Glücksgriff entpuppen.

* Wobei wir nicht so spitzfindig sein und die Kompetenz des |Heyne|-Verlags mit Blick auf die amerikanische Literatur infrage stellen wollen, nur weil sie den Australier Max Barry in den Verlagsempfehlungen amerikanischer Szeneautoren auf der letzten Seite des Buches zum Amerikaner machen. Schließlich gehört Australien in [„Logoland“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=96 Barrys abgedrehter Utopie der globalisierten Welt von morgen, praktisch mehr oder weniger zu den USA. Also ist das gar kein Fehler, sondern höchstens vorausschauend …

Coupland, Douglas – Hey Nostradamus!

_Douglas Coupland_

Douglas Coupland wurde 1961 geboren und lebt heute in Vancouver. Seinen Durchbruch feierte er Anfang der 90er mit dem Kultroman „Generation X“. Es folgten die Romane „Shampoo Planet“, „All families are psychotic“, „Miss Wyoming“ und „Girlfriend in a coma“. Neben seinen fiktionalen Romanen veröffentlichte er auch Essays und Ähnliches, so auch „American Polaroids“ oder den Fotoband „City of glass“.

_Hey Nostradamus!_

Der Roman beginnt im Jahr 1988. Wir begegnen der Ich-Erzählerin Cheryl, die uns gleich zu Beginn eröffnet, dass sie tot ist. Wie es dazu kam, erzählt sie auf den folgenden Seiten. Cheryl wohnt in Vancouver und geht noch zur High School. Sie hat einen Freund namens Jason, er geht auch zur High School, ist im Gegensatz zu ihr aber in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Sie lieben sich, beide möchten miteinander schlafen, Jason will davor aber unbedingt heiraten, was sie heimlich auch tun. Cheryl wird daraufhin schwanger. Eines Tages kommt es darüber zum Streit. Am selben Tag stürmen maskierte Schüler die Cafeteria und Cheryl befindet sich mitten in einem Schulmassaker, dessen Opfer sie schließlich wird. Als sie stirbt, schreibt sie noch folgende Zeilen:

|“God is nowhere. God is now here“|

Jason beendet den Amoklauf, indem er einen der Attentäter mit einem Stein erschlägt. Ende des ersten Teils, jetzt springt die Geschichte zum Jahr 1999. Jason ist nun der Ich-Erzähler und schildert das Massaker aus seiner Sicht der Dinge. Wir erfahren eine Menge neuer Dinge; so wurde Jason beschuldigt, von diesem Attentat gewusst zu haben, weil er es schließlich auch beendet hatte. Cheryl wurde wegen ihrer Botschaft zur Heiligen hochsterilisiert und Reg, der Vater von Jason, sagte, dass sein Sohn zur Hölle fahren wird, weil dieser einen Attentäter umgebracht hätte. Egal ob er damit anderen das Leben gerettet hat, Mord bleibt Mord. Daran soll auch die Ehe von Jasons Eltern zerbrechen. Seine Noten werden schlecht und die Leute fangen an, ihn zu meiden. Zwar stellte sich die Vermutung, dass Jason am Amoklauf beteiligt war, als falsch heraus, aber ein bitterer Beigeschmack bleibt natürlich immer und so begegnet der Leser einem Jason, der seinen Glauben verloren hat, nie über den Tod seiner Jugendliebe hinweggekommen ist und versucht, irgendwie durchs Leben zu kommen. Er geht den Weg des geringsten Widerstands, folglich ist er weder auf beruflicher noch auf zwischenmenschlicher Ebene erfolgreich.
Es folgen darauf zwei weitere Kapitel, das dritte führt ins Jahr 2002, diesmal erzählt Heather, die neue Freundin von Jason. Seinen Abschluss findet die Geschichte 2003 aus der Perspektive von Reg, Jasons Vater, der nun auf der Suche nach seinem inzwischen verschollenen Sohn ist.

_Hey, LESENSWERT!_

Dieses Buch ist hervorragend, da es auf mehreren Ebenen funktioniert und die Charaktere so glaubwürdig und echt wirken. Sie sind typisch Coupland. Es sind Außenseiter, zumindest werden sie das. Trotzdem kann man sich sehr gut in sie hineinversetzen, da Coupland ihre Macken nicht überzeichnet und normal wirken lässt. Durch die Erzählperspektive findet man sich zudem in der Gedankenwelt der durchweg interessanten Charaktere wieder, was zur Identifikation beiträgt.

Thematisch spielt Religion eine ebenso große Rolle wie die Frage, ob es ein Schicksal gibt, ob alles im Leben schon vorbestimmt ist, was den Titel „Hey Nostradamus“ erklärt. Für mich steht aber im Mittelpunkt, wie ein einzelnes Vorkommnis, in diesem Fall ein Schulmassaker, das Leben so vieler Menschen für immer verändert, ihr Leben sozusagen steuert. Damit sind nicht nur die Menschen, die direkt etwas mit Cheryl zu tun hatten, gemeint, sondern auch Menschen, die sie nie kannten. Jasons Leben wurde zum Beispiel extrem durch den Tod der Jugendliebe geprägt, die Ehe seiner Eltern ging deswegen auseinander und Heather, die nie etwas mit Cheryl zu tun gehabt hat, soll trotzdem dadurch beeinflusst werden, weil sie eine Beziehung mit Jason eingeht. Man kann aber noch so vieles in diesem Roman finden; so könnte man im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Jason die Rolle der Medien diskutieren, aber auch unsere Gesellschaft im Allgemeinen, die jemanden nur aufgrund von Vermutungen verurteilt.

Genazino, Wilhelm – Liebesblödigkeit, Die

Der Trend geht eindeutig zur Zweitfreundin, jedenfalls wenn man dem Protagonisten aus Wilhelm Genazinos aktuellem Roman „Die Liebesblödigkeit“ Glauben schenken mag. Wieso sollte der Mensch sich auch mit nur einem Partner zufrieden geben, wenn sogar von ihm erwartet wird, dass er beide Eltern liebt und sich dabei nicht auf einen Elternteil beschränken darf? Diese und andere philosophisch angehauchten Fragen sind Thema der „Liebesblödigkeit“ – ein Buch, das schon durch seinen sympathischen Titel zum Kauf verlocken kann. Erst im vergangenen Jahr wurde Wilhelm Genazino mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet und selbst das „literarische Quartett“ hatte nur Worte des Lobes für Genazino übrig; so begann der Verkauf seines neuesten Werkes mit vielen Vorschusslorbeeren.

