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le Carré, John – Absolute Freunde

Können Spione Freunde sein? Richtige, echte, „absolute“ Freunde? Wenn ihr Geschäft doch in Verrat und Lüge besteht? John le Carré, der Fachmann für die Innenwelt der Geheimdienste, demonstriert in seinem Roman, dass es so etwas geben könnte, aber dass auch ein Haken dabei ist.

_Der Autor_

John le Carré, Pseudonym für David John Moore Cornwell, geboren 1931, war nach seinem Studium in Bern und Oxford in den sechziger Jahren in diplomatischen Diensten unter anderem in Bonn und Hamburg tätig. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall.

Mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ sowie seinen Agentenromanen um Geheimdienstchef Smiley schrieb er einen Bestseller nach dem anderen. „Die Libelle“ („The Little Drummer Girl“) wurde mit Diane Keaton als Terroristin und mit Klaus Kinski als Israeli verfilmt, aber der Roman selbst ist meiner Meinung nach wesentlich spannender. Das Gleiche gilt für „Der Schneider von Panama“ mit Geoffrey Rush in der Titelrolle neben Pierce Brosnan und Jamie Lee Curtis.

„Absolute Freunde“ ist John le Carrés neunzehnter, nach anderen Quellen einundzwanzigster Roman. Davor erschienen „Der ewige Gärtner“ (auch als Hörbuch bei |Ullstein|) sowie „Single & Single“. Er spricht das Original-Hörbuch selbst, und Passagen daraus sind auch in die deutsche Ausgabe eingeflochten.

_Der Sprecher_

Achim Höppner arbeitete in München als Regisseur, Dramaturg und Schauspieler. Zur Zeit sei er vorwiegend „Reisender in mehr oder weniger feinen Tonwaren“ für „Film, Funk und Fernsehen“, gibt er im Booklet an. Als Ausgleich und lustvolle Ergänzung: Arbeit vor Publikum. Konkret: szenische Lesungen und Leseprogramme. Seine Stimme ist ziemlich tief und rau.

_Handlung_

Edward Mundy ist der eigentliche „Held“ dieser kuriosen Geschichte. Als wir zuerst seine Bekanntschaft machen, also etwa 2003, arbeitet er als Fremdenführer auf Schloss Linderhof und hängt den spleenigen Engländer raus – inklusive |bowler hat|. Er ist ganz zufrieden mit dem Job, hat sogar einen Kellerraum im Schloss als Refugium. Bis ihm jemand einen kleingefalteten Zettel in die Hand steckt und ihn seine Vergangenheit einholt: Sascha, sein langjähriger Freund seit über 30 Jahren, der nach dem Mauerfall verschwunden war, ist zurückgekehrt. Und das verheißt Ärger.

Der Mauerfall 1989 bedeutete das Ende des Kalten Krieges. Und das wiederum bedeutete für eine Menge Leute gewaltige Veränderungen: Das politisch-militärische Koordinatensystem änderte sich. Agenten wurden über Nacht arbeitslos. Agenten wie Ted Mundy und Sascha, das Hinkebein.

Bevor wir erfahren, wie es mit den beiden an diesem schicksalhaften Tag weitergeht, müssen wir nach Ansicht des Autors sehr viel mehr über sie erfahren. Und so besteht der Löwenanteil des Romans aus ihrer Lebensgeschichte.

Ted Mundy wurde ca. 1949 in Pakistan geboren, das zu dieser Zeit noch britische Kronkolonie war. Sein Vater ist britischer Kolonialoffizier, doch seine Mutter ist keineswegs Lady Stanhope, wie so mancher glauben möchte, sondern das irische Kindermädchen Nellie O’Connor. Nachdem Indien und Pakistan 1949 ihre Unabhängigkeit erhalten bzw. erkämpft hatten, kehrte Major Arthur ohne Nellie, aber mit Teddy zurück nach England, ins langweilige Weybridge. Ted lernt von einem geflohenen jüdischen Kommunisten Deutsch. Er beginnt Sprachstudien in Oxford und wird von einer Ungarin, Ilse, entjungfert. Nach seines Vaters Tod sucht er seine Mutter: Doch sie starb in Lahore, zusammen mit Teds Zwillingschwesterchen Rose. Sonst hat ihm Paps nichts hinterlassen.

Ilse zieht es nach Berlin, und Ted zieht mit. Es ist das Jahr 1968/69 und Berlin brodelt: Die Studentenunruhen werden von revolutionären Studentenzellen geschürt. Ilse vermittelt Ted an Sascha, einen Zellenleiter, der klein und hinkebeinig daherkommt. An Weihnachten, nach Ilses Abreise, können beide innige Freundschaft schließen. Bei Aktionen und einer Polizeirazzia rettet Ted seinem Freund Leib und Leben, muss aber schwer dafür büßen. Irrtümlich halten die Bullen ihn für den Rädelsführer und schlagen ihn zusammen.

Im Knast macht Ted erstmals Bekanntschaft mit der britischen Botschaft und einem gewissen Mr. Nick Emory, der ihn bis zum Schluss „unauffällig“ begleiten wird. Auch Sascha erscheint, lustiger- oder listigerweise als Arzt verkleidet. Ted wird deportiert, schreibt aber viele Briefe nach Berlin. Während Sascha die gescheiterte Revolution beklagt, ist Judith, Teds Kommunenfreundin, nach Beirut zu den Palästinensern gegangen.

Einer Zeit des ziellosen Umherreisens folgt die Arbeit für die britische Kulturstiftung „British Council“. Hier macht Ted sowohl Karriere als auch Propaganda. Und da man Shakespeare auch im Ostblock aufführen kann, gelangt er nach Prag, Warschau und Berlin. (Herrliche Zeile: „Ophelia ist schwanger, wahrscheinlich [!] von Shylock.“) Dort schmuggelt er einen jungen Polen in den Westsektor, wo dem rührigen Ted wieder einmal Mr. Emory aus der Patsche helfen muss.

Und so kommt es, dass die Briten Ted Mundy als Spion anwerben – wo Ted doch jetzt schon Kontakte im Osten hat. Es entsteht „Mundy Nr. 1“: der Gewinner. Das ist aber nicht gut für die Tarnung, und so kreieren die Briten „Mundy Nr. 2“, den Verlierer. Da kann man schon mal durcheinanderkommen.

In Merry Old England hat Ted die stellvertretende Rektorin Kate kennengelernt, die inzwischen ein Kind von ihm erwartet: Jake. Heirat und Beförderung steht nichts mehr im Wege, aber auch nicht der Agententätigkeit. In Prag trifft Ted wieder einmal Sascha. Der arbeitet jetzt als Doppelagent für die Staatssicherheit der DDR und für die Alliierten. „In Westberlin waren wir Partisanen, aber in diesem Kleinbürger-Kindergarten hier sind wir Kriminelle“. Ted tut so, als ließe er sich von Sascha für die Stasi anwerben und liefert den Ossis eine Menge Falschinformationen. Umgekehrt will Sascha für den britischen Geheimdienst arbeiten, geführt nur von Ted.

Acht Jahre später geht Ted im „sicheren Haus“ des britischen Geheimdienstes ein und aus. Er ist hoch angesehen: „Alpha Doppelplus, baby!“ Er soll mit dem CIA-Agenten Jay Rourke zusammenarbeiten, doch dies dient nur seiner Überprüfung. Es ist ein wenig beunruhigend, was man bei der CIA alles über Ted Mundy weiß. Ist das jetzt „Mundy Nr. 3“?

Bis zur Perestroika wird’s nochmal recht abenteuerlich: geheime Grenzübertritte, bis die Mauer fällt. Sascha sorgt sich: „Bloß kein Viertes Reich!“ Nach dem Tod von Saschas Vater, dem alten Wendehals, trifft man sich in Bad Godesberg. Der abgemagerte Sascha ist ein gespenstischer Anblick. Die Stasi hat ihm nichts zum Beißen hinterlassen, wie es scheint.

Die Gegenwart, 2003. Die USA marschieren zum zweiten Mal im Irak ein und machen diesmal Bagdad wirklich platt. Nach dem ersten Kontakt auf Schloss Linderhof umarmen Ted und Sascha einander, zwei alte Kampfgefährten, beide schon über sechzig.

Sascha hat eine Einladung im Gepäck: Ted soll seinen neuen Guru kennen lernen, Mr. Dimitri. Auf einem verdrahteten Berghof jenseits der bayerischen Grenze kommt es zu einem Geheimtreffen. Mr. Dimitri will ein internationales Netz von Sprachschulen, wie Ted eine in Heidelberg hat, aufziehen: „Gegen-Universitäten“. Was ist darunter zu verstehen? Steckt nicht etwas anderes dahinter als Wissenseifer?

Ted tut gut daran, vorsichtig auf das verlockende Angebot von einer halben Million Dollar zu reagieren. Er hat in München eine Lebensgefährtin, die Türkin Sara, und ihren Sohn Mustafa, den er liebt. Würde dieses Projekt sie gefährden? Als sowohl Jay Rourke, der Amerikaner, als auch der Brite Nick Emory auftauchen, ahnt Ted Mundy, dass es mächtig Ärger geben wird.

_Über Spannungsbögen_

Obwohl die Geschichte recht unterhaltsam und mitunter amüsant bis dramatisch ist, so leidet sie doch ein wenig unter dem gewaltigen Spannungsbogen, den der Autor zwischen Anfang und Abschluss der Gegenwartshandlung aufbaut. Alles dazwischen ist Rückblick und somit weiter hergeholt, quasi eine vorbereitende Erläuterung zu dem, was nun folgen soll. Man muss den Spannungsbogen akzeptieren und sich in Geduld üben, hoffend, dass die Erwartung eingelöst wird. Das wird sie, und das ist der einzige Grund, warum die Lektüre am Schluss so befriedigend ausfällt. Das Zwischenstück alleine reicht dazu leider nicht aus, denn es handelt sich um relativ spannungsarme Episoden.

Deshalb habe ich in der Mitte des Hörbuchs, also nach drei CDs, erst einmal eine längere Pause von ein paar Tagen eingelegt. Das sollte man aber nur tun, wenn man sich, wie ich es zu tun pflege, Notizen zur Handlung gemacht hat. Dann ist man schnell wieder auf dem Laufenden.

_Berliner Kuriosa_

Das soll aber nicht heißen, dass diese Episoden uninteressant oder gar langweilig wären. Gerade die Berlin-Kapitel gehören zum Anschaulichsten, das in diesem Roman zu finden ist. Das Leben in Saschas Kommune ist auch für die aktuelle Generation sehr kurios: Männlein und Weiblein wechseln die Sexualpartner wie andere das Hemd: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ lautet der entsprechende Spruch. Und so ist es recht verwunderlich, dass es Ted gelingt, Judith länger an sich zu binden. Klingt ja geradezu romantisch. Aber es wundert ihn auch nicht besonders, als Sascha nach Teds Abschiebung Judith sozusagen „erbt“ und sie „vollständig befreit“. Hier mischen sich Ironie und Emotion zu einer ganz besonderen Stimmung, die jeden le-Carré-Roman zu etwas Besonderem und Einzigartigem macht.

Ebenso kurios muten uns heute die nächtlichen Aktionen der Kommunarden an. So etwa nimmt Judith Teddy mit auf einer Radtour, um an bestimmten Ex-Nazi-Gebäuden Parolen anzubringen, die das „Establishment“ anprangern. Einer der Gruppe muss natürlich nach den Bullen Ausschau halten. Nach deren Auftauchen verduften alle, so schnell sie können. Höhepunkt dieser Aktionen und Demos ist das prügelnde Eingreifen der Bullen, die es auf Sascha abgesehen haben, aber nur Ted erwischen. Den Rest habe ich oben erzählt. Diese Szene hätte auch wie bei Benno Ohnesorg ausgehen können, der von einem Polizisten getötet wurde.

_Schein- und Doppel(plus)-Leben_

Teds Aufstieg zum „Alpha-Doppelplus“-Doppelagenten für Mitteleuropa hätte er sich wohl nicht träumen lassen. In dieser Hinsicht lässt le Carré wieder mal tiefe Ironie spüren: Denn welche Art von (Schein-)Leben ist denn dieses Alpha-Doppelplus-Leben? Eine Leben, von dem Teds Frau nichts wissen darf und die Öffentlichkeit schon gleich gar nicht. Nur eine verborgene Kaste weiß diese Auszeichnung zu würdigen. Und nur dieser Agentengemeinde schuldet Ted Gehorsam und Dienstbarkeit.

Deshalb gibt es beim Wegfall ihrer Existenzberechtigung ein böses Erwachen. Der Kalte Krieg ist futsch, die Fronten auch, und der Gegner wird unsichtbar, diffus, mafiös. Ted versucht sich als Privatier, gründet eine zweite Familie, doch auch diesmal holt ihn seine Vergangenheit ein, in Gestalt seines Rumpelstilzchen-Freundes Sascha („Ach, wie gut, dass niemand weiß…“). Und da sich die Frontlinien bis zur Unkenntlichkeit verschoben haben, tappt Ted in die Falle. Mehr sei nicht verraten.

_Verhängnis: Die Rolle der Freundschaft_

Das Panorama der Jahrhunderthälfte lässt uns in Ted Mundy vielleicht einen Überlebenskünstler à la Simplicissimus oder Soldat Schwejk erkennen. Zumindest beschreibt der Autor seinen „Helden“ stets mit neutraler, aber spürbarer Sympathie. Doch der Survivor-Typ à la Rambo träfe nicht den Kern der Figur: Er ist ein Opportunist, der sich in einer Schattenwelt durchlaviert und versucht, eine Art Ich-Bewusstsein zu bewahren, sozusagen Mundy Nr. Null. Nur in dieser Eigenschaft kann er die Freundschaft zu Sascha bewahren, dem dieses Bemühen ebenso schwerfällt. Mundy erkennt zu spät, dass Sascha seinen Kampf verloren hat und sich auf eine neue Art Rattenfänger eingelassen hat. Die Freundschaft ist Mundy zu wertvoll, um sich rechtzeitig von Sascha abzusetzen. Doch mitgefangen, mitgehangen…

_Beißender Sarkasmus_

Der Epilog nach dem schrecklichen Finale ist in seiner Ironie kaum zu überbieten. Es ist schon purer beißender Sarkasmus, den le Carré hier anklingen lässt. Und die Ähnlichkeit mit jenem Heidelberger Ehepaar, das die nahe US-Fliegerbasis ausspähte, ist unübersehbar. Was ist aus dem Pärchen geworden? Keiner weiß es, weil es keinen interessiert.

Doch die Folgen sind auf höchster politischer Ebene durchaus spür- und nachvollziehbar. Kanzler und Innenminister wurden Terroristenjäger, wenn nicht schon nach dem 11. September, so spätestens nach Heidelberg. Hier klingt die Warnung an, die der Autor ausspricht: Verblendung – auf allen Seiten – kann viele Ursachen und verhängnisvolle Folgen haben.

_Der Sprecher _

Passagen aus dem Original-Hörbuch sind in die deutsche Ausgabe eingefügt worden, so dass der verblüffte Zuhörer sich am Anfang des Hörbuchs in der falschen Ausgabe wähnt: Da ertönt Marschmusik und dann le Carrés Stimme. Erst nach ein paar Sekunden wird das Rätsel, die Verwirrung gelöst, als Höppners Stimme allmählich hörbar wird, als käme sie aus dem Hintergrund.

Achim Höppner hat eine tiefe, sonore Stimme ähnlich Joachim Kerzel, Frank Glaubrecht oder Dietmar Mues. Das sind sowieso die besten Stimmen für Stoffe, in denen männliche Figuren die Hauptrolle spielen. Auch in „Absolute Freunde“ kommen Frauen kaum jemals zu Wort. Und wenn, dann meist in spannenden erotischen Situationen, so etwa Ilse und Judith in Berlin.

Höppner liest häufig mit dem gewissen ironischen Unterton, der durch Pausen und Verzögerungen bestimmten Formulierungen und Dialogen etwas Befremdendes verleiht, so als seien sie völlig anders gemeint als gesagt. Und das ist auch gut so, denn in der Spionagewelt ist nichts so, wie es scheint, aber vieles möchte so erscheinen, als sei es echt, authentisch oder gar – Gott behüte – herzlich gemeint.

Le Carrés Zitate tauchen stets dann auf, wenn es gilt, einen bestimmten Sprecher genau zu charakterisieren. Dies erfolgt über den Akzent. Dieser ist ganz unterschiedlich, je nachdem, ob ein britischer Major, ein pakistanischer Dorfältester oder ein besoffener englischer Anwalt redet. Man kann das auch humorvoll auffassen.

_Musik_

Das sind schon Instrumente, die man nicht jeden Tag hört: ein Hackbrett (keine Zither!), eine Sitar und ein merkwürdiges Akkordeon oder Bandoneon, das rasend schnell gespielt wird. Die Sitar evoziert Erinnerungen an Ted Mundys Geburtsort Lahore. Und da er neben seiner Mutter dort begraben sein möchte, ist die Sitar das Letzte, was man auf dem Hörbuch hört. Ein würdiger Abschluss.

_Unterm Strich_

Man sollte schon etwas übrighaben für Agenten und ihre ganz spezielle Welt. Noch besser wäre es, wenn man John le Carré mag. Ich kenne lediglich „Die Libelle“ und „Der Schneider von Panama“, habe keinen einzigen Smiley-Roman gelesen. Dennoch bleibt Ted Mundy, der Held des neuesten Romans, mir deutlich in Erinnerung als eine Figur, die es durch 50 Jahre der Veränderung geschafft hat zu überleben, ohne die eigene Identität zu verlieren – und dem schließlich die wichtigste Beziehung im Leben, die Freundschaft zu einem Agentenkollegen, zum Verhängnis wird. Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Bei aller Ironie, die der Autor einsetzt, um den Leser zu unterhalten, bedeutet diese Tragik dann doch zugleich eine Warnung an die Gegenwart (siehe oben).

Das Hörbuch ist ungewöhnlich aufgebaut, nicht nur durch die Musikeinlagen, sondern vor allem durch die Passagen, die der Autor selbst liest. Der Sprecher Achim Höppner lässt keine Wünsche offen. Das Einzige, was man sich von der Geschichte wünschen würde, sind mehr Spannung und Action. Aber dafür gibt es Autoren, die das leichter und schneller liefern als John le Carré.

Umfang: 448 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2004ff

Baldacci, David – Verschwörung, Die

Unter der Oberfläche von Washington, D.C., in einem Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges, trifft sich eine Gruppe von Männern, um eine junge Frau zum Tode zu verurteilen. Das Opfer ist Faith Lockhart, eine brillante junge Lobbyistin. Sie hat ein unverzeihliches Verbrechen begangen. Sie weiß zu viel und sie will nicht mehr schweigen.

_Der Autor_

David Baldacci ist der Verfasser u.a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Wahrheit“, „Das Versprechen“, „Im Bruchteil der Sekunde“ (September 2004).

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, geboren 1964, hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen, ebenso „das Mädchen“ von Stephen King, „Die Kinder von Eden“ von Ken Follett, diverses von Patricia D. Cornwell und einige Dutzend anderer Produktionen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Später war sie Moderatorin und Sprecherin bei SAT.1, n-tv, SFB, Deutsche Welle TV und bei der BBC.
Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

CIA-Direktor Robert Thornhill ordnet die Ermordung von drei Menschen an: Faith Lockhart (36), eine Kronzeugin; Daniel Buchanan, ihr Chef, ein Anwalt und Lobbyist für die Dritte Welt; sowie Ken Newman, FBI. Der Grund: Dan Buchanan wurde vom CIA erpresst, Politiker auszuhorchen, natürlich vor allem solche aus der Dritten Welt, aber auch US-Senatoren. Und als Buchanans Ziehtochter, Faith, das herausfand, ging sie zum FBI, um auszupacken und Dan zu retten. Sie weiß zu viel und muss zum Schweigen gebracht werden.

Leonid Serov, ein Killer, der einmal dem aufgelösten KGB angehörte, hat bereits den Auftrag erhalten. Als Faith Lockhart sich mit dem FBI-Agenten Newman in einer einsam gelegenen Waldhütte trifft, wartet Serov bereits mit einem Präzisionsgewehr auf die beiden. Da taucht ein dritter Mann aus dem Hintergrund auf: Lee Adams, ein Einbrecher und Privatdetektiv. Er hat das präparierte Haus bereits durchsucht und als Falle erkannt.

Kann Adams Lockhart und Newman vor dem Killer retten?

Die FBI-Agenten Brooke Reynolds und Fred Massey sowie Newmans Freund Howard „Connie“ Constantinople nehmen sich ebenfalls der mysteriösen Angelegenheit an. Es wird ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem machtgierigen CIA-Boss und dem FBI, das seine Agenten in der Schusslinie sieht. Faith Lockhart und Lee Adams versuchen, zwischen diesen Fronten nicht unter die Räder zu geraten und außerdem der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Doch jemand muss Lockhart und Newman an die CIA verraten haben. Jemand beim FBI.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal gelingt es David Baldacci, eine spannende Handlung zu stricken, bei der es einer rechtschaffenen Frau nur mit Hilfe ebenso rechtschaffener Männer gelingt, zu überleben und ihr – natürlich ebenso rechtschaffenes – Ziel zu erreichen, das dem Wohl von Recht und Gesetz dient.

Der Schurke im Stück wird diesmal nicht vom Präsidenten dargestellt wie in „Absolute Power“, sondern von einem fast ebenso mächtigen Burschen: dem Boss der CIA. „Central Intelligence“ – das klingt wie ein Widerspruch in sich, aber „intelligence“ hat in der Verwaltung und im Militär nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit Feindaufklärung. Thornhill hat drei Feinde deklariert, der CIA-Apparat wird in Marsch gesetzt. Es ist selten, dass ein Autor die Geheimdienste angreift, aber in den USA durfte man das zumindest bis vor kurzem: vor dem 11. September 2001 und dem Patriot Act.

Wie in jedem ordentlichen Katz-und-Maus-Spiel müssen sich die Gejagten – Lockhart und Adams – aller verfügbaren Überlebenstechniken bedienen, um durchzukommen. Verkleidung und Flucht in letzter Sekunde sind an der Tagesordnung. Weitaus kniffliger erweist es sich, die Drahtzieher und Verräter auszumachen sowie sie per Beweis dingfest zu machen. Das ist der Grund, warum nur die wenigsten Szenen so anschaulich sind wie der anfängliche Hinterhalt an der Waldhütte. Der Zuhörer muss stets aufmerksam das Geschehen und die Dialoge verfolgen – das ist in allen Baldaccis so.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla ist definitiv die beste Sprecherin für Figuren wie Faith Lockhart. Sie gibt ihnen eine spezifische weibliche Note. Doch auch beim Darstellen der männlichen Figuren weiß sie mit ihren tiefen, dunklen Stimme entsprechende Nuancen wiederzugeben.

_Unterm Strich_

„Die Verschwörung“ fesselt den Zuhörer mit spannenden Szenen (besonders am Anfang), einer atemlosen Jagd, halbwegs glaubwürdigen Begründungen auf Seiten der Guten und der weniger Guten (CIA) und einem ordentlichen Showdown. Gelegentlich blitzt sogar so etwas wie Humor auf, so etwa, als der listenreiche Adams seinen Hund und seine Nachbarin für seine Zwecke einspannt, um das FBI bzw. die CIA abzulenken.

