Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Philip K. Dick – Die besten Stories von Philip K. Dick

Über diesem himmelblau gefärbten Titelbild steht in breiten Lettern PLAYBOY. Was soll uns das sagen? Handelt es sich um erotische Storys, in Hugh Hefners Auftrag geschrieben? Oder wurden hier nur PLAYBOY-Autoren beauftragt, Einschlägiges über Häschen und damit verbundene Freuden zu Papier zu bringen?

Leider wird auch der Häschen-Liebhaber enttäuscht, denn die Storys dieses Bandes stammen aus der Schreibfabrik eines einzigen, wenn auch bekannten Science-Fiction-Autors. Und der schrieb zwar ab und zu mal für Hefners Häschen-Blatt (denn es zahlte gut), aber leider in den seltensten Fällen über Einschlägiges. Vielmehr waren die zwei Fragen „Was ist menschlich?“ und „Was ist die Wirklichkeit?“ seine Hauptanliegen.

Das Vorwort schrieb 1976 John Brunner. Er war zu dieser Zeit selbst einer der renommiertesten britischen Science-Fiction-Autoren.

_Der Autor_

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Dick, Philip K. – Zeit aus den Fugen

„Zeit aus den Fugen“ (ein Zitat aus „Hamlet“), 1959 erschienen, kommt als unscheinbare Prosaerzählung daher, genauso wie das Geschehen in einem unscheinbaren Ort spielt, der nicht einmal einen richtigen Namen hat: „Old Town“. Doch das Ganze ist eine gigantische Truman-Show, eine Matrix, die nur einen Zweck zu haben scheint: ihren wichtigsten Bewohner, Ragle Gumm, über die Natur der Wirklichkeit zu täuschen.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Stories, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf einer Dick-Story beruht.

_Handlung_

Ragle Gumm ist mit seinen 46 Jahren so etwas wie ein amerikanischer Nationalheld: Er ist derjenige, der am längsten durchgehend den landesweiten Wettbewerb „Wo wird das grüne Männchen als nächstes auftauchen?“ gewonnen hat. Zumindest glaubt das jeder in seinem idyllischen Heimatstädtchen Old Town, wo ihn natürlich jeder kennt. Schließlich ist das hier tiefste Provinz, und das auch noch im Jahr 1959, in der Eisenhower-Ära. Und niemand hat ein Radiogerät.

Ragle ist sympathisch, aber auch außergewöhnlich. Als einziger Mann in der Stadt arbeitet er nicht in irgendeinem Job, sondern werkelt stets zu Hause an seinem Wettbewerb herum. Das Ausarbeiten der richtigen Einsendung ist nämlich wirklich kompliziert. Schon ein paarmal lag er mit seiner Vorhersage, wo das kleine grüne Männchen auftauchen wird, daneben und hätte eigentlich disqualifiziert werden müssen, doch die Wettbewerbsleitung hat immer wieder ein oder zwei Augen zugedrückt, um ihn weiterhin dabei zu haben. So eine Erfolgsstory wie die von Ragle Gumm ist nämlich kostenlose Werbung.

Er lebt bei seiner Schwester Margo, deren Mann Victor Nielson und ihrem Sohn Sammy, einem Bastler. Die Nachbarn sind Junie Black und ihr Mann Bill. Als Ragle versucht, mit der attraktiven Junie eine Affäre zu beginnen, geraten die Dinge in Bewegung. Das ist das eine, aber gleichzeitig häufen sich merkwürdige Erlebnisse, die nicht nur Ragle, sondern auch Victor haben.

Als Ragle mit Junie ins Freibad geht, um sie anzubaggern, will er sich beim Getränkekiosk ein Bier kaufen. Doch das, was er beim Getränkekiosk findet, ist merkwürdig: einen Zettel mit der Aufschrift „Getränkekiosk“. Der so bezeichnete Stand hat sich in Luft aufgelöst. Und es ist bereits Ragles sechster Zettel.

Wenig später kehrt der zehnjährige Sammie von einer Expedition zu den Ruinen am Stadtrand zurück. Auch Ragle findet dort etwas: Zeitschriften und ein Telefonbuch. In den Magazinen ist die Rede von einer Schauspielerin, von der Ragle noch nie gehört hat: Marilyn Monroe. Und als er die Nummern im Telefonbuch über die Vermittlung erreichen will, sind alle außer Betrieb. Über das von Sammy gebaute primitive Radiogerät empfangen Ragle, Sammy und Margo merkwürdige Funkmeldungen. Sie haben unter anderem mit Ragles Aufenthaltsort zu tun.

Inzwischen ist Nachbar Bill Black durch die Telefonvermittlung alarmiert worden: Mit Ragle stimmt etwas nicht. Aha, die Magazine und das Telefonbuch. Leider verplappert er sich sich, als er bekennt, den Namen Marilyn Monroe schon einmal gehört zu haben. Der Grund dafür wird nur dem Leser klar: Bill Black ist Teil der groß angelegten Verschwörung, die dazu dient, Ragle Gumms Voraussagefähigkeit dienstbar zu machen. Damit werden die Raketenangriffe auf die Erde eingeschätzt, die die abtrünnigen Mondkolonisten abfeuern. Ragles Welt ist eine Lüge: Illusion, Täuschung, ein Truman-Show von A bis Z.

Ragle hat das unbestimmte Gefühl, dass etwas mit seiner Welt nicht stimmt. Um herauszufinden, ob dies überall so ist, versucht er, die Stadt zu verlassen. Der erste Versuch scheitert und er wird einer Gedächtnisunterdrückung unterzogen. Doch dann kontaktiert ihn eine Frau, die ihn einlädt, einen Vortrag über Zivilschutz zu halten. Und man zeigt ihm ein Modell jener Fabriken, die künftig unterirdisch arbeiten sollen. Das hilft Ragles Erinnerung auf die Sprünge: Das Modell zeigt nämlich seine eigene Aluminiumfabrik, die er mal besessen hat.

Nun ist der Fall klar: Er muss Old Town verlassen, koste es, was es wolle. Und diesmal klappt es. Was er draußen vor der Stadt im Jahr 1998 vorfindet, übertrifft seine schlimmsten Befürchtungen…

_Mein Eindruck_

Dick schreibt durchweg verständlich und benutzt alltägliche Ausdrücke, ganz im Gegensatz zur Hard-Science-Fiction à la Benford und Niven, die mit technischem Jargon um sich wirft. Im Gegenteil: Old Town sieht aus wie der Anfang von „Pleasantville“, der Eisenhower-Traum vom idyllischen, wohl geordneten Vorortleben. Oder wie Trumans Kulissenstadt, die bis zum Wasser reicht, das er nicht überqueren kann, ohne Riesenängste durchzustehen.

_Gesellschaftliche Relevanz_

Doch während Trumans Leben als Show zum privaten Vergnügen jedes Einzelnen inszeniert ist, so betrifft Ragles Leben in Old Town die gesamte Nation: Er ist es, der die Flugbahnen der Mondraketen vorhersagt und somit den Schutz von Leib und Leben ermöglicht. Er ist ein Nationalheld, aber in beiden Welten, die er betritt. Alles andere an Old Town stellt sich als Kulisse heraus, aber mehr oder minder zu seinem psychischen Schutz: Es ist sein privater Rückzug ins Goldene Zeitalter der Sorglosigkeit. Er kann den Gedanken, für so viele Menschenleben verantwortlich zu sein und auf jeden Fall schuldig zu werden, nicht ertragen und hat sich seine eigene Rückzugspsychose herangezogen. Die Regierung musste nur noch die Kulissen und Statisten besorgen. Aber wird der Krieg mit dem Mond ewig dauern?

_Die schrecklichen Fünfziger_

Die Parallelen zum Kalten Krieg, den das Eisenhower-Amerika mit den „bösen Russen“ führte, sind unübersehbar. Dick diagnostiziert die kulturelle Erstarrung dieser Ära als Psychose des Rückzugs. Die war vielleicht hilfreich, um den Horror des Zweiten Weltkriegs zu verarbeiten, ist aber Mitte der 50er in eine Starrheit und Stagnation verfallen, aus der nur wenige Bewegungen herausführten, und auch das nur am äußersten Rand: Der Rock’n’Roll entstand in den Kneipen und Klubs der Schwarzen, wurde dann von dem Weißen Elvis Presley gesellschaftsfähig gemacht, vor allem durch Filme. Und die Stimmen der Beat-Lyriker der Westküste, insbesondere Allen Ginsberg mit dem ergreifenden Langgedicht „Howl“, wurde nur in Künstler- und akademischen Kreisen vernommen. Das alles änderte sich erst im Jahr 1960 mit Kennedy (wenn auch nicht unbedingt zum Besseren).

_Prosaisch in jeder Hinsicht_

Wie gesagt, ist „Zeit aus den Fugen“ sehr einfach zu lesen. Ich war aber erstaunt, dass wir kaum jemals Einblick in Ragle Gumms Gedankenwelt erhalten. Erst am Schluss tauchen Rückblenden auf. Daher wird Ragles Reaktion auf bestimmte Ereignisse mit Spannung erwartet. Zunächst kommen solche Ereignisse sehr unscheinbar und alltäglich daher: Der Autor gibt sich keinerlei Mühe, rätselhafte Hinweise fallen zu lassen oder Cliffhanger-Schlüsse zu verwenden. Daher heißt es: Augen auf und aufpassen, was als Nächstes passiert!

_“Blade Runner“_

Im Unterschied zu den Erzählungen, die mitunter von bitterer Ironie triefen, ist in „Zeit aus den Fugen“ keinerlei Verzweiflung, aber auch kaum Humor festzustellen. Es gibt keine Ausbrüche sinnloser Gewalt. Selbst wer heute angesichts der Kindlichkeit einer Frau wie Junie Black am liebsten durchdrehen möchte, dem wird nicht der Gefallen erwiesen, dass Junie zurechtgewiesen wird. Der Grund: Junie kann nichts dafür. Sie wurde auf dieses Verhalten per Tiefenhypnose und Medikamenten „programmiert“. Und wer würde einem Androiden einen Vorwurf über sein Verhalten machen? (Insofern verweist Junie auf die Androidin Rachel in „Blade Runner“ voraus.)

_Unterm Strich_

Ragle Gumms „echte“ Realität hat große Ähnlichkeit mit den realen Fünfzigern, der Eisenhower-Ära des Kalten Krieges und der Vorstadtidyllen. Die bedeutende Autorin Ursula K. Le Guin hält daher Dicks Buch für den „besten Roman über das Amerika der fünfziger Jahre, den ich je gelesen habe“. Dick als moderner Kafka des späten 20. Jahrhunderts? Mit jedem weiteren Jahr, das wir uns mit der Natur der „Matrix“ auseinandersetzen, erscheint uns Dicks Werk an Bedeutung zu wachsen.

Dieser leicht zu lesende Roman ist ein guter Einstieg in Dicks Science-Fiction-Welt. Manche Szenen fanden später vielseitige Verwendung: „Pleasantville“, „Truman Show“, das Ende der Autobahn in „The 13th Floor“, die endlose virtuelle Autobahn in Michael Marraks „Lord Gamma“ usw. Ein Ende ist nicht abzusehen.

_Michael Matzer_ ©2003ff

Philip K. Dick – Eine andere Welt

Dieser Parallelwelt-Thriller leitete Dicks dritte und letzte Schaffensperiode ein. Er brachte ihm nicht nur hohe Bekanntheit, sondern auch die Verfolgung durch die US-Behörden ein.

Jason Taverner gehört zur genetisch gezüchteten Elite der Gesellschaft um 1988: Der Sänger und Unterhaltungskünstler tritt jede Woche im Fernsehen auf, um ein Millionenpublikum mitzureißen. Bis ihm sein Betthäschen eines Tages einen tödlichen Alien-Schwamm auf die Brust setzt und er ohnmächtig ins Krankenhaus eingeliefert wird. Er erwacht in einer ungewohnten Umgebung: einem schäbigen Hotelzimmer, neben ihm ein Haufen Geldscheine, und kein Mensch scheint ihn mehr zu kennen, auch seine Freundin nicht.

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Philip K. Dick – Blade Runner

Dieser Roman ist die literarische Vorlage für Ridley Scotts kultigen Science-Fiction-Film „Blade Runner“ von 1982, in dem Harrison Ford einen seiner besten Auftritte hat, neben Rutger Hauer und Daryl Hannah. Dabei hieß der Roman ursprünglich ganz anders: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Philip K. Dick, der von 1928 bis 1982 lebte, war einer der fruchtbarsten und inzwischen wichtigsten Science-Fiction-Autoren. Von ihm stammen u.a. die literarischen Vorlagen zu den Filmen „Minority Report“ (mit Tom Cruise), „Total Recall“ (mit A. Schwarzenegger), „Screamers“ (mit Paul „Robocop“ Weller) und „Impostor“ (der bei uns nie ins Kino kam, mit Gary „Das letzte Gefecht/The Stand“ Sinise).

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Marillier, Juliet – Kind der Stürme, Das (Sevenwaters 3)

Mit dem Band „Das Kind der Stürme“ schließt die neuseeländische Autorin Juliet Marillier ihre Sevenwaters-Trilogie ab. Nachdem in „Die Tochter der Wälder“ die junge Sorcha ihre Brüder aus der Gestalt der Schwäne erlöst und ihre Tochter Liadan in „Der Sohn der Schatten“ das Muster des Feenvolkes durchbrochen hat, erzählt der letzte Band nun die Geschichte des letzten Kampfes mit den Briten um die heiligen Inseln, diesmal aus der Sicht von Fainne.
Fainne ist in jeder Hinsicht ein besonderes Mädchen. Sie wächst allein mit ihrem Vater auf, an einem abgeschiedenen Ort vor der Küste von Kerry, genannt die Honigwabe: Ein Gewirr aus Höhlen, Klippen, Simsen und versteckten Stränden. Ein Ort, wo sich Himmel, Erde und Meer in vollkommener Harmonie berühren. Fainne hat keine Freunde unter den Kindern der dort lebenden Fischer. Sie ist anders. Nicht nur, weil sich seltsame Geschichten um ihre verstorbene Mutter ranken, von der man sagt, sie habe sich von den Klippen gestürzt. Nicht nur, weil sie einen verkrüppelten Fuß hat. Sondern vor allem, weil sie besondere Fähigkeiten hat, die ihr Vater mit Geduld und Behutsamkeit schult und ausbildet. Fainne ist eine Zauberin. Den einzigen Kontakt außer zu ihrem Vater hat sie zu Darragh, einem Jungen vom fahrenden Volk, das seine Sommer in der Nähe verbringt, um Ponys zu zähmen und zuzureiten, die dann auf dem Pferdemarkt verkauft werden. Fainne führt ein ruhiges, stilles Leben, geprägt vom Studium. Als ihr Vater ihr eines Tages eröffnet, sie müsste verreisen zu ihren Verwandten in Sevenwaters, ist sie sehr erstaunt. Aber er hält es für notwendig und überlässt sie deshalb für einige Monate der Obhut ihrer Großmutter. Die Großmutter ist eine grausame Lehrerin, und am Tag, als Fainne abreist, eröffnet sie ihr, dass Fainne eine Mission zu erfüllen hat, und zwar die, die sie ihr aufträgt: die Niederlage von Sevenwaters im Kampf gegen die Briten zu bewerktstelligen. Diese Mission gefällt Fainne nicht, aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat, denn ihre Großmutter hat gedroht, ihren Vater zu vernichten, sollte sie nicht gehorchen. Sie verlässt also ihr Zuhause und wird vom fahrenden Volk nach Sevenwaters gebracht. Mit jedem Tag, den sie dort verbringt und den Menschen näher kommt, wird ihr Gewissenskonflikt größer. Dann begegnet sie Eamonn von den Marschen, jenem Mann, der einst um Liadan warb. Er wird zum Schlüssel für ihre Aufgabe…

Fainnes Geschichte wird bereits im vorhergehenden Band angelegt, in dem Liadan ihre Schwester aus der Ehe mit einem grausamen Mann befreit. Alle glauben, dass Niamh von dort in ein Kloster ging, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte, aber Liadan weiß, dass das nicht stimmt. Niamh hat eine Tochter. Eine Tochter mit demselben rotgoldenen Haar wie ihre Mutter und den beerendunklen Augen ihres Vaters. Fainne ist ein schüchternes Mädchen. Der Trubel und die vielen Leute in Sevenwaters empfindet sie als anstrengend und belastend. Außerdem denkt sie, dass sie hässlich ist, weil ihr verkrüppelter Fuß sie linkisch und ungeschickt wirken lässt. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie schön ist. So schön wie ihre Mutter. Fainne liegt ständig im Kampf mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Und nicht nur das. Sie kämpft an allen Fronten. Ihre Großmutter hat ihr gesagt, dass sie nicht anders könne als böse zu sein, weil sie das Blut einer Zauberin hat, das Blut ihrer Großmutter. Ständig muss Fainne gegen das Gefühl ankämpfen, dass alles, was sie tut, egal in welcher Absicht, zu etwas Üblem wird. Zudem kämpft sie gegen das Misstrauen ihrer eigenen Familie. Conor weiß, dass sie eine Zauberin ist, und fürchtet, Lady Oonagh könnte sie geschickt haben, und auch Liadan traut Fainne nicht wirklich. Sie kämpft gegen Eamonns Ekel vor ihrer Abstammung, die nur noch von seinen Rachegelüsten gegen Liadans Mann übertroffen wird. Sie kämpft gegen ihren Jugendfreund Darragh, um ihn von sich fernzuhalten, denn sie weiß, in ihrer Nähe droht ihm Gefahr von ihrer Großmutter. Und sie kämpft auch gegen ihre Großmutter, denn irgendwann wird ihr klar, dass sie nicht tun kann, was die Alte von ihr verlangt. Das macht alles, was sie tut, zu einem gefährlichen Versteckspiel. – Der Kampf um die Inseln ist für Sevenwaters überlebenswichtig. Und jetzt, wo das Kind der Prophezeiung erwachsen und ein Anführer ist, wollen sie die Inseln ein für allemal zurückerobern. Das Kind der Prophezeiung sollte vom Blut der Briten und der Iren sein, beides und doch keins von beidem. Und es sollte das Zeichen des Raben tragen. Ohne dieses Kind können die Iren nicht gewinnen. Aber jetzt ist Liadans Sohn Johnny erwachsen, vom irischen Blut seiner Mutter und dem britischen Blut seines Vaters, und er trägt einen tätowierten Raben im Gesicht. Johnny wird den Angriff auf die Briten anführen. Sie müssen gewinnen. Und doch kommt es anders, als alle denken. Denn alles bisher Genannte war nur ein Teil der Prophezeiung. Und Prophezeiungen sind nie eindeutig, niemals einfach. Sie gehen verschlungene Wege, unerwartete. Und so ist es auch diesmal.

