Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Simmons, Dan – Welten und Zeit genug

Diese Storysammlung des bekannten Krimi- und Science-Fiction-Autors Dan Simmons umfasst fünf längere Erzählungen. Zwei davon sind von einschlägigen Science-Fiction-Gremien oder Publikationen mit angesehenen Preisen ausgezeichnet worden.

Nach einem tief schürfenden Vorwort folgt vor jeder Novelle jeweils eine Einleitung, in der der Autor auf ihre besonderen Entstehungsumstände eingeht. Das ist manchmal sehr komisch zu lesen, so etwa dann, als „Helix“ für eine Star-Trek-Voyager-Folge vorgesehen war und der Producer am Schluss von Simmons‘ ideensprühender Brainstorming-Sitzung fragte: „Und was, bitte schön, ist ein Doppelsternsystem?“ Just like Hollywood, man!

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und “ Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Die Erzählungen_

_1. Auf der Suche nach Kelly Dahl_

Gibt es eine Kelly Dahl wirklich? Diese Frage stellen sich alle Leser, die diese Geschichte kennen.

Roland Jakes ist um die 50 Jahre alt und hat sich dem Teufel Alkohol ergeben. Seitdem man ihn kurz vor der Pensionsberechtigung von seiner Schule, wo er Dutzende von Jahren Kinder unterrichtet hat, geworfen hat, ist ihm nichts mehr gelungen. Er hat Frau und Tochter verloren – ein gebrochener Mann. Also fährt er seinen Jeep in die nahen Berge von Colorado und in die Gegend, wo früher nach Gold und anderen Erzen geschürft wurde. Zielstrebig steuert er den Jeep in den Schacht einer aufgelassenen Mine. Es geht steil abwärts …

Er erwacht im Wald, in der Nähe steht Kelly Dahl, eine frühere Schülerin. Mit ihrem Irokesenschnitt sieht sie wie die Rebellin aus, die sie schon immer war. Sie fordert ihn zu einer Jagd auf Leben und Tod heraus. Sie führt einen modernen Bogen mit sich und feuert einen Pfeil auf ihn. Jakes ist ziemlich überrumpelt. Zu blöd, dass er sein Remington-Gewehr nicht dabei hat. Allmählich fallen ihm die Lehren ein, die ihn die Wildnis von Colorado gelehrt hat.

Auf seiner Jagd nach Kelly Dahl, einem recht flüchtigen Wild, das ihn immer wieder kalt erwischt und verwundet, durchstreift er eine menschenleere Welt. Als er in seine Stadt zurückwill, tut sich dort ein Graben auf, den er nicht überwinden kann. Offensichtlich zwingt ihn Kelly Dahl dazu, sich ihr zu stellen.

Merkwürdig: Die Prärie ist von einem Urmeer bedeckt, aus dem sich wie eine Vision der Mont Saint Michel erhebt. Als er Kelly dort sieht, ist auch sie wie eine Vision. Und als er sie endlich zur Strecke bringt, verläuft die Begegnung ganz anders als erwartet.

|Mein Eindruck|

„Dies ist eine Geschichte über Liebe, Verlust, Betrug, Besessenheit und die Ängste im mittleren Lebensabschnitt“, schreibt der Autor. „Eine ganz normale romantische Komödie“? Das fand ich hingegen nicht. Das mag für die ersten zwei Drittel zutreffen, doch je mehr wir Jakes kennen lernen, desto deutlicher wird die Tragödie, die ihn getroffen und nun in eine Fantasie um ein Mädchen getrieben hat, das es offenbar nie gab, jedenfalls nicht an seiner Schule. Aber das es vielleicht gegeben haben müsste, wäre seine Tochter groß geworden. Doch die Geschichte, so anrührend und mitunter bitter sie auch sein mag, geht gut aus.

_2. Die verlorenen Kinder der Helix (preisgekrönt)_

Diese Novelle spielt im Universum, das Simmons in seinem vierteiligen Roman „Hyperion“, „Der Sturz von Hyperion“, [„Endymion: Pforten der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=651 und „Endymion: Die Auferstehung“ (1989-1997) entworfen hat*. 684.300 Menschen befinden sich im Tiefkühlschlaf an Bord des Raumschiffes „Spectrum Helix“, als es von seinen fünf KIs aus dem Hyper- in den Realraum gesteuert wird. Es ist in einem Doppelsternsystem angekommen, und neun Menschen werden geweckt, um das weitere Vorgehen zu beschließen.

Der Grund für das Aufwecken, so erklärt eine der KIs, besteht in einem Notsignal, das aus dem System kommt. Die dortige Ouster-Zivilisation, die in einem Orbitalwald – die Idee stammt von Larry Niven – angesiedelt ist, besteht aus etwa einer Milliarde leuchtender Schmetterlinge, die jeder eine Flügelspannweite von mehreren hundert Kilometern haben. Sie sehen sich durch ein tausend Kilometer langes, nachtschwarzes Raumschiff bedroht, das ebenfalls ihr System ansteuert, aber eher wie eine „Mähmaschine aus der Hölle“ aussieht und nichts Gutes verheißt.

Der Umstand, dass es sich um Ousters handelt, die 1500 Jahre zuvor aus den erdnahen Systemen ausgewandert waren, veranlasst den Waffenoffizier, Abwehrmaßnahmen vorzuschlagen. Die Chefin Dem Lia will davon noch nichts wissen. Sie gibt den Ousters einen Friedens-Bonus. Sie hat Recht: Die drei Abgesandten der „Schmetterlinge“ wollen lediglich Hilfe gegen den „Zerstörer“, der alle 57 Jahre von der anderen Sonne des Systems kommt und ihren Wald aberntet, wobei er zahlreiche Leben und Ressourcen vernichtet.

Dem Lia ist bereit zur Hilfe, zumal der „Zerstörer“ nur ein dummes Werkzeug zu sein scheint. Doch wie kann sie sicher sein, dass sie durch dessen Beseitigung nicht die Zivilisation, die das Ding regelmäßig ausschickt, zum Untergang verurteilt? Um dies herauszufinden, muss sie die „Helix“ und deren kostbare Fracht aufs Spiel setzen.

|Mein Eindruck|

Die Story funktioniert auf zwei Ebenen. Das ist einmal der stinknormale Star-Trek-Plot, in dem Kultur A die Besucher bittet, ihnen gegen eine Bedrohung beizustehen, die Kultur B geschickt hat – falls es diese gibt. Die Besucher, die „Helix“, muss gemäß ihren Maximen handeln und alle Faktoren abwägen. Schon tausendmal gesehen. Funktioniert immer als spannender Aufhänger.

Die zweite Ebene ist originärer Simmons. Und um sie zu erklären, müsste ich jetzt eigentlich die Handlung der zwei „Endymion“-Romane zusammenfassen. Kein Platz, aber muss es auch ohne gehen. Wie sich herausstellt, befindet sich auf der „Helix“ eine Verwandte jener Religionsgründerin der „Aeneaner“, die über Empathie und spezielle, „heilige“ DNS verfügt. Dass die KIs das nicht wussten, ist offenbar auf Datenmanipulation zurückzuführen.

Jedenfalls sind die Ousters und befreundeten „Tempelritter“ völlig aus dem Häuschen ob der Vision, mit Hilfe aeneanischer DNS künftig über Empathie und Freecasting-Fähigkeit zu verfügen. Freecasting wurde bei Alfred Bester noch „Jaunten“ genannt: Teleportation aus eigenem Willen und ohne Hilfsmittel – ziemlich cool. Doch was würde dann aus den Ousters und ihrer Welt? Würden die meisten so Aufgerüsteten nicht zur Alten Erde und Hyperion wollen?

Man sieht schon: Diese Story macht erst Spaß, wenn man die vier Hyperion/Endymion-Bücher gelesen hat. Bei wem das nicht der Fall ist, der guckt etwas in die Röhre und kann nur die Star-Trek-Ebene genießen. Was bei einer Simmons-Erzählung doch etwas mager ist.

_3. Der neunte Av_

Im Jahr 3001 ist die Bevölkerung der Menschen auf gerade mal 9000 geschrumpft. Doch nicht nur Kriege, die Rubikon-Epidemie und der Treibhauseffekt, durch den Küsten und Tiefländer versanken, haben ihre Zahl dezimiert. 600 bis 700 Millionen leben inzwischen in zwei Ringen von Orbitalstädten in einer Kreisbahn um die Erde. Dorthin führt aber kein anderer Weg als das Quantenfax, mit dessen Hilfe die Altmenschen in eine Kopie umgewandelt und als Nachmenschen zu den Endstationen „gefaxt“ werden. Diese Technik stammt von den so genannten Voynixen, über die die letzten Altmenschen nicht besonders viel wissen. Die Voynixe haben ihnen mitgeteilt, dass am neunten Av, einem vergessenen jüdischen Fest- oder Gedenktag, das letzte Fax abgeht.

Pinchas und Petra feiern wie alle anderen Abschied von der Erde, bevor sie sich beim Jerusalemer Tempelberg einfinden sollen. Doch sie vermissen ihre Freundin Savi. Die Historikerin hat sich in der abschmelzenden Antarktis auf die Spuren der unglücklichen Scott-Epedition von 1912 begeben und findet in einem Eisberg deren letztes Zelt. Als alle ihre Geräte ausfallen, ist sie von der Außenwelt abgeschnitten. Sie hat ihren Freunden auf einem antiken Pergament eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, die sich leider als Prophezeiung erweist: Pinchas und Petra erleben am neunten Av eine böse Überraschung.

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung ist erstens spannend erzählt und zweitens macht sie wirklich betroffen. Die ganze Zeit fallen Andeutungen, wie etwa in Savis Botschaft, welcher Art die Nachmenschen wirklich sind: steril, ausschließlich Frauen und alles Araber. Ob das wohl wahr sein kann? Moira, die Hohepriesterin des Faxgeräts, verrät natürlich nichts auf Pinchas‘ und Petras Fragen. Vielleicht lügt sie auch. Vielleicht sind die Voynixe alles Aliens, und sie steht in einem Dienstverhältnis zu ihnen. Aber eigentlich sollte es Pinchas und Petra warnen, dass alle Altmenschen Juden sind und das Faxgerät ausgerechnet auf dem Tempelberg steht … Es die Pointe, die wirklich betroffen macht, und die darf ich nicht verraten. Deshalb warne ich auch eindringlich davor, zuerst Simmons‘ Einleitung zu lesen, denn darin verrät er die Pointe.

Was hat nun Savi mit all dem zu tun?, fragte ich mich beim Lesen. Während ihre Freunde und die letzten Überlebenden der Menschheit feiern, ist sie in einem schwimmenden Eisberg gestrandet. Sie wird der Umarmung des Eises nicht entkommen, sondern sich in das Zelt zu den erfrorenen Körpern von Wilson, Scott und Bowers legen … Ihr Körper wird das einzige Original eines Menschenkörpers sein, der auf der Erde zurückbleibt. Doch was geschieht mit den Originalkörpern der anderen 8999 Juden? (Anm. d. Ed.: Diese Geschichte nimmt starken Bezug auf die Handlung in „Ilium“ und kann besonders gut nach der Lektüre dieses Romans als Intermezzo bis zum Nachfolger „Olympos“ genossen werden.)

Etwas ungereimt fand ich Folgendes: Die Wolkenkratzer von New York ist schon fast im Ozean versunken, aber Partys auf den Atollen des australischen Barriereriffs sind immer noch möglich. Sind in Amerika auch die Wellen größer als anderswo?

_4. Mit Kanakaredes auf dem K2 (preisgekrönt)_

Gary, Paul und Jake (unser Erzähler) sind drei gestandene amerikanische Bergkraxler. Als Krönung ihres Lebenswerkes haben sie sich den K2 als Ziel vorgenommen, den zweithöchsten Berg der Erde (über 8600 m hoch). Er erhebt sich nicht im Himalaja, sondern im Karakorum-Gebirge. Für die Akklimatisierung an die extreme Höhe (ab 8000 m beginnt die Todeszone) haben sie sich dummerweise den Südsattel des Mount Everest auserkoren, und das hätten sie besser bleiben lassen sollen.

Denn das gibt mächtigen Ärger mit der Vertreterin der Vereinten Nationen, die den Berg als Weltkulturerbe schützen. Ein Witz, schreit Gary, der Wortführer. Recht hat er, denn auf dem Gipfel dreht sich ein Aussichtsrestaurant. Doch die amerikanische Außenministerin (wie kam das wieder zustande?!) kennt kein Erbarmen: Sie kriegen keine US-Ausreisegenehmigungen mehr, wenn sie nicht kooperieren. Und wie?

Sie besteigen den K2 und nehmen dabei den Sohn des Sprechers der Mantispa-Aliens mit. Der Name des jungen Aliens ist Kanakaredes. Wenn sie es schaffen, dürfen sie zur Belohnung als Erste den Olympus Mons auf dem Mars besteigen. Wenn sie es vermasseln – na ja, dann haben sie ausgesorgt, denn in diesem Fall liegen sie mausetot am Fuß des K2. Ach ja, eine Kleinigkeit: Bitte verhört doch den Alien ein bisschen, ja? Na, klasse! Trotzdem sagt Jake als Erster ja.

Kanakaredes zeigt sich entgegen aller Vorurteile als fähiger, starker und umsichtiger Bergsteiger. Er hat nur einen Fehler: Er will die drei Menschen bekehren. Sie sollen dem Lied ihrer Welt lauschen. Na, toll! Wovon redet die Wanze überhaupt?

|Mein Eindruck|

Simmons hat diese actionreiche Story in nur zwei Wochen geschrieben, wie er in seiner Einleitung schreibt. Und dennoch liest sie sich wie ein spannend erzählter Bergthriller, als ob er selbst schon dort oben in der Todeszone gewesen wäre. Er hat gut recherchiert, das kann ich als Leser diverser Everest- und K2-Bücher bestätigen. Hier wird nichts beschönigt und heroisiert. Die Todeszone, nein, der ganze Berg ist ganz einfach tödlich, basta.

Wodurch die Story herausragt, ist natürlich die Verlegung in die Zukunft: Mit den Aliens kamen diverse technische Neuerungen wie etwa Antigrav-Schweber, aber auch politische Umwälzungen wie etwa der Zerfall Chinas. Doch die ganze (Tor)Tour hat auch ihr Gutes: Die Aliens schenken der ganzen Menschheit etwas Wunderbares: eben das Lied der Welt. Aber das muss man selber lesen. Denn erklären lässt es sich nicht.

_5. Das Ende der Schwerkraft_

Diese Erzählung beruht auf dem Drehbuch für einen Film des russischen Regisseurs Andrei Ujica. Der wollte einen philosophischen Film à la „Solaris“ oder „2001“ an Bord der Internationalen Weltraumstation ISS spielen lassen. Ob aus dem Projekt noch etwas wurde, sagt Simmons nicht. Seine Einleitung schweift in ganz andere Richtungen ab. Immerhin findet er die Filmfassung von „Der englische Patient“ besser als den Roman von Michael Ondaatje. –

Der rund 50-jährige amerikanische Journalist und Romancier Norman Roth ist von der „New York Times“ nach Moskau geschickt worden, um über die Überreste des russischen Raumfahrtprogramms einen größeren Beitrag zu schreiben. Einem Pulitzerpreisträger kann man so eine Story schon mal anvertrauen. Roth macht sich Sorgen, dass die Russen etwas gegen einen jüdischen Atheisten aus dem kapitalistischen Westen einzuwenden hätten.

Haben sie nicht. Im Gegenteil: Sie erhoffen sich Werbung für ihre Beteiligung an der ISS. Und außerdem bieten sie als bislang Einzige Raumflüge für Privatpersonen an (für ca. 20 Mio. Dollar das Ticket). Da kann man jedes bisschen Werbung gut gebrauchen. Von seiner Reiseführerin und Dolmetscherin Vasilisa lässt sich Norman gern nach Baikonur fliegen, dem mittlerweile ziemlich desolat aussehenden Weltraumbahnhof in der kasachischen Steppe.

Um die menschlichen Hintergründe zu kapieren, erbittet Norman ein Gespräch mit einem Philosophen. Dieser findet sich um kaum beheizten Keller eines Bunkers unter einer verlassenen Startrampe. „Nitschewo“ (= Nichts) war schon 1960 beim Raumfahrtprogramm dabei. Als Busfahrer erlebte er die gigantische Explosion der ersten Marsrakete, bei der die komplette Führungsebene der Kosmonautik zu Asche vebrannte. Er vermittelt Norman ein paar wirkliche Einsichten, die dieser aber einfach nicht glauben will. Vasilisa beginnt sich über den Gesundheitszustand ihres Gastes Sorgen zu machen: Norman hat einen Bypass.

Damit dies geschehen kann, besucht Norman die Silvesterparty eines gefeierten, echten Kosmonauten. „Der Start ist wie eine Geburt“, meint dessen Kollege. Nein, es ist wie Sex, meint der zweite. Nein, es ist wie Sterben, meint der Gastgeber. Als Norman in den Schnee hinausgeht, um einen alten Mann, der durch die Kälte stolpert, hereinzubitten, erleidet er einen Zusammenbruch – der ihm eine transzendentale Erfahrung schenkt.

|Mein Eindruck|

Neben „Kelly Dahl“ und „Kanakaredes“ ist dies die schönste Geschichte des Bandes. Ihr Schauplatz ist nicht im Weltraum, wie der Titel vielleicht nahe legt, sondern stets auf Mutter Erde. Denn es geht nicht um die physische Erfahrung des Weltraumflugs, sondern um die psychologische Erfahrung und die philosophische Bedeutung der Weltraumfahrt für den Menschen an sich. Ähnlich wie in Lems und Tarkovskijs „Solaris“.

Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass die Russen gar nicht so atheistisch sind, wie sie manchmal tun, sondern im Gegenteil eher abergläubisch, pardon: spirituell veranlagt sind, wie Norman herausfindet. Der Oberheilige des Raumfahrtprogramms hat sogar seinen eigenen Schrein, in dessen Logbuch sich alle Kosmonauten vor dem Start eintragen: Juri Gagarin.

Warum diese Reise auch für die amerikanischen Leser Dan Simmons‘ von Interesse sein könnte, liegt eigentlich auf der Hand. Das US-Raumfahrtprogramm muss ja ebenfalls seine riesige Ausgaben, die vom Geld der Steuerzahler bestritten werden, rechtfertigen. Warum nicht mit einer philosophischen Mission, die für die ganze Menschheit relevant ist?

Und vielleicht geht Simmons nicht zu weit, wenn er an Norman aufzeigt, dass die Hoffnung, die dieser Mann bereits aufgegeben hat, sich in den Dimensionen des Weltraums erfüllt, die für das nackte Auge zwar nicht sichtbar sind, aber durchaus Wunder bereithalten: Röntgenstrahlen, Sonnenwinde, Magnetfelder, Gravitationswellen, Chaosstrukturen. Hier sei doch noch etwas zu lernen, das für uns alle und für jeden Einzelnen wichtig ist. (Die Warteliste für die privaten Shuttleflüge von Virgin wird länger, mit gutem Grund.)

_Unterm Strich_

Jedem Leser werden die fünf Erzählungen unterschiedlich zusagen. So werden Fans von „Hyperion“ und „Endymion“ von „Helix“ begeistert sein. Ich hingegen fand den Plot simpel à la Star Trek und die zweite Ebene nichts sagend und verwirrend, weil ich eben nur die „Hyperion“-Romane kenne. „Der neunte Av“ ist eine erschreckende Warnung vor einem ewig gültigen Problem, ist aber nicht besonders kohärent erzählt, wenn man „Ilium“ nicht kennt. (Und, ja, ich weigere mich weiterhin, die Pointe zu verraten.)

Daher fand ich die Novellen „Kelly Dahl“, „Das Ende der Schwerkraft“ und „Kanakaredes“ am zugänglichsten und überzeugendsten. Nicht, weil hier simpel gestrickte Plots umgesetzt würden. Das ist wohl noch am ehesten bei „Kanakaredes“ der Fall (den Berg K2 rauf und runter, fertig). Nein, es ist vielmehr eine spirituelle Botschaft der Hoffnung, die Simmons darin versteckt hat. In „Kelly Dahl“ und „Schwerkraft“ erzählen fünfzigjährige Männer, die in der Krise stecken, von ihrer spirituellen Erlösung. Nicht mehr und nicht weniger. Und in „Kanakaredes“ bringen die Aliens die Erlösung, nicht nur für einen Menschen, den Erzähler, sondern für die gesamte Menschheit. „One World“ ist kein Slogan mehr, sondern Realität.

In „Helix“ ist dieser wichtige Schritt bereits Vergangenheit, nämlich in den „Endymion“-Romane erzählt. Daher ist die Story weitaus weniger befriedigend. Und „Der neunte Av“ ist im Grunde eine Horror-Story und funktioniert auch als solche.

In jedem Fall ist diese Kollektion äußerst lesenswert und lohnt jede Seite.

Mehr Infos unter: http://www.Festa-Verlag.de.

|Originaltitel: Worlds Enough & Time: Five Tales of Speculative Fiction, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Jürgen Langowski.|

*: Eine Zusammenfassung der Handlung aller vier Bände von Hyperion 1 bis Endymion 2 findet der Leser in der englischsprachigen Ausgabe von „Helix“ in der Anthologie „Far Horizons“, die Robert Silverberg 1999 herausgab. Die Anthologie gehört in das Regal jedes ernsthaften Science-Fiction-Sammlers. In ihr sind neuere Erzählungen wichtiger Science-Fiction-Autoren versammelt.

Ich könnte die Zusammenfassung übersetzen, aber nur auf begründeten, dringlichen Wunsch hin. Es sind immerhin vier Druckseiten!

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Wieder einmal sind Sommerferien, und Harry kann es nicht erwarten, dass die Schule endlich wieder anfängt. Denn seine Verwandten setzen ihm immer mehr zu. Als er schließlich Tante Magda an die Decke schweben lässt, da er sie wirklich nicht mehr ertragen kann, befürchtet er das Schlimmste; schließlich ist ihm Zaubern in den Ferien verboten.

Er flieht kurzerhand aus dem Haus und wird vom „Fahrenden Ritter“ aufgesammelt, einem Busdienst für Zauberer. Von diesem lässt er sich in die Winkelgasse in London fahren, einer Straße, die für die Muggels nicht zu sehen ist. Er nimmt sich ein Zimmer im „Tropfenden Kessel“ und erwartet das Schlimmste.

Doch dazu kommt es nicht, denn als er auf den Zaubereiminister Fudge trifft, ist dieser äußerst höflich und zuvorkommend, obwohl Harry das Gesetz gebrochen und in den Ferien bei den Muggels gezaubert hat. Dies könnte allerdings damit zu tun haben, dass ein schrecklicher Verbrecher aus Askaban ausgebrochen ist und es auf Harry abgesehen haben könnte. Denn Sirius Black war der beste Freund seiner Eltern und hat diese an „Du-weißt-schon-wen“ verraten, und jetzt könnte er hinter Harry her sein.

Harry wird in eine verflochtene Geschichte hineingezogen, die immer undurchsichtiger zu werden scheint, in der sowohl Rache als auch Verrat die Hauptrollen spielen. Und es scheint auch nicht besonders viel zu nützen, dass die Dementoren von Askaban die Schule vor dem Flüchtigen schützen sollen, denn es mehren sich die Anzeichen, dass Black trotz allem in das Gebäude eindringen konnte …

Rowlings „Harry Potter“ erweist sich als Suchtlektüre allererster Sahne – auch für den erwachsenen Leser, der eigentlich mit einem leicht skeptischen Gefühl an die Sache herangeht. Die Geschichten sind durchweg dermaßen faszinierend und sympathisch aufgebaut, dass man sich ihrer Magie gar nicht entziehen kann, selbst wenn man es versuchen wollte. Eine ähnliche Wirkung von Jugendbüchern auch auf Erwachsene habe ich bisher bestenfalls bei Mark Brandis‘ „Weltraumpiraten“ und mit leichten Abstrichen bei Kai Meyers „Sieben Siegeln“ feststellen können.

Bei „Harry Potter“ passt einfach alles: Die Handlung (auch für Erwachsene interessant und in hohem Maße spannend), die Charaktere (die keineswegs flach, sondern durchaus interessant geschildert daherkommen) und eine Erzählweise, die geschickt die wirklich spannende Handlung mit witzigen Elementen auflockert.

All dies ist in einer durchaus jugendgerechten Handlung verpackt, die jedoch auch den erwachsenen Leser zu jeder Zeit zu faszinieren in der Lage ist, sollte sich dieser einen kleinen Sinn für die Faszination seiner Jugend bewahrt haben. Es ist jedenfalls fast unmöglich, einen Roman dieser Serie zur Seite zu legen, bevor man am Ende angekommen ist. Bei mir hat dies dann für zwei Nächte gesorgt, die ich mit Lesen verbracht habe – von den Tagen erst gar nicht zu reden. Ich kann jedenfalls jedem nur raten, sich den ersten Band zu besorgen und einen freien Tag in der Woche zur Lektüre zu nutzen – denn nach Beendigung des ersten Bandes wird man mit höchster Wahrscheinlichkeit zur nächsten Buchhandlung rennen und sich die weiteren Bände zulegen wollen. Wochenenden haben hier den Nachteil, dass die Bücherläden geschlossen haben und man bis Montag warten muss. Und dieses Warten sollte man nicht unterschätzen. Am besten ist es immer noch, ein freies Wochenende einzuplanen, alle Romane vorher zu kaufen und diese dann praktisch in einem Rutsch durchzulesen – und am Erscheinungstag des nächsten freizunehmen, morgens in der Buchhandlung zu stehen und dieses Buch direkt mitzunehmen, um es zuhause zu verschlingen.

Das mag jetzt alles recht enthusiastisch klingen – allerdings kann ich nicht viel anderes hierzu schreiben. Immerhin gehört die „Harry Potter“-Reihe zum Interessantesten, Faszinierendsten, Spannendsten und Lustigsten, das ich in der letzten Zeit gelesen habe. Und das will schon einiges heißen.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Angesichts des Umfangs dieser Romane kann man eigentlich kaum glauben, dass die Jugendlichen heutzutage kaum noch lesen. Diese Bücher sind doch im Vergleich ziemliche „Brocken“ – nach denen sich die Zielgruppe die Füße plattläuft. Diese Romane sind das beste Beispiel für Bücher, die auch „Nichtleser“ dazu bringen, die Nase zwischen zwei Buchdeckel zu stecken.

Fazit: Suchtlektüre der allerersten Sahne. Wer sich diese Romane zulegt, sollte auch gleich noch ein verlängertes Wochenende in der Hinterhand haben, an dem er sie an einem Stück lesen kann. Selten sind Jugendromane dieser Qualität erschienen. „Harry Potter“ kann jetzt schon als zeitloser Klassiker gewertet werden. Absolut empfehlenswert!

[Deutsche Harry-Potter-Homepage]http://www.carlsen-harrypotter.de/

_Winfried Brand_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Neal Asher – Der Erbe Dschainas

Das geschieht:

Die „Polis“ nennt man jenen Teil der Galaxis, der von den Menschen und ihren Abkömmlingen, Verbündeten und Feinden besiedelt wird. Das Sagen haben die KIs, künstliche Intelligenzen, deren Einheiten über die gesamte Polis verteilt sind und mit der Zentrale in Verbindung stehen. In dieser gewaltigen Sphäre begehren immer wieder feindliche Mächte auf. Vor gar nicht langer Zeit machte sich über dem Planeten Samarkand der „Drache“ bemerkbar – ein außerirdisches Biokonstrukt der legendären, längst ausgestorbenen „Erschaffer“, das unter hohen Verlusten nur scheinbar besiegt werden und fliehen konnte. Deshalb fragt sich Earth Central Security, die Sicherheitseinheit der Polis, ob der Drache hinter den mysteriösen Ereignissen steckt, die zur Zerstörung der Raumstation „Miranda“ geführt haben.

Das Schlachtschiff „Occam Razor“ wird in Gang gesetzt. An Bord befinden sich die Agenten Cormac und Gant sowie „Narbengesicht“, eine Kreatur Draches, deren Loyalität höchst ungewiss ist. Zunächst an anderer Stelle der Galaxis jagt Cormacs alter Kampfgefährte Thorn den kriminellen Naturwissenschaftler Skellar. Dieser ist durch einen Zufall in den Besitz von Hightech der der ausgestorbenen Dschaina gelangt. Sie lassen den skrupellosen Skellar zu einem Gegner werden, dem kaum beizukommen ist. Da sich der Forscher an Cormac rächen und außerdem ein Kampfschiff an sich bringen will, überfällt er die „Occam Razor“. Ein Segment Draches rettet die wieder vereinten Kampfgefährten. Neal Asher – Der Erbe Dschainas weiterlesen

Harrison, Harry / Holm, John – Hammer des Nordens, Der (Hammer und Kreuz 1)

Wie würde Europa aussehen, wenn das Christentum im 9. Jahrhundert nicht über die „Heiden des Nordens“ gesiegt hätte? Der bekannte Science-Fiction-Autor Harry Harrison erzählt in seiner abenteuerlichen Trilogie „Hammer und Kreuz“, wie die Mönche und Bischöfe von einem listenreichen Günstling der nordischen Götter aus England vertrieben werden und selbst ein Kreuzzug nichts mehr nützt. Erstklassige Unterhaltung mit einer tieferen Botschaft.

_Handlung_

Der junge Shef ist zu Beginn nur der niederste aller Familienangehörigen auf dem Hof seines Vaters, des englischen Thanes Wulfgar. Shef ist lediglich Wulfgars Stiefsohn, und ihm droht das üble Schicksal, zum Sklaven degradiert zu werden. Seinen wahren Vater kennt Shef (noch) nicht. Als jedoch die Wikinger, die im 9. Jahrhundert das gesamte Nord- und Westeuropa beherrschen und plündern, auch in Shefs Dorf einfallen und seine Schwester Godive entführen, nimmt sich Shef vor, Godive wieder zu befreien. Leichter gesagt als getan.

Vier der mächtigsten und brutalsten Wikingerhäuptlinge sind aus Dänemark nach Nordengland gekommen, um ihren an König Ellas Hof grausam hingerichteten Vater Ragnar Lodbrok zu rächen, die vier englischen Königreiche zu vernichten und die Christen zu verjagen. So lautet der Schwur der vier Ragnarssons. Der grausamste und unheimlichste der Brüder ist Ivar, genannt „der Knochenlose“. Er wird von seinen Gefolgsleuten heimlich so genannt, weil er impotent ist und dafür Frauen und Männer gleichermaßen büßen lässt. Doch die Priester der nordischen Götter haben Ivar in der Anderswelt als Beinlosen gesehen, als Lindwurm, der Menschen frisst.

Mit rund zehntausend Männern sind die Wikinger gelandet und haben ein riesiges Lager errichtet, von dem aus sie Northumbrien verwüsten. Als Shef sich als Schmiedegehilfe anheuern lässt, erfährt er, dass seine Schwester Ivar dem Knochenlosen als Sklavin zum Geschenk gemacht worden ist. Natürlich befürchtet er das Schlimmste für sie.

Als die Truppen des englischen Königs Edmund von Ostanglien das Lager angreifen, ergreift Shef sofort die Chance, Godive und seinen Halbbruder Alfgar zu befreien. In einem kritischen Moment hat er die Gelegenheit, Ivar zu töten, doch Godive stellt sich ihm entgegen. Selbst als Ivars Champion Brand ihn angreift, wehrt Shef den Angriff ab, weil er meint, seine Schwester werde bedroht. Das Schlachtenglück wendet sich bereits im nächsten Moment: Shef und Godive entkommen ihren Verfolgern, doch auch Ivar wird gerettet und schlägt das Heer Edmunds. Edmund foltert er grausam zu Tode. Godive wird von Alfgar entführt, während Shef selbst, von Alfgar verraten, in Ivars Gewalt gerät.

Nachdem Shef im Zweikampf gesiegt hat, schließt er sich dem Heer der wütenden Ragnarssons als Erfinder von Kampfmaschinen wie dem Katapult an. Seine große Stunde schlägt vor den Mauern der reichen Stadt York, hinter denen sich König Ella, der Mörder Ragnar Lodbroks, verschanzt hat. Wie so oft hat Shef auch diesmal Träume, die ihm zwei Götter schicken: auf der einen Seite der Allvater Odin, der versucht, möglichst viele tote Krieger für den Endkampf gegen Lokis Riesen zu bekommen – ein trügerischer Freund; auf der anderen Seite jedoch wirkt der Gott Rigr, über den selbst die Priester nur wenig wissen: Er wandert durch die Welt und bringt den Menschen eine Kulturstufe nach der nächsten sowie die dazugehörigen Erfindungen. Sein Totem ist daher eine Stufenleiter. Kein Wunder, dass Shef so viele Erfindungen macht.

Und mit diesen gelingt es den Truppen der Ragnarssons, York zu stürmen. Nun offenbart sich Shef die ganze Heimtücke der christlichen Kirche. Der Bischof und sein listiger Diakon Erkenbert (dieser taucht im zweiten Band wieder auf) sind vor allem daran interessiert, den Anhängern der Kirche den Zehnten, die Pacht und letztlich, besonders im Falle ihrer Sklaven, auch die Lebenskraft abzupressen. Alles Silber und Gold scheint zu Reliquien, Schmuck und Münzen geschmolzen zu werden. Mit diesem Reichtum bestechen sie die Ragnarssons, die Klosterkirche zu verschonen, während sie ihnen die Hintertür zu Stadt öffnen. Als Shef und sein Freund Brand die Kirche stürmen wollen, stellen sich ihnen höhnisch grinsend die Ragnar-Brüder entgegen. Doch König Ella ist der Dumme: Ivar der Knochenlose wartet schon …

|Aufstieg zum König|

Natürlich kommt es zum Bruch mit den verräterischen Ragnarssons und Shefs Anhänger spalten sich ab. Allerdings geraten sie dadurch den übrigen englischen Königen in die Quere. Es ist äußerst spannend mitzuverfolgen, wie sich Shef aus einer Klemme nach der anderen befreit, den befreiten Sklaven neue Tricks mit Katapult etc. beibringt und selbst den gefürchteten Wikingern neue Gedanken eintrichtert. Dem Leser werden die immensen grundlegenden Unterschiede zwischen den Wikingern und Engländern, sprich: ehemaligen Angeln und Sachsen und Nachkommen der Römer, sehr deutlich nahe gebracht.

Man muss sich allerdings um den Geisteszustand Shefs sorgen, als er aus einem Grabhügel, in dem ein Schatz verborgen war, mit einem alten Steinzepter wieder auftaucht, das vom Geist des begrabenen Königs verflucht zu sein scheint. Shef beginnt, seine Freunde zu belügen und zu täuschen. Als die Franken auf einem christlichen Kreuzzug in Hastings landen, um die englischen Heiden – aber auch die hiesigen Christen! – zu vernichten, warnt er seinen Partner König Alfred von Wessex nicht etwa vor den Franken, sondern lässt ihn gehen. Alfred wird vernichtend geschlagen und kehrt in Lumpen zurück. Alfred kann nun froh sein, wenn er an Shefs Seite die entscheidende Schlacht gegen die Franken überlebt.

