Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Goethe, Johann Wolfgang von / Hazen, Barbara – Zauberlehrling, Der

|“Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“| – diese bekannte Redewendung stammt ursprünglich aus einem von Altmeister Goethes bekanntesten Gedichten, dem „Zauberlehrling“. Für alle kindlichen Fans von Zauberlehrling Harry Potter hat Potters Stimme Rufus Beck die alte Ballade neu gefasst. Zusätzlich liest er die Geschichte auch in der Prosafassung, die die Amerikanerin Barbara Hazen verfasst hat.

|Die Autoren|

Johann Wolfgang von Goethe, 1749 in Frankfurt/M. geboren, schuf seinen „Zauberlehrling“ im Balladenjahr 1797. Goethe ist mit Abstand der einflussreichste Autor der deutschen Literatur.

Barbara Hazen, 1930 in Dayton/Ohio geboren, veröffentlichte 1969 ihre Bearbeitung von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Bis heute sind über 50 Bücher von ihr erschienen, die vorwiegend Kinder und Jugendliche ansprechen. Hazen erhielt dafür diverse Auzeichnungen.

|Der Sprecher|

Rufus Beck ist ein Magier der Stimme. Obwohl er diesmal nur zwei Stimmen zu sprechen hat – den Zauberlehrling und seinen Meister -, macht er daraus ein komplettes Drama. Erst kommt die Faulheit des Lehrlings zum Ausdruck, der seines Meisters Verbot zuwiderhandelt, dann die Freude über die Hilfe durch den verzauberten Besen, dann das Entsetzen und die Verzweiflung, als alles außer Kontrolle gerät – bis schließlich wieder der „alte Meister“ zurückkehrt und die Situation rettet. So muss sich ein richtiger Märchenerzähler anhören, um die kindlichen Zuhörer in seinen Bann zu schlagen.

Der Bayerische Rundfunk produzierte diese Lesung 1999 unter der Regie von Justina Buddeberg-Mosz.

_Die Handlung_

Ich skizziere hier die Handlung für beide Werke, da ja die Prosa- auf der Versfassung beruht. Der Name Humboldt stammt aber von Hazen und kommt bei Goethe nicht vor.

Zauberlehrling Humboldt soll, während sein Meister zu einem Magiertreffen reist, das Schloss in Ordnung halten. Allerdings besteht sein Hauptjob darin, stets die Wasservorräte aufzufüllen. Dazu muss er allerdings das Wasser aus dem tief unten liegenden Rhein holen und den schweren Eimer den Berg hochschleppen.

Nun ist aber Humboldt zwar für die angenehmen Seiten des Zaubererlebens aufgeschlossen, erweist sich aber wenig begierig auf die Erfüllung lästiger Pflichten – wie etwa Wasserschleppen. Kaum ist der Alte weg, sagt er sich daher: „Wozu bin ich denn ein Zauberer?“ Zum Glück hat sein Meister den Schlüssel zu seinem Zauberbuch vergessen wegzusperren, und so ist es dem aufstrebenden Harry-Potter-Fan ein Leichtes, folgenden verhängnisvollen Zauberspruch zu sprechen:

„Alter Besen, dein Meister spricht: Komm aus der Ecke und tu meine Pflicht!“

Und siehe da: Schon tanzt der Besen wie von Geisterhand, humpelt und rumpelt, tänzelt und schwänzelt den Berg hinunter und bringt einen vollen Eimer Wasser zurück.

Wenig später ist der Wasservorrat aufgefüllt, doch der Besen hört nicht auf. In letzter Sekunde bemerkt Humboldt, was die Stunde geschlagen hat. Doch wie lautet noch gleich der Gegenzauber? Doch so sehr er sich auch kreative Zaubersprüche einfallen lässt, so stoppt doch keiner den fleißigen Geist, den er gerufen hat. (Im Zauberbuch scheint der Gegenzauber auch nicht zu stehen.)

Freude schlägt in Entsetzen und Entsetzen in einen verzweifelten Kampf gegen das Ertrinken um. Denn als Humboldt mit einem genialen Axthieb den besessenen Besen entzwei spaltet, hat er zwei besessene Besen. Und aus den Splittern bilden sich weitere „dienstbare Geister“. Dumm gelaufen!

_Mein Eindruck_

Wie man schon meiner knappen Inhaltsangabe entnehmen kann, arbeiten sowohl Goethe als auch Hazen mit allen dramaturgischen Tricks, die im Buch stehen. Dazu kommt zudem die entsprechende Lautmalerei (‚tänzeln und schwänzeln‘ etc.), die auf Kinder so magisch wirkt.

Und ein exzellenter Sprecher wie Rufus Beck lässt sich keine Gelegenheit entgehen, das Drama für unsere Ohren wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Lesung wirkt an keiner Stelle langweilig. Im Gegenteil: Man muss gut hinhören, um den Faden nicht zu verlieren, so schnell liest Beck.

„Der Zauberlehrling“ lässt sich mehrfach deuten. Für mich ist er eine Parabel auf den modernen Menschen, der sich den Maschinen ausgeliefert hat, nachdem er sie zwei Jahrhunderte lang verfeinert hat. Wie man an „Terminator“ sieht, ist der Mensch nun in einer Lage, wo er sich der Vernichtung durch die Maschinen gegenüber sieht: dem atomaren Holocaust.

_Unterm Strich_

Sowohl die Prosafassung von Hazen als auch die Goethe-Ballade schlagen den Zuhörer in seinen Bann. Rufus Beck schafft es mit seiner Sprechkunst spielend, die Aufmerksamkeit einzufangen und zu halten: ein komisches Drama entfaltet sich. Da keine schwierigen Wörter vorkommen, ist die Prosafassung schon ab 5-6 Jahren zu verstehen, die Versfassung ab etwa 8-9 Jahren.

|Umfang: ca. 21 Minuten auf 1 CD|

Krüger, Hardy – Szenen eines Clowns

|“Ich glaube, dass sich das Leben oftmals wie ein Clown benimmt. Tragisches erzählt das Leben gern mit einem Grinsen im Gesicht. Ein andermal aber, wenn wir im Zelt vor Lachen brüllen, lässt der Clown Tränen über seine weiße Schminke fließen.“| Das schreibt Hardy Krüger in seiner Einleitung. Recht hat der Mann.

|Der Autor|

Hardy Krüger, geboren 1928 in Berlin (Wedding), war in den späten fünfziger und sechziger Jahren einer der wenigen Weltstars, die aus Deutschland kamen, z. B. in „Einer kam durch“ (1956). Er spielte oft an der Seite seines engsten Freundes Peter Finch, etwa in „Der Flug des Phönix“ und „Das rote Zelt“. In Ostafrika fand er zwischendurch eine zweite Heimat. Er lebt mit seiner Frau Anita in Hamburg und in den kalifornischen Bergen.

_Inhalte_

Der Autor hat auf den zwei CDs eine Auswahl seiner Lebenserinnerungen aus seinem Buch „Szenen eines Clowns“ versammelt und liest die Geschichten selbst vor. Wie er in seinem Vorwort betont, wurden die Geschichten für die Vorlese- und Hörbuchform gekürzt und leicht verändert (was bereits auf deutschen Buch-Lesungen verdutzte Blicke und Kommentare hervorrief). Außerdem sind die Übergänge zwischen den vier Episoden neu hinzugekommen.

Gleich die erste Erzählung, die eigentlich im tiefsten Ostafrika spielt, berührt einen wunden Punkt deutscher Geschichte: den Mauerbau 1961. Als Krüger seine neu erworbene Farm mit einer stabilen Mauer vor den wilden Tieren, etwa Leoparden, schützen will, sind seine Arbeiter zunächst recht angetan davon, denn sie verdienen daran. Aber dann hören sie im Radio vom Mauerbau zu Berlin und geraten schwer ins Grübeln. Was will dieser Deutsche mit seiner Mauer? Wird sie auf dem Feld enden – oder will er auch noch Arusha, die Provinzhauptstadt, damit verschandeln? Wie absurd! Krüger sieht ein, dass die Mauer in den Köpfen existiert, überall.

Auch als Krüger von Zagreb nach Berlin fliegt, um dort einen Film zu synchronisieren, gerät er an die Mauer als Symbol der Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze. Denn in Zagreb hat man ihm zwar ein Flugticket gegeben, aber nicht nach West-, sondern nach Ost-Berlin. Vorschriftswidrig benutzt der „deutsche Ausländer“ zudem ein TAXI, um vom Flughafen Schönefeld zum Grenzübergang zu gelangen. Da kriegt er was zu hören! Er hätte doch den Autobus nehmen müssen! Krüger versucht sein Glück an einem anderen Übergang, zu dem er sich auf Schusters Rappen begibt. Nur noch wenige Meter bis zur S-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße. Denkt er. Da hat er sich aber geschnitten …

Wie grotesk das Leben einem mitspielen kann, erfährt Krüger auch, als er in seinem Lieblingsrestaurant „Fünf Kontinente“ einkehrt. Allerdings hat der Oberkellner gewechselt, und der Nachfolger, bemüht, den Schauspieler ebenso gut zu bedienen, tituliert ihn erst einmal als „werter Herr Buchholz“. Krüger, wie immer cool bleibend, nimmt die Behandlung eine Weile hin, und auch die anderen Gäste machen sich offenbar ein Späßchen daraus herauszufinden, wie diese Sache endet.

Doch dann will sich Krüger gnädig erweisen und weist den Oberkellner, der sich einiges auf seine Promikenntnis einzubilden scheint, auf seinen Irrtum hin: „Ich bin Karlheinz Böhm.“ Der Kellner hat auch damit absolut kein Problem. Erst als Krüger mit der Wahrheit herausrückt und die Ohren spitzenden Gäste beinahe schon vor Lachen unterm Tisch liegen, erkennt der Kellner seinen Fehler.

Die Höhepunkte des Hörbuchs bilden mit Sicherheit die beiden Episoden, in denen Krügers Freund Peter Finch auftaucht. Hier treffen wir Kinokenner auch andere altbekannte Namen wieder: James Stewart und Richard Attenborough beispielsweise. Bei „Frühstück in Moskau“ schlagen die beiden engen Freunde der sozialistischen Überwachungstechnik ein Schnippchen und gelangen zur Erkenntnis, dass nichts den „sozialistischen Hang der Dinge“ zu Absurdität übertreffen kann.

In der urkomischen Episode „Im Tal des Todes“ feiern vier britische Schauspieler mitten im Death Valley, genauer: in Yuma, die Thronbesteigung der englischen Königin: Attenborough, Fraser, Finch & Co. spielen bei „Der Flug des Phönix“ mit und haben ausgerechnet den Bomberpiloten James Stewart dazu auserkoren, „21 Schuss Salut“ abzufeuern. Als Höhepunkt der Feierlichkeiten sozusagen. Danach erhielt Attenborough ein „Telegramm“ vom Buckingham Palace …

Wie sich das Ganze abspielte und der Clown wieder für eine traurige Note sorgte, sollte man selber gelesen oder gehört haben. (Im Buch sind zahlreiche S/w-Fotos der Filmstars bei „Flug des Phönix“ abgedruckt, darunter auch jene berühmte Szene, in der Krüger zu Jimmy Stewart sagt: „Wie kommt es, Captain, dass Sie Dummheit für eine Tugend halten?“)

_Mein Eindruck_

Der frühere Schauspieler und Weltenbummler erzählt seine komischsten Erlebnisse und Abenteuer mit genauer Beobachtungsgabe und leisem Lachen, aber auch mit einem Gespür für den Ernst einer Situation. Da kommt eine geradezu philosophische Stimmung auf.

Hardy Krüger zuzuhören, kommt einer Zeitreise gleich. Seine nuanciert vortragende Stimme, die aus seinen Filmen so bekannt ist, formt gemächlich die Sätze, auf die es ankommt, als habe er alle Zeit der Welt. Hat er ja auch. Denn dies ist kein Bestsellerroman, der um die Hälfte gekürzt wurde, sondern eine Auswahl eigenständiger Erzählungen, die Krüger in optimaler Länge erzählt.

Seine Beobachtungen steuern immer auf einen bestimmten Punkt. Es gibt keine längeren Abschweifungen, und auch die erforderlichen Erklärungen zum Hintergrund einer Szene sind auf das Notwendigste reduziert. Daher entsteht bei jeder Episode eine gewisse Erwartung und sogar Spannung. Man will erfahren, was als Nächstes passiert. Aber die Spannung entsteht häufig aus der ungewöhnlichen Situation selbst, so etwa dann, als man Krüger auch am Bahnhof Friedrichstraße nicht passieren lassen will. In so einer Lage rechnet man mit allem Möglichen, etwa dass man Krüger festnimmt und einbuchtet.

Die Griechen und Römer hatten ihre Schauspieler stets mit je einer lachenden und einer weinenden Maske (= persona) ausgestattet, je nachdem, wie es die Rolle erforderte: die Komödie lag gleich neben der Tragödie. Diese Masken trägt auch der Clown des Lebens, nur eben in ein und demselben Gesicht.

Es gehört ein gewisses Maß an philosophischem Gleichmut dazu, selbst in der komischsten Situation – die Krönungsfeier zu Ehren der Queen etwa – noch über die traurigeren Aspekte der Situation nachzudenken: Jimmy Stewart hatte 1943 Bomben auf Berlin, die Heimatstadt Hardy Krügers, abgeworfen. Wurde dabei ein Freund verletzt oder gar getötet? Und was hatte es zu bedeuten, dass der Pilot des einmotorigen Modells des „Phönix“, Paul Mantz, mit diesem Flieger tödlich verunglückte? Manchmal fällt es nicht leicht zu lachen.

|Die Musik|

… wurde produziert von Thomas Winterhalter. Zu hören sind eine Akustikgitarre (Th. Weichler), eine Ukulele (Olaf Klindtwordt) und ein sehr schönes Tenorsaxophon (Markus Steinhauser).

_Unterm Strich_

Das Hörbuch entführt den Zuhörer mit Krügers Stimme und der Musik von Thomas Winterhalter in eine andere Zeit. Aber ein Nenner bleibt doch stets der gleiche: Ein Deutscher nach dem Krieg in einer Welt, die für ihn sehr seltsam geworden ist – nicht nur in der DDR, in Berlin, sondern auch in den zweiten Heimat Afrika. Und wenn uns die Feierlichkeiten in Yuma eines lehren, dann dies: Die Sieger haben wesentlich mehr Spaß. Krüger machte das Beste aus seiner Situation, und das ist durchaus faszinierend und vergnüglich zu lesen – solange man dabei seine nachdenklichen Töne nicht verdrängt.

|Umfang: 136 Minuten auf 2 CDs|

Stoker, Bram – Dracula (Hörspiel)

Bram Stokers „Dracula“ als Hörspiel auf zwei CDs – eigentlich müsste das Liebhaber des viktorianischen Briefromans von 1897 ärgern, da es mit Sicherheit dazu führen wird, dass noch mehr Interessierte ihr Wissen über den untoten Grafen aus allem, nur nicht dem originären [Buch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210 beziehen werden. Doch auch wenn das Coverartwork der CDs der Verfilmung von Francis Ford Coppola entnommen ist, vermeidet das Hörspiel den Kardinalfehler des Films (nämlich die Liebesgeschichte zwischen Dracula und Mina) und hält sich erfreulich dicht an die Romanvorlage. Das wird schon in der Form deutlich, denn die Tagebucheintragungen und Briefe, die den Roman ausmachen, werden auch in der Hörspielbearbeitung von Sven Stricker übernommen.

Wir folgen also zunächst Jonathan Harker (gesprochen von Konstantin Graudus) nach Transilvanien, um dem exzentrischen Grafen Dracula (Felix von Manteuffel) ein Grundstück in London zu verkaufen. Gleichzeitig (ein Handlungsstrang, der für das Hörspiel vorverlegt wurde) lernen wir den Irrenarzt John Seward (Andreas Fröhlich) kennen, dem sein Patient Renfield Rätsel aufgibt. Harker wird es derweil auf Draculas Schloss immer mulmiger, bis der Graf sich auf die Reise nach London begibt und Harker in den Fängen von drei Vampirbräuten zurücklässt, die ihm sinnlich, aber trotzdem endgültig den Garaus machen sollen.

In London angekommen, verbeißt sich Dracula nun zunächst in die frisch verlobte Lucy (Anna Carlsson). Seward wird herangezogen, da Lucy immer blasser und schwächer wird. Doch da Seward keinen Rat weiß, benachrichtigt er seinen alten Mentor van Helsing (Gerd Baltus), der extra aus Amsterdam anreist, um sich das junge hübsche Ding anzuschauen. Gerade als der Kampf um Lucys Leben in die Endphase gerät, erhält ihre Freundin Mina (Céline Fontanges) Nachricht von ihrem Verlobten (Harker nämlich) und reist zu ihm nach Budapest, da er aus Draculas Schloss entkommen konnte und nun an einem starken Nervenfieber erkrankt ist. Als sie als frisch verheiratete Mina Harker wieder nach London kommt, ist Lucy bereits vollkommen vampirisiert und greift als „Blutige Lady“ kleine Kinder auf Spielplätzen an, um ihnen die Eckzähne in den Hals zu schlagen.

Den Männern um van Helsing bleibt nur die rituelle Pfählung, doch kaum ist das geschafft, macht sich Dracula an Mina ran. Auch sie wird gebissen, auch sie wird immer schwächer. Doch mittlerweile wissen die Jäger, mit was für einem Wesen sie es zu tun haben. Um die holde Mina zu retten, müssen sie nun Geld, Kombinationsgabe, Wissen und Glauben einsetzen, um den Grafen endgültig ins Jenseits zu schicken.