Der dritte Band der Trilogie führt nicht nur alle losen Enden zusammen, er beantwortet auch eine Menge Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum versucht Lady Oonagh so verbissen, Sevenwaters zu zerstören? Warum hatte das Feenvolk so sehr darauf bestanden, dass Johnny unbedingt im Wald von Sevenwaters aufwachsen müsse? Warum sind Fainnes Eltern nie nach Sevenwaters zurückgekehrt? Warum ist das Blut der Zauberer verflucht? Wie auch immer die Antworten lauten mögen: Es musste so sein. Neben der Prophezeiung spielt in diesem Band die Zauberei eine große Rolle. Nicht die sanfte Magie der Alten, wie sie Sorcha, Finbar und Liadan in sich trugen, sondern die Art von Zauberei, wie sie Lady Oonagh ausübte: Verwandlungen des Körpers, Verursachen von Schmerzen, die Herrschaft über den Willen anderer. Infolgedessen verliert die Geschichte etwas von dem geheimnisvollen Zauber, der noch über dem ersten Band lag, und obwohl diesmal die Alten, die schon vor dem Feenvolk in Erin lebten, in diesem Band verstärkt auftauchen, bleibt die mystische Gedankenwelt der Kelten bis zum Ende des Showdowns doch größtenteils im Hintergrund. Statt dessen tritt der Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Inneren der Hauptfigur, als auch in der äußeren Handlung, mehr in den Vordergrund, und mit ihm die Spannung. Der erste Band war gegen Ende schon durchaus spannend, obwohl ich bereits wusste, wie es ausgeht. Der zweite Band lebte weniger von Spannung als von Gefühl. Dagegen übertrifft der dritte Band den ersten an Spannung noch, zumal die Auflösung am Ende nicht unbedingt vorhersehbar war. Dabei verzichtet die Autorin fast völlig auf unnötig detaillierte Beschreibungen blutigen Schlachtengeschehens. Marilliers Spannungsaufbau ist ein allmählicher, aber kontinuierlicher, ebenso behutsam erzeugt wie alle anderen Stimmungen, und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger, als Schilderungen von Grausamkeiten es wären.

Es ist der Autorin also tatsächlich gelungen, auch den dritten Band ihrer Trilogie auf gleichem Niveau wie seine Vorgänger zu halten. Ihr Stil, ihre Art, die Charaktere zu zeichnen, sie in der Erzählung von Erinnerungen vorzustellen und damit ihre Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, ihre wunderbare Sprache, in der sie Stimmungen und Situationen beschreibt, lassen alle drei Bände zu einem echten Leseerlebnis werden. Sehr empfehlenswert!

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Marillier, Juliet – Sohn der Schatten, Der (Sevenwaters 2)

„Der Sohn der Schatten“ ist der mittlere Teil von Juliet Marilliers Sevenwater-Trilogie. Der erste Teil [„Die Tochter der Wälder“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=177 erzählt eine irische Version des Märchens „Die zwölf Schwäne“. Die Hauptfigur war hier die junge Sorcha, die unter Schweigen und vielen Schwierigkeiten versucht, ihre sechs Brüder zu erlösen. Im zweiten Band dreht sich die Geschichte hauptsächlich um ihre Tochter Liadan.

Die Geschichte beginnt an Imbolc, einem Feiertag im Frühling. Die Druiden sind aus dem Wald gekommen, um die Felder, die Geräte, die Tiere und das Saatgut zu segnen und die Herdfeuer neu zu entzünden. Danach wird gefeiert und getanzt. Liadans ältere Schwester Niamh steht im Mittelpunkt der jungen Leute, alle drehen sich nach ihr um, alle wollen mit ihr tanzen. Eigentlich geht die Familie davon aus, dass Niamh Eamonn von den Marschen heiraten wird, den Mann, dessen Großvater heute noch treuer Verbündeter von Sevenwaters ist, dessen Vater aber einst das Bündnis verraten hat. Niamh hält nicht viel von Eamonn, und Liadan ist nicht wenig überrascht, als er ihr selbst einen Heiratsantrag macht. Das Fest vergeht, aber Liadan hat bei aller Fröhlichkeit kein gutes Gefühl. Nur wenige Tage später beobachtet sie gegen ihren Willen ihre Schwester Niamh zusammen mit dem jungen Druiden, der ihrem Onkel und Erzdruiden Conor beim Anzünden der neuen Herdfeuer geholfen hatte. Obwohl sie nicht vorhat, ihre Schwester zu verraten, kommt die Geschichte heraus, denn ihr Zwillingsbruder Sean ist ihr im Geiste ebenso verbunden, wie Sorcha und Finbar es sind, sodass sie es ihm nicht verheimlichen kann. Hals über Kopf wird Niamh mit einem Anführer eines entfernten, aber mächtigen Clans verheiratet, von dem Sevenwaters sich Unterstützung im Kampf gegen die Briten erhofft. Niemand sagt ihr den Grund, warum sie den jungen Druiden nicht heiraten kann. Dieser verlässt Sevenwaters verbittert und zornig. Liadan begleitet ihre Schwester ein Stück auf ihrer Reise in ihr neues Heim, doch auf dem Rückweg wird sie gekidnappt. Eine Bande wilder Gestalten will, dass sie einem der ihren hilft, der sich den Arm zerquetscht hat. Als der Anführer der Horde zurückkehrt, ist er davon gar nicht begeistert, aber Liadan kann erreichen, dass er ihr wenigstens eine Chance gibt, es zu versuchen. Mit der Zeit kommt es, wie es kommen muss: Die beiden kommen sich näher. Trotzdem trennen sie sich, und Liadan kehrt nach Sevenwaters zurück. Mit einem Kind im Bauch. Eamonns Heiratsantrag lehnt sie ab. Als Niamh nach drei Monaten zum ersten Mal nach Sevenwaters zu Besuch kommt, ist Liadan entsetzt über deren Zustand. Sie spricht nicht, sie isst nicht, sie schläft kaum. Liadan kann erreichen, dass Niamhs Mann, der mit den anderen Verbündeten in den Süden zu Beratungen reiten will, seine Frau nicht mitnimmt. Statt dessen reiten Niamh und Liadan mit Aisling, Eamonns Schwester, nach Sidhe Dubh, dessen Festung in den Marschen. Liadan fühlt sich dort eingesperrt, nicht nur, weil sie nicht über die Wälle und Mauern sehen kann, sondern auch, weil sie die Festung nicht verlassen darf. Sie widmet sich ihrer Schwester und entdeckt, welch grausame Behandlung ihr Mann ihr angedeihen lässt. Sie verspricht Niamh, dass sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren muss, obwohl sie kaum weiß, wie sie dieses Versprechen halten soll. Da kommt ihr überraschend der Mann zu Hilfe, dessen Kind sie trägt…

Im ersten Band ging es dem Märchen entsprechend hauptsächlich um die Verzauberung der Brüder und ihre Erlösung. Im zweiten Band geht es in erster Linie um Liebe und Eifersucht, verletzte Eitelkeit und Hass. Liadan steht zwischen zwei Männern, dem Hauptmann der Gesetzlosen, die sie entführten, und Eamonn von den Marschen, einem Adligen und Verbündeten. Eigentlich ist ihr Eamonn nicht unsympatisch, trotzdem zögert sie, als er um ihre Hand bittet. Nachdem sie dem Hauptmann begegnet ist, kann sie nur noch ablehnen, auch wenn es ihr Leid tut, Eamonn verletzen zu müssen. Aber noch weiß sie nicht, wie sehr! Eamonn findet bald heraus, wer der Vater des Kindes ist. Er kennt ihn, denn der Hauptmann hat einige seiner Männer auf dem Gewissen. Er verachtet diesen Mann, weil er ein Söldner ist, käuflich für jeden und ohne Ehre und Gewissen, und er verabscheut ihn, denn seine Methoden sind heimlich und leise. Dass ausgerechnet dieser Mann ihm die Frau wegnimmt, die er bereits als die Seine sah, schürt seinen Hass bis zur Weißglut. Der Hauptmann dagegen verachtet Eamonn aus ziemlich den selben Gründen. Er hält ihn für den gleichen treulosen Verräter, wie sein Vater es war. Im Übrigen ist der Hauptmann ein Mann hinter einer Mauer, ein Mann mit einer finsteren, grausamen Vergangenheit, über die er nicht spricht, die ihn seinen Namen verschweigen lässt und ihn zu dem gemacht hat, als was er sich selbst bezeichnet: Abschaum. Liadan sieht das anders. Als Eamonn den Hauptmann und dessen besten Freund gefangen nimmt, um sich zu rächen, kämpft sie mit allen Mitteln um deren Leben. Liadan ist die Tochter ihrer Mutter, sie weiß, wie man kämpft. – Liadan kämpft aber nicht nur gegen Eamonn, sie kämpft auch gegen die Feenkönigin. Diejenige, die ihrer Mutter damals erklärte, wie sie ihre Brüder retten könnte, taucht auch diesmal wieder auf. Sie verlangt von Liadan, in Sevenwaters zu bleiben und ihren Sohn Johnny dort groß zu ziehen, denn ihm drohe Gefahr von Lady Oonagh, jener Zauberin, die einst ihre Onkel in Schwäne verwandelt hatte. Das Feenvolk hält Johnny für das Kind, das gemäß einer Prophezeiung dafür sorgen soll, dass Sevenwaters den Kampf gegen die Briten gewinnt. Für sie war der Vater des Kindes nur ein Werkzeug, er hat seinen Zweck erfüllt. Aber Liadan will den Hauptmann nicht aufgeben. Sie hört auch noch andere Stimmen, ältere, die Stimmen derer, die vor dem Feenvolk in Erin lebten. Vor allem will sie sich nicht vom Feenvolk benutzen lassen. Deren Arroganz fordert ihren Widerspruchsgeist heraus. Liadan ist entschlossen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Prophezeiungen sind ein beliebtes Stilmittel der Fantasy. Dass sie hier, in einer Geschichte aus einem Märchenrahmen, auftaucht, hat mich etwas verblüfft. Sie bleibt allerdings eher vage und im Hintergrund, aber ihre Erwähnung sorgt dafür, dass der Kampf der Iren gegen die Briten etwas mehr in den Vordergrund gerückt wird, als es im ersten Band der Fall war. Man erfährt, dass um drei Inseln gekämpft wird, die für die Feen und die Anhänger des alten Glaubens eine zentrale Rolle spielen. Ansonsten bleibt es bei den Elementen der Magie, die auch im ersten Band vorherrschend waren: die wortlose Verständigung im Geiste, das Heilen von Verletzungen der Seele durch Berührungen des Geistes, der Blick, Schutzzauber der Alten. In dieser Geschichte geraten sie etwas mehr in den Hintergrund, die Stimmung dieses Bandes ist nicht ganz so geheimnisvoll und magisch wie im ersten. Wie gesagt, es geht hauptsächlich um Zwischenmenschliches und um die Lösung des Geheimnisses, das den Hauptmann umgibt. Trotz des Themas „Frau zwischen zwei Männern“ gleitet die Geschichte nicht ins Triviale ab. Das ist der detaillierten und glaubwürdigen Charakterzeichnung zu verdanken, die auch den ersten Band bereits auszeichnete. Die Handlung kommt auch diesmal ohne das aus, was man üblicherweise als Action bezeichnet, ist aber in keiner Weise langweilig. Zu guter Letzt möchte ich nochmals die einfühlsame und poetische Sprache der Autorin hervorheben, durch die auch dieses Buch wieder sein einzigartiges Flair, seinen besonderen Zauber erhält. Selten habe ich eine Szene gelesen, die so anrührend und gleichzeitig so frei von Sentimentalität war, wie die, in der Sorcha stirbt.

Alles in allem kann ich sagen, ich bin ganz besonders positiv überrascht. Zum wirklich ersten Mal ist mir eine Autorin begegnet, die es geschafft hat, dass die Fortsetzung einer Geschichte deren hohes Niveau problemlos gehalten hat. Bleibt zu hoffen, dass das auch für den dritten Band „Das Kind der Stürme“ zutrifft.

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Eschbach, Andreas – Exponentialdrift

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Klonen) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Cyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt nahe Stuttgart.

Das Buch beinhaltet ein umfangreiches „Making-of“ und erzählt, wie es zustande kam.
Frank Schirrmacher, der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), bat Eschbach um eine Serie in Form eines Fortsetzungsroman, wie ihn Charles Dickens anno 1837 schrieb. Die Folgen sollten wöchentlich in der Sonntagsausgabe erscheinen. Diese Form ist insofern einzigartig, als weder Stephen King noch W. Hohlbein so etwas machten, als sie ihre Romane in sechs Folgen – je eine pro Monat – schrieben, noch die Autoren jener in Fortsetzungen abgedruckten Romane. Denn deren Bücher lagen bereits fix und fertig vor, bevor sie aufgeteilt wurden.
Eschbach schildert seine Schwierigkeiten mit dieser Form und wie er sie bewältigte. Er betrachtet diesen Roman daher als Experiment

Auf der Pflegestation einer deutschen Klinik erwacht ein Mann, der seit vier Jahren im Wachkoma gelegen hat. Die Welt und seine Frau Evelyn kennen ihn als Bernhard Abel, Programmierer. Doch die Welt um ihn herum kommt dem Mann seltsam verändert vor. In seinem Bewusstsein vermischen sich Erinnerungen Abels mit denen eines anderen Wesens. In ihm reden Stimmen durcheinander, die er zum Teil nicht versteht – so etwa das seltsame Wort „Exponentialdrift“. Und mit sich selbst, seiner angeblichen Abel-Identität, kann er sich am wenigsten identifizieren.

Evelyn Abel, die mittlerweile einen Liebhaber namens Wolfgang Lentz hat, möchte Bernhard, als sie ihn besucht, eigentlich nur ihm die Scheidung bitten. Sie hat allen Besitzstand wegen Abels Pflegekosten verloren und lebt in einer mickrigen Innenstadtwohnung. Doch als sie ihm gegenübersteht, nimmt er sie in die Arme und ist ein neuer Mensch. Allerdings ist sie überrascht, als er ihr gesteht, dass er denkt, er sei ein Außerirdischer, den es in den Körper eines Erdenmenschen verschlagen hat. Ist das eine Wahnvorstellung ähnlich der des Mathematikers Nash, dem Helden in dem Film „A Beautiful Mind“?