Dennoch darf man von einem Baldacci keinen allzu großen Tiefgang erwarten. Die Handlung wirkt dann doch zu konstruiert. Eine Charakterisierung bleibt stets relativ oberflächlich, Figuren verändern sich im Laufe der Handlung kaum – sie agieren wie Schachfiguren, gelenkt vom Willen des Autors, nicht etwa aus sich selbst heraus. Die Kürzung, die für ein Hörbuch meist notwendig ist, tut ein Übriges. Das heißt aber nicht, dass sich der Zuhörer nicht zufriedenstellend von solch einem Hörbuch unterhalten lassen kann. Besonders auf langen Reisen, etwa im Zug oder dem Flieger, bietet sich spannende Unterhaltungskost geradezu an, um die Zeit zu vertreiben. (Und man kann später darüber schreiben.)

Umfang: 355 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Marklund, Liza – Prime Time

Die bekannteste Fernsehmoderatorin Schwedens wird erschossen in ihrem Sende-Übertragungswagen aufgefunden. Der Kreis der Tatverdächtigen ist groß: fast alle Teilnehmer ihrer letzten Talkshow. Die Stockholmer Journalistin Annika Bengtzon ermittelt in der Medienszene und stößt in ein Schlangennest, in dem keiner dem anderen etwas gönnt.

_Die Autorin_

Liza Marklund, geboren 1963, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. Marklund lebt in Stockholm. (Verlagsinfo)

_Die Sprecherin_

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u.a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Studio 6“ und „Paradies“ gelesen.

Winter liest die von Gisela Mathiak gekürzte Fassung.

_Handlung_

Annika Bengtzon ist Journalistin bei der Stockholmer Boulevardzeitung „Abendblatt“. Sie will gerade mit Lebensgefährte Thomas und ihren zwei Kindern Ellen und Kalle in einen Kurzurlaub zu Thomas‘ Eltern auf dem Land aufbrechen, als ihr Chef anruft. Da sie Bereitschaftsdienst hat, muss sie seinem Ruf folgen, so Leid es ihr auch tut. Thomas droht: „Das werd‘ ich dir nie verzeihn.“ Sie geht dennoch, denn an diesem Wochenende ist kein anderer Reporter verfügbar. Vielmehr ist der Kollege Karl Wennagren selbst unakömmlich – am Tatort.

Der Grund für den dringenden Einsatz draußen an der Küste ist der Mord an Schwedens erfolgreichster Fernsehmoderatorin Michelle Carlsson. Dort hatte sie auf Schloss Ixterholm einige Sendungen für die Reihen „Sommerschloss“ und „Frauen-Couch“ aufgenommen und drehte parallel dazu einen Dokumentarfilm über sich selbst. Als Annika eintrifft, sind die Medien schon da, können aber nicht in das Schloss, weil die Polizei unter Kommissar Kuh alles abgesperrt hat.

Von ihrer Freundin Anne Snaphane, die sich im Schloss befindet, erfährt Annika, dass der Kommissar rund ein Dutzend Leute festhalten lässt, die als Zeugen angesehen werden. Sie und andere, die schon abgereist sind, waren in der vorhergegangenen Mordnacht im Schloss, als nach der letzten Sendung Radau und Streit ausbrachen. Michelle und ein Rockstar hatten danach in einem abgelegenen Kämmerchen Sex miteinander.

Eine „Neonazi-Tante“, Hannah Persson, hatte die Tatwaffe, einen Revolver, mit in die Sendung gebracht und damit gegenüber den feministischen Anarchistinnen angegeben, die natürlich sofort mit Prügel drohten. Annika erkennt schnell, dass praktisch jeder der zwölf verbliebenen Zeugen ein Motiv hatte, Michelle umzubringen. Folglich muss sie versuchen, mit jedem zu sprechen, um den Täter, den die Polizei nicht findet, aufzuspüren.

Fotos, die Annikas Kollege Karl Wennagren gemacht hat, und eine klammheimlich mitgeschnittene Tonaufnahme aus dem Übertragungswagen, wo man die Leiche fand, spielen eine entscheidende Rolle beim Aufspüren des Täters.

Während ihrer Ermittlungen spitzt sich Annikas Beziehungskrise mit Thomas zu. Doch er muss erst einmal lernen, mit den hohen Ansprüchen seiner Mutter fertig zu werden und innerlich von seiner Exfrau Eleonor, einer Bankdirektorin, Abschied zu nehmen. Zudem befürchtet er, demnächst arbeitslos zu werden, was ja bekanntlich nie gut fürs männliche Ego ist, und muss auch den Haushalt managen.

In diesem Szenengeflecht fällt es kaum auf, dass sich Annika von ihrem Redaktionschef Schümann dazu benutzen lässt, den unfähigen Chefredakteur und Herausgeber des „Abendblatts“, Torstensen, mit einer raffinierten Intrige auszubooten. Ob sie damit den Untergang ihres Blattes abwenden kann?

_Mein Eindruck_

In einer großen deutschen Tageszeitung war ein Porträt von Liza Marklund zu lesen. Darin bekennt sie, dass „Prime Time“ geschrieben wurde, als die Autorin unter dem Einfluss der Ereignisse nach der Ermordung der beliebten schwedischen Ministerin Anna Lindh stand, die sie selbst gut gekannt hatte. Zunächst wollte die Polizei, die unter dem Fahndungsdruck der Medien arbeitete, einen anderen als den wahren Mörder verhaften, musste ihn aber wieder laufen lassen, als die Verdachtsmomente nicht ausreichten.

In „Prime Time“ stellt die ehemalige Reporterin die Fähigkeit der Medien in Frage, überhaupt konstruktiv zur Ermittlung von Tatverdächtigen fähig zu sein. Sie stellt sogar in Frage, dass es ihnen überhaupt um die Wahrheit, um den wahren Täter gehe. Ob ihnen nicht die Quote, die Verkaufszahlen viel wichtiger seien. Und ob es nicht einige unfähige und korrupte Leute zu viel in den Reihen der Medien gebe. Das sind wichtige Fragen, die uns alle angehen.

Andererseits kann sich Marklund nicht hinstellen und mit dem Finger auf bestimmte Leute zeigen. Stattdessen lässt sie ihre Heldin Bengtzon nicht so sehr den Täter ermitteln, sondern vielmehr die Umstände, die zu der Mordtat geführt haben. Sie bezieht das gesamte Umfeld mit ein: Biografie, Psychologie, berufliche Laufbahn, wirtschaftliches Umfeld, personelle Hierarchien – und schließlich auch die Wahrheit des eigentlichen Tathergangs, den zu ermitteln die Polizei offenbar unfähig ist, obwohl Annika Bengtzon und Anna Snaphane das gleiche Material auswerten: Fotos, Tonaufnahmen, Videos.

Die Ermittlerin von eigenen Gnaden Bengtzon erscheint aber nicht als Heilige, die sich zur Richterin aufschwingt, sondern als normale (ziemlich gestresste) Frau, die sich auch um Kinder und einen Lebensgefährten zu kümmern hat. Zu ihrem gelinden Entsetzen merkt sie, dass sie Thomas genau so behandelt wie ihren ersten Mann, den sie in Notwehr tötete. (An einer Stelle heißt es, sie sei auf Bewährung frei.) Sie hat also nichts dazugelernt? Sie merkt es gerade noch rechtzeitig, um das Richtige zu tun.

Sie ist also eine Ermittlerin, die sich stets bemüht, doch mitunter wird auch das missverstanden – oder sogar missbraucht. Denn die Autorin zeigt nicht nur das Fernsehen als Schlangennest, in dem keine der anderen etwas könnt – und das wusste M. Carlsson am besten -, sondern auch Bengtzons eigene Redaktion: Ihr eigener Redaktionschef Schümann schickt sie auf Recherche gegen seinen Chef. Torstensen hat wohl Insidergeschäfte getätigt, aber das muss man ihm erstmal nachweisen. Es ist schon eine vielsagende Szene, wenn Schümann seine „Munition“ herausholt und sich überlegt, welche Unterlagen – die meisten illegal kopiert – er verwenden soll, um Torstensen „abzuschießen“. Gottlob, nur für einen guten Zweck: Um das Revolverblatt, das sich mit jeder Ausgabe eine Verleumdungsklage einhandelt, wieder auf anständigen Kurs zu bringen. Doch es ist sicher kein Zufall, wenn Torstensens Missetat in einem Fernsehinterview enthüllt wird, das Anne Snaphanes Lebensgefährte beim Fernsehen führt. Und Anne ist Annikas beste Freundin. Gelobt sei die Seilschaft!

_Spannung gefällig? Ja, bitte!_

Spannung darf in einem Krimi wie diesem nicht fehlen. Und doch ging sie über längere Strecken hinweg flöten. Das liegt nicht an fehlender Brisanz des Themas – die ist ja gegeben -, sondern an dem dramaturgischen Problem, dass die Heldin knapp ein Dutzend Verdächtige zu beackern hat. Es dauert eine ganze Weile, bis Verdachtsmomente aufgedeckt und geprüft sind. Selbst am Schluss der langwierigen Ermittlungsarbeit bedarf Bengtzon der mutigen Tat ihrer Freundin Anne, um die wahre Täterin zu einem Geständnis zu veranlassen.

Dass dies mit einer Bandaufnahme gelingt, die von der Polizei geprüft wurde, spricht ja nicht gerade für die Qualität der Polizeiarbeit, wie schon die ganze Geschichte hindurch Bengtzon dem Kommissar ihre hilfreichen Tipps geben muss, damit überhaupt etwas vorankommt. Der Inhalt des Bandes wird uns nur häppchenweise mitgeteilt, auch eine clevere Methode, Spannung aufzubauen.

_Sex, massenhaft_

Müssen schwedische Romane immer Sexszenen enthalten? Nicht immer, aber ganz bestimmt, wenn sie die Medien aufs Korn nehmen. Daher finden saftige Fotos ihren Weg in die Redaktion von Annikas Revolverblatt – und der Fotograf würde sie am liebsten auf Seite 1 bringen: Michelle Carlssen beim Sex mit Rockstar John Essex – wow, was für ein Knüller! („Oder wenigstens auf der Homepage, Chef? Bitte!“)

Auch besagte Bandaufnahme dreht sich um Michelles sexuelle Gymnastik, diesmal im Ü-Wagen. Und unter Einsatz eines Schießeisens… Und dass auch Anne Snaphane einen Unterleib hat, belegt ebenfalls eine entsprechende Szene. Als ob wir das nicht schon irgendwie geahnt hätten. Aber die Szene verrät auch ein wenig Humor, wenn Anne und Mehmet von Annes Kind gestört werden. Ansonsten ist der Humor eher grimmiger Art, mit einer gehörigen Portion Zynismus.

_Die Sprecherin _

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Und die Hauptfigur des Romans, Annika Bengtzon, hat ja gleich zwei davon. Vereinzelt kommen auch elektronische Verzerrungen hinzu, da ja in der Medienlandschaft laufend Stimmen über irgendwelche Endgeräte verfremdet ausgegeben werden.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlagen größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Mittendrin rezitiert sie eine längere englische Passage, ein Briefzitat. Für den des Englischen nicht Mächtigen ist das vielleicht langweilig, aber ich fand Winters Aussprache einwandfrei. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher ähnliche Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, falls die Aussprache schwankt. Aber bei Personennamen wie Persson oder Carlssen kann man nicht viel falsch machen, oder?

_Unterm Strich_

„Prime Time“ – der englische Begriff steht für die „Hauptsendezeit“ am frühen Abend zwischen 19 und 21 Uhr. Zu dieser Stunde sind die Quotenjäger unterwegs. Doch einige davon leben recht gefährlich, wie der Mord an der TV-Moderatorin zeigt. Die Geschichte der Aufklärung dieses Mordes ist durchaus spannend mitzuverfolgen, und die Autorin stützt die Authentizität des geschilderten möderischen Medienmilieus mit den Beobachtungen aus ihrer Tätigkeit bei Fernsehen und Zeitung.

Allerdings fragt man sich bisweilen, was das nun werden soll, so ziellos erscheint die Fragerei der Hauptfigur im Kreis der Verdächtigen. Das soll wohl nur verschleiern, dass sich Mosaikstein zu Mosaikstein fügt, bis endlich – beinahe – das Bild komplett ist. In diesem Irrgarten aus Motiven und Tätern erscheint plötzlich selbst die engste Freundin Bengtzons, Anne, als mögliche Täterin: Jeder hatte ein Motiv, Michelle das Lebenslicht auszublasen. Und diese war offensichtlich auch nicht gerade ein Sonnenscheinchen.

Ist also Marklund ein weiblicher Mankell? Das politische und moralische Anliegen hätte sie ja schon mal. Das erzählerische Vermögen geht ihr ebenfalls nicht ab, ganz im Gegenteil. In „Studio 6“ nahm sie die Korruption von Politikern aufs Korn, nun die in einem Medienkonzern und beim Fernsehen.

Eines steht fest: Man kann nach Marklund ebenso süchtig werden wie nach Mankell. Und unweigerlich dürfte sich das ZDF bereits um die Verfilmung dieser Romane bemühen. Nordlandkrimis sind ja in.

Das Hörbuch „Prime Time“ ist zwar auf die wichtigsten Vorgänge gekürzt, mir aber trotzdem immer noch zu lang: Vier CDs statt der 366 Minuten auf fünf CDs hätten auch gereicht. Judy Winter zuzuhören, ist ein Genuss und ein Erlebnis. Sie lässt das Geschehen erst lebendig werden und sorgt für spannende und bewegende Highlights.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Clark, Mary Higgins – Denn vergeben wird dir nie

Das Stöbern in der Vergangenheit wird für die Journalistin Ellie Cavanaugh zu einem lebensgefährlichen Unterfangen, denn der vor 22 Jahren ihretwegen verurteilte und jetzt freigelassene Mörder ihrer Schwester gehört einer mächtigen Familie an – und er ist absolut skrupellos.

_Die Autorin_

Die US-Lady gehört zu den meistgelesenen Krimiautorinnen, verlautbart ihr Verlag, |Heyne|. Ihre Romane wurden in 15 Sprachen übersetzt. Ich habe bislang keinen einzigen gelesen.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, geboren 1964, hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen, ebenso „das Mädchen“ von Stephen King, „Die Kinder von Eden“ von Ken Follett, diverses von Patricia D. Cornwell und einige Dutzend anderer Produktionen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Später war sie Moderatorin und Sprecherin bei SAT.1, n-tv, SFB, Deutsche Welle TV und bei der BBC.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich gesprochen. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber. Sie hat u.a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“) synchronisiert sowie natürlich Gillian Anderson („Akte X“).

_Handlung_

Die Journalistin Ellie Cavanaugh ist außer sich: Nach 22 Jahren soll Rob Westerfield, der missratene Spross einer reichen und äußerst einflussreichen Familie in New York State, auf Bewährung aus dem Knast entlassen werden. Bis zum heutigen Tag schwört er, den Mord an der damals 15-jährigen Nachbarstochter, Andrea Cavanaugh, nicht begangen zu haben.

Andrea aber war Ellis geliebte ältere Schwester. Ellie war sieben, als Andrea tot aufgefunden wurde: von Ellie selbst. Andrea lag blutüberströmt in der Garage des Nachbarhauses, erschlagen mit einem Wagenheber. Bis zum heutigen Tag macht sich Ellie Vorwürfe, dass sie damals ihre Eltern nicht warnte, dass Andrea mit Rob ausgehen wollte. Denn sie hatte gesehen, wie sich Andrea einen goldenen Anhänger in Form eines Herzens umgelegt hatte, den sie von Rob hatte. Merkwürdig, dass der Anhänger verschwunden war, als man die Leiche fand.

Obwohl Ellies Aussage im Mordprozess entscheidend zur Verurteilung Rob Westerfields beitrug, liegt über ihrem Leben immer noch der Schatten der Vergangenheit. Sie selbst hat nie geheiratet, nie Ruhe gefunden, sich in ihre Arbeit vergraben. Und ihr Hass auf den Mann, den sie für das Zerbrechen ihrer Familie und den Selbstmord der Mutter verantwortlich macht, ist daher ungebrochen.

Sofort reist sie in ihre Heimat, die Kleinstadt Oldham-on-the-Hudson, die im idyllischen Hudson Valley liegt. Unter dem Vorwand, für ihre Zeitung in Atlanta berichten und ein Buch schreiben zu wollen, stellt sie Nachforschungen an, die dazu dienen sollen, Rob Westerfield endgültig und für den Rest seines Lebens hinter schwedische Gardinen zu bringen. Sie richtet eine Website ein, um im Internet sofort die wichtigsten Indizien und Neuigkeiten zu publizieren. Sie hat zwar ab und zu Zweifel, ob ihre Kindheitserinnerungen alle stimmen, doch sie findet mehr und mehr Bestätigungen dafür, dass sie Recht hatte. Und sie stößt auf Hinweise auf einen weiteren Mädchenmord, der auf Robs Konto geht.

Doch die Gegenseite schläft nicht. Denn für die Westerfield geht es um alles oder nichts. Dorothy Westerfield, Robs Großmutter, droht damit, das gesamte Familienvermögen wohltätigen Stiftungen zu vererben statt ihrer Familie, falls sich Rob als schuldig erweisen sollte. Der Anwalt der Familie, William Hamilton, engagiert Zeugen, die Robs Unschuld beweisen sollen. Eine Anti-Website bewirft Ellie Cavanaugh mit Dreck, und eines nachts wird das Haus, in dem sie übernachtet, in Brand gesteckt.

Ellie ahnt allmählich (und bekommt es ständig von allen Freunden gesagt), dass sie sich mit einem mächtigen und skrupellosen Gegner eingelassen hat. Doch sie ruht nicht und gibt nicht nach. Was sie nicht ahnt: Rob Westerfield ist derartig in die Enge gedrängt worden, dass er nur noch einen Ausweg sieht: Ellie muss sterben.

_Mein Eindruck_

Na, das klingt doch schon ganz passabel für einen Krimi, bei dem die Vergangenheit die Hauptrolle spielt. Bloß gut, dass die meisten Leute, die Ellie befragt, über so ein tolles Erinnerungsvermögen verfügen – es ist so gut, dass man sich nach einer Weile schon wundert. Immerhin ist Ellie aber auch Reporterin und setzt ihre Recherchefähigkeiten dazu ein, alle möglichen Leute über Rob Westerfield auszufragen.

Ihre Hartnäckigkeit führt dazu, dass sie aufdeckt, dass Rob unter dem Schauspielerpseudonym „Jim Wilding“ an einem Anschlag auf das Leben seiner Großmutter beteiligt gewesen war. Na, da wundert jetzt fast nichts mehr, als noch eine weitere Mädchenleiche auftaucht und um Gerechtigkeit fleht. Wenn Ellie jetzt schlappmachen würde, wäre nicht nur der Roman vorzeitig aus, sondern sie könnte sich gleich aufhängen: Sie hat ihre Schuld nicht abbezahlt. Aber so weit lässt es die Autorin denn doch nicht kommen, was für ein Glück! Vielmehr taucht Ellies Halbbruder Teddy als Retter in der Not und Ritter in schimmernder Rüstung auf – auch wenn Ellie das gar nicht will. And there’s always daddy…

Ich glaube, allmählich wird klar, warum ich keine Romane von Mary Higgins Clark lesen mag. Hier schlägt das, was man in Frauenromanen obligatorisch „Schicksal“ nennt, denn doch ein wenig zu häufig zu – und immer zugunsten der gebeutelten Heldin. Außerdem wird unheimlich viel gequasselt, habe ich den Eindruck. Das ist bei Frauen sicher nicht verwunderlich, schließlich hat Mutter Natur sie dafür hervorragend ausgestattet. Glücklicherweise werden die meisten Hörbuchfassungen von Romanen so gekürzt, dass mann sich auf die Handlung konzentrieren und so ein wenig Spannung genießen kann.

_Die Sprecherin_

Pigulla ist seit „Die Leopardin“ eine meiner bevorzugten Sprecherinnen. Bei „Denn vergeben wird dir nie“ setzt sie ihre dunkle, samtweiche Stimme sehr flexibel ein, um sowohl tiefe Männer- als auch hohe Frauenstimmen wiederzugeben.

Ja, sie geht noch wesentlich weiter, indem sie die Stimmen von Besoffenen (Will N.) und von mental Beeinträchtigten (Paulie) realistisch intoniert, ohne sie bis ins Lächerliche zu übertreiben. Anders als ihre männlichen Kollegen, die es sich zuweilen einfach machen und nur vom Blatt ablesen, spricht Pigulla, wie man eben auf der Bühne sprechen würde: mit Atemholen, Seufzern, Aufatmen usw. Dieses Sprechen mag manchem theatralisch erscheinen, doch wenn Frauen unter sich sind, dürften sie genau so sprechen.

_Unterm Strich_

Es ist vor allem Franziska Pigullas Vortrag, der diesen figurenreichen und verschlungenen Krimi zu einer wahren Freude macht. Man möchte ihr am liebsten noch viel länger lauschen. Aber auch die Story ist nicht übel. Zwar werden in der Hauptfigur durchaus Zweifel laut, doch die meiste Zeit gelingt es ihr, Indizien gegen ihren Erzfeind zu sammeln. Das ist durchaus befriedigend, auch wenn aus Ellie Cavanaugh dadurch noch kein Sherlock Holmes wird. Als ganz besonders raffiniert erweist sich aber der Umstand, dass jede CD mitten in einer wichtigen Szene abbricht. Um den Rest zu erfahren, muss man sofort die nächste CD einlegen. Die 330 Minuten vergehen auf diese Weise wie im Fluge.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Ardagh, Philip – Furcht erregende Darbietungen

Diese Geschichte ist der zweite Teil der Trilogie, die in [„Schlimmes Ende“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3898303942/powermetalde-21 ihren schlimmen Anfang nahm. In Eddies Hof landet ein Sarg, dem ein Entfesselungskünstler entsteigt, und später gerät Eddie in die Hände von Sträflingen. Alles dreht sich um einen Schatz, doch wer zuletzt lacht, lacht am besten.

_Der Autor_

Der Ire Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart (und ähnelt damit dem Sprecher Harry Rowohlt in frappierender Weise) – wie sein Foto belegt (das sich auf der fabelhaften und unterhaltsamen [Homepage]http://www.philipardagh.com/ des Autors finden lässt). Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben, für Kinder jeden Alters und unter verschiedenen Pseudonymen. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende‘ „, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte.

Auch dieses Buch wurde wieder von Harry Rowohlt übersetzt, und er ist auch der Sprecher des ungekürzten Hörbuchs.

_Handlung_

Kaum hat der junge Eddie Dickens die turbulente Reise nach „Schlimmes Ende“ lebendig überstanden, geht der Wahnsinn auch schon wieder los. Eddie und seine „abgebrannten“ Eltern leben nun bei Onkel Jack und Tante Maud. Eines schönen Morgens parkt ein herrenloser Leichenwagen im Hof von Schlimmes Ende, und auf seiner Ladefläche parkt wiederum ein Sarg.

