Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Hobb, Robin – lohfarbene Mann, Der (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)

„Der lohfarbene Mann“ ist kein anderer als der Narr aus Robin Hobb’s [„Weitseher“-Trilogie]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=229 und der erste Band einer neuen Trilogie, die knapp 15 Jahre nach dem Ende des Krieges gegen die Roten Korsaren spielt.

Fitz, der ehemalige Assassinen-Lehrling und Bastard königlichen Blutes, gilt für die meisten seiner Freunde und den Rest der Welt als tot – und das ist ihm auch sehr recht. Körperlich und geistig geschunden, hat er sich in ein einsames Waldhaus zurückgezogen und möchte mit der Welt nichts mehr zu tun haben, zu viel hat man ihm abverlangt. Nur sein Wolf Nachtauge und sein Ziehsohn Harm, ein Findelkind, das er bei sich aufgenommen hat, leisten ihm Gesellschaft, wenn nicht seine alte Freundin, die Menestrelle Merle, auf einen Sprung vorbeischaut.

Doch die Welt dreht sich weiter, und Harm benötigt eine Lehrstelle, soll er nicht auf ewig im Wald versauern. Auch wenn die Schäden des Krieges gegen die Roten Korsaren behoben sind, Ruhe ist in den sechs Provinzen nicht eingekehrt. Der Thron Königin Kettrickens steht auf wackeligen Beinen, und ihr Sohn, Prinz Pflichtgetreu, soll als Geste der Versöhnung und um einen starken Verbündeten zu gewinnen, eine Narcheska (Prinzessin) der Outislander heiraten, was nicht von allen Herzögen der Königin begrüßt wird. Aber auch sonst rumort es im Lande: Die der Tiermagie mächtigen Menschen vom „Alten Blut“ werden nun noch weit mehr als zu Zeiten einer äußeren Bedrohung verfolgt und grausam misshandelt. Ein idealer Sündenbock für Missernte und sonstige Unbill – stirbt eine Kuh, hatte garantiert ein missgünstiger Zwiehafter seine Hände im Spiel, keine Frage. Doch nicht alle vom „Alten Blut“ laufen davon, sie schlagen zurück: Mit Terror gegenüber nicht nur allen „Normalen“, sondern auch gegen die eigenen Leute – man zwingt gemäßigte Zwiehafte zur Mitarbeit, andernfalls werden sie denunziert und verraten oder auf sonstige Weise genötigt. Diese „Gescheckten“ werden zu einer echten Bedrohung für die Krone, und Chade, Fitz‘ alter Lehrmeister, bittet ihn zurück nach Bocksburg zu kommen, auch um die Ausbildung Pflichtgetreus in der „Gabe“ der Weitseher zu übernehmen.

Da Fitz, selbst ein Zwiehafter, mit dem Wolf Nachtauge verschwistert und als Bastard eines Weitsehers auch der Gabe zuteil ist, wäre sein Wert für Chade in beiderlei Hinsicht immens. Doch Fitz will seine Hütte nicht verlassen und sich der Welt wieder stellen – bis Prinz Pflichtgetreu davonläuft oder entführt wird, Chade vermutet, dass auch er der „Alten Macht“ mächtig ist und sich mit einer Katze verschwistert hat – die anscheinend zu den „Gescheckten“ gehört und einen schlechten Einfluss auf den Prinzen ausübt.

Fitz bringt seinen Ziehsohn in der Stadt unter und macht sich unter dem Decknamen Tom Dachsenbless als Diener des Narren, der jetzt als Fürst Leuenfarb an den Hof in Bocksburg zurückgekehrt ist, und der königlichen Jagdmeisterin Laurel auf die Suche nach Prinz Pflichtgetreu.

Die lange erwartete Fortsetzung der Weitseher-Trilogie beginnt recht verhalten. Für Kenner etwas ermüdend, für Neuleser jedoch absolut notwendig sind die anfänglichen Erklärungen der „Alten Macht“ und der „Gabe“, da diese im weiteren Handlungsverlauf eine wichtige Rolle spielen werden: „Zwiehafte“ mit der „Alten Macht“ können mit Tieren reden, und Tiere mit ihnen – ihre Geschwistertiere können sogar intellektuell auf das Niveau eines Menschen steigen, die Gefahr ist jedoch, dass der Mensch nicht nur von den meist sensorischen Vorteilen der Tiere wie gesteigerten Geruchssinn profitiert, sondern mehr und mehr tierische Verhaltensweisen annimmt und selbst zum Tier wird. Deshalb wird die Tiermagie so geschmäht, auch das Verhalten der Zwiehaften macht dem einfachen Volk große Angst, die oft in Gewalt umschlägt. Einige schwarze Schafe unter den Zwiehaften missbrauchen ihre Brudertiere auch bewusst und nehmen Rache an den Bürgern, die ein immer schlechteres Bild von den Zwiehaften gewinnen. Die Gabe ist eine Fähigkeit, die dem Geschlecht der Weitseher den Namen gab und auf den Thron verhalf: Telepathie, Suggestion und andere Fähigkeiten, die jedoch weitgehend verloren gingen, als die letzte wahre Gabenmeisterin ohne echten Nachfolger starb, gaben den Weitsehern große Macht. Die Gefahr der Gabe ist, dass man sich in ihrer Macht verliert und den Körper vernachlässigt und vergisst, der dann stirbt. Die Verlockungen der Gabe sind für viele zu stark, so dass sie ohne Ausbildung oft sterben. Fitz sind beide Fähigkeiten zueigen – aber in keiner wurde er erzogen oder ausgebildet. Und nun scheint der schlimmstmögliche Fall eingetreten: Die Gescheckten scheinen Prinz Pflichtgetreu zu beeinflussen, könnten seine zwiehafte Veranlagung publik machen, und er scheint zu allen Überfluss auch noch unter ihren Einfluss geraten zu sein.

Diese notwendigen Rückblenden und Erklärungen lesen sich wie gewohnt sehr gut, erzählerisch ist Robin Hobb wie immer in Bestform. Leider, ähnlich der Weitseher-Trilogie, beginnt die eigentliche Handlung erst knapp in der Mitte des Buches. Dann allerdings in einem zügigen Tempo, welches man beim Vorgänger oft vermisst hat.

Starke Charaktere zeichneten die Weitseher-Trilogie aus – viele der alten und zahlreiche neue werden in diesem Buch vorgestellt. In der Fantasy werden oft Archetypen verwendet, die eine Rolle zu spielen haben. Bei Robin Hobb agieren Menschen, sie versteht es ihren Figuren Leben einzuhauchen. Sei es der listige und ständig Intrigen spinnende Chade oder Kettricken, die sich zu einer großartigen Königin entwickelt hat – Robin Hobb’s Figuren leben und gedeihen, entwickeln sich und wachsen einem so ans Herz, in einem unerreichten Maße. Nicht einmal George R.R. Martin kann solche Charaktere erschaffen, auch nicht David Eddings, der bei seinen liebenswerten Charakteren stets Klischees bis zur Neige erschöpft.

Der erste Band bringt Prinz Pflichtgetreu und Fitz zum ersten Mal zusammen, er muss diesen gegen seinen Willen nach Hause zurückbringen, was jedoch für Fitz mit einem sehr tragischen Verlust einhergeht, und auch Pflichtgetreu muss leiden – keine gute Grundlage für gegenseitiges Vertrauen.

Die Handlung um die „Gescheckten“ ist in sich abgeschlossen, man kann diesen Roman einzeln und ohne Kenntnis der Weitseher-Trilogie lesen. Die Übersetzung ist wieder von Eva Bauche-Eppers und genauso hervorragend wie die der Weitseher-Trilogie gelungen. Einzig die „Telling Names“ blieben erhalten, Prince Dutiful ist in deutscher Übersetzung als Prinz Pflichtgetreu zwar gewöhnungsbedürftig, aber das englische Original ist kaum besser. Das Lektorat allerdings hätte besser sein müssen, man stolpert über viel zu viele Buchstabendreher, Trennungszeichen mitten Satz, Anführungszeichen ohne Sinn und Ende und sonstige Nachlässigkeiten, wo man beim Vorgänger maximal ein Fehlerchen pro Buch finden konnte, und das bei bis zu 1200 (!) Seiten Umfang, schade (Anmerkung: Dieses Buch hat „nur“ 916 Seiten Umfang, die Seitenzahlangabe bei Amazon ist falsch). Dafür ist diese Trilogie gebunden und erscheint im edlen Stil der Reihe „Bibliothek der Phantastischen Literatur“.

Wenn man sich durch den etwas zähen Beginn gekämpft hat, wird man mit einer deutlich temporeicheren Handlung als in der Weitseher-Trilogie belohnt. Die Charaktere begeistern nach wie vor – und der zweite Band der neuen Trilogie – [„Der goldene Narr“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=232 – verbindet Teile der fantasievolleren „Zauberschiffe“-Trilogie Robin Hobb’s, die im Süden derselben Welt spielt, mit dem Geheimnis um den Narren und die Narcheska der Outislander. „Der lohfarbene Mann“ ist ein gutes Buch, die beiden Folgebände (Band Drei ist noch nicht übersetzt) sind aber besser und warten mit einer komplexeren und fantastischeren Handlung auf, verbinden somit die Vorzüge der „Zauberschiffe“ mit denen der „Weitseher“-Trilogie – man sollte unbedingt weiterlesen, der „goldene Narr“ schließt nahtlos an dieses Buch an und bietet von Beginn an eine spannendere, komplexere und vor allem fantastischere Handlung mit faszinierenden Geheimnissen. Robin Hobb hat sich gesteigert – diese Trilogie hat all das, was man bei der Weitseher-Trilogie vermisst hat – und hat sich ihre Stärken bewahrt. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Fantasyfreunde, der Umfang (jedes Buch der Trilogie hat knapp 900 Seiten) dürfte Gelegenheitsleser jedoch abschrecken.

Pratchett, Terry – Erbe des Zauberers, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

„Equal Rites“ ist Pratchetts dritter Scheibenwelt-Roman, insgesamt sein sechster nach „Die Teppichvölker“ (1971/1992), „Die dunkle Seite der Sonne“ und „Strata“ (1981).

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird. Ein alter Magier fühlt das Ende nahen und übergibt seinen machtvollen Zauberstab dem ungeborenen achten Sohn eines achten Sohnes (Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt). Doch als das Kind das Licht der Welt erblickt, stellt man erschrocken fest, dass es ein Mädchen ist – und Mädchen dürfen die Zauberkunst nicht ausüben.

Als die magischen Talente der kleinen Eskarina bedrohliche Ausmaße annehmen, reist die resolute Dorfhexe mit ihr zur Unsichtbaren Universität, um der Kleinen mit allen Mitteln einen Studienplatz zu verschaffen und sie zur ersten staatlich geprüften Zauberin der Scheibenwelt zu machen.

Als sie sich mit dem Erzmagier und seinem ebenso genialen wie pickligen Zauberlehrling zusammentut, ahnt keiner, dass die Kräfte der jungen Leute eine hochbrisante Mischung ergeben, die die Scheibenwelt zum Einsturz bringen könnte.

Granny Wetterwachs, die resolute Hexe mit dem eisernen Willen, fürchtet nichts – nicht einmal die Aufnahmestelle der Unsichtbaren Universität. Hier bekämpft und überwindet sie die geschlechtsspezifischen Vorurteile ihrer männlichen, organisierten Zunftkollegen. Granny ist unwiderstehlich, auch für den Leser!

_Michael Matzer_ © 2000ff

Robin Hobb – Der Adept des Assassinen (Die Legende vom Weitseher 1)

Fitz ist KEIN gewöhnlicher kleiner Junge. Er ist der Bastard von Prinz Chivalric, dem Thronerben des Königshauses der Weitseher, und dieser Fehltritt war es, der denselben zumindest vordergründig zum Rücktritt bewegt hat. Wenig später stürzt der Prinz unglücklich vom Pferd…

Chivalric gab zuvor seinem treuesten Gefolgsmann, dem Stallmeister Burrich, die Aufgabe Fitz großzuziehen. Doch nicht nur dieser hat Interesse an Fitz: Er ist einfach ein Politikum. Um der Gefahr eines von Fürsten für ihre Zwecke als Thronerben aufgebauten Bastards zu entgehen, beschließt König Listenreich, ihn in seine Dienste zu nehmen. So wie er es schon mit seinem eigenen Bastard-Halbbruder tat… Chade.

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Pratchett, Terry – Licht der Phantasie, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.
„Das Licht der Phantasie“ ist Pratchetts zweiter Scheibenwelt-Roman. Der erste war „Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) und erschien auf Deutsch zuerst bei Goldmann.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.
Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

Rincewind ist ein lächerlicher Charakter, der Pratchett dazu dient, das Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber über H.P. Lovecraft bis zu Anne Caffrey auf die Schippe zu nehmen. Rincewind, feige und völlig inkompetent, flieht vor der Zauberei. Widerwillig begleitet er den ersten Touristen auf der Scheibenwelt und dessen psychopathisches Gepäckstück. In diesem Band treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übel riechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität.
Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

_Michael Matzer_ © 1999ff

Weber, David – Honor Harrington: Auf verlorenem Posten

Jenseits der Mainstream-SF-Romane und -Space-Operas wie Star Trek und Star Wars etablierte sich schon recht früh das Genre der Military SciFi.

Der Name war und ist Programm, einem gewissen B-Movie-Charme kann man Military SciFi nicht absprechen: Eroberungslustige, schleimige, grüne Monstren bedrohen die Existenz der Menschheit, sofern diese sich nicht selbst untereinander bekämpft – in der Regel zumindest. Besonderes Augenmerk wird auf militärisch nachvollziehbare Taktiken und Ausrüstungen gelegt, dem Faktor „Technik“, insbesondere Waffentechnologie, bedeutend mehr Platz eingeräumt. Man wird nicht im Unklaren gelassen, warum ein Raumschiff so und nicht anders gebaut ist und warum es fliegt, die Ausrüstung eines Sternenkreuzers oder von Marines wird detailliert vorgestellt. Man beachte den Unterschied zu gängigen Space Operas wie Star Wars oder Star Trek, die nur in Sourcebooks die Funktionsweise und Bedeutung des gerne brechenden „Warpkerns“ z.B. ansprechen. Da Military SciFi kampflastiger ist, werden sowohl bei Raumschlachten als auch bei Bodengefechten der Strategie und Taktik bestimmenden Technologie zwangsläufig mehr Bedeutung und Erklärungsbedarf zugemessen. Blutiger ist demzufolge diese Art der SF auch – oft stehen die Sorgen und Nöte der Truppe im Mittelpunkt. Und um eine zentrale, starke Hauptperson kommt man in diesem Genre anscheinend auch nicht herum…

Bekannte Vertreter des Genres sind Robert A. Heinleins berühmt-berüchtigte „Starship Troopers“. Für David Webers „Auf verlorenem Posten“ stand jedoch ein Klassiker von C.S. Forrester Pate: Seine Seefahrer-Romane um „Horatio Hornblower“ boten nicht nur einen menschlich sehr interessanten Captain, sie vermittelten auch historische Kenntnisse über die Entwicklung Englands als Seemacht im Rahmen eines Unterhaltungsromans. An Stelle Englands tritt hier eben das Sternenreich Manticore, und der Ozean wird zum Weltall – und statt eines Horatio Hornblower erwählte Weber als Pendant seine Honor Harrington (eine Frau, wohlgemerkt). Der übliche Papagei oder Affe auf der Schulter wird hier ganz ungeniert durch eine Baumkatze namens Nimitz ersetzt, die Honors ständiger Begleiter ist (der nach Selleriestengeln verrückte Nimitz wurde unter Fans übrigens zum absoluten Kultobjekt).

Honor Harrington ist Captain der Royal Manticoran Navy, die im kalten Krieg mit der Volksrepublik Haven liegt. Manticore steht ganz in der Tradition des britischen Empire – besonders die Navy und der Adel der konstitutionellen Monarchie.