Dr. Röber jedenfalls, der Neurologe, der Abel behandelt, ist fasziniert. Bis er von einem Mann besucht wird, der sich auffallend für Abel interessiert und den Röber vor Jahren einmal gesehen hat: ein Armin Pallens – ebenfalls ein Patient, der aus dem Wachkoma erwachte, vor elf Jahren. Und elf Jahre davor gab es noch einen Fall. Röber kommt einer Verschwörung auf die Spur: Sind die Außerirdischen bereits unter uns?

Bernhard Abel ebenfalls. Denn er und Wolfgang Lentz, Evelyns neuer Freund, sind ehemalige Kollegen in einer Softwarefirma, die Steuerungsprogramme für Radioteleskope in aller Welt liefert. Und Lentz ist einer von vier Freunden, die der Erde mit Hilfe dieser Radioteleskope eine ganz besondere Überraschung bereiten wollen. Mit einer guten Absicht. Natürlich.

Die rund 200 Seiten des Romans sind binnen weniger Stunden verschlungen, so spannend ist die sich herausschälende Story um zwei konkurrierende Verschwörungen. Dass jedem Kapitel ein paar aktuelle Nachrichtenmeldungen aus den Jahren 2001 und 2002 vorangestellt sind, spart weiteren Lesestoff ein. Es waren ja turbulente Zeiten, mit dem 11. September, Afghanistankrieg und so weiter.

Auch die 42 Folgen selbst bieten einiges an Rätseln, und Cliffhanger-Schlüsse zwingen praktisch zum Weiterblättern. Zwischendurch verschwinden Figuren und andere tauchen ganz unvermittelt auf, aber dies liegt in der Natur der Form des aktuell ausgerichteten Fortsetzungsromans begründet – siehe das Making-of. Von einem idealen Roman kann man hier jedenfalls nicht sprechen: Es ist und bleibt ein Experiment.

Zwischendurch fielen Eschbach ein paar witzige Szenen und Glanzlichter ein, so etwa die reichlich abgehoben wirkenden Science-Fiction-Fans in Dortmund oder der verzweifelnde Programmierer, dem Sonderzeichen in Passwörtern offenbar eine unvorstellbare Entweihung des Hacker-Kodexes sind.

Der Begriff „Exponentialdrift“ ist eine Erfindung Eschbachs, das gibt er zu. Es hat absichtliche Anklänge an die Wegenersche Kontinentaldrift der Landschollen, also etwas Unaufhaltsames und Unbeeinflussbares. Übertragen wird diese Eigenschaft auf die Ausbreitung des Menschen über das gesamte Universum. Laut Berechnung, die im Making-of-Teil grafisch dargestellt ist, würde die Menschheit, angefangen ab 2010, bis zum Jahr 3225 die gesamte heimische Milchstraße besiedeln und bis 4395 das gesamte bekannte Universum mit seinen 100 Mrd. Galaxien. Dieses Wachstum ist also exponentiell.

Nun ist natürlich die Frage berechtigt, ob diese Expansion dem Rest des Universums gefallen würde. Angesichts der Tatsache, dass der Mensch auf der Erde schon hunderttausende von Tier- und Pflanzenarten ausgerottet hat, wohl eher nicht. Entsprechend seiner Natur wird er mit dem Rest des Universums ebenso verfahren. Die Konsequenzen, die sich daraus für die Außerirdischen ergeben, sind ebenso offensichtlich wie zwingend. (Mehr darf ich hier nicht verraten, sonst ist die Pointe weg.)

Dies ist, obwohl ein Experiment, ein idealer Unterhaltungsroman für gebildete Leser – „dahinter steckt ein kluger Kopf“ könnte auf dem Buchdeckel stehen. Der Autor greift in seiner Story aktuelle, wenn nicht sogar jeweils tagesaktuelle Ereignisse auf (Fußball-WM) und versteht diese nutzbringend einzubauen.

Das Buch ist in wenigen Stunden gelesen. Dennoch kann man etwas nach Hause nehmen: Die Erkenntnis, wie eigenartig die Spezies Mensch auf ihrem Raumschiff Erde ist, welches mit 1600 km/h zum Sternbild Herkules rast. Und dass diese Eigenart dem Rest des Universums ganz schön Angst einjagen könnte. Herrje, sie jagt sogar uns selbst Angst ein, wie die grausigen Nachrichtenschnipsel belegen (11. September, Flugzeugunglücke, Chemieskandale, Asteroiden-Beinahetreffer usw.).

All dies führt hoffentlich dazu, dass der Leser die Vorgänge auf dieser Welt von einer höheren Warte aus betrachtet und entsprechend nachdenkt. Er kann sich ja trotzdem vom Buch unterhalten lassen. Es sind diese zwei Aspekte, die Schirrmacher veranlassten, Eschbach mit dem Romanprojekt für die Sonntagsausgabe der FAZ zu betrauen.

Homepage des Autors: http://www.andreaseschbach.de/

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Byers, Richard Lee – Zersetzung (Der Krieg der Spinnenkönigin 1)

Das Böse hat seine eigene Faszination. Besonders Rollenspieler lieben Schurken, die ein facettenreicheres Spiel erlauben als der ewig fromme und langweilige, ehrenwerte Paladin.

Mit den düsteren Drows oder Dunkelelfen hat der bekannte AD&D-Autor (Advanced Dungeons & Dragons, ein Rollenspielsystem) R.A. Salvatore die dunklen Brüder zu den klassischen Elfen geschaffen. Die übermäßig stolzen und arroganten Dunkelelfen lieben das Chaos, die Intrige und den Kampf – menschliche Gefühle wie Liebe, Dankbarkeit oder Mitleid sind ihnen völlig fremd. Ob mit Schwertern oder Magie – Drows sind unerbittliche und hinterlistige Gegner.

Im unterirdischen Reich der Drow sind Mord und Folter an der Tagesordnung. Wenn sich die Dunkelelfen nicht gerade auf einem Raubzug an die Oberfläche begeben, bekämpfen die Adelshäuser der mächtigsten und größten Stadt der Drows, Menzoberranzan, sich gegenseitig. Einzig die Priesterinnen der Spinnengöttin Lolth, die das Chaos verkörpert und die Gottheit der Drow ist, halten die Ordnung in dieser lebensfeindlichen Umgebung aufrecht. Besonders für Männer tödlich: In Menzoberranzan haben die Frauen das Sagen, und Männer stehen nur unwesentlich über Tiefengnomen und Grauzwergen sowie allen anderen minderwertigen Unterrassen.

Der wohl bekannteste Drow ist der aus der Art geschlagene Drizzt Do’Urden, dessen Lebensgeschichte man in Salvatores „Saga vom Dunkelelf“ nachlesen kann. Auch in diesem Fantasy-Klassiker stand die faszinierende Stadt Menzoberranzan im Mittelpunkt, die auch Ausgangsort der neuen sechsbändigen Reihe „Der Krieg der Spinnenkönigin“ ist. Allerdings diesmal nicht von Altmeister Salvatore: Jeder Band wurde von einem anderen Jungautoren geschrieben. Man kann davon ausgehen, dass damit auch ein gewisser Wettbewerb verbunden ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein oder zwei dieser Neulinge in Zukunft Salvatore beim Schreiben von Geschichten für die „Vergessenen Reiche“ unterstützen werden, wer weiß?

Die abgeschlossene Serie zeigt ein einschneidendes Ereignis in den Vergessenen Reichen aus Drow-Sicht: Die Göttin Lolth gewährt ihren Priesterinnen nicht mehr ihre Macht, erhört keine Gebete und offenbart sich ihnen nicht mehr. Ohne Lolths Gunst schwinden Macht und Einfluß der Priesterinnen, was zunächst verheimlicht werden kann. Doch bald erkennen immer mehr Feinde Menzoberranzans die prekäre Lage und machen sich auf, ihren Vorteil daraus zu ziehen. Auch die versklavten Kreaturen in den Elendsvierteln Menzoberranzans begehren auf, es kommt zur Revolte. Doch auch in dieser Lage halten die Drow nicht zusammen, einzelne Männer sehen gar den Zeitpunkt gekommen, das Matriarchat abzuschaffen, niedere Adelshäuser und ehrgeizige Drows die Chance, ihren der Magie beraubten Rivalen den Garaus zu machen…

„Der Krieg der Spinnenkönigin“ im Überblick:

Band 1: Zersetzung
Richard Lee Byers

Band 2: Empörung
Thomas M. Reid

Band 3: Verdammung
Richard Baker

Band 4: Zerstörung
Lisa Smedman

Band 5: Verheerung (November/Dezember 2004)
Philip Athans

Band 6: Auferstehung (Anfang 2005)
Mel Odom

Richard Lee Byers verschwendet keine Zeit, bereits auf den ersten Seiten werden die Fronten abgesteckt. Gromph Baenre, der Erzmagier von Menzoberranzan, streitet mit seiner Schwester Quenthel, der Herrin der Priesterinnen-Akademie Arach-Tinilith, um die Gunst ihrer Schwester Triel, die seit dem Tod der alten Baenre die Muttermatrone des mächtigsten Adelshauses der Stadt ist. Als einer der wenigen Eingeweihten weiß Gromph um die Misere der Priesterinnen und setzt einen Attentäter nach dem anderen auf Quenthel an, bis hin zu beschworenen Dämonen.

Quenthel selbst hat alle Hände voll zu tun mit ihren Priesterinnen, die den Glauben an Lolth und den Respekt vor ihrer Hohepriesterin verlieren, sie gar für die Misere verantwortlich machen. Die Botschafterin der Drowstadt Ched Nasads, Faeryl, wird derweil zu Unrecht bei Triel Baenre in Misskredit gebracht und fällt schließlich deren halbdämonischem Sohn Jeggred (für Insider: Jeggred ist ein Draegloth) in die Hände und wird auf grausamste Weise verhört.

Eher nebensächlich erscheint da die Aufgabe, die man dem Meistermagier Pharaun Mizzrym und dem Waffenmeister Ryld Argith übertragen hat: Sie sollen herausfinden, wohin sich eine beträchtliche Zahl männlicher Adeliger in letzter Zeit abgesetzt hat. Der für einen Drow ungewöhnlich gewitzte und respektlose Pharaun ist seinen weiblichen Artgenossen ein Dorn im Auge, während sein eher simpler Freund Ryld Argith im Unterreich seltene Charakterzüge aufweist: Der aus niedersten Verhältnisse stammende Ryld ist ihm gegenüber relativ treu und loyal – für einen Drow.

Das ungleiche Paar stolpert bei seinen Nachforschungen in ganz Menzoberranzan bald über die Wahrheit: Wie sie haben auch einige der verschwundenen Männer gemerkt, dass die Priesterinnen Lolths derzeit keine Magie wirken können. Diese planen mit Feinden der Stadt einen Umsturz – Ryld und Pharaun versuchen sich einzuschleichen, werden aber erkannt und geraten in höchste Gefahr. Der Aufstand beginnt, nach schweren Kämpfen und nur durch Pharauns Gewitzheit kann der Untergang der Stadt verhindert werden.

Triel Baenre ist beeindruckt von dieser Leistung und beschließt, den cleveren, aber aufsässigen Magier zusammen mit Ryld und dem Späher Valas Hune, von der berüchtigten Söldnertruppe Bregan D’Aerthe, auf eine Reise nach Ched Nasad zu schicken. Sie sollen prüfen, ob nur Menzoberranzan den Segen Lolths verloren hat, oder ob auch andere Dunkelelfenstädte davon betroffen sind, vor allem aber, wer sonst noch alles über die Schwäche der Drow weiß. Um ihre Interessen sicherzustellen schickt sie ihren kampfstarken Beschützer Jeggred sowie ihre Schwester Quenthel und die Botschafterin Ched Nasads, die rehabilitierte Faeryl, mit auf die Reise. Eine explosive Mischung, zu der ihr nicht ganz uneigennützig ihr Bruder Gromph geraten hat…

Richard Lee Byers wagt sich auf gefährliches Terrain: Die Charakterisierung eines Dunkelelfen endet bei faszinierten, aber weniger geübten Rollenspielern oft in einem eindimensional platten, bösartigen, schwertschwingenden oder zaubernden Ungeheuer. Für ein Buch eine Mischung, die gepflegte Langweile garantieren würde.

Doch er macht seine Sache nicht nur gut, er erweist sich als Kenner und Experte der Dunkelelfen-Welt. Die Autoren tauschten sich untereinander aus, wie man unschwer in den Dankesworten und Vorwörtern erkennen kann, so war z.B. Philip Athans, der Autor des fünften Bandes, bei den ersten vier Büchern Lektor. AD&D-konform hat sich Byers keinen einzigen Lapsus bei der Beschreibung magischer Fähigkeiten und sonstiger Charakteristiken der Drow geleistet. Im Gegenteil, Pharaun beim Zaubern zu erleben oder Ryld beim Kämpfen gefiel mir oft viel besser als die langsam öde werdende, immer relativ ähnliche und abgenutzte Kampf-Choreographie eines R.A. Salvatore. Einige Kämpfe weniger hätten dem Buch jedoch gut getan, denn glänzen kann Byers auch bei der Charakterisierung seiner Figuren: Die schwache neue Herrin der Stadt, Triel, die von der Krise völlig überfordert ist, ihr listiger Bruder und Berater Gromph sowie ihre besonders gemeine Schwester Quenthel als perfekte Verkörperung einer Hohepriesterin Lolths können gefallen.

Der eindeutige Star ist jedoch Pharaun: Der raffinierte und geistreiche Magier begeistert nicht nur mit seinen genialen magischen Zaubereinlagen. Seine schnippische Art und wie er sich dennoch stets den Zorn der meist höhergestellten weiblichen Opfer entziehen kann, sind einfach köstlich. Ryld ist ein ihn gut ergänzender Kompagnon, hier setzt aber auch meine Kritik an: Die beiden sind wirklich Freunde, etwas, das es bei Drows nicht geben dürfte. Zum Glück nicht so sehr, dass sie ihr Leben in ausweglosen Lagen für den anderen opfern würden, wie wir sehen werden… Aber dennoch, Ryld würde Pharaun nie zu seinem eigenen Vorteil drowtypisch in den Rücken fallen, etwas, das genauso unverständlich und grundlos ist wie ihre Freundschaft. Ich bin gespannt, wie sich das in den Folgenbänden entwickeln wird. Pharaun wird Ryld einmal in der Patsche sitzenlassen, ich bin gespannt, ob Ryld sich in Zukunft einmal revanchieren wird…

Das bunte Treiben mannigfaltiger Kreaturen auf den Basaren Menzoberranzans wird sehr gut eingefangen, exotischere Wesen als im Unterreich finden sich wohl nirgendwo anders in den Vergessenen Reichen. Für jeden Rollenspieler eine wahre Freude!

Nebenhandlungen wie die um Faeryl und den Auftritt Valas Hunes habe ich nur kurz beschrieben, auch habe ich nicht einmal annährend den ganzen Umfang der Verschwörungen in der Stadt angedeutet. Byers hat den verschlagenen Charakter der Drow, die sich selbst in höchster Gefahr noch gegenseitig übers Ohr hauen, einfach sehr gut eingefangen.

Von einem Jungautoren erwartet man nicht, dass er gleich ein tadellos lesbares Buch abliefert. Byers hat es geschafft. „Zersetzung“ hat keine Hänger, man wird immer gut unterhalten und möchte das Buch gar nicht aus der Hand legen. So etwas können selbst anerkannte Autoren nicht immer von sich behaupten. Natürlich kann er dabei vom faszinierenden Szenario der Drowstadt Menzoberranzan profitieren.

Ein weiterer Pluspunkt der Reihe ist die optisch ansprechende Gestaltung: Die Titelbilder zeigen meist Drow, deren weißes Haar im angenehmen Kontrast zu dem sonst blauschwarz/lila und dunkel gehaltenen Hintergrund steht. Sie sind allesamt sehr gut, vor allem passen sie perfekt zum Szenario, man erkennt oft einzelne Figuren aus dem betreffenden Roman wieder. Die Kapitel werden mit kruden drowischen Runen eingeleitet, die Absätze von kleinen Spinnensymbolen getrennt, der verschnörkelte Zeichensatz, der bei Kapitelüberschriften und auf dem Cover eingesetzt wird, trägt zum insgesamt vorzüglichen Erscheinungsbild bei.

Für die Übersetzung (Ralph Sander), Lektorat und Gestaltung zeichnen die Fantasy-Spezialisten von „Feder und Schwert“ verantwortlich, die im Gegensatz zu früheren Projekten hier ihr ganzes Können professionell in Szene setzen konnten. Nur ein paar Kleinigkeiten der Übersetzungen störten mich. Sogar eine Karte Menzoberranzans wurde nicht vergessen.