„Merkwürdig!“ finden Eddie und sein Wahnsinniger Onkel Jack und wollen den Sarg zurück in den Wagen befördern. Doch eine Gasexplosion in Onkel Jacks Haus vereitelt alle Versuche. Unter enormem Getöse schießt das hölzerne Ungetüm durch die Luft auf den Boden und öffnet sich. Heraus steigt Der Große Zucchini, seines Zeichens Eskamoteur und Eskapologe, kurz Entfesselungskünstler. Gleich darauf landet ein Heißluftballon mit einem Fotografen an Bord auf dem Hof und es wird langsam eng. Die Polizei, dein Freund und Greyffer, lässt daher nicht lange auf sich warten, um nach dem Rechten zu sehen.

Und damit beginnt für Eddie ein neues haarsträubendes Abenteuer, indem sich Eddie in eine kamelgesichtige Dame mit dem schönen Namen Daniella (Zucchinis Assistentin) verliebt, sich ins Hochmoor verirrt, Bekanntschaft mit drei seltsamen Sträflingen macht, von denen einer bellen kann und die Ohren abschleckt. Eddie ahnt nicht, dass das Trio mit den Namen Knochenbrecher, Protz und Belfer hinter einem Schatz her ist, der sich möglicherweise im Sarg des Großen Zucchini befindet.

Ach ja: Die Wahnsinnige Tante Maud aus „Schlimmes Ende“ spielt natürlich ebenfalls wieder mit, sowie Malcolm alias Sally, ihr ausgestopftes Wiesel und ein Eisenwarenhändler namens Mr. Collins – obwohl er in dem Buch eigentlich gar keine Rolle spielt. Aber man höre selbst!

_Mein Eindruck_

Auf den ersten Blick scheint die Handlung nicht so wahnsinnig viel Sinn zu ergeben, aber das liegt nur an meiner wilden Zusammenfassung. In Wirklichkeit ist die Erzählung, die Harry Rowohlt so lebendig vorträgt, wesentlich zusammenhängender, schweift aber mitunter auch wesentlich wilder ab. Man kann nicht alles zugleich haben, oder?

Ansonsten ist die Story wieder mit den bewährten Zutaten gespickt: skurrile Gestalten, merkwürdige Begebenheiten (die Gasexplosion ist nur das lauteste Ereignis) und ständige Enthüllungen von Geheimnissen (wer hätte im Sarg schon einen Schatz vermutet, mal ehrlich?). Zwischendurch durchläuft Eddie alle Höhen und Tiefen des Lebens: Er trifft die „Frau seines Lebens“, Daniella, aber leider auch drei Ausbrecher, die ihn als Geisel nehmen wollen. Dann landet er mal wieder hinter Gittern, diesmal bei den Greifern.

Ständig wendet sich der Autor an die kind- oder jugendliche Zuhörerschaft (alle Verweise auf das Buch sind getilgt), um ein paar Dinge wie etwa das schwierige Wort „Euphemismus“ oder bestimmte Erfindungen wie etwa Gaslicht zu erklären. Dadurch erhält die Erzählung an pädagogischem Wert.

Die Illustrationen sind natürlich nicht alle zu sehen, doch ein paar haben’s ins Booklet des Hörbuchs geschafft: Die Polizisten sehen keinen Deut Vertrauen erweckender aus als die drei Ausbrecher. Die Sträflingskluft der letzteren ist insofern einfallsreich, als sie keine Streifen tragen, sondern Pfeile, die auf und abwärts zeigen…

Dieses Buch enthält einen besonderen Bonus: Wie bei Dickens findet sich eine „Liste der handelnden Personen“ oder „Dramatis personae“. Allerdings nicht am Anfang, weil sie dort nicht das Gedächtnis stützen würde, sondern in der Mitte! Diese Liste ist äußerst willkommen, um den roten Faden nicht zu verlieren bzw. den verlorenen Faden wiederzufinden.

_Der Sprecher_

Harry Rowohlt macht als Sprecher einen phantastisch guten Job. Er verleiht jeder Hauptfigur ihre eigene Ausdrucksweise. So ist Mrs. Dickens die verhuschte, zurückhaltende viktorianische Dame („seen but never heard“), während die Wahnsinnige Tante Maud ihr brutalstmögliches Gegenteil darstellt.

Klein-Eddie klingt wie die Stimme der Vernunft, der gegenüber Der Große Zucchini das Showbusiness-Pathos selbst verkörpert. Hier bringt Rowohlt sein in jahrelanger Übersetzungsarbeit erworbenes und verfeinertes Sprachgefühl ein: Es gibt keine falschen Noten. Allenfalls über die Betonung des einen oder anderen Satzes könnte man sich streiten.

Im Übrigen gibt die Lesung den vollständigen Text des Buches wieder. Es wurde nichts gekürzt. Musikuntermalung fehlt, wird aber keineswegs vermisst: Sie würde nur störend wirken. Allenfalls Monty Pythons Lied „Always look on the bright side of life“ aus „Das Leben des Brian“ könnte ich mir als Intro oder Abspannmusik vorstellen.

_Unterm Strich_

Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ meets Monty Python. Nun ja, vielleicht nicht ganz, aber die Ähnlichkeiten mit Montys schrägem Sinn für Humor sind nicht völlig von der Hand zu weisen.

Harry Rowohlts Vortrag lässt keine Wünsche offen und trägt sehr dazu bei, die Geschichte auch ohne Illustrationen und Textgrafiken genießen zu können. Er arbeitet die Sprechweise der Hauptfiguren so gut heraus, dass man sie sich lebhaft in ihrem jeweiligen Charakter vorstellen kann.

Das einzige Manko des Hörbuchs ist wie schon beim Buch „Schlimmes Ende“, dass es der Verlag nicht für nötig hält, eine Altersempfehlung abzugeben. Für Geschenke suchende Eltern (Weihnachten naht unaufhaltsam!) wäre das aber eine große Hilfe bei der Auswahl.

Meine Altersempfehlung daher (als Nichtpädagoge): ab 10 bis 12 Jahren, je nach sittlicher Reife, charakterlicher Festigung und sprachlichen Fähigkeiten des potenziellen Lesers. Dieser Stoff ist nicht ganz so hart wie „Harry Potter“ ab Band 3, weicht aber wesentlich von dessen Stereotypen ab.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Baldacci, David – Versprechen, Das

Nach einem schweren Autounfall verlieren die 12-jährige Lou und der siebenjährige Oz ihren Vater, während ihre Mutter für immer im Koma zu liegen scheint. Sie müssen von der Großstadt nach Virginia in die Berge ziehen, wo sie bei ihrer Urgroßmutter leben können. Doch auch dort ist das Leben keineswegs einfach und sicher. Die Bergbaugesellschaft will die Familie von ihrem angestammten Land vertreiben. Nur das Gewinnen eines Prozesses könnte die Rettung bringen.

_Der Autor_

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Im Bruchteil der Sekunde“ (September 2004).

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat u. a. mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Die junge Lou Cardinal glaubt nicht mehr an Wunder, seit sie ihren Vater Jack bei einem Autounfall verloren hat und ihre Mutter Amanda nach Wochen noch immer im Wachkoma liegt. Auf der Farm ihrer Urgroßmutter Louisa May Cardinal in den Bergen von Virginia finden sie und ihr jüngerer Bruder Oz ein neues Zuhause. Hier, in der Einsamkeit des Appalachen-Gebirges, lernen die Geschwister, was es heißt, um sein Glück zu kämpfen – und die Hoffnung nie aufzugeben.

Die beiden Stadtkinder aus New York City müssen erst einmal lernen, ohne Strom, Innenklo und fließendes Wasser im Haus auszukommen: Louisa Mays Bauernhof ist technisch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Immerhin hilft ihn ein Farbiger namens Eugene, und mit dem Nachbarsjungen Jimmy „Diamond“ Skinner können sie spielen und die Gegend erforschen. Dies ist das Land, in dem ihr Vater aufwuchs, bevor er in die Stadt ging. Skinner zeigt ihnen den schönsten Wasserfall der Welt.

Cotton Longfellow ist Oma Louisas Anwalt, allerdings lebt er in Dickens, der Stadt unten im Tal. Während die beiden Kinder dort in die Einheitsschule gehen müssen, kümmert er sich um die geistig abwesende, aber sonst gesunde Mutter der Kinder, Amanda Cardinal: Er liest ihr Bücher vor. Als die Kinder der Einheimischen Oz verprügeln wollen, verhaut Lou deren Anführer, einen Jungen namens Billy Davis. Doch Davis kann nichts dafür, dass er so aggressiv ist, denn sein Vater George, Louisas Nachbar, lässt seine ganze Großfamilie lieber hungern als mal von seiner Arbeit abzulassen.

Eines Abends stoßen Lou, Oz und Diamond auf George Davis‘ Schwarzbrennerei. Sie folgen einem Schwarzbären, der die Destille zerstört. Davis schießt mit seinem Gewehr auf die Kinder, beschwert sich dann sogar noch bei Louisa May über die Lausebengel und verlangt eine Entschädigung. Nur Diamond zahlt: einen alten Silberdollar. Wie sich zeigt, wird Davis sich rächen, indem er Louisa von ihrem Land vertreibt.

Als ein Vertreter und ein Landvermesser von der Kohlenbergbaugesellschaft Southern Valley bei Louisa auftauchen und ihr dieser Mr. Hugh Miller eine Menge Geld für ihr Land bietet, lehnt Louisa May natürlich ab. Sie will ihr Land an die Kinder und Eugene vererben. Durch ihre Weigerung blockiert sie den Landverkauf anderer Bauern und handelt sich damit erhebliche Antipathie ein, die auch Longfellow zu spüren bekommt.

Doch die Minenleute haben sich heimlich in Louisas Mine geschlichen und sind dort auf ein Erdgasvorkommen gestoßen, das sie ausbeuten wollen. Als Tage später Eugene mit den drei Kindern Kohle für den Eigenbedarf holen will, kommt es zu einer Explosion, weil sich das austretende Gas entzündet: Diamond stirbt und Eugene kommt nur knapp mit dem leben davon. Ein klarer Fall von fahrlässiger Tötung, doch man hält es zunächst nur für einen tragischen Unfall.

Wenige Tage später steht die Scheune, in der die Wintervorräte lagern, durch Brandstiftung in Flammen, und die 80-jährige Louisa erleidet einen Schlaganfall. Nun wird die Lage kritisch: Sollte sie sterben, stünden die Kinder ohne Vormund da, und da ihre Mutter keinen Anspruch auf das Land erheben kann, würden sie es verlieren. Diese Chance sehen auch Davis und die Bergbaugesellschaft haarscharf: Sie lassen die Cardinals auf Herausgabe des Landes verklagen.

Werden Lou und Oz ihre neue Heimat verlieren? Oder ist Longfellow wirklich ein so guter Anwalt, wie er immer behauptete? Und dann geschieht doch noch ein Wunder.

_Mein Eindruck_

David Baldacci kombiniert die Schilderung des ursprünglichen Landlebens mit einer juristischen Krise, die vor Gericht entschieden wird. Daher könnte dieses Buch als direkter Konkurrent zu John Grishams „Die Farm“ betrachtet werden.

In der gekürzten Fassung des Hörbuchs wird das Schwergewicht stark auf die Spannung im zentralen Handlungsverlauf gelegt, so dass das Zuhören praktisch nie langweilig wird. Ständig passiert etwas: Sei es ein Geburtstag oder die Weihnachtsfeier, seien es Naturerlebnisse oder eben die erwähnten Katastrophen: Scheunenbrand, Minenexplosion usw. Aber auch der deprimierende Besuch bei der Davis-Familie gehören dazu, bei der sich Oma Louisa erst als Geburtshelferin engagiert, nur um sodann von George Davis mit dem Gewehr bedroht zu werden.

All diese kleinen Dramen bettet Baldacci in die große Umwälzung während des 2. Weltkrieges ein, zu der ein Großteil der Handlung spielt. Virginia ist zwar ein reicher Staat, aber die Companies haben ihn systematisch ausgebeutet und nichts zurückgelassen außer Armut: Wild, Erz, Wald, Kohle, Gas – alles weg. Und die Companies haben die Regierung stets auf ihrer Seite. Immer gibt es einen korrupten Beamten im Apparat, der sich für deren Belange hergibt. Im Falle der Cardinals ist es deren Landenteignung.

Die verschwundene und verschwindende Kultur der Landbevölkerung bewahrt ausschließlich das Schreiben vor dem Vergessen. Erst schrieb Lous Vater Jack über seine Heimat, dann beginnt Lou selbst mit der Schriftstellerei. Wie wir am Schluss erfahren, verewigt sie das Land in 15 Romanen. In dieser Hinsicht hat Baldacci in ihrer Nachfolge geschrieben: einen Heimatroman im besten Sinne, wie ihn im 19. Jahrhundert auch deutsche Autoren wie Stifter, Raabe und Fontane schrieben.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla spricht die verschiedenen Rollen mit großer Anteilnahme und emotionalem Einsatz. Kein Wunder, denn es ist eine sehr schöne und spannende Geschichte. Besondere Wärme lässt sie den Stimmen der Geschwister und der Urgroßmutter zukommen. Die meisten Männer außer Longfellow kommen weniger gut weg. Eugene Randall, der Farbige, hat eine besonders markante Stimme erhalten: Er spricht ziemlich langsam.

Die Spezialeffekte sind in dieser frühen Hörbuchproduktion von 2001 noch recht einfach. Des Öfteren ist die Stimme der Sprecherin mit Hall unterlegt. Dies soll signalisieren, dass man ihre Gedanken oder Erinnerungen hört. Nun ja: Der Effekt ist nicht sonderlich geglückt und wirkt aufgesetzt. Heute würde man bessere Filter einsetzen.

_Unterm Strich_

Mit Recht fragt sich der Leser, ob dieses Buch einen Thriller darstellt oder so eine Art Heimatschnulze ist. Eine Schnulze à la „Heidi“ von Johanna Spyri – Stadtkind kommt auf die Alm – ist „Das Versprechen“ schon mal gar nicht, obwohl auch die schönen Stunden nicht verschwiegen werden.

Einen Thriller könnte man das Buch durchaus nennen, selbst wenn die handelsüblichen Zutaten wie etwa Serienkiller und Privatdetektive fehlen. Dennoch entpuppt sich George Davis indirekt als Mörder, denn er hat mit seiner Brandstiftung das spätere Ableben Louisas in Kauf genommen. Und die Bergbaugesellschaft ist für Diamond Skinners Tod direkt durch fahrlässige Tötung verantwortlich. Dass all dies abgestritten und vertuscht werden soll, dürfte nicht überraschen. Aber auch die Landenteignung ist ein krimineller Plan, der möglicherweise erst durch eine Gerichtsverhandlung vereitelt werden kann.

Durch die verdichtete Handlung der Hörbuchfassung kommen diese Spannungselemente verstärkt zum Tragen und sorgen für kurzweiliges Hörvergnügen. Franziska Pigulla trägt die Sprechrollen ausgezeichnet vor, so dass ein Gefühl wie bei Filmszenen aufkommt. Beschreibender Text wird aus Lous Perspektive eingefügt, so dass der größere Zusammenhang alle Elemente zu einem Ganzen verbindet. Am Schluss hat man das Gefühl, eine komplette Lebens- und Landesgeschichte gehört zu haben. Ein Epilog bindet die Fäden der Story so ab, dass kaum Fragen offen bleiben.

Verschiedene Szenen des Buches sind nicht für Kinder unter 12 Jahren geeignet. Umfang: 335 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Lewis, Clive Staples – König von Narnia, Der (Die Chroniken von Narnia)

Die mehrbändigen „Chroniken von Narnia“ stehen in Großbritannien auf einer Stufe mit dem „Kleinen Hobbit“, „Alice in Wunderland“ und dem „Wind in den Weiden“. Das vorliegende Hörbuch ist das einzige mir bekannte Hörbuch dazu in deutscher Sprache. Es handelt sich nicht um ein Hörspiel wie fürs Radio, sondern um eine – leicht gekürzte – Lesung.

_Der Autor_

Clive Staples Lewis, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J. R. R. Tolkiens (mehr dazu weiter unten). Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch in der Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurden auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie [„Perelandra“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1665 ein ambitionierter Weltentwurf, ist eben zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack.

In den Narnia-Büchern hingegen kommen altbekannte Fantasythemen zum Tragen, so etwa der Gegensatz zwischen Gut und Böse. Außerdem ist Narnia eine Parallelwelt, die durch ein Tor erreicht wird; es gibt sogar Zeitreisen und andere Dimensionen. Die Bücher werden als christliche Allegorien interpretiert, aber das würde ihnen wenig gerecht: Sie sind hervorragende und bewegende Geschichten – wenn auch mit sprechenden Tieren.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele Londoner Kinder aus der bombardierten Stadt aufs Land evakuiert. Dies passiert auch den vier Geschwistern Peter (dem Ältesten), Edmund, Suse und Lucy (sie ist die Jüngste). Sie finden ein neues Zuhause im weitläufigen Haus eines alten Professors, der hier mit seiner Haushälterin lebt.

Eines Tages erkundet Lucy, die Jüngste, einen riesigen Wandschrank, in dem Kleider hängen. Jenseits des Schrankes liegt jedoch Narnia. Es ist im Augenblick ihres Besuchs tief verschneit. Der Grund dafür ist, wie sie später herausfindet, die Herrschaft der Eiskönigin Jadis.

Als erstes Wesen trifft Lucy Herrn Tumnus, einen Faun. Sein Menschenkopf sitzt auf einem aufrecht gehenden Ziegenkörper, in der Hand hält er einen roten Regenschirm. Der freundliche Herr Tumnus erzählt Lucy von einer lang vergangenen Zeit: dem Sommer. Da tummelten sich Bacchus, Silenus und diverse Waldnymphen im Grünen. Man kann sich ja denken, was sie so trieben.

Nach dem Tee in seiner Wohnhöhle entschuldigt er sich bei der Evastochter, dass er sie angelockt habe, und schickt sie zurück in den Wandschrank. Natürlich glaubt ihr mal wieder keiner. Doch als Nächster gerät Edmund in die Parallelwelt Narnia, und ihm ergeht es schlechter als Lucy: Er trifft die Eiskönigin persönlich. Durch Essen und Trinken von ihrer Tafel gerät er unter ihren Bann. Sie will ihn zum Prinzen in ihrem Palast machen, sofern er alle seine Geschwister – lauter Adamssöhne und Evastöchter – beim nächsten Mal mitbringt.

Das verspricht Edmund, kehrt in das Professorenhaus zurück, zeiht Lucy der Lüge – es gebe kein Narnia – und wird dafür von Peter und dem Professor ausgescholten. Beim nächsten Mal gehen alle vier Geschwister nach Narnia, wobei sich Edmund selbst als Heuchler entlarvt, indem er auf die Straßenlaterne hinweist, die auf der Narniaseite steht. Herrn Tumnus‘ Wohnhöhle ist verwüstet, und eine Bekanntmachung der Geheimpolizei der Königin Jadis erklärt, warum: Tumnus war nicht linientreu und wurde im Palast von der Hexe in Stein verwandelt.

In den nächsten Kapiteln erleben die Geschwister Abenteuer mit sprechenden Bibern und ziehen zum Palast der Königin in Feeneden. Sie erfahren von einer Prophezeiung, die das Verhalten der Königin erklärt, die nicht von Eva, sondern von Adams erster Frau Lilith abstammt: „Sitzen zwei Adamssöhne und zwei Evastöchter auf den vier leeren Thronen von Feendeden, so endet die Herrschaft der Hexe.“

Da aber die Menschen dies nicht allein fertigbringen, erhalten sie mächtige Hilfe: Aslan, der Löwe, herrscht normalerweise über das Königreich Narnia. Doch mit ihm hat es eine ganz besondere Bewandtnis …

_Mein Eindruck_

Viel ist in dieses Buch und andere Narnia-Romane hineingedeutet worden. Dies muss nicht alles wiederholt werden. Feststeht aber, dass die Narnia-Chroniken seit über 50 Jahren in Großbritannien zum Standard der Jugendliteratur gehören, und das sicher nicht ohne Grund. Sie verbinden Abenteuer und Wunder mit einer christlichen Botschaft.

Denn Edmund ist ein gefallener Mensch, der dem Bösen erlegen ist – ähnlich wie Gollum dem Bann des Einen Ringes. Er muss unbedingt erlöst werden, soll die Welt Narnia weiterbestehen können. Dafür aber muss ein bestimmtes Wesen eine der bösen Macht ebenbürtige Tat vollbringen. So viel sei verraten: Dieses zauberische Wesen ist der Löwe Aslan. Aber welche bewegende und erlösende Heilstat er vollbringt, müsst ihr selbst herausfinden.

Die Ähnlichkeit mit bestimmten Aspekten des „Herrn der Ringe“ ist unübersehbar, kommt aber nicht von ungefähr: Die Oxforder Professoren C. S. Lewis und Tolkien gehörten der gleichen lockeren Literatenvereinigung an, den |Inklings| (das heißt sowohl „Tintenkleckser“ als auch „Ahnungen“) und lasen sich bei den Meetings ihre Manuskripte vor. Doch während Tolkien auf altisländische (Edda) und altenglische Quellen (Beowulf) zurückgriff, fühlte sich der Theologe C. S. Lewis in antiken Gefilden wesentlich heimischer: Daher die vielen Fabelwesen und Naturgeister, die noch bis in die Spätantike und Renaissance die mediterrane Vorstellungswelt bevölkerten.

Aber die beiden Profs verband der religiöse Glaube: Während sich Lewis mit der christlichen Religion als Atheist auseinandersetzte, war Tolkien von einem tiefgläubigen Katholizismus erfüllt, den er sicher nicht immer in seinem Werk verbergen konnte. Frodo etwa ist ebenso eine Erlösergestalt wie der wiederkehrende König Aragorn / Elessar. Und auch der gefallene Hobbit Gollum hat eine zentrale Rolle zu spielen. Von einem |deus ex machina| kann keinesfalls die Rede sein, weder bei Tolkien noch bei Lewis. Aber Lewis ist wesentlich einfacher zu lesen.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Mal erklingen die Stimmen unisono, mal stereo, dann wieder mit einem Halleffekt. So ist für Abwechslung gesorgt. Bei nur drei CDs kann man nicht viel falsch machen. Aber es ist trotzdem eine Menge Text: fast vier Stunden.

_Unterm Strich_

Für Kinder ist dieses Hörbuch ein ideales Geschenk, das es durchaus mit Tolkiens „Kleinem Hobbit“ aufnehmen kann. Die Interpretation durch den Sprecher macht das Zuhören zu einem Erlebnis, dem man mit Spannung folgt. Der Text ist übrigens ein ganz klein wenig gekürzt, wie mir ein Vergleich mit dem Buch zeigte.

