Archiv der Kategorie: Rezensionen

Weber, David – Honor Harrington: Auf verlorenem Posten

Jenseits der Mainstream-SF-Romane und -Space-Operas wie Star Trek und Star Wars etablierte sich schon recht früh das Genre der Military SciFi.

Der Name war und ist Programm, einem gewissen B-Movie-Charme kann man Military SciFi nicht absprechen: Eroberungslustige, schleimige, grüne Monstren bedrohen die Existenz der Menschheit, sofern diese sich nicht selbst untereinander bekämpft – in der Regel zumindest. Besonderes Augenmerk wird auf militärisch nachvollziehbare Taktiken und Ausrüstungen gelegt, dem Faktor „Technik“, insbesondere Waffentechnologie, bedeutend mehr Platz eingeräumt. Man wird nicht im Unklaren gelassen, warum ein Raumschiff so und nicht anders gebaut ist und warum es fliegt, die Ausrüstung eines Sternenkreuzers oder von Marines wird detailliert vorgestellt. Man beachte den Unterschied zu gängigen Space Operas wie Star Wars oder Star Trek, die nur in Sourcebooks die Funktionsweise und Bedeutung des gerne brechenden „Warpkerns“ z.B. ansprechen. Da Military SciFi kampflastiger ist, werden sowohl bei Raumschlachten als auch bei Bodengefechten der Strategie und Taktik bestimmenden Technologie zwangsläufig mehr Bedeutung und Erklärungsbedarf zugemessen. Blutiger ist demzufolge diese Art der SF auch – oft stehen die Sorgen und Nöte der Truppe im Mittelpunkt. Und um eine zentrale, starke Hauptperson kommt man in diesem Genre anscheinend auch nicht herum…

Bekannte Vertreter des Genres sind Robert A. Heinleins berühmt-berüchtigte „Starship Troopers“. Für David Webers „Auf verlorenem Posten“ stand jedoch ein Klassiker von C.S. Forrester Pate: Seine Seefahrer-Romane um „Horatio Hornblower“ boten nicht nur einen menschlich sehr interessanten Captain, sie vermittelten auch historische Kenntnisse über die Entwicklung Englands als Seemacht im Rahmen eines Unterhaltungsromans. An Stelle Englands tritt hier eben das Sternenreich Manticore, und der Ozean wird zum Weltall – und statt eines Horatio Hornblower erwählte Weber als Pendant seine Honor Harrington (eine Frau, wohlgemerkt). Der übliche Papagei oder Affe auf der Schulter wird hier ganz ungeniert durch eine Baumkatze namens Nimitz ersetzt, die Honors ständiger Begleiter ist (der nach Selleriestengeln verrückte Nimitz wurde unter Fans übrigens zum absoluten Kultobjekt).

Honor Harrington ist Captain der Royal Manticoran Navy, die im kalten Krieg mit der Volksrepublik Haven liegt. Manticore steht ganz in der Tradition des britischen Empire – besonders die Navy und der Adel der konstitutionellen Monarchie.

Der Roman beginnt mit einem für Honor freudigen Ereignis: Sie erhält ihr erstes eigenes Kommando über den Leichten Kreuzer „HMS Fearless“. Die Freude währt nur kurze Zeit: Ihr taktisches Geschick hat sich herumgesprochen, und Admiral Hemphill hat die Fearless des Großteils ihrer Bewaffnung beraubt – zugunsten einer experimentellen Gravolanze, von der man sich trotz gravierender Nachteile wie hoher Masse, geringer Feuergeschwindigkeit und minimaler Reichweite eine Wende im konventionellen Raumkampf verspricht: Gravolanzen können sogar die Seitenschilde von Großkampfschiffen durchbrechen.

Als dies Honor im Manöver gelingt, ist die Freude groß. Doch in allen folgenden Manövern wird die Fearless „bestraft“, sie wird jedesmal gezielt fertiggemacht. Der Überraschungscoup war eben ein einmaliger Erfolg. Doch Admiral Hemphill ist unzufrieden, Honors Crew ebenso, was in blankes Entsetzen umschlägt, als die Fearless inoffiziell ins Basilisk-System strafversetzt wird. Basilisk ist quasi das Karrieregrab der Flotte – die Crew gibt insgeheim Honor die Schuld, insbesondere ihr Erster Offizier McKeon.

Basilisk liegt an einem strategisch wichtigen Nebenterminus des Manticore-Wurmlochs, das für den Reichtum des Systems verantwortlich ist: Wurmlöcher erlauben noch viel schnellere Überlichtreisen als die besten Impeller-Antriebe. Deshalb verlaufen viele Handelsrouten durch Manticore, die Zollgebühren sind für den Reichtum des Reiches verantwortlich. Über einen Nebenterminus kann man direkt und sehr schnell zum Haupterminus im Manticoresystem gelangen.

Normalerweise wäre selbst ein abgelegenes System wie Basilisk aus diesen Gründen mit starken Raumforts gesichert, doch es existiert intelligentes Leben auf einem Planeten des Systems. Freiheitliche Parteien Manticores legten deshalb der Navy Restriktionen auf – keine Raumforts, keine Bodenbesiedelung, nur Handel mit altertümlichen Gegenständen, welche die einheimischen Intelligenzen selbst herstellen könnten. So wurde Basilisk nicht offiziell der Republik einverleibt, sondern zum Protektorat – welches von einigen anderen Sternenreichen, wie der Volksrepublik Haven, zudem nicht anerkannt wird.

So besteht die gesamte Flottenpräsenz im Basilisk-System aus dem Schweren Kreuzer „Warlock“, dessen Kommandant Young sich zudem auf der Flottenakademie mit Honor verfeindet hat – er verlässt unter dem Vorwand des „dringenden Wartungsbedarfs“ das System und lässt Honor alleine mit der Aufgabe zurück, ein ganzes System zu überwachen.

