Archiv der Kategorie: Belletristik

Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein

Ich habe geweint. Ganz ehrlich. Als die Geschichte zu Ende war, kullerten mir Tränen die Wangen hinunter. Das war mir noch nie passiert. Im Kino ja. Man kommt nicht umhin, hier und da mal auf die Tricks des Hollywoodkinos hereinzufallen und in die Gefühlsfalle zu tappen. Aber bei einem Buch? Nein, bei einem Buch war mir das noch nie passiert. Nur bei Anna Gavaldas neuem Roman „Zusammen ist man weniger allein“. Dabei drückt sie doch gar nicht auf die Tränendrüse, hebt keine hinterhältigen Gefühlsfallen in einem kitschbehangenen Plot aus und winselt nicht um Mitleid für ihre schicksalsgebeutelten Figuren. Warum also gleich anfangen zu heulen? Eine schwierige Frage, also verliere ich vielleicht lieber erst einmal ein paar Worte zur Handlung.

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Kennedy, Douglas – Um jeden Preis

_Liebe und Kabale im Filmgeschäft_

Drehbuchautor David Armitage lebt schon jahrelang am Existenzminimum, da bekommt er den Anruf, der seinen Aufstieg zum Zenit des Erfolgs einleitet. Doch Neider warten schon, und so ist der umso steilere Absturz nur eine Frage der Zeit.

|Der Autor|

Douglas Kennedy, 1955 geboren, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in London. Er schreibt Hörspiele und Reisebücher, doch erst seine drei Romane „Nachtblende“, „Der Job“ und „Die Entscheidung“ brachten ihm Bestsellerruhm.

_Handlung_

Zehn Jahre lang hat sich David Armitage als erfolgloser Drehbuchautor abgerackert und mit diversen Jobs über Wasser gehalten, wobei ihm seine Frau Lucy stets treu zur Seite stand. Er liebt seine Tochter über alles und möchte ihr unbedingt eine schöne Zukunft sichern.

Er ist bereits Ende vierzig, da bekommt er endlich den Anruf, auf den er sein Leben lang gewartet hat: Seine Agentin teilt ihm mit, dass der Sender FRT sein Drehbuch für „Auf dem Markt“ gekauft habe und eine Serie daraus stricken wolle. Plötzlicher Reichtum liegt zum Greifen nahe – er hat aber auch ein Preisschild.

David muss die Serie zusammen mit einer attraktiven Mitarbeiterin des Senders entwickeln. Natürlich verliebt er sich Hals über Kopf in Sally und steigt mit ihr ins Bett. Das Verbergen der Affäre vor seiner langjährigen Angetrauten quält ihn, aber eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und Lucy wirft ihn hinaus. Anstatt sich aus dem nächstbesten Fenster zu stürzen, stürzt sich David erst recht in die Arbeit an der TV-Serie „Auf dem Markt“, die in höchsten Tönen gepriesen wird, Zuschauerrekorde bricht und mit zwei Emmys ausgezeichnet wird. David ist auf dem Zenit seiner Laufbahn angelangt. Von hier an geht es steil abwärts.

Doch zunächst folgt ein für David recht merkwürdig anmutendes Intermezzo. Ein bekannter Milliardär namens Philip Fleck lädt ihn auf seine karibische Privatinsel ein, um über die Verfilmung eines von Davids Drehbüchern zu sprechen. Dummerweise taucht der Mann überhaupt nicht auf, vielmehr macht David die entzückende Bekanntschaft von Flecks Gattin Martha. Wenigstens kommt es nicht zu erotischen Verwicklungen, aber man hat die beiden beobachtet. Kurz bevor David gezwungen ist, nach L.A. zurückzufliegen, kann er kurz mit Fleck reden. Irgendwie scheint das Ganze ein gigantisches Missverständnis zu sein.

David klingen die Ohren, als wenige Tage später ein Klatschreporter der Hollywood-Presse seinen Namen in den Schmutz zieht und ihn des Plagiats zeiht. Beim ersten Mal kann David die Studiobosse noch hinter sich bringen, doch beim zweiten Mal steht er auf verlorenem Posten und stürzt ab: Verträge weg, Geliebte (Sally) weg, Familie weg – vielleicht sollte er doch noch aus dem Fenster springen.

Da taucht eines Tages in dem Nest, in das er sich verkrochen hat, Martha Fleck auf wie eine Erscheinung von einem anderen Stern. Sie erweist sich als Davids letzte Rettung. Denn natürlich war Davids Absturz kein Zufall.

_Mein Eindruck_

Ich weiß ja nicht, was der |Lübbe|-Verlag unter einem „spannungsgeladenen Thriller“ versteht, aber „Um jeden Preis“ ist keiner. Die einzigen Leichen, die sich hier häufen, sind die des verlorenen Ruhmes. Das Buch ist vielmehr eine rasant ablaufende Kolportagestory, die Johannes Mario Simmel gerade noch das Wasser reichen kann.

Mag ja sein, dass sich das Buch leicht begreifen lassen muss, um die angepeilte Zielgruppe zu erreichen, aber die Handlung und die daraus zu lernende Lektion über das „Leben im Filmgeschäft“ bringen nichts Neues, sondern wiederholen lediglich den Plot von Kennedys erstem Roman „Nachtblende“ (der durchaus spannend ist).

Zum anderen ist der moralische Zeigefinger ziemlich hoch erhoben: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Das gilt nicht nur für David, sondern auch für seinen Widersacher Fleck (warum nur muss der einen solchen deutschen Namen tragen?). Das dürfte David aber auch kein Trost sein. Er weiß, der Mensch ist verführbar, Glück zerbrechlich und Liebe nur ein Four-letter-word. Wenigstens tritt am Schluss kein Moralapostel auf – die Erkenntnis und die Buße bringt David ganz von alleine fertig.

|Ein Abgesang auf die goldenen Neunziger|

In einem gewissen Sinne ist „Um jeden Preis“ ein Abgesang auf die goldenen Neunziger, wie man die Clinton-Ära zwischen den beiden Bushes („sex between the Bushes“) inzwischen nennen könnte. Die New-Economy-Seifenblase blähte sich auf und platzte 2000/2001 unter solchem Donnergetöse, dass die Börse fast zusammenbrach. Inzwischen konzentriert man sich wie David Armitage wieder auf das Notwendigste: die so genannte „Kernkompetenz“. Und im 21. Jahrhundert achtet man auf die Familienwerte, ebenfalls wie David. Fleck, der Milliardär, ist der anmaßende Intrigant, der das Filmgeschäft an sich reißen will, ein später Howard Hughes (dessen Leben unter dem Titel „The Aviator“ mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale und weiteren Größen verfilmt wurde).

Dieser ganze Wandel wird von Kennedy noch etwas lebensphilosophisch verbrämt, indem sich David und Martha Gedichte der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson zuschicken – sozusagen kodierte Kurzbotschaften über die jeweilige Stimmung im Lande. So wunderschön Tante Emilys Gedichte auch sein mögen, ich finde ihre Verwendung in diesem Roman aufgesetzt und deplatziert.

_Unterm Strich_

Wer einen anspruchsvollen Thriller wie etwa von Ken Follett, Jeffery Deaver oder Minette Walters erwartet, sollte erst einmal alle Erwartungen nach unten schrauben und dann erst in den Roman einsteigen. Nachdem ich diese anfängliche Enttäuschung erst einmal verarbeitet hatte, konnte ich mich mit Vergnügen dem Rest des Buches widmen. Es hat durchaus ein paar witzige und nette Stellen, aber man merkt doch deutlich, dass sich der Autor in seinen Ansprüchen an den Leser zurückgehalten hat.

|Originaltitel: Losing it, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann|

Haushofer, Marlen – Wand, Die

Die Phantasie der Menschen regt sich schaudernd, aber neugierig, wenn die Frage in den Raum geworfen wird: Was wäre, wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst? Die Antworten auf diese Frage könnten unterschiedlicher und teilweise dümmer nicht sein. Wenn man der letzte Mensch auf dieser Welt ist, muss man alle Handwerksberufe in sich vereinen, um zu überleben. Strom, Heizung und warmes Wasser gibt es nicht mehr. Es gibt keinen Arzt, der Krankheiten heilt, keinen Bäcker, bei dem man Brötchen kaufen kann, es gibt nicht mal jemanden, der einem zuhört.
Entweder lernt man, mit der Natur zu leben oder man gibt sofort auf und sucht sich einen Baum mit einem starken Ast, der sehr hoch ist.

Die Protagonistin aus Marlen Haushofers „Die Wand“ gibt nicht auf. Sie ist zu Besuch bei ihrer Kusine und deren Mann. Sie ist zu Besuch in einem Jagdhaus, das in einem Kessel liegt, umringt von Bergen und Wald. Sie ist zu Besuch, als die Wand sie vom Rest der Welt trennt und sie zur wahrscheinlich einzigen Überlebenden macht. Ihre Kusine und deren Mann sind ins Dorf gegangen und als sie nicht wieder zurückkommen, macht sie sich in Begleitung des Jagdhundes Luchs auf den Weg und stößt auf eine unsichtbare Barriere, die einfach so da ist. Ohne Sinn, ohne Logik und vor allem ohne Erklärung.
Im ersten Moment völlig verwirrt, hält sie die Wand für eine Illusion, eine Sinnestäuschung, wieder einen Moment später ist die Wand eine militärische Waffe, eingesetzt von einer unbekannten Siegermacht, die sicherlich bald feststellen wird, dass sie irgendetwas nicht verstanden hat und nicht da sein dürfte, wo sie jetzt ist: Auf der anderen Seite der Wand. Auf der Seite, wo alles lebt, wo Vögel ohne Vorwarnung gegen die Wand geflogen sind und jetzt halb zerfetzt am Boden liegen. Auf der Seite, wo die Vögel nicht einfach so vom Himmel gefallen sind und die Menschen nicht in ihrer letzten Haltung erstarrt sind, als wäre plötzlich die Atmosphäre verschwunden. Auf der Seite, wo Luchs nun ihr einziger Freund wird und Angst ihre größte Herausforderung.

Als sie den Bericht beginnt, lebt sie bereits mehrere Jahre alleine im Jagdhaus. Sie glaubt nicht, dass ein menschliches Auge ihre Worte jemals lesen wird. Sie schreibt, um sich einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren, sieht sich aber selbst, wie sie eines Tages das Geschriebene findet und es animalisch zerfetzt. Sie schreibt auf alte Kalenderrückseiten, um nicht wahnsinnig zu werden.
Innerhalb kurzer Zeit wird Luchs vermenschlicht. Auch die alte Katze, die sich eines Tages bei ihr einnistet, wird zum Menschersatz. Zusammen mit der Kuh Bella, die sie auf einem Erkundungstrip findet, schmelzen die drei zu einer neuen Familie zusammen.
Ihre echte Familie existierte sowieso schon lange nicht mehr. Ihr Mann war vor mehreren Jahren gestorben, ihre Kinder waren längst erwachsen und ihr komplett entfremdet, als die Wand die Scheidung endgültig machte. Sie mochte ihre Kinder als Erwachsene sowieso nicht leiden. In ihrer Erinnerung bleiben sie klein und brauchen ihre Mutter noch. Nun brauchen die Tiere sie. Die Kuh stellt sie alleine vor große Probleme. Sie braucht einen Stall und nach kurzer Zeit keimt der Verdacht auf, dass das Tier trächtig ist.
Sie muss sich um Nahrung kümmern. Sie hasste es schon immer, Tiere zu töten, doch nun ist sie gezwungen, auf die Jagd zu gehen. Dankbar für einen kleinen Vorrat an Bohnen und Erdäpfeln, beginnt sie den Ackerbau zu lernen. Sie lernt, an Rückschlägen, an ihrer mangelnden Kraft, Intelligenz und Courage nicht zu verzweifeln, sondern erneut das Haupt zu heben und verbissen weiterzumachen. Sie lernt das Überleben für sich und ihre Tiere. Und um sie herum hält die Wand, hinter der es offenbar kein Leben mehr gibt, den Tod von ihr fern.

Sie hat keinen Namen, denn in einer Welt, wo sie niemand mehr rufen kann, ist ein Name bedeutungslos geworden. Bedeutung haben nur noch der Wald, die Tiere und ihre Gedanken, die in ihrem Erlebnisbericht herumspringen wie Flöhe auf einem Hundefell. Ihre Worte sind einfach – sie selbst hält sich für eine Frau durchschnittlicher Intelligenz. Doch gerade diese Einfachheit ist schmerzhaft eindringlich. Ihre sprunghafte Analyse der zwei Leben, vor und nach der Wand, klingt hart und abgestumpft und ist doch nur ein Resultat der Distanziertheit – wer soll ihr schon einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Kinder als heranwachsende, gefühlskalte Monster sieht? Sie fühlt sich befreit von den Zwängen und Regeln, die andere Menschen ihr aufgedrückt haben. Es gibt keine Menschen mehr und nun kann sie sich selbst die Wahrheit eingestehen: Irgendwie ist die Wand doch das Beste, was ihr widerfahren konnte.

Doch Menschen können nicht ohne andere Menschen leben. So werden die Tiere ihre Gefährten. Der Hund, der ihr bedingungslos vertraut und sie beschützt, sie aufmuntert, sie rüffelt. Die Katze, die launisch mit Zuckerbrot und Peitsche spielt und sie emotional am meisten berührt. Die kleinen Katzen, die ihre Kinder werden und ihr alle wieder genommen werden. Sie nimmt sich vor, ihr Herz nicht wieder zu verlieren und kann doch nichts gegen den nächsten Wurf unternehmen. Sie lernt, dass Abschied nehmen nun einmal mit ihrem neuen Leben untrennbar verbunden ist.
Bella, die Kuh, die ihr größtes Sorgenkind und ihre Nährmutter ist. Bella, die ihr Stier als neuen Sohn gibt, um den sie sich kümmern kann. Bella ist Segen und Fluch zugleich, denn gerade die Kuh zeigt ihr mit ihren Anforderungen, wie klein und schmächtig und unzulänglich sie ist. Und gerade die Kuh treibt sie immer wieder an, noch mehr zu schaffen.

Marlen Haushofer veröffentlichte „Die Wand“ im Jahre 1963. Zu dem Zeitpunkt war sie 43 Jahre alt, verheiratet, geschieden und mit dem gleichen Partner erneut verheiratet. Sie hatte bereits die Novelle „Das fünfte Jahr“ veröffentlicht, für die sie mit dem Staatlichen Förderungspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Mit „Die Wand“ schuf sie ihr Lebenswerk.