Der alternde Ich-Erzähler der „Liebesblödigkeit“ hat bereits seit einigen Jahren zwei Freundinnen parallel, die voneinander nichts wissen. Auf der einen Seite wäre da Sandra, die als Sekretärin arbeitet und sich um die Altersvorsorge ihres Partners sorgt und ihn deswegen gerne heiraten möchte, auf der anderen Seite steht Judith, die gescheiterte Konzertpianistin, die nun als Nachhilfelehrerin ihr frustriertes Dasein fristet und den lieben langen Tag in der Straßenbahn sitzt, um von einem Schüler zum nächsten zu fahren. Beide Frauen bevorzugen Lebensweisen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, sodass es dem Ich-Erzähler ermöglicht wird, sein Doppelleben gefahrlos aufrechtzuerhalten. Doch nun spürt er die ersten Erscheinungen des Alterns, die Krampfadern schmerzen mehr denn je und beeinträchtigen bereits den Sex im Liegen und auch sein Urin sah schon einmal besser aus. In dieser Situation kommen ihm erstmals Gedanken an die Trennung von einer der beiden Frauen. Denn was wäre, wenn er plötzlich ins Krankenhaus müsste und Sandra und Judith sich dort begegnen würden? Eine Entscheidung muss her, denn er kann nicht mehr länger mit beiden Frauen ein Verhältnis haben, auch wenn dieses Arrangement doch so praktisch ist. Als Sandra ihm schließlich einen Heiratsantrag macht, gerät unser Frauenheld in eine Zwickmühle.

Finanziell hält der Ich-Erzähler sich mit Seminaren über die Apokalypse über Wasser, ein Thema, das aktueller denn je zu sein scheint, sodass sich seinem Seminar in der Schweiz kurzentschlossen einige Rentner anschließen, um seinen spannenden Vorträgen lauschen und mit ihm über apokalyptische Themen diskutieren zu können. Den Erzähler erfreut dies, sichern die neuen Seminarteilnehmer ihm doch freie Kost und Logis im Hotel.

Gleichzeitig beobachtet der Erzähler genauestens seine verkommende Umwelt und kommentiert diese mit meist scharfen Worten. Auf diese Weise wird zunehmend das Elend dieser Welt deutlich, das sich oft schon in den kleinen Gesten widerspiegelt. Nebenbei tauchen immer wieder skurrile Gestalten wie Schockforscher und auch Ekelreferenten auf, die mit ihren gewagten Thesen die Welt verbessern wollen. Im Laufe der Geschichte gibt der Erzähler darüber hinaus viele Informationen über sich und seine Vergangenheit preis, der Leser lernt seine Exfrau Bettina kennen und erfährt die Gründe für das Scheitern ihrer Ehe. Am Ende des Buches steht schließlich die wichtige Entscheidung über seine Zukunft aus …

Schon mit den allerersten Sätzen beweist Wilhelm Genazino sein überragendes Erzähltalent, punktgenau und präzise weiß er sämtliche Situationen und Personen zu beobachten und zu analysieren. Dabei entgeht keine Kleinigkeit seinem scharfen Auge, jede noch so vermeintliche Nebensächlichkeit findet eine Erwähnung und trägt zum Gesamtbild des Romans bei. Genazino zeichnet ohne Scheu und Rücksichtnahme ein ehrliches und teilweise sogar abstoßendes Bild von einem gescheiterten Apokalypseexperten, der seine Seminare geben muss, bis er tot umfällt, weil er sich nicht um seine Altersvorsorge gekümmert hat. Selten habe ich eine so gelungene Charakterstudie in einem Roman wiedergefunden wie in diesem, denn durch die schonungslosen Beobachtungen unseres Erzählers lernen wir mehr über ihn, als ihm lieb sein wird. In jeder noch so peinlichen und unangenehmen Situation ist der Leser dabei, sei es der Kauf der ungeliebten fleischfarbenen Stützstrümpfe oder die genaue Beobachtung seines wandelbaren Urins, nichts wird uns vorenthalten. Auch die beiden Lebenspartnerinnen werden detailliert vorgestellt und kritisiert. Wie bricht es dem Erzähler doch fast das Herz, als ihm Sandra stolz ihre talentlosen Bilder vorführt und er peinlich berührt daneben steht und diese gar nicht ansehen mag. Kein Fehler, keine Charakterschwäche wird verschwiegen, die Personen werden regelrecht seziert. Auch für seine Seminarteilnehmer hat der Erzähler oft nur Spott übrig. So versucht er immer wieder, diesen anderen Menschen zu entkommen, um seine Ruhe zu haben.

Genazino spielt mit den Sympathien der Leser, denn als Sandra bereits wie die sichere Siegerin im Liebesduell aussieht, zeigt sie ihre selbstgemalten Bilder und beweist ihr fehlendes kulturelles Verständnis, während Judith gerade auf diesem Gebiet punkten kann. Immer wieder schwankt der Leser hin und her, fiebert mal mit Sandra mit, mal mit Judith. Bis zum Schluss scheint die Entscheidung offen zu sein, wobei Sandra doch der wesentlich größere Raum im Buch zugestanden wird. Obwohl der Erzähler schonungslos ehrlich dargestellt wird mit all seinen Verfehlungen und Ansichten, werden dennoch Sympathien für ihn aufgebaut. Seine Handlungsweisen werden dem Leser verständlich gemacht, seine beiden Liebschaften werden nachvollziehbar, wie ich mir dies nie hätte vorstellen können. Der Erzähler wirkt immer mehr wie eine geradezu armselige Gestalt, die weiß, dass sie gescheitert ist. Eine Identifikation mit dem Erzähler ist über weite Strecken nicht möglich, trotzdem findet man immer wieder eigene Gedanken im Text wieder, oftmals kann man den tragischen Helden irgendwo verstehen.

Die beschriebenen Situationen muten meist völlig skurril an, besonders das Apokalypseseminar in der Schweiz springt dem Leser hierbei ins Auge. Während der Erzähler sich vorher lieblos überlegt, welche Thesen er in seinen Vorträgen anbringen kann, sind seine Seminarteilnehmer restlos begeistert. Als Leser wird man allerdings nie den Eindruck los, dass der Erzähler für seine Mitmenschen oft nur Spott und Mitleid übrig hat. Ganz am Rande lässt er den Gedanken fallen, dass er sich ebenso gut in ein anderes Themengebiet einlesen könnte, aber die Apokalypse ist beliebt und läuft gut, warum also sollte er umschwenken auf ein anderes Seminarthema? Die Apokalypse ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, seine persönliche Überzeugung kann er jedoch gut verbergen. Trotz all der Skepsis bleibt der Erzähler von seinen apokalyptischen Studien offensichtlich nicht ganz verschont, denn häufig dringen seine gesundheitlichen Ängste durch und wir gewinnen den Eindruck, dass die Hauptfigur sich wohl etwas zu viel mit der Apokalypse beschäftigt hat.

