Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Marillier, Juliet – Tochter der Wälder, Die (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

Juliet Marilliers Variante dieses Märchens ist eher ein Buch der leisen Töne. Action im allgemeinen Sinne wird man hier wenig finden.
Das Buch lebt zum einen von den Charakteren. Von Sorcha, der Heilerin, die der siebte Sohn eines siebten Sohnes hätte sein sollen, und sich, obwohl sie eine Tochter ist, trotzdem des Wohlwollens der Feen erfreut; deren ernorme Willensstärke sie unter der schlimmsten Unbill schweigen lässt; und deren Angst und Zorn und Verzweiflung sie bei aller Stärke immer noch Mensch sein lassen. Von Conor, dem jungen Druiden, der still und unauffällig und so weise ist, dessen Kraft die Brüder beisammenhält, als sie, im Wesen der Schwäne eingeschlossen, sich selbst zu vergessen drohen. Von Finbar, dem Träumer mit dem Blick, der seinen Weg immer so gut kannte, bis er ihn durch die Augen eines Schwans finden musste, und der immer nur gibt und alle anderen aus seinem eigenen Leid ausschließt, um sie zu schonen, bis er beinahe daran zerbricht. Von Padraic, dem Tierfreund, dem Bastler und Forscher, den der Wind und das Meer rufen, und der in seiner Unkompliziertheit und Unbekümmertheit der Einzige ist, der am Ende noch ohne Narben zu sein scheint. Von Hugh, dem Roten, dem Briten mit den kalten Augen und dem harten Zug um den Mund, der um Sorchas Willen alle Regeln bricht, alle Muster verwirrt, die bis dahin sein Leben ausmachten. Und von Richard, dem öligen Intriganten mit der giftigen Zunge, der sich für nichts interessiert als seine eigene Macht, und der dafür alle rücksichtslos benutzt, wer auch immer es sei. Auch wenn sich die Personen größtenteils eindeutig gut oder böse zuordnen lassen, bleiben sie facettenreich genug, um nicht platt zu wirken. Und am Ende sind auch nicht alle wieder glücklich vereint, weil sie ja erlöst sind, sondern alle haben Wunden und Verletzungen davongetragen, die nur langsam oder gar nicht heilen.
Zum anderen lebt das Buch von der Welt der Mythologie. Das Original der Geschichte spielt „…dort, wo die Schwalben hinfliegen, wenn wir Winter haben…“, also irgendwo im Süden. Juliet Marillier hat die Handlung nach Irland verlegt, die typische Zahl 12 der Märchen durch die mythische Zahl 7 der Kelten ersetzt. Die gesamte Geschichte ist durchwoben von irischer Mystik. In nahezu jedem Satz kommt die magische Verbindung der sieben Geschwister untereinander zum Ausdruck, die tiefe Verbundenheit Sorchas mit dem Wald, in dem sie aufwuchs, der geheimnisvolle, magische Zauber des Feenvolkes, der auf ihm liegt. Das alles ist selbst dann noch zu spüren, als Sorcha nach Britannien kommt und ihre Heimat etwas in den Hintergrund tritt. Irische Sagen und Geschichten spielen eine wichtige Rolle. Sorcha erzählt sie dem jungen Briten, den sie gemeinsam mit Finbar befreit hat, und den die Folter ihres Vaters fast um den Verstand gebracht hat. Sie erzählt sie sich selbst, als sie, eingesperrt allein mit ihrer Arbeit und einem Nachttopf, ihr Todesurteil erwartet und verzweifelt versucht, vorher noch das letzte Hemd zu beenden. Die Autorin hat es verstanden, das gesamte Buch mit dem Zauber der Feen zu überziehen, ohne die Botschaft des Märchens damit zu verwischen. Statt dessen hat sie beide miteinander verwoben, und auch wenn Sorcha am Ende nicht mehr sicher ist, was gut und böse ist, auch wenn Conor in echt druidischer Weise meint, dies sei allein eine Frage des Blickwinkels, bleibt die ursprüngliche Botschaft unangetastet: dass die stärkste Macht, egal in welcher Welt, die Liebe ist.

Juliet Marillier erzählt ihre Geschichte in einer behutsamen, poetischen Sprache, die nicht immer alles ausspricht, sondern auch Stille zurücklässt. Der Erzählfluss hat etwas von der Oberfläche eines Sees, die der Wind in ruhigen Wellen von einem Ufer zum anderen kräuselt, gelegentlich unterbrochen von kurzen, mehr oder weniger heftigen Stürmen. Trotz der Stille, die das Buch größtenteils beherrscht, ist es nie langweilig. Die ruhigeren Passagen sind dem tieferen Verständnis von Briten und Iren und den einzelnen Charakteren gewidmet, und obwohl ich das Märchen kannte und wusste, wie es ausgeht, war die Zuspitzung zum Ende hin, die Erlösung der Brüder und Sorchas Rettung, ungewöhnlich spannend. Das Buch fasziniert vom Anfang bis zum Schluss, und am Ende fühlt man sich wie Simon, der zu seiner Mutter sagte: „… sie kann wunderbare Geschichten erzählen, Geschichten, die du nicht glauben würdest, und dennoch, wenn sie spricht, weißt du, daß jedes Wort wahr ist …“ Für mich ist „Die Tochter der Wälder“ im wahrsten Sinne des Wortes ein zauberhaftes Buch, das es wert ist, gelesen zu werden.

Die Fortsetzung zu diesem Roman ist unter dem Titel „Der Sohn der Schatten“ erschienen, der dritte Band unter dem Titel „Das Kind der Stürme“. Außer dieser Trilogie hat Juliet Marillier auch Novellen und weitere Romane geschrieben. Nachdem sie lange als Dozentin für Musikgeschichte, Gesangslehrerin und Chorleiterin tätig war, hat sie sich Ende 2002 zurückgezogen, um sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen. Sie lebt in Neuseeland in der Nähe von Perth.

Homepage der Autorin:
http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Homepage zu „Die wilden Schwäne“ von Andersen:
http://gutenberg.spiegel.de/andersen/maerchen/schwaene.htm

MacLeod, Ken – Sternenprogramm, Das

„Nach dem Dritten Weltkrieg ist Europa ein zersplitterter Kontinent. Politische Gruppierungen von ultrarechten Nationalisten über religiöse Fundamentalisten bis hin zu Neokommunisten zerfleischen sich gegenseitig. Und während die Vereinten Nationen, gestützt auf die orbitalen Kampfstationen der USA, den Status quo aufrecht zu erhalten versuchen, verelendet Großbritannien immer mehr, grassieren Hunger und Seuchen, von denen viele aus tödlichen Biowaffen stammen. Die Lage scheint ausweglos…“

Soweit der Beginn des Klappentextes, der nur aus zwei elend langen Sätzen besteht. Immerhin ist die Beschreibung zutreffend, was bei Klappentexten ja nicht immer der Fall sein muss.

Der Schotte Ken MacLeod gehört wie Iain Banks und Charles Stross zu den ganz großen Hoffnungen der britischen Science-Fiction und in Sachen Ideenreichtum zu den besseren Autoren. Er hat einen Future-History-Zyklus geschrieben, dessen chronologischen Anfang „Das Sternenprogramm“ („The Star Fraction“) darstellt. Die Fortsetzungen heißen bislang „Die Mars-Stadt“ („The Stone Canal“) und „Die Cassini-Division“ („The Cassini Division“).

Moh Kohn ist ein Kämpfer in der Armee der Neuen Republik, kurz ANR, ein aufrechter Streiter für die sozialistische Anarchie. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn etwa die Hälfte der britischen Nation befindet sich in der politischen Anarchie: zersplittert in kleine und kleinste Fraktionen, und jede bis an die Zähne bewaffnet.
Der Rest der Nation untersteht noch immer dem Königshaus der Hannoveraner, doch die Royals haben nichts mehr zu melden, seit die amerikanisch dominierten Vereinten Nationen sie unter Kuratel gestellt haben. Die Weltraumverteidigung – in der Kreisbahn befindliche Laserkanonen – können jeden Widerstand sofort niederschlagen.
Kein Wunder also, dass alle politischen und militärischen Aktivitäten unter Tarnung stattfinden, sozusagen im Zwielicht. Jedwede Kommunikation über das Internet ist verschlüsselt und unter ständiger Bedrohung durch Viren – genau wie bereits heute.

Apropos Viren: Beim Sturm auf ein Gentechnik-Institut in einem gesperrten Bezirk Inner-Londons rettet Moh Kohn die Bio-Ingenieurin Janis Taine vor den Gegnern und zufällig auch vor der Inspektion durch ihre Investoren. Flüchtend nimmt sie ein paar manipulierte Viren mit, mit denen Moh versehentlich in Kontakt gerät. Als Folge entwickelt er einige Fähigkeiten, die sogar ihn überraschen, so etwa die Möglichkeit, mit der Künstlichen Intelligenz in seinem Maschinengewehr zu kommunizieren.

Moh und Janis verstecken sich in Norlonto: Northern London Town. Schon seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist Camden Town ein Sammelpunkt für Randexistenzen; der riesige Flohmarkt dort erzeugt ökonomischen Auftrieb. Doch zu Mohs Zeit hat sich in Norlonto Anarchie breitgemacht, gegen die sich der benachbarte Bezirk Beulah City wie ein Kloster ausnimmt: Dort herrschen christliche Fundamentalisten.
Aus Beulah City (benannt nach einem biblischen Ort) kommt Jordan Brown, ein 17-jähriger Computer-Broker im Handel mit Terminpapieren, der von anarchistischen Thesen fasziniert ist. Er tut sich mit Janis und Moh zusammen und lernt Catherine Duvalier, Mohs Ex-Geliebte, kennen. Ein Team mit Durchschlagskraft.

Allmählich braut sich nämlich etwas zusammen: Die ANR bereitet eine große Offensive vor, die in Schottland und Nordengland beginnt. Mal sehen, ob sie es bis London schafft. Denn die Front der Konservativen und Hannoveraner steht ebenfalls: Melody Lawson, Jordans frühere Arbeitgeberin, und die Herren Donovan und Bleibtreu-Fèvre schicken immer neue Software-Viren gegen die ANR vor, damit deren Verlautbarungen endlich verstummen.
Doch womit keine der beiden Fronten gerechnet hat, ist eine Aktion des sogenannten Schwarzen Plans. Diese Künstliche Intelligenz scheint nur im Netz zu existieren, auf Millionen von Rechnern als eingeschmuggeltes Programm. Und Moh Kohns Vater, der „Uhrmacher“, scheint der Urheber der KI zu sein. Er weist den Menschen den Weg zu den Sternen.

Ich habe mehrere Monate für den Roman gebraucht. Und nach der Inhaltsangabe wird das vielleicht ein wenig verständlich. Die Story, der Auftakt zu einer Trilogie, ist sehr ambitioniert: Kim Stanley Robinson, selbst Science-Fiction-Autor, nennt MacLeod sogar „revolutionär“. Fest steht zumindest, dass MacLeod’s Augenmerk weder Technik (allenfalls dem Internet) noch der Wissenschaft (allenfalls der Gentechnik) gilt, sondern vielmehr der Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Dass MacLeod sich dabei auf einem ungewöhnlichen Standpunkt befindet, macht für ihn die Sache leicht: Aus dieser Distanz kann er mit den üblichen politischen Strömungen, wie konservativ und liberal, leichter hantieren, als wenn er direkt drinsteckte. Für uns Leser macht MacLeods Sympathie für Anarchismus und marxistischen Sozialismus die Sache nicht gerade einfach: Die wenigsten von uns verfügen über Wissen in dieser Richtung. Wir müssen dem Autor quasi glauben, was er uns auftischt. Gerade bei solchen Auffassungen wie dem „Post-Futurismus“, den die ANR verkörpere, werde ich zumindest skeptisch – all diese Worthülsen scheinen der längst verflossenen 68-er-Generation anzugehören.

Die Story an sich ist relativ simpel: Eine paramilitärisch organisierte Truppe kämpft gegen etliche andere, und mitten drin befinden sich drei bis vier Sympathieträger. Alles weitere ist vielschichtig, alles andere als anspruchslos erzählt und fordert den Leser wirklich heraus. Jemand, der über keinerlei politische Theorie Bescheid weiß, kann mit einem Großteil des Romans überhaupt nichts anfangen. Und der winzige Rest an akademisch vorgebildeten Science-Fiction-Lesern, wie ich, beißt sich durch eine Handlung, von der man sich vorstellen könnte, dass sie wesentlich zügiger ablaufen könnte.

„Das Sternenprogramm“ könnte auf dem Buchmarkt die 180. Vision eines britischen Linksintellektuellen sein, wenn da nicht diese vielen Science-Fiction-Elemente wären. Diese machen den Roman wenigstens im Science-Fiction-Ghetto zu etwas Besonderem. Nicht so sehr wegen der technischen, sondern wegen der gesellschaftlichen Aspekte.

Selbst akademisch vorgebildete Science-Fiction-Leser haben also mit diesem Roman ihre Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wer außerdem noch ein Interesse daran haben könnte, geschweige denn Vergnügen. Eine gewisse Originalität kann man dem Autor nicht absprechen, auch wenn die Umsetzung Ansprüche an das Begriffsvermögen des Lesers stellt.
Die literarischen Mittel sind hingegen gewöhnlich – da waren die sechziger Jahre schon weiter, besonders Alfred Bester und manchmal John Brunner. Warten wir also ab, was die Fortsetzungen bringen, in denen Janis und Jordan (leider ohne Moh) zu den Planeten aufbrechen: Mars und Saturn.

Wem Greg Egans Roman „Diaspora“ und Bruce Sterlings Dystopie „Brennendes Land“ („Distraction“) gefallen haben, könnte auch an „Das Sternenprogramm“ Gefallen finden.
Wer eine andere Meinung zu diesem Buch und den anderen zwei Bänden sucht, findet in „Das Science Fiction Jahr 2003“ eine entsprechende Rezension (Seite 681-684).

Zur Übersetzung: Norbert Stöbe hat sich zwar redlich bemüht, ihm sind aber dennoch einige dumme Fehler unterlaufen. Auf Seite 357 muss es „Janis“ statt „Catherine“ heißen, auf Seite 432 „Jordan“ statt „Kohn“ und auf Seite 450 wird das Blake-Gedicht „Jerusalem“, das den Text zur inoffiziellen Britischen Nationalhymne darstellt, falsch wiedergegeben: Es muss „Weiden“ („pastures“) statt „Berge“ heißen. Jedem „Jerusalem“-Kenner fällt der Fehler sofort ins Auge, daher ist er um so peinlicher.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Britain, Kristen – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.
Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…
Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.
Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.
Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.
Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.
Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.
Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.
Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.
Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.
Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“
Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.
Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.
Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com

Coleman, Loren – Kampf beginnt, Der (Mechwarrior Dark Age 2)

BattleTech-Fans können aufatmen: Auch wenn die Nachfolgeserie der beliebten TableTop-Reihe rund um die gigantischen Kampfkolosse aus Stahl ein wenig respektables Debüt mit „Geisterkrieg“ präsentierte, bei Loren Coleman’s Roman „Der Kampf beginnt“ ist der Name Programm – er zeigt, welches Potential in dem neuen Szenario steckt und lässt Stackpole’s Ausrutscher schnell vergessen.

Die Handlung des Romans spielt vollständig auf der Welt Achernar, eine der wenigen Welten der Inneren Sphäre, die noch über einen funktionsfähigen Hyperpuls-Generator verfügen. Sowohl die Republik der Inneren Sphäre als auch die der Clankultur treuen Stahlwölfe sind deshalb an der Kontrolle über diese Welt interessiert. Doch auch lokale Kräfte wie der „Schwertschwur“ der Sandovals machen ihre Rechte geltend. Der gescheiterte Mechkrieger Raul Ortega wird seine zweite Chance erhalten – der Zöllner darf einen Legionär-BattleMech in die Schlacht gegen die Stahlwölfe führen, die wie in den Zeiten der Claninvasion einen Besitztest um Achernar fordern. Für zusätzliche Verwirrung sorgen die bemerkenswert – ich spreche hier nicht nur von ihrem Mech – gut ausgestattete Mechkriegerin Tassa Kay und der nicht immer loyale Kommandeur des Schwertschwurs, Erik Sandoval-Gröll.

Loren Coleman stand bislang immer im Schatten des erklärten Lieblings Stackpole, das neue Endzeit-Szenario von Dark Age scheint ihm jedoch besser zu liegen. Anstelle ganzer Heerscharen von BattleMechs sind nie mehr als 3-4 Mechs auf einem Schlachtfeld aktiv, dazu einige wenige Panzer und Elementare. Hochgezüchtete Kampfkolosse werden durch umgebaute AgroMechs ersetzt, Tassa Kay’s moderner Ryoken II stellt auf dem Schlachtfeld die absolute Ausnahme dar. Das kommt Raul Ortega’s Legionär zugute: Ein 50-t-Mech mit nur einer einzigen Autokanone hätte wohl kaum in der klassischen Serie für Aufsehen gesorgt. In Dark Age ist er ein wandelnder Alptraum. Der klassische Mech-Einzelkampf weicht Verbundwaffentaktik – Panzer und Infanterie sowie Helikopter haben in Dark Age ihren festen Platz. Kurz, die Mechgefechte machen wieder Spaß und erinnern ein wenig an die ersten Romane um die Gray-Death-Trilogie.

