Archiv der Kategorie: Grenzwissenschaft und Neues Denken

Bücher, Norman – Extrem: Die Macht des Willens

Die Jagd nach Extremen ist genau jene Motivation, die Norman Bücher seit Jahren zu physischen Höchstleistungen antreibt. Marathons sind schon längst keine Hürde mehr für den deutschen Grenzgänger, der inzwischen an den waghalsigsten Laufveranstaltungen der ganzen Welt teilgenommen hat. Was ihn dabei antreibt, warum er überhaupt erst zu jener Vorliebe gekommen ist, vor allem aber was ihm die Kraft verleiht, die körperlich völlig unmöglich anmutenden Leistungen abzurufen, erzählt er in seinem Buch „Die Macht des Willens“.

_Doch die Frage stellt sich_: Inwiefern kann es dem mittlerweile geschätzten Referenten gelingen, das Publikum für sich zu gewinnen und vor allem von seinen Thesen zu überzeugen? Was macht die Extreme, die Bücher in all den Jahren ausgelotet hat, auch für seine Leserschaft erstrebenswert? Wo entdeckt man die Parallelen zwischen eben jenem Extremsportler und dem Normalsportler?

Nun, auf derartige Fragestellungen gibt „Extrem: Die Macht des Willens“ keine konkreten Antworten. Stattdessen praktiziert der Autor vielmehr eine Art biografische Selbstdarstellung, die insofern sicher lesenswert ist, dass man aus den eigensinnigen Motivationsvorschlägen für sich selbst eine Menge Positives herausziehen kann. Denn Bücher stiftet nicht mit plumpen Durchhalteparolen und ‚jeder kann das schaffen‘-Theorien zu ähnlichen Erfahrungen an. In erster Linie liegt ihm viel daran, die vielen kleinen Faktoren aufzuzählen, die beispielsweise einen vierfachen Marathonlauf durch die europäische Gebirgslandschaft zum unglaublichen Erlebnis machen. Zwischenmenschliche Begegnungen, unglaubliche Naturereignisse und selbst die pure Freude, den Morgen bewusst bei einem Waldlauf zu erleben, stehen hier den theoretischen Überlegungen gegenüber, wie man seinen Körper erforscht und in der Tat mit der individuellen Willenskraft Dinge erreichen kann, die weit über das hinausgehen, was man sich und seiner Physis zutraut. Allerdings, und das ist der springende Punkt: Die Vermischung beider Inhalte erfolgt nicht immer zur vollsten Befriedigung, weil Bücher pausenlos schwenkt und es ihm nicht immer konsequent gelingt, die vielleicht sogar wissenschaftlichen Thesen mit seinen Erlebnisberichten in einer Art und Weise zu koppeln, dass sie auch in der Nachlese spannend und packend sind.

Der gesunde Mittelweg stellt sich hier nämlich als die größte Hürde dar, die zu überwinden aber auch ein echter Balanceakt ist. Erwartet man nämlich bei den Schilderungen der globalen Erfahrungen etwas mehr Tiefgang und vielleicht auch eine gewisse Detailverliebtheit, wenn es um die Erforschung von Natur und Umgebung geht, bekommt man hier lediglich grobe Risszeichnungen, die zwar klar vermitteln, unter welchen Umständen Norman Bücher wieder mit sich und seinem Geist gerungen hat, aber eben nicht dieses prächtige Rundumpaket bündeln, wie es beispielsweise in den klarer deklarierten Abenteuerbüchern anderer Extremsportler geschieht. Andererseits ist für eine rein theoretische Abhandlung der Faktoren, die den Willen antreiben und seine Kraft so weit stärken, dass man immer wieder neue persönliche Limits erkundigt, nicht genügend Spielraum, weil Bücher – und das ist ja auch gut so – schon einen groben Einblick über die Ereignisse geben möchte, die seine Reisen geprägt und ihn als Menschen geformt haben.

Jener Zwiespalt führt zu einem kleinen Interessenkonflikt, der immer dann zu spüren ist, wenn der Autor die teils sehr persönlichen und emotionalen Punkte seiner Biografie vorschnell abbricht, um dann doch wieder zu schildern, mit welchen Mitteln er schließlich ans Ziel gekommen ist. Dies ist sicher auch alles lesenswert und ergibt auch alles Sinn, doch irgendwie vermisst man ein wenig die Detailschärfe, quasi die Ausschmückung, die dann wieder von rationalen Inhalten abgelöst wird.

_Nichtsdestoweniger erfährt man_ in „Extrem: Die Macht des Willens“ vieles über die kleinen Spielchen, die man während solcher Limit-Events mit seiner eigenen Psyche betreibt, wie man sie besiegen kann und wie man schlussendlich für sich den geeigneten Weg findet, auch außergewöhnliche Ziele wider jede Vernunft zu erreichen. Aber es sind eben auch Aspekte in diesem Buch, die schlichtweg etwas mehr Aufmerksamkeit fordern, um die Person Bücher noch besser zu verstehen, seine Biografie einzuatmen und tatsächlich noch motivierter an bestimmte Dinge heranzugehen. Gelegentlich steckt vielleicht zu viel Mainstream in der Sache, was verhindert, dass das Eigenbrödlerische verloren geht. Und nur wenn man über diesen Umstand hinwegsehen kann und sich mit der vermehrt oberflächlichen Betrachtung zufriedengibt, wird man seine Schlüsse aus dieser Studie ziehen. Bevor man sich falsch versteht: Es hat sicher auch Spaß gemacht, in die Welt des Norman Bücher hineinzuschnuppern. Doch die wirklich hohen Erwartungen und der letztendliche persönliche Eindruck sind eben nicht immer kongruent.

|Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3902729187|
http://www.goldegg-verlag.at

Hengstschläger, Markus – Durchschnittsfalle, Die: Gene – Talente – Chancen

Es ist mitunter die wichtigste Erkenntnis dieses Buches, dass ein ‚talentfrei sein‘ nicht dringend gewertet werden muss. Gleichzusetzen ist diese Feststellung noch mit dem Fakt, dass zumeist lediglich die Dinge beanstandet werden, die man eben nicht aus dem Effeff beherrscht, statt vor allem die Qualitäten zu fördern, die nachweislich vorhanden sind. Markus Hengstschläger wagt sich mit seinem teils wissenschaftlichen, teils aber auch sehr unterhaltsamen Report über „Die Durchschnittsfalle“ auf riskantes, zerbrechliches Terrain, indem er behauptet, der Mensch würde sich nur allzu gerne dem Mainstream unterordnen und mit Vorliebe in der Masse verschwinden. Doch seine Thesen kann der Autor, der bereits ausführlich über die genetische Disposition referiert hat, in seinem 185 Seiten starken Buch immer wieder treffend belegen. Sind wir Menschen also dazu verdammt, durchschnittlich zu bleiben, wenn wir uns immer wieder mit denjenigen messen, zu denen wir aufschauen, deren Gaben und antrainierte Fähigkeiten wir jedoch nie erreichen können? Oder ist es tatsächlich möglich, den kreativen Gedanken zu nutzen und uns genau in eben jene Richtung zu entwickeln, in der wir uns aufgrund von Vorerfahrungen, Leidenschaften und Interessen definitiv am wohlsten fühlen?

Hengstschläger selbst gibt auf diese Fragen zwar keine direkten Antworten, vermittelt aber in den zahlreichen Kapiteln mit all ihren leicht nachvollziehbaren Thesen genügend Denkanstöße, die das eigene Handeln in Frage stellen – und somit auch gleich die pädagogische Förderung, die bereits mit der Geburt beginnt. Sicherlich, und das zweifelt auch der Autor nicht an, spielen Gene eine gewisse Rolle und formen jene Eigenschaft, die allgemein als Talent verschrien ist. Doch gleichermaßen sind genau diese Talente kein Freifahrtschein für den Weg zum Ruhm. Populäre Vergleiche wie der mit dem Opernstar Placido Domingo oder dem Fußballkönner Lionel Messi wirken diesbezüglich zwar erst einmal weit hergeholt, verdeutlichen aber, dass spezielle Begabungen nicht viel wert sind, wenn man sie nicht bewusst ausbaut und hart an ihnen arbeitet. Dies ist keine grundlegend neue Erkenntnis, aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass gewisse Eigenschaften nicht miteinander vergleichbar sind, ein wichtiger Punkt. Warum sollen denn nicht auch diejenigen Qualitäten unterstützt werden, die in der großen Masse nicht das meiste Ansehen bringen? Müssen denn lediglich die Dinge im Vordergrund stehen, die sich am Ende gewinnbringend verkaufen lassen, ja gar den höchsten Lebensstandard gewährleisten und garantieren, wenn man sie zur Perfektion bringt?

Letzten Endes plädiert Hengstschläger mehr oder minder unterbewusst für die Menschlichkeit, indem er die ‚kleinen Dinge‘ ebenfalls begutachtet und ihnen Bedeutung beimisst oder aber schlichtweg dazu anhält, nicht ausschließlich das Zählbare als wertvoll zu beschreiben, sondern auch die kleinen Erfolge, die jeder Mensch ganz und gar für sich beanspruchen und erleben darf.

Andererseits versteht sich der Autor nicht als Prediger, der von der Kanzel den Zeigefinger ausstreckt. Vielmehr agiert er aus der wissenschaftlichen Sicht, verurteilt sicherlich auf eine gewisse Art und Weise, wie die Gesellschaft in ihrem Perfektionsstreben nur auf bestimmte Dinge fokussiert bleibt, weckt aber auch die Gedanken für eben jene Argumente, die für jedermann einen Wert haben können. Sein einzig markanter Aufruf besteht darin, sich nicht vom Bild des Mainstreams unterdrücken zu lassen, gewissermaßen an sich zu glauben und nicht die Wertmaßstäbe anzunehmen, die von allen erdenklichen Medien vorgegeben werden. Das kreative Gen, das jeder Person innewohnt, wird konkreter betrachtet, der Kreativitätsbegriff sehr frei interpretiert und auf das kleinste Gemeinsame heruntergebrochen – und genau dieser Aspekt verwandelt einen umfassenden Thesenbericht schließlich in eine unterhaltsame Forschungsarbeit, in der sich „Die Durchschnittsfalle“ gerne als das Schlussplädoyer verstehen darf.

Eines muss man sich lediglich vor Augen führen, wenn man sich für den Titel und die Thematik interessiert: Markus Hengstschläger ist gelegentlich unangenehm in seinem Vorgehen und animiert nicht unwissentlich zur Selbstkritik. Aber genau das ist auch gut so, denn das bloße Entertainment gehört der Masse – und laut Hengstschläger sollte es das gemeinsame Ziel sein, sich bewusst von dieser abzugrenzen und in sich selbst zu horchen. Und im Hinblick auf sein neues Buch hat er das wichtigste persönliche Ziel erreicht, indem er lediglich ein Bewusstsein für den Ist-Zustand hervorgerufen hat, wofür er trotz der gelegentlich sehr vagen Aussagen Anerkennung respektive „Die Durchschnittsfalle“ Aufmerksamkeit verdient.

|Gebunden: 186 Seiten
ISBN-13: 978-3711000224|
http://www.ecowin.at

Havener, Thorsten – Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten

_Die Gedanken sind frei – ach ja?_

Thorsten Havener hat mit seinem revolutionären Werk „Ich weiß, was du denkst“ nicht nur die Bestseller-Listen gestürmt, sondern vor allem auch die Gemüter erhitzt. Der selbst ernannte Gedankenleser stellte in seinem viel beachteten Buch Thesen und Ideen dar, die sich zunächst einmal nicht widerlegen ließen – und somit auch den New Age-Kosmos im Mainstream-Markt etablierten. Haveners Reputation wuchs schlagartig und nicht bloß infolge seiner immens gesteigerten medialen Präsenz galt er plötzlich als Shootingstar einer ganz neuen, wenig erforschten Branche, die auch in der Folge nach neuen Arbeiten des Autors und Bühnenkünstlers verlangte. Mit „Denken sie nicht an einen blauen Elefanten“ veröffentlicht Havener nun einen weiteren Titel, der sich mit der Macht der Gedanken beschäftigt. Doch kann der Autor hier tatsächlich an den Erfolg seines ersten Werkes anknüpfen?

Nun, zumindest inhaltlich ist die Nachfolgearbeit bei Weitem nicht so beeindruckend wie das schlagartig zündende „Ich weiß, was du denkst“. Wurden dort Theorien aufgestellt, inwiefern die Gedanken anderer Menschen zu durchschauen sind, will der ‚Mentalist‘ nun anhand von vielen praxisnahen Beispielen darstellen, wie oft man sich von seinen Gedanken manipulieren lässt – und inwieweit man selber aktiv beeinflussend und manipulativ darauf einwirken kann, bestimmte Abläufe und als Selbstläufer funktionierende Handlungen nicht mehr als solche durchgehen zu lassen.

Havener vermischt hierbei sehr schön Theorie und Praxis und bemüht sich redlich um einen sehr lockeren Schreibstil, der die verschiedenen Themen und Gedankengänge nicht als Trockenfutter für die Wissenschaft abstufen soll. „Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten“ bleibt somit durchweg leichte Kost, angefangen bei den Übungen, in denen man sein eigenes Gehirn zu betrügen versucht, bis hin in den wissenschaftlichen teil, der zwar nicht ganz so dominant ist wie noch in seinem letzten Buch, als Grundlage aber dennoch unabdinglich präsent sein muss, um die Wege und Schritte zu verstehen, die der Körper und der Geist in gewissen Situationen geradezu zwangsläufig einschlagen. So berichtet der Autor, welchen Einfluss kulturelle und historische Einflüsse auf das individuelle Handeln haben, welchen Stellenwert persönliche Erfahrungen und Ängste hierbei einnehmen und wie man all dies auch gezielt einsetzen kann, um Dritte zu beeinflussen und auch ihr durchschaubares Tun zu lenken. Wie verdiene ich als Kellner mehr Trinkgeld? Wie kann meine Körpersprache dazu beitragen, Emotionen bei meinem Gegenüber auszulösen, obschon sie nicht dem entspricht, was mein aktueller emotionaler Zustand preisgeben müsste? Wann bin ich wirklich selbstgesteuert und übernehme nicht feste Schemata, die fast schon indoktriniert worden sind? Und wo kann ich überhaupt Einfluss nehmen?

Die Fragestellungen sind sowohl alltagsbezogen als auch psychologisch relevant, werden aber immerzu in leichter Sprache und nicht allzu starkem Theoriebezug erläutert. Doch komischerweise stellt sich mit jedem weiteren Vordringen in die Materie ein wenig Ernüchterung ein. Sieht man mal voll den stellenweise recht komischen Übungen ab, hat man ab einem gewissen Punkt das Gefühl, Havener würde sich lediglich wiederholen, zwar in einem anderen Zusammenhang, aber in keinem wirklich divergierenden inhaltlichen Kontext. Und wenn schließlich sein Assistent Eingrift und dann doch den Fokus auf die rationale, wissenschaftliche Betrachtung legt, verliert das Ganze irgendwie seinen Reiz, ganz so nach dem Motto: gut zu wissen, aber weiterhin nicht relevant.

Es stellt sich schließlich die Frage, warum es überhaupt wichtig scheint, seinen Gedanken voraus zu sein und sein verhalten ständig zu reflektieren. Die Freizügigkeit geht verloren, der Mensch wird zum Analytiker und schränkt sich in seiner Freiheit nur noch weiter ein – zumindest scheint dies der Fall zu sein, wenn man „Denken sie nicht an einen blauen Elefanten“ als Lehrbuch für den eigenen Verhaltenskodex verwendet. Es mag zwar unterhaltsam sein, sich näher mit manchen Inhalten auseinanderzusetzen und sie am praktischen Beispiel zu erproben. Doch im Vergleich zu den definitiv revolutionären Zügen seines vorangegangenen Bestsellers macht „Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten“ eher den Eindruck, als hätte Havener hier gezwungenermaßen schnell nachlegen müssen, um nicht direkt wieder in Vergessenheit zu geraten. Selbst wenn einzelne Passagen lesenswert sind und man ihnen einen höheren Unterhaltungswert nicht streitig machen kann: Irgendwann, und das ist bei einem eh schon recht schmalen Buch wie diesem schon bemerkenswert, ist die Luft einfach raus und der Reiz, mehr zu erfahren, verschwunden. Fans des ersten Buches sollten natürlich trotzdem mal einen Blick riskieren, aber keinesfalls erwarten, dass der Name des Autors und dessen derzeitiges Renommee alleine dafür bürgen können, Großartiges aufgetischt zu bekommen. „Denken Sie nicht an einen blauen Elefanten“ ist nach anfänglichem Optimismus nämlich eher enttäuschend – gerade wegen der hochtrabenden Erwartungen!

|Broschiert: 256 Seiten
ISBN-13: 978-3499626098|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Baigent, Michael – Rätsel der Sphinx, Das

Zusammen mit seinen Co-Autoren Henry Lincoln ([„Der heilige Gral und seine Erben“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5840 – 1982) und Richard Leigh („Verschlusssache Jesus“ – 1991) landete Michael Baigent mit seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Religion und Altertumsforschung bereits auf den Bestsellerlisten. 1998 folgte mit „Ancient Traces“, welches in der deutschen Fassung ziemlich unpassend mit „Das Rätsel der Sphinx“ betitelt wurde, ein Soloprojekt, bei welchem sich der in England lebende Autor diesmal noch weiter in die Vergangenheit begibt, um die Frage zu klären, ob die verbreitete Lehrmeinung bezüglich der Einordnung signifikanter Daten und archäologischer Funde der Erdgeschichte nicht kolossal danebenliegt.

_Zum Inhalt_

Baigent ist landläufig dafür bekannt, dass er der etablierten Wissenschaft und insbesondere der (katholischen) Kirche mit seinen nicht unumstrittenen Theorien gern nonchalant ans Bein pinkelt. Allerdings kümmert er sich in seinem Soloauftritt mal nicht um seinen erklärten Lieblingsgegner und mischt die christliche Lehre auf, sondern nimmt – unter anderem – niemand Geringeren als den altehrwürdigen Charles Darwin aufs Korn. Baigent kann dessen Evolutionstheorie nämlich nicht sonderlich viel abgewinnen. Sie erklärt zwar einiges, hat aber auch ihre unbestreitbaren Schwächen. Er hält es da eher mit der Chaostheorie. Diese, so ist er überzeugt, passt auch ganz hervorragend auf die Entwicklung des modernen Menschen – des Homo sapiens. Der ist nämlich ein evolutionäres Kuriosum und seine tatsächliche Herkunft alles andere als schlüssig bewiesen.

