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Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – schwarze Katze, Die (POE #2)

Diese CD ist die gelungene Fortsetzung für die Hörspielserie, in der |Lübbe| vier Erzählungen von E. A. Poe verarbeitet hat. Diesen Herbst wurde die Poe-Reihe mit vier weiteren Produktionen fortgesetzt.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Short-Story. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr über den Autor bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Wirt: Thomas Danneberg (dt. Stimme von S. Stallone, Arnold Schwarzenegger, John Travolta)
Dr. Templeton: Till Hagen (dt. Stimme von Kevin Spacey & „Bester“ aus Babylon 5)
Sheila: Yara Bümel
Eileen: Anna Thalbach
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan? Diese Fragen stellt sich der Mann ohne Gesicht, der im Gasthaus den ersten Namen wählt, der ihm in den Sinn kommt: Edgar Allan Poe. (Edgar heißt der zahme Rabe des Gastwirts.)

Obwohl die Ausstattung des ärmliches Gasthauses in der neuenglischen Provinz ärmlich ist und im Gastzimmer Spinnen ihre Netze weben, findet der Gast Zeit zum Träumen. Und in den Träumen kommen Erinnerungen aus dem Unterbewussten …

Er ist der trunksüchtige Ehemann der zartfühlenden und tierlieben Eileen. Er heiratete sie ein Jahr nach dem tragischen Tod ihrer jüngeren Schwester Sheila (16), die über die Brüstung des Balkons in die Tiefe stürzte. Während dieses Unglücks hatte Eileen Sheilas Lieblingslied auf dem Piano gespielt. An Sheila erinnert bald nur noch ein Porträt, das über dem Kamin hängt. Doch merkwürdig: Ihre Augen sind statt des realistischen Grüns in einem Gelb dargestellt, das viel eher zu einer Katze passen würde. Wann immer der Mann an dieses Unglück denkt oder erinnert wird, hört er eine Katze laut miauen und das Klavierstück in allen möglichen Intonationen.

Eileen hat als liebstes Haustier einen Kater, der laut schnurrt, wenn man ihn streichelt. Das tut der Ehemann jedoch nie. Im Gegenteil: Die Augen der Katze gemahnen ihn an Sheila, an deren Tod er möglicherweise er schuldig ist (er bedrängte sie mit seinen Avancen). Zu gerne würde er dem Katzenvieh einen Tritt verpassen, um es zu verjagen. Auch die Melodie, die Sheila auf dem Piano zu klimpern pflegte, geht ihm nicht mehr aus dem Sinn. Bei einem Feuer brennt das Haus bis auf die Grundmauern nieder und das Ehepaar muss umziehen, in eine verrufene Gegend, in der es nicht nur vierbeinige Ratten gibt.

Um diese Gedanken der Schuld zu vertreiben, ertränkt er sie immer öfter in Alkohol. Bis er schließlich auch im Wirtshaus eine schwarze Katze bemerkt, die er mit nach Hause nimmt. Einmal sticht er ihr vor Wut ein Auge aus, und seine Frau kehrt sich von ihm ab. Um nun auch das kätzische Gejaule aus dem Keller zu beenden, bringt er dort die Katze um. Auch Eileen muss daran glauben. Er mauert sie und die Katze in einem blinden Kamin im Keller ein.

Doch der Fluch der bösen Tat fordert Sühne. Als der Polizeiinspektor Fragen nach der verschwundenen Gattin stellt und das Haus durchsucht, wird der Trunkenbold und Frauenmörder ein wenig zu übermütig angesichts der Tatsache, dass der Inspektor nichts gefunden hat. Er schwingt die Hacke gegen die Ziegel des Kamins …

_Mein Eindruck_

Natürlich ist die Prämisse, dass eine Kette böser Taten – Sheilas verschuldeter Sturz, die Verstümmelung der Katze, der Mord an Eileen und der Katze – auf jeden Fall nicht ungesühnt bleiben kann und wird, eine romantische Wunschvorstellung. Es kommen allzu viele Verbrecher mit ihren Taten davon.

Doch das Neue an der Geschichte besteht darin, dass die Bestrafung nicht von außen erfolgt, etwa durch göttliche oder fürstliche Intervention (wie in Sagen, Legenden, Mythen und Märchen). Vielmehr kommt dieser Impuls von innen, aus der Psyche des unbestraften Verbrechers selbst: Er muss sich selbst entlarven, um Erlösung von der Last seiner Schuld zu erlangen. Schon lange vor Freud also wird tiefer schürfende Psychologie als Triebfeder einer Story-Handlung eingesetzt.

Interessant ist an dieser Inszenierung, dass nie eindeutig geklärt wird, wann eine Katze halluziniert wird und wann sie real vorkommt. Die Katze ist das Symbol der Schuld und somit vom Verbrecher bereits verinnerlicht – genauso wie das Klavierstück und das Bildnis Sheilas, das sie mit einem gelben Auge zeigt. Man spricht hier von Projektion. Was bricht also aus dem Kamin hervor, hinter der die eingemauerte Gattin zu vermuten ist? Eine gute Frage! Man höre selbst.

|Die Sprecher|

Pleitgen spielt E. A. Poe als den leicht verwirrten und träumerischen Geisteskranken, der ausgerechnet im Gasthaus „Zum verlorenen Poeten“ Zuflucht sucht und Unterkunft findet. Dann aber spielt er auch den vulgären Trunkenbold und Tierquäler, dessen Brutalität in seinen Flüchen und der Mordtat zum Ausdruck kommt. Die zwei Charaktere sind grundverschieden, und doch gelingt es Pleitgen, beide Figuren überzeugend darzustellen. Es ist etwa so, wie dem schizophrenen Gollum zuzuhören – nur dass hier die zwei Figuren in getrennten Storys vorkommen.

Es ist schade, dass dem Trunkenbold in Poes Geschichte niemand Ebenbürtiges gegenübersteht. Weder Eileen (Anna Thalbach) , die die unterwürfige treue Ehefrau spielt, noch der Wirt (Danneberg) können dem Killer Paroli bieten. Dadurch erscheint dieser sehr einseitig als der Schurke schlechthin, wodurch er sich einem Verständnis nicht gerade anbietet. Vielmehr freut sich der Zuhörer, wenn ihn endlich der Arm der Gerechtigkeit erreicht.

|Die szenische Musik|

Neben dem wiederkehrenden Klavierstück und dem leitmotivischen „Dies irae“ ist diesmal recht häufig die singende Säge zu hören, gespielt von Christhard Zimbel. Dieses Motiv ist eng verbunden mit dem Erscheinen der schwarzen Katze. Außerdem gibt es reichlich bassbetonte Effekte, die unterschwellig ein Gefühl der Bedrohung verbreiten. Wohl dem, der einen Tieftöner sein Eigen nennt.

|Die Katze – gequält oder nicht?|

Die Darstellung der realen wie der eingebildeten Katze (als Bote des Unterbewussten) erfolgt durch häufig ein markerschütterndes, kreischendes Miauen, das im Moment des Todeskampfes geradezu in menschliche Dimensionen wechselt. Deshalb beunruhigt uns folgender Hinweis im Booklet: „Bei der Produktion dieses Hörspiels wurden keine Tiere gequält“, denn dieser Verdacht könnte sehr leicht entstehen. Katzenliebhaber seien gewarnt.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

_Unterm Strich_

In dieser psychologisch vorangetriebenen Story über Schuld und den Fluch der bösen Tat(en) erreicht der Horror recht handfeste Dimensionen: Es hagelt geradezu Leichen und Verstümmelte, ein Haus brennt ab, der Trunkenbold tobt, bis buchstäblich die Polizei kommt. Die Leitmotive sind immer wieder zu hören, und ein Zuhörer, der Subtilität wünscht, könnte durchaus vor dieser Penetranz kapitulieren.

Aber „Die schwarze Katze“ ist, wie „Das geschwätzige Herz“, die Geschichte eines vulgären Menschen, eines Verbrechers aus niederen Beweggründen. Genausowenig Subtilität, wie er in seinem Verhalten zeigt (er zertritt aus Versehen mal so nebenbei Eileens geliebte Schildkröte), ist auch von seinem weiteren Vorgehen und in dessen Darstellung zu erwarten. Daher finde ich diese Inszenierung in Ordnung.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament. Dies ist im Gasthaus „Zum verlorenen Poeten“ aber nicht der Fall: Poe zählt nur Spinnweben und Spinnen. Auch das kann ja einschläfernd wirken. Ein Angelsachse würde den naheliegenden Begriff „wool-gathering“ für Tagträumen verwenden.

Sprecherdarbietungen und Musik- & Soundkulissen verschmelzen zu einer stimmigen Einheit. Zusammen mit der dynamischen Handlung bietet „Die schwarze Katze“ daher ein unterhaltsames und wahrhaft Schauder erregendes Hörspiel. Die anderen beiden Hörspielen „Usher“ und „Maske des Roten Todes“ sind lange nicht so unterhaltsam, sondern wirken dagegen langweilig.

|Umfang: 53 Minuten auf 1 CD|

Byron, Lord / Polidori, John William / Gustavus, Frank – Vampyr, Der – oder Gespenstersommer am Genfer See

_Literarischer Psychothriller_

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati: Der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten. Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und Polidoris „Der Vampyr“ hervorgehen. Polidori erzählt, was geschah. So gab einer der Gebrüder Grimm den Anstoß zu „Frankenstein“, und Lord Byron und „Der Vampyr“ wurden zum Fluch für den Möchtegerndichter Dr. Polidori. In einem Interview hält er im Jahre 1821 Rückblick auf jene verhängnisvollen Tage am See.

_Die Autoren_

|John William Polidori:|

John William Polidori wird 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird!

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren; vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift.

|Lord Byron:|

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk „Childe Harold’s Pilgrimage“ (deutsch „Ritter Harolds Pilgerfahrt“) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung)

_Die Sprecher_

J. W. Polidori: Andreas Fröhlich, die deutsche Stimme von John Cusack, Edward Norton und Sméagol/Gollum aus dem |Herrn der Ringe|
Lord Byron: Joachim Tennstedt, die deutsche Stimme von John Malkovich, Mickey Rourke, Michael Keaton
Mary Wollstonecraft-Godwin-Shelley: Anna Carlsson
Percy B. Shelley: Santiago Ziesmer (Stimme von Steve Buscemi, Matthew Broderick)
Claire Clairmont: Dorette Hugo
Gräfin von Breuss, Signora Cassati: Marianne Groß (Stimme von Whoopi Goldberg, Cher, Meryl Streep)
Reporter bei Polidori: Timmo Niesner (Stimme von Elijah Wood in |Herr der Ringe|, Tobey Maguire)
Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus / Musik: Stephan Jacobi; |Ripper Records| (Elmshorn) 2004

_Handlung_

|PROLOG|

In der Villa Diodati (siehe oben) findet am 18.6.1916 eine Lesung von Gespenstergeschichten statt. Anwesend sind der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont, eine angehende Schauspielerin. Claire oder Mary tragen die Erzählung „Die Totenbraut“ aus der Anthologie „Phantasmagoriana“ vor. Sturm und Donner liefern eine eindrucksvolle Soundkulisse zum gruseligen Inhalt der Story.

Wesentlich dramatischer trägt Byron das Gedicht „Cristabel“ seines Landmannes Samuel Coleridge vor. Der Eindruck des charismatischen Vortragenden ist derart, dass Percy Shelley einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Laudanum-Süchtige muss von „Pollydolly“, wie Byron und Shelley Dr. Polidori herabsetzend nennen, behandelt werden, und Mary macht sich Sorgen um ihren Geliebten. Laudanum ist in Alkohol verflüssigtes Opium, enthält aber auch giftiges Bilsenkraut.

Anderntags macht Byron den folgenreichen Vorschlag, jeder solle eine Geistergeschichte schreiben und sie anschließend zum Ergötzen der Freunde vortragen.

|Haupthandlung|

Polidori ist auf die Reise mitgegangen, weil ihm Byron den Posten des Leibarztes angeboten hat. Der junge Mediziner mit den hochfliegenden literarischen Ambitionen ist geschmeichelt, doch hintergeht er zunächst seinen Chef, indem er mit dessen Verleger einen Vertrag über ein Reisetagebuch abschließt, für das er 500 Pfund, eine Menge Geld, bekommen soll. Doch er kann das Geheimnis nicht lange für sich behalten. Schon bei der Kanalüberfahrt plaudert er, und Byron bittet ihn um Diskretion in persönlichen Dingen.

Am Rhein verärgert er Byron ernstlich durch seine Anmaßung, er stünde dem Lord nur in wenigen Dingen nach. Er ist unten durch, und Byron macht ihn durch den Spitznamen „Pollydolly“ lächerlich, besonders gegenüber den Begelitern in der Villa Diodati.

Hier präsentiert Byron im Rahmen seines Wettbewerbs seine Geschichte „Der Vampyr“, die er aus dem Versepos „The Giaour“ (siehe oben die Autorenbeschreibung) abgeleitet hatte. Es handelt sich lediglich um eine Reisebeschreibung aus dem Jahr 1700 und das Begraben eines Gefährten namens Augustus Darville auf einem türkischen Totenacker. Eine Idee dazu ist aus „Die Totenbraut“. Doch Byron hat auch eine Idee zur Weiterführung, und diese greift Polidori später auf: Darville ist in England aufgetaucht und inzwischen der Liebhaber der Schwester des Erzählers …

Den eigentlichen Anstoß, die Geschichte weiterzuführen, liefert die Gräfin Breuss, die Polidori besucht, um dem Mobbing in der Villa auszuweichen. Sie glaubt nicht, man könne „etwas aus derartigem Humbug machen“. Um dieses Urteil zu widerlegen, nimmt er ihre Herausforderung an und schreibt eine fertige Geschichte binnen drei Tagen. Erst dies ist der fertige „Vampyr“.

Darin taucht ein bleicher Lord Ruthven auf, der große Ähnlichkeit mit einem dämonischen Byron hat. Im Spiel stürzt er skrupellos ganze Existenzen ins Nichts, zieht aber dadurch das Augenmerk des jungen angehenden Erben Aubrey auf sich. Er verführt dessen Schwester, während er Aubrey selbst immer schwächer werden lässt. Kurz vor seinem Tod beichtet Aubrey seinen Vormündern alles über Ruthven und warnt sie, was dieser mit seiner Schwester vorhabe. Doch jede Hilfe kommt zu spät, und Ruthven ist weiterhin auf der Jagd nach frischem Blut. –

In der Vermarktung des Werkes erlebt er vielerlei Rückschläge, nachdem die Gräfin sein Manuskript hat veröffentlichen lassen. Von einem Honorar des Bestsellers, der bald auf Europas Bühnen aufgeführt wird, sieht Polidori, der Urheber, lediglich 30 schlappe Pfund von einem Verleger. Er muss sich bis zum bitteren Ende mit Urheberstreitigkeiten herumschlagen. Lebenslang bleibt Polidori der unverstandene Literatur-Novize, den Pech und Verhängnis immer wieder beruflich und privat abstrafen.

Das Hörspiel beginnt und endet am letzten Tag von Polidoris Leben, dem dieser selbst und live am 24. August 1821 mit Zyankali ein Ende setzt, nachdem er einem Reporter die „Wahrheit“ über sein Leben berichtet hat.

_Mein Eindruck_

Der Autor des Hörspiels, Frank Gustavus, stellt eine schöne, wenn auch vielleicht kühne Parallele her zwischen der Geschichte „The Vampyre“ und der Beziehung zwischen Byron und Polidori. Um dies akzeptieren zu können, muss der Leser erst einmal genau wissen, wie Polidoris Leben verlief – das wäre seine Biografie – und wie sich die Byron-Beziehung auf sein Seelenleben auswirkte – das wäre das Psychogramm.

Beides zusammen liefert so etwas wie einen literarischen Psychothriller. In dessen letzter Konsequenz erfolgt natürlich des Tod des Opfers: Polidori. Zuvor hat er noch seine Seele erleichtert, indem er einen Reporter als Beichtvater heranzog. Ein letzter Versuch, sich im Blätterwald, der Polidori so übel mitgespielt hat, zu rechtfertigen und seinen persönlichen Vampir, eben Byron, an den Pranger zu stellen. Vergebliche Liebesmüh! In seinen letzten Millisekunden erlebt Polidori nicht nur Spieluhrklingeln und Geisterstimmen, sondern auch die ölig-spöttische Stimme Byrons: „Hallo, Pollydolly!“

|Ironie und Untergang|

Die Ironie bei dieser Geschichte ist jedoch, dass Polidori in seinem blinden Eifer, jugendlichen Stolz und gegen keinerlei Versuchung gefeiter Unschuld der Schöpfer seines eigenen Untergangs ist. Seine Biografie ist die Verkettung von Ereignissen des eigenen Versagens. Er kann weder den Schnabel halten, wenn es klüger wäre zu schweigen, noch eine Herausforderung unbeantwortet lassen. Und sein Spielglück kann er erst recht nicht unversucht lassen.

Daher verprellt er seinen Arbeitgeber, schreibt dessen Story „Der Vampyr“ weiter (was man als Plagiat ansehen könnte) und tappt so in die Falle, die die ihm die schlaue Gräfin Breuss gestellt hat. In seiner blinden Wut, sich an Byron & Co. zu rächen, verrennt er sich zu der pittoresken Beschreibung eines Blutsaugers, der für jeden Zeitgenossen offenkundige Ähnlichkeit mit einem gewissen Lord hat. Byrons abgelegte Geliebte Charlotte Lamb nannte selbst einmal den Namen eines gewissen „Lord Ruthven“. Man braucht nicht das Einmaleins zu beherrschen, um die Verbindung zu sehen.

Aber Polidori erkennt in seinen bitteren letzten Minuten, dass er mit dem „Vampyr“ einen ebensolchen Blutsauger geschaffen hat, der ihm die Lebensenergie aussaugen wird. In seinem Eifer, „meine Geschichte, meine!“ für sich zu retten und zu reklamieren, passiert das genaue Gegenteil: An publizistischer Energie, sprich: Attraktivität, ist der Name „Byron“ weitaus stärker, als es sich der unbekannte Polidori hat träumen lassen. Statt mit dem Strom zu schwimmen und Kapital daraus zu schlagen, stemmt er sich dagegen. Kein Wunder, dass er über kurz oder lang untergeht. Der „Vampyr“ ist stärker. Und der Vampir heißt nicht nur Byron, sondern auch Verlagswesen, Publizität, Public Relations. Für den Literaturhistoriker ist dies eine Offenbarung: Die Macht der englischen Presse ist bereits um 1819 ausreichend, um eine Existenz zu vernichten.

|Mary und das Monster|

Jedoch geht es nicht nur um Polidoris Lebensgeschichte. Beim Treffen am See entstand in einer Nacht beispielsweise auch die Grundidee zu Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, dessen Ursprünge sich bis zur Burg Frankenstein und den Gebrüdern Grimm zurückverfolgen lassen. (Wie dies im Einzelnen zurückzuverfolgen ist, findet sich im Hörspiel. Das hier alles wiederzugeben, würde zu weit führen.)

Eine der besten und schönsten Szenen – nach dem Prolog und dem Schluss – ist Polidoris Unterredung mit der 19-jährigen Mary Wollstonecraft Godwin, die später als Mary Shelley weltbekannt werden wird. Die Szene ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt, zumindest auf der positiven Seite von Polidoris Lebensgeschichte. Und an diesen magischen Moment hat er immer noch, selbst in einer letzten Stunde, ein Andenken behalten: eine Spieluhr, die Mary ihm als Dank dafür geschenkt hat, dass er ihr ein wenig beim Konzipieren des „Frankenstein“ geholfen hat und als Ausgleich für die Sticheleien der Gesellschaft in der Villa Diodati. Schließlich ist er selbst ein Arzt, und als solcher kompetent genug, das Treiben eines gewissen Frankenstein bei der Belebung eines zusammengestückelten „Menschen“ zu beurteilen. Aus der Spieluhr erklingt „Sur le pont d’Avignon“, ein altes französisches Volkslied. Auch dann, als ihr Besitzer seinen letzten Atemzug tut.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist für Kenner ein Genuss. Doch für Hörer, die sich weniger für Literaturhistorie interessieren und einen handfesten Horrortrip erwarten, eignet sich das Werk keineswegs. Es ist eine Inszenierung der meist leisen zwischenmenschlichen Töne, zumindest in den langen Passagen, die auf den gruseligen Prolog folgen. Und die zweite CD langweilt nach der „Frankenstein“-Szene und dem Niederschreiben des „Vampyr“ sogar ein wenig mit Polidoris relativ verwirrenden Italien-Reisen und wechselnden Lebensumständen. Statt Handlung findet sich hier meist Exposition, also Bericht. Dafür entschädigt das dramatische Finale.

Dieses Hörbuch demonstriert eindrucksvoll, was heute mit ausgefeilter Soundtechnik und einem professionellen Tonmeister alles möglich ist. Nicht nur Stereoton – am Anfang hört man, wie die rezitierende Mary von einer Seite des Klangraums zur anderen wechselt -, sondern auch eine sehr nahe und dichte Geräuschkulisse, wie in der Szene auf dem Genfer See (mit Möwengeschrei und Wasserplätschern etc.), sind ohne weiteres realisierbar, um dem Hörer eine unmittelbarere, eindrucksvollere Erfahrung des Geschehens zu ermöglichen. Gut, dass dabei die Gefahr, das Klangerlebnis zu überfrachten, vermieden wird. Übereifer kann eben auch negativ wirken.