Die Hauptfiguren sind allesamt interessant: Man fiebert mit Raul Ortega und Tassa Kay, auch die Clanner auf der Gegenseite oder der seine eigenen Pläne verfolgende Sandoval-Gröll haben glaubhafte Motivationen und Probleme – mancher auch das eine oder andere Geheimnis…

Ein wenig mehr Licht wird auf die aktuellen Verhältnisse der Inneren Sphäre geworfen, nicht nur die Stahlwölfe planen die Eroberung von Präfektur IV, radikale Fraktionen der früheren Herrscherhäuser nehmen alte Fehden wieder auf. Der fahrende Ritter Kyle Powers hat alle Hände voll zu tun, besonderes Augenmerk wird auf den Aufstieg von Raul Ortega in höhere Ränge gelegt, aber auch die Clanner und der Schwertschwur bekommen ihre eigenen Kapitel gewidmet, was die jeweilige Situation aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und für Abwechslung sorgt. Durch die Konzentration der Gefechte auf wenige Mechs und die vorherige Bekanntmachung des Lesers mit ihren Piloten gewinnen diese eine höhere Intensität als das am Ende massenkampflastig gewordene klassische BattleTech.

Die Übersetzung von Reinhold H. Mai ist in gewohnt guter Qualität, das Titelbild vermag sogar zu begeistern: Heyne hat ein absolut zur Handlung passendes Titelbild mit einem Legionär-Mech von Wizkids gekauft! Der einzige Wermutstropfen dieses Romans ist, dass er die Handlung der Serie nicht wirklich voranbringt. Die letzte Genialität, die Stackpoles Klassiker auszeichnete, fehlt Coleman leider auch dieses Mal.

Dafür zeigt er, wie gut man klassische BattleTech-Aspekte mit dem neuen Szenario verbinden kann – es ist hervorragend gelungen! Ob Raul Ortega es in die Herzen der Fans schaffen und einem Grayson Carlyle oder Kai Allard-Liao den Rang ablaufen kann, wird sich zeigen, sein „Legionär“-BattleMech dürfte sich bereits seit diesem Roman einen Platz im Herzen der Fans erballert haben. Von der mysterösen Tassa Kay wird man noch mehr hören, einen Teil ihrer Geheimnisse offenbart sie bereits in diesem Roman – ein Tipp für alle BattleTech-Fans: Einfach einen Blick auf das US-Cover werfen und darüber nachdenken, an wen sie euch erinnert. Der Roman gefiel mir sehr gut und ist eine wahre Erlösung nach dem frustrierenden Einstiegsband, er macht Lust auf mehr. Ganz in klassischer Clanner-Manier gesagt: Gut gehandelt und akzeptiert, Mr. Coleman!

Ich bin gespannt, wie die Neulinge Robert E. Vardeman und Martin Delrio sich schlagen werden. Dass man aus dem umstrittenen Dark Age etwas machen kann, beweist dieser Roman.

Eddings, David – Thron im Diamant, Der (Elenium)

„Zu Anbeginn der Zeit, lange ehe die Urväter von Styrikum in Felle gehüllt und mit Keulen bewaffnet aus den Bergen und Wäldern von Zemoch auf die Ebenen von Mitteleosien schlurften, hauste in einer Höhle, tief unter dem ewigen Schnee Thalesiens, ein zwergenwüchsiger, missgestalteter Troll namens Ghwerig. (…) …der Stein, der von tiefstem Saphirblau war, besaß die Form einer Rose. Er gab ihm den Namen Bhelliom, Blumenstein, und er glaubte, dass die Kraft dieser edlen Saphirrose jeden Wunsch zu erfüllen vermochte.“

So beginnt die Vorgeschichte des ersten Bandes der Elenium-Trilogie, „Der Thron im Diamant“. David Eddings schrieb diese parallel zu den letzten Bänden der Malloreon-Saga 1989 (Der Thron im Diamant), 1990 (Der Ritter vom Rubin) und 1991 (Die Rose aus Saphir). Unverkennbar die Quelle der Inspiration, der Bhelliom und Ghwerig könnten auch der Meister-Ring und Gollum sein. Allerdings hat Eddings nicht kopiert, sondern nur die besten Stücke aus Artussage, dem Herrn der Ringe und anderen Sagen in eine eigenständige Geschichte übertragen.

Die Elenium-Trilogie lebt von ihren stolzen Rittern und Recken – und ebenso üblen Schurken. Der Held Sperber gehört einem kirchlichen Ritterorden an, der sich an den legendären Templern orientiert. Um das Mittelalter mit einer gehörigen Portion Romantik und Hexerei wiederaufleben zu lassen, wird der Bhelliom erst einmal zum Heilmittel für die sterbende Königin Eleniens degradiert: Diese wurde auf Geheiß des Primas Annias mit dem tödlichen Gift Darestim vergiftet. Nur dank des Eingreifens des pandionischen Hochmeisters Vanion und der styrischen Zauberin Sephrania kann ihr Leben vorerst gerettet werden:

Zwölf Ritter verpfänden ihr Leben, um das ihrer Königin in einem unzerstörbaren Diamant zu bewahren, bis ein Heilmittel gefunden werden kann. Der Haken: Der Zauber hält höchstens ein Jahr, und jeden Monat muss einer der Ritter sterben…

Der durch eine Intrige exilierte Sperber kehrt zurück an den Königshof, um seine Aufgabe als Streiter der Königin – Sir Lancelot lässt grüßen – wieder aufzunehmen. Er macht sich mit zahlreichen Gefährten, vom edlen Ritter über den gewitzten Dieb bis hin zur liebenswerten Mystikerin Sephrania auf die Suche. Bald stellt sich heraus: Nur ein magisches Artefakt höchster Macht kann Ehlanas Leben retten und dadurch die Machtübernahme des Primas verhindern. Der lange verschollene Bhelliom muss wiedergefunden werden… doch nicht nur Sterbliche suchen ihn, die jungen Götter von Styrikum und die alten Trollgötter haben ebenfalls ihre eigenen Pläne mit dem magischen Juwel.

Klassischer geht es kaum – High Fantasy wurde durch Eddings geprägt. Etliche seiner Ideen wurden geklaut und zu einer dadurch natürlich nicht völlig neuen Geschichte verbunden. Rittertum, Kirche, Minne, Hexerei, Diebe und Meuchler – der Einfluss des Hochmittelalters ist unverkennbar, und gibt dem Buch Charme und Glanz. Eddings geizt auch nicht mit Humor: Ritter Sperber, im englischen Original „Sparhawk“, insofern ist mir der etwas seltsame deutsche Name doch lieber, hat ein bissiges Streitross und eine gebrochene Nase, plus einen etwas kernigeren Charakter als der edle Sir Lancelot. Seine Begleiter stehen da kaum nach, Sephrenia ist eine liebenswertere Variante seiner bekannten Zauberin Polgara, und Königin Ehlana darf im ersten Band eingeschlossen in Diamant warten, bis Sperber sie erlöst, wie Schneewittchen im Glassarg. Der Bastard seines Knappen Kurik ist der obligatorische smarte Dieb, mit Bevier ist ein überkorrekter und weltfremd frommer Ritter aufgeboten, der nicht gegensätzlicher zu Sperbers Erzfeind Martel, einen vom Orden verstoßenen, gefallenen Ritter, sein könnte.

Die Abenteuerfahrt durch die Wüsten von Rendor, düstere Städte und Sumpfgebiete führt im ersten Band noch nicht zum Ziel, erst in den Folgebänden wird man den Bhelliom in einer Trollhöhle finden und Ehlana heilen können – hier ist normalerweise das Happy End erreicht, Eddings setzt hier noch einen drauf – wie ich schon sagte, es gab mehrere Interessenten am Bhelliom…

Die Elenium-Saga hat mir wegen ihres stark mittelalterlich-märchenhaften Einschlags gefallen; ebenso sind die Hauptfiguren einfach liebenswert, besonders Sephrenia. Leider sind alle Figuren mehr oder minder klischeehaft, vor allem entwickeln sie sich nicht weiter. Hier erkennt man auch das Alter der Geschichte (1989): Es gibt ganz klar das Gute und das Böse, alle Figuren bleiben von Anfang bis Ende unverändert. Deshalb verliert sich der Charme der Charaktere spätestens im zweiten Band, es kommt einfach nicht mehr viel Neues hinzu. Faszinierende Entwicklungen vom Buhmann bis hin zum Sympathieträger, wie bei einem Jaime Lannister von George R.R. Martin, so etwas bietet Eddings einfach nicht. Das führt dann auch dazu, dass, sobald die Figuren an Glanz verlieren, die Story einfach nicht mehr begeistern kann, dazu ist sie viel zu simpel und linear. Keine verschlungenen Intrigen, wenig Raum zum Spekulieren. Eddings pflegt wie schon in der Belgariad-Saga einen sehr dialoglastigen Stil, verzichtet weitgehend auf detaillierte Beschreibungen, was ich nicht negativ meine. Das Szenario und sein Stil regen die Phantasie an, weshalb die laut Buch eindeutig schwarzen Rüstungen der Pandioner in meiner Vorstellung zu glänzend silbernen Harnischen mutierten – es passte einfach besser in mein Bild dieser Welt. Mehr hätte Eddings aus der Tatsache machen können, dass die elenischen Ritter, um ihren schweren Aufgaben nachzukommen, von styrischen Hexern in der Zauberei unterrichtet werden – obwohl der Glaube an die Götter Styrikums als Ketzerei gilt. Hier hatte ich auf Konflikte gehofft, ärgerlicherweise blendet Eddings die Vorbehalte der Kirchenfürsten stets aus, wenn es ihm in den Kram passt und es für die Handlung nötig ist. Das Buch ist übrigens ziemlich brutal: Von lebendig einmauern bis hin zu foltern, vergewaltigen und einfach mal so hilflos verrecken lassen – Eddings ist im ersten Band schon brutal und steigert sich bis zum letzten hin noch einmal drastisch, was mich sehr gewundert hat, in der zeitgleich geschriebenen Malloreon-Saga hält er sich in dieser Hinsicht sehr zurück.

Ein Lob verdient auch die Übersetzung, bis auf den kaum annehmbar übersetzbaren, seltsamen Namen Sperber (Sparhawk) [„Sparhawk“ leitet sich von „sparrow hawk“ her, was wiederum „Sperber“ bedeutet und ist damit tatsächlich eigentlich ebenso wenig übersetzbar wie Sir Lancelot (lance-a-lot), Anm. d. Lektors] stimmt alles, auch sind die Bücher besser lektoriert als die Belgariad- und Malloreon-Saga, sie enthalten kaum Tipp- oder Flüchtigkeitsfehler wie die genannten Werke. Die Titelbilder sind eine Klasse für sich: Besonders das Titelbild des ersten Bandes, die in Diamant eingeschlossene Königin Ehlana, hat mir gefallen. Karten begleiten fast jedes Kapitel, inklusive einer großen Übersichtskarte auf den ersten Seiten oder auf der Innenseite des Einbandes, je nach Version:

Die Trilogie ist als Sammelband „Elenium“ erschienen, etwas schöner und luxuriöser sind die schwer erhältlichen Hardcover. Als Taschenbuchausgabe existiert eine mit silbernen Lettern versehene und etwas größer formatierte Jubiläums-Edition, sowie die kleinen, schlichten Taschenbücher, auf denen die Titelbilder verkleinert und mit hässlich bunter Schrift bedeutend weniger schön abgedruckt sind.

„Der Thron im Diamant“ bietet eine spannende, abwechslungsreiche Abenteuergeschichte mit liebenswerten Charakteren. Eine besonders originelle Story sucht man jedoch vergebens, die Figuren wirken auch etwas altbacken. Die Trilogie ist abgeschlossen und mit der Tamuli-Saga ist eine bereits ebenfalls fertige Fortsetzung erschienen. Viel komplexer und moderner ist George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“ – dennoch kann ich die Elenium-Trilogie und besonders den ersten Band, „Der Thron im Diamant“, den ich für den besten halte, empfehlen.

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Gemmell, David – Nacht des Falken, Die (Rigante 2)

Dieser Fantasyroman erinnert in seinem Kern an nichts so sehr wie an Ridley Scotts Film „Gladiator“ und an Kubricks „Spartacus“. Doch sowohl die Ausgangslage als auch die Ergebnisse der dramatischen Ereignisse der Gladiatorenkämpfe unterscheiden sich in entscheidenden Punkten von jenen verfilmten Geschichten. Und das bringt dem Buch einige Pluspunkte ein. „Midnight Falcon“ ist der zweite Roman um das keltische Volk der Rigante, das sich der Bedrohung von jenseits des Meeres gegenübersieht: den Armeen des Imperiums von Stone, das stark an das antike Rom erinnert.

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde er ab 1984 mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.
Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.
Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

Die Handlung von „Die Nacht des Falken“ verläuft im gleichen einfachen Schema wie schon in „Die steinerne Armee/Sword in the Storm“: Aufbruch, hin und zurück, Entscheidungen (mehrere Höhepunkte).
Die Hauptfigur ist diesmal Bane the Bastard, der uneheliche Bastardsohn von König Connavar. Schon sein ganzes Leben hasst Bane, der Midnight Falcon, seinen Vater dafür, dass dieser nie seine Mutter besucht hat. Banes Mutter starb geächtet, kummervoll und einsam. Daher hat sich Bane für ein Leben als Gesetzloser, am Rande der Gesellschaft der Rigante entschieden. Bis dann Dinge geschehen, die ihn dazu zwingen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Davon handelt dieser Roman.
Der 17-jährige Bane hat einen Freund namens Banouin, den Sohn des Händlers Banouin und der Seherin Vorna. Banouin hat nicht nur ihre seherischen und heilenden Fähigkeiten übernommen, sondern ist, ganz im Gegensatz zu Bane, auf dem besten Weg, ein Gelehrter zu werden. Und wo findet man in der Welt die größte und höchste Gelehrsamkeit? Natürlich in der Hauptstadt der mächtigsten Nation der Welt: in Stone, jenseits des Meeres.

Bane begleitet seinen jungen Freund, und das erweist sich als sehr hilfreich, denn der Kämpfer kann dem Gelehrten mehrmals das Leben retten. Was aber Banouin abstößt: Bane scheint das Töten im Kampf zu genießen. Schließlich gelangen sie in die rigantische Hafenstadt Accia am Meer, wo sich Banouin nach Stone einschiffen will. Sie übernachten bei einem ehemaligen General, einem Renegaten Stones. Bane verliebt sich auf der Stelle in dessen schöne Tochter Lia. Leider ist ihrer beider Glück nicht von Dauer.
Schon am nächsten Tag tauchen zwei „Ritter von Stone“ auf, die offenbar den Auftrag haben, den abtrünnigen General und seine Familie auszulöschen. Sie sollen die Götter von Stone verraten haben. Während sich Banouin furchtsam aus dem Staub macht, gelingt es Bane, einen dieser Profikiller zu töten. Doch zu seiner Verzweiflung kann er nicht verhindern, dass der zweite Ritter seine geliebte Lia tötet. (Ich erspare euch lieber die blutigen Details.) Bane selbst wird tödlich verwundet, doch die Göttin Morrigu, der wir schon mehrmals begegnet sind, bewahrt ihn vor dem Gang ins Schattenreich.

Bane setzt ins Reich von Stone über und heuert in der Hafenstadt Goriasa in einem Circus an, um als Gladiator erstens Geld zu verdienen und zweitens seine Fähigkeiten als Schwertkämpfer so weit auszubilden, dass er es mit jenem Ritter, der ihn fast getötet hätte, aufnehmen kann. Rache für Lia ist sein ständiger Gedanke, und er weiß auch schon den Namen jenes Ritters: Voltan.
Der Gladiator Bane steigt unter der Ausbildung eines Veteranen zu einem Star auf, der schließlich auch in Stone auftreten kann. Hier trifft er Banouin wieder. Beide geraten in Gefahr, denn in der Reichshauptstadt haben die Blutroten Priester eine Schreckensherrschaft errichtet, die sich gegen alle missliebigen Bürger richtet, insbesondere aber gegen den Baumkult. Dessen Anhänger sind Pazifisten und stellen allein dadurch die Militärideologie des Reiches infrage. Banouin hat eindeutige Sympathien für den Baumkult entwickelt.
Doch der Hohepriester der Stadt hat vor, den Imperator – wir kennen Jasaray bereits – zu stürzen und sich selbst auf den Thron zu setzen. Das wissen die beiden Riganter mit ihren Freunden zu verhindern, doch sie geraten selbst in Lebensgefahr. Und so freut sich Bane, endlich seinem Erzfeind Voltan in der Arena gegenübertreten zu können…
Danach kehren alle Riganter in ihre Heimat zurück, um die Entscheidungsschlacht gegen Jasaray zu schlagen. Wie dieser Kampf ausgeht, ist mit einigen Überraschungen verbunden. In dieser Schlacht verändert sich die Welt der Rigante für immer.

