Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendliteratur

Paolini, Christopher – Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter

Schon im Alter von nur 15 Jahren schrieb Christopher Paolini seinen ersten Roman, nämlich „Eragon“, der zunächst im Verlag seiner Eltern veröffentlicht wurde. Erst eine lange Tour mit Buchlesungen und Signierstunden machte das Buch allgemein bekannt. Inzwischen ist der Autor, der laut Verlagsangaben nie eine öffentliche Schule besuchte, 21 Jahre jung und schreibt in Montana an seinem zweiten Roman, der im Herbst bei uns auf den Markt kommen und die Geschichte um Eragon und Saphira fortsetzen wird.

_Ein Drachenreiter wird geboren_

Bei einem Streifzug durch den gefürchteten Buckel kann der 15-jährige Eragon zwar keine Beute erlegen, die seine Familie als Nahrung dringend benötigt hätte, doch entdeckt er einen großen blauen Stein, dessen Oberfläche vollkommen eben ist. Eragon hofft, den wundersamen Stein in Carvahall gegen Fleisch eintauschen zu können, aber als der Fleischer erfährt, wo der junge Mann den Stein gefunden hat, will er ihn nicht annehmen. Somit ist Eragon auf ein Almosen angewiesen, damit seine Familie überhaupt Nahrung bekommt.

Als aus dem Ei plötzlich ein kleiner blauer Drache schlüpft, wird Eragons Plan, den Stein zu verkaufen, hinfällig. Drachen gehören in Carvahall allerdings nicht zum üblichen Stadtbild, sodass Eragon den Drachen mühsam verstecken muss. In der Stadt lauscht er dem Geschichtenerzähler Brom, der sich offensichtlich mit Drachen auskennt. Ihn fragt er zu dem Thema aus, um nebenbei einen passenden Namen für seinen neuen Freund zu finden. Eragons Drache aber ist eigen, denn kein Name scheint ihm zu gefallen, erst als Eragon auffällt, dass es sich um eine Drachendame handeln muss und ihm der schöne Name Saphira in den Sinn kommt, ist diese zufrieden. Fortan freunden die beiden sich immer besser miteinander an. Kommunizieren können sie dabei ganz einfach durch ihre Gedanken, wenn sie nicht zu weit voneinander entfernt sind.

Aber bald droht Gefahr, denn böse Wesen, die Ra’zac, erkundigen sich in Carvahall nach dem blauen Stein. Leider verraten einige geschwätzige Menschen den Ra’zac, wer den Stein gefunden hat, sodass ihre Spur zur Hütte von Eragons Onkel Garrow führt. Weil sie dort das Drachenei nicht finden können, brennen sie das Haus nieder und ermorden Eragons Onkel. Dieser kann sich gerade noch vor den Ra’zac retten, indem er Carvahall verlässt. Ihm zur Seite stehen Saphira und Brom, der den jungen Mann nicht alleine ziehen lassen will und der Eragon später in der Magie der Drachenreiter unterweist. Zunächst wollen die Drei Rache an den Ra’zac verüben, doch verändern sich auf der gefahrvollen Verfolgungsjagd ihre Pläne, da sie merken, dass der böse König Galbatorix Jagd auf den neuen Drachenreiter macht. Dunkle Mächte haben sich zusammengeschlossen, um die Herrschaft an sich zu reißen …

_Träume nicht dein Leben …_

… sondern schreibe deinen Traum auf. Christopher Paolini hat dieses Buch im Alter von nur 15 Jahren geschrieben und an zahlreichen Stellen vermutet man als Leser, dass er allerlei eigene Kindheitsträume mit in die Geschichte eingebaut hat, denn der Drache Saphira wird in so prächtigen Farben geschildert, dass Paolini viel Mühe darauf verwendet haben muss, diese Figur zu erschaffen. Die Abenteuer um den gerade 15-jährigen Eragon offenbaren eine lebhafte Phantasie des Autors, aber vielleicht auch den Hang zum Träumen und dazu, diese Träume zu Papier zu bringen. Die Beschreibungen der Szenerie und der handelnden Figuren sind größtenteils so detailreich, dass Paolini ein lebhaftes Bild seiner Romanhandlung vor Augen gehabt haben muss, damit er es uns in so schillernden Farben beschreiben kann. Beachtlich finde ich sein durchblitzendes Talent, denn auch wenn er sich natürlich nicht mit dem großen Literaturprofessor J. R. R. Tolkien messen kann – was besonders an der einen Stelle deutlich wird, als Paolini uns ein Gedicht präsentiert – so wird doch deutlich, dass viel Potenzial ihn ihm steckt. Nur an manchen Stellen erscheint uns seine Sprache ein wenig unausgereift, größtenteils erstaunt er aber durch seine treffenden Formulierungen und liebevollen Szeneriebeschreibungen.

S. 405: |“Eine riesige Dünenlandschaft erstreckte sich bis zum Horizont wie ein wogendes Meer. Windböen wirbelten den rötlich goldenen Sand auf. Knorrige Bäume wuchsen auf vereinzelten Inseln mit festem Untergrund – ein Boden, den jeder Bauer als unfruchtbar bezeichnet hätte. In der Ferne ragten mehrere purpurrote Felsklippen zum Himmel empor. Bis auf einen Vogel, der auf den Südwestwinden dahinglitt, war in der allumfassenden Einöde kein einziges Lebewesen zu sehen.“|

Derlei ausführliche und fast schon poetische Darstellungen der Situation finden sich an vielen Stellen des Buches; Paolini versucht immer wieder, seinem Leser genau zu erklären, wo die Protagonisten sich momentan befinden und wodurch die Landschaft sich auszeichnet. Gerade in einem Buch, in welchem man sich in einer Phantasiewelt bewegt, finde ich solche Beschreibungen äußerst wichtig, denn sie erst sorgen für den gewissen Reiz, den Fantasy mit sich bringt. Ich möchte beim Lesen vollständig in die fremde Welt eintauchen, und genau das gelingt bei „Eragon“, weil uns der Autor an die Hand nimmt und in seine Romanwelt entführt. Dies ist es auch, was den Leser über die gesamte Länge des Buches bei Laune hält, denn Spannung wird nur wenig aufgebaut, aber die Welt, die Paolini uns zeigt, ist so faszinierend und interessant, dass man einfach weiterlesen muss.

Trotz der stimmungsvollen Bilder schafft Paolini es leider nicht, seiner Handlung die nötige Spannung zu verleihen, denn obwohl Eragons Reise sehr gefährlich ist, kommt keine düstere und bedrohliche Atmosphäre auf, wie beispielsweise in Tolkiens „Herr der Ringe“, als die neun Gefährten in Richtung Mordor aufbrechen. Das führt beim Leser auch ein wenig zu einer gleichgültigen Haltung, weil man sich sicher ist, dass alles gut ausgeht.

_Drachendamen haben ihren Stolz_

Auf etwa 600 Seiten entfaltet Christopher Paolini eine farbenfrohe und fantastische Welt, in der der junge Eragon zusammen mit seiner stolzen Drachendame und dem alten Brom viele Gefahren zu überstehen hat. Während der langen Reise lernen wir die drei Hauptprotagonisten in ganz unterschiedlichen Situationen und aus verschiedenen Blickwinkeln kennen. Ganz nebenbei setzt sich dadurch ein detailliertes Bild der handelnden Figuren zusammen. Im Mittelpunkt stehen selbstverständlich Eragon und Saphira, die ganz eng zusammengehören, da Saphira Eragon bewusst als neuen Drachenreiter auserwählt hat. Eragon macht dadurch im Laufe der Geschichte eine unglaubliche Entwicklung durch. Zu Beginn des Buches treffen wir ihn noch als rastlosen kleinen Jungen, der sich zwar unbeschadet durch den sagenumwobenen Buckel bewegen kann, der aber ansonsten ein ganz normaler Junge zu sein scheint. Doch dann fällt ihm das blaue Drachenei in die Hände und Saphira kennzeichnet Eragon mit dem silbernen Drachenmal Gedwey Ignasia. Von nun an muss Eragon viele Gefahren bestehen und wichtige Dinge lernen. Er probiert die ersten magischen Sprüche aus und übernimmt sich dabei sehr schnell, außerdem tritt er im Schwertkampf gegen Brom an. Seine Kindheit findet also ein abruptes Ende, bricht aber später immer wieder durch. So erwachsen, wie Eragon in vielen Situationen gezwungenermaßen agieren muss, so kindlich wirkt er besonders in seinen Gesprächen mit Saphira, in denen er oftmals ihren Rat sucht, weil er selbst Unsicherheit verspürt. Gerade durch diese Sorgen, die ihn plagen, wird er zu einem jugendlichen Helden mit Ecken und Kanten und gewinnt wieder an Glaubwürdigkeit, die er leider auch ein wenig einbüßen muss, wenn es ihm gelingt, in einigen wenigen Tagen das Lesen zu erlernen.

Sehr gut gefällt auch die Vorstellung Saphiras als edle und stolze Drachendame, die sich lediglich per Gedankenaustausch mit Eragon unterhalten kann. Sie ist der starke Drache, der sich bei drohender Gefahr immer wieder ins Getümmel stürzt, um Eragon zu helfen. Oft genug geigt sie ihm aber auch deutlich ihre Meinung, wenn er wieder einmal unüberlegt gehandelt hat. So erscheint uns Saphira als mächtiges und auch intelligentes Wesen, das seine Kraft mit jener Eragons verschmelzen kann, um die Macht gemeinsam zu vergrößern. Die beiden bilden eine Einheit und ergänzen sich dabei hervorragend, da der eine Stärken zeigt, wo der andere Schwächen aufweist. Mit Eragon und Saphira präsentiert uns Paolini wirklich zwei überaus sympathische Figuren, die besonders jugendliche Leser begeistern dürften, da diese sich in Eragons Alltagssorgen im Erwachsenwerden gut einfühlen können.

An dritter Stelle ist der alte Brom zu nennen, hinter dem mehr steckt als nur der Geschichtenerzähler. Seine Weisheit ist es, die Eragon aus einigen Schwierigkeiten retten kann und die er seinem jungen Schüler gern weitergeben möchte. Mit seinem Unterricht formt er Eragon zu einem Drachenreiter, der mächtige Magie einzusetzen weiß. Auch Brom überzeugt in seiner Darstellung sehr gut.

_Fremde Anleihen_

Vergleiche mit anderen bekannten Werken der Literatur zaubern einige Ähnlichkeiten hervor, die dem Leser schnell ins Auge springen dürften. Besonders zwei Werke sind es, die hier offensichtlich Pate für einige Ideen gestanden haben. Eines der beiden Werke ist „Star Wars“, denn gerade die Unterrichtsstunden zwischen Eragon und Brom erinnern an den Unterricht, den Yoda Luke Skywalker erteilt hat. Auch Eragon lernt es, mit seinen Gedanken Gegenstände zu bewegen und scheitert an einem Stein, während sein weiser Lehrer mächtigere Dinge zu vollbringen weiß. Auch das Zitat „Mögen eure Klingen scharf bleiben“, welches Paolini verwendet, erinnert an den berühmten Ausspruch aus Star Wars „Möge die Macht mit euch sein“. Darüber hinaus sind weitere Wortanleihen zu erkennen, denn im Zentrum von „Eragon“ steht ebenfalls ein Kampf gegen das Imperium, in dessen Mitte sich Eragon unverhofft wiederfindet und dabei eine ganz entscheidende Rolle zu spielen hat.

Auch aus dem „Herr der Ringe“ scheint Paolini sich einige Ideen abgeschaut zu haben. Vor allem die Namensähnlichkeit zwischen den Monstern aus „Eragon“, den Urgals, und den Orks bzw. Uruk-Hais aus Tolkiens Trilogie fallen auf. So tauchen in „Eragon“ im Übrigen auch übermannsgroße Urgals auf, die ohne Rast tagsüber wie nachts die Verfolgung ihrer Gegner aufnehmen können und erinnern wiederum an die Uruk-Hai. Die Ra’zac übernehmen in „Eragon“ die Rolle der Nazgul, die ausgeschickt werden, um in diesem Fall den Drachen ausfindig zu machen und dabei Schrecken über Land und Leute verbreiten.

Vielleicht muss man Christopher Paolini diese Anleihen aber auch nachsehen, da sich im Grunde genommen jedes Fantasybuch am „Herr der Ringe“ messen muss und unweigerlich immer damit verglichen wird. Erfreulicherweise baut der Autor genug eigene Elemente ein, sodass „Eragon“ überaus lesenswert wird und sich schließlich deutlich von den beiden oben genannten Büchern abzugrenzen versteht.

_Unterm Strich_

„Eragon“ ist ein gelungenes Debütwerk eines noch sehr jungen Autors, der sicherlich noch weitere Bücher veröffentlichen wird, die von den Erlebnissen und Taten des jungen Drachenreiters berichten werden. Besonders die gelungenen Szeneriebeschreibungen und Figurenzeichnungen tragen zur Unterhaltung bei und sorgen dafür, dass der Leser vollkommen in dieser fremden Welt versinken kann. Hier offenbart Paolini ein großes Talent, das er hoffentlich in den kommenden Jahren noch ausbauen wird. Dann wird er sich vielleicht nicht mehr von anderen Werken inspirieren lassen müssen und vielleicht überrascht er uns dann auch mit gelungeneren Gedichten in seinen Romanen; in dieser Hinsicht bleibt durchaus noch genug Spielraum für eine Weiterentwicklung.

Kleine Unstimmigkeiten trüben ein wenig den Lesegenuss. So erscheint mir der Zeitverlauf nicht vollkommen klar, denn wenn man Eragons Weg auf der gezeichneten Karte im Buch verfolgt, so bemerkt man, dass sein Reisetempo sehr stark variieren muss, für manche Streckenabschnitte braucht er nämlich so gut wie gar keine Zeit, für andere umso länger. Auch dürfte Eragon unter Wasser nicht wirklich meterweit schauen können, da das Wasser für eine starke Fehlsichtigkeit sorgt und dies verhindern müsste. Ebenso würde ich heftige Anzeichen von Höhenkrankheit erwarten, wenn Eragon mit Saphira so weit in die Lüfte aufsteigt, dass er aufgrund von Sauerstoffmangel ohnmächtig wird, aber in einem Fantasybuch mag das vielleicht alles möglich sein.

Insgesamt bleibt ein positiver Gesamteindruck zurück, das Buch war leicht und flüssig zu lesen, unterhielt äußerst gut und animiert durchaus dazu, den zweiten Teil von „Eragon“, der im Herbst erscheinen wird, ebenfalls zu lesen, schließlich wollen wir doch wissen, wie Eragons Abenteuer im Kampf gegen Galbatorix weitergehen.

Näheres zum Buch unter http://www.eragon.de.

[Buchwurm.info-Rezension zu „Eragon – Der Auftrag des Ältesten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1975

Andreas Eschbach – Die seltene Gabe

Als Science-Fiction-Leser kommt man ja kaum an paranormal begabten Wesen vorbei, seien sie nun als „positive Mutanten“ oder als natürlich begabt beschrieben. Oft trifft man auch auf Außerirdische, die mit Gedankenkraft Dinge bewegen oder Gedanken lesen können. Prominentes und aktuelles Beispiel sind die Yedi und Sith der Star-Wars-Saga, wobei hier diese Fähigkeiten seit Episode I leider etwas entmystifiziert wurden.

In „Die seltene Gabe“ nimmt sich Andreas Eschbach dieses Themas an, indem ein junges Mädchen der heutigen Zeit eine Erfahrung der besonderen Art macht: Sie trifft im urlaubsleeren Haus ihrer Eltern auf einen jugendlichen Einbrecher, der scheinbar von der ganzen Polizei der Stadt gesucht wird. Und dabei ist er ganz normal – bis auf seine unglaubliche Fähigkeit. Er bezeichnet sich als Telekinet, der parawissenschaftliche Ausdruck für jemanden, der Materie kraft seines Willens bewegen kann. Und er ist auf der Flucht vor französischen Militärwissenschaftlern, die ihre Forschungen an ihm betreiben wollen. Ein Fluchtweg bietet sich: Mit Marie als Geisel und mit verändertem Aussehen geht es an den Streifen vorbei, die bisher nach nur einer Person fahnden. Aber um die Ecke steht ein alter Bekannter: ein Telepath, der die Polizei mit seiner Gedankenleserkraft unterstützt!