Die Hörspielfassung von Sven Stricker schafft es, die starken sexuellen Konnotationen des Romans von Bram Stoker fast vollständig zu eliminieren. Die heftig flirtende Lucy, die eigentlich am liebsten drei Männer heiraten würde, ist im Hörspiel überzeugend in Arthur Holmwood verliebt. Der Vampirismus, bei Stoker sowohl ein unbewusstes Symbol für weibliche Lust (außer Dracula selbst trifft es nur Frauen) als auch homoerotische Neigungen der männlichen Personage des Romans (Dracula beendet die Verführung Harkers durch die Vampirbräute mit einem kraftvollen „Dieser Mann gehört mir!“), ist im Hörspiel nur das: Vampirismus. Die Gewichtung liegt demnach auf der Darstellung der Grausamkeit des Vampirs und seiner Verfolgung und schließlichen Vernichtung. Dabei kann das Hörspiel einige Längen des Romans, vor allem gegen Ende, verhindern. Die ausführlichen Beschreibungen der Informationsgewinnung, die bei Stoker Seite um Seite füllen, werden hier effektiv zusammengekürzt, was dazu führt, dass die Handlung flotter voranschreitet. Allerdings führt es auch dazu, dass eine der wichtigsten Personen des Romans, Mina Harker nämlich, zur Damsel in Distress reduziert wird, wohingegen sie bei Stoker die männlich dominierte Romanwelt erfolgreich unterwandert, indem sie es ist, die die durchschlagenden Ideen liefert, die zum Sieg über den Vampir führen. Im Hörspiel ist dies nur noch durch ihr Dasein als Medium präsent, als sie durch ihre telepathische Verbindung mit Dracula die Verfolger auf die richtige Spur führen kann.

Unterschiede zwischen Roman und Hörspiel sind natürlich nicht zu vermeiden. Der auffallendste für den Romankenner ist wohl die Tatsache, dass Quincey Morris, amerikanischer Lebemann mit immensen finanziellen Mitteln, hier nicht vorkommt. Diese „Einsparung“ wird dem unbedarften Hörer jedoch nicht auffallen und es überrascht zu sehen, dass die Geschichte auch ohne Morris perfekt funktioniert. Der Hörer muss weniger Stimmen auseinanderhalten und die Handlung leidet darunter nicht.

Insgesamt ist Strickers Bearbeitung des Romanstoffes daher durchaus gelungen. Demjenigen, der sich nicht näher mit „Dracula“ beschäftigt hat, werden die beiden CDs einen solideren Einstieg vermitteln als jeder auf dem Markt befindliche Film, der behauptet, auf Stokers Roman zu fußen. Sowohl im Ton als auch in der Handlung bleibt das Hörspiel sehr dicht an der Vorlage und kann dabei noch mit gruseltauglichen Effekten überzeugen. Überblendungen, unheilschwangere Musik von Jan-Peter Pflug, heulende Wölfe und kreischende Vampirladies: Das alles macht das Hörspiel zu einem Ohrenschmaus. Und wem die Effekte gut gefallen, der kann sie sich über die Enhanced-Funktion der CD auch als „Realtone“ fürs Handy runterladen. In jedem Fall schicker als tanzende Nashörner!

Auch die Sprecher schaffen es ohne Ausnahme, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Besonders zu nennen sind hier Jörg Pleva, der Renfields zunehmenden Wahnsinn überzeugend darzustellen vermag, und Andreas Fröhlich, der als John Seward den Hörer über weite Strecken durch die Handlung führt. Auch Gerd Baltus, der seinen van Helsing als väterlich besorgten Freund anlegt, sollte hier Erwähnung getan werden.

„Dracula“ als Hörspiel lohnt sich, so einfach lässt sich das zusammenfassen. Die Bearbeitung ist rund und schafft es sogar, einige Längen des Romans auszubügeln. Wem die freudianische Interpretation des Romans egal ist (und das werden die meisten sein …), der wird an Sven Strickers Gewichtung der Themen nichts auszusetzen wissen. Er hat es geschafft, die besondere Stimmung, die den Roman ausmacht, in das Hörspiel zu transportieren und so bleibt die Faszination des Dracula-Stoffes auch in diesem Medium erhalten.

Irving, John – Garp und wie er die Welt sah. Gelesen von Rufus Beck

Dieses Hörbuch ist eine limitierte Sonderausgabe zum 60. Geburtstag des Autors John Irving. Dass Rufus Beck das gesamte Buch ungekürzt liest, ist der Hammer. Man erwartet einen Ohrenschmaus – und wird nicht enttäuscht. Damit kann man locker die „stille Jahreszeit“ gut unterhalten überstehen.

John Irving, 1942 in New Hampshire geboren, gelang 1978 mit seinem Roman „Garp und wie er die Welt sah“ der große literarische Durchbruch. Bekannt wurde vor allem die gelungene Verfilmung mit Robin Williams in der Titelrolle. Im Jahr 2001 veröffentlichte er seinen zehnten Roman „Die vierte Hand“. Irving lebte heute mit seiner Frau und seinen drei Söhnen abwechselnd in Neuengland und Kanada.

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

|Garp und wie er die Welt sah|

Dies ist eine Biografie. Und wie es sich für die Beschreibung eines Lebens gehört, beginnt sie am Anfang. Nur dass dieser Anfang nicht bei der Geburt einsetzt, sondern bereits bei der Zeugung. Wie es dazu überhaupt kam, dass Mami und Papi sich sozusagen kennen lernen – denn Papi, ein abgeschossener Bomberpilot, erkennt Mami aufgrund einer Gehirnverletzung gar nicht -, ist schon eines der kuriosesten Geschehnisse des an Kuriosem gewiss nicht armen Romans.

Der Junge Garp – er wurde so nach der einzigen Lautäußerung benannt, derer sein armer Papi fähig war – ist absurd, komisch, eigensinnig wie seine unkonventionelle Mutter und obendrein ein geborener Geschichtenerzähler. Er träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Und er wird es auch, entgegen aller Widerstände.

Seine Welt ist bevölkert von Lehrern und Huren, Spießern und Randexistenzen, Verlagslektoren und Mördern, Transsexuellen, Sittenstrolchen und wahnsinnigen Feministinnen. Von der Geschichte, als in seinem Haus ein Flugzeug einschlägt, ganz zu schweigen …

Der Hörer erlebt Kurioses. Dieses Wort ist eng verwandt mit dem Begriff „Neugier“. Und es ist die Neugierde auf weitere aufregende und sonderbare Gestalten und Begebnisse, die den Hörer dazu bringt, überhaupt die ganzen 1375 Minuten des Hörbuchs durchzustehen. Das sind immerhin 23 Stunden.

Die erzählten Erlebnisse sind ebenso tränentreibend wie kühl und sachlich erzählt, so wirklich und genau, dass man einfach begeistert ist. Irvings Geschichte von Garp zeichnet sich sich durch stilistische Virtuosität, groteske Eskapaden à la Barock, die für Irving typische Mischung aus Realismus und Absurdität aus. Hinzu kommt die kongeniale Interpretationsweise von Rufus Beck, der quasi in mehreren Zungen spricht. Nur wenn in der Geschichte zu viel zu lange erklärt wird, kann sich eine gewisse Überreiztheit beim Hörer einstellen. Dann heißt es: Pause machen!

Ist „Garp“ an und für sich bereits ein Erlebnis der besonderen Art, so steigert sich das Vergnügen an der unterhaltsamen, skurrilen Geschichte noch in Rufus Becks überzeugender Interpretation. Aber wie gesagt: Öfters mal eine Pause einlegen! 23 Stunden sind kein Pappenstiel.

|Umfang: Ungekürzte Hörfassung: 1375 Minuten auf 19 CDs beziehungsweise 15 MCs|

Maupassant, Guy de – HR Giger\’s Vampirric 4 – Der Horla

Die letzte CD aus HR Gigers Viererpack „Vampirric“, einer Hörbuch-Anthologie mit Vampirgeschichten, bietet noch einmal ein echtes Erlebnis. Dem Gruselfreund wird hier nämlich Guy de Maupassants „Der Horla“ (frz. „Le Horla“, 1887) vorgelesen, ein Klassiker der Vampirliteratur und ein Schmuckstück psychologischen Grusels.

Man verfolgt die Tagebucheintragungen eines zunächst lebensfrohen und naturverbundenen jungen Mannes: Er wohnt am Fluss in einem Häuschen, winkt den vorbeifahrenden Schiffen und spatziert durch die Wälder. Doch diese Idylle wird immer mehr gestört, als sich unser Protagonist Jean zunehmend schlapp und unwohl fühlt. Er schäft schlecht und leidet unter Albträumen. Letztlich beschließt er, dass er sich auf eine Erholungsreise begeben sollte. Ein weiser Entschluss, denn bei seiner Rückkehr fühlt er sich gesund und wohl. Doch schon nach der ersten Nacht im eigenen Haus stellen sich die Symptome wieder ein. Bald vermutet er sogar, dass er schlafwandelt, da aus seinem Krug des Nachts Wasser verschwindet, ohne dass er sich erinnern kann, es getrunken zu haben. Er fürchtet, wahnsinnig zu werden, doch bemerkt er, dass sich etwas anderes in seinem Haus herumtreibt, ein Wesen, das ihn nachts heimsucht und sich offensichtlich von Milch und Wasser ernährt, andere Speisen aber verschmäht. Gleichzeitig entzieht es Jean offensichtlich die Lebensenergie und zwingt ihm seinen Willen auf. Dieser Horla, so stellt sich das Wesen im Laufe der Erzählung vor, ist offensichtlich Teil einer Rasse, die evolutionär über dem Menschen steht und sich ihn Untertan macht. Jean pendelt daraufhin zwischen Verzweiflung und Wahn; ein Versuch, den Horla zu vernichten, schlägt fehl. Mit der Ausweglosigkeit der Situation konfrontiert, bleibt Jean nur noch eine Möglichkeit, sich dem Zugriff des Wesens zu entziehen: der Selbstmord.

Guy de Maupassant (1850-1893) ist dem Liebhaber französischer Literatur sicher kein Unbekannter. Als frischgebackener Beamter machte er seine ersten zögerlichen Schritte in der Schriftstellerei, war aber mit seinem Debüt „Fettklößchen“ gleich so erfolgreich, dass er sich fortan nur noch dem Schreiben widmete und einer der beliebtesten Autoren seiner Zeit wurde. Er war mit so bekannten Namen wie Flaubert oder Turgenev bekannt, bei Maupassants Tod 1893 hielt kein Geringerer als Emile Zola die Grabrede. Maupassants Leben endete in Wahnsinn. Schon früh litt er an einer Nervenkrankheit, die die damalige Medizin nicht zuordnen konnte: Sehstörungen, Angstzustände, Depressionen und partielle Lähmungen stellten sich in Schüben ein. Als sein Bruder durch ein ähnliches Leiden im Wahnsinn starb, war für Maupassant klar, dass ihm das gleiche Schicksal blühen würde. Unter diesem Licht lässt sich „Der Horla“ auch als Maupassants Auseinandersetzung mit dem fortschreitenden Wahnsinn lesen. Jean fragt sich an mehreren Stellen, ob er denn wahnsinnig geworden sei. Anstatt das Unmögliche und Unglaubliche zu akzeptieren, zieht er zunächst den Gedanken vor, selbst nicht mehr zurechnungsfähig zu sein. Dann, als das Unmögliche unwiderruflich bestätigt ist, drängt ihn gerade diese Gewissheit weiter an den Rand des Wahnsinns. Die Vorstellung, der Mensch sei nicht die Krönung der Schöpfung und nur Sklave eines höheren Wesens, raubt ihm den Seelenfrieden. Jeans Ringen um sein inneres Gleichgewicht zeigt Maupassant unverblümt in den schmerzhaft glaubwürdigen Tagebucheintragungen des Geplagten.

Gelesen wird die Geschichte diesmal von Torsten Michaelis, der sonst Wesley Snipes seine Stimme leiht. Dass er damit offensichtlich hoffnungslos unterfordert ist, beweist er hier eindrucksvoll. Mit samtener Stimme zieht er den Hörer in seinen Bann und klingt dennoch mit zunehmender Sprechzeit (und zunehmendem Wahnsinn) gehetzter, unkontrollierter und gebrochener. Innerhalb der 78 Minuten des Hörbuchs kann er damit eine ungeheure Bandbreite beweisen – und das mit nur einer Geschichte!

Qualitativ liegt diese CD ungefähr gleichauf mit „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“, das sich auf dem dritten Hörbuch findet. Welche Geschichte letztendlich das Rennen macht, ist Geschmackssache, beide jedoch bieten eine spannende Studie über das Innenleben eines vermeintlich Wahnsinnigen. Wer nicht alle vier CDs der Sammlung kaufen will, sollte sich jedoch zumindest diese beiden anschaffen. Jeweils eine gute Stunde gepflegten Nervenkitzels und Gruselns sind garantiert.

Wer nach dem Genuss von „HR Giger’s Vampirric“ immer noch nicht genug von vampirischen Geschichten hat, der kann sich das dazu passende Buch (erschienen bei |Festa|) zulegen. Für die Hörbücher wurden nämlich nur einige Erzählungen ausgewählt (sechs insgesamt), die Anthologie selbst bietet noch eine ganze Reihe mehr, nämlich insgesamt 23 Geschichten.

Alle vier Hörbücher im Überblick:

[HR Giger’s Vampirric 1:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581
Thomas Ligotti „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ und
Horacio Quiroga „Das Federkissen“

[HR Giger’s Vampirric 2:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=582
Leonard Stein „Der Vampyr“ und
Amelia Reynolds Long „Der Untote“

[HR Giger’s Vampirric 3:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583
Karl Hans Strobl „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“

HR Giger’s Vampirric 4:
Guy de Maupassant „Der Horla“

Sjöwall, Maj / Wahlöö, Per – Terroristen, Die

Beim Besuch eines amerikanischen Senators in der schwedischen Hauptstadt muss die Reichspolizei eine spezielle Antiterroreinheit bilden. Internationale Terroristen der ULAG bereiten laut CIA einen Anschlag vor. Kommissar Martin Beck muss alle Hebel in Bewegung setzen, um das Bombenattentat zu vereiteln. Doch auch die besten Pläne haben oft einen Makel, wenn die Planenden einen blinden Fleck besitzen, von dem sie nichts ahnen.

|Die Autoren|

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt. „Die Terroristen“ wurde im Todesjahr von Per Wahlöö 1975 veröffentlicht. Der Roman sorgte Jahre nach seinem Erscheinen für Aufregung, als 1986 der schwedische Ministerpräsident Olof Palme ermordet wurde. Es entstand der Eindruck, als habe das Buch dieses traurige Ereignis vorhergesagt.

|Die Sprecher / Produktion|

1979 produzierte der WDR zusammen mit dem SWR dieses Hörspiel in der Bearbeitung von Walter Adler (u. a. [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 ) und unter der Regie von Klaus Wirbitzky. Zu der Starbesetzung gehören:

Charles Wirths als: Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision
Horst Frank als: Gunvald Larsson
Gert Haucke als: Malm
Charles Brauer als: Skakke (wichtig im Showdown)
Christian Brückner (Stimme von u. a. Robert de Niro) als: Rönn (Sondereinsatzkommandochef)
Manfred Seipold als: Reinhard Heydt, der Kopf der Terroristen in Stockholm
… und andere, so etwa Achim Strietzel.

_Handlung_

Die Story verschlingt zwei separate Stränge, so dass man leicht Gefahr läuft, den jeweils kleineren aus dem Blick zu verlieren.

Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision der Rikspolis in Stockholm, bekommt die Aufgabe übertragen, den Besuch eines US-Senators, der in einigen Monaten die Hauptstadt besuchen will, sicherheitstechnisch zu übernehmen. Doch Anfang der siebziger Jahre führen die USA noch Krieg in Südostasien und die Studenten gehen deswegen überall in Europa auf die Barrikaden. Man rechnet mit Zusammenstößen und Übergriffen. Na prächtig, denkt sich Beck.

Unterdessen wird sein Kollege Gunvald Larsson, Inspektor beim Dezernat für Gewaltverbrechen, nach Mexiko als Sicherheitsberater abkommandiert, um im Juni 1974 den Besuch eines Präsidenten und dessen Wagenkolonne zu schützen. Da dies gründlich schiefgeht, weil die Präsidentenkarosse mit Donnerschlag in die Luft fliegt, freut sich Beck schon begierig auf die Zusammenarbeit mit diesem Versager.

Er wird anstelle von Larsson zum Kopf eines operativen Kommandos zum Schutz des US-Senators befördert. Während Beck die Kontrolle über den Fernschutz behält, muss er den Nahschutz einem Mann namens Möller von der Sicherheitspolizei übergeben, der mehr von linken Spionen und Extremisten versteht als von Terroristen.

Denn Terroristen sind wirklich auf dem Weg in die schwedische Hauptstadt, wie Becks Einheit von der CIA erfährt. Die Organisation „ULAG“, die weltweit Anschläge auf Amerikaner verübt, hat vier Männer in Marsch gesetzt: einen Franzosen, zwei Japaner und den Kopf der Zelle, den südafrikanischen Ex-Söldner Reinhard Heydt. Sie besorgen sich als erstes Pläne vom Untergrund strategisch wichtiger Plätze in Stockholm. Dort wollen sie an Gasleitungen oder ähnlichem ihre Sprengsätze platzieren und per Funk fernzünden.

|Zwischenspiel.|

Rebecca Lindhs Leben ist vollends den Bach runtergegangen, seitdem sie von einem amerikanischen Soldaten ein Kind bekommen, ihn aber verloren hat. Obwohl Jim Cosgrove als Deserteur mit Sanktionen zu rechnen hat, fliegt er zurück in die Staaten, die weltfremde Rebecca zurücklassend. Auf Briefe an seine Eltern erhält sie erst sehr spät Antwort: Jim sei im Gefängnis, nachdem man ihn verhaftet habe. Rebecca Lindh weiß nun, wer schuld ist an ihrem verpfuschten Leben: die amerikanische Regierung. Und sie gedenkt etwas dagegen zu unternehmen.

|Unterdessen …|

… begeht Reinhard Heydt, Topterrorist, einen winzigen Fehler. In einer Bar gabelt er eine junge Frau auf, die als Polizeianwärterin arbeitet. Sie verbringen die Nacht zusammen, doch Ruth Salomonsen kennt auch Kommissar Beck. So kommt Becks Antiterroreinheit den ULAG-Leuten auf die Spur und rückt ihnen schließlich auf den Pelz. Beck hat auch eine geniale Idee, wie er den Bombenlegern ein Schnippchen schlagen kann.