Wie bereits erwähnt, erinnert der Handlungsverlauf stark an „Die steinerne Armee“, das ebenfalls einem klassischen Schema folgt. Doch Gemmell ist ein versierter Geschichtengestalter. Er wandelt die Figuren und ihre Motive auf einfallsreiche Weise ab, so dass sie teils bekannte Elemente aus den Drenai- und Druss-Romanen aufweisen, teils aus dem neuen Rigante-Zyklus.
Natürlich ist Bane als Charakter wesentlich unsympathischer als der Held Connavar (obwohl der auch kein Unschuldslamm ist). Während sich nämlich Conn für sein Volk aufopferte und engen Umgang mit den Sidhe pflegte, folgt Bane zunächst einem eigensüchtigen Ziel: Rache für seine getötete Geliebte. Auf solche Helden können wir verzichten. Erst nach seiner Rückkehr aus Stone setzt er sich mit seinen bescheidenen Mitteln für seine unmittelbare Heimat ein, denn er wird weiterhin scheel angesehen.
Doch auch in der Entscheidungsschlacht erreicht er nur Pflichterfüllung und somit soziale Akzeptanz, nicht aber seine persönliche Erlösung: die Wiedervereinigung mit seiner Geliebten. Man lese selbst, ob ihm dies vergönnt ist.

Ridley Scotts erfolgreicher Sandalenfilm mit Russell Crowe in der Hauptrolle hat den Weg frei gemacht für eine ganze Reihe von medialen Produkten zur Kultur der Gladiatoren und des Circus. Kubricks „Spartacus“ wird wiederaufgeführt, und auch Bücher zum Thema bleiben nicht aus. „Midnight Falcon“ ist sicherlich eines davon. Gladiatoren haben nämlich den Vorteil, als Außenseiter jedeglicher Gesellschaft durch Überleben und Verdienst bis zu deren jeweiliger Spitze vorstoßen zu können. Genau dies gelingt auch Bane. Das geht aber nur in einer römischen Kultur wie Stone; in Rigantelanden kennt und braucht man keine professionellen Schwertkämpfer.

Natürlich sorgen die Kampfszenen in der Arena für Drama und Action. Aber Gemmell wäre nicht der erfolgreiche Profiautor, der er ist, wenn er seinen Gladiatoren nicht jeweils unverwechselbare, sehr realistische Charakterzüge verliehe. Der Veteran Rage, der Blade in Goriasa ausbildet, ist zum Beispiel schon „altes Eisen“ und völlig ohne Illusionen. Doch er hat einen wunden Punkt: seine Pflegetochter Cara. Und so muss er doch Dinge tun, denen er schon längst entsagt hatte. Als Rage und Voltan in der Arena aufeinandertreffen, ist dies ein Kampf der Titanen.

„Midnight Falcon“ ist die direkte Fortsetzung von „Sword in the Storm/Die steinerne Armee“, mit einem zeitlichen Abstand von 17 Jahren. Im direkten Vergleich schneidet „Falcon“ schwächer ab: Das liegt aber nicht an mangelnder Action oder fehlender Magie: Beides ist in zufriedenstellendem Maße vorhanden. Nein, es ist die Figur des Bane the Bastard, für die ich mich nicht recht erwärmen konnte: Er handelt zu lange nur aus Eigennutz und Rache und gelangt erst spät zu uneigennützigen Ansichten und Handlungen. Nun, ich schätze, man muss ihn nehmen, wie er uns gezeigt wird und alle anderen Vorzüge des Buches auskosten.

Die Geschichte der Rigante wird fortgesetzt in „Ravenheart“ und „Stormrider“. Mittlerweile erschien unter dem Titel „White Wolf“ ein neuer Drenai-Roman.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Band 1: [„Die Steinerne Armee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522
Band 2: [„Die Nacht des Falken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169
Band 3: [„Rabenherz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498
Band 4: [„Sturmreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2961

Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

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Stackpole, Michael A. – Geisterkrieg (Mechwarrior Dark Age 1)

Unglaublich, aber wahr: Das Merchandising boomt, und die Firma, welche die Initialzündung gab, geht Pleite. Die Rede ist von der FASA Corporation. Diese hatte im Rollenspiel-/Brettspielbereich große Erfolge, Shadowrun und BattleTech sind in Deutschland und weltweit erfolgreiche und bekannte Serien. BattleTech brachte es auch im Computerspielbereich zu einigem Ruhm: Die beliebte MechWarrior-Serie wurde erst von Activision und später Microsoft vertrieben, sogar im Konsolenbereich wurden die Stahlkolosse dieser Serie in die Schlacht geschickt.

Für mich persönlich, der nur die Computerspiele und die Romanserie kannte, waren die Bücher allerdings das Größte: Einigen Autoren, allen voran Michael Stackpole, gelang es, dem tumben Gekloppe meterhoher, schwer bewaffneter Kampfmaschinen mit Pilot (den BattleMechs) ein zeitweise überdurchschnittlich hohes literarisches Niveau zu geben, und so dem ganzen zugehörigen BattleTech-Universum Esprit und Leben einzuhauchen.

Leider verspekulierte FASA sich, 2001 musste die Firma die Rechte an BattleTech an WizKids abtreten – davor sprangen schon zahlreiche der besten Autoren, u.a. Stackpole, ab und das Niveau litt am Ende teilweise erheblich. Vom Glanz der Highlights wie Stackpoles „Blut der Kerensky“-Trilogie oder der Saga der „Gray Death Legion“ zurück ins Mittelmaß.

WizKids machte einen recht radikalen Schnitt: Man startete die neue Serie „Dark Age“, die in einer apokalyptischen Zeit spielt, in der die alten Strukturen der bekannten BattleTech-Romane nicht mehr existieren. Wo einst Mech-Regimenter aufeinander losgingen und Söldnereinheiten von Planet zu Planet zogen, klopfen sich nun umgebaute Agro-Mechs mit veralteter Hardware und wahre BattleMechs sind zur Seltenheit geworden.

Die Regelwerke für das TableTop wurden verfeinert, und man konnte für die Wiederauferstehung BattleTechs namhafte Autoren gewinnen: Michael Stackpole ist wieder dabei, ebenso Loren Coleman. Die Einführung in das neue „Dunkle Zeitalter“ überließ man dem Liebling der Fans, Michael Stackpole – der Einstiegsroman „Geisterkrieg“ kam allerdings bei vielen Fans nicht so gut an wie erhofft…

Anstelle einer Inhaltsangabe des ersten Bandes gebe ich das Szenario wieder, das vorgestellt wird – und verzichte darauf, einige Überraschungen zu verraten:

Die Innere Sphäre hat es geschafft: Nach dem Ende des Bürgerkriegs haben Extremisten von Blake’s Wort die Hyperpuls-Generatoren ComStars sabotiert, die galaxisweite Kommunikation brach zusammen und es kam zu einer Katastrophe, die dem Endes des damaligen Sternenbundes nicht unähnlich war: Das Lyranische Commonwealth, die Liga Freier Welten, nicht einmal die Konföderation Capella noch das Draconis-Kombinat existieren noch in ihrer alten Form. Erneut hat sich die Menschheit fast in die Steinzeit zurückgebombt. Lokale Warlords rissen die Macht an sich, die einzige größere Macht ist die Republik der Inneren Sphäre, die mit ihren „Rittern“ streng darüber wacht, dass niemand zu viele BattleMechs um sich schart und selbst mit ihren oft eher als Undercover-Agenten arbeitenden Mechkriegern versucht, die überall aufflammenden Krisenherde unter Kontrolle zu halten.

Einer dieser inoffiziellen Phantomritter ist Sam Donelly. Er merkt bald, dass hinter terroristischen Anschlägen auf einer eher unbedeutenden Welt gezielte Beeinflussung von außen steckt: Der große Unbekannte agiert mit seinen Untergebenen wie mit Bauern in einem Schachspiel, in dem ganze Welten ihm für ein Bauernopfer nicht zu schade sind.

Sam ist der Einzige, der neben dem greisen und in Ehren ergrauten Victor Davion die schwer erkennbaren Zusammenhänge hinter diesen Scharmützeln sieht. Infiltration und klassische Doppelagententätigkeit sind hier mehr gefragt als die Schießkünste der offiziell agierenden Ritterin Janella Lakewood, die mit ihren Mechkriegern und Sam den offiziellen Auftrag der Republik erhält, dieser mysteriösen Bedrohung ein Ende zu setzen.

Soweit, so gut. Oder sagen wir gleich: So schlecht. Obwohl Michael Stackpole das klassische BattleTech-Universum zu dem gemacht hat, was es ist, gefällt mir seine neue Idee ganz und gar nicht.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, ganze BattleMech-Heere durch den interessanteren und persönlicheren Kampf weniger Mechs gegeneinander zu ersetzen, aber leider gibt es in diesem Buch ziemlich exakt nur ein einziges, wenig berauschendes Scharmützel. Stattdessen wird Sam auf haarsträubende Weise in eine Terrororganisation eingeschleust, die Stackpoles Variante des „gemäßigten Terrorismus“ praktiziert, der die lokale Regierung diskreditieren soll, damit der neue Machthaber als der kompetente Retter erscheinen und die ganze Welt einsacken kann. Die Vorgeschichte dieser kaputten Welt wird, für Stackpole untypisch, kaum erzählt, und wenn, dann als lieblose und oberflächliche Litanei. Statt dessen lamentiert er zu Beginn des Buches über einen Vorwurf, er würde anspruchslose Literatur schreiben, den er recht aufdringlich auf unpassende Weise der Hauptperson in den Mund legt – und bestätigt ihn damit in gewisser Weise. Auch die ominöse Macht im Hintergrund wird nur in Nebensätzen erkennbar, man muss wohl weitere Bände abwarten. Sam kann keinen Charakter entwickeln – der alte Victor Davion muss als Repräsentant der guten, alten Zeit als Rentner reaktiviert werden. Furchtbar!

Schlimmer ist, dass die „Ritter“ wie eine Jedi-Ritter-Kopie daherkommen und quasi einen ominösen Osama jagen, während die sowieso schon am Boden liegende Welt von Terrorismus noch mehr gebeutelt wird. Für fremdartige Kulturen wie die Clans, oder das japanisch angehauchte Draconis-Kombinat, blieb in dieser US-amerikanischen Endzeitwelt kein Platz.

Logische Ungereimtheiten und die blassen Charaktere – ich musste erst einmal den Nachnamen der Hauptperson nachschlagen! – geben dem Buch den Todesstoß. Zumal BattleTech-Fans wohl erwarten dürfen, dass sie, wenn sie BattleTech lesen wollen, auch BattleTech geliefert bekommen, und nicht minderwertige Agenten-Thriller. Hier hat Stackpole ein Eigentor geschossen – in diesem Genre ist er kein Meister, hier sollte er die Bühne anderen überlassen.

Fazit: Interesse geweckt hat das Buch nicht gerade. Entsetzen hervorgerufen, das schon eher. Auch die gewohnt gute Übersetzung von Reinhold H. Mai kann da nichts mehr retten. Infos über das neue Szenario findet man eher im Internet als im Einstiegsband, der einen wahrlich ein „Dunkles Zeitalter“ befürchten lässt. Keine Reanimation, eher eine Leichenschändung einer ehemals erfolgreichen Merchandise. „Classic“ BattleTech erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; wie es im TableTop-Bereich aussieht, möchte ich nicht beurteilen, den Erfolg und positiven Einfluss, den die alten BattleTech-Romane auf die ganze Serie hatten, wird man nach diesem fehlgeschlagenen Einstand und dem fast besser zu Shadowrun passenden Szenario nicht mehr erwarten können. Mein Tipp: Lieber die alten BattleTech-Romane komplett sammeln – unterhaltsamer und ein potenzieller Kandidat für hohe Preise im Antiquariat in fünf bis zehn Jahren.

Homepage von Michael Stackpole: http://www.stormwolf.com/
(inklusive interessanter Diskussion über das neue Szenario)

Dick, Philip K. – Minority Report

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ – daher auch der Titel dieser Sammlung. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott 1980 seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood neben der „Matrix“-Idee verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf der gleichnamigen Dick-Story aus dem Jahr 1953 beruht. An einem Skript zu Dicks Roman „Der dunkle Schirm“ wird seit Jahren gebastelt. Und vom Roman „UBIK“ hat Dick selbst ein Skript erstellt (das in der Heyne-Ausgabe vom 11/2003 enthalten ist), das aber noch keine Umsetzung gefunden hat.

Die Storys (* = verfilmt):

1) *Der Minderheiten-Bericht („Minority Report“)

Man stelle sich die Handlung von Steven Spielbergs Film etliche Nummern kleiner vor und wird sich so ungefähr der Dimension der Story annähern. John Anderton, der Polizist beim Projekt „Pre-Crime“, verhindert Verbrechen, noch bevor sie begangen werden. Der Grund: Die drei Präkognitiven (Pre-Cogs) von Pre-Crime haben das Verbrechen vorausgesehen. Doch eines Tages treffen zwei merkwürdige Umstände ein: Es wird eine Verbrechenswarnung über Anderton selbst ausgegeben – dieser kennt sein angebliches Opfer noch gar nicht. Und es gibt dazu einen Minderheitenbericht: Einer der Pre-Cogs äußerte eine davon abweichende „Meinung“. Es wird eng für John Anderton, als ihn seine früheren Kollegen zu verfolgen beginnen…
Wer soll die Wächter bewachen? Diese alte römische Frage stellt Dick auch diesmal wieder. Die Folgen bei Spielberg: Drama & Action, bei Dick einige interessante Dialoge und Gedankenspiele. Auf jeden Fall lesenswert.

2) Kriegsspiel (War game)

Generäle spielen Kriegsspiele, das weiß jeder. Aber in einer von Krieg und Militarismus beherrschten Nation (wie etwa der amerikanischen) spielen auch Kinder Kriegsspiele. Buchstäblich. Und diese muss ja jemand testen. Die Tester von der Importkontrolle erhalten Spielprototypen von einem mysteriösen Hersteller, der auf dem Jupitermond Ganymed herstellen lässt. Und die Ganymedianer sind ja bekanntlich ziemlich hinterlistige Burschen. Den Testern ist nicht ganz klar, um wen es sich bei den Ganymedianern genau handelt, aber das Spiel ist interessant, geradezu realistisch – und didaktisch. Die Tester werden trainiert, ohne es zu merken. Aber wenn die Hersteller nun Aliens wären, die die Abwehrbereitschaft der Erde prüfen wollten?
„Kriegsspiel“ ist eine unterhaltsame und augenzwinkernde Satire auf Militär und Geheimdienst, die es in sich hat.

3) Was die Toten sagen (What the dead men say)

Diese Erzählung von 1964 bildet eine Vorstufe zu Dicks Roman „UBIK“ (1969). Im Kälteschlaf-Institut von Herbert Schönheit von Vogelsang können Menschen im Kältepack dennoch für gewisse Zeit – das „Halbleben“ – mit ihrer Umwelt kommunizieren, etwa um Ratschläge zu erteilen und Anteil an bestimmten Entwicklungen zu nehmen. Doch Louis Sarapis, der mächtigste Industriemagnat des Sonnensystems, reagiert nicht auf Versuche, ihn im Halbleben zu reaktivieren. Statt dessen meldet er sich plötzlich aus einer Lichtwoche Entfernung aus dem Weltall. Hintergrund dieses Phänomens ist wohl, dass Sarapis‘ Erbin die Stimme aus dem All vorgetäuscht hat. Der Protagonist der Story, Gordon Barefood, bricht auf, um die Frau auszuschalten, wiewohl er sich in sie verliebt hat.
Wenngleich der Autor eine logische Erklärung für die Vorgänge findet, haftet der Geschichte über weite Strecken ein starkes Gefühl der Verfremdung und des Unbehagens an. Motto: Die Welt ist aus den Fugen geraten, doch Dicks Helden geben niemals den Versuch auf, die Rätsel aufzuklären. Dick hat hier das Potenzial verschenkt, die Aspekte des Halblebens im Kältepack auszuloten. Das hat er 1969 in „UBIK“ nachgeholt.

4) Ach, als Blobel hat man’s schwer! (Oh, to be a blobel!)