_Die Übersetzung_

… von Lisa Tetzner aus dem Jahr 1982 ist jedoch recht betulich und klingt heute ebenso altmodisch und überholt wie die erste deutsche Übersetzung des „Herrn der Ringe“. Doch wie die Reaktion der Fans auf die HdR-Neuübersetzung durch Wolfgang Krege gezeigt hat, muss dies keineswegs ein Nachteil sein: Kreges Leistung wurde vielfach abgelehnt. Deshalb kann es gut sein, dass Tetzners Übersetzung überdauert. Ich störte mich jedenfalls nur selten an ihren Formulierungen.

© _Michael Matzer_

Harris, Thomas – Schweigen der Lämmer, Das

Dieser Psychothriller mit Horrorelementen wird von Jodie Fosters deutscher Synchronsprecherin, der Schauspielerin Hansi Jochmann, gelesen (sie trat bereits in „Tatort“, „Lisa Falk“ und „Ein Fall für Zwei“ vor die Kamera). Jodie Foster spielte in der Verfilmung von „Das Schweigen der Lämmer“ die FBI-Agentin Clarice Starling. Sie stand auch in der Fortsetzung „Hannibal“ im Mittelpunkt.

Die Hörbuchfassung ist gegenüber dem Buch gekürzt worden. Aber das merkt man nicht, denn die wichtigsten Stellen befinden sich immer noch in all ihrer düsteren Pracht darin – unheilvoll wie der Totenkopffalter vor Jodie Fosters Gesicht (das Filmposter). Auffallend sind jedoch die Abweichungen gegenüber der Filmversion (mehr dazu unten).

_Handlung_

Clarice Starling (Jodie Foster) trainiert in Langley, Virginia, für die Abschlussprüfung für die Aufnahme ins FBI. Jack Crawford (Scott Glenn), der zuweilen Uni-Kurse gibt, leitet die Abteilung für Psychologie und legt Profile von Serienmördern an, darunter jenes von „Buffalo Bill“, der seine weiblichen Opfer zum Teil häutet. Crawford erteilt Clarice den Auftrag, dem psychotischen Mörder Dr. Hannibal Lecter einen Besuch abzustatten. Lecter habe so viele Geisteskranke in seiner psychotherapeutischen Praxis behandelt, da könne ihm auch Buffalo Bill untergekommen sein.

Starlings erster Besuch bei Lecter ist nicht sonderlich Erfolg versprechend. Lecter scheint ein neues Opfer gefunden zu haben, das er demütigen kann. Doch ihr Besuch führt zum Tod eines Mitgefangenen Lecters, einer engeren Bindung, die bei einem zweiten Besuch vertieft wird: Starling macht den Fehler, Lecter vom Tod ihres Vaters zu erzählen, eines Polizisten, und davon, wie es ihr später erging. Schon bald erblickt Lecter in ihr seine Fahrkarte in die Freiheit.

Buffalo Bill begeht den Fehler, die Tochter einer Senatorin, Catherine Martin, zu entführen und einzukerkern. Lecters oberster Anstaltsleiter und Gefängniswärter, Dr. Chilton, übt mit Senatorin Martins, Catherines Mutter, politischen Druck aus: Lecter soll als Gegenleistung für Informationen über Buffalo Bill in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt werden, so dass das FBI ausgebootet wird.

Zunächst kommt Lecter in Polizeigewahrsam nach Memphis. Doch die Sicherheitsmaßnahmen der Polizei sind zu lasch: Lecter kann sich befreien. Groteske Szenen folgen, in denen Lecter die Senatorin Martin demütigt (Lecter stammt aus den gleichen gehobenen Kreisen). Nachdem Starling ihn gegen jede Anweisung besucht und ihm von ihrem Bedürfnis erzählt hat, dass die Lämmer schweigen mögen, gibt er ihr einen entscheidenden Hinweis auf Bill. Sobald sie verschwunden ist, bricht er aus und hinterlässt fünf Leichen.

Dieses Desaster bekommen Starling und Crawford sehr zu spüren – das wird in der Romanfassung deutlich, nicht aber in der endgültigen Kinofassung. In Wahrheit macht sich Starling nun – dank Lecters Hinweisen – auf eigene Faust auf den Weg zu Buffalo Bill, während Crawford gleichzeitig einer parallelen Spur folgt. Beide suchen einen gewissen Transsexuellen namens Jame Gumb, der sich mal wegen einer Geschlechtsumwandlung an Kliniken gewandt hatte, aber abgelehnt wurde.

Showdown: Im gekürzten Hörbuch fehlt der geniale Parallelschnitt des Films. Jack Crawford und Clarice Starling jagen beide den gleichen Mann, Jame Gumb, aber an verschiedenen Orten: Crawford in der Nähe von Chicago, Starling in dem Ohio-Städtchen, aus dem das erste Opfer stammte. Als sie Jame Gumb antrifft und ihm Fragen stellt, taucht ein schwarzer Nachtfalter taucht. Sofort realisiert der Killer, dass die FBI-Beamtin ihn erkannt hat. Er stellt ihr im Keller eine Falle…

_Mein Eindruck_

Hansi Jochmann macht ihre Arbeit ausgezeichnet. Sie verleiht den Akteuren verschiedene Tonlagen und lässt sie sehr prononciert sprechen. Dr. Lecters Stimme hat etwas Hypnotisches, aber Kultiviertes, denn er war ja früher ein Psychotherapeut für die Wohlhabenden. Jack Crawford wirkt forsch, beinahe schon barsch. Leider fehlt die nuancierte Unsicherheit in der Stimme für Clarice Starling, die für die Polizeischülerin so charakteristisch ist. Was ich aber gut finde, ist, dass die CDs/Kassetten meist an einem Höhepunkt der Handlung aufhören. Man ist praktisch gezwungen weiterzuhören, um den Rest zu erfahren.

In der Hörbuchfassung gehen Crawford und Starling mehrmals auf einen FBI-Ermittler namens Will Graham ein, dessen Gesicht Hannibal Lecter zerfleischt hatte. Dieser Verweis auf die Ereignisse in „Roter Drache“ wurde aus dem Film „Schweigen der Lämmer“ getilgt. Die Neuverfilmung von „Roter Drache“ mit Anthony Hopkins kam im Oktober 2002 in unsere Kinos.

_Unterm Strich_

Jodie Fosters deutsche Stimme Hansi Jochmann lullt keineswegs ein, sondern schafft mit ihrer Lesung das Kunststück, auf beherrschte Weise den ganzen Horror und Wahnwitz dieses spannenden Stücks Literatur zu vermitteln, ohne zu den Stilmitteln eines Rufus Beck greifen zu müssen.

Natürlich setzt ein Hörbuch immer voraus, dass man genügend Geduld mitbringt. Es eignet sich ausgezeichnet für lange Autofahrten, wie sie beispielsweise Vertreter und Berater machen müssen. Ich höre AudioBooks am liebsten nach dem Essen beim Entspannen und am späten Abend, wenn ich nichts mehr lesen mag.

Umfang: 220 Minuten auf 3 CDs/MCs

_Michael Matzer_ © 2002ff

Rankin, Robert – Warten auf Oho

„Warten auf Oho“ bezieht sich im Titel – sowohl des Originals wie auch in der Übersetzung – auf Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“. Allerdings ist Rankins Roman wesentlich lustiger, unterhaltsamer und wortreicher.

Gott ist tot, und seine Frau Eartha ist sauer. Gott hat nämlich die Erde seinem Sohn Colin vererbt, obwohl er sie ihr geschenkt hatte. Damit nicht genug, trachten nun Dämonen im Auftrag eines „Ministeriums für glückliche Zufälle“ (lies: Hölle!) nach der Herrschaft über eben jene nichts ahnende Erde. Moment, ein wenig Ahnung gibt es hinieden doch: ein Dieb und ein Privatschnüffler kommen der Sache aus ganz unterschiedlichen Richtungen auf die Spur. Doch danach zu urteilen, wie sie sich anstellen, ist das Schicksal Terras mehr als ungewiss…

_Der Autor_

Robert Rankin wurde 1949 in London geboren, heute lebt er mit seiner Frau und zwei Söhnen auf dem Lande in West Sussex. Seine Spezialität sind humoristische Parodien, meist auf erkennbare Vorbilder, aber nicht immer. Bei |Bastei Lübbe| sind u.a. die Elvis-Trilogie, die sechsbändige Brentford-„Trilogie“ und der Hugo-Rune-Zyklus erschienen.

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck ist laut Verlag als Theaterschauspieler und Synchronsprecher bekannt und hat sich v.a. in der Hörspielreihe „Die drei ???“ einen Namen gemacht. Mit ihm als Sprecher ist bei |Lübbe Audio| „Frühling & Sommer“ von Stephen King erschienen, also die zwei Novellen „Die Verurteilten“ und „Der Musterschüler“.

_Handlung_

Zunächst sieht es so aus, als habe der Roman zwei Handlungsstränge. Das könnte sich als Irrtum erweisen. Wie sich so vieles, was man zunächst anzunehmen geneigt ist, als Irrtum herausstellt.

|Der erste Strang|

Ein Barbierladen namens „Stravino“ in jener längst untergegangenen Epoche vor 1990. Hier kehrt Icarus Smith, der 18-jährige Held, gerne regelmäßig ein, wozu auch immer, aber jedenfalls nicht, um sich den Bart stutzen zu lassen. Vielmehr hat er einen Deal mit dem Inhaber, und der lässt ihn schon mal die Erotikhefte auf dem obersten Regal durchblättern. Dies spielt in jenen goldenen Tagen, als das Internet noch nicht jedermanns Leben bis zur Unkenntlichkeit beschleunigte, und Icarus kann sich die Mädchenbilder daher nicht aus dem Netz saugen. Was ihn interessant macht, ist sein Selbstverständnis als „Relokator“. Sein Bruder Edwin sagt „Dieb“ dazu, aber Icarus betrachtet das Entwenden und Woandersplatzieren von Objekten als Kunst, Wissenschaft und Lebensform. Sein Bruder hält ihn für beknackt.

Wichtig sind die zwei anderen Besucher: Captain Ian Drayton, Armeeoffizier auf Heimaturlaub, und ein gewisser Mr. Cormerant vom „Ministerium für glückliche Zufälle“. Dessen dicke schwarze Aktentasche erregt Icarus‘ Begehren, woraufhin sie plötzlich eigene Wege geht, die ihr Besitzer nicht vorsah. In einem sicheren Versteck stößt Icarus darin auf eine Tonbandaufnahme, die ihn erschreckt: Die Stimme von Mr. Cormerant ist darauf, aber auch die eines Folterers, der einen Professor Bruce Partington aus Brentford nach der Formel für eine Droge namens „Red Head“ befragt. Und zwar mit schmerzhaften Methoden. Bevor der Prof stirbt, faselt er noch etwas von Aliens.

Im Haus des Professor erfährt Icarus endlich, was es mit Red Head auf sich hat: Es ist eine Droge, die Wahrheit der Wirklichkeit enthüllt – und die ist angefüllt mit Engeln und Dämonen. Icarus hat den Verdacht, dass auch das „Ministerium für glückliche Zufälle“ etwas damit zu tun hat…

|Der zweite Strang|

Sein Name ist Lazlo Woodbine, und er ist der größte lebende Privatdetektiv. Seine Freunde nennen ihn Laz, doch davon hat er nur sehr wenige, denn er ist ein hartgesottener Bursche (und immer noch auf der Suche nach seiner weiblichen Seite). Lazlos Schutzengel trägt den schönen namen Barry.

Heute ist sein Glückstag: Laz erhält gleich zwei Aufträge: Ein gewisser Mr. Cormerant verlangt von ihm, er solle eine schwarze Aktentasche wiederbeschaffen, die man ihm, Cormerant, in einem Barbierladen geklaut habe. Leicht verdientes Geld, denkt Laz, und die Spur führt ihn natürlich zu Icarus Smith, der Wahrheitsdroge – und Mr. Cormerants wahre Natur.

Der zweite Auftrag erweist sich als kniffliger: Gott ist aus dem Himmel verschwunden, nachdem er seiner Gattin Eartha einen Planeten namens Terra geschenkt hatte. Eartha will von Lazlo, dass er Gott findet UND ZURÜCKBRINGT. Das Wetter spiele bereits verrückt. Außerdem seien nun drei Kinder vaterlos. Wenn Laz den Fall nicht übernehme, so Barry, könne Eartha allerdings recht unagenehm werden. Den Rest seiner Tage könnte laz in einer Art Vorhölle verbringen.

|Wo ist das Problem?| denkt Laz lässig, besorgt sich von Barry die himmlischen Daten und begibt sich in die Disco Crimson Teacup. Hier soll sich Gott, verkleidet als Richard E. Grant, herumtreiben, in der Hoffnung, jüdische Jungfrauen aufreißen zu können. Laz findet Gott auf der Toilette, doch der verschwindet durch die Hintertür, die natürlich zu einer schummrigen Seitengasse führt. Laz hört Schüsse fallen und tatsächlich: Da liegt Gott auf dem Boden, beleuchtet von den Blitzen eines Hurrikans.

Nun hat Laz ein kleines Problem, denn wie Barry weiß, hat Gott den Planeten Terra in seinem Testament seinem Sohn Colin („Colin?!“) vererbt, doch die betrogene Eartha ficht dieses Testament natürlich an. Damit fangen Lazlos Probleme aber erst an, denn Colin steckt mit einem gewissen Mister Cormerant unter einer Decke. Und wie Icarus soeben schmerzhaft herausgefunden hat, ist Cormerant ein Dämon…

_Mein Eindruck_

Ein Dieb und ein Privatdetektiv machen sich also auf den Weg, eine umfassende Verschwörung aufzudecken, die die Weltherrschaft anstrebt – was sonst? Verschwörungskomplotte sind ja seit seligen James-Bond-Tagen ein beliebtes Mittel, einerseits die Welt zu erklären und zweitens den jugendlichen Helden eben diese Welt vor den Verschwörern retten zu lassen. Für die üblichen Actionkämpfe ist also gesorgt. Und um alle Klischees zu erfüllen, findet der Showdown auf dem Dach eines Hauses statt, das gerade gesprengt werden soll.

Neben seiner Parodie aller Hard-boiled-Detektivfilme der Vierziger und Fünfziger bietet der Autor aber auch eine metaphysische Komödie auf, und die leiht dem Buch den Titel. Gottes Familie ist leicht in Unordnung geraten, seit er selbst aushäusig „aktiv“ ist, seine Frau Eartha sich um ihr Geschenk, die Erde, sorgt und die drei Kids eigene Wege gehen: Jesus Christus natürlich, dann aber auch Colin und seine Schwester Christina. Ja, und wo diese beiden in dieser Geschichte auftauchen, das führt dann auch noch zu ein paar netten Überraschungen.

Lediglich im letzten Viertel, wenn sich alle Annahmen über Gott und die Welt als Irrtümer entpuppen, wird es für den Zuhörer etwas unübersichtlich. Am besten macht man vorher mal eine Pause oder zwei. Den Atem kann man nämlich gut gebrauchen.

Die Detektivparodie, Verschwörungsfantasie und metaphysische Komödie fand ich ganz nett, aber viele Gags klingen schon etwas abgedroschen, was Detektive und Götter anbelangt. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass der Roman bereits 1999 erschienen ist – und womöglich schon Jahre davor (vor dem Internet?) geschrieben wurde. Nicht zuletzt die Spielfilmreihe um die „Nackte Kanone“ hat den Mythos um ruhmreiche, einsame, abgebrühte Privatschnüffler ad absurdum geführt.

Nicht nur, dass Lazlo Woodbine (ich glaube, so hieß mal eine Zigaretten- oder Zigarrenmarke) ein überholtes Modell ist. Er ist auch noch ein penetranter Klugschwätzer, der selbst einem Jim Carrey das Wasser reichen könnte. Allerdings bietet der Autor die eingebaute Ironiebremse an: Alle anderen Figuren können sich nicht an Woodbines wahren Namen erinnern und verunstalten ihn. Woodbine selbst kann – oder darf – sich den Namen des Herstellers seines Revolvers von Smith & Wesson nicht merken. Das führt ebenfalls zu netten Sprachentgleisungen. Leute, die diese Art Humor noch witzig finden, dürften heute kaum älter als 17 sein. Denn danach ist die Welt einfach eine zu ernste Angelegenheit.

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbecks Vortrag hat viele gute Qualitäten, so etwa das unglaublich schnelle Sprechen lustiger Stellen, doch die korrekte Aussprache bestimmter fremdsprachlicher Wörter gehört nicht dazu. Wenn er den Eigennamen Ian ausspricht, so sagt er „aiän“ statt „i’än“, und den französischen Ausdruck „sang froid“ (kaltes Blut) spricht er englisch „säng freud“ aus statt französisch „så froá“.

Immerhin charakterisiert er die wichtigsten Stimmen eindeutig, so dass man die Figuren auseinanderhalten kann. Das gilt aber nicht für die zwei „Engel“ Barry und Johnny Boy. Zum Glück haben diese beiden kaum eine gemeinsame Szene. Und durch Zusätze wie „sagte X“ und „sagte Y“ wird auch dem letzten Zuhörer klar, wer gerade was sagt. Allerdings ist das nicht gerade der beste Erzählstil, den man sich vorstellen kann.

_Unterm Strich_

Wie schon angedeutet, muss man wohl ein bestimmtes Maximalalter mitbringen, um dieser Sammlung parodistischer Einfälle auch wirklich Vergnügen abgewinnen zu können. Sonst wirkt das ganze Verfahren nämlich schnell schwer nervend. Ein klugschwätzerischer Detektiv, eine zerstrittene Götterfamilie – naja, Hauptsache, man hat gute Nerven. Am besten gefiel mir noch Icarus Smith, dem all unsere Sympathien gelten müssen, denn er hat eine unkonventionelle Art, mit dem Besitz anderer Leute umzugehen: Er klaut aus philosophischer Überzeugung. Er hat den „großen Durchblick“. Und bei Gelegenheit spielt er Robin Hood. Auch gegen Dämonen, die aussehen wie Reptilien mit Federn auf dem Kopf. Jeder andere – vielleicht mit Ausnahme von 007 und dem blinden Neo – würde da doch die Flucht ergreifen!

Sprecher Oliver Rohrbeck gelingt ein lebendiger, flotter Vortrag. Doch wie bei allen Hörbüchern, die viele Geistesblitze transportieren, sollte man nach zwei CDs, also 140 Minuten, mal eine Verschnaufpause einlegen und sich überlegen, welche Geschichte man gerade erfahren hat.

„Warten auf Oho“ ist eine Frage des Alters und Geschmacks. Wer beides mitbringt, wird eine Menge Spaß haben. Alle anderen haben wahrscheinlich gerade Wichtigeres zu tun.

Umfang: 313 Minuten auf 4 CDs

_Michael Matzer_ © 2004ff

Hamilton, Peter F. – Den Bäumen beim Wachsen zusehen

Ein rätselhafter Mord ereignet sich an der ehrwürdigen Universität von Oxford: Im rechten Auge des Studenten Justin Ascham Raleigh steckt ein Messer. Doch weder den Mörder noch seinen Fluchtweg noch das Motiv vermag Chefinspektor Pitchford herauszufinden. Wie es scheint, haben Justins fünf engste Freunde alle ein Alibi bzw. kein Motiv.

Der Familien-Ermittler der Raleighs hofft auf den technischen Fortschritt, um die Beweismittel, wo sie auch sein mögen, herbeizuschaffen, um den wahren Mörder zu finden, zu überführen und seiner gerechten Strafe zuzuführen.

In der Tat dauert es noch 206 Jahre, bis Edward dieses Kunststück gelingt, 10.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Und im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

_Der Autor_

Peter F. Hamilton wurde 1960 in Rutland, GB, geboren. 1988 erschien seine erste Kurzgeschichte in dem Science-Fiction-Magazin „Fear“. Sein erster Roman, der erste Band der „Mindstar“-Trilogie, erschien 1993. Das Hauptwerk Hamiltons bildet bislang der (im Deutschen) sechsbändige |Armageddon|-Zyklus, eine der wichtigeren New Space Operas.

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist ein gefragter Synchronsprecher, der u.a. George Clooney und Jonathan Frakes (Star Trek TNG) seine Stimme leiht und mit Begeisterung Hörbücher interpretiert. Für |Lübbe Audio| hat er die Dick-Francis-Romane gelesen.

_Handlung_

Wir schreiben das Jahr 1832. Im englischen Oxford klingelt zu nachtschlafender Stunde das Telefon von Edward Bucahanan Raleigh, einem Ermittler der weitverzweigten Familie Raleigh. Am Apparat: Francis Haughton, der Repräsentant bzw. Unterhändler des Klans. Schlechte Nachrichten: Einer der Ihren wurde an der Uni tot aufgefunden – ermordet!

Im Elektroauto – Verbrennungsmotoren sind verboten – fahren die beiden mit dem Affentempo von 25 km/h zur Uni, ans Dunbar College. Seltsam, es sind immer noch Leute unterwegs, die Hälfte davon schwangere Frauen. Chefinspektor G. A. Pitchford empfängt die beiden Herren im Zimmer des getöteten Studenten. Es ist voller Sternkarten, Fotos und einer elektrischen Schreibmaschine. Justin Ascham Raleigh studierte hier Astronomie, nun steckt ihm ein Messer im Hirn.

Er war Mitglied einer Freundesgruppe von weiteren fünf Studenten und Studentinnen, die der Reihe nach von Inspektor Pitchford verhört werden. Peter Samuel Griffith und Carter Osborne Kenyon werden entlastet. Bethany Maria Caesar aus dem Klan der Caesars war Justins Freundin, er wollte sie heiraten und viele Kinder mit ihr haben. Sie studiert Biochemie und steht kurz vor der Entdeckung der DNS. Sie kommt ja wohl kaum als Täterin infrage.

Dann sind da noch die schwangere Christine Jayne Lockett, eine Künstlerin von lockeren Sitten, und der zwielichtige Anthony Caesar Pitt. Er macht seine Aussage nur in der Obhut des Familien-Repräsentanten Neill Heller Caesar. In der Mordnacht will Anthony in einem illegalen Spielklub des Lasters gefrönt haben. Immerhin kann Edward Raleigh Anthonys Zigarrenstummel finden und in einer Plastiktüte verstauen. Es sieht ganz so aus, als habe jeder der fünf Studenten ein gutes Alibi. Wie aber konnte der Mord verübt werden, wie konnte der Mörder entkommen? Niemand hat ihn aus Justins Zimmer kommen sehen. Ist er an der Glyzinie vor dem Fenster hinuntergeklettert?

Edward schwört bei seiner Familienehre, er werde den Mörder bis ans Ende seiner Tage verfolgen und nicht ruhen, bis er ihn – oder sie – dingfest gemacht hat. Einstweilen hinterlegt er seine Beweismittel in der Gefrierkammer des Gerichtsmedizinischen Instituts auf dem Raleigh-Hauptsitz in Southampton. Es wird von der attraktiven Rebecca Raleigh Stothard geleitet, einer klugen Frau, die zwar – wie viele der Langlebigen in den Familien — bereits über hundert Jahre alt ist, aber durch ihre Verjüngungskuren aussieht wie Mitte Zwanzig. Edward findet sie ausnehmend verführerisch. Trotz ihrer 17 Kinder.