Auch sprachlich weiß Genazino auf ganzer Linie zu überzeugen, seine Sätze klingen ausgereift und überzeugend, seine Geschichte ist einfach nett und sympathisch geschrieben. „Die Liebesblödigkeit“ ist ein kleines aber feines Stück Literatur, das leicht zu lesen, aber nicht leicht zu verdauen ist. So schnell das Buch auch durchgelesen ist, so schnell ist es noch lange nicht vergessen, denn nach Zuklappen des Buches schwirren uns viele Gedanken über das eigene Leben und die Gesellschaft durch den Kopf, sodass das Buch noch lange nachwirkt. „Die Liebesblödigkeit“ ist nicht einfach zu konsumieren, auch über das Ende sollte man nachdenken, um herauszufinden, was Genazino damit sagen möchte. Für mich ist dieser Roman dadurch schon jetzt die persönliche Entdeckung des Jahres. Wie oft habe ich beim Lesen schmunzeln müssen über die Eigenarten der Figuren, wie gut habe ich mich unterhalten gefühlt, dieses Buch werde ich sicherlich bald ein zweites Mal lesen.

„Die Liebesblödigkeit“ erzählt auf den ersten Blick eine nette kleine Geschichte über das Leben und die Liebe, die aber schon auf den zweiten Blick deutlich mehr zu offenbaren hat. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr die Frage nach der Trennung von einer Frau. Dieser Punkt ist nur einer von vielen, denn im Leben des Erzählers liegt mehr im Argen als nur seine |ménage à trois|. Wilhelm Genazino beweist neben seinem hervorragenden Erzähltalent auch eine scharfe Beobachtungsgabe, die nicht nur den Charakterzeichnungen zugute kommt, sondern auch für eine besondere Plastizität des gesamten Geschehens sorgt. Die auftauchenden Figuren werden teilweise richtiggehend seziert und absolut schonungslos vorgestellt. Dieser Roman hat zwar nur etwas mehr als 200 Seiten und ist zügig durchgelesen, dennoch wirkt die Erzählung lange nach. Hinter diesem fast seichten Buchtitel und kindlich wirkenden Buchcover versteckt sich eine fein erzählte Geschichte, in der es viel zu entdecken gilt. So bleibt am Ende eigentlich nur festzustellen, dass Genazino sich seine Vorschusslorbeeren vollauf verdient und seine Leserschaft absolut zufrieden gestellt hat. Nur ein einziger kleiner Wehmutstropfen bleibt zurück, denn das Ende des Romans kommt ein klein wenig zu plötzlich und an einem Punkt, an dem der Leser den tragischen Erzähler lieb gewonnen hat und gerne mehr über seine Zukunft erfahren möchte.

Szerb, Antal – Pendragon-Legende, Die

Ende 2004 erschien im |Deutschen Taschenbuchverlag| eine Neuübersetzung der „Pendragon-Legende“, die der ungarische Literaturprofessor Antal Szerb bereits im Jahre 1934 verfasste. Szerb ist in Ungarn bis heute berühmt, obwohl er bereits 1945 im Alter von nur 43 Jahren im Internierungslager Balf in West-Ungarn starb.

Im Alter von 32 Jahren lernt János Bátky auf einer Soiree bei Lady Malmsbury-Croft den Earl of Gwynedd kennen, der auch unter dem Namen Owen Pendragon bekannt ist. Die beiden unterhalten sich gut und diskutieren unter anderem über Fludds Naturphilosophie. Am Ende des Abends erhält Bátky eine Einladung nach Wales auf das Schloss Llanvygan der Pendragons, wo ihm eine ausführliche Sichtung der dortigen Bibliothek ermöglicht werden soll. Bátky freut sich zwar über das Angebot, fühlt sich allerdings viel zu träge, um wirklich nach Wales zu reisen. Dennoch wird seine Neugierde geweckt, als er erfährt, dass die Pendragon-Bibliothek weltweit berühmt ist für ihre Werke aus dem Gebiet der Mystik und des Okkultismus im 17. Jahrhundert. Kurze Zeit später erhält Bátky einen mysteriösen Anruf, der ihn vor einer Reise nach Wales warnen will, da dort sein Leben in Gefahr sei. Doch Bátky versucht, dieses Telefonat wieder zu vergessen.

Durch einen Zufall (?) lernt er bei seinen Studien zur Familiengeschichte der Pendragons im |British Museum| den lebens- und reiselustigen George Maloney aus Connemara kennen, der sogleich von seinen zahlreichen und aufregenden Auslandsaufenthalten erzählt. Bei einem gemeinsamen Abendessen stellt Maloney seinem neuen Bekannten Bátky den Neffen des Earl of Pendragon vor. Der gebildete Osborne Pendragon studiert in Oxford, möchte aber seine Ferien auf Llanvygan verbringen und hat dazu auch seinen Freund Maloney eingeladen. So beschließen Maloney und Bátky, gemeinsam nach Wales zu reisen.

Schon die Begrüßung auf dem Schloss verläuft nicht so erfreulich, wie Bátky sich das erhofft hat, und gleich in der ersten Nacht wird er von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Als er seinen Revolver aus dem Nachtschrank holen will, muss Bátky erstaunt feststellen, dass sämtliche Patronen aus der Waffe entfernt worden sind und auch ein Päckchen fehlt, das er für Maloney mit sich geführt hat. Auf dem Gang vor seinem Zimmer trifft er auf eine mittelalterlich gekleidete Gestalt, die sich als Hausdiener vorstellt, doch bei einem Blick aus seinem Zimmerfenster kann Bátky einen schwarzen Reiter mit Fackel und Hellebarde beobachten. Kurz darauf wird ein Mordanschlag auf den Earl verübt, dem er nur mit viel Glück entkommen kann. Es scheint, als könnte der Earl drohendes Unglück spüren, denn dies war bereits der dritte Mordversuch, den er vereiteln konnte. Langsam aber sicher verdichten sich die Verdachtsmomente, bald ist ein angeblich Schuldiger gefunden, doch was steckt wirklich hinter den Mordanschlägen?