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Blobel, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

5) *Erinnerungen en gros („Total Recall“)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.
Und so geht Dougie zur Endsinn AG (von ‚entsinnen‘, sich erinnern; im Original „We can remember it for you wholesale“). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster…
Die Story ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. (Nix Genaues weiß man nich.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem Mega-SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Knowledge Worker, Donald Hogan, vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

6) Glaube unserer Väter (Faith of our fathers, 1967)

Dick verknüpft in einer seiner anstoßerregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben. Sie erschien zuerst 1967 in der berühmten SF-Anthologie „Dangerous Visions“.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.
Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.
Nachdem Tanya ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur dekadenten Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, muss so manche Leser des Jahres 1967, während der Vietnamkrieg tobte, in Weißglut versetzt haben. Vaterlandsverrat
Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem gab es in seiner Story noch Drogenkonsum und Sex, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte inzwischen erledigt oder relativiert haben.
In seiner Original-Nachbemerkung zu seiner eigenen Story (ein seltener Fall!) dementierte der Autor 1967, irgendeine der vorgebrachten Ansichten oder Thesen selbst zu vertreten. Aber er findet den Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und theologischer Erkenntnis interessant. Herausgeber Harlan Ellison bemerkte dazu in seiner Story-Einleitung, dass sich auch dieser Aspekt inzwischen sehr relativiert habe: Nichts als heiße Luft. Wie auch immer: Dick schrieb Ende der 70er Jahre seine VALIS-Trilogie, inder er ein gottähnliches Wesen, eben VALIS, auftreten lässt.

7) Die elektrische Ameise (The electric ant, 1969)

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.
Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)
Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: Der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur eine Wirklichkeit: die eigene. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

8) *Variante zwei (Second Variety; „Screamers“)

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Rutger Hauer in einer der Hauptrollen verfilmt.
Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.
Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichtsahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.
Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

9) *Hochstapler („Impostor“)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.
Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit der sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.
Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…
Dick beschreibt hier auf brillante Weise eine vermeintliche Paranoia, die sich zur Realitätssuche auswächst: Kurze Zeit gibt es Hoffnung für Spence Olham, denn er kann immer neue Beweise für seine Identität aufbieten. Doch die harte Pointe enthüllt die Wahrheit.

Diese Sammlung enthält in der Tat, wie es der Original-Untertitel „Classic Stories“ verspricht, eine Reihe „klassischer Storys“ Philip K. Dicks. Sie veranschaulichen demjenigen, der sich Dicks Werk erschließen möchte, Zugang zu einigen zentralen Themen darin: Die Auslotung der Unterschiede zwischen Mensch und Maschine (= Android) sowie die Untersuchung der Natur der Wirklichkeit. Zu letzterer gehören etliche Paranoia-Stories, von denen hier nur wenige gesammelt sind. In Geschichten wie „Impostor“ finden beide Themen zueinander.

Wem die Ideen Dicks durchaus interessant und verdaubar erscheinen, sollte sich eine Stufe weiter wagen und sich den einen oder anderen der Romane vornehmen. Sie wurden bei Heyne in einer kommentierten und sprachlich überarbeiteten Form herausgegeben. Natürlich ist auch ein so bekannter Roman wie „Blade Runner“ darunter. Aber auch „Marsianischer Zeitsturz“ und „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ verdienen Aufmerksamkeit. Sie gehören zum Besten, was Dick je geschrieben hat. Und das war eine ganze Menge.

Hinweis: Von Dick-Experte Uwe Anton, einem bekannten Übersetzer und Autor, ist 1993 im Thomas-Tilsner-Verlag, Bad Tölz, eine sehr gute und hilfreiche Monografie erschienen: „Philip K. Dick – Entropie und Hoffnung“ (ISBN 3-910079-01-6, ca. 17,40 €). Allein die Bibliografie ist mit rund 50 engbedruckten Seiten eine der umfangreichsten zu Philip K. Dick im deutschen Sprachraum.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Orden des Phönix

Wohl kein Buch wurde und wird von so vielen Menschen so sehnsüchtig erwartet wie der fünfte Teil der Harry-Potter-Reihe: „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Der 1000-Seiten-Wälzer wiegt 1,13 Kilogramm, so dass mit einer deutschen Startauflage von zwei Millionen Exemplaren insgesamt 2268 Tonnen ausgeliefert werden müssen. Dabei hilft auch die Post, die das Buch sogar zur Geisterstunde zu den erwartungsvollen Lesern nach Hause bringt.
Von den ersten vier Bänden wurden jeweils zwischen 3,5 und 4,6 Millionen Bücher in Deutschland verkauft, eine Zahl, die ´“Harry Potter und der Orden des Phönix“ wohl locker schlagen wird. Schon jetzt ist die Autorin J.K. Rowling die reichste Schriftstellerin der britischen Geschichte. Die 38-Jährige hat allein in den vergangenen 12 Monaten umgerechnet 182 Millionen Euro verdient. Dabei hat sie ihre Vergangenheit als Sozialhilfeempfängerin aber nicht vergessen: Um Aufmerksamkeit für die sozial Schwachen der Gesellschaft zu wecken, durften die Straßenmagazine der Obdachlosen das erste Kapitel vorab drucken und verkaufen.

Und so geht die Saga weiter: Normalerweise sind die Sommerferien ohnehin schon sehr unerfreulich für den 15-jährigen Harry, da er sie immer bei seinen Verwandten, den Dursleys, verbringen muss, aber in diesem Jahr ist es schlimmer als sonst. Darauf zu warten, dass der zurückgekehrte Lord Voldemort seinen nächsten diabolischen Zug macht, ist fast zuviel für Harry. Täglich verfolgt er angespannt die Nachrichten der Muggels und hat sogar den Tagespropheten abonniert, doch kein Wort über Voldemort. Ron und Hermine sind schwer beschäftigt mit geheimnisvollen Aufgaben für Dumbledor, von denen sie Harry nichts erzählen dürfen.
Doch plötzlich wird Harrys lange Wartezeit durch den Angriff zweier Dementoren unterbrochen. Dementoren, die Wächter von Askaban, sind übermenschlich große, unheimliche Kreaturen, die sich meist vollständig unter Umhängen mit Kapuzen verbergen. Sie entziehen allen Menschen in ihrer Nähe die guten Emotionen und lassen nur noch schlimme Erinnerungen übrig. Mit einem Kuss rauben sie ihren Opfern anschließend die Seele. Der Körper bleibt eine funktionierende Hülle, ohne Geist und ohne Erinnerung, ein willenloser Zombie. Harry kann sich nur noch durch die Ausübung des Patronus-Zaubers vor ihnen retten, doch dafür bekommt er eine Vorladung ins Ministerium für Magie, wegen unerlaubter Zauberei in den Ferien. Sollte er für schuldig befunden werden, könnte er sogar seinen Zauberstab verlieren und von Hogwarts ausgeschlossen werden. Da es bei den Dursleys offensichtlich zu gefährlich für Harry geworden ist, lässt Dumbledor ihn in das Hauptquartier des Phönix-Ordens bringen. Der Orden des Phönix ist eine Geheimgesellschaft, die schon einmal den Widerstand gegen Voldemort angeführt hat und nun erneut zu diesem Zweck zusammengerufen wurde. Im Hauptquartier trifft Harry seine Freunde wieder, die Weasleys, Hermine und seinen Patenonkel Sirius, der sich immer noch als gesuchter Verbrecher verstecken muss. Hier erfährt er dann auch, warum im Tagespropheten kein Wort über die Rückkehr Voldemorts verloren wurde. Das Ministerium für Magie will dies nämlich auf keinen Fall zugeben und versucht statt dessen alles, um Dumbledor und Harry zu diskreditieren. Leider mit großem Erfolg, denn die Mehrheit der Zauberer glaubt lieber dem Ministerium, das ihnen vorlügt, es gebe nichts zu befürchten, als der schlechten Nachricht von der Rückkehr Voldemorts.
Obwohl Harry den Patronus-Zauber nur zur Selbstverteidigung ausgesprochen hat, sieht es zunächst äußerst schlecht für ihn aus, niemand glaubt ihm. Nur durch Dumbledors Hilfe, der einen Zeugen für den Angriff der Dementoren benennen kann, wird er schließlich freigesprochen. Zurück in Hogwarts, scheint das Jahr für Harry auch nicht besser weiterzugehen. Nicht genug, dass in diesem Jahr die Examen vor der Tür stehen, gibt es da auch noch eine neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dolores Umbridge, die auf Harry gar nicht gut zu sprechen ist. Und dann diese furchtbaren Träume. Harry träumt jede Nacht von einer geheimnisvollen Tür. Bald glaubt er, dass dieser Traum von Voldemort kommt, denn anscheinend sind Harry und dieser miteinander verbunden. Was bedeutet diese Tür für Voldemort? Kann es sein, dass sich dahinter eine Waffe verbirgt, die ihm den entscheidenden Vorteil über Dumbledor und den Orden des Phönix bringt? Dieser Gedanke bringt Harry dazu, alles zu versuchen, um die Tür vor Voldemort zu finden und zu öffnen. Doch vielleicht ist das Ganze ja nur eine Falle?

Im fünften Teil der Serie wird Harry langsam erwachsen. Er steckt mitten in der Pubertät, entgegen seiner sonst so freundlichen, optimistischen und alles verzeihenden Art ist er nun aufbrausend, nachtragend und jähzornig. Nicht dass er keinen Grund dafür hätte, immerhin wurde am Ende des vierten Teils seine ganze Welt erschüttert. Ein Mitschüler und Freund wurde vor seinen Augen getötet, bevor er selber auf das Grausamste gequält und schließlich sogar gezwungen wurde, mit seinem eigenen Blut Voldemort zu alter Stärke zu verhelfen. Er konnte zwar fliehen, muss jedoch von nun an mit dem Bewusstsein leben, dass Cedric seinetwegen gestorben ist und dass die einzigartige Kraft, die ihn bisher vor Voldemort geschützt hat, nicht mehr existiert.
Nun ist Harry zurück in seiner ganz persönlichen Ferienhölle bei den Dursleys und diesmal erscheint es ihm noch schlimmer, denn er fühlt sich völlig von den Geschehnissen in der Zaubererwelt ausgeschlossen. Nicht einmal Ron oder Hermine haben Zeit für ihn. Dann tauchen die Dementoren auf, die wohl unheimlichsten Gestalten in Rowlings Werken, mitten in der Muggelwelt. Eigentlich sollte Harry bei den Dursleys doch sicher sein. Ganz allein muss er sich gegen sie behaupten und wird dann auch noch vorgeladen, weil er unerlaubterweise in den Ferien gezaubert hat.
Durch den ganzen Roman zieht sich eine bedrückende und düstere Stimmung, die mit dem Auftauchen der Dementoren ihren Anfang nimmt. Obwohl Harry schließlich freigesprochen wird und nach Hogwarts zurück darf, ist das Internat plötzlich nicht mehr dieser strahlende Ort voller Wunder und Magie nach den dunklen, ereignislosen Ferien bei den Dursleys. Gleich zu Anfang bemerkt man eine Distanz zwischen den drei Freunden Harry, Ron und Hermine. Ron und Hermine wurden von Dumbledor zu Präfekten ernannt und können deshalb im Hogwarts-Express nicht mehr im selben Abteil wie Harry fahren. Im Internat müssen sie den anderen Schülern mit einem guten Beispiel vorangehen und sind für die jüngeren Schüler verantwortlich, weswegen sie weniger Zeit mit Harry verbringen können. Wenn Harry dann auch noch bei der neuen Lehrerin Dolores Umbridge Strafarbeiten mit seinem eigenen Blut schreiben muss und sie ihn vom Quidditch ausschließt, nur weil er sich nicht der Lüge des Ministeriums über Voldemorts Rückkehr anschließt, könnte man vor Wut und Ärger über diese Ungerechtigkeit laut schreien.
Dann kommt es noch schlimmer für Harry. Er erfährt, dass sein von ihm über alles verehrter Vater nicht der strahlende Held ohne Fehl und Tadel war und dass Snape wohl durchaus das Recht hat, James Potter und seine Freunde von ganzem Herzen zu hassen. Plötzlich verschwimmt die bisherige klare Teilung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu einem trüben, alles verdüsternden Grau.
Was sich im vierten Teil schon abzeichnete, wird in „Harry Potter und der Orden des Phönix“ Realität, der Wandel von einer wunderschönen Geschichte für Kinder zu einer wirklich gelungenen Fantasy-Erzählung für Erwachsene. Wie in allen vorhergehenden Bänden schafft J.K. Rowling es, die losen Fäden spannend miteinander zu verknüpfen und die Figuren lebendig werden zu lassen. Die Geschichte ist kraftvoll und sehr mitreißend geschrieben, so dass Langeweile beim Lesen garantiert nicht aufkommt. Das Buch hat nur den einen Nachteil, dass es irgendwann zuende ist und man wieder so lange auf den nächsten Teil warten muss.

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Rowling, Joanne K. – Harry Potter und die Kammer des Schreckens

In Harrys zweitem Schuljahr in Hogwarts geschehen schreckliche Dinge, irgendjemand oder irgendetwas hat es auf einige der Schüler abgesehen. Immer wieder werden Schüler versteinert aufgefunden und niemand weiß, was den Bann verursacht hat. Bald geht das Gerücht um, die Kammer des Schreckens sei wieder geöffnet worden. Diese Kammer wurde vor Jahrhunderten von Salazar Slytherin, einem der Gründer Hogwarts, gebaut. Slytherin war der Meinung, dass Schlammblüter, also muggelgeborene Zauberer, nichts auf Hogwarts verloren hätten, konnte sich jedoch nicht gegen seine Partner Ravenclaw, Hufflepuff und vor allem Gryffindor durchsetzen, deshalb schuf er die Kammer des Schreckens und verschloss in ihr ein tödliches Ungeheuer. Der Legende nach kann nur der wahre Erbe Slytherins die Kammer öffnen und das Ungeheuer befreien. Als sich bei einem Zauber-Duell gegen Draco Malfoy herausstellt, dass Harry in der Lage ist, mit Schlangen zu sprechen – eine äußerst seltene Fähigkeit, die auch Salazar Slytherin besaß und ebenso Lord Voldemort – vermuten die Schüler in Harry den Erben Slytherins, den Öffner der Kammer und damit den Urheber der Anschläge. Nur Ron und Hermine glauben an Harrys Unschuld und setzen alles daran, den wahren Schuldigen zu überführen. Schließlich gelingt es ihnen, den Zugang zur Kammer zu finden und tatsächlich ist Harry in der Lage, die Kammer mit Hilfe der Schlangensprache öffnen. Dort findet er Ron’s jüngere Schwester Ginnie. Diese steht unter dem Bann Tom Riddles, eines in einem Tagebuch eingeschlossenen Abbildes von Lord Voldemort. Selbst Schüler in Hogwarts gewesen, gelang es Voldemort damals für kurze Zeit, die Kammer zu öffnen. Ein Abbild seines jungen Selbst wurde dabei in einem Tagebuch gefangen. Ohne böse Absicht geriet Ginnie durch die Benutzung des Tagebuches in seinen Bann und öffnete für ihn die Kammer des Schrecken. Nun muss Harry gegen den Schrecken von Slytherins Kammer antreten, doch es sieht schlecht aus, denn wie kann er einen riesigen Basilisk besiegen, der sowohl durch seine Bisse als auch durch seine Blicke töten kann?

Es ist kaum zu glauben, aber man freut sich schon fast mehr als Harry, wieder zurück in Hogwarts zu sein und neue spannende Abenteuer mit den drei Freunden zu erleben. Die detaillierte Schilderung des Internats, in dem nicht Mathematik und Chemie, sondern Levitation und Zaubertränkebrauen auf dem Stundenplan stehen, ist wunderbar gelungen, und neue Nebenfiguren lassen den Alltag in Hogwarts nicht langweilig werden. Gerade mit dem neuen Lehrer gegen die dunklen Künste, Gilderoy Lockhart, erlebt Harry die unglaublichsten Sachen. Und obwohl die grundlegende Idee der Geschichte sich seit dem ersten Teil nicht unbedingt verändert hat, gelingt es der Autorin trotzdem, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Genau wie beim [ersten Teil]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=139 herrscht also in hohem Maße Suchtgefahr.

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Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Stein der Weisen

Joanne Kathleen Rowling kann man wohl zu Recht als die Erfolgsautorin der Jahrtausendwende bezeichnen. Arbeitslos und von Sozialhilfe abhängig, erdachte die allein erziehende Mutter, die Französisch und Altphilologie studierte, die zauberhafte Geschichte des Waisenkindes Harry Potter. Der erste Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ erschien zum ersten Mal 1997 und löste einen wahren Begeisterungssturm bei Lesern jeden Alters aus. Die Bücher der Reihe sind mittlerweile in 47 Sprachen übersetzt und in 200 Ländern mit etlichen hundert Millionen Exemplaren Auflage verkauft worden. Die ersten zwei Bände wurden bereits mit großem Erfolg verfilmt. Außerdem gab es natürlich zahllose Literaturpreise für das Werk, und auch Rowling selbst hatte bis hin zu Ehrendoktorwürden und dem „Member of the Order of the British Empire“-Rang so einiges von ihrem Erfolg und ihren damit verbundenen Verdiensten.