Informationen zu Andreas Eschbach finden sich auf seiner Seite http://www.andreaseschbach.de/

Man wird langsam an die Probleme, die diese Andersartigkeit hervorruft, herangeführt; Eschbach versucht nicht, in einem kompakten Abschnitt alles zu erklären. So versteht mit uns als Leser auch die Ich-Erzählerin Marie erst durch ihre Erlebnisse, was den Jungen Armand eigentlich zum Außenseiter macht und wie er damit klarkommt. Gleichzeitig hegt das Mädchen geheime Sympathien für ihn, die durch „ihre“ Erzählung auf den Leser übertragen werden – Eschbach bearbeitet so eine Seite des Themas „Xenophobie“, ohne dass die Botschaft, tiefgründig zu verstehen und nicht vorschnell zu urteilen, plakativ ins Bewusstsein gedrängt wird. Vordergründig erzählt er eine spannende Geschichte, eine Verfolgungsjagd aus der Sicht der jugendlichen Verfolgten und von den zwischenmenschlichen Spannungen, die sich aufbauen, eskalieren – und schließlich zusammenschweißen.

Der Erzählton ist sehr überzeugend, hier erzählt eine etwa Siebenzehnjährige von einem unglaublichen Erlebnis, aber die potenziellen Leser sind schon etwas älter als diejenigen des „Marsprojekts“. Die dortigen wirklich sehr leichten Andeutungen zwischengeschlechtlicher Beziehungen beispielsweise beschränken sich auf Begebenheiten wie das Treffen Gleichaltriger; im vorliegenden Roman wird Eschbach schon konkreter, ohne ins Detail zu gehen. Im Endeffekt wird der Leser auch im Unklaren gelassen, ob die beiden nun „was hatten“ oder nicht. Mit Maries Worten: Das geht uns überhaupt nichts an!

Bei einer Verfolgungsjagd darf natürlich nicht nur die Polizei mitspielen, sondern entsprechend der Wichtigkeit und bisherigen Geheimhaltung der „seltenen Gabe“ ziehen die Geheimdienste in Wirklichkeit die Fäden. Erstaunlich ist, dass Marie im Gegensatz zu gängigen Klischees nicht bei Strafandrohung verboten wird, von ihren Erlebnissen zu erzählen, im Gegenteil: Der deutsche Agent meint dazu nur, dass ihr niemand glauben wird. Würde ihr jemand glauben, in unserer beweissüchtigen Gesellschaft? Sicherlich gäbe es ein paar Astrologen und derartige Gruppen, die sich durch so einen Bericht bestätigt sehen würden. Aber Eschbach hat Recht, wenn er behauptet, man würde es als Fantasie abtun oder als Kunststück à la David Copperfield bewundern. Schade, dass nicht mehr Raum bleibt für unbekannte Phänomene.

Zum Schluss

… bleibt noch das Fazit: Ich würde das Buch sogar für den Deutschunterricht vorschlagen, denn Eschbach ist ein Phänomen der heutigen Unterhaltungsliteratur und diese Erzählung bietet zugleich spannende Unterhaltung und Ansatzpunkte für gesellschaftskritische Diskussionen. Aber bezüglich Deutschunterricht habe ich nichts zu sagen, also lege ich das Buch einfach jedem als Lektüre ans Herz.

Andreas Eschbach – Die blauen Türme (Das Marsprojekt 2)

Mit dem superneuen Raumschiff, der BUZZ ALDRIN, kommt Urs Pigrato, der Sohn des unbeliebten Statthalters der Marskolonie, zum Mars. Und ihm zeigt natürlich keiner, wie man die Verschlüsse eines Raumanzugs richtig bedient. Das ist im Weltraum immerhin eine Selbstverständlichkeit, die man im Schlaf beherrschen muss.

Urs erwartet, von den Marskindern gut aufgenommen zu werden, aber Carl hat einen Plan ausgeheckt, wie man den Fremden wieder loswird: Einfach ignorieren! So entsteht zwischen den vier Einheimischen und Urs eine unterkühlte Atmosphäre.

Den Kindern ist momentan der Aufenthalt bei den blauen Türmen verboten, denn viele Wissenschaftler sind nun dort stationiert und versuchen, sie zu erforschen. So müssen sich die Kinder im Alltag der Station langweilen. Dort passiert auch umgehend ein Zwischenfall: Der Reaktortechniker, der an Diabetes leidet, fällt auf einem Ausflug mit dem Rover ins Koma (wegen Unterzucker). Gleichzeitig wird von einem Saboteur die Kom-Anlage zerstört, so dass niemand in der Siedlung um Hilfe gerufen werden kann. Nur Urs, der bei dem Techniker ist, findet eine uralte Notrufeinrichtung, die noch funktioniert, und kann so das Schlimmste verhindern. Jetzt kommen sich die Jugendlichen doch näher, und ihre gemeinsame Frage lautet: Wer sabotiert auf dem Mars und nimmt dabei sogar Tote in Kauf? Keiner der Einheimischen, so viel ist sicher …

Andreas Eschbach lebt mittlerweile in der Bretagne in Frankreich (im Urlaub, wie er es nennt) und schreibt dort an verschiedenen Projekten. Noch 2005 soll ein weiterer Roman zur Perry Rhodan-Serie erscheinen, außerdem ist ein Roman in Arbeit, der mal wieder ganz anders als alle anderen werden soll. Da kann man ja mal gespannt sein. „Das Marsprojekt – Die blauen Türme“ ist der zweite Band seiner Jugendbuchreihe bei Arena.

Im vorliegenden Roman entwickelt Eschbach eine Kriminalgeschichte und versteht es entsprechend, selbst erwachsene Leser aufs Glatteis zu führen – auch wenn man im Nachhinein über seine eigene Leichtgläubigkeit lächeln kann. Eschbach entwirft zwei neue Charaktere, den neuen Sicherheitschef der Kolonie und einen dubiosen Journalisten. Einer von beiden scheint der Saboteur zu sein, man meint sogar, Eschbachs Verschleierungstaktik durchschaut zu haben, doch am Ende wird man überrascht. Toll gemacht und wieder sehr spannend zu lesen.

Im ersten Band spielte die Künstliche Intelligenz AI-20 noch eine zentrale Rolle. Das nimmt Eschbach jetzt etwas zurück und stellt die Charaktere in den Vordergrund, vor allem den „Neuen“ Urs Pigrato und seinen Vater Tom Pigrato, der auf einmal gar nicht so mies zu sein scheint, denn durch die Ansicht über den Sohn erhält er neue Facetten.

Bei den Marskindern bleibt die Entwicklung auch nicht stehen. Ariana, die offensichtlich voll in der Pubertät steckt, sehnt sich nach anderen Gleichaltrigen und plant deshalb die Rückkehr zur Erde. Bei näherem Nachdenken stellt sie aber fest, dass sie ihre Freunde Carl, Elinn und Ronny gar nicht verlassen will. Da bietet sich doch der fünfzehnjährige Urs als Trainingsobjekt an, denn irgendwie wird ihr immer ziemlich mulmig im Bauch, wenn sie ihm begegnet.

Eschbach geht einen Schritt weiter in Richtung „außerirdische Lebensformen“ und hebt die Decke über Elinns Geheimnis ein wenig: Das Leuchten und die Artefakte, die sogar laut Molekularanalyse natürlichen Ursprungs sind, werden zum festen Bestandteil im Leben der Marskinder (zu denen jetzt auch Urs gehört). Wahrscheinlich erwarten uns in diesem Bereich noch einige Überraschungen in den nächsten Bänden, denn die Gefahr der Sabotage konnte fürs Erste gebannt werden, aber die Türme hüten ihre Geheimnisse gut. Da muss unsere Hoffnung auf den Kindern liegen, und Urs spielt dabei keine unwesentliche Rolle! Es macht ihn gleich sympathisch, dass er sich gegen die Spionageversuche seines Vaters sträubt.

Mit dem Marsprojekt entwickelt Eschbach eine spannende, einfach und flüssig zu lesende Geschichte um unseren sagenumwobenen Nachbarplaneten, die sicherlich noch einiges zu bieten hat. Es lohnt sich, das Projekt zu verfolgen, und die Bücher bieten Jugendlichen einen schönen Einstieg in die Geheimnisse unserer Zukunft. Ich warte gespannt auf den nächsten Band.

gebunden, 304 Seiten
Originalausgabe

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Eschbach, Andreas – seltene Gabe, Die

Marie staunt nicht schlecht: Armand, der bei ihr eingebrochene Junge aus Frankreich, kann einen Zug mit der Kraft seines Geistes anhalten. Dumm nur, dass er wegen dieser Fähigkeit von den Militärs seines Landes ebenso verfolgt wird wie von den Geheimdienstlern Deutschlands. Warum musste er sich ausgerechnet ihr Haus als Unterschlupf aussuchen? Und soll sie ihm, dem seltsamen Überwesen, überhaupt helfen?

_Der Autor_

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von |Lübbe| vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning), „Die seltene Gabe“ (über Telekinese) und „Das Mars-Projekt“ (Trilogie) veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein Roman „Der Letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

|Andreas Eschbach bei Buchwurm.info:|
[Eine Billion Dollar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=653
[Exponentialdrift]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=187
[Das Jesus-Video]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=267
[Der Letzte seiner Art]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=317
[Das Marsprojekt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1102

_Handlung_

Marie ist eine durchschnittliche Schülerin, die in einer durchschnittlichen Familie ein durchschnittliches Leben führt. Bis zu einen bestimmten Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellt. Ihre Eltern haben eine Karibikreise gewonnen und sind seit einer Woche weg. Marie führt den Haushalt und merkt sofort, dass etwas nicht stimmt, als sie von der Schule nach Hause kommt.

Es liegt keineswegs daran, dass auf den Straßen der Stadt Streifenwagen mit Blaulicht herumdüsen und per Lautsprecher Durchsagen machen, die sie nicht versteht. Nein, es liegt daran, dass in ihrem Haushalt Dinge fehlen: Lebensmittel hauptsächlich. Marie durchsucht das ganze Haus, und im Schrank wird sie fündig. Ein junger Mann springt heraus, der es sich darin gemütlich gemacht hat, komplett mit Decke und allem.

Armand, 17, ist Franzose und auf der Flucht vor der Polizei. Allerdings ist er kein bewaffneter Schwerverbrecher, wie die Polizei behauptet. Dennoch ist er immerhin in Maries Haus eingebrochen – bloß wie? Als sie ihm auf die Schliche kommt, demonstriert er sein spezielles Talent: Er kann Materie mit der Kraft seines Geistes bewegen – oder auch zerstören, so wie die schöne Lampe im Wohnzimmer.

Er zwingt sie, ihn zu begleiten, indem er ihr Gewalt androht. Keine sonderlich Vertrauen erweckende Methode, findet Marie. Sie packen das Nötigste zusammen, Marie schreibt eine letzte Nachricht an ihre Eltern, dann machen sie sich „vom Acker“. Allmählich geht ihr auf, dass Armand überhaupt keinen Plan hat. Wieso will er ausgerechnet in den ICE nach Dresden? Weil das der erste Fernzug ist, der ihn aus Stuttgart wegbringt. Na, und wie soll’s dann weitergehen?

In den Gesprächen, die sie zu führen beginnen, erklärt er ihr, dass er vor den militärischen Leitern jenes französischen Instituts wegläuft, in dem er sieben Jahre seines Lebens verbracht hat. Dort wurde seine Gabe weiterentwickelt. Doch der Anlass seiner Flucht war der Auftrag, einen anderen Menschen zu töten. Einen Mann namens Levroux, der über die Machenschaften von Geheimdienstlern aussagen würde, falls man ihn nicht ausschaltete – etwa durch einen telekinetischen Angriff auf sein Herz oder ein anderes lebenswichtiges Organ. Armand wollte das nicht, und als sein Aufpasser Pierre, ein Telepath, zu einer Beerdigung wegfuhr, nutzte Armand die Fluchtgelegenheit, die sich ihm erstmals bot.

Pierre ist hier, in Stuttgart! Und er hält nach Armand Ausschau. Selbst wenn Armand seine Gedanken abschirmen könnte, so würde doch Marie seine Anwesenheit und sogar seine Pläne verraten. So oder so – Marie hängt in der Sache tiefer drin, als ihr lieb und zunächst bewusst ist. Und viel später merkt sie, dass sie nicht mehr von Armands Seite weichen möchte. Denn sie erkennt, dass ihr Entführer kein „Monstrum“ ist, sondern ein menschliches Wesen. Sie trifft eine weitreichende Entscheidung.

_Mein Eindruck_

Die Story ist eine dichte und realistische Erzählung über ein außergewöhnliches menschliches Wesen und wie man es missbraucht hat. Anders als in Eschbachs Jugendroman „Perfect Copy. Die zweite Schöpfung“ findet die Hauptfigur nicht nachträglich heraus, was ihr angetan wurde (er wurde geklont), sondern Armand ist schon ziemlich mit zehn Jahren klar, dass er eine ungewöhnliche Gabe hat. Allerdings nicht viel ungewöhnlicher als die von Altersgenossen, die immer bei Mensch-ärgere-dich-nicht gewinnen. Armand hätte sich für immer und ewig in dem Institut verwöhnen und testen lassen, wenn man nicht von ihm verlangt hätte, einen anderen Menschen zu töten. Behauptet er jedenfalls.

Die Geheimdienstler, die ihn und Armand schließlich fangen, behaupten natürlich das Gegenteil. Und an diesem Punkt wird es spannend. Wird es diesen Leuten, die sehr deutlich beschrieben werden, gelingen, Armand und Marie auseinanderzubringen? Wird sie ihn wieder als „Monstrum“ ansehen und ihre Hilfe verweigern – oder ihn als Menschen betrachten und ihm zur Flucht verhelfen? Diese moralische Entscheidung ist eine der schwierigsten überhaupt, denn sie verlangt vom Entscheider, sich selbst neu zu definieren: als menschliches Wesen, das einen Andersartigen als gleichwertig einstufen muss.

Diese Relativität aus der Selbsterkenntnis (und aus Liebe) heraus ist die eigentliche Leistung, etwas, was man meist erst als Erwachsener zu tun hat. Sobald Marie eine solche Entscheidung getroffen hat, kann sie ihr Leben nicht mehr wie zuvor fortsetzen – unselbständig, unbewusst, frei von Verantwortung, kindlich eben. Dass die Geschichte gut ausgeht, ist nicht selbstverständlich, denn die beiden, Entführte und Entführer, streiten sich von Anfang an. Eigentlich müssten sich ihre Wege schon sehr bald trennen, doch dazu kommt es zum Glück nicht.

|Stil und Sprache|

Sprache und Darstellungsstil sind so einfach, aktuell und realistisch gestaltet, dass sich jedes Kind ab 12 Jahren damit leicht tun dürfte (das gilt natürlich nicht für Leute mit Leseschwäche). Weil aber die Hauptfiguren handeln wie Siebzehnjährige, wage ich zu bezweifeln, dass schon jeder Zwölfjährige diese Handlungsweise auf Anhieb versteht. Immerhin werden die Entscheidungen Maries somit schon vorstellbar – Akte der Toleranz, die dem jungen Leser hoffentlich auch in seiner Realität helfen, sie auszuüben.

|Humor|

In keinem Jugendbuch sollte eigentlich Humor fehlen, sonst macht das Lesen einfach keinen Spaß. Menschenskind – mit Telekinese könnte man ja die Welt aus den Angeln heben! Dass es nicht ganz so einfach ist, aber dennoch Spaß macht, zeigt der Autor an den Handlungen Armands. Er stibitzt einem jungen Mann, der nachts eine teure Sonnenbrille trägt, eben dieses absurde Accessoire, indem er es zum Himmel fliegen lässt. Die Reaktion des Bestohlenen ist schon recht lustig zu verfolgen: Er kichert wie ein Irrer.

|Schwächen|

Etwas unplausibel fand ich Armands Verhalten in Stuttgart aber doch. Der Junge, der seit sieben Jahren, aus der Provinz kommend, in einer Anstalt weggesperrt war, kennt sich hervorragend damit aus, wie der öffentliche Nahverkehr einer Großstadt funktioniert. Er studiert Fahrpläne wie ein alter Hase und kalkuliert mit Umsteigestationen, als wäre er Hartmut Mehdorn himself.

Als Entschuldigung kann man nur anführen, dass Armand ohne diese spezielle „Gabe“ noch nerviger geworden wäre, als er es für Marie eh schon ist. Wenigstens ist er auch nicht perfekt: Dass es in Stuttgart schon lange keinen „Westbahnhof“ mehr gibt, merkt er leider etwas zu spät. In diesem Gebäude könnte er höchstens einen heben gehen. Prost!

_Unterm Strich_

Der kurzweilige Jugendroman über einen Telekineten lässt sich locker in sechs Stunden lesen und bereitet keinerlei Verständnisschwierigkeiten. Dabei stellt der Autor seinen Helden keineswegs als Superman vor, sondern als einen Verfolgten, den die Militärs – wieder einmal – missbrauchen wollen.

