Archiv der Kategorie: Horror & Unheimliches

Richards, Curtis – Halloween

Haddonfield, ein kleines Städtchen im US-Staat Illinois, Heimstatt braver Bürger, die das Schicksal in dieser Halloween-Nacht des Jahres 1978 auf eine harte Probe stellt. Sie werden dieses Mal endgültig begreifen, dass es den Schwarzen Mann wirklich gibt, nachdem er hier schon einmal eine Kostprobe seines Könnens geliefert hat: Am 31. Oktober 1963 war das Böse in den sechsjährigen Michael Myers gefahren. Stimmen hatte er schon vorher gehört, die ihn zu üblen Taten verleiten wollten, aber erst in dieser seltsamen Nacht, in der die Toten ihre Gräber und böse Geister die Hölle verlassen dürfen, übernahm ein uralter, aus Nordirland angereister keltischer Geist das Kommando über sein Hirn und ließ ihn die große Schwester meucheln. Sie hatte es aber verdient, denn sie war ein böses Mädchen, das mit dem nichtsnutzigen Freund Schlüpfriges trieb, statt brav zu bleiben und sich für den zukünftigen Ehemann aufzusparen.

Sein dämonischer Auftrag, das US-Kleinbürgertum von verdorbenen Elementen zu reinigen, sowie das Wissen darum, dass dies mit einem großen Tranchiermesser am eindrucksvollsten gelingt, hilft Michael über die langen, öden Jahre hinweg, die er in Smith’s Grove, der Anstalt für geisteskranke Kriminelle, schmachten muss. Er entwickelt sich zum Schrecken der übrigen Insassen – und zum Lebensinhalt des Psychiaters Sam Loomis, der bis auf den Grund von Michaels Seele schaut und dort unten Satan winken sieht. Zukünftig fühlt sich der Doktor berufen, seinen Lieblingspatienten von der Welt fernzuhalten. Auf Lebenszeit will er Michael in Smith’s Grove eingesperrt wissen, doch leider findet der einsame Rufer in der Wüste kaum Unterstützung, was auch daran liegen mag, dass Dr. Loomis selbst kein besonders einnehmendes Wesen ist, sondern ein ungehobelter Fanatiker, der den Behörden ob seiner ständigen Eingaben und Warnungen vor dem angeblich vom Teufel besessenen Michael Myers mehr oder weniger als Querulant gilt. Derweil entwickelt sich Michael recht unbehelligt zu einem schweigsam brütenden jungen Mann mit erstaunlichen Körperkräften, aber ohne Moral und Mitgefühl. Nicht lange nach seinem 21. Geburtstag bricht er aus und macht sich daran, Haddonfield einen Besuch abzustatten.

Noch schneller als der berüchtigste Sohn der Stadt ist allerdings Dr. Loomis, der sogleich ahnt, wohin es Michael zieht. Den typisch begriffsstutzigen Kleinstadt-Sheriff nur widerwillig an der Seite, streift er mit gezückter Waffe durch das nächtliche Haddonfield, wo ein inzwischen leider maskierter Irrer zwischen den allgegenwärtigen Halloween-Gauklern gar nicht mehr auffällt. Dessen Auge ist inzwischen mit mordlüsternem Wohlgefallen auf Laurie Strode, süße 17, und ihre jugendlichen Freunde gefallen. Auch diese denken leider immer nur an das Eine und müssen daher bestraft werden – eine Aufgabe, der sich Michael Myers mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit zu widmen beginnt …

„Halloween“, der Horrorfilm von 1978, gehört zu den großen Erfolgen der Kinogeschichte. Seit einem Vierteljahrhundert spült er viel Geld in diverse Kassen, ist zeitlos spannend und kann mit Fug und Recht als Kultklassiker seines Genres gelten. Dafür ist weniger die schon damals nicht gerade originelle Geschichte vom blutrünstigen Buhmann, der nicht zu stoppen ist, verantwortlich, sondern ein John Carpenter auf der Höhe seiner Fähigkeiten, dem es als Drehbuchautor gelang, die Story virtuos auf das Wesentliche zu beschränken, während er als Regisseur alle Register des Filmhandwerks zog. Was weiter wurde, wissen wir nur zu gut. Maskierte Munkelmänner schwärmten in Legionsstärke aus, um ansehnlichen Teenagern mehr oder weniger einfallsreich das Lebenslicht auszublasen. Auch Michael Myers wurde zum cineastischen Wiedergänger, der inzwischen zum achten Male eine ganz neue Generation von Gruselfans heimsuchte.

Die enorme (aber im Gegensatz zu den Aufgüssen verdiente) Popularität des ersten „Halloween“-Streifens scheint das eigene Studio überrascht zu haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass das unvermeidliche „Buch zum Film“ letzterem erst mit einjähriger Verspätung folgte? Geschrieben hat es Curtis Richards aber offensichtlich sehr viel früher, denn es beinhaltet Szenen aus Drehbuchfassungen, die den Weg in das endgültige Script nicht fanden. Hinzu kommen Episoden, die er sich selbstständig aus dem Hirn gewrungen hat, um der wie gesagt simplen Story Tiefe zu verleihen.

Freilich ist dieser Curtis Richards ein jämmerlicher Schriftsteller oder besser Schreiberling, der es sich förmlich zur Aufgabe gemacht hat, gegen sämtliche Regeln zu verstoßen, die eine logische oder wenigstens spannende Geschichte entstehen lassen könnten. So ist es zwar verständlich, wenn er Michael Myers als Individuum zeichnet und mit einer Vergangenheit ausstattet, doch er vergisst darüber, dass diese Figur überhaupt nur funktioniert, solange sie dem Zuschauer oder Leser fremd und rätselhaft und dadurch unheimlich bleibt. Nun zu lesen, wie Michael sich in seiner Zelle angeregt mit Dr. Loomis unterhält (!) und diesem enthüllt, dass einst der Geist eines pubertierenden Druiden-Jünglings (!!) Gewalt über ihn gewann, zerstört nachhaltig den Eindruck des untoten Bösen, das einfach nur ist und Unheil über die Welt bringt. Wieso setzte Carpenter seinem Film-Michael wohl eine Maske auf und ließ ihn nie ein Wort verlieren? Auf diese Weise wurde die letzte Verbindung zum Menschen Michael Myers gekappt, der sich in eine Unperson verwandelte. Richards scheut dagegen nicht einmal davor zurück, immer wieder hinter diese Maske zu blicken, uns Michaels Gedanken und Gefühle zu schildern und ihn als Ausgeburt der Hölle gründlich zu entzaubern.

„Halloween“ lebt vom Reiz des nicht Erklärten. In Haddonfield haben sich tatsächlich die Pforten der Hölle geöffnet. Die Konsequenzen sind schlicht und ergreifend furchtbar – und im Film kommt dies auch wunderbar über. Bewegung, Licht und Schatten und die geniale Musik (noch einmal Carpenter) lassen vergessen, dass „Halloween“ nichts als eine Hetzjagd über Tisch und Bänke ist. Insofern hatte Richards natürlich einen schweren Stand, denn auf dem Papier wird diese Eindimensionalität gnadenlos offengelegt. Michael Myers darf keine Persönlichkeit besitzen, und seine Gegner und Opfer benötigen sie nicht.

Aber halt, in einem Punkt weichen Carpenter und – auf den Spuren des Meisters – notgedrungen auch Richards von diesem Muster ab. Schon die zeitgenössische Kritik war bass erstaunt, welchen konservativen bis reaktionären Ton „Halloween“ anschlägt. Vom „New Cinema“ der 70er Jahre keine Spur; stattdessen müssen wir Wertvorstellungen erkennen, die ungefiltert den Geist der Fünfziger atmen. Michael Myers jagt und tötet stets die „schlechten“ Jungs und vor allem Mädels – jene, die nicht auf ihre Eltern, die Lehrer, den Pfarrer, den Sheriff hören, sondern gegen die Regeln verstoßen, ungehorsam sind, nicht fleißig lernen, sich aufreizend kleiden, schminken, rauchen, haschen oder dem Sex vor der Ehe frönen und – das schlimmste Verbrechen – womöglich Vergnügen daran finden: |“Während Lauries Reize bescheiden unter unauffälligen Kleidern und einer eigentlich biederen Frisur versteckt waren, trug Linda hautenge Jeans und Pullover, bunte Bänder im Haar und schrie mit ihrem gesamten Erscheinungsbild praktisch jedem, der es sehen wollte, ‚Hier gibt’s Sex!‘ zu.“| (S. 76) Das ist anscheinend ein todeswürdiges Verbrechen in Haddonfield. Die angepassten, vernünftigen, langweiligen Kids kommen dagegen durch, um ihre freudlose Existenz fortsetzen zu können.

Tritt uns die hölzerne Laurie Strode nicht in Gestalt der fabelhaften Jamie Lee Curtis, sondern als literarische Figur des Curtis Richards entgegen, ist sie einfach nur unerträglich in ihrem selbstgefälligen Puritanismus. Sie überlebt letztlich, weil sie mit dem Höschen auch das Hirn frei hält und ihr daher im entscheidenden Moment einfällt, wie der aufrechte Amerikaner dem Bösen entgegentritt: schwer bewaffnet und noch brutaler als der Gegner nämlich. Sollte Carpenter dies alles ironisch gemeint haben (wofür allerdings keine Indizien sprechen), hat sich dieser Ansatz im „Buch zum Film“ in Luft aufgelöst.

Doch selbst dort, wo Richards sich darauf beschränkt, die Filmstory nachzuerzählen, erleidet er kläglich Schiffbruch. Ihm gelingt es, jegliche Spannung zu töten und die wunderbare, gleichermaßen morbide wie kitschige Halloween-Kulisse links liegen zu lassen. Allerdings wird er dabei hierzulande kräftig unterstützt von einem geradezu kriminell unfähigen Übersetzer, der nie auch nur das geringste Gespür für den Text erkennen lässt, den er anscheinend Wort für Wort in eine dem Deutschen ähnliche Sprache übertragen hat. Eine schauerliches Lese-Erlebnis fürwahr, aber keines, das für den gewünschten Gruselspaß sorgen könnte!

Stephen King – Duddits: Dreamcatcher

Das geschieht:

Das Leben hat sie gebeutelt: Joe „Biber“ Clarendon, den Hippie-Tischler, der zwanghaft Zahnstocher zerkaut; Pete Moore, den alkoholsüchtigen Autoverkäufer; Henry Devlin, den depressiven Psychiater, für den der Selbstmord bereits beschlossene Sache ist, und Gary „Jonesy“ Jones, den College-Dozenten, der sich gerade langsam von einem schweren Autounfall erholt. Seit einem Vierteljahrhundert kennen sie sich und haben sich niemals aus den Augen verloren. Ein unsichtbares Band verbindet sie – und das buchstäblich, denn das Quartett verfügt über gewisse hellseherische Kräfte.