Harry Potter wächst bei seinen gemeinen Verwandten den Dursleys auf, da seine Eltern kurz nach seinem ersten Geburtstag ums Leben kamen. Mit elf Jahren erhält Harry die Möglichkeit, auf das Zauberer-Internat Hogwarts zu gehen und dort wie seine Eltern vor ihm die Zauberei zu erlernen. Die Einladung nach Hogwarts wird vom riesenhaften Hagrid auf Weisung des Schulleiters Dumbledor überbracht. Durch Hagrid erfährt Harry dann auch die Wahrheit über den Tod seiner Eltern. Vor zehn Jahren wurde die Gemeinschaft der Zauberer vom bösen und niederträchtigen Lord Voldemort in Atem gehalten. Voldemort und seine Anhänger verachteten alle Muggels (Menschen, die nicht zaubern können), vor allem aber Zauberer, die aus Muggelfamilien stammen. Die Absicht Lord Voldemorts war es, diese, von seinen Anhängern als Schlammblüter bezeichneten Zauberer zu beseitigen. Durch seine großen Zauberkräfte und die Unterstützung seiner zahlreichen Anhänger hätte es ihm gelingen können, sein böses Vorhaben zu verwirklichen, wäre da nicht auch eine Widerstandsbewegung von Zauberern gewesen, zu denen unter anderem neben Hagrid und Dumbledor auch Harrys Eltern gehörten. Bei einem Anschlag Lord Voldemorts kamen Harrys Eltern ums Leben, dem einjährigen Harry gelang es jedoch, den Todesfluch Voldemorts zu überleben und diesen sogar auf den bösen Zauberer zurückzuwerfen. Damit war die Gemeinschaft der Zauberer befreit, denn ohne Voldemort fehlte es seinen Anhängern an Macht und Zusammenhalt, und sie konnten überwältigt und eingesperrt werden.

In Hogwarts lernt der in der Muggelwelt aufgewachsene Harry nun, dass es noch eine andere, für Muggels unsichtbare Welt gibt, in der Hexen, Zauberer, Elfen, Drachen oder Gnome völlig normal sind. Schnell schließt er Freundschaft mit zwei ebenfalls neuen Schülern, Ron Weasley und Hermine Granger. Als der stark geschwächte und verstümmelte Lord Voldemort nach Hogwarts kommt, um den dort aufbewahrten Stein der Weisen zu stehlen, der seinem Besitzer unermessliche Kräfte und sogar Unsterblichkeit verleiht, versuchen Harry und seine beiden neuen Freunde alles, um ihn daran zu hindern.

„Harry Potter und der Stein der Weisen“ mag vielleicht ein Kinderbuch sein, bietet aber auch den älteren Lesern durch die sehr lebendig und witzig erzählte Geschichte eine Menge Spaß. Die Autorin stattete die Welt Harry Potters mit einer liebevoll gestalteten Fülle von Einzelheiten und Nebenpersonen aus. So erschafft sie eine Welt, die schon bald sehr vertraut wirkt, mit einer faszinierenden, manchmal sogar gruseligen Atmosphäre. Der Roman bietet einen geradlinigen Handlungsbogen, dem zu folgen nicht schwer fällt, der dabei aber immer hochgradige Spannung erzeugt. Unbedingt lesen!

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Eddings, David – Kind der Prophezeiung (Belgariad)

David Eddings wurde am 7. Juli 1931 geboren. Man kann ihn schon allein deshalb als einen „Altmeister“ der Fantasyliteratur bezeichnen. Mit seiner Frau Leigh hat er seit 1973 bis heute zahlreiche Fantasyzyklen geschrieben, deren bekanntester die Belgariad-Saga ist.

Eine Welt ohne Orks und Elfen… und dennoch klassische Fantasy? Die Welt, die der Belgariad- und der Malloreon-Saga zugrunde liegt, ist geprägt von ihrer seltsamen Geographie und Theologie: So gibt es sieben Götter, die jeder ein Menschenvolk regierten und ihm ihre Charakteristiken aufprägten. Nur ein Gott, Aldur, war anders. Er nahm sich einige wenige Schüler, wie Garath, die ihm dienten und zu mächtigen Magiern wurden. Aus Garath wurde der Magier Belgarath, der zusammen mit seiner Tochter Polgara schon seit Jahrtausenden das Schicksal der Welt mitgestaltet.

Auch unter Göttern sind Eifersucht und Neid keine Fremdwörter: So versuchte der Gott Torak ein mächtiges Artefakt seines Bruders, das Auge Aldurs, zu rauben. Er wurde von Belgarath und einem Heer der Anhänger aller anderen Götter gestoppt, die ungeheure Macht des Auges zerriss jedoch die Welt in einen großen West- und einen Ostkontinent. Torak konnte von seinen Magierschülern gerettet werden und schläft nun an einem unbekannten Ort, während sein Volk, die Angarakaner, „Murgos“ in Anlehnung an ihre Hauptstadt genannt, bis zum heutigen Tag den meisten anderen Völkern verhasst sind – aus gutem Grund, säen sie doch nach wie vor Zwietracht und streben danach, ihren Gott wieder auferstehen zu lassen. Das Auge Aldurs wird auf der „Insel der Stürme“ von einem Hüter bewahrt, denn es kann nur noch von einem Nachfahren der nahezu ausgelöschten Linie des Königs von Riva und Belgaraths Tochter Beldaran berührt werden.

Eines Tages gelingt es dennoch einem Diener Toraks, das Auge zu stehlen. Damit wäre die Prophezeiung, alle Völker des Westens können in Frieden leben, solange das Auge Aldurs ruht, gebrochen… Torak droht wiedererweckt zu werden.

Belgarath und Polgara lebten jahrelang als alter Geschichtenerzähler und Haushälterin unter den Menschen, um den jungen Garion zu behüten. Dieser spielt eine wichtige Rolle in einer Prophezeiung, wie man die Welt noch vor Torak retten kann. Denn wie man bald unschwer erraten kann, wird Garion zu Belgarion, Hüter des Auges und machtvoller Magier.

Vorerst ist er ein überforderter kleiner Junge, der gar nicht so recht weiß wie ihm geschieht, als seine Tante Pol und Onkel Wolf sich langsam als mehr entpuppen als sie zu sein scheinen. Zusammen mit einigen schillernden Charakteren, die in den Augen Belgaraths den Schlüssel zu der Erfüllung der Prophezeiung zur Rettung vor Toraks bieten, wird Garion auf die Spur von Grolimpriestern und vor allem dem mysteriösen Murgo Asharak angesetzt, die den Leser in den Folgebänden in die zahlreichen Länder dieser Welt mit ihren archetypischen und sehr unterschiedlich charakterisierten Völkern entführt.

Trotz des Verzichts auf die fantasytypischen Rassen wie Orks, Elfen und Zwerge erkennt man die Grundzüge eines klassischen Fantasyzyklus: Der Hinterwäldler, der mit tapferen Mitstreitern loszieht, um die Welt zu retten und bedeutender ist als er selbst zuerst weiß, kommt sowohl im „Rad der Zeit“ von Robert Jordan als auch Tolkiens „Herr der Ringe“ und zahllosen anderen Werken der Fantasyliteratur vor.

„Kind der Prophezeiung“ ist nicht in sich abgeschlossen, es ist nur der Auftakt zu dem fünfbändigen Belgariad-Zyklus, der einem genauso langen Folgezyklus, der Malloreon-Saga, und Prequels über Belgarath und Polgara vorangeht.

Mit Magie geht Eddings zu Beginn sehr sparsam um, oft werden subtile Beeinflussungen hypnotischer Art wahren „Wundern“, wie Verwandlungen Belgaraths in einen Wolf oder Polgaras in eine Eule, vorgezogen. Später nimmt die magische Komponente mehr Raum ein, je mehr Garion sich zum Zauberer mausert.

Erzählerisch ist die Geschichte sehr linear gehalten, auch die Intrigen sind nicht annährend so verschlungen wie bei moderner Fantasy, wie George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“-Zyklus. Ebenso haben die Charaktere zwar Tiefe und Stärken und Schwächen, sind jedoch eindeutig in „Gute“ und „Böse“ aufteilbar, somit eher in der Schwarz-Weiß-Liga des Herrn der Ringe als in der modernen Grauschleier-Fantasy zu finden.

Sprachlich ist Eddings deutlich leichtere Kost als der Herr der Ringe: Dialoge der Hauptfiguren machen den größten Teil des Buches aus, auf Kosten detaillierter Ortsbeschreibungen und nur konzentriert lesbarer Hintergrundinformationen. Hier kann man wirklich verschlafen im Bett drüberlesen; da die Storyline schnörkellos und geradlinig ist, kann man ihr problemlos folgen.

Viel Raum wird dem Humor gegeben, der sich aus dem Zusammenspiel der Charakteren wie Polgara und ihrem Vater Belgarath ergibt. Besonders Polgara hat ihre Eigenheiten, Ecken und Kanten, an denen sich andere Protagonisten und der Leser stoßen können.

Einen breiten Charakter-Pool stellen die Begleiter der Drei dar: Der cherekische Krieger Barak, der verschlagene drasnische Gauner Silk, sowie der simple und grundehrliche sendarische Schmied Durnik sind typische Vertreter ihrer Völker. Genauso wie alle Murgos hinterhältige Lügner und Hetzer sind, die nur Übles im Schilde führen. Zum Glück sind die Figuren alle mit ihren Besonderheiten versehen, sonst würde ich diese Schemata als ziemlich langweilig empfinden.

Erwähnenswert: Liebesgeschichten werden alle recht harmlos gehalten, ebenso hält sich Eddings bei den Kämpfen zurück – diese werden selten detailliert und brutal beschrieben, sind allerdings auch nicht seine Stärke und nicht gerade packend geschrieben, wie es ein R.A. Salvatore z.B. tun würde. Leider wirkt der meist einem harten Kampf folgende ironische Kommentar (meist vom gaunerhaften Silk oder dem tapferen Mandorallen) mir stets ein bisschen zu aufgesetzt, um wirklich als humorig durchzugehen.

Eddings hat eine große, schöne Fantasywelt geschaffen, die zu den besten des Genres zählt. Leider nichts für Gelegenheitsleser: Wer nur den ersten Band liest, hat noch nicht viel erlebt. Seine Charaktere kann man lieben, die schöne Zauberin Polgara und der stets etwas arrogante Mandorallen haben es mir besonders angetan. Alle Bücher sind in verständlicher Form geschrieben und sehr gut übersetzt, die Originale sprachen in den USA sehr viele Leser an, es handelt sich um keine besonders anspruchsvolle, aber dafür um eine verdammt gute und unterhaltsame Serie.

Es geht also auch ohne Elfen und Orks – dennoch fand ich Raymond Feist’s Midkemia-Romane einen Tick besser, da sich der Charme Polgaras und der anderen Akteure im Verlauf des Zyklus etwas abnutzt und dann eine eher einfache und seichte Handlung bleibt. Komplexere Handlung und Intrigenspiele sowie ausgefeiltere Charaktere bietet George R.R. Martin.

Wem jedoch der „Herr der Ringe“ als Buch manchmal zu langatmig war, sollte zugreifen: Auch für ungeübte Leser ist Eddings sehr gut genießbar, kurz ist sein Werk jedoch keinesfalls – unbedingt alle fünf Bände des Zyklus lesen!

Hier liegt auch ein weiteres Problem: Die 5. Auflage der Belgariad-Saga erschien 2001, bei Amazon konnte man im September 2003 nur noch vier der fünf Bände erwerben. Erstaunlich ist, das trotz der 5. Auflage die Bücher immer noch schlampig lektoriert sind: Buchstaben werden oft ausgelassen oder gedreht, manchmal findet sich auch ein sinngemäß falsch übersetztes Wort.

Zum Abschluss noch ein paar frei übersetzte Worte von Eddings über sein eigenes Werk:

„Ich habe eine Welt erschaffen, die es so nicht geben könnte, mit ungewöhnlichen Religonen und noch ungewöhnlicherer Geologie (Anm.: Der vom Auge Aldurs geteilte Kontinent ist gemeint). Mein Magiesystem ist sehr pragmatisch – viele Erklärungen, wie Magie funktioniert, sind ziemlich absurd, aber die Charaktere glauben daran und zweifeln nicht, und so ergeht es dann auch dem Leser. Vielleicht ist das die „wahre“ Magie. Das ist die grundlegende Formel für Fantasy. Ein bisschen Magie, gemischt mit einigen entwickelbaren archetypischen Mythen, lass die Hauptfiguren schwitzen und sich plagen und im unpassendsten Moment hungrig werden, garniere das Ganze mit einer gewaltigen und umfangreichen Vorgeschichte und lass der Handlung ihren Lauf.“

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Krege, Wolfgang – Elbisches Wörterbuch. Nach J.R.R. Tolkien

Do you speak Elbisch? Solch ein Werk hat uns noch gefehlt: ein elbisches Wörterbuch! Damit können die Elben nun endlich den Klingonen Konkurrenz machen, von denen es ebenfalls bereits ein Wörterbuch gibt (von Marc Okrand, einem der Star-Trek-Experten). Mal sehen, wer das Rennen macht. Bis es soweit ist, behelfen wir Stuttgarter uns immer noch mit Schwäbisch (bekanntlich können wir ja alles – außer Hochdeutsch).
Wolfgang Krege ist am bekanntesten geworden durch seine neue Übersetzung des „Herrn der Ringe“, die durchaus umstritten ist. Die Rubriken des Buches im Einzelnen:

„Vorbemerkungen“: Nun könnte der Laie meinen, wenn er den Titel liest, es gäbe nur ein einziges Elbisch. Das ist ein Irrtum: Es gibt bei Tolkien, diesem fleißigen und unermüdlichen Spracherfinder, zum einen Quenya, das etwa dem Latein der Gegenwart entspricht, und zum anderen die „Verkehrssprache“ Sindarin, das von den meisten Elben gesprochen wird. (Mit den Menschen sprechen sie jedoch meist in Westron.)

„Grammatiken von Quenya und Sindarin“: Nun kann man sich leicht vorstellen, dass sich Quenya und Sindarin – allein schon aufgrund der zeitlichen Weiterentwicklung – beträchtlich voneinander unterscheiden. Eine Figur wie Galadriel bringt es auf rund 10.000 Jahre Lebenszeit, da sie noch aus dem Ersten Zeitalter stammt, als sie mit ihrem Volk, den Noldor, nach Valinor zog. Klar, dass sie sowohl Quenya als auch Sindarin, aber auch Westron beherrschen muss, um mit allen Völkern kommunizieren zu können.

Nun ist es ja schon ein kleines Wunder, dass man anhand Tolkiens Aufzeichnungen ein komplettes Wörterbuch zusammenstellen kann, doch auch noch deren (ebenso fiktive) Grammatik aufzuzeichnen, schlägt alles. Immerhin gesteht auch Krege die Grenzen des Unternehmens ein: Das Elbische scheint in der Regel über keine Präpositionen zu verfügen – es wird alles über Kasus geregelt. Außerdem scheinen Konjunktivformen weitgehend zu fehlen. Alle wichtigen Formen sind in Tabellen dargestellt.

Das alles hat sich Krege natürlich nicht aus den Fingern gesaugt. Fehlende Formen und Regeln haben Sprachwissenschaftlern seit den siebziger Jahren erschlossen, vor allem in den USA. Dort war ja bekanntlich der ganze Tolkien-Rummel erst richtig losgegangen – nach der illegalen Veröffentlichung einer Taschenbuchausgabe des „Herrn der Ringe“ (ca. 1966) fuhren die Studenten voll auf dieses neue Paralleluniversum ab und forderten „Gandalf for President!“

„Zur Aussprache“: Dies sind einige wichtige Anmerkungen dazu, wie die beiden Sprachen klingen könnten. Krege weist darauf hin, dass Quenya mehr ans Altfinnische erinnert und Sindarin mehr am Walisischen orientiert ist.

„Die Tengwar“ (elbische Schriftzeichen): „Silmarillion“-Titel-Inschrift, Inschrift über dem West-Tor von Moria, Ringinschrift (in der Schwarzen Sprache)

„Quellen“: Hier führt der Autor seine linguistischen Quellen an, aber vor allem die zahlreichen posthumen Tolkien-Veröffentlichungen, die Tolkiens Sohn Christopher als „History of Middle-Earth“ in zwölf Bänden herausgegeben hat. Hinzu kommen die von Tolkien veröffentlichten Werke, allen voran die Anhänge zum „Herrn der Ringe“, aber auch „The Road Goes Ever On“, das verschiedene Lieder enthält.

„Abkürzungen“: Die im Text gebräuchlichen Abkürzungen orientieren sich an den in Wörterbüchern üblichen Akronymen.