Der Roman beginnt mit einem für Honor freudigen Ereignis: Sie erhält ihr erstes eigenes Kommando über den Leichten Kreuzer „HMS Fearless“. Die Freude währt nur kurze Zeit: Ihr taktisches Geschick hat sich herumgesprochen, und Admiral Hemphill hat die Fearless des Großteils ihrer Bewaffnung beraubt – zugunsten einer experimentellen Gravolanze, von der man sich trotz gravierender Nachteile wie hoher Masse, geringer Feuergeschwindigkeit und minimaler Reichweite eine Wende im konventionellen Raumkampf verspricht: Gravolanzen können sogar die Seitenschilde von Großkampfschiffen durchbrechen.

Als dies Honor im Manöver gelingt, ist die Freude groß. Doch in allen folgenden Manövern wird die Fearless „bestraft“, sie wird jedesmal gezielt fertiggemacht. Der Überraschungscoup war eben ein einmaliger Erfolg. Doch Admiral Hemphill ist unzufrieden, Honors Crew ebenso, was in blankes Entsetzen umschlägt, als die Fearless inoffiziell ins Basilisk-System strafversetzt wird. Basilisk ist quasi das Karrieregrab der Flotte – die Crew gibt insgeheim Honor die Schuld, insbesondere ihr Erster Offizier McKeon.

Basilisk liegt an einem strategisch wichtigen Nebenterminus des Manticore-Wurmlochs, das für den Reichtum des Systems verantwortlich ist: Wurmlöcher erlauben noch viel schnellere Überlichtreisen als die besten Impeller-Antriebe. Deshalb verlaufen viele Handelsrouten durch Manticore, die Zollgebühren sind für den Reichtum des Reiches verantwortlich. Über einen Nebenterminus kann man direkt und sehr schnell zum Haupterminus im Manticoresystem gelangen.

Normalerweise wäre selbst ein abgelegenes System wie Basilisk aus diesen Gründen mit starken Raumforts gesichert, doch es existiert intelligentes Leben auf einem Planeten des Systems. Freiheitliche Parteien Manticores legten deshalb der Navy Restriktionen auf – keine Raumforts, keine Bodenbesiedelung, nur Handel mit altertümlichen Gegenständen, welche die einheimischen Intelligenzen selbst herstellen könnten. So wurde Basilisk nicht offiziell der Republik einverleibt, sondern zum Protektorat – welches von einigen anderen Sternenreichen, wie der Volksrepublik Haven, zudem nicht anerkannt wird.

So besteht die gesamte Flottenpräsenz im Basilisk-System aus dem Schweren Kreuzer „Warlock“, dessen Kommandant Young sich zudem auf der Flottenakademie mit Honor verfeindet hat – er verlässt unter dem Vorwand des „dringenden Wartungsbedarfs“ das System und lässt Honor alleine mit der Aufgabe zurück, ein ganzes System zu überwachen.

Haven ist eine vom eigenen Sozialsystem geplagte Republik, in der das Volk das Sagen hat: Jeder Havenit hat Anspruch auf eine – mittlerweile bei weitem nicht mehr nur – grundlegende Versorgung, die sich LHZ (Lebenshilfezuschuss) nennt. Diese ist mittlerweilse so großzügig, dass die Regierung ständig bankrott ist. Nur aufgrund der Annektion benachbarter Systeme durch die starke Flotte kann der Lebensstandard gehalten werden – Versuche der Regierung, den LHZ einzufrieren oder zu senken sorgen für sichere Abwahl oder einen „Unfall“ des betreffenden Regierungsmitglieds. Der Pöbel regiert Haven, und auch wenn die Führungsschicht Havens sich dessen bewusst ist – man ist hoffnungslos verschuldet, und selbst die Annektion weiterer Sonnensysteme würde kaum noch helfen – die einzigen leichten Ziele sind selbst wirtschaftlich uninteressant. Ein ganz anderes Kaliber stellt Manticore dar… Der Reichtum Manticores ist verlockend und stellt ein lohnendes Ziel dar. Geheimdienst und Flotte Havens bringen sich in Position, der Krieg hat insgeheim bereits begonnen.

Das Basilisk-System ist eines der vielen Sprungbretter Havens für die Invasion Manticores. Honor darf auslöffeln, was Young verbockt hat: Die zahllosen Handelsniederlassungen Havens sind wahre Schlangengruben voller Spione, der Schmuggel blüht und gar manche Frachter liegen schon verdächtig lange mit „Maschinenschaden“ oder ähnlichen Dingen im Orbit. Honor treibt ihre Crew bis an den Rand der Erschöpfung: Von Zolldiensten bis hin zur Aussetzung von behelfsmäßigen Bojen zur Raumüberwachung wird die Truppe gehörig unter Dampf gesetzt, was nicht gerade zur Steigerung von Honors Beliebtheit führt.

Das soll sich bald ändern: Die Crew beschlagnahmt einige Frachter voller wertvoller Konterbande, und ganz gemäß alter Seefahrertradition (oder eher Freibeuter?) hellen Erfolg und ein mehr als anständiges Prisengeld die Gemüter bald auf. Auch die auf Basilisk stationierte Kommissarin für planetare Angelegenheiten ist voll des Lobes für die neue Kommandantin.

Leider freut sich nicht jeder mit: Der mächtige Hauptmann-Konzern fühlt sich auf den Schlips getreten… Auch einige seiner Frachter wurden gefilzt. Desweiteren droht ein Konflikt auf Basilisk, Unbekannte stecken den Einheimischen Drogen und altmodische Schusswaffen zu. Honor und die Crew der Fearless müssen an mehreren Fronten kämpfen – nachdem zumindest die internen Rangeleien behoben und einige Geheimnisse aufgedeckt sind, kommt es noch einmal knüppeldick…

Mir hat der Roman gut gefallen, es ist dennoch nur ein Auftakt. Zu viele Details und Daten erschlagen den Leser teilweise. Neben dem kompletten Rangsystem der Navy von Manticore, der Vorstellung des größten potenziellen Feindes Haven und zahllosen Rückblenden auf Ereignisse in Honors früherem Leben leidet ein wenig der Roman selbst. Dass die Gravolanze noch ihren Nutzen haben wird, kann man sich fast denken, am Ende bleibt das gute Gefühl, dass Honor es sämtlichen Zweiflern und inkompetenten Vorgesetzten gezeigt hat. In der Tat ist es mit der Pro-Buch-Beförderung des Vorbilds Hornblower zu vergleichen, Honor ist da recht ähnlich schnell mit Titeln und Auszeichnungen überhäuft, wobei man fast sicher sein kann, dass jedes Schiff unter ihrem Kommando am Ende des Buches Schrottwert hat. Dieser Roman schränkt militärisches Blutvergießen und Grausamkeiten verglichen mit den anderen Romanen der Reihe stark ein, was auch daran liegen kann, dass grob die Hälfte des Buches erst einmal dazu dient, die Bühne für Honor vorzubereiten.

David Weber mag schriftstellerisch keinen so mitreißenden Stil wie ein Dan Brown oder Ken Follett haben, aber in Sachen Vorausplanung könnten sich beide von ihm einiges abschneiden: Etliche Personen und Ereignisse des ersten Bandes werden in Zukunft Honors Schicksal maßgeblich mit beeinflussen – dies wird nicht die letzte Begegnung mit Pavel Young sein, die Ersten Offiziere Tankersley und McKeon werden uns weiterhin begleiten und auch einige weitere Crewmitglieder. Wobei keiner die Unsterblichkeit gepachtet hat – in späteren Romanen starben so überraschend wichtige Hauptpersonen, dass ich mir immer überlegte, wie sie vielleicht doch noch davongekommen sein könnten. Eines der wichtigsten Ereignisse ist die Verurteilung Honors zum Tode durch Haven, was erst viele Romane später noch eine gewichtige Rolle spielen wird.

Auch wenn es heißt, die Romane wären in sich abgeschlossen, muss ich widersprechen – erstens entgehen dem Leser das interessante Geflecht aus Ereignissen und die Entwicklung Honors und anderer Personen im Laufe der Zeit, zweitens muss man schon einmal gelesen haben, wie Seitenschilde und Impellerbänder bzw. der betreffende Antrieb überhaupt funktionieren, um vieles verstehen zu können, wenn Honor Raketen verschießt wie Captain Hornblower anno dazumals Breitseiten.

So richtig ans Herz wachsen tut Honor einem auch erst in den Folgebänden – im ersten Band erlebt man fast nur ihre Stärken, nicht dass Honor sich für ein „großes, ungeschlachtes Pferd“ hält, was natürlich dann doch etwas übertrieben ist, sie ist eben eine eher herbe Schönheit. Erst dann kann man so richtig mitleiden und mitfiebern. Dazu reichte der Platz einfach nicht mehr in diesem Roman, der eine hervorragende Grundlage schafft, mehr aber leider auch nicht. Auch wenn der Roman an sich nur gehobenes Mittelmaß ist, ich kann die Serie wirklich empfehlen.

Vervollständigt wird das Buch von einer Liste aller Personen, einem ausführlichen Glossar und einer Erläuterung zur Umrechung der Zeitrechnung von Manticore in die irdische. Im Gegensatz zu den Folgebänden fehlt die sonst dem Roman vorangestellte Raumkarte der näheren Umgebung Manticores. Interessant ist, dass bei der deutschen Übersetzung einige Titelbilder ersetzt und andere vertauscht wurden. So ist das Titelbild des deutschen Bandes 1 das von Band 6 der US-Ausgabe.

Wer gerne dasselbe in einem historischen Rahmen erleben würde, dem seien analog C.S. Forester’s „Hornblower“-Romane empfohlen. In der „Honor Harrington“-Reihe sind bisher zwölf Romane erschienen, davon drei Anthologien mit Kurzgeschichten auch anderer Autoren, mindestens zwei weitere volle Romane werden noch übersetzt und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Übersetzung ist gut gelungen; was mir besonders gefiel ist, dass auf die Übersetzung absolut unübersetzbarer Titel verzichtet wurde – so sind fast alle Dienstgrade der Navy von Manticore im englischen Original geblieben. Der Übersetzer hat sich zudem die Mühe gemacht, an einigen Stellen Verweise und Erklärungen einzufügen – was genau eine astronomische Einheit ist, zum Beispiel.

Wer sich nicht an den etwas altmodisch-britischen Touch des Buches stört und etwas anspruchsvollere Military SF mag, wird die Serie lieben. Wem jedoch schon die Beschreibung einiger tödlicher Begegnungen in diesem Buch zuviel ist, der sollte lieber nicht weiterlesen – wie bei Hornblower fliegen bei Honor die (auch menschlichen) Fetzen.

Homepage des Autors:
http://www.davidweber.net/

Hier kann man die Bücher in Englisch probelesen:
http://www.baen.com/series_list.asp#HH

Deutsche Fanseite:
http://www.honor-harrington.de/

Tad Williams – Der brennende Mann (Osten Ard)

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und drei weiteren Romanen erzählt hat: dem Osten-Ard-Zyklus.

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei Klett-Cotta verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“.
„Der brennende Mann“ ist eine 105-Seiten-Novelle, die bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“ erschien.

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Alan Dean Foster – Herr der Plagen

Das geschieht:

Dass Leid und Streit nicht unbedingt menschlich sind, sondern von außen gesteuert werden, entdeckt zufällig Archäologie-Professor Coschocton „Cody“ Westcott: In Nordperu findet er in der Kollegin Kelli Alwydd nicht nur seine zukünftige Gattin, sondern in einer Zeremonienhöhle der Chachapaya-Indianer ein uraltes Schamanen-Rezept für einen Trank, der ihm buchstäblich die Augen öffnet.

Plötzlich erspäht Westcott überall „Okkupanten“ – ektoplasmatische Parasiten aus einer fremden Dimension, die unsichtbar die Menschen heimsuchen. Heimlich schüren sie Schmerz und negative Gefühle ihrer Wirte und nähren sich davon. Natürliche Substanzen – unbehandeltes Holz, Stein, Pflanzen – sind für die unheimlichen Räuber Hafen und Gefängnis zugleich: Erst muss das Opfer die Heimstatt des Okkupanten berühren, um befallen zu werden. Alan Dean Foster – Herr der Plagen weiterlesen

Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz

Dorothy aus Kansas reist ins Zauberland Oz, wo sie mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem feigen Löwen über eine gelbe Ziegelsteinstraße zieht .. – Opulente, vielfarbige Neuausgabe des US-amerikanischen Volksmärchens, eingeleitet von einer 100-seitigen, von vielen Fotografien und Zeichnungen begleiteten Biografie seines Schöpfers L. Frank Baum: ein Meisterwerk auch der Buchdruckkunst, in dem man sich viele schöne Lesestunden verlieren kann.
Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz weiterlesen

Paxson, Diana L. – Herrin vom See, Die (Artor 1)

Diane L. Paxson, die viel mit Marion Zimmer-Bradley zusammengearbeitet hat, hat auch eine eigene Version der Artussage veröffentlicht.

Der erste Band „Die Herrin vom See“ beginnt weit vor Artus‘ Zeit, als die Sachsen gerade beginnen, Britannien zu erobern. Er erzählt davon, wie zwei Frauen zwei besondere Kinder zur Welt bringen. Die eine gebiert ein Mädchen, dem sie den Namen Igraine gibt. Ihr ist es bestimmt, einst Herrin vom See zu werden wie ihre Mutter, nachdem sie den König geboren hat, der Britannien einen und befrieden soll. Das andere Kind ist ein Junge, unter geheimnisvollen Umständen gezeugt und mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabt. Getauft wurde es Ambros, doch berühmt wurde es unter dem Namen Merlin. Er erzählt von Vitalinus und Uther, in deren Diensten Merlin als Seher stand, von ihren vergeblichen Versuchen, Britannien gegen die Sachsen zu verteidigen, und von Merlins Beziehung zu Artus, der in Unkenntnis seiner Herkunft bei Zieheltern aufwächst, bis er auf einer Versammlung, die nach Uthers Tod den neuen Hochkönig wählen soll, aus Versehen das Schwert aus dem Stein zieht.

Der zweite Band „Die Herrin der Raben“ fängt etwas früher an, als der erste Band endet. Oesc, ein junger Sachse, dessen Vater und Großvater bereits gegen Vitalinus und Uther kämpften, kommt mit seinem Vater und der Sippe seiner Mutter nach Britannien, weil seine Heimat vom Meer überflutet wird. In seiner ersten Schlacht gerät er in Artus‘ Gefangenschaft und wird von ihm als Geisel behalten. Der frischgebackene Hochkönig und der junge Sachse freunden sich an. Dann stirbt Hengest, Oescs Großvater. Sein Vater ist in einer Schlacht gegen Uther gefallen. Artus schickt Oesc zu seinem Volk zurück, damit er Hengests Thron besteigt, und er kommt sogar zu seiner Hochzeit. Doch einer seiner britischen Fürsten ist unzufrieden damit, wie Artus mit den Sachsen umgeht. Er raubt Oescs junge Frau und seinen kleinen Sohn und entführt sie. Das hat einen blutigen Aufstand zur Folge.

Der dritte Band „Die Herrin von Camelot“ beginnt nach diesem Aufstand. Nachdem die Sachsen nun großteils befriedet sind, denkt Artus daran, eine Königin zu küren. Seine Mutter, die Herrin vom See, weiß, welches Mädchen ihm bestimmt ist, und so heiratet Artur Gwendivar. Aber seine Schwester Morgause, die seit ihrer Kindheit eifersüchtig auf ihren Bruder ist, hat an einem der hohen Feste der Kelten in einer rituellen Vereinigung einen Sohn von ihm empfangen und zur Welt gebracht. Mit vollem Bedacht offenbart sie ihrem Bruder dies unmittelbar vor der Hochzeitsnacht. Artus ist so entsetzt, dass er sich nicht in der Lage sieht, seine Frau anzurühren. Aber nicht nur, dass Morgause vorhat, ihren Sohn zu einer Waffe gegen Artus zu machen, sie will außerdem erreichen, dass ihre Mutter sie endlich in ihr Erbe einweiht, die Geheimnisse der Herrin vom See. Sie will oberste Priesterin und Hochkönigin sein!