Alles in allem kann ich „Zersetzung“ Rollenspielern und Fans der Vergessenen Reiche nur empfehlen. Pharaun und Ryld genießen schon jetzt in Rollenspielerkreisen eine hohe Beliebtheit. Die Reihe ist bereits vollständig übersetzt und genau terminiert, der letzte Band erscheint im Oktober 2004. Neueinsteiger sollten vielleicht eher mit der „Saga vom Dunkelelf“ mit Drizzt Do’Urden beginnen, da Byers wie auch die anderen Autoren für Kenner schreibt und man ohne Vorkenntnisse schier erschlagen wird von unbekannten Details, vor allem dem doch recht eigenwilligen Wesen der Drowgesellschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass die fünf anderen Autoren Byers‘ recht hohes Niveau halten können. Der letzte Tick fehlt ihm vielleicht noch, ich meine aber, hier wächst den Vergessenen Reichen ein würdiger möglicher Partner oder Nachfolger Salvatores heran.

Feder & Schwert:
http://www.feder-und-schwert.com/

Gemmell, David – Wolf in Shadow (Stones of Power)

Jon Shannow ist ein hochgewachsener Mann mit langem, schwarzem Haar und Kinnbart, der erste silbergraue Stellen zeigt. Bevorzugt gehüllt in schwarze Kleidung, schwarzen Mantel, schwarzen Hut, reitet er auf seinem schwarzen Hengst immer mit einem lockeren Griff an den beiden Revolvern um seine Hüften durch eine an den Wilden Westen erinnernde Endzeitwelt… – auf der Suche nach Jerusalem!

Der britische Autor David Gemmell ist ein Meister, wenn es darum geht, Klischee mit Anspruch zu verbinden. Mit „Wolf in Shadow“ bietet er ein Endzeit-Western-Szenario, dessen Held Jon Shannow bei den Fans so populär wurde, dass zwei Fortsetzungen bis heute folgten. Leider sind diese Romane bislang nur auf Englisch erschienen. Bekannt ist Gemmell für seine eher in antiken bis mittelalterlichen Zeiten angesiedelten Fantasy-Romane. Zu seinen beliebtesten Werken gehören die Drenai-Saga, insbesondere „Die Legende“ mit dem Axtschwinger Druss und die Romane um den düsteren Helden Waylander.

„Wolf in Shadows“ hat einen losen Bezug zu der „Stones of Power“-Reihe. Spielten die ersten beiden Bände derselben im alten England zu König Artus‘ Zeiten, ist das Western-Endzeit-Setting mit Shannow lesbar, ohne diese zu kennen. Ein absoluter Neueinstieg.

War „Wolf in Shadows“, zuerst unter „The Jerusalem Man“ erschienen, anfangs als Einzelroman geplant, folgten aufgrund der begeisterten Fans, die mehr von Shannow lesen wollten, mit „The Last Guardian“ und „Bloodstone“ zwei weitere Bände.

Jon Shannow schlägt genau in dieselbe Kerbe wie Waylander – allerdings nicht mit Schwert oder Pfeil und Bogen, sondern mit Pulver und Blei:
Vor knapp 300 Jahren kippte die Erdachse, und als Folge von Atomkrieg und den ausgelösten Überschwemmungen und Naturkatastrophen wurde die menschliche Zivilisation zerstört. Shannow lebt in einer Western-Endzeitwelt (allerdings ohne Indianer!), in der Banditen wie Aasgeier die geplagten Menschen terrorisieren.

Jons Familie wurde Opfer von Outlaws, sein Pflegevater Varey Shannow, dessen Namen er zu seinem Gedenken angenommen hat, wurde ebenso ermordet. Während sein Bruder Daniel Cade ein gefürchteter Banditenführer wird, der den Glauben an Gott verloren hat, sucht Jon nach Sinn in dieser gewalttätigen Welt. Er sucht Jerusalem – in der heiligen Stadt der Bibel will er Antworten finden. Auf seiner ruhelosen Suche erwirbt er sich einen üblen Ruf: Der Tod reitet mit Shannow. Auch wenn er nicht lügt, betrügt, trinkt und vergewaltigt, sein Ruf ist der eines gnadenlosen, wahnsinnigen Killers.

So verfolgt er zum Beispiel Halunken, die einen kleinen Jungen entführt haben, um seine Mutter zu erpressen. Er stellt sie, schießt einen nieder, zitiert dem Anführer mit der Waffe an der Schläfe aus der Bibel, und lässt ihn dann noch einmal davonlaufen. Ergebnis: In der Stadt wird erzählt, die Schurken wollten den kleinen Jungen vor Shannow retten und wurden dabei über den Haufen geschossen…

Das Kind ist kaum weniger dankbar: Es kann sich nicht vorstellen, dass Mr. Fletcher ihm und seiner Mutter etwas Böses antun wollte, er verehrt ihn sogar als netten und freundlichen Mann. Vor der düsteren Figur Shannow und seiner erschreckenden Art hat er jedoch große Angst. Wenigstens die Mutter dankt Shannow…

Das ist es auch, was Jon Shannow plagt: Gutes will er tun, aber wo immer er auftaucht, gibt es Mord und Totschlag. In der Bibel steht, du sollst nicht töten… aber auch, die Feinde des Herren niederzustrecken. Als ein Mann der Extreme ist er kein guter, milder und vergebender Mensch – aber auch kein böser und habgieriger. Mit der Waffe in der Hand lässt er stets nur eine Wahl: Leben oder Tod. Keine zweite Chance. Wer Shannow erneut in die Quere kommt, den schickt er ganz alttestamentarisch zur Hölle. Shannow verzweifelt an seinen Taten – Gutes will er tun, doch seine Gewalt führt nur zu noch mehr Gewalt, Mord und Tod sind stets seine Begleiter. Tut er nichts gegen Willkür und Gewalt, sieht er hilflos zu wie Leid geschieht – greift er ein, eskaliert die Gewalt noch mehr.

Soviel zu Shannow – nun möchte ich kurz die Handlung von „Wolf in Shadow“ vorstellen. Der Beginn des Buches ist recht… apokalyptisch.

Ein Überlebender des atomaren Weltuntergangs hat mit Hilfe der magischen Sipstrassi-Steine seit über 300 Jahren überlebt. Mit seinem Wissen um verloren gegangene Technologien und den aus den ersten Bänden der Saga bekannten Steinchen hat er ein Weltreich aufgebaut. Die Zerstörung der Welt hat ihm den Glauben an Gott genommen, er interpretiert die Bibel recht eigenwillig und nennt sich jetzt Abaddon, Sendbote Satans auf Erden.

Seine Macht fußt auf den Sipstrassi-Steinen – aber deren Macht ist endlich: Golden glänzend werden sie, je öfter sie verwendet werden, schwärzer – bis nichts mehr geht. Aber… man kann sie mit BLUT, oder besser gesagt der Lebensenergie von Menschen, neu „auffüllen“. Dann werden die Sipstrassi zu „Blutsteinen“, welche nicht mehr heilen und erschaffen können, aber dem Anwender Stärke und Macht geben, sowie seine niederen Regungen wie Gier und Hass steigern. Das schreckliche ist, es macht süchtig – und verlangt nach immer mehr Nachschub.

So ziehen dann die „Hellborn“, des Satans treue Kinder, vom wiedererrichteten neuen Babylon mit fortschrittlichen Revolvern (Steinschlossflinten, Musketen und Armbrüste sind der „Standard“) aus, um ein Weltreich zu erobern. Menschen werden als Blutopfer dargebracht, und jeder von der Hellborn-Armee getötete Mensch gibt seine Energie an Abaddon ab, der sie über die in die Stirn eines jeden Hellborn eingepflanzten Blutstein-Splitter empfängt.

Dieser „Teufel“ stößt bald auf Jon Shannow… dieser ist mit einem Siedlertreck und seiner neuen Lebensgefährtin in die Plague Lands gezogen, wird aber von ihnen getrennt. Als er erfährt, dass die Hellborn das Leben der Siedler bedrohen, nimmt er den Kampf auf. Abaddon schickt seine „Zealots“, Fanatiker mit durch Blutstein gesteigerten psionischen Fähigkeiten, Shannow und dem desertierten Hellborn Batik entgegen.

Sein Bruder Daniel Cade reagiert anders auf die Bedrohung durch die Hellborn: Ohne Siedler zum berauben hat man als Räuber keine Existenzgrundlage. Er organisiert Verteidigung und Flucht vor den Hellborn und macht sich die Bibel als Werkzeug zunutze, gibt sich als Prophet aus – er hat die Macht der Religion zur Manipulation erkannt. Das Ganze läuft jedoch anders, als er es erwartet hat: Nach einigen glücklichen Erfolgen und nachdem einige Ex-Banditen Cades ihr Leben opferten, um Siedler vor den Hellborn zu schützen, wird er immer populärer und seine Erfolge als Wunder gefeiert. Auch Cade selbst ist betroffen, er erkennt, dass ihm ein respektiertes Leben und ein Ideal, für das er kämpfen kann, mehr Wert sind als ein Leben als Desperado, und wird selbst bekehrt.

Doch es ist an Shannow, die Macht Abaddons zu brechen – denn er ist nur ein Werkzeug anderer Überlebender der Apokalypse, die ihre eigenen Ziele verfolgen… deren Anführer ist der wahre „Wolf in Shadow“…

Das Szenario tönt wie eine Groschenheft-Apokalypse, wenn man das so liest. Man darf sich nicht täuschen lassen: Gemmell ist ein erstklassiger Charakter-Beschreiber, die Handlung gewinnt mit dem überraschenden Ende, das ich nicht verraten werde, an Klasse. Die christlichen Aspekte und der „Teufel“ werden zum Glück nicht in üblicher amerikanischer Art und Weise runtergeleiert… Gemmell ist Brite, und er hat mit seiner Version dieser Thematik ein sehr ansprechendes Buch geliefert.

Schön ist auch, dass die Folgebände nicht wiederkäuen, sondern erweitern: So gibt Shannow Noah die Inspiration zum Bau der Arche, und wird zum Auslöser des Weltuntergangs. Ja, Jon Shannow war schuld – auch am Untergang von Atlantis! Im finalen Band ist Shannow eine Legende und ein Quasi-Heiliger, in dessen Namen die „Jerusalem Riders“ mit Gewalt und Willkür ihre „Wahrheit“ durchsetzen – was Shannow noch tiefer als seine eigenen Sünden erschüttert.

„Wolf in Shadow“ ist leider NUR auf ENGLISCH erhältlich. Da derzeit Gemmell’s Rigante-Zyklus übersetzt wird, wird man so bald auch nicht mit einer deutschen Fassung rechnen können. Wer es dennoch versuchen will – in Gemmell’s Büchern reden die Hauptpersonen sehr viel in direkter Rede, und es ist deshalb leichter verständlich als manch andere englische Bücher.

Mich begeistert insbesondere das frische Szenario, das vom Standard-Ambiente der Antike und des Mittelalters abweicht. Kommt der Folgeband „The Last Guardian“ nicht ganz so gut rüber wie „Wolf in Shadow“, ist das Finale mit „Bloodstone“ ein echter Knüller.

Wer ein bisschen Englisch kann und auf düstere Heldentypen steht, der findet in Jon Shannow exzellentes Lesefutter. Das Buch spricht wohl deshalb auch eher eine männliche Zielgruppe an.

Robson, Justina – Mappa Mundi

_Anstrengende Rebellion gegen Gedankenkontrolle_

Totale Gedankenkontrolle – ein (Alb-)Traum, mindestens so alt wie George Orwells [„1984“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1373 aus dem Jahr 1948. Doch die künftige Nanotechnologie in Verbindung mit Gentechnik wird es Regierungen erlauben, Steuerungsbefehle an Menschen zu verbreiten, die als unscheinbare Grippeviren übertragen werden. „Mit einem hatschi! wirst du ein anderer Mensch“, könnte man sagen.

Doch was kann man gegen diese Forschung unternehmen und wie kann der Erfolg erreicht werden? Die englische Wissenschaftlerin Natalie Armstrong macht es vor. Dass in ihrem Kampf auch Opfer nötig sind, ist unausweichlich. Dass die Welt eine völlig andere wird, sowieso …

_Die Autorin_

Justina Robson veröffentlichte diesen ihren zweiten Roman bereits 2001. Das Buch wurde nach Angaben des Verlags für den „Arthur C. Clarke Award“ als bester Science-Fiction-Roman des Jahres nominiert, erhielt ihn aber nicht. Und das wohl zu Recht.

_Handlung_

FBI-Sonderermittler Jude Westhorpe wird von seiner indianischen Halbschwester White Horse mit der Nachricht überrascht, ihr Haus im Cheyenne-Reservat sei niedergebrannt worden: ein Anschlag ihrer verrückten Nachbarin. Als sei es noch nicht merkwürdig genug, dass im verschlafenen Dörfchen Deer Ridge in Montana Mordanschläge verübt werden, erzählt White Horse zudem, dass sie ein merkwürdiges Gerät am Rande ihres Grundstück gefunden habe: Ob er sich das Teil wohl mal ansehen könne?

Bei seinen weiteren Nachforschungen stößt Jude auf ein supergeheimes, aber höchst illegales Experiment, das eine Regierungsbehörde, möglicherweise das Pentagon, in Montana ausführen ließ: Gedankenkontrolle. Dabei scheint etwas schief gegangen zu sein.

Doch wer forscht an Gedankenkontrolle? Jude findet heraus, dass ein ganzes weltumspannendes Netz von geheimen Labors daran forscht, wie man den menschlichen Geist chargiert und sein Verhalten beeinflusst. Das höchste Ergebnis dieser Forschungsbemühungen wird „Mappa Mundi“ genannt: eine Karte der Welt. Es wurde auch schon die erste Software zur Abbildung und Steuerung von Geistesvorgängen wie etwa Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung entwickelt: Mappaware. Leider gibt es schon den ersten „Quick&Dirty“-Programmcode, der es erlaubt, den damit Behandelten paranoid schizophren werden zu lassen – ein Hinweis auf das Geschehen in Deer Ridge?

Im nordenglischen York lernt Jude mit List und Glück die Wissenschaftlerin Natalie Armstrong, die weltbeste Mappaware-Forscherin, kennen und verliebt sich in die zunächst spröde Schönheit. Doch in seinem Hotelzimmer erlebt Jude merkwürdige Geisteszustände, die ihn unsicher werden lassen, ob er wacht oder träumt. Am nächsten Tag, an den er sich erinnert, liegt ein Aktenordner neben ihm: ein geheimes Dossier von den Teilnehmern an der Mappa-Forschung, darunter einige Kriminelle, vor allem ein Russe namens Michail Guskow. Auch Natalie, der er das Dossier im Vertrauen zeigt, ist geschockt: Die Akte weist Spuren ihrer weit zurückliegenden geistigen Krise auf.

Es sieht ganz danach aus, als würde das Paar von unbekannten Hintermännern manipuliert. Doch zu welchem Zweck? Unterdessen bemüht sich Judes FBI-Kollegin Mary Delaney, die zur gleichen Zeit einen hohen Rang im Nationalen Sicherheitskomitee der USA innehat, die potenziell verheerenden Folgen des militärischen „Feldversuchs“ in Deer Ridge einzudämmen. Wenn die anderen Nationen (die ja auch an Mappa Mundi forschen) herausfinden, dass etwas schiefgelaufen ist, werden sie über die USA herfallen und mit dem Finger auf die Verantwortlichen zeigen. Das wäre das Ende der Mappa-Forschung in den USA. Und dazu darf es nicht kommen.

Also lässt sich Mary Delaney breitschlagen, mit der Mappa-Forschung in Isolation und Untergrund zu gehen – zusammen mit Michail Guskow, der seine ganz eigenen Pläne mit Mary und Mappa hat. Zu ihrem Zankapfel wird Natalie Armstrong, als deren Experiment an einem Patienten in einer Katastrophe endet: Der Patient verschwindet vor den Augen der Beobachter, und Natalie selbst wird mit einem Virus namens Selfware infiziert. Schlagartig wird sie zur wichtigsten Person der Welt.

Nun beginnen einige sehr seltsame Vorgänge. Patient X ist nämlich in einen neuen Zustand verschwunden, zu dem ihn die Selfware von Mappa Mundi befähigt hat. Als Natalie sich mit ihm verbündet, erhält sie langsam wieder Oberwasser und kann Jude helfen. Für Mary Delaney aber wird die Zeit knapp.

