Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Egan, Greg – Diaspora

Die Menschheit steht an der Schwelle zum vierten Jahrtausend, und einiges hat sich verändert. Ein Großteil der Menschheit existiert als sich selbst bewusste Software – entweder in einer der Poleis (einer Art Rechenzentrum) oder innerhalb von Roboterkörpern, den Gleisnern, und ist untereinander komplett vernetzt. Die körperlich lebende Menschheit lebt noch auf der Erde, während die Poleis und die Gleisner das Sonnensystem erkundet und eingenommen haben. Die Körperlichen wollen nichts von den innerhalb der Software vergeistigten Menschen wissen; und so existiert ein Vertrag, der den Bewohnern der Poleis und den Gleisnern verbietet, sich bestimmten Gegenden der Erde zu nähern – etwas, das diese sowieso nicht besonders interessiert.

In die Konishi-Polis wird ein Waisenkind geboren – ein neuer Mensch, dessen Parameter jedoch nicht von realen Eltern, sondern von einer Art Geburtssoftware festgelegt wurden. Dieser Vorgang ergibt sich häufiger, will die Software hiermit doch verschiedene unbekannte Parameter in ihrer Wirkung aufeinander erkunden. Im Rahmen der Bewusstwerdung verleiht sich das Waisenkind den Namen „Yatima“ – und erkundet nicht nur die Welt der Poleis und des Netzes im Allgemeinen, sondern bricht auch zur die Erde auf, wo hie im aufgegebenen Körper eines Gleisners die körperliche Menschheit besucht. Hie und hein Begleiter werden freundlich aufgenommen – zu diesem Zeitpunkt weiß aber auch noch niemand, dass sie in wenigen Jahren wieder in die Enklave der Körperlichen zurückkehren werden, diesmal jedoch mit einer Warnung vor einer kosmischen Katastrophe, die die körperliche Menschheit vernichten wird.

Nachdem bereits die Gleisner die Grenzen des Sonnensystems verlassen haben, beschließen auch die Bürger der Poleis eine Diaspora, um ein Volk zu suchen, das ihnen die Hintergründe für die kosmische Katastrophe erklären könnte. Doch anders als die Gleisner versuchen Bürger der Konishi-Polis, die anderen Sterne durch Wurmlöcher zu erreichen. Bis dies jedoch gelingt, ist noch viel (Forschungs-)Arbeit vonnöten…

Gleich eins vorweg: Die zwischendurch auftauchenden Ausdrücke „hie“ und „hein“ im Handlungsanriss haben durchaus in dieser Form ihre Berechtigung. Denn Greg Egan verwendet diese als neutrale Personalpronomen – schließlich hat ein körperloser Mensch innerhalb einer Software nur schwerlich ein Geschlecht. Und Greg Egan verwendet dieses neutrale Pronomen fast konsequent (kleinere Ausrutscher können allerdings passieren) – wie schon in seinem vorherigen in Deutschland erschienen Roman „Qual“. Dies macht den Roman zwar einerseits am Anfang recht schwer lesbar, wer jedoch „Qual“ gelesen hat, sollte problemlos damit zurechtkommen. Allerdings verzichtet man hier darauf, diese Personalpronomen noch einmal vor dem Roman zu erwähnen – einzig und allein im umfangreichen und mehr als nur notwendigen Anhang wird kurz auf ihre Bedeutung verwiesen. Für Leser, die „Qual“ nicht kennen, wird die Sache also deutlich undurchschaubarer…

Undurchschaubar wird dieser Roman jedoch auch für so ziemlich jeden, der sich nicht mit dem neuesten Stand der Forschung in Sachen Physik und Astronomie auskennt. Denn Greg Egan bezieht sich stark auf neueste Erkenntnisse und erweitert diese in einem Umfang, der den Leser schnell an die Grenzen seines Mithaltevermögens kommen lässt. In manchen Teilen erinnert „Diaspora“ weit mehr an einen physikalischen Sachtext als an einen Roman – und dies nicht nur, weil Egan konsequent jede Lesbarkeit durch Verwendung fachspezifischer und sonstiger Fremdwörter vermeidet, worunter der Roman im Allgemeinen stark leidet. Hat Egan bei „Qual“ noch recht human mit seinen Theorien um sich geworfen, so übertreibt er es in „Diaspora“ meines Erachtens dann doch ein ganzes Stück, da er stark an die Grenzen der Abstraktions- und Vorstellungskraft des Lesers stößt und an vielen Stellen weit darüber hinausgeht. Zum wirklichen Verständnis des Romans ist wahrscheinlich eine Promotion in Physik und Mathematik erforderlich – Voraussetzungen, die wohl nur der geringste Teil der Leserschaft erfüllen dürfte… Dabei ist der Roman an sich hochfaszinierend – ein bekannter Vulkanier würde mir hier sicherlich zustimmen… Ähem…

Wenn man bereit ist, zuzugeben und zu akzeptieren, dass man weite Teile der physikalischen und mathematischen Hintergründe nicht versteht und in der Lage ist, diese als einfach so gegeben anzunehmen, sie nicht nachzuvollziehen versucht, sondern teilweise einfach darüber hinwegliest, eröffnet sich dem Leser jedoch eine faszinierende Welt. Allein schon die ersten rund 50-60 Seiten, die nur die Entstehung und Selbstfindung des Waisenkindes Yatima behandeln, sind zwar sicherlich nicht in allen Schritten wirklich nachvollziehbar, erreichen jedoch durch die innere Handlung schon ein Niveau von Spannung und Interesse, das man bei anderen Autoren lange suchen wird. Und es gelingt Egan, diese Form über den weiteren Roman durchzuhalten. Auch wenn man bei weitem nicht alle Hintergründe versteht – man will über weite Strecken einfach nicht aufhören zu lesen. Und dies ist ein Phänomen, das dem Autor bereits in „Qual“ gelungen ist und sich hier fortsetzt – wenn auch zugegebenermaßen lange nicht in diesem Maße.

Greg Egans Romane sind jedenfalls auf keinen Fall für die breite Masse geeignet – hier entwickelt sich jedoch ein Nischen-Autor, der seinesgleichen sucht. Für all jene, die „gehobene SF“ bevorzugen, ist Egan jedenfalls ein Muss – der normale Entspannungsleser sollte jedoch wohl am besten die Finger davonlassen. Und auch der Physikstudent sollte zum wirklichen oder auch nur ansatzweisen Verstehen des Romans schon einmal einen Monat in einer gutsortierten Uni-Bibliothek einplanen, wenn er die Gedankengänge wirklich nachvollziehen will.

_Winfried Brand_ © 2002
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Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel

Das All ist seit Jahrtausenden von der Menschheit besiedelt, aber außerirdische Intelligenz wurde dabei bislang nicht entdeckt. Als vom sogenannten EinAus-Stern nahe des galaktischen Zentrums nichtmenschliche Funksignale aufgefangen werden, scheint sich der Traum eines Erstkontaktes zu erfüllen. Das Händlervolk der |Dschöng-Ho| rüstet eine Flotte aus, um sich bei den Aliens umzusehen. Der Stern ist schon für sich genommen seltsam genug, da er in langen Zeitabständen pulsiert und auch schon mal für Jahrzehnte verlöscht.

Bei der Ankunft müssen die |Dschöng-Ho| allerdings feststellen, das sie nicht die Einzigen sind, welche sich für die Fremden interessieren. Eine zwischenzeitlich in die Barbarei versunkene Zivilisation in der interstellaren Nachbarschaft des EinAus-Sterns hat sich wieder weit genug erholt, um ebenfalls eine Expedition losschicken zu können. Leider ist die soziale Entwicklung der spöttisch „Aufsteiger“ genannten Neuankömmlinge weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückgeblieben: Ihre faschistisch anmutende Gesellschaft ist auf der Versklavung und Ausbeutung Schwächerer aufgebaut. In einem Überraschungsangriff übernehmen sie auch die Schiffe der Dschöng-Ho. In den Kämpfen werden die Schiffe beider Parteien allerdings so schwer beschädigt, dass ein weiterer Weltraumflug nicht mehr im Bereich des Möglichen liegt.

Die |Aufsteiger| nutzen skrupellos das überlegene technologische Know-how der |Dschöng-Ho| für ihre Zwecke, nachdem sie alle Führungspersönlichkeiten der Händler exekutiert haben. Der Rest der versklavten Händler ist von der kaum vorhandenen Gnade der |Aufsteiger| abhängig. Die Versklavung wird durch exzellente Biotechnologie gewährleistet, welche in das Gehirn der Opfer eingreift und sie zu willenlosen Robotern macht. Wer von den Händlern gerade nicht benötigt wird, kommt in die Schlafkammern und wird „auf Eis“ gelegt.
Trotz all der scheinbaren Erfolge der |Aufsteiger| ist die übrig gebliebene Wirtschaftsbasis der verbliebenen Flotte viel zu gering, als dass ein langfristiges Überleben möglich scheint. Ohne Unterstützung einer planetaren Wirtschaft würde die Menschheit im System nach wenigen Jahrzehnten untergehen. Die planetaren Bewohner sind so wenig menschlich, wie man es nur sein kann: Sie stammen von einer Art Riesenspinne ab. Obwohl sie sich inzwischen an die Ökologie des Planeten gut angepasst haben, spricht doch vieles dafür, dass es sich bei ihnen keineswegs um Eingeborene handelt; die menschlichen Wissenschaftler vermuten eher, dass sie Nachfahren gestrandeter Raumfahrer sein könnten. Würde man ihnen ihre Geheimnisse entreißen können, hätte sich die Expedition trotz aller Verluste doch noch gelohnt! Vorerst müssen die |Aufsteiger| allerdings noch ein paar Jahrzehnte warten, denn die derzeitige technische Entwicklung wäre etwa mit der Erde um 1900 vergleichbar.

Aber während die |Aufsteiger| nun die Versklavung der Spinnen planen, proben die letzten überlebenden Händler den Aufstand…

Wie hält man eine Rebellion im Gang, wenn jedermann jederzeit überwacht wird und selbst Gedanken nicht mehr frei sind? Dieses Buch behandelt einen echten Alptraum eines Überwachungsstaates, in dem alle Menschen nur Verfügungsmasse der Aristokraten darstellen. Dagegen erscheint einem das geschilderte Leben des demokratischeren Spinnenvolkes fast schon als romantisches Idyll. Trotz ihrer körperlichen Fremdartigkeit sind die Spinnen geistig der Menschheit stark verwandt. Ich wäre ja von dieser Spiegelung menschlicher Denkungsart auf Aliens ein wenig enttäuscht gewesen, wenn Vinge nicht einen echten Kunstgriff angewandt hätte: Wir bekommen die Spinnen nämlich nicht direkt geschildert, sondern eher durch die Augen einer menschlichen Übersetzerin. Jede unpassende Vermenschlichung würde demnach das Werk dieser Sklavin sein, welche zu Analogien greift, um ansonsten nicht vermittelbare Gedankenwelten verständlich zu machen.

Vinges Werk wurde hoch gelobt und hat mir ebenfalls gut gefallen. Er hat sich auch jede billige direkte Kritik am ach so bösen Menschen verkniffen, selbst wenn sein Spinnenvolk im Vergleich mit den Aufgestiegenen als die Liebenswertere von beiden Lebensformen erscheint. Auch bei den Menschen gibt es „Gute“, während die Spinnen ebenso ihren Teil an bösartigen Intriganten aufweisen können. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, und die Geduld, mit der die Händler um ihre Freiheit kämpfen, hat durchaus etwas Bewegendes. Ich kann es auf alle Fälle empfehlen.
Die „Tiefe am Himmel“ des Buchtitels benennt übrigens ein lebenswichtiges Überwinterungsversteck in der Spinnensprache…

_sgo_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|

Crichton, Michael – Timeline

In Arizona wird ein Mitarbeiter der Firma ITC aufgefunden, der im Krankenhaus unter mysteriösen Umständen stirbt. In seinem Besitzt befindet sich der Ausschnitt eines Grundrisses. In Frankreich arbeiten Archäologen in der Dordogne. Hauptsponsor der Ausgrabungen ist ITC. Als nun der Forschungsleiter, Professor Edward Johnston, den Grundriss zugespielt bekommt, erkennt er sofort, dass die Zeichnung zu einem Kloster gehört, das gerade erst ausgegraben wird. Es kann gar keine Pläne geben. Johnston fliegt in die USA und stellt seinen Geldgeber zur Rede.

Kurz darauf entdecken Johnstons Gehilfen und Studenten eine Kammer. Dort finden sie ein Papier aus dem Mittelalter, auf dem sich ein schriftlicher Hilferuf des Professors befindet – und eines seiner Brillengläser. Doch wie kann das sein? Etwas später setzt sich der Chef von ITC – Robert Doniger – mit den Leuten des Professors in Verbindung. Mittels der Quantentheorie ist es gelungen, eine Zeitmaschine zu entwickeln. Johnston unternahm einen kleinen Ausflug und ist seitdem verschollen.

Chris, Katherine und André reisen ihrem Professor hinterher. Doch im französischen Mittelalter geht einfach alles schief. Zusätzlich zerstört ein Unfall das ITC-Labor. Außerdem werden erst nach und nach einige Punkte offenbart, die Doniger im Vorfeld einfach unter den Tisch fallen ließ. Unter anderem befindet sich bereits eine Person der Gegenwart in der Vergangenheit und erweist sich als größter Feind der Rettungsmannschaft. Diese findet zwar Johnston, allerdings sind sie ständig auf der Flucht. Scheinbar will jeder die Fremden töten …

Michael Crichton ist vor allem durch seine verfilmten Romane bekannt geworden („Congo“, „Jurassic Park“ etc.). Auch „Timeline“ schlägt in diese Kerbe und wurde von Regisseur Richard Donner verfilmt. Doch zurück zu Crichtons Roman.

„Timeline“ ist spannend zu lesen, besitzt ein ordentliches Tempo und räumt mit einigen Vorurteilen über das Mittelalter auf. Michael Crichton hat ordentlich recherchiert, wie man auch den Quellenangaben entnehmen kann. Alleine der Auftakt des Romans ist gelungen. Hier gleitet der Bestsellerautor langsam von der Realität in die Fiktion, nimmt auch während des gesamten Romans schon mal Bezug auf Personen oder Firmen der Gegenwart. Dadurch gewinnt sein Roman auch an Glaubwürdigkeit. Leider besitzt der Roman auch viele Schwachstellen, über die Crichtons guter Ruf nur schwerlich hinwegtäuschen kann.

Alleine die Motivation Donigers ist sehr merkwürdig. Er steckt sein ganzes Geld – und das seiner Teilhaber – in ein Zeitreiseprojekt, um später authentische Freizeitparks eröffnen zu können. Na ja, etwas Dümmeres als Argument ist Crichton {nach dem „Jurassic Park“ – Anm. d. Lekt.} wohl nicht eingefallen, der Doniger eigentlich als cleveren Kopf in Szene setzt.

Die Zeitreise selbst wird vom Autoren auch recht verständlich erklärt. Der Mensch wird im Computer gespeichert, in der Gegenwart zerstört und in der Vergangenheit neu aufgebaut. Eine Vergangenheit, bei der es sich allerdings um ein Paralleluniversum handelt. Dadurch wundert sich der Leser nur, warum ein Paralleluniversum Einfluss auf unsere Gegenwart in Form eines Hilfebriefs und eines Brillenglases nehmen kann. Und egal wie ähnlich es in der parallelen Vergangenheit zugeht, authentisch wäre es nicht. Außerdem zerstört die Maschine den Körper des Reisenden. Nun, damit wäre die Person tot. Auch wenn sie woanders wieder aufgebaut wird, was ist mit der Seele und sämtlichen theologischen {und philosophischen – Anm. d. Lekt.} Fragen, die dadurch aufgeworfen werden? Doch darum kümmert sich Crichton erst gar nicht. Ein weiterer Gedankengang: Wenn der Mensch vorher gespeichert wird, warum muss er erst zerstört werden, um woanders wieder aufgebaut werden zu können? Tatsächlich könnte man ihn einfach kopieren. Crichton findet zwar eine Antwort, aber die ist sehr fadenscheinig.

Tatsächlich sieht der Roman aus, als wäre eine Filmvorlage gebraucht worden, die man schön umsetzen kann. Im Kino werden selten tiefer gehende Fragen gestellt, dort soll ein Film nur zwei Stunden lang unterhalten. Das Buch trägt dem Film Rechnung. Die Protagonisten sind nur am Laufen und es gibt ständig blutige Actionszenen. Und am Ende einen überraschenden Schluss.