Eingezwängt von den Erwartungen ihrer Familie, floh sie sich ins Schreiben, schuf sich ihre Wand, die sie gegen die Menschen abschottete. In der Natur und in ihrer Arbeit fand sie vorübergehende Erfüllung – wie ihre Heldin in dem Roman. Ihre Sprache ist trostlos und wunderschön, teilt Empfindungen in ihrer höchsten und reinsten Form mit. Der Leser wird mit einer Identitätskrise konfrontiert, die ihn selbst tief erschüttert und ihm zeigt, wie sinnlos und töricht die meisten menschlichen Wünsche und Erwartungen sind. Natürlich kommt unterschwellig die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Tragen und das ist bei diesem Roman äußerst legitim. Denn „Die Wand“ zeigt eine neue Einschätzung des Lebens, die unweigerlich zum Nachdenken führt. Hinzu kommt eine unheimliche, düstere Atmosphäre, die schwermütig und hoffnungslos ins Gehirn des Lesers schleicht und gleichzeitig doch von so viel Freiheit und Schönheit spricht, dass einem das Herz noch schwerer wird.

Marlen Haushofer starb im März 1970 an Krebs. „… ein Abschied ohne Bedauern, sachlich-entrückt: fixiert in ihrem geistigen Vermächtnis, luzid ob seiner Erkenntnis und Selbsterkenntnis:
‚Mach dir keine Sorgen. Du hast zuviel und zuwenig gesehen, wie alle Menschen vor dir. Du hast zuviel geweint, vielleicht auch zuwenig, wie alle Menschen vor dir. Vielleicht hast du zuviel geliebt und gehasst – aber nur wenige Jahre – zwanzig oder so. Was sind schon zwanzig Jahre? Dann war ein Teil von dir tot, genau wie bei allen Menschen, die nicht mehr lieben oder hassen können.'“ (Zitat aus dem Nachwort von Klaus Antes)

„Die Wand“ ist das einzige Buch, das ich bisher von der österreichischen Autorin gelesen habe, aber dafür geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Nur wer wirklich an hoher literarischer Kunst interessiert ist, an einer Psychoanalyse auf poetischem Niveau, nur der sollte dieses Werk zur Hand nehmen und sich auf einen einzigartigen Ausflug in ein Jagdhaus in einem Kessel zu Füßen von Bergen und mitten im Wald, ganz allein mit sich und einigen herzgewinnenden Tieren, begeben. Denn so könnte es sich anfühlen, der letzte Mensch auf der Welt zu sein.

Henry Miller – Stille Tage in Clichy

Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. „Clichy“ entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet. Doch die erotischen Abenteuer, die Millers Alter Ego Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre (genauer: 1933). Ein Abstecher in das deutschsprachige und -gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.

Handlung

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Bradley, James – Wrack

Der australische Historiker David Norfolk jagt wieder einmal seinem Lebenstraum hinterher. Er möchte unbedingt das Wrack jenes portugiesischen Schiffes finden, das unbestätigten historischen Berichten zufolge ein Sturm im Jahre 1519 auf den Sand der Küste von New South Wales geworfen hat. Die aktuelle Grabungskampagne ist vermutlich seine letzte Chance, denn das Forschungsinstitut, für das er arbeitet, ist es leid, ihm eine ergebnislose Expedition nach der anderen zu finanzieren.

Davids Aufregung ist daher verständlich, als er mit dem Detektor eine unbestimmte, aber große Form unter dem Sand aufspürt. Als er und seine Helfer zu graben beginnen, machen sie allerdings eine makabre Entdeckung: die Leiche eines schon vor Jahrzehnten erschossenen Mannes. Die Polizei erscheint – und mit ihr Claire Sen, Davids Ex-Geliebte, die ihn einst wegen eines Anderen verlassen hat. Die Beziehung ist in die Brüche gegangen, und nun ist sie zurückgekehrt, um wieder in ihrem Beruf als Pathologin zu arbeiten. Rasch bemerken sowohl sie als auch David, dass da noch Gefühle füreinander existieren, was Anne, Davids derzeitige Gefährtin, mit verständlichem Missmut zur Kenntnis nimmt.

Als die Ausgräber endlich weiterarbeiten können, stoßen sie nur auf einige verschrottete Landmaschinen. Inzwischen hat aber einer der Polizisten David einen Tipp gegeben: Nicht weit entfernt haust in einer schäbigen Hütte in den Dünen der alte Kurt Seligman, der vorgibt, von dem Portugiesenschiff zu wissen. David sucht den Einsiedler auf, doch der liegt im Sterben. Die Angst, mit Seligmans Tod auch seines Wissens verlustig zu gehen, lässt David den Entschluss fassen, sich um den alten Mann zu kümmern, um zu versuchen, diesen in der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt, über das Schiff auszufragen!

Seligman hat tatsächlich lange Jahre nach dem Wrack in den Dünen geforscht und Erstaunliches herausgefunden. Noch wichtiger ist es ihm indes, ein Publikum für seine Lebensgeschichte gefunden zu haben, die er sich von der Seele reden will, bevor es zu spät ist. David und Claire hören zu, denn geschickt flicht der alte Mann immer wieder kryptische Andeutungen auf das Schiff in seine Erzählungen ein, die bald einer Beichte zu gleichen beginnen und in einem düsteren Eifersuchtsdrama münden. Das Schiff erweist sich schließlich als sehr real, doch der vom Leben enttäuschte Seligman hat Vorsorge dafür getroffen, dass es auf ewig ein Mythos bleiben wird …

Im Jahre 1770 landet der berühmte Seefahrer und Entdecker James Cook an der Nordküste Australiens und nimmt den siebten Kontinent für seine britannische Majestät in Besitz. Doch schon den Zeitgenossen ist klar, dass die Briten keineswegs die Ersten in Australien gewesen sind. Von den Aborigines, den Ureinwohnern, die bereits vor Jahrzehntausenden über das Meer gekommen sein müssen, einmal ganz abgesehen, ist so mancher Vertreter der seefahrenden Nationen Europas hier gelandet – in der Regel nicht freiwillig, sondern als Folge nautischen Ungeschicks oder eines Schiffbruchs nach schwerem Tropensturm. Kein Wunder, dass man von solchen Unglücklichen in der Heimat meist nichts mehr gehört hat.

Wer denn nun als erster Europäer die zweifelhafte Ehre hatte, den Fuß auf australischen Boden zu setzen, ist in der Historikerzunft umstritten. Vermutlich war es ein Portugiese, irgendwann im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts; so lassen es die dürftigen Quellen vermuten. James Bradley baut seinen Debütromans auf dieser Prämisse auf und fährt gut damit. Historische Rätsel als Treibriemen einer abenteuerlichen Geschichten funktionieren immer – siehe Lara Croft. Es muss nur gewährleistet sein, dass derjenige, der sie beschwört, sein Handwerk auch versteht. Die Vergangenheit hat durchaus ihre Gesetze, die sich zwar biegen, aber nicht mutwillig brechen lassen, ohne dass es selbst der Laie merkt und verstimmt ist. Eine gute Mischung aus Wahrheit – es muss ja gar nicht viel sein – und Spekulation erzeugt jene Spannung, die selbst den altgedienten Leser noch immer in erwartungsvolle Stimmung versetzt.

Bradley versteht sein Handwerk – und mehr. Viele Debütromane leiden an ihrer thematischen Überfrachtung; der frischgebackene Autor will das Rad neu erfinden und klinkt noch ein Abenteuer und noch einen Konflikt an den roten Faden, bis dieser schließlich darunter zerreißt. Auch Bradley legt die Latte hoch an: „Wrack“ ist nicht nur ein Abenteuer, sondern ein Rückblick auf fünf Jahrhunderte Entdeckungsreisen und Geografie, eine Liebesgeschichte, ein Thriller und auch noch ein Historienroman, und das auf gleich drei Zeitebenen! Aber der Autor behält nicht nur alle Elemente im Griff, sondern auch in wunderbarer Balance.

Bradleys Figuren sind nicht nur Papiertiger, sondern sorgfältig gezeichnete Individuen – ganz „normale“ Menschen, die sich unerwartet mit dem Außergewöhnlichen konfrontiert sehen und durchaus ihre Schwierigkeiten damit haben. Die noch unverbrauchte Kulisse der australischen Nordküste komplettiert den rundum positiven Eindruck, den dieses zudem angenehm lesbare, weil gut geschriebene und elegant übersetzte Buch hinterlässt. James Bradley – ein Name, den man sich merken sollte, wie es so schön und dieses Mal zur Abwechslung einmal sehr zutreffend heißen kann.

Eugenides, Jeffrey – Middlesex

Gekauft – aber noch nicht gelesen? Angelesen, aber irgendwie nicht weitergekommen? Mit belletristischen Bestsellern machen wohl viele Käufer solche Erfahrungen. Angelockt von hymnischen, begeisterten oder einfach nur positiven Besprechungen wird gekauft, aber dann …

Mit „Middlesex“, dem 2003 erschienenen zweiten Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, mag es sich ähnlich verhalten. Aber: Er hat diese mögliche Missachtung nicht verdient. Im Gegenteil.
Abschreckend mag am Anfang wirken, dass das Buch recht umfangreich ist. Es bietet 529 Seiten im Original, 816 in der deutschen Übersetzung von Eike Schönfeld, als Taschenbuch mit 736 Seiten im November 2004 bei |Rowohlt| erschienen. Aber das sollte doch die eifrigen Leser langer Schmöker, von denen es unter unseren Lesern durchaus einige geben soll, nicht abhalten. Zurückhaltung mag auch durch das vordergründig nicht so wahnsinnig spannende Thema gefördert werden: Der Roman erzählt die Familiengeschichte eines griechischstämmigen Hermaphroditen, dessen Kindheit und Adoleszenz, sehr knapp durchschossen von einigen Sequenzen im Berlin von heute (die sind aber nur schmückendes Beiwerk).

_Wer schreibt da?_

Jeffrey Eugenides ist hierzulande seit Erscheinen des Buches auf Deutsch im Sommer 2003 ein immer wieder gerne präsentierter Vorzeige-Amerikaner. 1960 in Detroit geboren, seit einigen Jahren in Berlin lebend und arbeitend. Griechische Herkunft, Intellektuellen-Kinnbärtchen, Halbglatze.
Warum das wichtig ist? Nun ja, die Hauptfigur des Romans („Calliope“ oder einfach „Cal“) teilt mit ihm das Geburtsjahr, den spitzen Künstlerbart, annähernd die Herkunft – aber nicht die Halbglatze.

Eugenides wurde vor rund zehn Jahren mit seinem Romandebüt „The Virgin Suicides“ (auch verfilmt, mit ordentlichem Soundtrack der geschmäcklerischen Franzosen |Air|) schon recht bekannt. Da hatte er ein Thema, das sich auch in Middlesex wiederholt: Den Beginn der bewussten Wahrnehmung eigener Sexualität, das Leben in geordneten amerikanischen Vorstadt-Verhältnissen, und die Turbulenzen darunter. Vereinfacht könnte man sagen: Der Kerl schreibt ja Jugendromane! Aber so ganz stimmt das natürlich nicht. Und mit „Middlesex“ übertrifft er meiner Meinung nach das vor zehn Jahren hoch gelobte (und von mir damals auch erfreut aufgenommene) Debüt doch erheblich. Reifer ist er geworden, tiefer, schärfer, brillanter.

_Worum es geht_

Nein, die Story in allen Verästelungen darf ruhig ein anderer nacherzählen, am besten lässt sie sich ohnehin im Buch selbst nachlesen. Da dies keine klassische Spannungs- oder Abenteuerliteratur ist, sind die Wendungen des Plots ohnehin nicht das Wichtigste.
Kurz gefasst spannt sich die Erzählung über einen Rahmen von etwa 80 Jahren, beginnend mit der Vertreibungsgeschichte der kleinasiatischen Großeltern des Helden / der Heldin. Zwei Geschwister wachsen auf in einem Dorf, leben von der Seidenraupenzucht, bis der Krieg (Atatürk) sie aus der Heimat vertreibt. Auf dem Schiff nach Amerika heiraten die Geschwister, kommen an in Amerika, genauer in Detroit. Dort beginnen sie ihr neues Leben, arbeiten für Ford, als Schmuggler, in der eigenen illegalen Kellerbar (Prohibition), für eine falsche schwarze Erweckungsgemeinschaft, im eigenen Imbiss.
Die zweite Generation (Cals Eltern) ist schon richtig amerikanisch, verlässt nach Rassenunruhen das Zentrum Detroits (wie so ziemlich alle anderen auch), kommt zu jährlich neuen Cadillacs und zu zwei Kindern. Eins davon ist das Wunschmädel Calliope, deren Kindheit und ganz besonders frühe Teenjahre ausführlich geschildert werden. Sie verliebt sich in eine junge rothaarige Kettenraucherin, einem liebevollen Sommer (samt Entjungferung Cals) folgt das jähe Erwachen: Cal ist genetisch ein Mann – und die zugehörigen Geschlechtsorgane sind auch da, nur ein wenig versteckt. Jetzt sind schon über achtzig Prozent des Plots herum, die männlichen Jahre Cals bis heute werden nur noch in kurzen Impressionen geschildert.

_Und worum geht es wirklich?_

Die eigentlichen Themen von Eugenides’ Roman sind durchaus vielschichtig. Nach meinem Verständnis geht es unter anderem um

– sexuelles Erwachen
– Immigration
– Identitätswechsel
– sich entvölkernde Städte
– Selbstfindung in Suburbia
– Nature vs. Nurture
– letzte Chancen

Und am Rande lernen interessierte Leser natürlich auch noch einiges über Hermaphroditen, die Geschichte Kleinasiens und Detroits, griechisches Essen, Kultur, und und und.

_Zur Bewertung_

In der Rückschau darf „Middlesex“ als eine der besten Neuerscheinungen des Jahres 2003 gelten – wenn nicht |die| beste.
Vieles, wenn nicht das meiste an der Story dieses breit angelegten Romans ist durchaus nicht im alltäglichen Erfahrungsfeld der allermeisten Leser zu finden – und doch fühlt zumindest dieser Rezensent sich konstant angesprochen. Die Charaktere sind fast durchgängig mehr als glaubhaft, interessant bis fesselnd. Die Sprache ist souverän, so soll Erzählen heute klingen. Die Geschichte, die Jeffrey Eugenides ausbreitet, ist bei aller Entfernung eine Geschichte, die mich schon nach wenigen Seiten wirklich interessiert und stellenweise fasziniert.
Und hatte ich mich anfangs noch hauptsächlich wegen des in guter Erinnerung gebliebenen Autors und des etwas exotischen Sujets für „Middlesex“ interessiert, so wich diese oberflächliche Neugier doch bald dem unbedingten Weiterlesen-Wollen.

„Middlesex“ unterhält, es macht nachdenklich, es öffnet neue Blickwinkel. Der |Pulitzer|-Preis dafür ist mehr als gerechtfertigt, und ich bin froh, dass der Detroit-Berliner Vorzeige-Autor noch jung genug ist, weitere Bücher zu schreiben. Wenn er in dieser Form weitermacht, dann kommt da alle paar Jahre mal wieder ein wirkliches literarisches Ereignis. Von denen gibt es nicht genug, also sage ich schon im Voraus einmal: Danke.