_Mein Eindruck_

|Ein Thriller nach altem Muster|

Nachdem die wichtigsten Akteure jeweils in kurzen Szenen charakterisiert worden sind, beginnt die im Grunde wie ein Thriller aufgebaute Handlung. FBI-Agent Westhorpe will wissen, was mit seinem Volk in Montana passiert ist; Natalie Armstrong sucht neue Wege, mit Hilfe von Mappa-Technologie ihren hirngeschädigten Patienten zu helfen.

Doch das, was sie tun und lassen, geschieht ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einem engmaschigen Netz aus oftmals entgegengesetzten Interessen. Judes Schwester White Horse von den Cheyenne erhält eine Schlüsselrolle in der Auseinandersetzung zwischen Regierungsbehörden (Mary Delaney & Co.) und der konservativen Opposition. Natalies Schicksal kann über die Zukunft der gesamten Mappa-Forschung und somit über die geistige Freiheit des Menschen entscheiden. Zwischendrin entwickelt sich zwischen Jude und Natalie eine Liebesromanze.

|Ein Wissenschaftsroman|

Nun handelt es sich aber hierbei um einen Science-Fiction-Roman, in dem die Wissenschaften der Neurologie und der Kognitionsforschung eine zentrale Rolle einnehmen. So sehr also auch die menschlichen Begegnungen einen hohen Stellenwert innehaben, um die Handlung voranzubringen, so sehr wird dieses Tempo wieder von Kapiteln gebremst, in denen wissenschaftlicher Jargon das Verständnis erschwert – besonders dann, wenn die superintelligente Natalie doziert. Zum Glück kommen diese Abschnitte nur selten vor, aber sie sind anstrengend. Und außerdem vermitteln sie dem Leser den Eindruck, seine Geistesgaben reichten nicht aus, um das, was er liest, zu kapieren. Kein sonderlich angenehmes Gefühl, um es vorsichtig auszudrücken. [Schallendes Gelächter vom Lektor, das sofort in ein unterdrücktes Husten übergeht …]

|Kein US-Roman|

Wir haben es hier aber nicht mit einem Roman eines amerikanischen Autors zu tun, der von amerikanischen Lektoren für amerikanische Leser zurechtgestutzt wurde. In einem kurzen Satz dankt die Autorin zwei Redakteuren, ansonsten aber zwei Seiten lang den Informationslieferanten. Daher liegt das sprachliche wie kognitive Niveau dieses Romans nicht auf dem eines 13-jährigen Kindes, sondern auf dem von Erwachsenen. Da kann man schon ein paar anspruchsvolle Schilderungen sowie eine differenzierte Weltsicht erwarten.

|Eine vielschichtige (komplizierte?) Welt|

Außerdem befinden wir uns hier nicht mehr in der Welt von Heinlein oder Niven, sondern in der nahen Zukunft. Will heißen, dass sich verschiedenartigste Interessengruppen um den wissenschaftlichen Durchbruch, den Mappa Mundi darstellen könnte, reißen und zanken. Die Autorin schildert also verantwortungsvolle Wissenschaftler, die unter der Fuchtel von Militär und Regierungsbehörden tätig zu sein versuchen – nicht immer mit Erfolg. Und in ihren Reihen befinden sich mitunter Verräter.

Exemplarisch dafür steht der Kreis von Forscher, den Mary Delaney um Michail Guskow geschart und in eine abgeschottete Anlage in Virginia verbannt hat. Hier sollen die gewünschten Ergebnisse erbracht werden. Doch Guskow ist ein gewitzter Bursche, der Natalie, als sie hier eintrifft, beeindruckt. Leider weiß er nicht, was er mit Mappa Mundi anstellen soll: Er weiß nur, dass er ein Utopia, eine „perfekte Welt“ mit „perfekten Menschen“ schaffen könnte. Die entsprechenden Botschaften lassen sich mittels Viren in Blitzeseile über die ganze Welt verbreiten.

Die Frage ist also letzten Endes wieder einmal: Wir alle wissen, welche Art von Botschaften eine Regierung und insbesondere das Verteidigungsministerium verbreiten würde. Doch wenn wir nicht wollen, dass Menschen zu willfährigen Befehlsempfängern und braven Konsumenten degradiert werden, welches ist dann die positive Gegenvision? Die selbstzerstörerischen Aggressoren, die wir zur Zeit antreffen, wohl kaum. Nein, Natalie hat ihre Mappaware auf zwei Botschaften programmiert, die unterhalb der Gedankenebene Einfluss ausüben: „Keine Angst“ und „Vorteilhafter Kompromiss bevorzugt“.

Aber das reicht noch nicht, um gegen die aggressive Mappaware des Pentagon bestehen zu können. Ein weiterer Faktor ist notwendig: Erst die Freiheit der Information für alle bedeutet geistige Freiheit. Und die ist in der gegenwärtigen Informationshierarchie nicht zu erlangen. Zuvor muss das gesamte System transzendiert werden, damit alle frei sein können. Doch wie ist diese Transzendenz zu erreichen?

_Unterm Strich_

Was zunächst wie ein Agententhriller beginnt, wächst sich schon bald zu einem Wissenschaftsthriller à la Michael Crichton aus, allerdings um Lichtjahre anspruchsvoller, als Crichton je gewesen ist. Schließlich erscheint ein Utopia am Horizont, und die Frage stellt sich, wie man es trotz der Regierung erreichen kann. Am Ende, im ironisch so genannten „Update“, ist die Welt vollständig gewandelt, genau wie in den besten Romanen der Science-Fiction, etwa in „Der Wüstenplanet“.

Spannend mag „Mappa Mundi“ ja sein, stellenweise sogar bewegend, aber das Buch hat eine durchgehende dramaturgische Schwäche: Die Autorin versorgt den Leser nicht richtig mit spannenden Höhepunkten. Natürlich sterben wichtige Figuren auf manchmal dramatische Weise, aber deren Ende scheint irgendwie zufällig so eingetreten zu sein – als habe eine finstere, unaufhaltsame Macht kurz mal ausgeholt und sie beiseite gewischt, weil sie im Weg waren. Dem Leser schwant davor schon, dass etwas Übles im Anzug ist, aber will er es wirklich wissen?

Ich habe nur weitergelesen, weil ich schon zu weit war und wissen wollte, wie die Story ausgeht. Leider ist auch die Wandlung der Welt schließlich so unspektakulär wie das Alltagsleben selbst, obwohl die Wirkung und Bedeutung größer als die der Hiroshima-Bombe ist: ein, zwei Grippewellen, wieder einmal.

Die Autorin muss offenbar – wie einige ihrer Landsleute, die Science-Fiction schreiben – noch lernen, dass es nicht genügt, einfallsreiche und engagierte Science-Fiction spannend zu schreiben, sondern man muss diese Story auch entsprechend verpacken. Verpackung als Teil des Marketings ist heute mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, wenn nicht noch wichtiger. Ich hoffe, dass Justina Robson ihre Lektion bis zum nächsten Buch gelernt hat.

|Die Übersetzung|

Dietmar Schmidt hat schon die schwierigsten Bücher übersetzt und ist für Lübbe sehr fleißig. Auch in „Mappa Mundi“ macht er einen recht guten Job, jedenfalls meistens. Leider ist dies ein sehr langer Roman – eng gesetzt wohl so um die 500-600 Seiten lang. (Die 700 Seiten kommen daher, dass die Schrifttype ziemlich groß ist.) Und so ist es wohl zu erklären, dass ihm gegen Schluss immer mehr Druckfehler unterliefen. Das führte dazu, dass im Text nicht nur einzelne Buchstaben, sondern sogar ganze Wörter fehlen. Die muss der Leser selbst sinnvoll ergänzen.

Ein Beispiel für einen Druckfehler, der aber auch aus der Rechtschreibkorrektur stammen könnte – wer kann das schon sagen? Aus „antiklimaktisch“ wird „antiklimatisch“ (ca. S. 670). Das erste Wort drückt das Gegenteil einer Klimax (= Höhepunkt) aus, das zweite scheint etwas mit dem Klima zu tun haben, aber was nur? Nun ja, schon das Wort „antiklimaktisch“ hätte man ersetzen sollen. Ebenso wie das Wort „Vakzin“, bei dem es sich lediglich um ein Synonym für „Impfstoff“ handelt. Auch „Deliverance“, den Mappaware-Kampfstoff, hätte man übersetzen können, etwa als „Erlösung“.

|Keine Übersicht|

Ein zweites Manko, für das Schmidt aber nichts kann, ist das umfangreiche Personal, für das es keine Übersicht gibt. Drittens tauchen ständig neue Begriffe wie Mappaware, Selfware, NervePath, MUV und Deliverance auf, für die es kein Glossar gibt. Natürlich werden sie im Text erklärt und sinnvoll eingeführt, aber wer erinnert sich nach zwei, drei Tagen Lesepause noch an ihre genaue Bedeutung? Das bedeutet, dass man das Buch in einem Stück durchlesen muss, und das ist sicher nicht leicht. Ich jedenfalls habe mehrere Wochen gebraucht.

|Originaltitel: Mappa mundi, 2001
718 Seiten
Aus dem Englischen übersetzt von Dietmar Schmidt|
http://www.bastei-luebbe.de
Homepage der Autorin: http://justina.inphi.net

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Juliet Marillier – Die Tochter der Wälder (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

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MacLeod, Ken – Sternenprogramm, Das

„Nach dem Dritten Weltkrieg ist Europa ein zersplitterter Kontinent. Politische Gruppierungen von ultrarechten Nationalisten über religiöse Fundamentalisten bis hin zu Neokommunisten zerfleischen sich gegenseitig. Und während die Vereinten Nationen, gestützt auf die orbitalen Kampfstationen der USA, den Status quo aufrecht zu erhalten versuchen, verelendet Großbritannien immer mehr, grassieren Hunger und Seuchen, von denen viele aus tödlichen Biowaffen stammen. Die Lage scheint ausweglos…“

Soweit der Beginn des Klappentextes, der nur aus zwei elend langen Sätzen besteht. Immerhin ist die Beschreibung zutreffend, was bei Klappentexten ja nicht immer der Fall sein muss.

Der Schotte Ken MacLeod gehört wie Iain Banks und Charles Stross zu den ganz großen Hoffnungen der britischen Science-Fiction und in Sachen Ideenreichtum zu den besseren Autoren. Er hat einen Future-History-Zyklus geschrieben, dessen chronologischen Anfang „Das Sternenprogramm“ („The Star Fraction“) darstellt. Die Fortsetzungen heißen bislang „Die Mars-Stadt“ („The Stone Canal“) und „Die Cassini-Division“ („The Cassini Division“).

Moh Kohn ist ein Kämpfer in der Armee der Neuen Republik, kurz ANR, ein aufrechter Streiter für die sozialistische Anarchie. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn etwa die Hälfte der britischen Nation befindet sich in der politischen Anarchie: zersplittert in kleine und kleinste Fraktionen, und jede bis an die Zähne bewaffnet.
Der Rest der Nation untersteht noch immer dem Königshaus der Hannoveraner, doch die Royals haben nichts mehr zu melden, seit die amerikanisch dominierten Vereinten Nationen sie unter Kuratel gestellt haben. Die Weltraumverteidigung – in der Kreisbahn befindliche Laserkanonen – können jeden Widerstand sofort niederschlagen.
Kein Wunder also, dass alle politischen und militärischen Aktivitäten unter Tarnung stattfinden, sozusagen im Zwielicht. Jedwede Kommunikation über das Internet ist verschlüsselt und unter ständiger Bedrohung durch Viren – genau wie bereits heute.

Apropos Viren: Beim Sturm auf ein Gentechnik-Institut in einem gesperrten Bezirk Inner-Londons rettet Moh Kohn die Bio-Ingenieurin Janis Taine vor den Gegnern und zufällig auch vor der Inspektion durch ihre Investoren. Flüchtend nimmt sie ein paar manipulierte Viren mit, mit denen Moh versehentlich in Kontakt gerät. Als Folge entwickelt er einige Fähigkeiten, die sogar ihn überraschen, so etwa die Möglichkeit, mit der Künstlichen Intelligenz in seinem Maschinengewehr zu kommunizieren.

Moh und Janis verstecken sich in Norlonto: Northern London Town. Schon seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist Camden Town ein Sammelpunkt für Randexistenzen; der riesige Flohmarkt dort erzeugt ökonomischen Auftrieb. Doch zu Mohs Zeit hat sich in Norlonto Anarchie breitgemacht, gegen die sich der benachbarte Bezirk Beulah City wie ein Kloster ausnimmt: Dort herrschen christliche Fundamentalisten.
Aus Beulah City (benannt nach einem biblischen Ort) kommt Jordan Brown, ein 17-jähriger Computer-Broker im Handel mit Terminpapieren, der von anarchistischen Thesen fasziniert ist. Er tut sich mit Janis und Moh zusammen und lernt Catherine Duvalier, Mohs Ex-Geliebte, kennen. Ein Team mit Durchschlagskraft.

Allmählich braut sich nämlich etwas zusammen: Die ANR bereitet eine große Offensive vor, die in Schottland und Nordengland beginnt. Mal sehen, ob sie es bis London schafft. Denn die Front der Konservativen und Hannoveraner steht ebenfalls: Melody Lawson, Jordans frühere Arbeitgeberin, und die Herren Donovan und Bleibtreu-Fèvre schicken immer neue Software-Viren gegen die ANR vor, damit deren Verlautbarungen endlich verstummen.
Doch womit keine der beiden Fronten gerechnet hat, ist eine Aktion des sogenannten Schwarzen Plans. Diese Künstliche Intelligenz scheint nur im Netz zu existieren, auf Millionen von Rechnern als eingeschmuggeltes Programm. Und Moh Kohns Vater, der „Uhrmacher“, scheint der Urheber der KI zu sein. Er weist den Menschen den Weg zu den Sternen.

Ich habe mehrere Monate für den Roman gebraucht. Und nach der Inhaltsangabe wird das vielleicht ein wenig verständlich. Die Story, der Auftakt zu einer Trilogie, ist sehr ambitioniert: Kim Stanley Robinson, selbst Science-Fiction-Autor, nennt MacLeod sogar „revolutionär“. Fest steht zumindest, dass MacLeod’s Augenmerk weder Technik (allenfalls dem Internet) noch der Wissenschaft (allenfalls der Gentechnik) gilt, sondern vielmehr der Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Dass MacLeod sich dabei auf einem ungewöhnlichen Standpunkt befindet, macht für ihn die Sache leicht: Aus dieser Distanz kann er mit den üblichen politischen Strömungen, wie konservativ und liberal, leichter hantieren, als wenn er direkt drinsteckte. Für uns Leser macht MacLeods Sympathie für Anarchismus und marxistischen Sozialismus die Sache nicht gerade einfach: Die wenigsten von uns verfügen über Wissen in dieser Richtung. Wir müssen dem Autor quasi glauben, was er uns auftischt. Gerade bei solchen Auffassungen wie dem „Post-Futurismus“, den die ANR verkörpere, werde ich zumindest skeptisch – all diese Worthülsen scheinen der längst verflossenen 68-er-Generation anzugehören.

Die Story an sich ist relativ simpel: Eine paramilitärisch organisierte Truppe kämpft gegen etliche andere, und mitten drin befinden sich drei bis vier Sympathieträger. Alles weitere ist vielschichtig, alles andere als anspruchslos erzählt und fordert den Leser wirklich heraus. Jemand, der über keinerlei politische Theorie Bescheid weiß, kann mit einem Großteil des Romans überhaupt nichts anfangen. Und der winzige Rest an akademisch vorgebildeten Science-Fiction-Lesern, wie ich, beißt sich durch eine Handlung, von der man sich vorstellen könnte, dass sie wesentlich zügiger ablaufen könnte.

„Das Sternenprogramm“ könnte auf dem Buchmarkt die 180. Vision eines britischen Linksintellektuellen sein, wenn da nicht diese vielen Science-Fiction-Elemente wären. Diese machen den Roman wenigstens im Science-Fiction-Ghetto zu etwas Besonderem. Nicht so sehr wegen der technischen, sondern wegen der gesellschaftlichen Aspekte.

Selbst akademisch vorgebildete Science-Fiction-Leser haben also mit diesem Roman ihre Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wer außerdem noch ein Interesse daran haben könnte, geschweige denn Vergnügen. Eine gewisse Originalität kann man dem Autor nicht absprechen, auch wenn die Umsetzung Ansprüche an das Begriffsvermögen des Lesers stellt.
Die literarischen Mittel sind hingegen gewöhnlich – da waren die sechziger Jahre schon weiter, besonders Alfred Bester und manchmal John Brunner. Warten wir also ab, was die Fortsetzungen bringen, in denen Janis und Jordan (leider ohne Moh) zu den Planeten aufbrechen: Mars und Saturn.

