Archiv der Kategorie: Magie und Esoterik

Hoffmann, Claas – Nuit. Aleister Crowley\’s Liber AL and the Thoth Tarot. Band 1 / Volume 1

Fürst Claas vom Mars, wie sich der Autor nennt, gibt sich in seinem Arbeitsbuch „Nuit“ mal wieder die Ehre als Schriftsteller. Der Allroundkünstler machte sich bereits in den Sparten Musik, Skulptur, Malerei und Literatur einen Namen.

Das vorliegende Werk ist deshalb ein Arbeitsbuch, weil es meines Erachtens dazu anregt, über die von Hoffmann behandelte Thematik nachzudenken und sie selbst auszuprobieren. Claas Hoffmann nimmt sich Aleister Crowleys Werk als Ganzes vor, versucht Verbindungen aufzuzeigen und mitunter neue, spannende Deutungen zu geben. Seine Herangehensweise ist gerade nicht die vieler anderer Autoren in diesem Genre, die nur das Liber AL oder das Buch Thoth oder das Buch der Lügen kommentieren. Hoffmann geht akribisch vor: Er schürft in Crowleys wichtigsten Werken nach ihren Beziehungen untereinander, um neue, durch seinen kreativen Umgang hervorgebrachte Interpretation vieler thelemitischer Ideen vorzustellen. Hoffmanns Ausführungen zeugen von einer etwas schieferen Sicht auf das Ganze. Ergebnis sind leicht verständliche Einführungstexte zu den 66 Versen des ersten Kapitels des Liber AL und damit korrespondierenden Collagen, bestehend aus den Karten des Thoth-Tarots. Hoffmann verquickt die poetischen Verse mit den Bildern und Symbolen aus dem Tarot und erzeugt eine bisher einmalige Synthese. Er bricht einerseits starre Einzelbedeutungen der Karten auf und bringt durch die Zusammensetzung der symbolischen Fasern zusätzliche Deutungsmöglichkeiten hervor.

Hoffmanns Arbeit erweckt einmal mehr den Eindruck eines notwendig gewordenen, kreativen Umgangs mit Offenbarungen in Crowleys Manier. Er geht dabei als Künstler an das Liber AL heran, was einem vergleichbaren Werk voller Poesie und Allegorie bestimmt gerecht wird. „Nuit“ ist aber nicht zuletzt deshalb auch ein Arbeitsbuch, weil es eine unkonventionelle und erfinderische Handhabung der Thelema-Philosophie begünstigt; als neu-aeonisch ist das durchaus zu bezeichnen, denn Fürst Claas vom Mars zeigt, dass Thelema keine religiös verbrämte Pseudooffenbarung ist, sondern eine kreativ-philosophische Methode, die in einer reflektierten Lebenskunst aufgehen kann.

Das Buch enthält neben den Collagen und den Begleittexten in deutscher und englischer Sprache auch einige Essays zum Thema Thelema und Anthroposophie u.v.m. Auf weitere Bände ist zu hoffen; das Liber AL bietet mit den Kapiteln „Hadit“ und „Ra-Hoor-Khuit“ ja noch genug Möglichkeiten.

http://www.akron.ch
http://de.wikipedia.org/wiki/Liber__AL__vel__Legis
http://de.wikipedia.org/wiki/Thelema
http://de.wikipedia.org/wiki/Aleister__Crowley

Butler, Walter E. – Das ist Magie

_Interessanter Briefwechsel, praktische Anleitungen_

Kritische Auffassung eines kulturhistorischen Phänomens gefällig? Dazu: Praktische Anleitungen und Erklärungen, was Magie eigentlich ist – anspruchsvoll zusammengetragen? Dieses Buch bietet beides. Welches andere Werk, in unseren Kreisen liebevoll verkürzt „Der Butler“ genannt, könnte sonst gemeint sein? In diesem Fall gibt es einfach keine Doppeldeutigkeit.

Die Originalität und der fachlich-inhaltliche Wert dieses Buches sind eindeutig, der Text gut verständlich. Der Autor hat es geschafft – und diesen Anspruch teilt er nicht unbedingt mit allen Kollegen dieses Genres –, die in der Praxis anwendbare Magie, wie er es nennt, und ihre theoretischen Hintergründe (z.B. Kabbala) für einen breiten Empfängerkreis erschließbar zu machen.

Seine Methode? Er nutzt zum einen bewusste Stimuli in seinem Werk, die einen blutigen Anfänger und gesellschaftlich abgestumpften Vertreter der wollenden, aber leider nicht mehr könnenden Kategorie in die Bereiche seines eigenen Selbst führen, z. B. mittels Meditationsanleitungen. Zum anderen erhebt Butlers Buch durchaus den Anspruch, den in das Phänomen „Magie“ eingeweihten Lesern keine Durststrecken der Langeweile zu bescheren.

Man erfährt praktische Hinweise zu Techniken wie Meditation, Kontemplation, Visualisation, Projektion, usw. – im Prinzip ist das Buch eine umfassende Anleitung der kompletten Bandbreite westlich-magischer Grundlagen. Mit dem ersten Teil, „Einweihung in die Magie“, beschreibt Butler die besagten Grundlagen in Form eines Briefwechsels. Der zweite Teil, „Magie und Kabbala“, dient mehr dazu, dem Leser die geschichtlichen Hintergründe der Kabbala näher zu bringen. Im ersten Teil des Buches geht es um Magiepraxis, im zweiten um Magietheorie.

Bereits in der Einleitung – verfasst von Dolores Ashcroft-Nowicki (ebenso kein unbeschriebenes Blatt in diesem Bereich) – wird deutlich gemacht, welchen angenehmen Geist Butler zu Lebzeiten vertrat und wie weitreichend seine Arbeit, auch viele Jahre nach seinem Tode, war. Zusammenfassend: „Das ist Magie“ von Walter E. Butler gehört meines Erachtens zu den besten Werken aus dem Bereich moderner Magie.

Carter, John – Raumfahrt, Sex und Rituale. Die okkulte Welt des Jack Parsons

Ein wunderlicher Titel, der aber nichts mit merkwürdiger Science-Fiction zu tun hat, sondern sehr treffend beschreibt, was das Werk des in Deutschland nicht sehr bekannten Okkultisten beinhaltet. Lediglich im Magazin „Mescalito“ wurden in den achtziger Jahren Texte von Parsons veröffentlicht, mittlerweile wird man dank des Internets allerdings eher fündig.

Jack Parsons (bürgerlich John Whiteside Parsons, 1914 – 1952) war führendes Mitglied des OTO (Ordo Templi Orientis) und Lieblingskind Aleister Crowleys. Er schrieb das „Buch Babalon“, welches als viertes Kapitel des „Liber Al“ gilt und damit zum Vorläufer der Maat-Magick von Soror Nema wurde. L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology, arbeitete sehr eng mit ihm zusammen und brannte dann aber 1947 mit Parsons Frau und einem Batzen Geld durch, eine Aktion, die einen „magischen Krieg“ nach sich zog. Das Grundgerüst der Scientology stammt insgesamt vom OTO, wurde allerdings so verändert, dass kein direkter Zugang in die hierarchische Spitze mehr möglich ist. Parsons war ein typischer Anti-Christ, der stark gegen die repressive Sexualmoral des Christentums rebellierte, damit in der Boheme starken Anklang fand und in der Öffentlichkeit ebenso wie Crowley mehrfach für Skandale sorgte. Neben der Erforschung astraler Welten lag sein Hauptinteresse bei der Sexualmagie. Er versammelte neben Okkultisten eine Szene aus Hollywood-Schauspielern, Literaten und allen möglichen gesellschaftlichen Aussteigern. Schwarzmagier oder Satanist war er nicht, er bezeichnete sich selbst – noch über den OTO hinaus – immer als Angehörigen der „Witchcraft“, des Hexenkultes und favorisierte anstatt der traditionellen 13 Mitgliedern eines Covens nur 11, d. h. ein demokratisches Gefäß ohne die amtierende, vorstehende Priesterschaft. Die größte Bedeutung für die okkulte Welt stellte sein so genanntes „Babalon-Working“ dar, ein sexualmagisches Experiment, welches die Erzeugung des von Aleister Crowley beschriebenen „Mond-Kindes“ umfasst. Dies stieß auf große Skepsis sowohl bei „Onkel Aleister“ wie auch im gesamten damaligen OTO. Den Anhängern Parsons‘ gemäß, verlief dieses Experiment erfolgreich und Babalon inkarnierte in der Folge auf der Erde in der Gestalt von Marjorie Cameron, die als „Scarlett Woman“ an Parsons‘ sexualmagischen Riten direkt beteiligt war. Cameron war bis zu ihrem Tod Ende der neunziger Jahre eine Ikone der alternativen Kunstszene Amerikas – zu sehen in Filmen von Kenneth Anger – und stand in engem Zusammenhang mit dem heutigen OTO der „Caliphats“-Linie um William Breeze als amtierendem Oberhaupt.