Und damit zur abschließenden Empfehlung (in vier Worten):

Nicht bloß kaufen – |LESEN!|

Bausch, Richard – Kannibalen, Die

Der Titel des Buches lässt sehr viel Raum zur Interpretation. „Die Kannibalen“, da vermutet man schnell eine Horror-Geschichte über kompromisslose Menschenfresser oder aber eine Dokumentation über so manches menschenunwürdige Leben in der afrikanischen Zivilisation oder die Brutalität, mit der sich die Menschen gegenseitig zerfressen und zerstören. All dies trägt ein wenig Wahrheit in sich, denn der preisgekrönte Autor Richard Bausch spielt mit dem Titel und nimmt ihn symbolisch dafür, wie die Menschen sich kannibalenähnlich mehr und mehr selbst auffressen, ohne dabei die echten Werte im Leben zu erkennen. Sicherlich eine gewagte Annahme, die Bausch aber mit seiner Geschichte immer wieder zu bestätigen weiß.

Die Story handelt von der jungen Lily, der Tochter zweier angesehener Schauspieler, die in ihrer Umgebung nie so richtig akzeptiert wird, weil sie eben anders ist als ein durchschnittlicher Teenager. Sie widersetzt sich der gängigen Mode und lebt nach ihrer eigenen Weltvorstellung, die vor allem durch das Lesen von Büchern geprägt wird. Eines Tages bekommt sie ein Buch über berühmte Forscher geschenkt, durch das sie auf eine Frau namens Mary Kingsley aufmerksam wird, die seinerzeit allein zu einem Kannibalenstamm nach Westafrika aufgebrach, nachdem sie sich jahrelang aufopferungsvoll um ihre Familie gekümmert hatte. Lily erkennt mehr und mehr Parallelen zu ihrem eigenen Leben und ist zunehmend von der Erscheinung der Forscherin angetan.

Mit der Zeit grenzt Lily sich immer weiter von ihrer Umgebung ab und startet, geprägt durch die Trennung ihrer Eltern, ein Leben in Einsamkeit. Sie hat die Hoffnung an die wahre Liebe aufgegeben und auch ihre überstürzte Hochzeit mit ihrem neuen Freund Tyler erfüllt sie nicht vollends. Als sie dann auch noch erfährt, dass sie mit Tyler keine Kinder haben kann, weil dieser zeugungsunfähig ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Die einzige Chance, den Kinderwunsch erfüllt zu bekommen, besteht darin, einen anderen Mann mit einzubeziehen, was für Lily undenkbar ist.

Über all die Jahre hat sie sich die Begeisterung für das Leben von Mary Kingsley erhalten, und als sie im weiteren Verlauf der Handlung immer wieder in bedrücktende, ausweglose Situationen gerät, beginnt sie der längst verstorbenen Forscherin Briefe zu schreiben, in der Hoffnung, sich bei ihr verstanden zu fühlen, jedoch wohl wissend, dass sie nie eine Antwort erhalten wird.

Richard Bausch beschreibt sehr eindrucksvoll die Beziehung zweier Frauen, die sich nie kennen gelernt haben, deren Schicksal und deren Leidenschaft für ihren aufopferungsvollen Kampf um Liebe und Geborgenheit sie aber dennoch verbindet. Die philosophische Betrachtungsweise des Autors gibt dabei reichlich Denkanstöße über das eigene Leben, und nicht selten steht die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Daseins im Vordergrund. Leider braucht Bausch eine ganze Weile, um die Verbindungen deutlich zu machen, grob gesagt sogar an die 400 Seiten, was es natürlich erst einmal recht anstrengend macht, der Geschichte von Lily zu folgen. Doch mit der Verknüpfung der Parallelen zwischen dem Leben dieser beider Frauen steigt auch der Anspruch, und gleichzeitig entwickelt sich dieser Roman zu einem fesselnden, unvergleichlichen Dokument menschlicher Schicksale. Einhundert Jahre liegen zwischen den Leben beider Frauen, und dennoch haben sie so viel gemeinsam; das ist einerseits erschreckend, andererseits aber auch phänomenal bewegend.

Dennoch, es dauert eben eine Weile, bis man Bauschs Geschichte folgen kann, und das ist leider auch das große Manko dieses Buches. Manche haben nämlich unter Umständen auf der fast 900 Seiten langen Reise aufgegeben; diejenigen jedoch, die bis zum Ende durchhalten, werden schon bald wissen, wovon ich rede, wenn ich sage, dass „Die Kannibalen“ auch über die Zeit des Lesens hinaus beschäftigt und Fragen aufwirft, die man erst nach längerer Denkphase beantworten kann.

Den Lesern kann ich also nur empfehlen, sich tatsächlich die Zeit zu nehmen und die beiden Charaktere Lily und Mary näher kennen zulernen. Ich behaupte nämlich ruhigen Gewissens, dass es sich im Endeffekt definitiv lohnen wird, tiefer in dieser Geschichte zu versinken.

Fischer, Marc – Jäger

Ein Mann steht auf den Bahamas einige Meter vom Ufer entfernt im Wasser und schneidet sich mit einem Messer zwei Wunden in die Oberschenkel. Er lässt das Messer fallen, breitet die Arme aus und wartet. Er wartet auf die Haie, die in der Bucht zu der Zeit unterwegs sind. Er wartet darauf, dass sie die Witterung aufnehmen und zu ihm kommen. Er wartet auf den Tod.

Mit dieser düsteren Szene beginnt „Jäger“, nach „Eine Art Idol“ der zweite Roman des deutschen Autors Marc Fischer. Eine Szene, die ihre Schatten vorauswirft bzw. vielmehr zurück, denn auf den folgenden 249 Seiten erfährt der Leser weniger, wie es weitergeht, sondern eher, wie es dazu kommen konnte, dass der Protagonist mit dem Messer in der Hand und dem Tod vor Augen ins Meer steigt.

Und das ist eine lange Geschichte. Sie handelt von Gursky. Gursky ist der Mann mit dem Messer, aber bevor er auf den Bahamas seinem Leben ein Ende setzen wollte, war er Moderator bei einem Musiksender. Starmoderator zudem. Gursky war einer der Moderatoren, die umso erfolgreicher wurden, je mehr sie ihre prominenten und semiprominenten Gäste beschimpften. Polemik als Erfolgsrezept. Respektlosigkeit als Quotengarant. Gursky wurde dadurch zum Star.
Als er diesen Job kündigt, scheint sein Leben wieder in geordnetere Bahnen einzuschwenken. Gursky scheint ernsthafter zu werden, endlich bereit dazu, Verantwortung zu übernehmen und erwachsen zu werden. Er will seine Freundin Nathalie heiraten. Das erste Kind ist bereits unterwegs. Im Angesicht der zukünftigen Vaterrolle will Gursky seine wilden Jahre würdig beschließen und macht sich ganz allein nach Kuba auf. Seine Mission: Er will einen Hai fangen – aus ganz persönlichen Gründen.

Auf Kuba angekommen, trifft Gursky rein zufällig seinen alten Widersacher von Schweitzer. Was in der Heimat nie geklappt hat – trotz stetiger Bemühungen der Freunde – klappt nun in der Ferne. Der Schriftsteller und der Moderator kommen ins Gespräch und schließen sogar Freundschaft. Schon bald ist von Schweitzer fasziniert und mitgerissen von Gurskys Jagdziel.
Doch die Jagd, die als harmloses (obgleich illegales) Touristenabenteuer beginnt, droht schon bald zu eskalieren. Von Schweitzer und Gursky entwickeln eine Art Besessenheit und legen einen Schwur ab, dem zufolge sie erst dann die Heimreise antreten wollen, wenn sie „ihren“ Hai gefangen haben …

Im ersten Moment weckt Fischers Roman Erinnerungen an Alex Garlands „The Beach“. Auch „The Beach“ setzt eine zunehmend düstere, eskalierende Handlung in den harten Kontrast einer paradiesischen Umgebung. Der Himmel, der sich als Hölle entpuppt, weil Menschen eine Grenze überschreiten, die sie besser nicht überschritten hätten. Fernab der vertrauten Welt tun sich die Abgründe der menschlichen Seele auf, die Nebenwirkungen der modernen Gesellschaft, die im gleißenden Sonnenschein der paradiesischen Szenerie umso düsterer und beklemmender wirken.

Bei Alex Garland ist diese Mischung wunderbar aufgegangen und da „Jäger“, egal ob absichtlich oder nicht, gewisse Assoziationen hervorruft, kommt man nicht umhin, die Parallelen zu bemerken. Doch „Jäger“ ist kein zweites „The Beach“ und Marc Fischer nicht die deutsche Ausgabe von Alex Garland. Auch wenn gewisse Gemeinsamkeiten durchaus augenfällig sind, unterscheiden sich beide fundamental – weniger in der Qualität, denn auch Fischer hat seine Vorzüge, dafür mehr in Handlung und Intention.

Fischer schickt Gursky auf einen Selbstfindungstrip in Richtung Erwachsenwerden. Der Hai bzw. die Jagd nach selbigem soll Gurskys wilde Jahre zu einem würdigen Abschluss bringen, wobei es ihm weniger um sein zurückliegendes als um sein zukünftiges Leben geht. Gursky will seinem Kind später eine Geschichte erzählen können. Nicht irgendeine, sondern die Geschichte, wie er einen Hai fing. Darin mag man sehen was man will: Männlichkeitswahn, übersteigertes Geltungsbedürfnis oder Angst vor kleinbürgerlichem Spießertum, vielleicht will Gursky einfach nur einmal in seinem Leben wirklich etwas riskieren und Mut beweisen, um nicht als das gleiche Weichei zu enden, als das er seinen Vater früher gesehen hat.

Doch ebenso geht es ihm darum, seine von Kindesbeinen an gepflegte Haifaszination einmal auszuleben. Haie haben für Gursky eine besondere Bedeutung. Sie faszinieren und erschrecken ihn zugleich, durch ihre Schnelligkeit, ihre Eleganz und ihren Instinkt. Vielleicht ist es gar nicht so sehr der Hai, sondern mehr das Ideal, hinter dem Gursky her jagt. Besonders von Schweitzer, der erst nach dem ersten gemeinsamen, erfolglosen Jagdtag auf dem Meer so richtig von dieser Faszination gepackt wird, scheint es gerade auch darum zu gehen.

Von Schweitzer befindet sich quasi zu Therapiezwecken auf Kuba. Betrogen von der Freundin, hat er einfach das Weite gesucht, ist dabei auf Kuba gelandet und weiß dort nicht so recht etwas mit sich anzufangen, außer Drogen und Alkohol in den Bars von Havanna zu konsumieren. Nach den ersten gemeinsamen Tagen auf Kuba scheint zwischen beiden ein Austausch stattzufinden. Von Schweitzer übernimmt von Gursky den Jagdeifer, den er obendrein noch steigert, Gursky erkennt die „Vorzüge“ bestimmter bewusstseinserweiternder Substanzen. Achtet Gursky beim ersten Ausflug noch besorgt darauf, dass von Schweitzer nüchtern das Boot betritt, erkennt er nach einiger Zeit die scheinbaren Vorteile von durch Koks geschärften Sinnen bei der Jagd. Damit überschreiten beide in gewisser Weise eine Grenze, die sie durch ihren Schwur besiegeln.

Die Atmosphäre der ganzen Geschichte, die düstere Vorahnung, dass etwas Schlimmes passieren wird, macht letztendlich den besonderen Reiz und die Spannung des Buches aus. Zeigt „The Beach“ die Abgründe der menschlichen Seele, die sich in einer Kommune fernab der Zivilisation in einem scheinbaren Paradies offenbaren, so befasst sich auch Fischer letztendlich mit dem Thema Seele, wenngleich anders als Garland.

Dabei wirken die Figuren auf den ersten Blick gar nicht so, als ob sie auf tief greifendere Betrachtungen ausgelegt wären. Sowohl Gursky als auch von Schweitzer entstammen einer gewissen elitären, sozialen Oberschicht. Von Schweitzer wurde dort schon hineingeboren, während Gursky erst durch seine Karriere als respektloser Moderator in diesen Kreis vordringt. Menschen am Puls der Medienlandschaft, die in ihrer Art und ihrem Verhalten viele gängige Klischees zu bestätigen scheinen, die wir aus der Boulevardpresse zur Genüge kennen: Groupies, Drogen, Partys – im ersten Moment ist man versucht, Fischer vorzuwerfen, er würde seine Protagonisten mit allzu vielen breitgetretenen Klischees ausstaffieren.

Doch was bei anderen Romanen leicht zum Kritikpunkt werden kann, wird von Fischer überzeugend ausgearbeitet. Er beschränkt sich nicht auf die Klischees, er zeigt die Menschen, die dahinter stecken. Auch wenn seine Figuren zunächst etwas eindimensional wirken, wie Abziehbilder der modernen Gesellschaft, schafft er es im Laufe der Zeit, den Menschen dahinter zu entblättern. Klischees ja, aber bitte mit Tiefgang. So liefert Fischers Ausgestaltung der Figuren auch schon mal Gedanken, die die moderne Welt in Frage stellen.

Fischers Stil entpuppt sich als sehr locker und flüssig lesbar. Er schreibt sehr direkt und ohne Umschweife, beschreibt nicht lang und breit, sondern versteht es, mit wenigen Worten und trotz seines etwas kühlen, nüchternen Stils eine dichte Atmosphäre aufzubauen – genau passend für seine Protagonisten und ihr Hai-Abenteuer. Gurskys und von Schweitzers Jagd strebt unaufhaltsam ihrem unweigerlich unheilvollen Höhepunkt entgegen. Fischer gelingt ein dichter, stetig aufstrebender Spannungsbogen, der erst am Ende wieder gelockert wird.

Das ganze Bild seiner Figuren offenbart sich erst zum Ende hin und bleibt auch dann noch ansatzweise in der Schwebe. Letztlich lässt Fischer den Leser mit seinen Gedanken allein. So klingt der Roman zwar nach, lässt aber auch ein klein wenig das unbefriedigende Gefühl unbeantworteter Fragen zurück. Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, und Fischers zukünftige Publikationen im Auge zu behalten, könnte sich durchaus lohnen. „Jäger“ macht zumindest Hoffnung darauf, dass man von Marc Fischer noch einige interessante Werke erwarten darf.

Elrod, P. N. – endlose Tod, Der (Jonathan Barrett 2)

Autorin P. N. Elrod hat sich auf Vampire spezialisiert. In ihrer umfangreichen Serie um [Jack Fleming]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=432 begleitet sie den vampirischen Detektiv bei der Aufklärung seiner Fälle. In den Romanen um den amerikanischen Vampir Jonathan Barrett dagegen zeichnet sie ein faszinierendes Sittenbild frühester US-amerikanischer Geschichte, in das sie die Abenteuer ihres Protagonisten einbettet.