Dann ist der entscheidende Tag da. Becks Plan scheint aufzugehen, doch mit Rebecca Lindh hat niemand gerechnet.

_Mein Eindruck_

Die Terroristengruppe ULAG, die weltweit operiert und unterschiedlichste Angehörigen zählt, erinnert heute fatal an Osama Bin-Ladens in Zellen aufgebaute Organisation Al-Kaida. Mit einem wichtigen Unterschied: Es gibt keine religiöse Motivation für die Mitglieder und ihre Taten. Verantwortlich dafür sind lediglich der Hass auf die Amerikaner und die Israelis („Zionisten“). Dass genau der gleiche Hass aber auch quasi an der Heimatfront entstehen kann – und zwar nicht von maoistischen Splittergruppen wie in Liza Marklunds neuem Roman [„Der rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 -, kann nicht in das Kalkül von Antiterroreinheiten wie die von Beck eingehen. Es ist ein blinder Fleck, der auch prompt zu einer Katastrophe führt.

Der gesamten Geschichte merkt man an, wie genau und detailliert die beiden erfolgreichen Autoren recherchiert haben müssen. Die Organisation der Sicherheitskräfte ist authentisch abgebildet, das Vorgehen der Terroristen aber auch. Lediglich im doppelten Showdown spielen denn doch ein wenig Heldentum und Glück mit, um den Erfolg Becks komplett zu machen. Nun ja, soviel Freiheit darf sich die Literatur wohl herausnehmen. Immerhin gibt es beim zweiten Finale auch Opfer unter den Mannen Becks.

Der Topterrorist Heydt kam mir ein wenig sentimental vor, wenn man ihn mit heutigen Terroristen vergleicht. Er lässt sich mit einer „Zivilistin“ ein (Frauen, Kinder, Greise werden im Jargon alle als „Zivilisten“ bezeichnet), und er weigert sich, den Tod einer Frau in Kauf zu nehmen, obwohl der Schuss Beck erfolgreich treffen könnte. Ob dies Mangel an Realismus oder Vorstellungsvermögen seitens der beiden Autoren verrät oder nur eine gewisse Rücksichtnahme gegenüber dem Lesepublikum, wer kann das heute noch beurteilen?

|Die Sprecher / Produktion|

Es stellt sich als sehr nützlich heraus, das Hörbuch zwei- oder mehrmals anzuhören (oder gleich das |Rowohlt|-Buch zu lesen), denn die schiere Anzahl der beteiligten Figuren trägt zunächst einmal zur Verwirrung des Hörers bei. Beim ersten Hören ist man stark damit beschäftigt, die Struktur der drei Handlungsstränge (um Beck, Heydt, Lindh) auseinanderzuklamüsern, bevor man sich mit dem Verhalten der einzelnen Figuren sowie ihren Sätzen näher beschäftigt.

Die Handlung wurde für das Hörbuch auf das Notwendigste gekürzt, und da kann schon mal der eine oder andere Zusammenhang verloren gehen. Mir sind aber keine gravierenden Fehler aufgefallen. Man braucht sich einfach nur an bestimmte Besuche von US-Präsidenten etc. zu erinnern, um sich den D-Day des Senatorenbesuchs, der hier geschildert wird, lebhaft vorstellen zu können. Und dies war wie gesagt bereits 1974.

Die Sprecher machen einen ausgezeichneten Job. Alle scheinen ihren Text aus dem Effeff zu beherrschen, so dass sich die Aufmerksamkeit ganz auf die Intonation richten kann. Es ist schon faszinierend, wenn Christian Brückner seine De-Niro-Stimme erklingen lässt. Ich kann ihn mir lebhaft als Figur in einem SEK-Outfit vorstellen, wie er sein Bombenentschärfungskommando dirigiert oder seinem Chef, Beck, Bericht erstattet.

Eindeutig zu kurz kommen eigentlich nur weibliche Sprechrollen. Aber das muss nicht unbedingt am Hörspielskript liegen. Dafür kann auch die literarische Vorlage verantwortlich sein.

|Musik & Geräusche|

Im Vergleich zu gewissen anderen Hörspielen aus den siebziger Jahren ist „Die Terroristen“ mit einer voll ausgebauten, komplett repräsentativen Hintergrund- und Pausenmusik ausgestattet. Hier macht sich die gute finanzielle Situation beim WDR positiv bemerkbar. Die Musik von Hans-Martin Majewski ist sehr abwechslungsreich und passt sich der jeweiligen Situation mit einem Stilwechsel optimal an.

Es gibt nicht allzu viele Geräusche im Hörspiel. Sie sollen offensichtlich nicht vom Text ablenken. Doch an bestimmten Stellen sind Geräusche unerlässlich, so etwa im Prolog, als eine Explosion ertönt. Und ganz sicher bei den zwei Schusswechseln mit den Terroristen. Leider nehmen sich die zu hörenden Schüsse aus wie feuchte Knallfrösche. Vielleicht wollte man das Gehör der Zuhörer nicht schädigen? Da bietet das Mankell-Hörspiel [„Die Pyramide“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (2004) doch wesentlich kraftvolleren bzw. realistischeren Sound.

_Unterm Strich_

Dieser Thriller braucht sich hinter keinem der heute veröffentlichten Schwedenkrimis zu verstecken. Die zahlreichen Fakten aus der Realität der in den Anfängen steckenden Terrorismusabwehr vermitteln ein gutes Gefühl beim Publikum, dass die beiden bekannten Autoren wussten, wovon sie schrieben. Zuweilen hat man eher den Eindruck, einem Protokoll der laufenden Ereignisse zu folgen als einer Erzählung.

Dass aufgrund des Mordes an Ministerpräsident Olof Palme dieser Roman prophetische Eigenschaften zugeschrieben bekam, verwundert nicht. Und wenn man die Pläne der weltweit operierenden Al-Kaida-Anhänger gegen England, Italien, Polen usw. berücksichtigt, so kann einem angesichts des möglichen Szenarios bange werden, ob es so ausgehen wird wie bei Sjöwall/Wahlöö.

Das Hörspiel ist eine professionelle Umsetzung des Romans, fordert den Hörer aber ungemein. Denn er muss nicht nur die Struktur dreier Handlungsstränge auf die Reihe bekommen, sondern über ein Dutzend Sprechrollen zuordnen. Daher empfiehlt es sich, das Hörspiel mehrmals zu hören – wozu sonst kann man es nun endlich auch auf CD genießen? Für spannende Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt.

|Umfang: 101 Minuten auf 2 CDs|

Lovecraft, Howard Phillips – Schatten über Innsmouth, Der

„Die atmosphärische Dichte dieser Novelle steigert sich vom anfänglichen Grauen bis hin zu blankem Entsetzen und endet im Wahnsinn“, schreibt der |Festa|-Verlag (oder |LPL records| oder |Lübbe Audio|) auf dem hinteren Einleger.

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu erfahren ist, reicht Lovecrafts Grauen weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der |Großen Alten| ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

|Die Sprecher|

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton (James Bond u. a.). Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

_Handlung_

Die lange Erzählung aus dem |Cthulhu|-Mythos, die 1931 entstand, erklärt, wie es zu dem massiven Einsatz von Regierungstruppen 1927/28 in dem kleinen und fiktiven Küstenstädtchen Innsmouth kommen konnte. Der Ich-Erzähler ist der gerade volljährig (21 Jahre) gewordene Amateurhistoriker Olmstead.

Er will nach der Schule seine Mutter an der Küste besuchen, verfügt aber nur geringe Geldmittel. Daher beschließt er, die kürzeste Busstrecke zu fahren, um ebenso zeitig wie billig voranzukommen. Um von der Miskatonic University über Newburyport nach Arkham zu gelangen, muss er über Innsmouth fahren.

Er hört warnende Gerüchte und Geschichten über Innsmouth und recherchiert in der Bibliothek. Aber erst der Besuch des Museums von Newburyport überzeugt ihn, dass an den Innsmouth-Bewohnern etwas recht Merkwürdiges ist. Dort ist eine Tiara oder Priesterkrone ausgestellt, auf der Fischwesen in ein unbekanntes Metall eingraviert sind. Die Innsmouth beherrschende Familie der Marshs wolle diese Krone zurückhaben, seit sie vor über 50 Jahren von einem Seemann versetzt wurde, erzählt die Museumsführerin. Olmstead läuft ein Schauder über den Rücken.

Der Busfahrer ist eine selt- und schweigsame Gestalt: mit einem watschelnden Gang, vorstehenden Augen, einer Hautkrankheit und sonderbaren Falten an den Halsseiten. Und Joe Sargents Hände sind nicht rosa, sondern blaugrau. Sein Geruch ist abstoßend. In Innsmouth selbst, das am Fluss Manuxett liegt, fährt man an der Kirche des Dagon vorbei, in der der Priester eine Tiara trägt.

Olmstead steigt im einzigen Hotel ab, dem Gilman-House, denn der nächste Bus fährt erst am Abend nach Arkham. Ein Lebensmittelhändler, der aus Arkham stammt, zeichnet ihm eine Straßenkarte, warnt ihn aber vor dem Armenviertel, wo in vielen Häusern, obwohl sie verschlossen sind, merkwürdige Geräusche erklingen. Zum Glück ist weder Walpurgisnacht (30.4.) noch Halloween (31.10.), an denen für die Leute aus Innsmouth hohe (heidnische!) Festtage sind. Als Historiker ist seine Neugier geweckt.

In den Straßen sind weder Katzen noch Hunde zu sehen, die wenigen Kinder sehen affenartig aus, die Kirchen sind leer und verfallen, vom Hafen weht ständig Fischgeruch herüber, denn die Fischgründe sind außergewöhnlich reich, und fremde Fischer werden ferngehalten. Am Horizont ist das sogenannte Teufelsriff zu sehen, in dem eine Höhle fremde Kreaturen beherbergen soll, die aus der Tiefe hinter dem Riff stammen.

|(Hinweis des Lektors: Ab dieser Stelle werden wesentliche Wendungen der Handlung zusammengefasst; auch die nachfolgende Beurteilung geht aufgrund des Klassikerstatus dieser Geschichte ins Detail. Wer sie noch nicht kennt, sollte erwägen, im Abschnitt „Die Sprecher“ weiterzulesen.|

Genau das bestätigt ihm auch der fast neunzig Jahre alte Säufer Zadok Allen (Kerzel, s. u.), den Olmstead mit Whisky zum Reden bringt. Dessen unglaubliche Story: Der alte Obed Marsh habe ca. 1840 die Südsee befahren, wo er die Kanaken besuchte, die dem Fischgott Dagon bzw. Cthulhu Menschen opferten, um dafür reichen Fischfang und Gold zu erhalten. Marsh sei mit den Göttern einen Pakt eingegangen und habe den Kult nach Innsmouth gebracht. Das Amphibienvolk habe sich mit der Zeit mit den ihm geopferten Menschen vermischt und die Rasse mit dem Innsmouth-Look hervorgebracht. Zuerst würden diese Menschen ganz normal aussehen, aber nach einer Weile zu einem Wesen mit Fisch- und Froschmerkmalen mutieren. Denn in dieser Form sei es potenziell unsterblich. Einmal habe Zadok Allen diesen Kult verraten und die Menschenopfer seien ausgeblieben. Doch 1846 sei dann nicht etwa die Pest ausgebrochen, sondern die Rache des Fischvolks über Innsmouth gekommen. Seitdem halte er, Allen, die Klappe. Aber er habe den dritten Eid auf Cthulhu nie geschworen, beteuert er und verschwindet.

Allerdings hat man Olmstead mit Allen gesehen. Als es Abend wird, steht kein Bus für ihn bereit, obwohl das Vehikel gerade Passagiere aus Newburyport transportiert hat. Man gibt ihm ein anderes Zimmer. In der Nacht versuchen Unbekannte, in sein Zimmer einzudringen, doch ahnungsvoll hat er Vorkehrungen dafür getroffen. Aber als etwas Schwereres die Treppe hochkommt, verlässt er das Haus durchs Fenster und flieht über die nächtlichen, mondhellen Dächer und Straßen.

Grauenerregende Szenen der Verfolgung durch einen fisch- und froschartigen Mob, mit tiaratragenden Priestern in der Mitte, erschrecken Olmstead und zwingen ihn, einen anderen Fluchtweg zu suchen. Da alle Ausfallstraßen blockiert sind, bleiben nur die verlassenen Bahngleise, die nach Rowley führen. Doch wird man ihn entdecken?

Ein Jahr später, nach dem Truppeneinsatz, studiert Olmstead am College. Er erhält den ersten Hinweis, dass seine eigene Ahnenreihe eine Gefahr darstellen könnte. Der Familienschmuck seiner Urgroßmutter enthält eine Tiara mit Fischwesenmotiven, Armreife und einen abnorm gestalteten Brustschmuck. Er fällt in Ohnmacht.

Zwei Jahre später, im Winter 30/31, beginnen die Träume von einem Volk aus der Tiefe. Sie rufen ihn …

_Mein Eindruck_

Man merkt also: Bis unser Held überhaupt in die Bredouille gerät, ist es ein ziemlich langer Weg. Der „Schatten“, den Innsmouth vorauswirft, ist offenbar ziemlich lang. Aber auch als sich Olmstead durch die verbarrikadierten Straßen an den Verfolgern vorbeischleicht, als befände er sich in einem Karl-May-Roman, ist nicht sicher, ob es zu Handgreiflichkeiten kommen wird. Denn dem Autor HPL geht es weniger um die Action in einem konkreten Fall, sondern um die allgemeine und weltweite Bedrohung der Menschheit durch eine Rasse, die unsterblich ist und ihr Territorium zurückwill. Innsmouth ist ihr Brückenkopf in die USA.

Der Autor baut die globale Dimension dieser Bedrohung Stufe um Stufe auf. Dazu gehört nicht nur die genetische Degeneration und konsequente körperliche Veränderungen an Betroffenen, sondern auch der totale Kollaps der bisherigen kulturellen Errungenschaften. Letztere werden vielmehr ersetzt durch antihumane Bedingungen, wie etwa Menschenopfer, Verehrung eines Großen Alten (Cthulhu) und Verfolgung all seiner Feinde. Es wäre ein Rückfall in alttestamentarische Zeiten, und der zuständige Gott ist nicht Jahwe, sondern Cthulhu bzw. Dagon.

Der ultimative Horror entsteht aber bei Olmstead nicht durch die Invasion der Fischmenschen, sondern durch die Entdeckung, dass er einer von ihnen wird. Dieses kosmische Grauen schlägt ein Jahr später um in Wahnsinn: Olmstead folgt Cthulhus Ruf und ist somit ipso facto kein Mensch mehr. Das erinnert an die biblische Prophezeiung, dass sich die Sünden der Väter auf die Nachkommen bis ins 10. Glied (oder so) vererben würden. Olmsteads Pech ist es, dass er keine Ahnung hat, welche Sünden seine Väter begangen haben – ja, dass sie überhaupt seine Väter sind! Will also indirekt heißen: Wer seine Herkunft nicht kennt, wird ihr möglicherweise zum Opfer fallen. Und wer seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen, da er die Warnung nicht (er)kennt.

Die Erzählung ist ein Meisterstück des stimmungsvollen Grauens, wie sie HPL von Anfang beabsichtigte. Um diese Wirkung zu erzielen, brauchte er aber auch drei Anläufe. Da sich Beklemmung, Grauen und Wahnsinn nicht aus Aktion, sondern vielmehr aus Befindlichkeit ergeben, ist der Held der Story stets Bedrohter und Opfer, fremd in einer seltsamen Welt, die plötzlich anderen Regeln gehorcht. Genau diese Befindlichkeit ist die des Autors zeitlebens gewesen. Daher erzählt HPL, wenn er von Olmsteads Expedition ins Herz der Finsternis berichtet, zugleich auch von sich selbst – der Welt möglicherweise zur Warnung.

Lesetipp: „H. P. Lovecraft: Von Monstren und Mythen“, herausgegeben von Andreas Kasprzak, im |Th. Tilsner Verlag|, Bad Tölz, ISBN 3-910079-05-9. Darin findet sich ab S. 122ff eine Übersicht über die Großen Alten sowie auf S. 137 ein Stammbaum, in dem HPL und Clark Ashton Smith ihre eigene Herkunft von diesen fremden Göttern herleiten!

|Die Sprecher|

Lutz Riedel erledigt die Hauptarbeit bei der Lesung der Geschichte ohne Fehl und Tadel, spricht selbst die schwierigsten Orts- und Personennamen ohne Ausrutscher aus.

Joachim Kerzel hat quasi einen Gastauftritt in der eminent wichtigen Rolle des alten Zadok Allen. Seine Darstellung des alten Säufers ist von Dialekt und Umgangssprache geprägt, was allein schon eine größere schauspielerische Leistung erfordert. Hinzukommt noch, dass Zadok Allen nur deshalb so redselig ist, weil er einen ordentlichen Schluck aus der Whisky-Pulle genommen hat, die ihm der Erzähler Olmstead anbietet. Was bedeutet, dass sein Zungenschlag ein wenig ins Lallende abgleitet. Obendrein wird Zadok auch noch von konkreter Angst vor dem geschüttelt, was dem Teufelsriff entsteigt. Insgesamt ist Kerzels „Auftritt“ sehr eindrucksvoll und bleibt lange in Erinnerung. Er wird auch noch einmal im Essay auf CD Nr. 4 zitiert (weil’s so schön war).

|Die Bonus-CD|

„…liefert düstere Hintergrundinformationen zu Lovecrafts bekanntester Geschichte und enthüllt interessante Details über dessen alptraumhafte & geniale Gedanken“. Den Essay-Text hier liest Nana Spier (die deutsche Stimme von Drew Barrymore) mit David Nathan als H. P. Lovecraft. Der Essay stammt von S. T. Joshi, einem ausgewiesenen Lovecraft-Experten.