Der letzte Band „Die Herrin der Insel“ erzählt, wie Modred an Artus‘ Hof kommt, wie Artus, einem alten Eid Folge leistend, nach Gallien aufbricht und dort jahrelang gegen die Franken kämpft, bis ihm in Britannien fast seine Herrschaft abhanden kommt, und von dem endgültigen Kampf, der nach seiner Rückkehr in Großbritannien entbrennt.

Die Artussage ist unzählige Male nacherzählt worden, in allen möglichen Variationen von 0815-Fantasy bis zu fast historisch anmutenden Romanen. Der berühmteste dürfte „Die Nebel von Avalon“ sein, an dem die Autorin selbst mitgearbeitet hat. Diese Reihe unterscheidet sich grundlegend von allen anderen. Die meisten Erzählungen lassen entweder den historischen Hintergrund völlig außer Acht, oder sie erzählen die Geschichte in Anlehnung an die berühmten Dichtungen von Geoffrey of Monmouth und Chrétien de Troyes. Diese wurden gegenüber den historischen Berichten, die es zu diesem Thema gibt, jedoch um einiges erweitert, unter anderem um den Begriff der Tafelrunde und die Gralssage, sowie einige Personen, zu denen unter anderen auch Ritter Lancelot gehört. Das in diesen Dichtungen beschriebene Umfeld von Turnieren und Minne, verewigt in den Geschichten von Gwendivar und Lancelot sowie Tristan und Isolde, entspricht somit eher der hochmittelalterlichen Zeit der Verfasser als der, in der die Geschichte tatsächlich spielt, nämlich zur Zeit der Völkerwanderung. Diana Paxson hingegen hat sich in ihrer Version die Artussage von den durch die Dichtung schon fast zur Symbolik überhöhten Idealen losgelöst, sie sozusagen auf ihre Ursprünge reduziert. Ihr Camelot ist keine großartige Burg, sondern eine eisenzeitliche Festung, eine mit Mauern umgebene und durch Palisaden geschützte Ansammlung von mit Riet gedeckten Rundhütten, deren größte die Versammlungshalle ist. Das einzige „Turnier“, von dem sie berichtet, ist lediglich eine Reihe von Zweikämpfen zu Fuß, die sozusagen als Entspannungsübung zwischen die Sitzungen einer Ratsversammlung geschoben wurden, und in einem alten römischen Amphitheater stattfinden. Die hochmittelalterliche Minne ist in der stillen Verehrung Gwendivars durch Bediver, Artus‘ besten Freund, lediglich vage angedeutet. Dementsprechend ist hier nicht das Schicksal schuld an Artus‘ Ende, auch nicht Gwendivars Ehebruch mit Lancelot oder die Auflösung der Tafelrunde durch die Suche nach dem Gral, sondern schlicht und ergreifend eine Revolution, angezettelt von einem ehrgeizigen Mann, der Artus‘ Thron und Frau will.

Das Hauptaugenmerk ruht dadurch auf dem Ablauf des Geschehens an sich, was nicht heißen soll, dass es eine pure Auflistung von verschiedenen Schlachten ist. Der Erzählverlauf ist vielmehr großteils von derjenigen Person abhängig, aus deren Sicht erzählt wird. Im ersten Band wird hauptsächlich aus Merlins Sicht und später gelegentlich auch aus der Igraines erzählt, und so umfasst er außer dem eigentlichen Erzählstrang, wie es zu Artus‘ Geburt und Königtum kam, auch einiges über den geheimnisvollen Zauberer Merlin und das Schwert Excalibur. Der zweite Band zeigt durch seinen Helden Oesc die Sachsenkriege hauptsächlich aus der Sicht der Sachsen und beleuchtet gleichzeitig die Anfangszeit von Artus‘ Regierung und die Entstehung der engen Freundesclique um ihn, die aus seinem Halbbruder Gai, Oesc, dem Bretonen Bediver und dem Iren Cunorix sowie Morgauses älteren Söhnen besteht. Im dritten Band stehen Gwendivar und Morgause im Vordergrund. Hier teilt sich die Erzählsicht zum ersten Mal spürbar in zwei Stränge: den um die unerfüllte Ehe von Gwendivar und ihrem Bemühen, ihren Platz als Königin vor allem vor sich selbst zu finden, und den von Morgause, die sich in ihrer Machtgier an die Pikten wendet, um deren Magie zu erlernen, und gegen Artus intrigiert. Diese Splittung setzt sich im letzten Band noch fort, der zwar großteils aus der Sicht von Modred und Gwendivar erzählt ist, aber oft auch Absätze von Merlin, Morgause und Artus aufweist. Durch die starke Gewichtung der eigentlichen Ereignisse tritt aber nicht nur die tragisch-romantische Sicht in den Hintergrund, es wird auch der Einfluss der jahrhundertelangen Fremdherrschaft durch die Römer deutlicher spürbar. Alles in allem ist es der Autorin so gelungen, eine sehr hohe Authentizität zu erreichen. Das einzige Zugeständnis, das sie an die mittelalterlichen Dichter gemacht hat, war die Erwähnung des Gralsmysteriums, aber natürlich vor dem Hintergrund einer keltischen Deutung, keiner christlichen.

Auch sprachlich ist die Reihe ungewöhnlich. Während die Autorin Stimmungen durchaus manchmal spielerischer umschreibt, zeichnet sich ihr Stil ansonsten eher durch Sachlichkeit aus. Sie schreibt knapp und präzise, fast schon spartanisch. Alle Situationen und Handlungen ihrer Charaktere, auch ihre Gedanken und Gefühle, sind auf das absolut Notwendige reduziert, um Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Das macht die Lektüre etwas trocken. Stellenweise hatte ich beim Lesen echte Durchhänger, weil mich der Text nicht wirklich gefangen nehmen konnte, geschweige denn mitreißen. Der Anfang war interessant, weil er mir neu war, im Übrigen unterlag die Erzählung manchmal dem Paradoxon, zu lang zu sein, obwohl beziehungsweise weil sie so straff und knapp erzählt war. Den Figuren fehlten Leben und Farbe. Da Diana Paxson an „Die Nebel von Avalon“ mitgeschrieben hat, nehme ich mir diesmal die Freiheit, einen wirklichen Vergleich zu ziehen, den ich mir von ihr selbst leihe: Die Reihe der Herrinen wirkt neben den Nebeln wie die erdigen Farben eines piktischen Kilts neben den leuchtenden Farben einer britischen Dalmatika. Oder, um es mit eigenen Worten auszudrücken: Die Reihe der Herrinnen ist ein etwas blasses Bild in einem sehr gelungenen Rahmen, während die Nebel ein Bild in so lebhaften Farben darstellen, dass sie ohne Rahmen auskommen. Sollte ich jetzt allerdings sagen, welches von beiden mir besser gefällt, hätte ich ein Problem. Sie sind beide auf ihre Art sehr gelungen. Paxsons Version fehlt die zwanghafte Unvermeidlichkeit, die Bradleys Version anhaftet, deren Vielschichtigkeit und Intensität. Dafür ist sie bodenständiger, ursprünglicher und umfassender, nicht zuletzt durch das ausführliche Glossar im ersten und dritten Band. „Die Nebel von Avalon“ ist ein Epos, die Reihe der Herrinen ist etwas, wofür es eigentlich keinen eigenen Namen gibt… So etwas, wie eine Dokumentation in Romanform, eine Mischung aus informativem Sachtext und Erzählung. Ich würde sagen, sie ergänzen sich. Und es schadet durchaus nicht, sie beide zu lesen. Wer allerdings keines von beiden kennt, dem würde ich empfehlen, die Reihe der Herrinnen zuerst zu lesen. Und sich Zeit zu lassen für die jeweils gut 1100 Seiten, die beide Versionen umfassen.

Diana Paxson lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten sowie Theaterstücke und Gedichte.
Die unten angegebene Homepage war wegen „Bauarbeiten“ zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht erreichbar.

Die Herrin der Raben: ISBN 3-404-20466-2
Die Herrin von Camelot: ISBN 3-404-20484-0
Die Herrin der Insel: ISBN 3-404-20492-1

http://www.diana-paxson.com/

Dick, Philip K. – Paycheck – Die Abrechnung

Der vorliegende Band enthält einige der besten Storys von Philip K. Dick (1928-82), darunter die literarische Vorlage zu John Woos Actionkrimi „Paycheck – Die Abrechnung“ (mit Ben Affleck und Uma Thurman). Etliche andere Storys erschienen bereits in der Mammutstorysammlung „Der unmögliche Planet“. Einige sind dort aber nicht enthalten, so auch „Paycheck“. Ich bespreche diese „neuen“ Storys eingehender.

Philip K. Dick ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in „Paycheck – Die Abrechnung“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Weiter ging’s mit „Total Recall“, „Screamers“, „Impostor“ und „Minority Report“. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken. Warum Dick ziemlich genau 50 Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Storys aktuell wird, könnte etwas mit den Lizenzrechten zu tun haben. Das ist aber nur eine Vermutung.

Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.
Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn).

_Vorwort – von Sascha Mamczak_

Sascha Mamczak ist bei Heyne der verantwortliche Lektor für die Science-Fiction-Titel. In seinem Vorwort geht er auf die Frage ein, wie sich Science-Fiction und Film/Fernsehen zueinander verhalten, genauer: Wie gut könnten Verfilmungen von Science-Fiction-Stoffen sein, wenn sich Film & Fernsehen Mühe gäben? Es gibt ja so unterschiedliche Werke wie „Blade Runner“ und „Total Recall“ – der eine ein Kultfilm, der andere ein Starvehikel im Gewand eines Actionfilms. Aus seinen Antworten muss man allerdings selbst ableiten, was Mamczak von John Woos Film „Paycheck“ halten würde, wenn man ihn fragte.

Wichtiger noch sind seine Anmerkungen zur Bedeutung der Science-Fiction als literarisches bzw. multimediales Mittel, um sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen: Sie ist das einzige Genre, das die angemessenen Mittel bereitstellt. Wie sonst sollte man die Tatsache umsetzen, dass die USA & Co. einen permanenten Präventivkrieg gegen „den Terror“ führen? Wer schuldig und wer unschuldig ist – wer bestimmt das?

Die Folgen dieses neuen Kalten Krieges werden zunehmend bizarrer, je mehr deutlich erkennbar wird, wie skrupellos sich die USA und Großbritannien eine Entschuldigung für ihren Angriff auf den Irak zusammengedichtet haben. Dass die angegriffenen „Terroristen“ nun weltweit den Spieß umdrehen, wird noch zu einigem Kopfzerbrechen und leider auch zu vielen Opfern führen. Wir bekommen es bereits jetzt durch gestiegene Sicherheitsausgaben zu spüren.

_Die Storys_

**Paycheck – Die Abrechnung (1953)

Die Titelstory schildert uns die Abenteuer des Mechanikers Michael Jennings. Er ist gerade von einer zweijährigen Anstellung bei der Firma Rethrick Construction zurückgekehrt. Da man ihm aber sein Gedächtnis gelöscht hat (eine Operationsnarbe beweist das), erinnert er sich nicht daran, was er in dieser Zeit getan hat. Man kann sich seine Überraschung vorstellen, als er als Lohn für zwei Jahre Lebenszeit nicht die erwarteten 50.000 Verrechnungseinheiten, sondern lediglich eine Tüte mit sieben rätselhaften Gegenständen erhält. Doch es ist alles rechtens, wie Kelly, die Empfangsdame, beweist: Er hatte die Umwandlung des Geldes in „Naturalien“ selbst genehmigt.

In den zwei Jahren ist es zu einem Regierungsumsturz gekommen. Mittlerweile schnüffelt so etwas wie Gestapo hinter allem her – natürlich auch hinter Jennings. Man will wissen, was Rethrick baut und was Jennings dabei zu tun hatte. „Wo ist die Rethrick-Fabrik?“ Jennings hat keine Ahnung. Doch mit Hilfe der „geerbten“ Objekte kann er a) entkommen und b) sogar diese ominöse Fabrik ausfindig machen: Sie liegt in Iowa, ein grauer Betonklotz auf einem schwer bewachten, kahlgebrannten Hügel.

Da kommt Jennings ein verwegener Gedanke: Wenn er Rethrick mit dem erpressen könnte, was er in der Fabrik zu finden hofft, dann könnte er Teilhaber werden. Leider kommt es ganz anders, denn Kelly, der er sich anvertraut und auf die er baut, ist nicht die, für die sie sich ausgibt…

**Nanny (1955)

„Nanny“ (Kindermädchen) ist eine beißende Satire auf das amerikanische Konsumverhalten. – In einer Welt der nahen Zukunft gibt es Robotkindermädchen (ähnlich wie „Asimo“), die zwar ihre Schützlinge behüten wie ihren künstlichen Augapfel, aber dafür gegeneinander kämpfen bis zum Letzten. Nach wenigen Jahren sind die Modelle so veraltet, dass sie die Schlachten untereinander verlieren und durch neue ersetzt werden müssen. Das wiederum hält die Wirtschaftsmaschine am Laufen, ist aber auch ein Spiegelbild des Rüstungswettlaufs zwischen beiden großen Machtblöcken während des Kalten Krieges . Geschildert durch die Augen zweier Kinder und zweier Elternpaare ist diese Erzählung zwar sehr geradlinig, aber auch sehr einfühlsam.

**Jons Welt (1954)

Caleb Ryan lebt in einem verwüsteten Nachkriegsamerika, das sich so langsam wieder berappelt. Immerhin verfügt er als Ingenieur inzwischen über eine richtige Zeitmaschine. Damit will er in die Vergangenheit reisen, an jenen Zeitpunkt, da der Militärforscher Schonerman den Grundstein legte für jene Killerroboter à la „Terminator“, die zunächst von der UNO gegen die Sowjets eingesetzt wurden, die sich dann aber verselbständigten und Krieg gegen alle Menschen führten – und dabei fast Erfolg gehabt hätten.

Der einzige Umstand, der Ryans perfekt geordnetes Leben stört, ist das abnorme Verhalten seines Sohnes Jon. Jon hat, wie er erzählt, lebhafte „Visionen“ von einer alternativen Wirklichkeit, in der die Erde von gelben Weizenfeldern und grünen Parks bedeckt ist und weiß gewandete Menschen über das Universum diskutieren. Jons Vater lässt ihn umgehend am Gehirn operieren, um diese Hirngespinste abzustellen.

In der Vergangenheit gelingt es Ryan und seinem Begleiter Kastner, Schonermans wissenschaftliche Unterlagen zu stehlen und zu entkommen. Auf einem der Zwischenstopps zurück in die Zukunft erfährt Ryan, dass der Krieg vorüber ist. Von den Killerrobotern, den „Greifern“, haben die Soldaten nie etwas gehört, auch nicht von einem gewissen Schonerman.

Als die Zeitreisenden in ihrer eigenen Zeit ankommen, sehen sie Jons Visionen verwirklicht. Jon gibt es nicht mehr. Doch anhand der Schonerman-Papiere könnten sie in der Vergangenheit noch einmal die Wiederholung des Krieges herbeiführen…

Die Story erinnert stark an „Die Sieger“, in der Soldaten, die lange im Bunker ihre Welt errichtet hatten, plötzlich in eine grüne Welt an der Oberfläche dringen, wo Roboter herrschen. Die Pointe ist sowohl ironisch als auch tragisch, wenn man Jons Schicksal bedenkt.