Im bürgerlichen Leben war Parsons Wissenschaftler und führender Raketenforscher, der für Amerika die Treibstoffe des Raumfahrtprogramms entwickelte. Er arbeitete in den USA nach dem 2. Weltkrieg sehr eng mit den deutschen Raketenforschern zusammen und es gibt sehr viele Anhaltspunkte, dass er am „Philadelphia-Experiment“, den ganzen „Montauk“-Geschichten und der UFO-logie maßgeblich beteiligt war. 1952 starb er bei einer Explosion in seinem Labor, was bis heute zu vielen Spekulationen führte, dass es sich um keinen Unfall gehandelt habe, sondern um Mord. Er war Mitbegründer des |Jet Propulsion Laboratory| (JPL), heute noch eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen der NASA, und ebenso der |Aerojet Corporation|. Ein Mondkrater wurde übrigens ebenfalls nach ihm benannt, in Anerkennung seiner Dienste.

Dadurch ist die vorliegende Biografie sehr vielschichtig, denn sie behandelt den Wissenschaftler Parsons, mit trockenen Kapiteln zur Raumfahrtgeschichte und Militärtechnik, abwechselnd mit Betrachtungen zum spannenden Leben in der anarchistischen politischen Subkultur der Bohemiens, Literaten und der okkulten Szene. In Deutschland ist Parsons nach wie vor erst noch zu entdecken. Sehr ausführlich wird seine „Babalon“-Arbeit beschrieben, die für an Sexualmagie Interessierte kundige Details für rituelle Arbeiten bieten. Das Vorwort zur Biografie stammt von niemand Geringerem als Robert Anton Wilson, dem Autor der „Illuminatus“-Trilogie: |“Dieses Buch erzählt die Lebensgeschichte eines sehr merkwürdigen, sehr brillanten, sehr komischen, sehr gequälten Mannes, der mindestens drei hauptsächliche Berufe (oder Berufungen) hatte … Er agierte als Wissenschaftler, als Okkultist, als politischer Dissident und oft als ein schlichter verdammter Idiot (genau wie Du und ich) …“|

Englische Parsons-Seite zum Babalon-Working, mit Texten über Parsons: http://www.babalon.net.

Mace, Stephen – Dem Himmel das Feuer stehlen

„Dem Himmel das Feuer stehlen“ – ein solcher Titel lässt vor meinem inneren Auge Prometheus erscheinen, wie er – dem Verbot des „Allvaters“ Zeus zuwiderhandelnd – das Feuer der Erkenntnis vom Sonnenwagen des Helios stiehlt, um es den von ihm geschaffenen Menschen zu schenken. Der Untertitel „Eine Technik zur Erschaffung individueller Zaubersysteme“ scheint ebenfalls Großes zu verheißen: Hat der amerikanische Magier Stephen Mace hier tatsächlich eine Art richtungsweisendes Modell entwickelt, welches es dem willigen Adepten ermöglicht, ein individuelles, auf ihn persönlich ausgerichtetes Zaubersystem maßzuschneidern? Und falls ja, läuft dies gar auf einen prometheischen Akt hinaus, welcher die schöpferische Kraft den „göttlichen“ Entitäten entreißt, um sie wieder in die Hände des Menschen zurückzulegen?

Um die Antwort gleich vorweg zu geben: Nein, Mace tut etwas ganz anderes. Wer mit dem Titel dieses dünnen Buches aus dem |Bohmeier|-Verlag ähnliche Dinge assoziiert hat wie ich, braucht ab hier eigentlich gar nicht mehr weiterzulesen. Andererseits sind persönliche Erwartungen immer eine recht subjektive Angelegenheit. Lassen wir den Titel also mal außen vor und schauen, was das Buch inhaltlich zu bieten hat.

„Dem Himmel das Feuer stehlen“ ist laut Auskunft des Autors eine Synthese aus den magischen Lehren von Abramelin, Aleister Crowley, Austin Osman Spare sowie der persönlichen Erfahrungen von Stephen Mace selbst. Das Resultat dieser Verschmelzungsarbeit beruht, wie bereits zu Beginn des Buches deutlich wird, auf einem einzigen magischen Paradigma: Dem so genannten „Geistermodell“. Dieses Modell ist bezeichnend für den traditionellen Schamanismus, aber auch (zumindest teilweise) für Magier wie Franz Bardon oder Gregor A. Gregorius, sowie die Magie des |Golden Dawn| und des O.T.O. (vgl. etwa „Schule der hohen Magie“ von Frater V.D.). Es basiert auf der Grundannahme, der Magier interagiere mit real existierenden, externen Wesenheiten. Mace fügt hier noch ergänzend hinzu, dass wir „Geister“, „Götter“ und „Dämonen“ auch als Aspekte unserer Psyche interpretieren könnten. Der inhaltliche Rahmen ist jedoch festgesteckt – daran kann angesichts der im Buch vorgestellten Techniken überhaupt kein Zweifel bestehen. Paradigmenwechsel werden hier gar nicht erst in Betracht gezogen.

Ich werde im Folgenden nicht die praktische Effizienz der einzelnen beschriebenen Techniken bewerten. Ob und inwiefern Magie im Einzelnen funktioniert, ist eine Frage der persönlichen Überzeugung und Erfahrung. Zur Debatte steht allerdings sehr wohl, was Mace verspricht, und was er davon einhalten kann. (Es ist ein beliebter Trick in der Okkultbranche, sich auf vage Andeutungen zu beschränken, um auf kritische Nachfrage hin zu verkünden, der „wahre“ Adept würde sich das Nötige schon von selbst zusammenreimen.) In erster Linie geht es hier also um folgende Leitfragen:

* Ist das von Mace beschriebene Modell in sich schlüssig und kohärent?

* Vermittelt es Inhalte und Techniken, welche in dieser Form neu sind?

* Kann der Leser anhand dieses Modells ein vollständiges Zaubersystem erschaffen, oder benötigt er darüber hinausgehend noch weitere Informationen?

Was mir gleich zu Beginn negativ auffällt: Viele Kapitel sind nur ein oder zwei Absätze lang. Dies führt unter anderem dazu, dass dieses Buch es bei gerade einmal 78 Seiten auf stolze 23 Kapitel bringt. Ich zitiere mal das vollständige (!) Kapitel Nr. 3, „Das Feuer vom Himmel stehlen“:

|“In diesem Essay bieten wir eine Technik an, welche Individuen dazu benützen können, um exakt auf ihre eigenen unbewußten Realitäten zugeschnittene Zaubersysteme zu erschaffen. Indem er unseren Anweisungen folgt, kann der Leser (oder die Leserin) sein unter der Bewußtseinsschwelle liegendes Selbst dazu anregen, seine eigenen Symbole zu entwerfen, um die Kräfte, die er darin findet, darzustellen. Sein Resultat wird in der Essenz eine persönliche Sprache der Kraft sein, eine, die nur für ihn selbst von Bedeutung ist, doch voll Potential, da es seine eigene Seele ist, die sich auf diese Art und Weise ausdrückt.“|

Es geht also um die Erschaffung persönlicher Symbolismen innerhalb des Paradigmas „Geistermodell“, nicht etwa um die „Erschaffung persönlicher Zaubersysteme“. Letzteres würde nämlich implizit voraussetzen, dass jeder Magier mit dem Geistermodell arbeitet. Wenn man davon einmal absieht, besteht aber immerhin noch die Möglichkeit, dass Mace ein paar interessante Anregungen zur Erschaffung persönlicher Riten vermittelt.

Zunächst erläutert Mace, dass Magie a) das Führen eines magischen Tagebuchs und b) hartes Training erfordert. Soweit nichts Neues. Sodann stellt Mace ein Bannungsritual vor, welches ihm vorgeblich durch seinen Lehrer Frater O.T.L. übermittelt wurde. Bei diesem vorgefertigtem Ritual fallen mir spontan zwei Kritikpunkte auf: Zum einen ist es keineswegs erwiesen, dass Bannungsrituale überhaupt notwendig sind (vgl. etwa Frank Lerch). Zum anderen mag es tatsächlich einen bestimmten Glaubenssatz im Unterbewusstsein verankern, wenn man sich regelmäßig vorstellt, man sei von einer Hülle aus weißem Licht umgeben. Weshalb dies aber nun dazu führen soll, „viele der gewohnten Abwehrhaltungen aufzugeben“, ist mir auch nach wiederholter Lektüre nicht ganz klar.

Im nächsten Kapitel, „Beschwörungen“, erläutert Mace, wie ein Magier seine psychische Energie kanalisieren soll, um Veränderungen gemäß seines Willens zu bewirken. Die zu beschwörenden „Geister“ stehen innerhalb dieses Paradigmas für die einzelnen Aspekte der eigenen Psyche. Mace geht hier von einem dualistischen Prinzip aus: Stärke, was gut für dich ist, und schwäche, was schlecht für dich ist. Gerade aus psychologischer Sicht ist diese Strategie jedoch äußerst zweifelhaft. Unsre „schlechten Angewohnheiten“ resultieren nämlich oftmals aus unbewussten Ängsten, Wünschen und Sehnsüchten, welche eigentlich etwas Positives für uns bedeuten. Das Problem ist also eher kommunikativer Natur, weil wir uns in diesen Fällen nicht bewusst machen, was wir |eigentlich| wollen. Anstatt den „inneren Schweinehund“ (wer will schon so genannt werden?) zu exorzieren, sollte man sich also lieber mit ihm symbolisch in Verbindung setzen, um ihn zu befragen, weshalb er sich so verhält, wie er es tut.