„Schatten über Innsmouth“ wurde offenbar hart mit drei Versuchen erkämpft, und als es dann Ende 1931 fertig war, ließ es sich nicht verkaufen. Zu Lovecrafts Lebzeiten kam 1936 nur eine Miniauflage von 200 Exemplaren zustande: seine einzige Buchpublikation überhaupt. Erst 1941 erschien es gekürzt in einem Magazin.

Darauf untersucht Joshi die zahllosen unterschiedlichen Quellen, die in den Kurzroman einflossen. Das Vorbild für Innsmouth lieferte eine verwinkelte Hafenstadt in Rhode Island oder Massachusetts, die HPL gerne durchstreifte, möglicherweise Gloucester.

Vorbilder für Zadok Allen gab es ebenfalls. HPL stieß laut einem Briefbericht auf eine alte Frau, die im Jahr 1796 geboren worden war. Zudem gab es einen Mann namens Hoag, der im Jahr 1827 im Alter von 96 Jahren starb und der einen Bericht über die tatsächliche Beschießung von Fort William Henry im Jahr 1757 liefern konnte, welche im „Letzten Mohikaner“ verewigt wurde.

HPLs Abscheu vor Rassenvermischung kommt allenthalben zum Durchbruch, und selbst fremde Sprachen sind ihm auf neurotische Weise verhasst – zumindest seinem Alter Ego Olmstead. Dies erweist sich jedoch nach weiteren drei Jahren als purer Selbsthass: Olmstead wird selbst eine der verhassten Kreaturen vom Teufelsriff, die Cthulhu oder Dagon gehorchen.

Der Schatten, der so vielfältig über Innsmouth wahrgenommen wird, verwandelt sich nun plötzlich in den „Schatten der Wunder“, die auf Olmstead in der Unterseestadt Yante-lei warten. Aus der Distanz des Horrors hat sich nun eine Vereinigung ergeben: außen ist innen, das Andere ist zum Ich geworden. Was für Olmstead höchste Verzückung ist, gerät dem unbeteiligten Beobachter zu maximalem Grauen und Abscheu – ein Meisterstück an Gefühlssteuerung.

Dieser Essay genügt selbst literaturwissenschaftlichen Ansprüchen. Optimal wäre natürlich, wenn Fachkollegen die Darlegungen nachprüfen könnten. Dies können sie aber nur anhand der gedruckten Ausgabe von S.T. Joshis HPL-Monografie.

_Unterm Strich_

Regisseur Frank Gustavus, der sich bereits durch seine Hörspiel-Inszenierung von „Jack the Ripper“ einen guten Namen gemacht hat (und kürzlich [„Der Vampyr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 inszenierte und produzierte), hat auch mit „Der Schatten über Innsmouth“ ein schönes Hörbuch abgeliefert. Die Story selbst braucht zwar ungewöhnlich lange, bis sie in Fahrt kommt, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Bezeichnenderweise gibt es keinerlei Handgreiflichkeiten. Der Horror ist stets pure Einbildung und Empfindung im Kopf des Betrachters und Gejagten, des Historikers Olmstead. Die Story besitzt eine schöne Pointe, die uns den Anfang in einem ganz anderen, nämlich ironischen Lichte lesen / hören lässt.

Keiner braucht Angst vor einer Art Informations-Overkill zu haben: Es wird immer mal wieder eine Kunstpause eingelegt, in der man sich zurücklehnen und ein klein wenig entspannen kann – wenn da nicht die unheimliche Musik wäre.

Die tiefen Stimmen von Lutz Riedel und J. Kerzel tragen stark zur unheimlichen und bedrohlichen Stimmung bei, die für das wachsende Grauen von wesentlicher Bedeutung ist. (Es passiert ja im Grunde so gut wie nichts!) Besonders Kerzels Leistung ist zu bewundern – kein Wunder, dass er Dustin Hoffman und Jack Nicholson so gut synchronisieren kann.

Kurzum: Dieses Hörbuch lohnt sich für Lovecraft-Liebhaber und solche, die es werden wollen.

|Umfang 278 Minuten auf 4 CDs|

Allende, Isabel – Im Bann der Masken

Nach „Die Stadt der wilden Götter“ und „Im Reich des goldenen Drachen“ bildet „Im Bann der Masken“ das dritte und letzte Abenteuer von Alex und Nadia. Tief im Herzen Afrikas stehen die Menschen im Bann einer dunklen Macht: Das uralte Volk der Pygmäen wird von einem verbrecherischen König beherrscht. Wird es Nadia, Alex und ihren Helfern gelingen, die bösen Mächte zu besiegen? (Aus dem Klappentext)

|Die Autorin|

Isabel Allende wurde 1942 in Peru geboren und wuchs in Chile auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kalifornien. Ihr erster Roman „Das Geisterhaus“ wurde von Bernd Eichingers Produktionsfirma verfilmt. „Die Stadt der wilden Götter“ war Allendes erster Roman für Jugendliche, der mit „Im Reich des goldenen Drachen“ eine Fortsetzung erfuhr (ebenfalls ein Hörbuch im |Hörverlag|) und nun mit „Im Bann der Masken“ vollendet wurde.

Isabel Allende sagt von sich selbst: |“Ich würde sagen, dass ich ein Mensch bin, der davon überzeugt ist, dass die Welt ein sehr mystischer Ort ist. Wir haben nicht halb so viele Antworten auf die Fragen gefunden, von denen wir überzeugt sind, dass wir sie beantworten können. Alles ist möglich, es gibt nicht nur eine materielle Welt.“| Und wie kam es zu diesen wundervollen Jugendbüchern? |“Ich habe schon Abenteuergeschichten geschrieben, als meine Kinder noch klein waren, und ich habe sie ihnen dann erzählt, Abend für Abend. So blieb ich wunderbar in Übung.“| (Alle Zitate sind den Booklets des Hörbuchs „Im Reich des goldenen Drachen“ entnommen.)

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich, 1965 geboren, hatte bereits mit sechs Jahren seine erste Hörspielrolle und ist heute wahrscheinlich eine der bekanntesten Stimmen im deutschsprachigen Raum, z. B. als Synchronstimme von John Cusack.

Seit Jahren steht er als Bob Andrews für die Hörspielserie „Die drei ???“ vor dem Mikrofon. Für den |Hörverlag| übernahm er Rollen in A. Dumas‘ „Die drei Musketiere“ und H. Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“. Fröhlich lebt in Berlin und arbeitet als Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher, Synchronregisseur sowie Dialogbuchautor.

Das Hörbuch bietet die vollständige Lesung ohne jedwede Kürzung. Regie führte Sven Stricker.

_Handlung_

Zunächst erleben Alex Cold und seine Freundin Nadia Santos sowie ihr kluger Affe Borrobà Afrika als eine bunte Abfolge von kleinen aufregenden Abenteuern. Nadia spricht mit den Elefanten, denn sie spricht die Sprachen aller Tiere. Ihr Reitelefant ist eifersüchtig auf Alex, mit dem sich Nadia dennoch hin und wieder abzugeben scheint. Alex‘ Großmutter Kate, 67, macht wie schon am Amazonas und im Himalaya eine Reportage für „International Geopgraphic“ und hat zwei Fotografen dabei. Sie alle sind Gäste von Michael Mushaha, der offenbar den kenianischen Nationalpark leitet. Auch Michael ist verliebt …

|Die Prophezeiung|

Auf dem kenianischen Marktplatz von Arusha mit seinem Vielvölkergemisch treffen Alex und Nadia eine alte Schamanin, Ma Bangese. Sie weiß, dass Alex eine Medizin für seine krebskranke Mutter sucht. Sie prophezeit ihm: Wenn er sich mutig bewährt, werden seine Mutter und Nadia die kommenden Gefahren überleben. Alex und Nadia erleben in der Hütte eine Geistreise in den Dschungel, der auf sie wartet. Solche Geistreisen sind seit Südamerika nichts Besonderes mehr für die beiden. Sein Totem ist der schwarze Jaguar, Nadias Geisttier hingegen ist der Adler. Deswegen reden sich die beiden öfters auch als Jaguar und Aguila an. Jedenfalls haben sie eine gemeinsame Vision vom zerstörten Kongo und der Herrschaft eines dreiköpfigen Ungeheuers. Sie bekämpfen es vergebens. Ma Bangese warnt sie: „Bleibt immer zusammen, sonst sterbt ihr!“

|Safari|

Bei ihrer Safari in den Busch gibt es ein komisches Intermezzo mit betrunkenen Mandrill-Affen und neugierigen Löwen sowie eine bewegende Episode mit der Geistheilung eines kranken Kleinkindes. Als wichtigste Begegnung erweist sich die ebenso furchtlose wie füllige Pilotin Angie Ninderere, die auch Ma Bangese kennt. Sie ahnt nicht, dass Michael Mushaha in sie verliebt ist.

Der christliche Missionar Bruder Fernando aus dem verwüsteten Nachbarstaat Ruanda bekniet Angie und die restliche Safari, ihn in den Kongo zu fliegen, weil dort zwei seiner Ordensbrüder verschwunden sind. Der Haken dabei: In diesem Dorf Nungubé herrscht der Tyrann in dreifacher Gestalt – als König Kossongo, als Kommandant Maurice Mbembelé und als der Schamane Sombè.

|Bruchlandung|

Alex und Nadia überreden Kate zum Flug, die überredet (mit gewisser Mühe) die Pilotin Angie, und los geht’s. In einer dramatischen Aktion gelingt es Angie, ihre voll besetzte und beladene Cessna auf dem schmalen Uferstreifen eines Dschungelflusses zu landen. Leider wird dabei der Propeller verbogen, so dass sie alle erst einmal festsitzen. Im nahen Dschungel befreien Nadia und Alex eine Gorillamutter und ihr Junges aus einer Fallgrube, die Pygmäenjäger angelegt haben. Das wird sich später als Segen erweisen.

|Ins Herz der Finsternis|

In den Booten vorbeikommender Diamantenschmuggler gelangen sie an die Grenze des Königreichs von Kossongo. Ein furchterregender Totenkopf warnt sie vor dem Weitergehen. Doch sie müssen nach Nungubé, Kossongos Hauptort. Geführt von Pgymäen, dringen sie beklommen weiter vor – ins Herz der Finsternis, wo das dreiköpfige Ungeheuer auf sie lauert.

_Mein Eindruck_

Wie schon in Südamerika und im Himalaya zieht es die drei Hauptfiguren Alex, Nadia und Oma Kate wieder in eine Weltgegend, in der ein kleines Volk in seiner Existenz bedroht ist, das noch über Kenntnisse von mystischen Wahrheiten verfügt. Waren es in Südamerika verborgen lebende Indios und im Himalaya die Bevölkerung einer Art Shangri-La, so sind es diesmal die Pygmäen.

Ich habe seit meiner Kindheit ein Buch von Prof. Bernhard Grzimek, in dem er von seiner Erkundung des Kongo-Urwaldes berichtet. Er stieß im Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre unberührten Urwald nicht nur auf ungewöhnliche Tiere wie das Okapi (das bei Allende schon nicht mehr vorkommt), sondern auch auf ein kleinwüchsiges, verborgen lebendes Völkchen: die Pygmäen. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bezeichnet zwergwüchsige Menschen. Grzimek verbrachte Wochen bei ihnen und lernte sie als fröhliches Naturvolk kennen, das mit der sie umgebenden und ernährenden Natur in Einklang lebt.

Bei Allende sind die Pygmäen aus diesem Stand der Unschuld herausgefallen. Ein anderes Volk hat sie unterjocht und versklavt, und zwar im Gefolge der abgezogenen weißen Kolonialherren (v. a. Belgier, denen der Kongo „gehörte“). Nun müssen die Jäger ständig eine Unmenge Elefanten erlegen und deren Elfenbein abliefern, damit die Herrscher ihren Profit daraus schlagen können. Andere Pygmäen müssen nach Diamanten schürfen, die ebenfalls außer Landes geschmuggelt werden. Die Frauen werden als Sklavinnen gehalten, und als Geiseln sorgen sie für den gehorsam ihrer Männer, der Jäger und Schürfer. Dies ist das finstere Reich des Königs Kossongo, seines Kommandanten und seines Schamanen. Die christlichen Missionare sind längst tot.

Nun tauchen die Herrschaften aus den Vereinigten Staaten auf, dem Hort der Freiheit, so scheint es. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Sie betrachten es als ihre Pflicht und Schuldigkeit, die unterdrückten Pygmäen zu befreien. Das ist leider nicht so einfach, denn das System der Unterdrückung hat ja jahrelang funktioniert. Aber mithilfe der besonderen Fähigkeiten von „Jaguar“ und „Aguila“ sowie von Oma Kate erreichen sie dieses Ziel doch, wenn auch ein wenig anders als gedacht.

Es gibt etliche Überraschungen hinsichtlich gewisser Identitäten und des Auftauchens gewisser Tierarten. Außerdem kommt das komische Talent von Angie Ninderere voll zur Geltung. Es ist also für Action, Spannung und Humor gesorgt. Da dies ein Jugendbuch ist, dürfen auch die mystischen Elemente auftauchen, ohne peinlich zu wirken. Und das waren sie bei den anderen Allende-Romanen der Trilogie auch nie.

Die Autorin verweist, clever, wie sie nun mal ist, hin und wieder auf die in den anderen Bücher geschilderten Abenteuer. Am Schluss folgt sozusagen ein Resümee der gesamten Trilogie. Schließlich wollen die jungen Hörer bzw. Leser wissen, wie es mit Nadia, Alex und Kate weiterging.

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich verfügt über eine Stimme, die ich schon immer sehr sympathisch fand. Sie ist angenehm anzuhören, manchmal sogar einschmeichelnd, aber dennoch maskulin und tief. Wie ein ausgebildeter Schauspieler beherrscht er zwei schwierige Fertigkeiten: die der richtigen Intonation eines Satzes mit entsprechender Betonung und zweitens die der Pause.

Eine winzige Pause vor einem Wort hebt das nachfolgende Wort hervor und macht es für uns quasi erkennbar. Genauso wie ein Zögern in einem Dialog Aufschluss gibt über den unsicheren – oder überraschten – Gemütszustand seines Sprechers. Also sind Pausen sehr wichtig, aber nur Leute mit entsprechender Ausbildung wissen sie an den richtigen Stellen und mit dem passenden Gewicht (sprich: Länge) einzusetzen, so dass sie gar nicht als Pausen auffallen. Pausen, die auffallen, lassen einen Text schwerfällig und unbeholfen erscheinen.

|Fremde Sprack|

Fröhlich beherrscht, wie zu hören war, die Aussprache der fremdsprachigen Ausdrücke perfekt, gleichgültig, ob es sich um Bantuwörter oder sonstige Bezeichnungen handelt. Mag sein, dass es mir schien, als ob sich die Aussprache von Namen von Mal zu Mal geringfügig änderte. Das macht aber nichts, denn da die afrikanischen Namen so auffällig und selten gebraucht werden, besteht keine Gefahr der Verwechslung. Und Gewissheit verschafft wie stets ein zweites Anhören des Vortrags.

|Musik, Geräusche? Nix da!|

Musik gibt es nur als Jingle am Anfang und Ende des Hörbuchs, ansonsten aber nie, genauso wenig wie Geräusche. Wer so etwas braucht, wende sich an Hörspielproduktionen, die von den Rundfunksendern in großer Zahl als Audiobooks vermarktet werden – bis hin zu [„Otherland“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 dem Nonplusultra der Hörspiele.

_Unterm Strich_

Das spannende und actionreiche Hörbuch richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die schon über Zentralfrika ein wenig Bescheid wissen. Diesmal ist es nicht so lang geraten wie die beiden Vorgängerbände „Die Stadt der wilden Götter“ und „Im Reich des goldenen Drachen“ (die Titel erinnern ein wenig an Karl Mays „Reiseerzählungen“, nicht wahr?) – statt acht sind es diesmal „nur“ sechs CDs, deren Spieldauer 411 Minuten beträgt, also beinahe sieben Stunden.

Mir hat die Geschichte ausgezeichnet gefallen. Diesmal hält sich die Autorin nicht so lange mit Landschaftsbeschreibungen und dem Aufbau einer finsteren Intrige auf. Sie geht gleich |in medias res|. Damit es aber nie allzu bedrohlich wird für die jungen Zuhörer/Leser, streut sie immer wieder humorvolle bis komische Episoden ein, so etwa jene mit den betrunkenen Mandrill-Affen oder mit der Pilotin Angie, die demnächst mit König Kossongo vermählt werden soll (na, ob das gut geht?). Die Abwechslung zwischen Action, Humor und Mystik sorgt für ein stimulierendes Erlebnis, ganz gleich, ob als Hörbuch oder als Leselektüre auf einem toten Baum.

Der Sprecher Andreas Fröhlich liest ausgezeichnet, und das ist im Vergleich zu seinem Vorgänger eine wahre Erlösung. Schulze liest zwar kompetent und fast fehlerfrei, aber auch sehr schnell, und das letzte i-Tüpfelchen fehlt eben noch (siehe auch die oben erwähnten Fertigkeiten Fröhlichs). Nun ist in Fröhlichs Lesung auch die Ironie bei einem komischen Ereignis zu hören, und auch die Dramatik kommt nicht zu kurz.

Ich finde daher „Im Bann der Masken“ rundum gelungen. Über den Preis für eine professionelle Hörbuchproduktion lässt sich immer streiten. Ich finde, der Preis für 6 CDs sollte nicht so hoch sein wie der für 8 CDs. Ist doch klar, oder? Die deutsche Buchausgabe erschien 2004 im |Suhrkamp|-Verlag, Frankfurt/M. Zeitgleich erschien im |Hanser|-Verlag eine Jugendausgabe, die im Text identisch ist, aber über ein anderes Titelbild verfügt und sechs Euro günstiger ist.