Dieses Dilemma der Wissenschaft ist als „Missing Link“ heute recht bekannt; selbst außerhalb wissenschaftlicher Kreise können die meisten Menschen mit diesem Begriff etwas anfangen. Er beschreibt das Fehlen eines direkten Bindeglieds zwischen den Primaten und uns, sozusagen die Zwischenstufe zwischen Affe und Mensch. Es scheint tatsächlich so, als wäre der Sapiens sehr plötzlich und körperlich bereits vollkommen entwickelt auf der historischen Bühne aufgetaucht und hätte seine unterentwickelten Konkurrenten dabei rigoros verdrängt; den Neandertaler beispielsweise. Mehr noch: Einige kuriose (jedoch vom wissenschaftlichen Establishment geleugnete oder ignorierte) Fossilien-Funde weisen darauf hin, dass der Mensch in seiner jetzigen Form bereits etliche Millionen Jahre früher, parallel zu den Dinosauriern, auf Erden wandelte.

Starker Tobak, den Baigent uns dort auftischt, und er ist noch lange nicht fertig mit seinen überraschenden Ausführungen. Interessant ist auch, dass der Homo sapiens viel mehr Gemeinsamkeiten mit Meeressäugern aufweist als mit seinen Primaten-Verwandten an Land. Selbstverständlich glaubt er auch nicht an die Savannen-Theorie, welche gern dazu herangezogen wird, wenn es darum geht, den aufrechten Gang zu erklären. Wer bis hierhin meint, das Ganze sei unglaublich, für den hat er noch ein paar weitere schwer verdauliche Happen auf Lager. Zeugenaussagen zufolge soll es – etwa in Zentralafrika, aber auch andernorts – in isolierten Habitaten sowohl überlebende Saurier als auch Höhlenmenschen geben. Stichwort: „Nessie“ und „Sasquatch“. Als Beweis für diese Möglichkeit führt er an, dass heutzutage immer wieder angeblich ausgestorbenen Rassen wiederentdeckt werden.

Hauptsächlich handelt es sich dabei jedoch um Meeresbewohner wie den Quastenflosser oder auch den gut zehn Meter langen Riesenkalmar. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn schon Meeresgeologe und Titanic-Entdecker Robert D. Ballard bemerkte einmal sehr treffend, dass die Menschheit wesentlich mehr über die Mondoberfläche wüsste als über das Meer bzw. den Meeresboden. Da können sich Lebewesen schon einmal dem Zugriff neugieriger Forscheraugen entziehen. Bei Landtieren (speziell bei solchen mit den Körpermaßen eines kleinen Sauriers) sieht es bei unserem mittlerweile von Satelliten umzingelten Planeten schon ganz anders aus. Kaum vorstellbar, dass diesen Eyes-in-the-Sky solcherlei entgehen könnte. Wiewohl erst kürzlich in der Boulevard-Presse ein Aufnahme des schottischen Loch Ness von Google Earth zu Spekulationen Anlass gab, ob das darauf zu sehende, ominös-unscharfe Objekt nicht vielleicht doch Nessie sein könnte. Wie auch immer: 1998, zu Drucklegung des Buches, war flächendeckendes GPS noch kein Thema.

Baigents Argumentation wirkt insgesamt plausibel, was nicht weiter wundert, ist er doch ein studierter Psychologe mit Master-Degree. Er weiß also genau, wie er seine Leserschaft drankriegen kann, seinen unterhaltsamen Theorien zu folgen. Zudem beherrscht er die Kunst, Erklärungen zu präsentieren, aufgrund von Dingen, welche man eben NICHT gefunden hat. Das ist natürlich extrem praktisch, wenn keine entsprechenden Beweise oder seriösen Quellen vorliegen. Ein Umstand, welcher ihn natürlich für seine Gegner immer wieder angreifbar macht, die wiederum aber verkennen, dass die Logik erstaunlich oft – aber nicht immer – auf seiner Seite ist, und dass auch die anerkannte Wissenschaft sich häufig der gleichen Methode bedient, um über argumentativ dünnes Eis zu wandeln. Oder um es mit dem Ruhrpott-Original Jürgen von Manger (alias „Tegtmeier“) zu sagen: „Watte nich‘ selber weiß‘, dat musse dich erklären“.

Was das nun alles mit dem Sphinx (ganz recht, es heißt richtig: |der| Sphinx) aus dem Titel zu tun hat? Nach den prähistorischen Exkursionen landet Baigent im alten Ägypten und illustriert, dass auch dort gern aufgrund mangelnder oder fragwürdiger Beweislage Ereignisse ganz offensichtlich falsch datiert werden. Wobei der Gesichtsvergleich eines renommierten New Yorker Kriminalisten zwischen dem angeblichen Erbauer – Pharao Chefren, dessen Gesicht den Sphinx ja zieren soll – und dem tatsächlichen Antlitz ein recht alter Hut ist. Es zeigt aber deutlich, wie verstockt insbesondere Dr. Zahi Hawass (der verantwortliche, ägyptische Altertumsverwalter) sich gegenüber sachlich vorgebrachten und berechtigten Zweifeln am Alter und Entstehungsgeschichte des gesamten Gizeh-Komplexes verhält. Lange bevor sich Hawass bei einer rundherum getürkten Graböffnung selbst als mediengeiler Scharlatan outete, hatte Baigent den falschen Fuffziger bereits als solchen identifiziert. Zum Leidwesen vieler, nicht nur kritischer Forscher ist er aber immer noch im Amt.

_Fazit_

Während sich eine ganze Reihe seiner Theorien inzwischen als überholte und/oder hochspekulative – aber kreative – Phantastereien erwiesen haben, hielten andere wiederum sogar Einzug in orthodoxere Denkweisen. Die Missing-Link-Problematik in der menschlichen Evolutionsgeschichte beispielsweise diskutiert heute niemand mehr weg; auch wenn der Anstoß dazu nicht von Baigent stammt, so sind es doch gerade auch immer wieder solche Querdenker-Publikationen, welche auch der konservativ eingestellten Lehrmeinung neue Impulse geben können. Letztendlich lässt sich auf beiden Seiten wenig beweisen und vieles zunächst nur mutmaßen. „Das Rätsel der Sphinx“ ist sicherlich nicht Baigents bestes Buch, jedoch trotz seiner sich oft gebetsmühlenartig wiederholenden Thesen interessant und leidlich unterhaltsam.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

OT: „Ancient Traces: Mysteries in Ancient and Early History“
Viking, London – 1998
Deutsche Fassung: Droemer/Knaur, München – 1998
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
ISBN: 3-4267-7567-0 (Reprint – 2002)
288 Seiten, zahlreiche Illustrationen. Broschur

Baigent, Michael / Lincoln, Henry / Leigh, Richard – heilige Gral und seine Erben, Der

Bei ihren Recherchen zu einer BBC-Dokumentation über eine geheimnisvolle Katharer-Festung in den französischen Pyrenäen stoßen die Autoren Lincoln, Baigent und Leigh im Jahr 1982 auf Spuren, welche nicht nur die Gralslehre in einem neuen Licht erscheinen lassen, sondern sogar die Grundfeste des Christentums erschüttern könnten. Das Buch gilt gemeinhin als populärwissenschaftliches Standardwerk zur alternativen Deutung der Gralsgeschichte und wird mittlerweile von mehreren Verlagen als günstiger (und überarbeiteter) Reprint angeboten. Übrigens adelte Erfolgsautor Dan Brown den Stoff unlängst dadurch, als dass er ihn als beinahe perfekte Blaupause für seinen Bestseller „The da Vinci Code“ (dt.: [„Sakrileg“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 verwendete.

_Zum Inhalt_

Hauptsächlich geht es darin um das geheime Wissen und angebliche Ziele des geheimniskrämerischen und elitären Ordens Prieuré de Sion. Bei den Recherchen wurden dem Trio einige brisante Aufzeichnungen in die Hände gespielt: die so genannten „Prieuré-Dokumente“. Darin sind eine große Menge ordensinterne Daten zu finden, welche ursprünglich wohl offenbar nicht für öffentliche Augen bestimmt gewesen sein dürften und von Gründung im frühen Mittelalter bis in die späten Siebziger des vergangenen Jahrhunderts reichen. Sie umfassen somit gut 1000 Jahre. Die Herkunft dieser Dokumente und ihre Authentizität sind bis heute nicht ganz geklärt, doch scheinen sie sich wenigstens in vielen Teilen mit der belegbar und allgemein anerkannten Geschichtsschreibung zu decken. Jedoch nicht immer.

Der ominöse Bund, dem man nachsagt er wolle die ausgestorben geglaubte Merowinger-Dynastie wieder an die Macht bringen, ist ein moderner Mythos und ein Kuriosum. Er „firmiert“ – zumindest laut dem offiziellen französischen Vereinsregister – nicht nur unter falscher (Briefkasten-)Adresse, sondern ist, den Autoren zufolge, sogar eine komplett anders gelagerte Organisation, als sie nach außen vorgibt zu sein. Dabei gehörten der, ähnlich einer Freimaurer-Loge, pyramidisch strukturierten Gemeinschaft einige illustre und bekannte Persönlichkeiten an. So bekleideten unter anderem Leonardo da Vinci oder Sir Isaac Newton, also alles andere als esoterisch verbrämte Spinner, den Posten eines „Großmeisters“. Auch mannigfaltige Berührungspunkte zu den Templern, den Deutschrittern und insbesondere den Rosenkreuzern werden unter Zuhilfenahme diverser Quellen hergestellt.

Das alles liest sich, übrigens nicht nur für den Laien, höchst verwirrend, und die Lektüre zieht sich auch ganz schön zäh in die Länge. Ständiges Springen in den Appendix tut sein Übriges. Wenn die ganzen Personen, Begebenheiten und deren Querverbindungen (und das auch noch oft chronologisch zunächst nicht erkennbar zusammenhängend) über dreiviertel des Buches permanent auf einen einprasseln, beschleicht den Leser doch mehr als einmal das Gefühl, irgendwie im falschen Film gelandet zu sein, denn was soll das mit dem Gral zu tun haben? Dennoch benötigt man nicht wenige dieser Informationen, um den Autoren im letzten Abschnitt einigermaßen folgen zu können, wo sie ihre Hypothese zum Gesamtbild zusammenklöppeln. Selbstverständlich widmen sie sich spätestens dann auch den überlieferten Gralserzählungen von Eschenbach & Co.

Allerdings ziehen sie aus den bislang eher mythologisch gedeuteten Erzählungen und den nachweislich handfesten Bestrebungen der Prieuré de Sion ganz andere, höchst erstaunliche Schlüsse, und die haben viel mit Genealogie zu tun. Die angeführte Indizienkette reicht bis in biblische Vorzeit zurück, genauer gesagt bis zum Stamme Davids, welchem übrigens auch Jesus in direkter Linie angehört. Mit dem Mysterium der Auferstehung, dessen tatsächlichen Hergang die Autoren wesentlich anders rekonstruieren als die Version, welche die Bibel präsentiert, wurden einige sehr kuriose Vorgänge angestoßen – mal ganz abgesehen von der Entstehung einer (Welt-)Religion. Später, während der Kreuzzüge, formierten sich angeblich die Kreuzritter/Templer, um fürderhin als Gralshüter zu fungieren. Man nimmt an, dass der Auslöser dafür ebenfalls mit dem Gral zusammenhängt.

_Fazit_

Ein Körnchen Wahrheit steckt in diesen Nachforschungen sicherlich. Heutzutage haben sich die drei Autoren von einigen ihrer damaligen Quellen und den daraus resultierenden Schlüssen, zumindest in Teilen, wieder distanziert. Dennoch enthält „Der heilige Gral und seine Erben“ einige hochinteressante Informationen und Thesen, die man nicht pauschal als Unfug abtun sollte. Man muss sich allerdings darauf einlassen, Geduld und Hartnäckigkeit mitbringen, denn das zuweilen wirre Geflecht aus Namen, Orten und Begebenheiten ist für den nicht vorbelasteten Leser oft nur schwer zu durchschauen und zeitweise sogar richtiggehend ermüdend. Wesentlich unterhaltsamer lassen sich die Kernaussagen, wie eingangs bereits erwähnt, in Dan Browns „Sakrileg“ nachlesen.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

OT: „The Holy Blood and the Holy Grail“
Jonathan Cape Ltd, London – 1982
Deutsche Ausgabe: Lübbe, Bergisch Gladbach – 1984
Übersetzung: Hans E. Hausner
487 Seiten, Hardcover
ISBN: 3-572-01314-3 (Reprint, Orbis – 2002)
auch in anderen Auflagen und Bindungen erhältlich
Preis: ab 9,95 €, Lübbe-Taschenbuch 5 €

Ercivan, Erdogan – Verbotene Ägyptologie

Wo kommt der Mensch der Gattung Homo sapiens sapiens eigentlich her? Wie lief die Evolution tatsächlich ab? Gab es vor der unsrigen noch eine weitere, viel höher entwickelte und ältere Hochkultur? Diesen Fragen geht Erdogan Ercivan bereits in seinem ersten Werk „Das Faktum“ nach. Sein zweites Buch mit dem Titel: „Sternentor der Pyramiden“ greift diese Thematik kurz auf, ist aber etwas anders gelagert, da er hier schon eher den Schwerpunkt auf die alten Reiche Sumer und Ägypten legt. Buch Nr. 4 „Fälscher und Gelehrte“ rechnet mit der Riege der wissenschaftlichen Geheimniskrämer generell ab. Mit „Verbotene Ägyptologie“, seinem dritten Buch, waren es „nur“ die Ägyptologen, die seiner Meinung nach der Öffentlichkeit interessante, geschichtliche Fakten vorenthalten.

_Zum Autor_

Erdogan Ercivan, Jahrgang ’62, ist ein in Berlin lebender Wissenschaftsjournalist, Initiator des Weltkongresses für „Verbotene Archäologie“ und Buch-Autor, der sich schwerpunktmäßig mit dem Thema unseres Ursprungs befasst. Als dem Dunstkreis Erich von Dänikens zugerechnet, hat man es teilweise schwer, als seriöser Autor ernst genommen zu werden. Schnell wird man zum „Spinner“ abgestempelt. Viele dieser derart gebrandmarkten Querdenker haben im |Kopp|-Verlag eine Heimat gefunden und lassen ihre populärwissenschaftlichen Publikationen dort verlegen. Auch Ercivan gehört zu jener Riege – und er ist Wiederholungstäter.

_Zum Inhalt_

Obwohl die Lehrmeinung es immer wieder gerne als „Humbug“ oder „Phantasterei“ abtut, gebietet schon alleine der gesunde Menschenverstand, dass in unser aller Vergangenheit nicht alles so gelaufen sein kann, wie man uns als (Welt-)Öffentlichkeit Glauben machen will. Viele Autoren berichten immer wieder von Ungereimtheiten und puren (und absichtlichen) Fälschungen in der Altertumsforschung. Dabei reicht die Spekulation über den Ursprung der Menschheit von „Atlantis“ über „Gen-Manipulation“ bis „Aliens“, wobei immer wieder gerne betont wird, dass sämtliche Mythen (sei es Bibel, Koran oder das sumerische Gilgamesch-Epos etc.) auf ein und der selben Quelle basieren, da sich die vermittelten Geschichten dort frappant ähneln.

Viele Argumente sind es wert, dass man sich darüber mal Gedanken macht, bevor man diese sicher nicht dummen Leute als Phantasten abstempelt. Mal ehrlich: Was wissen wir denn schon wirklich und können es auch stichhaltig beweisen? Nicht viel. Eine Menge glauben wir zu wissen, weil’s in Überlieferungen steht. Doch um die Bibel als Beispiel zu nehmen, so ist diese in der uns bekannten Form zensiert und unvollständig – wie wir spätestens seit dem Fund der Qumran-Rollen wissen. Erst damit und den Apokryphen sowie der jüdischen Kabbala erhalten wir ein vielfach vollständigeres Bild. Eines, das der Vatikan beispielsweise am liebsten verbrennen würde. Für diese Herrschaften gilt seit Jahrhunderten nur der „kanonische“ (also genehmigte) Teil der beiden Testamente. Alles andere fällt unter den Tisch. Wie so oft ist eben alles eine Sache der Interpretation.

Wissenschaftler, die aufgrund persönlichen Ruhms oder anderen Beweggründen agieren und Forschungsergebnisse ignorieren/verheimlichen, oder religiöser Fanatismus sind ein Schlag ins Gesicht der Wahrheit. Wie sicher man sich doch darin war, dass die Erde eine Scheibe ist und das Zentrum allen Seins. Christoph Columbus und Galileo Galilei bewiesen der neuzeitlichen Menschheit, dass dieses Weltbild grundverkehrt war. Auch heute wird von allen Seiten erst mal dementiert und abgestritten, bis beharrliche Naturen unumstößliche Tatsachen aufs Tapet bringen, die man nicht mehr wegdiskutieren kann. Offensichtlich wussten nämlich schon die alten Kulturen eine ganze Menge mehr über die Gestalt unseres Planeten und des Universums, als man ihnen heute offiziell zugestehen will.

Direkt nach dem Vorwort behandelt Ercivan die Geschichte der Altertumsforschung und Ägyptologie generell – und wo es dort seiner Meinung nach hapert. So holt er erst mal ein paar beliebte Irrtümer aus der Klamottenkiste und führt uns zunächst – back to the roots – weit zurück in die Entwicklungsgeschichte der ersten Primaten und des vernunftbegabten Homo sapiens sapiens. Interessant ist die Sichtweise, dass der „Mensch“ tatsächlich einzigartig unter den Landsäugern ist, denn von einigen wichtigen Punkten in Anatomie und der Körperchemie her sind wir enger mit Meeressäugern verwandt als mit den Menschenaffen. Das ist im Prinzip nichts Neues, doch die angebotene Erklärung dafür steht diametral zur Lehrmeinung. Der Mensch als genetisches Produkt eines bislang unbekannten Volkes, Hochtechnologie im alten Ägypten, vermutlich sogar Raumfahrt?