„Die Pendragon-Legende“ ist aus der Sicht des János Bátky geschrieben, der seine Lebensgeschichte erzählen möchte. In seinen ersten 32 Lebensjahren ist außer dem ersten Weltkrieg nichts Entscheidendes passiert; so entschließt sich Bátky, gleich beim Soiree der Lady Malmsbury-Croft einzusetzen und damit bei seiner ersten Begegnung mit dem Earl of Pendragon. Obwohl sofort offensichtlich wird, dass dieses Kennenlernen für den Ich-Erzähler von entscheidender Bedeutung gewesen sein muss, lässt Szerb sich in seiner Erzählung viel Zeit. Zunächst entwickelt er seine Charaktere und verleiht Bátky einige selbstkritische Züge, da er immer wieder einstreut, mit welchen Charakterzügen er an sich selbst unzufrieden ist. Die Charakterzeichnungen sind ein Punkt, der sofort positiv auffällt an diesem Buch, denn neben János Bátky lernt der Leser auch die anderen Hauptfiguren recht gut kennen. Eine besonders sympathische Figur ist dabei Maloney, der immer wieder unglaubliche Geschichten aus Connemara von sich gibt, die ihn ein wenig spleenig, aber auch nett erscheinen lassen. Aufgrund der abstrusen Geschichten bezeichnet Bátky Maloney wenig schmeichelhaft als Münchhausen, doch kommt der Leser nicht umhin, diesen Geschichten doch ein wenig Glauben zu schenken. Maloneys extravagante Hobbys tragen dazu bei, dass der Leser sich ein gutes Bild von diesem überdrehten und lebenslustigen Charakter machen kann. Szerb entwickelt Charaktere, wie es sie im wahren Leben möglicherweise eher weniger geben mag, dennoch kann man ihm dies nicht übel nehmen, da einem die Personen einfach ans Herz wachsen durch ihre menschlichen Macken und Eigenarten. Der Autor zeigt an vielen Stellen eine erstaunliche Beobachtungsgabe, da er in etlichen weiteren Situationen Eigenschaften und Merkmale seiner Charaktere anbringt. Als dritte Figur tritt Osborne Pendragon in Erscheinung, der zwar gebildet und intelligent ist, aber seine Schwierigkeiten mit Frauen zu haben scheint; auch er vermag es durch sein leicht schrulliges Verhalten, dem Leser in einigen Situationen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Besonders Lene Kretzsch weiß eine sehr amüsante Episode über Osborne zu berichten, als sie nämlich versucht, den reservierten und wohlerzogenen Osborne zu verführen, was sich als äußerst kompliziert erweist. Natürlich fehlen auch nicht die Frauenfiguren in diesem Roman; so treten die ominöse Eileen St. Claire, die bezaubernde Cynthia Pendragon und die toughe Lene Kretzsch in Erscheinung. Hier prallen drei völlig unterschiedliche Frauentypen aufeinander, die sich Antal Szerb wahrlich meisterhaft ausgedacht hat.

Szerbs Erzählweise ist gemächlich, aber unheimlich sympathisch, in vielen Sätzen verstecken sich sensibler Humor und feine Ironie, die uns nicht vor lauter Lachen vom Sofa fallen lassen, aber immer wieder zum Schmunzeln bringen. Der besondere Reiz liegt hier in den Feinheiten, die am Rande fallen und auf die man genau Acht geben sollte. „Die Pendragon-Legende“ sollte daher mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit gelesen werden, da Szerb viel zu sagen hat und dem Leser zahlreiche Informationen mit auf den Weg gibt. So erfährt der Leser während Bátkys ausführlicher Literatursichtung vor seiner Reise nach Wales einiges aus der Familiengeschichte der Pendragons, die eng verwoben ist mit der Geschichte der Rosenkreuzer. Stein um Stein baut Szerb dadurch seine Geschichte auf. Oftmals wird die eigentliche Erzählung ein wenig unterbrochen durch diverse Einschübe, wenn beispielsweise eine neue Person auftaucht, die János Bátky zunächst vorstellen möchte, oder wenn aus der Historie der Pendragons berichtet wird. Obwohl ich derlei Einschübe sonst eher lästig finde, muss ich zugeben, dass sie hier in die Geschichte passen, zumal die eingeschobenen Szenen meist interessant oder auch amüsant sind.

Allmählich wird fast schon unmerklich Spannung aufgebaut durch kleine Hinweise auf mysteriöses Treiben im Hause Pendragon. Bátky kommt im Schloss kaum zum Schlafen, da nächtens die merkwürdigsten Dinge geschehen, darüber hinaus schwebt der Earl of Pendragon in Lebensgefahr, da er bereits drei Mordanschlägen durch schicksalhafte Mithilfe entkommen konnte. In Pendragons Labor entdeckt Bátky unglaubliche Dinge, die mit der Geschichte der Rosenkreuzer zusammenzuhängen scheinen. Doch bleibt lange unklar, worauf das Buch eigentlich hinauslaufen möchte.

Eine Einteilung in ein Genre ist bei der „Pendragon-Legende“ äußerst schwierig, da Szerb auf der einen Seite eine Geistergeschichte schreibt, auf der anderen aber auch ein Familienbild der Pendragons entwirft. Beide Handlungszweige sind eng verwoben und werden gleichberechtigt weitergeführt. Obwohl die Rosenkreuzer auftauchen und eine nicht unwesentliche Rolle spielen, darf man keinen Verschwörungsthriller im Stile eines Dan Brown erwarten, denn Szerb lässt seine „Pendragon-Legende“ in eine völlig andere Richtung gehen. Im Grunde genommen kann man das Buch als eine Gruselgeschichte mit ausführlichen Charakterzeichnungen und sympathisch erzählter Rahmengeschichte bezeichnen.

Die „Pendragon-Legende“ reißt nicht durch übergroße Spannung mit, sondern hat ihren ganz eigenen Charme, das Buch ist eine kleine literarische Perle, die man aufmerksam lesen sollte, um alle Feinheiten aufzunehmen. Antal Szerb lässt herrliche Charaktere entstehen, die allesamt irgendwo sympathisch werden, allen voran der philosophisch interessierte, schüchterne und ängstliche Ich-Erzähler Bátky, der auch den Reizen einer schönen Frau nicht widerstehen kann. Die eigentliche Gruselgeschichte passiert fast schon am Rande, obwohl sie doch eigentlich Anlass gegeben hat zu Bátkys Erzählung. Doch der besondere Reiz dieses Buches liegt in den Geschichten, die drumherum erzählt werden. Der Leser sollte sich allerdings auf Szerbs Erzählweise und die manchmal etwas schwerfällig anmutende Sprache einlassen, dann wird die „Pendragon-Legende“ für einige sehr unterhaltsame und interessante Stunden sorgen.

Hennig von Lange, Alexa – Woher ich komme

Alexa Hennig von Lange ist die wohl schillerndste unter den jungen Autorinnen Deutschlands. So jung ist die 1973 in Hannover geborene, ehemalige „Bim Bam Bino“-Moderatorin aber auch nicht mehr. Inzwischen lebt sie nach langem Aufenthalt in Berlin mit ihrem Mann und den zwei Kindern wieder in Hannover.
Literarisch ist man 1997 auf sie aufmerksam geworden, ihr Debüt „Relax“ hielt sich lange in den Bestsellerlisten und bestach durch die authentische und schonungslose Jugendsprache der Autorin. Wie es so häufig ist, wurden die folgenden Romane „Ich bin’s“ und der Tagebuchroman „Mai 3D“ zu echten Enttäuschungen und ließen am Talent des Rotschopfes zweifeln. Zurück zu alter Stärke hatte sie zum Glück mit dem Jugendbuch „Ich habe einfach Glück“ im Jahre 2001 gefunden, für das sie schließlich mit dem Jugendliteratur-Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschienen „Erste Liebe“ und „Mira reicht’s“ 2004. Die Erstausgabe zu „Woher ich komme“ wurde 2003 veröffentlicht.