**Frühstück im Zwielicht (1954)

Eine bitterböse, fesselnde Story mit einer überdeutlichen Warnung vor einem Atomkrieg.- Die fünfköpfige amerikanische Musterfamilie der McLeans frühstückt wie jeden Werktagmorgen, doch als Sohn Tommy zur Schule gehen will, ist da keine Schule mehr. Auch keine Straße, keine Häuser, nicht einmal eine Stadt. Da ist nur ein diffuser Nebel und wehende Asche vor der Haustür…

Die Soldaten, die mit Gasmasken in das Haus der McLeans eindringen, sind völlig von den Socken: ein gesunder Mann, der nicht beim Militär ist, eine Frau, die „nicht verschnürt“ ist, und Kinder, die nicht in Kanada im Lager indoktriniert werden. Und kiloweise Lebensmittel! Nachdem das gegenseitige Entsetzen und Erstaunen etwas abgeklungen ist, erklärt der herbeigerufene Politische Kommissar die Lage: 1977 – also in der Zukunft der McLeans – begannen die Sowjets, die USA mit robotergesteuerten Raketen zu beschießen. Er herrscht permanenter Weltkrieg zwischen den Machtblöcken. Die Raketen haben Amerika in eine radioaktive Wüste aus Schutt und Asche verwandelt.

Die einzige Möglichkeit, wie die McLeans in dieses Horrorszenario gekommen sein können, ist eine Zeitanomalie. Nachdem sie sich dafür entschieden haben, hier nicht leben zu wollen – man hätte sie alle getrennt -, verschlägt sie ein schwerer Raketenangriff wieder in ihre angestammte Gegenwart. Erschüttert, doch unfähig, die Wahrheit über die erlebte Zukunft zu erzählen, beginnt Tim McLean zu berichten: „Es muss an dem Heißwasserboiler gelegen haben“…

**Kleine Stadt (1954)

Verne Haskel ist ein frustrierter Arbeiter in Woodland, Kalifornien. Er arbeitet in der Fabrik für Pumpen und Ventile. Seine Frau Madge ist ebenfalls frustriert und hat deshalb einen Liebhaber, Dr. Paul Tyler, aber das merkt Verne nicht. Denn Verne beschäftigt sich seit seiner Kindheit privat nur mit seiner riesigen Modelleisenbahn, die er im Keller aufgebaut hat. Madge findet sie monströs und Vernes Verhalten infantil. Dr. Tyler hingegen schwant Übles, sieht aber in Vernes Obsession zunächst eine Möglichkeit, ihn unmündig erklären zu lassen und sodann Madge zu bekommen.

Dummerweise verfällt Verne eines Nachts auf den verwegenen Gedanken, die Modelleisenbahn und das Abbild von Woodland, das sie reflektiert, abzuändern. Alles wird ersetzt und umgemodelt. Dann passiert etwas, das typisch ist für Dick: Die Vorstellung wird zur Wirklichkeit. Motto: Du kannst die Welt verändern, wenn du es willst. Und also geschah es, und Verne sah, dass es gut war.

**Das Vater-Ding (1954)

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

**Zwischen den Stühlen (The Chromium Fence, 1955)

In den USA haben zwei politische Parteien das Sagen: Die Naturalisten bestehen auf dem Recht des Menschen, Schweiß abzusondern und keine gepflegten Zähne zu haben. Die Puristen sind das Gegenteil: Die Schweißdrüsen sind zu entfernen und die Zähne penibel zu reinigen etc.

Don Walsh jedoch, ein braver Arbeiter mit Familie, weigert sich, einer dieser Parteien am Tag der Wahl sein Votum zu geben. Streit gibt es schon genug in seiner Familie: In der winzigen Wohnung kabbelt sich sein Schwager als Naturalist mit Dons Sohn Jimmy, einem Fähnrich der Puristenliga.

Am Tag, als die von der Industrie gestützten Puristen siegen, wird auch das sogenannte Horney-Gesetz verabschiedet, das Nazi-mäßige Verhältnisse einführt: Es gibt eine Konformitätskontrolle, und Don soll zur Umerziehung ins Lager. Als er allerdings erkennt, dass der Psychiater-Robot ihn falsch im Sinne der Regierung beraten hat, trifft er eine fatale Entscheidung. Dons Ende kommt unvermittelt und wirkt schockierend.

**Autofab (1955)

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metalls Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs, inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

**Zur Zeit der Perky Pat (1963)

Ähnlich wie in „Autofab“ leben auch hier die Überlebenden eines Atomkrieges in unterirdischen Anlagen, die sie „Launengruben“ nennen“, und bekommen alles Lebensnotwendige von Flugzeugen, die Care-Pakete abwerfen. Aus den mechanischen Teilen bauen die Erwachsenen aber nicht etwa besonders nützliche Dinge, sondern eine Art Puppenhaus, über das jede Familie verfügt. Das Spiel heißt „Perky Pat“ und funktioniert genau wie Monopoly, nur dass die Hauptfigur eine Barbiepuppe namens Perky Pat ist: 17, blond und unschuldig. So geben die Überlebenden ihrem Bedürfnis nach, in der Scheinwelt der Vergangenheit zu leben, einer Welt des Konsums. Währenddessen lernt die junge Generation, mutierte Tiere, sogenannte Hutzen (Hunde + Katzen) zu jagen und zu essen.

Eines Tages kommt es zu einem Wettstreit zwischen Perky-Pat-Spielern und Spielern von „Companion Connie“ aus Oakland. Die Bedrohung ihrer jeweiligen Scheinwelten ist enorm: Companion Connie ist – oh Schock! – nicht nur verheiratet und intim mit ihrem Mann, sondern erwartet auch noch ein Baby! Als die Gewinner in ihre Perky-Pat-Kolonie zurückkehren, werden sie dort mit Steinwürfen bedroht und ausgestoßen: Companion Connie ist ihnen ein Gräuel.

Zwei Jahre später (1965) weitete Dick dieses Thema zu seinem Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ aus: Die Scheinwelt von Überlebenden auf dem Mars wird durch Halluzinogene noch zementiert und plausibler.

**Allzeit-bereit (1963)

In einem Amerika der nahen Zukunft haben es die Beamtengewerkschaften geschafft, dass sie einen Stellvertreter des Präsidenten stellen können. Dieser steht auf Abruf bereit, falls das präsidiale Supergehirn Unicephalon (= Ein-Kopf) 40-D ausfallen sollte. Bei einer Alien-Invasion tritt dieser Ernstfall ein: die KI fällt für Wochen aus. Nun muss Max Fischer ran, ein behäbiger Bürokrat, der plötzlich die Rolle des Obersten Befehlshabers der Streitkräfte ausfüllen soll.

Kein Wunder, dass er Opposition hervorruft, allerdings aus einem unwahrscheinlichen Lager: von den Medien. Die Nachrichtensprecher dieser Zeit sind Clowns und sehen auch so aus: mit roter Perücke und Knollennase. Jim-Jam Briskin bestreitet, dass Max Fischer legitimer Präsident der USA ist und stellt sich selbst Gegenkandidaten auf. Es sieht nicht gut aus für Fischers gerade erst begonnene Laufbahn als Präsi und er will schon auf den Knopf zur Vernichtung von Briskin drücken, da meldet sich die KI Unicephalon zurück und bringt alle zur Räson. Na, dann vielleicht beim nächsten Mal, Max?

**Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 Jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen müsste, bei der die Temponauten sterben sollten….

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

**Die Präpersonen (1974)

Diese provokante Erzählung schildert die Welt des kleinen Jungen Walter Best, in der die Abtreibung bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes legalisiert ist. Walter lebt daher in ständiger Furcht vor den „Männern im weißen Lieferwagen“: Von ihren Eltern für unerwünscht erklärte Kinder können noch lange nach ihrer Geburt durch Euthanasie getötet werden. Die Parallelen zu den Maßgaben für eine Abtreibung sind unübersehbar – der Autor hat lediglich die Frist vom 5. Monat auf das 12. Jahr verschoben, genau wie das die US-Regierung in seiner Story-Welt tut.

Kein Wunder, dass diese Geschichte in den USA die vehemente Kritik feministischer Autorinnen hervorrief, und sogar Professor Joanna Russ, selbst progressive Science-Fiction-Autorin („Planet der Frauen“), wurde ausfallend gegenüber dem Autor! Man sollte aber berücksichtigen, dass Dick seine Ansicht zur Abtreibung hier nicht unreflektiert und pauschal formuliert hat, sondern mit Vorbedacht. Und dass es nicht unbedingt seine eigene Meinung sein muss – ähnlich wie bei „Glaube unserer Väter“. Es trifft aber zu, dass er hier Walter Bests Vater Ian, einen Abtreibungsgegner, einige sehr unschöne Dinge über Frauen sagen lässt, die sich keine Kinder wünschen. Auch ansonsten hält Dick hier starken Tobak bereit.

_Mein Eindruck_

Meine Eindrücke habe ich zu fast jeder Story geschrieben. Unter den „neuen“ Storys ragen sicherlich „Paycheck“ (1953) und „Frühstück im Zwielicht“ (1954) heraus. In „Paycheck“ entwickeln unscheinbare Gegenstände wie etwa ein Busfahrschein oder ein Poker-Chip lebenswichtige Bedeutung. In den Augen des Zeitreisenden ändert sich ihre Bedeutung für sein Leben grundlegend, weil sie sich genau dann als passend erweisen, wenn ihr Nutzen am größten ist. Hier erhebt sich die Frage, ob nicht Ursache und Wirkung vertauscht werden. Der Witz ist aber, dass bei Zeitreisen mit höchster Wahrscheinlichkeit Ursache und Wirkung vertauscht werden. Davon abgesehen, erweist sich „Paycheck“ als durchaus robuste Basis für einen Thriller. John Woo hat dann nur noch die Action hinzufügen müssen – mit den erkennbar traurigen Ergebnissen.

„Frühstück im Zwielicht“ ist eine laute und eindeutige Warnung vor dem kommenden Weltkrieg. Die Anfangsszene ist ein echter Schocker: man sitzt friedlich und nichts ahnend beim Frühstück, als ein paar Soldaten brüllend die Tür eintreten und fragen, was der Unsinn soll, schließlich herrsche Krieg! Hier erlaubt sich Dick natürlich auch einen Spaß mit Zeit, Raum und Chaos. Am besten ist aber der ironische Schluss: Die Betroffenen betrachten es als ihre Pflicht, ihren nichts ahnenden Nachbarn nichts von dem Horror, der möglicherweise auf sie zukommt, zu verraten, sondern behelfen sich lieber mit dem defekten Heißwasserboiler, der all die Verwüstung an ihrem Haus angerichtet haben muss. Mögen die Nachbarn noch lange friedlich schlafen.

Dagegen fallen die Storys „Allzeit-bereit“, „Zwischen den Stühlen“, „Jons Welt“ und „Kleine Stadt“ ein ganz klein wenig ab. Da sie aber in gleicher Weise auf eine Pointe hin geschrieben sind, verfehlen sie ihre Wirkung auf den Leser nicht. Sie sind ironisch, zuweilen tragisch oder komisch. Die Botschaft ist häufig eine Warnung oder zumindest das Anprangern eines realen oder möglichen Missstandes, selbst wenn dies die (austauschbare?) Position des US-Präsidenten betrifft.

_Unterm Strich_

„Paycheck“ ist bietet eine ähnlich gute Auswahl an Storys wie „Minority Report“ – ebenfalls ein Film-Tie-in, wie die Amerikaner sagen. Die Überschneidungen sind geringer, als man zunächst befürchten würde – so fehlt etwa die harte Story „Glaube unserer Väter“. Diese Storys hier sind wahlweise provokativ („Präpersonen“), kritisch („Nanny“, Vater-Ding“, „Zwischen den Stühlen“), ironisch („Paycheck“), tragisch („Jons Welt“, „Temponauten“) und komisch („Kleine Stadt“, „Perky Pat“), aber stets mit einer Pointe versehen, die den Leser mit einer klaren Aussage des Autors zurücklässt.

Diese Auswahl – mit sechs Filmfotos illustriert – bietet dem deutschen Leser, der vielleicht nicht mehr auf die Haffmans-Story-Gesamtausgabe zurückgreifen kann, eine Menge weiterer Storys, die in den letzten Jahren nicht mehr zugänglich waren – auch nicht in „Der unmögliche Planet“ mit seinen 832 Seiten.

Die einzige Geschichte, die in Philip K. Dicks persönlicher Auswahl seiner besten Storys („Best of PKD“, 1977, vgl. die Moewig-Ausgabe) noch nicht in diesen späten Auswahlbänden vorliegt, ist „If there were no Benny Cemoli“ aus dem Jahr 1963. Die genannte PKD-Ausgabe von 1977 enthält übrigens ein gutes Vorwort von Dicks englischem Kollegen John Brunner sowie ein Nachwort und Anmerkungen vom Meister selbst.

_Michael Matzer_ ©2004ff

[Nachtrag des Lektors: Die Seitenangabe bei amazon weicht ab, es sind 381 Seiten.]

Philip K. Dick – Der unmögliche Planet

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ und nun auch „Paycheck“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken.

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Carey, Jacqueline – Kushiel\’s Dart

Es gibt wohl kaum überlaufenere Genres als Fantasy und historische Romane aller Art. Als Jungautor muss man gegen den heiligen Gral – sprich das Konzept des Herrn der Ringe – und allerlei AD&D und Standardfantasy antreten, das Mittelalter diente schon als Rahmen für zahllose historische Romane, so dass man sich schon einiges einfallen lassen muss, will man nicht in diesem Einheitsbrei untergehen.

Jacqueline Carey ist eine weitgehend unbekannte Autorin, die Kushiel-Trilogie ist ihr erster Romanzyklus. Die 1964 geborene Autorin hat einen Abschluss in Psychologie und englischer Literatur und hat von Finnland bis nach Ägypten im Rahmen ihrer kunsthistorischen Forschungen schon viele Länder bereist. Ihre ersten Sachbücher trugen die Titel „Angels: Celestial Spirits in Legend and Art“ und „Emerald Magic: Great Tales of Irish Fantasy“. Bemerkenswert insofern, als dass ihre gesammelten Erkenntnisse in die Kushiel-Trilogie einflossen und diese weitgehend prägten.

Altbekannt und gewissermaßen das Fantasy-Standardrezept: Man rühre eine gleiche Menge Elfenohr mit Zwergenbart in einer Hobbit-Fußpilzsoße und verfeinere mit einigen Schwertstreichen Orkgeschnetzeltem und einer fein abgeschmeckten Prise Magie – Voilà, damit hätte man schon die Grundlagen eines Fantasyromans.

Jacqueline Careys Rezept ist etwas schärfer gewürzt: Man nehme eine sadomachosistische Kurtisane und einen kampferprobten Klosterbruder, lasse Maria und Jesus ein Kind zeugen und dieses zum Stammvater eines Volkes werden, das in heidnischer Weise Halbgötter und gefallene Engel, Gefährten von Elua, dem Sohn von Jesus und Maria, anbetet. Das oberste Gebot Eluas wird dabei über alles gestellt: Die D’Angelines sind durch ihre halbgöttliche Abstammung Schönlinge sondergleichen und in der Liebe sehr freizügig, Prostitution und Homosexualität sowie alle Spielarten der Liebe sind akzeptiert und vollständig in die Gesellschaft integriert – „Liebet wie ihr wollt“…

In dieser Welt, die, wie man anhand der Landkarte im Einband feststellen kann, eine exakte Kopie Europas ist, liegt das halbgöttliche Terre D’Ange, das Land der Engel, an der Stelle Frankreichs. Italien heißt Caerdicca Unitas, Venedig La Serenissima und bemerkenswerterweise ist das Skaldia genannte Germanien noch so wild und barbarisch wie zu Zeiten der Römer. Ebenso herrscht in Ägypten – Menekhet – ganz unchronologisch noch ein Pharao, und Alba (England) befindet sich noch im düstersten Mittelalter.