Diese Schlacht nahe Hastings konterkariert jene aus dem Jahr 1066, als Herzog Wilhelm von der Normandie ebenfalls seinen Fuß erobernd auf englischen Boden setzte. Diesmal geht die Sache anders aus. Die Schilderung der neuen Taktiken, der Einsatz der Maschinen gegen Kavallerie und von Frauen als Soldaten – all dies bildet den Höhepunkt dieser actionreichen, abenteuerlichen Erzählung. Und die Frauen haben dabei in Gestalt von Godive ein gewichtiges Wort mitzureden.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist – ebenso wie die zwei Fortsetzungen – von der ersten Seite an spannend, actionreich, anrührend und voller Abenteuer. Sogar Humor lässt sich in Gestalt feiner Ironie oder nordischen Brachialwitzes erkennen. Zartbesaitete Gemüter seien an dieser Stelle eindringlich vor brutalsten und grausamsten Szenen gewarnt. Leider waren diese im Frühmittelalter an der Tagesordnung, wie uns die beiden Autoren in ihrem Vorwort glaubhaft versichern.

Das scheint mir aber nicht das Entscheidende an dieser Trilogie zu sein. Das Resultat von Shefs Aufstieg ist ja die Vertreibung der Kirchenhierarchie aus ganz England südlich von York – und das ist erst der Anfang. Damit einher geht der Aufstieg der nordischen Sekte des „Wegs Asgards“. Diese Sekte vertritt den Glauben an die nordischen Götter, aber auch Religionsfreiheit und einen Glauben an technischen Fortschritt, wie ihn Shef voranbringt.

Mönche müssen nun für ihren Lebensunterhalt selbst arbeiten und dürfen niemanden zwingen, zu ihrem Glauben überzutreten. Für Bischöfe wären all dies Ketzereien, doch für die unterdrückten und ausgebeuteten Engländer – Freie wie auch Sklaven – bedeuten sie einen riesigen Fortschritt in Richtung eines freien und sicheren Wohlstandes auf ihrem eigenen Land. Es ist fast, als wäre Amerika auf englischem Boden gegründet worden (wobei allerdings die ersten Amerikaner unserer Welt lange Zeit Sklavenhalter waren und blieben).

Doch wie das Ringen der Götter um Shefs Seele deutlich macht, ist auch der Weg Asgards nicht allein seligmachend. Odin darf keinesfalls die Oberhand behalten, doch auch Rigr ist ein Spötter, dem hin und wieder das Mitgefühl für menschliches Schicksal abgeht. Immer wieder wird Shefs Aufstieg mit dem Schicksal von Wieland dem Schmied verglichen. Diese Analogie zeigt die Zweischneidigkeit, die technischen Fortschritt allein auszeichnet: Wieland (nordisch: Wölund) schuf für den ihn gefangenhaltenden König Nidud wunderbare Schmuckstücke, tötete aber schließlich mit einer listenreich geschmiedeten Truhe dessen beide Söhne, vergewaltigte dessen Tochter und entkam dem König à la Ikarus auf selbstfabrizierten Schwingen. Ist dies das Verhalten eines verantwortungsvoll handelnden Königs? Wohl schwerlich.

Und so ist es Shefs Aufgabe in allen drei Bänden, die richtigen Visionen auszuwählen, um den Weg zu finden, der allen Menschen in seiner Zeit angemessen ist und ihnen nicht die Vernichtung bringt, etwa durch Maschinenkriege oder geistige Versklavung durch seine Sekte. Und bis es soweit ist und er alle Irrtümer begangen hat, die auf ihn warten, dürfen wir noch viele amüsante und spannende Abenteuer mit ihm erleben.

Unterm Strich: Shef ist zwar kein neuer ‚listenreicher Odysseus‘ und auch kein reiner ‚Wölund der Schmied‘, doch in ihm steckt von beiden etwas und noch einiges mehr.

Das Glossar des Übersetzers Frank Borsch ist dabei sehr hilfreich, denn es ermöglicht ein tieferes und genaueres Verständnis für die nordischen Götter- und Sagenwelt wie auch für real-historische Gestalten der Geschichte.

Ursula K. Le Guin – Die linke Hand der Dunkelheit

„Die linke Hand der Dunkelheit“ ist ein Klassiker von 1969, neu aufgelegt in |Heynes| wunderbarer Jubiläums-Edition. Hauptfigur ist der Gesandte Genly Ai, einziger Vertreter der Ökumene auf dem fernen Planeten Gethen. Die Ökumene ist ein Verbund aus 83 Welten für den wirtschaftlichen und vor allem kulturellen Austausch. Politische Macht wird jedoch nicht ausgeübt, jede Welt regiert sich selbst.

Genly Ai soll die Bewohner für einen Beitritt zur Ökumene gewinnen, doch seine Mission ist nicht leicht, denn Gethen unterscheidet sich sehr von Terra, der Heimat Genlys.

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Jordan, Robert – neue Frühling, Der (Das Rad der Zeit 29)

|“Das Rad der Zeit dreht sich,
Zeitalter kommen und gehen
und hinterlassen Erinnerungen,
die zu Legenden werden.

Legenden verblassen zu Mythen
und selbst die sind längst vergessen,
wenn das Zeitalter wiederkehrt,
das an ihrem Ursprung stand.“|

Mit diesen Worten begann Robert Jordans „Das Rad der Zeit“-Zyklus – einer der umfangreichsten und erfolgreichsten Fantasy-Zyklen der letzten Jahre.

Mittlerweile sind 10 Bände der amerikanischen Originalausgabe erschienen, die satte 7569 (!) Seiten Umfang aufweisen. Bei den 29 (die Bände wurden gesplittet) bisher erschienenen Übersetzungen liegt die Seitenzahl gemäß der Regel, dass deutsche Übersetzungen umfangreicher werden, entsprechend mittlerweile bei über 10.000. Da seit dem Erscheinen des ersten US-Bandes „The Eye of the World“ im Jahre 1990 bereits einige Zeit verstrichen ist, verwundert es nicht, dass in der deutschen Übersetzung mit Andreas Decker bereits der dritte Übersetzer tätig und die Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag verkauft worden ist.

Piper veröffentlicht mit „Der neue Frühling“ den 29. Band der deutschen Rad-der-Zeit-Serie, der allerdings aus der Reihe fällt: In den USA wird „The New Spring“ getrennt vom Rad der Zeit als Prequel-Serie im selben Universum angeboten.

Zum besseren Verständnis der ausufernden Fantasy-Welt des Rads der Zeit möchte ich einen sehr groben Handlungsabriss des Rad-Zyklus voranstellen:

Das Grundkonzept des Rads der Zeit ist das des ewigen Konflikts zwischen Schöpfung und Chaos, verkörpert von dem jeweiligen „Drachen“ (im übertragenen Sinn: Der Drache ist ein Mensch) und seinem Widerstreiter vom Anbeginn der Schöpfung an, dem Dunklen König. Seit der Schöpfung der Welt treten sich Drache und Dunkler König am Ende eines jeden Zeitalters zum finalen Gefecht gegenüber, sollte der Dunkle König siegen, geht die Welt unter. Was bisher offensichtlich nicht geschehen ist …

Das Muster der Zeitalter ist dabei stets sehr ähnlich: Nicht nur der finale Konflikt, auch die Helfer des Drachen werden stets in einem neuen Zeitalter wiedergeboren. Aus dem Zeitalter der Legenden und dem Dritten und Vierten Zeitalter haben noch fragmentarische Schriften, unter anderem die „Prophezeiungen des Drachen“ im Karaethon-Zyklus, überdauert.

Diese versprechen nicht nur die Wiederkehr des Drachen, sie beunruhigen auch die wenigen Eingeweihten: Der Drache soll bei seiner Wiederkehr die Welt zerstören. Wie das zu interpretieren ist, darüber streitet man sich. Wird der Drache die Welt vor dem Dunklen König retten, sie aber dabei zerstören? Vieles spricht für einen Sieg des Schattens. Die magiebegabten Menschen der Welt des Rades, „Aes Sedai“ (Diener Aller) genannt, sind schwächer denn je: Beim Kampf gegen Lews Therin Telamon, den letzten Drachen, gelang es dem Dunklen König, die männliche Hälfte der „Wahren Quelle“ oder auch der „Einen Macht“, Saidin, zu verunreinigen: Jeder Mann, der sich ihrer bedient, wird unweigerlich früher oder später wahnsinnig. Das hat zur Folge, dass alle Aes Sedai des aktuellen Zeitalters weiblich sind und alle der Magie fähigen Männer gezielt suchen und ihrer Fähigkeit berauben, bevor sie sich selbst und anderen im Wahn Schaden zufügen können. Erschwerend sind im Zeitalter der Legenden bereits einige der mächtigsten Aes Sedai aller Zeiten zum Dunklen König übergelaufen; die so genannten „Verlorenen“ zählen neben anderen, heimlich dem Schatten dienenden Aes Sedai, der sogenannten „Schwarzen Ajah“, zu seinen mächtigsten Schergen.

Einer der potenziell wahnsinnigen männlichen Machtanwender ist der wiedergeborene Drache selbst, Rand al’Thor. Dank der Hilfe der Aes Sedai Moiraine Damodred und vieler anderer gelang es ihm, dem Wahnsinn, den Dienern des Dunklen Königs und zahllosen anderen Gefahren zu trotzen. Doch noch nie zuvor waren die Siegeschancen des Dunklen Königs besser, die magischen Siegel seines Gefängnisses im Berg Shayol Ghul bröckeln, die Verlorenen wandeln wieder auf der Welt und seine Trolloc-Heerscharen überziehen das Land mit Krieg, während eine Invasion der Seanchaner, die von einem Kontinent am anderen Ende des Aryth-Meers stammen, die Reiche der Menschen zum Fall zu bringen droht.

Das Ende scheint nahe, doch Robert Jordan lässt sich nicht hetzen: Bereits seit einigen Bänden tritt die Handlung auf der Stelle, bis zur entscheidenden Schlacht wird es wohl noch eine Weile dauern, es ist noch nicht einmal klar, wann der nächste Band erscheint. Aberhunderte von Charakteren, unzählige Völker, Monster, fremdartige Konzepte und Dinge bevölkern seine gigantische Fantasywelt.

„Der neue Frühling“ dient der Überbrückung der Zeitspanne bis zum nächsten Rad-der-Zeit-Band und erzählt die |Vorgeschichte| des Zyklus:

Moiraine Damodred und die spätere Amyrlin (Anführerin) der Aes Sedai, Siuan Sanche, sind zu dieser Zeit gerade erst Aufgenommene, noch nicht einmal richtige Aes Sedai. Doch während die wilden Aiel-Wüstenkrieger die Ländereien um den Drachenberg verwüsten, ereilt die Aes Sedai Gitara Moroso eine schicksalhafte Vision: Der Drache ist wiedergeboren worden! Sofort entsendet die regierende Amyrlin vertrauenswürdige Sucherinnen, die nur eine Aufgabe haben: Den Drachen zu finden. Moiraine und Siuan befinden sich ebenfalls darunter, denn sie waren während der Vision Gitaras zufällig zugegen.

Bald darauf stirbt die Amyrlin – und viele andere Aes Sedai mit ihr. Moiraine und Siuan kommt das nicht geheuer vor, und bald sehen sie sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Die „Schwarze Ajah“ – Schwestern, die nicht an die drei Eide der Aes Sedai (nicht lügen, keine Waffe mithilfe der Macht herstellen, die Macht nicht als Waffe gegen andere Menschen einsetzen außer zur Selbstverteidigung) gebunden sind und dem Dunklen König dienen – hat die Macht an sich gerissen! Doch sie können nichts beweisen, woraufhin Moiraine sich ganz der Suche nach dem und dem Schutz des Drachen verschreibt …

Auf diesem einsamen Weg trifft Moiraine auf ihren späteren „Behüter“ Lan Mandragoran, den letzten Königsohn des von den Heeren des Dunklen Königs überrannten Landes Malkier. Dieser hat anfangs noch keine wortlose Übereinstimmung mit ihr, hat ganz im Gegenteil seinen eigenen Kopf und empfindet die Aes-Sedai-Hexe als überaus lästig. Hat er doch ganz andere Sorgen, wie eine ehemalige Geliebte, die treue Malkieri zu einem vermutlich blutigen Desaster, einer unrealistischen Rückeroberung Malkiers, angeblich zu dessen Wohl, anstiften will.

Damit wäre die Handlung dieses Romans auch schon zusammengefasst – denn Neues erfährt der Rad-der-Zeit-Kenner wirklich nicht. Außer den Namen von Lans ehemaliger Geliebter, und der Tatsache, dass, wie man bereits vermuten konnte, schon damals die Schwarze Ajah ihr Unwesen trieb. Rand selbst kommt in diesem Buch gar nicht vor, dies bleibt wohl folgenden Prequels, von denen Jordan noch 2-3 weitere für möglich hält, vorbehalten.

Erschwerend kommt hinzu, dass Teile des „neuen Frühlings“ bereits in der Anthologie „Legends“ von Robert Silberberg erschienen und zuvor einige Zeit im Internet zum kostenlosen Download bereitstanden. Hier drängt sich der Verdacht der Geldmacherei auf, denn der nächste „Rad der Zeit“-Band lässt schon lange auf sich warten, die letzten drei US-Bände wurden kontinuierlich schlechter und die Handlung tappt schon seit langem auf der Stelle. Dies mit einer genauso langamtigen und ereignislosen Prequel-Reihe zu toppen, kann man nur noch als dreist bezeichnen.

Einen Großteil seiner Faszination schöpft dieser Band aus der Verbindung zum Rad-Zyklus sowie dem Wiederauftauchen der in diesem Zyklus bereits toten oder verschollenen Sympathieträgerin Moiraine. Leider wird die durchaus interessante Vorgeschichte im selben Schneckentempo abgehandelt, das leider die letzten Bände des Rad-Zyklus geprägt hat. So fallen vermehrt Unstimmigkeiten auf: Moiraine und Siuan hatten bereits als junge Mädchen dieselben Charakterzüge wie zur Zeit der Haupthandlung, auch Lans Charakter hat anscheinend keinerlei Entwicklung erfahren. Negativ fällt auch ins Gewicht, dass Siuan Sanche es wirklich in Rekordzeit zur Amyrlin gebracht haben muss, währt das Leben von Aes Sedai doch in Jahrhunderten. Rand wurde während ihrer Jugend geboren, insofern muss Siuan innerhalb von maximal zwanzig Jahren das höchste Amt in der extrem traditionellen Gesellschaft der Weißen Burg errungen haben.

Begeistern können Jordans Figuren nach wie vor. Die süßen Magierinnen im Abendkleid, auch Aes Sedai genannt, starke Frauencharaktere in einer faszinierenden matriarchalischen Gesellschaft, sind nur eine der vielen beeindrucken Facetten der überbordend komplexen Welt Jordans. Sein Erzählstil ist ebenfalls erstklassig, aber die Tendenz zur Langatmigkeit bei zahllosen unüberschaubar werdenden Handlungsfäden kann selbst den größten Fan enttäuschen.

Für Einsteiger ist dieses Buch nicht geeignet, diese sollten besser bei Band 1, „Drohende Schatten“, beginnen, der auch als Originalausgabe unter dem Namen [„Die Suche nach dem Auge der Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=700 als einbändige Neuauflage der in der Taschenbuch-Reihe gesplitteten US-Ausgabe verfügbar ist.

Treuen Fans wird die Tatsache, dass die |Piper|-Ausgabe im Vergleich zur |Heyne|-Fassung optisch leicht verändert wurde, sowie die bekannte Leier Jordans, auf der Stelle zu treten, den Spaß an „Der neue Frühling“ ein wenig verderben. Mag der Zyklus auch überdurchschnittlich gut sein und mit epischer Breite glänzen, auf solch belanglose Leerlauf-Geschichten kann man gerne verzichten.

Sehr gute deutsche Fanseite:
http://www.radderzeit.de/

Offizielle Homepage von Robert Jordan:
http://www.tor.com/jordan/

Robert A. Heinlein – Reiseziel: Mond

heinlein-reiseziel-mond-cover-2000-kleinDrei US-Teenager basteln sich eine Rakete und fliegen damit zum Mond, wo sie auf Rest-Nazis treffen, die dort das IV. Reich vorbereiten … – Was einst spannend und lehrreich sein sollte, wirkt heute lächerlich und plump didaktisch; die jugendlichen ‚Helden‘ sind eifrige Mitläufer eines reaktionären Establishments, das nicht nur gegen (Geisterbahn-) Nazis, sondern auch gegen Abweichler in den eigenen Reihen zu Felde zieht: heute nur noch als unfreiwillig selbstentlarvendes Zeitdokument lesbar.
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Frank Borsch- Die Sternenarche (Perry Rhodan. Lemuria 1)

Die Chronik um den unsterblichen Menschen Perry Rhodan umfasst mittlerweile eine über vierzigjährige Geschichte. Unmöglich, einen kurzen Überblick zu geben. Über zweitausendzweihundert Heftromane, 415 Taschenbücher, ungefähr 800 Heftromane um Perrys Freund Atlan, diverse Einzelgeschichten und Spin-off-Serien sowie ein Kinofilm – die Dimensionen sind erdrückend. Aber obwohl die Geschichte der Erstauflage im Heftroman eine fortlaufende Handlung ist, finden sich genügend Lücken für Abenteuer, die leicht zugänglich für so genannte Neuleser und interessant für die Stammleser sind.