Haven ist eine vom eigenen Sozialsystem geplagte Republik, in der das Volk das Sagen hat: Jeder Havenit hat Anspruch auf eine – mittlerweile bei weitem nicht mehr nur – grundlegende Versorgung, die sich LHZ (Lebenshilfezuschuss) nennt. Diese ist mittlerweilse so großzügig, dass die Regierung ständig bankrott ist. Nur aufgrund der Annektion benachbarter Systeme durch die starke Flotte kann der Lebensstandard gehalten werden – Versuche der Regierung, den LHZ einzufrieren oder zu senken sorgen für sichere Abwahl oder einen „Unfall“ des betreffenden Regierungsmitglieds. Der Pöbel regiert Haven, und auch wenn die Führungsschicht Havens sich dessen bewusst ist – man ist hoffnungslos verschuldet, und selbst die Annektion weiterer Sonnensysteme würde kaum noch helfen – die einzigen leichten Ziele sind selbst wirtschaftlich uninteressant. Ein ganz anderes Kaliber stellt Manticore dar… Der Reichtum Manticores ist verlockend und stellt ein lohnendes Ziel dar. Geheimdienst und Flotte Havens bringen sich in Position, der Krieg hat insgeheim bereits begonnen.

Das Basilisk-System ist eines der vielen Sprungbretter Havens für die Invasion Manticores. Honor darf auslöffeln, was Young verbockt hat: Die zahllosen Handelsniederlassungen Havens sind wahre Schlangengruben voller Spione, der Schmuggel blüht und gar manche Frachter liegen schon verdächtig lange mit „Maschinenschaden“ oder ähnlichen Dingen im Orbit. Honor treibt ihre Crew bis an den Rand der Erschöpfung: Von Zolldiensten bis hin zur Aussetzung von behelfsmäßigen Bojen zur Raumüberwachung wird die Truppe gehörig unter Dampf gesetzt, was nicht gerade zur Steigerung von Honors Beliebtheit führt.

Das soll sich bald ändern: Die Crew beschlagnahmt einige Frachter voller wertvoller Konterbande, und ganz gemäß alter Seefahrertradition (oder eher Freibeuter?) hellen Erfolg und ein mehr als anständiges Prisengeld die Gemüter bald auf. Auch die auf Basilisk stationierte Kommissarin für planetare Angelegenheiten ist voll des Lobes für die neue Kommandantin.

Leider freut sich nicht jeder mit: Der mächtige Hauptmann-Konzern fühlt sich auf den Schlips getreten… Auch einige seiner Frachter wurden gefilzt. Desweiteren droht ein Konflikt auf Basilisk, Unbekannte stecken den Einheimischen Drogen und altmodische Schusswaffen zu. Honor und die Crew der Fearless müssen an mehreren Fronten kämpfen – nachdem zumindest die internen Rangeleien behoben und einige Geheimnisse aufgedeckt sind, kommt es noch einmal knüppeldick…

Mir hat der Roman gut gefallen, es ist dennoch nur ein Auftakt. Zu viele Details und Daten erschlagen den Leser teilweise. Neben dem kompletten Rangsystem der Navy von Manticore, der Vorstellung des größten potenziellen Feindes Haven und zahllosen Rückblenden auf Ereignisse in Honors früherem Leben leidet ein wenig der Roman selbst. Dass die Gravolanze noch ihren Nutzen haben wird, kann man sich fast denken, am Ende bleibt das gute Gefühl, dass Honor es sämtlichen Zweiflern und inkompetenten Vorgesetzten gezeigt hat. In der Tat ist es mit der Pro-Buch-Beförderung des Vorbilds Hornblower zu vergleichen, Honor ist da recht ähnlich schnell mit Titeln und Auszeichnungen überhäuft, wobei man fast sicher sein kann, dass jedes Schiff unter ihrem Kommando am Ende des Buches Schrottwert hat. Dieser Roman schränkt militärisches Blutvergießen und Grausamkeiten verglichen mit den anderen Romanen der Reihe stark ein, was auch daran liegen kann, dass grob die Hälfte des Buches erst einmal dazu dient, die Bühne für Honor vorzubereiten.

David Weber mag schriftstellerisch keinen so mitreißenden Stil wie ein Dan Brown oder Ken Follett haben, aber in Sachen Vorausplanung könnten sich beide von ihm einiges abschneiden: Etliche Personen und Ereignisse des ersten Bandes werden in Zukunft Honors Schicksal maßgeblich mit beeinflussen – dies wird nicht die letzte Begegnung mit Pavel Young sein, die Ersten Offiziere Tankersley und McKeon werden uns weiterhin begleiten und auch einige weitere Crewmitglieder. Wobei keiner die Unsterblichkeit gepachtet hat – in späteren Romanen starben so überraschend wichtige Hauptpersonen, dass ich mir immer überlegte, wie sie vielleicht doch noch davongekommen sein könnten. Eines der wichtigsten Ereignisse ist die Verurteilung Honors zum Tode durch Haven, was erst viele Romane später noch eine gewichtige Rolle spielen wird.

Auch wenn es heißt, die Romane wären in sich abgeschlossen, muss ich widersprechen – erstens entgehen dem Leser das interessante Geflecht aus Ereignissen und die Entwicklung Honors und anderer Personen im Laufe der Zeit, zweitens muss man schon einmal gelesen haben, wie Seitenschilde und Impellerbänder bzw. der betreffende Antrieb überhaupt funktionieren, um vieles verstehen zu können, wenn Honor Raketen verschießt wie Captain Hornblower anno dazumals Breitseiten.

So richtig ans Herz wachsen tut Honor einem auch erst in den Folgebänden – im ersten Band erlebt man fast nur ihre Stärken, nicht dass Honor sich für ein „großes, ungeschlachtes Pferd“ hält, was natürlich dann doch etwas übertrieben ist, sie ist eben eine eher herbe Schönheit. Erst dann kann man so richtig mitleiden und mitfiebern. Dazu reichte der Platz einfach nicht mehr in diesem Roman, der eine hervorragende Grundlage schafft, mehr aber leider auch nicht. Auch wenn der Roman an sich nur gehobenes Mittelmaß ist, ich kann die Serie wirklich empfehlen.