In der Stadt Eluas, wir würden sie Paris nennen, beginnt die Geschichte der „Anguisette“ Phèdre nó Delaunay, die als unerwünschter Bastard einer ehemaligen Konkubine des „Court of Night-Blooming Flowers“ ihr Leben in der untersten sozialen Schicht eines der dreizehn Häuser des Night Court beginnt: Sie hat einen roten Fleck im linken Auge, etwas, das im auf absolute Schönheit achtenden Night Court ihr eine Karriere in Diensten Namaah’s als Hetäre (Edelhure) verbauen dürfte. Bis der Adelige Anafiel Delaunay sie kauft und in seinen Haushalt adoptiert. Er erkennt den roten Fleck in ihrem Auge als göttliches Zeichen, „Kushiel’s Dart“. Der Engel Kushiel war einst einer der Bestrafer Gottes, bis er verdammt wurde, weil er Elua folgte, seine Blutlinie genießt Schmerz und Strafe als Lust, als einzigen Weg zu Sühne und Erlösung. In Phèdre’s Fall geht das jedoch weit darüber hinaus: Als einzige lebende „Anguisette“ empfindet sie auch dann noch Lust, wo andere nur noch Schmerz empfinden würden. Delaunay erkennt als einer von wenigen ihren Wert und bildet sie in seinem Haushalt zur Spionin weiter. Phédre lernt, den Gesichtsausdruck und zahllose andere Anzeichen für Lüge oder Nervosität zu deuten, ihr Gedächtnis wird geschult, während Delaunay’s zweiter Schüler, Alcuin, eher im Entschlüsseln und Knacken von Codes Begabung zeigt, ist Phédre besonders sprachbegabt. Zu Delaunays Leidwesen auch im Davonlaufen, sie trifft sich in der Stadt öfters heimlich mit ihrem Jugendfreund, dem Tsingano (Zigeuner) Hyacinthe.

Sowohl Alcuin als auch Phèdre werden in den Dienst Namaah’s gestellt, als Konkubine Delaunays hat Phèdre bald einen sehr guten Ruf – als einzige lebende Anguisette zieht sie die entsprechende sadomachosistische Klientel an, was für Delaunay oft Grund höchster Sorge ist. Erfolgreicher in Sachen Bettgeflüster und Spionage ist Alcuin: Er findet heraus, dass Haus Trevalion die Ermordung der Dauphine Ysandre plant – der König hat sonst keine Nachkommen, und die Thronfolge würde auf Haus Trevalion übergehen. Dass Spionage ein gefährliches Spiel ist, zeigt sich, als Guy, der Hausdiener und Beschützer Delaunays, bei der Verteidigung Alcuins stirbt und dieser verwundet wird – ein hoher Preis für die wichtige Information.

Sein Nachfolger als Beschützer seiner Spione wird Joscelin Verreuil, ein Mönch der Cassilinischen Bruderschaft, die dem Engel Cassiel geweiht ist, dem einzigen Anhänger Eluas, der zölibatär ihm als der perfekte Gefährte zur Seite stand und sich zwischen den Zorn Gottes und Elua stellte. Die Bruderschaft stellt zudem die zwei traditionellen Leibwächter des Königs von Terre d’Ange, ihr Kampfstil ist geprägt von zwei Dolchen und Armschützern als einzige Rüstung und dem auf den Rücken geschnallten Schwert, das nur gezogen werden darf, wenn nicht mehr nur beschützt, sondern getötet werden muss, was jedoch in den Augen der Bruderschaft eine Sünde ist, die nur dann gerechtfertigt ist, wenn der Schutzbefohlene nicht anders gerettet werden kann. Das Verhältnis zwischen dem humorlosen und steifen Joscelin und Phèdre, deren Gelüste für ihn Zeichen der größten Verdammnis und Fehlleitung sind, ist von gegenseitiger Missachtung geprägt – Joscelin flucht über sein Schicksal, warum gerade er diese ihm sehr unangenehme Aufgabe übertragen bekam. Dennoch bleibt er dem Motto „dienen und beschützen“ treu, auch wenn es ihm unerträglich ist, die stets arg zerschundene Phèdre von ihren perversen Patronen nach Hause zu begleiten – vor allem, wenn sie dann noch recht zufrieden dreinblickt.

Dank der Informationen Delaunay’s kann das Komplott zerschlagen und die Verschwörer hingerichtet werden, jedoch entkommt Melisande Shahrizai. Diese ehemalige Geliebte Delaunays ist wie er mit allen Wassern gewaschen und kann mangels Beweisen nicht überführt werden. Es gelingt ihr auch, Phèdre gegen ihren Mentor zu benutzen, ohne dass diese es ahnt.

Sie gibt Phèdre ein großzügiges Geschenk, so wertvoll, dass sie ihre traditionelle Tätowierung als Dienerin Namaahs auf dem Rücken vollenden und damit auch Delaunay ihren Kaufpreis erstatten kann – womit sie nur noch auf freiwilliger Basis oder gar nicht mehr für ihn arbeiten müsste. Während Phèdre tätowiert wird, überfallen Söldner Delaunays Landsitz und töten ihn. Phèdre und Joscelin werden von Melisande abgefangen und in die Sklaverei nach Skaldia verkauft – als Geschenk für den skaldischen Kriegsherren Waldemar Selig. Nach und nach erkennt Phèdre, gefangen unter den Barbaren, die Pläne Melisandes. Erst jetzt wird ihr klar, dass sie es riskiert, Terre d’Ange in die Hände des unter den Skaldi beinahe als König verehrten Selig fallen zu lassen, nur um sich selbst an die Stelle der Königin zu setzen. Doch Selig spielt falsch: Er plant seine Mitverschwörer ebenfalls zu beseitigen. Haben die abtrünnigen D’Angelines erst einmal seiner Armee den Weg über die Pässe gewährt, hält er seine Truppen für zahlreich genug, um sowohl die Revoluzzer als auch die königliche Armee zu vernichten.

Phèdre plant jeden Tag auf ihre Flucht hin, während Joscelin hart unter seinem Sklavendasein leidet. Auf der Flucht lernen sie sich schätzen, nur durch Joscelins Geschick und Phèdres Raffinesse können sie den Skaldi entkommen und sich zurück in Terre d’Ange durch die Reihen der Verschwörer mit Hilfe von Phèdres altem Freund Hyacinthe schmuggeln. Leider haben sie keinen Beweis für ihre Anklagen gegenüber Melisande und für Seligs Plan, was ihre Situation erschwert – beide sind in Abwesenheit des Mordes an Delaunay schuldig gesprochen worden. Es gelingt ihnen dennoch, die mittlerweile zur Königin gewordenen Ysandre zu überzeugen.

Sie werden auf eine gefährliche Mission geschickt: Um die Verräter nicht zu warnen, und um militärisch stark genug zu sein, um sowohl die abtrünnigen als auch die Skaldi zu stoppen, werden Phèdre und Joscelin in geheimer Mission nach Alba geschickt. Sie sollen den Cruarch (König) von Alba dazu bewegen, Ysandre und Terre d’Ange beizustehen – was kein Problem sein sollte: Er ist der heimliche Verlobte von Ysandre. Leider stehen dem Plan zwei Dinge im Weg. Erstens ist Drustan im eigenen Land in einen Bürgerkrieg verwickelt und derzeit im Exil in Eire (Irland), und würde selbst dringend die Hilfe der gar nicht so bereitwilligen Iren benötigen, um sein eigenes Land zurück zu erobern. Zweitens gestattet der Master of the Straits, ein Wesen, das über Wind und Wetter im Kanal zwischen Alba und Terre D’Ange gebietet, keinem Schiff mehr die Passage.

Natürlich gelingt es Drustan, seine Krone zurück zu erobern, und auch der Master of the Straits kann mit einem großen Opfer besänftigt werden – hierzu verrate ich aber nichts Näheres. Bei Troyes-le-Mont kommt es zum Gefecht, doch selbst mit der Hilfe Albas sind die Heerscharen der Skaldi den durch Verrat geschwächten D’Angelines noch überlegen. Erst Phèdres Raffinesse verhilft Königin Ysandre zum Sieg – die Skaldi werden geschlagen, die Hochverräterin Melisande verhaftet. Phèdres und Joscelins Ehre wird offiziell wiederhergestellt und ihr Name wird nicht mehr nur wegen ihres berüchtigten Rufes als Anguisette geehrt. Als Heldin des Reiches wird sie zur Comtesse de Montrève ernannt und zur engsten Vertrauten der Königin.

Mehr historischer Roman denn Fantasy – die einzigen Fantasy-Elemente in „Kushiel’s Dart“ stellen die Geschichte um den Master of the Straits dar, die in den Folgebänden an Gewicht gewinnen wird, sowie die für Terre d’Ange erfundene Kultur und Religion. Dabei kann Carey gewaltig punkten: „Angels: Celestial Spirits in Legend and Art“ und „Emerald Magic: Great Tales of Irish Fantasy“ waren Inspiration und Quelle hierfür, genauso wie ihre Reisen durch ganz Europa. Die Namensgebung ist eng an den Ort gebunden, die germanischen Namen sowie die französischen Namen sind zwar arg kompliziert, aber stimmig, ebenso wie die in Folgebänden aus Afrika und Persien stammenden.

Carey achtet sehr auf die unterschiedlichen Mentalitäten der verschiedenen Völker und beschreibt Charakter und Aussehen aller Personen sehr detailliert – dafür werden Gebäude und Landschaften bis auf Ausnahmen wie die winterliche Wildnis Skaldias oft nur zweitrangig beschrieben. Sprachlich schreibt sie in der oberen Liga, ohne einen Guy Gavriel Kay zu erreichen, was aber auch nicht nötig ist. Im Gegenteil, ihr schlichterer Stil gefällt mir sehr gut. Zu Anfang des Buches im Night Court erschlägt und verschreckt sie jedoch mit einer übertrieben blumigen Sprache voller, später nicht mehr auftauchender, geschwollener Satzkonstruktionen, die durch die Wahl exotischen Vokabulars wohl sogar gebürtige Engländer fordern dürfte – wer dieses Buch wirklich genießen möchte, sollte Englisch fließend und ohne Hilfe eines Wörterbuches lesen können. Definitiv nichts für ungeübte Leser, auch wenn nur das erste Drittel wirklich kompliziert ist.

Ein interessanter Kniff ist es, die Heldin Phèdre selbst ihre Geschicht erzählen zu lassen. Sie ist eine sehr sympathische Person; da sie den Leser stets an ihren Gedanken teilnehmen lässt, kann man einfach nicht anders, als sie zu mögen – auch wenn ihre sexuellen Vorlieben starker Tobak sind. Hier hatte ich auf etwas Erotik gehofft – Carey versteht es aber, durch die harten, sadomachosistischen Sexszenen den Leser zu verblüffen und zu verwundern. Joscelin darf hier ein wenig die Rolle des Lesers übernehmen und sich an seiner Stelle über Phèdre ärgern und wundern. Ein recht gelungener Kniff – zumal die anfangs nur Verwunderung bis Bestürzung hervorrufenden Folterszenen in den Folgebänden der Trilogie an religiöser Bedeutung und Sinn gewinnen, in diesem Buch selbst sind sie nur ein ziemlich gewagter Aspekt des Charakters Phèdre, den sie prinzipiell nicht nötig hätte. Phèdre ist ein wenig an die klassische Phaedra oder die Phèdre Jean Racines angelegt, ihre Gefährten ereilt meist ein tödliches Schicksal… Ihr Schicksal ist eng mit Leid und Tragik verbunden, das selbst ihr als Anguisette einiges abverlangt.

Fantasyfreunde kommen hier arg zu kurz – Spionagethriller und historischer Abenteuerroman, gemischt mit einer eigenwilligen und interessanten Religion nebst dazu passender Kultur, das beschreibt den Roman am besten. Allein alle dreizehn Häuser des Nightcourt sowie ihre besonderen Disziplinen – von den Mystikern Haus Gentians bis zu den eher weltlichen Buchhaltern Haus Bryonys – aufzuzählen, nebst allen Gefährten und Engeln Eluas in Terra d’Ange, würde hier zu weit führen.

Das Schöne ist, „Kushiel’s Dart“ ist in sich abgeschlossen – einzig das einleitende erste Drittel, in dem lange nichts wirklich für die Handlung Wichtiges passiert, deutet darauf hin, dass noch zwei volle Bände einer Trilogie darauf aufbauen werden. Recht clever gemacht – doch der Roman war in den USA ein Erfolg und einer Komplettierung der Trilogie stand nichts mehr im Wege.

Ich kann die Trilogie empfehlen, und zwar für jedermann – dies ist keineswegs ein Frauenroman. Der dritte Band ist geradezu genial und kombiniert die Stärken des an einen Krimi erinnernden zweiten Bandes (der für mich leider etwas langatmig und enttäuschend war) mit einer sehr interessanten Suche nach dem wahren Namen Gottes, die mich ein wenig an eine anspruchsvollere Version von Indiana Jones‘ Suche nach dem heiligen Gral erinnerte. Auch Phèdres persönliche Nemesis und Hassliebe Melisande ist nicht totzukriegen und in beiden Folgebänden wieder mit von der Partie, was man am Ende des ersten Bandes nicht mehr erwartet hätte.

Ein Wort zur deutschen Ausgabe von Knaur: „Kushiel’s Dart“ wurde gedrittelt, die sehr schönen und passenden Titelbilder (der 2. Band der Trilogie zeigt exakt die Tätowierung auf Phèdres Rücken sowie genau das passende Kleid mit dazugehörigen Schleier in der richtigen Farbe z.B.) wurden durch süßliche Bildchen ersetzt, der Titel „Die Geheimnisse des Nachtpalais“ suggeriert auch wohl eher etwas anderes als Phèdres eher harte Leidenschaften und dürfte die falsche Zielgruppe ansprechen bzw. die passende verschrecken. Die Teilung selbst ist tödlich – Eine Einleitung, ein Mittelteil ohne Vorgeschichte und Schluss und dann das Finale als separates Buch? Das geht selten gut, hier ist es tödlich. Da das Buch sich sehr komplexer Sprache bedient, ist die Übersetzung wohl ähnlich wie bei Guy Gavriel Kay leider wirklich nur ein Kompromiss und ganz klar zweite Wahl.

Jacqueline Carey plant weitere Romane in Terre d’Ange, allerdings mit anderen Hauptfiguren. Man darf gespannt sein.

Die Trilogie im Überblick:

Kushiel’s Dart (ISBN 0-765-34298-7)
Kushiel’s Chosen (ISBN 0-312-87239-9)
Kushiel’s Avatar (ISBN 0-765-34753-9)

Homepage der Autorin:
http://www.jacquelinecarey.com/

Empfehlenswerte Fanseite:
http://www.stargirl-designs.com/rw_main.html

Winkler, Dieter – magische Reich, Das (Wolfgang Hohlbeins Enwor – Neue Abenteuer 1)

Mit „Das magische Reich“ hat Piper eine weitere Fortsetzung zu Wolfgang Hohlbeins Enwor-Zyklus veröffentlicht. Die Enwor-Welt ist ein gemeinsames Kind von Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler, wobei die eigentliche Schreibarbeit bisher hauptsächlich von Herrn Hohlbein geleistet wurde. „Das magische Reich“ ist der erste Band aus Herrn Winklers Feder.