Doch darauf kommt es dem Autor nicht an: Es geht um eine viel schwierigere Entscheidung, eine, die wir alle früher oder später in einer globalisierten Weltkultur fällen müssen: Lehnen wir den Andersartigen ab – oder können wir ihn als menschliches Wesen, das nur eben anders ist, akzeptieren? Wenn der Leser eine Antwort auf diese Frage in seinem eigenen Leben findet, ist schon viel gewonnen – und sicherlich genau das, was sich der Autor erhofft hat.

Nevis, Ben – Die drei ???: Poisoned E-Mail (Engl. Ausg.)

Die altbekannte Jugendserie macht sich auf zu neuen Ufern. Schon komisch; nicht nur, dass die Gestaltung der Bücher seit Anfang 2005 ohne Konterfei und Namen des mit ihnen assoziierten Gönners Alfred Hitchcock auskommen muss, da die Lizenz ausgelaufen ist. Das eigentlich viel Bemerkenswertere ist vielmehr, dass die Serie nun zum Teil ins Englische übersetzt wird. Früher war es ja genau umgekehrt, doch seit geraumer Zeit führen ausschließlich deutschsprachige Autoren die Geschichten weiter, was am anhaltenden und ungebrochenen Beliebtheitsgrad der drei Detektive hierzulande liegt, während sie in ihrem Ursprungsland wohl schon lange wieder verschwunden sind. Der Grund für die Übertragung ins Englische liegt aber weniger darin, den dortigen Markt zurückzuerobern, sondern vielmehr soll damit den deutschen Jugendlichen ein besseres englisches Sprachgefühl vermittelt werden.

Amerikanisches Englisch, um es präzise zu formulieren. Inklusive einer „Vokabelhilfe“. Anfang April 2005 sind zwei Fälle der drei Junior-Schnüffler in angloamerikanischer Fassung bei FRANCKH-KOSMOS als Hardcover erschienen: „Das Hexen-Handy“ und „Gift per E-Mail“. Deutlich zu erkennen an der „Stars and Stripes“ Flagge auf Buchrücken und Frontcover, nebst dem Hinweis „American English“. Ob noch weitere Geschichten diesen Weg (und vielleicht in andere Sprachen) gehen werden, war bislang nicht zu ermitteln, dies ist aber zu erwarten, wenn das Konzept sich (durch entsprechende Verkaufszahlen gestützt) als erfolgreich erweist. Die beiden Fälle dürfen somit vorerst als Versuchsballons dafür angesehen werden, ob diese Idee auch bei den Lesern ankommt und gewürdigt wird.

_Zur Story_

Meg Baker ist passionierte Taucherin und insbesondere Wracks haben es ihr angetan. Erst kürzlich ist ein kleiner Kutter bei einem Unwetter in den seichten Gewässern vor Rocky Beach abgesoffen. Als sie zusammen mit einer Bekannten einen Tauchgang dorthin unternimmt und versucht, durch ein Leck ins Innere zu gelangen, hat sie eine äußerst unangenehme Begegnung mit einer Riesengruppe ziemlich giftiger Quallen. Eine renitente Spezies mit potenten Nesselkapseln – blöderweise reagiert sie auch noch allergisch auf die Viecher. Ihre Tauchpartnerin kann sie bergen und bewusstlos ans Ufer schaffen. Verständlich, dass Mrs Baker auf die schwabbeligen Tierchen fürderhin nicht gut zu sprechen ist. Das für sich genommen, kann man als unglücklichen aber halbwegs normalen Tauchunfall apostrophieren. Wo ist nun der Fall für die drei Detektive?

Erstens gehören diese Quallen nicht in das Innere eines Wracks und schon gar nicht in dieser Konzentration. Zudem hat Mrs Baker kurz nach dem Zwischenfall eine wenig erbauliche E-Mail erhalten, in deren Anhang sich ein niedlicher, aber nickeliger Virus befindet. Der Payload des elektronischen Plagegeists äußert sich als Ansammlung von virtuellen Quallen, welche sich überall im System bis Oberkante Unterlippe breit machen. Zufällige Ironie des Schicksals, Wahnvorstellung oder doch böse Absicht eines Finsterlings? Letzteres liegt nahe. Das ist auch der Grund, weshalb die angenervte Mrs Baker bei Justus, Peter und Bob in der Zentrale eine dringende Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlässt und um Hilfe bittet. Ein ehemaliger Klient der drei Fragezeichen hat ihr die Jugendschnüffler wärmstens empfohlen. Leider ist die gute Frau nicht grade mit einem dicken Geduldsfaden gesegnet, was ihr Quallen-Problem angeht.

Als Justus etwas später zurückruft, ist Mrs Baker grade im Begriff, sich einem anderen Privatdetektiv zuzuwenden – einem professionellen Erwachsenen aus dem angrenzenden Santa Monica. Der sei schon auf dem Weg. Tief in seiner detektivischen Ehre erschüttert und gekränkt, schafft er es jedoch, es so zu drehen, dass wer als erstes bei ihr erscheint, den Job bekommt. Natürlich rasseln die drei Jungs vor dem Haus der potenziellen Neu-Klientin in ihren Konkurrenten: Dick Perry. Und ebenso natürlich ist der Typ ein widerlicher Schleimbeutel. Ohne sich auf etwaiges Fairplay einzulassen, schnappt er ihnen den Auftrag mit krummen Methoden vor der Nase weg. Unnötig zu erwähnen, dass die Jungs nicht locker lassen und ihrerseits an dem Fall dranbleiben. Inoffiziell. Die Lage spitzt sich zu, als ein Schulkollege der drei im unmittelbaren Zusammenhang mit den Ermittlungen gekidnappt wird.

_Meinung_

„Gift per E-Mail“ stammt aus der Feder von Ben Nevis (Erstveröffentlichung 2002 in deutscher Sprache) und zählt auch bei den Hörspielen zu den besseren Storys. Und zu den moderneren. Die drei Fragezeichen gebieten zu diesem Zeitpunkt der Serie bereits über Computer und eigene Autos. Trotzdem sind die Fahrräder der Jungs nicht vollständig vom Tisch und die Autos von Bob und Peter werden nur dosiert eingesetzt. Nevis besinnt sich auf traditionelle Elemente, welche die Serie groß gemacht haben. Zum Beispiel ein Rätselreim oder die berühmte Telefon-Lawine kommen zum Einsatz. Jetzt ist es allerdings die E-Mail-Lawine. Man geht mit der Zeit. Realistisch daran ist, dass diese Art der Informationsbeschaffung auf Basis der stillen Post auch ein Bumerang sein kann. Dann nämlich, wenn die E-Mail-Anfrage die falschen Kreise erreicht. Merke: Auch der PC der pfiffigen Schnüffelnasen ist vor Viren nicht gefeit.

Vor allem aber der Aspekt, einen mindestens ebenbürtigen Gegner in Gestalt von Dick Perry vor sich zu haben, macht den Fall sehr interessant. Konkurrenz belebt eben das Geschäft, zudem wurde die ewig alte Leier, die Ermittlungen ohne große Rückschläge ablaufen zu lassen, auch irgendwann mal langweilig. Diesmal müssen die Junioren ein paar Kröten (respektive Quallen) schlucken und sich ganz schön strecken, bis sie beim finalen Showdown dann doch wie gewohnt (und erhofft) triumphieren dürfen. Bis dahin ist es aber ein steiniger und verschlungener Weg, der buchstäblich erst auf den letzten beiden Seiten des Buches die Wendung zum Guten erfährt. Vorher sieht es tatsächlich so aus, als müssten Justus, Peter und Bob zum allerersten Mal eine deftige Niederlage einstecken. Perry ist ihnen stets eine Nasenlänge voraus.

Der ins US-Englische übersetzte Text ist für Leser mit mittleren bis guten Kenntnissen flüssig zu lesen und gut zu verstehen. Amerikanisches Englisch unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom britischen. Das hierzulande in der Schule großteils vermittelte Oxford-Englisch ist dagegen vergleichsweise steif, bildet aber die Basis, über die man verfügen sollte. Das verwendete Amerikanisch ist lockerer, flotter und irgendwie lebendiger. Damit man sich nicht verheddert, sind besonders interessante und/oder ungewöhnliche Vokabeln sowie typische Redewendungen in Fettdruck mitten im Text hervorgehoben. In der Fußnote jeder Seite stehen direkt die Übersetzungen der auf der Seite hervorgehobenen Begriffe und Formulierungen. Dies sind zwischen drei und sechs pro Buchseite. Am Anfang ist dies für den Lesefluss recht störend oder sagen wir besser: ungewohnt, da der permanente Fettdruck einzelner Textelemente doch etwas irritiert.

Man gewöhnt sich aber daran und bemerkt, dass diese Lösung gegenüber einer stupiden Auflistung der betreffenden Vokabeln und Phrasen in einem Appendix durchaus Vorteile hat. Man muss nicht blättern, sondern ein kurzer Blick nach unten genügt. Sofort ist man wieder mitten im Geschehen. Bekannte Ausdrücke überspringt man nach einer Zeit automatisch und pickt sich bei Bedarf nur die wirklich Interessanten heraus. Aufschlussreich sind insbesondere Slang-Ausdrücke, Aphorismen und Metaphern, etwa die amerikanischen Äquivalente für „Leichen im Keller haben“, „Feierabend machen“ oder „Die Hosen voll haben“, um mal ein paar umgangssprachliche Beispiele zu nennen, die vielleicht nicht jedem geläufig sind, sich aber im Alltagsgebrauch als nützlich erweisen können. Manche erläuterten Begriffe kommen leider doppelt vor, wobei sich mir der Sinn dahinter nicht ganz erschließt – ich vermute ein Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung und Auswahl.

_Fazit_

In erster Linie dürften mit einer Veröffentlichung wie dieser Schulen angepeilt sein, die ihren Englisch-Unterricht damit aufwerten können, dass – statt des normalen Stoffs des Lehrplans – bekanntermaßen beliebte Jugendliteratur in einer anderen Sprache gelesen wird. Doch auch für gestandene Fans und alle sprachinteressierten Leseratten bietet sich hier Gelegenheit, eventuell verschüttete Kenntnisse aufzufrischen bzw. -bessern. Das macht schon aufgrund der gut ausgewählten Story von „Poisoned E-Mail“ Spaß. Die Übersetzung ist modern, unkompliziert und recht leicht zu bewältigen, jedoch nicht anspruchslos geraten. Das Konzept mit dem Transfer ins Englische inklusive der Vokabelhilfe ist eine nette Idee. Es wäre wünschenswert, dass das auf mehr der Fälle der drei Fragezeichen (zumindest diejenigen aus „deutscher Produktion“) ausgedehnt wird. Bislang sind es zwei davon, verdient hätten es noch einige andere.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Originaltitel: „Die drei ??? – Gift per E-Mail“
Erzählt von Ben Nevis
basierend auf den Charakteren von Robert Arthur
Erstveröffentlichung: 2005 / Franckh-Kosmos, Stuttgart
Übersetzung ins Amerikanische: Andreas Zantop
Seiten: 144 / Hardcover
ISBN: 3-440-10065-0
ISBN: 3-440-10353-6 (Deutsche Sprachfassung, 2002; aktuelle Auflage Februar 2005)

Robert Arthur – Die drei ??? und das Gespensterschloss (Band 1)

Eigentlich muss man über diese Jugendserie keine Worte mehr verlieren, denn seit über 30 Jahren steht sie vom Bekanntheitsgrad her ungefähr auf gleicher Stufe mit Enid Blytons „5 Freunde“-Reihe. Der unaufhaltsame Erfolg der drei ??? auch in Buchform stellte sich in Deutschland aber erst mit Aufkommen der Hörspiele aus dem Hause EUROPA ein. Das „Gespensterschloss“ ist dabei ein markantes Kuriosum, denn die Buchvorlage ist der erste je veröffentlichte Fall der drei Detektive. In Deutschland jedoch befand man ihn für die jugendliche Hörerschaft Anno 1979 anscheinend als ungeeignet zum Auftakt der Serie. So zog man für die Vorstellung der Hörspielserie – quasi als Versuchsballon – den „Super-Papagei“ vor und das Gespensterschloss rutschte dort auf den undankbaren Platz 11.

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Arthur, Robert / Hitchcock, Alfred – Die drei ??? und die flüsternde Mumie

Während die flüsternde Mumie bei den EUROPA-Hörspielen die Nummer 10 verpasst bekam, ist die Romanvorlage eigentlich der zweite Fall der drei Jung-Detektive aus dem fiktiven Rocky Beach, die sich selbst „Die drei Fragezeichen“ nennen. Die drei Detektive sind die amerikanischen Schuljungen Justus Jonas, Peter Shaw und Robert „Bob“ Andrews, die immer wieder knifflige und mysteriöse Fälle lösen. Dafür stehen auch die Fragezeichen – als Symbol für das Unbekannte und ungelöste Rätsel. Nicht etwa für Selbstzweifel, wie Erwachsene nicht müde werden zu fragen. Für Selbstzweifel gibt es auch gar keinen Grund, denn das Trio ermittelt nunmehr seit über 40 Jahren erfolgreich durch die Jugendliteratur. Ihr Erfinder Robert Arthur schuf einen Evergreen, als er mit dem zugkräftigen Namen Alfred Hitchcock im Titel die Serie 1964 ins Leben rief. Zu uns schwappte die Welle Anfang der Siebziger und sie ebbt bislang nicht ab. Auch wenn hierzulande eher die Hörspiele bekannter (und beliebter) sind als die Romane.

_Zur Story_
Der Brief ihres Mentors Alfred Hitchcock versetzt die drei Detektive in Verzückung. Na ja, bis auf Hasenfuß Peter vielleicht. Ein höchst mysteriöser Fall wird ihnen dort in Aussicht gestellt. Professor Yarborough – ein Freund Hitchcocks – ist Ägyptologe und hat kürzlich die von ihm entdeckte Mumie des Ra-Orkon für sein Privatmuseum erhalten. Doch der olle Lappenträger scheint trotz seines augenscheinlich toten Zustands sehr mitteilungsbedürftig zu sein. Jedoch nur dann, wenn Professor Yarborough alleine im Raum mit dem Sarkophag ist, flüstert der 3000 Jahre alte Knabe unverständliches Zeug in einem alt-arabischen Dialekt. Sobald etwa der abergläubische Butler Wilkins mit im Zimmer ist, herrscht Funkstille. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sich der Professor weder an die Polizei noch an seine Wissenschaftskollegen – beide würden ihn für verrückt erklären. Justus und Bob bieten ihm ihre Dienste an. Peter kümmert sich derweil lieber um eine verschwundene Katze, ihm sind flüsternde Mumien definitiv zu gruselig.

Sie erhalten den Auftrag aber erst nachdem Justus dem Professor glaubhaft versichert hat, dass er an den Fluch des Pharaos und ähnlichen übersinnlichen Humbug nicht glaubt, welcher der Mumie angedichtet wird. Butler Wilkins sieht das ganz anders, wofür er gern und ständig vom Professor gerüffelt wird. Schon bei der ersten Begutachtung des Raumes scheint der dünnhäutige Wilkins aber Recht zu bekommen. Ohne ersichtlichen Grund stürzt eine schwere Anubis-Statue beinahe auf Justus und einige der Masken an der Wand rauschen kurz darauf zu Boden. Ra-Orkon hingegen tut aber, was Tote nun mal so tun: er schweigt beharrlich. In seinem Sarkophag und am Leichnam selbst sind keinerlei technische Einrichtungen zu erkennen, welche darüber Aufschluss geben könnten, dass jemand den Professor zu verulken oder gar zu ängstigen gedenkt. Justus greift zu einem Trick, um Ra-Orkon zum Flüstern, und Licht in die Sache, zu bringen.

Verkleidet als Professor Yarborough betritt er den Raum alleine, bewaffnet mit einem Tonbandgerät. Siehe da. Die Mumie beginnt leise zu flüstern. Lässt sich der Pharao so einfach veräppeln? So scheint es, denn als Justus sich unfreiwillig demaskiert verstummt der alte Ägypter sofort – ein kleines Malheur, jedoch hat Justus das schwache Flüstern immerhin auf Band. Nun können er, Bob und der Professor zu dessen Nachbarn gehen und sich Ra-Orkons Gebrabbel übersetzen lassen. Professor Freeman ist nämlich Experte für Arabisch und zudem ein langjähriger Freund von Yarborough. Er und dessen Vater haben seinerzeit das Grab des Ra-Orkon gemeinsam entdeckt – Freeman senior kam kurz darauf um, was allgemeinhin dem Fluch angelastet wird. Doch während Butler Wilkins alleine das Haus hütet, taucht plötzlich Schakalgott Anubis höchstpersönlich auf und entwendet die Mumie. Der grade eingetroffene Peter, der von alledem nichts ahnt, hat derweil eine unheimliche Begegnung der dritten Art: mit Ra-Orkons vermeintlichem Lieblingskater und erzürnten Nachfahren des Pharaos.