Der hohe Preis von ca. 20 Euro ist durch diese Qualitäten gerechtfertigt. Wer mehr Horror will, greife zu den ausgezeichneten Produktionen von |LPL records|, die Maßstäbe setzen. Frank Gustavus führte dort auch Regie für [„Der Schatten über Innsmouth“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424

Demnächst erfährt die Produktion eine direkte Fortsetzung: Im Dezember 2004 veröffentlicht Ripper Records Lord Byrons „Vampyr-Fragment“ und John W. Polidoris „Der Vampyr“ als ungekürzte, inszenierte Lesung von Joachim Tennstedt und Andreas Fröhlich. Die Erstauflage gibt es exklusiv bei Ripper Records, ab Februar 2005 ist die CD dann auch über |Lübbe Audio| im Buch- und Tonträgerhandel erhältlich.

|Umfang: 124 Minuten auf 2 CDs|
Mehr Infos unter: http://www.ripperrecords.de/

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Grube und das Pendel, Die (POE #1)

Diese CD ist der äußerst gelungene und stimmungsvolle Auftakt für die erste Hörspielserie, in der |Lübbe| vier Erzählungen von E. A. Poe verarbeitet hat. Diesen Herbst wurde die Poe-Reihe mit vier weiteren Produktionen fortgesetzt.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (1809 – 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr Informationen bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Joachim Kerzel, bekannt aus zahlreichen Horror-Hörspielen und -Audiobooks, spricht die Rolle des Abtes. Kerzel ist die deutsche Synchronstimme von z. B. Jean Reno, Dustin Hoffman, Harvey Keitel, Sir Anthony Hopkins oder Jack Nicholson.
Klaus Jepsen: Bruder Amontillado
Till Hagen: Dr. Templeton
Viola Morlinghaus: Schwester Berenike
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt, nach zehn Wochen, entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Leider neigt sich sein Aufenthalt dem Ende zu: Die Anstalt soll dichtgemacht werden und er wird bald entlassen. Doch in seiner letzten Nacht erlebt der Erzähler in seiner kargen Zelle einen beängstigenden Traum …

Er erwacht in der Zelle eines Mönches, die sich im Kloster von Toledo in Spanien befindet. Am Kopf hat er eine schwere Wunde davongetragen, die eine freundliche Nonne namens Schwester Berenike mit Kräutern behandelt. Hat er diese Wunde im Krieg davongetragen, der sich Toledo in Form napoleonischer Truppen nähert? Man schreibt das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und die Situation Toledos ist alles andere als sicher.

Wie sich herausstellt, haben ihn die Mönche niedergeschlagen, weil sie ihn für einen Spion der Franzosen hielten. Im Kloster herrscht die als grausam verrufene Inquisition der katholischen Kirche, und es herrscht eine Art Torschlusspanik. Der scheinbar freundliche Abt, der das Kloster leitet, verfügt über eine bemerkenswerte Standuhr: in das Zifferblatt sind Löcher für vier Finger eingelassen und das Pendel ist rasiermesserscharf zugeschliffen. Ein Omen? O ja, und nicht nur für Schwester Berenike, die hier eigentlich nur zu Besuch ist. Kurz zuvor sei der Bruder Botanicus gestorben, erzählt sie.

Das Kloster ist in der Tat das Gegenteil eines Kurortes: Als sich der Erzähler einmal in einem Krug Wasser von einem Auslassrohr holt, bemerkt er zu spät, dass es sich um fast pures Blut handelt. Es stammt von den in den Gewölben gefolterten Opfern der Inquisition. Als er und Berenike vor Entsetzen um Mitternacht fliehen wollen, stoßen sie auf einen Leichentransport, der gerade das Kloster verlässt: Auf dem Karren liegen zerschnittene und von Ratten angefressene Körperteile. Sekunden später werden die beiden Flüchtlinge gefangen genommen und später vom Abt verurteilt, damit das Geheimnis des Klosters gehütet wird.

Der Erzähler erwacht in einem lichtlosen Gewölbe neben einem Schacht, mit Riemen auf einen Block gebunden: neben sich Ratten, über sich ein riesiges rasiermesserscharfes Pendel, das hin und her schwingt, sich dabei aber unaufhaltsam auf den Wehrlosen herabsenkt …

_Die Umsetzung_

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen und Joachim Kerzel dominieren das Hörspiel mit ihren tiefen Stimmen. Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Kerzel ist als Abt nur in zwei Szenen zu hören, wirkt aber dabei bereits zwielichtig beziehungsweise kriminell – kein Wunder, denn der Abt ist einer der letzten Vertreter der grausamen spanischen Inquisition.

Klaus Jepsen ist uns inzwischen am besten als deutsche Stimme von Bilbo Beutlin vertraut, die des „Dr. Templeton“ als die Synchronstimme von Kevin Spacey, allerdings mit betonten Bässen. Meine besondere Bewunderung möchte ich Viola Morlinghaus aussprechen: Sie spielt die sympathische Botanikerin „Schwester Berenike“ absolut lebensecht, verzweifelt und schließlich niedergeschmettert, dass man mit ihr mitfühlen muss. Allerdings fällt auf, dass ihre Figur sehr oft „Ich weiß es nicht“ sagen muss.

|Der Song|

Das Stück klingt mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, dem „Weißen Raben“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik und Klanggestaltung|

Die Musik besteht aus moderner Klassik, vermischt mit dem Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ (Tag des Zorns) und einem Streichquartett. Getrennt werden die einzelnen Szenen durch besondere Klangelemente wie etwa eine Glocke.

Die Klangkulisse dieses ersten Teils der Serie ist im Vergleich zu den anderen Teilen ganz besonders ausgetüftelt und äußerst wirkungsvoll. Von dezenten Kirchenglocken, Chören, menschlichen Schreien bis hin zu Wolfsgeheul, Rattengefiepe und Windrauschen reicht die Geräuschpalette. Wer über eine ordentliche Anlage verfügt, sollte jedoch die Bässe bis zum Anschlag aufdrehen: Die Szene unter dem Pendel bietet ein paar besonders basslastige Soundeffekte – man kann das Schwingen des riesigen Pendels praktisch sehen, nicht nur hören.

_Unterm Strich_

„Die Grube und das Pendel“ treibt den Horror auf eine bis dato unerreichte Spitze: Folter durch die Inquisition, ein mysteriöser Todesfall, Gift im Wasser, ominöse Pendeluhren und schließlich der klaustrophobische Höhepunkt unter dem Pendel selbst. Kulturell gesehen herrscht im Kloster noch finsterstes Mittelalter, bis Napoleons Truppen Freiheit, Licht und Leben bringen. Der Abt verkörpert die Willkürherrschaft der katholischen Kirche in Spanien. Es herrscht Torschlusspanik und die Entwicklung der Dinge treibt auf einen Höhepunkt zu.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament.

Inszenierung und Sprecher sind von erster Güteklasse – schade, dass Kerzel nur in dieser Folge mit von der Partie ist. Die Musik und Klanggestaltung unterstützen die hervorragenden Sprecher wirkungsvoll. Kunzes Song am Schluss wirkt für mich etwas aufgesetzt, aber sei’s drum.

Zusammen mit „Die schwarze Katze“ bildet „Grube und Pendel“ meine bevorzugten Teile der vierteiligen Serie.

|Umfang: 59 Minuten auf 1 CD|

Colfer, Eoin – Meg Finn und die Liste der vier Wünsche

Die 14-jährige Meg Finn hat schon einiges auf dem Kerbholz. Doch nun ist sie dabei, ein richtiges Verbrechen zu begehen. Leider geht alles schief, was schiefgehen kann, steht Meg vor den Toren des Himmels – mit der Betonung auf VOR. Denn Petrus und der Höllenwächter Beelzebub streiten sich, ob Meg den Einlass in die himmlischen Gefilde verdient hat. Ob sie noch mal eine zweite Chance bekommt?

|Der Autor|

Eoin Colfer, geboren 1968, ist Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Wexford, Irland. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. 2001 erhielt er den |Children’s Book Award|, den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Großbritanniens, und 2004 den |Deutschen Bücherpreis| in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Seine bislang drei „Artemis Fowl“-Romane wurden allesamt Bestseller und sind von Rufus Beck kongenial ins Medium Hörbuch übertragen worden.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Margrit Osterwold führte bei diesem Hörbuch Regie. Das Titelbild entspricht dem der Buchillustration und stammt von Nikolaus Heidelbach, Köln. Interessantes Detail: An Megs linker Hand zeigt der Daumen nach unten, Richtung Hölle, an der rechten nach oben, Richtung Himmel. Sie selbst balanciert auf einem Hochseil. Wohin sie ihr Weg führen wird, steht also keineswegs fest. Und darum geht es in dem Buch.

_Handlung_

Meg Finns irdische Existenz als Menschenwesen findet in ihrem 14. Lebensjahr ein abruptes Ende. Sie ist verpflichtet, ihrem Bekannten Belch Brennan einen Gefallen zu tun (die Gründe werden erst spät verraten) und muss ihm helfen, einen Einbruch zu begehen. Hier wohnt der alte Rentner Lowrie McCall, und Belch rechnet mit keinem Widerstand. Falls doch, würde er dem Alten seinen Pitbull Raptor („Räuber“) auf den Hals hetzen.

Was sich leider als notwendig erweist. Denn der alte Lowrie steht plötzlich mit einer Schrotflinte im Zimmer, das Belch auszuräumen gedenkt. Der Pitbull senkt auf Geheiß seines Herrn die Beißer ins Bein des Alten, doch Meg Finns Flehen veranlasst Belch, seinen Hund zurückzupfeifen. Das ist Megs einzige gute Tat an diesem Tag, denn gleich danach ergreift sie die Flucht, Raptor und Belch ihr hinterher.

Schon wieder hat sie Pech: Sie hat die falsche Richtung eingeschlagen und ist in der Sackgasse gelandet, wo der Gastank des Hauses steht. Belch legt mit Lowries Schrotflinte auf sie an, um eine lästige Verräterin aus dem Weg zu räumen. Wenigstens will er ihr eine Warnung verpassen, an die sie noch lange denken wird. Doch der Warnschuss trifft leider auch den nicht allzu gut geschützten Gastank, vor dem Meg steht. Kawumm!

|Im Jenseits|

Bekanntlich werden alle Seelen per Tunnelsystem an die für sie vorgesehenen Endstation befördert, also entweder in die Hölle oder in den Himmel. Dieses Tunnelsystem ist keineswegs unbewohnt, sondern wird von Seelenklaubern und Tunnelkratzern bevölkert, die das System sauber halten. Die Seelen gelangen je nach ihrer Färbung durch Löcher an die Endstation: rote Farbe – ab in die Hölle, blaue Farbe – hosianna! Bei der Mischung aus Belch und Raptor, die an Meg vorüberschwebt ist der Fall klar: Roter geht’s gar nicht mehr.

Bei Meg hingegen hat die Hölle ein Problem, und deshalb ruft der Oberdämon Beelzebub – nicht zu verwechseln mit seinem Boss Satan – per Handy bei Petrus an, der bekanntlich an der Himmelspforte Wache schiebt. Bub schickt Petrus ein paar Daten auf dessen PC rüber und lässt fragen, ob man nicht einen praktischen Deal abschließen könnte. Das Sündenkonto dieser Meg Finn sei nämlich ausgeglichen: Sie habe zwar ihrem Stiefvater Franco Kelly übel mitgespielt (was später noch breit erklärt wird), doch durch die Hilfe, die sie Lowrie McCall angedeihen ließ, sei sie quasi rehabilitiert worden.

Was tun, spricht Bub. Petrus entscheidet, dass Meg auf Bewährung zur Erde zurückmuss. Hätten wir uns ja gleich denken können. Es dürfte auch klar sein, dass Bub einen Hintergedanken bei dem Deal hat. Er schickt einen Seelenfänger hinterher: Belch/Raptor, aufgerüstet mit einem logischen Schaltkreis namens ELF, der sich als Hologramm sichtbar machen kann. Auch die Hölle verfügt über Computergenies.

|Die vier Wünsche|

Inzwischen sind auf der guten alten Erde zwei Jahre ins Land gegangen. Als Meg Finns Geist bei Lowrie McCall landet, um hier Wiedergutmachung zu leisten und ihr Seelenkonto aufzubessern, reagiert der Alte natürlich zunächst ein wenig befremdet. Kein Wunder, hat er doch keinerlei Erfahrung im Umgang mit Geistern. Nach ein paar Kabbeleien raufen sich die beiden zusammen, so dass eine erste mentale Verschmelzung stattfinden kann. Sofort fühlt sich Lowrie verjüngt. Meg bekommt daraufhin ganz schön Mitleid mit dem alten Knacker: Er hat nämlich nur noch ein paar Monate zu leben: das Herz. Und das Leben, das er bisher gehabt hät, scheint ihm aus lauter verpassten Gelegenheiten und Fehlentscheidungen zu bestehen.

Sobald Meg ihm klargemacht hat, worin ihre Aufgabe und ihre Fähigkeiten bestehen, stellt Lowrie eine Liste von Wünschen zusammen. Doch um die alle zu erfüllen, reicht die Zeit nicht. Also streicht er alle bis auf vier. Und um deren Erfüllung muss das seltsame Gespann hart kämpfen, denn nicht nur der Seelenfänger der Hölle vereitelt die guten Taten, für die Meg hierhergeschickt wurde, sondern auch genügend boshafte oder dumme Menschen.

Als Erstes will Lowrie McCall der beliebtesten Fernsehoma von Irland einen dicken Kuss verpassen. Sie war mal seine Jugendliebe, und eigentlich wollte er sie ja heiraten, hatte dann aber nicht die Traute – wie es halt so geht. Meg sieht da ein paar Schwierigkeiten auf sie beide zukommen. Wwürde man zum Beispiel beim staatlichen Sender RTE einen Mann einlassen, der aussieht wie der letzte Penner? Und diese Komplettüberarbeitung des Lowrie McCall ist erst der Anfang ihrer Mühen …

_Mein Eindruck_

„Meg Finn“, das Eoin Colfer noch vor „Artemis Fowl“ veröffentlichte, ist eine metaphysische Komödie mit Spannungselementen. Diese Art von Literatur ist in angelsächsischen Regionen keineswegs unbekannt. Mervyn Wall hat 1965 mit „Der unheilige Fursey oder das Irland der Frommen“ (übersetzt von Harry Rowohlt!) eine ähnliche Komödie veröffentlicht, in der Satan um die Seelen der Iren kämpft, insbesondere um die des bravsten Laienbruders Fursey (der Ärmste wird mit einer Hexe verkuppelt). Colfer greift also auf bekannte Vorbilder zurück.

Und das liegt in einem erzkatholischen Land ja auch nahe. Schließlich sind die Versuchungen sonder Zahl, und irische Bischöfe haben stets genügend Grund, gegen die Verfehlungen ihrer Schäflein zu wettern. Wenn sich also die Guten gegen die Anfechtungen des Bösen bewähren sollen, wo sonst als in Irland?

Diesmal allerdings will der Autor nicht Erwachsene ansprechen, sondern Jugendliche im rebellischen Alter von vierzehn Jahren. Und die Pubertät ist ja bekanntlich für jeden Jugendlichen die Hölle auf Erden. Auch Meg Finn hat schon Schulschwänzen und dergleichen auf dem Kerbholz. Sie ist auf dem „besten“ Weg, eine Kriminelle zu werden. Und dann ist da noch die Sache mit ihrem Stiefvater Franco Kelly – aber hierzu darf ich nichts verraten.

|Auch für Jungs|

Doch Colfer spricht nicht nur Mädchen an. Die vier Wünsche, die sich Lowrie McCall erfüllen will, reichen alle bis weit in seine Vergangenheit zurück, als er selbst noch ein Jugendlicher von fünfzehn bis achtzehn Jahren war. Hier dürften sich einige junge männliche Leser wiederfinden – besonders wenn sie Iren sind.

Meg muss lernen, für den alten gebrechlichen Knacker Verantwortung zu übernehmen, damit er sich die Wünsche erfüllen kann. Natürlich nicht ohne dabei an die Aufbesserung ihrer eigenen Seelenfarbe bzw. Aura zu denken. Bei diesen geradezu herkulischen Arbeiten gerät sie immer weiter in die Gefühlswelt des Alten, und er wird ihr Freund. Es zeigt sich, dass sie ebenfalls einen solchen Freund gebraucht hat. Denn wegen der Franco-Sache hat sie ein schlechtes Gewissen (und einen roten Fleck auf ihrer Aura). Lowrie aber kann sie verstehen, warum sie das getan hat und verzeiht ihr.

|Showdown|

Als es daran geht, den vierten und letzten Wunsch zu erfüllen, sieht sich daher Meg in der Lage, zwei Dinge zu tun, die sie selbst sehr verwundern, weil sie nämlich überhaupt mit ihrem üblichen Egoismus in Einklang stehen. Und sie tut dies zum einen, weil sie Lowrie liebt und zum anderen, weil sie Franco endlich selbst verzeihen kann, was er ihr angetan hat. Damit macht sie im Showdown um die Seelen von Lowrie, Franco und ihrer eigenen einen entscheidenden Punkt. Ob’s wohl reicht, ihr Konto ins Plus zu bringen? Vielleicht kann sie dann sogar ihre Mutter wiedersehen, die sie mit dreizehn durch einen betrunkenen Autofahrer verlor? Aber nur, wenn Petrus sie einlässt.

|Der Sprecher|

Angeblich soll Rufus Beck nach neuesten Gerüchten über 160 Stimmen verfügen. Ich glaube aber, dass es wohl eher an die 1600 sein müssen. Jede einzelne Figur in „Meg Finn“ hat ihre eigene, deutlich unterscheidbare Stimm- und Tonlage. Der alte Lowrie klingt natürlich heiser und Meg recht jugendlich. Witziger sind da schon Satan, der so ölig und hinterhältig droht wie John Malkovich in „Gefährliche Liebschaften“, oder sein untergebener Dämon Beelzebub, der sich gerade noch zurückhalten, seinen Techniker Miishi oder Belch/Raptor mit seinem Dreizack aufzuspießen, so frustriert ist der Ärmste von Satans Demütigungen.

|Belch|

Überhaupt: Belch! Als Tripelwesen aus Junge, Pitbull und Elfenschaltkreis (oder Biochip) stehen ihm ganz verschiedene Stimmen zur Verfügung – der maschinenhaft-schnöselige klingende ELF, die menschliche Sprache und das Knurren, Hecheln und Lechzen des Pitbull. Belch ist der schlagende Beweis dafür, dass selbst die ausgeklügeltste Höllentechnik nicht verhindern kann, dass Dummheit obsiegt. Das sollte unseren Ingenieuren zu denken geben.

Noch besser wird die Sache, wenn Belch in den Körper von Megs Stiefvater Franco Kelly fährt, um die Erfüllung von Lowries viertem und letztem Wunsch zu vereiteln. Hier setzt Rufus Beck noch einen drauf, indem er Francos nuschelige Stimme in die komplexe Kombination mischt.

|Flit|

Becks schönste Kreation ist jedoch meines Erachtens ein unscheinbares Wesen im Tunnelsystem des Jenseits, das den schönen Namen Flit trägt. Flit ist ein Tunnelkratzerwurm. Er sammelt Seelenreste auf, um den Tunnel sauber zu halten. Insgesamt also ein recht nützliches Wesen, und ein freundliches obendrein. Meg lernt viel von ihm, selbst wenn es nicht einfach ist, die Laute eines Wurms zu verstehen. Es ist eine Art von langsamem Lallen, so als würde man einem Baby in Zeitlupe zuhören. Sehr faszinierend.

_Unterm Strich_

Diese Geschichte hat zum Glück nur wenig mit Goethes „Faust“ zu tun. Vielmehr standen einige irische Autoren, darunter Mervyn Wall, Pate. Die metaphysische Komödie mit Spannungseinlagen erinnert zwar stellenweise an „Artemis Fowl“, doch dort ist die Unterwelt nicht mehr mit Satans Kohorten bevölkert, sondern wird von der elfischen Untergrundpolizei ZUP überwacht. Was ja schon mal ein Fortschritt ist. Meg Finn ist nicht so techniksüchtig wie Artemis, aber genauso fähig zu durchtrieben ausgeführten Schandtaten wie ihr Kollege.

Deshalb bietet die Handlung reichlich unterhaltsame und spannende Momente, die jedes pubertierende Kind nicht kalt lassen dürften. Wie sich Meg an ihrem miesen-fiesen Stiefvater rächt und sie den alten Lowrie gegen den Seelenfänger der Hölle verteidigt, das hat schon dramatischen Charakter.

Allerdings hätte ich mir als vierten und letzten Wunsch Lowries doch etwas anderes gewünscht, als über die Klippen von Moher zu spucken. Ich meine: Was ist schon dabei? Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. Dieser Ort hat für Iren etwas Mythisches, und selbst Flachlandtiroler wie wir könnten den 150 Meter hohen grauen, sturmumtosten Klippenwänden im Westen Irlands etwas Eindrucksvolles abgewinnen. Hier in den Wind zu spucken, ohne selbst getroffen zu werden, ist eindeutig ein Kunststück.

Rufus Beck hat kaum je besser vorgetragen als in „Meg Finn“. Schon in „Artemis Fowl“ war seine Sprachakrobatik erstaunlich, wenn sie mir stellenweise auch etwas überkandidelt erschien – aber Kinder mögen das ja. Doch in „Meg Finn“ nimmt er sich noch etwas zurück, um die menschlichen Stimmen plausibel klingen zu lassen. Dafür lässt er an den Nichtmenschen die Sau raus: Belch/Raptor/Elf ist eine geniale Kombination verschiedener Figuren: Deutlich hörbar ist die Lust, das Knurren, Hecheln und Schlabbern eines Pitbulls nachzumachen. Kinder werden vor Lachen vom Stuhl fallen, das garantiere ich.

|Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs|

[Homepage des Autors]http://homepage.eircom.net/~eoincolfer65/

Weiss, Ellen / Allsburg, Chris Van – Polarexpress, Der

Der amerikanische Weihnachtsklassiker hat am 25. November weltweit Premiere als Zeichentrickfilm. Dabei ist auch die deutsche Stimme von Tom Hanks zu hören. Alle kleinen und großen Träumer können sich dann vom Polarexpress auf eine magische Reise zum Nordpol nehmen lassen, um – wen wohl? – zu besuchen.

|Der Autor/Die Autorin|

Die 1985 veröffentlichte Weihnachtserzählung stammt ursprünglich von Chris Van Allsburg, geboren 1949 in Grand Rapids/Michigan. Er wurde für seine zahlreichen Bilderbücher mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Ellen Weiss hat einen Roman daraus gemacht. Gabriele Haefs hat den Text ins Deutsche übertragen.

Das Titelbild meiner Hörbuchausgabe entspricht nicht dem, das bei Amazon.de abgebildet ist. Laut Credits handelt es sich vielmehr um die Umschlagillustration der Buchausgabe: Ein kleiner Junge steht vor einer riesigen schwarzen Dampflok, die plötzlich in seiner Vorortstraße aufgetaucht ist. Im Bild links ist ein Schneemann zu sehen.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

_Handlung_

Es ist Heiligabend in einem netten Haus in Grand Rapids, Michigan, im Jahre 1955. Alles ist für das Weihnachtsfest dekoriert, nur die Geschenke fehlen noch. Die bringt bekanntlich der Weihnachtsmann. Doch an den glaubt der Junge einfach nicht und seine Schwester Sara auch nicht. Nur sein Vater und seine Mutter wollen ihm weismachen, dass es Santa Claus wirklich gibt. Der Vater bimmelt mit einem Glöckchen, als könne er so den Zauber des Festes wecken.