Trotzdem waren Biber, Pete, Henry und Jonesy nur Waisenknaben gegen den Fünften im Bunde: Douglas Cavell, genannt „Duddits“, ihren geistig behinderten, telepathisch begabten Freund aus der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine, Neuengland. Ihn hat das Quartett aus den Augen verloren. Stephen King – Duddits: Dreamcatcher weiterlesen

King, Stephen – Buick, Der

Statler, eine kleine Stadt im Westen des US-Staates Pennsylvania, keine besonderen Attraktionen, einfach ein Ort, an dem Menschen zusammenleben – mal friedlich, mal auch wieder nicht. Dass zumindest auf den Straßen zwischen beiden Polen die Balance gewahrt bleibt, sichert die Pennsylvania State Police. In der kleinen Polizeikaserne von Statler residieren die Männer (und – der Fortschritt findet schließlich auch die Provinz – seit einigen Jahren einige Frauen) des Troop D. Ihr Dienst ist bei aller Routine hart und nicht ungefährlich; erst im Vorjahr hat ein betrunkener Autoraser den allseits beliebten Kollegen Curt Wilcox umgebracht.

Dessen Sohn Ned ist es, der die einzige echte Sehenswürdigkeit der Stadt entdeckt. Der junge Mann, gerade der High School entwachsen, verdient sich in der Telefonzentrale das Geld für sein Studium, als er im Schuppen B hinter der Kaserne eine erstaunliche Entdeckung macht: Dort steht gut versteckt ein fabelhaft erhaltener Oldtimer der Marke |Buick Roadmaster|, Baujahr 1958, genannt „Buick Eight“, denn acht Zylinder verleihen dem mächtigen Motor Schwung.

Theoretisch jedenfalls, denn tatsächlich ist die Maschine gar keine, wie überhaupt dieser |Buick| kein Auto ist. Statt dessen ist er eine Attrappe in Pkw-Gestalt, das rätselhafte Artefakt einer Intelligenz, die ganz sicher nicht von dieser Welt ist: Obwohl der |Buick| sich aus eigener Kraft überhaupt nicht bewegen kann, öffnet er das Tor in eine andere Dimension, wie sie fremdartiger kaum vorstellbar ist. Troop D ist 1979, vor mehr als zwei Jahrzehnten, in den Besitz des Buick gekommen. Es hatte damals nicht lange gedauert, bis die Polizisten begriffen, dass sie vom Schicksal zu Hütern dieses infernalischen Gefährts bestimmt waren: Der unglückliche Trooper Ennis Rafferty geriet noch am Abend des Fundtages in den Bann des |Buicks|, der eine eigentümliche Anziehungskraft auf Menschen ausübt – und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Seine entsetzten Kollegen beschlossen, die Tragödie zu vertuschen, und das Rätsel selbst zu lüften. Zwanzig Jahre gelingt es erfolgreich, den Wagen vor den vorgesetzten Behörden und der Öffentlichkeit zu verbergen; zwanzig Jahre, in denen besonders Curt Wilcox sich verbissen müht, hinter die Kulissen des |Buicks| zu blicken. Doch dieser bleibt ein Mysterium – ein hochgradig gefährliches dazu, denn obwohl der Buick nicht fahren kann, funktioniert er als Materietransmitter weiterhin hervorragend – und zwar in beide Richtungen! Ohne Vorwarnung sind in diesen beiden Jahrzehnten immer wieder Besucher aus der „Twilight Zone“ im Schuppen B aufgetaucht – unendlich fremde, grässlich anzusehende Kreaturen, die in der für sie giftigen Erdluft rasch zugrunde gingen, aber manchmal lange genug lebten, um ihre unfreiwilligen Gastgeber in Angst und Schrecken zu versetzen.

Das ist die Geschichte, die der faszinierte Ned zu hören bekommt. Es zeigt sich, dass der junge Wilcox von dem |Buick| genauso besessen ist wie der alte: Ned will Gewissheit erzwingen, wo sein Vater scheiterte. Mit vollem Wissen öffnet er die Schleuse zu jener anderen Welt. Darauf hat der |Buick| nur gewartet, und zum ersten Mal spielt er seine Macht voll aus. Die Folgen sind buchstäblich unglaublich …

Schon mit „Duddits – Dreamcatcher“ hatte es sich 2001 angekündigt: Nach seinem schweren Unfall 1999, vor allem aber nach Überwindung seiner langen Alkohol- und Drogenabhängigkeit findet der Schriftsteller Stephen King zu einer Form zurück, die man ihm nach den vielen enttäuschenden Werken der jüngeren Vergangenheit (unter denen das wirr-komplizierte, hohl-geschwätzige Endlos-Epos „Wizard and Glass“, 1997 – dt. „Glas“ – einen traurigen Spitzenplatz einnimmt) gar nicht mehr zugetraut hatte. „From a Buick Eight“ stellt zu „Duddits“ sogar noch einmal eine deutliche Steigerung dar.

Da ist zunächst einmal die wohltuende Kürze des Werkes. Nun sind 500 Seiten nicht gerade wenig, doch im Vergleich zu den immer umfangreicher werdenden King-Geschichten der Jahre bis ca. 2000 eben doch deutlich weniger. (Auch „Duddits“ war bei allen Qualitäten deutlich zu lang.) Nachdem endlich der Profi und Horror-Spezialist Stephen King sein Alter Ego, den Koks-König gleichen Namens, ersetzt hat, wird nun wieder deutlich, was diesen Mann so beliebt und berühmt gemacht hat: Hier ist ein Autor, der das Unheimliche nicht nur in einzelnen Szenen heraufzubeschwören weiß, sondern es in eine Gesamtgeschichte integriert, die kundig die Spannung aufbaut, meisterhaft hält und stetig intensiviert, um in einem furiosen Finale die Fetzen fliegen zu lassen. Da ist es um so erfreulicher, dass es ihm inzwischen gelingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Überhaupt ist „Der Buick“ im Grunde ein Roman ohne Handlung – da sitzen einige Männer und Frauen und erzählen Geschichten, die sich längst ereignet haben. Und der Buick, der doch die Rolle der Chef-Monsters übernimmt, fährt aus eigener Kraft keinen Millimeter. Das ist von King ebenso boshaft wie klug ausgedacht; er nimmt dadurch vor allem auch den Kritikern den Wind aus den Segeln, die sich darüber mokieren, dass der ohnehin von ihnen gern Geschmähte „schon wieder“ ein Geisterauto ins Zentrum stellt. Dabei sind seit „Christine“ knapp zwei Jahrzehnte verstrichen; bezieht eigentlich Anne Rice soviel Prügel wie King, weil sie seit Jahr und Tag Vampirreißer am Fließband produziert? King selbst hat die (rhetorische) Frage gestellt, welcher wirklich neue Plot denn einem Schriftsteller noch einfallen könnte, der fünfzig Romane verfasst hat. Nüchtern kann er sich jedenfalls heute müheloser denn je gegen die schreibende Konkurrenz wie Dean Koontz oder James Herbert (oder ihr klägliches deutsches Surrogat Wolfgang Hohlbein) behaupten!

So begibt sich Profi King zwangsläufig auf bereits beackerte Felder. Der |Buick Roadmaster| ist eindeutig das Transportmittel eines der legendären „Männer in Schwarz“ (oder „Men in Black“ – die klamottige Variante verbreitet von Zeit zu Zeit in Gestalt des Duos Will Smith/Tommy Lee Jones im Kino Ärger und Langeweile), die als tölpelhafte Kundschafter angeblich außerirdischer Besucher untrennbar zur UFO-Hysterie ab 1950 gehören.

Macht man ihm solche „Anleihen“ nicht zum Vorwurf, bietet „Der Buick“ Spaß und Grusel für viele angenehme Lektüre-Stunden. Natürlich ist dies nicht der fein gesponnene, „psychologische“ Horror (möglichst ohne Gespenst), den die Literaturkritik ebenso wehmütig wie scheinheilig einzufordern pflegt. Der ist aber auch gar nicht Kings Metier, wie er selbst nie müde wird zu erwähnen. Trotzdem lässt sein gern zitiertes Bild vom „Hamburger mit einer großen Portion Fritten“ als Pendant zum typischen King-Roman viel Koketterie erkennen: Er weiß sehr gut, was er kann. Auch „Der Buick“ ist nicht einfach „nur“ spannend. Das Drumherum stimmt: Wieder hat King mit den Männern und Frauen des Troop D nicht nur Pappkameraden geschaffen, sondern echte Menschen, keine Helden oder Schurken, sondern Durchschnittsamerikaner, wie sie so authentisch (und sympathisch) wenigen anderen Autoren gelingen würden.

Apropos Kritik: Ja, es trifft zu, dass King (wieder) zu viel des Guten tut, wenn er seinem Publikum die aus dem Kofferraum des Buicks schlüpfenden Ungetüme in allen Details vor Augen führt. H. P. Lovecraft wurde derselbe Vorwurf gemacht. Seltsamerweise liest man seine Geschichten deshalb heute nicht wenig gern und oft. Es kommt auch hier darauf an, dass man es richtig macht – und der alte Mann aus Maine zieht noch manchen Trumpf aus dem Ärmel; die Episode mit dem im eigenen Saft kochenden Polizeihund Mr. Dillon ist in ihrer Mischung aus Tragödie, Grauen und schwarzer Komik King at his best: Volldampf im Kessel, wenn’s sein muss, und zum Teufel mit den Nörglern!

David A. Stern – Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr

Die Suche nach einer legendären Hexe endet übel, als diese quicklebendig die Gelegenheit nutzt, in einen neuen Körper zu schlüpfen … – Der künstlich ins Leben gerufene „Blair-Witch“-Mythos erfährt eine spannende Ausschmückung, die wie im Film als „Mockumentary“ präsentiert wird: geschickt gemacht und unterhaltsam.
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Jeff Long – Im Abgrund

Long Abgrund Cover kleinDas geschieht:

Auf einem der vielen Schlachtfelder des ehemaligen Jugoslawiens untersuchen 1996 NATO-Ärzte ein Massengrab. Die Leichenberge werden aufgewühlt – und zwar von unten! Als Blauhelm-Major Elias Branch dem nachgeht, wird seine Gruppe ausgelöscht. Nur Branch überlebt. Seine Geschichte von gehörnten Leichenfressern mag ihm niemand glauben. Doch Branch kehrt zurück nach Bosnien und findet einen alten Minenschacht. Er öffnet sich in tiefe Höhlen und Gängen, die sich über Kilometer hinziehen – und das ist nicht das Ende: Die Basaltsockel, auf denen die Kontinente ruhen, sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse! Weltweit werden unter der Erde unglaubliche Entdeckungen gemacht, von denen die Öffentlichkeit wenig erfährt. Die Armeen der Welt schicken Truppen in den unterirdischen Kosmos.