_Meinung_
Man merkt, dass dieser Fall der direkte Anschluss an das Debüt „… und das Gespensterschloss“ ist, und man gewinnt den Eindruck, beide Romane wurden in einem Rutsch von Robert Arthur verfasst. Die flüsternde Mumie stammt aber aus dem Jahr 1965. Wie wir im Auftaktroman erfahren, hat Bob ein Gipsbein, welches ihn auch noch im vorliegenden Buch leicht behindert. Bei genauerer, chronologischer Betrachtung können zwischen den beiden Geschichten keine 30 Tage liegen, denn die drei Schnüffler haben immer noch (beschränkten) Zugriff auf den Rolls-Royce, samt Chauffeur Morton. Dessen Benutzung hat Justus bei einem Preisausschreiben einer Autovermietung für exakt diesen Zeitraum gewonnen. Erst später, als sie einem jungen Mann mit Namen August August aus der Patsche helfen, sorgt dieser dafür, dass das Trio ohne zeitliche Begrenzung auf den Rolls zurückgreifen kann, wann immer er benötigt wird. Das passiert aber erst bei „… und der Fluch des Rubins“ und soll hier nur dazu dienen, die Handlung zeitlich ungefähr einordnen zu können.

Zudem wird zwischendrin immer wieder nur das Gespensterschloss als Referenz angegeben. Vor allem, was den Bezug der drei Fragezeichen zu Altmeister Hitchcock betrifft. Freilich hat dieser mit der Serie nur insofern zu tun, als dass er vom Autor für seine Reihe verwurstet wird. Mit dessen Einverständnis (und gegen Lizenzgebühr) natürlich. Eine Lizenz, die nun am Anfang 2005 endgültig auslief und nicht erneuert wurde. Für altgediente Fans etwas bedauerlich, aber sicher kein Weltuntergang. Mit Voranschreiten der Serie verschwanden Vorwort und Zwischenkommentare des angeblichen Mentors sowieso mehr und mehr aus den Büchern. Irgendwo um Band 50 herum taucht diese Besonderheit der alten Geschichten gar nicht mehr auf. Keine augenzwinkernden Tipps mehr für unaufmerksame Leser. Hier gibt’s sie selbstverständlich noch und liefern den einen oder anderen humorvollen Fingerzeig in Richtung Auflösung.

Die Flüsternde Mumie ist auch anderweitig eine wichtige Wegmarke. Erstmals finden hier die inzwischen berühmt gewordenen Ausrüstungsgegenstände, wie die Walkie-Talkies und das als Ofenrohr getarnte Periskop in der Zentrale auf dem Schrottplatz, Erwähnung und Verwendung. Das heißt, es wird nicht nur beschrieben, wie Justus die genannten Teile zusammenbastelt, sie erweisen sich als wichtige Elemente in dieser Geschichte und sind auch im weiteren Verlauf der Reihe immer wieder gern verwendete Utensilien der drei Fragezeichen. Die Story ist der erste Versuch Arthurs, einen two-in-one-Fall zu etablieren. Einerseits Peter auf der Suche nach einer verschwundenen Katze, andererseits Just und Bob beim „Hauptfall“. Man kann sich bereits denken, dass beide Stränge irgendwann zusammenlaufen – das geschieht tatsächlich sogar sehr schnell.

Flott geschriebene und leicht zu lesende 142 bzw. 176 (dtv) Seiten mit relativ großem Schriftbild machen die flüsternde Mumie zu einem recht kurzen Vergnügen. Zu kurz und hastig für meinen Geschmack, man hätte den Leser ruhig noch etwas mehr zappeln lassen können. Aus dem Mystery-Element der Mumie – samt dem sie umwabernden Fluch – und Peters Parallelaktionen wäre noch mehr heraus zu holen gewesen, stattdessen geriert der Plot alsbald als wilde Hatz nach der gemopsten Leiche und ihrem Sarkophag quer durch Los Angeles. Trotz der gelegentlichen Fingerzeige „Hitchcocks“ kommt man auf die endgültige Lösung wohl kaum selbst, dazu enthält Robert Arthur der Leserschaft zu viele wichtige Informationen vor. Die letzten Puzzlesteinchen des Warum fallen erst beim obligatorischen Finale an ihren Platz – hauptsächlich durch ein (zu) rasches, umfassendes Geständnis und weniger durch detektivische Kombinationsgabe.

_Fazit_
War das Erzähltempo durchweg von einer gewissen Hektik geprägt, kommt der Schluss ziemlich abrupt. Logisch nachvollziehbar ist die Story aber, wenn auch der Grund für das Flüstern etwas arg konstruiert wirkt. Der sonst so schätzenswerte, subtile Pädagogik-Faktor innerhalb der Serie kommt hier ebenfalls ungewöhnlich kurz. Verschenktes Potenzial zugunsten von mehr Action. Dabei hätte die interessante Thematik bestimmt mehr hergegeben als verzweifelte Verfolgungsjagden, was ihr einen Touch Unausgewogenheit verleiht. Somit zählt die flüsternde Mumie unterm Strich, trotz ihres sicher nicht gänzlich unverdienten Klassiker-Status, nicht unbedingt zu meinen persönlichen Top-Favoriten. Weder als Roman, noch als Hörspiel. Nichtsdestoweniger ist die solide Geschichte auch kein Totalausfall, sondern reiht sich im durchaus akzeptablen Mittelfeld ein. Wie alle „alten“ Fälle eignet sich auch dieses Buch uneingeschränkt für (Quer-)Einsteiger.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „Alfred Hitchcock and the Three Investigators in the Mystery of the Whispering Mummy“
Erzählt von Robert Arthur
Erstveröffentlichung: 1965 / Random House, NY
Deutsche Ausgabe: 1970 / Franckh-Kosmos, Stuttgart
Übersetzung: Leonore Puschert
Seiten: 142 / 176
Von verschiedenen Verlagen in unterschiedlichen Bindungen erhältlich
ISBN: 3-423-07022-6 (dtv-TB)
ISBN: 3-440-05207-9 (Originalausgabe)

Arthur, Robert / Hitchcock, Alfred – Die drei ??? und der Super-Papagei

Der Super-Papagei hat in Deutschland einen Sonderstatus innerhalb der Serie, denn mit ihm begann der Siegeszug. Das bedarf einer kurzen Erklärung. Einem breiteren Publikum bekannt wurden die Fragezeichen erst 1979 über die Hörspiele aus den EUROPA-Studios, die ersten Bücher erschienen bereits Anfang der Siebziger und fristeten bis dahin ein ziemliches Schattendasein. Bei EUROPA wurde der eigentlich erste Roman „… und das Gespensterschloss“ von 1964 zurückgestellt und dafür „… und der Super-Papagei“ (aus dem gleichen Jahr) stattdessen als Pilot vertont. Das Gespensterschloss rutschte auf Platz 11 und fürderhin galt der Papagei – nach dem durchschlagenden Erfolg der Hörspielserie – auch bei den Büchern als Auftaktgeschichte. Zumindest in Deutschland. Wenngleich es chronologisch falsch ist, hält sich diese Annahme bei manchen bis heute. Ebenso wie die Autorenschaft von Hitchcock, tatsächlich wurde die Serie von Robert Arthur ins Leben gerufen, der sich auch noch für den Super-Papagei verantwortlich zeigt.

Alfred Hitchcock hat eigentlich nichts weiter mit den „Three Investigators“ (so der amerikanische Originaltitel der Reihe) zu tun. Er stiftete unter Lizenz lediglich seinen zugkräftigen Namen und tritt als Moderator in den alten Geschichten auf, später ließ aber auch das nach. Die drei Fragezeichen sind ein flügger Selbstläufer geworden, man brauchte das markttechnische Tuning nicht mehr. Jene Lizenz ist nun Anfang des Jahres 2005 pünktlich zum 25. Jubiläum der Serie in Deutschland sowieso endgültig ausgelaufen. Fürderhin werden Printausgaben und Hörspiele ohne sein Konterfei und Namen im Titel erscheinen. Das Nostalgikerherz blutet ein wenig, doch im Grunde genommen ist dies kein wirklicher Verlust oder gar Rückschlag. Man hatte sich als Fan nur daran gewöhnt, Altmeister Hitchcock mit der Serie in Verbindung zu bringen. Nicht mehr, nicht weniger.

Doch wer sind die drei Detektive? Die amerikanischen Schuljungs Justus, Peter und Bob lösen ihre kniffligen und mysteriösen Fälle zumeist von ihrer Zentrale – einem alten, versteckten Campingwagen – auf dem Schrottplatz von Justus‘ Onkel Titus aus. Auch und gerade solche, welche der Polizei manchmal zu banal erscheinen. Hier und da stößt die Jugenddetektei auch durch puren Zufall auf Rätsel und Abenteuer, falls sie nicht von ihrem Impressario Hitchcock oder einem anderen potenziellen Klienten an sie herangetragen werden. „Wir übernehmen jeden Fall“ ist das Credo der drei Schnüffelnasen, das neben dem ???-Logo auf der berühmten Visitenkarte der drei prangt. Die Fragezeichen – ein verschiedenfarbiges für jeden – stehen nicht etwa für Selbstzweifel, sondern für ungelöste Geheimnisse und Rätsel aller Art. Diesen Umstand müssen sie, als Running Gag, mindestens einmal pro Fall den oft skeptischen Erwachsenen erklären.

Sollte die Visitenkarte nicht den gewünschten Effekt bringen, das Gegenüber zu überzeugen, dass die Drei es faustdick hinter den Löffeln haben, verfügen sie noch über einen Ausweis der Polizeidirektion von Rocky Beach, der sie zu „offiziellen, ehrenamtlichen Junior-Mitarbeitern“ erhebt. Diesen haben sie aufgrund ihrer zurückliegenden, oft erfolgreichen, Zusammenarbeit mit den Cops von der Behörde erhalten. Den Ausweis drücken sie gerne jedem in die Hand, der ihre Fähigkeiten wegen ihres Alters in Zweifel zieht. Nicht selten münden die Ermittlungen der Jungs nämlich darin, dass der ihnen wohlgesonnene Hauptkommissar Reynolds tätig werden muss, weil sich ein anfangs harmlos anmutender Fall dann doch als „richtiges“ Verbrechen erweist. Morde sind aber nie aufzuklären, man beschränkt sich darauf, die Jugendserie „sauber“ zu halten und auf weniger kapitale Verbrechen, z. B. Diebstahl, Fälschung, Entführung, Betrug etc. als maximum crime zu setzen.

_Zur Story_
Mr. Malcolm Fentriss ist sein Papagei Lucullus abhanden gekommen, den er erst kürzlich von einem mexikanischen Hausierer erstanden hat. Da sich die Polizei wenig kooperativ zeigt und davon ausgeht, dass sein gefiederter Hausgenosse ganz einfach entflogen ist, wendet sich Mr. Fentriss an seinen Freund Alfred Hitchcock, ob dieser nicht eine gute Detektei empfehlen könne. Kann er. Natürlich schickt Hitchcock die drei Fragezeichen auf die Fährte des ausgesprochen sprachbegabten Flatterviehs. Doch zunächst müssen Just und Peter das Haus des neuen Klienten besuchen, um näheres zu erfahren. Ein Hilferuf daraus alarmiert die Jungs, als sie sich dem Gebäude nähern. Ein unfreundlicher, dicker Mann in Fentriss‘ Haus, der sich als der Eigentümer ausgibt, behauptet, das wäre der wiedergekehrte Papagei gewesen. Es gäbe keinen Fall zu lösen. Vielen Dank und Tschüss!

Natürlich war das nicht Mr. Fentriss, den finden Justus und Peter kurz darauf gefesselt in seinem Haus, nachdem sie misstrauisch geworden waren und noch einmal zurückkehrten. Der Befreite erzählt ihnen die ganze Geschichte und auch, dass der Papagei keinesfalls ausgebüxt sein kann. Einleuchtend, denn kein Papagei würde gleich seinen Käfig mitnehmen. Doch vor allem was „Lucky“ so auszeichnete, klingt für Justus hochinteressant. Er hat einen sehr höchst rätselhaften Spruch auf der Pfanne. Damit ist Lucullus nicht der Einzige. Mrs. Waggoner – eine Nachbarin von Mr. Fentriss – hat vom gleichen Hausierer einen gelbköpfigen Papagei gekauft. „Schneewittchen“ gibt auch seltsam Verdrehtes zum Besten – und ebenso wie schon Lucullus ist Schneewitchen gestohlen worden, wie Justus und Peter wenig später durch Zufall erfahren. Und wieder wurden der dicke Mann und sein markantes Auto in der Nähe des Tatorts gesehen.

Als wären zwei solcher schrägen und geheimnisvollen Vögel nicht schon genug, stellt sich heraus, dass es insgesamt sieben davon gibt, hinter denen nicht nur der undurchsichtige Mr. Claudius (so heißt der Dicke), sondern auch der spätere Erzrivale der Satzzeichen – Victor Hugenay – her sind wie der Teufel hinter armen Seelen. Vor allem Monsieur Hugenay, der Gentleman-Kunstdieb aus Frankreich, ist eine verdammt harte und clevere Nuss. Doch wie passt er ins Bild? Skinny Norris, der Dauergegenspieler der drei Detektive, schmeißt ihnen auch noch Steine in den Weg, was die wilde Jagd nach dem Federviechern zum Kippen zu bringen droht. Wem wird es zuerst gelingen die Papageien zu finden und die Rätselsprüche von Lucullus, Schneewittchen, Robin Hood, Blackbeard, Käpt’n Kidd, Sherlock Holmes und Al Capone zu knacken? Besonders der unscheinbare Blackbeard scheint der unverzichtbare Schlüssel zum kniffligen Fall zu werden. Obwohl er optisch nicht viel hermacht, ist er nämlich: der Super-Papagei.

_Meinung_
Die Entscheidung, den Roman „… und der Super-Papagei“ als Auftakt zur Hörspielserie zu verwenden, war eine sehr gute von EUROPA. Und eine mit Spätfolgen. Man hatte sich eine Vorlage herausgepickt, die voller Stammfiguren steckt, mit welchen die drei Detektive auch später immer wieder zu tun bekommen werden. Der verhasste Erzrivale Skinny Norris, Superschurke Hugenay (gesprochen: „Üschänee“) oder Chauffeur Norton, der den (gelegentlich zur Verfügung gestellten) Rolls Royce der drei Fragezeichen lenkt. Alles ziemlich feste Größen im späteren Verlauf der Reihe. Nicht zu vergessen Blackbeard – genannt „Blacky“ -, der ab dieser Story dauerhaft in Justus‘, Peters und Bobs Zentrale einzieht. Als ihr gefiedertes Maskottchen. Kein Wunder also, dass auch der Buchtitel fälschlicherweise gemeinhin als „Teil 1“ gilt.

Besonders attraktiv für Jugendliche ist sicher das Konzept, dass drei Schuljungs in der Erwachsenenwelt bestehen und diese von ihren detektivischen Fähigkeiten überzeugen können. Wer hätte sich als Kind bzw. Teenie nicht gewünscht, wenigstens etwas mehr Gehör zu finden? Oder auch geheimnisvolle Rätsel zu lösen vermocht? Die drei Fragezeichen bestehen solche Abenteuer und dabei symbolisieren sie, dass frisches Denken und gute Bildung im Verbund mit Teamwork zum Erfolg führen. Teamwork ist ein gutes Stichwort. Fallen viele der Fälle in „the one and only Justus-Superstar“-Manier aus, dienen Peter und Bob endlich mal wieder nicht nur als reine Statisten, sondern liefern der Leserschaft äußerst wichtige Informationen, die selbst das unumstrittene Mastermind der Fragezeichen nicht kennt. Bei der Lösung des Falles ist zudem diesmal eine große Portion Glück mit im Spiel und nicht nur fleißige Detektivarbeit.

Der Superpapagei ist auch wieder eine Geschichte, bei der man eine Menge nebenher lernen kann. Nicht nur den Gebrauch des eigenen Verstandes, um des Rätsels Lösung auf eigene Faust zu knacken, wie es bei jedem Fall der drei Detektive stets gedacht und erwünscht ist. Gemeint sind vielmehr die Papageien (wie man ihren Namen bereits ersehen kann), die dem Autor als Transportmittel dazu dienen, durch ihre verbogenen Zitate auch andere berühmte Gestalten der Literatur und aus realen Geschichte dem Leser etwas näher zu bringen. Diesen vielleicht sogar neugierig zu machen, über die einzelnen Figuren, welche die Papageien verkörpern, selbst etwas mehr zu lesen. Ein geschickter Schachzug, ein paar pädagogisch und didaktisch wertvolle Informationen in Punkto Allgemeinwissen derart einzuflechten.