„Wörterbuch Elbisch – Deutsch“: Seiten 51-204

Dieser relativ ausführliche Teil ist zwar hochinteressant, um elbische Wörter mit allen verwandten Wortstämmen zu lernen, hat aber nur einen begrenzten praktischen Wert. Wenn man sagen will „Nenne mir deinen Namen!“, so muss man im zweiten Teil, Deutsch – Elbisch, nachschlagen. Hier, im Elbisch-Teil, jedoch dürfte man wenigstens in der Lage sein, die Ausdrücke, die die Elben in den drei Jackson-Filmen verwenden, zu übersetzen.

Ein Beispiel: Sowohl Arwen als auch Elrond beschwören Frodo mit den Worten „lasto bethnín!“ ‚Lasto‘ ist das Wort für ‚zuhören‘ und ‚beth‘ bedeutet ‚Wort‘. Aus den Grammatikregeln für Sindarin können wir schließen, dass ‚bethnin‘ die Pluralform von ‚beth‘ sein muss, also ‚Wörter‘ bedeutet. Der Ausdruck bedeutet also „Höre die Wörter!“ bzw. „Hör mir zu!“

Da es keinerlei Zitate aus den Filmen gibt, muss man sich alle weiteren elbischen Ausdrücke auf diese Weise erschließen. Selbst ein Liedtitel wie „A Elbereth Gilthoniel“ erfordert Arbeit. ‚Elbereth‘ ist die ‚Sternenkönigin‘ und ‚Gilthoniel‘ die ‚die Sterne entfacht Habende‘. Beide Bezeichnungen sind Beinamen der göttlichen Macht (Valar), die die Sterne geschaffen hat. Sie hat insofern für die Elben besondere Bedeutung, da die Elbenvölker weder unter Sonne noch Mond geschaffen wurden, sondern zu einer Zeit, als es ausschließlich Sterne gab. Daher nennen sich die Elben auch Eldar, das Sternenvolk.

(Frodo erhält in HdR 1 von Galadriel eine Phiole geschenkt, die das Licht Earendels enthalte, „unseres über alles geliebten Sterns“. Earendel trägt, so Tolkiens Mythos, den letzten, einzig übrig gebliebenen Silmaril über das Firmament. Die Silmarils jedoch, um deren Wiedererlangung die Noldor-Elben so verlustreich und lange gegen den Dunklen Herrscher Morgoth fochten, enthalten als einzige Artefakte das Licht Valinors. Insofern erhält Frodo von der Elbenherrscherin ein extrem kostbares Geschenk: einen Widerschein des elbischen Paradieses.)

„Wörterbuch Deutsch – Elbisch“: Seiten 205-289

Diese Wortlisten sind wesentlich einfacher gehalten als im ersten Teil. Dem deutschen Wort – immerhin rund 2200 Wörter! – stehen eine oder mehrere elbische Entsprechungen gegenüber. Wer will, kann daraus ganze Ausdrücke formen, aber ohne grammatische Hilfen dürfte sich dies als schwierig erweisen.

„Platz für Notizen“: zehn leere Seiten

Das Büchlein ist wirklich wie ein praktisches Reisewörterbuch aufgemacht: mit einem robusten Plastikeinband und in einem Format, das es erlaubt, es in jeder Hosen- oder Handtasche unterzubringen. Kaum läuft einem ein Elb über den Weg, zückt man kurz das Büchlein und schlägt im 2. Teil nach, was man auf dem Herzen hat. (So lautet zumindest die Theorie.) Besonders schön finde ich, dass als Frontmotiv die Inschrift auf dem Westtor von Moria ausgewählt wurde. Sogar in lateinischen Buchstaben wurde der rätselhafte Ausdruck hinzugefügt, der es erlaubt, das Tor zu öffnen: „Pedo mellon a minno“ – „Sprich ‚Freund‘ und tritt ein!“ Darunter stehen noch zwei Zeilen in Elbisch, die es selbst zu übersetzen gilt.

Natürlich ist jedes neue gelehrte Werk über Tolkiens Universum, wie es dieses „Elbische Wörterbuch“ darstellt, ein Leckerbissen für Leute, die sowieso zur Hälfte bereits in Mittelerde leben und sich nur noch zufällig auf Terra befinden. Ihnen brauche ich das Buch nicht zu empfehlen, da es für sie Pflicht ist. Dann gibt es natürlich die zahlreichen Laien, die über die drei Filme mit Mittelerde in Berührung gekommen und seitdem davon begeistert sind. Sie seien gewarnt: Auch mit diesem Wörterbuch ist das Erlernen von Elbisch nicht so ohne Weiteres möglich, und selbst einfaches Übersetzen erfordert Arbeit. Schließlich gibt es noch die große graue Mehrheit, die vielleicht die Filme toll finden, sich aber keinen Deut um Tolkiens Mythologie scheren. Ihnen können Elaborate wie Wolfgang Kreges Fleißarbeit gestohlen bleiben.

Und dann gibt es noch Leute wie mich, die seit Jahren Tolkiens Werke intensiv kennen gelernt haben, ohne dabei fanatisch zu werden (das ist man vielleicht mit 17 oder 18). Ich sehe das Wörterbuch als Werk von begrenztem Nutzwert an, das einem am meisten hilft, wenn man bereits die Anhänge zum „Herrn der Ringe“ und „Das Silmarillion“ durchgeackert hat. Das ist eine Aufgabe, nicht jedem zusagt, aber sie belohnt den, der er es versucht. Wahrscheinlich wollte ja Prof. Tolkien mit seinen Geschichten nur dies bezwecken: Dass Leute von heute lernen, wie man Sprachen begreift.

Im November (also Mitte Oktober) will Bastei-Lübbe ebenfalls ein Elbisches Wörterbuch für Anfänger und Fortgeschrittene auf den Markt bringen. „Dr. Fantasy“ Helmut W. Pesch, der auch schon das „Mittelerde-Lexikon“ herausgegeben hat, erarbeitet dieses Wörterbuch. Man darf spannende Vergleiche anstellen, denke ich: Wurden andere Quellen benutzt als bei Krege? Kommt Pesch daher zu anderen Ergebnissen als Krege? Wie werden Anfänger, und wie Fortgeschrittene bedacht? Wie ist die Ausstattung? Eine berechtigte Frage, denn das Pesch-Wörterbuch soll vier Euro weniger kosten als das von Krege.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Anmerkung des Lektors: Krege hat bei einigen Übersetzungen wohl unsauber gearbeitet und sich nicht an den Originalschriften orientiert, zudem werden die elbischen Worte so angeführt, wie sie in den Tolkien-Schriften auftauchen, also nicht in der Grundform, sondern bereits grammatisch gebeugt. Das ist für ein Wörterbuch natürlich ziemlich eigenartig und etwas sinnlos. Quelle: Kommentare anderer Leser.

McCormack, Patrick – Hüter des Grals, Die

Nach dem Untergang des arthurischen Reiches von Britannien fallen irische Piraten und sächsische Eroberer über die Überreste her. Doch einer von Artus‘ Gefährten hat überlebt, und er hütet ein kostbares Kleinod. Um die Vorherrschaft in Britannien zu erlangen, ist der Pirat Eremon hinter diesem Schatz her, und er hat einen Zauberer mitgebracht. An der Küste Cornwalls kommt es zum Showdown.

Patrick McCormack wurde 1958 in der Grafschaft Kent (die auch im Roman als sächsische Eroberung vorkommt) geboren. Laut Verlag arbeitete er lange Zeit als Buch- und Antiquitätenhändler. Sein Interesse gelte der keltische Mythologie und der Frühgeschichte Großbritanniens. Zur Zeit lebt er in Dartmoor zwischen Cornwall und Devonshire, jener Gegend, in dem ein Großteil des Romans spielt, der im Original 1997 erschien.

Zehn Jahre sind seit König Artus‘ Tod in der Schlacht von Camlann vergangen. Nun droht bereits alles, wofür er drei Jahrzehnte lang kämpfte, auseinander zu brechen: Seine Nachfolger verstricken sich in kleinliche Intrigen, Seuchen machen das Land zwischen Kaledonien und Ärmelkanal beinahe menschenleer. Von Norden und Westen bedrohen die Skoten aus Irland und Pikten aus Schottland die Küstendörfer, von Osten her suchen die Sachsenstämme neues Siedlungsland in Englands Südwesten. Sachsen und irische Piraten landen fast zur gleichen Zeit an der Küste Südwestenglands. Hier lebt der letzte Ritter König Artus‘ in der Einsamkeit eines Eremiten. Es ist Mab Petroc, einst der gewaltigste Krieger in der Tafelrunde (seinen allseits bekannten richtigen Namen erfahren wir erst kurz vor Schluss), und er hütet ein ganz besonderes Kleinod: den heiligen Gral. Dies raubte einst Artus selbst den Hütern des Grals, die im äußersten Nordwesten Schottlands lebten: den Leuten, die bereits vor den Kelten hier gelebt hatten.

Die Geschichte, wie der Gral in Mab Petrocs Obhut gelangte, erfahren wir aus verschiedenen Quellen in Rückblenden. Doch wird es dem Ex-Ritter Budoc, wie er sich nun nennen lässt, gelingen, den Schatz vor den marodierenden Piraten, die im Auftrag eines Waliser Fürsten nach ihm suchen, und vor den Sachsen in Sicherheit zu bringen? Er wendet sich an den letzten kümmerlichen Rest von Artus‘ Ritterstreitmacht. Doch Nai und Gorthyn waren bei Camlann nur halbwüchsige Jungen, so dass sie Artus selbst nur vom Hörensagen kennen. Inzwischen sind sie zu furchterregenden ausgebildeten Kriegern herangewachsen, die den drei Anführern der Piraten durchaus Paroli bieten können. Allerdings sind sie nicht in der Lage, es mit Eremons Druiden aufzunehmen. Da offenbart Budoc ungeahnte Fähigkeiten. Vielleicht gelingt es dem Trio doch noch, die letzten Überlebenden der überfallenen Dörfler und der Sachsen vor dem sicheren Tod zu bewahren und den Gral zu beschützen. Denn ebenso wie der Gral für das Land Britanniens steht, so sind die beiden Kinder dessen Zukunft. In mehreren großartig gestalteten Scharmützeln setzen die „zweieinhalb“ Ritter ihren zahlenmäßig weit überlegenen Gegnern zu, bis es zu einem Showdown mit Eremon kommt, bei dem Budoc nur in allerletzter Sekunde eingreifen kann.

Zunächst liest sich der umfangreiche Roman etwas schleppend, denn erst bekommen wir eine Menge Personal vorgestellt. Damit nicht genug, erinnern sich etliche der Figuren an ihre Kontakte mit Artus oder dessen Gefährten. Mit dem Fortgang der Handlung reduziert sich dieser Aufwand jedoch auf eine Handvoll Hauptfiguren, von denen natürlich Budoc die wichtigste ist. Dies ist die Erzählebene der Gegenwart. Die erinnerte Zeit jedoch liegt etwa dreißig Jahre zurück und betrifft vor allem jenes Vorhaben, das zur Erlangung des Grals führen soll. Zunächst einmal muss eine Botin (es ist eine piktische Bardin namens Teleri) an Artus‘ Hof in Südwestengland gelangen. Das ist gar nicht so einfach, wie sich herausstellt, denn Pikten wagen mehrere Überfälle. Dann muss die Botin die Nachricht überbringen und gleichzeitig den König davon überzeugen, dass dies eine Sache von „nationaler Notwendigkeit“ ist: Mit dem Gral in Händen könne Artus, der Oberste Feldherr, endlich den Anspruch auf die britannische Krone erheben. Doch von dieser verhängnisvollen Unternehmung kehren nur sehr wenige zurück. Der Preis, den Gral zu erringen, so zeigt sich, ist mindestens ebenso hoch wie jener, der für seinen Schutz entrichtet werden muss, um die Zukunft Britanniens zu sichern.

Der Autor unternimmt also nichts Geringeres, als erstens die Artus-Legende neu zu erschaffen und zweitens die Bedeutung dieser Legende zu erforschen. Das klingt ziemlich abgehoben, ist aber vom Autor kompetent und weitgehend unauffällig in anschauliche Schilderungen umgesetzt worden. Für Unterhaltung ist also ebenso gesorgt wie für gedanklichen Sinngehalt. Die (literatur-) historischen Hintergrundinformationen hat sich der Autor für den umfangreichen Anhang aufgespart. Wer sich für „Die Nebel von Avalon“ begeistern konnte (eine weitere Umdeutung der Artuslegende), der dürfte sich auch für die zahlreichen Fakten und Umstände interessieren, die aus der Figur des „Artus“ oder „Artor“ eine so wichtige literarische Figur werden ließen. (Alles, was sich um Artus und Britannien dreht, wird in der Literaturkritik als „the matter of Britain“ bezeichnet.)

Nun könnte man meinen, dass sich in dieser Geschichte nur ein paar alte Ritter kloppen und Zauberer ihr Unwesen treiben. Das stimmt zum Teil, und das macht den Roman auch so unterhaltsam. Aber die Magie ist hier mit echtem Wissen über das Wesen von Mythologie und okkulten Praktiken angereichert. Hier redet jemand, der wirklich Ahnung davon hat, doziert aber nicht darüber, sondern setzt sein Wissen in erzählende Bilder um. Und es gibt außerdem zwei Liebesgeschichten: Mab Petroc liebte die Bardin Teleri von ganzem Herzen, und diese starke Frauenfigur ist ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt für die Geschichte. (Guinevere kommt nur als ein Name vor, tritt aber nicht selbst auf.) Die zweite Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen der jungen Britin Eurgain (die ‚Goldblonde‘) und dem jungen Sachsen Ceolric, der aus Kent stammt (wie der Autor selbst). Eigentlich wollten die Sachsen ja den Briten ihr Land rauben, um darauf ihr Fürstentum zu errichten – doch es hat nicht sollen sein. Und so kommt eine ziemlich unwahrscheinliche, aber versöhnliche Verbindung zustande.

Ein Schwachpunkt: Wenn man den Anhang noch nicht gelesen hat, in dem man alles Bekannte über Artus erfährt, so kommt einem die Gestalt des Artus, den uns der Autor durch die Erinnerungen seiner Gefährten vermittelt, seltsam blass vor, ja geradezu unvollständig. Artus ist zwar eindeutig ein Führer von Menschen und die Verkörperung des Landes, doch mit welcher Legitimität und aufgrund welcher Herkunft oder Erfahrungen? Über die Herkunft klären uns historische Bemerkungen auf, was erzählerisch nicht sonderlich geschickt ist: Man müsste sich diese Informationen aufschreiben, um sich an sie im rechten Moment erinnern zu können (was meist unnötig ist). Es hapert vor allem an den Erfahrungen. Artus scheint aus dem Nichts zu kommen. Aber nur dann, wenn man dieses Buch isoliert als ein eigenes geschlossenes Universum betrachtet. Tut man dies nicht, so steht vor diesem Buch eine ganze Bibliothek von erzählenden und forschenden und deutenden Werken. Darf der Autor die Kenntnis der wichtigsten dieser Werke voraussetzen? Nun, zumindest in Großbritannien darf er das ungestraft. Im restlichen Europa hingegen – das ist eine andere Sache, nämlich eine Sache von Fans und Gelehrten.

Nach einem etwas schleppenden Einstieg gewinnt die Geschichte, die auf zwei Zeitebenen entwickelt wird, allmählich an Fahrt, bis schließlich Rückblenden ganz ausbleiben: Dann beginnt die Action der Ritter und Magier – das Ringen um das symbolische Stück Südküste, das es zu erobern beziehungsweise zu verteidigen gilt, je nach Standpunkt des Akteurs. Hat das Buch erst einmal dieses Stadium erreicht, fällt es dem Leser schwer, es wieder beiseite zu legen. Und so weist das Buch Merkmale von David Gemmell oder bekannter Zauber-Fantasy auf. Hier bleibt McCormack wegen seines umfangreichen Wissens nicht stehen, so greift er noch wesentlich tiefer und weiter als so mancher seiner Kollegen, die vor allem jugendliche Leser gut unterhalten wollen (oder müssen, wenn es das Bankkonto vorschreibt).

Wer also eine ernsthaft vorgetragene Uminterpretation der Artuslegende, eingepackt in eine fesselnde Handlung, nicht verschmäht, ist mit „Hüter des Grals“ durchaus gut bedient.
Ja, und wie heißt nun der „letzte Gefährte“, der im O-Titel „Albion: The last Companion“ herbeizitiert wird, wirklich? Ich werd’s euch nicht verraten, aber sein Name ist durchaus bekannt, selbst noch in den französischen Fassungen des Legendenstoffes. Aber das solltet ihr selbst lesen.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Asaro, Catherine – PSI-Faktor, Der (Das Sternenreich von Skolia)

Dies ist der Startband einer neuen Science-Fiction-Reihe namens „Das Sternenreich von Skolia“ von jeweils eigenständigen Romanen. Die amerikanische Physikerin Catherine Asaro verbindet Sternenoper mit Hightech und Romantik zu einer fesselnden Mischung, die für durchaus gelungene Unterhaltung sorgt.