[„Der rote Tod“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=821 der erste Roman der mehrteiligen Serie, war ein furioser Auftakt. Jonathan Barrett, den naiven jungen Helden, verschlägt es zum Studium nach England und geradewegs in die Arme der unwiderstehlichen Nora Jones. Deren Affäre findet zwar ein Ende, als Jonathan nach seinen Studien nach Long Island zurückkehren muss, doch hinterlässt Nora bei ihm einen bleibenden Eindruck: Als er nämlich bei einem Scharmützel (die Handlung spielt während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs) tödlich verwundet wird, erhebt er sich eine Nacht später wieder aus seinem Grab, um zu seiner Familie zurückzukehren. Sein Vater und seine Schwester sind außer sich vor Freude und akzeptieren ohne Murren Jonathans neue Lebensgewohnheiten. So hat er keinen Herzschlag mehr, verschläft den Tag in seinem Zimmer bei zugezogenen Gardinen und erleichtert in der Nacht die familieneigenen Pferde um ihr Blut.

„Der endlose Tod“ knüpft nahtlos an die Ereignisse aus „Der rote Tod“ an und verfolgt zunächst weiter, wie sich Jonathan mit seinem neuen vampirischen Zustand arrangiert. Zusammen mit Vater und Schwester stellt er einige Versuche an, um herauszufinden, welche Kräfte er besitzt (so kann er beispielsweise andere per Hypnose beeinflussen oder sich in Luft auflösen). Doch außer der Tatsache, dass Jonathan am Tagesgeschehen offensichtlich keinen Anteil mehr nimmt und erst nach Sonnenuntergang aus seinem Zimmer kommt, stört nichts das gepflegte Zusammenleben im Haushalt Barrett. Zwar tobt draußen immer noch der Unabhängigskeitskrieg, allerdings scheint dieser eher unangenehm störend als wirklich gefährlich zu sein. Denn auf wundersame Weise schafft es immer nur Jonathan, vor die Flinte (Stichwaffe, stumpfen Gegenstand – man füge eine Waffe seiner Wahl ein) eines Soldaten oder Söldners zu laufen. So wird er niedergeschossen, niedergestochen, niedergeschlagen und entführt.

Außer auf Jonathans anhaltendes Unwohlsein aufgrund von lebensbedrohlichen Verletzungen, konzentriert sich die Handlung auf seine Schwester Elisabeth. Zwei neue Gäste haben sich nämlich im Hause niedergelassen und zwischen Elisabeth und Lord James Norwood entwickeln sich ziemlich schnell zarte Bande, die in einer Hochzeit enden. So besteht „Der endlose Tod“ über weite Strecken aus Teegesellschaften, zivilisierten Unterhaltungen und dem Nähen von Hochzeitskleidern. Doch wäre es glücklicherweise zu einfach, die eheliche Idylle unberührt zu lassen, und so muss Jonathan auf den letzten Seiten des Romans die Ehre seiner Schwester retten.

„Der endlose Tod“ kann mit seinem Vorgänger nicht mithalten. Die meisten Figuren sind bekannt (tatsächlich werden nur Norwood und seine Schwester neu eingeführt) und das Gleiche gilt für das Setting in Long Island. Jonathan bewegt sich ständig von seinem Haus zu einer Kneipe oder durch finstre Wälder zum Haus der Geliebten seines Vaters. Viel Neues wird der Leser also nicht erfahren. Auch zu Jonathans vampirischem Zustand wird kaum etwas hinzugefügt. Mittlerweile hat Jonathan zwar seine Kräfte und Möglichkeiten ausgiebig getestet, doch nutzt er sie kaum.

Und genau hier liegt der erzählerische Knackpunkt des Romans. Elrod benutzt in ihrem Roman nicht einmal das Wort „Vampir“. Jonathan weiß also nicht, was er ist (was durchaus seine Spannungsmomente hat). Doch auch er sollte festgestellt haben, dass er nicht so leicht zu töten ist. Dass er bereits tot und begraben war, weder einen Herzschlag noch eine nennenswerte Atmung hat, sollte Jonathan eigentlich ausreichend Indizien liefern. Elrod wirft ihren Protagonisten ständig in Situationen, die für einen normalen Menschen gefährlich, wenn nicht gar tödlich wären. Für einen Vampir jedoch sind sie bloße Unterhaltung. Und so mag beim Leser nicht wirkliche Empathie aufkommen, wenn Jonathan mal wieder angeschossen wurde. Weiß er doch (im Gegensatz zu Jonathan selbst), dass eine Schusswunde ihm nichts anhaben kann. Und so freuen sich Jonathan und sein Vater jedes Mal über die wundersame Genesung, der Leser aber rollt nur die Augen.

„Der endlose Tod“ bietet also gegenüber seinem Vorgänger kaum etwas Neues. Die Handlung wird weitergeführt, doch plätschert sie diesmal etwas zu bedächtig dahin, um so zu fesseln wie der erste Band. Stattdessen liefert Elrod Charakterstudien ihrer handelnden Figuren und lädt den Leser ein, an der Familiengeschichte der Barretts teilzuhaben. Leider scheint die Tatsache, dass es sich beim Sohn der Familie um einen Vampir handelt, hier nur eine Nebenrolle zu spielen.

Wenn Vampirfans also gegenüber „Der rote Tod“ nichts Neues erfahren werden, so ist „Der endlose Tod“ doch ein überzeugender historischer Roman. Gerade durch ihre durchdachten und überzeugenden Charaktere schafft es P. N. Elrod, dem Amerika des ausgehenden 18. Jahrhunderts Leben einzuhauchen. Ihr Unabhängigkeitskrieg ist eine ziemlich unehrenhafte Sache, die von Schurken und Söldnern ausgetragen wird, wobei die Bewohner der Gegend in jedem Fall die Verlierer sind, weil sie ständig zwischen die Fronten geraten. Jede Seite versucht, die Einwohner mit unlauteren Mitteln um Nahrung und Vieh zu erleichtern – eine Tatsache, die Jonathan im ersten Band das Leben kostete.

„Der endlose Tod“ schafft es also leider nicht, den Grad der Spannung zu erzeugen, der noch dem „roten Tod“ eigen war. Doch ist das Buch trotzdem unterhaltsam, wenn man es als Historienroman liest. Dann überzeugen vor allem die sympathischen und glaubhaften Charaktere und deren Interaktion miteinander. Dass P. N. Elrod in diesem Band so vorsichtig mit ihrem vampirischen Protagonisten umgeht, heißt zum Glück aber bei weitem nicht, dass sie dessen Potenzial schon erschöpft hätte. Jonathan ist immer noch auf der Suche nach Nora Jones, von der er hofft, dass sie ihn offiziell in seinen vampirischen Zustand einweihen kann. Er weiß mittlerweile, dass sie sich vermutlich in Italien aufhält, doch ist die internationale Post im 18. Jahrhundert noch nicht wirklich flott, und so erhält er in „Der endlose Tod“ noch kein erhellendes Lebenszeichen von ihr. Doch vielleicht im dritten Teil?

Patterson, James – Tagebuch für Nikolas

Gleich zu Beginn von „Tagebuch für Nikolas“ lernt man Katie Wilkinson kennen, die einsam in ihrer Badewanne sitzt, umgeben von ihrer Katze Guinevere und ihrem Labrador Merlin, die sie aber nicht über ihre Trennung hinwegtrösten können. Sie muss an das Tagebuch denken, das ihr einstiger Freund Matt ihr überlassen hat, ein Tagebuch seiner Frau Suzanne an ihr gemeinsames Kind Nikolas. Doch wie kann das sein? Wie konnte Katie nur so glücklich sein mit Matt und auf eine gemeinsame Hochzeit hoffen, wenn er doch eine Frau und ein Kind hat, obwohl er ihr immer versichert hat, dass er nicht verheiratet ist?

Das Tagebuch wird es erklären.

Suzanne widmet ihrem Sohn Nikolas ein Tagebuch, in welchem sie ihm von ihrer Vergangenheit und ihrer Liebe zu Matt erzählt. Suzanne war einst eine erfolgreiche Ärztin am |Massachusetts General Hospital|, als sie bereits im Alter von 35 Jahren einen Herzanfall erleidet und am Herzen operiert werden muss. Nur vier Wochen nach dem Herzanfall verlässt ihr Lebensgefährte Michael sie, und Suzanne beschließt ihr Leben umzukrempeln, ihren stressigen Job aufzugeben und zieht nach Martha’s Vineyard, wo sie während ihrer Kindheit sämtliche Sommerferien mit ihren Großeltern verbracht hatte.

Dort übernimmt Suzanne eine kleine Arztpraxis und genießt das Leben in Strandnähe, sie trifft einen ehemaligen Freund wieder und freundet sich immer mehr mit dem Mann an, der ihr Haus renovieren soll. Spaßeshalber wird er immer nur Picasso genannt, doch eigentlich heißt er Matt und wird einmal der Vater ihres Sohnes Nicholas sein. Suzanne und Matt verlieben sich ineinander, sind glücklich und heiraten schließlich. Irgendwann kommt dann auch Nikolas auf die Welt und macht ihr Glück perfekt.

Wirklich perfekt? Oder was wird passieren, das Matt dazu bringt, eine Beziehung zu Katie zu beginnen? Welche Erklärungen beinhaltet das Tagebuch?

Zugegebenermaßen habe ich eine kleine Schwäche für schnulzige Liebesromane und auch Liebesfilme, was dazu geführt hat, dass ich Nicholas Sparks’ sämtliche Bücher mit Tränen in den Augen verschlungen habe und immer sehnsüchtig auf neue Werke warte, damit ich mich wieder in wunderschöne Fantasiewelten begeben kann. Doch kann James Patterson Sparks das Wasser reichen, wo er doch sonst in ganz anderen Genres schreibt?

Schon der Inhalt des Buches klingt stark nach einer triefenden Schnulze, die bereits nach zwanzig Seiten auf das unweigerliche Happyend hinarbeitet. Zwischendurch werden gekonnt einige tragische Schicksale wie die Trennung von Matt und Katie oder auch Suzannes Herzanfall eingestreut, um dem Buch etwas mehr an Realitätssinn zu verleihen, doch konnte mich dies alles nicht überzeugen. Hätte mich jemand nach den ersten paar Kapiteln gefragt, wie ich mir das Ende des Buches ausmale, so hätte ich ihm genau das Ende vorhergesagt, wie Patterson es in seinem Buch niederschreibt, es gibt für meine Begriffe in dieser Erzählung leider keine Überraschungen, sodass Sparks-Kenner spitzfindig nach wenigen Seiten das Buch durchschaut haben dürften.

Die Geschichte um Katie wird aus der Sicht eines außen stehenden Erzählers geschrieben, das Tagebuch liest sich logischerweise in Ich-Form aus Sicht von Suzanne. Anfangs fand ich den Sprung vom Erzähler zur Ich-Form etwas verwirrend, aber die Sprünge werden durch ein neues Kapitel und die Freiseiten entsprechend deutlich gekennzeichnet. Verwirrender dagegen fand ich das Auftauchen eines zweiten Matt. Bereits im ersten Kapitel um Katie erfährt der Leser, dass sie von ihrem geliebten Matt verlassen worden ist, der ihr aber Suzannes Tagebuch überlassen hat. Im Tagebuch taucht dann auch recht schnell ein Matt auf, doch plötzlich eröffnet Suzanne dem Leser, dass sie sich in den Maler „Picasso“ verliebt hat und er der Vater von Nikolas ist. Erst später wurde dann klar, dass auch Picasso Matt heißt. Der andere Matt spielt aber später gar keine Rolle mehr, warum also tauchte er überhaupt auf und warum musste er auch noch den gleichen Namen erhalten? Das stiftet unnötig Verwirrung, zumal man beim Lesen eines Liebesromans ja nicht immer ein großes Maß an Aufmerksamkeit mitbringt.

Das Tagebuch ist immer wieder unterbrochen durch Anreden an den geliebten Nikolas beziehungsweise an den starken Ritter Nikolas oder auch den kleinen Prinzen. Allein diese Anredeformen an Nikolas wirken schon ein wenig übertrieben, aber noch kitschiger wird schließlich das allumfassende Glück, das Matt und Suzanne zusammen erleben. Dazu eine kleine (willkürlich herausgegriffene) Leseprobe:

|“Ich musste daran denken, was Matt in der Nacht, als er mir den Heiratsantrag machte, zu mir gesagt hatte: „Ist es nicht ein unermessliches Glück, dass es dich noch gibt und dass wir zusammen glücklich sein können?“ Ja, es war ein unglaubliches Glück, und dieser Gedanke ließ mich schauern, als ich dort am Abend unserer Hochzeit neben Matt stand.“|

In diesem Stil ist nahezu das gesamte Tagebuch geschrieben, Redewendungen wie „unermessliches Glück“ oder „Ich liebe dich“ zählen hier sicherlich zu den am häufigsten verwendeten Floskeln überhaupt. Das Tagebuch ist schwärmerisch, überschwenglich, verträumt und steckt voller Glücksmomente, die im Rahmen des kurzen Buches dennoch etwas zu häufig hervorgehoben werden. Gut, ein Liebesroman sollte triefen und das Wunder der Liebe lobpreisen, aber muss es gleich so übertrieben werden? Muss auf jeder Seite explizit erwähnt werden, wie sehr Matt und Suzanne sich geliebt haben und dass ihr Sohn das perfekteste Wesen auf der Welt ist, das bereits im Alter von weniger als einem Jahr sprechen und laufen kann? Ich erhebe nicht den Anspruch von Realitätsnähe bei einer Liebesschnulze, aber ich hatte auch gerade beim Lesen anderer Rezensionen über dieses Buch den Eindruck, dass „Tagebuch für Nikolas“ für mehr gehalten wird als eine verkitschte Liebesgeschichte, die von vorne bis hinten absehbar ist, und das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bemerke weder große literarische Leistungen von Seiten Pattersons noch eine besonders kreative und innovative Liebesgeschichte oder eine Story, die mich am Ende überraschen kann. Wo ist dieses Buch also mehr als eine ganz normale Schnulze?

Als verträumter Liebesroman mag „Tagebuch für Nikolas“ sehr unterhaltsam und nett sein, ich kann aber nicht behaupten, dass mich das Buch schwer beeindruckt hätte. Es ist nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, aber auch die erwähnten tragischen Schicksale werden so überdramatisiert, dass sie für mich einem Rosamunde-Pilcher-Roman entnommen sein könnten. Solche tragischen Ereignisse machen einen Liebesroman für meine Begriffe nicht zu einem großen literarischen Werk, sondern sie gehören irgendwo zu solchen Schnulzen dazu, denn in den meisten Kitschromanen steht das große Glück erst am Ende einiger Schicksalsschlägen, oder nicht?