Leider stellt sich an dieser Stelle auch heraus, dass Mace sein magisches Modell auf Moralvorstellungen aus der judäochristlichen Mystik stützt:

|“Wenn du Magie benutzt, um ‚zu bekommen‘ (ob Reichtum, deinen Fick oder deine Rache), statt ‚zu erkennen‘ oder ‚einzutauschen‘ oder ‚zu machen‘, wirst du eine Mauer zwischen dir und dem Rest des Universums errichten – zwischen dem Empfänger und dem Empfangenen – und dich auf diese Weise von der Quelle deiner Kraft ausschließen.“|

Auf die Idee, dass auch das individuelle Selbst eine Quelle der Kraft sein kann, scheint Mace noch nicht gekommen zu sein. Da ist es natürlich um so verständlicher, dass er noch kurz zuvor behauptet hat, in der magischen Theorie verschmelze „unser unbewußtes Gemüt letztendlich mit jenem Gottes“.

Die traditionellen Magiesysteme (Mace nennt hier Kabbala, Voodoo und Rosenkreuzertum) haben bei ihren Beschwörungen mit der Technik ritueller Identifikation gearbeitet. Mace stellt als Alternative das Prinzip von Austin Osman Spares „aktivem Vergessen“ vor. Im anschließenden Kapitel folgt dazu noch eine Anleitung zur Sigillenerschaffung gemäß Spares Ideen. Diese Technik wurde bereits in etlichen anderen Büchern |en detail| beschrieben, weshalb ich hier auf eine erneute Wiederholung verzichte.

Im nächsten Kapitel geht es um die „errettende Gnade des Fehlschlags“. Hinsichtlich eines Argumentes muss ich Mace hier absolut beipflichten: Anstatt sich seinen Willen passiv von der Welt aufoktroyieren zu lassen, ist es auf jeden Fall besser, zunächst an sich selbst zu arbeiten. Ansonsten besteht stets die Gefahr, dass Wünsche in Erfüllung gehen, die man bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht gehabt hätte. {Anm. d. Lekt.: Willkommen in der Konsumgesellschaft.}

Ansonsten kommen hier wieder die Moralvorstellungen des Weißlicht-Magiers durch: Handle nie selbstsüchtig, attackiere andere nur zu Verteidigungszwecken usw. Als Beispiel führt er Kollegen an, welche diese Grundsätze missachteten, und danach „Schicksalsschläge“ erlitten. Ich bin überzeugt: Wenn diese Kollegen nicht fiktiver Natur sind, dann haben sie zumindest seine moralischen Prinzipien geteilt. Wer davon überzeugt ist, in magischer Weise „gesündigt“ zu haben, muss sich auch nicht wundern, wenn der Schaden dreifach zurückkommt.

Nachdem die theoretische Basis errichtet wurde, geht es nun an die rituelle Praxis. Mace bekräftigt noch einmal, dass sein Modell auf der psychologischen Ebene arbeite. Die dabei nun folgenden Kapitel über das automatische Zeichnen, das Konzipieren persönlicher Buchstaben, die Astralprojektion, den heiligen Schutzengel, die Todesstellung und die Erstellung von Talismanen haben alle eines gemeinsam: Nach der Lektüre ist man zwar informiert, was die einzelnen Techniken bezwecken sollen, und wer dies in der magischen Historie bereits getan hat, aber wie man dies selbst konkret bewerkstelligen soll, bleibt weiterhin offen. Meist bleibt es bei Anmerkungen wie „lade eine Sigille darauf und meditiere über das Ergebnis“. Mich hat beim Lesen öfter das Gefühl beschlichen, dass Mace mit Vorliebe dann ein neues Kapitel beginnt, wenn es eigentlich zum Kern der Sache kommen müsste.

Ich will nicht abstreiten, dass Maces Beschreibungen der einzelnen Themenbereiche durchaus in sich schlüssig sind, aber für Anfänger sind seine Ausführungen aufgrund der geringen Informationsdichte ungeeignet, und wer sich entweder anderweitig oder autodidaktisch das entsprechende Wissen angeeignet hat, braucht „Dem Himmel das Feuer stehlen“ nicht mehr.

Die abschließenden Betrachtungen von Mace zu Thelema sowie sein „Ritual des Ungeborenen“ sind im Grunde am Thema vorbei geschrieben. Um zu meinen obigen Leitfragen zurückzukehren:

Das Buch ist in einer pragmatischen Sprache gehalten, und grobe logische Schnitzer sind mir nicht aufgefallen. Die Übergänge und Abgrenzungen zwischen den Symbolismen des Geistermodells und seinen psychologischen Grundlagen werden jedoch bestenfalls angerissen. Wirklich neu waren für mich nur die Ausführungen zu einigen Techniken von Spare, was aber vermutlich daran liegt, dass ich Spare bisher noch nicht im Original gelesen habe. Zu den moralischen Überzeugungen von Mace habe ich mich ja oben schon geäußert.

Es heißt zwar „Don`t judge a book by its cover“, aber es ist wohl nicht besonders unfair, wenn ich nach der Lektüre von „Dem Himmel das Feuer stehlen“ sage, dass ich gerne mal ein Buch über die Erschaffung individueller Zaubersysteme gelesen hätte.

Ramsland, Katherine – Vampire unter uns

Bram Stoker veröffentlichte 1897 einen Roman, der gleichzeitig den Höhepunkt und das Ende der Gothic Novel bezeichnen sollte: [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210. Stokers Figur des Vampirs hat unsere Wahrnehmung der Blutsauger so nachhaltig geprägt, dass die Worte „Dracula“ und „Vampir“ in vielen Fällen synonym verwendet werden. Dracula ist ein Verführer, aber auch ein ruchloser Killer. Besonders interessant an Stokers Roman ist die Tatsache, dass der Vampir nur im ersten Drittel wirklich auftaucht. Danach glänzt er durch Abwesenheit und wird durch die Beschreibung der handelnden Figuren nur noch mysteriöser, grausamer, blutgieriger und unbesiegbarer. Stokers Dracula ist ein Monster, das nichts anderes verdient hat, als am Ende des Buches zu Staub zu zerfallen.

Doch wollen wir heutzutage wirklich noch, dass der Vampir am Ende unterliegt? Es scheint nicht so und ein Beweis dafür sind die erfolgreichen Vampir-Romane von Anne Rice („Die Chronik der Vampire“). Sie hat die leblose Gestalt des Untoten in eine moderne Figur verwandelt, mit der sich der Leser tatsächlich identifizieren kann. Ihre Vampire sind empfindsam, sie stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie wollen ihre eigene Existenz erforschen und sie fühlen sich von der Unendlichkeit und Einsamkeit ihres Daseins erdrückt. Dies alles scheinen Eigenschaften zu sein, die heutige Leser ansprechen – so weit ansprechen, dass sie sich selbst wünschen, Vampire zu sein.

Katherine Ramsland kennt sich mit Vampiren aus, zumindest mit fiktiven. Sie hat mehrere Bücher über Anne Rice veröffentlicht, unter anderem auch eine Biographie. In ihrem hier vorliegenden Bericht (nennen wir es mal so) hat sie sich nun an den realen Vampir herangewagt. Sie wollte herausfinden, ob es tatsächlich Wesen gibt, die nachts durch die Gegend streifen und das Blut ihrer Opfer trinken. Anlass für ihre Recherchen war das Verschwinden von Susan Walsh 1996. In „Vampire unter uns“ beschreibt Ramsland Susan Walsh als aufstrebende Journalistin, die bis zu ihrem großen Durchbruch in einem Striplokal arbeitet und im Vampirmilieu von New York forscht. Das Transcript von „Unsolved Mysteries“ auf FOX spricht eine etwas andere Sprache: Susan Walsh hatte auch schon früh in ihrem Leben Bekanntschaft mit Alkohol und Drogen gemacht. War ihr Verschwinden also den Vampiren geschuldet? Wurde sie entführt, getötet, weil sie einer Verschwörung oder großen Geheimnissen auf der Spur war? Oder ist sie „einfach“ wieder ins Drogenmilieu abgerutscht – profan und überhaupt nicht übernatürlich? Fragen, die im Buch von Katherine Ramsland nicht gelöst werden. Sei’s drum – Susan Walsh ist Ramslands Vorwand, sich tief in die amerikanische Subkultur vorzuwagen.

Zunächst geht sie es allerdings vorsichtig an. Sie recherchiert im Internet und macht einige interessante, aber in ihren Ansichten auch widersprüchliche Vampirsites ausfindig. Sie verbringt Nacht um Nacht in Vampir-Chats und knüpft dort Kontakte. Bald verselbstständigen sich diese und ihr Buch bewegt sich daraufhin zwischen Conventions, wissenschaftlichen Symposien, S/M-Clubs und Fetischpartys.