Sind etwa die Pyramiden das Vermächtnis einer hochentwickelten Kultur und die Ägypter diejenigen, die sie instand gehalten und teilweise zweckentfremdet benutzt haben? Auch bei diesem Punkt stellt man verblüfft fest, dass wir das eigentlich gar nicht ausschließen können. Als Beispiel führt Ercivan „Cargo“-Kulturen an; dies bedeutet, dass ein primitives Volk ein höher entwickeltes nachäfft, ohne wirklich zu wissen, wofür manche Handlungsweise oder Gerätschaften gut sind. Sind der Totenkult und die übrigen Rituale der Ägypter technisch missinterpretierte Handlungsweisen, die im Laufe der Zeit immer mehr ins Abstrakte abglitten und verfälscht wurden? Dafür spricht, dass die nachweislich jüngsten Pyramiden sowie Mumien handwerklich immer schlechter statt besser wurden, obwohl man annehmen darf, dass es eigentlich aufgrund der größeren Erfahrung genau andersherum sein müsste.

Viel Wissen ist im Laufe der Zeit verloren gegangen und wird erst heute nach und nach in mühseliger Kleinarbeit quasi „wiederentdeckt“. Bemerkenswert ist daran, dass solche Erkenntnisse nur tröpfchenweise ans Licht treten und auch häufig von Laien und Autodidakten ins Gespräch gebracht werden, die sich scheinbar mehr Gedanken machen als die etablierten Lehrmeinungsvertreter. „Verbotene Archäologie“ wird mittlerweile von einigen interessanten Autoren/Forschern exzessiv betrieben und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wer beginnt, sich für diese Thematik zu interessieren, der kommt um die Werke von Graham Hancock, Robert Bauval, Zecharia Sitchin und einigen anderen nicht herum. Wer wilde, populistische Spekulationen und abstruse Theorien erwartet, wird angenehm enttäuscht darüber sein, wie logisch und mit welcher Akribie diese Leute recherchieren.

_Fazit_

Ercivan sammelt und bündelt die Information eher als dass er bahnbrechende, eigene Theorien aufstellt. Er ist somit mehr Moderator, wobei diess auch zu seiner Profession als Journalist passt. Das Buch bemüht sich zwar um Sachlichkeit, nicht selten schlägt aber auch pure Ironie durch. Dieser süffisante Stil liegt nicht jedem. Der Autor drängt niemandem seine Meinung auf, sondern stellt (durchaus berechtigte) Fragen und offeriert Lösungsansätze. Nicht mehr, nicht weniger. Ob der geneigte Leser alles für Humbug hält, sich als Nachfahre von Atlantern oder Aliens sieht oder sich lieber an die Lehrmeinung klammert, bleibt ihm selbst überlassen. Unterhaltsam ist das Gedankenspiel allemal.

Mace, Stephen / Irminsul, Tula von / Cid, LaCasa del – Denn Orpheus ist\’s: Okkultismus – Kunst – Ars vivendi

Das im |Bohmeier|-Verlag Leipzig erschienene Buch „Denn Orpheus ist’s“ von Stephen Mace und Tula von Irminsul widmet sich einem mittlerweile zum Zeitgeist gewordenen Thema. Die Autoren wagen sich an die Grenze ihrer eigenen Grenzwissenschaften, an die Grenze der Magie: Sie zeigen, wie eng ihre Erlebnisse in manch ritueller und magischer Arbeit mit der ästhetischen Erfahrung einerseits und künstlerischen Ausdrucksformen andererseits verwandt sind. Die Herausstellung dieser Verwandtschaft ist die individuelle Leistung der Autoren; dem Zeitgeist entspricht das Thema des Buches vor allem deshalb, weil nach jahrelangem Zähneknirschen und Stirnrunzeln seitens vieler Wissenschaftler und Künstler der Wert esoterischer und okkulter Theorien, Weltbilder und Praxen dieser Tage erkannt worden ist. Zahlreiche Ausstellungen über die Rolle des Okkulten in der Kunst der letzten Jahre bestätigen diesen Zeitgeist (z. B. die Ausstellung „Spuren des Geistigen“ im Haus der Kunst in München).

Der amerikanische Autor und Okkultist Stephen Mace ist für seine modernen Auffassungen über Magie bekannt. Er hält nicht an dogmatischen Objektivierungsphantasien fest, wie nicht wenige esoterische Autoren dieser Tage. Mace geht es keinesfalls um das vormoderne Diktum der Magie, keine persönlichen Änderungen an Tradition und Funktion der okkulten Übungen vornehmen zu dürfen; ihm geht es allein um Kreativität, Subjektivität und Effektivität! Das mutet mitunter etwas technisch an, ist wohl aber der moderne Ansatz eines oftmals als rückständig bezeichneten Arbeitsfeldes.

Hinter dem Pseudonym Tula von Irminsul verbirgt sich eine Berliner Künstlerin, die aus magischen Bewusstseinszuständen heraus ihre Bilder malt. Sie zeigt, zusammen mit Maces Magieansätzen, dass Kunst und Magie nicht nur eng miteinander verwandt sind, sondern durchaus gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen. So bringen die Autoren etwa die ewige Frage der Magier, die immer auch schon die ewige Frage der Künstler gewesen ist, so auf den Punkt: |“Alle, die sich mit Magie [und Kunst] befassen, legen letztlich mit ihrem gesamten Leben Zeugnis darüber ab, […] ob Magie [und Kunst] gelebt werden kann, ob man in allen Welten ein lebendiger und ganzer Mensch sein kann und ob man sein Leben nach eigenem Wunsch erfüllt und gelungen gestalten kann …“| (S. 143)

„Denn Orpheus ist’s“ ist ein sehr frisches und anregendes Buch. Die magischen Erlebnisse, von denen Irminsul und Mace berichten, lesen sich fast wie spannende Erzählungen; die Autoren streuen eher beiläufig ihr profundes Wissen über Magie, Mystik und heidnische Traditionen ein, was sehr angenehm ist, und sie wissen auch zu inspirieren. Verstärkt wird diese Absicht durch eine CD, die der Musiker LaCasa del Cid zum Buch beisteuerte. Die ungewöhnlichen (mal heiteren, mal finsteren) New-Age-Klänge versetzen den Leser an vielen Stellen in eine Art Trance, in der die Zeilen im Buch beginnen, zur Musik von LaCasa del Cid zu tanzen. Unbedingter Tipp: Musik und Buch gleichzeitig genießen.

Mich hat das Buch sehr inspiriert. Allerdings muss ich gestehen, dass ich das Phänomen von der anderen Seite angegangen wäre: Die Magie hat längst gezeigt, dass sie Grenzen zu anderen Praxen überschreiten kann und will, die Kunst – die hierfür ebenso prädestiniert ist – scheint mir dieser Tage aber vorrangig an der Reihe zu sein, (neue) Grenzen zu überschreiten. Die wenigen bekannten Experimente vor allem der Performancekunst reichen meines Erachtens nämlich nicht aus, die Gemeinsamkeiten von Magie und Kunst für ein breites Publikum verständlich zu machen. Das (Kunst-)Paradigma, welches vonnöten wäre, muss ein, und da stimme ich Stephen Mace zu, „transkulturelles Zeitalter“ (S. 36) sein, in dem der Stellenwert subjektiver Wirkung von Kunst vor scheinbar objektiven Kriterien der Künste steht.

Irminsul und Mace haben diese These aus ihren eigenen okkulten Erlebnissen gewinnen können; schade nur, dass das Buch, so intensiv und frisch es das Thema Magie beleuchtet, den Blick auf die produktionsästhetische Seite der Kunst weitestgehend ausspart. So erfährt man viel über Irminsuls Magie, ihre bildende Kunst bleibt aber leer (und dies, obwohl sich Mace in einem Kapitel um eine Interpretation der Irminsulschen Bilder bemüht). Man kann Irminsul und Mace aber zugute halten, dass es ihnen ja gerade um die ästhetische Wirkung ihrer magischen Rituale geht, doch müssen sich die okkulten Künstler eines wie hier beschworenen Zeitalters auch Gedanken über die Fragen der Produktion ihrer Werke machen; und diese Fragen haben mehr mit Ästhetik zu tun als die Fragen nach der Wirkung von Kunst.

|288 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-89094-548-4|
http://www.bohmeierverlag.de
http://www.magick-pur.de

Graeff, Alexander – Fragen an Kandinsky oder: wie ich den Geist im Werke rief

In dem ganz wunderbaren Buch „Fragen an Kandinsky oder: wie ich den Geist im Werke rief“ geht Alexander Graeff, und der Autor möge mir diese Reduktion verzeihen, dem Zusammenhang zwischen Kunst und Freiheit nach. Das Setting: eine Séance und zwölf Fragen, die er in einem tranceähnlichen Zustand dem Impressionisten Wassily Kandinsky (1866-1944), oder dem Geist Kandinski, oder – noch besser – der Idee Wassily Kandinsky stellt. Was sich hier okkult anhört, ist auch tatsächlich okkult, so denn der Okkultismus die „Lehre des Verborgenen in all ihrer weiten Dimensionen ist, also des Psychologischen, Phänomenologischen, Anthropologischen und Kosmologischen“ (Graeff). Und was schließlich in der Seance geschieht, ist weder Hokuspokus noch esoterische Weichspülerei. Methodisch, unkonventionell und eigentlich im Vorübergehen – denn die Séance als Methode wird selbst nicht thematisiert – räumt Graeff mit einer Unmenge von Vorurteilen und Unschärfen bezüglich dieser alten magischen Praktik auf, wofür manch anderer tausend Seiten benötigt und trotzdem scheitert.

In Graeffs Fall wird indes die Methode an ihrer Funktionalität gemessen. Seine Intention liegt klar darin, dem Leser die Möglichkeit zu geben, seine Erfahrungen und Erkenntnisse, die er durch das Studium der Kunst im Allgemeinen, Kandinskys im Besonderen und des Okkulten empfangen durfte, zu reproduzieren. Sein Ziel ist die Freiheit, sein Stilmittel die Kunst, die sich in reflexiver Weise wie auch in literarisch-okkulter Form selbst beschreibt. So bleibt Graeff letzten Endes stets bei Innenansichten (und muss es bleiben, will er Erfahrung vermitteln) die sich in einem denkwürdigen Zwiegespräch mit dem Kandinsky-Phänomen ausdrücken, in Themen wie dem Wesen der Kunst, den Dualismen Form und Inhalt, Ordnung und Chaos sowie Freiheit und – ihrem Gegenpart – der Bindung. Doch das Subjektive dieser okkult-kandinskyschen Erfahrung, die Graeff postuliert, wird nicht thematisiert. Sie erschließt sich dem Leser auf wundervolle Weise durch die Lektüre selbst, verbleibt aber dann im Verborgenen der Seele des Lesers und darf nicht externalisert werden, ohne damit von dem Inhalt zur Form zu wechseln und das Erfahren zu zerstören. Ermöglicht wird dieser Effekt unter anderem durch die hervorragenden Illustrationen von Andrea Schmidt, die meines Erachtens eher den Namen „Seelenbilder“ verdienen. Auch hier paart sich das Künstlerische mit dem Künstlerischen – das Auditive des Textes mit dem Visuellen der Bilder – und ermöglicht so eine Erfahrung wirklich okkulter Natur, die in ihrem inneren Effekt ähnlich ist, wenn man sich zum erste Mal mit den mathematischen Theoremen Gödels oder den selbstreferentiellen Theorien der Wissenschaftler Luhmann und Maturana auseinandersetzt. Was jeweils bleibt, geboren aus dem wissenschaftlichen oder wie in Graeffs Fall, dem künstlerischen Ansatz, ist reine Selbst-Erfahrung.

http://www.alexander-graeff.de
http://www.otrd.de/autorenprogramm.html
oder bei http://www.seitenschauer.de

_Tom Eichler_
[Phänomen Verlag]http://www.phaenomen-verlag.de

Timothy Leary – Info-Psychologie

Achtung, Science-Faction!

Sie haben richtig gelesen, es handelt sich bei „Info-Psychologie“ um ein Werk der Science-Faction – nicht der Science-Fiction. Worin der Unterschied besteht? Nun, streng genommen gibt es keinen, zumindest meint das Timothy Leary. Beide – Fakt und Fiktion – seien ganz im wittgensteinschen Sinne Konstrukte, die außerhalb ihres eigenen Theoriekorsetts nicht mehr als subjektive Spekulationen sind. Von daher macht es folglich auch keinen Unterschied aus, ob ein Autor von Flügen ins Weltall oder von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Gentechnik berichtet.

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Amarque, Tom – White Series: Die Evolution der Psyche

Was ist Psyche? Der Begriff ist alltagstauglich geworden und längst kein gepachteter Begriff der Psychologie mehr. Er steht für einen bestimmten Sachverhalt, der im täglichen und auch wissenschaftlichen Sprachgebrauch ansonsten mehr genannt wird als beschrieben oder erklärt. Was ist das also genau: Psyche? Wenn man versucht, über Psyche nachzudenken, begibt man sich sozusagen in einen selbstreferentiellen Prozess des Beobachtens und Reflektierens. Man fragt demnach nach dem, was man selbst besitzt oder selbst ist, oder?

„Psyche“ von Tom Amarque liefert eine Reihe interessanter Erklärungen zu dieser Art der Selbstbeobachtung; er zeigt auf, wie sich die menschliche Psyche in Bezug auf die Bio-, Sozio- und Nous-Sphäre hat entwickeln können. Dabei greift der Autor in erster Linie auf kybernetische, systemtheoretische und radikalkonstruktivistische Ansätze zahlreicher Wissenschaftler (z.B. Humberto R. Maturana und Ernst von Glasersfeld) zurück. Selten kam mir eine derart gelungene Verquickung besagter naturwissenschaftlicher Theorien mit den Ansätzen grenzwissenschaftlicher Autoren wie Ken Wilber oder Don Beck unter. Sprache und Theoriebildung erfolgen nicht, wie man erwarten könnte, im psychologischen Gestus, sondern in einer Synthese der verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze. Obgleich aber der Entwicklungspsychologe Jean Piaget zu Wort kommt und auf seine Entwicklungsstadien des Kindes eingegangen wird, kommen für meinen Geschmack erziehungspsychologische und lerntheoretische Ansätze etwas zu kurz. Das Buch weist dennoch keine Lücken auf, hinsichtlich der Entwicklung des Menschen, die ja das Thema dieses Buches ist, hätten aber derartige Positionen bestimmt ihren Teil beisteuern können. Amarques Thesen sind von der radikalkonstruktivistischen Metabetrachtung gekennzeichnet, und diese findet sich in der modernen Erziehungswissenschaft ebenso wie in der Lerntheorie, wenn auch nicht in der radikalen Form eines Varelas oder Maturanas.

Amarques funktional-systemische Sprache eröffnet dem Leser eine strukturierte und systematisierte Leseführung, lässt allerdings bei klassisch geisteswissenschaftlicher Fragestellung wie der nach Liebe und Sinn noch einige Ungewissheiten zurück. Zu Beginn des Buches betont Amarque, dass das Paradigma, unter dem „Psyche“ verstanden werden will, ein kybernetisches sei. Auch wenn ich mir persönlich eine Ausweitung der philosophischen Tragweite vieler Begriffe gewünscht hätte, wird das Buch durch seine wissenschaftliche Sprache aber zu einem hervorragenden Nachschlagewerk, wenn man mal wieder rasch nachgucken muss, wie im konstruktiven Prozess Bewusstsein und Wirklichkeit erzeugt werden. Und daran sollte man sich stets erinnern!

„Psyche“ ist in summa ein wirklich gelungenes Buch, denn es zeugt von einem reflektierten Geist, der die Phänomene – auch die, die wir scheinbar nicht begreifen können – auf die subjektive Interpretations- und Inszenierungsleistung des Subjekts zurückgeführt (ohne in Solipsismus zu verfallen), eine echte Alternative zum dualistisch-logozentrischen Paradigma aufweist und, ganz nebenbei, die Stärkung des Individuums im reflexiven Abgleich mit Welt in einer nachhaltigen Ethik aufgehen sieht. Eine Menge Ansprüche – dieses Buch setzt richtig an, sie zu erfüllen!

http://www.phaenomen-verlag.de/

C. G. Jung – Synchronizität, Akausalität und Okkultismus

Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung, Erfahrungsbericht und Geistergeschichte

Jung warnt in einer Vorrede (1950) die Leser dieser Aufsatzsammlung. Man habe sich nicht nur auf Exkursionen in die dunklen, zweifelhaften und von Vorurteilen behafteten Gebiete einzustellen, die Artikel- und Aufsatzsammlung zu spiritistischen und okkultistischen Phänomenen bürde durchaus auch gewisse Denkschwierigkeiten auf. Jung meint hiermit in erster Linie seine „akausale Theorie“ der Synchronizität, die in der Tat das in den Kategorien Raum und Zeit zementierte Denken unserer westlichen Hemisphäre ins Wanken bringen kann.

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Hausdorf, Hartwig – weiße Pyramide, Die

Der Untertitel dieses Werkes: „Außerirdische Spuren in Ostasien“ lässt bereits darauf schließen, dass es sich hier nicht um Archäologie im eigentlichen Sinne dreht. Autor Hartwig Hausdorf gehört zum Dunstkreis Erich von Dänikens. Dieser ist nun nicht grade unumstritten und Grund für manche Zeitgenossen, aufstöhnend die Augen zu verleiern. Ob seine Götter-aus-dem-All-Theorien nun kompletter Humbug sind oder nicht, das muss im Endeffekt jeder für sich entscheiden. Seine Person sei hier auch nur deswegen explizit erwähnt, da sich der Einband damit schmückt, dass eben jener EvD das Vorwort dazu spendierte.