Ihre bisher erschienenen Science-Fiction-Romane aus dem Skolia-Sternenreich:

1) Primary Inversion, 1995, dt. als „Der PSI-Faktor“ bei Bastei-Lübbe, 2002
2) Catch the Lightning, 1996, dt. als „Jäger des Lichts“ bei Bastei-Lübbe eingeplant [Lektor: 08/2003 erschienen]
3) The Last Hawk, 1997
4) The Radiant Seas, 1998
5) Ascendant Sun, 1999
6) The Quantum Rose, 2000
7) Spherical Harmonic, 2001
8) The Moon’s Shadow, 2002

In ferner Zukunft hat sich das Universum der Menschen in drei Sternenreiche aufgespalten. Die Allianz der alten Erde betrachtet sich als neutrale Partei in dem fortdauernden Konflikt zwischen dem Sternenreich der Skolianer und dem Eubianer-Imperium der so genannten Händler (bzw. Trader). Alle drei Parteien unterhalten Raumschiffflotten und bewaffnete Patrouillen. Psi-gestützte Kommunikationsmittel, die schneller als das Licht arbeiten können, verbreiten Nachrichten in Blitzesschnelle.

Im Mittelpunkt des ersten Romans „Der PSI-Faktor“ steht eine Patrouillengeneralin namens Sauscony Valdoria, die sich aber von allen ihren Kameraden „Soz“ nennen lässt. Sie hat den Rang eines Primary inne, was wohl einem Vier-Sterne-General entspricht; ihr Kamerad Rex Blackstone ist ein Secondary. Wie alle solche Jagernauten ist auch sie mit einem ins Rückgrat eingebauten Computer, dem Nodus, versehen, dem sie Gedankenbefehle erteilen kann, weil sie über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle verfügt. Auch Anschlüsse nach außen sind genügend vorhanden, beispielsweise einen von der Art, wie man ihn in „The Matrix“ sehen kann. Außerdem ist Soz eine Em- und Telepathin, die von ihren Freunden, aber auch von feindseligen Menschen starke Gefühle und Gedankennachrichten empfangen kann. Das ist ihre Stärke, aber auch ihre Achillesferse. Mit Hilfe ihrer Psi-Kräfte kann sie sich in das Skolia-weite Psi-Netz einklinken, um zu kommunizieren.

Auf Delos, einem neutralen Planeten der Erd-Allianz, begegnet Soz eines Tages bei einem Bummel einer Gruppe von feindlichen Händlern. Sie macht sofort den hoch gewachsenen Aristo aus und schaudert. Dieser erinnert sie an einen verstorbenen Händler namens Kryx Tarque, der sie zehn Jahre zuvor als „Provider“ missbraucht hatte, als sie auf einer Händler-Welt in seine Gefangenschaft geriet. Ein „Provider“ – Soz will gar nicht daran denken – ist schlimmer dran als ein „Diener“, denn nur Empathen werden Provider: Je größer die Pein eines Providers, desto größer die psychische Lust, die der Aristo daraus zieht. Ein Aristo ist also für einen Empathen das absolut Negative. (Diesen bio-psychologischen Sachverhalt erklärt Soz dem Übersetzer auf der Polizeiwache von Athen auf Delos. Sie hat den Eindruck, dass auch er ein Empath ist.)

Wie sich des weiteren zeigt, ist Soz keine Geringere als die Thronerbin des Skolia-Imperiums. Sie hat aber nun ein schweres Problem: Wen soll beziehungsweise darf oder kann sie heiraten, um den Fortbestand des Reiches zu sichern? Die Thronerbin ist eine ganz besondere Art von Psi-Begabten: Psione wie sie ermöglichen die Existenz des Skolia-Netzes, das den Skolianern allein die überlichtschnelle Nachrichtenübermittlung erlaubt. Ihr künftiger Gatte sollte zu dieser genetischen Bedingung kompatibel sein.

Als wäre nicht alles schon kompliziert genug, macht sie bei einem gewaltsamen Besuch des verdächtigen Aristos eine ungeheuerliche Entdeckung (die hier nicht verraten werden darf). Dieser Aristo ist nicht nur eine Hoffnung für sie, Soz, sondern auch die ultimative Bedrohung des Skolia-Netzes. Sie schließt mit ihm einen privaten Pakt, und er revanchiert sich mit der Information, dass der eubianische Kaiser bereits Kriegsschiffe gegen Tams, eine rebellierende Welt, in Marsch gesetzt habe. Sofort ruft Soz ihre drei Kollegen auf den Posten. So schnell es geht, setzen sich die vier Jagernauten Richtung Tams in Marsch, um die Welt der Rebellen vor dem sicheren Untergang zu bewahren.

Der Handlungsverlauf des hier skizzierten ersten Drittels lässt befürchten, dass Catherine Asaro nur einen weiteren Aufguss von David Weber „Honor Harrington“-Romanen oder Militär-Science-Fiction à la Elizabeth Moon abliefert. Das ist zum Glück nicht so, wie sich in den folgenden zwei Buchteilen zeigt. Für die Autorin, die inzwischen (s.o.) sieben weitere Skolia-Romane veröffentlicht hat, wäre dieses Marktsegment auch viel zu klein gewesen, um so erfolgreich werden zu können.

Vielmehr steht Asaro in nächster Nähe zu der immens erfolgreichen Lois McMaster Bujold. Während in Bujolds Barrayar-Serie jedoch ein Mann, nämlich ein verkrüppelter Prinz im Mittelpunkt steht, ist dies bei Asaro Primary Sauscony Valdoria, Thronerbin des Sternenreiches von Valdoria. Und da sie nun endlich ihren Seelengefährten gefunden hat, muss sie etliche Widerstände überwinden, um ihn zu bekommen und eine Familie zu gründen. Das wiederum wird den Fortbestand des Skolia-Imperiums sichern – und vielleicht sogar den Frieden mit den Eubianern ermöglichen. Eine ganze Menge für einen einzelnen Menschen. Aber genug für eine ausgewachsene Romanze.

Denn „Der PSI-Faktor“ ist im Grunde eine schöne altmodische Romanze, die man in ein hypermodernes Gewand gesteckt hat, statt etwa in ein Mäntelchen aus historischer Fantasy. Die Formeln für die literarische Darstellung sind inzwischen austauschbar. Und amerikanische Lektoren wachen mit Argusaugen darüber, dass die Formeln benutzt und die Regeln nicht gebrochen werden. (Und wenn Bertelsmann/Random House Ullstein-Heyne-List übernehmen darf, werden diese Bedingungen bald für einen Großteil des deutschen Taschenbuchmarktes gelten.) Da viel Sex und Erotik im Spiel ist, eignet sich dieser Roman wohl eher für Jugendliche ab 16 Jahren, während der Großteil der Star-Trek- und Star-Wars-Klone bereits ab 12 Jahren unbedenklich zu konsumieren ist. Warum dieser Roman auch Männer und Erwachsene anspricht, sind jedoch wohl der Science-Fiction-Gehalt an Ideen und die politischen Aspekte.

Enge Verbindungen zwischen Mensch und Maschine sind wie in „Matrix“ gang und gäbe. Befehle werden mittels Gedankenkraft an Maschinen erteilt. Auf einer höheren Ebene als der körperlichen existiert das Skolia-Netz, das rein auf Psi-Kraft basiert und in dem sowohl befähigte Personen wie Soz als auch kompatible Computer miteinander verknüpft sind. (Es gibt noch weitere Ideen, so etwa zum Reisen über Lichtgeschwindigkeit.)

In einer langen komplizierten Szene dringt Soz in Hochsicherheitszonen vor, die nur einer imperialen Thronerbin offen stehen. Sie demonstriert, wie Psi-gestützte Sicherheitseinrichtungen arbeiten, wie die Verbindungen zwischen Mensch und Maschine aussehen können (bis hin zu Nanorobotern) und wie man alle diese wunderbaren Einrichtungen austrickst. Diese Szene ist eindeutig eine Weiterentwicklung von William Gibsons klassischen Cyberspace-Stories, von denen „Chrom brennt“ die wichtigste und beste ist (neben „Neuromancer“). Anders als Neo in „The Matrix“ hat es Soz nicht mit virtuellen Agenten zu tun, sondern mit programmierbaren „Evolving Intelligences“, so genannten EIs (im Unterschied zu KIs). Diese lassen sich wenigstens mit einem Befehl ausschalten; man braucht kein Karateprogramm, um sie außer Gefecht zu setzen.

Doch wer ermöglicht das Skolia-Netz? Es sind natürlich keine Maschinen, sondern Personen, genauer: Soz‘ engste Angehörige, darunter ihr Vater und ihr Halbbruder, der Imperator. Sie bilden die Triade und haben das Netz gemäß ihrer eigenen Interessen abgesichert. Soz braucht all ihre Ausbildung und ihren Grips, um ihre Gegner zu überlisten. Dennoch scheitert sie beinahe. Doch sie erhält Hilfe von unerwarteter Seite.

Soz‘ Familie ist eine Gruppe interessanter und sehr detailreich gezeichneter Charaktere. Die meisten Szenen der Treffen mit ihren Verwandten sind sehr emotional, aber zuweilen auch humorvoll. Manchmal erinnert das an eine Seifenoper, etwa an „Denver-Clan“. Zum Glück nicht immer. Soz lernt auch ganz „normale“ Leute kennen, vor allem im ruhigen zweiten Teil, in dem Soz ihr psychologisches Problem erkennt und es mit Hilfe eines kompetenten Psychologen in den Griff bekommt. In der Folge kann sie ihre neue Einstellung im dritten Teil in die Tat umsetzen und so ihre Zukunft sichern. Dass ihre Verwandlung relativ friedlich verläuft und psychologisch motiviert ist, findet man in heutiger Serien-Science-Fiction nur selten und bringt Asaro einen Pluspunkt ein. Auch das Finale der Handlung entbehrt der Gewalt, ist aber trotzdem spannend.

Was mit politischen Intrigen und einer ausgewachsenen Raumschlacht (immerhin 30 Seiten) beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer anrührenden Geschichte menschlicher Verwandlung. Diese führt dazu, dass die Hauptfigur Hochverrat begeht und mit ihrem Seelengefährten, der dem Feind angehört, ins Exil geht.

Catherine Asaro verknüpft die klassische Romanze um unterschiedliche Liebende auf verfeindeten Seiten (Romeo und Julia!) mit einem Hightech- und Psi-Hintergrund, der einige neue Ideen in die Cyberspace-verwandte Science-Fiction-Welt einbringt. Das Ergebnis ist im ersten Teil aufgrund der Action flott zu lesen, im zweiten Teil ruhig und tiefer gehend, nur um dann im dritten Teil zu einem recht kompliziert eingefädelten Finale ohne richtige Konfrontation oder Gewaltanwendung zu münden. Dies ist zwar nicht überragend oder visionär, aber weitaus besser als Massenware und verdient aufgrund der guten Unterhaltung und der Einfälle einer sehr gute Wertung meinerseits.

Hinweis: Dieser Bericht beruht auf der Lektüre des englischen Originals.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nachtrag des Lektors: Der zweite Band ist im August gerade frisch erschienen.

Voenix – Tolkiens Wurzeln. Die mythischen Quellen zu \’Der Herr der Ringe\‘

Noch ein Buch zum Herrn der Ringe? Gleich vorweg: Voenix ist sich der mit einem solchen Thema verbundenen Fragen und Schwierigkeiten bewusst: zu viele Tolkien-Fans haben den Deutungsrahmen dieses Buches so überstrapaziert, dass alles und jedes darin gefunden werden kann. Dagegen sprach Tolkien sich klar gegen nachträgliche allegorische o. a. Deutungen aus und hielt davon nichts. Voenix schildert im Vorwort deutlich diese konträren Positionen und findet eine gelungene Synthese, die beidem Rechnung trägt: Jedes Kapitel ist in sich unterteilt in einen beschreibenden Teil, eine mythologische Ausleuchtung und eine Charakterisierung.

Die Gefahr der Überdeutung besteht bei Voenix nicht, da er als Kenner der nordischen Mythen den Schwerpunkt auf genau diese Bereiche legt. Durch diese Hintergründe bekommt Tolkiens Werk eine Tiefe und Verbindungen, die eine große Bereicherung für den Leser darstellen. Die Charakterisierungen in den einzelnen Kapiteln orientieren sich modellhaft an der Psychologie, besonders den Archetypen C.G. Jungs. Die archetypischen seelischen Prozesse sind eine naheliegende Parallele zum Mythos, Geschehnisse und Grundfragen des Lebens in einer zeitgemäßeren Sprache anders darzustellen und dadurch eine neue Perspektive zu gewinnen. Die Wahl ist also thematisch gut begründet; darüber hinaus zeigen sich hier Verbindungen zu Akron, mit dem der Autor seit Jahren befreundet ist und deren Zusammenarbeit dieses Buch in der Form erst ermöglichte.

An manchen Stellen scheint mir die Übertragung der HdR-Geschichte auf psychische Prozesse zu holzschnittartig, zu polar konstruiert, beispielsweise, wenn an einer Stelle Triebe und Erlösung(sstreben) als Gegensätze benannt werden oder ein dunkler (verdrängter) Persönlichkeitsanteil wie eine Konstante behandelt wird. Aber das sind insgesamt Kleinigkeiten, die am gelungenen Gesamteindruck von „Tolkiens Wurzeln“ verblassen. Und ob der Leser mit einer umfangreichen Psychologie-Einführung in einem Tolkien-Buch zufriedener wäre… das ist fraglich. Vielmehr werden bestimmte psychische Aspekte betont, und Schwerpunkte muss man gerade bei einem so facettenreichen Werk wie von Tolkien setzen – es bleiben Fragen offen, an denen der Leser gewinnbringend weiterdenken kann.
Noch ein paar Worte zum Inhalt: Wie schon erwähnt, ist die systematische Trennung einzelner Bereiche der Beschreibung und Deutung sehr positiv sowohl für das Mitdenken und Nachvollziehen, als auch für das Auffinden eines Themas. Die einzelnen Kapitel sind thematisch gruppiert; einige Themen sind ‚Die Völker von Mittelerde‘, ‚Die neun Gefährten‘, ‚Die Verbündeten und Frauen im HdR‘, die Gegner der Gefährten, mythische Motive und Historisches.

Voenix hat das Buch mit zahlreichen farbigen Illustrationen versehen, bei denen er sich an den Darstellern der Verfilmung von Peter Jackson orientierte, was bei mir so manche Erinnerung weckte und die Geschichte noch lebendiger werden ließ. So „verspricht dieses Buch neben neuen Antworten und Einsichten einen doppelten Lesegenuss für alle Fans des Fantasy-Genres, Mythenliebhaber und solche, die es werden wollen.“ (Klappentext) Jo, Recht hamse.

_Knut Gierdahl_
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 04/2003 (August/September)

Homepage des Autors: http://www.voenix.de
Homepage des Verlages: http://www.akron.ch/verlag/verlag.htm

Robert Charles Wilson – Darwinia

Europa ist verschwunden, das British Empire existiert nicht mehr, es schlägt die Stunde der Neuen Welt: Der Kontinent Darwinia, der an der Stelle der Alten Welt aufgetaucht ist, lädt zur Erkundung ein. Dieser Roman vereinigt Elemente aus Büchern von Joseph Conrad, Stephen King und Arthur C. Clarke zu einer ganz eigenen, faszinierenden Mischung.

Robert Charles Wilson wurde 1953 in Kalifornien geboren und lebt in Toronto. Er gehört seit seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Darwinia“ zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart. Für diesen Roman erhielt er den Philip K. Dick Award für das beste Science-Fiction-Taschenbuch. Er schrieb auch den Bio-Thriller „Bios“ (1999), der bei uns Anfang 2003 erschien.

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Wilson, Robert Charles – Bios

Mutter Erde ist ein Waisenkind. Das stellt sich heraus, als die Menschen den Planeten Isis erforschen. Doch um diese Wahrheit zu erfahren, müssen die Forscher aufhören, als Menschen zu existieren. – „Bios“, im Original 1999 erschienen, ist ein wissenschaftlich fundierter und recht spannend geschriebener SF-Roman: ein wahrer Bio-Thriller.
Robert Charles Wilson wurde 1953 in Kalifornien geboren und lebt in Toronto. Er gehört seit seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Darwinia“ zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart.