Mir persönlich sind nicht einmal die Charaktere besonders ans Herz gewachsen, da sie einfach zu unmenschlich gut waren. Matt scheint der absolute Traummann zu sein, der seiner Traumfrau jeden Wunsch von den Augen ablesen kann und einfach nur perfekt ist, doch gibt es so jemanden wirklich? Ich konnte auch Katies Trauer und ihre Wut nicht mitfühlen, da die Geschichte meiner Meinung nach für solche Gefühle recht abgedroschen ist. Die Personen werden uns durch die Erzählung der Geschichte schon näher gebracht, aber sie werden zu einseitig dargestellt und ihre Fehler gar nicht erwähnt, sodass sie künstlich wirken und daher auch von mir kein Mitleid erhalten konnten.

Das Buch unterhält gut, entlockt uns zwischendurch eventuell die eine oder andere Träne, berührt vielleicht ein wenig, entführt seine Leser für zwei bis drei Stunden in romantische Welten, ist dann aber sicherlich wieder schnell vergessen. Um es kurz zu sagen: ein typischer und kitschiger Liebesroman, der nicht mit Überraschungen aufwarten kann und auch nicht weniger schnulzig ist als beliebige andere Liebesromane zuvor.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Uther, Hans-Jörg (Herausgeber) – Märchenschatz

„Märchenschatz“ ist eine von mehreren Sammlungen, die Hans-Jörg Uther herausgegeben hat. Hier geben sich Märchen aus so ziemlich allen Teilen des deutschsprachigen Raumes ein Stelldichein, darunter allseits bekannte wie „Dornröschen“, „Aschenputtel“ oder „Die Sterntaler“, aber auch andere wie „Die Geschichte von der Metzelsuppe“, „Bruder Lustig“ oder „Der Bärenhäuter“, wobei manches Märchen, dessen Titel dem Leser unbekannt schien, sich beim Lesen unter Umständen als alter Bekannter entpuppt, der hier nur im Kleid einer lokalen, leicht variierten Version auftaucht. Zu dieser Gruppe der weiträumig und dabei leicht unterschiedlich erzählten Geschichten gehören unter anderen „Der Deserteur mit dem Feuerzeug“ (bei Grimms: „Das blaue Licht“), „Vom Vogel Fenus“ („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) und „Das Märchen vom Knüppel aus dem Sacke“ („Tischlein, deck dich“). Manch einem, der Preußlers „Krabat“ gelesen hat, mag der „Zauberwettkampf“ bekannt vor kommen. Am meisten überrascht hat mich aber das Märchen „Der arme Schuster“, das in abgewandelter Form eine Geschichte aus 1001 Nacht erzählt! Wie diese Geschichte aus dem Orient ins Donauland kam oder umgekehrt, wäre eine interessante Frage.

Die Unterschiede zu den allseits bekannten Versionen, die meist von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurden, reichen von kaum spürbar, wie bei „Hans Wohlgemut“ („Hans im Glück“), über deutlich, wie bei „Die Geiß mit ihren zehn Zicklein und der Bär“ („Der Wolf und die sieben Geißlein“), bis gravierend bei „Das kleine Rotkäppchen“.

In den meisten Fällen betreffen diese Unterschiede lediglich die Ausführung, ohne die zugrunde liegende Aussage zu verändern. Aber nicht immer: Das Märchen vom Rotkäppchen zum Beispiel endet hier ganz aprupt an der Stelle, an der das Rotkäppchen gefressen wird! Kein Happyend!

Nun sind Märchen nicht einfach nette Geschichten, die man sich eben erzählt. Märchen erfüllen einen bestimmten Zweck. Der eine ist der psychologische. Oft wurde den Märchen vorgeworfen, sie seien so grausam, und es wurde fleißig daran gebastelt, sie zu entschärfen. Heute sind Psychologen der Meinung, dass Märchen grausam sein sollen! Märchen helfen dabei, mit Ängsten fertig zu werden. Kinder empfinden es als ermutigend, wenn Hänsel und Gretel die böse Hexe besiegen, und das auch noch ganz allein.

Der andere ist der pädagogische. Märchen lehren, dass der Gute immer gewinnt, der Böse immer verliert, dass es sich also nicht lohnt, böse zu sein. Genau dieser Punkt ist aber bei der hier erzählten Rotkäppchenversion ausgehebelt! Kein Jäger kommt, um das – zugegebenermaßen ungehorsame und leichtsinnige – Rotkäppchen zu befreien. Der Grundtenor lautet eher: Geschieht ihr recht! Die unschuldige Großmutter bleibt dabei völlig unbeachtet. Dadurch erhält die Geschichte einen Touch von Struwwelpeter-Pädagogik, die inzwischen allerdings stark umstritten ist. Rotkäppchen hat keine Gelegenheit mehr, aus ihrem Fehler zu lernen. Und der Wolf, der doch noch viel böser ist als Rotkäppchen, kommt ohne Strafe davon.

Außer den klassischen Volksmärchen finden sich aber auch Tiergeschichten und Schwänke, so zum Beispiel „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ und „Die sieben Schwaben“. Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie in der typischen Märchensprache belassen wurden, die zum Flair eines Märchens einfach dazugehört. Das wirkt sich gerade bei den beiden vorgenannten äußerst positiv aus, da die wörtliche Rede teilweise sogar die entsprechende Mundart verwendet.

Natürlich lesen sich manche Passagen dadurch etwas umständlich. Das Buch in einem Rutsch durchzulesen, ist anstrengend. Kleine Kinder werden gelegentlich eine Erklärung brauchen, ältere Kinder, die selber lesen, möglicherweise auch, sofern sie nicht aus ihrer Vorlesezeit bereits Märchenerfahrung haben. Aber das gibt sich rasch.

Illustriert ist der Band mit einfachen Bleistiftzeichnungen, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und sich vor allem durch Schlichtheit und einem Blick fürs Detail auszeichnen. Sie wurden von Otto Ubbelohde, einem hessischen Zeichner, für eine Ausgabe der Grimmschen Hausmärchen gefertigt und geben nicht nur Szenen aus den jeweiligen Märchen wieder, sondern auch Ausschnitte aus der damaligen Zeit, zum Beispiel in Kleidung und Einrichtung, und runden damit die Gesamterscheinung hervorragend ab.

Insgesamt eine interessante und schön gestaltete Ausgabe abseits der verwässerten und teilweise lieblos hingeklatschten Billigsammlungen, allerdings halte ich es für empfehlenswert, dass im Falle kindlicher Leser die Eltern mit den Kindern über das Gelesene sprechen. Aus eigener Erinnerung weiß ich, dass Kinder vieles gar nicht so deutlich und scharf empfinden wie wir Erwachsenen. Es sind aber auch nicht alle Märchen gleich einfach zu verstehen. Gerade im Falle von „Rotkäppchen“ oder auch der „Mär vom Marchandelbaum“ und der „Eiche am Elbufer“ wäre ein Erfragen des Gelesenen hilfreich, um zu sehen, wie die Kinder mit der Geschichte klargekommen sind.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. In der Liste der von ihm veröffentlichten Sammlungen finden sich auch „Sagenschatz“, „Märchen vom Glück“, [„Die schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=775 und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift |Fabula|.

Dave J. Pelzer – Sie nannten mich »Es«

Manche Bücher erzählen eine grausame Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, die uns beim Lesen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Zuletzt hatte „Mia“ von Liza Marklund bei mir diese Wirkung hervorgerufen, doch nun habe ich „Sie nannten mich Es“ gelesen und fand es mindestens ebenso schockierend …

Stationen einer Kindheit

Das kurze und dünne Buch ist in sieben verschiedene Kapitel eingeteilt, die wichtige Stationen in Dave Pelzers Leben darstellen. Gleich zu Beginn erlebt der Leser Daves Rettung mit. Endlich haben die Schulkrankenschwester und der Schuldirektor genug gesehen von Daves blauen Flecken und Verletzungen, die selbstverständlich nicht von Unfällen stammen. Die beiden verständigen die Polizei und lassen Dave aus der Schule abholen. Zunächst muss er eine Aussage über seine Erlebnisse machen, anschließend ist er jedoch frei – frei von seiner gewalttätigen Mutter, die ihn permanent gequält hat.

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Basu, Jay – Sterne können warten, Die

Im deutsch besetzten Oberschlesien wächst 1940/41 der vierzehnjährige Gracian auf. Nachts schleicht er sich auf eine Waldlichtung, um die Sterne zu betrachten. Sein Bruder Pawel holt ihn da weg, schenkt ihm dann aber ein Teleskop, mit dem er die Sterne viel besser sehen kann. Gracian beobachtet aber auch seinen Bruder bei dessen nächtlichen Aktivitäten. Und die sind mitunter ziemlich gefährlich. Eines Nachts folgt er ihm …

|Der Autor|

Jay Basu ist der Sohn eines indischen Vaters und einer polnischen Mutter mit russischen und deutschen Vorfahren. Er hat in Cambridge studiert und lebt in London. Sein erster Roman „Die Sterne können warten“ wurde nach Verlagsangaben ein internationaler Bucherfolg.

_Handlung_

Das Kriegsjahr 1940, im ehemals polnischen Teil Oberschlesiens, der nun von deutschen Truppen des „Generalgouvernements Polen“ besetzt ist. Die Lebensmittel sind rationiert, viele junge Männer leben im Untergrund und arbeiten für den Widerstand.

Hier lebt der vierzehnjährige Junge Gracian mit seiner Familie: seiner Mutter und seinem bewunderten Bruder Pawel. Seitdem Pawel ihm ein Buch über Astronomie geschenkt hat, liebt es Gracian, die Sterne zu beobachten. Sie sind das Einzige, wohin sein Geist fliehen kann, um der Not, Gefahr und Bedrückung ringsum zu entgehen.

Doch Gracian belässt es nicht beim Sterngucken aus dem Fenster. Er begibt sich dazu mitten in den nahen Wald, jenseits dessen das Militärlager der Deutschen liegen. Wieder einmal hat er sich in den Wald auf seine Lieblingslichtung geschlichen und ist den Wachen und Patrouillen knapp entgangen, da packt ihn eine Hand am Schlafittchen. Pawel schleift ihn wieder nach Hause, vernagelt das Fenster und verbietet Gracian, jemals wieder in den Wald zu gehen: „Die Sterne können warten. Das haben sie schon immer getan.“

Tagsüber schuftet Gracian in der Kohlenzeche einen Kilometer unter Tage, an bestimmten Tagen jedoch begleitet er seine Mutter auf gefährliche Expeditionen in ihr Heimatdorf. Dort herrscht noch keine große Not, und so kann sie mit Schinken und Würsten unter ihrer dicken Kleidung nach Hause zurückkehren. Doch nicht immer klappt das reibungslos. Zweimal hätten deutsche Wachen Gracian und seine Mutter fast auffliegen lassen.

Das Leben gewinnt wieder an Reiz, als Pawel ihm ein schönes, altes Teleskop schenkt. Damit rücken die Sterne wieder in greifbare Nähe, aber auch andere Dinge. Nun kann er auch den geheimnisvollen Wegen Pawels besser folgen, der mitunter tagelang verschwindet, um dann wieder am Hof von Gracians Familie aufzutauchen. Ist er ein Schmuggler oder gar ein Partisan? Als Gracian hinter Pawels Geheimnis kommt, setzt er, ohne es zu wollen, eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf das Schicksal seiner ganzen Familie, wenn nicht sogar des Dorfes auf dem Spiel steht.

_Mein Eindruck_

Vieles dessen, was der Autor erzählt, steht zwischen den Zeilen. Er braucht uns nicht zu sagen, dass Gracian seinen Bruder ebenso liebt wie seine Mutter. Wer Augen hat zu sehen, der wird an Dingen, die Gracian tut, merken, wie sehr ihn das Schicksal seines Bruders interessiert. Das ist auch gut so, denn den Geschichten, die Gracian von seinem Zechenkumpel Dylong über Pawel erzählt bekommt, darf man nicht hundertprozentig trauen. Taten zählen, Wörte können allzuoft lügen.

|Die Wahrheit des Zeigens|

Und deshalb konzentriert sich die wortkarge Erzählung auf das, was Gracian empfindet und tut. Hier liegt Wahrheit. Die Schwierigkeit liegt darin, sie angemessen zu beschreiben. Wie leicht wäre es, Gefühle zu behaupten statt sie zu beschreiben. Bis zu einem gewissen Grad muss jeder Erzähler diese Dinge behaupten. „ABC fühlte sich, aber XYZ ging es hingegen dreckig.“ Solche Sätze findet man allzu häufig in Unterhaltungsromanen.

Jay Basu tut dies nicht. Und sein Roman will auch nicht unterhalten, sondern erzählt in sehr einfacher Sprache, aber sehr präzise. Er nimmt keine Abkürzungen. Vielmehr stellt er uns Gracians Welt genau vor, in all ihrer Schönheit, mit allen Schrecken. Dies fand ich nicht immer einfach zu ertragen, und deshalb musste ich nach dem ersten Teil, an dessen Ende Pawel ihm das Teleskop schenkt, eine mehrwöchige Pause einlegen.

Das war vielleicht ein Fehler, vielleicht auch nicht. Der Rest des Buches lässt sich ohne Schwierigkeiten weiterlesen, denn nun ergeben sich die Konsequenzen aus dem Geschenk. Wurden im ersten Teil wichtige Figuren vorgestellt, so erleben wir nun, wie es ihnen ergeht, während die Besatzung durch die Deutschen in ihr zweites Jahr (nach dem September 1939) geht. Pawel ist tatsächlich in den Widerstand gegangen. Seine Erfahrungen als Schmuggler, die er schon mit sechzehn und siebzehn gemacht hat, kommen ihm jetzt wie gerufen. Allerdings nimmt er seine Verlobte Anna ebenfalls mit auf die nächtlichen Erkundungen bei den Einrichtungen der Deutschen. Das erweist sich als verhängnisvoll.

|Eine Frage der Wahrnehmung|

Gracian hat ein Problem mit dem Sehen durch das Teleskop. Er kann nahe Dinge noch näher heranholen, so dass er ihre Bewegung genau beobachten kann, wie etwa die einer Spinne. Oder er kann Strukturen entdecken, die ihm mit bloßem Auge noch verborgen gewesen waren, so etwa die Sternbilder, in denen nun auch schwächere Sterne auftauchen. Die Schwierigkeit liegt für ihn in der Überbrückung dieser zwei Extreme, denn das Teleskop bietet ihm nur diese zwei Pole des Sehens.