Besonders angetan hat es Robert Arthur offensichtlich Robert Louis Stevenson und seine „Schatzinsel“. Leider ist Übersetzerin Leonore Puschert das wohl nicht ganz aufgegangen, als sie „Long John Silver“ (ein feststehender Eigenname) mit „dem langen John Silver“ übersetzte. Dies ist aber die einzige Übersetzungsmacke, die auffällig wurde und soweit ich weiß, ist sie in späteren Auflagen ausgebügelt worden. Sieht man von der Änderung des Titels an sich mal ab, denn eigentlich müsste das Buch „… und der stammelnde Papagei“ heißen. Okay, „Super-Papagei“ klingt zweifellos interessanter und ist so falsch nun nicht. Der Schreibstil ist locker, mutet aber in seiner Wortwahl ein wenig antiquiert an. Das tut der Geschichte aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Irgendwie gehört diese Schreibweise zu den drei Fragezeichen.

Geübte Leseratten rauschen in knapp zweieinhalb bis drei Stunden durch die fast 200 Seiten. Somit ist das Buch eines der längeren der Serie. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass die Figuren schärfer konturiert sind als bei manch anderem Vertreter der Reihe. Fehlen darf selbstverständlich nicht, dass „Alfred Hitchcock“ mit seinen gelegentlichen, augenzwinkernden Zwischenkommentaren, die vielleicht nicht ganz so akribisch mitdenkenden Leser immer wieder in die richtige Bahn lenkt und Denkanstöße liefert. Aber auch das hilft nicht, den Fall selbst klären zu können, geschweige denn das verzwickte Rätsel zu lösen. Arthur gibt als „Hitchcock“ zwar subtile Hinweise, der Showdown gerät dann doch sehr unerwartet und spannend bis zur letzten Seite. Außerdem dürfen die Protagonisten am Ende noch beweisen, dass sie das Herz auf den rechten Fleck haben. Warum? Das sei hier aufgrund des Spannungserhalts nicht verraten.

_Fazit_
Es wäre ganz bestimmt ein würdiges Buch zur Vorstellung der Serie gewesen, keine Frage. Es verkörpert wie kaum ein zweites das Flair und die Tugenden, welche Leser – ob jung oder alt – seit Jahrzehnten so sehr schätzen. Es ist alles da, was eine gute Abenteuergeschichte ausmacht: Ein „richtiges“ Verbrechen, ein exzellent durchdachtes und logisch aufgebautes Rätsel, eine Portion Mystery und zu guter Letzt ein Friedhof im Nebel mit abschließendem Happy-End. Lesefaulen sei an dieser Stelle das Hörspiel in der 2004er-Neuauflage ans Herz gelegt, welches schon ziemlich nah an die Vorlage herankommt. Im Gegensatz zur „alten“ Version von 1979 jedenfalls, auch wenn einige wichtige Nebenhandlungen auch hier fehlen bzw. stark angepasst wurden. Alles in allem ist dieser Fall ganz besonders für Neueinsteiger dringend zu empfehlen, auch wenn das „Gespensterschloss“ der allererste Fall der drei Fragezeichen ist.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „Alfred Hitchcock and the Three Investigators in the Mystery of the Stuttering Parrot“
Erzählt von Robert Arthur
Erstveröffentlichung: 1964 / Random House, NY
Deutsche Ausgabe: 1972 / Franckh-Kosmos, Stuttgart
Zugrunde liegende Ausgabe: Taschenbuchausgabe 1978 / dtv
Übersetzung: Leonore Puschert
Seiten: 186
Von verschiedenen Verlagen in unterschiedlichen Bindungen erhältlich
ISBN: 3-423-07316-0 (TB / dtv)

Die drei ??? und der sprechende Totenkopf (Band 5)

Schon seit meinen Kindertagen bin ich ein großer Fan der drei Fragezeichen, die 1964 – von Robert Arthur erfunden – ihren ersten Fall lösten. Seither sind die drei Juniordetektive aus dem fiktiven kalifornischen Nest namens Rocky Beach (irgendwo zwischen Los Angeles und Santa Barbara gelegen) aus der Jugendliteratur nicht mehr wegzudenken. Bekannter sind hierzulande jedoch die EUROPA-Hörspiele, welche 1979 – zunächst zaghaft – ihren famosen Siegeszug antraten. Seither werden immer neue Fälle gestrickt und natürlich längst nicht mehr von Robert Arthur, sondern vielen Autoren. Darunter neuerdings auch deutsche, denn vor allem die Hörspielserie wird hierzulande mit besonderem Elan erfolgreich weitergeführt. Was logischerweise auch dazugehörige Buchvorlagen voraussetzt. Dabei hat sich das besonders treue Klientel von den ehemaligen Teenies zu Thirtysomethings gewandelt. Wie in meinem Fall.

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Andreas Eschbach – Das Marsprojekt

Carl und Elinn Faggan, Ronald Penderton und Ariana DeJones sind die einzigen Kinder der Marssiedlung. Sie sind ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, der künstlichen Intelligenz AI-20 kleine Streiche zu spielen oder ihre Geheimnisse vor den Erwachsenen zu bewahren. Die kleine Siedlung von gut zweihundert Mitgliedern ist annähernd unabhängig von der Erde, nur gewisse Impfstoffe und Medikamente müssen regelmäßig eingeflogen werden. Die „Marskinder“ gelten auf der Erde als Berühmtheiten, auf dem Mars sind sie normale Kinder, die den Verwaltern von der Erde tierisch auf die Nerven gehen. Aber das ist nicht der Grund, warum die Siedlung geschlossen und damit die Erforschung des Mars beendet werden soll. Der Verwalter will unbedingt auf die Erde zurück, und dazu ist ihm jedes Mittel recht – auch wenn es so drastische Maßnahmen wie die Schließung der Siedlung sind. Er benutzt eine mächtige politische Strömung der Erde für seinen Antrag und argumentiert mit den laufenden Kosten der Siedlung. Nach einer Milchmädchenrechnung würde die Erdregierung fünf Milliarden Verrechnungspunkte sparen, und das ist in der momentanen Situation Grund genug, dem Antrag zu entsprechen.

Die Nachricht schlägt unter den Siedlern ein wie eine Bombe, doch die Kinder trifft es am härtesten. Sie haben die Erde nie erlebt, der Mars ist ihre Heimat. Und das Schlimmste: Unter der niedrigen Schwerkraft des Mars hat ein unbehandelter Geburtsdefekt an Elinns Lunge zu einer neuen Entwicklung geführt, wonach das Mädchen auf der Erde nicht mehr lebensfähig ist. Trotzdem soll die Schließung der Siedlung mit allen Mitteln durchgesetzt werden, und nur den Marskindern bietet sich eine winzige Chance, die Sache noch umzubiegen. Außerdem sind da noch die merkwürdigen Artefakte, bisher nur von Elinn gefunden, die daher fest an Marsianer glaubt …

Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete als Softwareentwickler und gründete eine kleine EDV-Firma, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. 2001 erschien im Arena-Verlag mit „Das Marsprojekt“ sein erstes Jugendbuch. Durch Bestseller wie „Das Jesus-Video“, „Quest“ oder „Eine Billion Dollar“ bekannt geworden, erhielt er nun die Gelegenheit, zum Marsprojekt Fortsetzungen zu schreiben. Im März 2005 erschien mit „Das Marsprojekt – Die blauen Türme“ der zweite Band der Reihe.

Offensichtlich kann Eschbach auch Jugendromane schreiben, denn dass „Das Marsprojekt“ einer ist, erkennt man auf den ersten Seiten, als Elinn in Todesgefahr gerät und die künstliche Intelligenz des Stützpunkts „AI-20“ als erstes ihren Bruder verständigt, ehe sie auf seine Anweisung richtig Alarm schlägt. Die Kinder stehen im Vordergrund, werden im Zweifelsfall von der KI unterstützt und gegen die Erwachsenen verteidigt – was Eschbach so erklärt, dass eine künstliche Intelligenz durch ihre Lernfähigkeit einige Eigenarten entwickeln kann, wenn man sie nicht regelmäßig neu kalibriert. Und das wurde bei AI-20 seit der Installation nicht getan. Uns fällt natürlich sofort die Bezeichnung „AI“ für eine KI auf – Artificial Intelligence. Ob sich hinter der 20 mehr verbirgt, bleibt ungewiss.

Die Kinder sind so charakterisiert, dass sich junge Leser schnell mit ihnen identifizieren können, jedes hat eigene Fähigkeiten und Eigenarten. Der jüngste von ihnen, Ronny, scheint ständig mit Flugsimulatoren zu spielen und meint, fast jedes fliegende Objekt der Menschheit steuern zu können. Später stellt sich heraus, dass diese Simulatoren jene Programme sind, mit denen auch die Astronauten der Erde trainieren. Ronny ist also trotz seiner Jugend ein wahrer Flugkünstler. Elinn ist ein ruhiges, etwas träumerisches Mädchen, das von seinem verstorbenen Vater oft lange Geschichten über die Marsianer gehört hat und nun von ihrer Existenz überzeugt ist. Sie ist die einzige, die diese seltsamen Artefakte aus „verunreinigtem Silizium“ findet, denn sie sieht oft ein seltsames Leuchten, mit dem sie ihrer Meinung nach die Marsianer auf sich aufmerksam machen wollen. An dem Ursprung des Leuchtens liegt immer ein kleines Stück des anscheinend vulkanischen Stoffes, der aber merkwürdigerweise sonst nicht zu finden ist. Aber auf ein Kind hört man ja nicht.

Ariana ist die Tochter des Siedlungsarztes und etwas zickig. Sie redet immer davon, wie wenig los auf dem Mars doch ist und wie gern sie zurück zur Erde will, um endlich |Jungs| kennen zu lernen. Sie ist eine Art von Gegenpart zu Carl, der als Ältester oft mit Vorschlägen aufwartet, die durch ihr Misstrauen hinausgezögert und durchdacht werden. Carl ist für einen Marsgeborenen sehr fit und kräftig, denn er will auf der Erde studieren und bei der Erforschung des Sonnensystems mitwirken, und dazu braucht man eine Muskulatur, um unter Erdschwerkraft leben zu können. Trotzdem trifft es ihn nicht weniger hart, als die Siedlung geschlossen werden soll, denn der Mars ist für ihn die wahre Heimat und er macht sich natürlich Sorgen um seine Schwester Elinn, die in ihre Idee von den Marsianern vernarrt ist und wegen des Defekts an der Lunge den Mars nicht verlassen kann.

Carl ist es auch, der die wohlprogrammierte KI zu irrationalen Handlungen bringt. Es ist eine philosophische Frage, die er ihr vorsetzt: Wenn die Siedlung geschlossen wird, wird auch AI-20 abgeschaltet. Was wäre, wenn es ein Aus für immer ist? Was bedeutet das für eine eigensinnige KI?

Der Roman ist auch für Erwachsene sehr schön zu lesen, gerade die sozialkritischen und philosophischen Fragen sind eher an sie gerichtet als an den jugendlichen Leser, für den diese Fragen aber eine Aufforderung zum Denken und Sich-Gedanken-Machen sind. Hintergründig und zurückhaltend, nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger, was ein Aspekt von Eschbachs Qualität ist: Er vermittelt seine Ansichten nicht plakativ, sondern versucht sie tröpfchenweise in das Bewusstsein des Lesers einzubringen.

An ein paar Stellen hat man das Gefühl, dass hier gekürzt werden musste; so wirken manchmal die Charakterisierungen der Kinder wie copy&paste-Übernahmen aus einem Datenblatt, oder die am Ende gedrängte Erzählung um die Aktivierung der „Blauen Türme“ … Vielleicht hat Eschbach hier aber auch schon auf einen Nachfolgeroman abgezielt. Und für die Marskinder hat er noch eine schockierende Überraschung parat: Der Sohn des irdischen Statthalters (ihres Gegenspielers) kommt zum Mars!
Insgesamt macht die Lektüre Spaß und Lust auf den zweiten Teil.

Taschenbuch, 304 Seiten

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

 

Sedgwick, Marcus – Buch der toten Tage, Das

Boy, der Waisenjunge ohne Namen, assistiert seit vielen Jahren dem übellaunigen Illusionisten Valerian, in dessen Anwesen er eine winzige Kammer bewohnt und für den er auch außerhalb der Theaterarbeit rund um die Uhr im Dienst ist. Dessen missmutiges Temperament wird in letzter Zeit nur noch von seiner gedanklichen Abwesenheit und Unlust an der Bühnenarbeit übertroffen. Etwas bereitet dem alten Trickkünstler deutliche Sorgen, und da sein Herr eher jemand ist, der zum Frühstück rostige Eisennägel verspeisen könnte, muss der Quell dieses Übels etwas wahrhaft Schreckliches sein, mutmaßt Boy.

Als Valerian seinen vierzehnjährigen Leibsklaven – anders lässt es sich kaum betrachten – zwecks Informationsbeschaffung zu einem Agenten entsendet, dieser jedoch vor Boys Augen auf recht unheimliche Weise ermordet wird, beginnt einige wilde Aufregung in das triste und regengraue Dasein des Jungen Einzug zu halten oder besser gesagt über ihn hinwegzurollen. Auch der Theaterdirektor wird in der gleichen Nacht ums Leben gebracht und von Willow gefunden, einem Mädchen in Boys Alter, das des Jungen Schicksal in ähnlicher Weise als Bedienstete der exzentrischen Sängerin Madame Beauchance teilt. Willow und Boy geraten unter Mordverdacht und stante pede ins Gefängnis. Valerian befreit die beiden, verwendet dabei allerdings einen „Trick“, der in Boy den Verdacht aufkeimen lässt, dass die Magie des Alten wohl doch nicht nur aus Taschenspielereien besteht, sondern mehr dahinter steckt. Zudem: Warum sollte sein unangenehmer Herr und Meister ihn aus dieser misslichen Lage befreien, wo er sich doch sonst kein Deut um den Jungen scherrt? Etwas ist wohl faul im Staate Dänemark. Was sich da zusammenbraut, beunruhigt Valerian und damit Boy zutiefst, hat etwas mit dem Näherrücken der Silvesternacht zu tun, mit einem lang zurückliegenden dämonischen Pakt und mit dem mysteriösen „Buch der toten Tage“, hinter dem der Bühnenmagier ohne Rücksicht auf Verluste her ist.

So sind die vier Tage vor dem Jahreswechsel angefüllt mit einer wilden, atem- und schlaflosen Jagd nach diesem Buch. Friedhöfe, Verliese, Stadtwächter, ein verrückter Präparator, ein genialer Wissenschaftler und obskure Erfindungen, eine alte Kirche, vergessene Kanäle unter der Stadt und vielerlei Absonderliches mehr erwarten unsere Helden wider Willen in dem nun folgenden Abenteuer.

_Die Zeit der toten Tage_

Wintersonnenwende, Mittwinter, das Julfest, die Weihnachtszeit, Jahreswechsel – dieser Jahresabschnitt war in unserem Kulturraum bereits seit „heidnischen“ Zeiten von Tagen des Friedens, der Ruhe und der Familie geprägt. Alles fließt langsamer und befindet sich in einer Art von Zwischenstadium, von einem erwartungsvollen Zwielicht durchwirkt. Marcus Sedgwick beschreibt „die sonderbar stille Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr“ als „tote Tage – Tage, an denen die Türen zwischen unserer Welt und jener unsichtbaren, die gleich darunter liegt, geöffnet sind.“

Diese Stimmung und durchaus düstere Bilder waren für den früheren Buchhändler und Lektor, der nun seit 1994 Jugendromane verfasst und in England zu den Großen seiner Zunft zählt, der Ausgangspunkt für die gar abenteuerliche und gotisch-düstere Erzählung, die uns nun der |Hanser|-Verlag in deutscher Übersetzung angedeihen lässt. Inspiriert von Orten wie den Pariser und Krakauer Friedhöfen, Katakomben und Bolognas geheimnisvoller Kanalisation, entwirft Segwick das stimmungsvolle Bild einer fiktiven, organisch wirkenden Metropole, die zeitlich in einem Übergang zwischen Aberglaube und Magie auf der einen Seite und ersten Wissenschaften und Experimenten auf der anderen angesiedelt ist. Damit greift die gewählte Epoche die Ausgangsidee der toten Tage auch bildhaft auf. Alles bewegt sich in einem Zwischenraum, einem Übergang, ist zeitlos und schwer greifbar.