Manhattan im Jahre unserer Herrin Maria 1853. Die anhaltende Bevölkerungsexplosion hat auch die Völker, die sich seit 1630 in Nordamerika niedergelassen haben, zu einer platzsparenden Bauweise in die Höhe gezwungen. Es gibt TV, Luft- und Raumfahrt, sogar einen Kanaltunnel. Neill H. Caesar empfängt Edward. Edward bestätigt Anthonys Alibi. Im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

Der Jupitermond Ganymed im Jahre unserer Herrin Maria 1920. Die „Kuranda“ legt als erstes Raumschiff der Raleighs auf einer der vielen Welten der Familie Caesar an. In der Ganymed-Hauptstadt Neu-Mailand wird Edward von Bürgermeister Ricardo Saville Caesar empfangen. Die Raleighs und Percys fragen sich besorgt, was zum Kuckuck die Caesars mit all ihren Welten vorhaben.

Edward besucht Bethany Maria Caesar auf dem vulkanischen Jupitermond Io in ihrem Forschungsinstitut. Bei ihrem Anblick ist er entsetzt: Sie sieht ALT aus! Zu seiner Bestürzung hat sie Einwände gegen die Langlebigkeit der Familien: Deren Mitglieder würden sich gegen Wandel wehren. KIs nähmen ihnen die Arbeit ab, so dass sie in Trägheit verfielen. Bethany, einst Justins Braut, entwickelt die Nanotechnologie zur Biononik.

1971, das Raleigh Familien-Institut. Bethanys Biononik hat die Menschen quasi zu Göttern gemacht. Tod, Altern, sogar Arbeit gehören der Vergangenheit an. Das Wichtigste ist nun Materie, aus der man per Biononik einfach alles herzustellen vermag. Der Bevölkerungsdruck hat die Menschheit sich auf die gesamte Galaxis ausbreiten lassen, seitdem sie mit ihren Raumschiffen durch Wurmlöcher zu den fernsten Welten gelangen kann. Im Vatikan herrschen immer noch die Borgias.

Doch der Mord an Justin Raleigh ist ungelöst, ungesühnt, und Edward, nunmehr im Obersten Familienrat der Raleighs, darf nicht ruhen. Er zitiert Christine Jayne Lockett herbei. Anders als die Familien und die meisten Kurzlebigen ist sie ein Hippie und eine Naturanhängerin, die die Langlebigkeit und Rückstellung ablehnt. Gegen ihren Willen lässt er – wie in der Dick-Story „Paycheck“ – ihr Gedächtnis auslesen und nach Erinnerungen aus der Mordnacht durchsuchen. Doch die „Zeitreise“ beweist ihre Unschuld. Wäre Edward nicht bereits so mächtig, würde sie ihn vor den Kadi zitieren.

Wieder führt Edward sein Weg zu Carter Osborne Kenyon, einem der Sechs aus Oxford. Im Jahr 2000 unserer Herrin Maria besucht er ihn in der Erdumlaufbahn. Obwohl das Gehirn des Kernphysikers nach einem schweren Unfall schwer beschädigt ist, lässt er auch dessen Gedächtnis analysieren. Und diesmal findet er auf der erneuten „Zeitreise“ ins Jahr 1832 den ersten handfesten Hinweis auf den Mörder.

Wir schreiben das Jahr unserer Herrin Maria 2038. Region Eta Carinae, eines 10.000 Lichtjahre von der alten Erde entfernten Riesensterns. Edward ist gekommen, um den Täter zu verhaften und einer, wie er behauptet, „gerechten“ Strafe zuzuführen. Doch der Unterschied zwischen Humanität und Barbarei ist manchmal nur eine Frage des Standpunktes…

_Mein Eindruck_

Der alternative Geschichtsverlauf, den Hamilton in seiner wunderbar spannenden Detektivgeschichte klassischen Zuschnitts zeichnet, blickt auf eine ehrwürdige britische Tradition zurück. Schon in den sechziger Jahren stellte sich der britische Autor Keith Roberts ein England vor, in dem es dem Vatikan gelungen war, die vom katholischen Glauben abgefallene Königin Elizabeth I. ermorden zu lassen, In der Folge konnte die Armada des katholischen Königs Philipp von Spanien England erobern und komplett auf katholische Werte zurückstellen.

Doch anders als bei Roberts stellt sich Hamilton vor, dass diese Wende nicht zu technischem Rückschritt – statt Telefon gibt es noch Signalmasten für die Nachrichtenübermittlung – geführt hätten, sondern wegen der Bevölkerungsexplosion zu beschleunigtem technischem Fortschritt. Eine dünne privilegierte Oberschicht, die Familien der Langlebigen, treibt die wissenschaftlichen Studien voran, während die Kurzlebigen oder „Ephemeren“ niedere Arbeiten à la Morlocks verrichten. Revolutionen hat es schon lange nicht mehr gegeben, in Rom herrschen die Kaiser und der Kongress des Zweiten Imperiums, im Vatikan die Borgias. Diese vertreten die biblische Doktrin von Johannes Paul II.: Keine Verhütung, sondern vermehret euch und bevölkert die Erde – und den gesamten Weltraum am besten gleich dazu!

Das Raffinierte und wirklich Befriedigende an dieser Erfindung Hamiltons ist, dass es genau diese Kluft zwischen Lang- und Kurzlebigen ist, die das Motiv für den Mord an Justin liefert. Edward, der unermüdliche Ermittler, muss erst diesen Balken in seinem Auge finden, bevor er überhaupt dessen Bedeutung begreift. Und so das Motiv erkennt. Seine Strafe ist furchtbar und hat nicht wenig von einem Mord und ewiger Verdammnis an sich. An diesem Punkt ist es dem Hörer überlassen, ein moralisches Urteil zu fällen: Der Mord musste gesühnt werden, in Ordnung – aber wirklich um diesen Preis?

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Detlef Bierstedt liest ausdrucksvoll, leicht verständlich, nicht zu überhastet. Den verschiedenen Figuren vermag er unterschiedliche Charakteristika zu verleihen, so dass man sie unterscheiden kann. Das einzige Detail, das ein Englischkenner einwenden könnte, ist seine Aussprache des Familiennamens Raleigh. Bierstedt spricht das [rälli] aus, als handle es sich um eine Rallye statt um eine Sippe. Ich würde es [rå:li] aussprechen, so wie die Universitätsstadt in North Carolina – oder wie in „Sir Walter Raleigh“, einem der ersten Entdecker Nordamerikas zu Elizabeths I. Zeiten.

|Unterschiede zum Buch|

Wieder einmal konnte ich den gesprochenen Text mit dem in Peter Crowthers Anthologie „Unendliche Grenzen“ (Bastei-Lübbe 2003, Nr. 23266) vergleichen. Dabei stellte ich fest, dass etliche Seiten gestrichen worden sind. Dies betrifft zum Beispiel ein Forschungsgebiet, das Justin beackerte. Allerdings ist das nicht weiter schlimm, wie mir scheint, denn der Begriff C-60 taucht später nie wieder auf, ist also ohne Belang. Andere Kürzungen betreffen Ausführungen über die Weiterentwicklung der Menschheit während der erzählten Zeit. Dass Bethany die Biononik (= Nanotechnologie) entwickelt hatte, entging mir zunächst, das wird aber später nochmals separat erwähnt.

_Unterm Strich_

Schon die erste Zeile der Story verblüfft den Hörer: ein Telefon im Jahre 1832?? Und so geht es bis zum Schluss weiter. Die Geschichte ist eine Entdeckungsreise, die ihren eigenen Reiz ausübt.

Zum anderen ist sie auch eine spannende Detektivgeschichte klassischen Zuschnitts, die eines Sherlock Holmes oder Auguste Dupin (E. A. Poe) würdig wäre. Wenn man alle Möglichkeiten ausgeschlossen hatte, bleibt frei nach Ockham und Holmes nur noch eine logische Lösung übrig, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag. Diese spezielle Lösung jedoch bricht einem schier das Herz. Dass sie an den Kern des Problems dieser Zukunft rührt, macht sie so zwingend und überzeugend. Sie führt uns selbst zur Frage zurück, was passieren würde, wenn jeder es dem Vatikan recht machte. Selbst wenn dort nicht die Borgias herrschen.

Bierstedts Lesung ist ein Vortrag, dem man gerne folgt (selbst wenn man sich nicht wie ich Notizen dabei macht). Man muss schon die Ohren ein wenig spitzen, um alle ironischen Abweichungen von der uns bekannten Geschichtsschreibung zu bemerken. Dennoch: Ein ernsthafter Ermittler vom Zuschnitt eines Edward Raleigh muss auch entsprechenden Ernst auszudrücken vermögen. Es geht ihm um nichts Geringeres als den Mörder zur Strecke zu bringen, möge es auch über 200 Jahre dauern. Diesen Ernst glaubwürdig zu vermitteln, gelingt Bierstedt meiner Ansicht nach. Auch wenn ich über die Aussprache von „Raleigh“ ganz anderer Ansicht bin.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Barron, Thomas A. – Merlin – Wie alles begann

„Merlin – Wie alles begann“ ist der erste Teil einer erfolgreichen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein Kind, dessen Mutter seine Herkunft mit einem geheimnisvollen Schweigen umgibt. Klar, dass er seine Wurzeln erkunden muss. Denn das bedeutet, die Quelle seiner Fähigkeiten zu ergründen.

_Der Autor_

Thomas A. Barron wuchs in Massachusetts/USA auf. Er studierte an den Unis Princeton und Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften, war Manager in einer New Yorker Anlagefirma und anschließend selbständiger Unternehmer. Seit 1990 ist er freier Autor und lebt mit seiner Familie in Boulder, Colorado. (Verlagsinfo) Seine Homepage: http://www.tabarron.com.

Seine Saga um die Jugend des Zauberers Merlin umfasst fünf Bände:

1) Merlin – Wie alles begann
2) Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit
3) Merlin und die Feuerprobe
4) Merlin und der Zauberspiegel
5) Merlin und die Flügel der Freiheit

Der Autor hat die vorliegende „Lesefassung“ autorisiert. Es handelt sich also wohl um eine gekürzte Version des Buches.

_Die Sprecher_

Stefan Wilkening ist als Emrys (später „Merlin“) zu hören, und Kai Taschner als Erzähler. Sie lassen die Geschichte lebendig werden.

Regie führte, wie schon bei Isabel Allendes Hörbuch „Im Reich des goldenen Drachen“, Caroline Neven Du Mont.

_Handlung_

Ein Junge und eine bewusstlose Frau werden an die felsige Küste von Wales gespült. Die Gestrandeten sind Emrys und seine Mutter, die sich Brangwen nennt. Emrys erinnert sich nicht, woher er kommt und wie er hierher gelangt ist. Als ein wilder Keiler auftaucht und Emrys angreift, werden die beiden schwachen Schiffbrüchigen von einem Hirsch verteidigt und gerettet. Dies ist einer der Zweikämpfe zwischen dem keltischen Gott Daghda und seinem Widersacher Ritagaur.

Fünf Jahre später lebt Brangwen mit ihrem Sohn als Heilerin in einem walisischen Dorf, das einst die Römer errichtet hatten und nun von den eingedrungenen Sachsen bewohnt wird. Emrys entwickelt die „Talente“ der Empathie, der Hellseherei und der Telekinese. Sein Widersacher ist der Raufbold Dinatius, der schließlich ihre Hütte überfällt. Nachdem er Emrys niedergeschlagen hat, will er mit seinen Kumpanen Brangwen als Hexe auf einem Scheiterhaufen verbrennen.

Emrys lässt einen schweren brennenden Ast auf Dinatius fallen, so dass der Junge verbrennt. Seine Todesschreie bewegen Emrys dazu, ihn aus dem Feuer zu retten. Dabei erblindet Emrys, wird in einem weit entfernten christlichen Kloster gesundgepflegt, in Caer Myrddin. Dafür, dass er sein zweites Gesicht wiedererlangt, verzichtet er für den Christengott auf seine anderen Gaben.

Nachdem er sein Zweites Gesicht bis zur Perfektion trainiert hat, verlässt er mit einem Zauberamulett seiner Mutter das Kloster, segelt übers Meer, strandet an einem fruchtbaren Gestade. Schon wieder wird er Zeuge eines Kampfes zwischen Tieren: Diesmal ist es sein Totemtier, der Merlinfalke, der es mit zwei Riesenratten aufnimmt. Durch sein Eingreifen rettet Emrys dem Falken das Leben, doch der revanchiert sich schlecht: Er reißt dem Jungen die Haut von der Hand.

In einem sehr lebendigen Wald lernt er ein wildes Mädchen kennen: Rhiannon, kurz ‚Rhia‘ genannt. Sie spricht mit den Bäumen und den Tieren, genau wie Tolkiens Baumbart: eine Hüterin, die natürlich in einem Baum wohnt. Dieses Land ist Fincaira, von dem seine Mutter immer sang. Doch das Land ist beschädigt, verheert, dem Tode nahe, und nur Rhias Wald ist die letzte Bastion des Lebens. Das Vordringen der Ratten und eines Wechselgeistes ist ein Alarmzeichen.

Die Bedrohung geht von König Stangmar aus, der Merlins altem Feind Ritagaur hörig geworden ist. Er gebietet über die Toten, die als Ghule seinen Willen erfüllen, und den Goblins, die Jagd auf freie Wesen machen. Vor allem aber ist König Stangmar hinter den Schätzen des sagenhaften Landes her, und Emrys vermutet, dass ihm nur noch sein Galathor fehlt, den er am Hals trägt, bis Stangmars Macht vollkommen ist.

Doch was ist zu tun? Die Prophezeiung der weisen Elusa, die als Spinne in einer Kristallhöhle lebt, verheißt, dass das Schloss des Königs zerstört werden wird, wenn die verschwundenen Riesen wieder tanzen und singen. Doch diese Riesen sind wenig vielversprechend, wenn sich Emrys ihren letzten Vertreter ansieht: Shim ist eher ein Zwerg von Statur und ziemlich vorsichtig. Singen kann er auch nicht. Soll also Emrys seine anderen Kräfte einsetzen? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, bevor er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann? Zunächst muss er erst einmal wissen, wer er selbst ist.

Emrys wird von Goblins gefangengenommen, doch Rhia tauscht mit ihm, so dass sie es ist, die in das Schloss Stangmars verschleppt wird. Emrys, Shim und der Merlinfalke „Verdruss“ machen sich auf den Weg. Von dem unterirdisch lebenden Poeten Capre erfährt er mehr über die Herkunft seiner Mutter. Sie hieß ursprünglich Elaine und stammte aus Gwynnedd (Wales), ihr Vater war ein Zauberer im Dienste Daghdas, der aber in Stangmars Kreis geriet. Wieder zeigt sich hier der Widerstreit zwischen Daghda und Ritagaur: Während Ritagaur sowohl die Erde als auch die Anderswelt beherrschen will, lässt Daghda den Menschen ihren freien Willen. Sie müssen Fincaira selbst retten.

Elaine musste Fincaira verlassen, weil hier keine Menschen geboren werden dürfen. Doch ein Sturm trieb ihr Schiff zurück, und sie gebar Emrys an der Küste. Sechs Jahre später floh sie erneut – siehe oben.

Doch wer ist sein Vater? Vielleicht weiß die Hexe Domno im verhexten Moor Bescheid und den Weg, auf dem man ins Schloss gelangt. Bei der zwielichtigen Domno, die große Ähnlichkeit mit Gollum aufweist und deren Name „dunkles Schicksal“ bedeutet, müssen sie wetten, und als Einsatz akzeptiert Domno nur den Galathor. Domno ihrerseits gibt Emrys den eingefangenen Falken „Verdruss“, und das erweist sich als größeres Geschenk als beide ahnen.

Denn im Schloss kommt es zum Showdown zwischen König Stangmars Seite und Emrys und seinen Gefährten. Stangmar will Emrys dem Gott Ritagaur opfern, doch sowohl Shim als auch „Verdruss“ haben entschieden etwas dagegen. Und so geht der Kampf ganz anders aus, als es sich der König vorgestellt hat.

_Mein Eindruck_

Diese Fantasy-Geschichte ist für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren konzipiert. Dementsprechend einfach sind die Sprache und der Handlungsaufbau.

|Der Held als Sucher, Erlöser und Heiler|

Es handelt sich im Grunde um eine Entdeckungsreise, die den Helden, der sein Gedächtnis verloren hat, zu seinem Ursprung zurückführt, ihn mit großem Unglück konfrontiert und von ihm größte Opfer abverlangt, um das Unglück aufzuheben: Er kann das Land Fincaira von dem Fluch, das auf ihm lastet, erlösen. Aber erst dann, als er die Wahrheit erkannt und dem entsprechend gehandelt hat. Dabei helfen ihm, wie in der Fantasy üblich, gute Gefährten, aber auch zwielichtige Wesen. Und eine rätselhafte Prophezeiung spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Erst dann, wenn sie sich erfüllt hat, weiß der Held – und mit ihm der Leser -, dass sozusagen alles wieder in Butter ist.

|Der Zauberlehrling|

Wieder einmal ist das eine Geschichte vom Zauberlehrling. Harry Potter lässt grüßen. Doch was bei Potter die viktorianische Umgebung darstellt, ist bei Emrys eine raue dörfliche, später eine natürliche Umgebung: Fincaira ist ein heiliges Land, eine Brücke zwischen Menschen- und Anderswelt. Demzufolge besitzen die Dinge, die Emrys hier antrifft, eine höhere und allgemeingültigere Bedeutung als sonst und spielen eine größere Rolle im Lauf der Welt.

Alle Wesen, die Emrys in Fincaira natrifft, sind Verkörperung von natürlichen Aspekten oder moralischen Prinzipien. Die Kunst liegt nun aber darin, dass der Autor sie nicht so platt aussehen lässt. Er muss ihnen mehrere Schichten von Bedeutung verleihen, eigene Motive, ein eigenes Leben. Rhia ist neben dem Falken die lebhaftetste Figur in Fincaira.

|Rhias Rolle|

Dass der Falke für Daghda steht, ist schon frühzeitig klar, doch wofür steht Rhia? Sie ist die Hüterin der letzten lebenden und sprechenden Bäume im zauberischen Druma-Wald. Sie sind ihre Gefährten, ihr Wohnbaum ist ihre Mutter und ihre Heimat. Rhia spielt eine wichtige Rolle dabei, Emrys zu etwas zu verwandeln, das es mit dem Bösen aufnehmen kann. Sie zeigt ihm den Sternenhimmel, aber nicht als Ansammlung von Sternbildern, sondern als etwas, das sich aus den Zwischenräumen formen lässt, sozusagen aus dem Negativ des Bildes. Und diese Wandlung in seiner Denkweise und Welt-Anschauung versetzt ihn in die lage, auch seine eigenen Kräfte, denen er abgeschworen hatte, wieder einzusetzen und so das Böse zu besiegen.

|Barrons Quellen|

Dass viele Handlungselemente sowie Figuren an Tolkiens Universum erinnern, liegt nicht etwa an Barrons möglicher Einfallslosigkeit, sondern an Tolkiens allgemein verfügbaren Quellen: Er hat sie walisisch-keltischen, altenglischen, altnordischen und finnischen Sagen und Epen entnommen. Aus dem gleichen Kessel kann legitimerweise auch Barron schöpfen. Und an walisischen Quellen bietet die Epensammlung des Mabinogion reichen Stoff. Der dunkle König entspricht beispielsweise Arawn, dem Herrn der Unterwelt. Beide besitzen einen schwarzen Kessel, aus dem neue Krieger verwandelt hervorgehen, die dem König, wiewohl untot, als Ghule gehorchen müssen. Natürlich ist es Stangmars Absicht, auch Emrys da hineinzuwerfen. (Mehr soll aber nicht verraten werden.)

|Darth Vader|

Beim Showdown fühlte ich mich doch sehr an Star Wars Episode V erinnert. Der dunkle König hat starke Ähnlichkeit mit Darth Vader. Was daraus folgt, muss ich der Intelligenz des aufmerksamen Lesers überlassen. Doch es zeigt, dass auch George Lucas und vor allem seine Drehbuchautorin Leigh Brackett ganz genau wussten, was sie taten: Sie verarbeiteten die klassischen Phasen der Entwicklung eines Helden so, wie die historischen Quellen, aus denen auch Tolkien schöpfte, es vorgaben.

|Spannung|

Natürlich bringt es der Handlungsaufbau unweigerlich mit sich, dass er im Leser Spannung aufbaut. Es gilt, eine ganze Latte von Geheimnissen und Rätseln der Vergangenheit zu lösen. Die Unglücke, die Emrys und seinen Gefährten zustoßen, sind auch nicht von Pappe. Manche Gestalten wie der kratzbürstige Falke, die spinnenhafte Elusa (Prophezeiung) und die hinterlistige Hexe Domno (Wette, Schachspiel) flößen nicht gerade Vertrauen ein. Geradezu heimelig wirkt dagegen der einsame Poet und Leser Capre in seiner unterirdischen Bibliothek. Der spannende Höhepunkt ist natürlich der Showdown im Schloss des dunklen Königs.

|Ausblick|

Emrys hat nun seinen neuen Namen erlangt, seinen Wahren Namen: Merlin, nach dem Falken. Somit ist er nun als Diener Daghdas ausgewiesen, zumindest für Rhia & Co. Er mag zwar nun ein Kämpfer sein, doch noch lange kein Lehrer von Königen wie Artus. Zuvor muss er noch lernen, Weisheit zu erlangen. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die wird im nächsten Buch erzählt – siehe oben.

_Die Sprecher_

Selten hört man so deutlich gestaltete Stimmen, die auch noch so ausgezeichnet passen. Stefan Wilkening kann es in dieser Beziehung fast mit Rufus Beck aufnehmen. Allerdings übertreibt Beck seine Kunst manchmal. Wilkening erweckt wichtige Figuren wie die alte Domno oder die weise Elusa direkt zum Leben, inklusive ihrer ambivalenten Natur: Beide Wesen haben ihre eigenen Motive – Hunger oder Gier -, um Emrys zu helfen. Die Stimme König Stangmars ist ebenfalls recht passend: autoritär, würdevoll, aber leider auch ohne Gande – ein vom Bösen verdorbener König.

Zwischendurch ist kurz mal der Erzähler zu hören. Seine Aufgabe ist es, weniger wichtige Handlungsvorgänge raffend zusammenzufassen, bis dann die nächste wichtige Szene eröffnet wird. Das kommt dem Tempo der Handlung sehr zugute. Es ist nicht seine Aufgabe, irgendwelche Figuren zu charakterisieren.

Stefan Wilkening ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Er ist der erste Sprecher, den ich kenne, der walisisch-keltische Namen korrekt ausspricht. Und zwar nicht nur ein- oder zweimal, sondern durchgehend. Das wird bei seiner Aussprache von ‚Rhia‘ deutlich: [chría]. Die Aussprache von ‚Gwynnedd‘ kann ich nicht einmal darstellen, weil mir das Zeichen für das stimmhafte ‚th‘ am Schluss fehlt. Das Gleiche gilt für Caer Myrddin, deas Kloster, in dem Emrys aufwächst, bis er Zwölf ist.