In der Nacht erwacht der Junge von den quietschenden Bremsen, als eine große Dampflok mit vielen Waggons mitten in seiner Straße hält. Der Schaffner ruft: „Alles einsteigen!“ Doch wohin soll die Reise gehen? „Zum Nordpol“, antwortet der Schaffner, „denn das ist der Polarexpress.“ In letzter Sekunde steigt der Junge ein, obwohl er der Sache nicht so recht traut.

Alle Passagiere an Bord sind Kinder in Schlafanzügen oder Nachthemden. Ganz wichtig scheinen Fahrscheine zu sein, die der Schaffner kontrolliert. In seiner Pyjamajacke findet der Junge ein Ticket mit der Aufschrift „1x Nordpol und zurück“. Und als der Schaffner es knipst, erscheinen zwei Buchstaben darauf. Es sind bei jedem Kind jeweils andere Buchstaben. Ihre Bedeutung wird sich erst am Schluss offenbaren.

Am Rande von Grand Rapids hält der Zauberzug vor einem einsamen Jungen, der leider viel zu lange mit dem Einsteigen zögert, so dass er erst losrennt, als der Zug sich schon in Bewegung setzt. Der Junge Nummer eins zieht die Notbremse, obwohl das streng verboten ist, und hilft so dem Einsamen, den Zug zu besteigen. Dann wird ein Mädchen kontrolliert, doch es hat seinen Fahrschein auf seinem Sitz vergessen, und als der Junge ihn ihm bringen will, fällt er, so dass der Fahrschein davonflattert.

Nun beginnt ein irres Abenteuer, in dem der König des Polarexpress, zwei komische Heizer, eine Herde Karibus und sehr viele Gefahren vorkommen. Der Junge lernt viel dazu, und auch der Charakter des Mädchens enthüllt sich: Sie ist die geborene Lenkerin und Organisatorin. Außerdem findet sie diese Reise ein „tolle Sache“ und glaubt ganz fest an den Weihnachtsmann. Deshalb kann sie Glöckchen hören, aber der Junge nicht.

Der Zug hält endlich in Nordpol City. Tausende von Wichteln sind damit beschäftigt, die Geschenke für die Kinder der Welt zu sortieren und zum Abtransport bereit zu machen. Der Junge erfährt endlich den Namen des Einsamen: Billy. Und er begegnet zu guter Letzt dem Weihnachtsmann selbst. Dieser fragt den bisher ungläubigen Jungen, was er sich denn als Geschenk wünsche. Er sagt, er wolle eines der wundervoll klingenden Glöckchen vom funkelnden Schlitten des Weihnachtsmanns. Gesagt, getan.

Während der Weihnachtsmann bereits in die Welt braust, um die Geschenke zu verteilen, wartet der Polarexpress, um die Kinder zurück nach Hause zu bringen. Doch oh Schreck! Der Junge hat sein Glöckchen verloren. Wie soll er jetzt nur Weihnachten fröhlich feiern? Da offenbart sich die Macht der Freundschaft zu Billy und dem Mädchen, aber auch die Kraft des Glaubens.

_Mein Eindruck_

Diese poetisch erzählte Weihnachtsgeschichte dreht sich wie alle bedeutsamen Weihnachtsgeschichten um die Frage, ob es den Weihnachtsmann überhaupt gibt. Der Junge ist zunächst ein ungläubiger Thomas, der sogar im prächtig geschmückten Kaufhaus nicht die Dekorationen sieht, sondern wie das Getriebeöl aus einem mechanischen Weihnachtsmann tropft.

Doch schnell wird er eines Besseren belehrt, denn je länger er mit dem Polarexpress fährt, desto seltsamere Dinge erlebt er, und die Leute, die er dabei trifft, sind wirklich interessant und wichtig für ihn. So fragt ihn einmal der Hobo, der sich der „König des PolEx“ nennt, ob er an Gespenster glaube. Natürlich nicht, ist die Antwort. Gleich darauf ist der Landstreicher verschwunden, als habe er sich in Luft aufgelöst …

Aber seine Solidarität mit dem einsamen Jungen Billy, der noch nie ein Weihnachtsfest erlebt hat, bereitet ihn darauf vor, dass es weitaus mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wichtig sind, die wir aber nicht sehen können. Die Probe aufs Exempel erfolgt mit dem Glöckchen, das ihm vom Santa-Claus-Schlitten vor die Füße kullert. Nur er sieht es und nur er kann es zum Klingen bringen. Jetzt endlich glaubt er.

Für ältere Leser hält die Innenausstattung der Versandzentrale der Wichtel für Geschenke ein paar Aha-Effekte bereit. Vielleicht lehnt sich die 1985 veröffentlichte Geschichte mit dem Ausdruck „PolEx“ schon an FedEx (= Federal Express), den globalen Zustelldienst an. Und genau so hat man sich die Sortier- und Versandzentrale vorzustellen. Es gibt sogar ein fortschrittliches Transportsystem für Wichtel und (sehr) kleine Menschen, das die drei Forscher – den Jungen, das Mädchen und den Einsamen – sehr schnell ins Stadtzentrum bringt. Mich hat dies an die Zentrale der elfischen Unterweltpolizei in „Artemis Fowl“ erinnert. Und hier erzählt Rufus Beck hörbar mit Gusto. Er hat ja auch alle „Artemis Fowl“-Hörbücher gesprochen.

|Der Sprecher|

Mit seiner lebhaften Stimmakrobatik macht Rufus Beck auch diese Weihnachtsgeschichte zu einem sinnlichen Erlebnis. Fast jede Figur erhält ihre eigene stimmliche Charakteristik, so dass sie leicht zu unterscheiden ist. Damit nicht genug, sprechen Figuren wie die zwei Heizer auch einen eigenen Dialektik, und die Wichtel wirken alle ein wenig heiser. Nur Santa Claus klingt kein bisschen heiser, sondern beeindruckt mit einer tiefen Bassstimme.

Damit nicht genug, singt uns Rufus Beck auch ein schönes Weihnachtslied vor. Es gehört nicht zu den bekannten. Dies wird zunächst von dem einsamen Billy recht traurig und zaghaft vorgetragen, dann aber zuversichtlich vom Mädchen ergänzt. Aber keine Bange: Auch ein Rufus Beck kann nicht zweistimmig vortragen *fg*. Das Tüpfelchen auf dem i bilden die Geräusche, die die Dampflok macht, so etwa das Zischen von Dampf.

Da kleine Kinder sehr empfänglich für solche sprachlichen Extravaganzen sind, wird das Hörbuch für sie sicherlich zu einem außergewöhnlich sinnlichen Erlebnis. Ich würde sagen, der Text ist ohne Weiteres für Kinder ab sechs Jahren verständlich.

|Musik|

Die schöne Musik erinnert lediglich durch die Glöckchen an klassische Weihnachtsklänge. Die Musik im Intro und Abspann selbst stammt von Parviz Mir-Ali und besteht lediglich aus glockenähnlichen Akkorden, denen ein weicher Kontrabass unterlegt wurde. Die Wirkung ist einerseits entspannend, andererseits ein wenig feierlich und besinnlich, aber auf keinen Fall abgedroschen.

Der Komponist Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M. Als Referenzen gibt der Verlag für ihn die Zusammenarbeit mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum an, mit André Heller für „Yume“ und mit Gérard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002).

_Unterm Strich_

Das Hörbuch enthält offenbar einen gekürzten Romantext. Ziemlich häufig findet ein Szenenwechsel statt und wer ganz genau hinhört, merkt, dass es mit den Anschlüssen an vorhergehende Passagen stellenweise hapert. Aber das ist wirklich nur selten der Fall. Wer damit Probleme hat, greift zum Buch.

Mit über 150 Minuten ist das Hörbuch schon ziemlich lang für eine Kindergeschichte, weit länger jedenfalls als ein Hörspiel, das normalerweise ca. 110 Minuten lang ist. Aber da die Handlung sowohl spannend als auch abwechslungsreich ist, verfliegen die zweieinhalb Stunden im Nu. Es sind zum Glück die besinnlichen Stellen, die in vollständiger Länge stehen gelassen wurden. Sie machen den lehrreichen Charakter der Geschichte aus.

Das Hörbuch eignet sich gut für Kinder ab sechs oder acht Jahren, aber einem zwölfjährigen Kind würde man die Geschichte nicht mehr so ohne Weiteres anbieten. Aber wer weiß, welche Massen in den Film strömen werden, um sich verzaubern zu lassen, wenn es wieder heißt: „Alles einsteigen nach Nordpol City!“

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Bitte beachtet auch unsere Besprechung der Filmumsetzung, die ihr [hier]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=271 nachlesen könnt.

Berndorf, Jacques – Eifel-Feuer

Siggi Baumeister ist wieder mal auf der Suche nach einer Titelstory. Und die wird ihm prompt und überraschend geliefert. Als er General Otmar Ravenstein in seiner Jagdhütte in der Eifel besuchen will, stößt er nur noch auf dessen sterbliche Überreste. Der von der NATO als extrem wichtig eingestufte Logistikexperte für militärische Großeinsätze ist mit einer Maschinenpistole grausam hingerichtet worden. BND, MAD, CIA und der Geheimdienst der NATO sind nach nur wenigen Minuten zur Stelle und verpassen dem neugierigen Journalisten sofort einen Maulkorb.

Doch der „politisch ungehorsame“ Baumeister recherchiert trotz Nachrichtensperre auf eigene Faust weiter und findet schnell heraus, dass Ravenstein den Drahtziehern eines politisch motivierten Attentats dicht auf den Fersen war. Entscheidende Schützenhilfe erhält er von seinem Freund Rodenstock, der als hauptamtlicher Kommissar über das nötige Fingerspitzengefühl und kriminalistisches Fachwissen verfügt. Von nun an bestreiten sie gemeinsam den Wettlauf mit den Geheimdiensten, die alle Spuren des Verbrechens verwischen und die Identität des Mörders vertuschen wollen.

Jacques Berndorf (= Michael Preute) gelingt es mit diesem Kriminalroman, der Eifel internationales Flair zu verleihen und sie glaubhaft zum Schauplatz raffinierter Verbrechen und unerhörter Skandale werden zu lassen. „Die Deutschen erreichen durchaus internationalen Standard“, lässt der Autor den ermittelnden CIA-Agent über den BND urteilen. Ein Etikett, das durchaus auch auf Berndorf als Krimi-Autor zutrifft. Eifel-Feuer kann in Dramaturgie und Figurenzeichnung durchaus mit amerikanischen Vorbildern Schritt halten, bei denen das Lokalkolorit dem Werk den letzten, vielleicht sogar entscheidenden Schliff gibt.

„Nichts ist so spannend wie ein Mord am schönsten Arsch der Welt“, hat Berndorf einmal über seine Krimis gesagt. Im Hörspiel wird es aber erst richtig spannend, wenn die Charaktere von den Sprechern glaubhaft mit Leben erfüllt werden. Baumeister wird von dem Schauspieler Jochen Kolenda kongenial als kaltschnäuziger und waghalsiger Journalist interpretiert, während Rodenstock uns durch seinen Sprecher Walter Gontermann mit der ihm eigenen trockenen und überlegenen Gelassenheit gegenübertritt. Auch dessen Freundin Emma, gesprochen von Marianne Rogee, lässt uns durch ihren Akzent wissen, dass Holland nur einen Steinwurf von der Eifel entfernt liegt.

Ein rundum gelungenes Hörspiel, das mit durchweg überzeugenden Sprechern besetzt ist und vom Soundtrack des Kinofilms „alaska.de“ atmosphärisch und dramaturgisch untermalt wird. Hierdurch hebt sich das vor zwei Jahren vom WDR produzierte Hörspiel noch einmal von den bereits sehr gelungenen szenischen Lesungen der Eifel-Krimis mit Dietmar Bär als Baumeister und Günter Lamprecht als Rodenstock ab.

_Jörg von Bilavsky_
|Die Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Frank Schätzing – Der Schwarm

Vor Kanadas Küste greifen Wale Touristenschiffe an. Merkwürdige, gefräßige Organismen nehmen den norwegischen Meeresboden in Besitz. Etwas scheint das Leben im Meer unter Kontrolle gebracht zu haben und gegen den Menschen zu wenden.

Sigur Johanson, norwegischer Biologe und Schöngeist, sieht eine Katastrophe heraufdämmern. Gemeinsam mit dem kanadischen Walforscher Leon Anawak und der britischen Journalistin Karen Weaver nimmt er den Kampf auf – gegen eine Macht tief unten im Meer … (Verlagsinfo)

Frank Schätzing – Der Schwarm weiterlesen

Cornwell, Patricia – Dämonen ruhen nicht, Die

Ein Serienkiller verbreitet in Louisiana Angst und Schrecken. Das Seltsame: Seine Opfer sehen wie Abziehbilder der Ex-Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta aus. Als diese dann einen Brief aus dem Todestrakt eines Gefängnisses bekommt, ahnt sie, dass die Dämonen der Vergangenheit keine Ruhe geben.

|Die Autorin|

Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia, bevor sie zu schreiben begann. Mit den Thrillern um ihr literarisches Alter Ego, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, wurde sie zur „erfolgreichsten Thrillerautorin der Welt“ (Der Spiegel). Cornwell lebt allein in Richmond/Virginia und in Malibu/Kalifornien. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für |HoCa| hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen:

– Blinder Passagier
– Das letzte Revier
– Das fünfte Paar
– Brandherd

Weitere Cornwell-Hörbücher: [Wer war Jack the Ripper?]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=97 – Porträt eines Killers; Die Tote ohne Namen.

_Handlung_

Wie in vielen modernen Thrillern verläuft auch hier die Handlung in mehreren Strängen, die am Schluss zusammenführen. Nach dem Motto: Alle Wege führen nach Baton Rouge.

Da ist zum einen die Serienheldin Kay Scarpetta. Nachdem sie als Chefpathologin des Bundesstaats Virginia geschasst worden ist, lässt sie es ruhig angehen, verdingt sich als freie Beraterin und lehrt an der National Academy of Justice. Dort lernt die Polizistin Nic Robillard die Pathologin kennen und schätzen. Nic erzählt ihr von einer Mordserie in Baton Rouge/Louisiana, der binnen 14 Monaten bereits zehn Frauen zum Opfer gefallen sind. Alle waren blond, gebildet und zwischen 30 und 40, etwa so wie Scarpetta selbst. Nic hat selbst acht Jahre zuvor ihre Mutter Annie durch einen brutalen Mord verloren.

Es ist kein Zufall, dass wenig später der Chefleichenbeschauer des Bezirks Baton Rouge, Dr. Sam Lanier, bei Scarpetta in Florida anruft und sie um Mithilfe bei der Aufklärung eines alten Falles bittet. Charlotte D’Art starb an einer Überdosis Tabletten, doch zu ihrem Umfeld gehörte ein gewisser Jean-Baptiste Chandonne, auch bekannt als „Der Wolfmann“. Ob sie interessiert sei? Ein mulmiges Gefühl beschleicht Kay, als sie diesen Namen hört. Dessen Träger kennt sie nur allzu gut, denn er hatte versucht, sie umzubringen, doch sie verätzte ihm die Augen mit Formalin. Kay sagt zu.

Ihr Freund und Kollege Pete Marino hat sich von Richmond, Virginia, aus auf den Weg gemacht, um in Boston einen Toten zu besuchen. Auch Scarpetta glaubt, dass ihr Geliebter Benton Wesley getötet worden sei – sie hat schließlich selbst „seine“ Asche verstreut. Doch Benton lebt lediglich im Zeugenschutzprogramm des FBI, unter dem Namen Tom Havilland. Marino will, dass Benton unter die Lebenden zurückkehrt, um Scarpetta davon abzuhalten, nach Baton Rouge zu fahren. Dort lauere Gefahr auf sie, weil das Verbrecherkartell der Chandonnes sich an Scarpetta rächen wolle. Und hinter der Mordserie an Blondinen dürfte Jean-Baptiste Chandonnes Bruder Jay Talley stecken. Benton schickt Marino fort, um selbst gen Süden zu fahren. Er will Lucy einschalten.

Lucy Farinelli ist Scarpettas Nichte. Sie war selbst beim FBI, wurde aber geschasst, als sie einen Kollegen, Rudy, wegen versuchter Vergewaltigung anzeigte. Stattdessen gab man ihr die Schuld. Da hatte sie die Nase voll von diesem Verein und eröffnete eine Hightech-Privatdetektei namens „Das letzte Revier“ (The last precinct; ein Romantitel). Doch auch Lucy ist ein Opfer von Jean-Baptiste Chandonnes Machenschaften, die er via Brief ins Werk setzt.

Der Wolfmann mag zwar im Todestrakt der texanischen Haftanstalt Pulasky sitzen, doch er hat einen raffinierten Plan in Gang gesetzt. Als sein Brief endlich durch Marinos Überwachung schlüpft und bei Scarpetta ankommt, kriegt diese eine Panikattacke (siehe unten unter „Sprecherin“): Er will wichtige Infos über seine Familie geben, sofern sie bereit ist, ihn persönlich am 7. Mai per Giftspritze in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Dazu muss sie natürlich nach Texas kommen …

Während alle Anzeichen Richtung Süden gen Baton Rouge zeigen, begibt sich Lucy auf einen Chandonne-Brief hin gen Osten, nach Polen, genauer: nach Stettin. Hier residiert Chandonnes korrupter Anwalt Rocco Caggiano, der auch als Sohn von Pete Marino bekannt bzw. berüchtigt ist. Lucy und Rudy wollen Rocco einen würdigen Abgang von der weltlichen Bühne verschaffen. Leider verläuft der Job nicht so reibungslos, wie sie hoffte …

_Mein Eindruck_

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle eine Parodie auf die die Wiederauferstehung von Benton Wesley schreiben, aber dann kamen mir doch Bedenken, dass sich ein Frömmler auf den Schlips getreten fühlen könnte. Nun denn.

Man kann an Cornwells neuestem Roman etwas Gutes finden, wenn man sich anstrengt, aber die negativen Punkte dürften doch bei weitem überwiegen. Es gibt zum Beispiel tatsächlich so etwas wie Action und Spannung. Dazu tragen nicht nur die Entführungen und Folterungen von Jay Talleys Opfern bei – sozusagen als schmerzvolles Grundthema -, sondern auch die Szene, in der Lucy und ihr Kollege Rudy Rocco Caggiano im Stettiner Radisson-Hotel in die Mangel nehmen.

Danach muss man ziemlich lange warten, bis es der Polizistin Nick gelingt, Bev Kiffin aufzuspüren (ohne sie zu kennen) und der Komplizin Jay Talleys lebend zu entkommen. Dass es im doppelten Finale recht blutig zugeht, leuchtet ein und wird auch vom Leser erwartet. Doch die wichtigsten Schurken werden mit einem einzigen Nebensatz ganz am Schluss abgefertigt. Und da der Oberschurke entkommt, ist auch für die obligatorische Fortsetzung gesorgt.

|Leitmotiv|

Den ganzen Roman durchzieht das Leitmotiv der Fliegen und Mücken. Das Motiv wird ja auch schon vom Originaltitel „Blow Fly“ (Schmeißfliege) angeschlagen. Gleich in der ersten Szene hat die Fliege unter Kay Scarpettas Obhut ihren Auftritt, diesmal noch gut weggesperrt. Am Schluss der Szene mit Rocco Caggiano setzen Lucy und ihr Komplize ein ganzes Glas voll Schmeißfliegen frei und öffnen das Fenster. Sie wissen genau, was nun folgt, sind sie doch Scarpettas gelehrige Schüler: Die Fliegen stürzen sich voll Blutgier auf das wehrlose Opfer und legen tausende von Eiern ab, aus denen schon nach wenigen Stunden ebenso gierige Maden über das angerichtete Festmahl hermachen.

Szenenwechsel zu Jay Talley. Auch er lebt wie die Made im Speck, umschwirrt von Moskitos, und stürzt sich mit seiner Komplizin auf eine Louisiana-Blondine nach der anderen. Wie unter einem Mikroskop hält er das wehrlose Opfer in einem Fischtank gefangen, um ihm das richtige WORT abzuringen. Schon bald ist das Menschenwesen wert- und reizlos geworden, reif für die Alligatoren …

Sollen wir uns also das Böse in Gestalt von Schmeißfliegen symbolisiert vorstellen? Die Autorin scheint uns dies nahe zu legen. Insbesondere die Fähigkeit der Fliege, sich durch mehrere Stadien zu entwickeln, sich rasant zu vermehren, überall einzudringen und ständig neue wehrlose „Lämmchen“ zu finden, dürfte sich mit einigen Eigenschaften eines Verbrecherkartells wie dem der Chandonnes decken. Auch Jean-Baptiste Chandonne, der „Wolfmann“, hat sein Opfer, Kay Scarpetta, zu sich ins Gefängnis gelockt und nutzt die Lage schamlos aus.

|Jagd nach dem Gral|

Doch Scarpetta, so sehr ihr auch unsere Sympathien als Serienheldin gelten, ist diesmal lediglich eine bedeutende Nebenfigur. Es fällt jedoch sehr schwer zu sagen, ob es überhaupt eine Hauptfigur gibt. Ist es Lucy, die Inhaberin der Detektei „Das letzte Revier“, die sich mit Pete Marino in die Sümpfe Louisianas auf Verbrecherjagd begibt? Ist es Benton Wesley, der aus seinem Versteck gekrochen kommt, um die Ex-Geliebte Kay zu beschützen? Oder sind es vielmehr die beiden Hauptschurken Jean-Baptiste Chandonne und sein Bruder Jay Talley, die eher an Raubtiere („Wölfe“ vs. „Lämmer“, unterscheidet Talley) erinnern? Ach ja, und dann gibt es noch Wölfe im Schafspelz.

Diese multiperspektivische Erzählweise ist von Lesern bei |Amazon| heftig kritisiert und bedauert worden. Dabei ist sie doch durchaus gebräuchlich und halbwegs modern. Nur steht eben nicht mehr Kay Scarpetta als strahlende Heldin da, die schon alles richten wird, sondern als Opfer ihrer früheren Chefs, Opfer der Schurken und wegen Ahnungslosigkeit sogar als untätige (oder gar unfähige?) Helferin von Kindern in der Höhle des Löwen. So viel defätistischer Realismus auf einmal ist offenbar für einige Leser schwer zu akzeptieren.

Es gibt zudem etliche Nebenhandlungen, durch die sich die Figuren durchwursteln müssen. So ist etwa nach Lucys Rückkehr in ihre Detektei erst einmal der ganze rechtliche Knatsch durchzukauen, der in Gestalt von Scarpetta und Staatsanwältin Berger Lucy in die Mangel nimmt, bis sie kaum noch weiß, wo bei ihrem Helikopter vorne und hinten ist. Dennoch wird dieses technische Wunderwerk detailliert beschrieben. Der Grund: Die Autorin fliegt selber so ein Schmuckstück.