Der junge Daart ist zusammen mit seiner Partnerin Carnac auf dem Weg nach Irapûano. Offiziell befinden sie sich auf ihrer Erweckungsreise, aber nebenbei haben sie auch noch einen dringlichen Auftrag: die Essenz des Lebens zu besorgen. Obwohl sie beide noch nicht geweiht sind, tragen sie echte Sternenstahlschwerter, ein Zeichen, wie dringlich die Mission ist. Denn Enwor droht im Chaos zu versinken, und die Satai verlieren mehr und mehr die Kontrolle.
Der Gnom, der die beiden unfertigen Krieger führen soll, scheint allerdings den Weg nicht zu kennen. Zusätzlich zu diesem Ärgernis sind sie kurz davor, in einen Schneesturm zu geraten. Dann stürzt Daart ab. Er überlebt, wacht aber zu seiner großen Überraschung mitten im Dschungel wieder auf. Der Führer ist noch da, offenbar an derselben Stelle abgestürzt, aber Carnac ist verschwunden. Daart macht sich auf die Suche und trifft dabei auf Irana, die von sich behauptet, zum Orden der Prophetinnen zu gehören. Ihre Anwesenheit an diesem Ort – und nicht nur die – wirft für Daart eine Menge Fragen auf, doch er kommt nicht dazu, sie zu stellen, denn sie werden angegriffen. Ihre halsbrecherische Flucht ist der Auftakt zu einem endlosen Verwirrspiel. Beide landen letztendlich in Nyingma, der Festung und Hauptstadt der Aralu, und in der Gewalt von Nubina, deren Herrscherin. Nubinas Macht beruht auf Schein und Täuschung, und schon bald weiß Daart nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dabei kann er sich Zweifel überhaupt nicht leisten. Sein und Iranas Leben stehen auf dem Spiel und nebenbei auch noch das Schicksal von ganz Enwor, denn Nubina strebt nach Unsterblichkeit, nach der Essenz des Lebens, die sie durch Zelebrieren der Großen Zeremonie gewinnen will. Um jeden Preis müssen Daart und Irana die Durchführung dieser Zeremonie verhindern. Auf dem Weg dorthin begegnet Daart seinem schlimmsten Alptraum…

Der Hauptteil des Buches dreht sich um Daarts Kampf gegen Halluzinationen, Sinnestäuschungen und nicht greifbare Wahrnehmung. Nichts ist so, wie es scheint, alles wirkt verdreht, unwirklich und bizarr. Eine solche Welt lässt, zumindest bis zu einem gewissen Grad, etwas zu, was sonst nicht einmal in der Fantasy möglich wäre: das Aushebeln der Logik. Die Handlung ist vergleichbar mit einem Traum. Eine Person, die ursprünglich als Frau erschien, ist plötzlich ein Mann und dann wieder einen Frau; Tote leben wieder; Personen tauchen auf, sind plötzlich wieder verschwunden, um dann anderswo wieder aufzutauchen; und das alles nicht unbedingt in einem erkennbaren Zusammenhang. Das einzige, was von Anfang an klar ist, ist die Tatsache, dass den Sinnen an diesem Ort nicht zu trauen ist, am allerwenigsten den Augen. – Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Daarts Sicht. Was mit den anderen geschieht, während sie voneinander getrennt sind, erfährt man also nicht. Man ist ganz auf die Sinne Daarts angewiesen, und Irana, die offenbar weiß, worum es bei all dem geht, beantwortet seine Fragen nur ausweichend und diffus. Dieser Umstand, zusammen mit der teilweise überstürzten Handlung, zwingt den Leser in dieselbe Verwirrung, die Daart empfindet. Das macht es ziemlich hautnah, allerdings bleibt durch eben diese aufgezwungene Verwirrung die Spannung auf der Strecke. Man ist als Leser viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, Ordnung und einen gewissen Sinn in dieses Chaos zu bringen, um der Zuspitzung auf das Ende folgen zu können. – Für die Charaktere bleibt in diesem actionlastigen Wirrwarr nicht viel Raum. Daarts Person erhält als einzige ein wenig Profil durch die immer wieder einfließenden Erinnerungen, die sein Fühlen einigermaßen nachvollziehbar machen, andererseits geht durch sein verwirrtes Denkvermögen auch wieder einiges an Charakterzeichnung verloren. Von Nubina dagegen erfährt man überhaupt nichts, außer, dass sie offenbar größenwahnsinnig ist. Auch Harkon, der Führer und Gnom, bleibt ziemlich blass. Alle anderen vorkommenden Personen sind nur Randerscheinungen, wenn man so will eher Requisite als Darsteller.

So viel Freiheit ein Szenario wie das obige dem Autor auch bieten mag, es ist trotzdem nicht ganz ohne Tücken. Es besteht die Gefahr, dass der Autor selbst den Überblick verliert. Von einem Alptraum erwartet man nicht, dass er sich nach dem Aufwachen durch ein paar Antworten plötzlich erklären lässt, insofern spielt es keine Rolle, wenn man nicht erfährt, ob Nubin und Nubina nun eine oder zwei Personen waren. Aber manchmal gelten die Gesetze der Logik eben auch für einen Albtraum, und zwar dann, wenn das Geschehen nicht wirklich ein Traum ist, sondern nur albtraumähnliche Züge trägt. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind in „Das magische Reich“ größtenteils verwischt, das ist natürlich Absicht und im Großen und Ganzen auch gut gemacht. Aber es ist kein reiner Traum, wie sich am Ende herausstellt. Der Handlungsablauf muss sich also dem Anspruch stellen, in sich schlüssig zu sein, und das ist er nicht immer. Dass zum Beispiel jemand, der gemäß seiner eigenen Aussage die Kunst der Illusion selbst nur sehr unvollkommen beherrscht, tatsächlich in der Lage sein soll, einen Meister dieser Kunst damit zu täuschen, wie Irana es tat, kommt mir irgendwie unwahrscheinlich vor. Nun, dafür könnte man vielleicht eine Erklärung konstruieren. Ein zweiter Punkt ist, dass Zar`Toran, ein Magier, den Daart aus seiner Kindheit kennt, plötzlich wieder auftaucht, obwohl er eigentlich tot sein sollte. Vielleicht liegt der Schlüssel dazu im vorhergehenden Band. Der dritte und störendste Punkt aber ist die Frage: wozu eigentlich dieses ganze Theater? Laut Iranas Aussage dient alles, was Nubina mit Daart anstellt, nur dazu, seinen Willen zu brechen, um Informationen preis zu geben, die er nicht verraten darf. Tatsächlich will Nubina aber etwas ganz anderes von Daart, nämlich, dass er Irana für sie tötet, die eine Bedrohung für sie darstellt. Warum braucht sie Daart dafür? Sie hätte Irana mehrfach selbst ausschalten können und Daart gleich dazu, oder das von ihren Kriegern erledigen lassen können. Diese Tatsache lässt die gesamte Handlung aufgebläht, umständlich und überflüssig erscheinen, etwas, das ich auch schon bei anderen Hohlbein-Büchern festgestellt habe, und es wäre gut, wenn zumindest im nächsten Band dem Autor gute Gründe dafür einfallen. – Abgesehen von all dem muss ich sagen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass einige Ideen auf fremdem Mist gewachsen sind. Dass die Landkarte von Enwor der des nordamerikanischen Kontinents verblüffend ähnelt, ist dabei das Geringste, sowas kennen wir bereits von Xanth. Gleichzeitig klingt aber der Name des Magiers Zar`Toran doch sehr nach Kal`Torak, dem finsteren Gott aus Eddings Elenium-Saga, und auch die Opferriten erinnern daran, auch wenn das Feuer hier einen stärkeren Einfluss hat als bei Eddings. Der Gezeitenwurm ist mir, wie ich meine, ebenfalls schon mal irgendwo begegnet.

Sprachlich gesehen ist das Buch ziemlich leicht zu lesen, wobei sich Winklers Sprach- und Erzählstil nicht sehr von Hohlbeins unterscheidet. Er schreibt etwas straffer und temporeicher, aber größere Unterschiede gibt es nicht, auch nicht in der Gewichtung von Handlung zu Personendarstellung. Negativ ist mir aufgefallen, dass es an manchen Stellen holpert. Häufig tauchen dieselben Formulierungen auf, Wörter kommen im selben Satz zweimal an unterschiedlichen Stellen vor, obwohl einmal genügen würde, und mancher Druckfehler macht durch fehlende Umlautpunkte aus einem Konjunktiv einen Indikativ. Ansonsten liest es sich flüssig.
Der Enwor-Zyklus umfasst insgesamt zwölf Bände, von denen ich allerdings nur den Neuesten gelesen habe. Normalerweise steigt niemand so weit hinten in einen solchen Zyklus ein – dass ich es getan habe, war reine Unwissenheit – , deshalb wurde verständlicherweise auf die Erklärung von Spezialwörtern der Enwor-Welt verzichtet, was es anfangs etwas mühsam machte. Auch einiges Vorwissen aus den vorigen Bänden fehlte mir, das für die Handlung an sich zwar nicht unabdingbar ist, aber im Hinblick auf das Gesamtbild der Enwor-Welt erwies sich dieser Mangel doch als Handikap. Ich empfehle deshalb jedem, der sich für diesen Zyklus interessiert, vorne anzufangen. Die ersten zehn Bände erzählen offenbar die Geschichte eines anderen Satai namens Skar, dessen Name auch in diesem Band genannt wird, der aber selbst nicht wirklich vorkommt. Mit Band Elf beginnt dann die Geschichte von Daart, die wohl auch Einzelheiten zu dem enthält, was man im neuesten Band durch seine Erinnerungen erfährt. Vielleicht vertieft das auch nochmal die Charakterzeichnung der Protagonisten, die mir bisher bei allen Hohlbein-Büchern – auch den in Kooperation geschriebenen – immer arg zu kurz gekommen ist, selbst wenn das Geschehen nicht so actionreich und hektisch war wie in „Das magische Reich“.

Für mich bedeutet diese zuletzt genannte Oberflächlichkeit in der Charakterzeichnung zusammen mit dem Punkt der grundlos umständlichen und damit unrealistischen Handlungsführung das k.o.-Kriterium für weitere Winkler- und Hohlbein-Bücher, obwohl in diesem Fall die Grundidee, die Verwirrung und Zerstörung der objektiven Wahrnehmung durch Illusion und Drogen und der dadurch bewirkte geistige Zusammenbruch eines Menschen ein durchaus interessantes Thema wären. Und da dieser Band mit seiner ausgefallenen Handlung wohl auch nicht repräsentativ für den restlichen Zyklus stehen dürfte, werde ich diesen nicht nachlesen. Pure Action liegt mir einfach nicht.

http://www.hohlbein.de/
http://www.dieter-winkler.de/

Philip K. Dick – Die besten Stories von Philip K. Dick

Über diesem himmelblau gefärbten Titelbild steht in breiten Lettern PLAYBOY. Was soll uns das sagen? Handelt es sich um erotische Storys, in Hugh Hefners Auftrag geschrieben? Oder wurden hier nur PLAYBOY-Autoren beauftragt, Einschlägiges über Häschen und damit verbundene Freuden zu Papier zu bringen?

Leider wird auch der Häschen-Liebhaber enttäuscht, denn die Storys dieses Bandes stammen aus der Schreibfabrik eines einzigen, wenn auch bekannten Science-Fiction-Autors. Und der schrieb zwar ab und zu mal für Hefners Häschen-Blatt (denn es zahlte gut), aber leider in den seltensten Fällen über Einschlägiges. Vielmehr waren die zwei Fragen „Was ist menschlich?“ und „Was ist die Wirklichkeit?“ seine Hauptanliegen.

Das Vorwort schrieb 1976 John Brunner. Er war zu dieser Zeit selbst einer der renommiertesten britischen Science-Fiction-Autoren.

_Der Autor_

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Dick, Philip K. – Zeit aus den Fugen

„Zeit aus den Fugen“ (ein Zitat aus „Hamlet“), 1959 erschienen, kommt als unscheinbare Prosaerzählung daher, genauso wie das Geschehen in einem unscheinbaren Ort spielt, der nicht einmal einen richtigen Namen hat: „Old Town“. Doch das Ganze ist eine gigantische Truman-Show, eine Matrix, die nur einen Zweck zu haben scheint: ihren wichtigsten Bewohner, Ragle Gumm, über die Natur der Wirklichkeit zu täuschen.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Stories, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf einer Dick-Story beruht.

_Handlung_

Ragle Gumm ist mit seinen 46 Jahren so etwas wie ein amerikanischer Nationalheld: Er ist derjenige, der am längsten durchgehend den landesweiten Wettbewerb „Wo wird das grüne Männchen als nächstes auftauchen?“ gewonnen hat. Zumindest glaubt das jeder in seinem idyllischen Heimatstädtchen Old Town, wo ihn natürlich jeder kennt. Schließlich ist das hier tiefste Provinz, und das auch noch im Jahr 1959, in der Eisenhower-Ära. Und niemand hat ein Radiogerät.

Ragle ist sympathisch, aber auch außergewöhnlich. Als einziger Mann in der Stadt arbeitet er nicht in irgendeinem Job, sondern werkelt stets zu Hause an seinem Wettbewerb herum. Das Ausarbeiten der richtigen Einsendung ist nämlich wirklich kompliziert. Schon ein paarmal lag er mit seiner Vorhersage, wo das kleine grüne Männchen auftauchen wird, daneben und hätte eigentlich disqualifiziert werden müssen, doch die Wettbewerbsleitung hat immer wieder ein oder zwei Augen zugedrückt, um ihn weiterhin dabei zu haben. So eine Erfolgsstory wie die von Ragle Gumm ist nämlich kostenlose Werbung.

Er lebt bei seiner Schwester Margo, deren Mann Victor Nielson und ihrem Sohn Sammy, einem Bastler. Die Nachbarn sind Junie Black und ihr Mann Bill. Als Ragle versucht, mit der attraktiven Junie eine Affäre zu beginnen, geraten die Dinge in Bewegung. Das ist das eine, aber gleichzeitig häufen sich merkwürdige Erlebnisse, die nicht nur Ragle, sondern auch Victor haben.

Als Ragle mit Junie ins Freibad geht, um sie anzubaggern, will er sich beim Getränkekiosk ein Bier kaufen. Doch das, was er beim Getränkekiosk findet, ist merkwürdig: einen Zettel mit der Aufschrift „Getränkekiosk“. Der so bezeichnete Stand hat sich in Luft aufgelöst. Und es ist bereits Ragles sechster Zettel.

Wenig später kehrt der zehnjährige Sammie von einer Expedition zu den Ruinen am Stadtrand zurück. Auch Ragle findet dort etwas: Zeitschriften und ein Telefonbuch. In den Magazinen ist die Rede von einer Schauspielerin, von der Ragle noch nie gehört hat: Marilyn Monroe. Und als er die Nummern im Telefonbuch über die Vermittlung erreichen will, sind alle außer Betrieb. Über das von Sammy gebaute primitive Radiogerät empfangen Ragle, Sammy und Margo merkwürdige Funkmeldungen. Sie haben unter anderem mit Ragles Aufenthaltsort zu tun.

Inzwischen ist Nachbar Bill Black durch die Telefonvermittlung alarmiert worden: Mit Ragle stimmt etwas nicht. Aha, die Magazine und das Telefonbuch. Leider verplappert er sich sich, als er bekennt, den Namen Marilyn Monroe schon einmal gehört zu haben. Der Grund dafür wird nur dem Leser klar: Bill Black ist Teil der groß angelegten Verschwörung, die dazu dient, Ragle Gumms Voraussagefähigkeit dienstbar zu machen. Damit werden die Raketenangriffe auf die Erde eingeschätzt, die die abtrünnigen Mondkolonisten abfeuern. Ragles Welt ist eine Lüge: Illusion, Täuschung, ein Truman-Show von A bis Z.

Ragle hat das unbestimmte Gefühl, dass etwas mit seiner Welt nicht stimmt. Um herauszufinden, ob dies überall so ist, versucht er, die Stadt zu verlassen. Der erste Versuch scheitert und er wird einer Gedächtnisunterdrückung unterzogen. Doch dann kontaktiert ihn eine Frau, die ihn einlädt, einen Vortrag über Zivilschutz zu halten. Und man zeigt ihm ein Modell jener Fabriken, die künftig unterirdisch arbeiten sollen. Das hilft Ragles Erinnerung auf die Sprünge: Das Modell zeigt nämlich seine eigene Aluminiumfabrik, die er mal besessen hat.