Die Handlung des 100 Seiten kurzen Romans ist gar keine. Die 30-jährige, namenlose Protagonistin fährt mit ihrem Vater ans Meer, wie es die Familie jeden Sommer getan hat. In der Gegenwart hält man sich aber nicht lange auf, auf den gesamten Text bezogen nur wenige Seiten. Es ist ein stiller und träger Ausflug, den Vater und Tochter hier unternehmen. Das Meer, der Ort, zu dem es die Beiden gezogen hat, ist der Ort der Erinnerungen, die wie Schatten immer wieder, meist nur kurz, an der Oberfläche erscheinen.
Jede Erinnerung ist nur wenige Sätze lang, bricht so unvermittelt, wie sie aufgetaucht ist, ab und wird von einer anderen abgelöst. Die Protagonistin geht in Gedankensprüngen ihre Kindheit durch. Diese ist auf den ersten Blick eine glückliche. Man erfährt, dass sie einen kleinen Bruder hatte, der im Sommer, immer wenn die Familie zum Urlaub ans Meer gefahren ist, Geburtstag hatte. Liebevoll, fast poetisch werden Situationen dieser Sommertage geschildert, aber es klingt auch viel Wehmut darin an. Eines Sommers wird die Familie während des geliebten Sommerurlaubs für immer auseinander gerissen. Bei einem Spaziergang im Watt wird man von der Flut überrascht. Die Protagonistin kann sich an den Strand retten und muss zusehen, wie nur ihr Vater aus dem Wasser zurückkehrt.
Es tun sich inmitten dieser tragischen Gegebenheit und Schilderungen einer oberflächlich normalen und glücklichen Kindheit aber auch noch weitere düstere Abgründe auf. So zum Beispiel die Affäre der Mutter mit dem Nachbarn.

„Woher ich komme“ ist ein ruhiges und schlichtes, so zerbrechlich wie die Erinnerungen der Protagonistin wirkendes Buch. Es ist ebenfalls eine authentische Erzählung. Die Erinnerungen wurden ausgezeichnet von der Autorin gestaltet und angeordnet. Die von der Protagonisten erinnerten Dinge liegen schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Durch diesen Umstand wirken sie auf den Leser oft unklar und schemenhaft, an einigen Stellen aber bemerkenswert detailliert. Es sind meist die schönen Erinnerungen, wie die tiefe Verbundenheit mit dem Bruder oder Gesten der Mutter, die sich in das Gedächtnis eingebrannt haben, die präzise und emotional berührend wiedergegeben werden.
Angesichts der letztendlich mehr als tragischen Kindheit verbergen sich viele Dinge im Kopf der Protagonistin, die sie scheinbar noch nicht für sich abschließen konnte. Durch die räumliche Nähe zu diesen Erinnerungen (das Meer) brechen sie unweigerlich und geballt hervor. So wird es für den Leser schwierig, diese in einen Kontext einzuordnen, denn sobald sich Klarheit anbahnt, wird eine Erinnerung von der anderen abgelöst. Zeitliche und räumliche Sprünge folgen dabei aufeinander, bis sich das Angedeutete gegen Ende des Romans mehr und mehr entblättert, aber immer noch viel Raum für die Fantasie des Lesers lässt.
„Woher ich komme“ ist kein Buch, das sich mit der dramaturgischen Entwicklung einer Handlung oder der von Charakteren aufhält. Die Handlung ist die Vergangenheit, und die muss sich der Leser schon selbst erarbeiten. Wer sich darauf einlässt, kann einige gute Stunden mit einem höchst interessanten und für die Autorin außerordentlich erwachsenem Buch verbringen.

|Leseprobe| aus der Taschenbuchausgabe Februar 2005, Seiten 9/10.

»Meine Mutter und ich sahen, wie sich der Priel mit Wasser füllte, und der Sand war nicht mehr da, und mein Vater war weit draußen, hörte unsere Rufe nicht, und der Himmel war blau. „Lauf so schnell du kannst!“ Meine Mutter schubst mich in die Richtung, in der sie den Strand vermutet, und das ist die richtige Richtung, und ich renne so gut es geht, im feuchten Sand, und Mama versinkt in die andere Richtung, in Richtung meines Vaters, meines Bruders. Der war klein und wusste von nichts. Ging an Papas Hand und hatte uns zugewinkt. Die Sonne stand über uns, flirrend, keine Wolken, einfach nur Himmel und sehr viel Raum. Zwischen Mama und mir, zwischen mir und meiner Familie wurde der Abstand immer größer.
Mein Vater kam allein zurück.«

Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein

Ich habe geweint. Ganz ehrlich. Als die Geschichte zu Ende war, kullerten mir Tränen die Wangen hinunter. Das war mir noch nie passiert. Im Kino ja. Man kommt nicht umhin, hier und da mal auf die Tricks des Hollywoodkinos hereinzufallen und in die Gefühlsfalle zu tappen. Aber bei einem Buch? Nein, bei einem Buch war mir das noch nie passiert. Nur bei Anna Gavaldas neuem Roman „Zusammen ist man weniger allein“. Dabei drückt sie doch gar nicht auf die Tränendrüse, hebt keine hinterhältigen Gefühlsfallen in einem kitschbehangenen Plot aus und winselt nicht um Mitleid für ihre schicksalsgebeutelten Figuren. Warum also gleich anfangen zu heulen? Eine schwierige Frage, also verliere ich vielleicht lieber erst einmal ein paar Worte zur Handlung.

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Kennedy, Douglas – Um jeden Preis

_Liebe und Kabale im Filmgeschäft_

Drehbuchautor David Armitage lebt schon jahrelang am Existenzminimum, da bekommt er den Anruf, der seinen Aufstieg zum Zenit des Erfolgs einleitet. Doch Neider warten schon, und so ist der umso steilere Absturz nur eine Frage der Zeit.

|Der Autor|

Douglas Kennedy, 1955 geboren, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in London. Er schreibt Hörspiele und Reisebücher, doch erst seine drei Romane „Nachtblende“, „Der Job“ und „Die Entscheidung“ brachten ihm Bestsellerruhm.

_Handlung_

Zehn Jahre lang hat sich David Armitage als erfolgloser Drehbuchautor abgerackert und mit diversen Jobs über Wasser gehalten, wobei ihm seine Frau Lucy stets treu zur Seite stand. Er liebt seine Tochter über alles und möchte ihr unbedingt eine schöne Zukunft sichern.

Er ist bereits Ende vierzig, da bekommt er endlich den Anruf, auf den er sein Leben lang gewartet hat: Seine Agentin teilt ihm mit, dass der Sender FRT sein Drehbuch für „Auf dem Markt“ gekauft habe und eine Serie daraus stricken wolle. Plötzlicher Reichtum liegt zum Greifen nahe – er hat aber auch ein Preisschild.