_Unterm Strich_

Dieses „Merlin“-Hörbuch hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist sowohl spannend und geheimnisvoll als auch anrührend. Sie ist meilenweit entfernt von den Klischees, die in der Mini-Serie „Merlin“ fürs Fernsehen verarbeitet wurden. Eine böse Feenkönigin (Queen Mab) ist hier nicht zu finden. Wohl aber Wesen, die ihre eigenen Motive haben, ähnlich wie in Michael Endes „Unendliche Geschichte“. Und wie bei Ende gilt es, ein sagenhaftes Land vor dem Bösen zu retten.

Der Sprecher Stefan Wilkening macht seine Sache ausgezeichnet, und ich würde ihn gerne wieder als Sprecher der nächsten Bände hören. Ursprünglich war laut Verlagsvorschau Schauspieler Daniel Brühl vorgesehen, aber der hatte garantiert keine Zeit, seit „Goodbye Lenin“ internationale Filmpreise einheimst. Ich finde Wilkening sogar noch besser, zumindest als Sprecher. Wer weiß, ob Brühl das Walisische so schön in den Griff bekommen hätte.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Grisham, John – Liste, Die

Eine junge Frau und Mutter wird im Bundesstaat Mississippi brutal vergewaltigt und ermordet. Der Täter ist bald gefunden und wird vor Gericht gestellt. Damit fangen die Schwierigkeiten an: Er droht den Geschworenen, sie alle umzubringen, sollte er wieder freikommen. Das ist bereits nach neun Jahren der Fall. Der Herausgeber der „Ford County Times“ verfolgt und schildert die Geschehnisse zwischen 1971 und 1980.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seiner Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

Sein vorletztes Buch trägt den Titel „Bleachers“, also Zuschauertribüne, und befasst sich mit den dunklen Machenschaften im Profisport. Deutscher Titel: „Der Coach“. „Die Liste“ ist Grishams neuestes Buch.

_Der Sprecher_

Charles Brauer, geboren 1935, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne/Ullstein bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ (siehe meine jeweiligen Rezensionen dazu) von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Im Jahre 1970 geht die Wochenzeitung „Ford County Times“, die in Clanton, Mississippi, erscheint, beinahe pleite, nachdem sich der Chefredakteur Wilson Cordle auf die Seite der rassischen Gleichberechtigung gestellt hat. So weit ist der Rest der weißen Bevölkerung noch nicht. Schon bald springen die Anzeigenkunden ab, ebenso die Abonnenten, die Gläubiger wollen alle auf einmal ihr Geld sehen. Der arme Wilson dreht fast durch.

Nach einem Gespräch mit Wilsons Anwalt Walter Sullivan kauft der 23 Jahre junge Times-Redakteur Willie Traynor, der aus Memphis, Tennessee, stammt, die Zeitung für schlappe 50.000 Dollar, die er von seiner Oma gepumpt hat. Die Gemeinde ist überrascht und ein wenig verärgert: Hier gehört man erst nach drei Generationen „dazu“. Zunächst ist die Auflage nur wenig höher als vor der Pleite.

Deshalb erweist sich die Story über den brutalen Mord an einer weißen Frau als wahrer Glücksfall, um Traynors Auflage in die Höhe zu treiben. Die Ermordete ist die 31 Jahre alte Witwe und Mutter zweier Kinder Rhoda Casselaw. Der mutmaßliche Mörder und Vergewaltiger, nach einem Unfall gefasst, ist der Alkoholiker Danny Padgitt.

Das ist ein kleines Problem, denn der gegenwärtige Sheriff wird von der kriminellen Sippe der Padgitts geschmiert. Die Padgitts haben den Drogenhandel im alten Süden der Staaten organisiert und sind schwerreiche Leute. Als Verteidiger haben sie den „niederträchtigen“ Wadenbeißer Lucien Willbanks engagiert. Richter Reed Lupus lässt sich aber von ihm nicht einschüchtern. Willbanks verklagt auch Traynor wegen Verleumdung, denn seine Zeitung habe die Geschworenen beeinflusst. Mit einer der Geschworenen, Celia Ruffin, einer schwarzen Mutter von acht Kindern, freundet sich Willie besonders an und schreibt über sie in der „Times“.

Kurz und gut: Der Prozess gegen Danny Padgitt, der dann schließlich doch noch in Clanton stattfinden kann, endet dramatisch: Der Verurteilte bedroht in aller Öffentlichkeit das Leben der Geschworenen. Die Auflage der „Times“ steigt wieder einmal.

Neun Jahre später kommt der Mörder, entgegen allen Anstrengungen Willies und seiner Freunde, unerwartet frei und zurück nach Ford County. Er jagt nicht nur die Geschworenen, sondern auch Willie Traynor, den Besitzer der „Times“. Schon bald sind erste Opfer unter den Geschworenen zu beklagen. Willie bangt um Celia Ruffin und andere Freunde. Aber ist es wirklich Danny, der hinter den Morden steckt?

_Mein Eindruck_

Manchmal ist ein Leser froh, wenn er nicht das ganze Buch lesen muss. „Die Liste“ ist offenbar so ein Fall. Nicht nur die Leserurteile bei Amazon.de bestätigen das, sondern auch meine eigene Erfahrung – und das nur mit der gekürzten Fassung des Hörbuchs. Die Leser fragen sich, worum es eigentlich dem Autor beim Schreiben dieses Romans ging. Denn dass eine Jury manipuliert wird, sah man ja vor kurzem in der gediegenen Verfilmung von Grishams „Das Urteil“ (The Runaway Jury). Das ist also nicht das Neue.

Auch die Rassendiskriminierung in Grishams eigenem Heimat-Bundesstaat Mississippi ist ja nicht gerade neu. Dieses Themas hatte er sich schon ziemlich früh angenommen – mir fällt jetzt leider der Titel nicht ein, aber auch dieser Roman wurde verfilmt. Dennoch erzählt uns der Autor wieder einmal vom Schicksal eines jungen Schwarzen, Sam Ruffin, dem Sohn von Celia Ruffin. Sam hat sich von der frustrierten weißen Ehefrau Iris Durant verführen lassen. Daraufhin wollte Mr. Durant, der Chef der Highway-Patrouille, ihn über den Haufen schießen. Sam floh und wird seitdem gesucht. Als er sich bei Willie meldet, ist er immer noch mit Iris zusammen, die von ihrem Ehemann mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt worden ist.

|Die Rolle der Medien in der Justiz|

Was bleibt also noch an Reiz, der einen Leser dazu bewegen könnte, diesen Roman zu lesen? Es ist die Rolle der Medien, auf die sich diesmal Grishams Augenmerk richtet. Willie Traynor ist der Besitzer und Chefredakteur einer stetig wachsenden Lokalzeitung. Er hat beträchtlichen Einfluss, seine Stimme, die sich in Leitartikeln am deutlichsten äußert, wird gehört und zählt. Was er und seine Reporter an schmutziger Wäsche aufdecken, kann sich als entscheidend bei Wahlen erweisen.

Doch schon mit dem ersten Foto von Danny Padgitt handelt er sich Ärger mit seinen Gegnern, den Kriminellen und Korrupten, ein. Das Foto zeigt einen Danny, der ein blutiges Hemd trägt, als er ins Gefängnis geführt wird. Es ist auch das Blut seines Mordopfers. Die Veröffentlichung des Fotos kommt einer Vorverurteilung gleich, denn wie kann irgendein Geschworener angesichts dieses Blutes unvoreingenommen über den Träger dieses Hemdes urteilen?

Genau diesen Umstand macht sich der gerissene Verteidiger Willbanks zunutze und klagt Willie der Beeinflussung der Jury an sowie die Geschworenen der Befangenheit. Diese Beeinträchtigung der Unschuldsvermutung (im Zweifel für den Angeklagten) ist ein ernsthaftes Problem – nicht nur vor Gericht, sondern auch etwa im Wahlkampf. Aber was macht Grisham daraus? Das ist der springende Punkt.

Immerhin gelingt es Grisham, deutlich zu machen, dass Willie Mist gebaut hat. Er hatte nur daran gedacht, mit dem Foto seine Auflage zu erhöhen. Das ist ihm gelungen. Aber er hat damit fast den Prozess unmöglich gemacht, zumindest in Clanton. Und als weitere Folge hat er die Stimmen der Jury beeinflusst. Um Danny die Höchststrafe zuzumessen, nämlich die Gaskammer, muss die Jury einstimmig votieren.

Das ist leider nicht der Fall (drei Geschworene stimmen mit „unschuldig“), und so kommt es nur zu einem doppelten „Lebenslänglich“. Und weil die Gefängnisverwaltung es so arrangieren kann, darf Danny beide Strafen von je zehn Jahren „gleichzeitig“ absitzen – unglaublich aber wahr. Und wegen „guter Führung“ käme er um ein Haar sogar schon nach acht Jahren frei, wenn Willie vor dem Bewährungsausschuss nicht eingegriffen hätte. Das gelingt ihm kein zweites Mal, und trotz des Auftritts des aktuellen Sheriffs wird Danny auf freien Fuß gesetzt. Mit tödlichen Folgen, wie es scheint.

Grisham steht zwar ziemlich deutlich auf der Seite seines Helden und Ich-Erzählers Willie Traynor. Es ist besser, eine freie Presse zu haben, als mit Bomben Geschworene und Redakteure einzuschüchtern. Doch auch die freie Presse sollte aufpassen, dass sie das Richtige tut, denn der Schuss kann leicht nach hinten losgehen, wie der Fall Danny Padgitt zeigt.

|Und sonst?|

Ich fand den Roman in der gekürzten Hörbuchfassung dann doch noch recht spannend und unterhaltsam. Die zentrale Story um Danny Padgitt erzeugt bis zum Schluss doch genügend Spannung, um einen bei der Stange zu halten. Aber manche Szenen sind auf der Kippe zwischen Horror und Komik, so etwa dann, als eine der drei unentschlossenen Geschworenen, Maxine Root, eine Bombe ins Haus geliefert bekommt, die als Geschenk von ihrer Schwester deklariert ist.

Die Art und Weise, wie diese Situation aufgelöst wird, ist genau die Mischung aus Horror (Bombe) und Komik (unfähige Hilfssheriffs, die das Höllending mit einem Schuss hochjagen), die mehrmals in Mississippi auftaucht. Auch Verrückte wie Hank Hooton, der als nackter Amokschütze auftritt, sorgen zunächst für Heiterkeit, aber auch für Schrecken. Ich fühlte mich an gewisse skurrile Kurzgeschichten von Mark Twain erinnert. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Grisham selbst in der großen amerikanischen Tradition der Local-Interest-Story sieht. (Genau wie Stephen King übrigens, der über Maine schreibt.)

Leider ist es Grisham unvermeidlich und angemessen erschienen, seine Heldin, Celia Ruffin, mit einem langen, weiß Gott tränenreichen Abgang zu würdigen – „the last juror“ heißt es im Originaltitel. Mit ihr geht eine Ära zu Ende, und so ist es auch für Willie Traynor Zeit, dem attraktiven Angebot eines Investors nachzugeben und seine Zeitung zu verkaufen – für 1,5 Millionen Dollar. Aus dem Studenten ist ein gemachter Mann geworden, dem im Grunde nur noch eine Ehefrau fehlt, um sein Glück perfekt zu machen. Meint er. Fortsetzung folgt?

|Der Sprecher|

Charles Brauer erledigt seinen Job fast einwandfrei. Als erfahrener Schauspieler – etwa im „Tatort“ – hat er ein Gespür für das Besondere an einer Szene. Da weiß er einfach, wo die Pausen gesetzt werden müssen, um die optimale Wirkung zu erzielen. Er erschließt eine Szene wie etwa im Gerichtssaal, indem er die Kontrahenten ihre jeweils individuell gestalteten Stimmen wirkungsvoll einsetzen lässt: Wut gegen Eiseskälte, Manipulation gegen aufrichtige Abwehr usw. Aber auch leise Ironie kommt zwischen den Zeilen zum Tragen, doch Brauer hat es nicht nötig, das dick aufzutragen – das muss der Zuhörer schon selbst bemerken. Deshalb: Ohren auf und genau hingehört.

_Unterm Strich_

„Die Liste“ weist eine Handlung auf, die stellenweise zu fesseln weiß, denn es geht ja um einen besonders brutalen Mordfall und dessen Bestrafung. Dass die Gefängsnisstrafe für den Verurteilten zur Farce wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Justizsystem vor Ort. Grishams Kritik, verkörpert in der Figur des Chefredakteurs und Zeitungsbesitzers Willie Traynor, trifft ziemliche viele Leute und Einrichtungen. Er zeigt, wie sich couragierte Medien sinnvoll einsetzen können, aber auch, welche Gefahren dabei lauern. Aktuelle Bezüge lassen sich zum US-Wahlkampf ziehen.

Charles Brauer macht seine Sache mal wieder sehr gut. Keine Aussprachefehler mehr wie in den frühen Grisham-Lesungen! Es ist eine reine Freude, ihm zuzuhören, besonders dann, wenn es mal wieder komisch und ironisch wird.

Umfang: 437 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2004ff

Follett, Ken – Nacht über den Wassern

Im September 1939 startet das luxuriös ausgestattete Flugboot der |Pan American Airline| zu einem letzten Flug über den Atlantik. Doch nur einer der Reisenden weiß um die tödliche Gefahr, die auf sie lauert, wenn es Nacht wird über den Wassern…

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein neuester Roman ist 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Der Sprecher_

Udo Schenk wurde 1954 geboren und lebt zurzeit in Berlin. Er hat bereits zahlreiche Film- und Fernsehrollen gespielt und ist ein gefragter Synchronsprecher: Schenk ist die deutsche Stimme von Kevin Spacey („American Beauty“), Kevin Bacon („Echoes“) oder auch Ralph Fiennes in „Der englische Patient“.

_Handlung_

Am Tag nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, also am 2.9.39, schwimmt in der Bucht des südenglischen Hafens Southampton das größte Flugboot der Welt. Der „Wal“ ist ein luxuriös ausgesttatter Clipper der |PanAm|-Fluglinie, der immerhin 41 Tonnen wiegt, aber nur 29 Stunden für die Atlantiküberquerung braucht – schneller als jedes Schiff. Dafür sind die Ticketpreise aber auch gesalzen: 675 Dollar bis New York City hin und zurück, also mehrere Monatslöhne. Es sei denn, man ist privilegiert.

Für den nächsten Flug steigen mehrere, sehr unterschiedliche Passagiere an Bord, die der Auor liebevoll in allen Einzelheiten und jeden mit einer individuellen Story vorstellt. Ihr Aufeinandertreffen macht den Flug zu einer ereignisreichen Angelegenheit.

Da ist einmal Tom Luther, ein amerikanischer Wollfabrikant und Antikommunist, der von einem ungenannten, sehr mächtigen Mann den Auftrag erhalten hat, einen der Passagiere zu töten. Eddie Deacon, der Wartungstechniker, wird dazu erpresst, bestimmte Passagiere an Bord zu lassen. Als werdender Vater hat er schlechte Karten: Die Erpresser haben seine Frau als Geisel genommen.

Die junge, anfangs naive Lady Margaret Oxenforde hat feministische und sozialistische Ideen, darf aber in ihrem adeligen Elternhaus mit ihren 19 Jahren nicht aufmucken. Ihr Vater, Lord Oxenforde, hegt unverständlicherweise Sympathien für die Nazis – nichts Ungewöhnliches im britischen Adel. Dennoch wird der Lord praktisch des Landes verwiesen.

Maggie hat bei einem nächtlichen Abenteuer in London Harry Marks auf der Polizeistation kennengelernt. Doch Harry ist ein Dieb und Hochstapler und könnte sich als höchst riskante Bekanntschaft herausstellen. Oder als ihr Lebensretter. Harry muss den Clipper erwischen, um einer Haftstrafe zu entgehen.

Mark Elder ist Amerikaner und hat Diane Lovesey kennengelernt, eine verheiratete Britin, die ihren Mann Mervyn verlassen hat. Mervyn fliegt ihr nach Irland nach, wo der Clipper eine Zwischenlandung einlegen soll. Dort wird er von der sitzengelassenen Amerikanerin Nancy Lannahn bekniet, sie mitzunehmen. Es wird ein spannender Flug in seinem Flieger.

Zu guter Letzt befinden sich ein paar Randfiguren an Bord: zwei Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland sowie Ollis Field, der wohl für das FBI arbeitet: Er bringt Frankie Giardino, einen Mafiakiller, in die Staaten, wo der Verbrecher verurteilt werden soll. Doch dessen Kumpane haben einen Notfallplan in Gang gesetzt, um dafür zu sorgen, dass Giardino rechtzeitig abgefangen wird. In diesem Plan spielt Eddie Deacon eine tragende Rolle…

_Mein Eindruck_

Alles in allem ergibt diese umfangreiche Passagierliste genügend sozialen Sprengstoff, um für fünf Kriegsabenteuer zu reichen. Follett packt alles in ein einziges Buch. Daher ist für Drama, Action und romantische Abenteuer bis zum letzten Augenblick gesorgt.

Allerdings braucht dieser literarische Vogel ebenso lange zum Abheben wie sein fliegendes Gegenstück in der Handlung. Ellenlang breitet der Autor die Hintergrundgeschichten zu den einzelnen Figuren aus, was mindestens die halbe Handlung lang andauert. Dabei ragen vor allem das ungleiche Paar Harry Marks und Maggie Oxenforde heraus, mit denen der Zuhörer bangt, ob sie a) überleben und b) sich kriegen werden. Dabei ist auch für humorvolle Situationen gesorgt. Der Ausgleich liegt in der Handlung, die sich um Eddie Deacon zu einem Drama unter Verbrechern entwickelt.

Follett erweist sich als vielseitiger Erzähler, der mehrere Tonlagen beherrscht; dramatisch, humorvoll, actionreich. Doch seine Charaktere sind keine Pappfiguren, sondern wurden genau recherchiert – ebenso wie das Vehikel, das alle diese Schicksale zusammenführt: Den „Wal“ gab es wirklich bis 1939. (Wenn ich mich recht erinnere, wurde das Flugboot von Dornier gebaut.)

Natürlich kann man, wenn man strenge Maßstäbe anlegt, dem Plot vorwerfen, dass hier allzu sehr romantisiert würde. Aber was wäre ein gutes Kriegsabenteuer ohne etwas Romantik?

|Der Sprecher|

Udo Schenk versucht, sich ehrenhaft seiner Aufgabe zu entledigen. Aber er macht drei Aussprachefehler bei den englischen Namen Berkshire, Textiles und Grumman, und das steht einem professionellen Vorleser nicht gut an.

Immerhin gelingt es ihm, die einzelnen Figuren etwas unterscheidbar zu machen, indem er seine Stimmhöhe ein wenig variiert oder die Härte der Aussprache. Doch auch dieser Erfolg ist begrenzt.

_Unterm Strich_

Ich habe schon bessere Hörbücher kennen gelernt. „Nacht über den Wassern“ ist keine Glanzleistung, weder von Seiten der Produktion noch von Seiten des Sprechers. Vielleicht ist es für den Follettfan doch besser, sich den dicken Schmöker selbst durchzulesen. Eilige Reisende können ja mit dem Hörbuch vorlieb nehmen.

Umfang: 391 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2004ff

Camilleri, Andrea – Stimme der Violine, Die

Mit Michela Licalzi wurde nahe Vigata eine schöne, reiche Frau ermordet. Leider verdächtigt der zuständige Mordkommissar Panzacchi den Falschen, der von der Polizei, obwohl unbewaffnet, erschossen wird. Dumm nur, dass die Mafia die ganze Sache auf Video aufgenommen hat. Und der richtige Mörder läuft frei herum. Dann verhilft Montalbano eine wertvolle Violine zu einem Hinweis auf den Täter.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten neun Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch dreizehn weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge

_Handlung_

Auf dem Weg zu einer Beerdigung rammt Gallo, der Fahrer Salvo Montalbanos, aus purer Selbstüberschätzung in einer Kurve einen flaschengrünen Twingo. Doch obwohl der Commissario seine Nummer hinterlässt, meldet sich niemand. Da ihm die Sache keinen ruhigen Schlaf erlaubt, bricht er kurzerhand in die kürzlich erbaute Villa hinter dem Twingo ein. Und stößt dort im Schlafzimmer auf die Leiche einer nackten schönen Frau. Sie würde erwürgt. Sofort macht sich Salvo aus dem Staub. Denn wie sollte erklären, auf welche Weise es ihm möglich gewesen war, die Tote aufzufinden?

Wie sich herausstellt, lebte Michela Licalzi in einer Scheinehe mit dem Arzt Dr. Emanuele Licalzi, 60, aus Bologna. Sie hatte offenbar Lover und Freundinnen. Eine der Letzteren, die ledige lehrerin Anna Tropeano, erzählt Salvo, der sich von ihrer Schönheit angezogen fühlt, dass Michela einen Bewunderer hatte: Maurizio di Blasi war allerdings geistig zurückgeblieben und war nur von Michelas Schönheit besessen. Er konnte sie nicht umgebracht haben, denn er spielte lieber den Voyeur.

Weil der neue Questore in Montelusa, Signore Bonetti-Alderighi, der aus dem Norden stammt und daher extrem unbeliebt ist, Montalbano den Fall entzieht, kommt nun Ernesto Panzacchivon von der Mordkommission zum Zuge. Ein schwerer Fehler, wie Salvo findet und sich bald herausstellt. Denn Panzacchi ist ein karrieregeiler Spieler. Seine ebenso begierigen Polizisten spüren Maurizio in einer Höhle auf, der ruft: „Bestraft mich!“ Sie erschießen ihn, weil sie den Schuh, den er hochhält, für eine Pistole halten.

Es kommt noch besser: In einer Pressekonferenz behauptet Panzacchi, dieser Schuh sei einer Handgranate aus dem 2. Weltkrieg gewesen. Tatsächlich haben seine Männer sogar Maurizios Fingerabdrücke drauf angebracht – stümperhaft allerdings.

Doch wie könnte es in Sizilien anders sein, schaltet sich nun die Mafia ein – in Gestalt von Avvocato Guttadauro, den wir bereits aus „Das Spiel des Patriarchen“ als aalglatten Mafiaanwalt kennen. Er habe beobachtet und sogar auf Video aufgenommen, wie Panzacchis Männer den unbewaffneten Maurizio erschossen und ihm die Handgranate untergeschoben hatten. Er werde gerne gegen Montalbanos Konkurrenten aussagen…

Nun hat Montalbano alle Trümpfe in der Hand. Soll er diese Bombe hochgehen lassen und all diejenigen, die Panzacchi gedeckt haben, aus ihren Ämtern fegen? Aber wer bringt dann den richtigen Mörder vor Gericht? Da kommt ihm Kommissar Zufall in Gestalt eines Geigenvirtuosen zu Hilfe.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal ist Camilleri eine enorm spannende Geschichte gelungen, die den Zuhörer bis zur letzten Minute fesselt, wenn der Commissario dem wahren Täter eine recht seltsam klingende Geschichte auftischt und auch prompt eine heftige Reaktion erhält. Allerdings nicht ganz die erwartete.