Strobl, Karl Hans – HR Giger\’s Vampirric 3 – Das Grabmal auf dem Père Lachaise

HR Gigers Anthologie von Vampirgeschichten, die 2003 bei Festa unter dem Titel „HR Giger’s Vampirric“ erschienen ist, erlebt in Auszügen eine Neuauflage in vier Hörbüchern. Auf dem dritten Hörbuch findet sich Karl Hans Strobls Vampirerzählung „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“ – das Tagebuch eines Hunger leidenden Naturwissenschaftlers, der ein Jahr in einem Mausoleum auf eben jenem Pariser Friedhof zubringen will.

Ernest erfüllt das Testament einer offensichtlich übermäßig exzentrischen Russin. Diese Anna Feodorowna Wassilska hat nämlich verfügen lassen, dass derjenige zweimal 100.000 Franc erhält, der ein Jahr in ihrem Grabmahl zubringt. Ernest beschließt, dieses Jahr zur Beendigung seines Opus Magnus zu nutzen, mit dem er unsterblichen Ruhm in der Welt der Wissenschaft zu erringen sucht. Doch natürlich lockt den armen Privatgelehrten auch das Geld, mit dem er seiner Freundin Margot ein Leben in Sorglosigkeit bescheren könnte. Und die zwei üppigen Mahlzeiten, die ihm der einzige Diener der Wassilska – ein pockennarbiger Tatar namens Iwan – auf einem Wägelchen vorbeibringt, sind auch nicht zu verachten.

Ernest fragt sich immerhin, was diese außergewöhnliche Russin, die er nicht persönlich kennen gelernt hat, mit dieser seltsamen Verfügung bezwecken wollte. Jemanden in der Nähe zu haben, falls sie lebendig begraben wurde? Ein Schutz vor Grabräubern? Oder die sadistische Befriedigung zu wissen, wie sich jemand ein Jahr lang auf einem Friedhof quält? Diese Möglichkeit scheint Ernest am wahrscheinlichsten, nach allem, was er über die Wassilska in Erfahrung bringen konnte. Eine sinnenfrohe Frau aus der weiten Ferne Russlands, die in Paris offensichtlich Vergnügen und das Absonderliche suchte und auch nicht davor zurückschrecke, dem Bäckerlehrling Geld zu bieten, um ihn beißen zu dürfen. Spätestens hier schrillen bei Horrorkennern die Alarmglocken, doch Ernest ist ein zu treuer Naturwissenschaftler, als dass er sich von solchen Geschichten beunruhigen lassen würde. Er schwört, die Zeit im Grabmahl sinnvoll zu nutzen und sich von absonderlichen Begebenheiten nicht schrecken zu lassen.

Und tatsächlich schwant dem Hörer bald, dass im Grabmahl der Wassilska nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Die Zettel, die Ernest als Denkhilfen für sein Buch ordentlich sortiert hat, werden des nächtens im ganzen Grabmahl verstreut. Außerdem machen ihn das üppige Essen und die mangelnde Bewegung so fett, dass er in einem Augenblick der Klarheit erkennt, dass er wie eine Gans gemästet wird. Doch das Seltsamste ist wohl das grüne Licht, das sich Nacht für Nacht einstellt und den Marmor des Grabmahls weich macht.

Doch anstatt sich vor solchen Erscheinungen zu fürchten, lässt sich Ernest von Iwan Gerätschaften und Prismen bringen, um das Licht zu untersuchen. Eines Morgens jedoch findet er unter seiner auf einem Notizzettel notierten Frage nach der Natur dieses seltsamen Lichts die Antwort: „Es ist der Atem der Katechana“ – in seiner eigenen Handschrift. Halb wahnsinnig von dem Gedanken herauszufinden, was hier gespielt wird, bombardiert er Iwan mit Fragen nach dem unbekannten Begriff, während Margot immer öfter sein Grabmahl heimsucht, um ihn zum Abbruch dieses Jahres zu bewegen. Doch es kommt, wie es kommen muss. Ernest stellt fest, dass es sich bei der Wassilska um einen Vampir handelt, der nun jede Nacht in wilden Küssen über ihn herfällt und das Blut aus seinen fetten Adern saugt. Er lauert ihr auf, um sie zu vernichten… Doch bleibt der Hörer ohne letzte Gewissheit zurück: Ist Ernest tatsächlich wahnsinnig? Bildet er sich die Vampirin Wassilska nur ein? Oder handet es sich tatsächlich um eine Untote und tat Ernest das einzig Richtige?

Der Österreicher Karl Hans Strobl (1877- 1946) zählt zusammen mit Hanns Heinz Ewers zu den bedeutendsten Autoren deutscher Phantastik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Neben dem „Grabmahl auf dem Père Lachaise“ verfasste er mit „Das Aderlassmännchen“ noch eine weitere Vampirgeschichte, die in ihrer Komposition jedoch komplizierter als „Das Grabmahl auf dem Pere Lachaise“ ist. Strobls Erzählung ist innerhalb der Hörbuchreihe „HR Giger’s Vampirric“ ein wahrhaftes Highlight, wozu auch der Sprecher David Nathan – unter anderem als die deutsche Stimme von Johnny Depp bekannt („Savvy?“) – viel beiträgt. Nathan gibt der tagebuchartigen Erzählung Ernests Charaktertiefe. Auf der einen Seite ist er der forschungswütige, überspannte und an leichter Überschätzung leidende Physiker. Dann wieder ist er der geldgeile Egoist, der die Absonderlichkeit des Testaments der Wassilska erfolgreich verdrängt, um am Ende des Jahre die ausgesetzte Unsumme und täglich zwei warme Mahlzeiten zu kassieren. Und gegen Ende der Erzählung scheint durch Nathans Interpretation auch deutlich Ernests zunehmender Wahnsinn durch – gerade hier kann David Nathan brillieren und dem Zuhörer mit Leichtigkeit Schauer über den Rücken laufen lassen.

Wirklich unheimlich und gruslig wird Strobls Erzählung erst gegen Ende. Bis dahin resultiert das Gefühl des Unwohlseins beim Hörer hauptsächlich aus dem ungewöhnlichen Setting und den seltsamen Begebenheiten, denen Ernest aber mit positivistischer Einstellung gegenübertritt. Diesen subtilen Grusel jedoch kann Strobl über die gesamte Erzählung hinweg aufrechterhalten, sodass „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“ keine Längen aufweist und konstant Spannung erzeugt wird. Dieser Teil der „Vampirric“-Reihe ist definitiv der Höhepunkt der vier Hörbücher. Daher heißt es: Kaufen, kaufen, kaufen!

Alle vier Hörbücher im Überblick:

[HR Giger’s Vampirric 1:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581
Thomas Ligotti „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ und
Horacio Quiroga „Das Federkissen“

[HR Giger’s Vampirric 2:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=582
Leonard Stein „Der Vampyr“ und
Amelia Reynolds Long „Der Untote“

HR Giger’s Vampirric 3:
Karl Hans Strobl „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“

[HR Giger’s Vampirric 4:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=584
Guy de Maupassant „Der Horla“

Williams, Tad – Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

|Der Autor|

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|

Stein, Leonhard / Long, Amelia Reynolds – HR Giger\’s Vampirric 2 – Der Vampyr / Der Untote

„HR Giger’s Vampirric“ – eine Sammlung von vier Hörbüchern mit Vampirkurzgeschichten, die jeweils einzeln erhältlich sind -, wartet mit einigen Überraschungen auf. So finden sich auf der zweiten CD zwei Erzählungen von Autoren, die heute fast vollkommen in Vergessenheit geraten sind. Den Anfang macht Leonhard Steins „Der Vampyr“ (1918), gefolgt von der etwas kürzeren Geschichte „Der Untote“ (amerik. „The Undead“, 1931) der Amerikanerin Amelia Reynolds Long, die für sich in Anspruch nehmen kann, eine der ersten weiblichen Science-Fiction-Autoren gewesen zu sein.

In Steins Erzählung trifft der Hörer auf den nur leidlich sympathischen Büroangestellten Hermann Samassa. Samassa führt ein kleinbürgerliches Leben, ist geizig und so gefühlsarm, dass er selbst für seine Verlobte keine echte Begeisterung aufbringen kann und mit ihren Liebesbezeugungen hoffnungslos überfordert ist. Samassa nun trifft seinen Untergang in Form der neuen Schreibkraft in seinem Büro – ein abstoßendes Weibsbild mit strähnigen Haaren und einem Buckel. Ihr rotes Haar und ihre funkelnden grünen Augen markieren sie sofort als eine diabolische Frau und tatsächlich hat sie es offensichtlich auf den kleinlichen Büroangestellten abgesehen. Das Zettelchen, das sie ihm zukommen lässt, zerknüllt dieser entsetzt. Doch stellt er bald fast, dass die Neue im gleichen Haus wohnt wie er und ihn fortan jede Nacht heimsucht, um ihm ihren einen langen beinernen Zahn in die Brust zu stoßen. Der Arme wird zusehends schwächer und versucht, den Blutverlust mit herzhaftem Essen und starken Rotweinen auszugleichen. Gleichzeitig wird die Vampirin immer schöner – die strähnigen Haare wandeln sich in eine Mähne und der Buckel verschwindet ganz. Samassa erweist sich als Hasenfuß. Anstatt es mit der Vampirin aufzunehmen, bringt er sich selbst aus der Schusslinie, indem er ihr seine Verlobte Clara als Futter zuschanzt. Doch damit stürzt er nur alle Beteiligten ins Unglück.

Über Leonhard Stein ist heute nichts mehr bekannt, doch seine Geschichte mutet typisch für die Zeit an, in der sie entstanden ist. Stein verlegt die Handlung in ein modernes Ambiente – ein Büro – und konfrontiert den Leser mit einer Menagerie entfremdeter Charaktere. Die Vampirin lebt offensichtlich nur für den nächtlichen Bluttrunk. Und Samassa selbst ist so entmenschlicht, dass er seine Verlobte in den Tod schickt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Allerdings verwendet Stein trotz dieses modernen Settings auch altbekannte Elemente: Rote Haare und grüne Augen weisen die Vampirin als Hexe und Femme Fatale aus. Je mehr Blut sie zu sich nimmt, desto mehr erblüht auch ihre Schönheit, während ihr Opfer immer mehr dahinsiecht. Auch das Motiv, dass sie im Moment des Todes so etwas wie inneren Frieden zu finden scheint, wird in vielen Erzählungen verwendet. Besonders interessant ist jedoch ihr einzelner Vampirzahn (überhaupt der einzige Zahn in ihrem Mund), der mit seinen eindeutig phallischen Konnotationen mehr als beunruhigend anmutet. Steins Erzählung bietet ein gutes Beispiel dafür, wie man sich den Vampir zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellen muss: Keine verwunschenen Schlösser, sondern profane Bürogebäude. Keine alten Münzen, die wie bei [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210 einfach so in der Ecke rumliegen, sondern die proletarische Vampirin, die für ihre Miete arbeiten muss. Und ein unfreiwilliger Vampirjäger, der kleinbürgerlich und überängstlich ist.

In „Der Untote“ geht es um das Brüderpaar Henry und James. James, der im Sterben liegt, teilt seinem Bruder mit, dass er noch einen Zwillingsbruder George habe, dem er das Anwesen vererben würde. Sollte George sechs Monate nach James’ Tod noch nicht eingetroffen sein, so würde das Erbe an Henry fallen. Sagte es … und starb. Henry ist verwirrt, hat er doch noch nie etwas von diesem George gehört. Dieser trifft aber tatsächlich etwas später ein, gibt bekannt, dass er im Turm zu leben wünsche und ward nicht mehr gesehen. Stattdessen werden in der Umgegend zunehmend Personen vermisst und später tot aufgefunden. Und dann findet Henry auch noch ein Buch, das davon berichtet, wie man Tote wieder zum Leben erwecken kann. Ist dieser geheimnisvolle George vielleicht hier, um James wiederzuerwecken?

„Der Untote“ erinnert in einigen Motiven stark an Byrons „Fragment“: Wie bei Byron wird dem Protagonisten ein Schwur abgerungen, der die Identität und damit das Überleben des Vampirs sichern soll. In beiden Geschichten wird der (zukünftige) Vampir von einer siechenden Krankheit befallen, die ihn scheinbar das Leben kostet. Byrons Fragment endet an dieser Stelle, doch für Amelia Reynolds Long ist dies nur die Ausgangsposition. Und tatsächlich wird die Umgebung nach Georges Ankunft von mysteriösen Toden heimgesucht. Doch braucht Henry eine Weile, bis er die Identität dieses lange verschollenen Bruders entschlüsseln kann. Und gerade darin liegt das Problem der Erzählung. Ein heutiger Leser durchschaut sofort die Lösung des Rätsels, lange bevor Henry auch nur in die Nähe der Antwort kommt. Die Geschichte kommt einfach nicht schnell genug voran, um mit der Kombinationsgabe des Lesers (oder Hörers) mitzuhalten und so sticht sich der Grusel selbst aus, indem er einfach zu leicht zu durchschauen ist.

Die beiden Geschichten auf dieser CD könnten kaum unoriginellere Titel haben. Es muss unzählige Erzählungen und Kurzgeschichten geben, die „Der Vampyr“ oder „Der Untote“ heißen. Und tatsächlich bleiben Stein und Long kaum im Gedächtnis des Hörers zurück. Einige Passagen wirken durchaus gelungen, besonders in Steins Geschichte. Doch vor allem Longs Erzählung wirkt auf den modernen Leser antiquiert und uninspiriert. Helmut Krauss, der unter anderem Marlon Brando und Samuel L. Jackson seine Stimme leiht, macht das Beste aus den Texten und klingt gewohnt maskulin.

Alle vier Hörbücher im Überblick:

[HR Giger’s Vampirric 1:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581
Thomas Ligotti „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ und
Horacio Quiroga „Das Federkissen“

HR Giger’s Vampirric 2:
Leonard Stein „Der Vampyr“ und
Amelia Reynolds Long „Der Untote“

[HR Giger’s Vampirric 3:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583
Karl Hans Strobl „Das Grabmahl auf dem Père Lachaise“

[HR Giger’s Vampirric 4:]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=584
Guy de Maupassant „Der Horla“

Lovecraft, H. P. – Ding auf der Schwelle, Das & Die Ratten im Gemäuer

Das Hörbuch kombiniert zwei bekannte und sehr wirkungsvolle Horror-Erzählungen: „Das Ding auf der Schwelle“ (1937) und „Die Ratten im Gemäuer“ (1924). Wie schon bei „Der Schatten über Innsmouth“ spricht Lars Riedel die Rolle des Erzählers. Seine Intonation wird dem Hörer unweigerlich kalte Schauder über den Rücken jagen.

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu „Innsmouth“ zu erfahren war, reicht Lovecrafts Grauen weit über die landläufige Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als Liebe spendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton („James Bond“ u. a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

_Die Erzählungen_

a) |Das Ding auf der Schwelle|

„Es ist wahr, dass ich meinem besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und dennoch hoffe ich mit dieser Aussage zu beweisen, dass nicht ich sein Mörder bin. Zunächst wird man mich einen Wahnsinnigen nennen – wahnsinniger noch als der Mann, den ich in seiner Zelle in der Heilanstalt von Arkham niedergeschossen habe.“

Also spricht Daniel Upton, der Berichterstatter des grausigen Unglücks, das seinem Jugendfreund Edward Pickman Derby zugestoßen ist. Dieser Dichter des Absonderlichen und Student des Okkulten weist, wie etwa auch Charles Dexter Ward, autobiografische Züge auf. Auch er wurde verhätschelt und in eine seltsame Familie geboren. Er trieb sich lieber mit den Bohemiens und Säufern von der verrufenen |Miskatonic Uni| in Arkham herum, statt einem ordentlichen Beruf nachzugehen.

Jedenfalls solange, bis er mit 38 die Frau seines Lebens (oder seines Todes?) traf und heiratete: Asenath White ist die Tochter des alten Hexenmeisters Ephraim White aus dem verrufenen Innsmouth, wo man um 1850 einen Pakt mit seltsamen Wesen aus dem Meer geschlossen hatte (vgl. dazu unbedingt [„Der Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 ). Daniel Upton erinnert sich an White als „wölfisch“ und „gestorben im Wahnsinn“. Asenath, gerade mal 23 Jahre alt, scheint dessen Kräfte geerbt zu haben. Insbesondere als Hypnotiseurin leistet sie Ungewöhnliches, nämlich den Austausch der Persönlichkeit des Hypnotisierten, so dass dieser sich selbst durch Asenaths Augen sehen kann.

In Ed Derby hat sie ihr ideales Opfer gefunden. Sie hypnotisiert ihn und bemächtigt sich zeitweilig seines Körpers. Das geht über Jahre hinweg, und beide verändern sich so stark, dass sich Upton wundert: Während sich Derby von einem schlaffen Lethargiker zu einem dynamischen, lebensfrohen Macher entwickelt, sieht Asenath von Jahr zu Jahr älter aus. Doch die Wirklichkeit ist weitaus grauenerregender. Denn es ist nicht Asenath, die ihren Körper bewohnt, sondern ihr Vater, der sie schon im Kindesalter übernommen hat. Und dieser bemächtigt sich wiederum des Körpers ihres Mannes, Ed Derby. Sein Ziel besteht darin, wieder zum Mann und unsterblich zu werden, damit er in Kooperation mit den Großen Alten, die im Untergrund des hintersten Berglandes hausen, weiterhin seine okkulte Herrschaft ausüben kann.