All dieses Beiwerk ist aber beleibe nicht das Schlimmste an diesem Roman. Das Schlimmste sind die zahlreichen ungeklärten Fragen am Schluss. Sie werden zwar beantwortet, aber erst in den letzten fünf Minuten, und dann auf eine so beiläufig-wegwerfende Weise, dass der Eindruck entsteht, das sei ja alles gar nicht wichtig. Jedenfalls lange nicht so wichtig wie die Auferstehung Benton Wesleys, wenn er Kay gegenübertritt, die ihn für tot gehalten hat. Benton hat drei wichtige Gegner kurz mal so mit links ausgeschaltet. So tritt er nun seiner Kay nicht nur wie der auferstandene Jesus gegenüber, sondern auch wie der rettende Ritter in schimmernder Rüstung. Mit Kay Scarpetta als heiligem Gral.

Möchte die Autorin uns zur christlichen Lehre bekehren und zu Gralsrittern machen? Wir wollen’s nicht hoffen, aber man könnte es so interpretieren.

|Die Sprecherin|

Diesmal hat Franziska Pigulla reichlich Gelegenheit, ihre sprachliche Versiertheit unter Beweis zu stellen. Dass sie sowohl Besoffene und Wütende als auch Selbstmordkandidaten realistisch darzustellen vermag, könnte man vielleicht noch erwarten (obwohl sie keine Schauspielausbildung zu haben scheint). Auch das Brüllen, Kreischen und Säuseln hat man schon einmal gehört – in „Die Leopardin“ von Follett.

Dass sie aber sowohl Französisch und Englisch als auch Polnisch beherrscht, erstaunt doch ein wenig mehr. Die Beherrschung des Polnischen zeigt sich in ihrer korrekten Aussprache der Währungsbezeichnung „Zloty“: Es heißt eben nicht „sloti“, sondern „swoti“. (Eine wichtige Szene findet in Stettin statt. Da muss alles stimmen.)

Nun zum Französischen. Wie leicht könnte sich ein Nichtfranzose dabei lächerlich machen! Und dann ist noch ein kompletter Brief mit französischem Akzent, aber in deutscher Sprache vorzulesen. Normalerweise hört man so etwas in schlechten Komödien. Und um dies eben richtig hinzubekommen, muss man schon sehr ernsthaft bei der Sache sein. Noch einen Tick ernster wird’s, wenn der vorzulesende Brief von einem wahnsinnigen Mörder – Jean-Baptiste Chandonne – stammt, der sich wie ein Abklatsch von Hannibal Lecter aufführt. Das Sahnehäubchen: Die Lesende ist keine andere als ein früheres Opfer Chandonnes, das ihm sein Augenlicht genommen hat: Kay Scarpetta. Und wenn Chandonne jetzt blind ist, wie kann er dann diesen Brief in formvollendeter Handschrift geschrieben haben? Es ist also schon eine ziemlich unheimliche Szene, und es liegt ganz und gar bei der Sprecherin, sie so eindrucksvoll wie möglich zu gestalten. Es gelingt. Danach möchte man am liebsten wie Scarpetta gleich zur Toilette rennen …

_Unterm Strich_

Angesichts des Hypes, der um die Autorin getrieben wird, überrascht mich die mindere Qualität dieses ihres neuesten Werks schon ein wenig. Ich gebe dem Buch nur nur eine untere Wertung meiner Thriller-Skala. Nur die fabelhaft engagierte und fähige Sprecherin Franziska Pigulla verhilft dem Hörbuch zu einem Pluspunkt.

|Umfang: 480 Minuten auf 6 CDs|

Indriðason, Arnaldur – Engelsstimme

In einem gut besuchten Hotel Reykjavíks wird kurz vor Weihnachten ein toter Weihnachtsmann gefunden. Er hatte hier schon 20 Jahre als Portier gearbeitet und wohnte allein in einem Kellerraum. Kommissar Erlendur erfährt zu seinem Erstaunen, dass der Fünfzigjährige einst ein bekannter Kinderstar gewesen war, dessen Knabensopran bewundert wurde. Warum sollte ihn irgendjemand töten wollen? Erlendur muss weit zurück in die Vergangenheit, um den Fall zu verstehen.

|Der Autor|

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, studierte Geschichte an der Universität von Island und war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavík und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Håkan Nesser und Henning Mankell!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbuch „Nordermoor“ gelesen.

_Handlung_

Kommissar Erlendur wird wenige Tage vor Weihnachten in das zweitgrößte Hotel der Hauptstadt Reykjavík gerufen. Tief unten in den Gewölben, in einem engen Kellerraum, liegt ein Weihnachtsmann in seinem Blut. Die Leiche weist zahlreiche Stichwunden im Brust- und Bauchbereich auf. Wie eine obszöne Fußnote mutet es Erlendur an, dass der entblößte Penis des Mannes von einem Kondom bedeckt ist.

Gusladur Egilsson, 50, war zu Lebzeiten Portier und Faktotum im Hotel gewesen, in dem er mehr als zwanzig Jahre gelebt hatte. Der Hotelmanager, mit seinen 180 Kilo fett wie ein Wal, mauert, weil er einen Skandal fürchtet, der ihm das Weihnachtsgeschäft mit den ausländischen Gästen verhageln würde. Also nimmt sich Erlendur das junge Zimmermädchen vor, das die Leiche gefunden hat: Ösp (= Espe). Und sie zittert auch wie Espenlaub, fällt dem Kommissar auf.

Gusladur sollte auf der Weihnachtsfeier der Hotelangestellten auftreten. Er war dem Empfangschef unterstellt, doch der mauert ebenfalls. Anscheinend haben in diesem Hotel viele Menschen eine ganze Menge zu verbergen. Als sich am Kondom Speichelspuren und somit DNS finden, führen die Maßnahmen zur Erlangung der Speichelproben unter den Angestellten zu einem regelrechten Aufruhr. Der Chefkoch weigert sich schlankweg und wirft die Polizisten aus seinem Reich hinaus.

Am zweiten Tag gibt ein Zettel auf Gusladurs Nachttisch den Hinweis auf den Engländer Henry Wapshot, den Erlendur sofort in die Mangel nimmt. Der schon betagte, aber kettenrauchende Lebemann ist ein Sammler seltener Schallplattenaufnahmen. Er wundert sich, dass die wenigsten Isländer wissen, welcher bekannte Kinderstar in diesem Hotel gelebt hat. Als Gusladur zwölf Jahre alt – vor 38 Jahren – nahm er zwei Schallplatten auf, darunter Schuberts „Ave Maria“, die ihn in den Sternenhimmel der Chorknaben katapultierten. Er machte eine Skandinavientournee und bereitete die nächste Platte vor, als ihn der Stimmbruch unversehens bei einem Konzert in seiner Heimatstadt Hafnafjödur überraschte und seiner Karriere ein abruptes Ende setzte.

Erlendur betrachtet nun nicht nur Gusladur mit anderen Augen, sondern auch dessen Poster, das einen weiteren Kinderstar zeigt: Shirley Temple in ihrem Film „The little princess“. Wie er entdeckt, war dies auch Gusladurs Schimpfname in der Schule. Er ist überrascht, als Wapshot endlich mit der Aussage herausrückt, er habe Gusladur einen Vorschuss von 500.000 Kronen – ein Vermögen – für die Restauflage der historischen Schallplattenaufnahmen gezahlt, die dieser gehortet hatte. Er wollte sogar noch mehr für den Rest zahlen.

Nach und nach hat Erlendur mehrere Tatverdächtige beisammen: Wapshot selbst, von dem Interpolinformationen besagen, dass er zweimal mit Vergewaltigung von Knaben zu tun hatte (einmal verurteilt); den Empfangschef, der Schulden bei einer Hotelnutte in Höhe von 80.000 Kronen hat und Gusladur sicher gut gebrauchen konnte; und schließlich das Zimmermädchen Ösp, dessen Bruder Rainier, ein verschuldeter Junkie, wahrscheinlich Gusladur sein letztes Kondom übergezogen hatte.

Womit er aber überhaupt nicht gerechnet hat, findet er auf den Überwachungsvideos der benachbarten Bank, auf denen einer der Hoteleingänge auf Band gebannt ist. Er entdeckt, wie Gusladurs Schwester Stefania das Hotel am Tag betritt, als der Mord geschah. Sie hatte ihn in der ersten Vernehmung angelogen! So etwas bringt Erlendur natürlich auf die Palme. Er stößt auf ein Familiengeheimnis der Egilssons, das ein ganz anderes Licht auf das Leben des Ermordeten wirft.

Den entscheidenden Hinweis liefert aber Erlendurs Tochter Evalind. Auch in ihrer Familie gibt es ein dunkles Geheimnis. Sie ist darüber zum Junkie geworden. Nach ihrem Entzug hat sie sich auf die Suche nach ihrem Vater gemacht, ihn aufgestöbert und besucht ihn nun in seinem Hotelzimmer, wo er Gusladurs Platten anhört. Sie weiß ebenso gut über Drogen Bescheid wie über Reykjavíks Unterwelt. In diesem Hotel, in dem die Manager mauern, müssen noch einige andere krumme Geschäfte gelaufen sein …

_Mein Eindruck_

An Anfang und Ende des Hörbuchs ist Schuberts „Ave Maria“ zu hören, gesungen von einer wunderschönen Knabenstimme. „Ora pro nobis peccatoribus“ – „Bitte für uns Sünder“, ist da zu hören. Und diese Fürbitte können die gebrochenen Menschen in Indridasons Kriminalroman durchaus gut gebrauchen.

Denn „Engelsstimme“ ist nicht nur die Geschichte eines grausamen Verbrechens, sondern auch die Chronik zweier Familien, die zerbrochen sind. Was der Autor hier darstellt, ist der Versuch, die isländische (skandinavische?) Gesellschaft über drei Generationen hinweg zu beschreiben und sogar zu einem Teil zu erklären. Als Symbol für die heutige Gesellschaft ragt das Hotel als ein Mikrokosmos heraus. Es ist nicht nur Arbeitsplatz und Gast-Haus, sondern auch ein Bordell, ein Drogenumschlagplatz, ein klassischer Sündenpfuhl – und die letzte Zuflucht eines Verfolgten, dem man soeben gekündigt hat.

Und da Weihnachten das wichtigste Familienfest des Jahres ist, kommt dem Mordfall Gusladur Egilsson besondere Bedeutung zu: Die Gesellschaft steht auf dem Prüfstand. Sie besteht – bei Indriðason wie auch für jeden einzelnen von uns – aus Familien, die sich über mehrere Generationen erstrecken. Zu Weihnachten sollten die Familien zusammenkommen und heil sein. Doch Erlendur stößt auf welche, die weit davon entfernt sind.

Für ihn wird die Woche, die er für den Fall hat, zum Prüfstein, an dem der Ermittler zeigen kann, ob er in der Lage ist, Weihnachten als Familienfest – und symbolisch „die Gesellschaft“ – zu retten. Um dazu in der Lage zu sein, muss sich der Ermittler jedoch zunächst selbst retten, wie sich erweist. Wäre Erlendur korrupt oder gar pflichtvergessen, wäre der Fall ebenso verloren wie alles, was er symbolisiert.

|Parallelität der Familienchroniken|

In „Nordermoor“ betrachtete der Autor die biologisch-genetischen Grundlagen der durch Inzucht gefährdeten isländischen Gesellschaft. In „Engelsstimme“ begibt sich Indriðason eine Ebene höher, auf die Stufe der familiären und sozialen Interaktion. Gusladur Egilsson ist zeitlebens das Opfer seines Vaters gewesen. Der Tyrann zwang seinen Sohn, Musik wichtiger zu nehmen als Freundschaft, wodurch er ihn ausgrenzte. Das erscheint Erlendur umso grausamer, als der Tyrann wissen musste – wie es der Chordirigent Gabriel Hermansson später sagt -, dass ein Knabensopran eine sehr kurzlebige Sache ist.

Durch den Stimmbruch blamierte der Knabe denn auch seinen stolzen Vater bis auf die Knochen vor versammelter Gemeinde. Der Hass des Vaters war entsprechend groß und unversöhnlich. Der ausgegrenzte Knabe befreundete sich nur noch mit gleich gesinnten Jungs und wurde schwul. Der Vater verstieß ihn, hatte Streit und wurde bei einem „Unfall“ die Treppe hinabgestoßen. Durch den Unfall erlitt er eine Querschnittslähmung. Gusladurs Schwester, zuvor die Benachteiligte, kam nun aus dem Schatten hervor und durfte sich als Fürsorgerin des Vaters stolz hervortun, während ihr Rivale auszog. Erst in Gusladurs und seines Vaters letzten Tagen nahm sie wieder Kontakt mit ihm auf, unter anderem weil es um viel Geld ging.

Die Chronik der Egilssons ist eine Geschichte von Verstoßung, falschem Stolz und Schuld. Wenig anders erging es Erlendur in seiner eigenen Familie, wie er seiner Tochter erklärt. Eines Winters nahm der Vater entgegen Rat und Bitten der Mutter seine zwei Söhne mit hinaus auf die Schafweide, um die Tiere hereinzubringen. Der Schneesturm überraschte die Söhne, doch später wurde nur Erlendur von den Rettern gefunden. Seinen achtjährigen Bruder fand die trauernde Familie trotz jahrelanger Suche niemals. Die Trauer brach den Vater, die Schuld am Tod des jüngeren Bruders zerstörte etwas in ihm und in Erlendur, der daran litt, der einzige Überlebende zu sein.

Infolge dieses Traumas weigerte sich Erlendur später, die Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Jahrelang kümmerte er sich weder um ihren Unterhalt noch um ihren Verbleib. Die Kinder, Evalind und ihr Bruder Sundri, fragten sich, was sie am Vater verbrochen hatten, entwickelten selbst Schuldgefühle, die sie mit Alkohol oder harten Drogen zu verdrängen suchen.

Erst als Erlendur diese seine Schuld, auch im Licht der parallelen Familienchronik der Egilssons, erkennt, entwickelt er Verantwortung für Evalind. Nun kann er nicht nur sein eigenes Weihnachtsfest begehen, sondern auch das der isländischen Gesellschaft durch Lösung des Falls legitimieren. Der Gerechtigkeit ist zwar Genüge getan, aber wie immer um einen hohen Preis. Sie ist dem Fortbestand des Verbrechens, symbolisiert in den Mauern des Hotels, das nun wie ein hohler Zahn erscheint, abgetrotzt.

|Die Erzählweise|

Man kann sich leicht denken, dass die skizzierten Hintergrundgeschichten auf irgendeine Weise mit den vordergründigen Ermittlungen vor Ort verknüpft sein müssen. Im Fall der Egilssons greift der Autor auf das Stilmittel der Rückblende zurück, da Gusladur schon tot ist. Doch Erlendur hat nicht dieses Glück: Er muss Albträume erleiden, die ihn in jenen Winter zurückführen. Das erscheint jedoch als angemessen und legitim, denn da wir die Handlung aus Erlendurs Blickwinkel erleben, also sozusagen durch seine Augen sehen, liegt es nahe, uns auch Zutritt zu Erlendurs Gedanken- und Gefühlswelt zu gewähren. Dazu gehören auch die Albträume. Diese sind natürlich keine angenehmen Szenen, doch lange nicht so schlimm wie gewisse Szenen in „Nordermoor“, die heftigen Horror bereithalten.

|Ergo|

So hat sich also, um Indriðasons Aussage zusammenzufassen, die Schuld der Väter auf die Kinder und Kindeskinder übertragen – nicht nur im biblischen, sondern im ganz wörtlichen Sinne. Gusladurs Vater wollte an seinem Sohn ein Vermögen verdienen, indem er ihn zum Singen in einem künstlerischen Orchideenfach, dem Knabensopran, prostituierte. Als dessen Stimmbruch ihm einen Strich durch die Rechnung machte, verstieß er ihn, insbesondere dann, als dieser sich auch noch als homosexuell erwies.

Erlendur sieht sich nun peinlicherweise in der gleichen Situation wie Gusladurs Vater. Durch Ablehnung seiner väterlichen Verantwortung trieb er seine Tochter nicht nur in Drogensucht, sondern auch in die Beschaffungsprostitution. Dem nicht genug, stößt er allenthalben auf Stricher und Huren, insbesondere natürlich im Hotel, das nichts anderes darstellt als ein von kriminellen Zuhältern geführtes Bordell. Das Zimmermädchen Ösp und ihr Bruder sind selbst Opfer von brutalen Dealern. Stefania Egilsson hat ihr Leben und ihre Zukunft ihrem gelähmten Vater geopfert.

All diese ausgebeuteten und sich selbst entfremdeten Menschen befinden sich in einem Teufelskreis. Als Gusladur plötzlich eine Riesensumme von dem Ausländer bekam, führte dies zu einer Kurzschlussreaktion. Ich verrate aber nicht, bei wem. Ein Weihnachtsfest in diesem Brennpunkt sozialer Probleme erscheint ebenso unwahrscheinlich wie grotesk. Der Ermittler Erlendur kann nur sich selbst und seine Tochter retten, niemanden sonst. Merry Christmas, Herr Kommissar!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht fängt zunächst recht sachlich und gleichmütig zu erzählen an, und man denkt an nichts Böses. Je mehr sich jedoch die seelischen und sozialen Abgründe hinter Gusladurs Tod auftun, desto mehr seelische Pein erfährt Erlendur am eigenen Leib. Und obwohl er sich stets an den Verhaltenskodex der Kriminalpolizei zu halten versucht, fällt ihm dies zunehmend schwerer angesichts des Unrechts, das nicht nur Gusladur angetan wurde, sondern das er selbst seinen Kindern angetan hat. Glaubrechts Stimme wirkt zunehmend emotionsgeladener.

Gegen Schluss möchte man fast erwarten, dass der Ermittler ausrastet, jemanden über den Haufen schießt oder sonst etwas Unsinniges tut. Sein Kollege Sigurdur Oli wundert sich allmählich wirklich. Stattdessen erklingt am Schluss lediglich das „Ave Maria“: „Bitte für uns Sünder“. Das, was Gusladurs Vater ehrfürchtig als „Engelsstimme“ bezeichnet hat, erscheint nun – in bitterer Ironie – als der Fluch des Sängers. Das Lied transzendiert den Textvortrag Glaubrechts und hebt die Wirkung auf eine andere Ebene, dorthin, wo die Ratio ausgespielt hat und nur Emotionen wirken …

_Unterm Strich_

Das Hörbuch kann die von Indriðason beabsichtigte kritische Sozialanalyse nicht leisten, jedenfalls nicht in glaubwürdigem Maße. Dafür wäre schon der ungekürzte Text des Buches nötig. Aber das Hörbuch soll dies auch nicht leisten, sondern soll nach Vorgabe des Verlags nur den Mordfall so interessant und spannend wie möglich präsentieren und einer für den Hörer befriedigenden Auslösung zuführen. Dies gelingt auch, ohne dass der vorgetragene Text zu lang geworden wäre.

Die wichtigste Voraussetzung, dass die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten bleibt, ist die Vielzahl der Kandidaten für die Täterschaft. Wie jeder ordentliche und achtbare Krimiautor legt Indriðason eine Reihe falscher Fährten aus. Die Hauptarbeit liegt nun darin herauszufinden, welche Fährte am wahrscheinlichsten zum richtigen Täter führt. James Patterson hätte gewiss gleich zwei Top-Kandidaten präsentiert, von denen der erste Verhaftete garantiert der falsche gewesen wäre. Dazu lässt es Indriðason nicht kommen. Für ihn ist ein Krimi eine zu ernste Sache, um mit dem Leser Katz und Maus zu spielen.

Frank Glaubrechts sonore Stimme – man stelle sich den Klang von Al Pacino in „The Insider“ vor – trägt die Geschichte, die Indriðason spinnt, ausgezeichnet und ohne je die für die Geschichte und den Ermittler notwendige Autorität und Ruhe zu verlieren. Dennoch entwickelt sein Vortrag zusammen mit der Handlung eine tiefere psychologische Dimension, die sich in der zunehmenden Emotionalität in seiner Stimme äußert – ein gewisses zusätzliches Vibrato, das ich vernommen zu haben glaube. Das i-Tüpfelchen liefert, wie gesagt, nicht der Sprecher, sondern das Lied am Schluss. Der Knabensopran hat das letzte Wort, als spreche das Opfer noch einmal und als sei der Kommissar/Autor lediglich der „Sprecher für die Toten“.

|Umfang: 235 Minuten auf 4 CDs|

Birbaek, Michael – Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr

_Leben im Hyperdrive: Von Augenmagneten und Texthuren_

Vik ist ein vielbeschäftiger Drehbuchautor im deutschen Filmgeschäft. Sein Leben verläuft sozusagen im Hyperdrive, er sehnt sich nach Urlaub. Doch die Erwartungen seiner beruflichen Umgebung und die Wünsche seines privaten Umfelds halten ihn ständig davon ab.

Schluss mit dem Aufwachen im falschen Bett! Eines Tags fährt er zum Airport und schnappt sich einen Last-Minute-Flug („Sie müssen aber einen Monat zuvor buchen!“) auf eine Insel und sucht das Meer – und das verlorene Gefühl. Um dann SIE zu finden, doch ist sie die „Richtige“? Wie erkennt man „Miss Right“, wenn man sie trifft?

|Der Autor|

Michel Birbaek wurde zwar in Kopenhagen geboren, lebt aber in Köln und spricht perfekt Deutsch. Dass er sich in der deutschen Medienszene sehr gut auskennt, merkt man nicht nur seinem Buch an, auch seine Mitarbeit als Gagschreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab ist ein wichtiger Indikator für seine Beherrschung des Sprachwitzes.

Wie sein Held Viktor ist er Drehbuchautor. Im Buch „Wenn das Leben …“ wird hin und wieder ein Film mit dem ellenlangen Titel „Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen“ erwähnt. Davon habe ich noch nie gehört, aber Birbaek hat jedenfalls die literarische Vorlage dafür geschrieben und ebenfalls bei |Lübbe| veröffentlicht.

Der Autor liest sein Buch selbst und macht, wie ich finde, einen sehr guten Job dabei (keine Lacher und Versprecher!). Die Regie führte Kerstin Kaiser. Die poppige Intro- und Abspannmusik stammt von Michael Marianetti.

_Handlung_

Die Geschichte beginnt, als unser Held Viktor aufwacht und eine hübsche Frau namens Body bewundert, die sich im Badezimmer begutachtet. Das Besondere daran: Dies ist nicht Viktors Ehefrau und natürlich auch nicht Viktors Wohnung. Bodys Mann Steffen ist Stuntman beim Film und des Öfteren zu Dreharbeiten außer Haus. Immerhin: Zur Zeit ist Body Viks einzige Freundin, mit der er schläft. Außerdem überarbeitet sie seine Manuskripte für Drehbücher. Als Arbeitseinheit betrachtet, ist er das Hirn und sie die ruhige Hand.