Um es kurz zu machen: Ja, es gibt Vampire. Es gibt Menschen, die sich von der Natur des Vampirs genug angezogen fühlen, dass sie sich nicht nur in der Gothic-Szene bewegen (dass die Vampire aus „Vampire unter uns“ alle schwarz tragen, ist wohl selbstverständlich), sondern auch anfangen, Blutspiele in ihre Sexpraktiken einzubauen oder ihre Haustiere auszusaugen. Ramslands Interviews zeigen recht deutlich, dass der moderne Vampir sein Verlangen nach Blut oft an Sex koppelt. Die Hingabe des Opfers an eine übermenschliche Figur, die totale Aufgabe des eigenen Selbst ist dabei nur noch eine Täuschung. Denn auch Vampire können sich böse Krankheiten einfangen. So ist das Einverständnis des Opfers in der Regel Voraussetzung. Und viele der beschriebenen Vampire leben ohnehin in einer festen Beziehung. Somit ist die Rolle des Opfers gewollt – es zieht aus dem Blutaustausch ebenso seinen Vorteil wie der Vampir.

Die interessanteste Frage aber, warum nämliche Menschen zu Vampiren „werden“ (schließlich handelt es sich ja um eine bewusste Entscheidung), bleibt oberflächlich betrachtet und ungeklärt. Von einer studierten Philosophin und Psychologin (Ramsland wird nicht müde, ihre akademische Bildung zu betonen) hätte ich tiefere Einsichten in dieses kulturelle Phänomen erwartet. Sie liefert keine Lösungen; möchte man tiefer in die Materie eindringen, so muss man ihr Material genau und kritisch lesen und sich selbst seine Gedanken dazu machen. So scheint das (sehr junge) Vampirphänomen auf drei Hauptvoraussetzungen aufzubauen: Wie eingangs schon erwähnt, hat Anne Rice den Vampir zu einer romantischen Figur gemacht. Für den Leser ist es sowohl verführerisch, sich einen Vampir herbeizuwünschen, wie sich einzubilden, selbst ein Vampir zu sein. Eine Identifikation auf dieser Ebene ist mit dem guten alten Dracula nicht möglich. Anne Rice spiegelt in ihren Romanen moderne Probleme – die Probleme der Generation X nämlich. So liefert ein Psychologe in Ramslands Buch eine sehr interessante Theorie, die einen Zusammenhang zwischen Vampirkultur und Generation X zu beweisen sucht: Sie entstammen zerrütteten Familien, haben das Vertrauen in die Gesellschaft und ihre Politik verloren und nehmen ihre Zeit als eine Zeit des Niedergangs und Zerfalls wahr. In dieser Gesellschaft fühlen sie sich einsam und als Außenseiter – da wird der Vampir die perfekte Projektionsfläche.

Ein weiterer Faktor ist das Rollenspiel „Vampires: The Masquerade“, das 1991 von White Wolf entworfen wurde und eine große Anhängerschaft besitzt. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass in Rollenspielen nur versteckte Vampire agieren: Dennoch, das Rollenspiel hat zur Popularisierung des modernen Vampirs beigetragen (unter anderem auch mit einer kurzlebigen Fernsehserie) und kann Anziehungspunkt für zukünftige Kinder der Nacht sein.

Ein dritter – und sehr wichtiger – Punkt ist meiner Ansicht nach das Internet. Katherine Ramsland ergeht sich nicht umsonst in der Beschreibung ihrer umfangreichen Online-Recherchieren und durchchatteten Nächte. Es scheint, als würde die Anonymität des Internets der Vampirsubkultur in die Hände spielen. Webseiten und Chats ermöglichen eine übergeordnete Organisation dieser Subkultur und machen es einfacher, Menschen mit den selben Vorlieben und Interessen (für Blut) ausfindig zu machen. Außerdem ist es in einem so anonymen Medium einfacher, Rollen und Identitäten auszuprobieren und zu erfinden. So kann der zukünftige Vampir im Chat zuerst virtuell testen, wie seine Vampiridentität „ankommt“.

Wenn sich Ramslands Interviews und Recherchen auch spannend lesen (und manchmal kann man sich eines gewissen „Ick-Faktors“ nicht erwehren), so haben sie doch einen fahlen Beigeschmack. Das liegt zum größten Teil daran, dass Ramsland ihre Interviews mit Vampiren unreflektiert im Raum stehen lässt. Als Psychologin versucht sie nicht, auch bei augenscheinlich schizoiden Persönlichkeiten, das Verhalten ihrer Gesprächspartner zu deuten. Sie bleibt fast immer neutral. Das lässt sie leichtgläubig scheinen und erweckt beim Leser zeitweise sogar das Gefühl, dass es sich um ein zumindest teilweise fiktionales Buch handelt. Haben sich ihr all diese Vampire wirklich so freimütig anvertraut? Ich habe nicht das Gefühl. Vielmehr schien mir bei der Lektüre, dass sie es mit drei unterschiedlichen Typen von Menschen zu tun hatte: Da waren zum einen Personen, die sie augenscheinlich auf den Arm nehmen wollten und sich Geschichten ausdachten. Manche Erzählungen klingen so phantastisch und romantisierend, dass man sich dieses Eindrucks einfach nicht erwehren kann. Dann scheint es eine weitere Gruppe von Menschen zu geben, die zwar glauben, was sie erzählen, dies aber nicht wirklich erlebt haben. Überschäumende Phantasie also oder Schizophrenie? Und die letzte Gruppe sind dann die wirklich Aufrichtigen – bei einigen Personen ist man sich sicher, dass sie die Wahrheit sagen und dass sich die Dinge so abgespielt haben können.

„Vampire unter uns“ ist damit ein Buch, das man auf jeden Fall einer kritischen Lektüre unterziehen sollte. Da die Autorin selbst kaum Antworten, sondern nur eine Stoffsammlung liefert, muss man sich darauf einstellen, eigene Denkarbeit leisten zu müssen. Ansonsten wäre das Buch nur ein weiteres im Regal „Horror“ – mit besonderem Kick natürlich, da man den Zusatz „real“ als besonders schaurig empfinden kann.

Homepage der Autorin: http://www.katherineramsland.com/

Conway, D. J. – Zauberwelt der Kelten, Die

Der Name „Kelten“ ist der Oberbegriff für die vor allem in Westeuropa ansässigen gallischen, britannischen und galatischen Stämme, die ihre geschichtliche Blütezeit vom 6. Jhd. v.Chr. bis ins 1. Jhd. n.Chr. erlebten, bevor sie endgültig romanisiert wurden (natürlich bis auf das berühmte gallische Dorf…). Die Faszination ihrer Kultur aber strahlt bis in die heutige Zeit und ist ein fester Bestandteil des europäischen Erbes. Die mittelalterlichen Geschichten um König Artus, die auf keltische Quellen zurückgehen, erfreuen sich bei modernen Romanschriftstellern von Bradley bis Lawhead großer Beliebtheit; besonders in Frankreich versuchen Wissenschaftler und Publizisten wie Jean Markale sich auf keltische Wurzeln zu besinnen; in der esoterischen Szenerie spielen der irische Elfen- und Feenglaube eine wichtige Rolle. Mit dem Buchtitel „Wiederkehr der Kelten“ war es auf den Punkt gebracht – die Kelten sind in.

Das lockt natürlich einige Autoren an, die versuchen auf dieser Welle mitzuschwimmen. Leider gehört auch das vorliegende Buch dazu. Denn mit „keltischer Magie“, wie es der englische Originaltitel verspricht, hat das Ganze nur wenig zu tun. Natürlich ist über die magischen Techniken der Kelten nicht viel überliefert und es war von vornherein klar, dass es sich um eine Neuinterpretation handeln würde. Wäre ja auch keine Problem gewesen, denn schließlich ist es legitim, an alte Symbole in moderner Form anzuknüpfen. Doch die Autorin hat kein Buch über keltische Magie, sondern eins über Wicca geschrieben, das ein wenig „keltisch“ aufpoliert wurde. Wicca lebt aber aus einem anderen Geist, benutzt synkretistisch alle möglichen Symboliken und geht von einer Urreligion der Großen Göttin und ihres Gehörnten Jägers aus. Insofern ist dieses Buch eher für Leser interessant, die etwas mit Wicca anfangen können.

Dieser Eindruck wird in der deutschen Ausgabe noch dadurch verstärkt, dass die im englischen Original befindlichen Kapitel über Kultur und Sagen der Kelten einfach herausgekürzt wurden. Was sich der Verlag dabei gedacht hat, ist mir schleierhaft. Übriggeblieben ist davon nur das – mit Wicca-Ideologie überfrachtete – kurze Lexikon keltischer Gottheiten. Die Wirkung dieser Ideologie kann man wunderbar beobachten, wenn Conway alle möglichen weiblichen Gottheiten/Wesenheiten in den einen Große-Göttin-Topf wirft – frei nach dem Motto: „Alles derselbe Brei“. Für die Kelten stellte sich das aber aller Wahrscheinlichkeit nach anders dar. Ein bisschen mehr Respekt der alten Tradition gegenüber wäre da wohl angebracht, und zwar nicht nur verbaler, sondern auch methodischer Art!