Doch diesen Persönlichkeitsverlust verkraftet das zeitweilig übernommene Opfer nicht lange. Nach einem schrecklichen Zusammenbruch vertraut sich Derby seinem Freund an. Aus Verzweiflung erschlägt er schließlich seine Frau. Doch dies ist nicht ihr Ende. Aus dem Keller heraus, in dem er sie verstaut hat, zwingt sie ihn, den Körper mit ihr zu tauschen. Nun gelingt es Derby gerade noch, als „das Ding auf der Türschwelle“ bei seinem Freund zu erscheinen und ihm einen warnenden Brief zu geben, mit einer dringenden Bitte: „Töte das Wesen, das in der Heilanstalt von Arkham als Edward Derby gilt.“

b) |Die Ratten im Gemäuer|

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham-Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De La Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert (genauer: 1610) nach Virginia auswandern musste. Dort nahm die Familie die Namensform Delapore an, denn Adlige waren in der neuen Demokratie nicht gern gesehen …

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter als das 13. Jahrhundert. Sie stammen, wie der letzte Spross herausfindet, sogar noch von den Römern des 2. Jahrhunderts. Wie an Inschriften abzulesen, wurden hier abscheuliche Riten für die „magna mater“, die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele, und für den dunklen Gott Atys abgehalten. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher, „druidischer“ Zeit, und wer weiß, was damals im Tempel alles geopfert wurde …

Nach einer Woche hört De la Poer bzw. sein treuer Kater „Nigger“ das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „Archeologen“, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe.

Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterirdische Stadt aus uralter Zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten. Angeführt werden sie von Nyarlathotep, einem der Großen Alten, der im bodenlosen Abgrund haust und nun auch auf de la Poer seinen Einfluss ausübt …

Wie „Schatten über Innsmouth“ ist „Ratten“ eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes unaussprechlich.

_Mein Eindruck_

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet („unity of effect“) sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – verbürgte oder meist gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys „Necroscope“ oder Hohlbeins [„Hexer von Salem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249 wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte (er schrieb Briefe wie andere Leute E-Mails), ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: Xenophobie nennt man dieses Phänomen. Darüber hinaus hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb. Degeneration ist das Hauptthema in „Grauen von Dunwich“ und „Schatten über Innsmouth“, aber auch in den beiden hier gesammelten Erzählungen.

Edward Derby ist der dekadente Sprössling, der sich dem verderblichen Einfluss schwarzer Magie zuwendet und so an Asenath White bzw. ihren Vater Ephraim, den unsterblichen Hexenmeister, gerät. Der Letzte der de la Poer stößt, wie der Protagonist in „Innsmouth“, unversehens auf die schrecklichen Wurzeln seiner eigenen Familie, allerdings natürlich nicht in der Neuen, sondern in der Alten Welt, in England. Immer wieder wird bei Lovecraft das Grauen importiert: von anderen Weltgegenden, aber wichtiger noch – aus der alten Zeit. Denn in grauer Vorzeit, so HPLs Privatmythos, herrschten die Großen Alten auf der Erde, bevor sie vertrieben wurden. Daher bleiben von ihnen nur Spuren ihres Einflusses. Und wer lange genug nach seinen eigenen Wurzeln sucht, wird auf diese Wurzeln stoßen. Das „kosmische Grauen“ verschlingt den unseligen Sucher.

Ähnlich passiert dies auch Edward Derby, aber auf ganz andere Weise. Denn die verhängnisvollen Wurzeln verbergen sich in seiner Gattin Asenath, die wiederum von ihrem Vater besessen ist. Dieser wiederum ist ein Diener der Großen Alten, denen er die Unsterblichkeit per Seelenübertragung durch Körpertausch verdankt. Für den armen Ed kommt jede Hilfe, die ihm sein entsetzter Freund, unser Reporter vor Ort, gewähren könnte, häufig zu spät. Mit zwei Ausnahmen: Als Ed aus den Bergen und Wäldern Maines taumelt, fährt Dan ihn nach Hause, wobei Ed ihm die (vermutete) Wahrheit erzählt – bis zu einem gewissen Punkt, an dem Asenaths Geist ihn wieder übernimmt, sozusagen per Fernsteuerung. Die andere Ausnahme ist natürlich der Gnadenschuss für Edward Derby, das heißt: für seinen Körper.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Beide Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, „Die Ratten im Gemäuer“ sogar noch eindeutiger, unkomplizierter als „Das Ding auf der Schwelle“. Am Höhepunkt steigert sich Riedels Stimme in solche Höhen, dass ich sie einem Mann nicht zugetraut hätte. Doch dieses Stilmittel ist – nur in diesem Augenblick – völlig angemessen. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szene lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. (Ich stelle mir dazu gerne einen schwarzweißen Stummfilm aus der Ära von Bela Lugosi und Boris Karloff vor.)

Die Musik von Andy Matern und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa „Necroscope“.

_Unterm Strich_

Ist „Das Ding auf der Schwelle“ auch vielschichtiger aufgebaut als die frühe Erzählung „Die Ratten im Gemäuer“, so bieten beide doch garantiert Grauen höchster Qualität und Wirkung, wie man es nur in den besten Erzählungen von Autoren wie Lovecraft finden kann. Ist „Das Ding …“ eine Art längerer Sinfonie, die sich in Phasen der An- und Entspannung dem Finale nähert, so besticht „Ratten“ durch die strenge Ausrichtung auf die sich stetig steigernde, absolut einheitliche Wirkung, ohne lange nach rechts oder links abzuschweifen. Die Wirkung auf mich war entsprechend größer: wie ein Schlag in die Magengrube (ich wollte gar nicht mehr hinhören!). Der Hörer sollte sie sich als krönenden Abschluss des Hörbuchs gönnen – denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Lutz Riedel erweist sich als optimaler Sprecher der unterschiedlichen Stimmungen in den beiden Erzählungen. Seine stimmliche Modulationsfähigkeit ist wirklich beeindruckend und verhilft den Geschichten zu optimaler Wirkung. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet, die Umrahmung angemessen düster. |LPL records| hat wieder einmal eine sehr gelungene Produktion vorgelegt, die sich jedem Lovecraft- und Horror-Freund bedenkenlos empfehlen lässt.

|Hinweis|

Ein umfangreiches zweites Booklet stellt die weiteren LPL-Produktionen vor, zu denen auch eine Reihe von Erzählungen gehört, die „Alien“-Schöpfer H.R. Giger unter dem Label [„Vampirric“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 zusammenstellte. Diese Erzählungen stammen von bekannten Autoren wie Guy de Maupassant („Der Horla“, ein echter Klassiker) und Thomas Ligotti, einem modernen Amerikaner, der stark von Poe und HPL beeinflusst ist („Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“). Das Design der Hörbücher ist, einem Giger angemessen, bizarr und düster.

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – HR Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts

HR Gigers Zusammenstellung von Vampirkurzgeschichten, die 2003 unter dem Titel „HR Giger’s Vampirric“ in Buchform bei Festa erschienen ist, ist nun auch in vier einzeln erhältlichen Hörbüchern bei LPL records auf den Markt gekommen. Eine Auswahl von insgesamt sechs Erzählungen (also eine Art „Best-of“ der Anthologie) soll beim Hörer für gepflegten Grusel sorgen – der Slogan des Verlags lautet schließlich nicht umsonst „Gänsehaut für die Ohren“. Zwei dieser Kurzgeschichten finden sich auf dieser ersten CD: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ (amerik. „The Lost Art of Twilight“, 1989) von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ (dem Band „Cuentos de Amour, de Locura y de Muerte“ von 1917 entnommen) von Horacio Quiroga. Eingeleitet werden beide Geschichten jeweils von einem kurzen Vorwort des „Meisters“ Giger selbst.

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Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

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Marklund, Liza – Rote Wolf, Der

Ein gesuchter schwedischer Terrorist kehrt nach 30 Jahren im französischen Exil, wo er für die baskische ETA tötete, in seine alte Heimat zurück, um hier zu sterben. Zur gleichen Zeit beginnt eine Reihe von mysteriösen Morden, die Liza Marklunds Serienheldin Annika Bengtzon, eine Reporterin, neugierig machen. Wenn sie sich mal nicht die Finger an dieser Story verbrennt.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. „Olympisches Feuer“ wurde laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)

Mehr Infos: http://www.lizamarklund.net.

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane:

„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
„Prime Time“,
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
„Studio 6“

gelesen, die alle als Buch und Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.

Winter liest die von Gabriele Gierz gekürzte Fassung. Regie führte Georg Gess.

_Handlung_

PROLOG. Ein alter Mann kehrt aus der Fremde zurück in seine schwedische Heimat, nach Luleå (ausgesprochen ‚lüvleå‘). Vorerst hat er keinen Namen, aber wir erfahren, dass er todkrank ist (Krebs?) und gegen die Schmerzen Morphium nehmen muss. In seinen Albträumen hat er dunkelrotes Blut an den Händen. Er erinnert sich an die glorreiche Zeit vor 30 Jahren, an seine früheren Kameraden in der „Bewegung“. Und unter ihnen an „Roter Wolf“. – Schon bald geschieht ein Mord in Luleå, dann, wenig später, ein zweiter …

HAUPTTEIL.

Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat ihrem Chefredakteur Anders Schümann erfolgreich eine neue Serie „verkauft“: Sie will unaufgeklärte Terroranschläge zum Thema machen. Die neue, faktenorientierte Ausrichtung des Blattes, für die Schümann verantwortlich zeichnet, erlaubt es ihr.

Als sie hoch im Norden in Luleå ankommt, ist ihr Kontaktmann tot: Benni Ekland wurde am selben Morgen von einem Auto überfahren, offenbar war es ein Unfall, glaubt die Polizei. Annika wollte mit dem Reporter von der Lokalzeitung ihre Aufzeichnungen kollegial austauschen. Nun erfährt sie überrascht, dass er seinen Artikel bereits am Freitag zuvor veröffentlicht hat, und auch noch mit Infos und Formulierungen, die von ihr stammen. Saubere Arbeit, denkt sie zynisch.

Sie waren beide am gleichen Thema dran: Vor 30 Jahren erfolgte in der Nacht zum 18. November 1969 ein Anschlag auf den Fliegerhorst Norrbottn. Ein Militärflugzeug vom Typ F-21 flog in die Luft, angeblich nachdem jemand einen Eimer Restbenzin angezündet hatte. Dabei kam ein Mann ums Leben, ein zweiter wurde verletzt. Wie unwahrscheinlich diese Ursache wirklich ist, erfährt Annika nicht vom Pressesprecher des Fliegerhorstes.

Und es waren wohl auch nicht die Russen, wie er behauptet, sondern eine linke maoistische Splittergruppe, wie ihr Kommissar Suub erzählt. Deren Kopf operierte wie alle Gruppenmitglieder unter einem Decknamen; seiner war „Ragnvald“: das isländische Wort für den „Beherrscher göttlicher Mächte“. Er ging später erst nach Uppsala, kam zurück und verließ nach dem F-21-Anschlag das Land, um sich der baskischen Separatistengruppe ETA anzuschließen. Ragnvald ist offenbar Bombenspezialist.

Der Kommissar erzählt ihr dies nur, weil ihm Annika berichtet, was sie von einem jungen Augenzeugen des „Unfalls“, der ihrem Kollegen Ekland zugestoßen war, erfahren hatte. Ekland wurde von einem Mann in einem schweren Volvo mehrfach überfahren und praktisch zermalmt. Es war kaltblütiger Mord. Am Tag nach der Zeitungsveröffentlichung dieser Erkenntnis wird dem Augenzeugen, dem Jungen Linus Gustafsson, die Kehle durchgeschnitten. Annika ist von schweren Schuldgefühlen geplagt. Ihre Klaustrophobie kommt unter seelischem Stress immer stärker zum Ausbruch, wobei sie imaginäre Stimmen hört, die sie trösten wollen.

Hat die neuerliche Mordserie etwas mit dem F-21-Anschlag vor dreißig Jahren zu tun und mit Eklands Artikel darüber? Wenn ja, dann schwebt auch Annika in Lebensgefahr, die sich nun auf die Spur des Terroristen Ragnvald und seiner Freundin „Roter Wolf“ gesetzt hat, obwohl es ihr der Chefredakteur ihres Blattes verboten hat. Er glaubt nicht an Terroristen in Nordschweden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Doch Annika hat Recht: Ein Mitglied von Ragnvalds Maoistengruppe nach dem anderen findet einen unnatürlichen Tod. In einem alten verstaubten Archiv stößt Annika auf ein brisantes Bild: Es zeigt Ragnvald neben einer jungen Frau, wie sie im November 1969 ihre Hochzeit proben. Die junge Frau ist Karina Björnlund, die gegenwärtige Kultusministerin …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Liza Marklund in Gestalt ihrer Serienheldin Annika Bengtzon ein heißes Eisen an: die früheren linken Splittergruppen der sechziger Jahren, deren Mitglieder dann entweder Normalos wurden oder in den terroristischen Untergrund gingen. Nach dreißig Jahren ist der Spuk aber nicht vorbei, sondern geht in Luleå von neuem los. Lange Zeit ist unklar, ob wirklich „Ragnvald“, mit bürgerlichem Namen Göran Nilsson, hinter der neuen Mordserie steckt – oder ob nicht ein Trittbrettfahrer sich die Rückkehr des alten Leitwolfs zunutze macht, um alte Rechnungen zu begleichen. Daher bleibt die Handlung auch bis zum Finale spannend.

|Zweites Finale|

Aber es gibt noch ein zweites Finale. Dieses schließt einen zweiten Handlungsstrang, der in meiner Inhaltsangabe nur angedeutet wird. Hier steht Chefredakteur Anders Schümann im Mittelpunkt. Sein Herausgeber und Verlagseigner Wennargren bietet ihm einen Karrieresprung an: Schümann könnte Vorsitzender des mächtigen Verlegerverbandes werden und in dieser Position die Medienpolitik der schwedischen Regierung im Sinne Wennargrens beeinflussen.

Und das ist auch dringend nötig, denn die Amerikaner drängen mit aller Macht auf den schwedischen Markt, indem sie digitales Fernsehen forcieren, das im gesamten Skandinavien zu empfängen wäre, würde es die Regierung, sprich: Björnlund, ohne Vorbehalte erlauben. Doch genau diese Vorbehalte spielt den beiden nun Annika Bengtzon in die Hand, ohne es zu ahnen: Die Tatsache, dass Björnlund eine Art „Terroristenbraut“ war, macht sie erpressbar. Schon bald stößt Annika in Björnlunds (öffentlich zugänglichen!) Briefwechsel auf seltsame Botschaften – nicht nur von einem „Gelben Drachen“ (= Ragnvald), sondern auch von Herrn Wennargren.

Im Finale dieses Handlungsstrangs hauen sich Schümann und Bengtzon gegenseitig die jeweiligen Verfehlungen um die Ohren. Schümann hat die Regierung manipuliert, doch Annika hat ihrerseits ihre journalistische Freiheit missbraucht, um die Geliebte ihres Mannes zu diffamieren und um den Job zu bringen.

|Drittes Finale|

Und so kommt es im dritten Handlungsstrang denn auch zu einem weiteren Finale. Das nimmt nicht die Form eines lautstarken Ehekrachs an, sondern vollzieht sich quasi heimlich, still und leise. Annika hat aus ihren Beziehungen gelernt. Sie hat zwei wunderbare Kinder, die sie liebt und die sie ihrerseits lieben. Doch Thomas ist frustriert über Annikas häufige dienstliche Abwesenheiten, gerade an Wochenenden. Daher kommt ihm ein weiches Weibchen, das ihn verwöhnt, gerade recht: Sofia Grenburi ist eine Kollegin, die er fast täglich in seinem Landtagsverband sieht.

Allerdings ist er so verschossen in sie, dass er auf der Straße unvorsichtig wird, wo ihn Annika eines Tages voll Entsetzen in den Armen einer anderen sieht. Der Schock sitzt tief, und sie weint sich bei ihrer besten Freundin Anne Snapfane (aus „Prime Time“) aus. Doch Anne geht es selbst nicht so gut, denn die Regierung unter Björnlund will ihren Sender |TV Scandinavia| praktisch dichtmachen. (Wir wissen, warum.) Annika kriegt auch diesmal die Kurve und packt den Stier bei den Hörnern. Drei Anrufe einer neugierigen Journalistin beim Landtagsverband genügen und Sofia Grenburri ist als rechtsextreme Steuerhinterzieherin und Betrügerin gebrandmarkt.

|Ergo|

Das wiederum bringt Annika zwar ihren Thomas zurück, spielt aber Schümann einen Trumpf gegen sie in die Hand (Sofias Vorgesetzte haben sich bei ihm über Annika beschwert). In dem beschriebenen zweiten Finale stellt Annika ihn vor eine schwere moralische Entscheidung: Entweder er geht den von Wennargren vorgezeichneten Weg die Karriereleiter hinauf und erpresst Björnlund weiterhin – oder er bringt Annikas Hintergrundartikel mit der Wahrheit über Björnlund, die Maoistengruppe und den wahren Mörder in Luleå. Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Natürlich gibt es noch ein viertes Finale, in dem sich Annikas Konfrontation mit dem Serienmörder von Luleå abspielt, doch es wäre wirklich fies, irgendetwas darüber zu verraten.

|Nobody like you|

Thomas erkennt aufgrund des Artikels im „Abendblatt“, mit welch einer einzigartigen Ehefrau er gesegnet ist: „Es gibt einfach niemanden, der so ist wie Annika.“ Na, das ist doch schön, wenn ein Ehemann das erkennt, nachdem er fremdgegangen ist! Doch wir wundern uns von Anfang an, ob es nicht vielmehr auch die Stimmen in Annikas Kopf sind, die sie so einzigartig machen. Mehrere Male ist Annika nahe dran, aufzugeben und sich wie zu einem Fötus zusammenzukauern, weil die Gewalt, die sie bedroht, so unüberwindbar und überwältigend erscheint. Dann melden sich die Stimmen, die sie trösten und verwirren: Sie singen von Sommerabenden und Blumen und wie schön es in ihrer Jugend war, als sie die Großmutter (die in „Paradies“ starb) besuchte.

Annika muss sich immer selbst zur Ordnung rufen, um dem Sirenengesang Einhalt zu gebieten und der äußeren Welt Widerstand zu leisten. Da Annika wahrlich einzigartig zu sein scheint, ist anzunehmen, dass eine Reihe von Frauen es nicht schafft, diesen Widerstand zu leisten. In „Studio 6“ erzählte Marklund von zwei Frauen im Sexgewerbe, denen dies nicht gelang.