Der Titel gehört somit in die Rubrik Grenzwissenschaften. Das heißt jenen Literaturzweig, der sich mit allerhand kuriosem Zeug beschäftigt, das a) abseits der Lehrmeinung steht, b) schwer zu beweisen und c) manchmal noch schwerer zu glauben ist. Die Spanne reicht hierbei von UFOlogie über Esoterik und „verbotene Archäologie“ bis hin zur globalen Verschwörungstheorie. Sehr oft hängt das alles auch kunterbunt gemischt zusammen. Unterhaltsam sind solche Publikationen aber meistens auf jeden Fall, und sei’s nur, um manche Behauptungen und Theorien durchzudenken und genüsslich zu zerpflücken oder sich darüber zu amüsieren, wie lächerlich sich so mancher Autor machen kann.

_Zum Inhalt_

Was die wenigsten wissen, ist, dass nicht nur in Meso-Amerika und in Ägypten Pyramiden zu finden sind. Im Reich der Mitte – sprich: China -, aber auch in den umliegenden Staaten Süd-Ost-Asiens sind diverse geheimnisvolle Monumentalbauten anzutreffen, über deren Herkunft man seit der Öffnung dieser Länder für westliche Augen heftig spekuliert. Die besagte „Weiße Pyramide“ steht in der chinesischen Provinz Shaanxi, wurde bereits um die Jahrhundertwende von Reisenden beschrieben und erstmals 1944 von einem amerikanischen Piloten im zweiten Weltkrieg fotografiert. Diese Aufnahme des 300 Meter hohen Monumentalbaus ist unlängst durch alle wissenschaftlichen Zeitschriften und archäologischen Publikationen gegangen und selbstmurmelnd findet sie sich auch hier wieder.

Die Pyramide in der Nähe der Stadt Xiang ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art, jedoch mit Abstand die größte davon. Forscher, die das Glück haben, sie aus der Nähe begutachten zu dürfen, sind sehr euphorisch, dass sie tatsächlich unangetastet sein könnte, und hoffen darauf, bei einer weiteren Öffnung der kommunistischen Volksrepublik daran ausgiebig forschen zu dürfen. Sind die ägyptischen und meso-amerikanischen Pyramiden allesamt über die Jahrhunderte und – tausende hinweg ausgiebig gefleddert worden, so verhindert dies allein schon der chinesische Ahnenkult. Denen kommt es kaum in den Sinn, solche Grabmäler (so es denn wirklich welche sind) zu schänden. Leider ist auch dieser Umstand das wohl größte Hemmnis, so dass es Wissenschaftlern immer wieder verwehrt wird, sich intensiv damit zu befassen oder sie gar zu betreten. Bis hierher schon mal interessant, nicht wahr?

_Meinung_

Wie es sich für einen Däniken-Jünger gehört, bleibt es aber nicht bei der sachlichen Betrachtung der nüchternen Tatsachen. Es kommt nämlich schon – wenn nicht bereits mit Lesen des Untertitels – im Vorwort des Selbigen der Verdacht auf, dass sich das Buch darauf stürzen wird, wie angebliche Götter aus dem All diese weltweiten Monumente als Zeichen für die Menschheit hinterlassen haben. Diese Thematik ist nicht neu und wird von diversen Pseudo-Wissenschaftlern, Publizisten mit Sendungsbewusstsein vertreten. Das heißt im Umkehrschluss nun nicht, dass die ganze Zunft kollektiv an BSE leidet, es gibt durchaus auch einige ernst zu nehmende, sachliche Autoren darunter, die sich so ihre Gedanken über die Entwicklung auf Erden machen.

Hier ist die titelgebende Pyramide als solche schon recht schnell gar nicht mehr Thema, sondern vielmehr diverse Geschichtchen und andere seltsame Funde in Asien, die der Autor natürlich (!) Aliens in die eventuell vorhandenen Schuhe schiebt. So begleiten wir Hausdorf zu verschiedenen Fundstätten kurioser Artefakte und alter, kultureller Überlieferungen aus sämtlichen Gegenden rund um China, als da wären: Mongolei, Wüste Gobi, Tibet und auch Japan. Hier versucht er anhand von Storys und deren Interpretation nachzuweisen, dass die dortige Kultur (und auch sonst auf unserem Planeten) nicht oder nur zum Teil von uns Homo sapiens sapiens abstammt, sondern maßgeblich auf dubiose E.T.s zurückgeht.

Damit jedoch nicht genug, denn ehe sich’s der Leser versieht, landen wir bei – vermutlich bis an den Kragen der Kutte zugedröhnten – tibetischen Mönchen, die Abduktionen (Entführung durch Außerirdische) erfahren haben wollen. Was Drogen nicht alles bewirken können. Gegen Ende des Buches freuen wir uns, auch noch über diverse Entführungsanekdötchen (auch aus Deutschland) informiert zu werden, welche noch nicht so lange zurückliegen. Was das alles mit der Pyramide zu tun hat? Äh, ja nun … Nix! Um zu illustrieren, wohin die Reise thematisch geht, hier die Kapitelauflistung:

1 Söhne der gelben Götter:
Ein besonderes Erbe von den Vätern aus dem All?

2 Baian-Kara-Ula:
Eine Bestandsaufnahme

3 Im Tal der Weißen Pyramide:
Stätten, die für Besucher tabu sind

4 Der große Unterschied:
Drache ist nicht gleich Drache

5 Tibet, Dach der Welt:
Sind die Astronautengötter noch unter uns?

6 Geheimnisse der Mongolei:
Schreckensklöster im Lande der Dämonen

7 Inselreich von göttlicher Abkunft:
Wo Dogus und Kappas an die Besucher aus dem All erinnern

8 UFOs in China:
Vom Feind der Doktrin zum Mittelpunkt des Interesses

9 Unheimliche Begegnung der Vierten Art:
Wer experimentiert an den Entführten herum?

10 Licht am Ende des Tunnels:
Steckt hinter all den Absurditäten ein Plan?

Nun, wir sehen: Was die Pyramide angeht, steht da nur wenig auf dem Programm. Und nichts, was nicht längst aus Zeitschriften, wie der |PM|, |National Geographic| oder der |GEO| längst bekannt ist. Zudem stützen sich diese Publikationen auf wesentlich greifbarere Ergebnisse. Leider nimmt der Teil über archäologische Funde auch nur einen sehr geringen Platz im Buch selbst ein und dient vielmehr als Transportmedium für die darauf folgenden, wüstesten Alien-Theorien, die Däniken-Jünger so gern pflegen. Hierbei setzt Hausdorf weniger auf Fakten denn auf Interpretationen und Mutmaßungen, die er anhand von Bildern und (ziemlich schlechten) Zeichnungen zu untermauern versucht.

Hartwig Hausdorf ist bestimmt ein viel gereister Mann (der bekundet, in der Reisebranche tätig zu sein) und sein schreiberisches Talent sowie Sendungsbewusstsein möchte ich ihm nicht in Abrede stellen, aber um dieses heikle und kontroverse Thema unters Volk zu bringen, bedarf es doch schon einer stichhaltigeren Beweiskette, die weniger angreifbar ist als die Seine. Daran ändern auch seine Quellenangaben nichts, die stammen wiederum nämlich ebenfalls von teils sehr fragwürdigen Autoren und Organisationen.

Man muss hier bewussten Etikettenschwindel unterstellen. Zwar ist die Überleitung zu modernen Entführungen durch angebliche Aliens geschickt gemacht, doch immer wieder stellt sich die Frage, was das denn nun mit der Pyramide als solches zu tun hat. Der ganze Krempel hat in einem Buch mit diesem Titel eigentlich nichts verloren. Punkt. Okay, der Autor präsentiert einige archäologische Funde aus Asien, doch verliert er sich alsbald in kruden Phantasien, die nur noch nachvollziehbar sind, wenn man sich zuvor jahrelang in einem abgeschiedenen Bergkloster mächtig die Kante gegeben hat. Offenheit für Denkanstöße in diese Richtung in allen Ehren, doch – wie hier – hinter jedem Busch ein Alien an den nicht vorhandenen Haaren hervorzuzerren, halte ich für arg übertrieben.

Wer kann schon nachprüfen, was an den Geschichten irgendwelcher tibetanischen Mönchen dran ist, die sich im Hochland Himalayas irgendeinen Nonsens aus den Fingern gesogen haben und sich jetzt wohl noch ins Fäustchen lachen, dass sie wieder einem Alien-verrückten Europäer einen von Darth Vader erzählt haben. Auch den japanischen Mythos der mysteriösen „Kappas“ (Wesen, die aussehen wie Froschmänner) sofort eifrig irgendeinem E.T. anzukreiden, ist ganz amüsant zu lesen. Ausschließen kann und soll man ja nie eine Möglichkeit, doch beweisen lässt sich indes anhand einiger krakeliger Felszeichnungen nichts und muss daher ins Reich der Spekulation verbannt werden.

Gewiss, man nun von (UFO-)gläubiger Seite entgegenhalten, dass unser ganzes gesellschaftliches Wertesystem, welches ebenfalls auf Interpretationen entweder der Bibel, des Korans oder des Talmud oder-weiß-der-Henker-was beruht, ebenso angreifbar ist. Korrekt. Alles eine Sache der Sichtweise. Dagegen kann man auch nichts einwenden, die volle Wahrheit über so manchen (Irr-)Glauben wird wohl kaum jemand herausfinden. Allerdings halte ich das Suchen auf Biegen und Brechen nach Aliens als Erklärung der göttlichen Vorsehung für genauso dogmatisch und verwerflich wie anderen religiös kolorierten Fundamentalismus.

_Fazit_

Wenngleich ich bereits vorher wusste, worauf ich mich bei der Lektüre einlasse, habe ich doch mehr Information zur Weißen Pyramide vorausgesetzt. Die wird aber nur am Rande behandelt und dann plötzlich jeder müffelnde Pinkelstein eines mongolischen Ureinwohners eifrig zum außerirdischen Artefakt erhoben – das find ich dann doch um Lichtjahre am Thema vorbeigeschossen. Amüsant, aber weitgehend unbrauchbar. Gut und flüssig zu lesen ist das Buch schon, was aber nicht verwundert, schließlich ist es für die breite Masse verfasst und nicht an einen elitären, intellektuellen Zirkel gerichtet. Noch ein paar Bildchen dazu und fertig ist die extrem löchrige Beweisführung auf tönernen Füssen: Die Aliens waren es! Was? Egal, was.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
LangenMüller / Herbig 1994
3. Auflage 2002
240 Seiten Hardcover, 31 Schwarzweiß-Fotos / 3 Zeichnungen
ISBN: 3-7844-2482-1
Preis: um 10 Euro
http://www.herbig.net/

Terhart, Franjo – Schatz der Tempelritter, Der

Terhart ist einer der jüngeren Tempelritter- und Katharerforscher und legt zu diesem Thema sein zweites Buch nach [„Die Wächter des Heiligen Gral“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3404701828/powermetalde-21 (2001) vor. Augenfällig ist gleich, dass sein Folgeband nicht mehr zuerst als Hardcover erschienen ist. Der interessierte Leser kann darüber viel spekulieren. Beispielsweise wäre es nahe liegend, dass bei all der Fülle an Publikationen in den letzten Jahren das Interesse einfach nachlässt, weil nichts wirklich Neues mehr dazukommt. Andererseits halte ich es für wahrscheinlicher, dass der Verlag sich zu Recht für das Taschenbuch-Original entschied, weil der Inhalt eigentlich mehr wie ein Überbleibsel gestrichenen Materials aus dem ersten Band erscheint. Im Grunde wäre das Meiste Stoff für einen umfangreichen Anmerkungsanhang gewesen. Aufgrund ursprünglicher Kürzungen scheint nun einfach ein Folgeband nachgeschoben. Akribisch werden darin alle Plätze und Vermutungen, wo sich der verschwundene Templerschatz befinden könnte, aufgezeigt. Durchaus eine Leistung, aber interessiert das noch wirklich den zeitgenössischen Gralsforscher, der vor einigen Jahren durch die Veröffentlichungen der englischen Autoren Baigent und Leigh mit den Enthüllungen um den geheimnisvollen Blutslinien-Orden Jesu („Prioré de Sion“) auf sensationelle Weise einmal mehr auf die Katharergeheimnisse aufmerksam gemacht wurde?

Um das Buch nicht ganz zu schmälern: Sicherlich finden sich überall versteckt neue kleine Puzzle-Stücke, die das Gesamtbild komplettieren und die zu erfahren sich lohnt. Dafür ist aus Preisgründen eine Taschenbuchausgabe geradezu gerechtfertigt. Recht interessant sind Verknüpfungen zum alten Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Bezug auf die Schatzsuche. Neu geschrieben – also nicht als Anmerkungen für den vorhergehenden Band zu betrachten – ist die Auseinandersetzung mit dem Kult der abgeschnittenen Köpfe. Aber diese scheint in der Hauptsache eine Zusammenfassung des 1999 erschienenen Buches „Das Haupt Gottes“ von Keith Laidler zu sein, welche nur noch um wenige eigene Vermutungen ergänzt wird.

Leider ist noch keiner der Autoren, die sich mit dem Baphomet-Kopf und den Kopf-Riten alter Völker befassen, auf die Idee gekommen, dies mit den Geschichten um die geheimnisvollen Kristallschädel aus dem indianischen Kulturkreis in Verbindung zu setzen. Meines Erachtens wäre das eine sehr lohnenswerte Sache, die ebenso Spektakuläres an den Tag bringen wird wie einst die ersten Enthüllungen über die „Prioré de Sion“. Auch die Kristallschädel stammen aus matriarchal-religiösen Überlieferungen und das Wissen darüber wird heute noch von „Großmütter“-Zusammenkünften gehütet, was zu den neueren Thesen – welche auch Terhart im vorliegenden Buch vervollständigt – passt, die besagen, dass die Templer mit ihrem Marienkult auf alte Göttinnenverehrung zurückgreifen, die über die ägyptische Isis weiter zum Stamm der Benjamiten (welche, während Moses die Gesetzestafeln erhielt, unten ums Goldene Kalb tanzten) führte, und dass auch Maria dieser Stammeslinie zugehörig war. Jedenfalls bleibt die Sache mysteriös und die Zusammenhänge werden dennoch immer besser ersichtlich, so auch zur Bundeslade, welche zur Zeit König Davids zur geheimnisvollen Königin von Saaba wechselte (worüber die Freimaurer in ihrem Hiram-Abif-Mythos – „Sohn der Witwe“, gleichzeitig auch wieder ein Kopfkult – noch heutzutage geheimes Wissen überliefern).

Auf alle Verknotungen einzugehen, die in diesem Buch wieder und wieder aufbereitet werden, wäre zu mühsam. Deswegen nur noch einige Highlights, z. B. der „Sternenweg“ nach Compostela im Zusammenhang zu Sirius und der Priesterschaft Johannes des Täufers, die in eine geistige Linie zu Seth, Typhon, dem Schlangengott, Lucifer, Johannes und Jesus gestellt wird. Oder die Überlieferungen der Sinti und Roma, die noch heute zu Sara Kali beten, einer Tochter von Jesu, die mit Maria Magdalena überlebt habe und über Ägypten nach Frankreich geflohen sei. Maria Magdalena selbst ist in diesen Darstellungen die große Hure Babylons und ihre Priester waren Sexualmagier bis hin zu Johannes, der Simon Magus, den bedeutenden gnostischen Magier mit seiner Gefährtin Helena – ein Pendant zu Jesus und Maria – als Schüler hatte. Simon Magus brachte das überlieferte Wissen nach Irland, nach keltischen Legenden zum Hochdruiden Mog Ruith und der Inhalt dieses Wissen zeigt wiederum deutliche Parallelen auf zum indianischen Medizinrad und den dortigen Schädeln. Doch wie gesagt, darüber steht leider nichts im Buch.

Deutlich bleibt nach der Lektüre jedenfalls die Sichtweise, dass es um Göttinnenwissen geht, dass Maria-Jesus immer wieder archetypisch wiederkehrende Vorbilder in den alten religiösen Legenden haben, und dass es um das Wissen um die Schöpfungsursache geht und damit um Sexualmagie im gnostisch-philosophischen Sinne, die aufgrund der Vereinigung vorhandener Polaritäten diese überhaupt erst bewirkt.

John A. Keel – The Mothman Prophecies: Tödliche Visionen

1967 treibt im US-Staat Virginia der womöglich aus dem Weltall stammende „Mottenmann“ sein Unwesen, kündigt kryptisch großes Übel an und bringt seinen Verfolgern großes Unglück … – Ein Klassiker für verschwörungssüchtige Esoteriker, Spökenkieker & Spinner, ansonsten ein Machwerk nie vertiefter Andeutungen, dreister Behauptungen und sich selbst ‚beweisender‘ Ringschlüsse, das entweder langweilt, als Trash amüsiert oder ungut verdeutlicht, mit wie vielen Idioten man diesen Planeten teilt. John A. Keel – The Mothman Prophecies: Tödliche Visionen weiterlesen

Hausdorf, Hartwig – Rückkehr der Drachen, Die

Mit einer Bestandsaufnahme beginnt der Verfasser, welche gleichzeitig Rechtfertigung ist: In den Kapiteln „Irrtümer wiederholen sich“ und „Lebende Fossilien“ lässt er die angeblich zurückkehrenden Drachen erst einmal außen vor und beschränkt sich auf deutlich kleineres Getier. Verblüffend ist es in der Tat, dass im Zeitalter des allsehenden Satelliten weiterhin mehr neue Tierarten entdeckt werden als der Mensch alljährlich ausrotten kann. Darunter sind Schweine, Hirsche, Rinder und andere kapitale Viecher, die sich dort, wohin sich unsereins aus gutem Grund (Hitze, hohe Berge, Dschungel, Parasiten, Bürgerkrieg oder alles zusammen) nicht traut, bisher verbergen konnten.