Das erweist sich mal wieder als Vorteil, als sie mit ihrem Auto namens „Monster“ zum nächsten Meeting mit der Filmgesellschaft fahren. Dort warten die Produzentin Selma, ihre Assistentin Schulz-äh und eine Regisseurin namens Pechvögel (mit der Betonung auf „vögel“) auf sie, und wenn sie Pech haben, wird noch ein Skriptdoktor dabei sein, der ihr Elaborat „verbessern“ soll. Solche Leute – allesamt „Schwachmaten“ – bringen Vik regelmäßig auf 180, und er verarscht Pechvögel mit zweideutigen Bemerkungen, doch Body beruhigt ihn ebenso regelmäßig und rettet die Besprechung.

Body ist nur eine der vielen Frauen, die Viks Leben bestimmen. Seine große Liebe Grace ist mittlerweile schon drei Monate weg, doch inzwischen zum Star avanciert. Ob sie ihn anruft, weiß er nur anhand der Rufnummernunterdrückung auf seiner Handy-Mailbox und der fehlenden Message. Body fragt ihn: „Wozu ihr nachtrauern? Selbstmitleid ist was für Weicheier.“ Recht hat die Frau. – Zum Handyterror gehören vor allem Viks Agentin Diana, eine ehemalige Pornodarstellerin, die keinen Mann halten kann („wenn sie meinen Exberuf erfahren, verachten sie mich oder es erregt sie oder erst das eine, dann das andere“).

Diesmal ist Vik auf 180 wegen Diana. Sie hat an ein gewisses Hollywoodstudio mit dem Namen Paramount eine Option auf eines seiner Drehbücher verkauft. Für lau! Und ohne ihn zuerst zu fragen! Zur Beruhigung geht Vik ins nächstbeste Kino. „Kino ist Gruppentherapie. Hier gibt es feste Regeln für das Verhalten, die niemals gebrochen werden.“ Sogar in seinem absoluten Lieblingsfilm „Notting Hill“ mit Julia Roberts und Hugh Grant (und dem verrückten Waliser).

Seit einiger Zeit lebt Vik im Hyperdrive: auf Partys, mit koksenden Promis, seinen Regisseurfreund Nils sieht er auch nur noch selten, seit der es nach Hollywood geschafft hat, und jede Nacht verbringt er in anderen Wohnungen. Der Grund ist ganz einfach: Zu Hause warten Graces Geister auf ihn. Er hat sich vorgenommen, baldmöglichst Urlaub zu machen. Wenn ihn die Frauen mal lassen würden. Anrufe nimmt nur noch sein AB entgegen.

Auch in dieser Nacht schleppt er sich in eine fremde Wohnung und legt sich neben eine Frau, die nicht seine eigene ist. Es ist die achtjährige Jasna, die Tochter seiner WG-Mitbewohnerin Patrizia, ihres Zeichens DJ und Marihuana-Dealerin. Jasna liebt Vik als einzige Frau heiß, innig und bedingungslos. Alle anderen stellen Bedingungen, besonders Patrizia – die will, dass er für Jasna das Sorgerecht übernimmt, obwohl – oder gerade weil – sie nicht seine Tochter ist.

|Die Wende?|

Nach der Ablieferung eines alten Exposées, das er als „neue“ Drehbuchidee verkauft, düst Vik doch tatsächlich in den Urlaub. Aber was heißt hier Urlaub? Eine Woche Halbpension auf irgendeiner Last-Minute-Insel, die er noch von früher her kennt und wo sich die frischgebackenen Pärchen am zweiten Tag mit verschlafenen Augen in die „Schweinebucht“ auf den Teutonengrill legen. Darauf hat Vik absolut keinen Bock, leiht ein Auto und erkundet Küste und Landesinneres. Leider hat sich auch einen Tag vor Abreise noch immer keine Rückkehr des alten Gefühls eingestellt: In seiner Brust herrscht quasi gähnende Leere. Die Tiefe des Meeres klang noch nie so verlockend …

Da lernt er Lena kennen, die er schon am ersten Tag bemerkt hatte, aber wegen emotionaler Lähmung nicht ansprach. Schon bald tauschen die beiden ihre jeweiligen Erfahrungen mit abgehauenen Lieben aus, und um Mitternacht gehen sie gemeinsam an den Strand zum Schmusen.

Ob Lena wohl die Wende in Viks Leben bringen kann? Aber wie erkennt mann „die Richtige fürs Leben“, wenn man ihr begegnet?

_Mein Eindruck_

Natürlich erzählt Birbaek die Geschichte von Vik und seinen Frauen lange nicht so geradlinig, wie ich das in meinem Handlungsabriss tun muss. Zu Anfang rätselt man daher noch, wer dieser Vik eigentlich ist, was er für einen Beruf hat und wo all diese Frauen – große wie kleine – herkommen, sogar die Geister. Stattdessen sieht man sich überspitzt formulierten Betrachtungen über Promis, die Medien, die so genannten „Medienmacher“ und das Kino im Allgemeinen und Besonderen gegenüber. Da gibt es ein paar herrliche One-liner und Aperçus. Diese Kunst hat der Autor ja für Schmidt (leicht erkennbar als „Mr. Late Night“) und Raab („die unvermeidlichen Viva-Moderatoren“) perfektioniert.

|Keine Jammerorgie|

Aber keine Bange! „Wenn das Leben …“ ist keineswegs eine nörgelige Jammerorgie, wie stressig und frustrierend doch das Medienleben sei, sondern ein Reihe sehr anschaulich beschriebener und besonders beim zweiten Anhören bewegender Begegnungen mit – Frauen, was sonst? Dieser Vik kann zuhören, schon klar, ein richtiger Frauenversteher, womöglich sogar ein Weichei, aber doch kein Schwuler. Schön erotische Sexszenen sind hier durchaus zu finden, und nicht zu knapp.

Wer ist denn nun „die Richtige“? Muss sich Vik wie Schillers klassische Helden (Piccolomini in „Wallenstein“) zwischen der erfrischenden Liebe zu Lena (= Neigung) und seiner Pflicht gegenüber Jasna und deren Mutter entscheiden? Herrje, wird man sich nun sagen, die kulturelle Entwicklung bietet doch inzwischen sicher auch ein paar andere Entscheidungsmodelle an, oder? Da hilft nur eines: selber lesen bzw. hören!

|Nicht nur Ladys |

Doch nicht alles dreht sich in der Story um junge Frauen im gebärfähigen Alter. Auf der Insel macht Vik beim „Handtuch-Roulette“ die Bekanntschaft einer über sechzigjährigen „Mumie“, die den jungen, hoffnungslos abgeschlafften Helden so richtig auf Trab bringt, mit etlichen Alkoholrationen, einem „losen Mundwerk“ und entsprechend robustem Humor. Und dann ist da noch Nils, der hoffnungsvolle Regisseur, der nach zwei Filmen (und etlichen Linien Koks) so ausgebrannt ist, dass er auf jeder Party in Tiefschlaf fällt. Witzig, dass ausgerechnet Nils sich weigert, Anglizismen zu übernehmen, die ja gerade im Filmbiz so häufig vorkommen. Nils ist Viks ältester Freund, doch selbst jetzt reden sie nur noch über Filme, Regisseure usw. Bis zu dem Tag, als Vik von Diana zwei Erster-Klasse-Tickets nach Los Angeles (zu Paramount) überreicht bekommt: Nils will seinen Kumpel endlich flennen sehen …

|Still crazy … (Sprache)|

Es ist schon merkwürdig, aber die Geschichte hat mich an mehreren Stellen an Benjamin Leberts Roman „Crazy“ erinnert. Das Buch wurde verfilmt, mit Robert Stadlober, wenn ich mich recht erinnere. Auch hier geht es um die Entdeckung der „Richtigen“ beziehungsweise der Erotik an sich, Quickie-Sex und Münchner Sex-Show inklusive. Wichtiger noch ist aber die Kommentierung des Lebensgefühls einer Generation und zwar in einer Sprache, die dieser angemessen ist.

Birbaek erfindet zahlreiche sprachliche Ausdrücke oder bringt entlehnte Ausdrücke so an, dass sie wie neu funkeln. Ein Wort wie „Lovesound“ ist ebenso wunderschön wie passend, um die nonverbalen Äußerungen von Liebenden während des Aktes zu bezeichnen, besonders aus weiblichem Munde. Ebenso schön ist der Ausdruck „Augenmagneten“, die für Patrizias Augen, und „Minimagneten“, die für Jasnas junge Augen gelten. Jeder weiß, was damit gemeint ist.

Etwas weniger schön ist Nils‘ Ausdruck „meine Texthuren“. Damit meint der Regisseur – hoffentlich ironisch – die Autoren, die ihm das Drehbuch erstellen und je nach Bedarf umschreiben (müssen). Ich schätze mal, auch Gagschreiber könnte man mit diesem ironischen Ausdruck belegen. Ebenso ironisch ist der Fachausdruck „Helfersyndrom“ zu werten. Fast jede von Viks Frauen appelliert an seinen Instinkt, der Lady zu helfen, und zwar selbst dann noch, wenn er emotional erpresst wird. Und dabei wollen sie meistens sein Geld: egal ob es um Steuerschulden geht oder um das Sorgerecht für Jasna. Vik erkennt den Vorgang genau als das, was er ist. Er hilft dennoch. Denn wenn’s um Freunde und Kinder geht, kennt Not kein Gebot.

Diese sprachliche Frische und Lebendigkeit in Verbindung mit der anschaulichen Schilderung hielt mich die ganze Zeit von vier Stunden über bei der Stange. Hey man, schon lange keine so spannende und anrührende Lovestory mehr gehört. Am liebsten würde ich jetzt noch das Buch lesen.

|Der Autor als Sprecher|

Dass Autoren ihre eigenen Texte lesen, ist zwar keineswegs unbekannt, aber immer noch eher die Ausnahme. Das liegt an zwei Gründen. Zum einen stammen die meisten als Hörbücher produzierten Texte von angelsächsischen AutorInnen, die leider kein Deutsch können (und es auch gar nicht nötig haben).

Zweitens ist die Erfahrung, einen deutschsprachigen Autor seinen eigenen Text vorlesen zu hören, nicht immer das Goldene vom Ei. Der Autor neigt eben dazu, selbst zu werten oder auf seinen Text bereits zu reagieren, statt die Reaktion ausschließlich dem Hörer zu überlassen.

Auch Birbaek schrammt haarscharf an dieser Grenze entlang. Besonders im letzten Drittel liest er die lustigen Jasna-Szenen mit einem kaum unterdrückten Lachen in der Kehle. Das kann man ihm als Mensch keineswegs verdenken, doch der Hörer sollte dieses Lachbedürfnis selbst in sich entdecken, indem der Text es in ihm weckt. Zum Glück gelingt Birbaek auch dies. Wenn Vik seine komatös pennende Jasna wieder einmal mit dem Satz „Brad Pitt putzt sich dreimal täglich die Zähne“ weckt (etwas anderes funktioniert nicht), so ist dies ein Verweis auf die erste Jasna-Szene, die genau damit begann. Das zaubert ein Lächeln des Wiedererkennens ins Gesicht des Hörers.

_Unterm Strich_

Die vier Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. Es war nett und interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, besonders die Frauen – und dazu zählt ganz besonders auch die achtjährige Jasna. Das Buch ist gleichermaßen ein Generationenporträt und die Abrechnung mit dem aktuellen Stand des deutschen Filmgeschäfts. Dabei benutzt der Autor nicht ausgelutschte Sprachklischees, sondern ganz bewusst auch neue Prägungen wie etwa „Lovesounds“ (oder habe ich da was verpasst?), setzt viel Ironie ein („Helfersyndrom“, „Handtuch-Roulette“ und „Texthuren“), respektiert aber die Wünsche und Erwartungen von Kindern und ihren Müttern.

Dabei geht der „Held“ Viktor keineswegs leer aus, sondern kriegt die Kurve mit neuem Schwung, neuen Erkenntnissen und neuem Glück. Der Schluss der Story lässt den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Genau im Sinne des Autors: Der ist Lachfaltenfan.

Welche nun Miss Right ist und wie man sie erkennt? Das müsst ihr schon selbst lesen oder hören!

|Umfang: 242 Minuten auf 4 CDs|

Homepage des Autors: http://www.Birbaek.de/

Jonathan Stroud – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Der Dschinn Bartimäus, ein uralter orientalischer Geist, bekommt eines Tages den Auftrag, dem hochnäsigen Zauberschüler Nathanael zur Seite zu stehen: ein Auftrag, der Bartimäus zunächst alles andere als glücklich macht. Dann aber beginnt ein Abenteuer, das die zwei aneinander schweißt. Nathanael versucht, sich für den Tod seines Ziehvaters am mächtigen Zauberer Simon Lovelace zu rächen und ihm das berühmte Amulett von Samarkand zu stehlen. Mit Bartimäus‘ Hilfe gelingt das auch – aber es löst eine ganze Reihe von Problemen aus … (Verlagsinfo)

Jonathan Stroud – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand weiterlesen

McDermid, Val – Echo einer Winternacht

1978. In einer eisigen Winternacht wird im schottischen St. Andrews eine junge Frau erstochen. Vier Studenten, alte Freunde, finden die Sterbende, können ihr Leben aber nicht mehr retten. Doch seitdem werden sie von Medien, Polizisten und Verwandten der Toten verdächtigt.

Und 25 Jahre später beginnt ein Unbekannter, späte Rache zu üben: zwei der vier Freunde sterben. Ein Albtraum beginnt. Wird es den beiden Überlebenden gelingen, sich und ihre Familien vor dem Rachefeldzug des Unbekannten in Sicherheit zu bringen? Sie machen sich daran, die fast verjährte Tat endlich aufzuklären, denn nur so kann der Wahnsinn gestoppt werden.

|Die Autorin|

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den |Gold Dagger Award| der britischen |Crime Writers‘ Association|. (Verlagsinfo)

Für „Echo einer Winternacht“ wurde sie kürzlich mit dem amerikanischen |Barry 2004 Award| in der Kategorie „Best British Crime Novel“ ausgezeichnet. Der „Barry Award“ wird von der amerikanischen Krimizeitschrift „Deadly
Pleasures“ in verschiedenen Kategorien verliehen. Bei den Recherchen hat sie auf juristischen Rat zurückgegriffen. Denn das schottische Recht weist doch einige Unterschiede zum englischen auf, die für die Geschichte von Bedeutung sind.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-„Tatort“-Serie den |Deutschen Fernsehpreis|.

Bär hat bislang vier Hörbücher nach Krimis von Håkan Nesser gelesen, die bei |Random House| erschienen sind.

_Handlung_

Ein Mann steht im November 2003 am Grab von Rosemary Duff im schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews. Er erinnert sich an jene schicksalhafte Winternacht vor 25 Jahren, als man Rosemary fand …

|16. Dezember 1978|

Vier Studenten, die seit Kindheitstagen Freunde sind, machen auf dem Hallow Hill, einem alten keltischen Friedhof in St. Andrews, eine grausige Entdeckung: Sie finden den blutüberströmten Körper der jungen Rosemary Duff. Die vier Freunde – Ziggy, Gilley, Mondo und Weird – können Rosies leben nicht mehr retten. Gilley läuft zu einer in der Nähe parkenden Polizeipatrouille (es gibt zu wenig Benzin, um durch die Straßen zu patrouillieren) und holt Hilfe. Doch zusammen mit dem Polizisten James Lawson kann er nur noch Rosies Tod feststellen.

Leider sind die ersten Zeugen automatisch auch die Tatverdächtigen, und so werden sie nacheinander von der Polizei in die Mangel genommen. Die Vernehmungen führt Barney Maclennan, doch sie führen nur zu zwei Festnahmen: Die Jungs haben Drogen genommen und sich einen Landrover ohne Wissen des Besitzers „ausgeliehen“, um damit Mädchen von einer Party „nach Hause zu bringen“.

Doch trotz ihrer Beteuerungen, nichts mit dem Mord zu tun zu haben, geraten sie unter Verdacht. Nicht nur das grausige Erlebnis selbst, sondern auch die Vorverurteilung durch Polizei, Medien und Einwohner der Gegend, nicht zuletzt durch Rosies zwei gewaltbereite Brüder Colin und Brian, verändern das Leben des Quartetts und stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe.

Der Fall fordert ein zweites Opfer: Officer Barney Maclennan überlebt seinen Einsatz bei der Rettung von Mondo nicht, der in die eiskalte See gesprungen war, um sich umzubringen. Und wie man munkelt, hat Mondo sogar Maclennan auf dem Gewissen, denn er trat nach dem Polizisten, so dass er zurück in die tobende See fiel. Jede Hilfe kam zu spät.

|November 2003|

Fünfundzwanzig Jahre später rollt die Polizei von St. Andrews unter Leitung von Assistant Chief Constable James Lawson alte Mordfälle wieder auf. Darunter auch den von Rosemary Duff. Dabei sollen neue kriminaltechnische Methoden eingesetzt werden. Doch was heißt schon „eingesetzt“? Aus Geldmangel werden nicht alle möglichen Methoden benutzt, sondern nur die gängigsten, so etwa die DNA-Analyse.

Doch leider müssen die Polizisten erstaunt feststellen, dass die Kartons mit den Beweisstücken aus dem Jahr 1978 verschwunden sind. Durch Zufall ist Rosies Strickjacke, die man später gefunden hatte, im Karton für 1980 gelandet: In ihr finden sich Spuren einer speziellen Farbe, die für Bootsanstriche verwendet wird. Diese Analyse führt aber nicht die Polizei durch …

Es scheint jemanden zu geben, der seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat: Ziggy, inzwischen erfolgreicher Kinderarzt, kommt in Seattle beim Brand seines Hauses in den Flammen um. Sein Lebensgefährte Paul Martin verständigt Gilley. Gilley, das ist Alex Gilbey, lebt seit 25 Jahren mit Mondos Schwester Lynn zusammen. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet und erwarten nun voll Vorfreude die Geburt ihres ersten Kindes. Die Nachricht von Ziggys Tod erschüttert sie.

Als kurz darauf auch Mondo Opfer eines Mordanschlags wird, kommt Alex ins Grübeln. Alex wird den Gedanken nicht los, dass es sich um Racheakte handelt. Kein Wunder, denn auf den Begräbnissen seiner zwei Freunde taucht jedes Mal ein Kranz auf, auf dessen Schleife „Rosemary zum Gedächtnis“ steht. Zusammen mit Weird, der inzwischen ein frommer Fernsehprediger in Georgia, USA, geworden ist, gehen sie zu Account Lawson und fordern ihn zum Handeln auf. Wer steckt hinter der Anschlagsserie? Sie werden die nächsten sein, wenn die Polizei nichts unternimmt.

Und als tatsächlich nichts geschieht, schaltet er Mondos Witwe und deren lesbische Geliebte Jackie, eine freie Journalistin ein, um eigene Ermittlungen anzustellen. Schon bald stößt er auf eine Spur, die in eine unerwartete Richtung weist …

_Mein Eindruck_

Val McDermid verfügt über großartige Fähigkeit, eine ganze kulturelle Ära wiederauferstehen zu lassen. Die längst vergangenen Tage von 1978, als Pink Floyd und David Bowie noch Idole waren (nach denen sich Mondo und Ziggy benannten), lässt sie wieder lebendig werden: lange Partys, viele weiche Drogen und mehr oder weniger willige Mädchen. Zu denen allerdings nicht die arme Rosie Duff gehörte.

Da McDermid selbst aus der Region um St. Andrews stammt, fällt es ihr nicht schwer, auch die Eigenarten der Bewohner dieser Region anschaulich deutlich zu machen – und das sind nicht immer positive. Rosies Brüder Brian und Colin gehen schon mal einen Schritt zu weit. Vor allem haben sie etwas gegen Schwule wie Ziggy. Da stehen sie allerdings nicht alleine, wie Alex Gilbey an den erstaunten Mienen seiner Freunde Mondo und Weird abliest. Dass Ziggy schwul ist, wussten sie nicht. Und Ziggy wollte nicht, dass sie es erfahren, denn sie halten ihn jetzt für „krank“. Und er sieht seine medizinische Laufbahn nicht zu Unrecht gefährdet.

„Schwulenklatschen“ – noch heute ein beliebter „Sport“ in manchen konservativen Gegenden, und zwar nicht nur im Wilden Westen, wo Schwule an den Wagen gebunden und zu Tode geschleift worden sind. Colin und Brian stecken Ziggy „nur“ in ein altes Verlies der Burg von St. Andrews. Als Ziggys Schwulsein bekannt wird, verliert Mondo seine Freundin. Als ob er infiziert wäre oder so. (Das führt zu seinem Selbstmordversuch.) Dass Ziggys Vater Jude ist und eine Katholikin geheiratet hat, macht Ziggy nicht beliebter – wenn er das irgendjemandem verraten würde. Es ist kein Wunder, dass er nach Amerika auswandert, an die Westküste, wo es bereits tolerante Schwulen-Gemeinschaften gibt.

Aber auch mit dem heterosexuellen Alex Gilbey verfahren die Einwohner nicht zimperlich. Seine Kommilitonen, insbesondere die für hochnäsig gehaltenen Engländer aus dem Süden (die ’sassenachs‘) schlagen den Schotten zusammen. Er schlägt denn auch keine Akademikerlaufbahn ein wie Mondo, sondern wird Fabrikant von Glückwunschkarten. Nicht gerade der tollste Beruf, aber er nährt seinen Mann, wie seine ebenfalls berufstätige Frau Lynn, eine Gemälderestauratorin, sicher feststellen würde.

Was aber dem Leser bzw. Hörer weitaus merkwürdiger vorkommt als das stockkonservative Verhalten gewisser Leute, ist das Verhalten der Polizeibehörden. Nicht nur, dass eine Patrouille nicht patroulliert, sondern praktisch Wache steht, wundert etwas. Auch dass Beweisstücke im Laufe der Jahre spurlos verschwinden, spricht nicht gerade für Sorgfalt im Job. Dass Colin und Brian Duff nur verwarnt werden, wenn sie Weird krankenhausreif schlagen und Ziggy im Verlies verschwinden lassen, ist noch rätselhafter.

Nicht ganz nachvollziehen kann Alex, warum Lawson, Ermittlungsleiter im Jahr 2003, seine Leute auf Spurensuche setzt, statt sie auf Interviewtour zu schicken. Und warum erzählt Barney Maclennans Bruder Robin brühwarm, wer seinen Bruder auf dem Gewissen hat? Man könnte beinahe auf die Idee kommen, Lawson habe etwas zu verbergen. Doch die Mordserie, der Ziggy und Mondo zum Opfer fallen, lenkt Alex und Weird, die sich Gedanken machen könnten, von solchem Verdacht ab.