Wieder einmal hat der weise, verschmitzte Autor die Kriminalstory mit Erotik und Witz gewürzt. Anna Tropeano ist für Salvo eine Verlockung, doch seine Treue zu seiner Genueser Freundin Livia ist stärker. Mit dieser will Salvo einen Jungen namens Francois adoptieren, doch diese Sache scheitert. Nun weiß Salvo, wo seine Pflichten liegen.

Der drastische Witz aus „Die Form des Wassers“ ist hier zurückgenommen, obwohl der Commissario jederzeit bereit ist, in einen Wutanfall auszubrechen – und angesichts von Gallos überschätzten Fahrkünsten hätte er allen Grund dazu.

_Das Hörspiel_

Wie stets ist die SWR-Produktion makellos; die Sprecher sind ebenso ausgezeichnet eingesetzt wie die zahllosen Geräusche. Wie immer jagen sich die Dialoge und Telefonate, so dass es kaum einmal eine Verschnaufpause gibt und die jeweils etwa 55 Minuten wie im Fluge vorüber sind.

Die Musik ist ja sonst ein heikler Punkt, doch diesmal wurde das Jazz-Gedudel durch sizilianische Caféhausmusik abgelöst – mit stimmungsvollen Geigen und Klavieren an den richtigen Stellen und drängenden Rhythmen, wenn’s spannend wird.

_Unterm Strich_

„Die Stimme der Violine“ ist mindestens so gut wie „Das Spiel des Patriarchen“. Allerdings mischen sich in die Spannung viele tragische, besinnliche wie auch sinnliche Töne. Eine Mischung, wie man sie sich von einem weisen alten Mann wie Camilleri nicht besser wünschen kann. Dabei bleibt der politische Biss keineswegs außen vor.

Fazit: 100 Punkte.

_Michael Matzer­_ © 2003ff

Eschbach, Andreas – Letzte seiner Art, Der

Es gibt eine ganze Reihe von Standardmotiven in der spekulativen Literatur, und eines davon ist der Kyborg. Die Abkürzung ist aus dem 1960 geprägten Begriff „kybernetischer Organismus“ abgeleitet. James Camerons „Terminator“ ist wohl der bekannteste Cyborg, aber vorher gab es schon den „Six Million Dollar Man“ in einer TV-Serie.

Regelmäßig finden die Kyborgs einen gewaltsamen Tod, ganz gleich, ob sie gut sind oder böse. Dass das Ende eines Terminators auch ganz anders aussehen kann, belegt Andreas Eschbach in seinem Roman „Der Letzte seiner Art“, der nun auch im Hörbuch vorliegt.

_Der Autor_

Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.

Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“, die Komödie „Kelwitts Stern“ und der Megaseller „Das Jesus-Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet wurde. Mit „Eine Billion Dollar“ machte der Autor die FAZ auf sich aufmerksam, für deren Sonntagsausgabe er den Fortsetzungsroman „Exponentialdrift“ schrieb.

Im September 2003 erschien der Roman „Der Letzte seiner Art“ bei Lübbe. Den gibt es seit März 2004 als Hörbuch. Zuletzt veröffentlichte der Arena-Verlag, Würzburg, den Jugendroman „Die seltene Gabe“. Ein weiterer Jugendroman, „Das Marsprojekt“, soll verfilmt werden, und der Ausbau zur Trilogie ist schon in Arbeit.

_Der Sprecher_

Martin May, 1961 in Coburg geboren, wurde bereits mit 18 Jahren von Rudolf Noelte als Schauspieler entdeckt. Es folgten über hundert weitere Rollen bei Film, Fernsehen und Theater, unter anderem in Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“. May lebt mit seiner Familie bei Hamburg.

_Handlung_

Duane Fitzgerald lebt zurückgezogen in einem Häuschen vor den Toren des irischen Hafenstädtchens Dingle. Hier an der Westküste sprechen die Leute sogar noch Gälisch, die alte Sprache der keltischen Ureinwohner. Er hat sich gut eingerichtet, liest fleißig Bücher, philosophiert mit Seneca, dem antiken Römer. Jede Woche geht er zur Post, um ein Paket mit Nahrungskonzentrat, das aus den USA geschickt wurde, beim Postbeamten Billy Trant abzuholen. Und dann ist da noch Bridget Keane, auf die er ein Auge geworfen hat. Sie führt das Hotel Brennan, das alle Fremden beherbergt, die nach Dingle kommen. In letzter Zeit werden es immer mehr…

Duane ist ein Mann in den besten Jahren, wie man so sagt, und bezieht eine Pension, die wie sein Nahrungskonzentrat auch aus den USA geschickt wird. Doch er kann sie nicht so recht genießen. Da er ist, was er ist, weiß er, dass er nie wieder normales Essen zu sich nehmen und nie mehr eine Frau lieben kann. Doch es gibt einen Ausgleich. Er besitzt Fähigkeiten, um die ihn manche Menschen beneiden würden. Er ist das Ergebnis eines geheimen Projekts der amerikanischen Regierung, eines Projekts, das fehlgeschlagen ist.

Man wollte den Supersoldaten erschaffen, eine Verbindung aus Mensch und Maschine, so etwas wie einen Terminator. Und tatsächlich hatte sich Duane freiwillig vom Marine Corps für das Projekt „Steel Man“ gemeldet, um seinem Idol, dem „Terminator“, nachzueifern. Die USA hatten auch Verwendung für ihn und die kleine Gruppe von Seinesgleichen: im Golfkrieg 1990/91. Sie sollten eine autonom agierende spezielle Einsatztruppe bilden, um Punktziele hinter den feindlichen Linien anzugreifen.

Allerdings wurden die Experimente und Organersetzungen an den „Steel Men“, wie die kybernetischen Organismen, die Cyborgs, genannt wurden, überhastet durchgeführt. Viele Cyborgs starben an den Komplikationen. Der erste Projektleiter Prof. Nathan Stewart trat 1988 zurück, und weniger Befähigte folgten ihm. Das Projekt wurde gestoppt, die Supermänner in den Ruhestand geschickt, ehe sie zum Einsatz kamen. Für ihren Einsatz erhielten sie die Freiheit, dort zu leben, wo sie wollten. Dafür mussten sie versprechen zu schweigen. Duane wählte die Heimat seiner Vorfahren: Irland.

|Alles wird anders – und gefährlich|

Aber nun hat das Schweigen ein Ende: Ein amerikanischer Bürgerrechtsanwalt, Harold Itsumi aus San Francisco, sucht fieberhaft nach Duane. Als er ihn findet, bietet er ihm an, ihn in einem Schadensersatzprozess gegen die US-Regierung zu vertreten. Es geht um Millionen, wenn nicht sogar mehr. Wenig später besucht Duane im Hotel Brennan Itsumi, um sich dessen angeblich geheime Unterlagen über „Steel Man“ zeigen zu lassen. Ein Schuss fällt, Duane wechselt in den Kampfmodus, jagt seine 150 Kilo die Treppen hoch und in Itsumis Zimmer: zu spät. Der Mörder kann entkommen.

Die Unterlagen sind verschwunden, die Duane mehr über sich hätten verraten können. Und mit ihnen die junge Wirtin, Bridget Keane, über die er erfährt, dass sie Verbindungen zur IRA habe. Die örtliche Polizei befragt Duane als einzigen Zeugen, und die unbekannten Fremden, die mit Handys herumlaufen und ihn beobachten, nehmen an Zahl zu. Da wird sein Arzt, Dr. O’Shea ermordet. Und wenige Tage später fischt man einen toten Amerikaner aus dem Hafenbecken.

Die Lage wird brenzlig für Duane, als seine Nahrungslieferungen ausbleiben. Und selbst ein Cyborg kann es nicht mit den Geheimdiensten der Amerikaner und Iren aufnehmen. Außerdem weiß er nicht alles über sich: Er findet einen Mikrochip, den ihm Dr. O’Shea entfernt hat: Es ist ein Abschaltmechanismus für einen Cyborg. Er ahnt, dass in ihm auch ein Peilempfänger installiert sein könnte, mit dem sie ihn überall auf der Welt aufspüren können.

Nach einem Geheimtreffen mit Bridget Keane muss sich Duane entscheiden: Was ist ihm der Eid noch wert, den er auf die US-Fahne geschworen hat? Und was die Freiheit, wenn er damit doch nur zum Spielball der Geheimdienste wird und alle in tödliche Gefahr bringt, die ihm nahe stehen?

_Mein Eindruck_

Wie leicht hätte Eschbach aus diesem Plot einen technizistischen Actionthriller machen können! All die Super-Gadgets, die in Duanes Eine-Milliarde-Dollar-Körper eingebaut sind! Doch dieser Techno-Thriller hätte nur wie ein Abklatsch von Camerons „Terminator“-Filmen gewirkt. Und wir wissen ja, wie ein gealterter Terminator aussieht und wirkt – siehe den dritten Teil.

Auch die Parallen zum Plot von „Rambo“ boten sich an und sind auch zum Teil realisiert: Lt. Colonel George Reilly spielt die Rolle des Übervaters der „Steel Men“ genau so, wie Richard McCrenna sie für Stallones „Rambo“ spielte. Doch mit dem Ende des Projekts „Steel Man“ ist auch Reilly überflüssig geworden. Und genauso wie die Cyborgs werden „sie“ wohl auch ihn beseitigen, auf dass es keine weiteren Anwälte à la Harold Itsumi mehr geben kann.

Eine Kampfmaschine also auf dem Abstellgleis: Duane wähnt sich sicher, doch der Schein trügt, als das Gleichgewicht seiner Welt durch einen einzigen Mann zerstört wird. Die Zwielichtwelt der Geheimdienste und Top-Secret-Projekte kann Publicity nicht gebrauchen. Bridget bietet Duane an, ihn zu einem Ärztekongress nach Dublin, bei dem es um Biotechnik geht, zu bringen. Sein Auftritt dort wäre der Todesstoß für alle Mitarbeiter am Projekt „Steel Man“ und sein Nachfolgeprojekt „Dragon Blood“.

Aber wie Duane erkennt, wäre das auch der Tod für alle, die sich in seiner Begleitung befinden. Er ist der „Letzte seiner Art“ – James Fenimoore Coopers Roman „Der letzte Mohikaner“ lässt grüßen – und will der Letzte bleiben, der getötet wird.

Daher liegt über der Story ein Hauch von Melancholie, die sich auch nicht durch das sich steigernde existenzielle Drama verdrängen lässt, in das Duane gerät, als ihm die Nahrung und die Optionen ausgehen. Nicht einmal die Liebe zu Bridget Keane ist mehr eine Option – siehe oben – doch er kann ihr noch ein letztes Geschenk machen. Da hilft Seneca mit seinen tröstlichen Gedanken doch sehr.

Sehr schön fand ich, dass es Eschbach gelingt, den Schauplatz des Geschehens genau und stimmig einzufangen und darzustellen. Ich war selbst 1980 in der Gegend von Dingle, genauer: im größeren Städtchen Tralee, und denke, dass sowohl die Landschaft als auch die Bewohner der Dingle-Halbinsel gut getroffen sind. Ob allerdings in jedem Bewohner ein verkappter IRA-Sympathisant steckt, wage ich eher zu bezweifeln. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

|Unterschiede zum Buch|

Ich habe beim Anhören des Audiobooks das Buch auf den Knien gehabt und konnte so die gedruckte mit der gesprochenen Fassung vergleichen. Kürzungen sind vor allem in der zweiten Hälfte festzustellen. Eine erotische Szene über Duanes „erstes Mal“ wurde gestrichen. Ebenso aber auch große Teile der sogenannten Backstory, in denen viele seiner Kameraden auftauchen und geschildert wird, wie Duane ihren Tod erlebt und damit umgeht. Dadurch wird klar, dass das Ende des Lebens nichts Fremdes für ihn ist, sondern ein Bestandteil seiner Existenz als Cyborg.

Diese Einstellung wird durch seine Lektüre Senecas noch untermauert: Alle Seneca-Zitate, die den Kapiteln vorangestellt sind, fehlen jedoch. Nur die wichtigsten, die im Text auftauchen und eine Funktion haben, blieben stehen. Dadurch konzentriert sich der Text mehr auf die tatsächliche Handlung, die „Action“, doch die Figur des Cyborg wird dadurch nicht unbedingt verständlicher. Er ist nun eine Figur wie Rambo oder der Terminator, doch im Buch ist er eine runde Persönlichkeit, deren finale Entscheidung verständlich und akzeptabel wird. Der Zuhörer muss entscheiden, was er vorzieht.

|Der Sprecher & die Inszenierung|

Martin May ist offensichtlicher Routinier in Sachen Sprechen und Vortrag. Seine Lesung, die nicht mit Musik oder Sound unterlegt ist (außer am Schluss), überzeugt durch eine deutliche Aussprache, hervorhebende Pausen und eine sympathische Satzmelodie. Es gibt Sprecher, die ihren Text einfach herunternudeln, ohne auf Betonung und Pausen zu achten. May gehört zum Glück nicht dazu.

Allerdings hat sich May nicht über die Aussprache irischer Namen informiert. Daher wundert sich der Kenner doch ein wenig über die englisch geprägte Aussprache von irischen Namen wie O’Shea und Seamus. Statt [scheijm(a)s] hören wir nun [si:m(a)s], und statt [o’shej] sagt May [o’shi(a)]. Das (a) ist ein abgeschwächtes A, ähnlich wie in (Britney) Spears.

_Unterm Strich_

So könnte man sich das Ende eines echten Terminators vorstellen. Irgendwo in Irland, in einem sonst verschlafenen Nest, endet seine Idylle als Pensionär jäh und verwandelt sich in eine Treibjagd, die zu einer Mordserie führt. Nicht nur der Cyborg selbst fasziniert durch seine eingebauten Superfähigkeiten, sondern auch seine Aktionen, wenn er versucht, die Mordserie aufzuklären. Dabei gerät er aber vom Regen in die Traufe, und er sieht seine ultimative Abschaltung kommen. Doch es gibt immer eine letzte Möglichkeit, auch für einen Terminator: Seine Geschichte an die Welt weiterzugeben und diese Welt vor sich zu schützen.

Das Hörbuch kürzt die Hintergrundstory ebenso gnadenlos zusammen, wie alle erotischen Szenen gestrichen wurden. Der Verlust an Persönlichkeitsbeschreibung kommt dem Schwung zugute, mit dem die Handlung voranschreitet. Wer also mehr Tiefgang möchte, sollte unbedingt zum Buch greifen, das es hoffentlich in einem Jahr auch als Taschenbuch geben wird (leider definitiv nicht vor dem Mai 2005).

|Umfang: 345 Minuten auf 5 CDs|

_Michael Matzer_ © 2004ff

Camilleri, Andrea – Dieb der süßen Dinge, Der

„Commissario Montalbano löst seinen dritten Fall“ – so lautet der Untertitel dieses Kriminalromans, der seine Fortsetzung in „Die Stimme der Violine“ findet. Es gibt also durchaus eine chronologische Reihenfolge in den Montalbano-Romanen, genau wie bei Mankells Kommissar Wallander.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.) Doch da sie nur 33 und er schon 44 Jahre alt ist, wünscht sie sich dringend ein Kind. Und das ist nicht so einfach, wie sie sich das vorstellt. Aber vielleicht klappt’s ja dieses Mal, Salvo zu überreden, sie zu heiraten.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten elf Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch elf weitere Sprecher in Nebenrollen. Die schöne, dezente Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Gleich zwei Morde halten Commissario Montalbano diesmal in Atem, und sie scheinen auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun zu haben. Signore Lapecora ist ein gut situierter Geschäftsmann, um die 60, verheiratet, mit einem Arzt als Sohn. Aber er ist leider genauso mausetot wie der tunesische Fischer, den ein italienisches Patrouillenboot draußen auf See aufgenommen hat, ein gewisser Ben Dahab (nicht sein richtiger Name). Zwischen den beiden Toten besteht eine ebenso pikante wie kriminelle Verbindung, und diese gilt es aufzudecken.

Signora Lapecora, die während des Fundes ihres toten Mannes mit dem Bus zu Verwandtenbesuch gefahren war, sagt Montalbano, sie sei überzeigt, ihr Mann sei von seiner tunesischen Geliebten erstochen worden, dieser Karima mit dem schrecklichen Parfüm, das nach verbranntem Stroh riecht (Volupté). Und sie, die Signora, habe bereits drei anonyme Briefe erhalten, sie aber sogleich verbrannt. Diese Briefe, so stellt sich heraus, wurden im Büro Signore Lapecoras zusammengeklebt, wobei die Buchstaben aus vorhandenen Magazinen ausgeschnitten worden war. Doch seltsam: Signore Lapecora besuchte sein Büro nur am Montag, Mittwoch und Freitag. Was hatte er also am Donnerstag, seinem letzten Morgen, vor, und noch dazu mit einer Flasche Wein unterm Arm?

Leider ist Karima, seine Geliebte, nicht aufzufinden. Nur ihre alte Haushälterin, Aischa, passt auf ihren fünfjährigen Sohn auf, Francois. Doch woher kommen die 500 Millionen Lire auf Karimas Sparkonto? Doch wohl kaum vom Putzjob, den sie ausübte? Doch da hilft dem Commissario eine Nachbarin weiter: Clementina Cozzo hatte in die Wohnung Signore Lapecoras einen fabelhaften Einblick, und sie berichtet von einem weiteren Mann, der sich dort aufgehalten und einen metallicgrauen BMW gefahren habe. Wie sich herausstellt, war der zweite Lover Karimas Signore Lapecoras Neffe, Farid. Was war er von Beruf? Verdiente er Karimas Sparvermögen?

Salvos langjährige Freundin Livia ist aus Genua zu Besuch gekommen. Sie gibt ihm den entscheidenden Tipp auf Francois. Der Junge streunt in der Stadt herum und stiehlt, vor allem „süße Dinge“. Nachdem Salvo ihn wieder eingefangen hat, erkennt der Junge seinen Onkel im Fernsehen: Ben Dahab, der tote tunesische Fischer, heißt in Wahrheit Ahmed Moussa und ist ein von der tunesischen Geheimpolizei gesuchter Terrorist und Drogenhändler!

Nun schwant Montalbano Übles: Terrorismus, Drogen, Geheimpolizei – und mittendrin Karima und Francois. Er lässt den Jungen sofort in Sicherheit bringen. Aber was hatte Signore Lapecora mit alldem zu tun? Die Antwort liefert der italienische Geheimdienst, in Gestalt eines Zwerges.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Camilleri ein paar heiße Eisen an und lässt die wenigsten der braven Brüger ungeschoren davonkommen. Geheimpolizei, Drogenfahndung, gedungene Killer – sie alle sorgen für ständige Gefahr im Hintergrund. Im Vordergrund verfolgen wir die Ermittlungen Montalbanos, seine Vorgehensweise Schritt für Schritt. Die Vernehmungen und Konversationen scheinen harmlos zu sein, doch die Ergebnisse sind es nicht: Lapecoras Witwe ist eine ebenso geizige Person wie sein Sohn, an den sich Lapecoras vergeblich um Hilfe gewandt hatte.

Doch Karima ist ein Opfer der braven Gesellschaft: Dort, wo sie putzte, verdiente sie damit lumpige 50.000 Lire pro Job (etwa 25 Euro). Doch für ihre Liebesdienste, wie auch immer sie aussahen, erhielt sie 150.000 Lire! Und zwar von alten Knackern, deren Frauen nichts davon wissen durften. Und da sie unverheiratet war, galt sie bei diesen Gattinnen durchweg als Nutte.

Diese Heuchelei und der unterschwellige Rassismus gehen soweit, dass, wie Salvon einmal in der Zeitung liest, 30 Dorfbuben ungestraft ein junges Ausländermädchen (Eritreerin, Tunesierin – das ist unwichtig) vergewaltigen dürfen – „sie war sowieso eine Nutte“, lautet die Entschuldigung der Eltern.

Von den 25 bis 50 Euro pro Tag, die Karima verdiente, musste sie sich und ihre Sohn ernähren und kleiden sowie die Miete zahlen. Wohl deshalb ließ sie sich auf den Drogenhandel mit ihrem Bruder Farid ein. Und wer weiß, wozu sie Signore Laprecora noch gebracht hätte.

Diesen deprimierenden Verhältnissen versucht der Commissario zu entfliehen. Das gute Essen, das ihm seine Haushälterin Adelina bereitet, wird aus diesem Grund detailliert beschrieben, was vielleicht manchen Leser oder Zuhörer verwundern wird. Das andere Gegengewicht stellt seine Freundin Livia dar, die sofort ihr mütterliches Herz für Francois entdeckt. Es wird manche Zuhörerin vor den Kopf stoßen, auf welche Weise Salvon mit ihr umspringt: Er kommandiert sie herum, ohne dass sie nach dem Grund für seine Befehle fragen darf. Nun ja – es geht um das Leben des Jungen. Eine deutsche Frau würde sicherlich nicht so ohne Weiteres gehorchen.

_Das Hörspiel_

Wie stets ist die SWR-Produktion makellos; die Sprecher sind ebenso ausgezeichnet eingesetzt wie die zahllosen Geräusche. Wie immer jagen sich die Dialoge und Telefonate, so dass es kaum einmal eine Verschnaufpause gibt und die jeweils etwa 55 Minuten wie im Fluge vorüber sind.

Diesmal ist auch die Musik von Henrik Albrechts SWR-Orchester dezent und passend an den entsprechenden Stellen eingesetzt. Ruhige Passagen wechseln sich mit schnelleren ab, wenn etwas Fahrt in das Geschehen kommt.

_Unterm Strich_

„Der Dieb der süßen Dinge“ ist etwas vielschichtiger angelegt als die vorherigen Romane (Form des Wassers, Hund aus Terrakotta). Nicht nur, weil es diesmal gleich um zwei Leichen geht, sondern weil Montalbanos Ermittlungen zu Ergebnissen führen, die sich in überraschenden Richtungen ergeben.

Diese dienstliche Seite steht der privaten Situation des Kommissars gegenüber, in der sich mehrere Entwicklungen ergeben: Er soll heiraten, könnte ein Kind (die Waise Francois) adoptieren und soll obendrein befördert werden. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wofür sich der Commissario entscheidet, solltet ihr selbst hören.

_Hinweise_

Die Verfilmung dieses Romans lief am 2003 auf ARTE-TV unter dem Titel „Tödliche Sühne“. Leider mal wieder zu nachtschlafender Zeit gegen Mitternacht. Auch „Der Hund aus Terrakotta“ und „Die Stimme der Violine“, „Die Form des Wassers“ und „Der Kavalier der späten Stunde“ wurden verfilmt. Es gibt ein Montalbano-Spiel und einen Camilleri-Fanclub, der alle Aktivitäten und News im Internet dokumentiert. Kurzum: Montalbano ist auf dem besten Wege, Kommissar Maigret den Rang abzulaufen. Nach der Erklärung Camilleris ist Maigret das Vorbild für Montalbano gewesen, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten von ihm.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta

In einem Waffenversteck der sizilianischen Mafia findet Commissario Montalbano eine unheimliche Szene: ein eng umschlungenes Paar Leichen, bewacht von einem Hund aus Terrakotta.