Einige dieser Neubürger in der zoologischen Statistik sind von erstaunlichem Alter – nicht als Individuen, sondern als Art. Und da wird er auch schon vom Verfasser auf die Bühne geschubst, der Dauerbrenner Quastenflosser, dem „Urzeit-Überlebender“ auf die stummelfüßigen Flossenbeine tätowiert sein könnte! Leider sind sowohl dieser Fisch als auch seine hier vorgestellten Mit-Methusalems zwar sehr interessante Erdbewohner, aber nicht unbedingt das, worüber wir lesen wollen. Wo bleiben die Drachen?

Nur keine Ungeduld, es gilt die „wissenschaftliche“ Basis weiter zu festigen: „Die Sache mit den Drachen“ konfrontiert uns mit Überlieferungen in Form von Legenden und Steinzeichnungen, die eindeutig „belegen“, dass zumindest im Alltag unserer Vorfahren die Dinos noch sehr präsent waren. Verdammt, wo haben sie sich seither verkrochen?

Das ist das Stichwort für Kapitel 4 („Was kreucht …“) und 5 („Unheimliche Begegnung der ausgestorbenen Art“). „Verkriechen“ war in der Tat die Devise für die Veteranen aus Jura- und Kreidezeit. Es zog sie dorthin, wo die Wälder tief, die Täler dunkel oder Forscheraugen sonstwie getrübt sind. Dort springen oder fliegen sie vor ihren überraschten und generell entsetzten Besuchern auf; meist ist es dämmrig, die abergläubischen eingeborenen Führer und Trägern meutern und die Kamera gibt ärgerlicherweise genau jetzt den Geist auf.

Hilfreich für den Rückzug ist auch ein dem Menschen fremdes Medium: „Geheimnisse der Tiefsee“ und „Auge in Auge mit der Vergangenheit“ legen offen, wo sich auf jeden Fall klobiges Ungetier tummeln muss: in den unendlichen Tiefen der Weltmeere, die praktischerweise trotz moderner Technik bisher finster blieben. Schon immer haben wackere Seeleute sie getroffen, wenn sie ein dummer Zufall an die Oberfläche trieb: Seeschlangen, Riesenkraken, Monsterquallen. Spendierte man ihnen (gemeint sind die Seeleute) ein gutes Glas Rum, erzählten sie gern davon und sparten nie an Details. Hier und da wurde sogar Merkwürdiges aus den Fluten gefischt, das meist so erbärmlich stank, dass es nicht den am Hafen wartenden Wissenschaftlern und der Presse vorgeführt werden konnte, sondern zurück ins Meer geworfen werden musste.

Ortswechsel & Auftritt „Mokele M’bembe“, auch so ein Star der Szene, der im afrikanischen Victoria-See haust und den Miniatur-Brachiasaurus mimt. „In der Hölle von Likoula“ geistert er schon seit vielen Jahrzehnten umher, ein Paradebeispiel dafür, wie geschickt und schlau diese Tiere sind, wenn es gilt, sich den Nachstellungen ihrer Jäger zu entziehen!

Neuerlicher Kulissenwechsel: „Wo die Zeit stillsteht“, also auf südamerikanischen Hochplateaus, in Australien und Ozeanien, schleicht ebenfalls seltsames Getier umeinander. Wer einmal einen Aborigine gesehen hat, der „weiß“ sofort: Der wohnt im ältesten Land dieser Erde, hier hat sich seit Millionen Jahren rein gar nichts verändert. Vor Millionen Jahren lebten nachweislich die Dinosaurier. Ergo zieht der Verfasser für uns den Schluss: Hier sind sie noch heute auf jeden Fall!

Das Schlusskapitel ist der Ankündigung zukünftiger Sensationen gewidmet: „Auf leisen Sohlen in die ‘Verlorene Welt‘ – Am Vorabend weltbildstürzender Entdeckungen“. Dem Appell, die scheuen Drachen zukünftig gefälligst mit lautlosen Luftschiffen zu suchen, folgt ein letzter Tritt in die Kniekehler derer, die auch jetzt noch zweifeln: Wir leben leider auf einem Planeten der Naturwunder, die von verdammenswerten Spielverderbern unterdrückt werden. Die hat der Verfasser nunmehr mit einer Flut eindeutiger „Beweise“ mundtot gemacht. Nun heißt es nur noch: warten; sie werden schon kommen, unsere Drachen, nicht heute oder morgen, aber vielleicht schon vor der zweiten Auflage!

Das wäre freilich fatal. Einer Legion von Kryptozoologen, UFOlogen und Geisterjägern wäre damit die Lebensgrundlage genommen. Schließlich können sie nur existieren, solange sich die Objekte ihrer „Forschungen“ in möglichst stabiles Halbdunkel hüllen. Mit einer Materialisation der „Drachen“ in dieser unserer Gegenwart oder auch Zukunft ist jedenfalls nicht zu rechnen. Nicht nur der skeptische, sondern auch der gewagten Theorien gewogene Leser kann nach der Lektüre dieses Buches grundsätzlich zu keinem anderen Schluss kommen.

Die Welt des Übernatürlichen bzw. des mit den Mitteln der Gegenwart Unerklärlichen ist das Reich der Ringschlüsse. Wenn Quastenflosser, Brückenechsen und Nautilusse bis heute überlebt haben, dann „muss“ dies auf Plesio-, Brachio- oder sonstige Saurier ebenfalls zutreffen, so mutmaßt (träumt/fantasiert) der Verfasser. Irgendwo gibt es auf dieser geräumigen Erde sicherlich ein Fleckchen, an dem die Zeit stehen geblieben ist und die Donnerechsen überlebten! Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand …

Was ein arger Trugschluss ist, wie ernst zu nehmende Naturwissenschaftler (= Autor Hausdorfs Erzfeinde, weil auf handfesten Beweisen bestehend) zu bedenken geben. Fakt ist: 65 Millionen Jahre sind seit dem Untergang der Saurier verstrichen. Das ist in erdgeschichtlichen Dimensionen eine stolze Zeitspanne. Kryptozoologen wie Hartwig Hausdorf profitieren von der Tatsache, dass sich kein Mensch diese Spanne vorzustellen vermag. Eine Tierart mag 650 oder 6.500 Jahre „untertauchen“ – 65.000.000 Jahre sind eine ganz andere Dimension! Kein Stein blieb in dieser Zeit auf der Erdoberfläche auf dem anderen, kein Fleckchen von gewaltigen Veränderungen ausgespart.

Aber der Quastenflosser hat es doch auch geschafft und sich sogar 400 Millionen Jahre gehalten! Hat er? Eben nicht; er hat zwar seine archaische Gestalt behalten, aber er ist trotzdem ein Quastenflosser des 21. Jahrhunderts, der sich im Verlauf seiner langen Geschichte durchaus entwickelt und verändert hat.

Ist das denn nicht ein „Beweis“ für das Überleben der Saurier? Mokele M’bembe ist nach Ansicht der Kryptozoologen ein im Laufe der Äonen durch das Dschungelleben „geschrumpfter“ Brachiosaurier. Das ändert aber nichts an der simplen Tatsache, dass der Viktoriasee zwar Teil einer Landschaft ist, die uns Menschen uralt erscheint, jedoch keineswegs jene 65 Millionen Jahre alt ist, die auch Hausdorf als Spanne des Verschwindens unserer geliebten „Drachen“ akzeptiert. Wo oder wie hat Mokele M’bembe also ohne ihn überlebt?

Zeit ist ein Faktor, der auch Australien und die ozeanischen Inseln keineswegs verschont hat. Trauriger Fakt ist, dass es hier noch vor wenigen Jahrtausenden in der Tat „Monster“ gab, darunter giraffengroße Vögel und autobusgroße Echsen. (Wer sich an den Erkenntnissen der verhassten Wissenschaftler laben möchte, greife z. B. zu Terry Oakes‘ Sachbuch [„Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=252 erschienen bei der |Vgs|.) Der überaus tüchtige Mensch, unwiderstehlich auch in seiner Urzeit-Version, hat sie allerdings alle ausgerottet. Dabei war er schon im eigenen Interesse überaus gründlich: Als die großen, dummen, leckeren Viecher weniger wurden, hat er sie mit knurrendem Magen bis in die letzten Winkel verfolgt. Glaubt denn ernsthaft jemand, er habe dabei potenzielle Dinosaurier ausgespart?

Aber mit sachlich vorgetragenen Argumenten lassen sie sich seit jeher nicht aus dem Konzept bringen oder gar überzeugen, unsere Kryptozoologen, Esoteriker oder sonstigen Rätselfreaks. Die Gegenwart scheint ihnen so, wie sie nun einmal ist, einfach zu langweilig. Sie benötigen das Rätselhafte wie die Luft zum Leben. Dumm sind sie nicht; das wäre als Erklärung zu einfach. An dieser Stelle können wir über die Gründe des Glaubens – und mehr ist es nicht -, es könne noch Dinosaurier geben, keine Diskussion führen. (Es wäre ohnehin vergeblich.) Dabei entlarven sich Manifeste wie „Die Rückkehr der Drachen“ quasi selbst, und das exemplarisch.

Da werden Fakten aus obskuren „Quellen“, Legenden, Hörensagen und Wunschdenken nach Belieben gemixt. Wo Okapis, Zwergflusspferde und sonstige Überraschungen zum Vorschein kommen, werden nach Hausdorf auch Saurier möglich. Sie sind einfach bisher unentdeckt geblieben. So funktioniert Evolution aber nicht. Freilich ist der Verfasser von ihrer Realität ohnehin nicht überzeugt. Allen Ernstes erwägt er den Einfluss außerirdischer Genlabor-Späße auf die irdische Naturgeschichte. Da enden dann wohl Appelle an den gesunden Menschenverstand …

So lassen sich Hausdorfs „Argumente“ Stück für Stück widerlegen oder widerlegen sich selbst. Es soll an dieser Stelle unterbleiben – dies auch aus der Resignation heraus, dass Bücher wie dieses ohnehin nur für jene geschrieben werden, die entweder bereits „überzeugt“ sind, dass Hausdorf Recht hat, oder zumindest ahnten, dass es zwischen Himmel & Erde mehr gibt, als der gesunde Menschenverstand oder die verhasste (und von Hausdorf immer wieder kindlich beschimpfte) Wissenschaft erklären kann, und sich deshalb leicht „überzeugen“ lassen.

Deshalb befinden sich Hausdorf & Co., diese selbst ernannten Fox Mulders, diese Enkel des „Dr. h. c.“ Erich „von“ Däniken (von seinem Adepten Hausdorf im Text freundschaftlich „Erich“ genannt), auf der sicheren Seite: Die Argumentation der „richtigen“ Wissenschaft folgt eigenen Gesetzen, ist kompliziert, oft schwer verständlich, weil präzise und (theoretisch) auf Objektivität bedacht. Hingegen bieten die Eigenbau-Wissenschaftler einfache Erklärungen, die zudem gefallen. Und bei denen, die ohnehin an Dinosaurier, UFOs oder die Heilkraft von Magneten auf strapazierte Rückenwirbel glauben, laufen sie sowieso offene Türen ein. Da ist es gleichgültig, dass die Logik ignoriert wird, die wüst und willkürlich konstrierten „Beweise“ sich gegenseitig stützen müssen oder die absolute Wahrheit in geradezu erschütternd schlichter Prosa aufscheint.

Kongenial entlarven schließlich die Fotos dieses „Sachbuch“. Klar und deutlich sehen wir nur, was wir ohnehin bereits kennen. Wurde die Linse ausnahmsweise einmal auf ein Rätseltier gerichtet, dann ging garantiert etwas schief. Verschwommen, unter- oder überbelichtet, auf jeden Fall ohne jede Beweiskraft sind die auf Zelluloid gebannten Lächerlichkeiten. Nachdem in den mehr als anderthalb Jahrhunderten seit der Erfindung der Fotografie herabstürzende Meteore, Falken verprügelnde Hasen oder Michael Jackson ohne Maske auf Bildern fixiert wurden, sollte das irgendwann mit wenigstens einem Drachen halbwegs deutlich gelungen sein. Ist es aber nicht, was jedoch nur für uns nicht in die wahren Geheimnisse des Universums Eingeweihten Bände spricht …

„Liebe FreundInnen eines neuen, erweiterten Weltbildes“ begrüßt uns Hartwig Hausdorf auf seiner [Homepage.]http://www.vfgp.de/hartwighausdorf Es erwartet uns eine wahrlich aufregende Reise durch eine Welt, die uns so bisher vermutlich unbekannt war. Ein fremder Ort ist das, bevölkert von seltsamen Geschöpfen, den Bewohnern versunkener Reiche, beraten oder manipuliert durch Überwesen aus dem All. Pyramiden in China? Untertassen-Abstürze ebendort? Weltweite Komplotte von Politikern, Historikern u. a. Wissenschaftlern, welche die Menschen dumm und leicht regierbar halten wollen? Wer dies alles und noch viel mehr entlarvt sehen möchte, wende sich vertrauensvoll an den Verfasser. Rastlos durchstreift er die Welt, um den Lügnern, Verschweigern und Verschwörern die Masken vom Gesicht zu reißen und die Wahrheit zu enthüllen.

Lang ist die Liste der Hausdorf-Jünger. Auch die Liste seiner TV-Reverenzen flößt Vertrauen und Ehrfurcht ein: „Terra X/ZDF, Channel 7/Australien, Nippon-TV/Japan, Strange Universe/USA, Fliege/ARD, Arabella/PRO 7, SAT 1-Frühstücksfernsehen“. Da können doch nur noch Kleingeister und notorische Spötter dem Meister die Gefolgschaft verweigern! Recherchiert wird ansonsten in der „Fachliteratur“ gleich gepolter Mitstreiter oder gleich im Internet, jenem Medium, das für das Ausbrüten „geheimen Wissens“ förmlich erfunden wurde. Die Masche trägt: Hausdorf hat bisher ein Dutzend Bände voll des zusammengeklaubten Wundersamen auf den Buchmarkt geworfen; Fortsetzung folgt sicher, was zur Abwechslung einmal ein wahres Mirakel dieser Welt ist!

Hakl, Hans Thomas – verborgene Geist von Eranos, Der

„Scientia Nova – Verlag Neue Wissenschaft“ ist ein neuer akademischer Kleinverlag, dessen wesentliche Zielrichtung durch den Untertitel „Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik“ des mir vorliegenden Werkes „Der verborgene Geist von Eranos“ ganz treffend beschrieben wird. Der Begriff „scientia nova“ dürfte dabei passenderweise auf eine wissenschaftliche Strömung der Spätrenaissance verweisen.
In dieser Veröffentlichung nimmt der Jurist Dr. Hans Thomas Hakl (Mitherausgeber der „Gnostika“ und Korrespondent der „Politica Hermetica“) sich eines gern übersehenen Themas der Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts an, das bis heute fortwirkt: Eranos.

Eranos – was genau ist das nun? Das Wort selbst ist dem Altgriechischen entlehnt und verweist auf ein Gastmahl unter Freunden, in einer Gemeinschaft; der Wortteil „Eros“ in seiner bekannten Bedeutung schwingt dabei ganz unbefangen mit. Ein Fest der Sinne also vielleicht in mehrerlei Hinsicht, genauer ein Fest geistiger Art, zu dem Geladene etwas mitbringen, wie eine Rede, ein Lied, einen Trunk und den Willen, sich dem offenen, gemeinsamen Gespräch hinzugeben.

Im hier gemeinten Sinne ist Eranos die Bezeichnung einer Begegnung zwischen Orient und Okzident, Wissenschaft und Esoterik, Kunst und Religion. Initiiert wurden diese bedeutsamen Zusammenkünfte 1933 von der theosophisch vorgeprägten Holländerin Olga Froebe-Kapteyn; den Namen schlug ihr der Religionswissenschaftler Rudolf Otto vor. Zunächst sollte der Schwerpunkt auf Themen der Religion und des rein Geistigen liegen, doch der „genius loci“ hatte wohl seinen eigenen Willen, als sich aus den – von C. G. Jung maßgeblich mitgeprägten – einwöchigen Tagungen viel mehr entwickeln sollte.

Natur- und Religionswissenschaften, Psychologie, Philosophie, Islamistik, Ägyptologie und Indologie gehörten bald ebenso zu den Themen wie Buddhismus, Mystik und Mythen, Kabbala und Gnosis. Das Zusammenspiel zwischen strikter Wissenschaftlichkeit und kreativ-intuitiver Herangehensweise gehörte damit ebenso zu den zentralen Merkmalen der Tagungen selbst wie zu den Wesenszügen ihrer Redner und Gäste. Und so mancher der bedeutendsten Vertreter seines jeweiligen Faches folgte den Einladungen der Eranosrunde, wo sich viele Akademiker zum ersten Male und für spätere Zusammenarbeit in fruchtbarer Weise kennen lernen konnten. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten und Projekte konnte auch erst durch die Verbindungen zu Eranos und der Bollingen-Stiftung Form gewinnen.