„Timeline“ ist ein feiner Roman, der Spaß macht und kurzweilig unterhält. Aber es ist kein großer Schlag, sondern siedelt sich mehr im Mittelfeld an. Schade, hier hätte Crichton mehr von seinem Talent zeigen können. Der Stoff besitzt genug Potenzial, das leider verschenkt wurde. Trotzdem lesenswert.

_Günther Lietz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Fetjaine, Jean-Louis – Vor der Elfendämmerung

„Vor der Elfendämmerung“ ist der Auftakt zu einer Trilogie, die auf eine außergewöhnliche Art die Artussage nacherzählt. Außergewöhnlich deshalb, weil es zunächst überhaupt nicht um Artus geht.

Der Zwergenkönig Baldwin kommt in die Hauptstadt des Königreiches Logres. Um einen Zwergenkönig, noch dazu einen so alten, dazu zu bewegen, seinen Berg zu verlassen, muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Doch der König gibt sich reserviert. Erst auf der Ratsversammlung des folgenden Tages lässt er die Katze aus dem Sack: Der Zwergenkönig Troin wurde ermordet. Von einem Elf! Elfenkönig Llandon und seine Königin Lliane fallen aus allen Wolken.
Eine Komission wird ausgesandt, bestehend aus zwei Elfen, zwei Zwergen und zwei Menschen mit jeweils einem Pagen, die den beschuldigten Elfen finden und zurückbringen sollen. Doch sie werden verfolgt, und schon bald lichten sich ihre Reihen. Wer ist der Verfolger? Und welches Ziel verfolgt er?
Während die Komission mit den Widrigkeiten der Reise kämpft, ziehen sich dunkle Wolken über der Hauptstadt Loth zusammen…

Wie gesagt, von Artussage ist noch nicht viel zu spüren. Lediglich die angedeutete Mythologie der Kelten, die das grobe Gerüst für die Geschichte stellt, sowie einige Namen – Gorlois, Uther, Igraine, Tintagel – deuten darauf hin, was der eigentliche Kern der Geschichte ist. Aber auch wirklich nur der absolute Kern! Der keltische Anteil ist mit den magischen Artefakten der Elemente – Kessel, Stein, Speer und Schwert – bereits erschöpft, und die Handlung ist frei von den gewohnten christlich-mittelalterlichen oder neuheidnischen Interpretationen. Dieses Buch ist Fantasy in Reinform.
Natürlich spielt das Christentum trotzdem eine Rolle, allerdings eine eher untergeordnete: die Mönche und Priester sind nicht, wie anderswo, Vertreter eines selbstständigen Machtfaktors, sondern reduziert auf Handlanger des Menschenkönigs. Religion ist in dieser Version kein Thema. Hier geht es um Macht:

Die Welt, die Fetjaine zeichnet, ist trist und trübselig. Verhangener Himmel, ständiger Nieselregen, Nebel, Kälte, graubraunes Gras, eintönige Ebenen, Leere. In den Sümpfen kommen außerdem noch Gestank und Mücken dazu. Überhaupt nicht geheimnisvoll. Nur deprimierend.
In diese Grundstimmung sind die Charaktere eingebettet. Zunächst die der Völker insgesamt: Elfen, Zwerge und Menschen. Seit der großen Schlacht gegen den Dunklen Herrn sind sie Verbündete. Doch der Bund steht auf äußerst wackligen Füßen. Die Zwerge, aufgrund ihrer Körpergröße empfindlich und von übertriebenem Ehrgefühl, hegen sowohl Verachtung als auch Misstrauen für die Elfen, und lassen sie das auch deutlich spüren. Die Elfenkönige wissen um diese Eigenschaften der Zwerge, doch die hitzköpfigeren von ihnen tun sich enorm schwer mit ihrer Selbstbeherrschung, zumal ein Teil von ihnen vor dem großen Krieg mit dem Dunklen Herrn grausame Verfolgung durch die Zwerge zu erdulden hatte. Dazwischen die Menschen, mit beiden Völkern freundschaftlich verbunden und stets damit beschäftigt zu vermitteln.

Der Tod des Zwergenkönigs Troin bringt die unsichere Allianz noch mehr ins Wanken. Die Zwerge beschuldigen die Elfen des Mordes und des Diebstahls eines silbernen Kettenhemdes, und fordern Genugtuung. Der Mörder soll bestraft werden. Die Elfen dagegen wollen zunächst den Beschuldigten finden und befragen, denn sie bezweifeln seine Schuld. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, die die Zwerge jedoch nicht interessieren. Krieg droht!

Die Komission hat von vornherein schlechte Chancen, denn die Parteien spielen ein doppeltes Spiel. Die Zwerge haben verschwiegen, dass ihnen nicht nur ein zwar teures, aber im Grunde läppisches Kettenhemd gestohlen wurde, sondern auch Caledfwch, das Schwert der Göttin Dana, der Talisman des Volkes der Zwerge, der ihr Überleben garantiert: Excalibur. Sie haben den Erben des ermordeten Königs Troin als Pagen in ihre Gruppe eingeschmuggelt, und der fanatische Zwerg ist eine wandelnde Zeitbombe.
Die Menschen dagegen haben auf diese wichtige Mission zwei ihrer jüngsten und unerfahrensten Krieger mitgeschickt. Während diese auf dem Weg nach Norden sind, verwandelt sich die Stadt Loth ganz allmählich in ein Heerlager.
Und keiner der Angehörigen der Komission weiß, dass auch noch die Gilde ihre Finger im Spiel hat, die Gilde der Diebe und Mörder.
Irgendjemand rüttelt ganz gehörig an den Grundfesten der bestehenden Ordnung, und zwar mit Absicht. Das wird im Laufe der Handlung immer deutlicher, und es wird auch deutlich, wer da rüttelt. Allmählich wird die Reise der Komission zu einem Wettlauf mit der Zeit.

Wir haben hier also sozusagen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte der eigentlichen Sage vor uns. Das zeigt sich allerdings hauptsächlich am Anfang und am Ende der Geschichte, wo Merlin das erste Mal ernsthaft auftaucht und die Geburt Morganas voraussagt, der Tochter von Uther und Lliane.
Dazwischen haben wir eine Handlung, die davon völlig unabhängig, aber durchaus interessant angelegt ist. Die Komission schleppt aufgrund ihrer Zusammensetzung die schwelenden Konflikte der Völker mit sich herum, die im Laufe der Reise immer stärker an die Oberfläche dringen, parallel dazu eskaliert die Sache auch auf höherer Ebene. Allerdings fehlt dem Ablauf der Geschehnisse der Schwung. Es ist, als hätte die trübe Grundstimmung des Buches dem Autor so aufs Gemüt geschlagen, dass er den Handlungsverlauf nicht mehr vorantreiben, sondern nur noch mitschleppen konnte. Die Spannung bleibt dabei fast völlig auf der Strecke.
Was deutlich rüberkommt, sind die Stimmungen, sowohl die Tristesse der Landschaft, als auch das bunte und gefährliche Treiben in der Stadt der Gnome. Die Charaktere der verschiedenen Völker sind gut herausgearbeitet, wenn auch die Vorstellung von blauhäutigen Elfen etwas gewöhnungsbedürftig und die Darstellung der Zwerge manchmal ein wenig übertrieben ist und damit ins Klischeehafte abzurutschen droht. Aber das reicht nicht.
Die Charaktere der handelnden Einzelpersonen bleiben ziemlich blass und ohne Tiefe, von ihren Gedanken erfährt man nichts. Soziale Strukturen und geographische Gegebenheiten sind nur skizziert. Schade, daraus hätte man mehr machen können!
Zwar ist das gesamte Potenzial von Fetjaines Entwurf längst nicht ausgeschöpft: Merlin kam bisher nur am Rande vor, die Dämomen ebenso, und am Ende des Buches weiß nur der Leser, wer die Intrige wirklich angezettelt hat. Allerdings neigen Fortsetzungen auch bei einem schwachen Anfang nicht unbedingt zur Steigerung, mein Interesse an den Folgebänden hält sich deshalb in Grenzen.

Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht. Fetjaine schreibt kompakt, aber elegant. Seine Sätze sind lang und voller Nebensätze, aber nicht verschachtelt. Insgesamt liest es sich sehr angenehm. Allerdings wären gelegentliche Absätze hilfreich. Wenn mitten im Text plötzlich aus dem Blickwinkel einer anderen Person erzählt wird, sorgt das kurzzeitig für Verwirrung.
Das Lektorat ist ganz in Ordnung. Außer einem gröberen Schnitzer sind mir nur zwei kleinere Tippfehler aufgefallen. Auch das Cover des Buches finde ich recht gelungen. Der Vergleich mit Tolkien dagegen hinkt wieder mal! Fejaines Elfen haben keinerlei Ähnlichkeit mit Tolkiens Elben, genausowenig wie die Menschen. Seine Gnome kommen bei Tolkien überhaupt nicht vor. Magie ist viel seltener und auch anders. Und Fetjaines Welt ist keine erfundene, sie ist die wirkliche Welt aus einer anderen Sicht heraus. Man hüte sich also vor falschen Erwartungen. Das betrifft auch alle, die vom Blickwinkel der Artussage aus an das Buch herangehen. Der Autor selbst hat seine Geschichte als Elfentrilogie bezeichnet, und das ist gut so.

Jean-Louis Fetjaine studierte Philosophie und mittelalterliche Geschichte und arbeitete dann als Journalist und Verleger. Er hat mehrere humoristische Bücher veröffentlicht, bevor er sich mit seiner Elfentrilogie der Fantasy zuwandte. Der zweite Band ist unter dem Titel „Nacht der Elfen“ erschienen, der dritte Band trägt den Titel „Stunde der Elfen“. Im Oktober dieses Jahres erscheint „Der Weg des Magiers“. Im Original trägt das Buch den Titel „Le pas de Merlin“, die Vermutung liegt also nahe, dass es zumindest mit der Trilogie in Verbindung steht. Nichts Genaues war dazu aber nicht zu finden, ebensowenig eine Homepage des Autors.

Felten, Monika – Elfenfeuer

„Deutscher Phantastik-Preis“, ruft der helle Aufkleber auf schwarz-weißem Cover-Hintergrund (eine alte Burg, von Dunkel umhüllt). Deutscher Phantastik-Preis? Von wem vergeben? Da schweigt des Covers Höflichkeit … Nun ja – Preis, immerhin. Also lesen wir es doch mal.

Prolog: Die Nebelelfe Shari beobachtet, wie in der Finstermark, dem unwirtlichen Gebiet nördlich des Reiches Thale, Truppen zusammengezogen werden. Es ist der übliche Dunkle Herrscher, diesmal heißt er An-Rukhbar, und natürlich will er Thale erobern. Leider kann Shari die Elfen, Menschen und Druiden nicht mehr warnen …

Erstes Buch, viele Jahre später: Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Ilahja, die in Zusammenhang steht mit der Prophezeiung des letzten Druiden von Thale, Anthork. Der sagte An-Rukhbar voraus, dass einst beim Schein der Zwillingsmonde ein Kind geboren werde, das ihn stürzen würde. An-Rukhbars Magie macht seitdem – eigentlich – alle Frauen unfruchtbar, aber hin und wieder eben doch nicht so ganz. Ilahja, die als Kind von einer geheimnisvollen Unbekannten vor dem Tod gerettet wurde, wird natürlich die Mutter dieses Kindes sein, und natürlich verhindern alle Machenschaften des Obersten Kriegsherren Tarek und des Meistermagiers Asco-Bahrran nicht, dass es zur Welt kommt. Zumal die Herren immer nach einem Sohn suchen lassen. Pech – diesmal darf ein Mädchen die Welt retten.

Zweites Buch: Das Mädchen heißt Sunnivah, wuchs bei den letzten Priesterinnen der Gütigen Göttin auf und wird nun geweiht. Ach ja: Die Gütige Göttin wurde von An-Rukhbar in ein magisches Gefängnis gesperrt, und er hat auch ihren Stab der Weisheit geraubt, ohne den sie fast machtlos ist. Sunnivah muss also den Stab zurückgewinnen und die Göttin befreien. Ihre Aufgabe darf sie gemeinsam mit Naemy, einer der letzten Nebelelfen, mit der Kriegerin Fayola und Vhait, dem Sohn des Obersten Kriegsherren, lösen (Vhait hat sich von seinem Vater losgesagt, als ihm klar wurde, wie grausam dieser ist).

Drittes Buch: Showdown. Rebellenarmeen, dämonische Halbwesen, Schlacht um Nimrod, Sunnivahs Aufstieg zum Himmelsturm; nur dort kann der Stab zurückgegeben werden (der Berg – ein beliebtes Symbol in der Fantasy …).

Zusammengefasst: nichts wirklich Neues. Doch das lässt sich gegen die meisten anderen Fantasy-Romane auch einwenden. Hell und Dunkel, Queste, Reifen des Helden/der Heldin, Prüfungen, Qualen, Kämpfe, Sieg. Aber warum liest man Romane wie „Der Engelsturm“ (Williams), „Grüner Reiter“ (Kirsten Britain) oder „Bannsänger“ (ADF) mit angehaltenem Atem und ohne sie wegzulegen – obwohl sie doch genauso vorhersehbar sind? Und warum weckt ein Roman, der immerhin den „Deutschen Phantastik-Preis“ erhielt, diese Anteilnahme nicht? Monika Felten erzählt einfach zu glatt (und manchmal, wie am Ende des dritten Buches oder im Epilog, hart an der Fürstenroman-Grenze). Richtig gefährlich wird es nie und somit auch nicht richtig spannend. Doch das ist es nicht allein – auch die Charaktere bleiben blass, sind „die üblichen Verdächtigen“; ich konnte nicht mit ihnen fühlen. Konflikte werden ebenso schnell gelöst, wie sie herbeigeführt werden; innere Kämpfe finden selten statt, und wenn ja, dann glaubt man sie kaum. Fantasy für Brave: Gib dir nur Mühe, dann klappt s auch. Ereignis auf Ereignis, Hürde auf Hürde, aber nichts davon vermag wirklich Angst um die Helden zu machen; und eine graue Wölfin sowie ein legendärer Riesenvogel sorgen dafür, dass sich auch die letzten Gefahren in Nichts auflösen. Kein Vergleich zu Szenen wie der am Rande der Schicksalsklüfte, als Frodo den Ring nicht hineinwerfen will – und die Welt praktisch am Ende ist. Auch nicht zu jener, in der die Helden auf dem Engelsturm stehen und begreifen, dass die Prophezeiung von den drei Schwertern sie die ganze Zeit in die Irre geführt hat. Da kann noch alles passieren, ist alles offen (auch hier weiß man ja, dass es gut ausgehen wird, aber wie bloß??). Doch wenn die dämonischen Cha-Gurrline über Feltens Gefährten herfallen, ist klar, dass die Wölfin und/oder der Vogel es schon richten werden – von vornherein …

Um nicht missverstanden zu werden: Es handelt sich bei diesem Buch um flüssig erzählte, handwerklich saubere Fantasy, die man sich durchaus auf einer Bahnfahrt zum Zeitvertreib gönnen kann. Und es gibt Dutzende Bücher, auch aus dem anglophonen Raum, die langweiliger oder schlechter erzählt oder beides sind. Insofern kann man für „Elfenfeuer“ das Prädikat „Akzeptabler Durchschnitt“ vergeben. Bloß: Dieses Buch hat den „Deutschen Phantastik-Preis“ bekommen. Was eine Frage und/oder eine Vermutung offen lässt. Die Frage: Ist bei der Preisvergabe alles richtig gelaufen – hat die Jury alle relevanten Bücher gelesen? Die Vermutung: arme deutsche Fantasy …

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Simmons, Dan – Ilium

Der Wahnsinn hat Methode: Troja auf dem Mars!

Im Feldlager der Griechen, am Fuße des Olympus Mons in einer fernen Zukunft, überwacht der Scholiker Thomas Hockenberry im Auftrag der Muse Melete für die Götter des Olymps den Verlauf des wohl klassischsten aller Heldenepen: Homer’s |Ilias|.

Dan Simmons, Autor der Bestseller „Hyperion“ und „Endymion“, begibt sich aber nur scheinbar in literarisches Neuland. Einige seiner Personen und Konzepte – das „Faxen“ (Farcaster) und die Entwicklung der Menschheit auf der Erde stellte er bereits in den beiden Klassikern vor. Sie zeigen sich insbesondere in dem Handlungsstrang, der auf der nahezu entvölkerten Erde spielt – denn der Olymp und Troja auf dem Mars stellen nur einen von drei fantastischen Handlungssträngen dar, die im weiteren Handlungsverlauf zusammenfließen werden.