Eine Lanze für Perry Rhodan

Seit 2002 veröffentlicht der Heyne-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Perry-Rhodan-Team jährlich eine sechsbändige Miniserie im Taschenbuch. Angekündigt als „atemberaubendes Science-Fiction-Abenteuer“ bilden die Bücher spannende Unterhaltung in abgeschlossenen Geschichten, so dass Neulinge sich nicht vor dem gigantischen Hintergrund fürchten müssen. An diesem Punkt hakt die Kritik ein: Wenn der Serienheld Perry Rhodan auch in diesen Sechsern mitspielt, wie soll man den Hintergrund vergessen können? Eine berechtigte Frage, wenn sie die beiden Zyklen „Andromeda“ (Heyne 19001 – 19006) und „Odyssee“ (Heyne 19007 – 19012) betrifft. Zwar verlässt Perry Rhodan in beiden Zyklen den roten Faden der Hauptserie, doch spielen jeweils kosmische Seriendetails wie Superintelligenzen, Kosmokraten oder Hyperimpedanz eine Rolle.

So weit ich das nach der Lektüre des ersten Romans aus dem diesjährigen Zyklus „Lemuria“ beurteilen kann, haben sich die Macher diesmal richtig Mühe gegeben. Perry Rhodan spielt mit, aber anderen Charakteren wird zum Teil mehr Platz eingeräumt als ihm. Der Serienhintergrund spielt eine Rolle, man versucht aber nicht, zwanghaft die letzten Jahrtausende zu erklären, sondern bringt behutsam handlungsrelevante Details ein, die auch Leser ohne „Rhodan-Erfahrung“ erfassen können, wenn sie etwas Interesse mitbringen. Welches komplexe Universum erschließt sich dem Leser auf Anhieb, auf den ersten Seiten? Man denke zum Beispiel an das Kultur-Universum von Iain Banks, Hyperion von Dan Simmons oder auch das so genannte Uplift-Universum von David Brin. Hier wie dort spielen Jahrhunderte, Jahrtausende oder manchmal Jahrmillionen in der Entwicklung eines Universums tragende Rollen, aktuelles Beispiel aus Deutschland: Das Kantaki-Universum von Andreas Brandhorst, der in den Romanen und auf seiner Homepage eine ausgefeilte, liebevoll erstellte Chronik der letzten Zeitalter darbietet. Was ist der Unterschied zu Perry Rhodan, außer dass es zu Rhodans Geschichte massenweise Romane gibt?

Auf den Spuren der Vorfahren

Im vorliegenden Band von Frank Borsch stößt ein Prospektor-Raumschiff der Terraner auf ein gigantisches, fünfzigtausend Jahre altes Schiff, das seine Fahrt auf der Erde begonnen hat: Die Lemurer, Vorfahren der heutigen Menschen und aller humanoiden Völker der Milchstraße, starteten zu Beginn ihrer Raumfahrt ein gewaltiges Projekt. Ein Generationenschiff, in dem eine abgeschlossene Welt existiert, in der die Wesen leben und sich fortpflanzen, bis eines fernen Tages das Ziel erreicht sein sollte. Mit Beginn des überlichtschnellen Raumfluges geriet dieses Schiff in Vergessenheit. So ist es als unwahrscheinlicher Zufall anzusehen, dass es die terranische PALENQUE in den Weiten des Weltalls findet. An Bord des Prospektors befindet sich Perry Rhodan, zu der Zeit Regierungsoberhaupt der terranischen Welten.

Annähernd zeitgleich wird die LAS-TÓOR, ein Explorer der Akonen, auf das uralte Schiff aufmerksam. Die Akonen sind ein altes Volk der Milchstraße, das ursprünglich aus Siedlern der Lemurer hervorgegangen ist. Trotz ihrer Verwandtschaft herrscht eine Art „Kalter Krieg“ zwischen Terranern und Akonen. Da sich beide Parteien Nutzen oder Gewinne von dem Generationsschiff versprechen, ist in dieser Situation Fingerspitzengefühl gefragt: Wer hat das Recht zur Erforschung? Der Umsicht des akonischen Kommandanten und Perry Rhodans ist es zu verdanken, dass ein gemischtes Team zur Ersterkundung überwechselt. Wie groß ist das Erstaunen, als sich der Kommandant des fremden Raumschiffs als Unsterblicher gleich Rhodan erweist? In dieser Lage kann das Auftauchen eines akonischen Gefechtsverbandes zur Eskalation führen …

Entgegen den Vorgängerzyklen beginnt diese neue Serie nicht mit einem Zwangseinstieg durch Action-Überladung. Anscheinend hat man bei den Machern eingesehen, dass auch oder gerade gute Charakterisierungen und ein spannender Plot zu einem guten, unterhaltsamen und interessanten Roman führen können. Frank Borsch stellt unter Beweis, dass er sich auf ausgezeichnete Charaktere versteht, ihnen Tiefe und Seele verleihen kann und dass dabei die Geschichte in einem angenehmen Tempo voranschreiten kann.

Was in letzter Zeit in der Heftserie etwas fehlte, nämlich eine glaubhafte Darstellung der Unsterblichen, gelingt hier quasi nebenbei. Perry Rhodan ist ruhig und ausgeglichen und strahlt seine immense Erfahrung geradezu aus, ist dabei nicht zu distanziert und unterkühlt, sondern sucht die Nähe seiner Begleiter, sucht Verständnis und Vertrauen. Immer wieder liest man, dass es nicht leicht sein kann, einem Charakter, der von vielen unterschiedlichen Autoren beschrieben wurde, neue Facetten abzugewinnen. Muss man ja auch nicht immer zwingend! Es ist schon eine Leistung, eben dieser vielbeschriebenen Person Leben einzuhauchen und sie überzeugend zu schildern.

Das lässt sich auf alle anderen Personen des Romans übertragen. Manche kommen etwas kürzer, andere werden eingehender behandelt. Dadurch werden zum Beispiel Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Terranern und Akonen beleuchtet, so dass dem Leser recht schnell eine interessante Idee kommt: So unterschiedlich sind die Völker gar nicht! Da wirken die Schnittstellen, die Borsch zwischen ihnen einbaut, regelrecht befreiend.

Mit einer leichten Prise Humor gewürzt, lässt sich die Geschichte sehr gut lesen. So betreibt der terranische Funker einen Versand von Luftgitarren, und eine Akonin versucht sich in einem bei ihrem Volk beliebten Zeitvertreib: dem Plejbek. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelt sich entsprechend und wird anschaulich geschildert.

Die kosmische Sintflut

Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Leben im Generationsschiff. Die Menschen leben in Wohn- und Arbeitsgemeinschaften zusammen, der genetische Austausch wird vom Schiff streng kontrolliert. Natürlich gibt es stille Rebellen, die sich selbst „Sternensucher“ nennen. Denn das Schiff verbietet den Lemurern den Blick ins All, es ist eine wirklich geschlossene Welt ohne Augen und Ohren. Borsch motiviert die träumerischen Sitzungen der Sternensucher durch alte Aufzeichnungen, über die ihre Faszination und ihr Wissensdurst ausgelöst werden. Doch für das ferne Ziel (dies bleibt den Lesern bis zum Schluss unbekannt) muss die Ordnung im Schiff bestehen bleiben, weshalb der Kommandant gegen seine Überzeugung „[…] Es sind die Besten, und wir werden sie brauchen, wenn wir ankommen […]“ die Hinrichtung dieser vom Schiff als Verräter titulierten Menschen befielt. Ihm bleibt nur die Hoffnung, nicht alle großen Geister auszulöschen.

So erhält der Leser Einblicke in das Leben im Schiff aus allerlei Perspektiven, für uns erscheint es unvorstellbar. Doch wer weiß, ob die Menschen nicht in ferner Zukunft ein ähnliches Experiment wagen? Vielleicht, wenn eine moderne Sintflut, ein Armageddon oder degleichen die letzten Kräfte der Erde mobilisiert. Das bleibt in diesem Roman auch die Frage: Warum unternahmen die alten Lemurer diese unglaublichen Anstrengungen, um ein Generationenschiff zu bauen? Der Titel „Sternenarche“ legt nahe, dass es sich um eine Katastrophe gehandelt haben muss. Noch tappen alle Beteiligten im Dunkeln.

Der Auftaktband des neuen Zyklus ist ein hervorragend geschriebenes Science-Fiction-Abenteuer, bei dem man sich nicht durch das Etikett „Perry Rhodan“ abschrecken lassen darf. Frank Borsch gelingt der bisher beste Roman der neueren Rhodan-Geschichte, nach dieser Lektüre hat man Lust auf mehr. Dabei wird es für die Nachfolger schwierig, dieses Niveau zu toppen – allerdings machen Namen wie Andreas Brandhorst oder Leo Lukas durchaus Hoffnung.

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 3,00 von 5)

Jones, J. V. – ewige Krone, Die (Der Dornenring 1)

Tessa McCamfrey wird seit ihrer Kindheit von Tinnitus geplagt. Als sie einen besonders schweren Anfall erleidet, wird sie von den klingelnden Qualgeräuschen in die kalifornischen Berge getrieben. Hier findet sie aufgebrochene Boxen, die aus einem Banküberfall stammen. Als Tessa die Boxen untersucht, findet sie einen goldenen Ring, der mit Dornen verziert ist. Sie streift sich den Ring über und verschwindet in eine andere Welt. Sie taucht in der Stadt Bay’Zell wieder auf.

In der fernen Stadt Bay’Zell ist Tessa verloren, doch der finstere Ravis rettet sie. Ravis ist auf der Flucht, trotzdem hilft er Tessa. Irgendwie scheinen ihre Schicksale miteinander verwoben zu sein. Während Ravis sich mit Camron verbündet (nach dem Tod seines Vaters neuer König), um König Izgard zu stoppen und zu vernichten, findet Tessa Unterschlupf bei dem alten Schreibergehilfen Emith. Zudem scheint ihr Tinnitus plötzlich verschwunden zu sein.

Izgard ist Träger der Dornenkrone und grausamer Imperator. Er ließ Camrons Vater töten und macht auch keinen Halt vor Frauen und Kindern. Ravis stellte ihm einst eine Armee zusammen, doch fiel er in Ungnade. Nun steht Ravis auf Seiten Camrons, dessen gesamtes Volk abgeschlachtet wurde. Beide Männer sammeln eine Armee, um Izgard zu vernichten. Doch die Vorzeichen stehen äußerst schlecht, paktiert Izgard doch mit dem Bösen und benutzt Zauberei, um seine Hetzer noch gefährlicher zu machen, als sie bereits sind.

Während Ravis sich in einen Krieg stürzt, erlernt Tessa von Emith die Kunst des Schreibers. Schnell erkennt sie, dass alles von einem Muster bestimmt wird. Sie besitzt die Gabe, diese Muster zu erkennen und selbst zu malen. Bei ihren Studien entdeckt Tessa, dass ihr Aufenthalt in einer anderen Welt kein Zufall ist. Tessa erkennt auch, dass Muster Macht bedeuten. Somit ist sie wohl die Einzige, die sich Izgards Schreiber Ederius entgegenstellen kann, und greift in einen Kampf auf Leben und Tod ein.

Das Buch wirkt durch den labbrigen Pappumschlag ein wenig billig und die grobkörnige Vignette am Anfang jedes Kapitels ist lieblos gestaltet. Die Aufmachung und der Originalpreis von fast 8,50 Euro wirken da leicht abschreckend. Und wer die ersten Seiten gelesen hat, glaubt einen Groschenroman vor sich zu haben. Aber die Verpackung täuscht.

Tatsächlich ist „Die ewige Krone“ ein äußerst spannender und detaillierter Roman mit einer dichten Atmosphäre und greifbaren Persönlichkeiten. Jones versteht es, den Leser zu fesseln und baut einen hervorragenden Spannungsbogen auf.

Während Ravis ein eher rauer und kampferprobter Mann ist, der sich stets zu helfen weiß, kommt Tessa ganz anders daher. Bedingt durch ihre Krankheit, ist sie es gewohnt vor Problemen zu fliehen. Als sie durch den Ring in eine fremde Welt gezogen wird, ist sie noch immer unentschlossen und scheinbar ohne Perspektive. Doch mit Hilfe von Emith und seiner alten Mutter findet sie langsam zu sich selbst. Es ist schön, Tessas Wandel zu erleben und an ihrer Seite von Jones in die Kunst des Schreibers eingeführt zu werden. Für den Leser wie für Tessa sind die Farben, das Malen und das Schreiben leicht verfügbar und einfach anzuwenden. In „Die ewige Krone“ besitzt der Schreiber und seine Arbeit allerdings einen anderen Stellenwert. Und dieser wird hervorragend vermittelt. Schnell erkennt man den Zauber des Schreibers und muss die Arbeit anerkennen, die Emith leistet. Der Leser erkennt, welche Mühe es zum Beispiel bereitet, ordentliches Pergament zu erhalten.

Jones versteht es auch, mit wenigen aber gut gewählten Worten die Figuren des Romans zu beschreiben. Dabei wird sich nicht nur auf die Hauptfiguren konzentriert, sondern auch die Nebenfiguren erwachen zum Leben. Sie sind mehr als nur Stichwortgeber oder Bauernopfer, obwohl sie eigentlich nur diesen Zweck erfüllen. Man hat das Gefühl, reale Personen vor sich zu sehen. Und so wie Tessa in eine andere Welt gezogen wird, zieht es auch den Leser in ein fantastisches Reich.

Dabei spart Jones nicht mit blutigen Kampfszenen, um die Gefährlichkeit dieser mittelalterlichen Welt zu unterstreichen. Das traditionelle Rittertum mit seinen schweren Rüstungen kommt dabei allerdings schlecht weg. Langbogenschützen in Lederrüstung brillieren dagegen. Warum das so ist, erklärt Ravis Camron und Jones somit dem Leser. Und das ist wunderbar an diesem Roman. Fragen werden beantwortet und die Taten der Figuren werden erklärt.

Dabei sind Protagonisten und Antagonisten vielschichtig und keine Schwarzweißpersonen, die man über einen Kamm scheren könnte. Selbst der Bösewicht hat seine schwachen Momente und gute Freunde verlieren schon einmal die Beherrschung. Dabei verwischen die Trennlinien zwischen Gut und Böse manchmal.

„Die ewige Krone“ ist spannend und faszinierend. Ein gelungener Auftakt und Appetitanreger, der Lust auf Band 2 macht („Krone aus Blut“, Bastei Lübbe 28 316).

_Günther Lietz_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Fetjaine, Jean-Louis – Weg des Magiers, Der

Wer kennt sie nicht: Die Legenden um König Artus, seine Ritter der Tafelrunde, allen voran Lanzelot, Guinevere, Mordred und seinen Magier und Ratgeber Merlin. Die Zahl der Variationen der Legende ist Legion, mehrfach verfilmt wurde der Sagenstoff ebenfalls.

Jean-Louis Fetjaine (* 1956), rückt in |“Der Weg des Magiers“| die Figur Merlin in den Mittelpunkt. Dabei orientiert sich Fetjaine an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich Historie und Mythos (der Autor studierte Philosophie und mittelalterliche Geschichte – dieser französische Studiengang entspricht in etwa der deutschen Mediävistik). Die Geschichte selbst ist pseudohistorisch, mit mehr Anleihen aus dem bekannten Sagenkreis um Artus denn nur lose inspirierter Fantasy. Merlin selbst ist ein junger Barde rätselhafter Herkunft, der es durch Zaubertricks bereits zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Sein steiniger Weg zum Ruhm, zum mächtigen Magier und Berater legendärer Könige, ist Thema der als Trilogie geplanten Reihe. In Frankreich erschien bereits im Mai der zweite Band, „Brocéliande“.

Das Grundgerüst der Geschichte ist deshalb umfangreicher und detaillierter als sonst üblich: Im 6. Jahrhundert bedrohen Sachsen, Pikten und Iren Britannien. Der schottische König Ryderc von Strathclyde ruft alle Fürsten zu einem Waffenstillstand auf, um gemeinsam gegen die Eindringlinge vorgehen zu können. Doch wider Erwarten wählt man Gwendoleu von Cumberland zum obersten Heerführer, woraufhin Ryderc diesen mitsamt Gefolge in eine Falle lockt und tötet. Nur Merlin kann dank der Hilfe geheimnisvoller Wesen entkommen. Er erkennt seine wahre Herkunft und Bestimmung und macht sich auf den Weg in den sagenumwobenen Elfenwald Brocéliande – mit keiner geringeren Mission als Britannien zu vereinen.

Im Grunde kann man bei einem solch bewährten Stoff nicht viel versauen, besonders als Kenner der Materie. Dass es trotzdem geht, beweist Fetjaine. Seine Stärke liegt zweifellos in seinen überzeugenden und umfangreichen Kenntnissen des Mittelalters und der Artussage. Im Nachwort des Romans zeigt er deutlich, wo er die Historie zurechtgebogen, spekuliert oder frei erfunden hat. Ebenfalls sehr gut sind die Zeittafel der britannischen Geschichte und seine Ausführungen zu König Artus, der Unterscheidung zwischen Mythos und Wahrheit sowie den Ursprüngen einzelner Teile der Sage. So zog zum Beispiel Artus, als Kommandant einer römischen Reitertruppe, sein Schwert wohl eher aus einem Sachsen (ex saxone) denn einem Stein (ex saxo) – ein Übersetzungsfehler. Bezüge zum heiligen Schwert des Gottes Nudd und dem heiligen Stein von Fal, wichtige Gegenstände keltischer Religionen, machten aus diesem Fehler möglicherweise ein Zeichen und Wunder. Aus mehreren berühmten, historischen Figuren entstand dann im Laufe der Zeit der Artus der Sage.