Das schweizerisch-italienische Ascona im Tessin bot sich eigentlich als Ort der Zusammenkunft geradezu an. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Dorf Ascona am Monte Verità (wie bildhaft stimmig) zu einem Schmelztiegel diverser geisteswissenschaftlicher, religiöser und esoterischer Bestrebungen; speziell dem Bemühen zugetan, der Entzauberung und Profanisierung der modernen Welt entgegenzuwirken (ohne dabei weltfremd zu agieren). Die „Associazione Amici di Eranos“ dazu: „Aus heutiger Sicht war unser Dorf im Tessin ein Versuchsfeld, auf dem die Verwirklichung einer kulturellen Vision vorbereitet wurde, die die unsere geworden ist: die Ökologiebewegung; die Versöhnung des menschlichen Lebens mit der Natur; die vergleichende Erforschung der Symbole, der Religionen, der imaginierten Welten; der Dialog der Kulturen zwischen Okzident und Orient, zwischen Europa und Amerika, zwischen Moderne und dem Altertum; die Emanzipation der Frauen, deren eigene kulturelle Kreativität und schöpferische Weisen; die elementare Rolle der Geschlechterdifferenz in der Konstruktion der menschlichen Welt; die Wiederentdeckung des Körpers im modernen Tanz, des Umgangs mit dem Körper überhaupt, in Ess- und Kleidungsgewohnheiten; die Kultur der Toleranz, des Friedens, die Ablehnung jeglichen Dogmatismus; das ganzheitliche Studium der menschlichen Person: die Träume, die Seele, die Phantasie, Leben und Tod, Wissen und Unwissen, Vernunft und Gefühle, das Eine oder Andere, das Fremde, die Freiheit und die Regeln, das Individuum und die Gemeinschaft, die Riten in Dauer, in Wandlungen, das Schweigen, das Wort.“

Ein gewichtiger Eindruck der Bedeutung von Eranos lässt sich durch eine – von mir rein selektiv getroffene – Auswahl der hier seit nunmehr siebzig Jahren (mit einer Unterbrechung 1988/89 und veränderter Fortführung in zwei Eranos-Linien) Aktiven gewinnen:

Jan Assmann
Leo Baeck
Ernst Benz
Rudolf Bernoulli
Martin Buber
Henry Corbin
Mircea Eliade
Antoine Faivre
J. Wilhelm Hauer
Friedrich Heiler
Gustav Richard Heyer
Toshihiko Izutsu
Carl Gustav Jung
Erik Hornung
Hans Kayser
Karl Kerényi
David L. Miller
Erich Neumann
Adolf Portmann
Paul Radin
Erwin Rouselle
Annemarie Schimmel
Gershom Scholem
Erwin Schrödinger
Daisetz Teitaro Suzuki
Swami Yatiswarananda
Heinrich Zimmer

Das soll als Überblickvorstellung der Eranos-Thematik genügen. Weitere Information gibt es beispielsweise unter [Eranos.org]http://www.eranos.org/ zu finden.

Wie nimmt sich nun Herr Hakl dieser Thematik an; zumal es sich um eine der wenigen Veröffentlichungen handelt, die sich überhaupt eingehender und gezielt mit Eranos befassen?

Kurzum: Das große Werk ist trefflich gelungen. Nicht nur ging er mit ausgesuchter Sorgfalt an die Niederschrift heran (wovon ein erschlagendes Literaturverzeichnis ebenso zeugt wie zahlreiche vertiefende Anmerkungen und die Einbindung persönlicher Gespräche und Briefwechsel mit Eranosteilnehmern) und lässt seinen persönlichen Enthusiasmus für sein Forschungsobjekt in die Lesbarkeit gut förderlicher Weise aus seinen Zeilen sprechen. Es gelingt ihm dabei trotz aller Begeisterung und persönlichen Handhabung des Subjekts kritisch distanziert zu bleiben und sich auch weniger erfreulichen Kommentaren, Vorfällen und Anwürfen zu widmen. Als Beispiel sei hier die Problematik der Entstehungszeit genannt sowie der Tatsache, dass einige mehr oder minder dem Nationalsozialismus zugetane Personen unter den Teilnehmern zu finden sind; und auch die Debatte um C.G. Jungs Einstellung zu Antisemitismus und Nationalsozialismus ist noch lange nicht beendet (und wird es meiner Ansicht nach auch niemals sein, da sich keine eindeutige Stellungnahme finden lassen wird, wie die Etikettenwissenschaft sie gern hätte, die dem Prozesshaften noch immer nicht recht zugetan ist).

Der Autor geht in seinen Betrachtungen im Wesentlichen chronologisch vor, vor allem in der Anfangsphase der Eranostagungen. Dabei widmet er sich wichtigen Rednern und Persönlichkeiten eingehender mit Ausführungen zu Biografie und Lebenswerk sowie den Querverbindungen untereinander.

Hakl gelingt es mit seiner ausgezeichneten Arbeit, verschiedene Interessengruppen zugleich anzusprechen. Der größtenteils angenehm lockere und verständlich formulierte Wortfluss kommt dem Laien sehr entgegen, die Tiefgründigkeit und Sorgfalt dem akademischen Forscher. Der Eranosfreund wird ebenso fündig wie der Skeptiker. Alle Anmerkungen sind erfreulicherweise direkt unterhalb des Fließtextes zu finden, was vielleicht nicht üblich ist, aber lästige Blätterei und damit Überblicksverlust erspart. 47 Glanzfotos im Mittelteil erfüllen die Beschreibungen mit nostalgischem Leben. Und letztlich gibt es keine vergleichbare Arbeit über Eranos auf dem Buchmarkt.

Insgesamt ist „Der verborgene Geist von Eranos“ ein kulturhistorisch bedeutsames, rundum gelungenes, geradezu unverzichtbares Werk, das sicherlich zum rechten Zeitpunkt kommt. Nicht nur, um die Neugierde des historisch Interessierten zu befriedigen, sondern auch, um auf eine wesentliche und wichtige Entwicklung hinzuweisen, denn letztlich ist es an uns, was wir aus den Errungenschaften des Eranos weiterhin zu formen trachten und ob die Bestrebungen der Eranosteilnehmer lediglich als Fußnote der Geschichte auftauchen werden. Gerade Akademiker sollten aus diesem Werke lernen und den Austausch zwischen Traditionen, Kulturen und Fachgebieten für eine Gewinn bringende, zukunftsorientierte und ganzheitliche Zusammenarbeit suchen. Die Großen und Respektierten des vergangenen Jahrhunderts haben dies offenkundig getan; und auch wenn das vielen sicherlich unerwünschte Eranosthema allzu gern verdrängt wird, so zeigt die Geschichte doch, dass es nicht verkehrt sein kann, ihrem Beispiel zu folgen und das Werk fortzuführen.

Abschließend sollen zu diesem Buch, den Gesamteindruck vervollständigend, einige Eranospersönlichkeiten zu Worte kommen:

_Annemarie Schimmel_ (Islamistin, Prof. Dr. Drs. h.c. mult., u. a. Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und weltweit anerkannte Islamexpertin):
„H.T. Hakls Buch über die Entwicklung von ERANOS ist überaus spannend. Als jüngere Zeitgenossin vieler, wenn nicht der meisten dort vorgestellten Persönlichkeiten, hat mich die treffende Analyse fasziniert, und ich hoffe sehr, dass viele an der europäischen Geistesgeschichte Interessierte dieses grundlegende Werk lesen und dadurch einen neuen Zugang nicht nur zu dem bisher weitgehend von der Wissenschaft vernachlässigten Thema ERANOS finden, sondern auch zu wichtigen Fragen der neueren Geschichte. Jeder an geistesgeschichtlichen Problemen der Neuzeit Interessierte sollte das Buch aufmerksam lesen.“

_Erik Hornung_ (Ägyptologe an der Universität Basel und ehemaliger Präsident der „Amici di Eranos“):
„Eranos, die jährliche Zusammenkunft prominenter Gelehrter in Ascona seit 1933, ist längst zu einem Bestandteil der neueren Geistesgeschichte geworden. Hans Thomas Hakl gelingt es, dieses bisher unerforschte Kapitel in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erhellen und die geistige Mitte dieser Begegnungen, dazu ihre Ausstrahlung in alle Welt, sichtbar zu machen. Ein spannendes und zugleich höchst aktuelles Lesevergnügen!“

_Antoine Faivre_ (Lehrstuhlinhaber für die Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im Europa der frühen und modernen Neuzeit am Religionswissenschaftlichen Institut der E.P.H.E. (Sorbonne), und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Diese, dem Phänomen Eranos gewidmete erste Gesamtdarstellung wissenschaftlichen Wertes, kommt gerade recht und dürfte wohl auf lange Zeit das Standardwerk bleiben. Auf fein gesponnene Weise werden nicht nur hochinteressante Details und Aussagen aus erster Hand sowie gediegene Einzeluntersuchungen zusammengetragen. Ebenso gelingt es dem Autor aufzuzeigen, wie die verschiedenen Beziehungsfäden innerhalb der Eranos-Tagungen zusammenlaufen und darüber hinaus, die Bezüge zur neueren Geistesgeschichte herzustellen.“

_David Miller_ (Watson-Ledden Professor Emeritus der Religionswissenschaften an der Syracuse Universität (USA) und Mitglied des Eranoskreises von 1969–1988):
„Dieses faszinierende Buch liefert einen äußerst gründlichen und ausgewogenen Bericht von einer verborgenen Dimension des geistigen Lebens im letzten Jahrhundert. Diese Dimension wird hier in einer überaus sorgfältigen und wissenschaftlichen aber auch interessanten Weise der Öffentlichkeit enthüllt. Dabei zeigt der Autor auf, dass die Eranos-Konferenzen von 1933 bis 1988 ein – wie man das in einer postmodernen Computersprache ausdrücken könnte – im Hintergrund des 20. Jahrhunderts ablaufendes Programm darstellen und dass diese bis jetzt unbekannte Kraft ein spirituelles Vermächtnis in sich birgt und zwar genau inmitten eines modernistischen Scheiterns von Seele und Geist.“

_Giovanni Casadio_ (Professor für Religionsgeschichte an der Universität Salerno und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Die Geschichte eines Jahrhunderts bleibt so lange unverständlich, bis man den Geist erkennt, der sie von innen her gelenkt hat. Der Geist des 20. Jahrhunderts ist im Guten wie im Schlechten oft mit dem Genius Loci identifiziert worden, der den Eranos-Tagungen von Ascona voranstand. Dieses Buch ist nun der einzige brillante und kompetente Führer, um sich in diesem Labyrinth geistiger Verwicklungen zurechtzufinden.“

Fosar, Grazyna / Bludorf, Franz – Fehler in der Matrix

Der 1982 verstorbene visionäre Autor [Philip K. Dick]http://www.philipkdick.de war die Inspirationsquelle für etliche der wegweisenden Science-Fiction-Filme unserer Zeit, wie zum Beispiel „Blade Runner“, „Minority Report“, „Total Recall“, „eXistenZ“, „The Thirteenth Floor“, „Vanilla Sky“, demnächst „Paycheck“ (von John Woo) – und auch für die bahnbrechende „Matrix“-Reihe. Die Philosophie und beeindruckende Umsetzung von „The Matrix“ hat auch außerhalb der Kinosäle so einiges bewegt, und dies tatsächlich trotz aller Action im Comic-Stil auch in den Köpfen des Publikums. Der – zeitlebens rebellische, mit dem Gesetz konfliktierende und Drogen konsumierende – Autor hat sich stets mit Fragen nach staatlicher Kontroll-Allmacht, dem freien Willen oder der Existenz Gottes befasst und diese Grundmotive immer wieder in seine zahlreichen Schriften einfließen lassen. Wesentlich war die Frage nach der wahren Struktur der Realität und der Manipulation der alltäglichen Wirklichkeit, die er – als studierter Philosoph und Germanist – bis hinein ins Metaphysische trieb. Und keine andere Grundidee hat sich wohl so stark ausgewirkt wie die in „The Matrix“ umgesetzte virtuelle Realität, gesteuert von einer gewaltigen Matrix, die Scheinwelten in die Köpfe der versklavten Menschheit projiziert. Die Matrix-Erschaffer haben nur zwei Probleme, die sich nicht beheben lassen: den freien Willen und die verräterischen „Fehler in der Matrix“.

Dieses Konzeptes haben sich die Wissenschaftsautoren Grazyna Fosar und Franz Bludorf angenommen, über die es in meiner Buchbesprechung zu [Vernetzte Intelligenz]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id_book=56 mehr zu lesen gibt (und Kollegin Bianca hatte sich im September des Buches „Spektrum der Nacht“ angenommen). Kommen wir direkt zum Inhalt ihres aktuellen populärwissenschaftlich abgefassten Buches. Der Matrix-Begriff wird hier in mehrerer Hinsicht verwendet: zum einen natürlich aus aktuellem Anlass im Rahmen der „Matrix“-Euphorie und auch mehrfach unter Bezug auf die Filmdialoge und -grundideen, dann als vernetzende Metapher für einige Aspekte ihrer Betrachtungen, aber letztlich als konkret angewandte mathematisch-physikalische Struktur für Abbildungen oder Projektionsvorgänge. Denn so wie es sich darstellt, lässt sich unsere, für uns scheinbar vierdimensionale, Wirklichkeit sowohl als Fraktalstruktur (eine selbstbezügliche Abbildungsform) als auch als Projektion aus der höherdimensionalen Realität auffassen.

Wer hier abwinken möchte, weil die Erwähnung von „höheren Dimensionen“ ihm – oh schrecklich – nach Esoterik klingt, dem sei gesagt, dass nach den derzeit aktuellsten Theorien (String-, Bran- oder M-Theorien und Vergleichbares) unser Universum mindestens elfdimensional beschaffen sein muss, möglicherweise mehr, damit die entsprechenden Gleichungen korrekte Lösungsmengen liefern. Auch der Bezug zu Fraktalen ist an einem kleinen, durchaus bekannten, Beispiel zu veranschaulichen: Will man die Küste Englands vermessen, so stellt man fest, dass die Länge vom verwendeten Maßstab und der Genauigkeit der Messung abhängt. Werden die Messbedingungen immer präziser, so nehmen die Struktur und damit der Umfang der beobachteten Oberfläche der Küsten“line“ beständig zu, bis hinein in die atomaren Bindungen usw., so dass man in mathematischer Entwicklung guten Gewissens sagen kann, diese Küste sei tatsächlich unendlich lang. Das ist eigentlich auch gar nicht so unerwartet, denn man verwendet schon lange Zeit Fraktale, um natürliche Formen wie Landschaften oder Pflanzen zu berechnen und zum Beispiel in Computerspielen darzustellen. Eine weitere Besonderheit der Fraktale ist, dass sie aus dem immer wieder gleichen Grundmuster aufgebaut sind, nur die Abbildungsvorschrift selbst bestimmt die endgültige Form des Objektes, so dass man zum Aufbau fraktaler Welten wenn nötig nur eine einzige Basisform benötigen würde. Wichtiger ist eben das „Programm“, das diese Form anschließend anordnet und aufbaut – Ähnlichkeiten zur DNA, die, immer wieder gleich, doch komplexen Organismen wie uns Form und Funktion gibt, sind hierbei wohl nicht ganz zufällig.

Was die Dimensionsprojektion angeht, so stellt euch einen Ball vor, der von einer Lampe angestrahlt wird. Dies produziert ein Schattenbild – eine zweidimensionale Bild-Projektion des für uns dreidimensionalen Gegenstandes, wobei zusätzliche Informationen durch diesen Vorgang verloren sind. Diese Überlegung kann man nun auf unsere Wirklichkeit anwenden und unseren vierdimensionalen Alltag als Projektion aus dem mehrdimensionalen Hyperraum betrachten (Platon lässt grüßen?). Auch dabei ginge natürlich vorher vorhandene Information für uns verloren – Information allerdings, die nach wie vor existent ist und sich auf die anderen Dimensionen auswirkt, für uns aber ebenso wenig erfahrbar ist wie die dreidimensionale Realität des Balles für einen zweidimensionalen Menschen in einer flachen Welt.

Diese Projektionsvorgänge und Fraktalerschaffungen der uns umgebenden Struktur funktionieren nun nicht streng deterministisch, linear oder vorhersehbar. Die moderne Physik schlägt sich bereits seit einiger Zeit mit zahlreichen Unbestimmtheiten herum, die es schlicht unmöglich machen, exakte Wissenschaft zu betreiben und statt dessen komplizierte Methoden aus der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung benötigen, um überhaupt noch irgendwie in mathematische Sprache gefasst werden zu können. Diese Unbestimmtheiten, das beständige Wabern und Wogen des „Quantenschaums“, der uns umgibt und durchdringt, die beständige Selbsterschaffung der Vakuumstruktur mit ihren Fluktuationen und Unbeständigkeiten machen auch die Wirklichkeit, in der wir leben, zu einer Welt, die nicht immer so präzise funktioniert, wie sie den Gewohnheiten in unseren Köpfen entsprechen sollte. Die höheren Realitäten und Projektionsvorgänge machen sich also durch Fehler bemerkbar – und erst diese sind es, die es uns ermöglichen, das „Mehr“ zu erkennen, aus dem heraus unsere Lebenswelt erschaffen wird.

Und so berichten Fosar und Bludorf von verschiedenen Störungen und Anomalien, die auf diese Zusammenhänge hinweisen und zur Hinterfragung einer stabilen (Schein-)Wirklichkeit Anlass geben. Parapsychologische Phänomene, Gravitations- und Zeitanomalien, veränderte Bewusstseinszustände, Doppelgängerphänomene, Genetikforschung, Nanotechnologie und militärische Forschungsprojekte, Chaosforschung, Kosmologie, die neue Quantenphysik und allerlei manipulative Eingriffsversuche in die Beschaffenheit der Wirklichkeit zeigen in einem vernetzenden Zusammenhang als Gesamtbild, dass die Matrix nicht perfekt ist und Fehler hat, durch die sie sich uns zu erkennen gibt. Dabei greifen sie neben ihren früheren Werken auf aktuelle akademische Veröffentlichungen zurück sowie auf exotisch wirkende Theorieansätze, wie die Vielweltenhypothese oder die Transaktionale Interpretation der Quantenphysik. Wissenschaftler wie Hugh Everett und John Wheeler, Edward Witten, Stephen Hawking, Fritz-Albert Popp, Richard Feynman, Jack Scarfatti, Hartmut Müller, Fred Alan Wolf, John G. Cramer oder Dean Radin gehören mit ihren Theorien zu den wichtigen und bekannteren Größen, deren Arbeiten in diesem Werk Verwendung finden. Hinzu kommen aber vielfach weniger bekannte akademische Arbeiten und Experimentalergebnisse, zum Teil wieder aus dem russischen Raum, Asien oder Australien, aber auch von den Autoren selbst durchgeführte Untersuchungen, mit deren Hilfe verschiedene, höchst ungewöhnliche Beobachtungen und Theorien mit- und zueinander in Relation gesetzt werden können und in der Summe ein erstaunliches Konzept mit so manchem Aha-Effekt offenbaren.