Natürlich dürfen bei den praktischen Anweisungen für Kesselmagie die Zauber für Geld und Liebe nicht fehlen. Für den etwas spiritueller orientierten „Wicca-Kelten“ hält sie allerlei New-Age-Mummenschanz und Allgemeinplätze parat: „Die keltische Magie arbeitet ganz bewusst mit mit den Kräften planetarer und natürlicher Energien. Es ist eine Magie, die sich in Harmonie mit unserem Planeten, ja mit unserem eigentlichen Selbst befindet.“ oder das beliebte Sprüchlein: „Tun Sie, was Sie wollen, wenn Sie keinem Wesen dabei schaden.“. Mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit ist in dem Buch die ganze Zeit von keltischer Magie die Rede: keltische Magie ist dieses…, keltische Magie ist jenes… Dabei wird hier mit dem Gestus der Gewissheit über eine Sache gesprochen, von der wir nur sehr wenig wissen.

Über ein Drittel des Buches machen verschiedene Zuordnungen von Pflanzen und Duftstoffen zu bestimmten Begriffen, Ritualen und Wesenheiten aus. Außerdem finden sich Ritualbeschreibungen, Anrufungen und verschiedene Formen der Magie, die aber alle zum Bereich der Naturmagie zählen. Fast immer beinhalten sie typische Wiccamotive. Conway beschreibt auch ihre Vorstellung von einem Orakel mit dem irischen Ogham-Alphabet. Was man Conway zugute halten kann, ist ihre manchmal sehr pragmatische Herangehensweise an die Rituale und Ritualgegenstände. Anstatt kaum realisierbare Anforderungen an den potienziellen Magier zu stellen, gibt sie Hinweise, die in der heutigen Zeit auch umsetzbar sind (z.B. für den Bau eines Altars).

Wer also praktische Anregungen für seine magische Arbeit sucht, könnte hier vereinzelt fündig werden. Da das Buch eher schlecht und teils ziemlich naiv geschrieben ist, sollte derjenige, der sich für Wicca zu interessieren beginnt, erstmal zu Starhawk oder Vivianne Crowley greifen. Keltenfans allerdings können getrost einen großen Bogen um dieses Buch machen.

Nemenyi, Geza von – Heilige Runen

Bei den Runen handelt es sich um die Schriftzeichen unserer germanischen Vorfahren, die für magische Zwecke und schriftliche Mitteilungen benutzt wurden. Eine Rune bezeichnet immer gleichzeitig einen Laut sowie einen bestimmten Begiff – so steht beispielsweise die Rune *Berkanan einerseits für den Laut b und andererseits für die Birke einschließlich ihrer symbolisch-mythologischen Bedeutung. Die Runen sind in wissenschaftlichen und esoterischen Kreisen in Bezug auf Alter, Herkunft und Deutung heftig umstritten, wobei die Diskussionsbeiträge fast immer vom weltanschaulichen Hintergrund des jeweiligen Protagonisten geprägt sind. Die Germanen selbst betrachteten – wie die Edda-Überlieferung und einige Runeninschriften übereinstimmend berichten – diese Zeichen als „reginnkunum“, d.h. götterentstammt. In der Edda wird der Ekstase-, Sieg- und Weisheitsgott Odin als Schöpfer der Runen dargestellt. Der bislang älteste anerkannte Runenfund ist die Fibel von Meldorf, die in das Jahr 50 n.Zw. datiert wird. In der Wikingerzeit wurde das ältere Futhark (Runenreihe) von 24 Runen auf 16 Runen verringert – ein Rätsel, weil der Lautstand sich eigentlich erhöht hatte.

Das vorliegende Buch ist „aus der Sicht eines heidnischen Priesters geschrieben“. Geza von Nemenyi gehört zu den bekanntesten und interessantesten Vertretern der naturreligiösen Szene in Deutschland. Seine „Germanische Glaubensgemeinschaft“ (GGG) kann sich offiziell darauf berufen, das Erbe der von Ludwig Fahrenkrog im Jahre 1908 gegründeten Organisation fortzuführen, die sich eine Rückkehr zur altgermanischen Religion auf die Fahnen geschrieben hatte. Zuletzt geriet Geza von Nemenyi ins Kreuzfeuer wegen eines Aufrufes zum Zusammenschluß der traditionell-germanisch orientierten Heiden, die bestimmte von ihm favorisierte Glaubensvorstellungen als allgemeinverbindlich akzeptieren sollten. Diese Vorstellungen bilden auch den Hintergrund von „Heilige Runen“.

Aus der Flut der esoterischen Literatur zum Runenthema ragt das Buch durch den Materialreichtum und den Bezug auf die historischen Quellen heraus. Im Grunde lässt sich an deutsch erschienenen Büchern damit nur noch Edred Thorssons „Runenkunde“ vergleichen. Man muss die Ansichten des Autors nicht teilen, um Gewinn aus seiner mit viel Fleißarbeit zusammengetragenen Sammlung der Runeninschriften, der Runenlieder, der Codicies, der Stellen aus den Island-Sagas und anderer Überlieferungen zu ziehen. Insbesondere gibt es einige selten gedruckte Belege aus der altenglischen Dichtung zu lesen.

Ebenso bezieht Geza von Nemenyi die von den völkischen Runenokkultisten Kummer und Marby in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Runenstellungen oder Runenyoga ein. Hierbei stellt man die jeweilige Rune mit dem Körper nach und intoniert den Runennamen. Sogar die Runenstabkalender des späten Mittelalters werden erklärt, welche sonst in den Runenbüchern kaum auftauchen.

Selbstverständlich enthält dieses Buch Erläuterungen zu den einzelnen Runen, ein Kapitel über die germanischen Mythen, die den Umkreis der Runen bilden, über das Orakelverfahren und über die Verwendung der Runen zu magischen Zwecken. Nach dem Bericht des Tacitus wurde das Orakel bei den Germanen mit Loshölzchen durchgeführt, die aus dem Holz eines Fruchtbaums geschnitzt waren, z.B. der Buche, wovon noch unser Wort Buchstabe zeugt. Dabei hob der Priester oder Familienvater mit zum Himmel gerichteten Blick nacheinander drei Runen auf, die sich vielleicht auf die drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, bezogen – also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die bei Tacitus (und auch bei Caesar) erwähnten „notae“ (=Zeichen) auf den Hölzchen waren vermutlich Runen.

Eine Überfülle an Informationen also – und man sollte eigentlich zufrieden sein. Aber leider finde ich hier Behauptungen, die mir schlicht und einfach die Haare zu Berge stehen lassen. Bei allem Respekt vor dem Autor muss ich doch sagen, dass man nicht einerseits über die Phantastereien einiger Runenokkultisten herziehen kann, um andererseits selbst Ähnliches zu verfassen. So fällt schon unangenehm auf, dass der Autor sich nicht an die (allerdings spät) überlieferte Bezeichnung der aettir (Unterteilungen der Runenreihen) hält, die eindeutig von Frøys aett (der Fruchtbarkeitsgott Frey), Hagals aett (ein Beiname Odins?) und Týs aett (der frühere Himmelsgott und spätere Kriegsgott Tyr) sprechen. Geza von Nemenyi nimmt mit Hilfe äußerst zweifelhafter Etymologien einfach eine ältere Einteilung für die Runenreihe in Wodans (Odin), Donars (Thor) und Tius (Tyr) Runen an. So wird dann auch aus der ersten Rune des Frøys aett *Fehu, die für Viehstand, Besitz, Fruchtbarkeit steht, einfach der „Lufthauch“, um sie mit Odin in Verbindung bringen zu können. Mal abgesehen davon, dass das natürlich im Widerspruch zur Überlieferung der Runenlieder steht, ist gerade diese Rune auf einem der Blekinger Steine für einen Fruchtbarkeitszauber verwendet worden. Die überlieferte Bedeutung des Runennamens lässt der Autor nur noch als jüngere sekundäre Anfügung gelten.

Genauso bleibt die Annahme eines Lehr-, Wehr- und Nährstandes bei den Germanen, deren spezifische Einweihungen durch die jeweiligen Runenreihen symbolisiert werden, eine reine Spekulation. Außer durch das eddische Merkgedicht „Rigsþula“ (vermutlich erst im Hochmittelalter entstanden) wird eine solche gesellschaftliche Gliederung von der Überlieferung nicht bestätigt. Es gab bei den Germanen eine Unterteilung in „nobiles“ (Edle, Adlige), Freie und Unfreie, wobei die „nobiles“ bei den einzelnen Stämmen unterschiedlich stark von den übrigen Freien abgehoben waren. Für einige Stämme, insbesondere die Schweden, die Ostgermanen und die Angelsachsen, sind heilige Königsgeschlechter überliefert, die ihren Ursprung auf Götter zurückführten. Die von Geza von Nemenyi im weiteren gebrachte Beschreibung der angeblichen Einweihungswege der Stände ist nur noch pure Erfindung.