McDermid ist es gelungen, ihre Geschichte nicht nur zu einem gut funktionierenden Krimi mit Thriller-tauglichem Herzschlagfinale zu machen. Sie hat einen Entwicklungsroman über vier Angehörige einer bestimmten Generation geschrieben. Und dies sind die besten Geschichten: Der Leser bzw. Hörer nimmt nicht nur am Schicksal der vier „Laddies aus Kirkcaldy“ teil, sondern versteht auch ihr soziales Umfeld, in dem ein Mord wie der an Rosie Duff geschehen konnte, ohne dass er ein Vierteljahrhundert lang aufgeklärt wurde.

In Anspielung auf kurz zurückliegende Hexenjagden auf Pädophile in England (ca. 2002) macht sie klar, dass es latenten Hass gegen Randgruppen wie Schwule, Juden, Schotten, Katholiken und was nicht alles gibt. Und dass kaum etwas dagegen unternommen wird, diese Spannungen abzubauen. Zweitens wird deutlich, dass selbst die modernsten kriminalistischen Methoden wie die DNA-Analyse nicht zum Erfolg führen, wenn sie von den Leuten, die sie anwenden sollen, systematisch sabotiert werden.

Wer soll die Wächter bewachen?, fragten sich schon die alten Römer. Die Frage ist natürlich bis heute aktuell. Ganz besonders brisant wird sie innerhalb der Handlung, als es im Finale darum geht, den wahren Mörder zu verhaften. Die Polizistin, an die sich Alex wendet – er zeigt ihr sogar den Beweis dafür -, weigert sich rundweg und erklärt ihn für geistesgestört: ein klarer Fall von Kadavergehorsam. Lieber lässt sie es darauf ankommen, dass ein Unschuldiger getötet wird. Dass genau das passiert, dürfte jeden redlich denkenden Leser & Hörer zur Weißglut bringen.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär gelingt es gut, die Figuren zum Leben zu erwecken. Manche Figuren sprechen betont langsam und bedächtig, andere wieder schnell und in geschliffener Ausdrucksform. Besonders gefiel mir die Stelle, als Bär den Klang nachahmt, den ein Sprecher mit gebrochener Nase – es ist der zusammengeschlagene Weird – hervorbringt. Wie Bär das gemacht hat, versuche ich mir vorzustellen. Hat er sich etwas vor den Mund oder die Nase gehalten?

Die Fülle der Figuren in dem Buch dürfte so manchem Leser/Hörer zu schaffen machen. Leider gibt es weder im Buch noch im Hörbuch einen Liste der „dramatis personae“. Im Hörbuch bin ich durch die Ortswechsel mehrmals ins Schleudern geraten. Dass Ziggys Begräbnis in Seattle stattfindet und Mondo in Glasgow lebt, kapierte ich erst nach einer ganze Weile und wiederholtem „Zurückspulen“ der CD. Hier hilft es wohl, wenn sich der Hörer ein paar Notizen macht.

Im Übrigen ist das Hörbuch ebenso spannend zu hören, wie das Buch zu lesen ist, mit dem ich es vergleichen konnte. Natürlich wurde wieder der rote Faden herausgearbeitet und bis zu dessen logischem Ende verfolgt, das in einem dramatischen Finale gipfelt. Ich hätte der Geschichte noch stundenlang zuhören können. Doch das Hörbuch ist wirklich nur 5 CDs lang: 354 Minuten, knapp sechs Stunden.

_Unterm Strich_

Wie schon beim genialen „Die Erfinder des Todes“ ist Val McDermid auch mit „Echo einer Winternacht“ ein unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen, an dessen Verlauf der Leser /Hörer wirklich Anteil nimmt. Das Schicksal der vier Freunde und insbesondere das von Alex Gilbeys Familie liefert den roten Faden, an dem sich die Handlung orientiert.

Doch gibt es eine parallele Handlung, die ich hier aus Geheimhaltungsgründen verschwiegen habe, um die Spannung nicht zu verderben. Und im Zusammenspiel erzeugen die beiden Handlungsstränge eine Dynamik, die schnurstracks auf das dramatische Finale hinführt.

Das Hörbuch hat mich zufrieden zurückgelassen. Besonders die Vortragskunst Dietmar Bärs weiß ich inzwischen zu schätzen. Er hat ja auch einige Van-Veeteren-Romane Håkan Nessers aufgenommen. Stets wird deutlich, dass er sich anstrengt, die Figuren zum Leben zu erwecken und den Hörer an ihrem Schicksal Anteil nehmen zu lassen. Er kommt ohne Musik oder Soundeffekte aus. Aber das geht in Ordnung. Die Geschichte kann für sich stehen und braucht keine unterstützenden Maßnahmen.

Dieses Hörbuch hat sich meine Höchstwertung verdient.

Jilliane Hoffman – Cupido

Eine Staatsanwältin in Miami erkennt in einem Verhafteten denjenigen Mann wieder, der sie zwölf Jahre zuvor brutal vergewaltigt und verstümmelt hatte. Sie benutzt ihre gegenwärtige Position, um sich an dem Serienkiller zu rächen. Dabei übersieht sie leider ein paar Kleinigkeiten.

Die Autorin

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

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Douglas Adams – Per Anhalter ins All

|In vielen der etwas lässigeren Zivilisationen am äußersten Ostrand der Galaxis hat der Reiseführer „Per Anhalter durch Galaxis“ die große „Encyclopaedia Galactica“ als Standard-Nachschlagewerk für alle Kenntnisse und Weisheiten inzwischen längst abgelöst. Denn obwohl er viele Lücken hat und viele Dinge enthält, die sehr zweifelhaft oder zumindest wahnsinnig ungenau sind, ist er dem älteren und viel langatmigeren Werk in zweierlei Hinsicht überlegen.
Erstens ist er ein bisschen billiger und zweitens stehen auf seinem Umschlag in großen, freundlichen Buchstaben die Worte KEINE PANIK.|

Aus: „Per Anhalter durch die Galaxis“

„Per Anhalter durch die Galaxis“ ist über den Status eines reinen Kultbuches längst hinaus: Man darf sagen, dass es längst ebenso sehr Eingang in die westliche Kultur gefunden hat wie Mickey Mouse, Batman oder die Simpsons – der Anhalter gehört für jeden Reisenden (und wer wäre das nicht?) längst zur Allgemeinbildung. In diesem Sinne will ich gar nicht lange mit einer (ohnehin bestens bekannten) Inhaltsangabe langweilen, sondern lieber einen Blick auf die skurrilen Personen werfen, die das Universum bevölkern.

Da wäre natürlich zunächst Arthur Dent zu erwähnen, einer der letzten Nachkommen jener vom Affen abstammenden Spezies, die den Planeten Erde bevölkerten und deren simples Gemüt man leicht daran erkennt, dass sie Digitaluhren noch immer für eine ganz tolle Sache halten. Zu Beginn der Erzählung teilen sich Arthurs Haus und dann auch sein Planet das gleiche Schicksal: Beide müssen einer Umgehungsstraße weichen. Die eine ist von der Stadtverwaltung geplant und liegt als Konzept im Klo des Kellers einer Behörde aus, die andere ist von der Rasse der Vogonen vorgesehen und war auf einem unserer Nachbarsterne zu begutachten. Arthur wie auch die Menschheit im Allgemeinen hätten also jede Chance gehabt, gegen das Bauvorhaben zu protestieren, nur haben es leider beide versäumt, ihre Ansprüche gelten zu machen und so muss man sich eben von Haus und Heimat trennen.
Natürlich ist die Sprengung der Erde ein Ereignis, dem man sich nur schwer entziehen kann, aber Arthur Dent hat Glück im Unglück, denn kurz bevor der Planet Erde in seine Bestandteile aufgelöst wird, trifft er auf …

… Ford Prefect. Ford ist zwar dem Äußeren nach ein Mensch, stammt aber tatsächlich von einem fernen Stern aus dem Beteigeuze-System. Sein Name resultiert aus schlampiger Recherche – er dachte, er wäre auf der Erde unauffällig. Er ist so eine Art freischaffender Journalist und schreibt Artikel für den „Anhalter“. Unglücklicherweise ist er vor einigen Jahren in dem abgelegenen Spiralarm gestrandet, der bis vor kurzem auch das Sonnensystem und die Erde enthielt und kommt nun nicht mehr weg. Immerhin gab ihm das genug Zeit, einen neuen und verbesserten Artikel über den seltsamen Planeten zu verfassen, auf dem er da gestrandet war. Der alte Eintrag „harmlos“ war der reichen Kultur und der Geschichte des Planeten und seiner ganzen Bedeutung nicht mehr so richtig würdig und so konnte er im Laufe der Jahre auf „weitgehend harmlos“ erweitert werden.

Ford ist um drei Ecken mit dem Präsidenten des Universums verwandt und ein erfahrener Reisender und Anhalter, weswegen er auch nie ohne Handtuch an Bord eines fremden Raumschiffes gehen würde. Mit den Vogonen hat er sich und Arthur Dent leider relativ ungemütliche Zeitgenossen als Gastgeber gesucht. Nicht nur, dass diese sie durch die Luftschleusen einfach ins Vakuum hinausbefördern wollen, sie geben auch vorher einige Kostproben ihrer berüchtigten Dichtkunst ab. Da der Tod in der Kälte des leeren Alls jederzeit der vogonischen Dichtkunst vorzuziehen ist, finden sich die beiden Freunde schnell auf der falschen Seite der Schleuse wieder, doch da geschieht das Unwahrscheinlichste, was hätte passieren können … Die „Herz aus Gold“ nimmt sie im selben Moment auf!

Das ist selbstverständlich so unwahrscheinlich, dass es quasi gar nicht vorkommt, aber das Raumschiff „Herz aus Gold“ hat einen Unwahrscheinlichkeitsdrive, der auf der Theorie der Instochastik basiert. Mit Hilfe der Instochastik können ein Raumschiffantrieb konstruiert werden, die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass sich eine Rakete in einen Wal verwandelt oder – und daran sieht man wirklich, um welche Potenzen es bei der Unwahrscheinlichkeitstheorie geht – Fehler in einer Restaurant-Rechnung gefunden werden!

Die „Herz aus Gold“, das modernste Schiff der Galaxis, wurde jedenfalls soeben von Zaphod Beeblebrox entführt. Dieser ist ein Egomane vom Herrn, Präsident der Galaxis, Abenteurer und Ex-Hippi. Als Präsident obliegt es seiner Pflicht, von den wahren Machtverhältnissen im Universum abzulenken und daher gilt er als einer der erfolgreichsten Männer, die dieses würdevolle Amt je innehatten. Er hat übrigens einen zweiten Kopf und einen zusätzlichen Arm. Trotz der körperlichen Unterschiede ist er mit Ford Prefect verwandt.

Ebenfalls an Bord der „Herz aus Gold“ befinden sich Tricia McMillan, genannt Trillian, eine lose Bekannte von Arthur Dent, die ihn mal auf einer Party hat abblitzen lassen und lieber mit Zaphod davongebraust ist (weswegen sie die Zerstörung der Erde auch überlebt hat) und der Roboter Marvin, der über ein Gehirn mit einer absolut fantastischen Rechenleistung verfügt und zudem mit einem echten menschlichen Persönlichkeitsprofil ausgestattet ist – er ist also ständig depressiv.

Zusammen mit diesen – nennen wir sie doch in Ermangelung eines besseren Begriffs „Leute“ – mit diesen Leuten also durchstreift Arthur Dent das Universum, erlebt Abenteuer, bekommt tiefere Einblicke in den Sinn des Lebens und muss dazu nicht einmal einen Pangalaktischen Donnergurgler trinken – eine Kreation von Zaphod, die sich anfühlt, als würde einem mit einem in Zitronenscheiben gehüllten Goldbarren das Gehirn rausgeprügelt werden …

Der Kreis schließt sich: Als Radiohörspiel hat das Kultbuch „Per Anhalter durch die Galaxis“ seinen Siegeszug begonnen und nun ist es dort auch wieder angekommen: Dazwischen liegen alle bekannten Formen der medialen Umsetzung eines Stoffes, sowie der Eingang des Werkes – oder doch zumindest einiger seiner Teile – in die westliche Kultur: „Per Anhalter durch die Galaxis“ gehört längst zum Kanon einer Literatur jenseits Marcel Reich-Ranickis.

Jeder Mensch, der auf die eine oder andere Art und Weise an Büchern interessiert ist, wird früher oder später auf dieses brillante Werk stoßen und nun hat |Der Hörverlag| eine Möglichkeit gefunden, es auch allen Lesemuffeln zugänglich zu machen.

Das Hörspiel ist erfolgreich bemüht, die abstruse Atmosphäre des Buches einzufangen und dabei jener legendären, beinahe mystisch verklärten BBC-Produktion nachzueifern, die nun auch schon demnächst ein Vierteljahrhundert alt ist. Dies gelingt souverän und die Gründe heißen Dieter Borsche, Klaus Löwitsch und Bernhard Minetti. Als Stimmen der Hauptdarsteller hauchen sie den Textzeilen des großen Douglas Adams Leben ein, sind so verrückt und überdreht, so seltsam und philosophisch, so gleichgültig und engagiert, wie die Helden der einzig bekannten fünfbändigen Trilogie. Es wäre jedoch unfair, nur diese Sprecher lobend zu erwähnen, denn auch und gerade die Nebenrollen sind liebevoll und mit viel Feingefühl besetzt, man denke nur an die Rede der Frau vor der Demonstration gegen die Errichtung der Schnellstraße durch Arthurs Haus – eine staunenswerte Leistung, die mich ungläubig und sprachlos vor den Boxen kauern ließ: Gerade in diesen Zwischentönen bzw. Zwischensequenzen brilliert die Hörbuchfassung ungemein.

Leider ist mir nicht bekannt, ob die textliche Vorlage des Hörspiels die der Originalfassung des „Anhalters“ ist, aus dem ja erst später ein Buch wurde, oder ob es sich um ein eigenes „Drehbuch“ handelt, aber so oder so sind die Kürzungen, die vorgenommen wurden, eine Reduzierung auf das Maximum. Schnell und witzig kommt die Geschichte nun daher, ohne jedoch auf den Tiefgang der Romanvorlage zu verzichten.

Die optische Gestaltung des Covers dürfte ganz im Geiste der ersten Erscheinungen des berühmten Buches sein, meine Uralt-Taschenbücher sehen jedenfalls so ähnlich aus … Löblich zu erwähnen ist auch die Trackunterteilung, die so angelegt ist, dass ein schnelles Wiederfinden einer bestimmten Szene oder die Wiederaufnahme nach Unterbrechung des Hörgenusses kein Problem darstellt.

Ein Ersatz zur Lektüre des „Anhalters“ ist das Hörbuch nicht – aber den kann und wird es sowieso nicht geben. Vielmehr bietet die Produktion von |Der Hörverlag| eine willkommene Möglichkeit, in die unendlichen Weiten des Douglasschen Kosmos einzutauchen, selbst, wenn das Buch nicht zur Hand ist. Somit kann es Kennern wie Neulingen nur wärmstens empfohlen werden – macht’s gut und danke für den Fisch.

_Marcel Dykiert_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Lucas, George – Star Wars – Krieg der Sterne, Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter

Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.

|Das Hörspiel|

Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.

Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).

Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten. Sehr hübsch sind wieder einmal die Fotos von C3PO: Einmal sitzt er auf dem Thron der Ewoks, auf dem anderen wagt er ein Tänzchen mit einer kleinen Ewok-Dame. Viel beeindruckender finde ich jedoch das doppelseitige Ausklappbild mit dem rasenden „Millenium Falcon“, der, vor einer Flammenhölle fliehend, durch so etwas wie einen Röhrentunnel saust.

Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt den zweiten, unfertigen „Todesstern“. Nimmt man die CD heraus, fällt der Blick auf ein emporgerecktes Laserschwert … Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales |Lucasfilm|-Produkt, lizenziert von |WortArt|, handelt.

|Der Sprecher|

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

_Handlung_

Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“ und „Das Imperium schlägt zurück“, also die Episoden 4 und 5.

Das Imperium hat einen zweiten „Todesstern“ im Bau und schon fast fertig gestellt. Vader sorgt dafür, dass die Bauarbeiten beschleunigt werden. Der Imperator himself will nämlich hier seinen Endsieg über die Rebellen feiern. Und den hohen Herrn darf man keinesfalls enttäuschen, wenn einem was am Leben liegt.

Unterdessen auf dem Wüstenplaneten Tatooine, der früheren Heimatwelt Luke Skywalkers. Bekanntlich ist es Luke, Leia und Lando (die drei Killer-Ls?) gelungen, aus der Wolkenstadt Calrissians zu entkommen. Nun geht es darum, den eingefrorenen Han Solo zu befreien. In Verkleidung versuchen Leia und Luke, als Kopfgeldjäger mit Jabba the Hutt, dem Boss der Unterwelt des Planeten, einen Deal zu machen: Hauptsache, er gibt ihnen Han Solo.

Leider klappen die Pläne nicht ganz wie vorgesehen. Leia wird versklavt und muss halbnackt und angekettet als Tänzerin Jabba zu Diensten sein (was leider auf dem Hörbuch kaum zur Geltung kommt). Luke fällt durch eine Falltür in das finstere Verlies, das von einem Monster namens Renkor beherrscht wird.

Zwar gelingt es den Robotern R2-D2 und C3PO, Han Solo aus dem Carbonit zu befreien, doch damit ist noch nichts gewonnen. Alle Gefährten werden gefangen genommen und sollen in der Wüste einem weiteren Monster vorgeworfen werden. (Offenbar herrscht hier ein Überschuss an Ungeheuern.) Diese Exkursion endet für diverse Insassen des Segelschwebeschiffes von Jabba recht fatal: Es fliegt in die Luft. Doch zuvor sind die Gefährten entkommen.

|Intermezzo:|

Luke fliegt zu Yoda zurück, um seine Jedi-Ausbildung abzuschließen. Zu spät: Yoda gibt den Löffel ab. In langen Gesprächen mit Yoda und Kenobi erfährt Luke endlich, dass er eine Zwillingsschwester – Leia – hat, die vor den Imperiumskräften ebenso versteckt werden musste wie er. Auch über die Vergangenheit und den Werdegang seines Vaters Anakin erfährt er eine Menge. Kenobi prophezeit, dass, wenn es Luke nicht gelingt, Vader zu töten, das Imperium siegen werde. Diese Prophezeiung stürzt Luke in einen Zwiespalt, der sich für ihn verheerend auswirken wird.

|2. Akt:|

Das Imperium hat seinen neuen „Todesstern“ über dem Waldmond Endor in Stellung gebracht, der irgendwo am Rande der Galaxis den Rebellen als Sammelpunkt dient. Hier wird die Rebellenflotte dem Imperium die finale, entscheidende Schlacht liefern.

So lautet zumindest der Plan. Denn der „Todesstern“ verfügt über einen Schutzschild, der ihn unangreifbar macht. Die Energie dafür wird ihm von einer Station auf Endor zugeführt. Diese gilt es also zunächst zu zerstören, bevor der Rebellenangriff mit Aussicht auf Erfolg gewagt werden kann. Han und Leia führen einen Kommandotrupp an, der die Bodenstation außer Funktion setzen soll. Sie stoßen schnell auf erhebliche Schwierigkeiten: Das Imperium hat sie erwartet.

Nach ersten Kämpfen setzt sich Luke ab, um sich seinem Vater an Bord des „Todessterns“ entgegenzustellen. Doch hier hat er es nicht nur mit Vader zu tun, sondern mit dessen Boss, dem oberfiesen, durchtriebenen Imperator. Dieser versucht, Luke auf die „dunkle Seite der Macht“ zu ziehen. (Die Macht ist also nicht nur ein religiöses, parapsychologisches und genetisches Phänomen, sondern auch ein psychologisches – tolle Sache, das!)

Der Zwiespalt, in dem Luke steckt, sieht so aus: Wenn er versucht, Vader oder den Imperator als die zwei Oberschurken zu töten, trägt ihn sein Hass auf die „dunkle Seite der Macht“, d. h. er ist auch nicht besser als einer dieser Schurken. Er kann sie aber auch nicht am Leben lassen, denn sie würden in kürzester Zeit seine Gefährten vernichten. Und dann ist da noch Kenobis Prophezeiung. Er tut das einzig Richtige, das die dritte Seite dieses Dreiecks aus Luke, Vader und Imperator unter Zugzwang setzt: Er weigert sich, sich dem Imperator zu unterstellen, wirft vielmehr sein Laserschwert weg und ist bereit, sein Leben zu opfern.

Unterdessen ist die Rebellenflotte im Anflug auf den „Todesstern“ in der Hoffnung, dass der Schutzschild deaktiviert wurde. Ein kleiner Irrtum, wie sich herausstellt. Alles ist in der Schwebe – das Schicksal der Galaxis muss sich entscheiden. Doch was wird den Ausschlag geben?

_Mein Eindruck_

Episode 6 besteht über weite Strecken aus zwei Handlungssträngen, die je einem grundverschiedenen Tempo folgen. Während sich Solo, Leia und Co. den Rebellen anschließen und so für die Action auf Endor sorgen, setzt sich Luke auf einer ganz anderen Ebene mit den Gegebenheiten seines Lebens und der Herrschaft über die Galaxis auseinander. Dies erfordert lange Dialoge mit Yoda, Kenobi, Vader und dem Imperator, die sehr lange dauern und die Handlung fast zum Erliegen bringen.

Idealerweise sollte der Actionpart um Solo & Co. diese Langsamkeit ausgleichen, doch in der Umsetzung hat das nicht ganz hingehauen. Die Dialogszenen behaupten weiterhin ihr Übergewicht. Auf der Suche nach Gründen stößt man schnell auf die Ewoks. Diese tapferen Teddybären auf Endor entsprechen dem Äquivalent der kannibalischen Neger in den Tarzanfilmen und Cartoons der 1930er Jahre: Sie wollen Solo & Co. kochen, um sie zu verspeisen. Eine ziemlich lächerliche Idee.

Noch lächerlicher ist die Lösung, die sich George Lucas für dieses dramaturgische Problem hat einfallen lassen: C3PO behauptet, er sei ein Gott. Zum Beweis lässt Luke ihn und R2-D2 per Telekinese schweben. Die tumben Trapper und Speerträger aus dem Endorwald fallen denn auch in die obligatorische Demut, die einem Gott gegenüber angebracht ist. Mit den gleichen trügerischen Methoden arbeitet doch auch der Imperator, oder? Nur ist es bei ihm nicht halb so lustig.