Im 22. Jahrhundert haben die Menschen die von Seuchen und Biowaffen verheerte Erde weitgehend verlassen müssen. Zunächst gründeten die konservativen Nonkonformisten am Rande des Solarsystems, im so genannten Kuiper-Gürtel, eigene Kolonien. Alle Hoffnungen jedoch ruhten auf weit entfernten erdähnlichen Welten wie Isis, die man komplett und in großer Zahl besiedeln konnte.
Auf Isis, so beobachten die Forscher, ist die Evolution natürlich anders verlaufen als auf der Erde, weniger von Katastrophen und Mutationen heimgesucht. Folglich ist das Leben an sich, die Zellen selbst, hoch entwickelt und äußerst wehrhaft gegen Einwirkungen von außen. Den Menschen präsentiert sich ein Paradies, das für sie absolut tödlich ist: Die Isis-Organismen zersetzen menschliche Zellen zu einer schwarzen Soße.
In dieses tödliche Wunderland dringt eine neue Alice vor. Mit Namen Zoe Fisher, soll sie erst auf der Orbitalstation Dienst schieben, später dann die neueste Errungenschaft der Erdwissenschaft testen: einem neuen Exkursionsanzug. Dafür ist’s auch höchste Zeit, denn die Isis-Mikroben haben offenbar eine Methode gefunden, um die Dichtungen der Bodenstationen und der herkömmliche Exkursionsanzüge, die schwer gepanzert sind, zu zersetzen: Der Untergang der Menschen auf – und über – Isis ist besiegelt.
Zoe ist nicht nur außen besser geschützt als der Rest, sondern auch innen. So kann sie weiter vordringen als irgendein Mensch vor ihr, mitten in eine Kolonie intelligenter Wesen. Und dort stößt sie auf ein unglaubliches Geheimnis.

Ich habe diesen Bio-Thriller in nur einem Tag gelesen. Das ist nicht schwer, denn die Kapitel sind so kurz wie bei James Patterson und ebenso spannend. Außerdem kam es mir dabei so vor, als hätte ich so manches Motiv bereits irgendwo anders gelesen – wenn auch nicht in dieser Kombination. Um zu entsprechenden Quellen zu gelangen, müsste man in die siebziger Jahre zurückgehen, zu Autoren wie Alan Dean Foster, oder noch weiter zurück.
Sei’s drum: Die Story reißt mit. Und es geht dem Autoren ja nicht um die simple Erforschung des Geheimnisses von Isis oder den unabwendbaren Untergang seiner Erforscher, sondern vielmehr auch um die Untersuchung eines Testfalls. Getestet wird hier nicht die Fremdwelt, sondern die Menschheit des 22. Jahrhunderts. Dieser Test bezieht sich nicht nur auf die fortgeschrittene Technik – das wäre ja zu erwarten -, sondern insbesondere auf die psychosoziale Verfassung der Menschen, die mit Isis zu tun haben.
Wie oben erwähnt, ist die Menschheit lange in zwei Siedlungszonen gespaltet gewesen: die Erdlinge, die das Kartell hervorgebracht haben, und die nonkonformistischen Rebellen der Kuiper-Welten. An der Front, also in der Isis-Orbitalstation und in den Bodenstationen, müssen beide zusammenarbeiten. Doch nur die Erdlinge haben leitende Funktionen inne, die Kuiper-Rebellen machen die Drecksarbeit und sind folglich unter den ersten, die geopfert werden.
Dieses System erinnert an die mittelalterliche Zeit des Feudalismus, als sich die Adligen zu Zeiten der Pest in ihren Schlösser und Burgen verschanzten, in der Hoffnung, von der tödlichen Seuche verschont zu werden. Eine Illusion, wie sich oft herausstellte. Edgar Allan Poe hat darüber eine schön-schaurige Geschichte geschrieben: „Die Maske/Der Maskenball des Roten Todes“ (The Masque of the Red Death).
Nun wiederholt sich die Geschichte auf Isis: Die ‚Bauern‘ werden geopfert, die ‚Adligen‘ und Funktionäre versuchen ihre Haut zu retten, und nur ein einziger Mensch setzt sich wirklich mit dem grundlegenden Problem auseinander: Zoe Fisher, unsere Alice im Wunderland. Als 150 Jahre später nach einer Revolution wieder Forscher nach Isis kommen, werden sie als alte Bekannte begrüßt – aber nicht von Menschen und nicht in einer ihnen bekannten Sprache. Werden die Waisen der Sterne endlich nach Hause finden?

Wie gesagt, lässt sich „Bios“ sehr schnell und spannend lesen. Der Schluss ist ein schöner Augenöffner, soll hier aber nicht verraten werden.
Die Übersetzung vom Ehepaar Linckens trägt wesentlich zum Verständnis der zahlreichen Fachbegriffe aus der Biochemie bei: Diese Begriffe werden kurz in Fußnoten erklärt. Auch stilistisch ist die Übersetzung ein echter Pluspunkt des Buches.
Science-Fiction-Kennern werden einige Motive bekannt vorkommen, so dass sie das Buch nicht gerade umhaut. Die Vorgänge an Bord der Isis-Orbitalstation hätte beispielsweise C. J. Cherryh wie in „Pells Stern“ (Downbelow Station, HUGO-preisgekrönt) sicherlich spannender und komplexer geschildert. Die Exkursionen auf Isis selbst wurden schon x-mal ähnlich beschrieben, etwa in zahllosen Folgen von „Earth 2“. Eigenständig ist wohl eher die Figur der Zoe Fisher und das System, das sie hervorgebracht hat.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Haber, Karen (Hg.) – Geheimnis der Matrix, Das

„Matrix Reloaded“ war mit grandiosem Erfolg in den USA gestartet und hatte sofort neue Kassenrekorde aufgestellt, obwohl es wegen seines Gehalts an Sex (virtueller Sex?) und Gewalt erst ab 17 mit Elternbegleitung freigegeben wurde (R-rated). Doch es bleiben noch immer ein paar grundsätzliche Fragen, und die versuchen die AutorInnen des vorliegenden Sammelbandes zu beantworten oder zumindest einzukreisen. Unter den Autoren finden sich dabei höchst klingende Namen wie etwa der von Bruce Sterling, einem der Erfinder des „Cyberpunk“, und David Brin, seines Zeichens ein gestandener Physiker, der obendrein einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren ist. Insgesamt sind 14 Beiträge unterschiedlicher Länge enthalten. Für Freunde des Films, die schon immer wissen wollten: „What is the Matrix?“ und ist sie überhaupt möglich, ist diese Anthologie sehr empfehlenswert.

Karen Haber, geboren 1955, ist seit 1987 die Gattin von Robert Silverberg, einer der lebenden Legenden der Science Fiction. Ebenso wie er hat sie sich als Herausgeberin von guten Anthologien einen Namen gemacht. Im Genre der Science Fiction kennt sie alles, das Rang und Namen hat. In Deutschland wurde von ihr der Mutanten-Zyklus bei Heyne veröffentlicht, dessen fünf Romane sie fast vollständig ohne Kooperation mit ihrem Mann schrieb.

Es wäre nun relativ ineffizient, alle Beiträge als Liste abhaken zu wollen. Vielmehr lassen sich fast alle Beiträge in wenigen thematischen Gruppen zusammenfassen:

In der ersten Gruppe beschäftigen sich die AutorInnen mit dem Film „The Matrix“ an sich: Was macht ihn so besonders, woher kommt sein Erfolg, wie sind seine Machart und Ideen zu bewerten? Den besten Beitrag dazu hat meiner Ansicht nach Bruce Sterling geschrieben: „Jeder andere Film ist die blaue Kapsel“. Sterling lässt sich nicht täuschen von den Spezialeffekten, den vielfältigen Zitaten aus allen möglichen Literaturwerken, Philosophien und Religionen, sondern sagt knallhart, was hier Sache ist. Man merkt ihm an, dass er in den frühen Achtzigerjahren Herausgeber des wichtigsten Cyberpunk-Organs war.

Paul di Filippo führt zahlreiche Einflüsse aus der Literatur an, um klarzumachen, dass ein Phänomen wie Matrix nicht aus dem Nichts gekommen ist, sondern zahlreiche Wurzeln aufweist, nicht zuletzt Cyberpunk. Karen Haber ist ebenfalls aufgefallen, dass Design und Spiegel eine wichtige Rolle im Film spielen. Diese Lack-und-Leder-Fetischisten sehen einfach obercool aus. Und genau das macht Neo & Co. zu so verführerischen Leitbildern für die Jugend. Aber nicht für irgendwelche Basketballspieler an amerikanischen Highschools und Colleges, sondern für ihre Computer spielenden Brüder, die gerne auch so abgefahren aussehen möchten wie Neo, um damit die Mädels zu beeindrucken. Außerdem: Wer wollte nicht auch fliegen wie Neo und kämpfen wie Morpheus? Leider sind sie auch Waffenfetischisten par Excellence: „We need guns. Lots of guns.“ Das dachten sich die Attentäter von Littleton auch, als sie den Anschlag auf die Columbine Highschool vorbereiteten. Star-Wars-Autor Kevin J. Anderson befasst sich ernsthaft mit dem Aspekt des schlechten Einflusses auf die Jugend. „Die Rache der Unterdrückten, Teil 10“ lautet denn auch sarkastisch das Fazit von Alan Dean Foster, dem Schöpfer des Humanx-Commonwealth-Universums.

David Brin legt den rückwärts gewandten Romantizismus des von einer Prophezeiung bestimmten Films offen: Weil Neo der „Auserwählte“ ist, von Morpheus alias Johannes dem Täufer ausgebildet und vom Orakel quasi gesegnet ist, wird er seiner Bestimmung zugeführt. Und durch Trinity alias Maria Magdalena wird dieser neue Jesus vollends unsterblich. Sind das die Leute, die eine Ahnung davon haben, wie unsere Zukunft aussehen soll? Die Wissenschaft und Technik lieben? Genauso wenig wie Tolkien die „schwarzen satanischen Mühlen“ (W. Blake) in „Herr der Ringe“ liebte. Nur tragen sie jetzt einen anderen Namen: Matrix!

Aber die Matrix hat zwei Aspekte: Da sie eine Totalsimulation ist, fällt es extrem schwer, sie zu erkennen. Und da sie eine Simulation ist, muss jemand es geschafft haben, Riesenmengen von Daten und Energie dafür abzuzweigen. In der Matrix herrscht auf ewig das Jahr 1999 mit all seinen schönen und schmutzigen Seiten. Frauen in roten Kleidern sind eine subversive Erscheinung, der Rest der Menschheit verhält sich wie hirnlose Schafe. Höchste Zeit, dem weißen Kaninchen bis in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaues zu folgen wie weiland Alice. Es ist Neos Seelenführer im Auftrag des global gesuchten Oberterroristen Morpheus. Neo kennt zwar Baudrillards Buch über Simulacren und Simulation, so dass er ahnt, dass etwas nicht mit der Welt stimmt, aber er weiß nicht, was es ist. Das Problem betrifft also Erkenntnisfähigkeit und Wahrnehmung – zwei Aspekte, die von John Shirley ebenso aufgegriffen wird von Kathleen Ann Goonan: Was hält die Welt im Innersten zusammen? Und wer hat die Welt/Matrix entworfen und gebaut, zu welchem Zweck und mit welchen Vorgaben? Wenn die Matrix zerstört werden kann, was ist dann die Nachfolgewelt und wer soll dort herrschen?

Der Brite Ian Watson beschriebt die Matrix gleich als ein Simulacrum (künstliches Abbild), und sein Landsmann Stephen Baxter berechnet mathematisch und nach physikalischen Maßgaben, wie viel Energie und Daten man aufwenden müsste, um ein Matrix-Simulacrum der Welt zu erschaffen. Je größer der Rauminhalt der Welt, desto exponentiell größer die nötige Daten- und Energiemenge. Das Simulakrum einer Stadt verbraucht weniger davon als etwa ein Kontinent und so weiter. Man geht von einer Datenmenge von 1 Megabyte aus, die nötig ist, eine Totalsimulation eines einzigen Wasserstoffmoleküls zu erschaffen. Die Rede ist also von astronomisch großen Datenmengen. Natürlich müsste nicht jedes Haus komplett erschaffen werden, sondern wie im Film nur seine Frontseite etc. Das wird ja so auch in Spielen gemacht. Dennoch ist die erforderliche Rechenkapazität enorm. Und die nötige Energie sollen Menschen liefern? Irgendwo geht die Rechnung nicht auf.

Die restlichen Beiträge beschäftigen sich mit sehr speziellen Aspekten des Films. Rick Berry beispielsweise ist als Filmdesigner der Schöpfer der Schlusssequenz von „Vernetzt – Johnny Mnemonic“. Keanu Reeves spielte auch hier eine Cyberpunk-basierte Rolle in einer Story, die Cyberspace-Erfinder William Gibson geschrieben hatte. Als Mann vom Fach bewertet Berry also „Matrix“ und dessen Fortsetzungen: Kann zum Beispiel ein Hirnstecker funktionieren? Das sollte man sich mal überlegen.
Während Dean Motter als Comiczeichner sich über die Architektur in „Matrix“ auslässt und Darrel Anderson als Cyber-Guru demonstriert, dass künstliches Leben wie die Spinnenspäher in „Matrix“ möglich ist, steuert Star-Wars-Autor Walter Jon Williams mit seinem Essay über „Yuen Woo-Ping und die Kunst des Fliegens“ einen der informativsten und besten Beiträge zu diesem Buch bei. Man erfährt so zum Beispiel, dass der Stunt-Choreograph von „Matrix“, Yuen Woo-Ping, ein enger Freund eines gewissen Jackie Chan war/ist und dessen Riesenerfolg erst möglich machte, indem er die traditionelle männliche Heldenfigur der Peking-Oper, aus deren Tradition beide stammen, umschrieb, um sie gegenwartstauglich zu machen. Chan ist kein Übermensch mehr, sondern ein hasenfüßiger Normalo mit komischen Seiten. Dass Yuen Woo-Pings „Kunst des Fliegens“ keineswegs ungefährlich ist, zeigte sich wieder bei den Matrix-Sequels: Während Reeves Muskelzerrungen und blaue Flecken davontrug, brach sich Kollegin Moss ein Bein. Aber das war beim Motorradfahren.

Das ist aber noch nicht alles. Der Redakteur der deutschen Ausgabe, Alexander Martin, hat zu jedem/r der AutorInnen einen kurzen Eintrag geschrieben, der berichtet, was die Tätigkeitsfelder des Beiträgers sind und wo man im Internet mehr darüber erfahren kann.
Die Lesetipps im Anhang sind zweigeteilt. Bei den „Romanen und Erzählungen“ gehören natürlich zu den wichtigsten Autoren William Gibson und Philip K. Dick. Aber auch Christopher Priest („Die Amok-Schleife“), Daniel F. Galouye („The 13th floor“) und Bruce Sterling („Schismatrix“) werden genannt. Diese Liste stellt wirklich nur das absolute Minimum für Einsteiger dar.
In der Sektion „Sachbücher“ finden sich ebenfalls die üblichen Verdächtigen. Jean Baudrillard mit „Agonie des Realen/Kool Killer“, da Neos Baudrillard-Buch „Simulacra und Simulation“ immer noch nicht komplett auf Deutsch vorliegt. Dass die Wachowski-Brüder kräftig bei Joseph Campbell abgeschaut haben, lässt sich anhand von dessen Standardwerk „Der Heros in tausend Gestalten“ nachprüfen. Es handelt sich um „eine Typologie der schöpferischen Phantasie des Menschen“ – was auch immer das heißen mag. Jedenfalls holen sich hier Hollywood-Drehbuchschreiber so manche Idee, wie es mit dem Plot weitergehen soll. Der Held muss mehrere Entwicklungsstufen durchlaufen, bevor er die Welt (oder was auch immer) retten darf/kann; für die Heldin gilt auf weiblicher Ebene Entsprechendes.

Ebenso wie die Matrix-Filme wendet sich auch dieses Buch nicht an Anspruchslose, sondern fordert zum Mitdenken auf. Zwar wird dafür einiges an Weltwissen nötig – Physik, Design, Filme, um nur ein paar Gebiete zu nennen -, aber das meiste davon wird frei Haus mitgeliefert. Der anspruchsvollste Beitrag stammt von Stephen Baxter, aber der erklärt sein Thema ebenso verständlich und kompetent, wie der Amerikaner Lawrence Krauss uns die Physik von Star Trek und anderer Science-Fiction-Ideen erklärt hat. (Krauss‘ Bücher erschienen ebenfalls in der Heyne-SF-Reihe.)
Der Anhang macht das Buch auch praktisch benutzbar, da man damit in den nächsten Buchladen oder auf die nächste Website gehen und entsprechende Werke kaufen oder Infos besorgen kann.
Insofern weiß dieses Buch ebenso zu begeistern wie Karen Habers schöne Anthologie „Tolkiens Zauber“, die ich an anderer Stelle bereits vorgestellt hatte.
In jedem Fall sollte man sich mit dem Kauf dieses Buches beeilen, denn in unserer Matrix lautet das Motto neuerdings: „Life’s a sim, and then you’re deleted“…

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)