Branch, der Entdecker, warnt vor den unheimlichen Bewohnern, die er in der Tiefe vermutet. In der Tat ist die Unterwelt bewohnt. Die „Hadal“ üben seit Jahrtausenden ihr Schreckensregiment aus. Immer wieder kommen sie an die Oberfläche kommen, wo sie rauben und Menschensklaven verschleppen. Auch jetzt wollen sie sich ihre Herrschaft nicht streitig machen lassen.

Die Existenz der Hadal lässt sich nicht mehr geheim halten. Im Untergrund bricht ein erbitterter Krieg aus, denn der Mensch will sich nicht vertreiben lassen. Bodenschätze und Ölfelder locken große Konzerne. Im Zusammenspiel mit den örtlichen Regierungen und dem Militär pumpen sie Geld in die Erschließung der Unterwelt. C. C. Cooper. Eigentümer des „Helios“-Konzerns, träumt gar von einem eigenen Reich im Inneren der Erde. Er rüstet eine Expedition aus. Sie soll die Grenzen ‚seines‘ Landes abstecken – und die Hadal durch eine neu entwickelte Virenwaffe ausrotten. Wissenschaftlich beschäftigt sich die „Beowulf-Gruppe“ mit den Hadal. Sie geht der Frage nach, ob sich hinter den Bewohnern der Unterwelt womöglich der biblische Satan verbirgt. Dabei kommt man der tragischen Geschichte einer „zweiten Menschheit“ auf die Spur.

An der Oberfläche eskaliert der Konflikt. Kranke Hadal suchen Asyl und werden umgebracht. Andere Hadal tragen den Krieg unter die Menschen und offenbaren dabei die erschreckende Fähigkeit der „bewussten Wiedergeburt“ im Körper des Feindes. Der Countdown läuft – „Helios“ kann die biologische Zeitbombe im Inneren der Erde jederzeit zünden, während die Hadal eigene, weiterhin völlig undurchschaubare aber für ihren menschlichen Gegner lebensbedrohliche Kriegspläne verfolgen …

Fantasie schlägt Routine

Der Liebhaber phantastisch-unheimlicher Romane ist wird in der heutigen Buchwelt theoretisch gut versorgt. Deutlich mehr Titel, als der Leser verkraften kann, werden Jahr für Jahr auf den Buchmarkt geworfen. Allerdings entstehen dabei vor allem Monokulturen. Das Publikum wird mit immer denselben pseudo-erotischen Vampiren, dem schleimigen Bösen aus der Urzeit oder telepathischen Serienmördern gelangweilt; dies schon seit Jahren und gern in Serie. Die Stars des handfesten, das Grauen nicht ausschließlich in den Abgründen der menschlichen Psyche ortenden Horrors spulen routiniert ihr Standardprogramm ab und vermeiden es sorgfältig, ihr Publikum durch neue Ideen zu verschrecken.

Jeff Long unternimmt den Versuch, die ausgetretenen Pfade wenigstens ansatzweise zu verlassen. Zwar hat „Im Abgrund“ kaum die Chance, als Meilenstein der phantastischen Literatur in die Geschichte einzugehen, da der Plot weist noch tiefere Löcher aufweist als die bodenlosen Katakomben, in denen die Hadal hausen. Jeff Longs Reise zum Mittelpunkt der Erde ist ebenso ‚realistisch‘ wie die klassische Vorlage von Jules Verne, auf die der Autor immer wieder anspielt. Aber das macht nichts, denn Long erzählt seine Geschichte so rasant, dass man sich gern von ihm manipulieren lässt. Besonders die ersten 160 Seiten – Elias Branchs bizarre Erlebnisse auf einem bosnischen Gräberfeld – gehören zum Besten, was das Genre in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat.

Die Kunst, eine Geschichte richtig zu erzählen, ist eine offensichtlich seltene Gabe, die man deshalb gar nicht hoch genug wertschätzen kann. Wenn dieser Rezensent – der viele gewollt (und noch mehr unfreiwillig) unheimliche Romane gelesen hat – sich an Titel erinnern möchte, die das gerade Gesagte beherzigen, sieht die Bilanz düster aus. Die Kombination von High Tech und Grusel ist an sich nichts Neues; man denke beispielsweise an Douglas Preston und Lincoln Child, die eine ganze Schriftstellerkarriere mit dieser Formel bestreiten.

Bewährtes und Neues in gelungener Mischung

Jeff Long kann sich mit „Im Abgrund“ nicht nur sehen lassen. Dabei war er als Autor ein Neuling und sein erster (in Deutschland erschienener) Roman „The Ascent“ („Tödliches Eis“) ein konventioneller Polit- und Abenteuer-Thriller, der den furiosen Nachfolger an keiner Stelle ahnen ließ. Ohnehin sorgte der Lebenslauf des Autors zunächst für Misstrauen: Hier schrieb ein ehemaliger Extrem-Bergsteiger, der offensichtlich allmählich zu alt für seinen seltsamen Job wurde und nun versuchte, seine Erfahrungen auf anderem Gebiet zu Geld zu machen.

Aber Long verfügt über echtes erzählerisches Talent, und er hat seine Hausaufgaben gemacht. Das phantastische, oft geradezu irreale Ambiente wirkt dank sorgfältiger Recherchen durchweg überzeugend. Natürlich bleiben gewisse inhaltliche und formale Schwächen bei einem Roman dieses Seitenumfangs nicht aus. Abgesehen von der Schwierigkeit, vor die Longs Konzept einer ‚hohlen‘ und von allerlei Getümen bevölkerten Unterwelt jeden Leser stellt, der sich in der Geologie unseres Heimatplaneten nur ein bisschen auskennt, überzieht der Autor immer dort, wo er vom roten Faden seiner Geschichte abweicht.

Da trifft die Menschheit nicht nur ihr (in jeder Beziehung) dunkles Gegenstück; nein, die unheimlichen Hadal praktizieren auch noch aktive Seelenwanderung und werden womöglich vom Teufel höchstpersönlich regiert! Hier manifestiert sich wohl die für schriftstellernde Bergsteiger typische Mischung aus epiphanischer Naturmystik und höhenbedingtem Sauerstoffmangel.

Die (nicht ganz) üblichen Verdächtigen

Im Rahmen eines reinen Unterhaltungs-Thrillers ist Long die Figurenzeichnung gut gelungen. Natürlich sind Militärs beschränkt, Konzerne böse, Wissenschaftler weltfremd und Politiker immer verdächtig. Aber dennoch entgleist Long eigentlich nur ein einziger Charakter wirklich: Ali, die aufsässige Nonne – ein Zugeständnis an die politisch korrekte Feministinnen-Front oder die im Hinblick auf einem mögliche Verfilmung unbedingt notwendige ‚starke‘ Frauenrolle? Ansonsten glaubt man Long aufs Wort, wenn er den dämonischen Hadal die nur scheinbar ‚normalen‘ Menschen gegenüberstellt, die rücksichtslos in das profitable Innere der Erde vordringen und sich bald von ihren Gegnern kaum mehr unterscheiden lassen.

Vom einem grundsätzlichen Problem unheimlicher Geschichten (und Filme) musste Long ebenfalls kapitulieren: Seine Hadal sind nur solange wirklich geheimnisvoll und furchterregend, wie sich ihr Schöpfer auf Andeutungen beschränkt. Sobald sie persönlich auftreten, kommen sie rasch zum „Monster der Woche“ diverser TV-Serien herunter. Doch an diesem Punkt sind schon weitaus größere literarische Geister als Jeff Long gescheitert!

„Im Abgrund“ ist trotz dieser kleinen Einschränkungen ein rundum gelungenes Stück Unterhaltungsliteratur, das einem möglichst breiten Publikum als Lesetipp ans Herz gelegt werden kann. Deshalb ist es doppelt schade, dass „Deeper“, die 2007 veröffentlichte Fortsetzung von „Im Abgrund“, hierzulande bisher nicht erschienen ist.

Autor

Jeffrey B. Long wurde am 24. November 1951 in Bay City, US-Staat Texas, geboren. Dank eines ausgeprägten publizistischen Talents wurde er schon vor in den 1970er Jahren bekannt – als Reisender und Bergsteiger, der Tibet und den Himalaja erforschte und einige der höchsten Gipfel erklomm. 1976 verbrachte Long drei Monate in einem nepalesischen Gefängnis. Man bezichtigte ihn des Schmuggels – und weckte dadurch sein Interesse am der unterdrückten und verfolgten politischen Opposition des Landes, mit dem er sich seitdem oft und ausführlich als kritischer Journalist beschäftigt hat.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann Long Romane zu schreiben. „Angels of Light“ (1987) und „The Ascent“ (1992, dt. „Tödliches Eis“) spielten im vertrauten Bergsteiger-Milieu. „The Descent“ (1999, dt. „Im Abgrund“) entstand nach einem ausgedehnten Aufenthalt in Bosnien, wo Long 1996 im Auftrag der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) die ersten demokratischen Wahlen beobachtete.

1986 entstand nach Longs „True-Crime”-Biographie „Outlaw” der TV-Spielfilm „Manhunt for Claude Dallas”. Für Furore sorgte in den USA der Tatsachen-Roman „Duel of Eagles: The Mexican and U.S. Fight for the Alamo“, der viele, oft rassistisch gefärbte Fakten und Schuldzuweisungen korrigierte.

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: The Descent (New York : Crown Publishers/Random House 1999)
Übersetzung: Gerald Jung
http://www.randomhouse.de/blanvalet

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Graham Masterton – Die Opferung

Das geschieht:

David Williams steckt in der Krise. Die Gattin hat ihn Danny, den siebenjährigen Sohn, verlassen. Der Schock hat den einst erfolgreichen Innenausstatter aus der englischen Küstenstadt Brighton erst gelähmt und dann in den Ruin getrieben. Nun wird das Geld knapp. Da kommt dieses Angebot gerade recht: Bryan Tarrant besitzt auf der Kanalinsel Wight Fortyfoot House, ein stattliches Anwesen, das lange leer steht und daher instandgesetzt werden soll.