Annika, keineswegs der Übermensch, hat aber auch Angst vor „dem Tunnel“. Es blieb mir im ganzen Hörbuch unklar, ob ein bestimmter Tunnel gemeint ist, denn ich kenne „Olympisches Feuer“ nicht. Oder ob mit „dem Tunnel“ beziehungsweise „dem Tunnelblick“ ein ähnliches Angst- und Stressverhalten wie bei den Stimmen gemeint ist. Der „Tunnelblick“ ist ein allgemein bekanntes Phänomen, das beispielsweise bei Wut und Übermüdung auftritt. Deshalb wäre es vielleicht nützlich, doch das Buch zu lesen.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt allerdings nicht. Glücklicherweise ist Schwedisch nicht so schwierig wie das Walisische. 😉

So etwas wie Musik ist zwar ebenfalls zu hören, aber es handelt sich lediglich um einen einzelnen, bedrohlich klingenden Basston, der Anfang und Ende einer CD begrenzt. „Musik“ würde ich das nicht nennen.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Marklund ein wirklich packendes Abenteuer ihrer Heldin Annika Bengtzon vor. Sie zeigt auf, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, sondern im Gegenteil einen langen Schatten wirft, der bis heute und in höchste Regierungskreise reicht. Welche Konsequenzen dies haben kann, zeigt die Medienpolitik auf, die Marklund von innen heraus kennt. Aber auch für Annika erweisen sich die Folgen der Rückkehr eines früheren Terroristen als verhängnisvoll – besonders dann, als sie trotz Pflicht- und Schuldgefühlen nicht aufhören will, den Spuren auf den Grund zu gehen.

Auch diesmal macht Judy Winter das Marklund-Hörbuch zu einem Hörereignis erster Güte. Dies macht sich am eindrücklichsten in jener klaustrophobischen Szene bemerkbar, als Annika mit den anderen Ex-Mitgliedern von Ragnvalds Gruppe in einem eiskalten, stockdunklen Häuschen aus Beton eingesperrt ist – und den anderen Anwesenden nacheinander die Sicherungen durchbrennen. Annika hat größte Mühe, nicht ebenfalls in Panik auszubrechen und aufzugeben. Denn das wäre ihr Ende im Kältetod. Diese Szene ist unvergesslich; das ist größtenteils Winters Verdienst.

|Umfang: 443 Minuten auf 6 CDs|

Kemelman, Harry – Am Dienstag sah der Rabbi rot

An einem bislang unbescholtenen College in Boston, Massachusetts, ereignet sich eine Bombenexplosion, der offenbar einer der Dozenten zum Opfer fällt. Doch Rabbi David Small hält weder die fünf aufrührerischen Studenten für die Täter noch sich selbst, wie der Staatsanwalt behauptet, sondern findet etliche Ungereimtheiten in der Beweiskette. Um den Täter zu überführen, muss er seine talmudische Gelehrsamkeit bemühen.

_Der Autor_

Harry Kemelman wurde 1908 in Boston geboren und studierte an der |Boston University| und in Harvard. Er arbeitete als Verkäufer und Lehrer, ehe er eine Professur am |State College| in Boston annahm. 1964 erschien der erste Fall für Rabbi David Small, „Am Freitag schlief der Rabbi lang“, der mit dem |Edgar Allan Poe Award| ausgezeichnet wurde. Seitdem veröffentlichte Kemelman noch zehn erfolgreiche Fälle für den Schriftgelehrten und scharfsinnigen Hobbydetektiv, bevor er 1996 88-jährig in Boston starb.

Alle Rabbi-Titel:

Am Freitag schlief der Rabbi lang
Am Samstag aß der Rabbi nichts
Am Sonntag blieb der Rabbi weg
Am Montag flog der Rabbi ab
Am Dienstag sah der Rabbi rot
Am Mittwoch wird der Rabbi nass
Der Rabbi schoss am Donnerstag
Eines Tages geht der Rabbi
Ein Kreuz für den Rabbi
Ein neuer Job für den Rabbi
Als der Rabbi die Stadt verließ

_Die Sprecher /Produktion_

Die Hörspielproduktion entstand 1987 beim WDR. Die literarische Vorlage wurde von Ingo Golembiewski bearbeitet, der den roten Faden herausarbeitete. Regie führte Joachim Sonderhoff. Die Musikuntermalung steuerte Matthias Thurow bei (Länge: 14:10 Minuten).

Der in den siebziger und achtziger Jahren bekannte und beliebte Schauspieler Gerd Baltus tritt als Rabbi David Small auf. Die „bestrickende“ Millicent Hanbury wird von Angela Eckert gesprochen, der Staatsanwalt Ames von Christian Rode. Hervorzuheben ist die distinguierte Stimme von Jürgen Thormann in der Rolle des Police Sergeamts. Thormann spielt auch in [„Die Vorleserin“]XXX ein wichtige Rolle als Magistrat.

_Handlung_

Rabbi Lambden braucht am Bostoner |Windermere College| eine Reisevertretung und bittet daher Rabbi David Small, in seiner Abwesenheit die Seminare für jüdisches Denken und Philosophie abzuhalten. David, der eigentlich an der Bostoner Synagoge arbeitet, willigt ein, nachdem sein sondierendes Gespräch mit Dekanin Millicent Hanbury positiv verlaufen ist. Nur Davids Fraum Miriam hat etwas Zweifel, ob das eine gute Idee ist, denn am Windermere College ereignete sich ein Jahr zuvor ein Bombenanschlag.

Wird schon nix passieren, beruhigt David sie und zieht schon bald in sein winziges Büro ein, das er sich mit dem antisemitisch eingestellten Englischdozenten Hendrix teilen muss. Gleich neben an ist Dekanin Hanburys Büro; beinahe kann man ihre Stricknadeln klappern hören, die sie leidenschaftlich benutzt. David lernt auch Präsident Macomber kennen, der in seinem Zimmer Golf spielt, und Professor Roger Fine, den er noch kennt, seit er ihn und seine Frau getraut hatte.

Schon nach wenigen Tagen kommt Unruhe in die Studentenschaft: Es hat sich herumgesprochen, dass Dekanin Hanbury den beliebten Prof. Fine dazu zwingen will zu kündigen, weil er angeblich einer Studentin bei der Prüfung zu besseren Noten verholfen hat. Die Studenten organisieren einen Sitzstreik, um zu protestieren, was Rabbi Small doch erheblich frustriert: In seinen Unterricht kommt kaum noch jemand.

Kurz nachdem am Freitag, den 13. November, eine Studentendelegation vergeblich bei Hanbury zugunsten Fines interveniert hat, explodiert eine Bombe in Hanburys Büro. Hanbury selbst hatte ihr Büro wütend verlassen. Merkwürdigerweise befindet sich das einzige Opfer im Zimmer nebenan: Prof. Hendrix liegt mit eingeschlagenem Schädel in seinem Blut. Offenbar hat die Erschütterung seine geliebte Homer-Büste zum verhängnisvollen Sturz auf seinen Gelehrtenschädel veranlasst. Seine Leiche bietet keinen schönen Anblick.

Und einen äußerst ungewöhnlichen obendrein, findet der ermittelnde Staatsanwalt Ames. Denn wie die Obduktion ergibt, starb der arme Prof. Hendrix spätestens um 14:40 Uhr, wohingegen sich die Explosion erst um 15:05 Uhr ereignete. Wer also brachte den Professor um? Und aus welchem Grund? Weil er ein Antisemit war? Am Ende fällt der Verdacht des Staatsanwalts sogar auf Rabbi David Small. Denn wie konnte der Mörder in Hendrix verschlossenes Büro gelangen? Nur der Rabbi, der sich mit Hendrix das Büro teilen musste, hatte noch einen Schlüssel, oder?

_Mein Eindruck_

Dass Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und dergleichen auch nicht vor den Mauern von Colleges und Universitäten Halt machen, wissen wir spätestens seit Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“. Doch Harry Kemelman schrieb seine Storys über den Rabbi David Small schon etwa 20 Jahre zuvor, und offensichtlich wusste er, wovon er redete. So viel also zur andauernden Aktualität von Kemelmans Erzählungen.

Aber Kemelman weiß auch einen gediegenen Kriminalfall zu konstruieren, ohne dass der Leser gleich durch irgendwelche Logiklöcher fällt. Das Geflecht der Beziehungen zwischen den Angestellten des Windermere College ist das erste, was er vor uns ausbreitet, denn nur daraus – und nicht etwa von außen – entwickelt sich das kriminelle Geschehen.

Die üblichen Ermittler tauchen auf: der Polizeisergeant, der Staatsanwalt. Beide kommen mit ihrem Latein nicht allzu weit, denn im zeitlichen Ablauf kann irgendetwas nicht stimmen, wie schon die Diskrepanz zwischen Hendrix‘ Todeszeitpunkt und der Bombenexplosion zeigt. Fieserweise hat der Täter aber auch falsche Spuren gelegt.

Doch Rabbi Small weiß Abhilfe. Obwohl es die Herren Ermittler zunächst zum Schmunzeln bewegt, verweist Rabbi auf den jüdischen Talmud. Diesen würden Rabbis in aller Welt, die ja nicht bloß Religionslehrer, sondern auch Rechtssprecher seien, dazu heranziehen, um Gerechtigkeit zu finden. Denn der Talmud biete eine Methode an, mit der man auf ebenso einfache wie stringente Art und Weise die Wahrheit herausfinden könne. Dazu müsse man allerdings erst einmal alle Fakten kennen und alle Möglichkeiten berücksichtigen. Und wie sich zeigt, sind die Beziehungen zwischen den Beteiligten des Falles dabei von besonderer Bedeutung. Interessant ist jedenfalls, dass der Junggeselle Hendrix von einem Kollegen als „sexbesessen“ bezeichnet wird …

|Die Sprecher /Produktion|

Gerd Baltus besticht durch seine Darstellung des Taldmudgelehrten David Small. Er ist zugleich verständnisvoll gegenüber der neuen Umgebung des Colleges, andererseits auch wieder enthusiastisch, wenn es um seinen Talmud geht, der ja von den Ermittlern nicht ernst genommen wird. Baltus vermittelt in diesem heiklen Umfeld den Rabbi als eine sehr sympathische Figur.

Die Ermittlungsgespräche von Sergeant Schroeder und Staatsanwalt Ames sind aber auch sauber herausgearbeitet. Schließlich geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Jedermann außer dem Rabbi scheint ein gutes Alibi zu haben, und Dekanin Hanbury sogar mehrere. Diese bleibt uns fast bis zuletzt als harmlose, aber in der Sache Roger Fine ziemlich autoritär auftretende Amtsinhaberin in Erinnerung.

Wie stets bei Krimis empfiehlt sich das mehrfache Anhören des Hörspiels. Aufgrund des umfangreichen Personals könnte der Überblick verloren gehen. Und beim zweiten Anhören werden schnell weitere Details und Zusammenhänge deutlich. Ein häufigeres Anhören würde aber wohl nur Langeweile erzeugen, denn dafür ist die Handlung einfach nicht komplex genug.

|Musik & Geräusche|

Die Geräusche haben ein erstaunlich hohes Niveau, das man sonst nur vom Fernsehen kennt. Nicht nur die Tonqualität in den unterschiedlichsten Umgebungen (Büro, Autofahren, Park, Treppenhaus) ist erstklassig, sondern auch Effekte wie etwa Hall (im Treppenhaus) oder Blätterrascheln (Park). Wer beim Hallen von mehreren Stimmen gleichzeitig nicht genau aufpasst, erhält einen schwammigen Sound, der einem Durcheinander nahe kommt. Das ist zum Glück nicht der Fall, vielmehr sind alle Stimmen in Stereoton sauber zu unterscheiden.

Die Musik ist ein Kapitel für sich und somit Geschmackssache. Sie wurde mit einem Synthesizer erzeugt, der noch über keine Samples verfügte, allenfalls Cembalo. Daher klingt die Musik künstlich. Sie hat zwei Funktionen: zu untermalen und Pausen in Szenenwechseln zu füllen. Während die Pausenfüller wie sehr knappe Werbejingles klingen, bildet die zweimal eingesetzte Szenenuntermalung einen dezent vernehmbaren Klangteppich, der sich nicht aufdrängt – schließlich soll der Dialog zu verstehen sein. Man kann sich also lediglich über die als Kontrapunkt eingesetzten Pausenfüller streiten, aber das ist wie gesagt Ansichtssache.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel klingt von der Tonqualität her und aufgrund der guten Dramaturgie wie ein Fernsehkrimi à la „Derrick“. Wenn man keine allzu hohen Ansprüche hinsichtlich der Komplexität einer 40 Minuten währenden Handlung stellt, so wird man mit einer spannenden Erzählung mit einem ungewöhnlichen Ermittler, einem Rabbi, belohnt. Erst dem Rabbi gelingt es, den Kreis der Verdächtigen in die richtige Richtung auszudehnen.

Die Sprecher erwecken die Handlung quasi zum Leben, doch die Abfolge der sauber abgetrennten Szenen erinnert ein wenig zu sehr ans biedere deutsche Fernsehen der siebziger und achtziger Jahre. Es gibt vermutlich Schlimmeres.

Was mich aber immer noch verwirrt, ist der rätselhafte Titel. Er passt überhaupt nicht zum Inhalt, denn die Haupthandlung mit der Bombenexplosion findet an einem Freitag, den 13., statt. Und natürlich sieht der Rabbi an keiner einzigen Stelle rot. Das würde auch den sympathischen Eindruck verderben, den er hinterlässt.

|Umfang: 52 Minuten auf 1 CD|

Jean, Raymond – Vorleserin, Die

Nur wenige kennen jenen verschmitzt-erotischen Film von Michel Deville aus dem Jahr 1988: „Die Vorleserin“. (Der Film wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet.) Aber er ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann. Denn Liebe und Lesen sind Verwandte: Beide stellen eine Reise dar, sagt Raymond Jean in seinem Werk, gleichgültig, ob es sich um Film, Buch oder – wie hier – um Hörspiel handelt.

_Der Autor_

Raymond Jean, geboren am 21. November 1925 in Marseille, ist ein französischer Schriftsteller, der zunächst vom Sozialrealismus und dem |Nouveau Roman| beeinflusst wurde. Außer „Die Vorleserin“ (1986), einer satirischen Sozialkomödie, verfasste er drei weitere Romane, darunter „Mademoiselle Bovary“ (1991), „Les Grilles“ (1963) und „La Vive“ (1968). Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor an der Universität der Provence. (Jedenfalls wurde sein Ableben noch nicht im Internet verzeichnet.) Erst durch den Erfolg des schönen Filmes von Michel Deville mit Miou-Miou in der Titelrolle wurde Raymond Jean mit seinem Werk bekannter.

_Die Sprecher_

Svenja Pages spricht Marie Constance, eine weitere bekannte Stimme ist Anne Moll. Ingesamt sind 14 Sprecher verzeichnet. |Radio Bremen| und |Saarländischer Rundfunk| produzierten das Hörspiel 1999 gemeinsam. Die Hörspielfassung stammt von Andreas Lammers, Regie führte Hans Helge Ott, und Rudolf Schmücker steuerte die Musik bei.

_Handlung_

Marie Constance, schon 34, hat ihr Studium abgebrochen, die Schauspielschule aufgegeben und lebt neben ihrem arbeitsbesessenen Mann Philippe in den Tag hinein. „Mach wenigstens etwas!“, drängt ihre beste Freundin Francoise. „Warum bietest du deine Dienste nicht einfach als Vorleserin an?“ Und das tut Marie Constance (MC) dann auch. Aber was soll sie vorlesen? Ihr alter „Meister“, das heißt ihr früherer Professor Roland, empfiehlt ihr Maupassant: „Die Hand“. Eine gruselige Erzählung.

Der Mann in der Anzeigenannahme der Zeitung rät ihr gleich, unzweideutig zu formulieren. Für was solle man sie denn halten? Also bietet sie nicht sich selbst, sondern lediglich ihre Vorlesedienste an. Die erste Kundin ist die Mutter des gelähmten Jungen Eric. Sie liest ihm „Die Hand“ vor, während ihr der Kleidsaum immer höher rutscht. Eric kommt mit einem schweren Asthmaanfall ins Krankenhaus, und MC fühlt sich schrecklich schuldig. Zum Glück strahlt Eric bald wieder. Der Kleidsaum darf künftig noch höher rutschen.

Kundin Nummer zwei ist die 82 Jahre alte Generalswitwe Dumesnil, kurz „Die Generalin“ genannt. Obwohl sie aus einer ungarischen Adelsfamilie stammt, ist sie glühende Verehrerin der Revolution und lässt MC prompt nur noch Karl Marx vorlesen. Welch grässliche Prosa, findet MC. Die Generalin schläft dabei regelmäßig ein.

Der dritte Kunde ist ein vielbeschäftigter Generaldirektor, der sich angeblich vorgenommen hat, etwas für seine Bildung zu tun. Nachdem er aber gestanden hat, seit einem halben Jahr von seiner Frau getrennt zu leben und sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen, ist für MC der Fall klar. „Retten Sie mich!“ ruft Michel Dautrand. Sie bietet ihm hilfreich ihren Mund dar. Der weitere Weg führt ins Schlafzimmer. Denn Lesen ist wie die Liebe: beides ist eine Reise.

Die vierte Kundin ist eine gluckenhafte Geschäftsfrau mit einer total unterdrückten achtjährigen Tochter Clorinde. Dieser liest MC natürlich „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll vor. Während sie mit ihr anschließend in den Park spazieren geht, ruft die Mutter die Polizei und meldet eine Kindesentführung samt Juwelenklau …

Bei der Generalin geht es hingegen lustiger zu. Kur vor dem 1. Mai, sozusagen dem Feiertag der Revolution, spielt sie „Die Internationale“ ab und schwenkt eine rote Fahne. Marie Constance wird aufs Polizeirevier zitiert, wo man sie schon als notorische Unruhestifterin kennt, wie Kommissar Belloit meint. Das Einzige, was ihm an MC gefällt, sind offenbar ihr Beine.