Gelegentlich setzen die Autoren die Kenntnis ihrer früheren Schriften voraus, zumindest dort, wo Theorien und Feststellungen eher knapp angemerkt und herangezogen werden, die dem darüber noch nicht informierten Leser einige Fragezeichen bescheren dürften. Wenn man diese Passagen aber für den Faktenaufbau zunächst einfach hinnimmt, ist es kein Problem, den Ausführungen weiterhin zu folgen, aber für ein intensiveres Verständnis der Zusammenhänge kann ich die zusätzliche Lektüre vor allem von „Vernetzte Intelligenz“ wirklich empfehlen. Allgemein ist der Schreibstil wieder sehr gut zugänglich, das Buch liest sich streckenweise so spannend wie ein Wissenschafts-Thriller. Und wem die Faktenfülle noch nicht ausreicht, für den haben die Autoren in das Buch zusätzliche Hintergrundtexte in Boxen mit der Überschrift „Was Einstein noch fragen würde…“ eingebaut, die es fachlich zum Teil ziemlich in sich haben und ebenso wie zahlreiche Erwähnungen des Schaffens anderer Wissenschaftler zum ausgiebigen Stöbern in der Buchhandlung einladen, um die Lektüre zu vertiefen. Zahlreiche Quellenangaben sowie eine ausgiebige Literaturliste sorgen für die gebotene wissenschaftliche Sorgfalt (wenngleich das Buch selbst nicht wissenschaftlichen Standards genügen kann und sich eben in populärwissenschaftlicher Darstellung zum Glück einem breiteren Leserpublikum zuwendet), ein Glossar sorgt für den begrifflichen Überblick, zahlreiche Grafiken sowie 44 Farbabbildungen im Fototeil ergänzen die visuelle Verständnisebene und das Register macht „Fehler in der Matrix“ auch als Nachschlagewerk tauglich.

Hiermit ist Fosar und Bludorf ein weiterer begeisternder Geniestreich gelungen, der Weltbilder zu bewegen weiß und zumindest bei mir für zahlreiche Assoziationen und Synchronizitäten sorgte und das Verständnis einiger Zusammenhänge und Theorieansätze sehr erleichterte, die ich bislang in dieser Form nie weiter durchdacht hatte. Wer mit offenem Geist, aber mit geboten kritischer (in doppelseitiger Bedeutung) Sichtweise an die Lektüre geht und bereit ist, festgefahrene Wege zu verlassen, um neue Pfade zu beschreiten und eigene Spuren im Sand der Zeit zu hinterlassen, findet hier eine wirkliche Bereicherung für die eigene Weltsicht und eine wichtige Ergänzung für ein grundlegendes Verständnis vom Zusammenhang der Dinge, die unsere Wirklichkeit erschaffen. Fosar und Bludorf haben sich spätestens mit ihren letzten beiden Veröffentlichung jedenfalls an die Spitze meiner persönlichen Favoriten für grenzwissenschaftliche Literatur katapultiert.

Homepage der Autoren: http://www.fosar-bludorf.com

Fosar, Grazyna / Bludorf, Franz – Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen

Der Schlaf gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Jeder Mensch verschläft rund ein Drittel seines Lebens, dabei ist aber das Schlafbedürfnis jedes Menschen individuell höchst unterschiedlich und sowohl durch seine Lebensumstände als auch genetisch bestimmt. Auch das Alter spielt eine große Rolle, so schläft ein Säugling ca. 16 Stunden, ein Kleinkind noch etwa 12 Stunden, ein Erwachsener 7-9 Stunden, während alte Menschen im Durchschnitt nur noch 6 Stunden Schlaf brauchen.
Schlafstörungen drohen heutzutage zu einer Volkskrankheit zu werden. Viele finden keine Erholung im Schlaf oder fühlen sich trotz ausreichenden Schlafes tagsüber müde. Dabei gibt es im Grunde genommen nur vier Ursachen für schlechten Schlaf: bestimmte Krankheiten (Schichtarbeiter-Syndrom, Schnarchen, Depressionen, nächtliches Zähneknirschen oder Allergien), Umweltfaktoren (Wettereinflüsse, Elektrosmog), Ernährungsfehler und psychische Probleme (beruflicher Stress, Sorgen, Ängste, Unfähigkeit vom Tagesbetrieb abzuschalten).
Grazyna Fosar und Franz Bludorf nennen in „Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ einige erfolgversprechende Möglichkeiten, die Schlafqualität zu verbessern. So bilden die „10 Gebote gesunden Schlafes“ und die „Stressless-Übung“ eine gute Grundlage für besseren Schlaf. Auch eine Veränderung der Schlafzimmereinrichtung kann schon Abhilfe bei Schlafstörungen schaffen.
Außerdem diskutieren die beiden Autoren den Einfluss bestimmter Umweltfaktoren wie Elektrosmog, Wettereinflüsse, Schumann-Erdresonanzfrequenzen (elektromagnetische Frequenzen, die aufgrund der Wettervorgänge in unserer Atmosphäre entstehen), Mond und Sonne auf die Qualität des Schlafes.

Wenn man es dann geschafft hat und endlich wieder gut schlafen kann, oder noch nie Probleme mit dem Schlafen hatte, gibt das Buch Einblicke in die Welt der Träume. „Spektrum der Nacht“ bietet dabei keine Deutung von Träumen nach Art herkömmlicher Traumbücher, sondern eine Anleitung, die Bedeutung seiner Träume selbst herauszufinden und zu verändern.
Ein Mensch träumt jede Nacht mehrmals, kann sich aber nicht immer daran erinnern, meist bleibt nur der letzte Traum kurz vor dem Aufwachen schwach in Erinnerung. Man kann jedoch seine Traumfähigkeiten trainieren, seine Traumerinnerung verbessern und unter Umständen erlernen, seine Träume bewusst zu erleben oder sie sogar verändern, das sogenannte Klarträumen. Klarträume erlauben es, neue Verhaltensmuster oder Bewegungsabläufe beim Sport zu trainieren oder bewusst im Traum auf Reisen zu gehen, z.B. nach New York. „Ein Klartraum ist ein Traum, in dem der Mensch weiß, daß er träumt, und sich zusätzlich der Tatsache bewußt ist, daß er in die Traumhandlung steuernd eingreifen kann.“

„Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ ist ein gut zu lesendes Selbsthilfebuch für alle von Schlaflosigkeit oder Albträumen geplagten Menschen. Faszinierend ist jedoch vor allem die detallierte Anleitung zum Klarträumen. Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, seine Träume steuern zu können? Schritt für Schritt lernt man mit „Spektrum der Nacht“ seine Träume bewusst zu erleben und dann gezielt zu verändern. Von großer Hilfe dabei ist die dem Buch beigefügte „Dreamcard“, ein kleines Kärtchen im Scheckkartenformat, bedruckt mit den Worten: „Wach‘ ich oder träum‘ ich?“ Richtig angewendet, dient sie dazu, die Realität zu überprüfen und schnell festzustellen, ob man träumt.
Aber auch wenn man keine Schlafprobleme hat oder nichts an seinen Träumen verändern will, ist „Spektrum der Nacht“ ein wertvolles Nachschlagewerk zum Thema Schlafen und Träumen.

Grazyna Fosar und Franz Bludorf sind Physiker und Mathematiker sowie ausgebildete Heilpraktiker und Hypnosetherapeuten. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit sind Neue Physik, Geomantie und Bewußtseinsforschung. Sie sind Autoren mehrerer Bücher zu grenzwissenschaftlichen Themen. Starke internationale Beachtung fanden ihre Bücher „Vernetzte Intelligenz“ (siehe Rezension in unserer Bücherecke), „Das Erbe von Avalon“ und „Zaubergesang“. Weitere Titel u. a.: „Der kosmische Mensch“, „Reif für die Zukunft“, „Dialog mit dem Unsichtbaren“.

Homepage der Autoren: http://www.fosar-bludorf.com

Görnitz, Thomas – Görnitz, Brigitte – kreative Kosmos, Der

„Der kreative Kosmos – Geist und Materie aus Information“ gehört zu jenen Werken, die imstande sind, Weltbilder neu zu formen und neue Wege des Denkens zu ebnen. Dies gelingt in diesem populärwissenschaftlich formulierten Buch – gut verständlich dargestellt, ohne unpräzise und beliebig zu werden – auf exzellente und nachhaltig beeindruckende Weise. Der interdisziplinäre, umfassende Ansatz dieser Arbeit vollzieht sich dabei aus so vielen Ebenen und unterschiedlichen Blickwinkeln heraus, dass ein beachtlicher Teil der Hauptfragen moderner Naturwissenschaft und Philosophie einbezogen werden – ein wahrer Rundumschlag also.

Das Autorenduo ist für eine solche, fast schon insolent wirkende Herausforderung bestens gewappnet: Thomas Görnitz war nach seiner Promotion in Physik an der TU Braunschweig sowie an mehreren Max-Planck-Instituten aktiv, woraus sich auch eine langjährige Zusammenarbeit mit Carl Friedrich von Weizsäcker ergab. Derzeit ist er Professor für Didaktik der Physik in Frankfurt und überdies Vorstandsvorsitzender der „Carl Friedrich v. Weizsäcker-Gesellschaft ‚Wissen und Verantwortung‘ e.V.“. Seine vorherige Buchveröffentlichung „Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt“ fand bereits einige Beachtung und bietet sich als mathematikfreie Beschäftigung mit Quantenwelten, Bewusstsein und Transzendenz geradezu an. Brigitte Görnitz promovierte in Veterinärmedizin und ist zudem Diplompsychologin.

Im Wesentlichen geht es den Autoren um eine Annäherung an das Verständnis von Geist und Bewusstsein unter Einbindung des materiellen Aspektes und des Lebendigen. Dabei spielen das Leib-Seele-Problem und die Frage nach dem freien Willen eine bedeutsame Rolle. Sie nähern sich dieser Betrachtung aus mehreren verflochtenen Perspektiven, die Biologie, Psychologie und moderne Physik einbeziehen. Zentraler Ansatzpunkt ist dabei der Begriff der Information, die neben ihrem Bedeutungsaspekt in einer neuartigen Sichtweise definiert und als Basisgröße erklärt wird: Aus kosmologischen Überlegungen heraus kommen die Verfasser zu einer abstrakten Quanteninformation, die das Fundament für die Evolution von Materie, Leben und letztlich Bewusstsein bildet und somit ein einheitliches und grundlegendes Erklärungsmodell liefert. Die hier dargestellten Zusammenhänge und Schlussfolgerungen bewirken so manchen Aha-Effekt und bieten eine ausgezeichnete Grundlage für weiteres Verständnis und Überlegungen in allen Bereichen, die damit in Bezug stehen oder sich aus den Grundannahmen ergeben. Es werden weniger neuartige Erkenntnisse und physikalische Theorien bemüht oder präsentiert als vielmehr auf philosophischer, erkenntnistheoretischer Grundlage gearbeitet, verwoben in eine ausgezeichnete Überblicksdarstellung zu zentralen Problempunkten und Erkenntnissen moderner Wissenschaft sowie der resultierenden Konsequenzen. Neben ihrer eigenen, gemeinsamen Arbeit kann sich das Autorenpaar Görnitz auf die Vorarbeit namhafter Größen beziehen, wie beispielsweise Stephen W. Hawking, Sir Roger Penrose, einigen Wissenschaftlern aus der Familie von Weizsäcker, Wolfgang Pauli, George Spencer-Brown, Holger Lyre und besonders Carl Gustav Jung als Schnittstelle zwischen Psychologie, Naturwissenschaft, Philosophie sowie „esoterischen“ und transpersonalen Ansätzen, die allesamt für die Hauptthese und ihre Schlussfolgerungen bedeutsam sind.

Pauli und Jung spielen dabei eine besonders tragende Rolle; ihnen sowie Sigmund Freud sind daher ausführliche Überblickstexte gewidmet. Überhaupt ist die Anschaffung dieses beeindruckenden Werkes schon des Überblickscharakters wegen lohnenswert, denn das Autorenpaar nimmt sich ausreichend Raum, um alle für ihre Überlegungen notwendigen Ansatzgedanken und Grundkenntnisse größtenteils gut verständlich darzustellen. So findet man durchaus umfassende Texte und Erklärungen zu Hirnforschung, Psychologie, Quantenphysik, Evolutionsbiologie, Bewusststeinsforschung oder Informationstheorie, teils in komprimiert konventioneller Darstellung, teils in veränderten Betrachtungsebenen. Die meisten Begriffe werden innerhalb des Buches erläutert und sehr anschaulich, lebendig und verständlich formuliert, so dass man außer einem gewissen wissenschaftlichen Grundverständnis keine wesentlichen Voraussetzungen für eine genüssliche und erhellende Lektüre benötigt; lediglich die Bereiche der Biologie und Hirnforschung sind allein wegen der vielen Fachbegriffe nicht ganz leicht zu verdauen. Wer es gern etwas genauer hat, kann sich an dem mathematisch-physikalischen Anhang gütlich tun, der zehn Themenbereiche wissenschaftlich genauer anreißt.

So umfassend die einbezogenen und fundierten Fachkenntnisse in „Der kreative Kosmos“ sind, so elementar und fundamental ist die darauf aufbauende Hauptaussage sowie die daraus folgende Modellbildung. Dass all dies neben dem fachlichen Anteil auf teils unkonventionell ansetzender und in „offenem Geist“ formulierter philosophischer und psychologischer Basis durchdacht ist, verleiht dem Werk eine basale, ausgreifende Bedeutsamkeit. Ich möchte dazu neigen, diesem wichtigen Buch eine noch umfassendere Brisanz und Gewichtigkeit als dem im Bereich der populärwissenschaftlichen Literatur schon legendären „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen W. Hawking zuzusprechen, und es könnte ihm ein ähnlicher Erfolg beschieden sein. Leider scheint „Der kreative Kosmos“ vom Verlag ein wenig stiefmütterlich behandelt zu werden, was schon bei einem sehr oberflächlichen Lektorat beginnt und nicht zuletzt an der Aufmachung deutlich wird, welche die zwar zweckhaften, aber doch sehr rudimentären und, gerade im Vergleich mit oben genanntem Welterfolg, recht dürftig erscheinenden Grafiken bzw. Abbildungen wohl größtenteils den Autoren selbst und ihren Quellen überließ.

Wer neue und ungewöhnliche Denkansätze mag, auf naturwissenschaftlicher Basis philosophiert, gern sein Weltbild und auch sein Basiswissen erweitert, um zu einem besseren Verständnis von Information, Kosmos und Materie, Leben und Bewusstsein unter neuem Ansatzpunkt zu gelangen, der ist bestens beraten, sich dieser fabelhaften Arbeit zu widmen und an der Evolution eines lebendigen, kreativen Kosmos der Information teilzuhaben.

Aufgrund der umfassenden Thematik ist nachfolgend das ausführliche Inhaltsverzeichnis wiedergegeben:

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Die Wahrnehmung von Ganzheit
1.2 Die Entwicklung zum Menschen
1.3 Die Rolle des Gehirns
1.4 Zerlegende und vereinheitlichende Wissenschaft
1.5 Schichtenstruktur der Naturbeschreibung
1.6 Der Zufall in der Naturwissenschaft
1.7 Geist und Bewusstsein, Leib und Seele
1.8 Die Einheit von Leib und Seele
1.9 Der Weg der universalen Evolution

2 Das Verschwinden des Geistes aus der Naturwissenschaft
2.1 Objektive Naturerkenntnis – Ausschaltung des Subjektes
2.2 Ist alles vorherbestimmt – auch unsere Erkenntnis?
2.3 Der Zusammenhang von Gehirn und Kosmos

3 Die kosmische Evolution: Der lange Weg vom Urknall zum menschlichen Gehirn
3.1 Kosmologie als notwendiger Teil empirischer Naturwissenschaft
3.2 Die kosmische Entwicklung: Vom Urknall zur Erde
3.3 Der Beginn der Evolution des Lebendigen
3.4 Die Sonderstellung des Menschen in der Evolution

4 Das Universum der Information
4.1 Was ist alles „Information“?
4.2 Information als Begriff der Physik

5 Die zentrale Rolle der Quantentheorie
5.1 Die Unterschiede zwischen klassischer Physik und Quantenphysik
5.2 Quantentheorie als Physik der Beziehung
5.3 Klassische und Quanteninformation

6 Von der Information der Schwarzen Löcher zur kosmischen Information
6.1 Schwarze Löcher – klassisch
6.2 Schwarze Löcher – quantentheoretisch
6.3 Anbindung der Information an die Kosmologie
6.4 Kosmische Information
6.5 Die Vereinheitlichungstendenzen der modernen Physik

7 Vom Schattenwurf zu den neuronalen Netzen – Abbildung als Informationsbearbeitung
7.1 Die Idee der Abbildung
7.2 Computer und künstliche neuronale Netze
7.3 Künstliche neuronale Netze als Modelle der natürlichen Neuronennetze

8 Der Weg von den neuronalen Netzen zu einer Biophysik des Geistes
8.1 Leben als makroskopischer Quantenprozess
8.2 Die biologische Erzeugung von Bedeutung
8.3 Das Gehirn als bedeutungsschaffendes Organ
8.4 Vergleich künstlicher neuronaler Netze und natürlicher Neuronennetze
8.5 Quantennetze: Ausblick auf den Geist

9 Die psychische Entwicklung des Individuums
9.1 Instinkte
9.2 Aspekte der Gehirnentwicklung
9.3 Die Entfaltung von Wahrnehmungsfähigkeiten
9.4 Affekte und Gefühle
9.5 Frühe Interaktionen gestalten den Kontext für Bedeutungen
9.6 Auswirkungen früherer Erfahrungen
9.7 Vom präsymbolischen zum symbolischen Denken
9.8 Sich selbst erkennen und den anderen

10 Das Zusammenwirken von Bewusstem und Unbewusstem
10.1 Die Wissenschaft entdeckt die Psyche
10.2 Sigmund Freud
10.3 Carl Gustav Jung

11 Wolfgang Pauli
11.1 Wolfgang Pauli als Physiker
11.2 Wolfgang Pauli und C. G. Jung: Die Suche nach dem Hintergrund

12 Das Ziel des Weges – von der kosmischen Information zur Einheit von Geist und Körper
12.1 Die Bindung von Wahrnehmungen zu Objekten und Ereignissen
12.2 Quanteninformation als Voraussetzung von Bewusstsein
12.3 Erleben und Bewusstsein
12.4 Das ausgedehnte reflexionsfähige Ich
12.5 Das Selbst
12.6 Die dynamische Schichtenstruktur und die psychischen Prozesse
12.7 Das Selbst und seine Beziehungsmöglichkeiten
12.8 Die Frage der Willensfreiheit

13 Rückblick und Ausblick
13.1 Rekapitulation des Erkenntnisganges – von der kosmischen Information zum Bewusstsein
13.2 Die Einheit von Leib und Seele
13.3 Die Freiheit des Menschen
13.4 Kultur als Teil der Natur
13.5 Ethische Folgerungen
13.6 Geist jenseits des menschlichen Gehirns?