Vervollständigt wird das Buch von einer Liste aller Personen, einem ausführlichen Glossar und einer Erläuterung zur Umrechung der Zeitrechnung von Manticore in die irdische. Im Gegensatz zu den Folgebänden fehlt die sonst dem Roman vorangestellte Raumkarte der näheren Umgebung Manticores. Interessant ist, dass bei der deutschen Übersetzung einige Titelbilder ersetzt und andere vertauscht wurden. So ist das Titelbild des deutschen Bandes 1 das von Band 6 der US-Ausgabe.

Wer gerne dasselbe in einem historischen Rahmen erleben würde, dem seien analog C.S. Forester’s „Hornblower“-Romane empfohlen. In der „Honor Harrington“-Reihe sind bisher zwölf Romane erschienen, davon drei Anthologien mit Kurzgeschichten auch anderer Autoren, mindestens zwei weitere volle Romane werden noch übersetzt und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Übersetzung ist gut gelungen; was mir besonders gefiel ist, dass auf die Übersetzung absolut unübersetzbarer Titel verzichtet wurde – so sind fast alle Dienstgrade der Navy von Manticore im englischen Original geblieben. Der Übersetzer hat sich zudem die Mühe gemacht, an einigen Stellen Verweise und Erklärungen einzufügen – was genau eine astronomische Einheit ist, zum Beispiel.

Wer sich nicht an den etwas altmodisch-britischen Touch des Buches stört und etwas anspruchsvollere Military SF mag, wird die Serie lieben. Wem jedoch schon die Beschreibung einiger tödlicher Begegnungen in diesem Buch zuviel ist, der sollte lieber nicht weiterlesen – wie bei Hornblower fliegen bei Honor die (auch menschlichen) Fetzen.

Homepage des Autors:
http://www.davidweber.net/

Hier kann man die Bücher in Englisch probelesen:
http://www.baen.com/series_list.asp#HH

Deutsche Fanseite:
http://www.honor-harrington.de/

Tad Williams – Der brennende Mann (Osten Ard)

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und drei weiteren Romanen erzählt hat: dem Osten-Ard-Zyklus.

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei Klett-Cotta verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“.
„Der brennende Mann“ ist eine 105-Seiten-Novelle, die bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“ erschien.

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Alan Dean Foster – Herr der Plagen

Das geschieht:

Dass Leid und Streit nicht unbedingt menschlich sind, sondern von außen gesteuert werden, entdeckt zufällig Archäologie-Professor Coschocton „Cody“ Westcott: In Nordperu findet er in der Kollegin Kelli Alwydd nicht nur seine zukünftige Gattin, sondern in einer Zeremonienhöhle der Chachapaya-Indianer ein uraltes Schamanen-Rezept für einen Trank, der ihm buchstäblich die Augen öffnet.

Plötzlich erspäht Westcott überall „Okkupanten“ – ektoplasmatische Parasiten aus einer fremden Dimension, die unsichtbar die Menschen heimsuchen. Heimlich schüren sie Schmerz und negative Gefühle ihrer Wirte und nähren sich davon. Natürliche Substanzen – unbehandeltes Holz, Stein, Pflanzen – sind für die unheimlichen Räuber Hafen und Gefängnis zugleich: Erst muss das Opfer die Heimstatt des Okkupanten berühren, um befallen zu werden. Alan Dean Foster – Herr der Plagen weiterlesen

Pratchett, Terry – Maurice, der Kater

Der Rattenfänger von Hameln einmal ganz anders: Diese Show leitet ein intelligenter Kater namens Wunder-Maurice. Und die Ratten tanzen auf den Tischen: intelligente Ratten, philosophische Ratten, militärisch organisierte Ratten. Wehe Bad Blintz, dem auserkorenen letzten Auftrittsort!

_Der Autor_

Terry Pratchett und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei Dutzend Bücher erschienen.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

„Maurice“ ist jedoch bemerkenswert, weil dies der erste Scheibenwelt-Roman ist, der extra für Kinder ab sechs oder acht Jahren geschrieben wurde. Aufgrund des besonderen Wortwitzes – nicht nur hier, sondern in allen Pratchett-Büchern – ist es interessant zu sehen, was der Übersetzer daraus gemacht hat.

_Handlung_

Jeder kennt die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln. Aber hier wird endlich die Wahrheit verraten.

In Wahrheit ist es so, dass der schlaue Kater Maurice einen Jungen überredet hat, als Rattenfänger aufzutreten und eine Stadt, die von einer Rattenplage heimgesucht wird, gegen Geld davon zu befreien. Das hat bislang auch immer geklappt, denn für die Rattenplage sorgte Maurice selbst. Schließlich ist er ja nicht blöd.

Das Problem sind die Ratten. Bislang haben sie immer gespurt, denn sie wissen ja, dass sie Geld verdienen, das schließlich zu gleichen Teilen zwischen ihnen, Maurice und dem Flöterich Keith aufgeteilt werden wird. Damit wollen sie auswandern und eine utopische Kolonie in der Südsee gründen.

Das ist aber nicht das Problem, denn Maurice wäre immer noch schlauer als sie, schließlich weiß er ja, was sie wollen und kann sie kontrollieren. Das Problem besteht vielmehr darin, dass einige von ihnen INTELLIGENT geworden sind – seit jener Zeit, als die Abfälle der Zauberer-Universität, in denen sie seit Rattengedenken gelebt haben, toxisch-magisch geworden sind. Seitdem ist eine neue Generation schlauer Ratten herangewachsen, die nicht nur Maurice Kopfzerbrechen bereitet, sondern auch dem alten Anführer Gekochter Schinken (engl.: Hamnpork), der sich nun nicht mehr auf seine ERFAHRUNG verlassen kann, um den Führungsanspruch durchzusetzen.