David muss die Serie zusammen mit einer attraktiven Mitarbeiterin des Senders entwickeln. Natürlich verliebt er sich Hals über Kopf in Sally und steigt mit ihr ins Bett. Das Verbergen der Affäre vor seiner langjährigen Angetrauten quält ihn, aber eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und Lucy wirft ihn hinaus. Anstatt sich aus dem nächstbesten Fenster zu stürzen, stürzt sich David erst recht in die Arbeit an der TV-Serie „Auf dem Markt“, die in höchsten Tönen gepriesen wird, Zuschauerrekorde bricht und mit zwei Emmys ausgezeichnet wird. David ist auf dem Zenit seiner Laufbahn angelangt. Von hier an geht es steil abwärts.

Doch zunächst folgt ein für David recht merkwürdig anmutendes Intermezzo. Ein bekannter Milliardär namens Philip Fleck lädt ihn auf seine karibische Privatinsel ein, um über die Verfilmung eines von Davids Drehbüchern zu sprechen. Dummerweise taucht der Mann überhaupt nicht auf, vielmehr macht David die entzückende Bekanntschaft von Flecks Gattin Martha. Wenigstens kommt es nicht zu erotischen Verwicklungen, aber man hat die beiden beobachtet. Kurz bevor David gezwungen ist, nach L.A. zurückzufliegen, kann er kurz mit Fleck reden. Irgendwie scheint das Ganze ein gigantisches Missverständnis zu sein.

David klingen die Ohren, als wenige Tage später ein Klatschreporter der Hollywood-Presse seinen Namen in den Schmutz zieht und ihn des Plagiats zeiht. Beim ersten Mal kann David die Studiobosse noch hinter sich bringen, doch beim zweiten Mal steht er auf verlorenem Posten und stürzt ab: Verträge weg, Geliebte (Sally) weg, Familie weg – vielleicht sollte er doch noch aus dem Fenster springen.

Da taucht eines Tages in dem Nest, in das er sich verkrochen hat, Martha Fleck auf wie eine Erscheinung von einem anderen Stern. Sie erweist sich als Davids letzte Rettung. Denn natürlich war Davids Absturz kein Zufall.

_Mein Eindruck_

Ich weiß ja nicht, was der |Lübbe|-Verlag unter einem „spannungsgeladenen Thriller“ versteht, aber „Um jeden Preis“ ist keiner. Die einzigen Leichen, die sich hier häufen, sind die des verlorenen Ruhmes. Das Buch ist vielmehr eine rasant ablaufende Kolportagestory, die Johannes Mario Simmel gerade noch das Wasser reichen kann.

Mag ja sein, dass sich das Buch leicht begreifen lassen muss, um die angepeilte Zielgruppe zu erreichen, aber die Handlung und die daraus zu lernende Lektion über das „Leben im Filmgeschäft“ bringen nichts Neues, sondern wiederholen lediglich den Plot von Kennedys erstem Roman „Nachtblende“ (der durchaus spannend ist).

Zum anderen ist der moralische Zeigefinger ziemlich hoch erhoben: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Das gilt nicht nur für David, sondern auch für seinen Widersacher Fleck (warum nur muss der einen solchen deutschen Namen tragen?). Das dürfte David aber auch kein Trost sein. Er weiß, der Mensch ist verführbar, Glück zerbrechlich und Liebe nur ein Four-letter-word. Wenigstens tritt am Schluss kein Moralapostel auf – die Erkenntnis und die Buße bringt David ganz von alleine fertig.

|Ein Abgesang auf die goldenen Neunziger|

In einem gewissen Sinne ist „Um jeden Preis“ ein Abgesang auf die goldenen Neunziger, wie man die Clinton-Ära zwischen den beiden Bushes („sex between the Bushes“) inzwischen nennen könnte. Die New-Economy-Seifenblase blähte sich auf und platzte 2000/2001 unter solchem Donnergetöse, dass die Börse fast zusammenbrach. Inzwischen konzentriert man sich wie David Armitage wieder auf das Notwendigste: die so genannte „Kernkompetenz“. Und im 21. Jahrhundert achtet man auf die Familienwerte, ebenfalls wie David. Fleck, der Milliardär, ist der anmaßende Intrigant, der das Filmgeschäft an sich reißen will, ein später Howard Hughes (dessen Leben unter dem Titel „The Aviator“ mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale und weiteren Größen verfilmt wurde).

Dieser ganze Wandel wird von Kennedy noch etwas lebensphilosophisch verbrämt, indem sich David und Martha Gedichte der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson zuschicken – sozusagen kodierte Kurzbotschaften über die jeweilige Stimmung im Lande. So wunderschön Tante Emilys Gedichte auch sein mögen, ich finde ihre Verwendung in diesem Roman aufgesetzt und deplatziert.

_Unterm Strich_

Wer einen anspruchsvollen Thriller wie etwa von Ken Follett, Jeffery Deaver oder Minette Walters erwartet, sollte erst einmal alle Erwartungen nach unten schrauben und dann erst in den Roman einsteigen. Nachdem ich diese anfängliche Enttäuschung erst einmal verarbeitet hatte, konnte ich mich mit Vergnügen dem Rest des Buches widmen. Es hat durchaus ein paar witzige und nette Stellen, aber man merkt doch deutlich, dass sich der Autor in seinen Ansprüchen an den Leser zurückgehalten hat.

|Originaltitel: Losing it, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann|

Haushofer, Marlen – Wand, Die

Die Phantasie der Menschen regt sich schaudernd, aber neugierig, wenn die Frage in den Raum geworfen wird: Was wäre, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst? Die Antworten auf diese Frage könnten unterschiedlicher und teilweise dümmer nicht sein. Wenn man der letzte Mensch auf dieser Welt ist, muss man alle Handwerksberufe in sich vereinen, um zu überleben. Strom, Heizung und warmes Wasser gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Arzt, der Krankheiten heilt, keinen Bäcker, bei dem man Brötchen kaufen kann, es gibt nicht mal jemanden, der einem zuhört.
Entweder lernt man, mit der Natur zu leben oder man gibt sofort auf und sucht sich einen Baum mit einem starken Ast, der sehr hoch ist.