Dass Tarrant bestimmte Fakten vorenthalten hat, erfährt David erst, nachdem er und Danny im kleinen Ort Bonchurch auf der Isle of Wight eingetroffen sind. Hier weiß jeder Bescheid über Fortyfood House, das angeblich keineswegs leer steht, seit hier vor einem Jahrhundert der Zaubermeister Mr. Billings und seine böse Buhle, die Hexe Kezia Mason, ihr Schreckensregiment ausgeübt haben. Graham Masterton – Die Opferung weiterlesen

S. P. Somtow – Dunkle Engel

Somtow Engel Cover 2005 kleinAnno 1865 gerät in den USA eine junge Kriegerwitwe in eine mysteriöse Welt aus schwarzer Magie und Voodoo, die eine an Zauber reiche aber gar nicht zauberhafte ‚parallele‘ Geschichte widerspiegelt … – Die überaus präzise recherchierte US-Vergangenheit des 19. Jahrhunderts ist mehr als Kulisse für eine komplexe Handlung jenseits ausgetretener Phantastik-Pfade. Leider übertreibt es der Autor und verliert sich in esoterischem Schwurbel, bis dem zunehmend enttäuschten Leser der Kopf schwirrt.
S. P. Somtow – Dunkle Engel weiterlesen

William Hope Hodgson – Das Haus an der Grenze

hodgson-haus-grenze-cover-festa-kleinEin Einsiedler sieht sein Haus von dämonischen Schweinewesen belagert. Er bekämpft die Kreaturen und gerät dabei auf eine Reise durch Zeit und Raum … – Eigentümlicher Roman und ein Klassiker der angelsächsischen Phantastik; während die Handlungsführung fahrig ist, mischt sich stimmungsvoller Grusel mit reizvoll Rätselhaftem, wobei Metaphysik und Naturwissenschaft eine zumindest literarisch funktionierende Synthese eingehen.
William Hope Hodgson – Das Haus an der Grenze weiterlesen

Huff, Tanya – Blutlinien

Obwohl Tanya Huff in den USA durch Fantasy-Zyklen wie die „Quarters“-Tetralogie und eine Unzahl von Romanen, die man sowohl dem Horror als auch der |Urban Fantasy| zurechnen kann, sehr bekannt ist, erschienen in Deutschland nur wenige ihrer Romane bei |Heyne|, bis |Feder & Schwert| sich der Abenteuer der Privatdetektivin Vicki Nelson und des Vampirs Henry Fitzroy angenommen hat. Die bisher fünf Romane dieser Reihe sind mittlerweile auch auf Deutsch erschienen.

Im kanadischen Ontario häufen sich seltsame Todesfälle rund um ein Museum. Ein Doktor der Archäologie und einige Wärter sterben kurz nach der Ankunft eines ägyptischen Mumiensarkophages scheinbar an Herzversagen, doch Detective-Sergeant Michael Celluci will nicht so recht an Zufälle glauben, zumal er mit dem Übernatürlichen vertraut ist und ihm einige Umstände seltsam vorkommen.
Er weiß, dass es mehr gibt als das Sichtbare und Vertraute, denn seine frühere Kollegin Vicki Nelson lebt mit einem Vampir zusammen und hatte selber schon mit ähnlichen Fällen zu tun. Trotz aller Rivalität zu dem gut 500 Jahre alten Nebenbuhler erzählt er den beiden von diesen Vorfällen.
Vicky zieht verrückte, aber gar nicht mal so abwegige Schlüsse: Könnte es nicht sein, dass ein altägyptischer Zauberpriester von den Toten auferstanden ist und versucht – just wie einst Boris Karloff in „Die Mumie“ – sein Werk fortzusetzen? Worin auch immer dies bestehen mag?
Auch Henry, der Bastardsohn Heinrich VIII. horcht auf, denn ihn quälen seit einiger Zeit schreckliche Alpträume. Die beiden beschließen Michael zu helfen und stürzen sich in die Ermittlungen, sammeln bald Informationen über weitere unerklärliche Todesfälle von Erwachsenen und Kindern.
Schon bald kommen sie auf die Spur eines Fremden, der sich Anwar Tawfik nennt, sich in die höchsten Kreise der Gesellschaft eingeschlichen hat und diese Menschen stark zu beeinflussen scheint. Sie rücken ihm auf den Leib, aber das ist ein Fehler…
Vicki und Henry müssen erkennen, dass sie es mit einem mächtigen und über 5000 Jahre alten ägyptischen Zauberpriester zu tun haben, den sie weder in seiner Macht noch in seinem Listenreichtum unterschätzen dürfen. Nicht zuletzt, weil er Vicki als Opfer seines Gottes Akhekh ausersehen hat…

Tanya Huff ist eine packende Erzählerin, der es gelingt, Action und Tiefgang miteinander zu verbinden. Sie setzt nicht nur auf eine spannende und überraschende Handlung, die kaum Kämpfe und nur wenig Blut benötigt, sondern auch auf interessant geschilderte Charaktere. Während jede der Hauptpersonen ihre Ecken und Kanten hat und die Kabbeleien zwischen Fitzroy, Celluci und Nelson die Handlung eher auflockern, gibt die Autorin dem ägyptischen Zauberpriester ebenfalls Tiefe und Raum. Er ist kein bloßer 08/15-Bösewicht, der stur nach seinem Schema handelt, sondern hat auch seine Höhenflüge und Zweifel, kann ebenso leidenschaftlich wie skrupellos handeln und findet sich schnell in der jetzigen Zeit zurecht, die ihn mehr als alles andere fasziniert.
Dadurch werden sowohl die Geschichte als auch die Charaktere lebendig, ohne dass der Roman in sentimentalen Gefühlskitsch abgeleitet, wie es bei vielen Romanen in der Richtung von Anne Rice üblich ist. Ich jedenfalls konnte den Roman kaum aus der Hand legen und möchte ihn vor allem den Leuten empfehlen, die intelligent erzählte Dark Fantasy mögen, die ohne Splatter auskommt.

Rezension des ersten Teils: [Blutzoll]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=123

http://www.meishamerlin.com/TanyaHuff.html

_Arielen_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Scarborough, Elizabeth A. – Frau im Nebel, Die

Edinburgh um 1800. Der junge Jurist und Schriftsteller Walter Scott beginnt sich einen Namen als Chronist seiner schottischen Heimat zu machen. Er sammelt alte Sagen und Lieder, die er auch in seinen historischen Romanen verarbeitet. Dass es tatsächlich Magie und Fabelwesen gibt, ist nicht neu für ihn. Als ständiger Begleiter des Sheriffs – diesen Posten wird er bald selbst übernehmen – kommt er weit herum und hat viel Unheimliches gesehen.

Der Nor‘ Loch ist ein kleiner See, der die Altstadt Edinburghs von der Neustadt trennt. Nun soll er aufgeschüttet und bebaut werden. Im Verlauf der Arbeiten werden Überreste einer Frauenleiche im Schlick gefunden. Ihr gesellen sich bald weitere Opfer zu. Eine Gruppe fahrender Kesselflicker hat im Wald vor der Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Des Nachts werden sie mehrfach überfallen, Frauen und Mädchen entführt. Die „Noddies“, skrupellose Leichenräuber, die Studienobjekte für die Seziersäle der Universität besorgen, sollen dahinterstecken.

Scott wird mit der Untersuchung betraut. Er lernt im Lager Midge Margret Caird kennen – und bald schätzen. Seine Ermittlungen führen ihn auf die Spur des „Wissenschaftlers“ Cornelius Primrose. Hinter der Maske des biederen Kirchenmannes lauert der Wahnsinn. Primrose will seine vor Jahren verstorbene Frau zum Leben erwecken und transplantiert einem selbst gebastelten Neu-Körper frische Leichenteile. Scott kommt ihm auf die Spur, doch zu spät, denn schon hat der „Doktor“ sein begehrliches Auge auf Midge Margret geworfen und verschleppt auch sie in sein grausiges Labor …

„Die Frau im Nebel“ gehört in eine (kleine) Nische des Fantasy-Genres. Elizabeth Scarborough siedelt das Geschehen in einer verfremdeten Realität an. Edinburgh Anno 1800 hat sich mit seinen Bewohnern dem Zeitgenossen durchaus so dargeboten wie die Autorin es beschreibt. Aber dennoch ist es gleichzeitig eine Spielwiese, auf der um des Effektes willen allerlei Übernatürliches vorgeht.

Am besten stellt man sich Scarboroughs Edinburgh als „Parallelstadt“ zur echten Metropole vor, eingebettet in eine Welt, in der Zauberei oder Gespenster zwar nicht alltäglich, aber möglich sind. Als Idee funktioniert das vorzüglich, weil im Jahr 1800 – dem realen und dem fiktiven – der europäische Mensch auf dem schmalen Grat zwischen dem Mystizismus des Mittelalters und der Aufklärung der Moderne balanciert.

In diese Kulissen – der Vergleich ist nicht schlecht, wie gleich auszuführen sein wird – platziert Scarborough ihre Geschichte. Flott geschrieben ist sie und ohne die gedrechselten Altertümeleien, die so mancher Autor unverzichtbar für eine in der Vergangenheit spielende Handlung hält. Besondere Originalität kann Scarborough zwar nicht für sich beanspruchen; sie bedient sich kräftig diverser, durch die Kinomühlen gedrehter Trivialmythen. Der böse Primrose wirkt beispielsweise wie eine Mischung der Doktores Frankenstein und Phibes, ergänzt durch mehr als einen Hauch Jack the Ripper.

Aber der Nostalgiefaktor ist durchaus einkalkuliert in Scarboroughs Spiel. „Die Frau im Nebel“ ist sauber getischlerte Unterhaltung, die einfach Spaß macht und sich wohltuend abhebt von den x-bändig ausladenden Tolkien/König Artus/Nibelungen-Abklatschen, mit denen wir Fantasy-Freunde viel zu ausgiebig gepiesackt werden.

(Sir) Walter Scott (1771-1832) ist eine echte Gestalt der Geschichte, die indes von Scarborough von ihrer Biografie gelöst und in ein fiktives Abenteuer gestürzt wird. Mit Leib und Seele gleicht „ihr“ Scott dennoch dem Original – einem ungestümen, unternehmungslustigen, lesewütigen und neugierigen Mann aus Schottland, der 1799 in der Tat zum Sheriff – freilich in der Grafschaft Selkirk – ernannt wurde und sich bis zum Sekretär des Gerichtshofs zu Edinburgh hocharbeitete, ein gut dotierter Posten, der ihm die Muße schenkte, seiner geliebten Schriftstellerei zu frönen. Mit 40 abenteuerlichen, meist historischen Werken wie dem Ritterroman „Ivanhoe“ (1819) erreichte Scott ein kopfstarkes Publikum und wurde ein schottischer Nationaldichter.

In unserer Geschichte ist Walter Scott der Repräsentant zweier Welten. Scheußliche Morde ereignen sich. Das war (und ist) in einer großen Stadt nicht ungewöhnlich. Scott beginnt seine Ermittlungen als Kriminalist, der sich für seine Zeit ungewöhnlich fortschrittlicher Methoden bedient. Damit kommt er nicht weit, so dass er relativ rasch wieder auf „traditionelle“ Praktiken zurückgreift, die das Übernatürliche nicht nur anerkennen, sondern auch nutzen. Schließlich hat Scott selbst einen „echten“ Magier unter seinen Vorfahren. Außerdem ist er Schotte. Bei aller Skepsis akzeptiert er deshalb letztlich die Existenz unerklärlicher Phänomene.