Besonders im ersten Drittel des Buches geizt Fetjaine nicht mit Fußnoten, die fast einer wissenschaftlichen Arbeit würdig wären. Anstelle von Literaturverweisen findet der Leser interessante Zusatzinformationen und dringend benötigte Hinweise zum Verständnis der Handlung. Das ist als positiv zu werten, aber die Geschichte leidet unter der Informationsflut, die eigentliche Handlung dümpelt vor sich hin. Weder zu Merlin noch anderen Charakteren konnte ich eine Beziehung aufbauen, da Fetjaine sich unsinnigerweise in Nebensächlichkeiten verliert, das größte Manko des Romans. Erst gegen Ende bessert sich dies – bis dahin leidet man unter einem Stil, der jeglichen Lesespaß raubt: Muss man wirklich den Vorgang des Absteigens vom Pferd, Anbindens, Sich-umsehens, Wiederlosbindens und Weiterreitens im Detail schildern? Bis zum verhängnisvollen Hinterhalt gibt es kaum Dialoge, dafür kurze Beinahe-Monologe, unterbrochen von der langwierigen Beschreibung körperlicher Tätigkeiten, die sich in nervtötender Weise aneinanderreihen. Hier liegt die Schuld beim Stil des Autors, denn sowohl die Übersetzerin als auch das Lektorat haben sich wirklich keinen Fehler erlaubt.

Dieser Stil macht es mitunter schwer, der Handlung zu folgen. Schiere Langweile wollte mich zum Überblättern weiter Abschnitte des Buches verleiten, das erst im letzten Drittel interessante Ausblicke zeigte und Interesse erweckte.

Insgesamt ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Detaillierte historische Kenntnisse heben den Roman aus der Masse heraus, die Handlung selbst erwacht erst gegen Ende aus ihrer Lethargie. Ebenso der Charakter Merlins. Dies ist vor allem dem Sprachstil Fetjaines zu verdanken. Wer mit seiner „Elfentrilogie“ zufrieden war, sollte einen Blick riskieren, alle anderen Leser dürfte Fetjaines Sprache zu Tode langweilen. Als Historiker ist Fetjaine top, als Schriftsteller leider ein Flop. Zumal es unzählige besser geschriebene Alternativen der Artussage gibt, wie die weltbekannten |“Nebel von Avalon“| Marion Zimmer Bradleys oder Stephen Lawheads ebenfalls von Merlin handelnde |“Pendragon“|-Saga.

Alexander, Lloyd – Setzerjunge, Der (Westmark-Trilogie 1)

Die Westmark-Trilogie ist nach den „Prydain-Chroniken“ um Taran ein weiterer interessanter Zyklus von Lloyd Alexander. Die Neuausgabe erscheint bei |Bastei Lübbe| in einer schönen Aufmachung im Taschenbuchformat. Der Schauplatz ist diesmal nicht ein Fantasy-Wales aus grauer Vorzeit, sondern eher das 17. oder 18. Jahrhundert irgendwo in Europa.

|Der Autor|

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“, des Taran-Zyklus. Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen sprechen zu kommen.

Die Westmark-Trilogie, die der Bastei-Lübbe-Verlag mit „Der Setzerjunge“ beginnt, ist ebenso abenteuerlich, hat aber weitaus mehr politische Untertöne: Sie spielt in einem Phantasieland, das auf dem technischen Stand des 17. bis 18. Jahrhunderts ist und über ein Feudalsystem beherrscht wird. Der erste Band wurde laut Verlag mit dem |American Book Award| ausgezeichnet.

Die Westmark-Trilogie:
1. Der Setzerjunge (09/2004)
2. Der Turmfalke (01/2005)
3. Die Bettlerkönigin (02/2005)

_Handlung_

Theo ist als Waisenjunge aufgewachsen. Eines Tages hat sich der Drucker Anton seiner erbarmt und ihn als Gehilfen und Diener aufgenommen, unbezahlt natürlich. So erlernt Theo das Handwerk des Druckens und Setzens, nebenbei natürlich auch das Lesen und Schreiben, was keineswegs selbstverständlich ist. Denn es gibt Leute, die haben etwas gegen gebildete Menschen. Menschen, die lesen, haben so häufig eine andere Meinung als von den Herrschenden gewünscht.

Der wichtigste unter diesen Herrschenden ist Cabbarus, der frischernannte Premierminister von Westmark. König Augustin ist über das Verschwinden seiner Tochter Augusta betrübt und neigt zur Melancholie, so dass er sich kaum noch um Staatsgeschäfte kümmert, und das nutzt der skrupellose Cabbarus rücksichtslos aus – ja, er will sogar als Adoptivsohn anerkannt werden, um den König später zu beerben. (Für dessen willkommenes Ableben würde er schon sorgen …)

Früher konnte Setzermeister Anton gut von den Schriften der Gelehrten der Uni Freyborg leben, doch seitdem der absolutistische Premierminister Cabbarus an der Macht ist, müssen alle Druckerzeugnisse genehmigt werden. Und dieses Glück widerfährt nur den wenigsten Schriften, eigentlich nur den harmlosesten und dümmsten. Die Zeiten sind wahrlich mager geworden.

Daher übernimmt Theo, als Anton einmal außer Haus ist, mit größtem Vergnügen einen neuen, supereiligen Druckauftrag, den ihm ein Zwerg im Auftrag eines gewissen Dr. Absalom erteilt: eine Flugschrift, die die heilenden Dienste des Dokotors anpreist. Die ganze Nacht hindurch rackert Theo mit Lettern und Setzmaschine, bis er endlich ein paar Prüfbögen produzieren kann. Der inzwischen zurückgekehrte und ebenso erfreute Anton hilft ihm dabei.

Doch da taucht kurz vor Abholung der Flugschrift die Feldmiliz unter dem Kommando eines Offiziers in der Druckerei auf. Als Theo und Anton Widerstand gegen die Beschlagnahmung ihres Werkstattinventars leisten, kommt es zum Kampf, in dessen Verlauf Theo den Offizier schwer verletzt. Theo und Anton müssen fliehen. Da taucht der Zwerg auf, der über das Ergebnis des Zwischenfalls nicht erbaut ist und wieder verschwindet. Auf der Flucht opfert Anton sein Leben für Theo, der aus der Stadt flieht.

Als sich Theo vor den Toren der Stadt dem Zwerg und dessen Herrn, Doktor Absalom, anschließt, ahnt er noch nicht, dass er sich mit Leuten eingelassen hat, die es weder mit der Wahrheit noch mit der Wirklichkeit besonders genau nehmen. Tatsächlich können sie in Verkleidung sogar eine Milizpatrouille täuschen, die nach einem entflohenen Setzerlehrling sucht. Aber auch Theo ist bestens verkleidet.

Auf einer der Jahrmarktsveranstaltungen der beiden Schwindler schließt sich ihnen ein ungepflegt erscheinendes Mädchen an, das sich „Bohnenstange“ nennt. Sie ist Bauchrednerin und soll daher als Orakel auftreten. Theo bringt ihr das Lesen und Schreiben bei, wofür sie sich revanchiert, indem sie ihn die Zeichensprache der Taubstummen lehrt. Diese hat sie als Gehilfin eines Diebes erlernt. Fortan können sie sich stumm unterhalten. Es dauert nicht lange, und die beiden empfinden mehr als Kameradschaft füreinander.

Leider ist Theo der Ansicht, dass er Bohnenstange nicht der Gefahr aussetzen kann, mit einem gesuchten Verbrecher zusammenzusein. Und außerdem fordern der Zwerg und Dr. Absalom mit ihren Betrügereien wirklich das Schicksal heraus. Bevor das ein böses Ende nimmt, setzt er sich mitten in der Nacht ab.

In der Universitätsstadt Freyborg schließt sich er sich jungen Männern an, die gar aufrührerische Reden wider den König führen. Ihr Wortführer ist ein gebildeter Ex-Adliger, der sich Florian nennt. Florian ist noch radikaler als die anderen: Er will sogar die Monarchie abschaffen. Dennoch verehrt ihn Theo ebenso wie alle anderen: Für ihn übersetzt und schreibt Theo gerne, so zum Beispiel Bittbriefe an den Premierminister Cabbarus und seine Gefängnisverwaltung, die viele brave Bürger Freyborgs gefangenhält.

Theo ahnt nicht, dass er vom Regen in die Traufe geraten ist: Bei diesem Freyborg-Zirkel um den verehrten Florian handelt es sich um Revoluzzer. Und ihr Ziel ist ausgerechnet die Hauptstadt, in der man Theo steckbrieflich sucht.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen unterhaltsamen Roman auf meinem letzten kurzen Madrid-Trip gelesen. Er hat mir vor allem während der langweiligen Wartezeiten auf der Rollbahn prächtig die Zeit vertrieben. Damit meine ich nicht etwa, dass dieses Buch voller schmutziger Witze steckt. Das halte ich in einem Jugendbuch für eher unwahrscheinlich (aber wer weiß, wie weit es mit der Jugend von heute noch kommt?). Vielmehr wollte ich die Figuren näher kennen lernen und wissen, wie es ihnen ergeht.

|Kein Taugenichts|

Theo ist nämlich, obwohl eine Vollwaise, ein aufgeweckter Bursche, der trotz seiner Jugend schon über ein ausgebildetes moralisches Gewissen verfügt. Diese Ansichten, die immer wieder auf die Probe gestellt werden, hat er sich einerseits aus den gelehrten Büchern in Meisters Antons Bibliothek angelesen, andererseits auch immer wieder mit seinem Lehrmeister und Mentor diskutiert.

Dazu gehören Grundsätze, die für uns seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert selbstverständlich geworden sind. Doch zu Theos Zeiten ist das herrschende Gesellschafts- und Regierungsystem der absolutistische Feudalismus: Alles muss nach der Pfeife des Königs tanzen – oder zumindest nach der seines Premierministers. Die Königin hat leider nichts zu melden, und der Leibarzt des Königs, ein rechtschaffener Freidenker, wird vom Hofe verbannt, woraufhin er von Cabbarus sogar noch einen Attentäter hinterhergeschickt bekommt.

Dies alles erinnert doch stark an die französischen Verhältnisse unter Kardinal Richelieu – in populärer Form nachzulesen in Alexandre Dumas‘ Mantel-und-Degen-Abenteuer „Die drei Musketiere“. Natürlich versucht der Autor in seinem Jugendroman keine Gesellschaftsanalyse, geschweige die Schilderung einer Revolution. Vielmehr dürften sich die jungen amerikanischen Leser, an die sich dieses Buch zunächst richtete, an die Zeiten vor dem Unabhängigkeitskrieg erinnert fühlen, also an die Kolonien vor 1776. Die Leser dürften wie ihre Vorväter die Abschaffung des unterdrückenden Systems herbeigesehnt haben.

|Aus Märchenlanden|

Auch dem deutschen Leser ist diese Epoche nicht so wahnsinnig fern, kommt sie doch in zahlreichen Märchen der Brüder Grimm noch in recht lebendiger Form vor, weil nämlich deren erste Sammlung Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Davor sammelten sie fleißig Geschichten, die mündlich überliefert wurden und selbst damals schon recht alt waren.

Doch wer nun erwartet, dass sich Theo den Revoluzzern anschließt, sieht sich enttäuscht. Es würde auch gar nicht zu dieser Figur passen, legt er doch eher ein Verhalten an den Tag, das auf Unauffälligkeit abzielt: Er möchte nicht von der Miliz gefunden und am nächsten Baum aufgeknüpft werden. Vielmehr lebt er in Freyborg quasi im Untergrund.

|Etwas mehr Action, bitte!|

Was nun die Handlung voranbringt, ist zur gelinden Enttäuschung des Lesers nicht Theos oder Florians Eigeninitiative, sondern ein Komplott des Premierministers, der seinem König eine besondere „Freude“ machen möchte. Augustus hat nämlich die Nase voll von all den Totenbeschwörern, die Cabbarus anschleppt, damit sie dem König die Rückkehr der verschwundenen Prinzessin Augusta prophezeien. Diese Scharlatane schmeißt Augustus raus, so dass Cabbarus auf reellen Ersatz sinnt. Einer seiner Spione präsentiert ihm diesen Ersatz auf dem Silbertablett (gegen ein bescheidenes Entgelt, versteht sich): Es ist Bohnenstange in ihrer Eigenschaft als Orakelpriesterin …

Nun ist es natürlich Theos Aufgabe, die gefangene Freundin wieder zu befreien. Leider gerät er dabei selbst in die Bredouille. Also ist der Offenbarungen und Fährnisse noch lange kein Ende. Deshalb konnte ich das Buch erst weglegen, als das letzte Kapitel begann. Dieses Kapitel ist der Epilog und bereitet den Leser auf den Folgeband vor.

|Fantasy? Welche Fantasy?|

Nun darf sich der Leser zu Recht fragen, warum dieses Buch in einer Fantasyreihe erscheint. Bislang sind nämlich weder Zauberer noch Ritter noch irgendwelche Wunderwesen aufgetreten – und das ändert sich auch nicht. Immerhin gibt es einen – nicht ganz genau definierten – kulturellen und geschichtlichen Hintergrund, der wie für ein Märchen geschaffen ist.

Tatsächlich ist dies auch der passendere Rahmen für diese Geschichte. Es gibt wirklich zauberhafte Szenen, aber „zauberhaft“ insofern, als sie die Vorstellungskraft des Lesers fesseln und anregen: Orakelvorstellungen, Totenbeschwörungen und ganz besonders das Grande Finale am Hofe des Königs, als es zu besagten Offenbarungen kommt (und die keinesfalls verraten werden dürfen).

_Unterm Strich_

In den „Chroniken von Prydain“ siedelte der Autor seine humorvollen Helden-Geschichten noch im mythisch-überzeitlichen Raum an. In der Westmark-Trilogie verlegt er den Schauplatz der Story in den geschichtlichen Raum, obwohl weder Zeit noch Ort ganz genau festzumachen sind.

Spannung, Humor, Romantik und eine gehörige Portion Action und Fantasie, die dieser Roman mitbringt, haben mich genügend gut unterhalten, um den Auftaktband der Westmark-Trilogie weiterzuempfehlen. Ich bin schon gespannt, wie es mit Theos Abenteuern weitergeht. Im Auftrag des Hofes soll er „die Verhältnisse im Königreich“ erkunden. Vielleicht lässt sich da ja noch einiges beheben, was Cabbarus einst angerichtet hat.

Feige, Marcel – neue Lexikon der Fantasy, Das

Marcel Feige als Verfasser von „Das neue Lexikon der Fantasy“ hat nach der 1. Auflage (2000) im Juli 2003 eine überarbeitete Ausgabe zum Abschluss gebracht. Das Buch wurde diesmal in einer Taschenbuchausgabe publiziert; mit 562 Seiten ist es umfangreicher als sein Vorgänger (384 Seiten), etwa 100 s/w-Abbildungen (zuvor: 48 Abbildungen) vervollständigen den Inhalt. Der Verlag definiert als Zielgruppe Harry-Potter-Fans, Tolkien-Anhänger, Märchen-Freunde, Fantasy-Leser, Rollenspieler, Kinogänger, überhaupt alle, die sich für phantastische Welten interessieren. Also genau das Publikum, das beim |X-Zine| nach Informationen sucht …

Marcel Feige, alleinverantwortlicher Verfasser des Nachschlagewerkes, verrät uns gleich auf seiner Seite 1, „dass das Lexikon Informationslücken besitzt … Natürlich spielte bei der Zusammenstellung des Lexikons auch die persönliche Vorliebe des Autors eine gewisse (wenngleich zurückhaltende) Rolle.“ Nun gut, das lässt einiges erahnen, leider dämpft eine solche Bemerkung gleich die Erwartungshaltung empfindlich. Erstaunlich ist auch, dass ich an keiner Stelle den Vorschlag entdecken konnte, bei Fehlern oder Lücken den Verfasser auf diese hinweisen zu wollen. Ein gesundes Selbstbewusstsein macht ein solches Ansinnen sicher überflüssig, wer alles weiß, hat kein Bedürfnis nach Hinweisen oder Vorschlägen. Das wiederum ist für mich eine regelrechte Aufforderung, dieses Lexikon umso genauer durchzuarbeiten.

Zwei Mitarbeiter (Kuno Liesegang und Ralf Krause) werden neben Marcel Feige aufgeführt, mir ebenso wie der Verfasser selbst aus dem Dunstkreis der Fantasy-Facharbeiter in Deutschland gänzlich unbekannt (Kuno Liesegang fällt mir im Zusammenhang mit dem Horror-angehauchten Magazin „Nocturno“ ein, so wie er überhaupt mehr diesem Genre verhaftet zu sein scheint; ein Einfluss, der sich in der Auswahl der Beiträge im vorliegenden Lexikon durchaus bemerkbar gemacht haben kann).

Nach zwei Vorworten fasst Marcel Feige die „Geschichte der Fantasy“ auf sechs Seiten zusammen; er beginnt ganz früh bei Homer vor 2.800 Jahren und schmeißt zur Gegenwart den Deckel aufs Thema. 5000 Jahre Literaturgeschichte auf 6 Seiten – das kann nur ein sehr gewagter Überblick sein. Und ist demnach bestenfalls für völlig von der Fantasy Unbeleckte mit informativem Gehalt angereichert. Der von mir unkommentierte Vergleich: „Die Entwicklungsgeschichte der Science Fiction“, Seite 26 bis 150 (!), in Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur, München 1987.

Doch das, was mich grundsätzlich interessiert, entblättert sich auf den Beiträgen danach, anfangend bei A wie „Abenteuer“ und endend bei Z wie „Zyklopen“. Marcel Feige stellt in seinem Lexikon Personen, Bücher, Filme, Spiele, Legenden, Märchen, Magazine und Firmen vor, alphabetisch geordnet, wie es sich gehört.