Wem Greg Egans Roman „Diaspora“ und Bruce Sterlings Dystopie „Brennendes Land“ („Distraction“) gefallen haben, könnte auch an „Das Sternenprogramm“ Gefallen finden.
Wer eine andere Meinung zu diesem Buch und den anderen zwei Bänden sucht, findet in „Das Science Fiction Jahr 2003“ eine entsprechende Rezension (Seite 681-684).

Zur Übersetzung: Norbert Stöbe hat sich zwar redlich bemüht, ihm sind aber dennoch einige dumme Fehler unterlaufen. Auf Seite 357 muss es „Janis“ statt „Catherine“ heißen, auf Seite 432 „Jordan“ statt „Kohn“ und auf Seite 450 wird das Blake-Gedicht „Jerusalem“, das den Text zur inoffiziellen Britischen Nationalhymne darstellt, falsch wiedergegeben: Es muss „Weiden“ („pastures“) statt „Berge“ heißen. Jedem „Jerusalem“-Kenner fällt der Fehler sofort ins Auge, daher ist er um so peinlicher.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Britain, Kristen – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.
Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…
Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.
Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.
Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.
Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.
Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.
Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.
Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.
Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.
Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“
Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.
Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.
Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com

Coleman, Loren – Kampf beginnt, Der (Mechwarrior Dark Age 2)

BattleTech-Fans können aufatmen: Auch wenn die Nachfolgeserie der beliebten TableTop-Reihe rund um die gigantischen Kampfkolosse aus Stahl ein wenig respektables Debüt mit „Geisterkrieg“ präsentierte, bei Loren Coleman’s Roman „Der Kampf beginnt“ ist der Name Programm – er zeigt, welches Potential in dem neuen Szenario steckt und lässt Stackpole’s Ausrutscher schnell vergessen.

Die Handlung des Romans spielt vollständig auf der Welt Achernar, eine der wenigen Welten der Inneren Sphäre, die noch über einen funktionsfähigen Hyperpuls-Generator verfügen. Sowohl die Republik der Inneren Sphäre als auch die der Clankultur treuen Stahlwölfe sind deshalb an der Kontrolle über diese Welt interessiert. Doch auch lokale Kräfte wie der „Schwertschwur“ der Sandovals machen ihre Rechte geltend. Der gescheiterte Mechkrieger Raul Ortega wird seine zweite Chance erhalten – der Zöllner darf einen Legionär-BattleMech in die Schlacht gegen die Stahlwölfe führen, die wie in den Zeiten der Claninvasion einen Besitztest um Achernar fordern. Für zusätzliche Verwirrung sorgen die bemerkenswert – ich spreche hier nicht nur von ihrem Mech – gut ausgestattete Mechkriegerin Tassa Kay und der nicht immer loyale Kommandeur des Schwertschwurs, Erik Sandoval-Gröll.

Loren Coleman stand bislang immer im Schatten des erklärten Lieblings Stackpole, das neue Endzeit-Szenario von Dark Age scheint ihm jedoch besser zu liegen. Anstelle ganzer Heerscharen von BattleMechs sind nie mehr als 3-4 Mechs auf einem Schlachtfeld aktiv, dazu einige wenige Panzer und Elementare. Hochgezüchtete Kampfkolosse werden durch umgebaute AgroMechs ersetzt, Tassa Kay’s moderner Ryoken II stellt auf dem Schlachtfeld die absolute Ausnahme dar. Das kommt Raul Ortega’s Legionär zugute: Ein 50-t-Mech mit nur einer einzigen Autokanone hätte wohl kaum in der klassischen Serie für Aufsehen gesorgt. In Dark Age ist er ein wandelnder Alptraum. Der klassische Mech-Einzelkampf weicht Verbundwaffentaktik – Panzer und Infanterie sowie Helikopter haben in Dark Age ihren festen Platz. Kurz, die Mechgefechte machen wieder Spaß und erinnern ein wenig an die ersten Romane um die Gray-Death-Trilogie.

Die Hauptfiguren sind allesamt interessant: Man fiebert mit Raul Ortega und Tassa Kay, auch die Clanner auf der Gegenseite oder der seine eigenen Pläne verfolgende Sandoval-Gröll haben glaubhafte Motivationen und Probleme – mancher auch das eine oder andere Geheimnis…

Ein wenig mehr Licht wird auf die aktuellen Verhältnisse der Inneren Sphäre geworfen, nicht nur die Stahlwölfe planen die Eroberung von Präfektur IV, radikale Fraktionen der früheren Herrscherhäuser nehmen alte Fehden wieder auf. Der fahrende Ritter Kyle Powers hat alle Hände voll zu tun, besonderes Augenmerk wird auf den Aufstieg von Raul Ortega in höhere Ränge gelegt, aber auch die Clanner und der Schwertschwur bekommen ihre eigenen Kapitel gewidmet, was die jeweilige Situation aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und für Abwechslung sorgt. Durch die Konzentration der Gefechte auf wenige Mechs und die vorherige Bekanntmachung des Lesers mit ihren Piloten gewinnen diese eine höhere Intensität als das am Ende massenkampflastig gewordene klassische BattleTech.

Die Übersetzung von Reinhold H. Mai ist in gewohnt guter Qualität, das Titelbild vermag sogar zu begeistern: Heyne hat ein absolut zur Handlung passendes Titelbild mit einem Legionär-Mech von Wizkids gekauft! Der einzige Wermutstropfen dieses Romans ist, dass er die Handlung der Serie nicht wirklich voranbringt. Die letzte Genialität, die Stackpoles Klassiker auszeichnete, fehlt Coleman leider auch dieses Mal.

Dafür zeigt er, wie gut man klassische BattleTech-Aspekte mit dem neuen Szenario verbinden kann – es ist hervorragend gelungen! Ob Raul Ortega es in die Herzen der Fans schaffen und einem Grayson Carlyle oder Kai Allard-Liao den Rang ablaufen kann, wird sich zeigen, sein „Legionär“-BattleMech dürfte sich bereits seit diesem Roman einen Platz im Herzen der Fans erballert haben. Von der mysterösen Tassa Kay wird man noch mehr hören, einen Teil ihrer Geheimnisse offenbart sie bereits in diesem Roman – ein Tipp für alle BattleTech-Fans: Einfach einen Blick auf das US-Cover werfen und darüber nachdenken, an wen sie euch erinnert. Der Roman gefiel mir sehr gut und ist eine wahre Erlösung nach dem frustrierenden Einstiegsband, er macht Lust auf mehr. Ganz in klassischer Clanner-Manier gesagt: Gut gehandelt und akzeptiert, Mr. Coleman!

Ich bin gespannt, wie die Neulinge Robert E. Vardeman und Martin Delrio sich schlagen werden. Dass man aus dem umstrittenen Dark Age etwas machen kann, beweist dieser Roman.

Eddings, David – Thron im Diamant, Der (Elenium)

„Zu Anbeginn der Zeit, lange ehe die Urväter von Styrikum in Felle gehüllt und mit Keulen bewaffnet aus den Bergen und Wäldern von Zemoch auf die Ebenen von Mitteleosien schlurften, hauste in einer Höhle, tief unter dem ewigen Schnee Thalesiens, ein zwergenwüchsiger, missgestalteter Troll namens Ghwerig. (…) …der Stein, der von tiefstem Saphirblau war, besaß die Form einer Rose. Er gab ihm den Namen Bhelliom, Blumenstein, und er glaubte, dass die Kraft dieser edlen Saphirrose jeden Wunsch zu erfüllen vermochte.“

So beginnt die Vorgeschichte des ersten Bandes der Elenium-Trilogie, „Der Thron im Diamant“. David Eddings schrieb diese parallel zu den letzten Bänden der Malloreon-Saga 1989 (Der Thron im Diamant), 1990 (Der Ritter vom Rubin) und 1991 (Die Rose aus Saphir). Unverkennbar die Quelle der Inspiration, der Bhelliom und Ghwerig könnten auch der Meister-Ring und Gollum sein. Allerdings hat Eddings nicht kopiert, sondern nur die besten Stücke aus Artussage, dem Herrn der Ringe und anderen Sagen in eine eigenständige Geschichte übertragen.

Die Elenium-Trilogie lebt von ihren stolzen Rittern und Recken – und ebenso üblen Schurken. Der Held Sperber gehört einem kirchlichen Ritterorden an, der sich an den legendären Templern orientiert. Um das Mittelalter mit einer gehörigen Portion Romantik und Hexerei wiederaufleben zu lassen, wird der Bhelliom erst einmal zum Heilmittel für die sterbende Königin Eleniens degradiert: Diese wurde auf Geheiß des Primas Annias mit dem tödlichen Gift Darestim vergiftet. Nur dank des Eingreifens des pandionischen Hochmeisters Vanion und der styrischen Zauberin Sephrania kann ihr Leben vorerst gerettet werden:

Zwölf Ritter verpfänden ihr Leben, um das ihrer Königin in einem unzerstörbaren Diamant zu bewahren, bis ein Heilmittel gefunden werden kann. Der Haken: Der Zauber hält höchstens ein Jahr, und jeden Monat muss einer der Ritter sterben…

Der durch eine Intrige exilierte Sperber kehrt zurück an den Königshof, um seine Aufgabe als Streiter der Königin – Sir Lancelot lässt grüßen – wieder aufzunehmen. Er macht sich mit zahlreichen Gefährten, vom edlen Ritter über den gewitzten Dieb bis hin zur liebenswerten Mystikerin Sephrania auf die Suche. Bald stellt sich heraus: Nur ein magisches Artefakt höchster Macht kann Ehlanas Leben retten und dadurch die Machtübernahme des Primas verhindern. Der lange verschollene Bhelliom muss wiedergefunden werden… doch nicht nur Sterbliche suchen ihn, die jungen Götter von Styrikum und die alten Trollgötter haben ebenfalls ihre eigenen Pläne mit dem magischen Juwel.

Klassischer geht es kaum – High Fantasy wurde durch Eddings geprägt. Etliche seiner Ideen wurden geklaut und zu einer dadurch natürlich nicht völlig neuen Geschichte verbunden. Rittertum, Kirche, Minne, Hexerei, Diebe und Meuchler – der Einfluss des Hochmittelalters ist unverkennbar, und gibt dem Buch Charme und Glanz. Eddings geizt auch nicht mit Humor: Ritter Sperber, im englischen Original „Sparhawk“, insofern ist mir der etwas seltsame deutsche Name doch lieber, hat ein bissiges Streitross und eine gebrochene Nase, plus einen etwas kernigeren Charakter als der edle Sir Lancelot. Seine Begleiter stehen da kaum nach, Sephrenia ist eine liebenswertere Variante seiner bekannten Zauberin Polgara, und Königin Ehlana darf im ersten Band eingeschlossen in Diamant warten, bis Sperber sie erlöst, wie Schneewittchen im Glassarg. Der Bastard seines Knappen Kurik ist der obligatorische smarte Dieb, mit Bevier ist ein überkorrekter und weltfremd frommer Ritter aufgeboten, der nicht gegensätzlicher zu Sperbers Erzfeind Martel, einen vom Orden verstoßenen, gefallenen Ritter, sein könnte.

Die Abenteuerfahrt durch die Wüsten von Rendor, düstere Städte und Sumpfgebiete führt im ersten Band noch nicht zum Ziel, erst in den Folgebänden wird man den Bhelliom in einer Trollhöhle finden und Ehlana heilen können – hier ist normalerweise das Happy End erreicht, Eddings setzt hier noch einen drauf – wie ich schon sagte, es gab mehrere Interessenten am Bhelliom…

Die Elenium-Saga hat mir wegen ihres stark mittelalterlich-märchenhaften Einschlags gefallen; ebenso sind die Hauptfiguren einfach liebenswert, besonders Sephrenia. Leider sind alle Figuren mehr oder minder klischeehaft, vor allem entwickeln sie sich nicht weiter. Hier erkennt man auch das Alter der Geschichte (1989): Es gibt ganz klar das Gute und das Böse, alle Figuren bleiben von Anfang bis Ende unverändert. Deshalb verliert sich der Charme der Charaktere spätestens im zweiten Band, es kommt einfach nicht mehr viel Neues hinzu. Faszinierende Entwicklungen vom Buhmann bis hin zum Sympathieträger, wie bei einem Jaime Lannister von George R.R. Martin, so etwas bietet Eddings einfach nicht. Das führt dann auch dazu, dass, sobald die Figuren an Glanz verlieren, die Story einfach nicht mehr begeistern kann, dazu ist sie viel zu simpel und linear. Keine verschlungenen Intrigen, wenig Raum zum Spekulieren. Eddings pflegt wie schon in der Belgariad-Saga einen sehr dialoglastigen Stil, verzichtet weitgehend auf detaillierte Beschreibungen, was ich nicht negativ meine. Das Szenario und sein Stil regen die Phantasie an, weshalb die laut Buch eindeutig schwarzen Rüstungen der Pandioner in meiner Vorstellung zu glänzend silbernen Harnischen mutierten – es passte einfach besser in mein Bild dieser Welt. Mehr hätte Eddings aus der Tatsache machen können, dass die elenischen Ritter, um ihren schweren Aufgaben nachzukommen, von styrischen Hexern in der Zauberei unterrichtet werden – obwohl der Glaube an die Götter Styrikums als Ketzerei gilt. Hier hatte ich auf Konflikte gehofft, ärgerlicherweise blendet Eddings die Vorbehalte der Kirchenfürsten stets aus, wenn es ihm in den Kram passt und es für die Handlung nötig ist. Das Buch ist übrigens ziemlich brutal: Von lebendig einmauern bis hin zu foltern, vergewaltigen und einfach mal so hilflos verrecken lassen – Eddings ist im ersten Band schon brutal und steigert sich bis zum letzten hin noch einmal drastisch, was mich sehr gewundert hat, in der zeitgleich geschriebenen Malloreon-Saga hält er sich in dieser Hinsicht sehr zurück.

Ein Lob verdient auch die Übersetzung, bis auf den kaum annehmbar übersetzbaren, seltsamen Namen Sperber (Sparhawk) [„Sparhawk“ leitet sich von „sparrow hawk“ her, was wiederum „Sperber“ bedeutet und ist damit tatsächlich eigentlich ebenso wenig übersetzbar wie Sir Lancelot (lance-a-lot), Anm. d. Lektors] stimmt alles, auch sind die Bücher besser lektoriert als die Belgariad- und Malloreon-Saga, sie enthalten kaum Tipp- oder Flüchtigkeitsfehler wie die genannten Werke. Die Titelbilder sind eine Klasse für sich: Besonders das Titelbild des ersten Bandes, die in Diamant eingeschlossene Königin Ehlana, hat mir gefallen. Karten begleiten fast jedes Kapitel, inklusive einer großen Übersichtskarte auf den ersten Seiten oder auf der Innenseite des Einbandes, je nach Version:

Die Trilogie ist als Sammelband „Elenium“ erschienen, etwas schöner und luxuriöser sind die schwer erhältlichen Hardcover. Als Taschenbuchausgabe existiert eine mit silbernen Lettern versehene und etwas größer formatierte Jubiläums-Edition, sowie die kleinen, schlichten Taschenbücher, auf denen die Titelbilder verkleinert und mit hässlich bunter Schrift bedeutend weniger schön abgedruckt sind.

„Der Thron im Diamant“ bietet eine spannende, abwechslungsreiche Abenteuergeschichte mit liebenswerten Charakteren. Eine besonders originelle Story sucht man jedoch vergebens, die Figuren wirken auch etwas altbacken. Die Trilogie ist abgeschlossen und mit der Tamuli-Saga ist eine bereits ebenfalls fertige Fortsetzung erschienen. Viel komplexer und moderner ist George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“ – dennoch kann ich die Elenium-Trilogie und besonders den ersten Band, „Der Thron im Diamant“, den ich für den besten halte, empfehlen.

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Gemmell, David – Nacht des Falken, Die (Rigante 2)

Dieser Fantasyroman erinnert in seinem Kern an nichts so sehr wie an Ridley Scotts Film „Gladiator“ und an Kubricks „Spartacus“. Doch sowohl die Ausgangslage als auch die Ergebnisse der dramatischen Ereignisse der Gladiatorenkämpfe unterscheiden sich in entscheidenden Punkten von jenen verfilmten Geschichten. Und das bringt dem Buch einige Pluspunkte ein. „Midnight Falcon“ ist der zweite Roman um das keltische Volk der Rigante, das sich der Bedrohung von jenseits des Meeres gegenübersieht: den Armeen des Imperiums von Stone, das stark an das antike Rom erinnert.