An anderer Stelle wird behauptet, dass unseren germanischen Vorfahren der Frieden wichtiger gewesen wäre als der Krieg. Wenn man die Quellen kennt, mutet dieser Satz fast wie ein Witz an. Ich denke, man kann die Behauptung wagen, dass gerade für die Germanen der Krieg eine der heiligsten Angelegenheiten darstellte – die wichtigsten germanischen Werte waren kriegerische Tugenden. Die Religion und Spiritualität der Germanen hatte zweifelsohne einen kriegerischen Charakter. Zum zweiten darf man nicht vergessen, dass die Germanen eine andere Vorstellung von Frieden hatten als wir. Frieden meinte in erster Linie die aktive Hilfe der Verwandten untereinander – nicht etwa die Abwesenheit von Konflikten. Also bitte! – macht aus unseren Vorfahren keine friedliebenden Gutmenschen!

Es überrascht mich, hier den slawischen Stamm der Wenden so-mir-nichts-dir-nichts als Nachfahren der ostgermanischen Wandalen wiederzufinden. Seitenlang operiert der Autor mit dieser These, ohne dass der Leser darüber aufgeklärt wird, wie er dazu kommt. Erst auf Seite 349 findet sich der kurze Absatz mit der Behauptung, dass es in der Missionierungszeit üblich geworden wäre, heidnische Ostgermanen als „Sclaven“ zu bezeichnen, woraus sich später unter Wegfall des c das Wort „Slawen“ gebildet hätte. Natürlich ist es legitim, eine solche der üblichen Lehrmeinung widersprechende These zu vertreten. Aber man darf nicht vorraussetzen, dass der Leser das einfach schluckt. Es fehlt schlicht ein Kapitel, in dem diese These begründet wird.

Der Gerechtigkeit halber will ich aber noch erwähnen, dass nicht alle Spekulationen des Autors so verstiegen sind wie die bislang genannten. Vielfach regen seine Behauptungen zum Nachdenken an und enthalten originelle Ansätze – so z.B. in seiner Zuordnung der Runen und germanischen Götter zum Jahreskreis oder bei einigen unorthodoxer Deutungen von Runeninschriften. Die Aufteilung der Runen dagegen auf die ohne Runennamen überlieferten sogenannten „Zauberlieder“ in der Edda entpuppt sich wieder als sehr fragwürdig, wobei der Autor zumindest interessante Gedanken entwickelt, die nicht gänzlich von der Hand zu weisen sind.

Im übrigen bin ich im Gegensatz zu Geza von Nemenyi nicht der Meinung, dass man sich wie der Gott Odin in der Edda fastend drei oder neun Tage an eine Esche hängen muss, um die Runen zu erfahren. Für einen Menschen unserer Zeit mit den heutigen Konditionierungen, Prägungen, Verspannungen usw. wäre es wohl sinnvoller, stattdessen ein paar Tage meditierend und kontemplierend in magischer Zurückengezogenheit zu verbringen. Aber gut – darüber lässt sich streiten…

Ich wiederhole es noch einmal – alles in allem ragt das Buch trotz seiner gröberen Fehler qualitätsmäßig aus der Fülle esoterischer Literatur zu den Runen heraus. Ich wünsche diesem Buch kritische Leser, die nicht bedenkenlos alles für erleuchtete Weisheit halten, was der Autor hier von sich gibt. Diese Leser aber werden Gewinn aus „Heilige Runen“ ziehen können.

LaVey, Anton Szandor – Satanische Bibel & Rituale, Die

Wenn heute der Reizbegriff „Satanismus“ angeführt wird, so schwingt stets die Reminiszenz an den „schwarzen Papst“ mit dem Wahlnamen Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) mit, der wie kein anderer zuvor die satanische Strömung in die Moderne und in das trübe Licht der Öffentlichkeit trug. Die Grundprinzipien und Wesenszüge dieser Ausrichtung lassen sich in nahezu allen Kulturen bis in die Anfänge zurück verfolgen und aufzeigen, und speziell im europäischen Raum erwuchs gerade um 1900 der „linkshändige Pfad“ (ein tantrischer Begriff) – der allerdings nicht schlicht mit dem Schlagwort „Satanismus“ gleichzusetzen ist, aber eine breite Basis damit teilt – aus vielerlei Orden und Gruppierungen zu einem gesellschaftlich merklichen Kraftstrom, verbunden mit Namen wie Hellfire Club, Golden Dawn, Ordo Templi Orientis, Fraternitas Saturni und all den Vermischungen und Splittergruppen, aber auch mit konkreten Namen wie natürlich Aleister Crowley, wenngleich dieser weder einen reinen Satanismus praktizierte noch speziell oder gar ausschließlich die Grundidee an sich voran tragen wollte. Doch auch wenn LaVey sich später von diesen bekannten Größen in eher herablassender Form distanzierte, so sind die Wurzeln unverkennbar und nicht zu leugnen. LaVeys besonderes Verdienst waren nun drei Dinge: Den dunklen Okkultismus satanischer Prägung wie nie zuvor gezielt in die Öffentlichkeit zu tragen, dies in ein modernes, psychologisch-philosophisch motiviertes Gewand zu kleiden und in Bezug zum westlichen Kulturkreis zu setzen, indem insbesondere die Ein- und Auswirkungen der christlichen Kirchen und ihrer aufgeprägten Muster von Sünde, Sühne und Strafe als Bezugspunkt gewählt wurden, um die eingesperrte Natur der Triebe und Sehnsüchte freizusetzen – der Kontrapunkt wird bereits dadurch gesetzt, dass 1966 zum ersten Mal eine satanische Kirche ausgerufen wurde, ein Begriff, der in diesem Zusammenhang bei uns bislang dem christlichen Glauben vorbehalten blieb. Aber auch dadurch, dass gezielt der Begriff des „Satanismus“ zur Umschreibung gewählt wurde, um klarzumachen, wovon es sich abzugrenzen und zu befreien gilt. Denn unabhängig von den christlich-dogmatisch geprägten Ansichten der gesellschaftlichen Verfassung lässt sich LaVeys Lebenswerk nicht analysieren.

Die (nicht unumstrittene, aber trotz der bemühten Gegendarstellung seiner Tochter Zeena größtenteils verifizierbare) Biographie LaVeys scheint ihn seit seiner Kindheit auf seine Rolle (ein hier durchaus doppeldeutig zu verstehender Begriff) vorbereitet zu haben. Mit großelterlicher Abstammung aus Georgien, Rumänien/Transsylvanien und dem Elsass war der Kontakt zur Beschäftigung mit dunklen Mythen und dem Hexentum bereits kindlich vorgeprägt; das Studium viktorianischer Schauerromane und später zunehmend okkulter Literatur und allerlei weitere autodidaktische Lektüre taten ein übriges, um die Richtung für späteres Schaffen und einen alternativen Lebensstil vorzugeben. LaVey war stets an den Künsten interessiert, arbeitete auf Jahrmärkten und im Zirkus, als Polizeifotograf, Hypnotiseur und Zauberkünstler und vielfach als Musiker. Aus regelmäßigen Zusammenkünften und Veranstaltungen in okkult-künstlerischem Rahmen entstand dann letztlich ein fester Zirkel, aus dem die Church of Satan hervorging. Hierbei ist die tragende Rolle der Schauspielerin Jayne Mansfield nicht zu unterschätzen, die als zentraler Attraktor und treibende (und triebhafte) Kraft wirkte, in der Literatur aber zumeist nur eine Randerwähnung findet. Überhaupt ist es ein vielsagender Wesenszug, dass auch heute noch vornehmlich Schauspieler, Musiker und andere Künstler (von zumeist bedeutsamem ‚Rang‘ und längst nicht nur Schwarz- und Gothic-Metaller) den Großteil der Mitglieder dieses Ordens ausmachen. Der Drang nach freier Entfaltung, Vervollkommnung und Selbstverwirklichung macht das essentielle Merkmal der satanischen Bestrebungen im Menschen aus.