Des Rätsels Lösung war bereits einmal im deutschen Fernsehen zu erfahren. Wer den Film verpasst hat, kann die Lösung in diesem Hörspiel herausfinden.

Der Autor

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta weiterlesen

Camilleri, Andrea – Spiel des Patriarchen, Das

Der Commissario guckt sich Pornofilme an?! Nicht auszudenken, was aus seinem guten Ruf wird! — Aber alles ist halb so wild, und im Grunde geht es um ein brandheißes Thema: Organhandel. Da stellt sich die Frage: Was soll nur aus Sizilien werden? Und wer will überhaupt in Olivenöl eingelegte Organe?!

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Krimialromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch neun weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Bearbeitung – die ich recht gut gelungen finde, denn sie arbeitet den roten Faden und humoristische Aspekte heraus – stammt von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Commissario Montalbano beobachtet mit Skepsis den Einzug von Computer und Internet im Kommissariat und fühlt sich allmählich etwas antiquiert. Da kommt ihm der neue Fall gerade recht, in dem er seine Spürhundqualitäten unter Beweis stellen kann.

In Vigata finden zwei Morde statt, zwischen denen auf den ersten Blick kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Nene San Filippo war zu Lebzeiten ein lediger Nichtstuer, der als 21-Jähriger seinen Hormondrang an etlichen Freundinnen austobte. Signore Grifo hingegen, ein braver Beamter aus Messina, vermisst seine Eltern, die über Nenes Wohnung, also im gleichen Haus, lebten. Das Ehepaar war von einem Busausflug nach Tindari (vgl. O-Titel) nicht zurückgekehrt.

Montalbanos Mitarbeiter machen sich, ausgestattet mit hypermoderner Technik, sofort an die Arbeit, allen voran sein Assi, der rührige Fazio. Montalbano hingegen verlässt sich auf Bewährtes und kommt auch so weiter. Und stößt auf höchst Pikantes. Nene und seine Geliebte schrieben einander gepfefferte Liebesbriefe, in denen sie einander ihre Erfahrung des vorangegegangenen Liebesspiels schilderten. Wozu? Nene schrieb offenbar an einem erotischen Roman. Und deshalb wohl auch seine Vorliebe für scharfe Pornofilme, oder?

Doch Nenes Geliebte ist die Gattin des berühmten Transplantationsexperten Dottore Eugenio Ingrò. Vania Titulescu stammt aus Rumänien. Gab der Arzt den Mord an Nene aus Eifersucht in Auftrag? Aber warum mussten dann die unschuldigen Grifos sterben? Die ausnehmend hübsche Reisebegleiterin mit dem schönen Namen Beatrice weist dem hingerissenen Assistenten Fazio den Weg durch das Dickicht der Hinweise.

Da bekommt Montalbano einen wichtigen Anruf: Avvocato Guttadauro, allseits bestens bekannt als Mafia-Anwalt, lässt dem Commissario schöne Grüße ausrichten von Don Balduccio Sinagra, dem Mafiapaten. Ob er wohl einen kleinen Besuch einrichten könnte? Montalbano kann. Einen Paten lässt man nicht ungestraft links liegen. Nicht in Sizilien und schon gar nicht, wenn man einen so verzwickten Fall lösen möchte. Wie es scheint, war der verblichene Nene eine Art Enkel des alten Don…

Auf die richtige Spur bringen ihn schließlich ein sarazenischer Olivenbaum, ein Buch von Joseph Conrad und der verschlüsselte Hinweis des berüchtigten alten Mafiapaten, der bei einem gefährlichen Spiel im Hintergrund die Fäden in der Hand hält.

_Mein Eindruck: Die Handlung_

Die Schnitzeljagd, aus der Montalbanos Fälle oft bestehen, wird in „Patriarch“ fast schon bis zum Exzess getrieben – und ist umso spannender, je mehr retardierende Momente wie Beatrice und Nenes erotischer Roman die Auflösung des kniffligen Falls hinauszögern. Man fiebert regelrecht mit, bis sich zunehmend erschreckendere Abgründe auftun, in die uns der Autor nichts ahnend gelockt hat. Aber da ist es fürs Aufhören bereits zu spät.

Erotik, Busfahrten und schöne Frauen – darunter des Commissarios Freundin – gehören zu den angenehmen, mitunter komischen Nebenerscheinungen im Verlauf der Handlung. Doch keine Angst: Hier wird nicht „abgeschwiffen“, sondern jedes Details hat seine Funktion im größeren Gewebe der Handlung.

Der Commissario ist ein verschmitzt denkender Bursche, fast wie der selige Father Brown von G.K. Chesterton. Doch Montalbanos sizilianischer Humor ist durchzogen von einer Skepsis gegenüber der Güte des Schicksals (oder Gottes). Allerdings hilft ihm der Humor dabei, in einer Welt zu überleben, die, auch wenn sie eine erfundene Welt ist, sich nicht allzusehr von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Vermutlich findet auch in Italien so etwas wie Organhandel statt, auch wenn diese Tatsache gerne unter den Teppich gekehrt wird. Zumindest im Roman passiert eben dies nicht: Die nationale Presse erfährt von der Schweinerei, die der Commissario da aufgedeckt hat.

_Mein Eindruck: Die Produktion_

Wie schon in den anderen Camilleri-Hörspielen machen alle SprecherInnen einen hervorragenden Job aus ihrer Aufgabe. Schließlich arbeitet man hier nicht in der Privatwirtschaft, sondern beim gebührenfinanzierten Rundfunk! Die Musik von Henrik Albrecht ist diesmal ein wahrer Hochgenuss: stilechte, original sizilianisch klingende Cafémusik! Und obendrein nicht aufdringlich, sondern meist schön dezent im Hintergrund.

_Unterm Strich_

„Das Spiel des Patriarchen“ ist ein rundum gelungenes Hörspiel. Es ist keineswegs ein gekürzter Bestseller aus Amiland, sondern stellt vielmehr Ansprüche an die Aufmerksamkeit des Zuhörers und – am Schluss – an dessen moralische Urteilsfähigkeit. Erst wenn der Zuhörer empört ist, hat der Autor sein Ziel erreicht.

Komische und romantische Szenen lockern die Nachforschungen Montalbanos auf und geben Gelegenheit, entweder mal eine Pause zu machen oder auch mal lauthals aufzulachen: Der untadelige Kommissar wird von seinem Assi beim Pornogucken vor einem Stapel Cassetten ertappt: ein Bild für Götter!

Ich hingegen ertappe mich gerade dabei, dass ich Camilleri-süchtig geworden bin. Öha: ein Junkie!

_Michael Matzer_ © 2003ff

Camilleri, Andrea – Form des Wassers, Die

Die Leiche eines bekannten Politikers wird auf dem Strich von Vigata gefunden – ein Skandal erster Güte droht loszubrechen. Commissario Montalbano wundert sich. Dieser Fall verhält sich wie Wasser: Es hat immer die Form, die man ihm gibt. – Dieser Krimi war der erste, mit dem das Werk Andrea Camilleris dem deutschen Publikum vorgestellt wurde – mit größtem Erfolg, wie sich herausgestellt hat.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch 16 weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Stimme der Violine
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge

_Handlung_

Der angesehene Ingenieur und Politiker Silvio Luparello wird eines frühen Morgens von zwei Straßenfegern an einem anrüchigen Strand tot in seinem Auto aufgefunden. An diesem Strand pflegen sich die Huren mit ihren Freiern zum Stelldichein zu treffen. Hatte der honorige Ingenieur so etwas nötig? Falls ja, wäre das ein Skandal ersten Grades und besonders schädlich für das Ansehen seiner konservativen Partei. Die Polizei entscheidet diplomatisch, dass der Tote einem Herzinfarkt zum Opfer fiel – wir wollen doch keinen Skandal in Vigata, oder?

Commissario Salvo Montalbano jedoch kommt die ganze Sache nicht koscher vor. Da scheint doch mehr dahinter zu stecken. Schon am nächsten Tag nämlich wird dringend ein wertvolles Collier gesucht, das an der Unfallstelle vermisst wird. Einer der Müllmänner hat das Collier gefunden und heimlich eingesteckt. Merkwürdig ist nun, dass ausgerechnet Ingenieur Luparellos schärfster politischer Gegner, der Anwalt Rizzo, danach suchen lässt…

Schon bald ereignen sich bei Montalbanos Ermittlungen unverhoffte Enthüllungen, die schaurige Einblicke in die Abgründe der lokalen Gesellschaft gestatten. Und die Lösung des Falles stellt sich je nach Blickwinkel anders dar: genau wie die Form des Wassers sich mit dem jeweiligen Gefäß ändert.

_Mein Eindruck_

Der sehr kurzweilig zu lesende Krimi macht den Leser auf unterhaltsame Weise mit dem sizilianischen Alltag bekannt, wie er sich der Polizei darstellt: Mafiabandenkriege, Morde, Intrigen und Korruption, durchgedrehte Rentner, unschuldige Attentatsopfer und vieles mehr. Ein menschliches Panorama, beobachtet mit dem scharfen Blick der Erfahrung und des Mitfühlens.

Dabei kommt jedoch die Spannung keineswegs zu kurz. Baustein für Baustein setzt der attraktive und intelligente Commissario die Kette der Zusammenhänge zusammen, die den Eindruck vermitteln sollen, das Opfer sei von alleine gestorben. Dumm nur, dass es schon lange tot gewesen war, bevor es den „Tatort“ erreicht hatte. Und welche Rolle eine gewisse hochgewachsene Schwedin namens Ingrid spielen sollte, wird ihm auch bald klar. Die ganze Sache ist höchst politisch, doch Montalbano beweist Fingerspitzengefühl.

_Das Hörspiel_

Die Sprecher sind wieder die gleichen wie bei allen Camilleri-Hörspielen und von professioneller Qualität. Hier gibt’s nichts auszusetzen, genausowenig an dem Einsatz von Geräuschen usw. Lediglich die Hintergrundmusik besteht aus dem nervenden Jazz-Gedudel Henrik Albrechts, das in den jüngeren Camilleri-Produktionen zum Glück ersetzt wurde.

Was an der Bearbeitung auffällt, sind erstens die zahlreichen witzigen Pointen und zweitens die drastischen Äußerungen, zu denen sich der Commissario hinreißen lässt und die weit unter die Gürtellinie zielen. Das dürfte zu einige hochgezogenen Augenbrauen bei den Zuhörerinnen führen.

_Unterm Strich_

„Die Form des Wassers“ verlangt zwar große Aufmerksamkeit beim Zuhören, doch der Zuhörer wird mit vielen witzigen Situationen belohnt. Besonders auf den Gerichtsmediziner hat es Salvo Montalbano abgesehen, weil der sofort alles ausplaudert, selbst wenn er hoch und heilig Stillschweigen geschworen hat. Dies nützt Salvo listig aus, um den politischen Gegner aufs Kreuz zu legen. (Polizeiarbeit ist in Sizilien immer politisch.)

Und einen Dauer-Gag bilden Assistent Gallos miserable Fahrkünste sowie die Tatsache, dass Gallo nie lernt, dass in Italien das Reifenaufschlitzen ein Volkssport ist. Außerdem ist Inspektorin Anna Ferrara hinter Salvo her. Leider versteht sie die Anwesenheit von Ingrid der Schwedin in Salvos Schlafzimmer miss…

Abgesehen davon ist „Die Form des Wassers“ eine ordentlich spannende Episode im Leben des Commissario Montalbano.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Clark, Anne – Notes Taken, Traces Left

Anne Clark wurde am 14. Mai 1960 in Croydon, südlich von London, geboren. Ihre Mutter war Irin, ihr Vater Schotte und das Elternhaus streng katholisch. Die rebellische Anne musste die Schule bereits mit 16 Jahren verlassen und wurde trotz ihres Bedürfnisses nach künstlerischem Ausdruck und ihrer Liebe zu Musik und Büchern von den Eltern zu einem Job gezwungen. Sie arbeitete als Pflegeassistentin in einem psychiatrischen Krankenhaus, gefolgt von einer Arbeit bei Bonaparte Records, einem damaligen lokalen Plattenladen und -label in der aufkeimenden Punk- und Independentszene. In der Punkszene der ersten Stunde fand Anne mit Bands wie den SEX PISTOLS Stimmen, die ihre eigene Wut hinausschrien. Die Explosion des Punkrock führte aber auch zu einem neuen Umgang mit Musik, Kunst und der Gesellschaft als solcher. Zu dieser Zeit war alles möglich, auch dass Anne die Leitung des „Warehouse Theater“ übernahm, einem heruntergekommenen Theater in der Nähe des Plattenladens. Gegen anfänglichen Widerstand der Theaterleitung, die wohl lieber Independent- und Performancestücke dort aufgeführt gesehen hätten, arrangierte Anne dort für fast zwei Jahre Konzerte von Szenegrößen wie Paul Weller, Linton Kwesi-Jhonson, French & Saunders, The Durutti Column, Ben Watt und anderen.

Anne experimentierte bald selbst mit Musik und Texten und legte ihr Konzertdebüt bei Richard Strange´s Cabaret Futura in London ab, an der Seite von DEPECHE MODE.
Dazu war sie Mitherausgeberin von Paul Weller`s „Riot Stories“-Verlag, der von dem THE JAM-Frontmann ins Leben gerufen wurde, um junge Schriftsteller zu promoten. Sie war ebenso an zahlreichen Fernsehprojekten beteiligt, unter anderem an Programmen der BBC, und schrieb das Script für den Film „Sketch for Someone“ für Channel 4.

Ihre Experimente als Songwriterin trugen 1982 erste Früchte, als ihr Debüt „The Sitting Room“ herauskam. Während ihrer Zeit im Warehouse traf Anne auf David Harrow, der bei „Changing Places“ 1983, „Joined up Writing“ 1984 und „Hopeless Cases“ 1987 als Co-Writer fungierte. Anne und Davids Experimentierfreude an Keyboards und Synthesizern ließen sie Songs und Sounds schaffen, die als Meilensteine der elektronischen Musik der Achtziger und Neunziger bezeichnet werden müssen.

1985 kam es zur Veröffentlichung von „Pressure Points“ sowie einer Zusammenarbeit mit John Foxx, dem Gründer von Ultravox! (vor dem Einstieg von Midge Ure bzw. Ausstieg von Foxx noch Punkrock und mit ‚!‘), und im Jahr darauf begann Anne mit dem klassischen Pianisten Charlie Morgan zu arbeiten, der sie auch auf ihrer ersten Amerikatour begleitete. Charlie Morgan schrieb auch mit am Material für das Album „Hopeless Cases“ von 1987.
Ende 1987 ging Anne nach Norwegen, wo sie drei Jahre lang lebte und, zusammen mit den Norwegischen Musikern Tov Ramstad und Ida Baalsrund, neue Einflüsse verarbeitete. 1988 folgte ihr erstes Livealbum „RSVP“. Weitere Projekte, die sie mit Morgan begonnen hatte, mussten aufgegeben werden, als dieser an Krebs erkrankte und im Dezember 1992 mit 36 Jahren starb.

Nach Monaten der Neuorientierung und des Wandels wurde 1993 „The Law Is An Anagram Of Wealth“ aufgenommen, unter den Texten fünf Werke des Lyrikers Friedrick Rückert, und veröffentlicht. Ebenso führte sie ihre Zusammenarbeit mit Tov Ramstad fort und begann weitere mit Paul Downing, Martyn Bates und Andy Bell. 1994 entschied sich Anne, mit einer reinen Akustikband zu touren. Das Resultat kann man auf dem Livemitschnitt „Psychometry“, aufgenommen in der Berliner Passionskirche im gleichen Jahr, hören. Im folgenden Jahr veröffentlichte sie mit „To Love and Be Loved“ ein weiteres elektronisch-akustisches Album in Zusammenarbeit mit Martyn Bates, Paul Downing, Andy Bell und Chris Elliot. Ende 1996 stellten einige Bands, Produzenten und DJs eine Dokumentation Annes Arbeit als Tribut an ihren Einfluss zusammen, „Wordprocessing“ enthält Remixe von Songs wie ‚Our Darkness‘, ‚Sleeper in Metropolis‘, ‚Wallies‘ oder ‚Virtuality‘.

1998 kehrte Anne erneut zu den Akustik-, Folk- und Klassikeinflüssen zurück. „Just After Sunset“, wiederum in musikalischer Zusammenarbeit mit Martyn Bates, enthält Übersetzungen des Poeten Rainer Maria Rilke. 2002 wurde „Just After Sunset“ wiederveröffentlicht und Anne ging mit ihrer neuen Gruppe, bestehend aus Murat Parlak (Gesang/Piano), Jann Michael Engel (Cello), Niko Lai (Schlagzeug/Percussion) und Jeff Aug (Gitarre) auf eine ausgedehnte Europatour. Während der Tour entstanden in den Slowakischen Radiostudios in Bratislava Liveaufnahmen, die im September 2003 mit dem Titel „From The Heart – Live In Bratislava“ veröffentlicht wurden.

[Anm.: Die Biographie wurde teilweise der offiziellen Deutschen Fansite http://www.anneclark.de entnommen]

Im Januar 2003 unterschrieb Anne, die sich schon immer eher als Dichterin denn als Musikerin sah, einen Vertrag mit dem Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf und veröffentlichte ihr Buch „Notes Taken, Traces Left“ mit allen Texten in englischem Original und deutscher Übersetzung sowie Kommentaren und reichhaltigem Bildmaterial und ist damit seit einiger Zeit auf Lesetour durch Europa.

„Notes Takes, Traces Left“ liegt hier in der Hörbuchversion vor und umfasst zwei CDs mit insgesamt 2:20 Stunden Spielzeit. „This is a spoken word recording, there is no music on this CD“ macht dann auch denen klar, die nicht das Glück hatten, eine Vorab-Rezension zu lesen, dass es sich hierbei um eine reine Lesung handelt und nicht um ein weiteres Soundexperiment. Liest sich das ein bisschen wie die bei Medikamenten übliche Warnung, so fehlt denn zu dem optisch einfachen, aber ansprechenden Doppel-Digipack auch jeglicher Begleitzettel. Was sollte es auch zu einer Hörbuchversion eines Buches noch weiter zu schreiben geben?

CD 1 beginnt mit einer knapp achtzehnminütigen Einführung zu dem Buch (‚Introduction To Book‘), die auch gleich das Highlight des Werkes darstellt. Mit fast emotionsloser, dennoch sanfter und zerbrechlicher Stimme mit gelegentlich ironischem Tonfall schildert Anne, wie sie aufgewachsen ist, ihre Probleme mit Elternhaus und Schule, ihren erzwungenen Einstieg in das Berufsleben und wie sie in die damalige Szene hineingewachsen ist und ihre ersten eigenen Aufnahmen verwirklichte. Auch wenn das alles Informationen sind, die man in einschlägigen Biographien lesen kann, hat es eine ganz besondere, annähernd intime Atmosphäre, es von Anne selbst zu hören. Ihr sprachlicher Ausdruck ist dabei weitgehend einfach gehalten, auch Hörer mit durchschnittlichen Kenntnissen der englischen Sprache werden ihr recht mühelos folgen können.

Etwas anders wird das im weiteren Verlauf, wenn jede reguläre CD nach dem gleichen Muster ‚abgearbeitet‘ wird, ausgenommen das Album „Just After Sunset“ mit den Werken von Rilke. Anne gibt eine in der Regel drei- bis fünfminütige Einführung zu dem jeweiligen Album, in der sie die näheren Umstände der Aufnahmen und ihre Beweggründe beschreibt. Dabei ist schon der eine oder andere Ausdruck, der gegebenenfalls einen Blick in ein Dictionary erforderlich machen könnte. Nach der jeweiligen Einführung folgen dann in ein- bis dreiminütigen Lesungen die Texte aller Songs.

Bis auf die ersten zwei oder drei Alben, zumindest in meinen Erstpressungen, sind die regulären CDs mit Texten ausgestattet. Annes Sprechstimme auf „Notes Taken, Traces Left“ unterscheidet sich ebenfalls nicht wesentlich von ihrem Sprechgesang auf den jeweiligen Alben. Warum also eine Lesung von Texten, die es bereits mit Musik gibt und/oder nachgelesen werden können?

Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Konzeptionell waren die Werke von Anne Clark immer eine perfekte Symbiose, wenn auch zum Teil gerade durch ihren Gegensatz aus dunklen Texten um Verzweiflung, Liebe, Leid und Hoffnung und experimentellen, zuweilen befremdlich kühlen, elektronischen Klängen. Beraubt dieser Klänge, öffnet sich dem Hörer nun ein weitaus intimerer und persönlicherer Zugang zu den Texten und damit zu der Seelen- und Gedankenwelt des Menschen und der Person Anne Clark, statt zu der außerordentlichen und musikalisch visionären Künstlerin Anne Clark. Alles wirkt herausgelöst und offenbart, fragiler und in seiner poetischen Intellektualität weniger bedrohlich.

Es verbleiben die Fragen nach dem ‚Wofür‘ und dem ‚Warum‘ einer solchen Veröffentlichung. Die Fans werden dieses Werk genauso gierig aufnehmen wie jedes andere Album. Diejenigen, die nicht das Glück hatten, eine Lesung von Anne Clark live zu erleben, haben die außergewöhnliche Möglichkeit, das ganz privat für sich nun nachzuholen. Diejenigen, die mit den Werken von Anne Clark noch nie etwas anfangen konnten, werden auch mit einer Textlesung nicht bekehrt werden können. Desgleichen gilt für ‚Neueinsteiger‘, die ohne die jeweiligen Originale gehört und reflektiert zu haben, keinerlei Bezug werden herstellen können [Anm.: Interessierten seien nach Meinung des Rezensenten die erwähnten Livealben empfohlen].

Ein Werk für ihre Fans also. Warum? „Notizen gemacht, Spuren hinterlassen“ – Wann schreibt jemand über die Spuren, die er bereits hinterlassen hat? Wenn es keine weiteren Spuren geben wird, über die es zu berichten gelten wird? Es sind keinerlei Informationen darüber zu finden, dass Anne Clark ihr künstlerisches Schaffen einzustellen gedenkt. Dazu würde auch ihre zyklisch wiederkehrende kreative Hochphase, auf der sie sich im Moment wieder zu befinden scheint, nicht passen. Vielleicht sollten wir „Notes Taken, Traces Left“ als einen Moment der Retrospektive verstehen, als einen Rückblick auf bisheriges Schaffen aus heutiger Sicht der Dinge, eine Zwischenbilanz in einer Phase des Wandels.

Es verbleibt ein sehr persönliches Werk einer großen Künstlerin, dass fesselnd und niemals langwierig ist, jedoch jederzeit volle Konzentration erfordert. Was allerdings nicht schwer fällt, denn trotz des Wissens darum, dass er hier keine Spannungskurve oder einen großen Knall, ähnlichem einem Hörbuch-Thriller, geben wird, zieht dich Annes Stimme beständig in einen Bann, dem sich zu entziehen kaum möglich ist.

Zum eigentlichen Buch liegt derzeit leider kein Rezensionsexemplar vor, wir hoffen, dies nachholen zu können.

Homepage: http://www.anneclark.com