Unter dem Buchstaben „D“ beispielsweise entdecken wir: Dalí, Salvador; Damona King; Dämonen-Zyklus; Dämonen-Zyklus; Dark Fantasy; Dark Force; de Camp, L(yon) Sprague; De Lint, Charles; Dean, Roger; Demontower; Demonworld; Dent, Lester; Deryni-Zyklus; Deutsche Tolkien Gesellschaft e. V.; Deutscher Phantastik Preis; Dhana; Dickens, Charles; Dickson, Gordon R(upert); Der Dieb der Zeit; Der Dieb von Bagdad; Der Dieb von Bagdad; Der Dieb von Bagdad; Die Diebin von Bagdad. Die Erläuterungen zu den einzelnen Begriffen sind unterschiedlich lang geraten; zu einigen Beiträgen hätte ich mir mehr Details gewünscht, zu anderen weniger. Zu aufgeführten Roman-Serien werden die dazugehörigen Einzelbände (wo möglich, die deutschen Übersetzungen) gelistet. Querverweise führen weiter und vervollständigen die lexikalischen Einträge.

Die Auswahl ist, wie oben angesagt, von den persönlichen Vorlieben des Autors geprägt. Ich würde diese „Vorlieben“ vielleicht auch gleichsetzen mit „Erfahrungen“, denn das, was dann Eingang gefunden hat ins Buch, liest sich bisweilen wie ein Sammelsurium an Begrifflichkeiten, deren Plausibilität manchmal sehr zu wünschen übrig lässt.

„Shadowrun“ wird auf 2 ½ Seiten abgehandelt, „Dungeon & Dragons“ dagegen nur auf einer mageren Seite (wobei nur in einem einzigen Satz auf die deutschen Ausgaben hingewiesen wird.) Dabei ist lt. |FanPro| „Shadowrun … eine Science-Fiction-Hintergrundwelt, in der Geschichten und Abenteuer angesiedelt sind, vergleichbar mit den Hintergrundwelten von Science-Fiction-Filmen, -Fernsehserien und -Romanen.“

Erstaunlich sind auch Bemerkungen wie im |Dungeons & Dragons|-Beitrag: „… ist eines der ersten Rollenspielsysteme, das der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.“ Oder zu Gary Gygax: „1974 gründete er die Firma TSR und veröffentlichte eines der ersten Rollenspiele, ‚Dungeons & Dragons‘.“ Vor D&D gab es nichts Vergleichbares.

Unter einem eigenständigen Eintrag wird der „Vielflächner“ beschworen, der mehrseitige Würfel. Dieser Begriff ist mir zwar aus der Geometrie bekannt, aber im Rollenspiel noch nicht untergekommen.

Dazu schleichen sich Recherchefehler ins Innere des Lexikons. George R. R. Martins Roman-Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ wird umfirmiert in „Das Lied von Feuer und Eis“. Klingt nicht schlecht, ist aber falsch.

Das Magazin „Magira“ wurde der Herausgeberschaft des gesondert aufgeführten EDFC e. V. (Erster Deutscher Fantasy Club) zugeordnet, was sich alleine durch einen sorgfältigen Blick in das Magira-Impressum als schlichtweg falsch erweist: „Herausgegeben von Hubert Straßl und dem Fantasy Club e. V.“

Überhaupt vermisse ich eine Erwähnung des „Fantasy Club“, noch immer der bedeutsamste Fantasy-Verein im deutschsprachigen Raum ist. (Immerhin veröffentlichte dort Dr. Helmut W. Pesch, im Lexikon zu Recht mit einem eigenen Eintrag geehrt, aber im Vorwort gleichsam herabgekanzelt als „hoffnungsvoller Nachwuchs“; dabei hat dieser bereits professionell gearbeitet, als Marcel Feige das Wort „Fantasy“ nicht einmal vorwärts buchstabieren konnte.)

Hinzu kommen widersprüchliche Beiträge wie der zu „Sword & Sorcery“: „Geprägt wird der Begriff zum ersten Mal durch Fritz Leiber, der die Abenteuer seiner beiden Helden im Schwerter-Zyklus einordnen möchte …“ (Seite 424). „Mit der Anthologie ‚Sword & Sorcery‘ prägt de Camp 1963 ein Subgenre der Fantasy und gibt ihm einen Namen: Sword & Sorcery.“ (Seite 91). Ja, wer denn nun, de Camp oder Leiber? („Der Begriff stammt von Fritz Leiber und taucht zum ersten Mal in einem Magazin namens |Ancalagon| bzw. 1961 in der Julinummer des Magazins |Amra| auf.“ Hetmann, Frederik: Die Freuden der Fantasy, Ullstein 1984)

Magazine werden von Marcel Feige angeführt, die „WunderWelten“ gehört mit Fug und Recht dazu, doch was kommt dann: die „Fantasywelt“ („eher fanmäßiges Infomagazin“). Wo lese ich etwas von der ungleich bedeutsameren „ZauberZeit“, wo ist die Rede von der „Spielwelt“ (der ersten ernsthaften Rollenspielzeitschrift in Deutschland)? Ein solch weitergereichtes Informationsdefizit ist nicht einfach mit der Hand wegzuwischen, denn dieses Lexikon bietet laut Klappentext „einen umfassenden Überblick“, von Lücken und Nachlässigkeiten kein Wort. Was also wird jemand, der sich dieses Lexikon zur Grundlage seiner Arbeit nimmt (weil nichts anderes als Konkurrenzprodukt zur Verfügung steht), womöglich in seinen Artikel aufnehmen: „Deutschlands bekannteste Fantasy-Magazine Fantasywelt und WunderWelten …“

Weshalb werden die Spielbücher mit keiner Silbe erwähnt, die immerhin ein wichtiger Schritt hin zu den textbasierten PC-Rollenspielen waren (von denen Nachfolger wie die „Ultima“-Serie nicht erwähnt werden, aber ein simpler Konsolen-Epigone wie „Zelda“ verewigt wird. Hineingehört hätten stattdessen „Baldur’s Gate“, „Neverwinter Nights“ oder „Diablo“) und in Deutschland eine breite Leserschaft amüsierten?

Ich freue mich über den Versuch, der deutschsprachigen Gemeinde ein Fantasy-Lexikon zu präsentieren. Die Mehrzahl der Beiträge in diesem Lexikon ist ordentlich geraten. Doch die Ausreißer sind nicht von der Hand zu weisen, im Gegenteil: Sie sind in mancher Hinsicht sehr ärgerlich. Damit verhindert Marcel Feige, dass dieses Lexikon als Grundlagenbuch oder Referenz empfohlen werden kann. Es fehlt zu viel, und einiges ist nicht richtig.

Wozu eignet sich dieses „Neue Lexikon der Fantasy“? Zum Schmökern, zum Nachschlagen, als eine mögliche Informationsquelle für Neugierige, die eine erste Übersicht über Fantasy gewinnen möchten.

_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Kettlitz, Hardy (Hrsg.) – Alien Contact Jahrbuch 2003

Seit 2002 erscheint das Magazin „Alien Contact“ nicht mehr in gedruckter Form, sondern „nur“ noch im Internet. Gebündelt gibt es die dort veröffentlichten Beiträge im „Alien Contact Jahrbuch“, von dem jetzt die zweite Ausgabe vorliegt. Das Jahrbuch 2003 wartet gleich mit einer Neuerung auf – parallel erscheint nun auch das „Shayol Jahrbuch für Science Fiction“. Hardy Kettlitz begründet dies im Vorwort mit dem gestiegenen Gesamtumfang der Online-Ausgaben. So will man künftig Erzählungen, Essays und Interviews im „Alien Contact Jahrbuch“ publizieren, die direkt auf das Jahr bezogenen Beiträge – wie Rezensionen oder Rückblicke sowie eine ausführliche Bibliographie – dagegen im „Shayol Jahrbuch“. Keine Konkurrenz im eigenen Hause, wie der Herausgeber betont, sondern eine Ergänzung. Bleibt die Frage, ob der Leser beim Preis von 18,90 beziehungsweise sogar 19,90 dann auch mitspielt. Und sich ergänzend auch noch [„Heynes Science Fiction Jahr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=459 zulegt, das den jährlich wiederkehrenden Einstellungsgerüchten zum Trotz ja immer noch erscheint …

Das größte Augenmerk der gesammelten Ausgaben 51 bis 57 verdienen die Kurzgeschichten. Herausragend: George R. R. Martins „Die zweite Speisung“. Lange bevor sich Martin an sein (zu Recht) gefeiertes Fantasy-Epos „Das Lied von Eis und Feuer“ setzte, brillierte er in den siebziger Jahren bereits als Autor überdurchschnittlicher Kurzgeschichten, ehe er sich seinen ersten Romanen zuwandte, fürs Fernsehen („Twilight Zone“) arbeitete, die Shared-World-Serie „Wild Cards“ herausgab und schließlich bei der epischen Fantasy landete. „Die zweite Speisung“ ist eine der Storys um den exzentrischen Öko-Ingenieur Haviland Tuf, deren gesammelter deutscher Ausgabe (nach dem Vorbild „Tuf Voyaging“ von 1988) sich eines Tages hoffentlich einmal ein Verlag erbarmt. Eine deutsche Erstveröffentlichung, zu der man |Alien Contact| gratulieren darf. Wie auch zu Elizabeth Hands „Engels, in Unkenntnis“, einer atmosphärisch dichten, spannend erzählten und bitterbösen Geschichte über den Börsencrash am „Schwarzen Montag“, dem 19. Oktober 1987. Nett zu lesen, aber vergleichsweise harmlos ist dagegen Terry Bissons „Ich habe das Licht gesehen“. Pat Cadigans Geschichte „Rock on“ (bereits auf deutsch veröffentlicht: in der |Heyne|-Anthologie „Spiegelschatten“, herausgegeben von Bruce Sterling) macht genau das, was der Titel verspricht: Sie rockt. Nicht nur Cyberpunk-Freunde werden daran ihren Spaß haben.

Auch einige der deutschen Storys stehen hinter den vier Übersetzungen keinesfalls zurück: An erster Stelle ist „Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse“ von Angela und Karlheinz Steinmüller zu nennen (ebenso für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wie die gleichfalls hier vertretenen Geschichten „Don’t Make Me Come Down There“ von Christian Fischer und „Pakettage“ von Barbara Slawig). Die Steinmüllers lassen – höchst amüsant für den Leser und mindestens ebenso beängstigend für den Protagonisten – eine virtuelle Alternativwelt-DDR auferstehen. Leider verschwindet diese fast genauso schnell wieder in den unergründlichen Tiefen des Netzes, wie sie aufgetaucht ist; vielleicht, vielleicht wird aus dieser Idee ja mal eines Tages eine längere Erzählung oder gar ein Roman, vollständig ausgereizt scheint sie hier jedenfalls noch nicht. Christian Fischers Zukunftsvision ist eine ganz andere: Düster und bedrohlich kommt seine Story daher und schildert eine Welt, in welcher der immer stärker auftrumpfende internationale Terrorismus kaum noch Spuren dessen zurückgelassen hat, was uns vertraut ist. Und schnell ist es gegangen: Osama bin Laden lebt noch, Fidel Castro ist erst knapp über hundert Jahre alt – eventuell ein Schwachpunkt, aber wer weiß schon, was morgen geschieht …

Barbara Slawigs Geschichte disqualifiziert sich selbst, da sie im Universum (und offensichtlich auch Kontext) ihres Romans „Die lebenden Steine von Jargus“ (oder „Flugverbot“, so der Titel der Neuauflage bei |Argument|) spielt. Beim damit nicht vertrauten Leser bleibt das Gefühl zurück, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Richtig lustig ist Uwe Hermanns „Unser Biomat“, ebenfalls komisch und gleichzeitig bizarr; stilistisch allerdings doch mit Schwächen behaftet kommt Tubes „Starblut – Eine Zukunftsvision“ daher. Die Horrorfans werden mit Constantin Werners gelungener Geschichte „Der Sukkubus“ bedient. Wolfgang Polifkas „www.totalviewnet@Weihnachten“ ist genau das, was der Untertitel aussagt: eine Weihnachtsgeschichte, nett erzählt, mit einer ordentlichen Pointe, wenngleich zwischendurch das Tempo ein bisschen auf der Strecke bleibt. Dann gibt es noch eine ganze Reihe von Geschichten, die sich in einen Topf werfen lassen: Vermutlich braucht ein Magazin diese kurzen „Appetizer“, heiter bis lustig, mit einer schwer zu verleugnenden Tendenz zur Albernheit, über die man sich nicht groß den Kopf zu zerbrechen braucht, die aber vielleicht dazu anregen, an anderer Stelle (online) weiterzulesen. Im Buch stellen diese Storys – von Thomas Wagner, Jakob Schmidt, Sabine Wedemeyer-Schwiersch, Erik Simon und Alexander Weis – aber eher die Schwachpunkte dar, gerade auch im Vergleich zu den oben genannten. Dabei sind sie, um Missverständnissen vorzubeugen, keinesfalls schlecht geschrieben.

Nicht alles ist so gelungen wie die Storys. Eine Ansammlung verschenkter Möglichkeiten sind beispielsweise die Interviews, die den Leser allesamt nicht zufrieden stellen können. Dabei wurden eigentlich interessante Leute befragt: Marcus Hammerschmitt, Barbara Slawig, Gerd Frey oder die Künstlerin Martina Pilcerova haben alle durchaus etwas zu sagen – oder hätten es. Denn es werden ihnen leider die falschen Fragen gestellt. Den Interviewern fehlt es – vergleichbar einer Dauerwerbesendung im Fernsehen – an jeglicher kritischen Distanz. Sie fragen brav, nach Leben, Werk, Gott und der Welt, bleiben dabei aber zu sehr an der Oberfläche und scheuen sich auffallend, auch endlich einmal nachzuhaken. Fragen, die den Interviewten zum Widerspruch reizen könnten oder – noch schlimmer – die ihm gar missfallen könnten, scheinen verboten zu sein. Besonders auffallend ist das bei Michael Lohrs Interview mit Robert Rankin: Fannische Ehrfurcht und glühende Begeisterung sprechen aus jeder Zeile, der Fragesteller scheint nicht eine Sekunde auf die Idee zu kommen, dass er das Interview nicht nur zu seinem und des Autors Gefallen führt. Rankins Antworten sind genauso „lustig“ wie seine Romane – der Informationsgehalt tendiert gen Null. Die positive Ausnahme ist das Gespräch mit Mary Doria Russell, das auf der |ElsterCon| 2002 in Leipzig geführt wurde. Hier kommen plötzlich interessante Fragen – sinnigerweise aus dem Publikum –, die der Autorin dann auch interessante Antworten entlocken. Alles andere ist leider harmloser Small Talk.

Höchst lobenswert ist dagegen wieder Michael Roths Autorenporträt von Theodore Sturgeon. Der Verfasser hat sich tatsächlich intensiv mit Sturgeon (der Person, nicht nur dem Werk) befasst und schafft es auch, sein breites Wissen unterhaltsam und gleichzeitig informativ zu vermitteln. Hervorragend – bitte mehr davon. Das Gegenbeispiel folgt im zweiten Autorenporträt: Stefan T. Pinternagel will den Amerikaner Barry Hughart vorstellen, verliert über diesen selbst aber kaum mehr als zwei Absätze und widmet sich stattdessen ausführlichst den von Hughart verfassten und bei |Piper| erschienen Meister-Li-Romanen. Durchaus legitim – aber bitte nicht unter dem Label „Porträt“. Da erwartet der Leser keine verkappten Rezensionen. Wie überhaupt auch noch zwei weitere Rezensionen Einzug ins Buch gefunden haben, was ja laut Vorwort eigentlich nicht der Fall sein sollte. Da Rezensent Thomas Harbach aber dazu neigt, ausführlichste Informationen über die jeweiligen Autoren (hier: Hope Mirrlees und Ana Maria Matute) in seine Besprechungen zu packen, ist der Schaden nicht allzu groß. Auch John Clutes „Gefährlich Ehrlich“-Kolumne geht in Richtung Rezension. Seine Ausführungen über Margaret Atwoods „Oryx und Crake“ hinterlassen zwei Fragen: Muss ein Roman schlecht sein, weil er in einer vergleichsweise „altmodischen“ SF-Zukunft angesiedelt ist, die nichts von dem „bigger, better, faster, more“ hat, dem manche Autoren meinen, mit aller Gewalt (und bis hin zur schieren Unverständlichkeit) frönen zu müssen? Und kann die geschätzte Autorin von „The Handmaid’s Tale“ (ein Roman, der sich übrigens auch vieler alter und ältester SF-Motive bedient, deshalb aus dieser – Clutes – Sicht wohl eher nicht als innovativ einzustufen ist, aber dennoch ein brillantes Stück Literatur darstellt) wirklich ein so schlechtes Buch schreiben? Ohne „Oryx und Crake“ gelesen zu haben: Wohl kaum, in beiden Fällen. Womit Clute erreicht hat, was er sicher nicht erreichen wollte. Margaret Atwood verkauft demnächst ein weiteres Exemplar ihres neuesten Romans, damit diese voreilige Behauptung auch überprüft werden kann.

Genug davon, schließlich findet sich noch weitaus mehr im „Alien Contact Jahrbuch“, etwa unter den Essays, die sicher auch vereinzelt die Geschmäcker spalten werden. Der Themenmix, das muss aber uneingeschränkt betont werden, stimmt: Die Columbia-Katastrophe (und damit die bemannte Raumfahrt), das Dauerthema Klonen oder – etwas schwer verdaulich, weil höchst wissenschaftlich – „die Evolution des Universums“ werden behandelt. Boris Koch macht sich Gedanken über Lovecrafts |Cthulhu|-Mythos, Adam Roberts über die |Matrix|-Filme. Spannend sind die Rückblenden auf Artikel aus den allerersten |Alien Contact|-Ausgaben, die allesamt um die sich damals ihrem Ende zuneigende DDR kreisen und von ihren Verfassern – Ralf Lorenz, Karlheinz Steinmüller, Michael Szameit und Bernhard Kempen – aus heutiger Sicht kommentiert werden. Deutsch-deutsche Science-Fiction-Geschichte, die nachdenklich macht, manchen vielleicht sogar wehmütig, an einigen wenigen Stellen aber auch zum Schmunzeln anregt – auch das sollte unbedingt in dieser Form beibehalten werden.