_Tage ohne Atempause_

In dieser Umgebung lässt der Autor ein wahres Gewitter an Ereignissen auf den jungen (oder jung gebliebenen) Leser einprasseln, dass dieser aus dem Staunen nicht mehr herauskommen mag. Die Kapiteleinteilung ist kurz und knackig, die Szenenwechsel erfolgen rasch. Verschnaufpausen gibt es kaum; die Geschichte nimmt uns in sich auf und entlässt uns erst wieder in die Wirklichkeit, wenn das letzte Rätsel gelüftet und die finalen Gefahren überstanden sind. Segwick ist dabei keineswegs zimperlich – für einen jugendlichen Leser mag so manche Situation und Begebenheit für wahrhaft schlaflose Nächte sorgen. So ist auch die Erzählweise ernsthaft und unheimlich genug, den erwachsenen Leser ausreichend zu fesseln. Humorige Elemente sucht man dagegen vergebens.

_Was dabei auf der Strecke bleibt_

Angesichts des Erzähltempos und der handlungsorientierten Geschichte bleibt allerdings einiges auf der Strecke. Zunächst hält der Autor sich sehr zurück, was atmosphärische Beschreibungen und Eindrücke der Umgebung angeht. Das rechte Bild will sich nur aufbauen, wenn man mit Lokalitäten, wie sie oben erwähnt wurden, durch eigene oder filmische Erfahrungen etwas vertraut ist. Ob man so viel stimmungsvolle Kopfarbeit von einem jugendlichen Leserkreis bereits freiweg erwarten kann, ist vielleicht bezweifelbar. Auch die Charakterausarbeitungen beschränken sich auf ein Minimum. Genauere Vorstellungen bekommt man nur von Valerian und Boy, aber auch sie bleiben schablonenhaft; ziemlich im luftleeren Raum existiert dagegen bereits Willow, deren Wesenszüge und Motivationen weitgehend unklar bleiben. Irgendwann kommt es beispielsweise zu wohl kaum vermeidbaren romantischen Aufwallungen gegenüber Boy, aber warum das so ist, wird nicht nachvollziehbar. Willow liebt Boy mit einem Schlage über alles und würde ihr Leben für ihn geben, und das müssen wir so hinnehmen, scheint’s. In dieser Art gäbe es noch einiges bei Randfiguren zu erwähnen, doch will ich es hierbei belassen.

Bei der Gelegenheit sei auch noch ein Wort zur Übersetzung verloren. Diese wirkt stellenweise recht unbeholfen und lässt sprachliches Feingefühl vermissen. Ein vergleichender Blick ins Original gibt seitenweise Anlass, sich zu wundern. Regional gefärbte Wendungen irritieren zusätzlich. Zwei Beispiele dazu, herausgegriffen von Seite 108: „Es kam sie alle hart an.“, „Willow war es fast schlecht geworden …“. Unsicherheiten bei den neuen Rechtschreibregelungen kommen hinzu. (Bleiben wir auf Seite 108: „zurück führen“ wird auch nach der Reform „zurückführen“ geschrieben.) In der Summe wird der Lesegenuss durch diese Schwachpunkte durchaus spürbar getrübt.

_… und was vom Tage übrig blieb_

Detail- und Feinarbeiten darf man letztlich im „Buch der toten Tage“ nicht erwarten, dafür aber eine spannende und dramaturgisch geschickt aufgebaute Abenteuergeschichte mit unheimlicher und düsterer Grundstimmung. Das, was man in schöner Aufmachung zwischen den Buchdeckeln präsentiert bekommt, weiß bis auf die deutsche Bearbeitung zu gefallen, aber zu einem wirklich erinnerungswürdigen Leseerlebnis fehlen noch einige handwerkliche Ingredienzien, wie eine glaubhafte Charakterzeichnung oder stimmungsvoll ausgearbeitete Bilder, die nicht zu viel der Fantasiearbeit des Lesers überlassen. Dennoch: Das Reinschmökern in verregneter und frostiger Witterungslage lohnt allemal und verspricht ein kurzweiliges Lesevergnügen, wenn man die literarische Erwartungshaltung nicht zu hoch ansetzt.

John Halliday – Gewitterfische

Alles beginnt in einer schwülen Augustnacht. In dieser Kirmesnacht schlägt der Blitz in dem Städtchen Westlake ein, obwohl es dort um diese Zeit des Jahres eigentlich nie Gewitter gibt. Es ist die Geburtsstunde von Josh und Rainy, die sich elf Jahre später in der 5. Klasse zum ersten Mal begegnen. Josh, so prophezeit seine Tante, wird die Geschicke der kleinen Stadt nachhaltig verändern. Rainy, Bigfoot, Kate und der Goldfisch Elvis spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Der Autor

John Halliday ist von Beruf Bibliothekar und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Charlottesville, Virginia. Dies ist sein zweiter Roman. (Verlagsinfo)

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Pratchett, Terry – Kleine Freie Männer. Ein Märchen von der Scheibenwelt

_Lehrreiche Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon fast ihren kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine Freie Männer“ folgte. Die Fortsetzung von „Kleine Freie Männer“ trägt den Titel „A Hatful of Sky“.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen Freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Spaß mit Klammern|

Wie schon Pratchetts wunderbares Kinderbuch „The Amazing Maurice and His Educated Rodents“ übt „Kleine Freie Männer“ nicht nur Kritik an modernen Phänomenen, sondern macht auch eine ganze Menge Spaß. Das Lesen ist im Original umso vergnüglicher, als eine ganze Menge schwer übersetzbarer Wortspiele den Spaß an der Sprache erhöhen. Es wäre etwas ermüdend, alle Beispiel dafür anzuführen.

|Die Übersetzung|

In meinem Text habe ich fast alle Namen und Bezeichnungen des Originals durch diejenigen Entsprechungen ersetzt, die der Übersetzer verwendet. Diese Übertragung ist keine große Sache, sondern der übliche Job. Etwas mehr anstrengen musste sich Brandhorst jedoch beim Jargon, dessen sich die Kobolde, die Nac Mac Feegle bedienen. Statt „Crivens!“ heißt es nun allerdings „Potz Blitz!“, und ich das hat ja nun nichts mit einem bestimmten Dialekt zu tun. Eine bessere Entsprechung wäre wohl das bayerische „Zefixluja!“ oder „Kruzitürken!“ gewesen. Leider versteht das aber nicht jeder Leser, schon gar nicht junge. Insofern bildet die verbreitete – und antiquierte – Variante einen guten Kompromiss.

Wie viel vom Wortwitz des Originals verloren geht, lässt sich an der Übersetzung des Gnomennamens Rob Anybody Feegle ablesen. Die Übersetzung hat nun „Rob Irgendwer Größter“ daraus gemacht, was leider nur den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt und zudem noch jämmerliches Deutsch. Der größte Verlust ist eigentlich, dass „Rob Anybody“ natürlich im Englischen „Raube jeden Beliebigen aus“ bedeutet – das ist der Witz dabei, und außerdem eine ironisch-spöttische Anspielung auf den heroischen Schottenfilm „Rob Roy“. Ich konnte dessen Highlander-Romantik auch noch nie ertragen.

„Feegle“ bezeichnet lediglich seine Zugehörigkeit zum Volk der (Nac Mac) Feegle, die in der Übersetzung nun die „Größten“ bzw. „Wir sind die Größten“ heißen. Ob diese Übersetzung des Schottischen stimmt, kann ich als Nichtschottischsprecher nicht beurteilen.

|Originaltitel: The Wee Free Men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst|

Snicket, Lemony – dunkle Allee, Die (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 6)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 6 führt sie in das irrsinnig große Penthaus ihrer neuen Vormünder Esmé und Jerome Elend. Doch das Leben im Luxus hat seine Tücken, und auch Graf Olaf ist nicht weit entfernt. Natürlich glaubt ihnen mal wieder niemand.

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:
1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

|Der Illustrator|

„Brett Helquist wurde in Ginado, Arizona, geboren, wuchs im Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City. Er studierte Kunst an der Brigham Young University [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die „New York Times“ und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Mr. Poe, ihr hustender Vermögensverwalter, bringt die drei Waisen zur nächsten Station ihres Leidensweges. Aus der „Schule des Schreckens“ sind sie rausgeflogen, nachdem „Trainer Dschingis“ seinen Plan hatte erfolgreich umsetzen können. Leider verloren sie dabei auch ihre einzigen Freunde, die Quagmeirs, die er entführte. „Er“ ist natürlich Graf Olaf in einer seiner tausend Verkleidungen.

Das neue Domizil befindet sich in der Dunklen Allee, Hausnummer 667, also in einer recht vornehmen Gegend, unweit ihres abgebrannten Elternhauses. Doch die Straße trägt ihren Namen völlig zu Recht, wie sie schnell herausfinden. Die Dunkelheit hat auch gewisse Herzen erfasst.

Nachdem sie sich die Treppen ins 48. oder 84. Stockwerk hinaufgeschleppt haben, weil der Fahrstuhl außer Betrieb ist, werden sie am Penthaus freudig von Onkel Jerome Elend begrüßt. Er ist ja so ein netter Kerl, der ihnen gerne etwas Gutes tun und ihnen die Wünsche von den Augen ablesen würde – wenn da nicht seine grässlich vornehme Frau Esmé wäre. Esmé Elend – der Name spricht ihrem Reichtum Hohn – ist nicht nur die „sechstwichtigste Finanzberaterin der Stadt“, sondern richtet sich auch strikt danach, was in ist und was out.

Fahrstühle, so viel haben die Waisen mühselig bemerkt, sind momentan mega-out. Auch künstliche Beleuchtung, weshalb die zwei Bewohner des Penthauses kaum zu erkennen sind – die „dunkle Allee“ trägt ihren Namen zu Recht. Zum Glück sind Waisen noch in – mit der Betonung auf „noch“. Schnell lernen die Waisen, was eine „Marotte“ ist: eine persönliche Eigentümlichkeit. Dass statt Mineralwasser „Aquamartinis“ (siehe unten) serviert werden, geht ja noch an, aber dass alle Kinder, auch Babys wie Sunny, Nadelstreifenanzüge tragen müssen, führt zu ernsthaften Zweifeln am Geisteszustand ihrer Vormünder. Die Wohnung ist so groß, dass sie sich darin verirren.

Esmé geht leidenschaftlich gerne zu Auktionen. Nein, nicht zu eBay, denn in den Baudelaire-Romanen kommt Internet nicht vor. Sie geht zu richtigen Auktionen, wo sich die oberen zehntausend treffen. Sie kauft nicht, sondern nimmt ein. Direkt in ihre Handtasche. Der weltbeste Auktionator ist in ihren Augen Gunther, der so komisch redet. Doch als er endlich auftaucht, kann die lange, hagere Gestalt mit dem Monokel und den Stiefeln die Baudelaires keine Sekunde lang täuschen: Graf Olaf!

Dann beginnt das gleiche traurige Spiel von Neuem: Sie versuchen die doofen Erwachsenen zu überzeugen, welch schrecklicher Mensch dieser Gunther ist, doch keiner glaubt ihnen, weil er sich so gut verkleidet hat. Esmé schickt Jerome mit den Kindern ins Café Salmonella, wo man nur Lachs (salmon) zu essen bekommt und alles eklig nach Lachs schmeckt. Sogar die Kellner sehen wie Lachse aus. Derweil gehe sie, Esmé, mit Gunther den neuen Auktionskatalog durch.

Als sie zurückkehren, stellt sich ihnen ein Rätsel. Esmé hatte ihnen verboten, in die Wohnung zurückzukommen, solange Gunther noch da ist. Okay. Da der Portier im Erdgeschoss sagt, Gunther habe das Haus nicht verlassen, bleiben sie unten, um auf Gunther zu warten. Jerome geht schon mal hoch. Nach einer Weile erscheint Esmé und wundert sich. Gunther sei doch schon längst weg. Sie könnten also endlich raufkommen.

Wo ist Gunther abgeblieben, wenn er doch das Haus nicht über die Treppe und die Haustür verlassen hat? Klaus kommt heftig ins Grübeln. Wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden, bleibt nur noch eine Lösung übrig, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag. Also sprach Sherlock. Die Baudelaires machen sich auf die Suche.

_Mein Eindruck_

Die folgenden Kapitel sind voll spannender Ermittlungen, grotesker Ergebnisse, einem Wiedersehen mit den vermissten Quagmeirs und einem perfekten Showdown während einer Auktion. So viel Action sollte es öfters geben, finde ich. Und der zunehmende Umfang der Romane lässt mehr erhoffen: Dieser Band hat etwa 50 Seiten mehr als Band 4.

|Das Element der Überraschung|

Wieder einmal lernen die Baudelaires wichtige Lektionen fürs Leben. So zum Beispiel, dass das Periodensystem der chemischen Elemente unvollständig ist. Es fehlt das Element der Überraschung. Dieses Element spielt in vielen Szenen eine entscheidende Rolle, wie sich herausstellt. Jeder sollte sich eingehend und frühzeitig, besonders Kinder, mit dem Element der Überraschung vertraut machen.

|Der unfaire Vorteil|

Und dann wäre da noch der unfaire Vorteil. Der unfaire Vorteil liegt in den Augen der Baudelaires meistens auf der Seite der Erwachsenen – was angesichts der geringen Größe der Kinder und ihres geringen Alters natürlich höchst unfair ist. Aber wer hat je behauptet, dass das Leben gerecht wäre? Also müssen sich die Baudelaires – wieder einmal – etwas einfallen lassen, um den unfairen Vorteil auszutricksen. Was ihnen auch mit den unwahrscheinlichsten Mitteln gelingen wird, so viel sei schon mal verraten.

|Gib dem Bösen eine Chance|

Auch das Abenteuer, das sie in „Die dunkle Allee“ bestehen müssen, beweist ihnen, dass das Böse in Gestalt von Graf Olaf und seinen Schergen nur triumphieren kann, wenn die Schwächen der Mitmenschen das zulassen. Esmé zum Beispiel. Sie ist die Verkörperung von Egoismus und Habgier, aber auch ein Spielball der Mode. Sie hechelt allem hinterher, was in ist und was out. Die Größe ihres gigantischen Penthauses reicht ihr nicht. Sie würde am liebsten noch Waisenkinder auf der Auktionen versteigern, wenn das nicht ungesetzlich wäre. Besitz befriedigt ihre emotionale Hohlheit.

Das macht sie zur Tyrannin über ihren Mann, den netten und gütigen Jerome: ein großer Junge. Er ist schwach, weil er es nie zu einem Streit kommen lassen will. Daher kuscht er immer und erfüllt jede von Esmés Launen. Seine Menschenkenntnis ist dementsprechend eingeschränkt. Graf Olaf täuscht ihn mit links. Eigentlich ist es sehr schade um Jerome. Vielleicht werden ihm im Verlauf der Handlung noch die Augen für die Realität geöffnet.

Was Wunder also, dass unsere braven drei Kids Probleme haben zu beurteilen, was wirklich, wahr und echt ist und was nicht. Gunther beispielsweise ist ein falscher Fuffziger. Aber kann eine Wohnung, die über 71 Schlafzimmer und 849 Fenster verfügt, echt sein? Mal ehrlich. Und kann ein Fahrstuhl, der nur eine Tür hat, aber keine Kabine, real sein? Wohl kaum.

Wieder ist Sherlock Klaus gefragt, der Forscher. Wenn es um Erfindungen geht, ist Violet gefragt. Leider kommen ihre Erfindungen nicht immer zur richtigen Zeit: Sie ist ihrer Zeit manchmal voraus. Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Genies. Und Sunny? Sie ist ebenfalls genial, aber wenn’s drauf ankommt, setzt sie lieber die vier Zähne ein, die sie schon hat. Ergo: Graf Olaf hat keine Chance. Oder?

_Unterm Strich_

Band 6 ist also voller Action, spannender Ermittlungen, unheimlicher Situationen, falscher Identitäten und grotesker Leute und Orte. Es vergeht kein Kapitel, in dem nicht für genügend Nervenkitzel gesorgt wird. Besonders lustig sind die ersten Kapitel, in denen die Baudelaires das Zerrbild einer Luxuswohnung vorfinden, wie sie sich die unteren zehntausend ungefähr vorstellen. Auch dass hier die Mode eine ebenso große Rolle spielt wie der Klatsch und die Jagd nach Geld, entspricht den Erwartungen. Dadurch, dass diese Luxusleute dann Martinis trinken, die aus Wasser bestehen, in dem eine Olive schwimmt, und später „Petersiliensoda“, werden sie schön lächerlich gemacht.

Wirklich schlau hingegen sind die beiden wichtigsten Lektionen: die über das „Element der Überraschung“ und den „unfairen Vorteil“. Wer ihnen mit geeigneten Mitteln entgegentritt, hat bessere Chancen, im Leben zu bestehen. Das Buch ist also nicht nur lustig, sondern auch lehrreich für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Weil die Quagmeirs vorkommen, ist es wohl am besten, Band 5 und 6 zusammen und hintereinander zu lesen. Eigentlich selbstverständlich, aber nicht jeder hat beide Bände vorliegen oder kann sie gar in chronologischer Reihenfolge lesen. Schön, dass der Umfang immer weiter zunimmt: Hier gibt’s mehr Buch fürs Geld.

|Originaltitel: A Series of Unfortunate Events – The Ersatz Elevator, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Birgitt Kollmann|

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Erben. Band 5 führt sie an die Prufrock-Privatschule, wo der stellvertretende Schuldirektor ihr neuer Vormund sein soll. Eigentlich. Der jedoch bittet sich Zeit für seine Übungsstunden auf der Geige aus. Ab in den Schuppen!