Da wären noch die Moravecs von den Jupitermonden, grundsätzlich das, was der Rest der SciFi-Welt als „Cyborgs“ bezeichnen würde, Roboter mit einigen organischen Teilen. Diese werden von massiven Quantenaktivitäten auf dem Mars angelockt und senden ein Expeditionsschiff aus, zu dessen Crew unter anderem der hundeähnliche Tiefsee-Experte Mahnmut von Europa und der krabbenartige Hochvakuum-Moravec Orphu von Io gehören. Die beiden Freunde sind ausgesprochene Literaten und diskutieren gerne über den tieferen Sinn der Werke von William Shakespeare und Marcel Proust.

Auf der Erde leben genau 1.000.000 Altmenschen, jeder mit einer Lebensspanne von 100 Jahren. Sie kennen keine Literatur, kaum geschichtliche Ereignisse, können nicht lesen und leben dekadent rund um die „Faxknoten“ der Erde, mit denen man sich blitzschnell von einer Enklave zur nächsten bewegen kann. Sie habe keine Vorstellung von Geographie, auf der weitgehend menschenleeren Erde wüten Dinosaurier und riesenhafte Terrorvögel; nach ihrem Tod, so sind sie überzeugt, fahren sie auf in die orbitalen Ringstädte der Nachmenschen… Doch der schlaue Harman zweifelt und denkt über dieses ihm nicht richtig erscheinende Leben nach, er startet mit einigen Gleichgesinnten eine Erkundung der Welt abseits der Faxknoten.

Wie passt das alles zusammen? Spätestens, wenn Daeman von einem Allosaurus gefressen wird, und das von seinen Freunden recht gelassen aufgenommen wird, da er kurze Zeit später wieder aus einem Faxknoten spaziert – er ist ja noch keine 100 – sollte man merken: Hier stimmt etwas nicht… Das ist genauso absurd wie der Abschuss des Moravec-Raumschiffes im Orbit des Mars durch einen Blitz, den ein Gott aus seinem von geflügelten Rossen gezogenen Streitwagen geschleudert hat.

Aber es kommt noch dicker: Am Rand des marsianischen Thetys-Meeres, rund um Troja herum, hausen die klassischen KGMs (Kleine Grüne Männchen), die an dessen Küste Steinköpfe bzw. Marsgesichter aufstellen!

Doch der Wahnsinn hat Methode – je mehr man liest, desto mehr Zusammenhänge werden klar, die Geschichte wird zunehmend spannender. Anfangs wird der Leser arg im Unklaren gelassen, was Simmons bewusst als Stilmittel einsetzt, was jedoch auch störend sein kann:

Wenn eine Göttin sich aufs Schlachtfeld „qtet“, muss man schon einige Seite weiterblättern um zu erfahren, dass ein Gott sich bevorzugt per „Quantenteleportation“ vorwärts bewegt. Der Begriff „Scholiker“ wird nie erklärt, er erschließt sich aus Hockenberrys Tätigkeit. Was ein Moravec oder ein Voynix ist, dazu muss man sich schon das knapp über drei Seiten kurze Personenverzeichnis ansehen.

Dort erfährt man dann: Moravecs – autonome, empfindungsfähige, biomechanische Organismen, die während des Untergegangenen Zeitalters von Menschen im äußeren Sonnensystem ausgesäht wurden.

Zu den Voynixen: Mysteriöse, zweibeinige Geschöpfe, teils Diener, teils Wachhunde, nicht von der Erde.

Das ist mehr, als man im gesamten Buch über sie liest, insbesondere über die auf der Erde allgegenwärtigen Voynixe. Dieses Register hilft nicht gerade weiter, es erregt bestenfalls Argwohn und Interesse (nicht von der Erde – woher denn sonst?). Simmons spielt mit dem Leser, wie die Altmenschen auf der Erde hat dieser keine Ahnung, was vor sich geht. Er wirft Fragen auf, die erst nach und nach beantwortet werden.

Warum lassen die Götter auf dem Mars die |Ilias| beobachten, und warum kennen sie deren Ausgang nicht? Oder kennt ihn zumindest der mächtige Zeus, der mit seinen fast vier Metern selbst die bereits mit zweieinhalb Metern überlebensgroßen Göttergestalten überragt? Was hat es mit dem „Faxen“ auf sich, was geht im Orbit der Erde vor, was machen die Voynixe überhaupt, wo ist der Rest der Menschheit, was geschah bei dem ominösen „letzten Fax“?

Und wie passen die exotischen Moravecs mit ihren Shakespeare-Sonetten und ihren irrsinnigen, spezialisierten Körperformen (acht Tonnen schwer, krebsförmig, stark gepanzert und auf Hochvakuum ausgelegt), die bei den Kleinen Grünen Männchen landen, in diesen Irrsinn?

Alle drei Handlungsfäden werden am Ende zusammenlaufen: Der Wunsch einer Göttin, Thomas Hockenberry solle eine andere Göttin töten, bringt diesen in Gefahr – das Leben eines Scholikers ist nicht viel Wert, wer versagt, wird ausgelöscht. Was mag erst auf Göttermord stehen? Was er auch tut, er ist des Todes.

Wie dem auch sei: Der Verlauf der |Ilias| wird sich ändern, denn Hockenberry „morpht“ in die Rolle diverser Nebenfiguren und versucht Ereignissen einen anderen Lauf zu geben… Er kämpft um sein Leben und um das der Griechen und Trojaner, insbesondere das Helenas, die er nicht täuschen kann und die ihn als falschen Paris enttarnt – da sie ihm den Dolch unter die Weichteile hält, kann man sich denken, in welcher Situation. Danach gerät die |Ilias| völlig aus den Fugen – inwiefern, das möchte ich nicht verraten.

Auf der Erde haben es Harman und Daeman unter den Fittichen von Odysseus und der „ewigen Jüdin“ Savi geschafft, sich Zugang zu den orbitalen Wohnringen zu verschaffen. Dort erleben sie den Vorhof der Hölle. Während die Moravecs auf dem Mars nur über Shakespeare reden, sind sie Teil eines Shakespeareschen Horror-Dramas, welches an die Romanze „Der Sturm“ angelehnt ist, und erfahren das grauenhafte Schicksal der Nachmenschen und erhalten Erkenntnisse darüber, was wirklich mit ihnen nach 100 Jahren geschieht – und warum Odysseus nicht „faxen“ kann und sich dagegen mit gutem Grund sträubt.

Auf dem Mars wird zum Sturm auf den Olymp geblasen, zum Kampf um das Fortbestehen der Menschheit – wie das auf einmal? Hier endet „Ilium“ mit einem Cliffhanger. Erst die Fortsetzung „Olympos“ schließt, ähnlich wie bei „Hyperion“ der Folgeband „Der Fall von Hyperion“/“Das Ende von Hyperion“ (Anm.: In Deutschland nur noch als Sammelband „Die Hyperion-Gesänge“ erhältlich), das Drama ab.

Es fällt mir schwer, nicht in einer Lobeshymne zu versinken: Simmons hat ein Kunststück geschafft. „Ilium“ ist anspruchsvoll zu lesen, ist dabei aber zugänglicher und gefällt mir thematisch besser als „Hyperion“ und „Endymion“.

Entgegen üblicher Unart, Geheimnisse groß aufzubauschen und dann auf den letzten Seiten vollständig zu entzaubern, bietet Simmons dem Leser ständig Bruchstücke neuer Erkenntnisse, entwickeln sich neue Zusammenhänge und werden zuvor unverständliche Dinge klar – am Ende von „Ilium“ hat der Leser schon vieles erfahren, und dennoch bleibt noch genügend offen für den Folgeband.

Dabei kann seine Unart, Begriffe einfach in den Raum zu stellen, wie die Voynixe und das Faxen/Qten, stören. Man muss damit leider leben, sie ist integraler Bestandteil der bewussten Strategie, den Leser nach neuen Details gieren zu lassen, ihn zum Spekulieren und Grübeln anzuregen.

Dan Simmons setzt einiges voraus – wer die originale „Ilias“ nicht kennt, wird schon den ersten Absatz von Ilium nicht verstehen. Der Appell Homers an die Muse, ihn bei seinem Werk zu unterstützen, mit dem die |Ilias| beginnt, wird hier umgeschrieben:

|“Singe mir, o Muse, des Peleussohnes und Männertöters Achilles Unheil bringenden Zorn, der tausend Leid den Achäern schuf und viele stattliche Seelen zum Hades hinabstieß.“|

Soweit das Original – Simmons geht aber weiter:

|“Und wenn du schon dabei bist, Muse, singe auch den Zorn der launischen, mächtigen Götter hier auf ihrem neuen Olymp, den Zorn der Nachmenschen, auch wenn sie vielleicht tot und begraben sind, und den Zorn jener wenigen echten Menschen, die es noch gibt, auch wenn sie vielleicht egozentrisch und überflüssig geworden sind.“|

Weiter nimmt er recht ulkig Bezug auf die Moravecs:

|“Und während du singst, o Muse, singe auch den Zorn jener nachdenklichen, empfindungsfähigen, ernsthaften, aber nicht sonderlich menschlichen Wesen, die draußen unter dem Eis von Europa träumen, in der Schwefelasche von Io sterben und in den kalten Falten des Ganymed geboren werden.“

„Aber wenn ich es mir recht überlege, o Muse, singe mir gar nichts. Ich kenne dich. Man hat mich wider Willen zu deinem Diener gemacht, o Muse, du Miststück sondergleichen. Und ich traue dir nicht, o Muse. Kein bisschen.“|

So viel zu den launigen Kommentaren des Scholikers Hockenberry, der für die Muse die Arbeit übernommen hat, den Verlauf des trojanischen Krieges seit Jahren zu beobachten. Diese Ironie geht nur dem Kenner der |Ilias| auf. Man wird zwar auf Änderungen zum Verlauf der |Ilias| hingewiesen, aber ohne gute Kenntnisse der griechischen Mythologie und der |Ilias| wird man sich verloren vorkommen.

Kenntnisse von Shakespeare und Proust sind zum Glück nicht zwingend erforderlich – aber wer „Hyperion“ gelesen hat, erkennt die Ähnlichkeiten von „faxen“ und dem Prinzip des Farcasters und vielem mehr, genauso erschließt einem die Kenntnis der „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust Hinweise auf die Zusammenhänge, zu einem Zeitpunkt, wo der Leser, der sie nicht hat, von den Disputen der beiden Moravecs vermutlich schon irritiert ist. Ebenso wie gewisse Figuren aus Shakespeare’s „Sturm“ auftauchen werden – sie sind ein Bonus für den gebildeten Leser, wirklich notwendig zum Genießen des Romans sind nur die |Ilias| und die damit einhergehende griechische Sagenwelt – die „Troja“-Kinoversion eines Wolfgang Petersen reicht hier nicht aus!

Um nicht nur in der Klassik zu versinken, kommt der Horror auch nicht zu kurz, soviel sei verraten – Aliens und Lovecraft lassen grüßen.

„Ilium“ ist ein herausragender Roman, dessen einzige Schwächen die in diesem Maße unnötige Verwendung unkommentierter, unbekannter Ausdrücke und der relativ hohe Anspruch an die Leserschaft sind. Diese wird jedoch mit gleich drei irrsinnig abgefahrenen Geschichten belohnt. In der Nachsicht erkenne ich einige kleinere Unstimmigkeiten, aber nur einen großen Recherchepatzer von Simmons bezüglich des Endes der |Ilias|. Ansonsten ein perfekt organisierter, fantasievoller Wahnsinn, der stets interessant ist und bleibt – es bleibt zu hoffen, dass Simmons auch für „Olympos“ wieder von der Muse so reichlich geküsst wird, die er zuvor zum Miststück erklärt hat. Eine gute Wahl hat Heyne auch mit dem Übersetzer Peter Robert getroffen, das Buch ist tadellos übersetzt, so hat er zum Beispiel bei den „kalten Falten des Ganymed“ Simmons Humor sehr gut in die deutsche Sprache transferiert. Vom editorialen Aufwand für die Einbindung von Homer, Shakespeare und Proust und den Worteigenkreationen Simmons‘ ganz zu schweigen. Die Filmrechte für „Ilium“ und „Olympos“ sind bereits verkauft – hoffen wir, dass eine bessere Verfilmung als Petersen’s Troja daraus entsteht.

Das SF-Ereignis des Jahres oder der nächsten Jahre? Für mich der beste Roman von Simmons, selten habe ich ein Buch so verschlungen. Im SciFi-Bereich gibt es derzeit wenig wahre Konkurrenz für „Ilium“.

Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com/

[Homers „Ilias“ bei digibib.org]http://www.digbib.org/Homer__8JHvChr/Ilias

[Homers „Ilias“ im Projekt Gutenberg]http://gutenberg.spiegel.de/homer/ilias/ilias.htm

[Shakespeares Werke und Sonette im Projekt Gutenberg]http://gutenberg.spiegel.de/autoren/shakespr.htm

Wikipedia über:

[Homer]http://de.wikipedia.org/wiki/Homer
[William Shakespeare]http://de.wikipedia.org/wiki/William__Shakespeare
[Marcel Proust]http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel__Proust

Matute, Ana María – vergessene König Gudú, Der

Dicke Fantasy-Romane fordern wohl geradezu schicksalhaft den Vergleich mit dem Werk eines gewissen J. R. R. Tolkien heraus. (Dünne übrigens auch. Aber dicke eher.) So konnte es nicht ausbleiben, dass Ana María Matutes 590-Seiten-Buch das x-hundertste „Tritt-das-Erbe-an“-Prädikat bekam. Fairerweise muss hinzugefügt werden: nicht vom Verlag selbst. Die Leute, die das Buch herausbrachten, scheinen wohl gewusst zu haben, dass hier etwas doch sehr von Tolkien Verschiedenes ans Licht gelangt ist. Aber wer einmal unter amazon.de nachschaut, der wird finden, dass sowohl Redaktion als auch Leser den berühmt-berüchtigten Vergleich bemühen, der in diesem Fall so fehlgeht wie nur irgend möglich. Denn schon ein Anlesen der ersten Seiten verrät, dass Matutes Diktion, Aufbau der Geschichte und Absicht sich deutlich von denen Tolkiens im „Herr der Ringe“ unterscheiden. Was kein Tadel sein soll; aber man kann Wein und Bier, Erdbeeren und Tomaten nun einmal nur im Allgemeinen miteinander gleichsetzen. Das Allgemeine heißt hier: Fantasy. Heißt also: große Themen mit den Augen des Träumers und des Kindes betrachten und ein wunderbares „Was-wäre-wenn“-Spiel spielen. Liebe und Tod, Treue und Verrat, Gut und Böse sind natürlich Motive, die seit dem Gilgamesch-Epos überall und immer wiederkehren; der Fantasy-Schreiber aber hat seine besondere, verfremdende Sicht auf diese Alltagsdinge.

Zur Geschichte Gudús: Sie geht so bald noch nicht richtig los. Geboren wird der Kleine auf S. 219; auf S. 256 wird er durch einen Zufall – eine Fügung des Schicksals? – zum König des Reiches von Olar. Der sterbende König Volodius liebt ihn nicht sonderlich, ebenso wenig wie seine Mutter, Königin Ardid – die einem unterworfenen Volk entstammt und Volodius nur geheiratet hat, um Rache nehmen zu können; da war sie erst sieben Jahre alt. Doch auch diese Hochzeit findet recht spät statt; zuvor muss man noch weitere Herrscher und Geschichte(n) Olars kennenlernen. Die Meinungen hierüber mögen geteilt sein: Wer an halb legendenhaften, halb historischen Erzählungen seinen Spaß hat, wird jede Seite genießen, wer allerdings eine stringente Handlung mit |action| erwartet, wird diesen Teil wohl überblättern. Ana María Matute, meine ich, hat diesen langen Anlauf nicht umsonst gewählt; es geht ihr darum zu zeigen, wie die Biographie eines Menschen schon durch die Biographien seiner Vorfahren geformt wird, und es geht ihr um die Verbindung von Geschichte und Menschenschicksalen. So haben wir es hier mit einem Werk zu tun, das sich eher mit den Gesta Danorum des Saxo Grammatikus vergleichen lässt, jener bis in die mythische Vorzeit zurückgreifenden Geschichte der dänischen Herrscher. Vor allem das Thema des Strebens nach unumschränkter Macht prägt das Buch – Volodius ist ein Machtmensch, Gudú will zum Herrscher der gesamten bekannten Welt werden. Und der einzige gute Prinz, Nobel (die redenden Namen stören ein wenig), erleidet das Schicksal aller, die nicht um Macht, sondern um Liebe bemüht sind – er stirbt. Mit seinem Tod endet dieses Buch, das ja eigentlich nur ein erster Teil ist. Gudú, auf der Höhe seiner Macht, hat sich an Prinzessin Naivia gerächt, die ihn zurückwies, und hat auch seiner klugen, machtbewussten Mutter gezeigt, wer hier der Herr im Hause ist. Den Opfern bleibt nur der Rückzug in eine Märchenwelt, in das Land der Phantasie jenseits des Todes.