Auf seine Weise steht auch das Böse in unserer Geschichte mit je einem Bein fest in beiden Welten. Es trägt die Gestalt des „Doktors“ Cornelius Primrose, der ein |mad scientist| reinsten Wassers ist, obwohl nicht die Wissenschaft ihn ohne Rücksicht und Skrupel antreibt, sondern die wahnsinnige Liebe zur unter traurigen Umständen dahingeschiedenen Gattin. Die will er zum Leben erwecken und tritt dabei nicht nur als Frankenstein im modernen Labor auf den Plan, sondern auch als Alchimist und Magier der Vergangenheit. Kein Wunder, dass es ihm genauso ergeht wie Goethes Zauberlehrling und die eigene, weder verstandene noch gar lenkbare Schöpfung über ihn kommt.

Für Midge Margret Caird hat Elizabeth Scarborough einen Winkel in der zeitgenössischen Gesellschaft gefunden, in dem eine Frau relativ frei und ungebunden agieren konnte. Als vagabundierende Kesselflickerin steht sie am Rande und bleibt daher von vielen Konventionen verschont. Ihr freigeistiges Denken und Handeln ist wichtig, da ein Roman ohne mindestens eine weibliche Hauptrolle heute vom Publikum schlecht angenommen wird. Trotzdem umgeht Scarborough allzu ausgehöhlte Klischees elegant, indem sie Scott und Margret eben nicht, wie zu erwarten wäre, in Liebe entflammen lässt. Die schöne Kesselflickerin steht zunächst nicht einmal auf Primroses Liste unfreiwilliger Organ- und Körperspenderinnen. Sie ist kein Objekt, sondern handelnde Person. Das bleibt sie sogar, als sie schließlich doch im Labor des Diakons landet.

Elizabeth Ann Scarborough wurde am 23. März 1947 in Kansas City, Missouri, geboren. Sie lernte in der |Bethany Hospital School of Nursing| und studierte an der |University of Alaska| (!); während des Vietnamkriegs diente sie als Krankenschwester.

Seit 1982 arbeitet Scarborough als Schriftstellerin. Sie debütierte mit „Song of Sorcery“ (dt. „Zauberlied“) und erwies sich rasch als sowohl fleißige wie auch gewandte Autorin, die in der Science-Fiction genauso beheimatet ist wie in der Fantasy. Bis heute verfasste sie zwanzig nicht seriengebundene Romane beider Genres, darunter „Healer’s War“, für den sie 1989 einen |Nebula Award| gewann. Dazu kommen weitere Romane, die sie gemeinsam mit Anne McCaffrey schrieb, sowie Episoden zu ihren beiden Erfolgsserien „Petaybee“ und „Acorna“.

Scarborough gibt Kurse für angehende Schriftsteller am |Penninsula Community College|. Außerdem entwirft sie volkstümelnden Perlenschmuck, den sie online vertreibt. Ihre offizielle [Website]http://www.olympus.net/personal/scarboro beschränkt sich primär auf die Präsentation ihrer Waren, über deren künstlerische Qualität an dieser Stelle zu Gunsten der Autorin kein Urteil gefällt werden soll.

Shirley Jackson – Spuk in Hill House

Ein Forscher will das Rätsel des Hill House-Anwesens lüften, in dem es umgeht. Mit zwei parapsychisch begabten Begleitern zieht er ein. Unter ihnen: eine seelisch gestörte junge Frau, die sich als idealer Katalysator für das Grauen des Hauses erweist und einen wahren Totentanz des Schreckens entfesselt … – Ein Klassiker des phantastischen Genres und einer der besten Romane um Spuk und Besessenheit. Die Autorin entwirft mit infamem Geschick eine Atmosphäre der Unsicherheit: Spukt es wirklich in Hill House, oder wird das Unheimliche ‚importiert‘? Auch sprachlich weit über dem üblichen Geisterschmarrn.
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Meyer, Kai – Haus des Daedalus, Das

Die junge Restauratorin Coralina entdeckt bei ihren Restaurationsarbeiten in der Kirche Santa Maria del Priorato in einem Hohlraum die originalen Carceri-Kupferplatten von Giovanni Battista Piranesi. Mit der Absicht, sich als Kunsträuber zu betätigen, lockt sie ihren Bekannten Jupiter nach Rom, damit dieser als Kunstdetektiv ihr dabei evtl. helfen kann. Doch Jupiter weigert sich, an einem Kunstdiebstahl teilzunehmen, und überredet Coralina, ihren Fund zu melden, was dieser in Hinsicht der Geldschwierigkeiten, in der sie und ihre Großmutter, die Shuvani, stecken, nicht gerade leicht fällt. Doch schließlich willigt sie ein.

Später jedoch eröffnet sie Jupiter, dass sie nicht nur die 16 bekannten Carceri-Platten entdeckt hat, sondern noch eine siebzehnte, die sie bereits vorher aus der Kirche geschmuggelt hatte – zusammen mit einer vorchristlichen Tonscherbe, in die nachträglich Zeichen eingeritzt wurden. Auf der siebzehnten Platte ist jedoch neben der alptraumhaften Szenerie der anderen Stiche des Zyklus auch das Abbild eines Schlüssels enthalten. Jupiter ist nicht gerade erfreut über diesen Alleingang, doch kann Coralina ihn erst einmal davon überzeugen, dass der Diebstahl dieser Artefakte sicherlich nicht bemerkt werden wird, da sie der Öffentlichkeit unbekannt sind.

Jupiter beginnt, sich für die Geschichte dieser unbekannten Objekte zu interessieren, und stößt bereits bei seinen ersten Erkundigungen auf einen Sumpf von Intrigen und Mord. Jemandem im Vatikan scheint sehr daran gelegen zu sein, die beiden Objekte an sich zu bringen, doch bleibt Coralina und Jupiter nur eine Lebensversicherung: Sie müssen die Artefakte behalten.

Währenddessen befindet sich ein Kapuziner-Mönch auf der Flucht. Drei seiner Brüder sind beim Abstieg in ein geheimnisvolles Gewölbe ums Leben gekommen – der letzte von ihnen hat eine Videokamera und sechs Kassetten zurück an die Oberfläche gebracht, bevor er seinen Wunden erlag. Santino, der am Anfang der Treppe Wache gehalten hat, flieht nun vor dem Stier und seinen Gefolgsleuten und hat nur noch ein einziges Ziel: Die sechs Videobänder zu betrachten, bevor er ermordet wird. Er muss einfach wissen, was seinen Brüdern wiederfahren ist, die Band um Band eine titanische Treppe hinuntersteigen…

Huch? Was ist denn dies für ein Kai-Meyer-Roman?!? Gänzlich ungewohnte Aspekte eröffnen sich dem Leser, die er bisher von diesem Autor nicht gewohnt war. Zwar ist ein gewisser Einfluss des historisch-phantastischen Romans durchaus zu spüren, doch bewegt sich der Autor hier recht stark von seinen bisherigen Werken hinweg. Fast vermeint der Leser, hier die Einflüsse von King (erzählerische Virtuosität), Poe (geschickt aufgebauter Schauerroman) und Lovecraft (in den Wahnsinn treibender Horror) zu erkennen – und auf der Ebene des Kapuziner-Mönchs macht sich auch noch ein „Blair Witch“-Gefühl breit.

Kai Meyers Roman nur als reine Mischung all dieser Ingredienzen abzutun , ist zwar vordergründig vielleicht richtig, nichtsdestotrotz jedoch absolut falsch, wenn man sich dieses Werk genauer ansieht. Meyer „entleiht“ hier nur selten (stilistische) Motive, sondern erfindet sie neu, und das in einer Virtuosität, die seine bisherigen Werke bei weitem übertrifft. Mit „Das Haus des Daedalus“ hat Kai Meyer sein bisheriges Meisterstück abgeliefert.

Allein schon der Aufbau des Romans vermag den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Meyer gelingt das Kunststück, bereits im ersten Kapitel einen Spannungsbogen aufzubauen, den er bis zum Ende durchzuziehen in der Lage ist. Wo andere Autoren die Hälfte des Roman benötigen, reichen Kai Meyer gerade mal vielleicht 20 Seiten – ein Loslösen von der Handlung ist bereits zu diesem Zeitpunkt kaum mehr möglich. Zu stark wird man von der Intensität des psychologischen Horrors gefangengenommen, der immer wieder durch recht reale und heftig geschilderte Szenen unterbrochen wird. Kai Meyer ist dabei in der Lage, Lovecraftsche Intensitäten auch ohne Ich-Erzähler zu entwickeln. Stattdessen setzt er auf die Charakterisierung seiner Hauptpersonen, die in ihrer Plastizität die Identifikationsfiguren für den Leser bilden, der mit ihnen mitleidet und dem die Haare buchstäblich zu Berge stehen – und das rund 350 Seiten lang.

Da verzeiht man Kai Meyer gerne die kleineren Unstimmigkeiten, bei denen es manchmal scheint, als ob er mit Zahlen nicht gerade besonders gut umgehen könne. So gibt es anfangs sechs Videokassetten; unter der Brücke sieht sich Santino jedoch die zweite von dreien an…

Auch die Frage, weshalb die Mönche nun mindestens sechs Videokassetten à 4 Stunden mitnehmen, wenn sie ein ihnen unbekanntes Gewölbe betreten, ist nicht ganz geklärt… Vor allem, wenn man erfährt, dass der Eingang zu diesem Gewölbe innerhalb einer Touristenattraktion zu finden ist. Hier sollte wohl kaum die Möglichkeit gegeben sein, mal eben einen Tag Wache zu stehen, bis der letzte Bruder mit den Kassetten zurückkommt (wir erinnern uns: 6 Kassetten à 4 Stunden…), ohne dass dies irgendjemandem auffällt, oder?

Abgesehen davon ist es doch recht unwahrscheinlich, dass die drei Mönche eine Videokamera mitgenommen haben, die Standard-Kassetten für die Aufnahme verwendet. Meines Wissens sind solche Kameras eigentlich niemals in den Handel gekommen – doch trotzdem muss es sich wohl um eine solche handeln, denn die zwei Standards S-VHS und VHS-C bieten keine Aufnahmekapazität von 4 Stunden pro Kassette… (Wobei die Frage, woher besitzlose Mönche wie die Kapuziner eine Videoausrüstung bekommen haben, noch gar nicht angesprochen ist…)

All dies irritiert zwar ein wenig – aber wahrscheinlich sowieso nur den Rezensenten. Der Normalleser wird diese Gedanken wahrscheinlich gar nicht hegen – vor allem, weil er vor Spannung gar nicht dazu kommt. Und schließlich: Wer fragt schon bei Lovecraft oder Poe nach Logik?!? Manche Meisterwerke brauchen nun einmal Freiraum – auch wenn es gegen die Logik ist!