14 Literatur

15 Mathematisch-physikalischer Anhang

Index

[Homepage von Thomas Görnitz]http://www.rz.uni-frankfurt.de/~goernitz/

Darin zusätzliche [Ausführungen der Autoren zum Buchkonzept]http://www.uni-frankfurt.de/fb13/didaktik/Goernitz__Veroeffentlichung.html

Anmerkung: Entgegen der Informationen bei Amazon und auf der Verlagsseite hat das Werk gebundene 407 Seiten, nicht nur 300.

Randi, James – Lexikon der übersinnlichen Phänomene

James „The Amazing“ Randi, Preisträger des MacArthur Genius Award, kann auf eine beachtliche Karriere als Zauber- und Entfesselungskünstler verweisen, ist aber seit geraumen Jahren vor allem als führender Vertreter der Skeptikerbewegung bekannt und tat sich hervor, indem er das Wirken von Sonderlingen wie Uri Geller durchleuchtete und bloßstellte. Aufmerksamkeit erhascht er seit einigen Jahren vor allem durch seine fragwürdige Aktion, eine Million Dollar für die unwiderlegbare Präsentation eines paranormalen Phänomens ausgesetzt zu haben. Diese Summe dürfte er verschmerzen können; allein sein Dutzend Buchveröffentlichungen findet reißenden Absatz in der Gemeinschaft seiner Glaubensbrüder. Im deutschsprachigen Raum ist kürzlich das „Lexikon der übersinnlichen Phänomene“ erschienen, das ich etwas näher betrachten möchte und dessen skeptischem Inhalt ich ausgesprochen skeptisch entgegen trete.

Die Irritationen beginnen bereits beim Titel und seinem Anspruch. Im Deutschen als „Lexikon der übersinnlichen Phänomene“ betitelt, lautet die 1995 entstandene und 1997 erschienene Originalfassung „An Encyclopedia of Claims, Frauds and Hoaxes of the Occult and Supernatural“, eine deutlich abweichende Gewichtung, wie ich finde, die in der deutschen Fassung falsche Erwartungen wecken und voreilige Käufer unangenehm überraschen dürfte. Der Untertitel „Die Wahrheit über die paranormale Welt“ ruft einiges Stirnrunzeln bei mir hervor, denn abgesehen von dem damit postulierten Wahrheitsanspruch – jubilieret, endlich wieder jemand, der die viel zitierte Wahrheit kennt und durchschaut hat – wird die Erwartungshaltung noch zusätzlich in eine falsche Richtung gelenkt; im Gegensatz zum Originaltitel, der sich zumindest noch größtenteils mit dem tatsächlichen Inhalt deckt. Der Anspruch, sich als „Enzyklopädie“ oder „Lexikon“ bezeichnen zu dürfen, ist allerdings in beiden Fällen überzogen – und bei einem Einzelautoren ohnehin fragwürdig – und nicht gerechtfertigt, und das betrifft die Ebenen von Sachlichkeit, Objektivität, Umfang, Betrachtungstiefe, Vollständigkeit und Qualität.

In dieser eher als Kommentarsammlung zu betrachtenden Veröffentlichung geht es saftig skeptisch zur Sache. Was das anbelangt, bekommt das Buch durchaus seinen Existenzberechtigungsschein genehmigt und hätte eine solide Angelegenheit werden können, wenn Randi bei Themen geblieben wäre, von denen er konkret etwas versteht und die er gründlich recherchiert hat. So wären Entlarvungen von Spiritisten, Medien, Hochstaplern etc. garantiert in einen Bereich gefallen, zu dem Randi gerade als Zauberkünstler etliche fundierte Beobachtungen und Anmerkungen anbringen kann. Diese Themen werden im Buch auch angesprochen, die biographischen Ausführungen zu derlei Persönlichkeiten sowie einige Erklärungen zu besonders häufigen Tricks und Fehlannahmen stellen auch die wenigen Lichtblicke des „Lexikons“ dar. Außerdem dürfte für Leser, die selbst passionierte und glaubensfundamentierte Skeptiker sind, der überaus zynische, ironische und abfällige Tonfall, der das Buch durchzieht, eine echte Wonne sein; auf sachlicher Ebene ist diese Form allerdings völlig unangemessen und klar am Ziel vorbei kalkuliert. Das reicht höchstens, um sich unter Gleichdenkenden gegenseitig amüsiert bestätigend auf die Schulter zu klopfen, so wie es bei diesem Buch allein schon durch die Anmerkung von Isaac Asimov und das Vorwort von Arthur C. Clarke geschieht, ein Gespann, das sich in dieser Schulterklopferei schon seit langer Zeit genüsslich übt.
Es stellt sich bei der herablassenden Art und Weise direkt die Frage, für wen das Buch gedacht ist. Bei Berufs-Skeptikern reichen die hier verkündeten Wahrheiten nämlich höchstens für ein süffisantes „Ich hab’s schon immer gesagt“, bei noch schwankenden oder allzu leichtgläubigen Menschen, die sicher einigen Nutzen aus diversen Buchanteilen ziehen könnten, dürfte der Stil und die Art der Themenbehandlung sehr schnell abschreckend wirken.
Außerdem leiden selbst die vernünftig ansetzenden Passagen unter dem sich durchziehenden Makel der Oberflächlichkeit, subjektiven Auswahl und bruchstückhaften Darstellung. Oftmals ist nicht einmal klar, aus welchem Grunde bestimmte Schlagworte Einzug in die Sammlung fanden oder nach welchem Kriterium hier überhaupt ausgewählt wurde, manche Stichworte sind nicht mehr als hingeworfene Stichpunktbrocken, die zudem auch noch einzelne Teilaspekte aus dem Gesamtbegriff herauspicken. Zu einem klaren Kopfschütteln führt nach der Lektüre folgende Vorbemerkung Randis:
„Ich bin aufrichtig bemüht gewesen, mich bei der Zusammenstellung dieses Buches nicht dogmatisch auszulassen. Sollten in einzelnen Artikeln persönliche Ansichten – statt rein sachlicher Darstellungen – eingeflossen sein, bitte ich diese Aufdringlichkeit zu entschuldigen.“ Es tut mir leid, aber das ist schlichtweg lächerlich und entweder bewusst geheuchelt, ironisch gemeint oder aus mangelnder Selbsterkenntnis heraus formuliert. Das Buch besteht praktisch aus kaum etwas anderem, wobei auch hier völlig unklar ist, warum manche Einträge tatsächlich eine rein faktische Kurzdarstellung sind, andere mit ähnlichem Inhalt dagegen direkt ins Lächerliche gezogen und unsachgemäß abgehandelt werden. Willkür, Sprunghaftigkeit, Inkonsistenz, die angesprochene Oberflächlichkeit, Knappheit, Überheblichkeit und Wahrheitsansprüche ließen meine noch so bemühten Versuche, der Betrachtungsweise des Autoren zu folgen, versauern und führen letztlich dazu, dass ich auch die vernünftigen und sinnvollen Beiträge nicht mehr ernst nehmen kann und dem Skeptiker mit massiver Skepsis entgegen treten muss, wie schon eingangs angemerkt.

Als kleiner Einschub sei hier eine Kostprobe von Randis objektiver Logik kredenzt:
„Glauben Sie, dass Homöopathie okay ist, wenn sich jemand dadurch besser fühlt, auch wenn es nur im Geiste ist?“
Randi: „Auch durch Heroin fühlen sich die Leute besser, aber ich würde nicht empfehlen, Heroin zu nehmen.“
Man mag mir verzeihen, aber dieser völlig stumpfsinnige Vergleich ist jeden weiteren Kommentars unwürdig.

Ich möchte zur Verdeutlichung meines Eindrucks eine frei herausgegriffene Anzahl von Fallbeispielen aus dem Buch zitieren und kommentieren, die wiederum eher unbeabsichtigt mein Amusement hervorriefen (denn sich über derart geballte Schwachmatik zu ärgern hieße, derlei Äußerungen mehr Energie und Aufmerksamkeit zu widmen, als sie tatsächlich wert sind):

Um bei obigem Zitat zu bleiben, dessen Thema auch im Buch angesprochen wird, sei auf die Untersuchungen zur Homöopathie von Dr. Masuro Emoto (Untersuchungen der individuellen Kristallstruktur von Wassermolekülen) verwiesen sowie auf Arbeiten von Dr.rer.nat. Wolfgang Ludwig, des Schweizer Chemikers Louis Rey oder jene einiger Wissenschaftler des Kwangju Institute of Science of Technology in Korea; einige Artikel dazu waren beispielsweise auch hierzulande in der Bild der Wissenschaft nachzulesen. Die Sachlage ist bei der Homöopathie alles andere als geklärt.
Ein echter Schenkelklopfer ist der Kommentar zur Homöopathie: „Einziges Ziel der Homöopathen ist es, die Symptome einer Krankheit zu behandeln – nicht ihre Ursachen, die sie nicht anerkennen. Deshalb fällt die Homöopathie korrekterweise in den Bereich der Magie. Und der Quacksalberei.“ Köstlich. Wie die meisten aufgeschlossenen Mediziner bestätigen dürften, behandelt der Großteil schulmedizinischer Arzneien ebenfalls nur das Symptom von Krankheiten und löst nicht das ursächliche Problem (und versteht dieses zumeist gar nicht erst, so weit ist die Medizin noch nicht gediehen). Damit wissen wir ja nun, wo die Schulmedizin einzuordnen ist.
Ähnlich putzig sind die Ausführungen zum Begriff „Wissenschaft“: „Wahre Wissenschaft erkennt ihre eigenen Mängel. Diese Bereitschaft, die eigenen Grenzen, Fehler und das Vorläufige aller Schlussfolgerungen anzuerkennen, macht eine ihrer Stärken aus. Auf die Vorteile dieses Verfahrens verzichten müssen jene, die Wissenschaft zu betreiben vorgeben, aber es nicht wirklich tun: die zahlreichen produktiven Pseudowissenschaftler und die Spinner.“ Sehr amüsant, vielleicht sollte sich der gute Mann einmal in der Realität der „wissenschaftlichen“ Inquisition umsehen.

Unter dem Begriff „Abrakadabra“ lesen wir: „Name der höchsten Gottheit der Assyrer“. Das ist unbelegter Blödsinn, wenn man mich fragt. Die hier erwähnten Bezüge zu Amuletten etc. sind vielleicht auf die gnostische Gottheit „Abraxas“ zurückzuführen, die ebenfalls nur eine abgeschliffene Namenskürzung ist. „Abraxas“ kann in diesem „Lexikon“ übrigens auch nachgeschlagen werden, hier findet aber interessanterweise kein Rückverweis oder eine Verbindung statt. Amüsanterweise findet sich später im Lexikon der Eintrag „Marduk: In der assyrischen Mythologie der Gott der Götter…“. Oh, also doch. Ja, was denn nun? Ethymologisch lässt sich das „Abrakadabra“, das eigentlich ein „abrahadabra“ ist, übrigens auf das hebräische „ha brachah dabarah“ zurückführen, das etwa „den Segen sprechen“ bedeutet. So viel Tiefgang in der Recherche hat den Autor aber scheinbar überfordert.

Akupunktur ist Randi zufolge ebenso wie Homöopathie eine esoterische Behandlungsform ohne nachweisbare Wirkung und Nutzen. Kein Kommentar.

Die Kurzdarstellung des Okkultisten Dr. Rudolf Steiner im Zusammenhang mit seiner Anthroposophie ist ausgesprochen oberflächlich und hätte durchaus mehr Anlass geboten, um sich mit dem selektiven Geschichtsgedächtnis der Anthroposophen näher zu befassen, die Steiners führende Zugehörigkeit zu den Form gebenden okkulten und nationalistischen Organisationen und Orden der Jahrhundertwende, auch jenen, die sie selbst als „satanistisch“ verteufeln, gern ignorieren. Nur ein Beispiel unter vielen, wo eine an sich interessante biographische Betrachtung durch ihre selektive Form zur Nutzlosigkeit verkommt. Eine „Enzyklopädie“ bietet sicherlich etwas mehr Raum für eine paar zusätzliche Zeilen, ansonsten hätte man sich diese gesonderten Stichpunkte auch gerade heraus sparen können.

Wir lernen außerdem: „Beelzebub“ ist im Neuen Testament der oberste Teufel und ein anderer Name für Satan. Die Bibelstelle dazu lasse ich mir gern zeigen, aber soweit mir bekannt, hat der „Oberste der bösen Geister“ dort den Namen „Beelzebul“, vermutlich in Anlehnung an den alttestamentarischen „Baal“. Wiederum recht dürftig.

Erich von Däniken wird als „Mystiker“ bezeichnet. Vielleicht sollte er mal den hier recht frei verwendeten Begriff in einem richtigen Lexikon nachschlagen – oder die Übersetzer haben hier schwer gefuscht.

Aleister Crowley wird schlichtweg als „Satanist“ bezeichnet, was nicht nur oberflächlich, sondern rundheraus falsch ist. Er nannte sich Randi zufolge „Das Tier 666“ wegen des Bezuges aus der Offenbarung. Dass er dies letztlich eher provokativ und selbstironisch tat, weil seine Mutter ihn stets als das Große Tier bezeichnete, scheint dabei unwesentlich und ginge für ein derart oberflächliches Buch wohl analytisch auch zu sehr in die Tiefe.

Die durch den englischen Hofmagus Dr. John Dee gefundene und bekannt gewordene Sprache des Enochischen oder Henochischen wird im Lexikon als „Enochianisch“ angegeben, eine Formulierung, die mir gänzlich neu und vermutlich eine kreative Eigenleistung der Übersetzer ist.

Zum Begriff der Kundalini: „Ein Sanskritwort, das ‚Schlangenkraft‘ bedeutet. Dabei handelt es sich um die feurige Schlange, die angeblich zusammengerollt an der Basis der menschlichen Wirbelsäule schläft. Trotz eifriger Suche ist es Anatomen bisher nicht gelungen, die Kundalini aufzuspüren.“ Ein selten unqualifizierter Kommentar zu bildhaft-mythologischen und metaphysischen Überlieferungen.

In Bezug auf Nostradamus gibt es einen netten kleinen Schnitzer, als er erwähnt, dass in II,51 das Wort „antique“ im Altfranzösischen nicht „alt“, sondern „exzentrisch“ oder „schrullig“ bezeichnet. Warum in seiner Übersetzung dann die entsprechende Zeile mit „Die alte Dame wird von [ihrem] hohen Platz stürzen“ angegeben wird, weiß vermutlich nur Wahrheitsapostel Randi. An späterer Stelle wird das Wort dann noch mit „senil“ gleichgesetzt. Saubere Arbeit. Er liefert an dieser Stelle übrigens auch gleich die einzig korrekte Interpretation des zugehörigen Vierzeilers, endlich jemand, der weiß, was Nostradamus uns sagen wollte (was natürlich nicht als Eigenwerbung für sein diesbezügliches Buch verstanden sein darf).
Zu Nostradamus sei allerdings angemerkt, dass zu den erfreulichen Lichtblicken des Buches die zahlreich vertretenen Weltuntergangs-Prophezeiungen gehören, die Randi genüsslich zerlegt. Hier ist der Tonfall durchaus mal angemessen, das Lesen macht Freude und die zeugenden Jehovas dürfen sich verschämt die Augen zuhalten.

So, weiter im Text. Beim Eintrag unter „Pentagramm (auch Drudenfuß)“ wird in keiner Weise auf Herkunft oder Symbolik eingegangen, sondern lediglich erwähnt, dass man dieses Zeichen als Talisman mit sich herumträgt oder als Bannkreis für Dämonen verwenden kann. Sehr fundierte und schrecklich hilfreiche Analyse. Genau deswegen sind Lexika wie dieses so unentbehrlich für die Allgemeinbildung. Aber ich weiß jetzt ja auch dank Randi, dass „Abrakadabra“ gern als Spruch zum Höhepunkt eines Zaubertricks verwendet wird…

Zu der Tatsache, dass man auch in der „Neuen Welt“ Runenzeichen auf Monolithen und Grabmalen fand, merkt Randi an, dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass diese echt sind. Dass die Wikinger schon geraume Zeit vor den katholischen Eroberern in Amerika gelandet waren und dies inzwischen auch nicht mehr angezweifelt wird, scheint nicht bis zu ihm vorgedrungen zu sein. Andererseits ist Randi natürlich im Alleinbesitz der einzigen Wahrheit und schlägt jeden Fachwissenschaftler, da er meint, zu so ziemlich jedem Wissensgebiet seinen Kommentar abgeben zu müssen.

Der „Sabbat“ wird von Randi nur auf seinen Wesenszug als heidnisches Hexenfest erwähnt, er hält es nicht einmal für nötig, dies begrifflich als „Hexensabbat“ abzuheben. Da werden sich die Juden freuen. Vollständige und tief greifende „Enzyklopädien“ sind doch immer eine Bereicherung.

Nun ja, und bevor ich mich doch noch zu ärgern beginne, klatsche ich dieses Buch, das die Welt nicht braucht, in eine dunkle Ecke und widme mich wieder sinnhafter Lektüre. Zur Belustigung für zwischendurch ganz nett, wenngleich es an die Broschüre über Okkultismus von der Hamburger Behörde nicht ganz heran kommt. Schade, hätte durchaus etwas draus werden können. Wenigstens weist der Anhang ein Literaturverzeichnis auf, so dass man sich darüber informieren kann, woher die fundierten Ansichten abgepinselt wurden.

Homepage des Autors: http://www.randi.org/
[Beispiel]http://www.alternativescience.com/randi_retreats.htm für die Ablehnung einer leider gut überprüfbaren Herausforderung