Die neuen Ideen, die besonders der fast blinde, aber enorm philosophische Gefährliche Bohnen alias Dangerous Beans (die Namen stammen von den Etiketten der Lebensmittelpackungen) ausbrütet, führen nicht nur dazu, dass die Ratten Fallen entschärfen und sich neue, unrättische Gesetze ausdenken können, sondern auch Bilder verstehen und schreiben können. Auf diese Rattenschriftsprache brachte sie DAS BUCH:

Das BUCH heißt „Mr. Bunnsy has an Adventure / Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“, ein sehr einfaches Kindermärchen über ein Kaninchen, das entdeckt, dass die Welt ungerecht ist: Warum ist der Garten des Nachbars voll leckeren Salats, aber nicht Herrn Schlappohrs Magen? Die einzelnen Abschnitte des BUCHES sind den Kapiteln des Romans vorangestellt, mit einer winzigen Illustration. Was die Ratten so verblüfft hat: Es gibt in Herrn Schlappohrs Welt zwar viele Tiere, aber sie alle bringen einander nicht um, wie es normal wäre, sondern sprechen miteinander und helfen einander. Und sie sind angezogen. Dangerous Beans träumt von einer gerechten, rattengerechteren Welt, in der alle freundlich zueinander sind.

Maurice führt seine intelligenten Ratten zu einem letzten Coup. Im idyllischen Tal liegt mitten im idyllischen Überwald nichts ahnend das Städtchen Bad Blintz, seine Häuser sind schön – es gibt sogar ein „Rat-haus“, seine Felder sind groß… Klarer Fall: Die Stadt ist reif für die Invasion. Maurice verspricht seinen „Mitarbeitern“ reiche Beute.

Doch wider Erwarten erweist sich Bad Blintz als der reinste Alptraum. Noch nie war es so schwer zu überleben. Denn es gibt eine mächtige Konkurrenz. Die macht mit Eindringlingen kurzen Prozess. Und sie läuft nicht nur auf zwei Beinen…

_Mein Eindruck_

Dies ist kein Märchen, auch keine Zirkus-Show-Komödie, sondern etwas ganz anderes. Aber was?

Um seine verschiedenen Botschaften, die in der vielschichtigen Story versteckt sind, unters nichts ahnende Leservolk zu bringen, hat Pratchett mehrere Genres verknüpft und sogar eine Ebene darüber geschichtet. Was also zunächst wie ein recht komische Invasion von der tierische Art aussieht, entpuppt sich alsbald als eine spannende und mitunter witzige Kriegs- und Horrorgeschichte, die – darf ich es verraten? – gut ausgeht. Einerseits.

Andererseits demonstriert der zweite Erzählstrang, wie groß die Macht von Geschichten ist. Von Geschichten wie dem Märchenbuch „Herr Schlappohr hat ein Abenteuer“ und von Fantasyromanen. Maurice stößt in Bad Blintz nämlich bei seiner Erkundung der Lage auf die frühreife Tochter des Bürgermeisters. Die etwa Zwölfjährige trägt den unheilvollen Namen Malicia (von englisch ‚malicious‘: „boshaft“). Das heißt, eigentlich hat sie ihn sich nur zugelegt, weil ihre Großtanten die grimmigen Schwestern Grimm waren und entsprechend grimmige Namen trugen. Denen will sie nacheifern. Sie ist nicht die Intelligenteste. Aber meistens harmlos.

Als sei dies nicht genug, glaubt Malicia an die Fantasyromane, die sie zeit ihres kurzen Lebens gelesen hat, die aber leider nicht das geringste mit dem echten Leben zu tun haben. Maurice hat seine liebe Not, ihr diesen feinen, aber entscheidenden Unterschied beizubringen. Wenigstens hat Malicia in ihre Handtasche alles hineingepackt, was sich in irgendeiner Weise als nützlich erweisen könnte. Sie und Maurice werden es brauchen.

Denn es gibt in der Unterwelt von Bad Blintz ein Monster, das sich anhand seiner eigenen Geschichte von der künftigen Herrschaft ein Reich geschaffen hat, das schon bald die Stadt zu übernehmen droht. Und die Stadt liegt darnieder: Die Bevölkerung hungert, Lebensmittel sind rationiert. Aber warum nur, fragt Maurice Malicia. Weil die professionellen Rattenfänger allen erzählt haben, die Ratten hätten die Lebensmittel weggefressen. Schon wieder eine Geschichte! Ob die wohl wahr ist? Wir dürfen es bezweifeln.

Die schwerstwiegenden Folgen hat ausgerechnet das Märchenbuch auf die intelligenten Ratten, wie bereits erwähnt. Besonders den blinden Philosophen und seine wehrhafte Assistentin hat die Vision einer friedlichen Tiervölkergemeinschaft, sozusagen die Vereinten Nationen der Tiere, tief beeindruckt. Sie haben Schreiben gelernt und Regeln erlassen: das Gegenstück zu den Zehn Geboten und den Menschenrechten. (Mehr Geschichten!) Diese Regeln gelten vor allem für den CLAN, die Gemeinschaft der intelligenten und „human“ gesinnten Ratten. Der Versuch, die neuen Regeln zu befolgen, führt zu wahnwitzigen Diskussionen, so etwa jene, ob eine Ratte eine unsichtbare Seele haben könne. Eines aber sei sicher: Es gibt einen Rattentod! (Pratchettkenner wissen, wer oder was damit gemeint ist.)

Pratchett geht nun ohne Erbarmen für seine Figuren vor und konfrontiert sie mit der bitteren Wahrheit und Wirklichkeit, die im Untergrund von Bad Blintz auf sie lauert. Utopien zerbrechen, Geschichten werden als Lügen entlarvt, Tyrannen stürzen, Helden krepieren, der für dumm gehaltene Flöterich entpuppt sich als Genie der Diplomatie – man kommt sich vor wie im Zweiten Weltkrieg und wundert sich, dass diese Geschichte überhaupt gut ausgeht. Und doch klappt es. Aber das darf ich auf keinen Fall verraten, denn dieses Wunder muss man selbst erfahren.