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieses Buch weit mehr Märchenmotive aufweist als die meisten anderen Fantasy-Bücher. Darin unterscheidet es sich auch von Tolkiens Werk, das episch-legendär geprägt ist. „Der vergessene König Gudú“ hat seinen eigenen Reiz (der sich freilich nicht jedem und manchem recht spät erschließen mag). Vergleiche bringen da wenig, sie wecken nur Erwartungshaltungen, die dann enttäuscht werden könnten; dieses Buch ist sehr besonders. Ana María Matutes Neigung zur starken Verfremdung der Realität und zum Aufbau einer Traumwelt, die mir schon bei ihren Kurzgeschichten („Seltsame Kinder“, Insel-Verlag Leipzig 1979) gefallen hat, kommt hier häufig zum Tragen und macht das Lesen zu einem Erlebnis eigener Art.

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Gentle, Mary – Aufstieg Karthagos, Der (Die Legende von Ash 2)

Mary Gentle’s „Der Aufstieg Karthagos“ ist die Fortsetzung ihres Auftaktromanes des „Ash“-Zyklus, „Der Blaue Löwe“. Das englische Original „Ash: A Secret History“ wurde für die deutsche Übersetzung auf vier Bände aufgeteilt, was angesichts des enormen Umfangs (2326 Seiten) durchaus angebracht ist.

Worum geht es? Um ein Mittelalter, das nicht sein darf, denn es ist völlig anders als die bekannte Geschichte.

Die Söldnerführerin Ash tritt in die Dienste Herzog Karls von Burgund, dem letzten Fürsten Europas, der noch nicht von den karthagischen Invasionsstreitkräften besiegt oder zum Bündnis genötigt wurde. Ein Unding – Westgoten in Karthago, kein Papst in Rom, Mailand und Venedig niedergebrannt in einem Kreuzzug |gegen| das christliche Europa?

So wie dem Leser geht es auch Dr. Pierce Ratcliff, der aus einer Autobiographie Ashs und anderen zeitgenössischen Quellen diesen historischen Schwachsinn übersetzt. Bedenklich ist nur: Die in seinen Schriften beschriebenen Golems existieren – man hat Reste davon vor Tunis ausgegraben! Eine Sensation – doch plötzlich werden Ratcliffs Quellen unter Fiktion geführt, nicht mehr unter historisch anerkannten Werken. Ratcliff ist verblüfft – das ist genauso unmöglich, wie mechanische Golems, eine Invasion von in Karthago residierenden Westgoten und Ash’s Fähigkeit, Ratschläge eines an einen militärischen Taktikberater erinnernden „Steingolems“, der in Karthago seinen Standort hat, in ihrem Kopf als Stimme zu vernehmen.

Starker Tobak – ein Einstieg mit dem zweiten Band der Reihe ist nicht zu empfehlen, wer Interesse an diesem Phantastikroman hat, der einen einzigartigen Mix aus historischem Roman, Fantasy und Science-Fiction darstellt, findet nähere Details zum bemerkenswerten Lebenslauf der Autorin und den Beginn der Ash-Saga in der Rezension zum ersten Roman, [„Der Blaue Löwe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303.

„Der Aufstieg Karthagos“ beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit der Schlacht bei Auxonne: Burgund wird vernichtend geschlagen – man wähnte sich dank der Kanonen in offener Feldschlacht überlegen, doch die karthagischen Golems bedienen Katapulte schnell und effizient, die schlimmere und entscheidende Überraschung sind jedoch Golems, die griechisches Feuer in der Form moderner Flammenwerfer einsetzen und so das Schlachtenglück zugunsten der Karthager wenden. Ash wird verwundet und gefangengenommen, auf Anordnung des Steingolems wird sie umgehend nach Karthago verschifft – sie erfährt nur den fatalen Ausgang der Schlacht, über das Schicksal ihrer Truppe wird sie jedoch im Unklaren gelassen.

In Karthago wird sie dem Emir Leofric vorgestellt, der sich sehr für sie interessiert: Nur die von ihm gezüchtete „Faris“ (hier gleichbedeutend mit „General“) sollte die Stimme des Steingolems hören können, als Endprodukt jahrhundertelanger Zucht.

Neben seiner Menschenzucht betreibt Leofric auch noch eifrige Zuchtexperimente mit apart gefärbten Ratten. Ash erfährt, dass sie verwandt ist mit dem großen Propheten Gundobad, einem der wenigen wahren Wunderwirker der Menschheit, der das Land um Karthago in eine Wüste verwandelt und den Heiligen Stuhl verflucht hat; kein Papst überlebte seine Ernennung länger als drei Tage seither – Gundobad selbst wurde verbrannt. Aber eine seiner Töchter überlebte im fernen Karthago, sie war zwar nicht fähig Wunder zu wirken, aber sie konnte die Stimme des Steingolems hören…

Der erste Golem wurde von einem Rabbi aus Prag aus dem roten, sandigen Lehm der Wüste erschaffen, während der Herrschaft des Emirs Radonik. Der Steingolem wurde zuletzt vom Rabbi erbaut, ohne Körper, ein riesiger Kopf auf einem Podest, aber der Sprache fähig und intelligent – anfangs ein besserer Schachcomputer. Doch bald wird sich der Steingolem als unglaublich findiger Stratege und Ratgeber herausstellen, der den Goten unschätzbare Dienste erweist – und den Aufstieg des Hauses Leofric begünstigt, das seitdem meist den König-Kalifen stellt oder in seinem engsten Machtkreis mitregiert.

Die weitere Geschichte ist unklar: Angeblich soll der Rabbi die Karthager verflucht haben, seitdem liegt Nordafrika unter ewigem Zwielicht, nur Wärme erreicht noch den Boden, aber Getreide wird aus Südspanien importiert, da es nicht mehr wächst in dem dämmrigen Restlicht – Kinder reicher Familien werden ebenfalls im sonnigen Ausland großgezogen.

Diesen Fluch kann man nach Angaben des Steingolems nur rückgängig machen, indem man Burgund zerstört… plus die üblichen Hetzereien gegenüber Heiden und Andersdenkenden; ist dies geschehen, wird Karthago angeblich wieder erblühen.

Die Karthager haben sich Jahrzehnte auf die Invasion Europas vorbereitet – mit der Geburt einer „Faris“ aus Leofrics Zuchtprogramm haben die Legionen auch den perfekten Kommandeur, der stets auf den taktischen Rat des Steingolems zurückgreifen kann, unabhängig von der Distanz und unmittelbar vor Ort.

Mit diesem Wissen darf Ash Karthago nicht mehr verlassen – und Leofric möchte herausfinden, warum auch sie den Steingolem hören kann. Er beschließt, sie zu sezieren… zu Ash’s großem Glück setzen sich ihr feiger Gatte Fernando, der zu den Karthagern übergelaufen ist, und ihr Kompaniepriester Godfrey für sie ein. Er kann ihr auch Nachricht aus der Heimat bringen, demnach Teile des „Blauen Löwen“ Auxonne überlebt haben und nun in Dijon zusammen mit dem verwundeten Herzog Karl belagert werden.

Ash wird natürlich aus Karthago entkommen: Wer ihr hilft, was genau geschehen wird – all das möchte ich nicht verraten. Nur soviel: Hinter dem Steingolem stecken die FERAE NATURAE MACHINAE – die „wilden“ Maschinen, eine unglaublich fremde und feindselige Existenzform. All diese Hintergründe wird Ash in diesem Roman erfahren.

Von den vier Ash-Romanen hat mich dieser am meisten fasziniert. Die im ersten Band noch wenig überzeugende Ash kann als einzelne Gefangene Gefühle zeigen, der Leser wird mit ihren düsteren Gedanken und Sorgen konfrontiert. Nach wie vor werden die Gespräche zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna in der Gegenwart in E-Mail-Form geführt, dieses Mal tritt jedoch das Streitgespräch, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen könnten, hinter Ash’s Erlebnisse in der Vergangenheit zurück, die einen wesentlich größeren Raum einnehmen. Ratcliff’s Kommentare sind wie bereits im ersten Band immer wieder in die Geschichte eingestreut, wenn es um mittelalterliche und erklärungsbedürftige Sachverhalte geht.

Emir Leofric und sein Eugenik-Programm sind abscheulich, er behandelt seine Rattenzucht besser als seine menschlichen Sklaven. Fast schon zynisch ist Leofric’s Fehlschluss, warum seine Zuchtratten so zahm sind – er hält es für ein Zuchtergebnis, der Leser weiß jedoch, dass es an dem Sklavenmädchen Violante liegt, welches sich liebevoll um die kleinen Ratten kümmert, ihre einzigen Spielgefährten – auf dieser gefühlsmäßigen Ebene versagt der analytische Verstand Leofrics. Hier konnte ich mir eine Assoziation mit dem berüchtigten Nazi-Dr. Mengele nicht verkneifen. Er ist jedoch eher eine Nebenfigur, Ash’s Gefangenschaft und ihre damit einhergehende tiefergehende Charakterisierung machen den Großteil des ersten Drittels aus. Sie und damit der Leser gewinnen Einblick in die Motive der getäuschten Westgoten.

Der Clou ist jedoch der Schluss des Buches: Wer H. P. Lovecraft kennt und liebt, weiß den Grusel zu schätzen, den seine „großen Alten“ verbreitet haben. Die „wilden“ Maschinen, deren ungewöhnlichen „Körper“ ich hier nicht verraten möchte, jagen Ash einen ähnlichen Schrecken ein, der sogar bei der abgebrühten Hauptfrau für Muffensausen sorgt.

Die Geschichte kommt mit diesem Roman so richtig in Fahrt, Ash gewinnt an Profil, flucht weniger lästig oft und derb als im ersten Band und der wilde Genremix wird immer interessanter. An diesem Roman habe ich wenig zu kritisieren – der Folgeband wird leider ein ziemlicher Durchhänger, „Der Aufstieg Karthagos“ ist jedoch gerade wegen der vielen Elemente und der tiefen Einblicke in die Hintergründe der beste Teilroman. Nach wie vor wird man jedoch nicht erfahren, warum die wilden Maschinen Burgund zerstört sehen wollen – Karthago attackiert Burgund unter falschen Voraussetzungen, das ewige Zwielicht breitet sich immer weiter aus, anstatt zurückzugehen.

Was auch immer diese „Maschinen“ planen – ihre Feindseligkeit ist offenkundig, ihre Motivation noch nicht – der Mangel an Informationen dazu geht auch Ash ziemlich an die Nieren, die kurz wieder in ihr altes, derbes Sprachmuster zurückfällt, welches den Zustand treffend beschreibt:

„Scheiße, wir sind keine Söldner, sondern Pilze… Man hält uns im Dunkeln und füttert uns mit Pferdescheiße…“

Derbe und schwarzhumorige Sprüche der Söldnertruppe erlebt man in diesem Roman jedoch weniger – er steckt schon rein thematisch voller Horror, erst Ash’s Gefangenschaft bei Leofric, dann der Schock über die wilden Maschinen. So bedrückend diesmal die Handlung auch ist, sie geht schwungvoll voran und es werden interessante Details enthüllt, die den weiteren Verlauf des Vierteilers prägen werden. „Der Aufstieg Karthagos“ ist in meinen Augen eindeutig der beste Teilroman des Ash-Zyklus.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: [Der Blaue Löwe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303 (ISBN 3404283384)
Band 2: DER AUFSTIEG KARTHAGOS (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Russel, Mary Doria – Sperling / Gottes Kinder

Manche Bücher geistern einem noch durch den Kopf, auch wenn sie schon lange ausgelesen wurden und im Regal stehen. Diese beiden gehören dazu, auch wenn sie sicherlich vom Thema her nicht jeden ansprechen werden.

Hauptsächlich geht es in den beiden Erstlingswerken von Mary Doria Russel um den Glauben zu Gott. Aber es sind nun keine tiefreligiösen Bücher, in denen dem Leser aufgezeigt wird, dass er doch gefälligst zu glauben habe und Gott auf alle Fälle existiere. Viel mehr stehen hier der Mensch und die verschiedenen Auswirkungen des Glaubens auf ihn im Mittelpunkt.

Am Anfang steht der Empfang von Musik aus dem All. Wunderbare Musik, die eindeutig nicht menschlichen Ursprungs sein kann. Die Öffentlichkeit ist begeistert, doch bald fängt man an zu zweifeln. Ist das wirklich Musik aus dem All? Kommt sie wirklich von einer anderen Rasse? Vielleicht ist alles ja auch ein Riesenschwindel?

Während man also noch das Hin und Her einer eventuellen Expedition zum Ausgangsort der Musik, dem Planeten Rakhat, diskutiert, bereitet die Gesellschaft der Jesuiten in aller Stille und mit Segen des Papstes ein eigenes Unternehmen vor. Eine kleine Gruppe von acht Leuten unterschiedlicher Fachrichtungen soll sich auf den Weg nach Rakhat machen und nach dem Ursprung der Musik forschen. Das Unternehmen gelingt, die Gruppe landet wohlbehalten auf Rakhat. Nach einigen Erkundungen stoßen sie auf ein einheimisches Dorf.

Sie werden von den Runa aufgenommen und erkunden nun die Gewohnheiten und das Leben in dem Runa-Dorf. Doch es muss noch eine zweite Rasse existieren, da man keinerlei Anzeichen findet, dass die Runa singen oder die Möglichkeit einer Übertragung in den Weltraum haben. Eines Tages taucht ein Händler im Dorf auf. Er gehört zu den Jana’ata, der zweiten intelligenten Rasse auf Rakhat. Durch ihn erfährt die Gruppe einiges mehr, als es ihnen bisher durch das Studium des Dorfes möglich war.

Die Unterschiede zwischen Runa und Jana’ata sind erheblich. Die Runa sind Vegetarier, während die Jana’ata Fleischfresser und auch dementsprechend anatomisch anders entwickelt sind. Jana’ata wohnen und arbeiten in Städten, Runa leben in dörflichen Ansiedlungen. Auch stellt sich heraus, dass die Jana’ata für die Musik verantwortlich sind, herausragend ist hier ein Hlavin Kitheri.

Nach und nach begreift die Jesuitengruppe aber auch, dass die Runa für die Jana’ata nur intelligentes Nutzvieh ist. Es werden verschiedene Arten von den Jana’ata gezüchtet. Zum Arbeiten und dem Erhalt der Grundversorgung der Jana’ata, dann um ihnen in ihren Städten zu dienen, als Mätressen und schließlich auch als Nahrung.

Da die Runa gezüchtet werden, werden auch die Geburten vorgeschrieben. Als aber von der Jesuitengruppe Gärten angelegt werden, verbreitet sich diese Idee unter den Runa rasend schnell. Bisher mussten sie zu ihren Feldern sehr weite Wege zurücklegen, nun hat man die Versorgung direkt vor der Tür. Als Folge des zunehmenden Essens und der abnehmenden Arbeit werden die Runa sexuell sehr aktiv und vermehren sich ungeplant. Als die Regierung der Jana’ata dies mitbekommt, schickt man Soldaten in die Dörfer, um den nicht geplanten Nachwuchs der Runa zu töten. Dies schauen sich die Menschen aber nicht tatenlos an.

Als man auf der Erde einige Zeit keine Nachricht von Rakhat mehr empfangen hat, sendet man ein zweites Schiff hinterher, um nach den verschollenen Menschen zu suchen. Man findet nur noch ein einziges Mitglied der ersten Gruppe, Jesuitenpater Emilio Sandoz. Seine Hände sind verkrüppelt, er leidet schwer an Skorbut und wird in einer dunklen Kammer gefangen gehalten. Man bringt ihn auf das erste Schiff und programmiert es so, dass es selbständig zurück zur Erde fliegt.