Das Fazit ist allen erwähnten kritischen Punkten zum Trotz eine Kaufempfehlung. Allein die Storys sind es bereits wert – beim Rest wird wohl jeder SF-Interessierte feststellen, dass der überwiegende Teil der Beiträge sein Interesse findet. Einschränkend sei angemerkt, dass der Titel zwar ein Jahrbuch „für Science Fiction und Fantasy“ verheißt, doch zu letzterem Genre (wie auch zum Horror) die Grenzen nur eher selten überschritten werden.

_Armin Rößler_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

|Alien Contact| online: http://www.alien-contact.de/

Stackpole, Michael A. – große Kreuzzug, Der (Düsterer Ruhm 6)

Manches möchte man einfach nicht mehr hören: Den bei Fantasyromanen oft überstrapazierten Vergleich mit dem |Herren der Ringe| zum Beispiel. Doch bei dem Fantasyzyklus _“Düsterer Ruhm“_ von Michael Stackpole kann man Parallelen und ebenso auffällige Unterschiede einfach nicht ignorieren:

|Was wäre, wenn … Bilbo Beutlin und sein Vater von Sauron in Nazgul verwandelt und der prophezeite Retter Frodo auf dem Schicksalsberg in die Lava gestürzt wäre?|

„Der große Kreuzzug“, sechster Roman der siebenbändigen Saga, spielt mit dieser Mischung aus ähnlich dem Herren der Ringe prophetisch festgelegtem Handlungsverlauf und unerwarteten Brüchen und Überraschungen.

In den ersten Bänden wurde ein tragischer Held, Tarrant Valkener, aufgebaut, der ansehen musste, wie der erste Held der Prophezeiung, sein Freund Leif Norderstett, mitsamt seinem Vater und Tarrants Geliebter in Sullanciri (entspricht den Nazgul) umgewandelt und in die Dienste der bösartigen Hexe Kytrin und ihrer monströsen Nordlandhorden im eisigen Land Aurolan gepresst wurde. In der Folge wurde der Sohn seines ehemaligen Freundes Leif, Will Norderstett, an der Seite des zum erbitterten Widersacher Kytrins gewordenen Valkener zum neuen Helden aufgebaut – um ebenso tragisch zu enden wie seine Vorgänger.

Warum sich Will geopfert hat, über die Ränke der zerstrittenen Reiche der Menschen, den erfolgreichen Feldzug des an Marcus Antonius erinnernden Generals Markus Adrogans, die Rolle von Ælfen und Zwergen – bei Stackpole urSreiði genannt – kann ich nur sehr grob schildern: Die epische Breite des Zyklus ist beeindruckend und überwältigend. Deshalb ist der Einstieg in die Serie ab Band 1 nahezu zwingend notwendig. Von abenteuerlichen Einzelschicksalen, wie dem Tarrant Valkeners, bis hin zu der Belagerung der gewaltigen Festung Draconis, dem Einsatz von Magie, Schießpulver und ersten Kanonen bis hin zu fast schon obligatorischen, problembeladenen Liebesgeschichten reicht das Spektrum dieses Zyklus.

_“Der große Kreuzzug“_ setzt die Reihe nach dem überraschenden Ableben Will Norderstetts fort, die Handlung konzentriert sich auf Kytrins Plan, die letzten Fragmente der Drachenkrone zu erbeuten, die ihr und der hinter ihr stehenden, von den Drachen in die Tiefen der Erde verbannten, älteren Macht der Oromisen die Herrschaft über alle Drachen der Welt – und damit zwangsläufig über diese selbst – geben würde.

Keine Lichtgestalt ist mehr vorhanden, die alle zerstrittenen Reiche der Menschen vereinen könnte, erfolgreiche Generäle wie der siegreiche Adrogans werden mit Misstrauen beäugt. König Swindger von Oriosa fällt vollends unter den Einfluss Kytrins, unbemerkt vom Rest der Welt. Der Magier Kjarrigan Lies perfektioniert derweil auf der Dracheninsel seine Kenntnisse der Magie, während Kytrin Erfolge erzielt und ihrem Ziel, der Findung des letzten Drachenkrone-Fragments, immer näher kommt. Der inzwischen nur noch als „Kräh“ bekannte Valkener und sein ælfischer Freund „Entschlossen“ können dennoch eine bunte Armee aus Veteranen, Nichtsnutzen und Straßenschlägern zusammenstellen, die zur Befreiung einer elfischen Heimstatt, der Insel Vorquellyn, aufbricht. Entschlossen sieht trotz der gescheiterten Prophezeiung noch Hoffnung, er glaubt an eine ältere, ælfische Auslegung.

In Kytrins Festung im eisigen Aurolan hegt derweil ihre als künftige Herrscherin der Welt geplante Tochter Isaura Zweifel an der Herzensgüte ihrer Mutter: Die Oromisen flößen ihr Furcht ein, Will Norderstetts Tod betrübt sie, und Zweifel schleichen sich in ihr bisher positives Weltbild eines aurolanischen Reiches ein, vor allem entsetzt sie die Unbarmherzigkeit und Grausamkeit ihrer Mutter, die sie nicht mehr als erzwungene, bittere Notwendigkeit ansehen und bewundern kann.

Man sieht, wie komplex die Beziehungsgeflechte in dieser Fantasywelt sind, zahlreiche wichtige Personen habe ich gar nicht erst erwähnt, um Verwirrung zu vermeiden. Hierin liegt auch eine Stärke – oder Schwäche – der Serie: Es gibt keine zentrale Hauptfigur auf Seite der „Guten“. Dafür eine große Auswahl starker Charaktere, im vorliegenden sechsten Band fehlt jedoch einfach ein wenig der Faden, wie sich die Geschichte weiterentwickeln soll. Es passiert auch nicht wirklich viel, dafür werden die notwendigen Grundlagen für das Finale im abschließenden Band gelegt.

Wie die Serie enden wird, kann man nicht vorhersagen. Zu oft und überraschend hat Stackpole bereits ausgetretene, klassische Pfade verlassen. Wie man Kytrin nun besiegen wird, oder überhaupt, ist völlig offen. Das erhält die Spannung aufrecht. Es spricht für die Serie, dass selbst dieser vergleichsweise handlungsarme Roman mich bis zur letzten Seite fesseln konnte.

Michael Stackpole stellt erneut seine Qualitäten unter Beweis – faszinierende und stimmige Fantasiewelten hat er bereits in der |BattleTech|-Serie mit seinen Romanen um die Clans geschaffen, während es seinen eigenständigen Romanen stets ein wenig an Innovation mangelte. Das ist grundsätzlich hier nicht anders, seine Stärke besteht darin, sich in andere Welten hineinzuversetzen und sie zum Leben zu erwecken, zu verbessern, anstatt völlig neue zu schaffen. Die Orientierung am „Herren der Ringe“ gibt seiner Saga einen grandiosen, epischen Rahmen. Den er mit eigenen Ideen und seinen Stärken wie grandiosen Schlachtbeschreibungen und der Fähigkeit, seinen Helden Tiefe und glaubhafte Motivationen zu geben, zusätzlich mit Leben erfüllt.

Einige ironische Seitenhiebe auf den Herren der Ringe konnte sich Stackpole wohl nicht verkneifen: Seine Sprache ist einfach und eingängig, was der Handlung nur zugute kommt. Dennoch würde jeder Tolkien-Fan wohl die sprachliche Überlegenheit Tolkiens zu Recht betonen. Stackpole lässt einen seiner Helden, den zum Bösen konvertierten Leif Norderstett, in furchtbaren Knüttelversen reimen und sprechen. Zusätzlich versetzt er die Namen der Elfen und Zwerge mit Sonderzeichen, macht sie zu Ælfen und urSreiði. Man kann nur spekulieren, was ihn dazu bewogen hat. Meiner Ansicht nach schafft Stackpole so einen altertümlichen Touch, ohne in die veraltete und oft gestelzte Sprache eines Tolkien zu verfallen, die er mit Leifs Reimereien gezielt parodiert.

Handlungsvielfalt, epische Breite, Komplexität, Überraschungen, hier und da ein wenig Innovation und Verfremdung … Was will man mehr? „Düsterer Ruhm“ ist eine moderne Variante des „Herren der Ringe“, die ich jedem Fan epischer und actionreicher Fantasy nur ans Herz legen kann. Allerdings sollte man unbedingt mit dem ersten Band beginnen!

_Der „Düsterer Ruhm“-Zyklus im Überblick:_
Zu den Waffen!
König der Düsterdünen
Festung Draconis
Blutgericht
Drachenzorn
_Der große Kreuzzug_
Die Macht der Drachenkrone

Anmerkung: Die ersten fünf Bände erschienen bei |Heyne|, ab Band sechs zeichnet der |Piper|-Verlag für die Serie verantwortlich. „Zu den Waffen!“, |Düsterer Ruhm 1|, wurde allerdings bereits wieder bei |Piper| neu aufgelegt (ISBN 349229121X, November 2004). Die einheitliche Einbandgestaltung wurde beibehalten.

Pohl, Frederik – Gateway-Trilogie, Die

_Gateway_

Der ehemalige Raumfahrer Robinette Broadhead erzählt in Rückblenden, wie er zu seinem sagenhaften Reichtum gekommen ist. Die Gespräche finden mit seinem Psychiater „Sigfrid Seelenklempner“, einer künstliche Intelligenz, statt. Broadhead leidet an einem großen Schuldkomplex, den Sigfrid in langen, analytischen Gesprächen freilegen möchte. Dabei erfährt der Leser die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Rob Broadhead. In ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, erhält er in jungen Jahren durch einen Lottogewinn die Chance, nach |Gateway| zu fliegen. Gateway ist ein ausgehöhlter Asteroid, in dem sich außerirdische Artefakte einer alten Rasse, der |Hitschi|, befinden. Dabei handelt es sich um kleinere Raumschiffe mit einer dem Menschen unbekannten Technologie, welche Flüge mit Überlichtgeschwindigkeit ermöglichen. Das größte Problem ist jedoch, dass nicht nur die Technologie, sondern auch die Handhabung und Steuerung für den Menschen unverständlich ist. So weiß man weder das Ziel der Schiffe noch die genaue Flugdauer. Die meisten dieser waghalsigen Prospektoren, welche sich in ein solches Raumschiff setzen, haben nichts mehr zu verlieren und hoffen auf ungeahnten Reichtum. Die Raumfahrer, welche nicht sterben, verloren gehen oder wahnsinnig werden, können nämlich Millionäre werden. Doch dafür müssen sie unbekannte Artefakte von Planeten mitbringen, so dass sie neben einer pauschalen Prämie, welche die Gateway-Gesellschaft zahlt, noch Bonus-Zahlungen aufgrund von weiteren technischen Entwicklungen auf Basis der gefundenen Gegenstände erhalten. Rob Broadhead hat dieses Glück und wird steinreich – doch er zahlt dafür einen hohen Preis, der letzte Flug endet in einer persönlichen Tragödie.

_Beyond the blue Event Horizon_

Die Abenteuer des Robinette Broadhead gehen weiter. Als reicher und einflussreicher Mann leitet er viele Projekte, welche das Geheimnis der Hitschi-Rasse ergründen sollen. Wer waren sie? Woher kamen sie und wo sind sie nun? Die Erde ist gebeutelt von Überbevölkerung, Armut und vor allem Hunger. Da wird eine Nahrungsfabrik der Hitschi entdeckt, welche aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff („CHON“) Nahrungsmittel produzieren kann. In der Fabrik existiert künstliches und natürliches Leben – doch sind es die Hitschi? Broadhead selbst wird aktiv, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

_Hechee Rendezvous_

Einige Jahre nach den ersten Ereignissen – Rob Broadhead ist mittlerweile in die Jahre gekommen – sind viele Rätsel der Hitschi entschlüsselt. So ist es möglich, die Raumschiffe nach Belieben zu steuern und zu manövrieren. Doch neue Gefahren zeichnen sich ab. Terroristen halten die Welt in Atem und trachten Broadhead nach dem Leben. Zusammen mit seiner Frau und seinem Berater, dem Computerprogramm „Albert Einstein“, fliegt er an die verschiedensten Orte der Welt, um die Terrorismus-Gefahr zu bekämpfen und gleichzeitig den Hitschi nachzuforschen. Aus Angst vor einer unglaublichen Gefahr verließen sie vor langer Zeit die Galaxis. Diese schlafende Gefahr droht nun zu erwachen.

_Frederick Pohl_ wurde 1919 in New York als Enkel deutscher Einwanderer geboren. Nach dem Besuch der |Technical High School| in Brooklyn sympathisierte er in den dreißiger Jahren mit sozialistischen Bewegungen. Bereits im Alter von 20 Jahren übernahm er die Redaktion der SF-Magazine „Astonishing Stories“ und „Super Science Stories“ und fing zeitgleich mit dem Schreiben an. Nach seinem Kriegsdienst in Italien im Zweiten Weltkrieg begann er eine Karriere als Texter in einer Werbeagentur in New York. In den fünfziger und sechziger Jahren machte Pohl durch zahlreiche satirische Kurzgeschichten und Novellen, bei denen er seine Erfahrungen in der Werbeindustrie geschickt einbrachte, auf sich aufmerksam. Erst Ende der siebziger Jahre beginnt seine Karriere als anerkannter Autor von SF-Romanen. Neben den beiden Werken „Man Plus“ und „Jem“ ist es vor allem die vorliegende, mit verschiedenen Preisen ausgezeichnete Trilogie, welche ihm großen Ruhm auch außerhalb der USA bescherte.

_Die |Gateway|-Trilogie_ weist sehr viele sozialkritische Züge auf und kann als moderne Space-Opera bezeichnet werden. Vor allem im ersten Teil gewinnt der Roman durch eingestreute Werbetexte, Kleinanzeigen, Berichte und Aufsätze eine sehr ansprechende Authenzität. Dies und die geschickte Erzähltechnik zeugen von einem ausgefeilten Stil, wie man ihn in der Science-Fiction selten findet. Die aufgebaute Atmosphäre ist atemberaubend – der Leser sieht sich förmlich mit im Zimmer von Sigfrid Seelenklempner sitzen und lauscht gebannt seinen Ausführungen – während er sich auf der nächsten Seite in der schmierigsten Kneipe auf Gateway wiederfindet. Gateway mit seiner Struktur, seinen unverwechselbaren Gestalten und dieser angespannten Stimmung bleiben prägend im Gedächtnis. Ungeahntes Glück von erfolgreichen Prospektoren trifft auf unaussprechliches Leid der Hinterbliebenden, welche einen lieben Menschen in den Weiten des Alls verloren haben.

Pohl bringt dem Leser die Raumfahrt in den Hitschi-Schiffen nicht als romantisch verklärtes Abenteuer dar, sondern als abartigen Trip in die Abgründe der menschlichen Psyche. Die nackte Angst in der Einsamkeit eines Raumschiffs treibt die Prospektoren an die Grenze des Wahnsinns – während der Leser den Atem anhält und weiterlesen muss. Besonders gut im ersten Teil sind die vielschichtigen Therapie-Gespräche mit Sigfrid Seelenklempner, die einzigartige Stimmung und vor allem die Charaktere. Sie sind außergewöhnlich gut entwickelt und sehr lebensecht. Der Leser hat nach einiger Zeit das Gefühl, Rob Broadhead persönlich zu kennen. Dabei gibt es kein Gut-Böse-Schema, was sehr erfreulich ist. So passiert es schon mal, dass der Sympathieträger Rob seiner Freundin in einem Anfall von Eifersucht die Zähne ausschlägt. Beim Lesen wirkt eine solche Situation sehr befremdlich, aber vor allem sehr realistisch und lebensnah. Zusätzlich wird eine gewisse erotische und sexuelle Spannung aufgebaut, was ich in dieser Form bislang in keinem Science-Fiction-Roman erlebt habe. Dies ist jedoch sehr geschickt bewerkstelligt und durchaus ansprechend.

Der erste Teil der Trilogie hat mich dermaßen in seinen Bann gezogen – ein äußerst empfehlenswerter Lesespaß und sicherlich nicht umsonst ein legendäres Werk der Science-Fiction. Die Erwartungen an die nachfolgenden Bände sind daher naturgemäß sehr hoch – und wurden bei mir bitter enttäuscht. Nach dem psychologisch durchdachten ersten Teil mündet die Handlung dann in eine zweitklassige Abenteuergeschichte. Die Enträtselung der Hitschi nimmt viel von dem im ersten Teil aufgebauten Zauber. Es werden zwar zahlreiche interessante Ideen dargestellt – so die Bewohner der Nahrungsfabrik, aber die Handlung kommt dadurch kaum voran. Auch die Darstellung der physikalischen und politischen Zusammenhänge ist sehr simpel konzipiert und mutet teilweise unfreiwillig komisch an. Während im ersten Band viele Dinge, Zusammenhänge und Begebenheiten nur schemenhaft erwähnt wurden, werden später viele Verknüpfungen zu detailliert erklärt – dadurch geht viel Charme und Anziehung verloren.