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde er ab 1984 mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.
Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.
Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

Die Handlung von „Die Nacht des Falken“ verläuft im gleichen einfachen Schema wie schon in „Die steinerne Armee/Sword in the Storm“: Aufbruch, hin und zurück, Entscheidungen (mehrere Höhepunkte).
Die Hauptfigur ist diesmal Bane the Bastard, der uneheliche Bastardsohn von König Connavar. Schon sein ganzes Leben hasst Bane, der Midnight Falcon, seinen Vater dafür, dass dieser nie seine Mutter besucht hat. Banes Mutter starb geächtet, kummervoll und einsam. Daher hat sich Bane für ein Leben als Gesetzloser, am Rande der Gesellschaft der Rigante entschieden. Bis dann Dinge geschehen, die ihn dazu zwingen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Davon handelt dieser Roman.
Der 17-jährige Bane hat einen Freund namens Banouin, den Sohn des Händlers Banouin und der Seherin Vorna. Banouin hat nicht nur ihre seherischen und heilenden Fähigkeiten übernommen, sondern ist, ganz im Gegensatz zu Bane, auf dem besten Weg, ein Gelehrter zu werden. Und wo findet man in der Welt die größte und höchste Gelehrsamkeit? Natürlich in der Hauptstadt der mächtigsten Nation der Welt: in Stone, jenseits des Meeres.

Bane begleitet seinen jungen Freund, und das erweist sich als sehr hilfreich, denn der Kämpfer kann dem Gelehrten mehrmals das Leben retten. Was aber Banouin abstößt: Bane scheint das Töten im Kampf zu genießen. Schließlich gelangen sie in die rigantische Hafenstadt Accia am Meer, wo sich Banouin nach Stone einschiffen will. Sie übernachten bei einem ehemaligen General, einem Renegaten Stones. Bane verliebt sich auf der Stelle in dessen schöne Tochter Lia. Leider ist ihrer beider Glück nicht von Dauer.
Schon am nächsten Tag tauchen zwei „Ritter von Stone“ auf, die offenbar den Auftrag haben, den abtrünnigen General und seine Familie auszulöschen. Sie sollen die Götter von Stone verraten haben. Während sich Banouin furchtsam aus dem Staub macht, gelingt es Bane, einen dieser Profikiller zu töten. Doch zu seiner Verzweiflung kann er nicht verhindern, dass der zweite Ritter seine geliebte Lia tötet. (Ich erspare euch lieber die blutigen Details.) Bane selbst wird tödlich verwundet, doch die Göttin Morrigu, der wir schon mehrmals begegnet sind, bewahrt ihn vor dem Gang ins Schattenreich.

Bane setzt ins Reich von Stone über und heuert in der Hafenstadt Goriasa in einem Circus an, um als Gladiator erstens Geld zu verdienen und zweitens seine Fähigkeiten als Schwertkämpfer so weit auszubilden, dass er es mit jenem Ritter, der ihn fast getötet hätte, aufnehmen kann. Rache für Lia ist sein ständiger Gedanke, und er weiß auch schon den Namen jenes Ritters: Voltan.
Der Gladiator Bane steigt unter der Ausbildung eines Veteranen zu einem Star auf, der schließlich auch in Stone auftreten kann. Hier trifft er Banouin wieder. Beide geraten in Gefahr, denn in der Reichshauptstadt haben die Blutroten Priester eine Schreckensherrschaft errichtet, die sich gegen alle missliebigen Bürger richtet, insbesondere aber gegen den Baumkult. Dessen Anhänger sind Pazifisten und stellen allein dadurch die Militärideologie des Reiches infrage. Banouin hat eindeutige Sympathien für den Baumkult entwickelt.
Doch der Hohepriester der Stadt hat vor, den Imperator – wir kennen Jasaray bereits – zu stürzen und sich selbst auf den Thron zu setzen. Das wissen die beiden Riganter mit ihren Freunden zu verhindern, doch sie geraten selbst in Lebensgefahr. Und so freut sich Bane, endlich seinem Erzfeind Voltan in der Arena gegenübertreten zu können…
Danach kehren alle Riganter in ihre Heimat zurück, um die Entscheidungsschlacht gegen Jasaray zu schlagen. Wie dieser Kampf ausgeht, ist mit einigen Überraschungen verbunden. In dieser Schlacht verändert sich die Welt der Rigante für immer.

Wie bereits erwähnt, erinnert der Handlungsverlauf stark an „Die steinerne Armee“, das ebenfalls einem klassischen Schema folgt. Doch Gemmell ist ein versierter Geschichtengestalter. Er wandelt die Figuren und ihre Motive auf einfallsreiche Weise ab, so dass sie teils bekannte Elemente aus den Drenai- und Druss-Romanen aufweisen, teils aus dem neuen Rigante-Zyklus.
Natürlich ist Bane als Charakter wesentlich unsympathischer als der Held Connavar (obwohl der auch kein Unschuldslamm ist). Während sich nämlich Conn für sein Volk aufopferte und engen Umgang mit den Sidhe pflegte, folgt Bane zunächst einem eigensüchtigen Ziel: Rache für seine getötete Geliebte. Auf solche Helden können wir verzichten. Erst nach seiner Rückkehr aus Stone setzt er sich mit seinen bescheidenen Mitteln für seine unmittelbare Heimat ein, denn er wird weiterhin scheel angesehen.
Doch auch in der Entscheidungsschlacht erreicht er nur Pflichterfüllung und somit soziale Akzeptanz, nicht aber seine persönliche Erlösung: die Wiedervereinigung mit seiner Geliebten. Man lese selbst, ob ihm dies vergönnt ist.

Ridley Scotts erfolgreicher Sandalenfilm mit Russell Crowe in der Hauptrolle hat den Weg frei gemacht für eine ganze Reihe von medialen Produkten zur Kultur der Gladiatoren und des Circus. Kubricks „Spartacus“ wird wiederaufgeführt, und auch Bücher zum Thema bleiben nicht aus. „Midnight Falcon“ ist sicherlich eines davon. Gladiatoren haben nämlich den Vorteil, als Außenseiter jedeglicher Gesellschaft durch Überleben und Verdienst bis zu deren jeweiliger Spitze vorstoßen zu können. Genau dies gelingt auch Bane. Das geht aber nur in einer römischen Kultur wie Stone; in Rigantelanden kennt und braucht man keine professionellen Schwertkämpfer.

Natürlich sorgen die Kampfszenen in der Arena für Drama und Action. Aber Gemmell wäre nicht der erfolgreiche Profiautor, der er ist, wenn er seinen Gladiatoren nicht jeweils unverwechselbare, sehr realistische Charakterzüge verliehe. Der Veteran Rage, der Blade in Goriasa ausbildet, ist zum Beispiel schon „altes Eisen“ und völlig ohne Illusionen. Doch er hat einen wunden Punkt: seine Pflegetochter Cara. Und so muss er doch Dinge tun, denen er schon längst entsagt hatte. Als Rage und Voltan in der Arena aufeinandertreffen, ist dies ein Kampf der Titanen.

„Midnight Falcon“ ist die direkte Fortsetzung von „Sword in the Storm/Die steinerne Armee“, mit einem zeitlichen Abstand von 17 Jahren. Im direkten Vergleich schneidet „Falcon“ schwächer ab: Das liegt aber nicht an mangelnder Action oder fehlender Magie: Beides ist in zufriedenstellendem Maße vorhanden. Nein, es ist die Figur des Bane the Bastard, für die ich mich nicht recht erwärmen konnte: Er handelt zu lange nur aus Eigennutz und Rache und gelangt erst spät zu uneigennützigen Ansichten und Handlungen. Nun, ich schätze, man muss ihn nehmen, wie er uns gezeigt wird und alle anderen Vorzüge des Buches auskosten.

Die Geschichte der Rigante wird fortgesetzt in „Ravenheart“ und „Stormrider“. Mittlerweile erschien unter dem Titel „White Wolf“ ein neuer Drenai-Roman.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Band 1: [„Die Steinerne Armee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522
Band 2: [„Die Nacht des Falken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169
Band 3: [„Rabenherz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498
Band 4: [„Sturmreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2961

Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

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Stackpole, Michael A. – Geisterkrieg (Mechwarrior Dark Age 1)

Unglaublich, aber wahr: Das Merchandising boomt, und die Firma, welche die Initialzündung gab, geht Pleite. Die Rede ist von der FASA Corporation. Diese hatte im Rollenspiel-/Brettspielbereich große Erfolge, Shadowrun und BattleTech sind in Deutschland und weltweit erfolgreiche und bekannte Serien. BattleTech brachte es auch im Computerspielbereich zu einigem Ruhm: Die beliebte MechWarrior-Serie wurde erst von Activision und später Microsoft vertrieben, sogar im Konsolenbereich wurden die Stahlkolosse dieser Serie in die Schlacht geschickt.

Für mich persönlich, der nur die Computerspiele und die Romanserie kannte, waren die Bücher allerdings das Größte: Einigen Autoren, allen voran Michael Stackpole, gelang es, dem tumben Gekloppe meterhoher, schwer bewaffneter Kampfmaschinen mit Pilot (den BattleMechs) ein zeitweise überdurchschnittlich hohes literarisches Niveau zu geben, und so dem ganzen zugehörigen BattleTech-Universum Esprit und Leben einzuhauchen.

Leider verspekulierte FASA sich, 2001 musste die Firma die Rechte an BattleTech an WizKids abtreten – davor sprangen schon zahlreiche der besten Autoren, u.a. Stackpole, ab und das Niveau litt am Ende teilweise erheblich. Vom Glanz der Highlights wie Stackpoles „Blut der Kerensky“-Trilogie oder der Saga der „Gray Death Legion“ zurück ins Mittelmaß.

WizKids machte einen recht radikalen Schnitt: Man startete die neue Serie „Dark Age“, die in einer apokalyptischen Zeit spielt, in der die alten Strukturen der bekannten BattleTech-Romane nicht mehr existieren. Wo einst Mech-Regimenter aufeinander losgingen und Söldnereinheiten von Planet zu Planet zogen, klopfen sich nun umgebaute Agro-Mechs mit veralteter Hardware und wahre BattleMechs sind zur Seltenheit geworden.

Die Regelwerke für das TableTop wurden verfeinert, und man konnte für die Wiederauferstehung BattleTechs namhafte Autoren gewinnen: Michael Stackpole ist wieder dabei, ebenso Loren Coleman. Die Einführung in das neue „Dunkle Zeitalter“ überließ man dem Liebling der Fans, Michael Stackpole – der Einstiegsroman „Geisterkrieg“ kam allerdings bei vielen Fans nicht so gut an wie erhofft…

Anstelle einer Inhaltsangabe des ersten Bandes gebe ich das Szenario wieder, das vorgestellt wird – und verzichte darauf, einige Überraschungen zu verraten:

Die Innere Sphäre hat es geschafft: Nach dem Ende des Bürgerkriegs haben Extremisten von Blake’s Wort die Hyperpuls-Generatoren ComStars sabotiert, die galaxisweite Kommunikation brach zusammen und es kam zu einer Katastrophe, die dem Endes des damaligen Sternenbundes nicht unähnlich war: Das Lyranische Commonwealth, die Liga Freier Welten, nicht einmal die Konföderation Capella noch das Draconis-Kombinat existieren noch in ihrer alten Form. Erneut hat sich die Menschheit fast in die Steinzeit zurückgebombt. Lokale Warlords rissen die Macht an sich, die einzige größere Macht ist die Republik der Inneren Sphäre, die mit ihren „Rittern“ streng darüber wacht, dass niemand zu viele BattleMechs um sich schart und selbst mit ihren oft eher als Undercover-Agenten arbeitenden Mechkriegern versucht, die überall aufflammenden Krisenherde unter Kontrolle zu halten.

Einer dieser inoffiziellen Phantomritter ist Sam Donelly. Er merkt bald, dass hinter terroristischen Anschlägen auf einer eher unbedeutenden Welt gezielte Beeinflussung von außen steckt: Der große Unbekannte agiert mit seinen Untergebenen wie mit Bauern in einem Schachspiel, in dem ganze Welten ihm für ein Bauernopfer nicht zu schade sind.

Sam ist der Einzige, der neben dem greisen und in Ehren ergrauten Victor Davion die schwer erkennbaren Zusammenhänge hinter diesen Scharmützeln sieht. Infiltration und klassische Doppelagententätigkeit sind hier mehr gefragt als die Schießkünste der offiziell agierenden Ritterin Janella Lakewood, die mit ihren Mechkriegern und Sam den offiziellen Auftrag der Republik erhält, dieser mysteriösen Bedrohung ein Ende zu setzen.

Soweit, so gut. Oder sagen wir gleich: So schlecht. Obwohl Michael Stackpole das klassische BattleTech-Universum zu dem gemacht hat, was es ist, gefällt mir seine neue Idee ganz und gar nicht.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, ganze BattleMech-Heere durch den interessanteren und persönlicheren Kampf weniger Mechs gegeneinander zu ersetzen, aber leider gibt es in diesem Buch ziemlich exakt nur ein einziges, wenig berauschendes Scharmützel. Stattdessen wird Sam auf haarsträubende Weise in eine Terrororganisation eingeschleust, die Stackpoles Variante des „gemäßigten Terrorismus“ praktiziert, der die lokale Regierung diskreditieren soll, damit der neue Machthaber als der kompetente Retter erscheinen und die ganze Welt einsacken kann. Die Vorgeschichte dieser kaputten Welt wird, für Stackpole untypisch, kaum erzählt, und wenn, dann als lieblose und oberflächliche Litanei. Statt dessen lamentiert er zu Beginn des Buches über einen Vorwurf, er würde anspruchslose Literatur schreiben, den er recht aufdringlich auf unpassende Weise der Hauptperson in den Mund legt – und bestätigt ihn damit in gewisser Weise. Auch die ominöse Macht im Hintergrund wird nur in Nebensätzen erkennbar, man muss wohl weitere Bände abwarten. Sam kann keinen Charakter entwickeln – der alte Victor Davion muss als Repräsentant der guten, alten Zeit als Rentner reaktiviert werden. Furchtbar!

Schlimmer ist, dass die „Ritter“ wie eine Jedi-Ritter-Kopie daherkommen und quasi einen ominösen Osama jagen, während die sowieso schon am Boden liegende Welt von Terrorismus noch mehr gebeutelt wird. Für fremdartige Kulturen wie die Clans, oder das japanisch angehauchte Draconis-Kombinat, blieb in dieser US-amerikanischen Endzeitwelt kein Platz.

Logische Ungereimtheiten und die blassen Charaktere – ich musste erst einmal den Nachnamen der Hauptperson nachschlagen! – geben dem Buch den Todesstoß. Zumal BattleTech-Fans wohl erwarten dürfen, dass sie, wenn sie BattleTech lesen wollen, auch BattleTech geliefert bekommen, und nicht minderwertige Agenten-Thriller. Hier hat Stackpole ein Eigentor geschossen – in diesem Genre ist er kein Meister, hier sollte er die Bühne anderen überlassen.

Fazit: Interesse geweckt hat das Buch nicht gerade. Entsetzen hervorgerufen, das schon eher. Auch die gewohnt gute Übersetzung von Reinhold H. Mai kann da nichts mehr retten. Infos über das neue Szenario findet man eher im Internet als im Einstiegsband, der einen wahrlich ein „Dunkles Zeitalter“ befürchten lässt. Keine Reanimation, eher eine Leichenschändung einer ehemals erfolgreichen Merchandise. „Classic“ BattleTech erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; wie es im TableTop-Bereich aussieht, möchte ich nicht beurteilen, den Erfolg und positiven Einfluss, den die alten BattleTech-Romane auf die ganze Serie hatten, wird man nach diesem fehlgeschlagenen Einstand und dem fast besser zu Shadowrun passenden Szenario nicht mehr erwarten können. Mein Tipp: Lieber die alten BattleTech-Romane komplett sammeln – unterhaltsamer und ein potenzieller Kandidat für hohe Preise im Antiquariat in fünf bis zehn Jahren.

Homepage von Michael Stackpole: http://www.stormwolf.com/
(inklusive interessanter Diskussion über das neue Szenario)

Dick, Philip K. – Minority Report

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ – daher auch der Titel dieser Sammlung. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott 1980 seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood neben der „Matrix“-Idee verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf der gleichnamigen Dick-Story aus dem Jahr 1953 beruht. An einem Skript zu Dicks Roman „Der dunkle Schirm“ wird seit Jahren gebastelt. Und vom Roman „UBIK“ hat Dick selbst ein Skript erstellt (das in der Heyne-Ausgabe vom 11/2003 enthalten ist), das aber noch keine Umsetzung gefunden hat.