Als er dort eintrifft, immer noch schwerkrank und psychisch gestört, wirft die Öffentlichkeit ihm Prostitution und Mord vor. Vorwürfe, die durch Berichte der zweiten Gruppe an die Erde entstanden. Die Jesuiten schaffen es aber, ihn erst einmal in Sicherheit zu bringen. Wenn Emilio Sandoz geheilt ist, will man in einer internen Befragung herausbekommen, was eigentlich geschehen ist.

Soweit zum ersten Teil. Allerdings entspricht dieser kurze Überblick nicht im Geringsten der Komplexität der Handlung.

Sehr interessant fand ich die Erzählweise der Autorin. Sie beginnt mit der Rückkehr Sandoz‘ zur Erde und rollt dann anhand der Befragung die Geschehnisse auf Rakhat vor dem Leser auf. Aufgrund dieser Erzählweise wurde das Buch am Ende so spannend, dass ich es kaum noch aus der Hand legen wollte.
Ansonsten ist es eigentlich ein recht ruhiges, aber nie langweiliges Buch. Das erste Viertel des Buches spielt noch vor der Mission nach Rakhat und die Autorin nimmt sich hier Zeit, um dem Leser die handelnden Charaktere nahezubringen. Dies gelingt ihr meisterhaft. Die Gruppe um Emilio Sandoz wurde mir so vertraut, als würde ich sie selber schon lange kennen.

Nachdem ich mit „Sperling“ fertig war, konnte ich die Auszeichnung mit dem |Arthur C. Clarke Award| wirklich nachvollziehen. {Anm. d. Ed.: In Deutschland bekam das Werk den |Kurd-Laßwitz-Preis| 2001 als bestes fremdsprachiges Werk.}

Dementsprechend begeistert, fing ich danach auch gleich mit dem zweiten Band, „Gottes Kinder“, an.

Wieder geht es um das Schicksal von Emilio Sandoz. Aufgrund der Geschehnisse auf Rakhat wollte und konnte er nicht mehr an Gott glauben und legte so das Amt des Priesters nieder. Er lernte eine Frau mit einer bezaubernden Tochter kennen, verliebte sich in sie und wollte sie heiraten. Eigentlich hätte alles gut werden können, doch der Papst ordnet in Einverständnis mit dem Oberhaupt der Jesuiten eine neue Mission nach Rakhat an. Auch Emilio wird gefragt, ob er sich daran beteiligen will, doch er lehnt dies sehr rigoros ab. Schließlich zeigt er sich bereit, die neuen Crewmitglieder mit der Sprache der Runa und der Jana’ata vertraut zu machen und ihnen beizubringen, was man über Rakhat wissen muss.

Als Vorbereitungen der Mission soweit abgeschlossen sind, steht Emilio kurz vor seiner Hochzeit. Doch er wird nie vor den Altar treten. Auf Geheiß des Papstes entführt man Emilio und bringt ihn an Bord des Schiffes. Man setzt ihn unter Drogen und startet nach Rakhat.

Dort hat sich mittlerweile einiges verändert. Das starre Regel- und Adelssystem der Jana’ata wurde von Hlavin Kitheri verändert und reformiert, während die Runa eine Revolution gegen die zahlenmäßig unterlegenen Jana’ata begonnen haben.

Den ersten Teil des Buches las ich mit genauso viel Begeisterung wie den Schluss des ersten Bandes. Wieder erzählt die Autorin die Geschehnisse zeitversetzt. Während die Erlebnisse Emilios chronologisch ablaufen, erfährt der Leser in Rückblenden und zukünftigen Gesprächen, was sich in der Zwischenzeit auf Rakhat ereignet hat.

Allerdings hat es Mary Doria Russell nicht ganz geschafft, das Buch durchweg auf dem sehr guten Level des ersten Bandes zu halten. Die Passagen um Emilio Sandoz sind spannend, gut geschrieben, lesen sich sehr gut. Im Gegensatz dazu sind die Passagen, die auf Rakhat spielen, zwar nicht uninteressant, aber merkwürdigerweise waren sie manchmal schon etwas langweilig. Alles in allem ist aber auch „Gottes Kinder“ ein sehr gutes Buch und man muss es wirklich gelesen haben, wenn man „Sperling“ schon kennt.

Doch warum geht es in diesen beiden Büchern nun um den Glauben? Schlüssel hierzu ist die Person des Emilio Sandoz. Als Kind wuchs Emilio in Armut auf und fand dann bei den Jesuiten ein neues Zuhause. Emilio absolvierte die Schule und wurde schließlich Priester. Aber seine Ausbildung ging noch weiter und schließlich wurde er ein hervorragender Sprachwissenschaftler. In dieser Eigenschaft fliegt er auch mit nach Rakhat. Als man dort ankommt, ist Emilio fest davon überzeugt, dass Gott existiert und er ihn an diesen wunderbaren Ort geführt hat.

Als aber die Jana’ata anfangen, die unschuldigen Kinder der Runa zu töten und er einschreitet, wird er gefangengenommen. Er muss die Soldaten auf ihrer Mordtour durch die Dörfer begleiten, muss das Fleisch der getöteten Runakinder essen, um zu überleben.

Durch verschiedene Missverständnisse seitens der Jana’ata gelangt Emilio dann an den Hof von Hlavin Kitheri, wo es zu jenen Geschehnissen kommt, durch die sein Glaube an Gott endgültig zerstört wird.

Doch wie verhält es sich mit seinem Glauben, als er zwangsweise die nächste Mission nach Rakhat mitmachen und an den Ort seiner Alpträume zurückkehren muss? Dazu sage ich nur: |Lesen!|

_Fazit:_
Ich erwähnte einleitend ja schon, dass es keine tiefreligiösen Bücher sind, obwohl der Glaube an Gott eine große Rolle spielt. Gerade in dieser Verpackung hat es mir aber sehr viel Spaß gemacht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und ich bin mir auch sicher, dass ich „Sperling“ und „Gottes Kinder“ nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Mit diesen beiden Büchern erwartet den Leser, der sich darauf einlässt, ein Leseerlebnis der besonderen Art. Es sind wirklich Ausnahmebücher, die sich wohltuend vom doch manchmal schon recht zähen Einheitsbrei der heutigen Science-Fiction-Veröffentlichungen abheben. Meine Lesempfehlung für alle!

_Jens Pauling_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Haydon, Elizabeth – Tochter der Erde (Rhapsody / Symphony of Ages)

„Tochter der Erde“ ist der zweite Band des |Symphony of Ages|-Zyklus von Elizabeth Haydon.

Nachdem Rhapsody, Achmed und Grunthor im ersten Band an der Wurzel des Weltenbaumes entlang quer durch die Erde geflohen, am anderen Ende der Welt wieder herausgekommen sind und im ehemaligen Canrif ein neues Königreich der Bolg errichtet haben, geht es im zweiten Band hauptsächlich um die Bedrohung durch den F’dor.
Rhapsody macht sich zusammen mit dem geheimnisvollen Ashe auf den Weg, um der Drachin Elynsynos einen Teil ihres Hortes zurückzubringen. Die Begegnung verläuft über Erwarten gut, die Sängerin und die Drachin freunden sich an. Auf Anraten der Drachin reist Rhapsody danach nicht zurück nach Ylorc, wie Canrif unter den Bolg jetzt heißt, sondern nach Tyrian, wo die Lirin leben, von denen auch Rhapsody abstammt. Bei den Lirin lebt Oelendra, die berühmte Schwertkämpferin, die vor Rhapsody die Tagessternfanfare getragen hat, das Flammenschwert, das jetzt Rhapsody trägt. Auch Oelendra wird ihre Freundin, ebenso wie unterwegs Ashe ihr Freund wird.
Während Rhapsody auf Reisen ist und nebenbei bereits zum zweiten Mal die Pläne des F’dor durchkreuzt, machen Achmed und Grunthor tief unter den Felsen des Gebirges eine unerwartete Entdeckung.
Doch der F’dor, begierig, die neue Scharte auszuwetzen, bleibt nicht untätig. Schon bald braut sich mehr als ein Gewitter am Horizont zusammen…

Obwohl Rhapsody wieder viel unterwegs ist, machen die Reisen diesmal nur etwa die Hälfte des Buches aus. Ein ziemlich großer Teil davon beschäftigt sich mit dem Aufbau der Beziehung zwischen Rhapsody und Ashe. Zwangsläufig wird der Romantik in diesem Band ein weit größeres Feld eingeräumt als im ersten. Den zweiten, großen Teil nehmen Achmed und Grunthor und ihre Entdeckung in Anspruch, sodass der trockene Humor, der das Verhältnis der Drei untereinander auszeichnet, auch hier immer wieder zum Tragen kommen kann. Dieser Handlungsstrang ist zwangsläufig auch der, der den Hauptteil der Spannung trägt. Der Spannungsbogen hat seinen Verlauf mit dem ersten Band gemein. Er hängt nie durch, aber richtig straff gespannt wird er erst gegen Ende. Bei der Länge des Buches wäre alles andere auch unerträglich.
Neben den beiden Hauptsträngen werden diverse andere Handlungsfäden weiterentwickelt. So zeichnet sich ab, dass Tristan Steward, der Prinzregent von Roland, auf Dauer zum Problem werden wird. Bereits im ersten Band ist er in Rhapsodys Bann geraten, und trotz des Desasters, das er damit angerichtet hat, kann er nicht von ihr lassen. Das Desaster, das diese Tatsache heraufbeschwört, ist weit größer, als er sich vorstellen kann. Was Rhapsody gegen Ende des zweiten Bandes über Llauron erfährt, legt den Grundstein für weitere Verwicklungen. Und dazu kommt noch die Erkenntnis über die Kinder…
Auch der zweite Band endet folglich wieder nur mit einem Teilsieg der Drei. Entgegen der Aussage des Klappentextes ist es nämlich nicht der F’dor selbst, den sie unschädlich machen.

Die Autorin schreibt flüssig und gut lesbar, nur gelegentliche Tippfehler in der Nachbearbeitung wirken störend. Die Handlung entwickelt sich langsam und allmählich, spätere Geschehnisse werden zeitig angelegt und wirken sich erst allmählich aus, soweit das bei der epischen Länge, die Haydon vorlegt, möglich ist, was dem Verlauf Echtheit und Logik verleiht. Dabei versteht die Autorin es geschickt, ihre Informationen häppchenweise zu verteilen. Im ersten Band erfuhr man ein wenig von Llauron, ein wenig von Stephen Navarne, im zweiten sind die Informanten vor allem Elnysynos und Oelendra. Gleichzeitig sorgen weitere Prophezeiungen für neue Verwirrung. Die Lösung des Rätsels um Ashe hält den Frustrationspegel niedrig, gleichzeitig schafft es Haydon, trotz aller Andeutungen und Hinweise die Identität des F’dors bis zum Ende des zweiten Bandes immer noch geheim zu halten. So fühlt man sich beim Lesen des Buches wie jemand, der einem Mosaikleger bei der Arbeit zuschaut. Jedes Steinchen macht das Bild ein bisschen deutlicher, facettenreicher, vielfältiger, und doch ist es immer noch unfertig, weil das Wesentliche, die endgültige Lösung fehlt.

Nach gut 1500 Seiten hat Haydon immer noch unausgeschöpftes Potenzial. So ist Anwyn, die Seherin der Vergangenheit, bisher nur ein einziges Mal ganz kurz aufgetaucht, die Kathedrale zu Ehren des Elementes Erde wurde nur einmal namentlich erwähnt, und auch das Rätsel um Meridion, den Manipulator am Zeit-Editor ist nach wie vor ungelöst, ganz abgesehen davon, dass der F’dor noch nicht bezwungen ist. Bereits im ersten Band spielte neben Achmeds Fähigkeiten Rhapsodies Musik eine tragende Rolle als magisches Hilfsmittel. Diesmal rückt ihr Schwert etwas mehr in den Vordergrund, zusammen mit Grunthors Fähigkeiten im Zusammenhang mit Erde und Gestein. Außerdem gewinnt in der Person Ashes das Element Wasser zum ersten Mal an Bedeutung. Der dritte Band „Tochter des Feuers“, der im März erschienen ist, dürfte also durchaus noch einiges bieten.

Warum das englische Wort |child| in den Originaltiteln ausgerechnet mit „Tochter“ übersetzt wurde, wissen allein die Lektoren! Gerade in den ersten beiden Bänden ist damit eindeutig nicht Rhapsody gemeint! Auch frage ich mich, warum „Child of Blood“ mit „Tochter des Windes“ übersetzt wurde. Zwar besteht im Buch ein gewisser Zusammenhang zwischen Wind und Blut, trotzdem ist der Titel irreführend. Natürlich sind die Elemente für die Geschichte von großer Bedeutung, der Titel „Child of Blood“ bezieht sich jedoch auf die Prophezeiung im ersten Band. So trägt der dritte Band im Original den Titel „Child of Sky“, was zeigt, dass die Übersetzung hier genauso verwirrend falsch ist.
Immerhin scheint diese Freiheit in der Übersetzung sich nicht auch auf den eigentlichen Buchtext auszuweiten, denn da kamen im Zusammenhang mit diesen Namen keine Undeutlichkeiten vor. Trotzdem frage ich mich wieder mal, warum man sich nicht einfach an den Originaltitel gehalten hat. Die Autorin hat sich durchaus etwas dabei gedacht!

Ich fand das ganze Buch durchdacht und gelungen, und bin bereits gespannt auf den dritten Band. Der vierte Band ist bisher nur auf Englisch unter dem Titel „Requiem for the Sun“ erschienen. Der Titel weicht vom bisherigen Muster der Vorgängerbände ab, deshalb ist die Zugehörigkeit zum Zyklus nicht so offensichtlich, ob auch ein inhaltlicher Absatz vorhanden ist, wird sich zeigen. Der fünfte Band des Zyklus mit dem Titel „Elegy for a lost Star“ ist derzeit noch in Arbeit, soll aber im August dieses Jahres auf Englisch erscheinen.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer „Symphony of Ages“ schrieb sie auch „The Journals of Ven Polypheme“ für Kinder.

Homepage der Autorin: http://www.elizabethhaydon.com/

Ursula K. Le Guin – Hainish

Das Buch – und zugleich der erste Roman „Rocannons Welt“ – beginnt mit einer wunderschönen Geschichte, einer Kombination aus „Science-Fiction im eigentlichen Sinne samt ihren traditionellen Requisiten […] und einem von poetischer Nostalgie durchdrungenen Kunstmärchen, einer Fantasy mit ihren Mythen und Legenden, in ihrem sagenhaften Raum […] und ihrer ebenso sagenhaften Zeit“: Die junge, schöne Semley von Hallan sucht in dieser Geschichte ein wertvolles Geschmeide, welches ihrem Geschlecht einst verloren ging. Dazu muss sie vom Planeten Fomalhaut, auf dem ihre Rasse ein mittelalterliches Leben voller Kämpfe und Schwierigkeiten führt, zu dem acht Lichtjahre entfernten New South Georgia fliegen, wo die Kostbarkeit in einem Museum ausgestellt wird.

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McDevitt, Jack – Sanduhr Gottes, Die

Der Verlag hat dem Beginn der Geschichte eine Eloge anglo-amerikanischer Rezensionen vorangestellt, welche belegen sollen, dass das vorliegende Buch ein Meisterwerk ist. Wie immer sind die Lobeshymnen mehr oder weniger zutreffend. Vor allem Stephen King liegt wieder einmal völlig daneben, wenn er McDevitt als „wahren Erben von Isaac Asimov und Arthur C. Clarke“ anpreist, denn die von McDevitt erschaffenen Charaktere sind weder holzschnittartig noch flach wie Briefmarken, wie man dies von Asimov und (vor allem) von Clarke kennt. Richtig ist aber zweifellos, dass McDevitts neues Buch ein Meisterwerk ist, welches trotz der erschreckenden Länge von fast 700 Seiten auf nahezu allen Gebieten überzeugt.