Am Schluss, nach dem großen Finale (das hier nicht verraten werden darf), tanzen die Sieger ausgelassen mit den Eingeborenen Endors. Das hätte man im Zweiten Weltkrieg unerlaubte Verbrüderung mit der Bevölkerung genannt, aber es passt natürlich zu einem Sternenmärchen. Dass Han glaubt, die angebetete Leia habe ihr Herz nun an Luke verloren, ist nur das ironische Sahnehäubchen.

|Ausblick|

Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.

|Der Sprecher / Das Hörspiel|

Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.

Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefiel mir die spannende Szene zwischen Luke, Vader und dem Imperator. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des Plots.

Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.

Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im ersten Finale deutlich, beim Duell zwischen Imperator, Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.

|Änderungen gegenüber den Originalen|

Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Das gilt nur für Episode 5 des Hörspiels. In Episode 6 fehlt ihr der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue und ein wenig heisere Klang keineswegs. Hierbei erweist sich, dass die Leistung des ursprünglichen deutschen Synchronsprechers (Name unbekannt) immer noch unübertroffen ist.

_Unterm Strich_

Nun sollte eigentlich so etwas wie ein Resümee der gesamten Trilogie geliefert werden. Aber ist dies wirklich nötig? Schon in den Fazits zu Episode 4 und 5 habe ich entsprechende Andeutungen gemacht, dass es deutliche Unterschiede in der inhaltlichen Qualität der Hörspiele gibt. Im Rückblick ergibt sich, dass die übergreifende Produktpräsentation einem echten |Lucasfilm|-Produkt an Qualität in nichts nachsteht, dass aber der Inhalt des ersten Hörbuchs mir am besten gefallen hat.

Also lässt sich ohne weitere Umschweife sagen, dass der Käufer jeweils ein sehr gutes Hörspiel erhält, sich die inhaltliche Qualität nicht immer die Waage hält. Und wer von |Star Wars| als einem Sternenmärchen sowieso nichts hält, der wird auch mit den Hörspielen nichts anfangen können. Man muss schon eine gewisse Begeisterung mitbringen …

… genau wie bei den Filmen: Mitte nächsten Jahres geht der Rummel wieder los, wenn es zum sechsten Mal heißt: „Es war einmal in ferner Zukunft in einer weit entfernten Galaxis …“

|Umfang: 65 Minuten auf 1 CD|

Siegel, James – Entgleist

Ein braver Werbefachmann und Familienvater gerät durch die Verlockungen des Sexus auf moralische Abwege. Womit er nicht gerechnet hat: Er wird wohl für den Rest seines Lebens erpresst. Wenn er nicht schnellstens einen Ausweg findet, hat er die Zukunft seiner kranken Tochter verspielt. Ein Albtraum nimmt seinen Anfang.

|Der Autor|

James Siegel studierte an der Uni von New York, bevor er eine Karriere als Werbefachmann einschlug, dessen Kampagnen mehrfach ausgezeichnet wurden. Sein Debütroman „Epitaph“ erhielt 2001 den ersten Preis als bester Kriminalroman, eine Auszeichnung der „Private Eye Writers of America“. Der Autor lebt auf Long Island vor der Stadt New York. (Verlagsinfo)

Inzwischen wurde „Entgleist“ fortgesetzt. Siegels neuester Thriller trägt den Titel „Detour“ (= Umweg).

|Der Sprecher|

Jürgen Kluckert hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ studiert und Rollen im „Tatort“, bei „SOKO“ und „Liebling Kreuzberg“ gespielt. Auch am Theater und als Synchronstimme von u. a. Morgan Freeman, Nick Nolte, Robbie Coltrane und Chuck Norris wurde er bekannt.

_Handlung_

Jeden Morgen nimmt der Werbefachmann Charles Schine den Zug um 8 Uhr 43, der ihn von Long Island nach New York City bringt, wo Charles in einer Werbeagentur arbeitet. Als verheirateter Mann mit einer zuckerkranken Tochter, Anna, tendiert er dazu, lieber kein Risiko einzugehen. Das geht so lange gut, bis er einmal einen Zug später fahren muss. Er ist so in Eile, dass er nicht einmal einen Fahrschein gelöst hat. Das Geld dafür muss er sich von einer netten Passagierin leihen: ganze neun Dollar. Sie heißt Lucinda, hat auffallend schöne Beine und noch viel schönere Augen. Klar, dass er sie wiedersehen will.

Doch sie sei verheiratet, sagt sie, und könne ihn nur zu bestimmten Zeiten treffen. Da sie auch in der Stadt arbeitet, trifft sie Charles zum Mittagessen, dann einmal zum Abendessen, schließlich wird aus dem harmlosen Flirt eine heiße Affäre. Charles braucht den Aufwind, den ihm Lucinda verschafft, denn mit seiner eigenen Karriere steht es nicht zum Besten.

Sie fahren zusammen zu einem schäbigen Hotel in einem gefährlichen Viertel, wo kaum Weiße zu sehen sind, schon gar nicht so wohlhabende wie dieses Pärchen. Lucinda wählt das Hotel, und Charles lässt sie bestimmen. Nach einem leidenschaftlichen Schäferstündchen folgt das böse Erwachen. Auf der Treppe vor dem Zimmer lauert ihnen ein Kerl auf, der Charles mit einem Revolver niederschlägt. Während Charles um sein Bewusstsein ringt, vergewaltigt der brutale Kerl Lucinda mehrmals. Erst nachdem er ihre Brieftaschen geraubt hat, verschwindet er. Beschämt trennen sich Lucinda und Charles voneinander.

Doch damit endet der Alptraum keineswegs. Er beginnt erst. Denn der Räuber, der sich Raul Vasquez nennt, ruft in Charles‘ Haus an. Dessen Frau Deanna ahnt nichts Böses und reicht den Anruf an Charles weiter: Vasquez verlangt zehntausend Dollar für sein Schweigen. Charles ist leicht erpressbar, denn er hat Deanna nichts von dem traumatischen Zwischenfall erzählt. Sie hat mit der zuckerkranken Tochter bereits genug Sorgen am Hals, denkt Charles. Und natürlich darf auch Lucinda nichts zustoßen, die er schmählich im Stich gelassen.

Er übergibt Vasquez die 10.000 Dollar in einem schäbigen New Yorker Viertel, doch ein paar Wochen später verlangt Vasquez die zehnfache Summe. Dafür muss Charles den Fonds, den er für seine Tochter angelegt hat, angreifen. Doch er bemerkt Anzeichen, dass Vasquez in der Nähe seines eigenen Hauses war. Und so willigt er ein, auch diese Summe zu zahlen. In der Firma lässt er sich auf krumme Geschäfte ein, um den Verlust auszugleichen.

Ihm wird endlich klar, dass Vasquez nie aufhören wird, ihn zu erpressen. Und deshalb wendet er sich an Winston Boyko, der in seiner Firma die Post austrägt. Winston ist ebenfalls Baseballfan und Charles‘ einziger Kumpel. Da er schon mal im Gefängnis war, kennt er sich aus. Doch er will ganz genau wissen, worum es Charles geht. Der muss erkennen, dass er Vasquez nur durch dessen Tod los wird.

Diese explizite Anstiftung zum Mord wird Charles später noch große Probleme bereiten. Denn von nun an geht alles schief, was nur schief gehen kann. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem Charles erkennt, dass Lucinda gelogen hat, als sie sagte, sie habe selbst eine kleine Tochter …

_Mein Eindruck_

Diese Story ist so abgedroschen, dass sich der Autor etwas Neues einfallen lassen musste. Dies findet in einer Art Rahmenhandlung statt. Charles Schine ist mittlerweile Creative-Writing-Lehrer in einer Haftanstalt. Was hat er hier zu suchen, fragt man sich vielleicht. Allerdings kennt man Charles zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn diese Rahmenhandlung bildet den Beginn der Geschichte. Also wundert sich der Hörer noch nicht, was das soll.

In Charles‘ Schreibklasse sitzen natürlich Knastbrüder, klar. Sie geben ihre Arbeiten anonym ab. Doch einer von ihnen gibt nach und nach eine Geschichte ab, die der Lebensgeschichte von Charles seit jenem fatalen Tag, als er Lucinda kennen lernte, aufs Haar genau ähnelt! Woher weiß der anonyme Mann das?

Nach einer Weile zieht es Charles vor, seine Geschichte selbst zu erzählen. Diese Binnenhandlung macht den Löwenanteil des Romans aus. Dann taucht Charles hier im Knast auf, in seiner Schreibklasse. Die Rahmenhandlung wird zur alleinigen Haupthandlung. Endlich wird auch der Zweck der Schreibklasse klar: Hier sucht Charles seinen Erpresser und Peiniger … Mehr darf nicht verraten werden, aber aus der Inhaltsangabe kann man sich ausrechnen, wie es weitergeht.

Der Autor hat also doch noch einen Kniff gefunden, seiner uralten, ausgelutschten Story vom gefallenen Biedermann einen spannenden Dreh zu verpassen, der dem Rest des Buches eine gewisse Spannung verleiht. Was jedoch inhaltlich etwas verblüfft, sind die erheblichen Unterschiede in der Erscheinung des Charles Schine. Der Lehrer im Knast ist ein abgebrühter Typ, der genauso gut selbst Jahre abgesessen haben könnte. Dem ist einiges zuzutrauen. Der Familienvater Schine hingegen, der in der Binnenhandlung über die Fallstricke der Moral stolpert und erpressbar wird, ist ein ganz anderer Mensch: ein Trottel von Biedermann.

Wenn aber beide Schines identisch miteinander sind, so muss eine erhebliche Entwicklung stattgefunden haben. Nun erhebt sich natürlich die spannende Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte – und wozu der „neue“, aktuelle Charles Schine fähig ist, wenn er gefunden hat, was er im Knast sucht. Man wartet einigermaßen neugierig auf die Beantwortung dieser zwei Fragen – und wird auch vom Autor keineswegs enttäuscht. Diese Erzähltechnik allein hebt den Roman aus der Masse amerikanischer 08/15-Thriller heraus.

|Hörerlebnis|

Während mir das Lesen des Buches zunehmend durch verschiedene Umstände verleidet wurde, konnte ich mich für das Hörbuch immer mehr erwärmen. Hier fehlen die weinerlichen Blicke auf die ach so kranke Tochter Anna und die ach so vertrauensselige und furchtbar verletztliche Gattin Deanna – ein vermeintliches Idyll, das der ach so zartbesaitete und fürsorgliche Charles keinesfalls zerdeppern möchte. Lucinda ist nicht mehr die strahlende Verlockung, sondern ein verführerisches Weib, und Raul Vasquez ist nicht mehr der Teufel an der Wand, sondern einfach nur ein normal-skrupelloser Krimineller.

All diesen Mumpitz hat der kluge Bearbeiter dem Hörspiel ausgetrieben. Die Handlung rast schnurstracks wie ein D-Zug auf die Katastrophen zu, die sich in Charles‘ Leben ereignen müssen, damit die oben genannten zwei Identitäten ein Kontinuum bilden. Dennoch gilt es einige Peinlichkeiten zu überstehen, die nicht gestrichen wurden. So etwa stellt Charles eines Nachts fest, dass jemand – Vasquez? – an den Baum gepinkelt hat, der die Grenze des Grundstücks der Schines markiert. So als sei Vasquez ein Hund, der sein Territorium markiert, indem er Bäume anpisst.

Apropos Hunde: Als Charles eine Leiche auf einem Müllplatz entsorgen will, wird er von einem räudigen Köter bedrängt, der den blutigen Körper, der da in sein Revier gebracht wird, für sich beansprucht und großzügigen Futterlieferanten die Zähne zeigt. Charles bevorzugt das klügere Ende der Tapferkeit und nimmt Reißaus. Er hat zu diesem Zeitpunkt offensichtlich Angst vor wehrhaften Wadenbeißern.

(Achtung: SPOILER!)

Später kehrt er an den Tatort zurück, an dem sein Albtraum begann: das Hotelzimmer, das erst zum Liebesnest und dann zum Schausplatz seiner schlimmsten Erniedrigung wurde. Durch einen abstrusen Zufall fliegt genau im entscheidenden Augenblick das Hotel in die Luft. Es sind genau solche „plot-twists“, an denen sich die Geister scheiden: Die einen finden sowas geil, weil völlig unvorhergesehen. Die anderen finden sowas dämlich, weil es dafür überhaupt keine plausible Erklärung gibt, die ihre Vernunft ansprechen würde. Ich gehöre zu Letzteren. Allerdings liefert diese Wendung dem Autor einen Vorwand, noch weitere hundert Seiten zu schreiben. War es das wert? Vielleicht, da bin ich mir nicht sicher. Aber es hätten sich eine Menge Schlüsse angeboten, die weniger spannend gewesen wären.

|Der Sprecher|

Jürgen Kluckert, die deutsche Stimme von Morgan Freeman, verfügt über ein ähnlich sonores Sprechorgan wie Frank Glaubrecht (Al Pacino) und Joachim Kerzel (Jack Nicholson u. v. a.). Deshalb fällt es ihm keineswegs schwer, der mitunter doch recht absurden Story die nötige Autorität mit auf den Weg zu geben, so dass der Hörer einigermaßen leicht seinen natürlichen Unglauben aufgibt und sich auf die Lebensgeschichte des Charles Schine einlässt. Ich konnte keine Aussprachefehler feststellen. Die Story wurde erheblich gestrafft, ganze Szenen fielen dem Rotstift zum Opfer – gut so, sage ich (s. o.). Druckfehler wie im Buch gab es glücklicherweise auch keine. 😉

_Unterm Strich_

Im Vergleich zum Buch „Entgleist“, das ich angefangen hatte, bevor ich aufs Hörbuch umstieg, hat mir die Audiofassung ausgezeichnet gefallen. Lässt man die genannten Absurditäten mal so gelten, so ergibt sich doch ein auf ungewöhnliche Weise erzählter Thriller, der über die Masse der amerikanischen 08/15-Thriller hinausragt. Das Thema besteht nun nicht mehr darin, wie Otto Normal seine Familie vor dem Bösen schützt, sondern wie sich Otto Normal verändern muss, um in der Lage zu sein, das Böse zur Strecke zu bringen. Und das ist ein anderes, weitaus spannenderes Spiel. Über die Moral von der Geschicht‘ sollte sich jeder selbst seine Gedanken machen. Im Augenblick ist die Versuchung groß, alles auf die aktuelle politische Lage der USA und den Irak zu übertragen.

Der Sprecher bringt seine stimmliche Kompetenz, sprachliche Wendigkeit und seine Autorität ein, um der Story des Thrillers die nötige Glaubwürdigkeit und Spannung zu verleihen. Dies ist durchaus gelungen. Kritikpunkte lassen sich lediglich in inhaltlicher Hinsicht finden, und das zur Genüge.

|Umfang: 314 Minuten auf 4 CDs|

Weigoni, Andrascz Jaromir – Zur Sprache bringen …

Die Integration von Mesnchen mit Behinderung in die ’normale‘ Gesellschaft ist ein Prozess, der schon seit Jahren schleppend vorangeht, aber von vielen leider nicht wahrgenommen wird bzw. nicht die verdiente Aufmerksamkeit, welche diese Menschen verdient haben, bekommt. Sicherlich steckt hinter dieser Aussage eine recht negative Wertung, die ich mir an dieser Stelle aufgrund des direkten Bezuges – ich selber arbeite hauptberuflich mit körperlich und geistig behinderten Menschen zusammen – auch sicher erlauben darf.

Aus diesem Blickwinkel heraus finde ich es natürlich äußerst lobenswert, wenn man mit allen Mitteln versucht, an diesem gesellschaftlichen Missstand etwas zu ändern und den Menschen mit Behinderung ebenfalls ein Forum gibt, um ihre Gedanken nach außen zu tragen, oder generell in die Öffentlichkeit zu gelangen. Ein solches Projekt hat auch A. J. Weigoni, seines Zeichens Literaturpädagoge am Benninghof (eine sehr groß angelegte Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Mettmann, Teil der Mönchengladbacher Stiftung Hephata), unter dem Titel „Zur Sprache bringen …“ gestartet, bei dem er eben diesen Menschen eine knappe Stunde lang ein Forum gegeben hat, damit diese ihre Gedanken, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, und eben all jene Dinge, welche sie im alltäglichen Leben mit sich herumtragen, äußern. Zum besseren Verständnis möchte ich daher erst einmal das Begleitschreiben dieses Hörbuches zitieren, damit die Intention von Herrn Weigoni etwas deutlicher wird:

|»Diese Collage ist ein Platz für Geschichten ausserhalb normierter Sprachregularien, ein Oszillieren zwischen Eigenart und Eigensinn. Man muss diese Menschen lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes Einzelnen einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen.

Es geht nicht darum, auf der Armseligkeit der Menschen rumzutrampeln und sich über sie lustig zu machen. Sondern darum, das wahre Leben abzubilden und zu zeigen, welche liebenswürdigen, tragikomischen Seiten das so genannte einfache Leben haben kann. Die Bewohner des Benninghofs sind interessant, weil sie anders sind als man selbst oder die Menschen, mit denen man zu tun hat. Und in ihrer Andersheit sind sie den „Normalen“ in manchem doch gleich. Das verbindet.

Die O-Ton-Collage mit Bewohnern des Benninghofs (Stiftung Hephata) zeigt einen Einblick in den Alltag behinderter Menschen. Diese „Menschen mit Möglichkeiten“ versuchen den schweren Dingen Leichtigkeit zu geben und die Wortfolge – Selbstbestimmung, Assistenz und Integration – mit Inhalt zu füllen, ohne dass der Zuhörer auf den Spass verzichten muss. Und dieser Spass geht nicht etwa auf Kosten der behinderten Menschen, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe.«|

Nun kommen wir zur Umsetzung, und diese finde ich persönlich äußerst erschreckend. Wird in meinem Infoschreiben noch betont, dass man tunlichst vermeiden möchte, dass die Zuhörer über die hier zur Sprache gebrachten Menschen mit Behinderung lachen, so bin ich mir sicher, dass genau dies im Endeffekt der Fall sein wird. Ich habe mir diese Hörspiel-CD vor einiger Zeit in einer größeren Gruppe angehört und konnte dabei beobachten, wie ständig über die einzelnen Kommentare der Bewohner des Benninghofs gelacht wurde. Auf die Frage hin, worüber man genau lache, konnte man sich zunächst nicht verständigen, doch wie sich später herausstellte, war es tatsächlich so, dass man nicht mit den Leuten, sondern über deren Eigenarten lachte.

Dem zugute kommt vor allem, dass die Aufnahmen hier sehr hektisch sind, und man anscheinend Wert darauf gelegt hat, dass besonders viele Stellen zum Lachen eingefügt wurden. Es kann auch kaum mal jemand zu Ende aussprechen, und gerade das sind Punkte, an denen man beim finalen Schnitt hätte arbeiten können.
Wie soll sich jemand, der mit der Materie nicht vertraut ist, ein realistisches Bild von einem behinderten Menschen machen, wenn dieser nur sehr einseitig und meines Erachtens lächerlich dargestellt wird? Wem ist damit geholfen, wenn bestehende Vorurteile durch eine solche Aufnahme nur noch bekräftigt werden und der individuelle Mensch mit Behinderung erst gar keine Chance bekommt, sich angemessen vorzustellen? Meiner Meinung nach bringt das wirklich niemandem etwas, außer dem Menschen, der versucht, über eine solche Veröffentlichung (auch wenn ich das jetzt nicht unterstellen möchte) Profit mit Hilfe dieser Personen- und leider immer noch Randgruppe zu machen. Im Gegenteil, die Menschen mit Behinderung werden hier in ein arg fragwürdiges Licht gerückt und schlussendlich für verdammt dumm verkauft. Musste das nun sein, Herr Weigoni?

Zweifelsohne zeigt „Zur Sprache bringen…“, womit sich solche Menschen beschäftigen, was ihnen durch den Kopf geht, und vor allem, welche Lebensinhalte ihnen wichtig sind, jedoch ist die Herangehensweise dermaßen schlecht, dass man sich nicht nur als persönlich Betroffener sondern auch als moralisch denkender Mensch wünscht, dieses Hörspiel wäre nie in Umlauf gebracht worden. Wenn ich der ganzen Sache schlussendlich überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann sind es die musikalischen Beiträge der Menschen mit Behinderung. Ansonsten steigt in mir die Befürchtung, dass sich jeder, der mit diesem Hörspiel konfrontiert wird, in eventuellen Vorurteilen bekräftigt fühlt und im Endeffekt genau die entgegengesetzte Zielvorstellung der Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft erreicht wird – und das ist für einen ausgebildeten Pädagogen wie A. J. Weigoni ein alles andere als gutes Arbeitszeugnis.

Die CD ist erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de.

Homepage: http://www.weigoni.de

Lucas, George – Star Wars – Krieg der Sterne, Episode V: Das Imperium schlägt zurück

Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.

|Das Hörspiel|

Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.

Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).

Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten, so etwa von zwei C3POs, einem silbernen und einem goldenen. Sehr hübsch ist auch das Bild, in dem C3PO Han Solo auf die Schulter tippt, während (oder weil?) dieser gerade Leia Organa küssen will.

Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt die Eiswelt Hoth. Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales Lucasfilm-Produkt, lizenziert von WortArt, handelt.

|Der Sprecher|

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

_Handlung_

Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“, also [Episode 4.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=686

Nach der erfolgreichen Vernichtung des „Todessterns“ haben sich die Rebellen auf dem Eisplaneten Hoth eingenistet. Imperiumssonden entdecken jedoch das Versteck, weil Luke eine dieser Sonden genauer untersuchen will. Dabei landet er beinahe zwischen den Kiefern eines Monsters, das als Vampa bezeichnet wird. Bemerkenswert ist dabei, dass er seine telekinetischen Kräfte als Jedi bereits ausgebildet hat. Han Solo rettet ihn vor dem Erfrieren in der Eiswüste.

Während die Untergebenen dem verstümmelt empfangenen Sondensignal wenig Bedeutung beimessen, springt Darth Vader sofort darauf an: Er befiehlt den Angriff auf Hoth. Um ihren zahlreichen langsamen Raumschiffen die Flucht zu ermöglichen, leisten die Rebellen Widerstand, allen voran Luke Skywalker. Luke kann dem Inferno ebenso entkommen wie Han und Leia, doch muss er einem telepathisch empfangenen Wunsch von Kenobi entsprechen: Er soll zum System Dagobah, um dort seine Ausbildung beim Jedi-Meister Yoda zu erhalten.