Mit dem „Haus des Daedalus“ schiebt Kai Meyer sich nun jedenfalls endgültig in eine Reihe mit Andreas Eschbach. Und da sage noch einmal jemand, die deutsche Phantastik sei tot…

Fazit (und um es noch einmal zu erwähnen): Bis zu diesem Zeitpunkt Kai Meyers Meisterwerk! Hinsichtlich der atmosphärischen Dichte und spannungsgeladenen Handlung hat man von einem deutschen Autoren selten etwas Gleichwertiges gelesen. Kai Meyer fabuliert in der Tradition der großen Phantasten wie Poe, Lovecraft und King und vermengt deren Stärken zu seinem eigenen Stil. Minimale Unstimmigkeiten kann man da gerne verkraften, vor allem, wenn sie für die Handlung nicht weiter wichtig sind…

_Winfried Brand_ © 2002
|Veröffentlichung mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de |

King, Stephen – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V)

Ihre Reise durch die Mittwelt, eine parallele Welt, die durch mysteriöse Portale mit unserer Erde verbunden ist, hat den Revolvermann Roland Deschain von Gilead und seine drei durch Dimension und Zeit zu ihm gekommenen Gefährten Susannah (aus 1964), Jake (1977) und Eddie Dean (1987) ein Stück näher an den mystischen „Dunklen Turm“ gebracht, der das symbolische Zentrum des geordneten Universums darstellt. Die Mächte des Chaos versuchen unter dem Einfluss des Scharlachroten Königs diesen Turm in ihre Gewalt zu bringen. Gelingt ihnen das, ist die Welt, wie wir oder die Bewohner von Mittwelt sie kennen, verloren – dann herrscht der König mit Schmerz und Tod.

Zur Zeit ziehen Roland und die Seinen durch ein Grenzland im Westen der Mittwelt. Hier leben die Menschen nach eigenen Gesetzen und Regeln und fahren gut damit. Der Alltag ist hart, der Boden karg, gefährliche wilde Bestien streifen durch die Nacht. Aber die Männer und Frauen, die in oder um die kleine Stadt Calla Bryn Sturgis leben, kennen es nicht anders und sind zufrieden.

Doch nun kündigt sich Böses an: Die „Wölfe von Calla“ sind wieder auf einem ihrer seltenen, aber unbarmherzigen Raubzüge. Söldner des Bösen sind es, die in Werwolf-Gestalt für noch grässlichere Herren kämpfen, munkelt man. Sie ziehen durch das Land und fordern von den Farmern Ausrüstung, Verpflegung – und Zwillingskinder! Diese werden einer unbekannten Prozedur unterzogen, die sie als hirnlose, in groteske Höhe wachsende „Minder“ zu ihren Familien zurückkehren lässt.

Tian Jaffords will seinen Nachwuchs nicht den Wölfen opfern. Er ruft seine Mitbürger zum Widerstand auf. Pere Donald Callahan, der Dorfgeistliche, stellt sich auf seine Seite. Die Männer von Calla sind keine Kämpfer und scheuen die Gewalt. Doch Callahan, der einst aus den USA des Jahres 1983 nach Mittwelt kam, kennt eine Alternative. Er hat von Roland und seinen Gefährten erfahren und weiß, dass die Revolvermänner von Gilead verpflichtet sind, den Schwachen ihrer Welt zu helfen, wenn diese sie darum bitten.

Die uralte Verpflichtung wird von Roland ernst genommen, obwohl nicht alle Bewohner der Calla hinter ihm stehen. Viele fürchten die Rache der Wölfe oder haben keine Kinder, die in Gefahr sind. Außerdem gibt es Verräter, die für die Wölfe spionieren. Der Feind weiß Bescheid, bevor die eigentliche Schlacht beginnt. Ohnehin kämpfen Roland und seine Gefährten an zwei Fronten: Im fernen New York gilt es die geheimnisvolle Rose, Symbol für den Fortbestand der universellen Ordnung, vor den Schergen des Scharlachroten Königs zu schützen …

„Wie man Überdruss und Ideenarmut zum Programm erhebt“: Auch das wäre ein passender Titel für diese Besprechung. Schon längst hat sich Stephen King entweder geistig von seinem einstigen literarischen Lieblingskind, der „Saga vom Dunklen Turm“, verabschiedet, oder sich in den filzigen Schlingen des Monumentalwerkes verheddert; vermutlich trifft beides zu. Aber die Fans heulen nach Fortsetzung, Verträge wurden geschlossen. So muss King wohl oder übel immer wieder ran, um sich neue Episoden einer inzwischen recht sinnfreien Reise aus dem Hirn zu wringen.

Zwanzig Bände hatte der Verfasser ursprünglich angedroht; sieben werden es letztlich bleiben, denn King hat die Notbremse gezogen. Freilich sind die Teile 4 und jetzt 5 auf ein Seitenmaß angeschwollen, welches das Gesamtwerk, sollte sich King nicht disziplinieren, zum Stapel getürmt zu einem ganz eigenen Turm formen wird.

„Getretener Quark wird breit, nicht stark“ – eine alte Binsenweisheit, die hier einmal mehr Bestätigung findet. Wer meinte, nach Turmband 4 – „Glas“ – könne es unmöglich noch schlimmer kommen, muss sich hier eines Schlechteren belehren lassen. Es stört nur beiläufig die Unmöglichkeit, als nicht Eingeweihter noch in die Geschichte „einzusteigen“ – der Verfasser selbst warnt in seinem Vorwort allzu wagemutige Leser: Es gilt sich durch vier Bände zu kämpfen, will man den Anschluss finden.

Gravierende Kritik richtet sich gegen die Kluft zwischen Ambition und Ausführung. Lässt man sich durch Kings Wortgedonner oder seine allgegenwärtigen Andeutungen auf angeblich gewaltiges Geschehen im geheimnisvoll multidimensionalen Gefüge des Universums (das bei ihm eher ein Multiversum ist) nicht beeindrucken, kann man „Wolfsmond“ in zwei simpel gestrickte Handlungsstränge zerlegen.

Da ist zum einen die Fortsetzung der Reise zum Dunklen Turm. Obwohl es inzwischen angeblich eilt, ihn zu erreichen, bevor der böse Gegner sich seiner bemächtigt, bummeln Roland & Co. recht gemächlich durch Zeit und Raum. Sie haben mehr als genug damit zu tun, das immer schwerer werdende Gepäck unbewältigter Konflikte mit sich zu schleppen, das ihnen King in den vergangenen vier Bänden aufgebuckelt hat. Identitätskrisen, üble Flashbacks, Streitigkeiten, diverse Besessenheiten – ständig sucht eine neue Plage unsere kleine Schar heim, die stets ausführlich diskutiert werden muss.

Strang Nummer Zwei ist wahlweise als genialer Schachzug oder als bodenlose Unverfrorenheit zu bewerten. King macht gar keinen Hehl daraus, dass der Kampf gegen die Wölfe der Calla eine (sacht) ins Fantastische verfremdete „Hommage“ an den Westernklassiker „The Magnificent Seven“ (dt. „Die glorreichen Sieben“) aus dem Jahre 1960 ist: Die friedlichen Bewohner eines abgelegenen Dorfes werden regelmäßig von Banditen überfallen. Um sich zu wehren, heuern die Bürger eine Schar professioneller Revolvermänner an, die den Schurken nach vielen Schlachten und unter großen Verlusten den Garaus macht.

Zwar weist King darauf hin, dass sich auch Hollywood diesen Stoff bereits „entliehen“ hatte (er basiert auf Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ von 1954), aber er kann anders als die Macher der US-Version ganz sicher nicht für sich beanspruchen, aus der Vorlage etwas Originelles geschaffen zu haben. Also versucht er es erst gar nicht bzw. will seine Leser auf seine Seite ziehen, indem er sie mit allerlei Insider-Mätzchen ablenkt. So finden wir unter den Bewohnern der Calla viele, die in Gestalt und Benehmen den Figuren klassischer Westernfilme und -geschichten gleichen. Einige tragen sogar bekannte Namen; so heißt ein prominenter Dorfbürger Wayne D. Overholser – im „realen Leben“ ein bekannter Verfasser von Wildwest-Romanen. Und „Calla Bryn Sturgis“ erinnert an John Sturges, der „Die Glorreichen Sieben“ inszeniert hat.

Weil es inzwischen kaum noch möglich ist, sich im Gestrüpp der „Turm“-Saga zurecht zu finden, schaltet King immer wieder Rückblenden – und noch mehr Rückblenden. Ständig komplizierter wird das Geschehen. King täuscht auf diese Weise eine Tiefe vor, die seine Geschichte bei kritischer Betrachtung einfach nicht (mehr) hergibt.

Womit die Verflechtungen gerade erst anfangen. King hat damit begonnen, nicht nur die „Turm“-Saga“, sondern auch sein eindrucksvolles Gesamtwerk zu einem eigenen Kosmos zu formen. Er bezieht sich immer wieder auf Ereignisse, die nicht in der Mittwelt ihren Ursprung nahmen. So ist Pater Callahan, den unsere Reisenden in der Calla treffen, eine Figur aus „Salem’s Lot“ (1975; dt. „Brennen muss Salem“). Plötzlich mischen auch die Vampire aus dem Marstenhaus beim Kampf um den Turm mit. King scheint es gleichgültig zu sein, wie bemüht das wirkt.

Längst lappt das „Turm“-Universum umgekehrt in die „normalen“ King-Werke hinein. „Black House“ (2001; dt. „Das Schwarze Haus“) ist sogar fast eine „inoffizielle“ Episode. „Hearts of Atlantis“ (1999; dt. „Atlantis“) knüpft ebenfalls Gemeinsamkeiten. „Glas“ spielte u. a. in der Welt von „The Stand“ (1978/90; dt. „Das letzte Gefecht“). Weitere Querverbindungen aufzulisten überlasse ich denen, die solche Nitpicker-Spielereien schätzen. (Ganz zu schweigen von der Fahndung nach kingfremden „Gaststars“ wie den „Schnaatz“ aus den „Harry Potter“-Abenteuern.) Das Ergebnis straft den Aufwand Lügen. King leistet hier eine Fleißarbeit, die er lieber in eine straffe Handlung investieren sollte.

Bleiben bei allem Gemurre eigentlich auch positive Aspekte? Selbstverständlich, denn King war und ist ein gewandter Geschichtenerzähler, der sein Handwerk beherrscht. Zuverlässig stößt man genau dann, wenn man den „Wolfsmond“ eigentlich schon in einem einsamen Winkel des Bücherschranks untergehen lassen möchte, auf eine fesselnde Passage, die den Verfasser auf der Höhe zeigt. Recht souverän weiß er zudem die Genres zu mischen: „Wolfsmond“ ist Fantasy, Science-Fiction, Horror, Western, Thriller, Liebesgeschichte … Die Liste dürfte unvollständig sein.

Im großen Finalkampf zieht das Tempo an. Da spürt man endlich den alten King-Zauber wieder. Hoffentlich hält er an, denn es gilt. sich bald durch die beiden abschließenden Bände der „Turm“-Saga zu kämpfen. King setzt zum Befreiungsschlag an und wirft sie binnen eines Jahres auf den Buchmarkt. Anschließend haben er und wir endlich unsere Ruhe.