Und Maurice? Maurice muss sehr, sehr demütig werden, will er nicht die Freundschaft seiner Ratten verlieren. Er muss ihnen seine eigene Geschichte erzählen, die sein größtes – und zugleich peinlichstes – Geheimnis ist: die Geschichte, wie er selbst INTELLIGENT wurde….

_Unterm Strich_

Jede Wette, dass dieses wundervolle Buch für fast alle Leser vordergründig eine spannende Actionkomödie sein wird. Das ist auch keinesfalls ein Irrtum oder gar Fehler. Aber es ist eben nur die Hälfte der Wahrheit.

Denn „Maurice“ ist auch eine Kritik an der Macht der Geschichten. Nicht nur jener erfundenen Storys, die wir in Fantasyromanen, Märchenbüchern und Kinofilmen von Kindesbeinen an vorgesetzt bekommen und verschlingen – insbesondere Kids, die es nicht besser wissen. Sondern es geht auch um jene Geschichten, die man uns in den Medien präsentiert. Wie war das noch mit „Saddams Massenvernichtungswaffen“? Während die eine Hälfte der Welt diese Geschichte der Regierung Bush nicht abkaufte, stieg die andere Hälfte voll drauf ein – Blair & Konsorten.

Nun stellt sich heraus, dass diese Saddam-Geschichte von Anfang bis Ende erlogen war, dass sogar die UNO getäuscht wurde. Und dass die Anhänger Bushs leider Gottes den Preis bezahlen: Bombenanschläge in Istanbul, v.a. auf Briten; Bombenanschläge in Madrid. Ground Zero ist inzwischen überall. Ob uns Geschichten davor bewahren können? Oder doch besser die Wahrheit? Doch die auch die Wahrheit hat einen Preis…

Dies ist nur eine der zahllosen Fragen, die Pratchett mit „Maurice“ anschneidet. Ich habe oben weitere Themen angedeutet, so etwa das Schicksal von Utopien. Je älter und gereifter Pratchett wird, desto tiefschürfender und ernsthafter sind seine Themen – so etwa in „Zeitdieb“, „Die volle Wahrheit“ und „Monstrous Regiment“, welches noch nicht übersetzt wurde. Das Wunder an „Amazing Maurice and his educated rodents“ ist, dass er uns dabei vordergründig bestens zu unterhalten weiß. Selbst Zehnjährige dürften dieses Buch verstehen. Sie werden es lieben.

Der Übersetzer hat die Vorlage kompetent ins Deutsche übertragen, aber bekanntlich erlaubt sich Pratchett den einen oder anderen sprachlichen Spaß. So ist der Witz an dem deutschen Wort „Rathaus“ für Engländer ja der, dass es fast wie „rat house“ ausgesprochen wird. Doch wie will man das angemessen zurück ins Deutsche bringen? Das ist nur ein kleines Beispiel, welche Schwierigkeiten beim Übersetzen von Pratchett zu bewältigen sind. Wer kann, sollte in jedem Fall das Original vorziehen.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit

Vor 13000 Jahren wurde Nordamerika von Gletschereis geprägt und von Elefanten mit und ohne Fell, walrosszahnigen Raubkatzen, turmhohen Faultiere und bärengroßen Bibern bewohnt. „Wildes Amerika“ stellt die eiszeitliche Landschaft, die Pflanzen und vor allem die Tiere vor. Letztere präsentieren sich uns nicht nur als bleiche Knochen, sondern werden digital ins ‚Leben‘” zurückgerufen … – Begleitbuch zur BBC-Serie gleichen Namens; wissenschaftlich präzise aber inhaltlich simpel gestrickt. Das Interesse gilt eindeutig den à la „Jurassic Park“ nachgebauten Kreaturen, die qualitativ nicht mit den BBC-Sauriern der Serie „Im Reich der Giganten“ mithalten können: informativ aber nicht mitreißend.
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Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz

Dorothy aus Kansas reist ins Zauberland Oz, wo sie mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem feigen Löwen über eine gelbe Ziegelsteinstraße zieht .. – Opulente, vielfarbige Neuausgabe des US-amerikanischen Volksmärchens, eingeleitet von einer 100-seitigen, von vielen Fotografien und Zeichnungen begleiteten Biografie seines Schöpfers L. Frank Baum: ein Meisterwerk auch der Buchdruckkunst, in dem man sich viele schöne Lesestunden verlieren kann.
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Barry Gould / Amelie Fichte – 11 leichte Lektionen in schwarzem Humor

Warnung: Die Art von Humor, die ihr in dieser Buchvorstellung antreffen werdet, kann eure zarten Nerven nachhaltig schädigen. Ich lehne jede Verantwortung ab und gebe keine Garantie über die Korrektheit dieser Informationen. (Nach Diktat unbekannt verreist. Das Sekretariat.)

Die Autoren

Barry Gould, 1964 in San Francisco als Kind von Hippies geboren, lebt heute in Deutschland. Er ist professioneller Comedian und tritt seit 14 Jahren mit seinen Comedyshows auf. Dies ist sein erstes Buch. Amelie Fichte, geboren 1973 irgendwo in Deutschland, studierte irgendwo Literatur und wurde schließlich Lektorin bei irgendeinem Verlag. Gould ist ihr erster Co-Autor. Mehr verrät der Verlag Ehrenwirth leider nicht über die beiden Autoren.

Das Titelbild

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Paxson, Diana L. – Herrin vom See, Die (Artor 1)

Diane L. Paxson, die viel mit Marion Zimmer-Bradley zusammengearbeitet hat, hat auch eine eigene Version der Artussage veröffentlicht.