So ist die Geschichte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hervorragend erdacht und wird vom Autor souverän und glaubwürdig umgesetzt. Bezüglich Spannungsgehalt, kreativer Ideen und packender Momente lässt sich „Deepsix“ wohl kaum noch übertreffen. Hinzu kommt die hinreißend abenteuerliche Atmosphäre, jener besondere |sense of wonder|, der manchmal und nur im günstigsten Fall der phantastischen Literatur innewohnt. |Last but not least| sind zudem die Protagonisten glaubwürdig, lebendig und überzeugend geraten, sodass der Leser keinerlei Mühe hat, sich mit ihnen zu identifizieren oder zumindest ihre Emotionen und Beweggründe nachzuvollziehen. Vor allem Letzteres versteht der Autor blendend. Die Schilderung des Charakters des berühmten Essayisten und Besserwissers Gregory MacAllister ist einfach superb. Schon nach wenigen sehr prägnanten Zeilen erschließt sich dem Leser ein kohärentes Bild eines zwar intelligenten, aber wenig mitfühlenden oder gar sozial engagierten Karrieristen, der sich durch freche (und teilweise ungerechte) Angriffe auf andere Menschen seine Berühmtheit erschrieben hat. Polarisieren gehört zu seinem Handwerk, welches er meisterhaft beherrscht. Doch dann findet sich dieser Mann unvermittelt und teilweise durch eigenes Verschulden auf einem dem Tode geweihten Planeten wieder und muss um sein eigenes und das Leben seiner Kameraden kämpfen, von denen einer ausgerechnet eines seiner ehemaligen Opfer ist.

Hier vielleicht kurz zur Handlung: Im Jahre 2204 besucht eine wissenschaftliche Expedition den erdähnlichen, allerdings zur Zeit unter einer Eiszeit leidenden Planeten Maleiva III. Die Mission scheitert und endet im Desaster. Nachdem einige Expeditionsmitglieder gestorben sind, flüchtet man, ohne die Welt näher erforscht zu haben und gibt dem ehemaligen Expeditionsleiter die Schuld am Scheitern. Erst knapp zwanzig Jahre später kehrt eine weitere Expedition zurück, denn Maleiva III wird in Kürze mit einem planetaren Gasriesen kollidieren und völlig zerstört werden. Fast zu spät wird man darauf aufmerksam, dass auf Maleiva einst eine intelligente Rasse gelebt haben muss, die aber durch die derzeitige Eiszeit wohl untergegangen zu sein scheint. Eilig fordert man eine Landefähre an, um noch einige Artefakte bergen zu können.

Ausgerechnet Priscilla Hutchins, genannt Hutch, ereilt der eilige Ruf, ist sie doch eigentlich Shuttlepilotin mit archäologischer Erfahrung und dem aufmerksamen Leser aus McDevitts tollem Roman „The Engines of God“ (dt. „Gottes Maschinen“, 1996) noch bestens in Erinnerung.

So landen Hutch und einige Helfer auf Maleiva III und merken bald, dass der Planet eine wahre Fundgrube ist. Kurz nach ihrer Ankunft erscheint noch eine zweite Landefähre, die zu einem großen Luxusraumschiff gehört, welches reiche Passagiere an Bord hat, die sich den Untergang des Planeten anschauen wollen. An Bord der Fähre befindet sich auch Gregory MacAllister, während an Bord von Hutchs Fähre der ehemalige Expeditionsleiter Randall Nightingale ist, der nun nach Jahren ausgerechnet und völlig zufällig auf jenen Planeten zurückkehrt, der dereinst seinen beruflichen und persönlichen Ruin verursachte.

Als bei einem Erdbeben beide Landefähren zerstört werden, sind Hutch, MacAllister, Nightingale und die anderen Überlebenden auf Maleiva III gefangen. Der Versuch, eine andere Landefähre zu organisieren, scheitert und so bleibt den Menschen nur eine letzte Chance: Eine Wanderung im Angesicht des Todes über den fremden und gefährlichen Planeten zu einer Landefähre, welche die erste Expedition vor 20 Jahren zurücklassen musste, und von der keiner weiß, ob sie überhaupt noch funktionsfähig ist…

So weit die überaus prickelnde Ausgangssituation von „Die Sanduhr Gottes“. Dem Autor gelingt es bis zum Ende hin fast mühelos, die Spannung aufrecht zu erhalten. Lediglich der letzte Rettungsversuch zieht sich gegen Ende der Geschichte etwas hin.

Neben den faszinierend lebendigen und glaubwürdigen Charakteren besticht vor allem die abenteuerliche Atmosphäre des Romans. Die vielfältigen Überraschungen, die Maleiva III zu bieten hat, machen dem Buch alle Ehre. Es spricht für den Autor, dass der Leser bis zum Ende daran zweifelt, ob die Rettung gelingt, denn ein Happy End scheint alles andere als selbstverständlich.

Während die Havarierten auf Maleiva III weilen, entdeckt man im Orbit ein künstliches Objekt, welches bald deutlich macht, dass es auf dem erdähnlichen Planeten eine Art Fahrstuhl in den Weltraum gegeben haben muss. Doch wie passt dies zu den ersten Funden Hutchs und ihrer Kollegen, die anzudeuten schienen, dass die einstigen intelligenten Bewohner des Planeten eine Kultur auf mittelalterlichem Niveau gehabt haben dürften?

Während die vielfältige und bunte Natur des Planeten rund um den nicht vereisten Äquator den Havarierten die Reise zur zurückgelassenen Landefähre zu einem gefährlichen Spießrutenlauf macht, werden immer neue Mysterien auf und rund um Maleiva II entdeckt.

Viel zu spät wird den Menschen klar, wie tragisch die Zerstörung des Planeten wirklich ist, welches Wissen verloren gehen wird. Dies ist die eigentliche Tragödie der vorliegenden Erzählung.

Während die Havarierten um ihr Überleben und um die Rückkehr in den Orbit kämpfen, gibt glücklicherweise das eine oder andere Mysterium sein Geheimnis preis. Dies hält den Leser nicht nur bei Laune, sondern macht das Buch definitiv zu einem wahrlich unvergleichlichen Lesegenuss.

Bezüglich Spannung und schmissigem Stil ist Jack McDevitt sowieso ein absoluter Meister seines Fachs, wie seine anderen, bisher alle bei Bastei Lübbe erschienenen Romane unter Beweis gestellt haben, auch wenn manchmal die Themenwahl des Autors eher unglücklich bzw. überraschungsarm erscheint. Nach drei ganz hervorragenden Romanen („Erstkontakt“, „Die Legende von Christopher Sim“ und „Gottes Maschinen“) schienen sich erste kreative Ermüdungserscheinungen beim Autor breit zu machen, war jedes folgende Buch etwas schlechter als das vorangegangene. Tiefpunkt war hier sicherlich „Mondsplitter“, ein eher langweiliger „Ziegelstein“ von Buch über den drohenden Aufschlag eines großen Kometen auf dem Mond. Erst mit „Spuren im Nichts“ zeigte die Niveaukurve des Autors wieder eindeutig nach oben.

Deshalb ist es um so erfreulicher, dass „Die Sanduhr Gottes“ diesen Trend fortsetzt und bestätigt, dass der Autor einer der genialsten zeitgenössischen SF-Abenteuer-Schriftsteller ist.

Betrachtet man die aktuellen Veröffentlichungen deutscher Verlage der letzten Jahre, so ist dieses Buch für alle Liebhaber abenteuerlicher Science-Fiction sogar so etwas wie eine wunderbare Oase in einer riesigen Wüste, denn seit dem Erscheinen von Mary Doria Russells hervorragenden (zusammengehörigen) Romanen „Sperling“ und „Gottes Kinder“ ist sicherlich kein dermaßen spannendes, abenteuerliches und rundum gelungenes Buch mehr im deutschen Sprachraum auf dem Gebiet der SF erschienen.

Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Autor keine Schwächen zu haben scheint (nimmt man einmal die eine oder andere Seite zu viel aus).

Stilistisch ist McDevitt nahezu perfekt, was sicherlich dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Frauke Meier und einem guten Lektorat voll zur Geltung kommt, welches sich diesmal bemüht zu haben scheint, gravierende grammatische Fehler auszumerzen, nicht so wie dies z.B. im kürzlich erschienen „Die Narbe“ von China Miéville der Fall war.

Die Protagonisten des Autors sind ausgefeilt und es gelingt ihm, diese sich psychisch weiterentwickeln zu lassen. Selbst die geschilderten Nebenfiguren sind bestechend. Bestes Beispiel dafür ist der Kotzbrocken von Wissenschaftler, nach dem man den Gasriesen benannt hat und der vom Autor kurz eingeführt wird, obwohl dieser Protagonist zu Beginn der Haupthandlung bereits verstorben ist. Trotzdem nimmt sich McDevitt knapp eine Seite Zeit, um den Namenspatron des gewaltigen Planeten vorzustellen, und schüttelt dabei ein erschreckendes Psychoprofil aus dem Ärmel, welches über alle Maßen beeindruckend gerät. Wäre das vorliegende Buch ein Film, so könnte man mit Fug und Recht behaupten, es sei „bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt“.

Dies ist jedoch nur eine von unzähligen Stärken des Autors, die hier gar nicht alle detailliert gewürdigt werden können.

Egal ob die abenteuerliche Atmosphäre, die feine Idee des letzten Rettungsversuchs (hierfür wird sich der naturwissenschaftlich interessierte Leser begeistern können), die spannende Handlung, die eine Unmenge Höhepunkte hervorbringt (egal ob es eine Flutwelle, ein Erdbeben, angreifende Tiere oder ein abstürzender Fahrstuhl ist) oder die faszinierenden Entdeckungen über die Zivilisation auf Maleiva III, für jeden Leser hält der Autor etwas bereit, was ihn ansprechen könnte. McDevitt beherrscht jedes dieser Gebiete souverän und ist damit sicherlich eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Dies wird auch deutlich, wenn man die positiven Rezensionen des Buches im anglo-amerikanischen Sprachraum betrachtet, die zu Beginn der Taschenbuchausgabe angeführt werden. Die Ausführungen des talentierten SF-Autor Robert J. Sawyer sprechen hier für sich.

„Deepsix“ / „Die Sanduhr Gottes“ darf sicherlich als Meilenstein der Unterhaltungs-SF angesehen werden und ist vielleicht der bisher in dieser Hinsicht beste SF-Roman des neuen Jahrtausends.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Autor dieses Niveau konservieren kann.

Für Juli 2004 hat der Bastei-Lübbe-Verlag einen neuen Roman des Autors unter dem Titel „Chindi“ angekündigt, in dem erneut Priscilla „Hutch“ Hutchins die Protagonistin sein soll.

_Gunther Barnewald_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

Wolfgang Hohlbein – Das Druidentor

Wolfgang Hohlbein ist einer der erfolgreichsten deutschen Phantastikautoren überhaupt. Seine Werke werden von vielen Lesern mit Begeisterung verschlungen, während die Kritiker ob des dürftigen Niveaus der meisten Bücher, ihrer endlosen Klischees und der unsäglichen Aneinanderreihung von Cliffhangern meistens schmerzvoll aufheulen oder zumindest vor Wut schäumen. Hohlbeins Ausstoß von Prosa ist mittlerweile dermaßen hoch, dass böse Zungen bereits vom „wöchentlichen“ oder „täglichen“ Hohlbein sprechen, andere wiederum zweifeln daran, ob der Autor überhaupt noch selbst schreibt und nur noch seinen Namen diversen Zuarbeitern leiht.

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Brennan, Herbie – Elfenportal, Das (Faerie Wars 1)

Man sieht es Pyrgus Malvae zwar nicht an, aber er ist ein Prinz, ein Elfenprinz. Der Kronprinz sogar. Das kümmert ihn allerdings wenig. Seine Tätigkeit als Tierschützer ist ihm wichtiger. Bis jemand versucht, ihn zu ermorden. Sein Vater schickt ihn zu seinem Schutz durch ein magisches Portal in die Gegenwelt, wo er unerreichbar für Attentäter sein sollte. Leider geht etwas schief, und Pyrgus hat Glück, dass Henry Atherton ihn davor bewahrt, von einem Kater gefressen zu werden. Gemeinsam mit Mr. Fagerty, einem etwas verrückten alten Mann, bei dem Henry sich sein Taschengeld verdient, versuchen sie, einen Weg zu finden, wie Pyrgus in seine Welt zurückkehren kann. Tatsächlich gelingt es Mr. Fagerty, ein künstliches Portal zu basteln, das Pyrgus benutzen kann. Doch damit fangen seine Schwierigkeiten erst richtig an. Henry und Mr. Fagerty folgen Pyrgus. Nur um unmittelbar darauf selbst in Schwierigkeiten zu geraten.

In „Das Elfenportal“ kontrastieren Welten. Die eine ist die von Henry: Er lebt irgendwo in einer x-beliebigen englischen Stadt. Sein Vater ist leitender Angestellter, ein überaus pünktlicher und korrekter Mensch in Anzug und Krawatte, seine Mutter ist Schuldirektorin. Außerdem hat er noch eine pferdenärrische kleine Schwester. Henry liebt es, Pappmodelle zu bauen und bessert sein Taschengeld auf, indem er Mr. Fagerty beim Aufräumen seines Gerümpels hilft oder sich einfach nur dessen leicht paranoide Geschichten anhört. Eine graue und leicht langweilige Welt – irgendwo muss sein Interesse für Mr. Fagertys abstruse Geschichten ja seinen Ursprung haben. Diese Welt gerät etwas aus den Fugen, als die Ehe seiner Eltern einen ziemlichen Knacks bekommt. Dass dieser Knacks gleichzeitig mit der Entdeckung einer Elfe auftritt, macht es nicht einfacher.

Die andere ist die der Elfen: Diese Welt ist wesentlich bunter. Hier gibt es Händler und Gaukler, Gauner und gerissene Geschäftsleute, mächtige Adlige und Spione. Und es gibt den Purpurkaiser und seine Familie, die seit mehreren Generationen das Elfenreich regieren. Sie gehören zu den Lichtelfen, und die Nachtelfen sind gar nicht davon begeistert, von Lichtelfen regiert zu werden. Kein Wunder, dass ein mächtiger Nachtelfenfürst Pyrgus‘ Vater das Leben schwer macht. Und dann gibt es noch eine dritte Welt:
die der Dämonen. Eigentlich können diese ihre Welt nicht verlassen, doch es gibt genug Nachtelfen, die einigen von ihnen gelegentlich den Wechsel durch Beschwörungen ermöglichen. Selbstredend ist dies dem Dämonenprinzen bei weitem zu wenig.

Brennan hat diese Welten mit recht originellen Charakteren bevölkert: Henry ist eigentlich ein ganz normaler Teenager, er hat gelegentlich Stress mit seinen Eltern, ist genervt von seiner kleinen Schwester. So wirklich ganz normal ist er aber auch wieder nicht, denn einer Katze einen Schmetterling abzujagen, weil man den Eindruck hat, er sei eine Elfe, setzt schon ein gewisses Maß an Verrücktheit voraus. Mr. Fagerty stellt dieses gewisse Maß an Verrücktheit jedoch mit Leichtigkeit in den Schatten. Nicht nur, dass er immer eine geladene Kanone unter dem Bett hat und generell nicht ans Telephon geht, er ist sich auch absolut sicher, dass SIE ihn irgendwann kriegen werden, wobei nicht ganz klar ist, ob er mit SIE das FBI, die CIA oder die Außerirdischen meint, die nach seiner Überzeugung bereits an die sechs Millionen Amerikaner verschleppt haben. Keine Frage, dass Mr. Fagerty auch an Elfen glaubt. Vor allem aber ist Mr. Fagerty jemand, der nahezu alles bauen kann.

Auch im Elfenreich gibt es ein paar irre Typen. Während der Kaiser und sein Torhüter ernste und vernünftige Männer sind, scheint das auf seine Kinder nicht zuzutreffen. Dass Pyrgus die meiste Zeit damit beschäftigt ist, Tierquälern ihre Tiere zu stehlen und sie freizulassen, anstatt sich um Politik zu kümmern, erwähnte ich bereits. Seine Schwester Holly Blue ist auch nicht gerade pflegeleicht. Die selbstbewusste junge Prinzessin hat ein eigenes Spionagenetz, das dem ihres Vaters beinahe ernstzunehmende Konkurrenz macht, und wenn es sein muss, spielt sie auch selbst mal die Agentin. Comma, der Jüngste, ist etwas seltsam, aber nichts Genaues erfährt man nicht. Ein besonders schräger Vogel ist Jasper Chalkhill, ein Nachtelf. Er ist Teilhaber einer Leimfabrik, aber weder sein Compagnon noch irgendwer sonst nimmt ihn ernst. Stinkreich ist er, ohne Sinn für Stil und Geschmack, aber nicht nur sein Haus und seine Kleidung sind schrill, er benimmt sich auch albern. Wie ein aufgeregt kläffender Terrier. Total abgedreht, fast schon ein bisschen zu sehr …

Sein Compagnon Silas Brimstone, logischerweise ebenfalls ein Nachtelf, ist ein verschlagener, gieriger Betrüger. Er empfindet Chalkhill gelegentlich als sehr lästig, aber er braucht ihn wegen des Geldes für die Firma. Das stört ihn ganz gewaltig, deshalb ist es sein größter Traum, den Fürst der Dämonen persönlich zu beschwören. Von ihm erhofft er sich unendlich viel Gold. Zumindest fürs Erste. Übung in der Dämonenbeschwörung hat er jede Menge, doch ein Fürst ist nicht ganz so einfach zu beherrschen, und natürlich geht prompt etwas schief. Sein Opfer an den Fürsten läuft ihm nämlich davon: Pyrgus! Und abgesehen davon wäre der Fürst der Dämonen nicht der Fürst der Dämonen, wenn er nicht bei allem mitmischen und dabei seine eigenen Ziele verfolgen würde.