Roland von Gilead hat Arthritis. Susannah ist mit einem Dämonenbaby schwanger und wieder schizophren. Gatte Eddie macht sich berechtigte Sorgen. Nesthäkchen Jake wird erwachsen und begehrt gegen Ersatzvater Roland auf. Weiter keine besonderen Vorkommnisse in der Schar unserer Revolverhelden. Was immer diese bewegt, wir kennen es bereits, denn es sind nur Variationen (allzu) bekannter Seelenqualen.

Die Bewohner der Calla sind Statisten aus einem Italo-Western, der in den Kulissen der Cowboy-Seifenoper „Gunsmoke“ (dt. „Rauchende Colts“) gedreht wurde. Handfestes Landvolk, schlicht im Geiste, aber gut und mutig – dieses Lied singt King auf so vielen Buchseiten, dass man es rasch über hat. Er beherrscht die Klaviatur der menschlichen Alltäglichkeit so gut wie bisher, aber was nützt das, wenn es ihm misslingt, uns diese „Howdy“-Phrasen dreschenden Popanz-Pioniere wirklich nahe zu bringen?

Pater Callahan ist keineswegs die tragische Gestalt, die der Autor gern aus ihr gemacht hätte. Für den King-Historiker ist es zweifellos interessant zu erfahren, welche „Fortsetzung“ die Ereignisse aus „Brennen muss Salem“ nahmen. Hier dehnen sie sich allerdings über mehrere Rückblenden aus, die fast schon ein eigenes Buch füllen könnten. Mit dem eigentlichen Geschehen haben Callahans Erlebnisse grundsätzlich nichts zu tun, obwohl King schließlich eine dürftige Verbindung konstruiert.

Was sich sonst diesseits und jenseits der Dimensionsportale tummelt, ist so zahlreich, dass es schwerfällt den Überblick zu behalten. So wichtig ist es allerdings gar nicht. Zumindest die Bösen treten ohnehin in immer neuen Masken auf. Der King-Fachmann erkennt hier erneut manchen alten Bekannten. Immerhin gelingt dem Verfasser auch hier manchmal ein Glückstreffer: Service-Roboter Andy macht als Parodie auf den Blechmann aus „Der Zauberer von Oz“ eine gute Figur. Und wie es aussieht, tritt King im Schatten des Turm womöglich höchstpersönlich in seine literarische Welt.

Suzuki, Kôji – Ring III – Loop

Die Welt irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft: Das ringförmige MHCV-Virus löst den Erreger der AIDS-Pest als unheilbaren Massenkiller Nr. 1 ab. Vor allem in Nordamerika und Japan erkranken die Menschen an einer neuen Sorte Krebs, der sich trotz fortgeschrittener Heilungsmethoden nicht stoppen lässt.

Auch die Eltern des Medizinstudenten Kaoru Futami aus Tokio sind betroffen. Der erst 20- Jährige sucht verzweifelt nach Rettung. Eine Reihe mysteriöser Zufälle führt ihn auf die Spur des bizarren „Loop“-Projekts. Fast vier Jahrzehnte zuvor hatten Forscher in den Vereinigten Staaten und Japan mehr als 1,2 Millionen Computer zusammengeschaltet, um eine Simulation künstlichen Lebens zu erschaffen. Das Experiment glückte zunächst und schuf eine Welt, die zum Spiegelbild der Realität wurde. Bevölkert wurde der „Loop“ schließlich von „Menschen“, die nie ahnten, dass sie nur im Inneren einer digitalen Matrix existierten.

Das „Loop“-Projekt scheiterte, als eine virtuelle Epidemie ihre Bewohner befiel und aussterben ließ. Das Grauen trug die Gestalt einer jungen Frau namens Sadako Yamamura, die es mit Hilfe eines trickreich verseuchten Videobandes in die künstliche Welt brachte. Schließlich bestand der „Loop“ nur noch aus Yamamura-Kopien und starb schließlich aus. Das Projekt wurde abgebrochen, sein Schöpfer, der Amerikaner Christopher Eliott, zog sich in die wissenschaftliche Emigration zurück.

Doch ist der „Loop“ wirklich „tot“? Kaoru kommt der schreckliche Verdacht, dass der „Ring“-Virus gar nicht Ergebnis einer natürlichen Mutation ist, sondern ursprünglich aus dem „Loop“ kam. Wenn dem so ist, müssten sich in den Unterlagen des Projekts Hinweise auf seine Bekämpfung finden lassen. Kaoru macht sich deshalb auf in die USA. In der Wüste New Mexicos stößt er auf das, was er gesucht hat. Allerdings ist die Wahrheit hinter dem „Loop“-Mirakel ist weitaus grotesker als der gesunde Menschenverstand es sich träumen ließe – und Kaoru entpuppt sich als Schlüssel zur einzigen Hoffnung für die Menschheit, die in einer bizarren Verschmelzung zwischen Realität und Simulation liegt …

Erfolge in Serie – seien sie geschrieben oder verfilmt – unterliegen wie die Protagonisten unserer Geschichte einem Fluch: Sie verlieren an Wirkung und schwächen sich zur Routine ab. Auch [„Ring II – Spiral“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=251 bestätigte diese alte Binsenweisheit aufs Bedauerlichste. Das drosselt die Erwartungen, die sich an eine weitere Fortsetzung knüpfen.

Überraschung: „Ring III – Loop“ ist ein sauber geplotteter und flott geschriebener Lesespaß, der den allzu routinierten Vorgänger glatt vergessen lässt. Tatsächlich ist der dritte (und bisher letzte) Roman der „Ring“-Reihe womöglich der beste. Dafür gibt es mehrere Gründe.

So gefällt vor allem Suzukis Bereitschaft, sich von den Wurzeln seiner Saga zu lösen. [„Ring“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=170 begann als Gruselgeschichte um eine ermordete, von den Toten rächend auferstehende Geisterfrau, die sich der (zum Zeitpunkt ihres Erscheinens) modernen Technik bediente, um Schrecken und Tod über ihre Opfer zu bringen. Später löste Science-Fiction den Horror ab: Sadako Yamamura „outete“ sich als personifizierte Inkarnation eines intelligent gewordenen Virus‘, der sich die Menschenwelt untertan machen wollte.

Dies lesen und sich fragen, wie es jetzt noch weitergehen könnte, lag nahe. Verfasser Suzuki ließ sich vier Jahre Zeit. Ihm gelang es in der Tat, eine logische Fortsetzung für seine Geschichte zu finden. Das muss freilich an dieser Stelle betont werden, denn inzwischen ist Suzuki ein Opfer der Zeit geworden: „Loop“ scheint die Imitation der Hollywood-Blockbuster-Trilogie „Matrix“ zu sein, so zahlreich sind die inhaltlichen Parallelen. Tatsächlich ist es höchstens umgekehrt, denn „Ring III“ war früher da. Offenbar haben sich eher die Wachowski-Brüder „inspirieren“ lassen …

Wobei die Idee der simulierten zweiten Realität ohnehin ein alter Hut der Science-Fiction ist. Daniel F. Galouye hat mit „Simulacron-3“ (dt. „Welt am Draht“/“Simulacron-Drei“) 1964 sicherlich den (verfilmten) Klassiker geschaffen. Der von der Kritik verehrte Philip K. Dick hat diese Idee gleich mehrfach kongenial durchgespielt, vielleicht am effektvollsten 1969 mit [„Ubik“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=652 (dt. „Ubik“).

Auch Suzuki hat also das Rad nicht erfunden, aber er weiß es im Rahmen seiner Möglichkeiten geschickt rollen zu lassen. Selbstverständlich könnte man mäkeln – über den allzu kunstlosen Erzählstil, die nur scheinbar dreidimensionalen Figuren, über die unnötige Reise nach USA, die vollständige Entzauberung des Yamamura-Mythos … Doch was ist die „Ring“-Saga eigentlich? Doch „nur“ Unterhaltungs-Handwerk, eine spannende Geschichte, die hier mutig ein neue Wendung nimmt und nicht nur ihre gelungene Fortsetzung, sondern auch eine zufriedenstellende Auflösung erfährt.

Dass „Ring III“ in der Zukunft spielt, wird übrigens nur am Rande deutlich. Science-Fiction kommt höchstens ins Spiel, wenn Suzuki (halbwegs) glaubhaft Technobabbel kreiert, wo virtuelle Welten oder Klone geschaffen werden. Politisch und gesellschaftlich hat sich sonst offenbar auf der Erde nichts Gravierendes getan.

Es klang bereits an: Von liebgewonnenen Figuren der „Ring“-Folgen 1 und 2 müssen wir uns verabschieden. Ein Trostpflaster schenkt uns der Verfasser jedoch: Der allzu neugierige Journalist Asakawa, die böse Sadako Yamamura sowie der zynische Ryuji Takayami tauchen in einer ausführlichen Rückblende auf, die (da war Suzuki im zweiten Teil wesentlich ungeschickter) nicht einfach eine Nacherzählung der Vorgeschichte ist, sondern diese gleichzeitig des besseren Verständnisses wegen und zur Erinnerung erzählt und gleichzeitig in ihren neuen, veränderten Handlungsrahmen stellt.

Ansonsten treffen wir – nicht ohne Grund, wie wir schließlich erfahren – in der Person des Kaoru Futami die typische „Ring“-Hauptfigur wieder: Der junge Mann ist eigentlich nur neugierig (bzw. in diesem Fall wissbegierig), ein Jedermann, der eher zufällig in das bedrohliche Geschehen verwickelt wird und dabei mächtig einstecken muss. Eine unglückliche Liebesgeschichte gehört ebenfalls zum Plot, während es dieses Mal keinen guten Freund an der Seite des Helden gibt.

Die japanische Welt ist dem westlichen Leser in „Ring III“ nur mehr bedingt fremd. Suzuki hat seine Geschichte „globalisiert“, lässt sie auf vielen Seiten sogar in den USA spielen. Nur noch selten finden sich die interessanten Eigenheiten der japanischen Gesellschaft. Weiterhin Unzufriedenheit dürfte bei den weiblichen Lesern die traditionelle asiatische „Unterwürfigkeit“ der auftretenden Frauen hervorrufen.

Christopher Eliott zieht als ebenso weiser wie undurchsichtiger „Gottvater“ aus dem Hintergrund die Fäden. Wie er seinen „Sohn“ zur Rettung der Welt schickt, weist durchaus Parallelen zur biblischen Geschichte auf, was zweifellos beabsichtigt ist und immer noch dazu taugt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und der Kritik Vielschichtigkeit vorzugaukeln.

Suzuki Kôji wird uns auf dem Cover inzwischen nicht mehr als „Japans Antwort auf Stephen King“ verkauft, sondern hat es zu „Japans Bestsellerautor #1“ gebracht; praktisch, wenn ein Land so weit entfernt und fremdartig ist, dass sich solche Behauptungen kaum überprüfen lassen … So enthusiastisch dröhnt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist.

Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich den zugewiesenen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen. Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab ab 1991 seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 diesen Roman verfilmte. Trotz vieler Änderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen einschlägigen Websites verwiesen. Ihrem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

E.-E., Marc-Alastor – Kriecher (De Joco Suae Moechae 1)

„Kriecher“ ist der Auftakt des Dark-Fantasy-Zyklus „De Joco Suae Moechae“ um den gleichnamigen Antihelden des Autoren Marc-Alastor E.-E. Die 236 Seiten des Buches bringen dem Leser die Hintergründe der komplexen Welt Praegaia näher, wobei das Augenmerk auf der Geschichte Kriechers liegt, die in fünf zusammenhängenden, düsteren Kurzgeschichten erzählt wird.

Der Autor greift auf eine in langen Jahren gewachsene mittelalterliche Fantasywelt zurück, in der klassische Wesen wie Orks, Elfen und Drachen existieren. Die Religion dieser Welt verdient allerdings besondere Beachtung: Der Geisterdrache M’Zaarox und die dämonische Göttin Medoreigtulb liegen im ständigen Widerstreit in einer Welt, die am Rand eines Kataklysmus steht: Medoreigtulb arbeitet auf das Ende der bekannten Welt und die Schöpfung einer neuen hin. Neben ihrer aus albtraumhaften Wesen bestehenden Armee sind ihre gefürchtetsten Schergen die sogenannten „Pechstrenger“, schattenartige Lebensformen, deren Körper wie schwarzes Pech zerfließen können, die über unheimliche Fähigkeiten und übermenschliche Stärke verfügen – perfekte Attentäter und Spione der Göttin.

Auch Kriecher ist ein Pechstrenger – doch zuvor war er ein charakterschwacher Mensch, der Schuld auf sich geladen hat. Seine Geliebte Menona betrog ihn mit einem Söldner, der zutiefst gekränkte Mann rächte sich an beiden und ermordete sie. Medoreigtulb nahm sich seiner an, verführte den Gebrochenen, machte ihn zu ihrem Diener und gab ihm den Namen „Kriecher“.

Er erweist sich jedoch als Versager, sein erster Mordauftrag schlägt fehl, Kriecher wird von der Erinnerung an seine Schuld gequält und ermordet die Falschen. Die Göttin bestraft und verstößt ihn, lässt das in ein Monster verwandelte Wesen hilflos zurück. Kriecher lebt weiter – gequält von der Erinnerung, auf das Vergessen hoffend, ohne konkretes Ziel und Lebenssinn.

Es folgen weitere Episoden, welche die Tragik Kriechers verdeutlichen. So wird in einer Waldhütte die Reisegesellschaft eines Barons von einem Pechstrenger niedergemetzelt, nur der junge Fylan entkommt, weil Kriecher sich ihm entgegenstellt. Doch ein Pechstrenger sieht aus wie der andere… Die Schuld wird Kriecher gegeben. Man hegt Hoffnung, dass er Erlösung findet, als er bei einer alten Frau Unterschlupf erhält, die ihn wie ein scheues Tier pflegt und ihm Nahrung gibt, sie hält ihn nicht für den gesuchten Mörder, als den man ihn darstellt. Doch sie und der Leser hoffen vergeblich…

Die interessanteste, beste und für den Zyklus relevanteste Kurzgeschichte ist die letzte – sie legt den Grundstein für die Handlung im Folgeband „Adulator“: Kriecher wird von zwei Zyklopen gefangen und in die Armee der Hexe Llalizh eingegliedert – die in Kürze zum Kampf gegen Medoreigtulb antreten wird! Auf wessen Seite werden Kriechers Loyalitäten sein? Llalizh hilft Kriecher, das ganze Potenzial seiner Fähigkeiten zu erkennen und versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

Kriecher überlebt das Gefecht – und sammelt die Reste der Armee um sich, gründet Innocenz, eine Stadt der Verfemten und Asylsuchenden. Hier trifft die Elfenkönigin Gvynlane Keridwen, die mit den Resten des geschlagenen Elfenvolkes auf der Flucht vor Medoreigtulb ist, auf Kriecher, der von Innocenz‘ Bewohnern als der ungekrönte „Fürst“ der Stadt angesehen wird. Doch Innocenz ist nicht die Zufluchtsstätte, die es zu sein scheint…

Marc-Alastor E.-E. gelingt es, seinem gescheiterten Antihelden eine sympathische Note zu geben. Man leidet mit Kriecher, hofft für ihn, wird enttäuscht und verfolgt mit Spannung seinen Werdegang. Man erahnt die epische Breite, die hinter dem Buch steht, das Lust auf mehr macht. Anfangs etwas holprig und verwirrend ist der Sprachstil: Kriechers Gefühle werden zwar differenziert und wortgewandt dargestellt, zwingen aber zu genauem Lesen und machten nicht sofort Eindruck auf mich. Danach steigert sich die Qualität der Geschichten immer mehr, ebenso die Atmosphäre, sie lassen sich auch flüssiger lesen. Eine gewisse Vorliebe für das Lateinische merkt man den Untertiteln der Kapitel an, kein Wunder, ist der Zyklus doch von einem lateinischen Versband, dem „Liber Incendium Veritas“, inspiriert worden. Die okkulten Interessen des Autoren mögen auch ihren Teil dazu beigetragen haben, es tut der Stimmung des Buches sehr gut, die von den wirklich perfekt dazu passenden SW-Illustrationen hervorragend unterstrichen wird – man bemerkt deutlich den positiven Einfluss, den der Autor auf den Künstler ausübte, sie befinden sich zudem am richtigen Ort und sind inhaltlich stimmig. Etwas unglücklich ist das breite und hohe Format des Buches, der Text ist deshalb etwas breit formatiert und etwas gewöhungsbedürftig zu lesen, dafür schön groß und gut lesbar.

Neben Kriecher fasziniert vor allem die dämonische Göttin Medoreigtulb (den Namen bitte einmal rückwärts lesen…) mit ihrer dunklen Erotik und Verruchtheit; da „Kriecher“ eine Sammlung von Kurzgeschichten ist, haben auch nur wenige andere Charaktere Platz, aber viele davon werden bereits im Folgeband Adulator zum Zuge kommen.

Mein persönlicher Favorit ist die Geschichte um Innocenz, die mich stark an eine Geschichte um den Helden Kane von Karl Edward Wagner erinnert (Bloodstone). Hatte Kane feuerrote Haare und stechend blaue Augen, bietet Kriecher seinen pechschwarzen Körper mit bernsteingelben, verrauchten Augen auf. Die Entwicklung der beiden Antihelden ist zwar unterschiedlich, aber so wie Kane der verfluchte Mörder seines Bruders ist, so ist Kriechers Mord an seiner Geliebten sein Fluch. Ich halte Kriechers Metamorphose und Weiterentwicklung allerdings für spannender und interessanter, stimmungsmäßig kann er Wagners Kane gelegentlich Paroli bieten und ihn in der Innocenz-Geschichte sogar übertreffen. Brutal geht es zu, teilweise sexuell explizit und freizügig – keine weichgespülte deutsche Standard-Fantasy à la „Das Schwarze Auge“, sondern das, was man von Dark Fantasy erwartet: Emotional intensiv und mitreißend, nachdenklich machend.

Die einführenden 37 Seiten gefielen mir zwar nicht so gut, aber ab der Geschichte „Kummerstrang“ entwickelt sich das Buch immer mehr zum Highlight – bedauerlich ist nur, dass es relativ kurz ist. Mein Interesse an der Welt Praegaia und Kriechers weiterem Werdegang hat das Buch jedenfalls geweckt, von ihm und Medoreigtulb möchte man einfach mehr lesen – dabei ist der Geisterdrache M’Zaarox noch gar nicht in Aktion getreten, man darf also gespannt sein!

„Kriecher“ kann (auf 999 Exemplare limitierte Auflage) über den Blitz-Verlag bezogen werden:
http://www.blitz-verlag.de.

Wer mehr über die Welt Praegaia, den Autoren Marc-Alastor E.-E., sowie die Dark-Fantasy-Serie „Geisterdrache“ und ihren Zyklen wissen möchte, wird hier fündig:

http://www.geisterdrache.de/
http://www.marc-alastor.de/
http://www.praegaia.de/

Bitte beachtet auch mein [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=22 mit dem Autor Marc-Alastor.

Guy Newell Boothby – Pharos der Ägypter

boothby-pharos-cover-1999-kleinEin unsterblicher Magier will sich an Gott und der Welt rächen. Zwischen dem Gelingen seines Plans und der Apokalypse steht nur ein englischer Wagehals, der außerdem eine schöne Maid retten muss … – Altmodischer aber auch nostalgischer sowie mit einer tüchtigen Schuss Mystik gewürzter Abenteuerroman, dessen Garn nicht raffiniert aber spannend und temporeich gesponnen ist: Lesefutter aus einer durchaus trivial gesonnenen Vergangenheit.
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Robert R. McCammon – Tauchstation

McCammon Tauchstation Cover kleinDas geschieht:

Seit er vor sieben Jahren seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, lebt der ehemalige Bank-Hai David Moore zurückgezogen auf der kleinen Karibik-Insel Coquino, wo er ein Hotel – das „Indigo Inn“ führt. In seiner reichlichen Freizeit unternimmt Moore Tauchfahrten in die Gewässer um die Insel, die reich an Schiffswracks aus vielen turbulenten Jahrhunderten sind.

Ein paar Andenken aus einem im II. Weltkrieg versenkten Frachter möchte Moore bergen, als er aus dem Grund des Meeres etwas Überraschendes entdeckt: Im Sand steckt das nazideutsche U-Boot Nr. 198 – und eine Wasserbombe, deren verspätete Detonation Moore beinahe ins Jenseits und das Tauchgefährt an die Oberfläche befördert. Dort treibt es die Strömung genau in den Hafen von Coquina. Robert R. McCammon – Tauchstation weiterlesen

Basil Copper – Die Eishölle

Anno 1932 macht sich eine fünfköpfige Expedition unter Leitung des charismatischen Professors Scarsdale auf die gefährliche Reise in die gefürchteten Schwarzen Berge irgendwo am asiatischen Ende dieser Welt. Dort wartet der „Große Weiße Raum“, der ein Tor in Zeit und Weltraum ist, an dessen Schwelle allerlei Ungeheuer warten … – Basil Copper wandelt in den Fußstapfen von H. P. Lovecraft, die er leidlich unterhaltsam trifft, ohne Denkwürdiges zur Geschichte der unheimlichen Literatur beizutragen.
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Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

Wolfgang Hohlbein – einer der bekanntesten und preisgekrönten Autoren phantastischer Literatur – hat sich in seiner Serie „Der Hexer von Salem“ H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos angenommen und diesen wieder zu neuem Leben erweckt.

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)

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