Der erste Band „Die Herrin vom See“ beginnt weit vor Artus‘ Zeit, als die Sachsen gerade beginnen, Britannien zu erobern. Er erzählt davon, wie zwei Frauen zwei besondere Kinder zur Welt bringen. Die eine gebiert ein Mädchen, dem sie den Namen Igraine gibt. Ihr ist es bestimmt, einst Herrin vom See zu werden wie ihre Mutter, nachdem sie den König geboren hat, der Britannien einen und befrieden soll. Das andere Kind ist ein Junge, unter geheimnisvollen Umständen gezeugt und mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabt. Getauft wurde es Ambros, doch berühmt wurde es unter dem Namen Merlin. Er erzählt von Vitalinus und Uther, in deren Diensten Merlin als Seher stand, von ihren vergeblichen Versuchen, Britannien gegen die Sachsen zu verteidigen, und von Merlins Beziehung zu Artus, der in Unkenntnis seiner Herkunft bei Zieheltern aufwächst, bis er auf einer Versammlung, die nach Uthers Tod den neuen Hochkönig wählen soll, aus Versehen das Schwert aus dem Stein zieht.

Der zweite Band „Die Herrin der Raben“ fängt etwas früher an, als der erste Band endet. Oesc, ein junger Sachse, dessen Vater und Großvater bereits gegen Vitalinus und Uther kämpften, kommt mit seinem Vater und der Sippe seiner Mutter nach Britannien, weil seine Heimat vom Meer überflutet wird. In seiner ersten Schlacht gerät er in Artus‘ Gefangenschaft und wird von ihm als Geisel behalten. Der frischgebackene Hochkönig und der junge Sachse freunden sich an. Dann stirbt Hengest, Oescs Großvater. Sein Vater ist in einer Schlacht gegen Uther gefallen. Artus schickt Oesc zu seinem Volk zurück, damit er Hengests Thron besteigt, und er kommt sogar zu seiner Hochzeit. Doch einer seiner britischen Fürsten ist unzufrieden damit, wie Artus mit den Sachsen umgeht. Er raubt Oescs junge Frau und seinen kleinen Sohn und entführt sie. Das hat einen blutigen Aufstand zur Folge.

Der dritte Band „Die Herrin von Camelot“ beginnt nach diesem Aufstand. Nachdem die Sachsen nun großteils befriedet sind, denkt Artus daran, eine Königin zu küren. Seine Mutter, die Herrin vom See, weiß, welches Mädchen ihm bestimmt ist, und so heiratet Artur Gwendivar. Aber seine Schwester Morgause, die seit ihrer Kindheit eifersüchtig auf ihren Bruder ist, hat an einem der hohen Feste der Kelten in einer rituellen Vereinigung einen Sohn von ihm empfangen und zur Welt gebracht. Mit vollem Bedacht offenbart sie ihrem Bruder dies unmittelbar vor der Hochzeitsnacht. Artus ist so entsetzt, dass er sich nicht in der Lage sieht, seine Frau anzurühren. Aber nicht nur, dass Morgause vorhat, ihren Sohn zu einer Waffe gegen Artus zu machen, sie will außerdem erreichen, dass ihre Mutter sie endlich in ihr Erbe einweiht, die Geheimnisse der Herrin vom See. Sie will oberste Priesterin und Hochkönigin sein!

Der letzte Band „Die Herrin der Insel“ erzählt, wie Modred an Artus‘ Hof kommt, wie Artus, einem alten Eid Folge leistend, nach Gallien aufbricht und dort jahrelang gegen die Franken kämpft, bis ihm in Britannien fast seine Herrschaft abhanden kommt, und von dem endgültigen Kampf, der nach seiner Rückkehr in Großbritannien entbrennt.

Die Artussage ist unzählige Male nacherzählt worden, in allen möglichen Variationen von 0815-Fantasy bis zu fast historisch anmutenden Romanen. Der berühmteste dürfte „Die Nebel von Avalon“ sein, an dem die Autorin selbst mitgearbeitet hat. Diese Reihe unterscheidet sich grundlegend von allen anderen. Die meisten Erzählungen lassen entweder den historischen Hintergrund völlig außer Acht, oder sie erzählen die Geschichte in Anlehnung an die berühmten Dichtungen von Geoffrey of Monmouth und Chrétien de Troyes. Diese wurden gegenüber den historischen Berichten, die es zu diesem Thema gibt, jedoch um einiges erweitert, unter anderem um den Begriff der Tafelrunde und die Gralssage, sowie einige Personen, zu denen unter anderen auch Ritter Lancelot gehört. Das in diesen Dichtungen beschriebene Umfeld von Turnieren und Minne, verewigt in den Geschichten von Gwendivar und Lancelot sowie Tristan und Isolde, entspricht somit eher der hochmittelalterlichen Zeit der Verfasser als der, in der die Geschichte tatsächlich spielt, nämlich zur Zeit der Völkerwanderung. Diana Paxson hingegen hat sich in ihrer Version die Artussage von den durch die Dichtung schon fast zur Symbolik überhöhten Idealen losgelöst, sie sozusagen auf ihre Ursprünge reduziert. Ihr Camelot ist keine großartige Burg, sondern eine eisenzeitliche Festung, eine mit Mauern umgebene und durch Palisaden geschützte Ansammlung von mit Riet gedeckten Rundhütten, deren größte die Versammlungshalle ist. Das einzige „Turnier“, von dem sie berichtet, ist lediglich eine Reihe von Zweikämpfen zu Fuß, die sozusagen als Entspannungsübung zwischen die Sitzungen einer Ratsversammlung geschoben wurden, und in einem alten römischen Amphitheater stattfinden. Die hochmittelalterliche Minne ist in der stillen Verehrung Gwendivars durch Bediver, Artus‘ besten Freund, lediglich vage angedeutet. Dementsprechend ist hier nicht das Schicksal schuld an Artus‘ Ende, auch nicht Gwendivars Ehebruch mit Lancelot oder die Auflösung der Tafelrunde durch die Suche nach dem Gral, sondern schlicht und ergreifend eine Revolution, angezettelt von einem ehrgeizigen Mann, der Artus‘ Thron und Frau will.