Die menschliche Wahrnehmung ist jedoch ein Kontinuum, in dem die Einzelheiten stets etwas mit dem Hintergrund zu tun haben und mit anderen Strukturen interagieren. Gracians Bemühen, diese Distanz der Wahrnehmung zu überbrücken, indem er seinen Bruder erst beobachtet und dann auch noch verfolgt, führt zu einer Katastrophe. Zu spät bemerkt der Beobachter, dass er seine Anwesenheit mit seinem Gerät in einer ungewohnten Umgebung verraten hat. Dies ist die reale Umsetzung von Heisenbergs Unschärferelation aus der Quantenphysik.

|Betrachten heißt enscheiden|

Die Folgen seiner Tat bereiten Gracians lange Zeit schreckliche Schuldgefühle, und die Erlösung lässt lange auf sich warten. Dann jedoch zieht er nach der klaren Erkenntnis, dass die wartenden Sterne keinen Trost spenden, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit. |“Leben lag in der Betrachtungsweise. Die Betrachtungsweise war eine Entscheidung, die getroffen werden musste.“| (S. 190)

Am Schluss steht Gracian verändert auf der alten Waldlichtung: |“Und wenn jemand von dort aufgestiegen wäre, fort von dem knienden Jungen mit den erdbedeckten Händen, hätte er nur das dunkle Aufragen der Fichtenstämme im Regen gesehen und darüber die zitternden Wellenkämme eines grünen, schattigen Meeres und darüber, weit darüber noch, den weiten, offenen Himmel, an dem die fernen Wächter ihre Bahnen beschreiben: kreisend, vorbeiziehend und der Unendlichkeit winkend.“| (S.191)

Der lange, harte Winter ist endlich vorüber, denn es fällt Regen statt Schnee. Und der Junge hat Abschied von den Sternen genommen. Seine Hände sind bedeckt mit dem, was menschliche Dimensionen hat und alleine zählt: Erde.

_Unterm Strich_

Die Geschichte, wie Gracian in jenem Winter aufwächst und schließlich erwachsen wird, ist schlicht und doch poetisch erzählt, voller gefühlter Humanität und Würde. Man kann diese Erzählung immer wieder lesen und wird doch Neues dabei entdecken, vor allem all jene Dinge, die zwischen den Zeilen stehen, die Dinge, die wirklich wichtig sind: Liebe, Solidarität, Hass, Schrecken und Schönheit.

Es ereignen sich keine weltbewegenden Dinge wie etwa in „Schindlers Liste“, und doch erklärt diese Geschichte genauso viele Dinge wie jener Roman, den Spielberg verfilmte. Der Mut der Menschen, ihre verrückten Hoffnungen, ihre Liebe zueinander werden ebenso sichtbar gemacht wie die Schrecken der deutschen Besetzung Oberschlesiens. Dabei sind die Menschen um Gracian herum nicht einmal Juden, denen ein viel härteres Los zugedacht worden wäre. Die Schupos der „Sonderpolizei“ verbreiten genügend Schrecken für alle.

Sehr wichtig fand ich, dass sich Gracians Betrachtungsweise ändert. Statt zu den Sternen ist sein Blick nun auf die Erde gerichtet. Kein Teleskop ist mehr nötig, kein Astronomiebuch, um die irdischen Dinge in all ihrer Komplexität zu verstehen. Wir können nur hoffen, dass Gracian in seiner neuen Realität zurechtkommt.

Dem Engländer Jay Basu ist ein unglaublich genaues und sehr schönes Buch gelungen. Er entführt den Leser in eine Welt, die vielleicht schon versunken ist und doch in allen wichtigen Details wieder zum Leben erweckt wird. Ich konnte mich jedenfalls sofort zurechtfinden. Meine eigene Verwandtschaft mütterlicherseits, die mir davon erzählte, kam aus dieser Gegend: Oberschlesien, mährisches Sudentenland, aber nicht Richtung Kattowitz (dem Kohlegebiet), sondern Richtung Olmütz in Mähren, einer sehr ländlich strukturierten Region.

Ich kann mir vorstellen, dass sich auch Frauen für diese Geschichte begeistern könnten. Denn nicht irgendwelche Action zählt hier, sondern die Werte zwischenmenschlicher Beziehungen. Und wer weiß? Vielleicht können Frauen besser zwischen den Zeilen lesen als ich.

|Originaltitel: The stars can wait, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Marie Rahn.|

Chevalier, Tracy – dunkelste Blau, Das

Amis haben für gewöhnlich ein ziemlich seltsames Bild von uns Europäern und wehe sie ziehen dauerhaft hierher, dann kann es eigentlich nur Komplikationen und Verwicklungen geben. Sogar solche, die bis ins 16 Jh. zurückreichen. So ergeht es Tracy Chevaliers Protagonistin, als sie mit ihrem Mann berufsbedingt nach Frankreich übersiedelt. Dem Text auf dem Buchrücken nach bietet es sich an, die Geschichte spontan als einen der derzeit höchst beliebten klerikalen Thriller einzustufen. Ein Irrtum. So viel zur Erwartungshaltung. Ob und inwieweit der Eindruck des Teasers beabsichtigt ist, um auf der Welle mitzuschwimmen, soll einmal dahingestellt sein. Doch worum handelt es sich bei dem Roman „Das dunkelste Blau“ nun eigentlich wirklich?

_Die Autorin_
Tracy Chevalier ist gebürtige Amerikanerin des Jahrgangs 1962, wuchs in Washington D.C. auf und lebt heute in London. Vor ihrem Creative-Writing-Studium an der East Anglia University, das sie 1994 abschloss, arbeitete die Quereinsteigerin als Lektorin für Nachschlagewerke. Weitere von ihr erschienene Romane: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (List, TB 06/2001), „Wenn Engel fallen“ (List, TB 10/2003) und „Der Kuss des Einhorns“ (List, HC 02/2004). [Quellen: Verlagsinfo und amazon.de]

_Zur Story_
Ella Turner und ihren Mann Rick zieht es nach Frankreich. Er ist ein gefragter Architekt und arbeitet an einem Projekt in Toulouse, das sicher mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Somit ist der Umzug nach Frankreich in ein verschlafenes Nest in den französischen Chevennen ein recht dauerhaftes Unterfangen. Ausgesucht hat das neue, abseitige Domizil jedoch Ella, deren Familie vor Generationen aus Frankreich nach Amerika übersiedelte und ihren Namen von Tournier in Turner änderte. Seit ihrer Ankunft in Land des Weichkäses und ihrer Ahnen wird sie von immer wieder dem gleichen Albtraum heimgesucht, in welchem die Farbe Blau eine immens wichtige und traurige Rolle spielt. Zugleich üben die beiden, Nachwuchs zu bekommen, doch gerade der Sex macht die Albträume nur noch schlimmer und intensiver. Ihrem Mann offenbart sie sich jedoch nicht.

Da sie als Hebamme im Gastland nicht praktizieren darf, weil ihr dafür die Zulassung fehlt, und Rick sehr mit seinem Job beschäftigt ist, sucht sie sich Ablenkung. Sie fühlt sich als Fremdkörper im Dorf – man schneidet sie gepflegt in der Nachbarschaft, obwohl sie sich redlich Mühe gibt, ihr verschüttetes Französisch stetig aufzubessern und sich anzupassen. Sie fühlt sich hier auch irgendwie „zuhause“. Es hilft nichts. Kurzum, sie hat niemanden, mit dem sie sich austauschen könnte. Keine Freunde, keine Verwandten. Lediglich ein Cousin in der relativ nahen Schweiz, den sie bislang noch nicht persönlich kennen gelernt hat. Getrieben von innerer Unruhe – vorerst als selbst auferlegte Beschäftigungstherapie – fängt sie enthusiastisch an, ihre Familiengeschichte zu recherchieren und herauszufinden, warum sie im Traum in blitzsauberem Französisch Bibelzitate von sich geben kann.

Ella spürt, dass die Geschichte ihrer Ahnen mit dem stets wiederkehrenden Traum in direktem Zusammenhang steht. Ihre Intuition gibt ihr Recht, doch stellen sich Erfolge beim Wühlen nach alten Dokumenten nur schleppend ein. Dafür findet sie im hiesigen Bibliothekaren Jean-Paul einen zunächst widerwilligen und abweisenden Mitstreiter, der ihr dann aber immer tatkräftiger unter die Arme (und später auch unter den Rock) greift. Das Auffinden einer alten Familienbibel aus dem Besitz der Tourniers bringt sie endgültig auf die Spur eines schrecklichen Verbrechens, das Jahrhunderte zurückliegt. Genauer gesagt aus der Zeit, als die Protestanten Frankreichs – die Hugenotten – unter dem immer mehr um sich greifenden Katholizismus zu leiden hatten und vertrieben wurden. Mitten in dieser Welt des (Aber-)Glaubens spielte sich eine Tragödie in der Familie ab, die Ella in der Jetztzeit so viel Kopfzerbrechen bereitet …

_Meinung_
Schon zu Beginn des Romans erhält der Leser einen Einblick in die Vergangenheit. Genauer gesagt in die Familiengeschichte derer von Tournier, von denen Ella abstammt. Zunächst kann man sich auf die recht wirren und in schneller Zeitrafferfolge präsentierten Fetzen aus der Familienhistorie allerdings keinen klaren Reim machen. Das legt den Grundstein für später immer deutlicher zu Tage tretende Analogien und Parallelen zwischen Ella und ihrem Pendant aus dem 16. Jahrhundert: Isabelle de Moulin. Anfänglich sind diese Flashbacks noch sauber durch Kapitel von der Geschichte in der Gegenwart getrennt, später überschneiden sich die Stränge in schnellerer Abfolge und mogeln sich gegen Ende sogar absatzweise in den Plot. Als weitere Unterscheidung erzählt Chevalier Ellas Geschichte in der Ich-Form, Isabelles Part hingegen beobachtend in der dritten Person.

Man hat den Eindruck, dass besonders Isabelle rudimentäre übersinnliche Fähigkeiten besitzt – zumindest was ihre Connection zu Ella angeht, stimmt das auch irgendwo. Chevalier deutet vermeintlich vorhandene Hexenkünste in diesem Zusammenhang allenfalls nur an. Zum Teil auch recht deutlich, wie beim Bild des immer wieder auftauchenden Wolfes, den Isabelle ganz selbstverständlich als Reinkarnation und Sinnbild ihrer toten Mutter versteht, die helfend in ihr Leben eingreifen will. Leider werden einige dieser vielversprechenden Ansätze in letzter Konsequenz nicht genügend genutzt, um dem Plot mehr Substanz zu verleihen. Solche Festlegungen, ob hier nun tatsächlich paranormale Mächte am Werk sind, oder doch alles nur Aberglaube ist, bleiben dem Leser überlassen. Der kleine Schuss Mystery verpufft ziemlich wirkungslos.

Die wichtige (wie ich finde) Frage, warum die beiden Frauen auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind, bleibt auch am Ende der Geschichte nur vage angedeutet. Wie so vieles. Das gilt auch und speziell für die Personenzeichnung. Die Figuren sind bis auf Ella sehr zweidimensional beschrieben und vegetieren als gesichtslos und vorhersehbar agierende Schablonen vor sich hin. Selten lässt sich Chevalier mal zu detaillierteren Beschreibungen ihrer Charaktere und deren Motive hinreißen. Überraschungen in deren Handeln braucht man demzufolge auch nicht zu erwarten, auch von der Protagonistin nicht. Vollkommen linear entwickelt sich die Geschichte genau in die Richtung fort, wie man es sich beim Lesen gedacht hat. Mit Ausnahme der vielen „toten Links“, d. h. Nebenhandlungen, die aus unerfindlichen Gründen einfach nicht weiterverfolgt werden und frei schwebend irgendwo in der Luft enden.

Man ist versucht, „Das dunkelste Blau“ ziemlich schnell als „Frauenroman“ abzustempeln, und tatsächlich bedient der Roman einige der beliebten Klischees, die diesem häufig zu Unrecht negativ konnotierten Begriff andichtet werden. Eine Dreiecksbeziehung gefällig? Geht klar! Die alte In-der-Fremde-doch-noch-ne-beste-Freundin-gefunden-Leier? Biddeschön, kommt sofort! Sex? Verkauft sich immer gut und ist im Doppelpack auch billiger. Okay, wollen wir mal nicht so ungerecht sein und einräumen, dass sich der Schnulzfaktor in erträglichem Rahmen bewegt. Natürlich landet die von ihrem Mann unverstandene und vernachlässigte (Die Klischees bitte nacheinander eintreten – Danke!) Ella mit dem Nebenbuhler – nebst einem ganzen Sack voller Gewissensbisse – in der Kiste. Beinahe zufällig. Vollkommen ungewollt und unerwartet. Hust. Die Beschreibungen der horizontalen Vergnüglichkeiten fallen harmlos aus, da gibt’s Deftigeres – erotisch sind sie aber auch nicht.

Den Leser dürstet es natürlich, das Kuddelmuddel am Ende aufgelöst zu wissen. Wer mit wem und wie und warum überhaupt. Nach den ganzen Sackgassen in der Handlung wähnt man sich im Recht, die Auflösung des Rätsels zu erfahren. Das gelingt Chevalier aber nur zum Teil, die Geschichte und der damit verbundene tragische Mordfall in der Familie Tournier während der Hugenotten-Vertreibung im Jahre Fuffzehnhundertpiependeckel bleibt ungesühnt. Die Schuldigen werden nicht bestraft, de facto erfährt man eigentlich gar nichts weiter. All die kleinen eingearbeiteten Hinweise sind für die Katz bzw. für den Wolf. Den Reißwolf. Dass das letzte Drittel ganz besonders mit der heißen Nadel geklöppelt wurde, bemerkt man an einigen Inkonsistenzen, stellvertretend etwa das plötzliche Auftauchen der Figur Lucien, den Chevalier schlichtweg vergessen hat, zuvor in irgendeiner Form vorzustellen.

Die mühselig aufgebaute und konstruierte Handlung in der Vergangenheit ist historisch ganz gut recherchiert, doch vergeudet Chevalier hier um des lauen Finales in der Gegenwart Willen jede Menge Potenzial, mehr in die Tiefe zu gehen. Die böse Schwiegermutter, der patriarchische Ehemann (Volle Deckung – schon wieder tief fliegende Klischees!), ja, selbst Isabelle, der man so arg und übel mitgespielt hat – immerhin eine wichtige Schlüsselfigur – verschwinden in bester Cliffhanger-Manier schlussendlich im Vakuum der Story. Absolut unbefriedigend. Stattdessen gibt’s ein versöhnliches (aber wenig überraschendes) Schlag-auf-Schlag-Ende für Ellas Albträume, den Beziehungsstress und die Akklimatisierungsprobleme in der neuen Heimat. Und verständnisvolle Verwandte hat sie auf einmal auch gefunden, zusätzlich zur neuen besten Freundin – versteht sich.

_Fazit_
Würde man die ganzen Platitüden streichen, die in losen Enden münden, wär’s eine schöne und übersinnlich angehauchte Novelle geworden. Alternativ dazu wäre eine detailliertere Ausarbeitung der vorhandenen guten Ansätze dazu angetan gewesen, aus dem Roman viel mehr heraus zu kitzeln. So jedoch überwiegt das recht uninteressante Füllwerk, um als recht plattes Transportmedium für die sich anbahnende Romanze zu dienen. Wischiwaschi. Wer aufgrund des Covertextes mit einem sakralen Thriller vom Schlage eines Eco oder Brown rechnet, sei gewarnt.