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5) weiterlesen

Hennig von Lange, Alexa – Erste Liebe

Alexa Hennig von Lange legt mit „Erste Liebe“ die Fortsetzung ihres Erfolgsromans [„Ich habe einfach Glück“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=987 aus dem Jahr 2002 vor. Die 1973 geborene Hannoveranerin zählt seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Relax“ (1997) zu den erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.
Desweiteren erschienen „Ich bin’s“, „Mai 3D“, [„Woher ich komme“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=962 und ihr aktuelles Kinder- und Jugendbuch „Mira reichts“.
Für „Ich habe einfach Glück“ erhielt sie den Jugendliteraturpreis 2002. „Erste Liebe“ erschien im September 2004.

Irgendwann in den 90ern trifft man Lelle und ihre chaotische Familie aus „Ich habe einfach Glück“ wieder. Inzwischen hat sich einiges getan, zwei Jahre sind vergangen, Lelle ist jetzt 17 und auf Rat ihrer Therapeutin von zu Hause weggezogen. Jetzt lebt sie in einem kleinen Zimmer, das sich an das Büro des Vaters anschließt.
Ihr erster Freund Arthur ist weg, der baut jetzt in Simbabwe Lehmhäuser und lächelt als groß kopiertes Foto von der Wand auf Lelle herab. Natürlich macht sie das etwas wehmütig, doch Lelle ist tapfer, so gibt sie sich zumindest, obwohl die Tränen des Öfteren mal hervorschießen. Aber es ist Besserung in Sicht: Auf der Party ihrer sonst langweiligen Freundin Tessi lernt sie den Rocker Marcel kennen und verliebt sich augenblicklich in ihn.

In ihrer Familie ist noch alles beim Alten, die ältere Schwester Gotsch ist eifersüchtig auf Lelle, weil die das Zimmer bekommen hat und nicht sie. Sie wechselt auch immer noch ihre Liebschaften wie ihre Unterwäsche und mit Selbstmord droht sie auch noch, wenn sie sich wie so oft ungerecht behandelt und ungeliebt fühlt. Der Vater geht Konfrontationen nach wie vor aus dem Weg und wenn sich das nicht verhindern lässt, bekommt er einen cholerischen Anfall. Die Mutter versucht vergeblich, das Ganze zusammenzuhalten, scheint sich in der Zukunft aber schon ohne ihren Berni zu sehen. Die Konfrontation scheint sie anders als in „Ich habe einfach Glück“ jedenfalls nicht mehr zu scheuen.

„Erste Liebe“ ist ein Buch, das zu Beginn vor allem von zwei Dingen lebt: Zum einen die Soap-Frage: Wie ging es nach „Ich habe einfach Glück“ weiter?, und zum anderen durch die gewohnt flüssige, leichte und authentische Jugendsprache, mit der die Autorin ihren Charakteren Leben einhaucht. Die sind dem Leser auch inzwischen ans Herz gewachsen, da „Erste Liebe“ die Trilogie („Lelle“, „Ich habe einfach Glück“) um Lelle vorerst abschließt. Demzufolge kennt der Leser die Protagonistin schon sehr gut, was bei der Entwicklung der Story natürlich viel Zeit spart. Trotzdem macht Hennig von Lange den Einstieg für Leser, die die ersten beiden Teile nicht kennen, leicht: Lelle gewährt ab und an Einblicke in ihre Vergangenheit, indem sie von einschneidenden Erlebnissen ihrer Jugend berichtet oder Beispiele für das Fehlverhalten ihrer Familie anführt. Für den mit dem Stoff vertrauten Leser kommen diese Punkte alles andere als ungelegen, frischen sie die Erinnerung doch noch mal auf und nehmen dabei kaum Platz weg.

Trotzdem hat der Roman auch seine Schwächen, die vor allem in der Handlung liegen, in der Lelle den Leser, den sie in ihrer lockeren Art mit „Leute“ auch anspricht, hineinzuziehen versucht. Die Familienproblematik ist aus den vorhergehenden Romanen schon bestens bekannt und gibt nicht mehr so viel Neues her. Zur Geschichte kommen lediglich zwei neue Aspekte hinzu: Zum einen das langsame Abnabeln von der immer präsenten Familie, der Anfang vom Abschied der Kindheit. Da Lelle nun aber doch noch täglich von ihren Eltern umgeben ist und sie mit 17 noch gar nicht so alt ist, kommen diese Aspekte etwas zu kurz. Aber da ist ja noch die „Erste Liebe“ oder vielmehr die zweite, Marcel. Der bringt einen völlig neuen Punkt mit in Lelles Leben: Den ersten Sex und den daraus folgenden inneren Konflikt, da sie ja eigentlich noch mit Arthur zusammen ist.

Leider hält sich Alexa Hennig von Lange mit diesen Dingen ebenfalls nicht lange auf und so ist nach drei Tagen Erzählzeit der Roman nach 158 Seiten beendet und wirkt dadurch viel zu flüchtig, was durch die lockere Erzählsprache nur begünstigt wird. Trotzdem bleibt „Erste Liebe“ ein sehr unterhaltsamer Roman, der den Zauber der Jugend für kurze Zeit aufleben lässt.

Hennig von Lange, Alexa – Ich habe einfach Glück

Alexa ist Hannoveranin, im Jahre 1973 geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1997, die Rede ist vom Bestseller „Relax“. Danach folgten die mehr oder weniger guten Romane „Mai 3D“ und „Ich bin’s“. „Ich habe einfach Glück“ erschien 2002 und wurde mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Wir kennen Alexa aber auch aus dem TV. So moderierte sie eine lange Zeit die Kindersendung „Bim Bam Bino“ und tauchte schon einige Male bei Harald Schmidt auf. Wer diese Auftritte gesehen hat, wird Alexa kennen, da es mit ihr doch sehr lustig und skandalös zuging.
Mittlerweile ist Alexa übrigens mit Autor Joachim Bessing verheiratet und Mutter zweier Kinder.

_Über Magersucht, Sexentzug und Neurosen_

Alexa Hennig von Lange nimmt uns in „Ich habe einfach Glück“ mit in eine deutsche Vorstadtidylle. Wir lernen eine nach außen hin völlig normale und intakte Familie kennen. Protagonistin und Ich- Erzählerin ist die 15 Jahre junge Lelle. Ihre Schwester ist Gotsch, steht nach Aussage ihrer kleinen Schwester „auf rumbumsen“ und grenzt sich weitgehend aus der Familie aus. Sie fühlt sich ungeliebt, zertrümmert gerne mal ihre Geige und droht der Familie mit Selbstmord. Außerdem hasst sie ihren Vater, der sich geschickt aus allem raushält und nach der Arbeit schnell im Keller verschwindet, um Schuhe zu putzen. Die Mutter macht in dieser neurotischen Familie keine Ausnahme. Sie hat panische Angst vor Bakterien, zwingt ihre Kinder sich umzuziehen, wenn sie von draußen ins Haus kommen, da die Kleidung von Bakterien verseucht sein könnte. Auch sonst hat sie größtenteils Angst. Angst, dass sich Gotsch umbringt oder einfach abhaut, was sie schön öfters getan hat, oder sie verfolgt Lelle bis an die Klotür aus Angst, deren Magersucht könnte zur Brechsucht werden. Seit Kurzem verspürt sie auch immer ein Stechen in der linken Brust, in der Hoffnung, die Kinder würden weniger anstrengend sein, wenn sie mit Herzinfarkt droht.
Einen Handlungsstrang in diesem Minenfeld zu kreieren, ist nicht schwer, und so bringt Hennig von Lange den von den von Eltern als „Stricher“ bezeichneten jugendlichen Nachbarn Arthur mit ins Spiel und lässt Gotsch ohne Nachricht verschwinden. Lelle nimmt die Suche gemeinsam mit ihrem Schwarm Arthur auf.

_Macht das Lesen dieses Buches glücklich?_

Alexa Hennig von Lange schildert hier eine eigentlich brisante Situation aus den Augen eines 15-jährigen Mädchens. Natürlich passiert das in der Sprache der Jugend, völlig unverblümt und zum Teil auch unreflektiert. Deshalb könnte dem einen oder anderen der Sinn des Romans abhanden kommen und dieser einfach als Unterhaltungslektüre abgetan werden. Hinter dem Ganzen verbirgt sich natürlich ein tieferer Sinn. So verhindert Lelle durch ihre Essstörung das Frauwerden, abgemagert ist sie, der körperliche Reifeprozess verzögert. Zudem äußert sie öfters den Wunsch, so dünn zu werden, dass sie einfach verschwindet. Sicherlich um dem Kontrollzwang der überführsorglichen Mutter zu entkommen. Die läuft dem Kind ständig hinterher und liegt ihm mit den Worten „Iss was, sonst fällst du noch tot um!“ ständig in den Ohren. Sie setzt sich mit dem Kind nicht normal auseinander, sucht kein richtiges Gespräch. Der Vater bekommt davon natürlich nichts mit, wenn er nach der Arbeit gleich in den Keller flüchtet, „Mama“ beschwert sich darüber natürlich: „Papa will nicht mehr mit mir Kuscheln“. Man macht sich Gedanken, was die anderen aus der Nachbarschaft über sie denken, der Schein muss gewahrt werden. So ist es geradezu ironisch, dass der Schwarm von Lelle, Arthur, als Asi und Chaot abgetan wird. Sind es doch die Verhältnisse in der eigenen Familie, die chaotisch sind. Völlig zerstört ist da Verhältnis zwischen Gotsch, die sich schon völlig von der Familie entfremdet hat und in Wutausbrüchen auch gerne mal was kaputtschlägt. Mit ihrem Vater hat sie gar nichts am Hut. In einem Brief wollte sie ihm die Meinung sagen, der hat den Brief ungeöffnet weggeschmissen. Dies ist bezeichnend, es finden keine anständigen Gespräche statt, immer nur sehr oberflächlich. Mit dem Vater gibt es keine Kommunikation, die Mutter nervt die Kinder mit ihren Neurosen und den Bemühungen, nach außen hin als heile Familie zu wirken.
Eigentlich ist das alles doch ziemlich tragisch, trotzdem ist die Komik allgegenwärtig, und so ist die Lektüre von „Ich habe einfach Glück“ herrlich unterhaltsam, lustig, aber auch spannend. Seinen Zweck erfüllt der Roman, wenn man am Ende feststellt, dass alle Familien ihren ganz eigenen Knall haben und alles gut ist, solange sich alle lieb haben.

Snicket, Lemony – unheimliche Mühle, Die (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 4)

_Der Waisen Not: Zwischen Orwell und „Metropolis“_

„Lieber Leser, ich kann nur hoffen, dass du dieses Buch nicht lesen willst, weil du gerade Lust auf angenehme Unterhaltung hast. Sollte das doch der Fall sein, rate ich dir, es sofort wieder dahin zurückzulegen, wo du es hergenommen hast.“ An diesen Rat des Autors sollte man sich unbedingt halten – selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. In Band 4 werden Violet, Klaus und Sunny nach Jammerau im Finsterwald verschickt, wo sie wie die Sklaven in einer Sägemühle schuften müssen …

Der Verlag empfiehlt die Snicket-Reihe für Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im ersten Band. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:

1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

|Der Illustrator|

„Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs im Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die |New York Times| und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Noch brutaler als in den vorhergehenden Abenteuern werden Violet, Klaus und Sunny Baudelaire an ihrem neuen Bestimmungsort von Mr. Poe abgeladen und einfach stehen gelassen. Sie befinden sich an einem düsteren Ort mit dem bezeichnenden Namen Jammerau. Und weil der umliegende Finsterwald so viel Holz liefert, befindet sich in Jammerau eine Sägemühle. Sie stehen genau davor. Und sehen – einen mit Kaugummi angeklebten Zettel, auf dem sie begrüßt werden und genaue Instruktionen erhalten, sich in ihren Schlafsaal zu begeben, damit sie am nächsten Morgen mit der Arbeit beginnen können.

Keine nette Begrüßung, finden die Baudelaire-Waisen. Finden wir auch nicht. Eigentlich sollte ihr neuer Vormund sie hier begrüßen und mit netten Speisen verwöhnen. Denn ihnen knurrt der Magen. Stattdessen ragt eine düstere Fabrik vor ihnen empor, aus deren Dach Schornsteine ragen wie Stachelschweinstacheln. Und noch zwielichtiger ist ein Haus am Ende der Straße, das aufrecht stehend einem Auge ähnelt. Und wenn es um zwielichtige Augen geht, dann geht es auch um Graf Olaf, ihren ständigen Verfolger.

Ein Mann namens Phil empfängt sie und weist ihnen ihr Stockbett zu. Sie müssen zusammen mit den anderen Arbeitern schlafen. Am Abend gibt es einen relativ ungenießbaren Eintopf. Am anderen Tag finden sie zu ihrem wachsenden Entsetzen heraus, dass es kein Frühstück gibt und zum Mittagessen nur ein Stück Kaugummi. Der Eintopf ist die einzige Mahlzeit.

Die harte Arbeit, zu denen sie der Vorarbeiter Flacutono antreibt, besteht natürlich im Entrinden und Zersägen von Baumstämmen. Sogar die kleine Sunny, die nicht mal richtig sprechen kann, wird zur Sklavenarbeit verdonnert. Doch dafür gibt es als Entlohnung nicht etwa Geld, sondern lediglich Gutscheine, also Rabatt auf etwas, das sie sich sowieso nicht leisten können.

Ihr Protest lässt nicht lange auf sich warten. Doch bei Flacutono geraten sie an den Falschen, Phil ist leider ein Optimist, der selbst im größten Unglück nur das Positive sieht – und so müssen sie zum Boss. Dieser hat keinen Namen – und auch kein Gesicht, wenn man’s genau nimmt: Es ist stets hinter dem Qualm aus seiner Zigarre verborgen. Er lässt sich mit „Sir“ anreden, auch von seinem „Partner“. Das soll ihr Vormund sein?!

Lieber Leser, lies nicht weiter! Denn es kommt alles nur noch schlimmer.

Weil der Vorarbeiter Flacutono ihm ein Bein gestellt hat, fällt Klaus in der Fabrik hin und zerbricht das Glas seiner Brille. Man schickt ihn zur Augenärztin Dr. Georgina Orwell, die – ratet mal, wo – im augenförmigen Haus am Ende der Straße wohnt und Klaus dort behandelt. Nehmen Violet und Sunny jedenfalls an.

Man stelle sich ihre Verwunderung vor, als Klaus zurückkehrt und sie gar nicht mehr wiedererkennt. Er geht und steht wie ein Zombie und antwortet mit „Jawohl, mein Herr“. Dann führt er den gehörten Befehl aus, aber ohne zu wissen, was das soll. Seine Schwestern machen sich allmählich Sorgen. Warum benimmt sich Klaus auf einmal wie ein Roboter? Warum erkennt er sie nicht mehr? Was hat man ihm befohlen? Und wer ist überhaupt „man“?

Ein finsterer Verdacht gegen Dr. Georgina Orwell beschleicht Violet und Sunny. Ihre (und unsere) schlimmsten Befürchtungen werden noch übertroffen von dem, was Klaus am nächsten Tag tut …

_Mein Eindruck_

Die Handlung erinnert nicht von ungefähr an gewisse Elemente aus Fritz Langs Klassiker „Metropolis“ von 1926. Darin gibt es eine Arbeiterführerin namens Maria, die mit dem Sohn des Industriellen Fredersen bekannt ist, der sich in sie verliebt hat. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass Fredersen selbst etwas gegen Maria und ihre klassenkämpferische Arbeit unternimmt, indem er den Erfinder Rotwang einen Roboter erschaffen lässt, der genauso aussieht wie Maria, aber aufs Wort gehorcht. Seltsamerweise wiegelt diese falsche Maria die Arbeiter zum Aufstand auf, bei dem die Maschinen Fredersens zerstört werden.

Wie auch immer die Logik von „Metropolis“ aussehen mag, sie interessiert an dieser Stelle nicht. Wohl aber interessiert, dass in Snickets Roman Klaus von einem jungen Intellektuellen in einen doofen funktionierenden Roboter verwandelt wird, um die Befehle seines (vorerst unbekannten) Herrn auszuführen. Der echte Fabrikbesitzer, der sich „Sir“ nennen lässt, ist wie Fredersen eine autokratische Kapitalistengestalt, und es ist lange Zeit nicht klar, auf welcher Seite er steht. Bezeichnend dafür ist, dass man sein Gesicht nie zu sehen bekommt.