Am 1. Mai schließlich kommt es zur Krise: Die Generalin zwingt MC, in der ersten Reihe der Arbeiterkundgebung mitzumarschieren. Und o weh! Da kommt auch die kleine Clorinde, um sich der Demonstration anzuschließen. Ihre Mutter wird außer sich sein. Prompt wird MC wieder aufs Revier zitiert. Die Anklage lautet auf Aufrührerei. Belloit warnt sie.

Doch es kommt noch schlimmer, und MC muss einsehen, dass auch ihre Toleranz beim Vorlesen eine Grenze kennt. Bei de Sade, den man sie vorzulesen bittet, hört der Spaß eindeutig auf.

_Mein Eindruck_

Marie Constance scheint, oberflächlich betrachtet, in mehrere amouröse, skurrile bis aberwitzige Situationen zu geraten. Da ist der querschnittsgelähmte Eric, die vernachlässigte Clorinde, die einsame Klassenkämpferin, der unter Sexentzug leidende Generaldirektor. Ihnen allen bringt die Literatur Linderung ihrer Leiden. Aber ist es wirklich das Vorgelesene und nicht vielmehr die Vorleserin selbst, die ihnen etwas gibt? Was könnte das sein?

Denn es gibt auch die Gegenseite: der Kommissar Belloit, der MC zur Rebellin und Aufrührerin hochstilisiert, um sie zu warnen; der Medizin-Professor D’Arc, der an ihr Verantwortungsbewusstsein appelliert, um MC zu kontrollieren; schließlich die Geschäftsfrau, die sofort die Polizei ruft, wenn ihr Töchterlein an die frische Luft will. Die Krönung dieses Unterdrückungsapparates bildet das „Vorlese-Fest“, das drei ehrenwerte Männer für MC vorbereitet haben: ausgerechnet der Kommissar, der Arzt und ein Magistrat mit distinguierter Stimme (s. u.). Symbolisch für ihr Begehren steht der Marquis de Sade.

Diesen „Kontrollorganen“ steht Marie Constance gegenüber. Einfach indem sie ihre Dienste und ihre erotisierende Präsenz anbietet, setzt sie bei ihren älteren – und jüngeren – Kunden eine Befreiungsbewegung frei: Dem Generaldirektor gewährt sie entspannte Liebe, der Generalin einen Ausbruch von klassenübergreifender Solidarität, der 14-jährige Eric entdeckt die Wonnen der Erotik („Könnten Sie nächstes mal bitte ohne Höschen kommen, Madame?“) und die kleine Clorinde reißt sich von der Mutterhand los, um sich an MCs Seite in die Mai-Kundgebung einzureihen.

Dass so viel Erotik und Befreiung als aufrührerisch und befreiend angesehen wird, kann nicht ausbleiben. Die Kontrollorgane ergreifen die Initiative. Diese junge Dame hat bereits genug gesellschaftlichen Erfolg gehabt, nicht wahr? Belloit & Co. machen nun die Probe auf’s Exempel: Wenn MC sich ihren demütigenden Wünschen beugt, soll sie auch in die höchste Ebene der „ehrenwerten Gesellschaft“ aufgenommen werden dürfen – quasi als Stiefelleckerin. Denn darum geht es bei dem Zitat aus de Sades „120 Tage“ (und um noch viel Intimeres). Im Klartext: Die Aufrührerin wird ihrer Ehre und Selbstachtung beraubt, woraufhin man sie an die Kandare legt, wenn sie alles erfüllt, was man von ihr verlangt. Ob sich MC wohl darauf einlässt?

Wenn man Raymond Jeans Text von der gefälligen Verpackung befreit, enthüllt sich eine handfeste Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Die Hörspielbearbeitung durch Andreas Lammers beschneidet diese Aussage nicht, sondern arbeitet sie vielmehr heraus, ohne dabei die vorgetragene Literatur zu unterdrücken (das wäre ja noch schöner!).

_Die Sprecher, die Inszenierung_

Als Erstes hören wir Svenja Pages‘ angenehme (erotisierende?) Stimme, die ein Gedicht von Charles Baudelaire rezitiert, und zwar so, dass die Verse und Worte deutlich und einzeln zur Geltung kommen. Im ganzen Hörspiel wird nichts heruntergeleiert, im Gegenteil: Allen Sprechern hört man die Sprechausbildung aus der Schauspielausbildung an. Dies hat mehrere Effekte.

Der Intimität, die zwischen den beiden Freundinnen MC und Francoise durch raschen Wechsel und sogar Überlagerung hörbar wird, stehen die Szenen gegenüber, in denen MC quasi im „Außendienst“ ist. Der Kontrast zwischen den Gedanken, die MC äußert, und dem, was sie sagt und sich anhören muss, führt oft zu Ironie. Diese Ironie ist häufig sympathisch gegenüber den Profiteuren von MCs Vorlesediensten, allen voran Eric und der Generaldirektor, manchmal aber auch recht kritisch, so etwa gegenüber dem geilen Kommissar.

Manchmal tritt MC auf wie eine Agentin im Auftrag ihrer Majestät, der Literatur und Erotik. Sie verkleidet sich mit einem strengen Kostüm und einer Brille mit nicht-optischen Gläsern. Sie wappnet sich mit Rüstung und Lüge, doch sie passt nie ihre Stimme an. Darum können wir andererseits nachvollziehen, wie aus der Agentin eine verehrende Jüngerin der Venus wird, wenn sie mit dem Generaldirektor ins Bett geht. Schöner gehauchte Zitate hat man selten gehört. (Man stelle sie sich dann auch noch in Französisch vor!)

Die schönste Stimme aber hat meiner Meinung nach die „Generalin“, die einmal „die schönste Frau auf den Bällen der Militärattachées“ gewesen sein will. Ihre Stimme klingt rauchig, gereift wie alter Wein, und doch kraftvoll. In bizarr-ironischem Kontrast dazu steht ihre närrische Vorliebe für die knöchernen Sätze des deutschen Frühkommunisten Marx. Wenn er über Edelmetalle doziert, bekommt sie beinahe einen Anfall der Ekstase – davon wird sie zum Glück von der Demo draußen auf der Straße abgehalten. Man kann sich die Ungarin in ihrer Jugend gut als feuriges Frauenzimmer vorstellen.

Die einzige Stimme, die meiner Ansicht nach nicht passt, ist ausgerechnet die des jungen Eric, den MC so aufreizend mit Baudelaire und hochgerutschtem Rocksaum beglückt. Eigentlich sollte er mit 14 Jahren ja seinen Stimmbruch bereits hinter sich haben, doch sein Sprecher klingt leider, als hätte er diesen vokalen Einschnitt noch weit vor sich.

Der verschlagenste Profi-Sprecher ist gegen Schluss zu hören: Mit der distinguiertesten, gepflegtesten und offensichtlich ehrbarsten Stimme bittet Jürgen Thormanns Figur des Magistrats um das schlimmste Stück Literatur, das MC bis dato untergekommen ist. Natürlich kann dessen Inhalt dem Hörer nicht vorenthalten werden, da es ja als Beleg für die finsteren Absichten des Kunden dient. Jürgen Thormann ist der Beweis dafür, wie sehr eine ausgebildete Stimme den Eindruck von den wahren Absichten seiner Figur zu verschleiern vermag. Thormann ist ein echter Künstler. Leider enthüllt das mager ausgestattete Booklet nichts über seinen Namen; aber man kennt Thormann aus Fernseh- und Kinofilmen, in denen er britischen Adligen seine Stimme leiht.

|Musik|

Alle Episoden sind durch Pausenmusik abgetrennt. Dabei handelt es sich um sehr gefällige Caféhausmusik, Piano-Jazz mit brasilianischen Rhythmen und Hintergrundgesang. Da diese Rhythmen aber auch die angenehmen Szenen dezent begleiten, entsteht dabei eine heiter-beschwingte Stimmung, wie sie den Spätsommer-Episoden sehr angemessen ist. Bei ernsten Szenen hingegen fehlt die Musik, aus hoffentlich verständlichen Gründen.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel bietet eine sehr gefällige und heiter-beschwingte, leicht ironisierende Darbietung des Textes. Doch eine genauere Strukturanalyse ergibt, dass es sich bei „Die Vorleserin“ durchaus um ein handfestes Stück Kritik der bürgerlichen Gesellschaft handelt. Aber sowohl Leute, die sich unterhalten lassen wollen, als auch Hörer, die auf die tiefere inhaltliche Seite achten, kommen auf ihre Kosten. Die Episoden sind kurzweilig, überschaubar, skurril und aussagekräftig genug, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln. Und manche Stellen sind wirklich o lalá.

Das Hörspiel ist sehr professionell inszeniert, alle Sprecher bis auf eine Ausnahme klingen passend und professionell. Die Musik trägt die entspannt-verspeilte Grundstimmung voran: Es ist Sommer … Möge die ‚Vorleserin‘ auch den Weg in eure Stuben finden.

|Umfang: 58 Minuten auf 1 CD|

Mankell, Henning – Pyramide, Die

An der schwedischen Küste stürzt ein Sportflugzeug von Drogenkurieren ab. In dem ansonsten so idyllischen Städtchen Ystad, wo Kommissar Kurt Wallander tätig ist, explodiert wenig später das Haus zweier ehrbarer Schwestern. Und zu guter Letzt wird Wallanders Vater in Ägypten wegen Pyramidenbesteigung verhaftet. Unser Serienheld hatte es offenbar schon im Jahr 1989 nicht leicht in seinem Beruf.

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das |Teatro Avenida| in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem |Deutschen Krimi-Preis| und mit dem |Deutschen Bücherpreis|.

„Die Pyramide“ erschien 2002 in dem Erzählband „Wallanders erster Fall“. Auch die anderen Erzählungen aus dem Storyband „Wallanders erster Fall“ sind im Hörbuch zu bekommen.

_Die Sprecher_

Kurt Wallander (KW) wird diesmal gesprochen von Heinz Kloss, der schon beinahe jugendlich klingt: Im Jahr 1989 ist Wallander erst Anfang Vierzig. Schon schon in dieser Anfangsphase seiner Laufbahn als Kommissar hat Wallander einen engen Assistenten: Martinsson. Er wird gesprochen von Thomas B. Hoffmann. KWs namenlosen Vater spricht Peter Groeger, seine Tochter Linda (die später in die Fußstapfen des Vaters tritt) Katrein Frenzel.

Das Hörspiel erarbeitete Dramaturg Moritz Wulf Lange von der Produktionsgesellschaft |STIL|, die schon „Der Mann, der lächte“ hervorgebracht hat (mit durchwachsenem Ergebnis). Regie, Musik, Schnitt und Ton erfolgten in Personalunion von Simon Bertling und Christian Hagitte.

_Handlung_

Am Anfang werden wir erstaunt Ohrenzeugen eines Flugzeugabsturzes an der Küste von Südschweden. Es ist ein Rätsel: Was machten die Piloten des Sportflugzeugs in dieser Gegend, und warum stürzte ihre Maschine ab?

Es folgen einleitende Musik und Ansage.

Kurt Wallander erzählt in der Ich-Form von seiner kürzlich zurückliegenden Scheidung von Mona, die mit seiner Tochter Linda nach Malmö gezogen ist. Im Verlauf der Handlung taucht Linda allerdings mehrmals frustiert von Monas Kontrollfanatismus bei ihrem Vater auf. KW hat jetzt die Krankenschwester Emma Lundin zur Freundin.

An der Absturzstelle des Flugzeugs in Mossby erfährt KW, dass es sehr tief geflogen sein muss, denn es war nicht auf dem Radarschirm aufgetaucht. Wahrscheinlich war es ein Drogenkurier, der seine Fracht abwarf. Auf dem Revier verhört KW vergeblich einen aalglatten Drogenhändler namens Holm, der Südschweden mit Heroin versorgt. Sein Haus liegt in der Nähe der Absturzstelle. Dort wurden starke Scheinwerfer bemerkt, die nun aber verschwunden sind: die Abwurfstelle?

Etwas mehr Erfolg hat Wallanders Order, in dem explodierten Haus der Schwestern Eberhardsson notfalls bis in den Keller zu graben. Heureka! Die Experten finden nicht nur die zwei verkohlten Leichen der Schwestern, sondern auch einen versteckten Safe, in dem sage und schreibe fünf Millionen schwedische Kronen deponiert sind. Diese enorme Summe haben die beiden sicher nicht mit ihrem Strickwarenladen verdient. Jemand hatte etwas gegen ihren Reichtum: Sie wurden per Genickschuss hingerichtet. War es Holm? Er ist untergetaucht.

Unterdessen fliegt Wallanders alter Vater nach Ägypten, um die Pyramiden von Gizeh zu besuchen. Diesen Vorsatz nimmt er ein wenig zu wörtlich, denn die Polizei buchtet ihn wegen verbotenen Besteigens der Cheops-Pyramide ein. Sie verlangen per Telegramm 10.000 Kronen Buße von KW, sonst muss sein Vater zwei Jahre lang in ägyptischen Gefängnissen schmachten. KW fliegt hin und überzeugt den Alten, dass der es zwei Jahre lang ohne Malen nicht im Knast aushalten würde. Auch KW bewundert die nachts angestrahlten Weltwunder.

Und dieser Anblick bringt ihn auf die zündende Idee: Wer konnte denn die starken Scheinwerfer besorgen, um dem Drogenkurierflugzeug die Abwurfstelle zu markieren?

_Mein Eindruck_

„Die Pyramide“ ist ein ziemlich geradliniger Kriminalfall und wäre schon relativ früh vorhersehbar, wenn nicht Wallanders Ermittlungen mit Episoden aus seinem Privatleben variiert würden. Und auf dieser Seite seines Lebens hat er ja sozusagen die „Erleuchtung“, um in dem festgefahrenen Fall die richtige, die wichtigste Frage zu finden. Denn die Pyramide ist auch der schematische Aufbau des Falles. KW hat drei Ecken des Falls, aber ihm fehlt sozusagen die Spitze der Pyramide, der gemeinsame Nenner, um die richtige Lösung zu finden.

Wallander teilt uns auch seine Erkenntnis mit, dass sein Abmühen in dem Polizeijob ebenfalls einer Pyramide gleichkommt. Er und seine Kollegen mühen sich an zahlreichen kriminalistischen Fronten ab, doch die Spitze der Pyramide erreichen sie in den seltensten Fällen. So auch in diesem Fall. Wer waren die Geldgeber und Drahtzieher der Drogengeschäfte in Südschweden? KW wird es nie herausfinden, es sei denn, ihm kommt Kommissar Zufall zu Hilfe.

Denn am Ende der Geschichte gibt es einen erbitterten Schusswechsel, in dem der Kommissar ins Kreuzfeuer gerät, und später einen toten Hauptzeugen. Dumm gelaufen, Herr Wallander.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher klingen wie professionell ausgebildete Schauspieler. Yara Blümel beispielsweise war schon in dem Poe-Hörspiel „Die Maske des Roten Todes“ zu hören. Heinz Kloss spricht wie schon in „Der Mann, der lächelte“ unseren Lieblingskommissar. Allerdings klingt seine Stimme, wie gesagt, schon fast jugendlich. Sie hebt sich deutlich von der Stimme von Wallanders Mentor, dem alten Kommissar Rydberg (Peter Panhans), ab. Interessant fand ich den mit einem Akzent versehenen Ägypter Radwan, gesprochen von Marc Oliver Bögel.

|Geräusche & Musik|

Wie bereits angedeutet, gibt es zwei akustische Höhepunkte des Hörspiels: am Anfang und am Ende. Der Flugzeugabsturz klingt fast, als säße der Hörer selbst im Cockpit der Piloten. Keine Angst, hier stürzt keine Stuka mit lautem Geheul ab, sondern lediglich ein Sportflugzeug.

Das finale Feuergefecht schließlich findet auf Holms Bauernhof statt: Im Hintergrund bellt ständig ein Schäferhund, und Wallander stutzt, als das Bellen aufhört. Gerade noch rechtzeitig, denn schon in der nächsten Sekunde peitscht ein ziemlich realistisch klingender Schuss durch die hell erleuchtete Fensterscheibe, an der er eben noch stand. Man kommt sich vor wie im Wildesten Westen. Schade, dass diese CD keinen DD-5.1-Sound hat!

Die Musik von Bertling / Hagitte versteht es, auf wirkungsvolle Weise Spannung zu erzeugen und Bedrohung anzudeuten. Dies geht auch mit einfachen Mitteln, wie zu hören ist. Der Einsatz der Musik erfolgt niemals aufdringlich, sondern unterstützend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Der Mann, der lächtelte“ sind diesmal keine Fehler in der akustischen Umsetzung festzustellen. Deshalb konnte ich das Hörspiel unbeschwert genießen: die geradlinige Kriminalhandlung um Drogenhandel wird durch mehrere Ereignisse in Wallanders Privatleben – vor allem die Verhaftung seines übereifrigen Vaters – variiert.

Interessant, dass die Erleuchtung, die Wallander zur Aufklärung des Falls verhilft, gerade aus dieser Nebenhandlung abgeleitet ist. Aber so arbeitet eben unser Gehirn manchmal: Per Assoziation kommen in unseren Träumen die seltsamsten und verblüffendsten Verbindungen zustande.

Im Mankellschen Werk nimmt diese Erzählung sicher nur einen Platz auf den unteren Rängen ein, doch sie gewährt uns einen Einblick in die Anfänge des Meisterkommissars. Für Einsteiger liefert sie genaue Profile zur Hauptfigur, seinem Vater und seiner Tochter – allesamt Figuren, die im späteren Werk laufend auftauchen.

Der Dramaturg, die Produktionsgesellschaft STIL sowie die Regisseure haben zusammen mit den professionellen SprecherInnen saubere Arbeit abgeliefert, so dass ihnen eine maximale Wertung meinerseits nicht vorenthalten werden kann.

|Umfang: 72 Minuten auf 1 CD|