Hier gilt es, einige erklärende Worte zum Wesen der von LaVey voran getragenen satanischen Prinzipien zu verlieren. Die Church of Satan grenzt sich wie angemerkt klar von den christlich-dogmatischen Prägungen ab, und die meisten Aussagen LaVeys lassen sich als Gegenpol zu dadurch manifestierten gesellschaftlichen Ansichten und psychisch schädlichen Verhaltens- und Denkmustern erkennen. Doch betreibt die CoS keine schlichte Spiegelung der katholischen Amts- und Machtkirche, sie betet keine antropomorphe Wesenheit namens „Satan“ an oder verkehrt die katholische Liturgie und Messe simplerweise ins Gegenteil, auch wenn dies als Teilaspekt und Ritual durchaus vorkommen mag. Die reine „Schwarze Messe“ ließe sich ohnehin nur mittels eines geweihten katholischen Priesters durchführen, und derlei kam seit dem 19. Jahrhundert in der bis dahin ausgeübten Form nicht mehr vor, soweit bekannt ist; lediglich Teile des Wirkens eines Josef Dvorak ließen sich vielleicht noch in diesem Sinne interpretieren (wobei ich mir gerade nicht einmal sicher bin, ob dieser auch geweihter Priester ist). Satan steht hier für ein archetypisches Konstrukt, ein Gedankenprinzip, eine Strömung, die dynamisch vorantreibt, Bestehendes zersetzt und Raum für Neues schafft, die durch Polarität Bewegung erzeugt, gesellschaftlich tabuisierte Bereiche auslotet und erforscht, verdrängte Kräfte freisetzt, die durch kollektive Verdrängungsmechanismen als „dunkel“ und „böse“ stigmatisiert sind. Dies jedoch ist Teil menschlicher Natur und drängt stets nach außen, sucht sich ein Ventil, das in seinen Auswirkungen zumeist schadhafter, aggressiver und zerstörerischer nach innen wie außen hin ist, als würde man der triebhaften menschlichen Natur einfach gleich den Freiraum zugestehen, nach der es ihr gelüstet. Erst die Verdrängung und zumeist unbewusste Bekämpfung dieser Natur erschafft Muskel- und Charakterpanzer, sperrt das menschliche Wesen in ein unnatürliches Korsett voller Psychosen und Ängste, blockiert wesentliche Entwicklungswege und Möglichkeiten der freien Entfaltung, sowohl im persönlichen als auch im kollektiv-gesellschaftlichen Existenzrahmen. Hierbei ist auch zu erwähnen, dass das durch Crowley bekannt gewordene Leitmotiv der inneren Befreiung „Tu was du willst!“, das auch im Satanismus eine wesentliche Funktion erfüllt, nicht als ein „Tu wozu du gerade Lust hast“ verstanden werden kann, allein schon, da der Satanist bestrebt ist, seine Handlungsmöglichkeiten und Freiheitsgrade stets zu vergrößern und daher seine Taten stets in Kontext zu seinem Umfeld setzen muss. Die Bedeutung bei Crowley und dem Weg von Thelema führt noch über diese pragmatische Interpretation hinaus, doch der Satanist ist einfach ein Pragmatiker, der die Betrachtungen zunächst von sich selbst ausgehend und auf sich selbst bezogen ausübt – ein Kult und eine Religion des Menschen von sich selbst als einzig akzeptiertem Gott, ein Leben im Jetzt und Hier, eine Ausrichtung auf das Diesseits, kein transzendentes und nicht erfassbares Jenseits. Die praxisbezogenen Grundlagen werden auch in den recht allgemein wirkenden, entschlackten und rein vernunftgetragenen Ausführungen LaVeys deutlich.

LaVey hatte durch seine verschiedenen Berufsfelder nicht nur ausreichend Möglichkeit, das Okkulte und Metaphysische zu erforschen, sondern besonders die menschliche Natur. Als Polizeifotograf bekommt man allerhand über die Auswüchse menschlichen Zerstörungsdranges zu sehen, und wenn er auf den Märkten die Ausschweifungen und offene Lüsternheit speziell von Männern beobachtete, die danach zur Beichte gingen und sonntags geflissentlich zur Messe, um sich von sündhaften Gedanken und Trieben läutern zu lassen, hernach aber wie zuvor ihre Triebe auszuleben suchten, so gewinnt man einiges Verständnis von der Natur des in westlicher Tradition geprägten Menschen. Gerade in diesem Bezug ist es bezeichnend, dass die abartigsten Verfehlungen und Ausschweifungen dort zur Extremform reifen, wo der größte Druck von außen nach innen wirkt, in konservativen und kirchlichen Kreisen, bis hin zur obersten Hierarchieebene. Der Drang des Menschen zur freiheitlichen Entfaltung und Erfüllung natürlicher Urtriebe strebt stets nach außen und sucht sich seinen Weg zumindest in Übertragungen (wie Mord und Gewalt als Kompensation für nicht erfahrbare Liebe und sexuelle Befriedigung). Man mag sich dabei selbst erwählen, welche Verfehlungen die schädlicheren Auswirkungen haben und beispielsweise die historische Bedeutung und Entwicklung der „Freudenmädchen“ betrachten.

Diese längeren Ausführungen waren nun nicht reiner Selbstzweck, sondern präsentieren bereits Kerninhalte von LaVeys Werk. Zur Biographie LaVeys und anfänglichen Geschichte der CoS äußert sich Burton H. Wolfe in seiner Einführung ausführlicher, selbst Hohepriester der CoS und Autor von Werken wie „The Hippies“, „Hitler and the Nazis“, „The Devil’s Avenger“ (Biographie über LaVey) und anderen. Die biographische Verflechtung zu LaVeys Ausführungen ist auch historisch bedeutsam zu betrachten, denn die CoS entstand in San Francisco, Kalifornien, in den Sechzigerjahren und gelangte um 1970 zur Blüte, mitten in der – aus meiner Sicht eher gescheiterten – Hippie-Bewegung, was natürlich das ideale Unterfutter für eine speziell auf sexuelle Befreiung ausgerichtete Weltanschauung darstellte. Diesen Kontext sollte man nicht außer Acht lassen. Und auch wenn LaVeys erste Schrift noch recht rudimentär erscheint und allzu sehr am Christentum als Gegenpol orientiert ist, so ist doch klar zu sagen, dass exakt diese Ausrichtung wichtig und wesentlich war, um einen Anfangspunkt für die Entwicklung zu setzen, denn gerade diese moralisch tief verankerten Ausformungen sind es, die es zunächst zu durchschauen und anzuprangern galt und gilt.

Nun noch einige Darstellungen zum Buch selbst. LaVey beginnt nach seinem Vorwort mit der Formulierung von neun satanischen Grundsätzen, die in späteren Kapiteln immer wieder als Bezugspunkt für nähere Ausführungen herangezogen werden. Es folgt direkt das „Buch Satan“, eine empörte Streitschrift wider die christlich selbst gegeißelte und geradezu masochistisch wirkende Gesellschaft. Die satanische Strömung und die Grundprinzipien werden erklärt, die Notwendigkeiten aufgezeigt, die menschliche Natur beleuchtet und die Widersinnigkeit menschlichen Handelns angeprangert. Es folgen Ausführungen zum Begriff und Wesen des Satans und seiner verschiedenen Erscheinungsformen sowie allgemeine Darstellungen über Sinn, Zweck und Durchführung psychodramatischer Rituale (die teils grotesk anmuten können und auch vor Kostümierungen nicht zurückschrecken), die in der zweiten Hälfte dieses Sammelbandes einen Großteil des Buchinhaltes ausmachen. Diese Rituale hat LaVey aus verschiedensten Kulturen und Epochen zusammengetragen und synthetisch modernisiert. Die Quellen dafür sind nicht immer klar, und dort, wo seine Erläuterungen in Faktendetails gehen, scheint mir die Betrachtung und Recherche etwas oberflächlich und nicht genau genug zu sein, doch dazu kann sich der geneigte Leser natürlich in weiterführender Literatur informieren; für das Grundsätzliche der satanischen Bibel und der satanischen Rituale spielt es eine eher unbedeutende Rolle. Abschließend folgt eine Auflistung der 19 henochischen Schlüssel in der Zusammenstellung und Übersetzung von LaVey. Die jeweilige Grundbedeutung wird erläutert, sodann folgen Lautschrift und Originalschrift sowie die Übersetzung. Damit schließt die eigentliche „Satanische Bibel“ ab.

Second Sight Books hat nun in der Neuauflage das Grundlagenwerk mit LaVeys „Die satanischen Rituale“ zusammengefasst, die oben bereits erwähnt wurden. Allerdings werden in diesem zweiten Teil, entstanden 1972, noch einmal verschiedene allgemeine Ausführungen über den Satanismus an sich gemacht, außerdem gibt es zu jedem Ritual einen ausführlichen Text mit Hintergrundinformationen und zusätzlichen, dazu passenden Grundsatzgedanken über das satanische Wirken und Werden.

Als Grundlagenwerk ist dieses historisch bedeutsame Zeitdokument gerade aufgrund seiner gut verständlichen, unkomplizierten Formulierung und Einfachheit in den Grundaussagen für ‚Anfänger‘ und Interessierte noch immer sehr empfehlenswert und wichtig, sollte allerdings – und so war es auch nie gedacht – weder dogmatisch noch tatsächlich bibelgleich gelesen und verstanden werden. Dies ist keine Offenbarung, kein von einem personifizierbaren Satan diktiertes Gegenwerk zur „Heiligen Schrift“, sondern ein modernes Werk satanischer Ausrichtung, stark von psychologisch und philosophisch motivierten Überlegungen durchzogen und allein von daher ausgesprochen aufschlussreich, auch für jene, die im Satanismus keine für sie geeignete Lebens- und Glaubensform sehen. Insbesondere können sich die einschlägig vorgeBILDeten und von unsachlicher Medienpräsentation vereinnahmten Bürger gern einmal dieser Schrift annehmen und darin nach Hinweisen und Anregungen zu Morden, Kinder- und Tieropfern, Blutritualen, Friedhofsschändungen und derlei Kindereien und Hirngespinsten suchen, die ja allzu gern gern als Markenzeichen des Hobby-Satanisten (aufpoliert durch den einen oder anderen medienträchtig inszenierten Schauprozess gegen geistig Verwirrte) herhalten müssen – viel Spaß dabei. Gerade von derlei wird explizit Abstand genommen und dies auch mit den Wesenszügen des Satanismus moderner Ausrichtung begründet.