Nun ist der Fall klar: Er muss Old Town verlassen, koste es, was es wolle. Und diesmal klappt es. Was er draußen vor der Stadt im Jahr 1998 vorfindet, übertrifft seine schlimmsten Befürchtungen…

_Mein Eindruck_

Dick schreibt durchweg verständlich und benutzt alltägliche Ausdrücke, ganz im Gegensatz zur Hard-Science-Fiction à la Benford und Niven, die mit technischem Jargon um sich wirft. Im Gegenteil: Old Town sieht aus wie der Anfang von „Pleasantville“, der Eisenhower-Traum vom idyllischen, wohl geordneten Vorortleben. Oder wie Trumans Kulissenstadt, die bis zum Wasser reicht, das er nicht überqueren kann, ohne Riesenängste durchzustehen.

_Gesellschaftliche Relevanz_

Doch während Trumans Leben als Show zum privaten Vergnügen jedes Einzelnen inszeniert ist, so betrifft Ragles Leben in Old Town die gesamte Nation: Er ist es, der die Flugbahnen der Mondraketen vorhersagt und somit den Schutz von Leib und Leben ermöglicht. Er ist ein Nationalheld, aber in beiden Welten, die er betritt. Alles andere an Old Town stellt sich als Kulisse heraus, aber mehr oder minder zu seinem psychischen Schutz: Es ist sein privater Rückzug ins Goldene Zeitalter der Sorglosigkeit. Er kann den Gedanken, für so viele Menschenleben verantwortlich zu sein und auf jeden Fall schuldig zu werden, nicht ertragen und hat sich seine eigene Rückzugspsychose herangezogen. Die Regierung musste nur noch die Kulissen und Statisten besorgen. Aber wird der Krieg mit dem Mond ewig dauern?

_Die schrecklichen Fünfziger_

Die Parallelen zum Kalten Krieg, den das Eisenhower-Amerika mit den „bösen Russen“ führte, sind unübersehbar. Dick diagnostiziert die kulturelle Erstarrung dieser Ära als Psychose des Rückzugs. Die war vielleicht hilfreich, um den Horror des Zweiten Weltkriegs zu verarbeiten, ist aber Mitte der 50er in eine Starrheit und Stagnation verfallen, aus der nur wenige Bewegungen herausführten, und auch das nur am äußersten Rand: Der Rock’n’Roll entstand in den Kneipen und Klubs der Schwarzen, wurde dann von dem Weißen Elvis Presley gesellschaftsfähig gemacht, vor allem durch Filme. Und die Stimmen der Beat-Lyriker der Westküste, insbesondere Allen Ginsberg mit dem ergreifenden Langgedicht „Howl“, wurde nur in Künstler- und akademischen Kreisen vernommen. Das alles änderte sich erst im Jahr 1960 mit Kennedy (wenn auch nicht unbedingt zum Besseren).

_Prosaisch in jeder Hinsicht_

Wie gesagt, ist „Zeit aus den Fugen“ sehr einfach zu lesen. Ich war aber erstaunt, dass wir kaum jemals Einblick in Ragle Gumms Gedankenwelt erhalten. Erst am Schluss tauchen Rückblenden auf. Daher wird Ragles Reaktion auf bestimmte Ereignisse mit Spannung erwartet. Zunächst kommen solche Ereignisse sehr unscheinbar und alltäglich daher: Der Autor gibt sich keinerlei Mühe, rätselhafte Hinweise fallen zu lassen oder Cliffhanger-Schlüsse zu verwenden. Daher heißt es: Augen auf und aufpassen, was als Nächstes passiert!

_“Blade Runner“_

Im Unterschied zu den Erzählungen, die mitunter von bitterer Ironie triefen, ist in „Zeit aus den Fugen“ keinerlei Verzweiflung, aber auch kaum Humor festzustellen. Es gibt keine Ausbrüche sinnloser Gewalt. Selbst wer heute angesichts der Kindlichkeit einer Frau wie Junie Black am liebsten durchdrehen möchte, dem wird nicht der Gefallen erwiesen, dass Junie zurechtgewiesen wird. Der Grund: Junie kann nichts dafür. Sie wurde auf dieses Verhalten per Tiefenhypnose und Medikamenten „programmiert“. Und wer würde einem Androiden einen Vorwurf über sein Verhalten machen? (Insofern verweist Junie auf die Androidin Rachel in „Blade Runner“ voraus.)

_Unterm Strich_

Ragle Gumms „echte“ Realität hat große Ähnlichkeit mit den realen Fünfzigern, der Eisenhower-Ära des Kalten Krieges und der Vorstadtidyllen. Die bedeutende Autorin Ursula K. Le Guin hält daher Dicks Buch für den „besten Roman über das Amerika der fünfziger Jahre, den ich je gelesen habe“. Dick als moderner Kafka des späten 20. Jahrhunderts? Mit jedem weiteren Jahr, das wir uns mit der Natur der „Matrix“ auseinandersetzen, erscheint uns Dicks Werk an Bedeutung zu wachsen.

Dieser leicht zu lesende Roman ist ein guter Einstieg in Dicks Science-Fiction-Welt. Manche Szenen fanden später vielseitige Verwendung: „Pleasantville“, „Truman Show“, das Ende der Autobahn in „The 13th Floor“, die endlose virtuelle Autobahn in Michael Marraks „Lord Gamma“ usw. Ein Ende ist nicht abzusehen.

_Michael Matzer_ ©2003ff

Philip K. Dick – Eine andere Welt

Dieser Parallelwelt-Thriller leitete Dicks dritte und letzte Schaffensperiode ein. Er brachte ihm nicht nur hohe Bekanntheit, sondern auch die Verfolgung durch die US-Behörden ein.

Jason Taverner gehört zur genetisch gezüchteten Elite der Gesellschaft um 1988: Der Sänger und Unterhaltungskünstler tritt jede Woche im Fernsehen auf, um ein Millionenpublikum mitzureißen. Bis ihm sein Betthäschen eines Tages einen tödlichen Alien-Schwamm auf die Brust setzt und er ohnmächtig ins Krankenhaus eingeliefert wird. Er erwacht in einer ungewohnten Umgebung: einem schäbigen Hotelzimmer, neben ihm ein Haufen Geldscheine, und kein Mensch scheint ihn mehr zu kennen, auch seine Freundin nicht.

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Philip K. Dick – Blade Runner

Dieser Roman ist die literarische Vorlage für Ridley Scotts kultigen Science-Fiction-Film „Blade Runner“ von 1982, in dem Harrison Ford einen seiner besten Auftritte hat, neben Rutger Hauer und Daryl Hannah. Dabei hieß der Roman ursprünglich ganz anders: „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Philip K. Dick, der von 1928 bis 1982 lebte, war einer der fruchtbarsten und inzwischen wichtigsten Science-Fiction-Autoren. Von ihm stammen u.a. die literarischen Vorlagen zu den Filmen „Minority Report“ (mit Tom Cruise), „Total Recall“ (mit A. Schwarzenegger), „Screamers“ (mit Paul „Robocop“ Weller) und „Impostor“ (der bei uns nie ins Kino kam, mit Gary „Das letzte Gefecht/The Stand“ Sinise).

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Marillier, Juliet – Kind der Stürme, Das (Sevenwaters 3)

Mit dem Band „Das Kind der Stürme“ schließt die neuseeländische Autorin Juliet Marillier ihre Sevenwaters-Trilogie ab. Nachdem in „Die Tochter der Wälder“ die junge Sorcha ihre Brüder aus der Gestalt der Schwäne erlöst und ihre Tochter Liadan in „Der Sohn der Schatten“ das Muster des Feenvolkes durchbrochen hat, erzählt der letzte Band nun die Geschichte des letzten Kampfes mit den Briten um die heiligen Inseln, diesmal aus der Sicht von Fainne.
Fainne ist in jeder Hinsicht ein besonderes Mädchen. Sie wächst allein mit ihrem Vater auf, an einem abgeschiedenen Ort vor der Küste von Kerry, genannt die Honigwabe: Ein Gewirr aus Höhlen, Klippen, Simsen und versteckten Stränden. Ein Ort, wo sich Himmel, Erde und Meer in vollkommener Harmonie berühren. Fainne hat keine Freunde unter den Kindern der dort lebenden Fischer. Sie ist anders. Nicht nur, weil sich seltsame Geschichten um ihre verstorbene Mutter ranken, von der man sagt, sie habe sich von den Klippen gestürzt. Nicht nur, weil sie einen verkrüppelten Fuß hat. Sondern vor allem, weil sie besondere Fähigkeiten hat, die ihr Vater mit Geduld und Behutsamkeit schult und ausbildet. Fainne ist eine Zauberin. Den einzigen Kontakt außer zu ihrem Vater hat sie zu Darragh, einem Jungen vom fahrenden Volk, das seine Sommer in der Nähe verbringt, um Ponys zu zähmen und zuzureiten, die dann auf dem Pferdemarkt verkauft werden. Fainne führt ein ruhiges, stilles Leben, geprägt vom Studium. Als ihr Vater ihr eines Tages eröffnet, sie müsste verreisen zu ihren Verwandten in Sevenwaters, ist sie sehr erstaunt. Aber er hält es für notwendig und überlässt sie deshalb für einige Monate der Obhut ihrer Großmutter. Die Großmutter ist eine grausame Lehrerin, und am Tag, als Fainne abreist, eröffnet sie ihr, dass Fainne eine Mission zu erfüllen hat, und zwar die, die sie ihr aufträgt: die Niederlage von Sevenwaters im Kampf gegen die Briten zu bewerktstelligen. Diese Mission gefällt Fainne nicht, aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat, denn ihre Großmutter hat gedroht, ihren Vater zu vernichten, sollte sie nicht gehorchen. Sie verlässt also ihr Zuhause und wird vom fahrenden Volk nach Sevenwaters gebracht. Mit jedem Tag, den sie dort verbringt und den Menschen näher kommt, wird ihr Gewissenskonflikt größer. Dann begegnet sie Eamonn von den Marschen, jenem Mann, der einst um Liadan warb. Er wird zum Schlüssel für ihre Aufgabe…

Fainnes Geschichte wird bereits im vorhergehenden Band angelegt, in dem Liadan ihre Schwester aus der Ehe mit einem grausamen Mann befreit. Alle glauben, dass Niamh von dort in ein Kloster ging, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte, aber Liadan weiß, dass das nicht stimmt. Niamh hat eine Tochter. Eine Tochter mit demselben rotgoldenen Haar wie ihre Mutter und den beerendunklen Augen ihres Vaters. Fainne ist ein schüchternes Mädchen. Der Trubel und die vielen Leute in Sevenwaters empfindet sie als anstrengend und belastend. Außerdem denkt sie, dass sie hässlich ist, weil ihr verkrüppelter Fuß sie linkisch und ungeschickt wirken lässt. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie schön ist. So schön wie ihre Mutter. Fainne liegt ständig im Kampf mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Und nicht nur das. Sie kämpft an allen Fronten. Ihre Großmutter hat ihr gesagt, dass sie nicht anders könne als böse zu sein, weil sie das Blut einer Zauberin hat, das Blut ihrer Großmutter. Ständig muss Fainne gegen das Gefühl ankämpfen, dass alles, was sie tut, egal in welcher Absicht, zu etwas Üblem wird. Zudem kämpft sie gegen das Misstrauen ihrer eigenen Familie. Conor weiß, dass sie eine Zauberin ist, und fürchtet, Lady Oonagh könnte sie geschickt haben, und auch Liadan traut Fainne nicht wirklich. Sie kämpft gegen Eamonns Ekel vor ihrer Abstammung, die nur noch von seinen Rachegelüsten gegen Liadans Mann übertroffen wird. Sie kämpft gegen ihren Jugendfreund Darragh, um ihn von sich fernzuhalten, denn sie weiß, in ihrer Nähe droht ihm Gefahr von ihrer Großmutter. Und sie kämpft auch gegen ihre Großmutter, denn irgendwann wird ihr klar, dass sie nicht tun kann, was die Alte von ihr verlangt. Das macht alles, was sie tut, zu einem gefährlichen Versteckspiel. – Der Kampf um die Inseln ist für Sevenwaters überlebenswichtig. Und jetzt, wo das Kind der Prophezeiung erwachsen und ein Anführer ist, wollen sie die Inseln ein für allemal zurückerobern. Das Kind der Prophezeiung sollte vom Blut der Briten und der Iren sein, beides und doch keins von beidem. Und es sollte das Zeichen des Raben tragen. Ohne dieses Kind können die Iren nicht gewinnen. Aber jetzt ist Liadans Sohn Johnny erwachsen, vom irischen Blut seiner Mutter und dem britischen Blut seines Vaters, und er trägt einen tätowierten Raben im Gesicht. Johnny wird den Angriff auf die Briten anführen. Sie müssen gewinnen. Und doch kommt es anders, als alle denken. Denn alles bisher Genannte war nur ein Teil der Prophezeiung. Und Prophezeiungen sind nie eindeutig, niemals einfach. Sie gehen verschlungene Wege, unerwartete. Und so ist es auch diesmal.

Der dritte Band der Trilogie führt nicht nur alle losen Enden zusammen, er beantwortet auch eine Menge Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum versucht Lady Oonagh so verbissen, Sevenwaters zu zerstören? Warum hatte das Feenvolk so sehr darauf bestanden, dass Johnny unbedingt im Wald von Sevenwaters aufwachsen müsse? Warum sind Fainnes Eltern nie nach Sevenwaters zurückgekehrt? Warum ist das Blut der Zauberer verflucht? Wie auch immer die Antworten lauten mögen: Es musste so sein. Neben der Prophezeiung spielt in diesem Band die Zauberei eine große Rolle. Nicht die sanfte Magie der Alten, wie sie Sorcha, Finbar und Liadan in sich trugen, sondern die Art von Zauberei, wie sie Lady Oonagh ausübte: Verwandlungen des Körpers, Verursachen von Schmerzen, die Herrschaft über den Willen anderer. Infolgedessen verliert die Geschichte etwas von dem geheimnisvollen Zauber, der noch über dem ersten Band lag, und obwohl diesmal die Alten, die schon vor dem Feenvolk in Erin lebten, in diesem Band verstärkt auftauchen, bleibt die mystische Gedankenwelt der Kelten bis zum Ende des Showdowns doch größtenteils im Hintergrund. Statt dessen tritt der Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Inneren der Hauptfigur, als auch in der äußeren Handlung, mehr in den Vordergrund, und mit ihm die Spannung. Der erste Band war gegen Ende schon durchaus spannend, obwohl ich bereits wusste, wie es ausgeht. Der zweite Band lebte weniger von Spannung als von Gefühl. Dagegen übertrifft der dritte Band den ersten an Spannung noch, zumal die Auflösung am Ende nicht unbedingt vorhersehbar war. Dabei verzichtet die Autorin fast völlig auf unnötig detaillierte Beschreibungen blutigen Schlachtengeschehens. Marilliers Spannungsaufbau ist ein allmählicher, aber kontinuierlicher, ebenso behutsam erzeugt wie alle anderen Stimmungen, und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger, als Schilderungen von Grausamkeiten es wären.

Es ist der Autorin also tatsächlich gelungen, auch den dritten Band ihrer Trilogie auf gleichem Niveau wie seine Vorgänger zu halten. Ihr Stil, ihre Art, die Charaktere zu zeichnen, sie in der Erzählung von Erinnerungen vorzustellen und damit ihre Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, ihre wunderbare Sprache, in der sie Stimmungen und Situationen beschreibt, lassen alle drei Bände zu einem echten Leseerlebnis werden. Sehr empfehlenswert!

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Marillier, Juliet – Sohn der Schatten, Der (Sevenwaters 2)

„Der Sohn der Schatten“ ist der mittlere Teil von Juliet Marilliers Sevenwater-Trilogie. Der erste Teil [„Die Tochter der Wälder“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=177 erzählt eine irische Version des Märchens „Die zwölf Schwäne“. Die Hauptfigur war hier die junge Sorcha, die unter Schweigen und vielen Schwierigkeiten versucht, ihre sechs Brüder zu erlösen. Im zweiten Band dreht sich die Geschichte hauptsächlich um ihre Tochter Liadan.