„Das dunkelste Blau“ ist eine – im wahrsten Sinne des Wortes – triviale Criminal-Love-Story mit einem kleinen Touch von Mystery, den Tracy Chevalier aber leider nur oberflächlich streift. Dank der unscharfen Figurenzeichnung und der vorhersehbaren Handlung sicherlich keine schwere Kost und zwischen Suppe und Kartoffeln schnell durchgelesen. Empfehlenswert höchstens als seichte Bettlektüre für schlaflose Genre-Liebhaber. Wer Gehaltvolleres mag, macht einen Bogen um diese künstlich aufgepumpte und dadurch recht unausgegoren wirkende Kurzgeschichte.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Virgin Blue“
Penguin, London 1996
Deutsche Erstveröffentlichung: dtv München 1999
Übersetzung: Agnes C. Müller
ISBN: 3-423-20702-7 (2. ungekürzte TB Neuauflage 05/2004)

Ildikó von Kürthy – Freizeichen

Einen Namen im Frauenbuchgenre hat sich die Stern-Journalistin Ildiko von Kürthy durch ihr Erstlingswerk „Mondscheintarif“ gemacht, welches bereits wenig schmeichelhaft verfilmt wurde. Mit „Freizeichen“ hat sie ihren dritten Roman veröffentlicht, der ebenfalls im |Wunderlich|-Verlag erschienen ist und nun als Taschenbuch bei |rororo| vorliegt.

Der Leser befindet sich gleich zu Beginn mitten in einem Gedankenmonolog der Hauptperson Annabel wieder, die sogleich berichtet, dass sie nun endlich vor dem Problem steht, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen. Eigentlich ist sie bereits seit viereinhalb Jahren mit Ben zusammen, doch im Alltag ist die Leidenschaft flöten gegangen und Annabel fragt sich nun, ob diese Beziehung so noch Sinn ergibt. Kurzentschlossen – eine Fettanalysewaage und Max Frisch haben ihren Teil dazu beigetragen – fährt sie für ein paar Tage zu ihrer reichen Tante nach Mallorca, um dort über ihre Beziehung und ihre Frisur nachzudenken. Auf Mallorca angekommen, muss sie feststellen, dass ihr Koffer nicht mitgeflogen ist und ihre überschüssigen dreieinhalb Kilo sich vielleicht doch nicht so günstig verteilen, wie ihre Freundin Mona ihr das immer wieder versichert.

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Eco, Umberto – Baudolino

Von wem wird Geschichte gemacht? Wer darf darüber schreiben? Sind ’story‘ und ‚history‘ manchmal dasselbe? Müssen wir allem glauben, was man uns als „historischen Moment“ vorsetzt? Hoffentlich nicht. Aber dass Geschichts-Schreiber und Geschichten-Erzähler manchmal das Gleiche sind, das demonstriert uns Umberto Eco in seinem schelmischen Abenteuerroman „Baudolino“.

|Der Autor|

Umberto Eco, geboren 1932 in Alessandria, dessen Großvater als Findelkind erst den Namen Eco bekam, wurde weltbekannt durch seinen mit Sean Connery verfilmten Mönchskrimi „Der Name der Rose“. Weitere Bestseller folgten, erreichten diesen Erfolg aber nie. Mit „Baudolino“ machte Eco wieder auf sich aufmerksam; der Schelmenroman erhielt lobende Kritiken. Eco lehrt als Professor für Semiotik (Kunde von den Zeichen) an der Universität Bologna, der ältesten in Europa. Mehr unter http://www.umberto-eco.de.

_Handlung_

Baudolino wächst im 12. Jahrhundert als schlitzohriger Bauernbengel im oberitalienisch-lombardischen Piemont auf. Mit seinen dreisten Lügen biegt er den Lauf der Dinge – meist erfolgreich – zu seinen Gunsten um. Zum Beispiel im Jahr 1154, als der 13-jährige Baudolino dem großen Kaiser Friedrich Barbarossa einen Bären aufbindet: Er könne wahrsagen. Außerdem hilft er dem Kaiser, der sich in den Nebeln Piemonts verirrt hat, wieder zu seinen Mannen zu gelangen. Ein richtiges Aha-Erlebnis.

Fortan ist Baudolino der kaiserliche Adoptivsohn, lernt lesen und schreiben und darf sogar in Paris studieren: Theologie, Poetik und Rhetorik. Dort lernt er nette Studenten kennen: Abdul, der von einer irischen Mutter und einem provenzalischen Vater abstammt, aber in Syrien aufwuchs; und „den Poeten“, der natürlich seinem Spitznamen hohnspricht und so wenig Poesie besitzt wie ein Zaunpfahl.

Aber als Kaiser Friedrich die schöne Beatrix von Burgund zu seiner zweiten Frau macht, schlägt das Herz Baudolinos so hoch, dass er umgehend ein paar Verse schmieden muss – für die er aber den „Poeten“ als Urheber angibt. So verschafft er diesem eine Stelle als Hofpoet in Köln beim Reichskanzler Rainald von Dassel.

Baudolino ist in Begleitung Friedrich Barbarossas stets dabei, wenn Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes „geschrieben“ wird – und er lehrt uns die auch noch heute gültige Einsicht, dass Geschichtsschreibung in erster Linie die Fälschung von Geschichte ist (siehe die drei Golfkriege). Warum wollte Kaiser Friedrich wirklich ins Heilige Land? Und war es tatsächlich ein Badeunfall in Kleinasien, bei dem er unterwegs umkam? Schließlich schwamm der Kaiser wie ein Fisch im Wasser. Daraus wird noch ein richtiger Krimi, in dem Baudolino den Sherlock Holmes spielt.

Wenn Baudolino und seine Kumpels in Paris einen Brief des mythischen Priesterkönigs Johannes von Indien fingieren, er falsche Reliquien (den „Gradal“) in Umlauf bringt, die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgräbt und für den Transport nach Köln aufmotzt, die Heiligsprechung Karls des Großen vorschlägt – dann wird klar, dass die ausgefuchsten Medien- und Pressestrategien der Moderne ihren Ursprung im Mittelalter haben.

_Mein Eindruck_

„Baudolino“ ist viele Dinge gleichzeitig: ein Schelmen-, Geschichts- und Reiseroman, in dem auch Phantasiewesen auftreten, wie sie in jeder mittelaterlichen Weltbeschreibung zu finden waren. „Eco verknüpft historische Fakten des 12. Jahrhunderts, Fabelwesen, saftige Liebesromanzen (die Hypatia-Episode), aktuelle Politik und Glaubensfragen zu einem sprühenden Feuerwerk“, schrieb die „Welt am Sonntag“. Auch wahr. „Umberto Ecos Roman ist ein wunderlicher Mix aus Historie und Fantasie, Gelehrsamkeit und Kinderei“, meinte die „Stuttgarter Zeitung“. Aber klar doch! „Ein Schelmenroman, wie man ihn sich praller, einfallsreicher und kurzweiliger nicht wünschen kann“ – Bayern2 Radio. Sowieso, liebes Radio!

Aber „Baudolino“ illustriert auch die Macht des Geschichtenerzählens an sich. Schon die ersten Infos, die der junge Ich-Erzähler seinem Ziehvater Barbarossa auftischt, sind eine Lüge. Aber eine wirksame, und darauf kommt es ihm an. Im Lauf des Buches werden noch so viele Unwahrheiten produziert, zum Teil sogar im Namen der Staatsräson, dass man mit dem Zählen gar nicht mehr nachkommt. Die Herkunft der drei Könige im Sarg zu Köln, die Liebesgedichte an Barbarossas schöne Frau, sämtliche Storys über den Priesterkönig Johannes – alle diese Fabrikationen haben einen Zweck für den Verfasser. Oft geht es um Status, Rechtfertigung, Machterhalt, mitunter auch um die Gunst einer Frau, doch stets ist die fabrizierte Wahrheit Mittel zum Zweck.

Leider kann das aber auch ins Auge gehen, wie der Held erfahren muss. Nicht nur dann, wenn einer – wie im Fall Zosimos – mindestens genauso schlau ist wie er selbst, sondern auch, wenn die Interpretation der Wahrheit und der vermeintlichen Wirklichkeit auf den Sucher selbst zurückfällt.

Hier wird die Fabel vom Schelm Baudolino zur Detektivgeschichte: Wer hat den Kaiser in Kilikien getötet, im Schloss des Fürsten Ardzrouni? Wie ging das zu in diesem ausgetüftelten Gebäude mit seinen Verbindungsröhren, Gasen und geheimnisvollen Vorrichtungen? Und diese Fragen führen natürlich auch zu der nach dem Motiv – warum sollte der Kaiser sterben? Er wollte doch bloß ein sagenhaftes Reich suchen, hatte sich also auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben. Die Antwort erhält Baudolino, unsere wackere Intelligenzbestie, erst ganz am Schluss. Die Wahrheit macht ihn ironischerweise nicht frei, wie es die Bibel verspricht. Sie bringt ihn beinahe um.

Umberto Eco, dessen Name selbst ein von einem Beamten erfundener ist, setzt sich mit den Geschichten, den Erzählern und ihrer Macht nicht nur zum Amüsement einer bürgerlichen Gesellschaft auseinander. Baudolino folgt dem Auftrag des Bischofs Otto von Freising, und er befolgt ihn nach Treu und Glauben, egal was er damit alles anrichtet. (Er vernichtet als erstes des Bischofs mühselig erstellte „Weltgeschichte“, indem er das Pergament abkratzt und neu beschreibt!) Und dass die Geschichten sich rächen können, wenn man nicht aufpasst, muss er am eigenen Leib erfahren.

_Unterm Strich_

„Baudolino“ ist ein schönes Buch, das nicht nur heitere Unterhaltung, Action und Fantasy bietet, sondern auch eine Detektivgeschichte liefert, auf deren Auflösung man gerne bis zum Schluss wartet.

Natürlich wird man sich fragen, warum Eco die Reise nach Indien derartig ausgewalzt hat. Ganz einfach: Der Erfinder von Geschichten dringt in ein Reich vor, wo die Realität phantastischer ist, als er es sich ausmalen könnte. Und sie erweist sich für manchen seiner Begleiter als tödlich. Dass er den Priesterkönig nie zu Gesicht bekommt, mag daran liegen, dass es sich nur um eine Erfindung von dessen Unterpriestern handelt, die sich eine Existenzberechtigung zurechtgeschnitzt haben. Schließlich ließen sich die europäischen Könige ja auch ihren Herrschaftsanspruch göttlich und kirchlich legitimieren. Geschichts-Schreibung ist also nicht nur eine Angelegenheit, die Bauernlümmel für sich reklamieren können, sondern findet auf oberster Ebene statt. Man hat dies ja am Beispiel des Irakkrieges 2003 gut ablesen können. Die Frage ist vielmehr, was gegen solche Vorspiegelungen hilft.

Seine Geschichte erzählt Baudolino selbst, seinem Freund und Gönner Niketas von Byzanz. Ob wir dieser Informationsquelle wohl trauen können? Aber kommt es darauf überhaupt an? Schließlich hat jede Geschichte einen Zweck. Ihr Urheber heißt diesmal ironischerweise „Eco“, also Echo …

Nicholas Sparks – Du bist nie allein

Spätestens durch seinen Roman „Weit wie das Meer“, der unter dem Titel „Message in a bottle“ mit Kevin Costner verfilmt worden ist, hat Nicholas Sparks sich einen Namen gemacht durch seine unvergleichlichen Liebesromane. Seine Bücher zeichnen sich durch blumige Sprache und eine meist tragische Liebesgeschichte aus, doch in seinem neuen Buch „Du bist nie allein“ (auf Englisch: „The Guardian“) wagt Sparks einen Spagat zwischen zwei Genres. Seine Intention war dabei die Verbindung einer großen Liebe mit der Gefahr, wobei der Schwerpunkt allerdings für Sparks auf der Liebesbeziehung liegen sollte.

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Uther, Hans-Jörg (Hrsg.) – schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit, Die

Märchen und Geschichten gehören zur Advents- und Weihnachtszeit wie Lebkuchen oder Kerzenlicht. Diese besondere Sammlung trägt dieser Stimmung Rechnung, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Literarische Werke von Theodor Storm, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde und Theodor Fontane geben sich ein Stelldichein mit Volksmärchen aus Irland, Norwegen, dem Odenwald und der Lüneburger Heide. Alle haben mehr oder weniger mit Weihnachten zu tun, und sei es auch nur ganz am Rande.

Die ersten drei Geschichten über Frau Holle, Nikolaus und Christkind gehören zusammen und erzählen in ganz eigener Weise, wie das Christkind nach Europa kam. Die Mischung aus heidnischen Überlieferungen und christlichem Gedankengut ist für manchen vielleicht überraschend und gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber auch Darstellung eines Übergangs. Gerade zu einer Zeit, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, wurde noch viel in Bildern und Symbolen gedacht, insofern spiegelt sich hier die Christianisierung einer Volksseele, die uns so nicht mehr bewusst ist, weil wir inzwischen schon so lange in einer christlichen Umgebung aufwachsen.
Außer diesen dreien ist lediglich „Das Tannenbäumchen“ ein echtes Weihnachtsmärchen. Die übrigen Volksmärchen haben ihren Bezug zu Weihnachten nur im Zeitpunkt der Handlung, die sich selbst nicht unbedingt um Weihnachten dreht.
Die literarischen Texte dagegen rücken Weihnachten als Fest wesentlich stärker in den Mittelpunkt. Die meisten sind gar nicht als Weihnachtsgeschichten geschrieben, da sie aber großteils für diesen Band onehin zu lang wären, wurden die entsprechenden Abschnitte als Auszüge aufgenommen oder der Text wurde ggf. gekürzt. So entstanden Momentaufnahmen in den unterschiedlichsten Stimmungen, von ausgelassener Fröhlichkeit in „Weihnachtsabend“ aus Wilhelm Raabes „Die Chronik der Sperlinggasse“ über Melancholie in „Da stand das Kind am Wege“ aus Storms „Immensee“ bis hin zu Verzweiflung in Tiecks „Weihnacht-Abend“.

Insgesamt fand ich die Auswahl der Texte recht gelungen, mit zwei kleinen Ausnahmen. „Die verwünschte Burg“, ein irisches Elfenmärchen, spielt zwar an Weihnachten, es fehlt ihr aber im Hinblick darauf jegliches Flair, irgendwie passt sie nicht in den Kontext des Buches. Außerdem wirkt sie gegen Ende abgehackt und hinterlässt das Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich vermisste einen Kern in der Geschichte. „Der Wolf angelt“ erwähnt das Wort Weihnachten überhaupt nicht, und obwohl die Geschichte an sich nicht wirklich schlecht war, fragte ich mich, warum sie in diese Sammlung aufgenommen wurde. Auch hier fehlt der Bezug zum eigentlichen Thema des Buches.
Oscar Wildes „Der glückliche Prinz“ spielt ebenfalls nicht ausdrücklich an Weihnachten, was in diesem Fall aber überhaupt nicht stört, da die Aussage der Geschichte zu Weihnachten passt.
Entgegen der gängigen Kurzbeschreibung nicht enthalten sind „Die Schneekönigin“ und „Väterchen Frost“, was ich vor allem angesichts der erwähnten beiden „Fehlgriffe“ äußerst bedauerlich finde.