Das Hauptaugenmerk ruht dadurch auf dem Ablauf des Geschehens an sich, was nicht heißen soll, dass es eine pure Auflistung von verschiedenen Schlachten ist. Der Erzählverlauf ist vielmehr großteils von derjenigen Person abhängig, aus deren Sicht erzählt wird. Im ersten Band wird hauptsächlich aus Merlins Sicht und später gelegentlich auch aus der Igraines erzählt, und so umfasst er außer dem eigentlichen Erzählstrang, wie es zu Artus‘ Geburt und Königtum kam, auch einiges über den geheimnisvollen Zauberer Merlin und das Schwert Excalibur. Der zweite Band zeigt durch seinen Helden Oesc die Sachsenkriege hauptsächlich aus der Sicht der Sachsen und beleuchtet gleichzeitig die Anfangszeit von Artus‘ Regierung und die Entstehung der engen Freundesclique um ihn, die aus seinem Halbbruder Gai, Oesc, dem Bretonen Bediver und dem Iren Cunorix sowie Morgauses älteren Söhnen besteht. Im dritten Band stehen Gwendivar und Morgause im Vordergrund. Hier teilt sich die Erzählsicht zum ersten Mal spürbar in zwei Stränge: den um die unerfüllte Ehe von Gwendivar und ihrem Bemühen, ihren Platz als Königin vor allem vor sich selbst zu finden, und den von Morgause, die sich in ihrer Machtgier an die Pikten wendet, um deren Magie zu erlernen, und gegen Artus intrigiert. Diese Splittung setzt sich im letzten Band noch fort, der zwar großteils aus der Sicht von Modred und Gwendivar erzählt ist, aber oft auch Absätze von Merlin, Morgause und Artus aufweist. Durch die starke Gewichtung der eigentlichen Ereignisse tritt aber nicht nur die tragisch-romantische Sicht in den Hintergrund, es wird auch der Einfluss der jahrhundertelangen Fremdherrschaft durch die Römer deutlicher spürbar. Alles in allem ist es der Autorin so gelungen, eine sehr hohe Authentizität zu erreichen. Das einzige Zugeständnis, das sie an die mittelalterlichen Dichter gemacht hat, war die Erwähnung des Gralsmysteriums, aber natürlich vor dem Hintergrund einer keltischen Deutung, keiner christlichen.

Auch sprachlich ist die Reihe ungewöhnlich. Während die Autorin Stimmungen durchaus manchmal spielerischer umschreibt, zeichnet sich ihr Stil ansonsten eher durch Sachlichkeit aus. Sie schreibt knapp und präzise, fast schon spartanisch. Alle Situationen und Handlungen ihrer Charaktere, auch ihre Gedanken und Gefühle, sind auf das absolut Notwendige reduziert, um Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Das macht die Lektüre etwas trocken. Stellenweise hatte ich beim Lesen echte Durchhänger, weil mich der Text nicht wirklich gefangen nehmen konnte, geschweige denn mitreißen. Der Anfang war interessant, weil er mir neu war, im Übrigen unterlag die Erzählung manchmal dem Paradoxon, zu lang zu sein, obwohl beziehungsweise weil sie so straff und knapp erzählt war. Den Figuren fehlten Leben und Farbe. Da Diana Paxson an „Die Nebel von Avalon“ mitgeschrieben hat, nehme ich mir diesmal die Freiheit, einen wirklichen Vergleich zu ziehen, den ich mir von ihr selbst leihe: Die Reihe der Herrinen wirkt neben den Nebeln wie die erdigen Farben eines piktischen Kilts neben den leuchtenden Farben einer britischen Dalmatika. Oder, um es mit eigenen Worten auszudrücken: Die Reihe der Herrinnen ist ein etwas blasses Bild in einem sehr gelungenen Rahmen, während die Nebel ein Bild in so lebhaften Farben darstellen, dass sie ohne Rahmen auskommen. Sollte ich jetzt allerdings sagen, welches von beiden mir besser gefällt, hätte ich ein Problem. Sie sind beide auf ihre Art sehr gelungen. Paxsons Version fehlt die zwanghafte Unvermeidlichkeit, die Bradleys Version anhaftet, deren Vielschichtigkeit und Intensität. Dafür ist sie bodenständiger, ursprünglicher und umfassender, nicht zuletzt durch das ausführliche Glossar im ersten und dritten Band. „Die Nebel von Avalon“ ist ein Epos, die Reihe der Herrinen ist etwas, wofür es eigentlich keinen eigenen Namen gibt… So etwas, wie eine Dokumentation in Romanform, eine Mischung aus informativem Sachtext und Erzählung. Ich würde sagen, sie ergänzen sich. Und es schadet durchaus nicht, sie beide zu lesen. Wer allerdings keines von beiden kennt, dem würde ich empfehlen, die Reihe der Herrinnen zuerst zu lesen. Und sich Zeit zu lassen für die jeweils gut 1100 Seiten, die beide Versionen umfassen.

Diana Paxson lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten sowie Theaterstücke und Gedichte.
Die unten angegebene Homepage war wegen „Bauarbeiten“ zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht erreichbar.

Die Herrin der Raben: ISBN 3-404-20466-2
Die Herrin von Camelot: ISBN 3-404-20484-0
Die Herrin der Insel: ISBN 3-404-20492-1

http://www.diana-paxson.com/

Chown, Marcus – Universum nebenan, Das

Je mehr uns die Naturwissenschaften über das Wirken der Welt offenbaren, umso klarer wird uns zugleich, wie wenig wir tatsächlich wissen und verstehen. Dies trotz ihres unbestreitbaren und vergleichslosen Siegeszuges in den letzten einhundert Jahren und der zahllosen Belege für die „Richtigkeit“ (eher: Wirksamkeit) der Theorien und ihrer technischen und praktischen Umsetzungen. Und dennoch: Beständig wird klar, wie viele offene Fragen sich noch stellen, wie viele neue Bereiche sich offenbaren, wenn wir mit unserem analytischen Verstand tiefer in die noch unerforschten Regionen der Schöpfung vordringen (oder: eindringen). Jede Weiterentwicklung bietet neue Ansätze für noch gewagtere Theorien, und noch immer scheut der Mensch – mehr emotional als rational – vor allzu Neuem zurück und greift auf verschiedenerlei Abwehrmechanismen zurück. Dabei sind es die gewagten Ideen, die mutig voran blickenden Visionen, die ungewöhnlichen Ansätze jenseits etablierter Konventionen, die stets – wenn auch mit vehementem Widerstand und allzu oft erst nach langer Zeit – der Wissenschaft erlaubten, „das unentdeckte Land“ zu bereisen und wirklichen Fortschritt im Sinne eines Voranschreitens zu erreichen. Chown nennt es das „Grenzland der Vorstellungskraft“.