Die Geschichte beginnt an Imbolc, einem Feiertag im Frühling. Die Druiden sind aus dem Wald gekommen, um die Felder, die Geräte, die Tiere und das Saatgut zu segnen und die Herdfeuer neu zu entzünden. Danach wird gefeiert und getanzt. Liadans ältere Schwester Niamh steht im Mittelpunkt der jungen Leute, alle drehen sich nach ihr um, alle wollen mit ihr tanzen. Eigentlich geht die Familie davon aus, dass Niamh Eamonn von den Marschen heiraten wird, den Mann, dessen Großvater heute noch treuer Verbündeter von Sevenwaters ist, dessen Vater aber einst das Bündnis verraten hat. Niamh hält nicht viel von Eamonn, und Liadan ist nicht wenig überrascht, als er ihr selbst einen Heiratsantrag macht. Das Fest vergeht, aber Liadan hat bei aller Fröhlichkeit kein gutes Gefühl. Nur wenige Tage später beobachtet sie gegen ihren Willen ihre Schwester Niamh zusammen mit dem jungen Druiden, der ihrem Onkel und Erzdruiden Conor beim Anzünden der neuen Herdfeuer geholfen hatte. Obwohl sie nicht vorhat, ihre Schwester zu verraten, kommt die Geschichte heraus, denn ihr Zwillingsbruder Sean ist ihr im Geiste ebenso verbunden, wie Sorcha und Finbar es sind, sodass sie es ihm nicht verheimlichen kann. Hals über Kopf wird Niamh mit einem Anführer eines entfernten, aber mächtigen Clans verheiratet, von dem Sevenwaters sich Unterstützung im Kampf gegen die Briten erhofft. Niemand sagt ihr den Grund, warum sie den jungen Druiden nicht heiraten kann. Dieser verlässt Sevenwaters verbittert und zornig. Liadan begleitet ihre Schwester ein Stück auf ihrer Reise in ihr neues Heim, doch auf dem Rückweg wird sie gekidnappt. Eine Bande wilder Gestalten will, dass sie einem der ihren hilft, der sich den Arm zerquetscht hat. Als der Anführer der Horde zurückkehrt, ist er davon gar nicht begeistert, aber Liadan kann erreichen, dass er ihr wenigstens eine Chance gibt, es zu versuchen. Mit der Zeit kommt es, wie es kommen muss: Die beiden kommen sich näher. Trotzdem trennen sie sich, und Liadan kehrt nach Sevenwaters zurück. Mit einem Kind im Bauch. Eamonns Heiratsantrag lehnt sie ab. Als Niamh nach drei Monaten zum ersten Mal nach Sevenwaters zu Besuch kommt, ist Liadan entsetzt über deren Zustand. Sie spricht nicht, sie isst nicht, sie schläft kaum. Liadan kann erreichen, dass Niamhs Mann, der mit den anderen Verbündeten in den Süden zu Beratungen reiten will, seine Frau nicht mitnimmt. Statt dessen reiten Niamh und Liadan mit Aisling, Eamonns Schwester, nach Sidhe Dubh, dessen Festung in den Marschen. Liadan fühlt sich dort eingesperrt, nicht nur, weil sie nicht über die Wälle und Mauern sehen kann, sondern auch, weil sie die Festung nicht verlassen darf. Sie widmet sich ihrer Schwester und entdeckt, welch grausame Behandlung ihr Mann ihr angedeihen lässt. Sie verspricht Niamh, dass sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren muss, obwohl sie kaum weiß, wie sie dieses Versprechen halten soll. Da kommt ihr überraschend der Mann zu Hilfe, dessen Kind sie trägt…

Im ersten Band ging es dem Märchen entsprechend hauptsächlich um die Verzauberung der Brüder und ihre Erlösung. Im zweiten Band geht es in erster Linie um Liebe und Eifersucht, verletzte Eitelkeit und Hass. Liadan steht zwischen zwei Männern, dem Hauptmann der Gesetzlosen, die sie entführten, und Eamonn von den Marschen, einem Adligen und Verbündeten. Eigentlich ist ihr Eamonn nicht unsympatisch, trotzdem zögert sie, als er um ihre Hand bittet. Nachdem sie dem Hauptmann begegnet ist, kann sie nur noch ablehnen, auch wenn es ihr Leid tut, Eamonn verletzen zu müssen. Aber noch weiß sie nicht, wie sehr! Eamonn findet bald heraus, wer der Vater des Kindes ist. Er kennt ihn, denn der Hauptmann hat einige seiner Männer auf dem Gewissen. Er verachtet diesen Mann, weil er ein Söldner ist, käuflich für jeden und ohne Ehre und Gewissen, und er verabscheut ihn, denn seine Methoden sind heimlich und leise. Dass ausgerechnet dieser Mann ihm die Frau wegnimmt, die er bereits als die Seine sah, schürt seinen Hass bis zur Weißglut. Der Hauptmann dagegen verachtet Eamonn aus ziemlich den selben Gründen. Er hält ihn für den gleichen treulosen Verräter, wie sein Vater es war. Im Übrigen ist der Hauptmann ein Mann hinter einer Mauer, ein Mann mit einer finsteren, grausamen Vergangenheit, über die er nicht spricht, die ihn seinen Namen verschweigen lässt und ihn zu dem gemacht hat, als was er sich selbst bezeichnet: Abschaum. Liadan sieht das anders. Als Eamonn den Hauptmann und dessen besten Freund gefangen nimmt, um sich zu rächen, kämpft sie mit allen Mitteln um deren Leben. Liadan ist die Tochter ihrer Mutter, sie weiß, wie man kämpft. – Liadan kämpft aber nicht nur gegen Eamonn, sie kämpft auch gegen die Feenkönigin. Diejenige, die ihrer Mutter damals erklärte, wie sie ihre Brüder retten könnte, taucht auch diesmal wieder auf. Sie verlangt von Liadan, in Sevenwaters zu bleiben und ihren Sohn Johnny dort groß zu ziehen, denn ihm drohe Gefahr von Lady Oonagh, jener Zauberin, die einst ihre Onkel in Schwäne verwandelt hatte. Das Feenvolk hält Johnny für das Kind, das gemäß einer Prophezeiung dafür sorgen soll, dass Sevenwaters den Kampf gegen die Briten gewinnt. Für sie war der Vater des Kindes nur ein Werkzeug, er hat seinen Zweck erfüllt. Aber Liadan will den Hauptmann nicht aufgeben. Sie hört auch noch andere Stimmen, ältere, die Stimmen derer, die vor dem Feenvolk in Erin lebten. Vor allem will sie sich nicht vom Feenvolk benutzen lassen. Deren Arroganz fordert ihren Widerspruchsgeist heraus. Liadan ist entschlossen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Prophezeiungen sind ein beliebtes Stilmittel der Fantasy. Dass sie hier, in einer Geschichte aus einem Märchenrahmen, auftaucht, hat mich etwas verblüfft. Sie bleibt allerdings eher vage und im Hintergrund, aber ihre Erwähnung sorgt dafür, dass der Kampf der Iren gegen die Briten etwas mehr in den Vordergrund gerückt wird, als es im ersten Band der Fall war. Man erfährt, dass um drei Inseln gekämpft wird, die für die Feen und die Anhänger des alten Glaubens eine zentrale Rolle spielen. Ansonsten bleibt es bei den Elementen der Magie, die auch im ersten Band vorherrschend waren: die wortlose Verständigung im Geiste, das Heilen von Verletzungen der Seele durch Berührungen des Geistes, der Blick, Schutzzauber der Alten. In dieser Geschichte geraten sie etwas mehr in den Hintergrund, die Stimmung dieses Bandes ist nicht ganz so geheimnisvoll und magisch wie im ersten. Wie gesagt, es geht hauptsächlich um Zwischenmenschliches und um die Lösung des Geheimnisses, das den Hauptmann umgibt. Trotz des Themas „Frau zwischen zwei Männern“ gleitet die Geschichte nicht ins Triviale ab. Das ist der detaillierten und glaubwürdigen Charakterzeichnung zu verdanken, die auch den ersten Band bereits auszeichnete. Die Handlung kommt auch diesmal ohne das aus, was man üblicherweise als Action bezeichnet, ist aber in keiner Weise langweilig. Zu guter Letzt möchte ich nochmals die einfühlsame und poetische Sprache der Autorin hervorheben, durch die auch dieses Buch wieder sein einzigartiges Flair, seinen besonderen Zauber erhält. Selten habe ich eine Szene gelesen, die so anrührend und gleichzeitig so frei von Sentimentalität war, wie die, in der Sorcha stirbt.

Alles in allem kann ich sagen, ich bin ganz besonders positiv überrascht. Zum wirklich ersten Mal ist mir eine Autorin begegnet, die es geschafft hat, dass die Fortsetzung einer Geschichte deren hohes Niveau problemlos gehalten hat. Bleibt zu hoffen, dass das auch für den dritten Band „Das Kind der Stürme“ zutrifft.

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Eschbach, Andreas – Exponentialdrift

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Klonen) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Cyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt nahe Stuttgart.

Das Buch beinhaltet ein umfangreiches „Making-of“ und erzählt, wie es zustande kam.
Frank Schirrmacher, der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), bat Eschbach um eine Serie in Form eines Fortsetzungsroman, wie ihn Charles Dickens anno 1837 schrieb. Die Folgen sollten wöchentlich in der Sonntagsausgabe erscheinen. Diese Form ist insofern einzigartig, als weder Stephen King noch W. Hohlbein so etwas machten, als sie ihre Romane in sechs Folgen – je eine pro Monat – schrieben, noch die Autoren jener in Fortsetzungen abgedruckten Romane. Denn deren Bücher lagen bereits fix und fertig vor, bevor sie aufgeteilt wurden.
Eschbach schildert seine Schwierigkeiten mit dieser Form und wie er sie bewältigte. Er betrachtet diesen Roman daher als Experiment

Auf der Pflegestation einer deutschen Klinik erwacht ein Mann, der seit vier Jahren im Wachkoma gelegen hat. Die Welt und seine Frau Evelyn kennen ihn als Bernhard Abel, Programmierer. Doch die Welt um ihn herum kommt dem Mann seltsam verändert vor. In seinem Bewusstsein vermischen sich Erinnerungen Abels mit denen eines anderen Wesens. In ihm reden Stimmen durcheinander, die er zum Teil nicht versteht – so etwa das seltsame Wort „Exponentialdrift“. Und mit sich selbst, seiner angeblichen Abel-Identität, kann er sich am wenigsten identifizieren.

Evelyn Abel, die mittlerweile einen Liebhaber namens Wolfgang Lentz hat, möchte Bernhard, als sie ihn besucht, eigentlich nur ihm die Scheidung bitten. Sie hat allen Besitzstand wegen Abels Pflegekosten verloren und lebt in einer mickrigen Innenstadtwohnung. Doch als sie ihm gegenübersteht, nimmt er sie in die Arme und ist ein neuer Mensch. Allerdings ist sie überrascht, als er ihr gesteht, dass er denkt, er sei ein Außerirdischer, den es in den Körper eines Erdenmenschen verschlagen hat. Ist das eine Wahnvorstellung ähnlich der des Mathematikers Nash, dem Helden in dem Film „A Beautiful Mind“?

Dr. Röber jedenfalls, der Neurologe, der Abel behandelt, ist fasziniert. Bis er von einem Mann besucht wird, der sich auffallend für Abel interessiert und den Röber vor Jahren einmal gesehen hat: ein Armin Pallens – ebenfalls ein Patient, der aus dem Wachkoma erwachte, vor elf Jahren. Und elf Jahre davor gab es noch einen Fall. Röber kommt einer Verschwörung auf die Spur: Sind die Außerirdischen bereits unter uns?

Bernhard Abel ebenfalls. Denn er und Wolfgang Lentz, Evelyns neuer Freund, sind ehemalige Kollegen in einer Softwarefirma, die Steuerungsprogramme für Radioteleskope in aller Welt liefert. Und Lentz ist einer von vier Freunden, die der Erde mit Hilfe dieser Radioteleskope eine ganz besondere Überraschung bereiten wollen. Mit einer guten Absicht. Natürlich.

Die rund 200 Seiten des Romans sind binnen weniger Stunden verschlungen, so spannend ist die sich herausschälende Story um zwei konkurrierende Verschwörungen. Dass jedem Kapitel ein paar aktuelle Nachrichtenmeldungen aus den Jahren 2001 und 2002 vorangestellt sind, spart weiteren Lesestoff ein. Es waren ja turbulente Zeiten, mit dem 11. September, Afghanistankrieg und so weiter.

Auch die 42 Folgen selbst bieten einiges an Rätseln, und Cliffhanger-Schlüsse zwingen praktisch zum Weiterblättern. Zwischendurch verschwinden Figuren und andere tauchen ganz unvermittelt auf, aber dies liegt in der Natur der Form des aktuell ausgerichteten Fortsetzungsromans begründet – siehe das Making-of. Von einem idealen Roman kann man hier jedenfalls nicht sprechen: Es ist und bleibt ein Experiment.

Zwischendurch fielen Eschbach ein paar witzige Szenen und Glanzlichter ein, so etwa die reichlich abgehoben wirkenden Science-Fiction-Fans in Dortmund oder der verzweifelnde Programmierer, dem Sonderzeichen in Passwörtern offenbar eine unvorstellbare Entweihung des Hacker-Kodexes sind.

Der Begriff „Exponentialdrift“ ist eine Erfindung Eschbachs, das gibt er zu. Es hat absichtliche Anklänge an die Wegenersche Kontinentaldrift der Landschollen, also etwas Unaufhaltsames und Unbeeinflussbares. Übertragen wird diese Eigenschaft auf die Ausbreitung des Menschen über das gesamte Universum. Laut Berechnung, die im Making-of-Teil grafisch dargestellt ist, würde die Menschheit, angefangen ab 2010, bis zum Jahr 3225 die gesamte heimische Milchstraße besiedeln und bis 4395 das gesamte bekannte Universum mit seinen 100 Mrd. Galaxien. Dieses Wachstum ist also exponentiell.

Nun ist natürlich die Frage berechtigt, ob diese Expansion dem Rest des Universums gefallen würde. Angesichts der Tatsache, dass der Mensch auf der Erde schon hunderttausende von Tier- und Pflanzenarten ausgerottet hat, wohl eher nicht. Entsprechend seiner Natur wird er mit dem Rest des Universums ebenso verfahren. Die Konsequenzen, die sich daraus für die Außerirdischen ergeben, sind ebenso offensichtlich wie zwingend. (Mehr darf ich hier nicht verraten, sonst ist die Pointe weg.)

Dies ist, obwohl ein Experiment, ein idealer Unterhaltungsroman für gebildete Leser – „dahinter steckt ein kluger Kopf“ könnte auf dem Buchdeckel stehen. Der Autor greift in seiner Story aktuelle, wenn nicht sogar jeweils tagesaktuelle Ereignisse auf (Fußball-WM) und versteht diese nutzbringend einzubauen.

Das Buch ist in wenigen Stunden gelesen. Dennoch kann man etwas nach Hause nehmen: Die Erkenntnis, wie eigenartig die Spezies Mensch auf ihrem Raumschiff Erde ist, welches mit 1600 km/h zum Sternbild Herkules rast. Und dass diese Eigenart dem Rest des Universums ganz schön Angst einjagen könnte. Herrje, sie jagt sogar uns selbst Angst ein, wie die grausigen Nachrichtenschnipsel belegen (11. September, Flugzeugunglücke, Chemieskandale, Asteroiden-Beinahetreffer usw.).

All dies führt hoffentlich dazu, dass der Leser die Vorgänge auf dieser Welt von einer höheren Warte aus betrachtet und entsprechend nachdenkt. Er kann sich ja trotzdem vom Buch unterhalten lassen. Es sind diese zwei Aspekte, die Schirrmacher veranlassten, Eschbach mit dem Romanprojekt für die Sonntagsausgabe der FAZ zu betrauen.

Homepage des Autors: http://www.andreaseschbach.de/

_Michael Matzer_ (c) 2003ff