Die größte Diskrepanz zwischen erstem Teil und Nachfolgebänden ist jedoch in den Charakteren begründet. Diese werden im zweiten und dritten Teil sehr unglaubwürdig entwickelt und dargestellt. Broadheads Frau S. Ya ist ein Paradebeispiel – sie sieht blendend aus, wird zur bestangezogenen Frau der Welt gewählt, ist eine geniale Informatikerin und bekommt mal schnell den Nobelpreis, um danach eine Fast-Food-Kette erfolgreich aufzubauen. Nach der detaillierten und glaubwürdigen Darstellung der Charaktere im ersten Teil ist dies ein sprichwörtlicher Schlag ins Gesicht. Dadurch geht sehr viel Freude an dem Roman verloren und es bleibt ein fader Nachgeschmack. Meine Empfehlung ist daher, den ersten Band unbedingt zu lesen – er verdient das Wort Meisterwerk – und die beiden anderen auszulassen.

Eddings, David / Eddings, Leigh – Althalus

Wenn man ein Meisterdieb ist, stiehlt man. Wenn man noch dazu eine Glücksgöttin auf seiner Seite hat, stiehlt man um so mehr. Ja, man lässt sich sogar dazu verleiten, aus dem Grenzland im Norden in die „Zivilisation“ zu ziehen, um zu schauen, ob die Reichen dort sich ebenso gut bestehlen lassen wie die eigenen Leute. Bloß – wenn einen dann die Glücksfee verlässt, ist es Essig.

So ergeht es Althalus: eben noch König der Diebe, jetzt ein vom Pech verfolgter Mann. Was Wunder, dass er einen obskuren Auftrag annimmt: ein Buch aus dem Haus am Ende der Welt zu stehlen. Ghend, der Auftraggeber, ist selbst ein obskures Wesen – aber er verspricht Gold. Althalus macht sich also auf den Weg und findet das Haus. Aber es gehört dem Gott Deiwos, und die liebenswürdige Katze darin ist die Göttin Dweia, Deiwos’ Schwester … Alles läuft ganz anders als geplant: Aus einem Diebeszug werden zweitausendfünfhundert Jahre Lernens, und danach zieht Althalus aus, um die Auserwählten zu finden, die Dweia im Krieg gegen die Horden des dämonischen Gottes Daeva unterstützen und die Welt retten sollen …

David und Leigh Eddings schreiben die ersten hundert, hundertfünfzig Seiten so flüssig und mit so viel Humor, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Nach zehn Seiten ist man entweder ihrem leichten, ironischen Ton verfallen, oder man hat keinen Sinn für Spaß. Natürlich ist auch Spannung im Spiel, denn Althalus’ Queste erweist sich nicht immer als einfach oder gefahrlos. Zuerst muss er einen magischen Dolch finden (in Wirklichkeit das Buch Dweias in anderer Gestalt), der ihn zu den Auserwählten führen wird und außerdem dazu bestimmt ist, beim Öffnen der Türen in Deiwos’ Haus zu helfen. Diese Türen allerdings führen nicht in Küche oder Speisesaal, sondern durch Raum und Zeit. Und der Träger des Dolches, der junge Eliar, ein „Barbar“ aus dem Gebirgsland Arum ist derjenige, der die Türen öffnen kann. Die Arumer verdingen sich seit eh und je in den Kriegen der Tiefländer, sind die besten Krieger der Welt und verfügen mit Khalor über den besten Heerführer, wenngleich sich dieser etwas irreführend „Sergeantgeneral“ nennt. Da Althalus darauf verzichtet, diese (anständigen) Söldner für so etwas Abstraktes wie Religion Krieg führen zu lassen, sondern sie mit ordentlich viel Gold bezahlt, folgen ihm bald alle Stämme. Auch die anderen Auserwählten findet er. Der Krieg könnte mithin leicht zu gewinnen sein, aber Ghend (bzw. Daeva) hat natürlich seine eigenen Leute und auch seine eigenen Türen.

Leider nutzen die Autoren diesen Aspekt des Werkes zu wenig. Im Manipulieren von Raum und Zeit sind die Vertreter des Guten ihren Gegnern immer so weit voraus, dass diese nicht einmal in die Nähe der Möglichkeit geraten, die Sache für sich zu entscheiden. Das Geschehen steht zu keiner Zeit „auf der Kippe“; insgesamt kommt es nur zu zwei wirklich bedrohlichen Situationen. Ansonsten wartet man immer darauf, dass einer der ausgeklügelten Pläne doch einmal fehlschlägt – weil die „Bösen“ ja auch nicht schlafen und nicht ganz dumm sind. Doch bis zuletzt läuft alles glatt. Dafür entschädigen sollen viele Dialoge, in denen auch oftmals Humor aufblitzt, doch mit der Zeit – es sind immerhin fast 850 Seiten – wiederholen sich die Grundmuster der Handlung und die Verhaltensweisen der Figuren, was dem Ganzen ein wenig den Spaß nimmt. Die Autoren suchen nach einer Synthese von Heroic Fantasy und Fun Fantasy, erreichen sie aber nicht völlig, und Quantität macht fehlende Qualität nicht immer wett. Das Buch hätte einige bedeutende Kürzungen vertragen, ohne an Substanz zu verlieren. Dennoch lohnt sich das Lesen; das Spiel mit Raum und Zeit hat seinen eigenen Reiz, die wichtigsten Charaktere – Althalus, Dweia, Eliar, Khalor, der geniale Junge Gher – sind amüsant und gut getroffen; und den Eddings’ gelingen genügend Skurrilitäten, die immer wieder einmal für Schmunzeln sorgen. Ergo: Tipp, trotz leichter Abstriche.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Denis Marquet – Der Zorn

Das geschieht:

Unheimliches geht vor in den USA: Die Bürger diverser Kleinstädte gehen Blut spuckend zu Boden, brave Hunde werden wild und beißen guten Menschen die Kehlen durch, das Meer verwandelt sich in Fliegenleim, Obst fällt von den Bäumen … Die Plagen muten biblisch an, und sie nehmen kein Ende, so sehr sich die Regierung auch bemüht, dies zu vertuschen, um eine General-Panik unter ihren offensichtlich chronisch unmündigen und wenig belastbaren Landeskindern zu verhindern.

Dafür ist Colonel Bosman, der über Fort Detrick – das medizinische Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US-Army – herrscht, sicherlich der richtige Mann. Er liebt seinen Job und sorgt dafür, dass keine Terroristen oder schlappschwänzige Zivilisten Giftviren über die Schwelle der Vereinigten Staaten tragen. Scharf im Auge behält Boswell deshalb die jüngst angeheuerten Biologen Peter Basler und Greg Thomas. Sie sollen ein Gegenmittel gegen die beschriebenen Plagen finden, wollen sich aber unpatriotisch den Mund zum Wohle des Landes nicht verbieten lassen. Denis Marquet – Der Zorn weiterlesen

Sterling, Bruce – Inseln im Netz

Irgendwie macht es dieser Roman dem Leser richtig schwer, sich mit ihm anzufreunden. Vermutlich liegt das an der Protagonistin. Laura Webster, so heißt sie, will beides: einerseits eine steile Karriere bei Rizome, einem der multinationalen Konzerne, welche den Nationalstaaten längst die Macht aus den Händen gerissen haben, andererseits ein rührseliges, intaktes Familienleben. Dank ihres Mannes David, eines mehr oder weniger gutmütigen Trottels, der brav zurücksteckt und wenig eigenen Ehrgeiz entwickelt, so lange es ihm gut geht, funktioniert das auch leidlich. Wenngleich sie es in der Konzernhierarchie noch nicht so weit nach oben gebracht hat wie ihre unverheiratete Freundin Emily Donato. Zumindest deutet sich aber der nächste Karrieresprung schon an, als ihr von höchster Stelle der Auftrag gegeben wird, eine Bande mysteriöser Datenpiraten zu beherbergen, mit denen der Konzern insgeheim kooperieren will, um allzu ärgerliche Verluste künftig zu vermeiden. Doch in dem Ferienheim, das Laura in Galveston leitet, wird einer der Piraten direkt neben ihr erschossen. Schlecht für die Karriere, auch wenn sie nichts dafür kann, und schlecht vor allem für ihr weiteres Schicksal.

Denn jetzt beginnt Laura erst so richtig, sich in den Trubel zu stürzen, mitten hinein in die undurchsichtigen Geschehnisse in Grenada oder Singapur. Beides sind so genannte Steueroasen, die Inseln im Netz, die der Titel des Romans meint, die der Macht der Konzerne noch trotzen können und sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt haben. Natürlich wäre Laura besser zu Hause geblieben und das ist das eigentliche Ärgernis mit dieser Frau. Sie schleppt Tochter und Mann mitten ins erste Krisengebiet, lässt sich von den schlechten Erfahrungen dort und ihrer allgemeinen Deplatziertheit aber nicht belehren, sondern muss auch noch nach Singapur. Diesmal allein, dafür gerät sie aber richtig in die Patsche.

Damit erlischt das Interesse an Laura Webster, denn alles, was jetzt noch kommt, hat sie mehr als verdient, möglicherweise kommt sie am Ende sogar zu glimpflich weg. Dem Autor Sterling gelingt es nicht, beim Leser (zumindest nicht beim Rezensenten) Sympathie für Lauras Schicksal und Leidensweg zu wecken. Es kann zwar sicher auch interessant sein, eine Person zu verfolgen, die falsch macht, was sie falsch machen kann. Andererseits wäre es dann wünschenswert, zumindest deren Intention nachvollziehen zu können. Allein schon krankhaft zu nennender beruflicher Ehrgeiz reicht da nicht aus, definitiv nicht, wenn man sich dermaßen ins Unglück stürzt. Sprich: Wäre Lauras Handeln besser und schlüssiger motiviert, wäre dieser Roman auch angenehmer zu lesen und könnte richtig Spaß machen.

Das Ideenpotenzial, das Bruce Sterling in „Inseln im Netz“ verpackt, ist nämlich gewaltig und eigentlich äußerst interessant. 1988 im Original und 1990 erstmals in deutscher Übersetzung (Heyne 06/4702) veröffentlicht, entfernt sich der Autor von seinen Cyberpunk-Wurzeln – ohne diese völlig zu leugnen – hin zu einem Weltentwurf, der sich in eine Reihe mit Romanen von etwa Greg Bear oder Nancy Kress stellen lässt. Politik, Wirtschaft und Ökologie spielen nicht zu vernachlässigende, tragende Rollen und werden zu einem stimmigen Szenario verwoben. So weit scheint das alles gar nicht weg zu sein, was Sterling hier im Jahr 2020 geschehen lässt. Demzufolge liest sich die Geschichte auch so lange spannend, wie noch am Hintergrund gefeilt wird, dieser sich nach und nach vor dem Leser ausbreitet und mit immer neuen, überraschenden und vor allem intelligent ausgearbeiteten Details aufwartet. Dann aber ist alles gesagt, die Story (und natürlich Laura) jedoch noch immer nicht an ihrem Ende angelangt. Schade. Bruce Sterling hat auch schon Besseres geschrieben, wie etwa „Heiliges Feuer“ (Heyne 06/6361) oder „Schwere Wetter“ (Heyne 06/5490).

_Armin Rößler_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Vance, Jack – Durdane

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com

Jordan, Robert – Jagd beginnt, Die (Das Rad der Zeit 2 – Das Original)

Teil 1: [„Die Suche nach dem Auge der Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=700

Zusammen mehr als 1500 Seiten „Rad der Zeit“ liegen hinter mir, den dritten Band habe ich auch schon halb durch, mal sehen, ob ich mich noch erinnern kann, was mir Robert Jordan im zweiten Buch so alles zugemutet hat.

Also, am Ende des ersten Bandes hat der Protagonist Rand das erste Mal so richtig mit Magie um sich geschmissen, das Auge der Welt und die Zukunft der Menschheit gerettet, das „Horn von Valere“ gefunden, mit dem man alle Helden der Vergangenheit von den Toten auferstehen und für sich kämpfen lassen kann, und ist dann mit seinen Freunden und Gefährten in die Grenzfestung Fal Dara gezogen.

Hier befindet er sich jetzt zu Beginn von „The Great Hunt“ immer noch, trainiert tüchtig den Schwertkampf, und hofft, dass keiner gemerkt hat, dass er die größte Menge magischer Energie seit 1000 Jahren kanalisiert hat.

Natürlich ist das illusorisch, längst vermutet jeder, auf den es ankommt, dass Rand die Reinkarnation des „Drachen“ ist, der einst die Welt zerstörte, der „Wiedergeborene Drache“. Prompt taucht auch die Herrscherin der weiblichen Magier mitsamt einem Hofstaat von |Aes Sedai| und den dazugehörigen Wächtern auf, aber statt dass ihm das Hirn ausgebrannt wird, wird ihm ein eigens angefertigtes Banner mit einem goldenen Drachen darauf in die Hand gedrückt und er mit seinen Freunden auf die Jagd nach dem „Horn von Valere“ geschickt.

… Moment, das „Horn von Valere“ hat er doch erst gerade …

Richtig, aber die Kreaturen des Dunkels haben es wieder gestohlen, zusammen mit dem verfluchten Dolch seines Freundes Mat, also geht es auf zur „Großen Jagd“, gleichzeitig mit Tausenden von abenteuerhungrigen Kriegern, die ebenfalls das Horn suchen, ohne zu wissen, dass es bereits gefunden worden war. Denn die Prophezeiungen sagen, dass der Tag des Endkampfes zwischen Gut und Böse naht, und dort muss das Horn geblasen werden …

Diese Prophezeiungen und diese Träume … ich hasse so etwas!!! Wenn der Autor die Handlung vorwärts treiben oder ziemlich unlogisch kippen will, flickt er einen Traum ein, der die benötigten Informationen liefert, oder die sonst so schweigsame Magierin, Aes Sedai Moiraine, rückt wieder ein Stückchen Prophezeiung raus, und schon rennen alle los. Das reicht dann wieder für 100 Seiten, bis der nächste Traum oder das nächste Stück Prophezeiung die Handlung wieder weiterpuscht!

Na ja, man kann nicht alles haben. Wenigstens sind die Seiten dazwischen spannend geschrieben.

Rand ist weiterhin naiv und ziemlich blauäugig, stolpert durch Runensteine in andere Welten (plötzlich scheint auch jeder darüber Bescheid zu wissen!), stiehlt den bösen Trollocks wieder die Kiste mit dem Horn und dem Dolch und trifft auf die schönste junge Frau der Welt (Jungs, wenn die schönste Frau der Welt an einem schlaksigen, rothaarigen 17-jährigen Jungen Interesse zeigt, will sie sicher etwas anderes, als er denkt! Merkt euch das für die geeignete Gelegenheit!).

Gerade als sich die Lage wieder zu entspannen scheint, wird ihm ein weiteres Mal von den dunklen Kreaturen das Horn gestohlen und die Jagd kann weiter gehen.

Hier setzen jetzt weitere Handlungsstränge ein. Man erfährt einiges über den weiteren Lebensweg eines Schiffskapitäns aus dem ersten Band, Bayle Domon, den es in die Gegend von Tomans Head verschlägt, wo sich die nächste große Gefahr für die Welt breit macht: Eine Invasion von der anderen Seite des Meeres, die Seanchan! Scheinbar unbesiegbar, mit Horden von Kriegern, Kampf-Magierinnen und Monstern, haben diese dort bereits einen großen Brückenkopf ausgebaut.

Mit ihnen bekommt es der Rest der Protagonisten zu tun, die Mädchen, die zur Ausbildung nach Tar Valon, der Feste der Magierinnen (Aes Sedai) gereist sind. Nachdem man viel über das Leben dort und über die Ausbildung zu einer Aes Sedai gelernt hat, werden sie nämlich von einer „schwarzen“ Magierin entführt und den Seanchan als Sklavinnen übergeben. Auch das „Horn von Valere“ ist inzwischen in deren Hände geraten, und eine Legion der „Weißmäntel“ hat es zusätzlich in die Gegend verschlagen.

Beim folgenden großen Showdown wird das Horn geblasen, werden die toten Helden beschworen, das Drachenbanner entrollt, Weißmäntel und Seanchan vernichtet, der „Wiedergeborene Drache“ proklamiert und dem bösen Widersacher Ba’alzamon eine – scheinbar – vernichtende Niederlage beigebracht.

Man sieht, das Glossar wächst, die Handlungsstränge fächern sich auf, kein Ende ist in Sicht. Die Gefahren werden größer, immer neue und gefährlichere Kreaturen des Bösen tauchen auf, trauen kann man sowieso niemandem mehr, da „Schattenfreunde“, die korrumpierten Schergen des Bösen, bis in die höchsten Ämter vorgedrungen sind – das enthält viel Stoff für weitere Bücher (und die gibt es ja schon massig!).

Durch die Einführung verschiedener Handlungsstränge und weiterer Protagonisten gewinnt die Geschichte an Farbe. Das Tempo wechselt immer wieder, die eigentliche Hauptperson Rand tritt langsam in den Hintergrund, während die vorher eher blassen Mädchen an Substanz gewinnen.

Jordan schafft es, den Leser bei der Stange zu halten. Seien die Bücher auch noch so dick (bei der früheren deutschen Ausgabe sind sie in zwei bis vier (!) Teile zerrissen worden!), und ein Ende nicht absehbar, irgendwie möchte man doch wissen, wie es weitergeht. Inzwischen schreibt er seit vierzehn Jahren an der Saga, und seit vierzehn Jahren halten ihm die Fans die Treue.

Deutsche RdZ-Seiten:
http://www.radderzeit.de/
http://www.dasradderzeit.de/

Offizielle |The Wheel of Time|-Seite:
http://www.tor.com/jordan/

_[Dr. Gert Vogel]http://home2.vr-web.de/~gert.vogel/index.htm _