LaVeys Erstlingswerke sind inzwischen vielleicht nicht mehr das Nonplusultra der satanistischen Literatur und es gibt einige Bücher, die fundierter und tiefgründiger ausgearbeitet sind, aber für einen Einstieg oder als wissenswerte Ergänzung ist „Die Satanische Bibel & Rituale“ allemal empfehlenswert. Da mit diesem Sammelband – als Hardcover mit Lesebändchen versehen, liebevoll gestaltet und in der bei Second Sight Books gewohnten Qualität – zugleich „Die Satanische Bibel“ und „Die satanischen Rituale“ (die auf dem ersten Buch als Ergänzung aufbauen) mit einem Schlag erworben werden können, kann ich auch von dieser Seite her dazu raten, sich diese Veröffentlichung zuzulegen und sich bei der Gelegenheit mit neuen Möglichkeiten der Weltsicht zu bereichern. Als Ergänzung bieten sich Frater Eremors „Im Kraftstrom des Satan-Set“ aus dem gleichen Verlag, „Satanismus“ von Josef Dvorak, „Die Gnosis des Bösen“ von Stanislaw Przybyszewski (zu allen Werken liegen Rezensionen von uns in der Datenbank) oder „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“ von Joachim Schmidt (Rezension folgt in Bälde) an.

Homepage der Church of Satan: http://www.churchofsatan.com
Homepage des Verlages: http://www.second-sight-books.de

Anmerkung: Aufgrund der magischen Beschreibungen und Rituale habe ich das Buch der Kategorie „Magie & Esoterik“ zugeordnet, gleichsam ist es als „Philosophie, Religion und Spiritualität“ zugehörig zu betrachten.

Rüggeberg, Dieter – Theosophie und Antroposophie im Licht der Hermetik

Mit diesem Buch liegt eine sehr gute Einführung in Theosophie, Antroposophie und Hermetik vor. Der Autor wählt als Hauptbezugspunkt die hermetische Tradition nach Bardon, um die anderen Disziplinen zu vergleichen. So erreicht er eine wichtige Distanz zu den teils widersprüchlichen oder für sich genommen schwer verständlichen Aussagen Steiners und Blavatskys. Rüggeberg gibt mehr Überblick, wo andere Autoren voreingenommen sind oder aus ideologischen Gründen Kritik keinen Platz hat. Der Autor ist mit den Themen umfassend vertraut und bietet eine gelungene Mischung aus Zitaten und erklärenden eigenen Überlegungen. Mit Rudolf Steiners oder Helena Blavatskys Originaltexten werden ‚Einsteiger‘ oft Schwierigkeiten haben, da die verwendeten Begriffe und Modelle nur wenig erklärt werden; außerdem sind – besonders bei Steiner – viele Grundzusammenhänge nicht systematisch aufbereitet. Genau hier ist vergleichende Sekundärliteratur wichtig. Angenehm fielen mir die über das Buch verteilten Tabellen auf, in denen Aspekte des Kosmos und des Menschen dargestellt werden. Rüggeberg zeigt auch Lücken und Schwachstellen auf, dabei ist er stets sachlich begründend.

Zum Anliegen des Buches schreibt der Autor: „Eine Aussage von Steiner, die ich … voll unterstreichen kann…: ‚Nichts ist schlimmer für den esoterischen Schüler, als wenn er bei einer gewissen Summe Begriffe, die er schon hat, stehen bleiben will, und mit ihrer Hilfe alles begreifen.‘ Es sind insbesondere Sätze wie dieser, die mich zur Veröffentlichung des vorliegenden Werkes veranlaßt haben, weil mir die Unlust vieler Schüler zu vergleichenden Studien gut bekannt ist. Außerdem schien es mir notwendig, auch die theosophisch-antroposophischen Lehren noch um einige Begriffe zu erweitern.“ (S. 127) Diesem Anliegen ist er gerecht geworden.
Fazit: Unbedingt empfehlenswertes Einführungswerk zur westlichen Esoterik.

aus dem Inhalt:
Akasha und die vier Elemente
Geist, Seele und Körper
Mentale, astrale und physische Welt
Die geistige Hierarchie und die Planetensphären
Der okkulte Weg zur Einweihung
Wer oder was ist Christus?

_Knut Gierdahl _
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de/
Ausgabe 04/2003 (August/September)

Eremor, Frater – Im Kraftstrom des Satan-Set – Der Pfad der dunklen Einweihung

Eremor verbindet hier Set und Satan und zeigt eine Tradition voller archaischer Bezüge einerseits und visionärer Möglichkeiten andererseits.

Als größte Schwäche erschien mir zuerst die geringe Systematik, die Kapitel bauen nicht linear aufeinander auf – dass hier der Pfad der dunklen Einweihung beschrieben wird, ist nicht immer deutlich. Doch beim Lesen wird der Vorteil dieses Aufbaus bald deutlich: die Kapitel sind für sich verständlich, man kann überall einsteigen und je nachdem, welches Thema nach welchem gelesen wird, ergeben sich immer neue Zusammenhänge. Das regt das eigene Nach- und Weiterdenken weit mehr an als jeder noch so gute, festgelegte Themenaufbau. Die Kapitel sind Puzzlestücke, die dem Leser Vorschläge machen. Du kannst sie annehmen oder nicht, wie Du willst.
Eremor betont, dass er seinen Weg, seine Perspektive zeigt. Jeder solle selbst entscheiden, was und wie weit er übernehmen kann. „Im Kraftstrom des Satan-Set“ ist nach gängigem Verständnis kein Arbeitsbuch, mehr eine Erzählung, eine zusammenhängende und doch nicht abgeschlossene Sicht der Welt – was m.E. viel mehr ist. Das große Bild, das hier entworfen wird, ist kurzgefasst dies:

– Satan (bzw. der dunkle Weg) wird zurückgeführt auf Set. Der Setianismus ist die ursprüngliche dunkle Seite der Spiritualität; dunkel (unterdrückt, gefährlich scheinend), da hier auch die weniger liebsamen Seiten von Welt und Mensch gezeigt werden. Doch genau dadurch werden sie vollständiger erfasst.
– Das „Missverständnis Satan“, die Diskreditierung dieses Aspekts, ist die verschreckte Gegenreaktion auf die grenzenlosen Möglichkeiten des Menschen. „Der Teufel wurde erschaffen, um die Macht Weniger über die Vielen zu konsolidieren. Und seine Großmutter ist die vedische Religion.“
– In dieser Spannbreite kann jeder selbst wissen, wo ein sinnvoller Weg liegt.

Eremor gelingt es überzeugend und anschaulich, Satanismus um Äonen von der christlichen Deutung abzuheben. Und das, nicht einmalig doch immer wieder wichtig, weil’s schnell vergessen wird, versetzt den Leser in die Lage, sich nicht als Gegensatz zum alten Äon an diesem messen zu müssen, sondern seine Bezugspunkte frei wählen zu können. Mit dem Zentralgedanken – Setianismus als Grundmuster eines lebendigen Selbst- und Weltverständnisses – hat der Autor einen ‚weltanschaulichen‘ Hintergrund für freie Entscheidungen entworfen.

„Ohne die unter Okkultisten übliche nebulöse Geheimniskrämerei stellt der Autor klare, den Bedürfnissen der heutigen Zeit angemessene Methoden zur dunklen Einweihung in die uralten Mysterien des Satan-Set vor. Es ist das setianische Prinzip der Einweihung durch das Leben, des gezielten Werdens. In diesem einzigartigen Arbeitsbuch zum magisch- rituellen Gebrauch wird erstmals mit verbreiteten Vorurteilen über schwarze Sexualmagie und Satanismus aufgeräumt. Zahlreiche Rituale öffnen im Zusammenspiel mit einer umfassenden Darstellung satanischer Philosophie und seltenen ägyptischen Quellentexten weit die Pforten der Nacht. Dieses Buch birgt Religionskritik, ohne polemisch zu werden, … einen Überblick über satanische Philosophie, ohne dogmatisch zu werden, es birgt einen großen Praxisteil, ohne den Leser mit unendlichen Ritualvorschlägen zu überfordern …“ (Klappentext)
Außerdem hat Eremor einen erquickenden, teils schwarzen (wie sonst) Humor.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Ergänzung durch den Lektor:

Ein etwas irritierender Punkt ist eine unkritische Übernahme des Mythos‘ LaVey, dessen größtenteils selbst gebaute Biographie im Anfangsteil des Buches Verwendung findet. Das war aber auch die einzige offensichtliche Schwäche, die mir beim Lesen entgegen sprang.
Zudem erscheint das Werk in einer edel gebundenen Ausgabe mit Lesebändchen und sehr stilvoller Illustrierung; so macht das Lesen doppelt Freude. In jedem Falle eine der empfehlenswertesten Veröffentlichungen zum Themenkomplex von Setianismus, linkshändigem Pfad und dunkler Einweihung.

Andreas J.