In dieser Umgebung lernen Violet und Sunny den Wert von Worten kennen. Die meisten Worte, die in der Fabrik verwendet werden, sind Lügen. Das heißt, sie werden von denen, die das Sagen haben, benutzt, um diejenigen, denen sie befehlen, hinters Licht zu führen, einzuschüchtern und zu betrügen. Violet selbst benutzt solche Wörter, um höflich zu sein. Obwohl sie genau weiß, dass die Wirklichkeit sich anders verhält, will sie dennoch höflich sein und lügt, um Repressalien zu entgehen. Tut sie dies nicht, sondern sagt ungeschminkt die Wahrheit, bekommt sie massive Drohungen zu hören. Dann schon lieber höflich sein.

Ein anderes Wort, das sich als eine Lüge herausstellt, ist „Glück“. Dieses Wort benutzt der „Optimist“ Phil am liebsten, selbst noch im größten Un-Glück: Er lügt sich damit selbst in die Tasche und ist dadurch in der Tat ein glück-licher Mensch. Bezeichnenderweise gehört die Sägemühle „Glück & Partner“. Wenn der „Partner“ der Diener des Bosses ist, dann muss der Boss Herr Glück sein, den man nie erkennen kann.

VORSICHT SPOILER!

Doch Violet ist weiß Gott nicht auf den Kopf gefallen. Sie liest in dem Fachbuch, das Dr. Georgina Orwell (welch ein hinterlistiger Name! George Orwell würde sich schämen) geschrieben hat, über Hypnose nach. Und obwohl die Fachausdrücke nur für den belesenen Klaus verständlich sind, findet sie einen Trick, um den schwierigen Text zu verstehen: Sie ersetzt alle Fachausdrücke durch „hmhm“. Genial! So gelingt es ihr herauszufinden, was die Autorin eigentlich ausdrücken will: Wer einen posthypnotischen Befehl auslösen will, braucht ein Codewort. Und wer den Befehl ausschalten will, muss ebenfalls ein Codewort rufen, um den Hypnotisierten zu erlösen.

Violet braucht weniger als zehn Sekunden, um zu erkennen, dass Klaus einen posthypnotischen Befehl erhalten hat, der ihn zum Roboter macht. Sie braucht wesentlich länger, um die beiden Codewörter herauszubekommen. Das erste kommt im Firmennamen vor …

SPOILER ENDE

Die Assoziationen mit „Metropolis“ und George Orwells „1984“ erinnern an Roboter, die dem „Big Brother“ gehorchen. Ihnen entspricht die Figur des umgewandelten Klaus. Klaus braucht dringend eine Maria, die ihn erlöst. Violet gelingt dies, indem sie seine Fähigkeiten bei sich selbst anwendet (siehe SPOILER). Aber im kritischen Moment muss sich Klaus selbst helfen. Dies gelingt ihm nur, indem er Violets Fähigkeit des erfinderischen Ingenieurdenkens anwendet. Beide wachsen über sich selbst hinaus, aber nur im Teamwork. Dadurch erlangen sie die Freiheit.

Es ist wirklich eine schöne Lektion, die der Autor hier erteilt und in anschauliche Szenen verpackt. Leider dauert es eine ganze Weile, bis er mit seinem Gejammer, Philosophieren und Dozieren aufhört und zum Erzählen kommt. Dass er ständig komplizierte Wörter wie „exzessiv“ erklärt, kennen wir schon aus den Vorgängerbänden. Das ist für Kinder lehrreich. Das Dozieren hingegen ist lästig. Bis die Action endlich anfängt, kann der Leser lange warten. Das Finale ist entsprechend kurz.

_Unterm Strich_

„Die unheimliche Mühle“ ist über weite Strecken eine Enttäuschung gewesen. Die betrüblichen Ereignisse, die den Waisen zustoßen, sind ja sattsam bekannt und entsprechend erwartet, doch die langen Kommentare dazu hätte sich der Autor sparen können. Es ist schlimmer als Charles Dickens.

Denn die Geschichte an sich funktioniert wirklich gut. Sie hat Anklänge an Fritz Langs „Metropolis“ von 1926 und an George Orwells „1984“ von 1948. (Die Details habe ich oben dargelegt.) Aus ihrer misslichen Lage können sich die Waisen nur gegenseitig erlösen, denn sonst hilft ihnen keiner. Der „Optimist“ (Phil) lügt sich resignativ in die Tasche, der „Partner“ kuscht vor dem Boss, und der Vorarbeiter Flacutono spielt den Sklaventreiber. Wie schon so oft müssen sich die Waisen selbst helfen.

Man könnte die geschilderten Verhältnisse als satirische Übertreibung frühkapitalistischer Arbeitszustände deuten, wie sie in manchen US-Konzernen (bitte Michael Moore fragen!) inzwischen wieder Gang und Gäbe sein sollen. (Im nächsten Band „Die schreckliche Schule“ werden auf ähnliche Weise die Zustände an einer „Akademie“ bzw. in einem Internat angeprangert.)

Doch nun lautet die Preisfrage: Wo steckt Graf Olaf? Ich empfehle einen Arztbesuch bei Dr. Georgina Orwell und ihrer in jeder Hinsicht „reizenden“ Sprechstundenhilfe Shirley … Rette sich, wer kann.

|Originaltitel: A Series of unfortunate Events: The miserable Mill, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Birgitt Kollmann|

Michelle Paver – Wolfsbruder (Chronik der dunklen Wälder 1)

Die Wälder vor 6000 Jahren erstrecken sich von einem Ende der Welt zum anderen, voller lebendiger Seelen – außer einer … Der zwölfjährige Torak erhält von seinem sterbenden Vater den Auftrag, den Berg des Weltgeistes zu suchen. Nur so kann die böse Macht aufgehalten werden, die in den Wäldern für Angst und Schrecken sorgt.

Zusammen mit einem jungen Wolf macht sich Torak auf den Weg, um seine gefahrvolle Aufgabe zu erfüllen. Er stößt auf Feinde, doch zum Glück findet er in Renn auch eine verlässliche Freundin. Nur gemeinsam kann es ihnen gelingen, die Prophezeiung vom Auftrag des „Lauschers“ erfüllen.

Die Autorin

Michelle Paver – Wolfsbruder (Chronik der dunklen Wälder 1) weiterlesen

Snicket, Lemony – Seufzersee, Der (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 3)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 3 erzählt von ihren schrecklichen Abenteuern am großen Seufzersee, wo ihnen der fiese Kapitän Talmi nachstellt, um an ihr Vermögen zu gelangen.

_Der Autor_

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

|Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:|

1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

_Der Illustrator_

„Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs in Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute in New York City. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die „New York Times“ und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Tante Josephine hat ein bemerkenswertes Domizil: Ihr Häuschen ist auf der Spitze eines Hügels beziehungsweise einer Klippe erbaut, der oder die den See in stolzer Höhe überragt. Das Häuschen wird von wackelig aussehenden Stelzen gestützt, als befände es sich in den Hügeln von Hollywood. Ob es wohl den heranziehenden Hurrikan Hermann, von dem der Taxifahrer den Kindern erzählt, überstehen wird? Irgendwie wagt man das zu bezweifeln.

Tante Josephine ist nicht ganz das, was sich die Kinder unter einem Vormund, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte, vorstellen. Die Witwe hat so viele Ängste, das sie sich kaum zu bewegen traut und kaum aus dem Haus geht. Sie stellt weder Heizung noch Kochherd an, aus Angst, das Ding könnte explodieren. Folglich bleibt die Küche kalt, und kalte Gurkensuppe ist sicherlich nicht das wohlschmeckendste aller Gerichte. Auch das Telefon rührt die Tante nicht an, aus Angst, es könnte ihr einen elektrischen Schlag versetzen. Ihr verstorbener Mann, den sie auf dem See verloren hat, hatte sich immer um diese Dinge gekümmert.

Das Einzige, dem sich die Tante mit ganzem Herzen hingibt, ist die Grammatik. Nichts geht ihr über einen wohlgeformten Satz, in dem jedes Wörtchen an seinem korrekten Platz und in seiner korrekten Form sitzt. Kaum eine Minute vergeht, in der sie nicht eines der Kinder korrigiert. Kein Wunder, dass die drei Kinder schon bald völlig genervt sind.

Tantchen hat eine riesige Bibliothek. Klaus, die Leseratte, freut sich schon auf neue Hirnnahrung, muss aber enttäuscht feststellen, dass sämtliche Werke nur mit – was wohl? – Grammatik zu tun haben. Die Bibliothek verfügt über ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und einen beeindruckenden Ausblick auf den düsteren Seufzersee gewährt. Düster auch deswegen, weil sich darin die gefräßigen Seufzerseesauger, eine Art Blutegel mit Zähnen im Maul, tummeln. Sie sind es, die Tantchens Mann Ike auf dem Gewissen haben …

Wie sollte es anders sein, so stoßen die Kinder auch auf den unvermeidlichen Grafen Olaf. Doch wie er da im Supermarkt vor ihnen steht, würde niemand in ihm den Erbschleicher vermuten: Er sieht aus wie ein Seemann, der Pirat spielt: Er trägt ein Holzbein und eine Klappe über dem einen Auge. Er sei jetzt im Bootsverleih tätig, behauptet er und überreicht ihnen seine Visitekarte. Tantchen Josephine macht ihn sofort auf einen kolossalen grammatikalischen Fehler aufmerksam: Statt „dass“ hat er „das“ geschrieben.

Graf Olaf ist kein Mann, der Kritik wegstecken kann, aber er reißt sich am Riemen und bedankt sich artig für die Belehrung. Tante Josephine ist so angetan von „Kapitän Talmis“ Charme, dass sie überlegt, ihn zum Essen einzuladen. Entsetzt versuchen die Kinder, als sie wieder daheim sind, ihr diese Idee auszureden. Sie befürchten, der Graf werde sie wieder entführen, wie er es schon einmal versucht hat. Doch zu spät: Kapitän Talmi* kündigt sich bereits per Telefon an, dessen Hörer Violet abgenommen und dann der Tante gegeben hat.

Wenig später klopft es an der Tür …

* Liebe Kinder: Ich mache es wie der Autor und erkläre euch, was das Wort „Talmi“ bedeutet. Darunter versteht man so etwas wie einen Falschen Fuffziger, also etwas, das vorgibt etwas anderes, Wertvolleres zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Im Original der Visitenkarte, die im Buch abgebildet ist, steht „Captain Sham“, wobei „sham“ fast das gleiche wie Talmi bedeutet.

_Mein Eindruck_

Zunächst lässt sich das Buch an wie eine jener Jammergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, wie sie die Viktorianer so gerne schrieben, um das Bürgertums für das Elend der mehr oder weniger arbeitslosen Massen zu interessieren und an seine Wohltätigkeit zu appellieren. „Oliver Twist“ ist der klassische Fall solcher Literatur.

Doch dieses Bild hat einen kleinen Webfehler: Violet, Klaus und Sunny kommen selbst aus dem gehobenen Bürgertum, sind jedoch durch den Elternverlust auf die Herzensgüte ihrer diversen Verwandten angewiesen. Und diesen kann man nicht unbedingt Tauglichkeit für diese Aufgabe bescheinigen. Tante Josephine versteht erstens nichts von Menschen bzw. Kindern und ist zweitens so von Angst zerfressen, dass sie keinerlei Initiative aufbringen kann, wenn es darauf ankommt.

|Yankees, bitte vortreten!|

Hier ist bei den Kindern mal wieder der Unternehmergeist des Yankees gefragt. Am eigenen Schopf müssen sie sich wie weiland ein gewisser Baron aus dem Sumpf ziehen. Das Fenster der Bibliothek mag zerbrochen sein, ein Hurrikan mit aller Macht losbrechen, doch ein Yankee darf dennoch nicht verzagen. Klaus braucht zwar eine Weile, bis er die erste Lösung findet, doch dann hat er eine klare Handlungsanweisung. Der Schlüssel dazu ist seine eigene scharfsinnige Menschenbeobachtung.

Tante Josephine ist eine Person, die in Grammatikfragen viel zu pingeling ist, als dass sie einen vor Fehlern nur so strotzenden Abschiedsbrief vor ihrem mutmaßlichen Selbstmord (Sturz durchs Fenster) verfasst hätte. Nein, die einzige Erklärung für diese Diskrepanz liegt für Klaus darin, dass die Fehler mit Methode eingefügt wurden: eine Geheimbotschaft …

Beim Zweikampf auf dem See, als zugleich Kapitän Talmi, der Hurrikan und die gefräßigen Blutegel das Boot der Kinder angreifen, bewährt sich vor allem Violet. Mit ihrem erfinderischen Ingenieursverstand fällt ihr die rettende Lösung ein. Etwas bizarr mutet ihr Tun schon an, aber Hauptsache, es funktioniert und erfüllt seinen Zweck.

|Das Versagen der Erwachsenen|

Leider wird das heldenhafte Durchhalten der Kinder durch das Verhalten der Erwachsenen untergraben. Das Nervenbündel Tante Josephine hat den fiesen Tricks des piratenhaften Kapitän Talmi alias Graf Olaf (man stelle sich einen boshaften Jim Carrey vor!) rein gar nichts entgegenzusetzen. Ihre Angst lässt nur Flehen um das eigene Leben zu: Die Kinder sind entsetzt, sich so verrraten und verkauft zu sehen. Nicht einmal Tantchens geliebte Grammatik hilft ihr nun – im Gegenteil: Graf Olaf trickst sie durch ihre eigene Überkorrektheit aus. Merke: Wer der Welt entfremdet ist, kommt darin um.

Nicht einmal Mr. Poe glaubt, dass es sich bei Kapitän Talmi und Graf Olaf um ein und dieselbe schreckliche Person handelt. Hier kommt dann die kleine Sunny zum Zuge. Sie bringt ihre kräftigen vier Beißerchen zu einem entlarvenden Einsatz, der die Wahrheit ans Licht bringt. Merke: Erwachsene sind so dumm, dass sie nur ihren eigenen Augen trauen, denn Kinder haben nichts zu melden.

Neben logischem Denken (Klaus) und Erfindungsreichtum (Violet) sind also zum Überleben auch Mut und Körpereinsatz (Sunny) vonnöten. Ende der Lektion. Power to the kids!

|Übersetzung und Illustrationen|

Noch immer ist nicht ganz klar, in welcher Epoche sich das Geschehen abspielt. In Seufzersee fahren zwar Taxis und es gibt Telefone, aber ansonsten könnte sich die Handlung auch im 19. Jahrhundert abspielen. Dem angemessen sind die Illustrationen, die Brett Helquist passend stilisiert hat, als wäre die Epoche das frühe 20. Jahrhundert: Der Mann auf Seite 189 trägt einen Zylinderhut.

An der Übersetzung von Klaus Weimann gibt es nichts auszusetzen, und ich konnte keine Fehler entdecken. Hier wurde sorgfältig gearbeitet.

_Unterm Strich_

An dieser „Reihe betrüblicher Ereignisse“ gibt es zunehmend weniger auszusetzen. Der dritte Band ist vielmehr die reine Freude. Der Leser darf sich durch rätselhafte Aktionen, geheime Botschaften, falsche Identitäten, eine bedrohliche Natur und den finalen Showdown angemessen unterhalten fühlen.

Kinder hingegen können hier eine ganze Menge lernen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten der drei Hauptfiguren, sondern auch die Sprache. Es ist eine Eigenart der Bücher von „Lemony Snicket“ (dies ist selbstverständlich ein nach Dickens klingendes Pseudonym), dass sich der Chronist der „betrüblichen Ereignisse“, der sich am Schluss wieder per Brief an den Finder und Herausgeber seiner Aufzeichnungen wendet, die schwierigen Wörter, die er benutzt, erklärt.

Dies können durchaus auch seltene Wörter sein, zum Beispiel „phantasmagorisch“. Kein normaler Mensch würde dieses Wort benutzen, geschweige denn wissen, was es bedeutet. Vielleicht kann ja auch der eine oder andere Erwachsene noch etwas dazulernen, wenn er Snickets gesammelte Aufzeichnungen liest.

|Hinweis|

Die Abenteuer der leidenden Waisen gehen weiter und führen sie im nächsten Band zur „unheimlichen Mühle“. Darin kommen ein Jeep vor, ein Observatorium, Hypnose, ein Chirurgen-Mundschutz und 68 Kaugummis. Des Rätsels Lösung folgt demnächst. Das Buch ist im Februar 2005 erschienen. Ich werde darüber berichten.

|Originaltitel: A Series of unfortunate Events – The wide Window, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann, illustriert von Brett Helquist|