Die Protagonistin aus Marlen Haushofers „Die Wand“ gibt nicht auf. Sie ist zu Besuch bei ihrer Kusine und deren Mann. Sie ist zu Besuch in einem Jagdhaus, das in einem Kessel liegt, umringt von Bergen und Wald. Sie ist zu Besuch, als die Wand sie vom Rest der Welt trennt und sie zur wahrscheinlich einzigen Überlebenden macht. Ihre Kusine und deren Mann sind ins Dorf gegangen und als sie nicht wieder zurückkommen, macht sie sich in Begleitung des Jagdhundes Luchs auf den Weg und stößt auf eine unsichtbare Barriere, die einfach so da ist. Ohne Sinn, ohne Logik und vor allem ohne Erklärung.
Im ersten Moment völlig verwirrt, hält sie die Wand für eine Illusion, eine Sinnestäuschung, wieder einen Moment später ist die Wand eine militärische Waffe, eingesetzt von einer unbekannten Siegermacht, die sicherlich bald feststellen wird, dass sie irgendetwas nicht verstanden hat und nicht da sein dürfte, wo sie jetzt ist: Auf der anderen Seite der Wand. Auf der Seite, wo alles lebt, wo Vögel ohne Vorwarnung gegen die Wand geflogen sind und jetzt halb zerfetzt am Boden liegen. Auf der Seite, wo die Vögel nicht einfach so vom Himmel gefallen sind und die Menschen nicht in ihrer letzten Haltung erstarrt sind, als wäre plötzlich die Atmosphäre verschwunden. Auf der Seite, wo Luchs nun ihr einziger Freund wird und Angst ihre größte Herausforderung.

Als sie den Bericht beginnt, lebt sie bereits mehrere Jahre alleine im Jagdhaus. Sie glaubt nicht, dass ein menschliches Auge ihre Worte jemals lesen wird. Sie schreibt, um sich einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren, sieht sich aber selbst, wie sie eines Tages das Geschriebene findet und es animalisch zerfetzt. Sie schreibt auf alte Kalenderrückseiten, um nicht wahnsinnig zu werden.
Innerhalb kurzer Zeit wird Luchs vermenschlicht. Auch die alte Katze, die sich eines Tages bei ihr einnistet, wird zum Menschersatz. Zusammen mit der Kuh Bella, die sie auf einem Erkundungstrip findet, schmelzen die drei zu einer neuen Familie zusammen.
Ihre echte Familie existierte sowieso schon lange nicht mehr. Ihr Mann war vor mehreren Jahren gestorben, ihre Kinder waren längst erwachsen und ihr komplett entfremdet, als die Wand die Scheidung endgültig machte. Sie mochte ihre Kinder als Erwachsene sowieso nicht leiden. In ihrer Erinnerung bleiben sie klein und brauchen ihre Mutter noch. Nun brauchen die Tiere sie. Die Kuh stellt sie alleine vor große Probleme. Sie braucht einen Stall und nach kurzer Zeit keimt der Verdacht auf, dass das Tier trächtig ist.
Sie muss sich um Nahrung kümmern. Sie hasste es schon immer, Tiere zu töten, doch nun ist sie gezwungen, auf die Jagd zu gehen. Dankbar für einen kleinen Vorrat an Bohnen und Erdäpfeln, beginnt sie den Ackerbau zu lernen. Sie lernt, an Rückschlägen, an ihrer mangelnden Kraft, Intelligenz und Courage nicht zu verzweifeln, sondern erneut das Haupt zu heben und verbissen weiterzumachen. Sie lernt das Überleben für sich und ihre Tiere. Und um sie herum hält die Wand, hinter der es offenbar kein Leben mehr gibt, den Tod von ihr fern.

Sie hat keinen Namen, denn in einer Welt, wo sie niemand mehr rufen kann, ist ein Name bedeutungslos geworden. Bedeutung haben nur noch der Wald, die Tiere und ihre Gedanken, die in ihrem Erlebnisbericht herumspringen wie Flöhe auf einem Hundefell. Ihre Worte sind einfach – sie selbst hält sich für eine Frau durchschnittlicher Intelligenz. Doch gerade diese Einfachheit ist schmerzhaft eindringlich. Ihre sprunghafte Analyse der zwei Leben, vor und nach der Wand, klingt hart und abgestumpft und ist doch nur ein Resultat der Distanziertheit – wer soll ihr schon einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Kinder als heranwachsende, gefühlskalte Monster sieht? Sie fühlt sich befreit von den Zwängen und Regeln, die andere Menschen ihr aufgedrückt haben. Es gibt keine Menschen mehr und nun kann sie sich selbst die Wahrheit eingestehen: Irgendwie ist die Wand doch das Beste, was ihr widerfahren konnte.

Doch Menschen können nicht ohne andere Menschen leben. So werden die Tiere ihre Gefährten. Der Hund, der ihr bedingungslos vertraut und sie beschützt, sie aufmuntert, sie rüffelt. Die Katze, die launisch mit Zuckerbrot und Peitsche spielt und sie emotional am meisten berührt. Die kleinen Katzen, die ihre Kinder werden und ihr alle wieder genommen werden. Sie nimmt sich vor, ihr Herz nicht wieder zu verlieren und kann doch nichts gegen den nächsten Wurf unternehmen. Sie lernt, dass Abschied nehmen nun einmal mit ihrem neuen Leben untrennbar verbunden ist.
Bella, die Kuh, die ihr größtes Sorgenkind und ihre Nährmutter ist. Bella, die ihr Stier als neuen Sohn gibt, um den sie sich kümmern kann. Bella ist Segen und Fluch zugleich, denn gerade die Kuh zeigt ihr mit ihren Anforderungen, wie klein und schmächtig und unzulänglich sie ist. Und gerade die Kuh treibt sie immer wieder an, noch mehr zu schaffen.

Marlen Haushofer veröffentlichte „Die Wand“ im Jahre 1963. Zu dem Zeitpunkt war sie 43 Jahre alt, verheiratet, geschieden und mit dem gleichen Partner erneut verheiratet. Sie hatte bereits die Novelle „Das fünfte Jahr“ veröffentlicht, für die sie mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Mit „Die Wand“ schuf sie ihr Lebenswerk.

Eingezwängt von den Erwartungen ihrer Familie, floh sie sich ins Schreiben, schuf sich ihre Wand, die sie gegen die Menschen abschottete. In der Natur und in ihrer Arbeit fand sie vorübergehende Erfüllung – wie ihre Heldin in dem Roman. Ihre Sprache ist trostlos und wunderschön, teilt Empfindungen in ihrer höchsten und reinsten Form mit. Der Leser wird mit einer Identitätskrise konfrontiert, die ihn selbst tief erschüttert und ihm zeigt, wie sinnlos und töricht die meisten menschlichen Wünsche und Erwartungen sind. Natürlich kommt unterschwellig die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Tragen und das ist bei diesem Roman äußerst legitim. Denn „Die Wand“ zeigt eine neue Einschätzung des Lebens, die unweigerlich zum Nachdenken führt. Hinzu kommt eine unheimliche, düstere Atmosphäre, die schwermütig und hoffnungslos ins Gehirn des Lesers schleicht und gleichzeitig doch von so viel Freiheit und Schönheit spricht, dass einem das Herz noch schwerer wird.