So kommt es, dass mehrere Leute das gleiche Ziel haben, nämlich Pergus umzubringen. Allerdings ist es nicht unbedingt ein gemeinsames Ziel, was zu ziemlichen Verwicklungen führt. Dass das Portal Pyrgus nicht dorthin bringt, wohin es sollte, macht die Verwirrung komplett. Jeder will ihn haben, keiner weiß wo er ist, und als sein Vater ihn endlich findet, ist er schon wieder weg, allerdings wieder mal nicht dorthin, wo er hingewollt und hingesollt hätte. Wer letztendlich für welche Sabotage und welchen Hinterhalt verantwortlich ist, erfährt man nicht so schnell, und als Holly Blue und Henry die Fäden endlich entwirrt haben, ist das Komplott eigentlich schon so gut wie am Ziel. Aber nur so gut wie, und natürlich geben die beiden trotzdem nicht auf. Das macht das Buch zum Ende hin zunehmend spannend.

Auch die Kleinigkeiten am Rande zeichnen sich durch Ideenreichtum aus. So sind alle Namen der Elfen Schmetterlingsnamen, und Holly Blue wird auf einem ihrer persönlichen Agenteneinsätze von einem orangen Zwerg begleitet, der einen Kartenleserschlitz am Kopf hat, wo seine Herrin ihre Spionagedaten abrufen kann, dessen Biss giftig ist und der irrsinnig laut pfeifen kann. Brennan beschreibt die Magie der Elfen mit technischen Begriffen, während Mr. Fagertys Bastelergebnissen manchmal ein ziemlicher Hauch von Zauberei anhaftet. Und das Buch Beleth birgt ebenfalls eine Überraschung.

Es gibt also genug zu entdecken. Am Ende des Buches bleibt noch genug Potenzial, das in einer Fortsetzung weiter ausgebaut werden kann, wie zum Beispiel der Nachtelfenfürst Hairstreak, der Gegner des Kaisers, der bisher noch nicht persönlich aufgetaucht ist, oder Comma, an dem einiges sehr, sehr seltsam ist. Und der Krieg ist ja auch noch nicht aus.

Das Buch liest sich flüssig und leicht und ist trotz mehrerer Handlungsstränge mit seinen rund 350 Seiten für einen geübten Leser an einem Tag problemlos zu schaffen. Brennans Zielgruppe sind eigentlich junge Erwachsene, das merkt man natürlich, zum Beispiel an der Ausdrucksweise der Jugendlichen untereinander, vor allem aber an dem Zoff, den die beiden jungen Helden mit ihren Eltern haben, an den Szenen, in denen Henrys Schwester vorkommt und daran, wie er auf Holly Blue reagiert. Das muss aber nicht unbedingt ein Manko sein, wie man an „Harry Potter“ deutlich sieht. Und tatsächlich hat auch Brennans Buch das Potenzial, sich unter den Erwachsenen seine Leser zu sichern, selbst wenn es nicht ganz frei von kleinen Logikfehlern ist. Es ist einfallsreich, humorvoll und auch spannend, und damit wert, gelesen zu werden.

Herbie Brennan lebt und arbeitet in Irland, und das sehr fleißig. Er hat Unmengen von Büchern geschrieben, von Historik über Psychologie und Esoterik bis Fantasy, von Romanen über Kurzgeschichten bis zu Software, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Außerdem arbeitet er fürs Radio. Die Fortsetzung zu „Das Elfenportal“ ist bisher noch in Arbeit. Voraussichtlicher Erscheinungstermin für „The Purple Emperor“ ist der Oktober dieses Jahres.

http://www.herbiebrennan.com
http://www.faeriewars.com
http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.

Gentle, Mary – blaue Löwe, Der (Die Legende von Ash 1)

Die Söldnerin Ash verteidigt Burgund vor einer karthagischen Invasion Europas durch die Westgoten. Golems und eine tagelange Sonnenfinsternis über Deutschland inklusive. Mittelalter paradox – Dr. Pierce Ratcliff kann es kaum fassen, sein Manuskript, eine Biographie des Lebens von Ash, widerspricht allem, was bisher über diese Zeit bekannt war. Für ihn noch unverständlicher: Was vor wenigen Monaten als wissenschaftlich gesicherte Historie angesehen wurde, findet sich plötzlich als Heldenepos unter Fiktion einsortiert… und vor Tunis werden Reste seiner Golems bei einer Ausgrabung entdeckt.

Mary Gentle’s DIE LEGENDE VON ASH („Ash: A Secret History“) ist im englischen Original ein Buch von 1120 Seiten – die deutsche und amerikanische Ausgabe wurden jeweils auf vier Bände verteilt. Das britische Original muss sehr kleingedruckt sein, denn auch die amerikanische Fassung kommt auf 1728 Seiten – die deutsche Übersetzung hat 2326 Seiten zu bieten, insofern ist die Entscheidung des Lübbe-Verlags, den Roman aufzuteilen, durchaus nachvollziehbar.

Die Autorin hat einen ungewöhnlichen und vielseitigen Werdegang aufzuweisen; die 1956 in Sussex geborene Mary Gentle arbeite unter anderem in Kinos, für Essen-auf-Rädern und begann erst 1981 mit ihren Studien (kombinierter Bachelor-Studiengang Politik/Englisch/Geographie) – zweifellos gekrönt mit ihren Master-Abschlüssen in Kriegsgeschichte und Geschichte des 17. Jahrhunderts im Jahr 1995. Ihren ersten Roman, „A Hawk in Silver“, schrieb sie schon im Alter von fünfzehn Jahren. Gentle’s Lebensgefährte ist passenderweise Lehrer mittelalterlicher Schwertkampftechniken.

Beste Voraussetzungen für einen Roman über diese Zeit, „Ash“ war ungewöhnlicherweise sogar der Grund für ihr Studium der Kriegsgeschichte, nicht umgekehrt. Mary Gentle hat jedoch weit mehr geschaffen als einen historischen oder Fantasy-Roman: Ash ist ein ungewöhnlicher Mix aus beidem, mit einer Prise Science-Fiction und schwerlich einem bestimmten Genre zuzuordnen – ein perfekter Kandidat für Lübbe’s „Bibliothek der Phantastischen Literatur“. Die Legende von Ash ist in Stil und Inhalt innovativ und nahezu einzigartig.

BAND 1: DER BLAUE LÖWE

Das düstere Mittelalter hatte seine Lichtgestalten: Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, ist noch heute eine französische Nationalheldin.

Umso erfreulicher für Dr. Pierce Ratcliff, dass er einen alten Text über einen der seltenen weiblichen Condottiere (Anführer von Söldnerarmeen) entdeckt hat, der im späten 15. Jahrhundert nur unwesentliche Zeit nach der heiligen Johanna seine Schlachten schlug. Ash oder Esche ist jedoch keinesfalls eine Heilige oder Jungfrau: Schon im zarten Alter von acht Jahren ihrer Unschuld beraubt, schlug sie sich in einem Söldnerhaufen durch, bis sie mit Vierzehn selbst das Kommando über eine eigene Truppe übernahm. Dabei war ihr außerordentlich behilflich, dass sie wie Johanna eine „Stimme“ hört, wobei sich Ash’s Heiligenstimme allerdings auf sehr konkrete taktische Ratschläge im Kampf beschränkt. In Kombination mit ihren Führungsqualitäten ist Ash’s Truppe mit der Standarte eines azurblauen Löwen eine der begehrtesten Söldnereinheiten Europas.

Kaiser Friedrich sieht eine hervorragende Gelegenheit, sich die Dienste der nach Land statt Gold dürstenden Hauptfrau zu versichern: Er vermählt sie mit Fernando del Guiz, natürlich mit dem Hintergedanken, dass ihre Kompanie damit in seinen Besitz übergeht – Guiz ist ein Vasall des Kaisers, und damit auch dessen Ehefrau…

Ratcliff will ein Buch darüber veröffentlichen – doch während der Korrespondenz mit seiner Lektorin Anna Longman wird ihm erst das ganze Ausmaß seines Fundes bewusst: Erst hält er es für Dichtung und Übertreibung, als von einem westgotischen Reich in Karthago, einem „Leeren“ statt „Heiligen“ Stuhl in Rom, einer tagelangen Sonnenfinsternis über Deutschland und lebendigen Golems, Maschinen aus Stein, die Kurierdienste zwischen den karthagischen Truppenverbänden übernehmen, die Rede ist.

Spätestens nachdem er von einer karthagischen Invasion Westeuropas liest, zweifelt auch er: Mailand und Venedig wurden niedergebrannt, während westgotische Truppen unaufhaltsam auf ihr Endziel vormarschieren: Burgund, dem reichsten Herzogtum mit dem größten Ritterheer der Christenheit. Aber warum gerade Burgund? Was interessiert die Karthager so sehr in Burgund, dass sie die reichen Handelsstädte Venedig und Mailand ignorant niederbrennen? Reichtum und Macht scheiden aus – das ist kein gewöhnlicher Krieg, eher ein Kreuzzug, dessen Motivation nach wie vor schleierhaft ist.

Mit dichterischer Freiheit, Übertreibung und ungenauen Zeitangaben kann Ratcliff sich solche Diskrepanzen nicht mehr erklären, auch seine Lektorin Anna meint, so etwas kann man nicht veröffentlichen. Bis Dr. Napier-Grant, eine alte Bekannte von Ratcliff, in Tunesien etwas ausgräbt, das exakt seiner Beschreibung der karthagischen Golems entspricht – mehr noch, Abnutzungsspuren an den Metallgelenken und den steinernen Fußsohlen zeigen, dass diese Maschine sich bewegt haben muss.

Ratcliff bricht sofort nach Afrika auf und übersetzt so schnell er kann weiter seine lateinischen Quelltexte. In diesen ist von Ash’s Widerstand gegen die Heirat mit Fernando die Rede, den sie allerdings sehr attraktiv findet. Ihre Flitterwochen sind jedoch kurz – beide werden getrennt, als sie mitten in den Aufmarsch der Westgoten geraten. Der feige Fernando wird gefangengenommen und schwört seinen neuen Herren Treue, während Ash sich in das deutsche Reich zurückziehen kann, das seit Tagen unter einer an das ewige Zwielicht Karthagos erinnernden Dunkelheit leidet, die für Entsetzen unter der Bevölkerung sorgt. Sie nimmt Kontakt zu der „Faris“, dem kommandierenden General der Westgoten, auf, um eine „Condotta“ (Söldnerkontrakt) auszuhandeln. Die Gerüchte über die karthagische Heerführerin sind befremdend, angeblich hört sie die Stimme einer „machina rei militaris“ aus Karthago, die von ihren Soldaten als der „Steingolem“ bezeichnet wird. Das Aufeinandertreffen der beiden Frauen ist für beide ein Schock: Die Faris ist äußerlich eine vollkommene Kopie von Ash, sie könnte ihre Zwillingsschwester sein, und Ash beginnt zu ahnen, dass sie nicht die Stimme eines Heiligen, sondern die des Steingolems hört… und das wird für Ash zum Problem: Die Faris glaubt ihr nicht, dass sie eine Stimme hört – sie selbst ist das Ergebnis jahrhunderterlanger „Zucht“, eine Sklavin des Hauses Leofric, einem der mächtigsten karthagischen Emire, und nur sie sollte den Steingolem hören können.

Man will Ash in Karthago sehen, aber diese ist nicht gewillt – es kommt zum offenen Bruch und zum Gefecht, der azurblaue Löwe schlägt sich nach Burgund durch und erhält von John de Vere, dem Earl of Oxford, einen neuen Kontrakt. Doch anstatt Ash in England im Konflikt zwischen den Häusern Lancaster und York (Rosenkrieg!) einzusetzen, sieht er sich gezwungen, seine europäischen Besitzungen in Flandern, die dem bedrohten Burgund anhängig sind, zu verteidigen. Herzog Karl (der Kühne) von Burgund zögert nicht, Ash für die geplante Feldschlacht bei Auxonne aufzustellen – erst danach soll sie mit de Vere ihren Plan, Karthago anzugreifen und den Steingolem zu vernichten, durchführen.

Ein echter Knüller – aber zu Ratcliffs Entsetzen teilt ihm Anna mit, dass alle seine Quelltexte unter mittelalterlicher Dichtung eingeordnet sind, ähnlich dem Nibelungenlied – Ratcliff kann das nicht verstehen, vor wenigen Wochen waren sie noch unter realer Geschichte katalogisiert. Nur die Golemfunde in Tunesien stützen noch seine These über eine westgotische Siedlung auf dem Gebiet des alten Karthago…

Die Geschichte als phantastisch zu bezeichnen, wäre schmeichelhaft – absurd, schlicht und ergreifend falsch bringt es auf den Punkt. Karthago wurde schon vor knapp tausend Jahren vollständig zerstört, ebenso gab es zwar kurze Zeit ein Reich der Wandalen in Nordafrika, aber keine Westgoten unter einem König-Kalifen Theoderich, ebenso fehlen Hinweise auf Rom und bemerkenswerterweise existiert ein deutsches Reich, das sich weder heilig noch römisch noch reich nennt, auch der Papst glänzt mit Abwesenheit – man kann Dr. Ratcliffs Unglauben nachvollziehen.

Die Geschichte von Ash wird auf zwei Ebenen erzählt: E-Mail-Dialoge zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna Longman sind meist Dispute über die in der Übersetzung von „Fraxinus me fecit“ („Esche/Ash hat mich gemacht“, ihre vermutliche Autobiographie) auftauchenden historischen Ungereimtheiten. Der Leser wird in diesen Dialogen auch auf neue Entwicklungen wie den Golem-Fund und die plötzlich anders klassifizierten Texte hingewiesen.

Die eigentliche Geschichte ist das jeweils anhängende Kapitel, das über die Erlebnisse von Ash berichtet. Interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, obwohl es sich um eine Autobiographie handeln soll – ein kleiner Lapsus, andererseits liest sich meiner Meinung nach der historische Part so wesentlich besser. Da der Text das Mittelalter wie es war vermittelt, hat Mary Gentle einen gelungenen Kunstgriff angewendet: Begriffe und Zusammenhänge werden von Dr. Ratcliff sehr häufig als Fußnote kommentiert, was auch notwendig ist, denn wer kann schon von sich behaupten, einen Gesamtüberblick über das Europa des späten 15. Jahrhunderts zu besitzen? Die zahlreichen Kommentare Ratcliffs sind nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch interessant. Sie vermitteln ein wenig den wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten des Mittelalters.

Die Welt des Mittelalters wird ungeschminkt und humorvoll betrachtet: Lustige Zitate wie „Der Herr schickte uns Fleisch, und der Teufel einen englischen Koch“ sowie der derbe Humor der Söldner sorgen für Unterhaltung. Von Bewaffnung bis hin zu Sitten und Gebräuchen schöpft Mary Gentle aus ihrem großen Fundus des Wissens über diese Zeit. Einen gefallenen Ritter rammte man einen Panzerstecher durch die Lücken der Panzerung, oder einen Dolch durchs Visier in das Auge, einen hollywoodtypischen Ritter, der sich trotz Plattenharnisch von einem Schwertstreich sofort niederstrecken lässt, wird man hier nicht finden. In der Tat kann Mary Gentle für sich beanspruchen, Expertin auf diesem Gebiet zu sein – welch anderer Autor kann das schon in diesem Umfang von sich behaupten?