Die Storys (* = verfilmt):

1) *Der Minderheiten-Bericht („Minority Report“)

Man stelle sich die Handlung von Steven Spielbergs Film etliche Nummern kleiner vor und wird sich so ungefähr der Dimension der Story annähern. John Anderton, der Polizist beim Projekt „Pre-Crime“, verhindert Verbrechen, noch bevor sie begangen werden. Der Grund: Die drei Präkognitiven (Pre-Cogs) von Pre-Crime haben das Verbrechen vorausgesehen. Doch eines Tages treffen zwei merkwürdige Umstände ein: Es wird eine Verbrechenswarnung über Anderton selbst ausgegeben – dieser kennt sein angebliches Opfer noch gar nicht. Und es gibt dazu einen Minderheitenbericht: Einer der Pre-Cogs äußerte eine davon abweichende „Meinung“. Es wird eng für John Anderton, als ihn seine früheren Kollegen zu verfolgen beginnen…
Wer soll die Wächter bewachen? Diese alte römische Frage stellt Dick auch diesmal wieder. Die Folgen bei Spielberg: Drama & Action, bei Dick einige interessante Dialoge und Gedankenspiele. Auf jeden Fall lesenswert.

2) Kriegsspiel (War game)

Generäle spielen Kriegsspiele, das weiß jeder. Aber in einer von Krieg und Militarismus beherrschten Nation (wie etwa der amerikanischen) spielen auch Kinder Kriegsspiele. Buchstäblich. Und diese muss ja jemand testen. Die Tester von der Importkontrolle erhalten Spielprototypen von einem mysteriösen Hersteller, der auf dem Jupitermond Ganymed herstellen lässt. Und die Ganymedianer sind ja bekanntlich ziemlich hinterlistige Burschen. Den Testern ist nicht ganz klar, um wen es sich bei den Ganymedianern genau handelt, aber das Spiel ist interessant, geradezu realistisch – und didaktisch. Die Tester werden trainiert, ohne es zu merken. Aber wenn die Hersteller nun Aliens wären, die die Abwehrbereitschaft der Erde prüfen wollten?
„Kriegsspiel“ ist eine unterhaltsame und augenzwinkernde Satire auf Militär und Geheimdienst, die es in sich hat.

3) Was die Toten sagen (What the dead men say)

Diese Erzählung von 1964 bildet eine Vorstufe zu Dicks Roman „UBIK“ (1969). Im Kälteschlaf-Institut von Herbert Schönheit von Vogelsang können Menschen im Kältepack dennoch für gewisse Zeit – das „Halbleben“ – mit ihrer Umwelt kommunizieren, etwa um Ratschläge zu erteilen und Anteil an bestimmten Entwicklungen zu nehmen. Doch Louis Sarapis, der mächtigste Industriemagnat des Sonnensystems, reagiert nicht auf Versuche, ihn im Halbleben zu reaktivieren. Statt dessen meldet er sich plötzlich aus einer Lichtwoche Entfernung aus dem Weltall. Hintergrund dieses Phänomens ist wohl, dass Sarapis‘ Erbin die Stimme aus dem All vorgetäuscht hat. Der Protagonist der Story, Gordon Barefood, bricht auf, um die Frau auszuschalten, wiewohl er sich in sie verliebt hat.
Wenngleich der Autor eine logische Erklärung für die Vorgänge findet, haftet der Geschichte über weite Strecken ein starkes Gefühl der Verfremdung und des Unbehagens an. Motto: Die Welt ist aus den Fugen geraten, doch Dicks Helden geben niemals den Versuch auf, die Rätsel aufzuklären. Dick hat hier das Potenzial verschenkt, die Aspekte des Halblebens im Kältepack auszuloten. Das hat er 1969 in „UBIK“ nachgeholt.

4) Ach, als Blobel hat man’s schwer! (Oh, to be a blobel!)

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Blobel, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

5) *Erinnerungen en gros („Total Recall“)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.
Und so geht Dougie zur Endsinn AG (von ‚entsinnen‘, sich erinnern; im Original „We can remember it for you wholesale“). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster…
Die Story ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. (Nix Genaues weiß man nich.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem Mega-SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Knowledge Worker, Donald Hogan, vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

6) Glaube unserer Väter (Faith of our fathers, 1967)

Dick verknüpft in einer seiner anstoßerregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben. Sie erschien zuerst 1967 in der berühmten SF-Anthologie „Dangerous Visions“.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.
Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.
Nachdem Tanya ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur dekadenten Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, muss so manche Leser des Jahres 1967, während der Vietnamkrieg tobte, in Weißglut versetzt haben. Vaterlandsverrat
Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem gab es in seiner Story noch Drogenkonsum und Sex, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte inzwischen erledigt oder relativiert haben.
In seiner Original-Nachbemerkung zu seiner eigenen Story (ein seltener Fall!) dementierte der Autor 1967, irgendeine der vorgebrachten Ansichten oder Thesen selbst zu vertreten. Aber er findet den Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und theologischer Erkenntnis interessant. Herausgeber Harlan Ellison bemerkte dazu in seiner Story-Einleitung, dass sich auch dieser Aspekt inzwischen sehr relativiert habe: Nichts als heiße Luft. Wie auch immer: Dick schrieb Ende der 70er Jahre seine VALIS-Trilogie, inder er ein gottähnliches Wesen, eben VALIS, auftreten lässt.

7) Die elektrische Ameise (The electric ant, 1969)

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.
Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)
Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: Der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur eine Wirklichkeit: die eigene. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

8) *Variante zwei (Second Variety; „Screamers“)

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Rutger Hauer in einer der Hauptrollen verfilmt.
Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.
Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichtsahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.
Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

9) *Hochstapler („Impostor“)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.
Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit der sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.
Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…
Dick beschreibt hier auf brillante Weise eine vermeintliche Paranoia, die sich zur Realitätssuche auswächst: Kurze Zeit gibt es Hoffnung für Spence Olham, denn er kann immer neue Beweise für seine Identität aufbieten. Doch die harte Pointe enthüllt die Wahrheit.

Diese Sammlung enthält in der Tat, wie es der Original-Untertitel „Classic Stories“ verspricht, eine Reihe „klassischer Storys“ Philip K. Dicks. Sie veranschaulichen demjenigen, der sich Dicks Werk erschließen möchte, Zugang zu einigen zentralen Themen darin: Die Auslotung der Unterschiede zwischen Mensch und Maschine (= Android) sowie die Untersuchung der Natur der Wirklichkeit. Zu letzterer gehören etliche Paranoia-Stories, von denen hier nur wenige gesammelt sind. In Geschichten wie „Impostor“ finden beide Themen zueinander.

Wem die Ideen Dicks durchaus interessant und verdaubar erscheinen, sollte sich eine Stufe weiter wagen und sich den einen oder anderen der Romane vornehmen. Sie wurden bei Heyne in einer kommentierten und sprachlich überarbeiteten Form herausgegeben. Natürlich ist auch ein so bekannter Roman wie „Blade Runner“ darunter. Aber auch „Marsianischer Zeitsturz“ und „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ verdienen Aufmerksamkeit. Sie gehören zum Besten, was Dick je geschrieben hat. Und das war eine ganze Menge.

Hinweis: Von Dick-Experte Uwe Anton, einem bekannten Übersetzer und Autor, ist 1993 im Thomas-Tilsner-Verlag, Bad Tölz, eine sehr gute und hilfreiche Monografie erschienen: „Philip K. Dick – Entropie und Hoffnung“ (ISBN 3-910079-01-6, ca. 17,40 €). Allein die Bibliografie ist mit rund 50 engbedruckten Seiten eine der umfangreichsten zu Philip K. Dick im deutschen Sprachraum.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Orden des Phönix

Wohl kein Buch wurde und wird von so vielen Menschen so sehnsüchtig erwartet wie der fünfte Teil der Harry-Potter-Reihe: „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Der 1000-Seiten-Wälzer wiegt 1,13 Kilogramm, so dass mit einer deutschen Startauflage von zwei Millionen Exemplaren insgesamt 2268 Tonnen ausgeliefert werden müssen. Dabei hilft auch die Post, die das Buch sogar zur Geisterstunde zu den erwartungsvollen Lesern nach Hause bringt.
Von den ersten vier Bänden wurden jeweils zwischen 3,5 und 4,6 Millionen Bücher in Deutschland verkauft, eine Zahl, die ´“Harry Potter und der Orden des Phönix“ wohl locker schlagen wird. Schon jetzt ist die Autorin J.K. Rowling die reichste Schriftstellerin der britischen Geschichte. Die 38-Jährige hat allein in den vergangenen 12 Monaten umgerechnet 182 Millionen Euro verdient. Dabei hat sie ihre Vergangenheit als Sozialhilfeempfängerin aber nicht vergessen: Um Aufmerksamkeit für die sozial Schwachen der Gesellschaft zu wecken, durften die Straßenmagazine der Obdachlosen das erste Kapitel vorab drucken und verkaufen.

Und so geht die Saga weiter: Normalerweise sind die Sommerferien ohnehin schon sehr unerfreulich für den 15-jährigen Harry, da er sie immer bei seinen Verwandten, den Dursleys, verbringen muss, aber in diesem Jahr ist es schlimmer als sonst. Darauf zu warten, dass der zurückgekehrte Lord Voldemort seinen nächsten diabolischen Zug macht, ist fast zuviel für Harry. Täglich verfolgt er angespannt die Nachrichten der Muggels und hat sogar den Tagespropheten abonniert, doch kein Wort über Voldemort. Ron und Hermine sind schwer beschäftigt mit geheimnisvollen Aufgaben für Dumbledor, von denen sie Harry nichts erzählen dürfen.
Doch plötzlich wird Harrys lange Wartezeit durch den Angriff zweier Dementoren unterbrochen. Dementoren, die Wächter von Askaban, sind übermenschlich große, unheimliche Kreaturen, die sich meist vollständig unter Umhängen mit Kapuzen verbergen. Sie entziehen allen Menschen in ihrer Nähe die guten Emotionen und lassen nur noch schlimme Erinnerungen übrig. Mit einem Kuss rauben sie ihren Opfern anschließend die Seele. Der Körper bleibt eine funktionierende Hülle, ohne Geist und ohne Erinnerung, ein willenloser Zombie. Harry kann sich nur noch durch die Ausübung des Patronus-Zaubers vor ihnen retten, doch dafür bekommt er eine Vorladung ins Ministerium für Magie, wegen unerlaubter Zauberei in den Ferien. Sollte er für schuldig befunden werden, könnte er sogar seinen Zauberstab verlieren und von Hogwarts ausgeschlossen werden. Da es bei den Dursleys offensichtlich zu gefährlich für Harry geworden ist, lässt Dumbledor ihn in das Hauptquartier des Phönix-Ordens bringen. Der Orden des Phönix ist eine Geheimgesellschaft, die schon einmal den Widerstand gegen Voldemort angeführt hat und nun erneut zu diesem Zweck zusammengerufen wurde. Im Hauptquartier trifft Harry seine Freunde wieder, die Weasleys, Hermine und seinen Patenonkel Sirius, der sich immer noch als gesuchter Verbrecher verstecken muss. Hier erfährt er dann auch, warum im Tagespropheten kein Wort über die Rückkehr Voldemorts verloren wurde. Das Ministerium für Magie will dies nämlich auf keinen Fall zugeben und versucht statt dessen alles, um Dumbledor und Harry zu diskreditieren. Leider mit großem Erfolg, denn die Mehrheit der Zauberer glaubt lieber dem Ministerium, das ihnen vorlügt, es gebe nichts zu befürchten, als der schlechten Nachricht von der Rückkehr Voldemorts.
Obwohl Harry den Patronus-Zauber nur zur Selbstverteidigung ausgesprochen hat, sieht es zunächst äußerst schlecht für ihn aus, niemand glaubt ihm. Nur durch Dumbledors Hilfe, der einen Zeugen für den Angriff der Dementoren benennen kann, wird er schließlich freigesprochen. Zurück in Hogwarts, scheint das Jahr für Harry auch nicht besser weiterzugehen. Nicht genug, dass in diesem Jahr die Examen vor der Tür stehen, gibt es da auch noch eine neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dolores Umbridge, die auf Harry gar nicht gut zu sprechen ist. Und dann diese furchtbaren Träume. Harry träumt jede Nacht von einer geheimnisvollen Tür. Bald glaubt er, dass dieser Traum von Voldemort kommt, denn anscheinend sind Harry und dieser miteinander verbunden. Was bedeutet diese Tür für Voldemort? Kann es sein, dass sich dahinter eine Waffe verbirgt, die ihm den entscheidenden Vorteil über Dumbledor und den Orden des Phönix bringt? Dieser Gedanke bringt Harry dazu, alles zu versuchen, um die Tür vor Voldemort zu finden und zu öffnen. Doch vielleicht ist das Ganze ja nur eine Falle?

Im fünften Teil der Serie wird Harry langsam erwachsen. Er steckt mitten in der Pubertät, entgegen seiner sonst so freundlichen, optimistischen und alles verzeihenden Art ist er nun aufbrausend, nachtragend und jähzornig. Nicht dass er keinen Grund dafür hätte, immerhin wurde am Ende des vierten Teils seine ganze Welt erschüttert. Ein Mitschüler und Freund wurde vor seinen Augen getötet, bevor er selber auf das Grausamste gequält und schließlich sogar gezwungen wurde, mit seinem eigenen Blut Voldemort zu alter Stärke zu verhelfen. Er konnte zwar fliehen, muss jedoch von nun an mit dem Bewusstsein leben, dass Cedric seinetwegen gestorben ist und dass die einzigartige Kraft, die ihn bisher vor Voldemort geschützt hat, nicht mehr existiert.
Nun ist Harry zurück in seiner ganz persönlichen Ferienhölle bei den Dursleys und diesmal erscheint es ihm noch schlimmer, denn er fühlt sich völlig von den Geschehnissen in der Zaubererwelt ausgeschlossen. Nicht einmal Ron oder Hermine haben Zeit für ihn. Dann tauchen die Dementoren auf, die wohl unheimlichsten Gestalten in Rowlings Werken, mitten in der Muggelwelt. Eigentlich sollte Harry bei den Dursleys doch sicher sein. Ganz allein muss er sich gegen sie behaupten und wird dann auch noch vorgeladen, weil er unerlaubterweise in den Ferien gezaubert hat.
Durch den ganzen Roman zieht sich eine bedrückende und düstere Stimmung, die mit dem Auftauchen der Dementoren ihren Anfang nimmt. Obwohl Harry schließlich freigesprochen wird und nach Hogwarts zurück darf, ist das Internat plötzlich nicht mehr dieser strahlende Ort voller Wunder und Magie nach den dunklen, ereignislosen Ferien bei den Dursleys. Gleich zu Anfang bemerkt man eine Distanz zwischen den drei Freunden Harry, Ron und Hermine. Ron und Hermine wurden von Dumbledor zu Präfekten ernannt und können deshalb im Hogwarts-Express nicht mehr im selben Abteil wie Harry fahren. Im Internat müssen sie den anderen Schülern mit einem guten Beispiel vorangehen und sind für die jüngeren Schüler verantwortlich, weswegen sie weniger Zeit mit Harry verbringen können. Wenn Harry dann auch noch bei der neuen Lehrerin Dolores Umbridge Strafarbeiten mit seinem eigenen Blut schreiben muss und sie ihn vom Quidditch ausschließt, nur weil er sich nicht der Lüge des Ministeriums über Voldemorts Rückkehr anschließt, könnte man vor Wut und Ärger über diese Ungerechtigkeit laut schreien.
Dann kommt es noch schlimmer für Harry. Er erfährt, dass sein von ihm über alles verehrter Vater nicht der strahlende Held ohne Fehl und Tadel war und dass Snape wohl durchaus das Recht hat, James Potter und seine Freunde von ganzem Herzen zu hassen. Plötzlich verschwimmt die bisherige klare Teilung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu einem trüben, alles verdüsternden Grau.
Was sich im vierten Teil schon abzeichnete, wird in „Harry Potter und der Orden des Phönix“ Realität, der Wandel von einer wunderschönen Geschichte für Kinder zu einer wirklich gelungenen Fantasy-Erzählung für Erwachsene. Wie in allen vorhergehenden Bänden schafft J.K. Rowling es, die losen Fäden spannend miteinander zu verknüpfen und die Figuren lebendig werden zu lassen. Die Geschichte ist kraftvoll und sehr mitreißend geschrieben, so dass Langeweile beim Lesen garantiert nicht aufkommt. Das Buch hat nur den einen Nachteil, dass es irgendwann zuende ist und man wieder so lange auf den nächsten Teil warten muss.

[Deutsche Harry-Potter-Homepage]http://www.carlsen-harrypotter.de