Marlen Haushofer starb im März 1970 an Krebs. „… ein Abschied ohne Bedauern, sachlich-entrückt: fixiert in ihrem geistigen Vermächtnis, luzid ob seiner Erkenntnis und Selbsterkenntnis:
‚Mach dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir. Vielleicht hast du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.'“ (Zitat aus dem Nachwort von Klaus Antes)

„Die Wand“ ist das einzige Buch, das ich bisher von der österreichischen Autorin gelesen habe, aber dafür geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Nur wer wirklich an hoher literarischer Kunst interessiert ist, an einer Psychoanalyse auf poetischem Niveau, nur der sollte dieses Werk zur Hand nehmen und sich auf einen einzigartigen Ausflug in ein Jagdhaus in einem Kessel zu Füßen von Bergen und mitten im Wald, ganz allein mit sich und einigen herzgewinnenden Tieren, begeben. Denn so könnte es sich anfühlen, der letzte Mensch auf der Welt zu sein.

Henry Miller – Stille Tage in Clichy

Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. „Clichy“ entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet. Doch die erotischen Abenteuer, die Millers Alter Ego Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre (genauer: 1933). Ein Abstecher in das deutschsprachige und -gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.

Handlung

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Bradley, James – Wrack

Der australische Historiker David Norfolk jagt wieder einmal seinem Lebenstraum hinterher. Er möchte unbedingt das Wrack jenes portugiesischen Schiffes finden, das unbestätigten historischen Berichten zufolge ein Sturm im Jahre 1519 auf den Sand der Küste von New South Wales geworfen hat. Die aktuelle Grabungskampagne ist vermutlich seine letzte Chance, denn das Forschungsinstitut, für das er arbeitet, ist es leid, ihm eine ergebnislose Expedition nach der anderen zu finanzieren.

Davids Aufregung ist daher verständlich, als er mit dem Detektor eine unbestimmte, aber große Form unter dem Sand aufspürt. Als er und seine Helfer zu graben beginnen, machen sie allerdings eine makabre Entdeckung: die Leiche eines schon vor Jahrzehnten erschossenen Mannes. Die Polizei erscheint – und mit ihr Claire Sen, Davids Ex-Geliebte, die ihn einst wegen eines Anderen verlassen hat. Die Beziehung ist in die Brüche gegangen, und nun ist sie zurückgekehrt, um wieder in ihrem Beruf als Pathologin zu arbeiten. Rasch bemerken sowohl sie als auch David, dass da noch Gefühle füreinander existieren, was Anne, Davids derzeitige Gefährtin, mit verständlichem Missmut zur Kenntnis nimmt.

Als die Ausgräber endlich weiterarbeiten können, stoßen sie nur auf einige verschrottete Landmaschinen. Inzwischen hat aber einer der Polizisten David einen Tipp gegeben: Nicht weit entfernt haust in einer schäbigen Hütte in den Dünen der alte Kurt Seligman, der vorgibt, von dem Portugiesenschiff zu wissen. David sucht den Einsiedler auf, doch der liegt im Sterben. Die Angst, mit Seligmans Tod auch seines Wissens verlustig zu gehen, lässt David den Entschluss fassen, sich um den alten Mann zu kümmern, um zu versuchen, diesen in der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt, über das Schiff auszufragen!

Seligman hat tatsächlich lange Jahre nach dem Wrack in den Dünen geforscht und Erstaunliches herausgefunden. Noch wichtiger ist es ihm indes, ein Publikum für seine Lebensgeschichte gefunden zu haben, die er sich von der Seele reden will, bevor es zu spät ist. David und Claire hören zu, denn geschickt flicht der alte Mann immer wieder kryptische Andeutungen auf das Schiff in seine Erzählungen ein, die bald einer Beichte zu gleichen beginnen und in einem düsteren Eifersuchtsdrama münden. Das Schiff erweist sich schließlich als sehr real, doch der vom Leben enttäuschte Seligman hat Vorsorge dafür getroffen, dass es auf ewig ein Mythos bleiben wird …

Im Jahre 1770 landet der berühmte Seefahrer und Entdecker James Cook an der Nordküste Australiens und nimmt den siebten Kontinent für seine britannische Majestät in Besitz. Doch schon den Zeitgenossen ist klar, dass die Briten keineswegs die Ersten in Australien gewesen sind. Von den Aborigines, den Ureinwohnern, die bereits vor Jahrzehntausenden über das Meer gekommen sein müssen, einmal ganz abgesehen, ist so mancher Vertreter der seefahrenden Nationen Europas hier gelandet – in der Regel nicht freiwillig, sondern als Folge nautischen Ungeschicks oder eines Schiffbruchs nach schwerem Tropensturm. Kein Wunder, dass man von solchen Unglücklichen in der Heimat meist nichts mehr gehört hat.

Wer denn nun als erster Europäer die zweifelhafte Ehre hatte, den Fuß auf australischen Boden zu setzen, ist in der Historikerzunft umstritten. Vermutlich war es ein Portugiese, irgendwann im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts; so lassen es die dürftigen Quellen vermuten. James Bradley baut seinen Debütromans auf dieser Prämisse auf und fährt gut damit. Historische Rätsel als Treibriemen einer abenteuerlichen Geschichten funktionieren immer – siehe Lara Croft. Es muss nur gewährleistet sein, dass derjenige, der sie beschwört, sein Handwerk auch versteht. Die Vergangenheit hat durchaus ihre Gesetze, die sich zwar biegen, aber nicht mutwillig brechen lassen, ohne dass es selbst der Laie merkt und verstimmt ist. Eine gute Mischung aus Wahrheit – es muss ja gar nicht viel sein – und Spekulation erzeugt jene Spannung, die selbst den altgedienten Leser noch immer in erwartungsvolle Stimmung versetzt.

Bradley versteht sein Handwerk – und mehr. Viele Debütromane leiden an ihrer thematischen Überfrachtung; der frischgebackene Autor will das Rad neu erfinden und klinkt noch ein Abenteuer und noch einen Konflikt an den roten Faden, bis dieser schließlich darunter zerreißt. Auch Bradley legt die Latte hoch an: „Wrack“ ist nicht nur ein Abenteuer, sondern ein Rückblick auf fünf Jahrhunderte Entdeckungsreisen und Geografie, eine Liebesgeschichte, ein Thriller und auch noch ein Historienroman, und das auf gleich drei Zeitebenen! Aber der Autor behält nicht nur alle Elemente im Griff, sondern auch in wunderbarer Balance.

Bradleys Figuren sind nicht nur Papiertiger, sondern sorgfältig gezeichnete Individuen – ganz „normale“ Menschen, die sich unerwartet mit dem Außergewöhnlichen konfrontiert sehen und durchaus ihre Schwierigkeiten damit haben. Die noch unverbrauchte Kulisse der australischen Nordküste komplettiert den rundum positiven Eindruck, den dieses zudem angenehm lesbare, weil gut geschriebene und elegant übersetzte Buch hinterlässt. James Bradley – ein Name, den man sich merken sollte, wie es so schön und dieses Mal zur Abwechslung einmal sehr zutreffend heißen kann.