Unterdessen versteckt sich Han mit Leia und den Droiden nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd in einem hohlen Asteroiden. Es handelt sich um den Bau eines gigantischen Wurms, aber darauf kommt Han erst nach ein paar „Experimenten“. Als Luke per Kenobi-Vision erfährt, dass seine Freunde in Gefahr sind, will er ihnen zu Hilfe eilen.

Han Solo rettet sich jedoch selbst vor den Zähnen des Raumwurms und fliegt zu einem Planeten, dessen Unabhängigkeit ihm mehr Sicherheit verspricht. Hier betreibt der Vorbesitzer seines klapprigen Raumschiffs, Lando Calrissian, einen Bergbauplaneten und kümmert sich weder um Rebellen noch um das Imperium.

Doch Lando steht unter Zwang Darth Vaders. Der Sith-Lord will Han Solo an den Kopfgeldjäger Boba Fett ausliefern und ist nur an Leia und Luke interessiert. Für den anfliegenden Luke hat er bereits eine Falle aufgestellt: Er hat Solo in Carbonit eingefroren. Will Luke seinen Freund lebend wiederhaben, muss er sich beeilen. Boba Fett will Solo an Jabba the Hutt verschachern, der seit Mos Eisley mit Solo eine Rechnung offen hat.

_Mein Eindruck_

Episode 5 wurde nicht von George Lucas gedreht, sondern von Irwin Kershner. Das Drehbuch stammt von der Schriftstellerin Leigh Brackett, einem erprobten Schlachtross der Science-Fiction und Fantasy (sie lieferte auch das Skript zu Bogarts Krimi „The Big Sleep“), sowie von Lawrence Kasdan. Gegenüber den Episoden 4 und 6 ist der |Film| geradezu hyperkompliziert. Nicht so das Hörspiel. Sicher: Der Handlungsstrang wird aufgespalten und wird zusammengeführt, einer der Gefährten muss (scheinbar) dran glauben, und der Held Luke erfährt von seiner wahren Herkunft (klassische westliche Helden wachsen immer elternlos auf und fallen dann aus allen Wolken).

Doch die Sache ist im Grunde ganz einfach: Der Höhepunkt des Geschehens ist nicht etwa Han Solo’s „Tod“ im Carbonit, Leias Gefangennahme oder Darth Vaders Triumph über den Unabhängigen Lando Calrissian. Nein, der Höhepunkt des Stücks ist Vaders Satz: „Ich bin dein Vater.“ (Als ob wir’s nicht schon geahnt hätten – bei |dem| Namen.)

Im Kontext der Trilogie erscheint nun die Episode 5 als ein Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung der Story. Der nächste Schritt besteht in der Enthüllung, dass Luke eine Schwester hat, die nicht einmal davon weiß. Plötzlich gibt es nicht nur einen letzten Jedi-Ritter (Luke), sondern zwei! Leider tritt hier dann das Inzest-Tabu in kraft: Nun wird klar, warum Luke nie Interesse an der feschen Prinzessin hatte (oder ob es wohl an ihrer Haartracht lag?). Er durfte sich wegen des Inzesttabus nicht in sie verlieben. Sonst hätten sie wohl miteinander Mutanten-Jedis gezeugt – nicht auszudenken!

Ähnliche Tabus gelten für Lukes Beziehung zu Darth Vader: Lukes Ersatzväter Kenobi und Yoda haben ihm beigebracht, er müsse Vader hassen, weil dieser „der dunklen Seite der Macht“ erlegen sei – was auch immer das heißen mag. Als er dann in Calrissians Wolkenstadt zum allerersten Mal Vader erblickt, weiß er, was er zu tun hat: den Schurken umbringen. Und dass Vader das ist, hat er durch das belegt, was er Lukes Freunden angetan hat. Die Wahrheit „Ich bin dein Vater“ führt zu dem symbolschweren Verlust der Schwerthand – diesmal bei Luke, beim nächsten Mal, in Episode 6, bei Vader selbst. Der Verlust der Schwerthand entspricht, psychologisch gesehen, einer Entmannung des Kriegers. Und für Vader bedeutet dieser Funktionsverlust das Ende. (Und angesichts so fähiger Drehbuchautoren wie Brackett und Kasdan sind solche Interpretationen durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen.)

Das Hörspiel mag ja einfach zu verstehen sein, aber beim Anhören verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass es definitv an Verschnaufpausen fehlt. Das Einzige, was man so bezeichnen könnte, ist Lukes Lehrzeit bei Yoda. Aber die muss auch sehr kurz gewesen sein, denn kaum sind seine Gefährten von Calrissian verraten worden, startet Luke schon zu ihrer Rettung. Kein Wunder, dass Yoda Lukes Ausbildung nicht für abgeschlossen hält. Diese Yoda-Episode ist im Film viel länger und vielschichtiger, denn Luke lernt wichtige Aspekte des Yedi-Rittertums kennen.

Im Hörspiel zu Episode 5 wird mehr Wert auf Action und Tempo gelegt. Der Eindruck von Hektik hat sich bei mir verstärkt. Allerdings wurde ich der Story dennoch nicht überdrüssig, denn die zwei bis drei Handlungsstränge wechseln sich ständig ab, und die zwei Roboter liefern nicht nur heitere Einlagen, sondern führen zudem – mit Calrissian – eine Wende der Ereignisse herbei.

Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.

|Der Sprecher / Das Hörspiel|

Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.

Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefielen mir die „romantischen“ Szenen zwischen Leia und Han Solo.

Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.

Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im Finale deutlich, beim Zweikampf zwischen Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.

Änderungen gegenüber den Originalen: Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Daher fehlt ihr auch der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue Klang. Das kann man bewerten, wie man will. Ich halte es für einen Fortschritt.

_Unterm Strich_

Abgeschlagene Hände, in Eis eingefrorene Helden, Schurken, die sich als Väter entpuppen? Kein Zweifel: Diese Episode ist eigentlich kein Märchen mehr, wie es noch bei Episode 4 der Fall war. Doch keine Angst, liebe Achtjährige, für die dieses Hörspiel freigegeben ist: In der nächsten Episode wird alles wieder gut, weil dann nämlich wieder Onkel Lucas am Ruder ist – wenn schon nicht im Regiestuhl, so doch als ausführender Produzent, Drehbuchautor und Storylieferant. Deshalb kommen dort auch wieder süße kleine Teddybären, pardon, ich meine: edle Ewok-Krieger vor.

Episode 5 ist so actionreich wie kein anderes Hörspiel dieser Trilogie. Manchmal entsteht im Vergleich sogar der Eindruck, dass es hier besonders hektisch zugeht. Aber die Abwechslung durch drei parallele Handlungsstränge erklärt auch die Fülle an Ereignissen in dieser Episode. Das ändert sich in der nächsten Episode radikal.

|Umfang: ca. 63 Minuten auf 1 CD|

Brown, Dan – Illuminati

_Sakrale Schnitzeljagd_

Ein Teilchenphysiker wird in seinem Schweizer Labor ermordet aufgefunden. In seine Brust eingebrannt entdeckt man merkwürdige Symbole. Symbole, die nur der Harvardprofessor Robert Langdon zu entziffern vermag.

Was er dabei entdeckt, erschreckt ihn zutiefst, denn es scheint, als sei die Geheimgesellschaft der Illuminati, alte Feinde der römisch-katholischen Kirche, zurückgekehrt. Und sie haben im Labor etwas mitgehen lassen: einen Behälter mit Antimaterie, der, wenn er nicht an eine Stromquelle angeschlossen wird, binnen 24 Stunden mit der Wirkung einer großen Wasserstoffbombe explodieren wird. Welcher teuflische Plan steckt dahinter?

|Der Autor|

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr *g*. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Ko-|Autorin|!

|Der Sprecher|

Wolfgang Pampel ist die deutsche Synchronstimme von Harrison Ford. Das ist sehr passend, denn Robert Langdon erwähnt einen Zeitungsartikel, in dem er selbst als „Harrison Ford in Harris-Tweed“ bezeichnet wird. Ironisch wird’s, weil Langdon diese sensationsheischende Titulierung völlig ablehnt.

Pampel hat an der Theaterhochschule in Leipzig studiert und machte sich anschließend an den verschiedensten Bühnen von Leipzig, Düsseldorf, Berlin und Wien einen guten Namen.

_Handlung_

Zunächst hat es Harvardprofessor Robert Langdon, 45, Experte für religiöse Symbolologie mit einer sportlichen Figur, überhaupt nicht eilig, dem Ruf eines Schweizer Physikers zu folgen. Da schickt dieser ihm ein Fax mit einem Foto darauf: ein toter Mann, auf dessen Brust das Wort „Illuminati“ eingebrannt wurde. Die Illuminaten, die „Erleuchteten“, weiß Langdon, waren zunächst ein Zirkel von aufgeklärten Denkern im Italien um 1500.

Doch schon bald standen sie in Widerspruch zu den Lehren der Heiligen Mutter Kirche und waren ihr ein Dorn im Auge. Sie wurden in den Untergrund verbannt. Die Forscher Leonardo da Vinci und Galileo Galilei sollen ihnen angehört haben. Im Jahr 1686 wurden vier ihrer Mitglieder ebenso gebrandmarkt wie der Tote auf dem Faxfoto. Wollen sich die Illuminati jetzt, nach so vielen Jahren, zurückmelden?

Er lässt sich mit einem Überschalljet nach Genf fliegen, wo er das CERN besucht, die europäische Kernforschungsanlage, die Generaldirektor Maximilian Kohler leitet. Kohler hat das Fax geschickt. Langdon ist skeptisch: Echte Illuminaten hätten einen Forscher, einen Bruder im Geiste, nicht getötet. Doch wie ihm Kohler erklärt, war Leonardo Vetra sowohl Forscher als auch katholischer Priester. Er suchte den Gottesbeweis in den kleinsten Teilchen. Er hatte viele Feinde. Grausig starrt Vetras leere Augenhöhle auf die beiden Amateurdetektive. Kohler wünscht keine Polizei.

Vittoria Vetra, eine Meeresbiologin, ist die bildschöne Tochter des Ermordeten (und ganz nebenbei Yoga-Expertin). Sie berichtet, dass ihr Vater beweisen wollte, dass die Bibel Recht hat: Das Universum sei aus der Leere erschaffen worden – Materie aus Energie. Was Vetra erzeugt hatte, war jedoch Antimaterie. Sie schwebt in winzigen Mengen in Behältern, die durch Magnetfelder den zerstörerischen Kontakt der Antimaterie (AM) mit unserer alltäglichen Materie verhindern. An jedem Behälter verhindert eine Batterie 24 Stunden lang, dass die Reaktion eintritt, die so vernichtend wie eine große Wasserstoffbombe wirken würde.

In Vetras Labor wurde, obwohl es stark gesichert war, eingebrochen und ein Behälter gestohlen. Vetras Auge war für einen Netzhautabtaster missbraucht worden. Vetra hatte die Energiequelle der Zukunft gefunden – oder die schlimmste Waffe der Neuzeit. Wenn sie den Illuminaten in die Hände fiel, so wollen diese sie bestimmt gegen die katholische Kirche einsetzen. Kohler schickt Langdon und Vittoria nach Rom, in den Vatikan. Dort kontaktieren sie die Sicherheitstruppe des Vatikans, die Schweizer Garde. Man lacht sie aus. Oberst Olivetti glaubt an keine Bombenleger.

Der Papst ist tot und das Konklave der 165 Kardinäle ist zusammengetreten, um in der Sixtinischen Kapelle einen neuen zu wählen. Doch der Zeremonienmeister stellt beunruhigt fest, dass vier der Herrschaften fehlen, ausgerechnet die vier Preferiti, die Auserwählten mit den meisten Chancen, gewählt zu werden.

Auf Vittorias Bemühen hin sprechen sie und Langdon mit dem Interimspapst, dem Camerlengo. Carlo Ventresca, 30, hört ihnen zu und befielt Olivetti, die Bombe zu suchen, die irgendwo im Vatikan versteckt sein muss. Tatsächlich zeigt einer der Monitore eine LED-Anzeige, auf der ein Countdown abläuft. Nur noch sechs Stunden bis Mitternacht. Geht dann die Bombe hoch?

Da ruft der Bombenleger und Vetras Mörder beim Camerlengo an. Er sei von den Illuminati und wisse, wo sich die vier verschwundenen Kardinäle befänden. Sie sollen von ihm wie jene vier zuvor im Jahr 1686 geopfert werden. Jede Stunde werde einer davon getötet: in Kirchen und Tempeln. Diese Mordserie wäre das Ende des Papsttums – und die Bombe bedeutet die Vernichtung des Vatikanstaats.

Nur einer weiß, wo die Kardinäle gefunden werden können: Robert Langdon. Doch wird ihm die verbleibende Zeit reichen, um sie zu retten?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasanter Mystery-Thriller, in dem sakral-okkulte Kunst des Illuminatenordens quasi ein Paralleluniversum an Bedeutungen öffnet, das jeden Esoteriker in Ekstase versetzen würde. Pyramiden, die Zahlenkombination 5+2 sowie jede Menge Engel weisen Langdon den Weg durch den Immobiliendschungel der Tiberstadt. Nicht nur muss er kreuz und quer (was ein Kreuz zeichnet), sondern auch ganz tief hinunter und schließlich sogar ganz hoch hinaus. Auf seiner dreidimensionalen Odyssee bekommt er es mit allen möglichen Schurken zu tun, die er sich nicht hätte träumen lassen. Aber er hat ja die treue und tapfere Vittoria an seiner Seite, die ihn anspornt, sich wie weiland Indiana Jones aufzuführen und James Bond alt aussehen zu lassen. Eine Schnitzeljagd, wie sie im Buche steht. Wer ihr zu folgen versucht, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus.

|Charakterisierung|

Die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Doch zu jeder passenden Gelegenheit enthüllt er verborgene Fähigkeiten: Er war Wasserballspieler und sogar Turmspringer. Dafür hat er leider vom Schießen keine Ahnung, was sich mitunter als verhängnisvoll erweist. Wenigstens trifft er einen Zeh, wenn schon nicht den Leib des Mörders. Manchmal mischt sich so etwas wie Komik in das abenteuerliche Geschehen.

|Die Medien – Komplizen des Terrorismus?|

Wie bei jedem terroristischen Anschlag von astroglobaler Bedeutung mischen auch hier die Medien kräftig mit. Ein BBC-Reporter mit dem schönen Namen Gunter Glick hält in vorderster Front die Linse der Kamera auf das erste Mordopfer in Rom. Ein Kardinal – und nur der erste von vier! Die Sensation des Tages. Schon bald fallen sämtliche Ü-Wagen der Tiberstadt über den Vatikan her und verlangen eine Stellungnahme des gelähmten Mini-Staatswesens. Ein Menschenauflauf ist die Folge, Scheinwerfer und Kameralinsen richten sich auf den Petersdom, hinter dessen Mauern der Countdown der Vernichtung läuft: Es ist der Jüngste Tag, das „Armageddon“, wie es der Autor beschreibt. Ob er wohl den „Zeugen Jehovas“ angehört, die jeden braven Bürger mit diesem Schreckenswort zu ihrer Lehre bekehren wollen?

Doch erst die Medienaufmerksamkeit potenziert die Bedrohung durch die Illuminati bis ins Unendliche: Der ganze Globus nimmt teil am Geschehen. Dass es sich dabei im Grunde um eine Schnitzelhagd handelt, lässt die Sache ein wenig übertrieben erscheinen, also erst richtig witzig aussehen.

|Lausige Logik|

Leider muss der Hörer beide Hühneraugen zudrücken, wenn es um die Qualität der Logik dieses Plots geht. Wie konnte die Bombe so schnell nach Rom gelangen? Wieso ist der „erleuchtete“ Killer scharf auf so weltliche Dinge wie Sex mit Vittoria? Wieviele Pyramiden und Obelisken gibt es eigentlich noch in Rom? Warum muss ausgerechnet Yoga Prof. Langdon das Leben retten?

Nicht Plausibilität ist das Ziel der Unterhaltung, sondern möglichst viele Überraschungen auf möglichst engem Raum. Und so schlägt die Handlung schließlich einen Zickzackkurs ein, der eines Hasen auf der Flucht würdig wäre. Schließlich wundert man sich kaum noch, dass Indy, pardon: Langdon Stunts abliefert, die einen James Bond erblassen ließen, und die Bösewichte im Vatikan sich wie russische Puppen hintereinander verstecken, falsche Fährten inklusive.

|Abrakadabra!|

Kurzum: Wer eine gute Show erwartet hat, kommt voll auf seine Kosten. Fehlen eigentlich nur noch die Karnickel, die aus dem Hut gezogen werden. Und am Schluss ist es keine Frage, ob der Junge das Mädchen bekommt. Es kann – angesichts der Gleichberechtigung – auch umgekehrt sein, das ist uns eh schon gleichgültig.

_Das Hörbuch_

Wolfgang Pampel ist die deutsche Stimme von Harrison Ford, und als solcher liefert er sozusagen den unverfälschten „Indiana Jones“ als Stimmlage von Robert Langdon (und des Erzählers). Jeder Hörer weiß: Hier ist Abenteuer pur garantiert. Pampels Tonlage von Generaldirektor Maximilian Kohler ist nicht nur ein gutes Stück tiefer, sondern auch noch kurzatmig aufgrund seines Asthmas. Und die Tonlage von Vittoria Vetra ist ein wenig höher als die der Figur Langdon.

Den Angehörigen der Schweizergarde haftet hingegen ein allerliebster Schweizer Akzent an, der aber keineswegs mit echtem Schwyzerdütsch zu vergleichen ist. Es handelt sich um korrektes Hochdeutsch, doch mit dem rauen „ch“ der Eidgenossen, und hin und wieder ist eine höhere Intonation von Sätzen zu bemerken, als es im Deutschen meist der Fall ist. Infolge dieser Unterschiede ist es ohne große Mühe möglich, die Figuren auseinander zu halten.

Mit einem gewissen Verdruss bemerkte der sprachlich gebildete Hörer, dass Pampel noch im Hörbuch von „Sakrileg“ etliche fremdsprachliche (meist französische) Namen und Ausdrücke falsch aussprach. Dies ist bei „Illuminati“ nicht mehr der Fall. Tatsächlich hatte ich nur mit einem einzigen Namen etwas Mühe, weil ich die Aussprache nicht richtig hörte: Der Zeremonienmeister der Kardinäle, der das Konklave leitet, heißt entweder Montati oder Mortati oder Mottati.

|Dramaturgie|

Der Text des Buches wurde von Arno Hoven bearbeitet und stark gekürzt. Das tut der Spannung aber nur gut, denn so fallen etliche Beschreibungen der Szenerie und unwichtiger Figuren weg. Dadurch schält sich der berühmte rote Faden heraus, dem der Hörer mit einiger Leichtigkeit zu folgen vermag. Es erweist sich jedoch als hilfreich, sich ein klein wenig in der heiligen Stadt auszukennen. Wichtige Landmarken wie der Petersdom, der Tiber, die Hügel, die Engelsburg und vielleicht noch die sehr schöne Piazza Navona zu kennen, ist gewiss kein Nachteil. Zumal dem Hörbuch natürlich keine Stadtkarte beiliegt.

|Die Musik|

Die dem Text unterlegte Musik von Michael Marianetti und Andy Matern finde ich recht passend, vor allem weil sie sparsam eingesetzt wird, meist als Punktuation zwischen Kapiteln. Mal kommt sie dynamisch drängend daher wie in einem Actionthriller, doch meistens getragen und feierlich wie bei einer Messe. Es geht eben sehr viel um religiöse Inhalte (was hier nicht weiter ausgeführt werden darf, ohne den Clou zu verraten!). Hier passen dann stimmungsvolle Orgeln und ein paar feierliche Chöre.

_Unterm Strich_

Im Grunde geht es dem Autor um die Erörterung des alten (scheinbaren?) Gegensatzes zwischen Vernunft / Wissenschaft und Glauben / Religion / Kirche. Die vier Kardinale werden der Reihe nach auf „Altären der Wissenschaft“ geopfert. Doch dabei handelt es sich um Orte, für die man ebenso Kunst- wie auch mystischen Verstand braucht. Am Schluss spitzt sich der Konflikt zu, doch wie auch immer der Ausgang sein mag, so lässt er sich doch ebenfalls politisch verwenden – ob für oder gegen die Kirche, soll hier nicht verraten werden.

|Engel & Dämonen|

Schrieb Dan Brown in „Sakrileg“ kurz mal die Geschichte des Christentums um, so leuchtet er in „Angels & Demons“ in die Leichenkeller des Vatikans. Er fördert Engel & Dämonen zutage, doch allmählich wird klar, dass die Unterscheidung zwischen dem, was ein Engel sein soll und dem, was ein Dämon sein könnte, gar nicht so einfach ist. Letzten Endes ist es beim Glauben wie mit der Wissenschaft: Es kommt drauf an, was man damit anstellt. Antimaterie kann – wie Atomkraft – Fluch oder Segen sein, je nach ihrer Verwendungsweise.

Das Gleiche, so suggeriert Brown, trifft auch für den Glauben zu: Er kann die Menschen erleuchten und zu erhöhter Spiritualität emporheben, er kann aber auch zur Unterdrückung von Wahrheit und Andersdenkenden benutzt werden. Und wer die Geschichte – der Kirche wie auch der Wissenschaft – nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Engel oder Dämon, der Mensch ist beides. Er muss sich lediglich in Kenntnis der Realität entscheiden.

|Der Sprecher|

Dass der Sprecher des Hörbuchs mit seiner tiefen Stimme wie Harrison Ford alias Indiana Jones klingt, kommt der Spannung und Faszination der eh schon aufregenden Geschichte zugute. In der gekürzten Fassung ist das Geschehen noch mehr auf Action um den roten Faden der Story ausgerichtet. Aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch, wenn man die Logiklöcher, die übertriebenen James-Bond-Stunts und die Indiana-Jones-Schnitzeljagd hinnimmt. (Tut man dies nicht, kann man den Rest gleich vergessen.)

|Der Preis|

Der stark herabgesetzte Preis von schlappen 10,95 Euronen (bei |amazon.de| derzeit für 7,70 €) dürfte eine Menge Käufer reizen, zu einem Hörbuch zu greifen, das über sieben Stunden spannende Unterhaltung im Stil des bekannten Bestsellers bietet. Und angesichts der Komplexität der Schnitzeljagd könnte man die sechs CDs glatt noch einmal von vorn anhören. Schade, dass man dann schon weiß, wie’s ausgeht. Autofahrer, die sich das Hörbuch auf Nachtfahrten reinziehen, werden jedenfalls bestimmt nicht in Gefahr geraten, am Steuer einzuschlafen.

Fragt sich nur: Wann kommt das Hörbuch zu „Meteor“?

|Umfang: 437 Minuten auf 6 CDs|