Positiv aufgefallen ist mir, dass die Texte sprachlich nicht überarbeitet wurden, bzw. dass Uther sie nicht in modernes Deutsch übertragen hat. In vielen modernen Ausgaben haben die Märchen dadurch einen Großteil ihres Zaubers verloren.
Dasselbe gilt für die zwölf Illustrationen, die dezent in Schwarzweiß gehalten sind und teilweise aus alten Quellen wie dem Augsburger Bilderbogen stammen. Auch das Bild des Schutzumschlags ist schön gemacht, ganz unaufdringlich und nicht so schreiend grell, wie es heute auch bei Weihnachtssachen bereits oft der Fall ist.
Außerdem hat das Buch ein Quellenverzeichnis, was für mich vor allem im Hinblick auf die Textausschnitte und gekürzten Texte interessant war. Wer Interesse an den vollständigen Texten hat, weiß also, wo er suchen muss.

Alles in allem ein hübsches Bändchen für ein paar ruhige Minuten vor dem brennenden Kamin oder beim Schein von Adventskerzen. Wer etwas sucht, um in der Hektik des Vorweihnachtsgetriebes seine eigentliche Weihnachtsstimmung wiederzufinden, liegt hier bestimmt nicht falsch. Zum Vorlesen für Kinder ist das Buch allerdings nur bedingt geeignet. Die literarischen Texte sind naturgemäß sprachlich und inhaltlich ein paar Stufen zu hoch, aber auch die Volksmärchen sind nicht alle uneingeschränkt kindergeeignet. Am ehesten lassen sich die Märchen um Frau Holle und das vom Tannenbäumchen vorlesen, die stammen aber auch aus einem Kinderbuch mit Weihnachtsmärchen. Der damaligen Zeit entsprechend klingen sie stellenweise etwas kitschig, Kinder wird das aber wohl nicht stören.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. Er hat eine ganze Liste von Märchensammlungen veröffentlicht, darunter „Sagenschatz“, „Märchenschatz“, „Märchen vom Glück“ und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Fabula.

http://gutenberg.spiegel.de/raabe/sperling/sperling.htm
http://gutenberg.spiegel.de/storm/immensee/immensee.htm
http://gutenberg.spiegel.de/fontane/ellernkl/ellernkl.htm
http://gutenberg.spiegel.de/etahoff/floh/floh01b.htm
http://gutenberg.spiegel.de/arndt/msarndt/avenstak.htm

Bret Easton Ellis – American Psycho

Bret Easton Ellis’ Kultroman „American Psycho“ hält den amerikanischen Yuppies der 80er Jahre ein hässliches Spiegelbild vor und vermittelt als Nebenprodukt dem mittelständischen Leser mit drei Hypotheken die beruhigende Botschaft, dass ein Job an der Wall Street und ungezählte Kreditkarten kein Garant für ein glückliches und erfülltes Leben sind. Nun ist diese Erkenntnis heutzutage weder überraschend noch neu, doch wie Ellis seine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum an den Leser bringt, war seinem Verlag |Simon & Schuster| bei der Erstveröffentlichung des Romans im Jahre 1991 einen Skandal wert. Er hatte dort bereits zwei Romane veröffentlicht und für „American Psycho“ einen Vorschuss erhalten. Als das Buch jedoch auf den Markt kam und der Chef von |Paramount| (zu dessen Konzern |Simon & Schuster| gehört) in einer Zeitung Auszüge aus dem Roman las, ließ er „American Psycho“ vom Markt nehmen und die bereits gedruckten Exemplare einstampfen. Dies löste natürlich eine noch größere Kontroverse über den Inhalt des Buches und eine eventuelle Zensur von Seiten des Verlags aus, bis sich der Vintage-Verlag|Ellis’ Buch annahm und den Roman neu herausbrachte.

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Deforges, Régine – Unwetter, Das

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?

Er schreibt: |“Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“| Der Leser ist gewarnt.

|Die Autorin|

Die Französin Régine Deforges ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Frankreichs. 1968 gründete sie als erste Frau in Frankreich einen Verlag. Auch hierzulande wurde sie mit erotischen Werken in den siebziger und achtziger Jahren bekannt, so etwa mit den Erzählungen in dem Band „Der schwarze Milan“ (Rowohlt). Das besondere Kennzeichen dieser Storys ist einerseits die Tabus überschreitende Erkundung der Erotik und die feinfühlige psychlogische Begründung dieser Forschungsreise und ihrer Entdeckungen.

Bekannter wurde sie in den letzten Jahren mit ihrem historischen Roman „Das blaue Fahrrad“ und dessen Fortsetzung „Die weiße Lilie“, die beide im 2. Weltkrieg spielen, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war.

_Handlung_

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Schreiberin dieses Tagebuches einen gewaltigen Dachschaden hat. Als Beweis diene zunächst einmal, dass sie mehrmals das Grab ihres an Krebs verstorbenen Gatten besucht, sich darauf setzt und sich darauf munter einen runterholt. Tut dies eine anständige Frau? Vermutlich nicht.

Außerdem behauptet sie im Text, der geliebte Gatte sei immer noch „bei ihr“. Nun, er erfüllt sie jedenfalls in Gedanken und Gemüt derart, dass sie nicht wagt, von ihm als einem Verstorbenen zu sprechen. Dementsprechend konsterniert reagiert ihre Umgebung auf ihre Einstellung, insbesondere die Schwiegermutter.

Die Wahrheit ist, dass ihr Gatte sie zu solch gewagten sexuellen Handlungen verführt hatte, dass die gewöhnlichen Interaktionen zwischen Männlein und Weiblein nur wenig Reiz bereithalten. Selbst als sein Bruder Jean sie besucht und mit ihr ans Meer fährt, kommt es nicht zum Beischlaf. Stattdessen befiehlt sie ihm, sie in die Brustwarzen zu beißen.

Eine verhängnisvolle Entwicklung bahnt sich bei ihren wiederholten Besuchen auf dem nahen Friedhof an. Denn der Dorftrottel Lulu beobachtet die erotische Mänade aus dem Gebüsch. Lulu hat zwar nix im Kopf, aber dafür umso mehr in der Hose. Obwohl sie ihn bemerkt hat, denkt Marie gar nicht daran, in ihrem aufreizenden Tun innezuhalten. Als ein Gewitter losbricht, reißt sie sich vielmehr die Klamotten vom Leib, um den belebenden Regen zu genießen. Es kommt zu einem ersten Verkehr mit Lulu.

Nach einer Zeit der Krankheit und Genesung , während der sie die Annäherungsversuche des verliebten Trottels registriert, kommt es eines Nachts zu einem Höhepunkt ihrer sexuellen Begegnungen mit Lulu, als dieser sie seiner Familie vorstellt …

_Mein Eindruck_

Das Büchlein lässt sich ebenso einfach wie flott lesen, denn die Sätze sind ebenso kurz wie der Gesamttext. Nur ca. 83 Seiten umfassen die verschiedenen Texte, von denen das Tagebuch natürlich den Löwenanteil einnimmt. Es ist an den verblichenen Gatten Edouard gerichtet. Seine Funktion besteht nicht nur in einem Erlebnisbericht für die Nachwelt, sondern vielmehr als Beichte und Rechenschaftsbericht vor dem verlorenen Geliebten, den sie schon bald wiederzusehen hofft. Diese letzten Zeilen kommen für den Leser ziemlich unvermittelt. Mit einem gewissen Schock registriert er, dass sich die Schreiberin wieder einmal ein Unwetter ausgewählt hat, um den Übergang ins Jenseits zu vollziehen. Wurde sie wirklich vom Blitz erschlagen, wie die Zeitung schreibt?

|Freie Liebe|

Dieser Edouard muss ein ziemlicher Freigeist gewesen sein. Er propagierte die freie Liebe, also auch freien, außerehelichen Sex. Und zwar nicht nur mit Menschen. Was Marie in seinem Namen vollzieht, ist eng mit Gewittern verbunden. Diese sind nicht nur Erschütterungen aus den Elementen der Natur, die den Menschen in Aufruhr versetzen und ihn zu Veränderungen treiben. Sie sind auch Symbole für die Kraft der Natur und vor allem für die Präsenz des Animalischen im Menschen. Diese Triebkräfte freizusetzen, hat sich Marie – ohne es zu formulieren – vorgenommen. So gedenkt sie den Willen ihres geliebten Edouard zu erfüllen.

|Wichtige Zusatztexte|

Vier Zusatztexte stellen den Inhalt des Tagebuchs in einen anderen Kontext. Textimmanent gesehen, führen zwei Zeitungsmeldungen die Handlung fort. Darüber schweige ich. Doch dem Tagebuch sind zwei weitere externe Texte beigefügt. Der wichtigere der beiden ist ein Fragment von Georges Bataille aus seinem Roman „Madame Edwarda“, den er 1941, 1945 und 1956 veröffentlichte. In dem Fragment kommen eine Marie und ein Edouard vor. Dieser stirbt, doch Marie ist nicht schnell genug mit Ausziehen, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. |“Sie stand neben dem Toten, abwesend, über ihrem Selbst, in schwerfälliger Ekstase befangen, überwältigt.“| (S. 87) Die Schlüsselbegriffe sind „über ihrem Selbst“ und „Ekstase“. Marie ist in spirituellem Sinne außer sich.

Verstärkt wird diese Charakterisierung Maries durch einen Auszug aus einem frommen Gedicht der Theresia von Lisieux: |“Mein Vielgeliebter, laß mich bald / Die Milde Deines ersten Lächelns ahnen / Und laß mich in meinem glühenden Taumel, / Ach, laß mich in Deinem Herzen mich bergen! / Seliger Augeblick! Welch unaussprechliches Glück, / Wenn ich den süßen Klang Deiner Stimme hören werde, / Wenn ich den göttlichen Glanz Deines anbetungswürdigen Antlitzes / Schauen werde zum ersten Mal!“| – Dies klingt, als wolle eine unschuldige Nonne, erfüllt von spiritueller Leidenschaft, endlich als „Braut Jesu“ die Vereinigung vollziehen – im Jenseits.

|Die literarische Tradition|

Und von dieser Ausgangslage ausgehend entspinnt Régine Deforges ihre Novelle „Das Unwetter“. Damit stellt sie ihren Text in eine relativ ehrwürdige Tradition: die der erotischen Literatur Frankreichs. Dazu zählen neben Bataille sicher auch Pauline Réage („Geschichte der O“), Jean de Berg („Das Bild“) und der Marquis de Sade („Justine oder das Mißgeschick der Tugend“).

Georges Bataille gilt als Verfechter des libertären Erotismus, der die Erotisierung des gesamten Erlebens forderte und in seinen Schriften auch schilderte, so etwa in „Die Geschichte des Auges“ (1928). Bataille, auf den sich Deforges hier beruft, ist jedoch ein ganz anderer Autor als der bekanntere de Sade. Bataille hat 1943 und 1949 eine soziale Theorie aufgestellt, „deren Ziel die Erfassung der menschlichen Totalität ist, zu der die hohen und niederen Aspekte des Seins gleichermaßen zählen“, wie das „Harenberg Lexikon der Weltliteratur“ ausführt (S. 306). |“Im fiktionalen Werk wie in seiner Literaturkritik manifestiert sich Batailles Suche nach dem Absoluten, das nur in herausragenden Momenten der Existenz, im Augenblick der ’souveränen Kommunikation‘ erreicht werden kann.“|

|Selbsttranszendenz|

Deforges greift gar nicht so hoch. Sie lässt ihre Heldin Marie D. gar nicht nach den Sternen greifen. Doch dem Leser ist schnell klar, dass Marie auf der gleichen Straße wandelt wie O, ihre berühmtere Schwester. Wo sich O in freiwilige Sklaverei begibt, um den Wunsch ihres geliebten René zu erfüllen, dort begibt sich Marie, in totaler Hingabe an die Wünsche des geliebten verstorbenen Edouard, auf den Weg der totalen Hingabe an die Wünsche von Lulu und seiner Familie. Um die vollkommene Ekstase zu erfahren, opfert sie sich, so umschreibt sie es zwischen den Zeilen, auf dem Altar ihrer Liebe zu Edouard. Dies ist ist aber keine pathetische Selbstzerstörung, sondern führt zur Selbstranszendenz.

Nach dieser Aufgabe der Persönlichkeit zugunsten der Erfüllung ihres sexuellen Wesens bleibt ihr nichts anderes mehr zu tun als die Aufhebung der eigenen körperlichen Existenz. Wie es Bataille klar war und wie Susan Sontag in ihrem klarsichtigen Essay „The pornographic imagination“ deutlich formuliert hat, ist der konsequente Endpunkt sexueller Erfüllung nicht die endlose Variation und Rekombination von sexuellem Vergnügen, wie uns de Sade glauben machen will, sondern der Tod. Anti-Erotiker würden dies als „Sakrileg“ bezeichnen. Doch für Deforges und ihre Heldin ist es ein „Sakrament“, das hier bis zu letzten Konsequenz vollzogen. Und Theresia von Lisieux hätte ihr darin beigepflichtet.

_Unterm Strich_

Régine Deforges ist eine der letzten Vertreterinnen der älteren erotischen Literaturtradition Frankreichs. Zu ihrer Generation zähle ich auch Emmanuelle Arsan, Anais Nin, die Freundin Henry Millers, sowie die Frau, die unter dem Pseudonym „Pauline Réage“ publizierte. Ihre Generation wurde von der so genannten „Hurenliteratur“ (die eigentliche Bedeutung von „pornos graphein“) abgelöst. Was Marie Darrieusecq („Schweinerei“) und Catherine Breillat („Romance XXX“) anfingen, wird heute bereits in einem breiteren Strom in die Buchhandlungen gespült. Zumindest in Frankreich. Hierzulande schämt man sich noch, dergleichen im Buchladen auszustellen.

Die Generation der Deforges ist mir weitaus lieber. Ihre Heldin Marie mag vielleicht in einem ländlichen Nimmerland leben und sich dort erotisch austoben, aber ihre Sexualität ist nicht deformiert und zur ausgebeuteten Ware gemacht worden. Ihre Sexualität ist sozusagen spirituell – eine Ansicht, über die heutige Autorinnen nur noch lachen können. Aber sie hat ein menschliches Antlitz, und das ist mehr, als man von so mancher moderner Heldin sagen kann. Maries Wahn ist nicht krank, sondern heilig, ihr Sex nicht Sakrileg, sondern Sakrament. Und so etwas hat offenbar keinen Platz mehr in unserer Zeit. Kein Wunder: Sakramente lassen sich weder kaufen noch verkaufen.

Für die heutige Leserin hält „Das Unwetter“ vielleicht nur wenig Neues bereit. Selbst ein Gangbang ist heute schon selbstverständlich.