Da „Der Blaue Löwe“ nur das erste Viertel der Geschichte darstellt, kommt einiges leider zu kurz: Die Fülle an Daten und Handlungen sorgt dafür, dass die Nebencharaktere wie Ash’s Stellvertreter Robert Anselm, Kanonier Angelotti, ihr begabter Schützling Rickard, sowie ihr Kompaniepriester Godfrey oder ihre lesbische Ärztin Floria(n), die zudem auch noch mit ihrem feigen Möchtegern-Ehemann Fernando verwandt ist und mit ihren „Coming Out“ in einer von Intoleranz geprägten Welt erhebliche Probleme hat, einfach zu kurz kommen. Ash selbst wird sich erst im Folgeband profilieren können, dafür fällt unangenehm auf, wie oft sie zu insbesondere zwei Kraftausdrücken greift: Egal ob Stimmungs-, Situations- oder Zustandsbeschreibung, ein dutzendmal „Scheiße“, „ficken“ oder „gefickte Scheiße“ oder als Ausdruck höchster Wut „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ sind für ihr lästerliches Mundwerk Standardrepertoire. Zum Glück legt sich das in den Folgebänden auf ein erträgliches Maß, ich empfand es im „Blauen Löwen“ übertrieben, unnötig und störend.

Die Übersetzung von Rainer Schumacher ist tadellos gelungen, die Gestaltung ist im gehobenen Stil der Bände von Lübbe’s Bibliothek der Phantastischen Literatur. Alle vier Bände haben inhaltlich perfekt passende Titelbilder, die zudem noch sehr schön anzusehen sind. Einzig bei Ash’s Abbildung auf Band 1 hat sich der Künstler Arndt Drechsler eine kleine Freiheit herausgenommen und ihr silberfarbenes Haar in der Farbe ihres Wappentieres, dem azurblauen Löwen, gehalten. Ebenso gelungen ist die Entscheidung, den Einband in einem dazu passenden marmorierten dunklen Blau zu halten – Band 3 „Der steinere Golem“ hat treffenderweise einen steingrauen Einband. Bis auf wenige kleinere Fehler und ein völlig verdrehtes und entstelltes lateinisches Zitat sind Übersetzung und Lektorat von hoher Qualität und nur zu loben.

Die Geschichte ist komplex und durchaus anspruchsvoll, trotzdem für nahezu jedermann geeignet, dank der häufig eingestreuten Kommentare Ratcliffs. Der Beginn ist jedoch relativ holprig und verwirrend, bis man wirklich mit der fantastischen Handlung vertraut ist und diese sich entwickelt. Denn so richtig los geht es trotz aller Schlachten, Belagerungen und Ashs kurioser Hochzeit erst im Folgeband „DER AUFSTIEG KARTHAGOS“. Neben Erkenntnissen über den Schöpfer der Golems, den Rabbi von Prag, und dem heiligen Gundobad wird man mehr über das Zwielicht über Karthago, das sich über Europa ausbreitet, und über die Ziele des karthagischen Kreuzzuges erfahren, ebenso über die Frage, warum „Burgundia est delenda!“ („Burgund muss zerstört werden!“ in Anlehnung an den berühmten Satz des Römers Cato „Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago müsse zerstört werden!“) für den Steingolem in Karthago von so großer Bedeutung ist – und wie es mit der Glaubwürdigkeit von Dr. Ratcliffs Entdeckungen weitergehen wird.

„Der Blaue Löwe“ macht Lust auf mehr – wer ein Faible für das Mittelalter und nichts gegen den ungewöhnlichen Genremix einzuwenden hat, wird mit einem wirklich herausragenden Romanzyklus belohnt. Wer seine Bücher bevorzugt im englischen Original liest, kann übrigens sehr viel sparen: Einmal 16,63 EUR anstelle von viermal 14,90 EUR für die deutschen Bände.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: DER BLAUE LÖWE (ISBN 3404283384)
Band 2: Der Aufstieg Karthagos (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Ein Interview mit Mary Gentle:
http://www.sfsite.com/10b/mg91.htm

Ihre (Mai 2004) noch nicht vollendete Homepage:
http://www.marygentle.org/

Stephen Baxter – Vakuum-Diagramme (Xeelee-Zyklus)

Wenn man Baxters Buch verstehen will, muss man die Quantenmechanik verstanden haben – so möchte ich einmal einen Satz aus dem Buch selbst abwandeln (s.S. 316). Ich glaube, die wenigsten Leser verfügen jedoch über das nötige Hintergrundwissen, um wirklich zu verstehen, wovon der Autor hier fast ununterbrochen schreibt: Esoterische (real existierende) Physik und höhere Mathematik, durchmischt von offenbar spekulativen Abwandlungen und Extrapolationen oder gar völlig erdachten Weiterungen unserer heutigen Kenntnisse von der Natur des Universums. Da zu meinem Studium die theoretische Physik gehörte, konnte ich zumindest mit dem Begriffsapparat etwas anfangen. Andere dürfte Baxter aber schnell weit hinter sich lassen auf seinen Höhenflügen. Ob ihm das eine dankbare Leserschaft einbringt?

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Forrest, Katherine V. – Töchter der Morgenröte

In einer recht nahen Zukunft bringt – entgegen eines Verbots – ein Raumfahrer eine Außerirdische mit auf die Erde. Die außerirdische Frau sieht umwerfend gut aus, gebärt viele Kinder und setzt ihren eigenen Kopf durch.

Viele Jahre später gibt es fast siebentausend weibliche Abkömmlinge, die mit den Genen ihrer Ahnin – liebevoll „Mutter“ genannt – versehen sind. Alle Frauen sehen gut aus, sind gebärfreudig und sehr intelligent. Die Mischung Mensch und Vernaerin führt auch dazu, dass nur Mädchen geboren werden und sämtliche Nachfahren einen starken lesbischen Trieb besitzen. Dazu kommt eine ungewöhnliche Langlebigkeit.

Die Welt ist nun im Wandel und kein Ort für solch eine Menschengruppe, die gleichzeitig auch das wertvollste Gut der Menschheit darstellt. Noch ahnt niemand etwas von dem intellektuellen Potenzial, doch handelt es sich dabei nur um eine Frage der Zeit. Mutter schart nun ihre Familie um sich und kann die meisten dazu bewegen, ihr zu folgen. Sie benennt die junge Megan zur Führerin und schon bald fliehen die meisten Frauen in den Weltraum.

Die Flüchtlinge haben eine neue Welt auserkoren, die es zu bewohnen gilt. Glücklicherweise gibt es nur wenige Gefahren. Schon bald entsteht ein weibliches Utopia in der Weite des Alls. Nur Megan ist unglücklich, da sie ein Mutter gegebenes Versprechen bindet. Doch als plötzlich ein irdisches Raumschiff mit vier Besatzungsmitgliedern erscheint, dreht sich auch für Megan das Liebeskarussell. Leider stellt die Besatzung auch eine große Gefahr für die Frauenkolonie dar…

Katherine V. Forrest ist vielen ihrer Leser – vor allem – als Krimiautorin bekannt. Doch auch mit ihrem 1984 erschienenem Werk „Töchter der Morgenröte“ leistet sie Beachtliches. Bevor man sich jedoch dem Lesegenuss hingibt, sollte die Leserschaft den Klappentext missachten. Der ist leider etwas vom Weg abgekommen und führt mehr in die Irre, als dass er eine Richtung vorgibt.

Auf den ersten Blick scheinen viele Klischees bedient zu werden und kommt einem der Roman langweilig vor. Das liegt jedoch daran, dass der Roman Ansprüche an die Leser stellt. Ein Actionfeuerwerk sucht man vergebens. Hier zeigt sich besinnliche Science-Fiction {nach Harlan Ellison: Speculative Fiction}, die viel Wert auf Charaktere und Beziehungsproblematik legt.

Bereits der Anfang ist packend. Mutter wird von einem Erdenmann als sexuelles Spielzeug mitgebracht und ist damit mit den neuzeitlichen Kataloghochzeiten zu vergleichen, die wir aus Osteuropa und Asien kennen. Mutter ist jedoch clever und lässt sich nicht lange von einem Mann Befehle erteilen. Sie setzt sich durch. Und so avanciert der Vater einer neuen Spezies zum Statisten. Im Grunde genommen haben wir hier eine Vorbildfunktion für die moderne Frau, die noch immer einem männlichen Diktat folgt, und der die Autorin entgegenruft: „Gehe deinen eigenen Weg.“ Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat die Emanzipation Fortschritte gemacht, aber dennoch bleibt diese Aussage oft genug aktuell.

Mutter erkennt nun eine weitere Problematik: Ihre Nachkommen werden immer mehr und können ihre Fähigkeiten immer schwerer verbergen. Die Weltregierung wird sich vielleicht nicht durch die Frauen, sondern durch deren Intelligenz bedroht sehen. Also beschließt Mutter, ihre Töchter bei der Hand zu nehmen und zu neuen Ufern zu führen. Trotz aller Klugheit und Selbstständigkeit handelt es sich um Kinder, die von ihrer Mutter beschützt werden müssen und auch wollen. Dadurch wird erkennbar, dass es sich hier um eine große, harmonische Familie handelt. Oft genug werden intellektuelle Personen durch ein starkes Elternteil geprägt. Diesem Umstand zollt die Autorin hier subtil Tribut. Eine Feinheit, die nicht jeder erkennt, die aber sehr wichtig ist.

Mit zarter Hand fördert Mutter die Eigenverantwortung ihrer Nachkommen. Doch sie weiß, dass bei solch einem Projekt eine starke Führungspersönlichkeit gebraucht wird. Hier kommt Megan ins Spiel, die absichtlich jung an Jahren ist. Dadurch bringt sie glaubhaft die nötige Energie auf, um solch ein Projekt zu leiten. Der Preis, den Megan zahlen muss, ist sehr hoch. Und daran geht sie fast zugrunde.

Forrests Utopia mag auf den ersten Blick fragwürdig aussehen. Doch verdient es einen tieferen Blick. Auf der neuen Heimat angekommen, gibt es erst herbe Rückschläge, die ihre Opfer fordern. Aber dann leben sich die Frauen ein und genießen die neue Freiheit, die sich vor allem in der freien Körperkultur zeigt, die von den Frauen praktiziert wird. Und damit stellt die Autorin die absolute Freiheit heraus, die einst nur im Garten Eden herrschte. Eine wunderbare Metapher, die tief ins Herz blickt und Emotionen weckt.

In einer solch eng verbundenen Gemeinschaft kann eine Bedrohung nur von Außen kommen. Und genau das ist der Fall. Erneut bedient sich die Autorin einer indirekten Sprache, um die Charaktere ihrer Protagonisten zu skizzieren. Die Eindringlinge werden herumgeführt und bekommen Freiheiten zugestanden. Nur das weibliche Besatzungsmitglied versteht die Gesetze Utopias und löst sich vom Patriarch der Erde. Die Männer kommen mit der neuen Welt kaum zurecht. Sie sehen ihre eigenen Spielregeln und Maßstäbe bedroht, haben Angst davor, ihren Einfluss zu verlieren. Sie begegnen der Freundlichkeit mit Verrat und müssen später den Preis zahlen. Dabei zeigt sich die Menschlichkeit der Frauen, die bis zum letzten Augenblick zögern, den Feind zu vernichten. Klasse geschrieben.

Katherine V. Forrest schreibt in einem schnörkellosen Stil, der die Leser fordert. Sie bedient sich subtiler Elemente, überlässt anderen die Schlussfolgerungen, um das Charakterspiel aufzuzeigen. Sie beschreibt keine großen Emotionen, verzichtet auf Action. Feinfühlig und sensibel beschreibt Forrest die Szenerie, lädt zum Träumen ein. Obwohl es sich um lesbische Literatur handelt, spricht der Roman auch das andere Geschlecht an. Ein empfehlenswertes Buch.

_Günther Lietz_ © 2004
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Asher, Neal – Skinner – Der blaue Tod

In der Zukunft – auf dem Wasserplaneten Spatterjay: Das Leben ist hart, teuer und gefährlich. Die Bewohner verdienen ihr Geld mit dem Fang merkwürdiger Meeresbewohner, die alle sehr tödlich sind. Die Fauna hat sich vollständig dem Lebenszyklus angepasst – und so kann man gefressen werden und trotzdem überleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die hier leben. Sie sind unsterblich, flicken sich bei schweren Verletzungen einfach zusammen und müssen massiv verletzt werden, um überhaupt ausgeschaltet zu werden. Der Preis: Der Körper eines Unsterblichen mutiert, falls man nicht höllisch aufpasst.

Dieser merkwürdige Planet ist Ziel dreier Personen. Janer, Erlin und Keech. Obwohl sie alle verschiedene Motivationen vorantreiben, haben sie ein gemeinsames Ziel: den Skinner. Ehemals Sklaventreiber, Mörder und an einem Stück. Scheinbar war er tot, doch nun ist er wohl zurück – oder nicht?

Anlässlich von Filmen wie „Fluch der Karibik“ und „Master and Commander“ erfreuen sich Piratenstücke derzeit großer Beliebtheit. Wie passend, dass es sich bei „Skinner – Der blaue Tod“ um ein Piratenstück handelt. Zwar ist es in der Zukunft und auf einem fremden Planeten angesiedelt, aber dennoch spannend zu lesen und voller Überraschungen.

Moderne Technologie ist für Spatterjay kaum erschwinglich und so fahren hölzerne Kutter über das Meer. An Bord die unsterblichen Einheimischen, ausgestattet mit einem großen Waffenarsenal. Damit erwehren sie sich der bedrohlichen Tierwelt. Fortwährend gibt es kleine Einschübe des Autoren, die sich mit genau dieser Tierwelt beschäftigen und den Kreislauf des „Fressen und Gefressen werden“ behandeln. Recht anschaulich und faszinierend geschrieben. Neal Asher zeigt hier sein kreatives Talent und entwickelt eine einzigartige Umgebung für seine Geschichte.

In dieser Umgebung agieren dann künstliche Intelligenzen, semiintelligente Segel, Drohnen, Schnecken, die sich Menschen als Nahrungsmittel halten, ein seit siebenhundert Jahren toter Keech und andere Wesen.

Das Protagonisten-Trio ist Asher besonders gut gelungen. Am normalsten erscheint vielleicht Erlin. Die jugendliche Wissenschaftlerin hat bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel und entpuppt sich als knallharter Brocken. Auch Janer erscheint Anfangs normal, allerdings gehörte er zu einem Schwarmbewusstsein. Die Hornissen stellten sich im Laufe der Geschichte als intelligent heraus und wurden ziemlich mächtig. Durch Janer versuchen sie ihre Macht nun zu stärken. Am auffälligsten scheint jedoch Keech. Er ist seit Jahrhunderten ein wandelnder Leichnam, wird durch Elektronik eines Kults am Leben gehalten und von Rachegelüsten geleitet. Damit ergibt sich eine Sammlung verschiedener Charaktere, die alle gut zusammenpassen und miteinander harmonieren.

Das Charakterspiel der Hauptcharaktere, ihre Entwicklung und ihre Motivation, reizen den Leser, zwingen ihn zum Weiterlesen. Man wird vom Schicksal der Personen berührt, nimmt Anteil an ihrem Leben. Neal Ashers Roman ist im sozialen Bereich erstklassig geschrieben und auch die Übersetzung von Thomas Schichtel steht dem in nichts nach.

„Skinner – Der blaue Tod“ ist ein spannender Roman, flüssig zu lesen und gut aufgebaut. Zwar wechseln häufig Schauplätze, Personen und auch mal die Zeit, aber man behält stets den Überblick. Eine gelungene Piratengeschichte, tolles Seemansgarn und faszinierende Science-Fiction.

_Günther Lietz_ © 2004
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Robin Hobb – Der Ring der Händler (Die Zauberschiffe 1)

Schon einmal im Hafen mit der Galionsfigur eines Handelsschiffes gesprochen? Schlimmer noch, hat sie sich bewegt und geantwortet? Wird es Zeit, geistigen Getränken völlig zu entsagen?

Keine Panik, alles ganz normal. Zumindest in Bingtown.

Solche Dinge, die man gewöhnlicherweise als unter Alkoholeinfluss enstandenes Seemannsgarn abtun würde, sind dort Realität: Die aus Hexenholz gebauten Lebensschiffe der alteingesessenen Händlersippen sind im wahrsten Sinne des Wortes lebendig. Sie haben ihren eigenen Charakter, können sprechen und sich bewegen – sobald sie erwacht sind. Mindestens drei Angehörige einer Familie müssen auf den Planken eines Hexenholz-Schiffes versterben, um es mit Leben zu erfüllen. Hexenholzschiffe sind schneller, widerstandsfähiger und in nahezu jeder Beziehung gewöhnlichen Schiffen überlegen – welches normale Schiff könnte selbständig einer Sandbank ausweichen, wenn der Steuermann unachtsam ist?

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