Dass man sich dafür heutzutage, dank diverser revolutionärer Theorieansätze mit zahlreichen offenen Anknüpfungspunkten, nicht mehr gänzlich abseits der anerkannten und in der Anwendung bestätigten Lehren bewegen muss, zeigen die von Marcus Chown präsentierten „revolutionären Ideen in der Astrophysik“ in seinem aktuellen Buch „Das Universum nebenan“, das der dtv in der „premium“-Reihe veröffentlicht. Und dass er dabei über die reine Kosmologie hinausgeht und ganzheitlicher ansetzt als der Untertitel es vermuten ließe, ist fast unvermeidlich, wenn man daran denkt, dass eine der vordergründigsten Bestrebungen der Wissenschaft darin besteht, die immer wieder bemerkbaren Verbindungen von Makrokosmos und Mikrokosmos, Relativitätstheorien und Quantentheorien, von Urknall und schwarzen Löchern aufzuspüren.

Dabei gliedert Chown seine Essays in drei Buchteile, die sich mit der Beschaffenheit der Realität, der Beschaffenheit des Universums und dem Leben im Universum befassen. Diese Bereiche sind untereinander allerdings verbunden, ebenso wie der Autor die einzelnen Kapitel sehr geschickt miteinander verknüpft und durch neugierige Fragestellungen überleitet. Das macht es geradezu unmöglich, das Buch am Ende eines Kapitels aus der Hand zu legen. Zudem schreibt Marcus Chown derart inspiriert, spannend und locker, dass sich „Das Universum nebenan“ geradezu gezwungenermaßen am Stück inhalieren lässt. Aufgrund des Schreibstils und der faszinierenden – um nicht zu sagen: phantastischen – Faktensammlung liest sich das Buch fast schon wie ein Science-Fiction-Roman, ohne allerdings die gebotene Sachlichkeit missen zu lassen. Zahlreiche Anmerkungen, Quellenbelege und ein Register tragen der Sorgfalt Rechnung, und ein umfangreiches Glossar mit einer Erläuterung aller auftauchenden Fachbegriffe macht den Besuch im Universum nebenan auch für Laien leicht verständlich und sehr gut zugänglich. Chowns Darstellungsweise selbst ist allerdings meist bereits Erklärung genug – sehr anschaulich-verspielt und mit ausreichenden Seitensprüngen zu Basisthemen versehen, die jeweils von Bedeutung sind. Jedes Kapitel wird übrigens von passenden Zitaten diverser Autoren und Wissenschaftler eingeleitet und macht durch direkte Fragestellungen neugierig.

Chown führt den Leser in geradezu klassischer Weise durch die Gedankenwelt innovativer Wissenschaft. Die Grundfragen, die in den einzelnen Kapiteln gestellt werden, sind:

Gibt es Bereiche im Kosmos, in denen die Zeit „verkehrt“ abläuft? Gibt es neue Belege und Ansätze für die Vielweltentheorie, welche die Gleichzeitigkeit unendlicher Realitäten erlaubt? Ist das Unteilbare teilbar und sind daher die „Elementarteilchen“ doch nicht ganz so elementar wie generell angenommen wird (eine Situation, die erst zum Beginn moderner Wissenschaft unteilbare Atome ihres Sonderstatus enthob)? Sind Elementarteilchen vielleicht letzten Endes nur winzige Raumzeitkrümmungen, die sich in Zeitschleifen bewegen und ließen sich so Relativitätstheorie und Quantentheorien vereinen? Was hat es mit den prognostizierten zusätzlichen Dimensionen auf sich, die spätestens seit den Stringtheorien aktuell geworden sind?

Im darauf folgenden Buchteil wird die Möglichkeit diskutiert, dass das Universum mit kleinen schwarzen Löchern geradezu übersät ist. Die Theorie der Spiegelmaterie spielt anschließend ebenfalls eine Rolle bei den Erklärungsmöglichkeiten für die verzweifelt gesuchte, fehlende „dunkle Materie“. Analog zur Vielweltenhypothese geht Chown sodann auf die Möglichkeiten von Paralleluniversen und den aktuellen Stand der Forschung zu diesem Thema ein, um diesen Teil mit spekulativen, aber begründeten Betrachtungen abzuschließen, die sich mit der Erschaffung neuer Universen befassen und die Frage aufkommen lassen, ob auf solche Weise auch unser Kosmos kreiert worden sein kann.

Die letzten Passagen über das Leben im Universum beginnen mit der Möglichkeit, dass der interstellare Raum, einigen Messungen und Theorien zufolge, mit Planeten übersät sein könnte. Wie sieht es dort mit Lebensmöglichkeiten aus? Welche Rolle spielen dabei die Erkenntnisse über Kometen? Kam das irdische Leben aus den Tiefen des Alls? Und wenn in der Galaxis intelligentes Leben existieren (oder existiert haben) sollte – müsste man dann vielleicht einen genaueren Blick in den scheinbar leeren Raum werfen, um den „außerirdischen Müll“ zu finden, der zurückgeblieben sein sollte?

Mit dieser bereits sehr utopischen Blickrichtung beschließt Chown seinen bereichernden und inspirierenden Ausflug in den Grenzbereich akademischer Zukunftsvisionen, die derzeit kursieren und dabei sind, im Forschungsbetrieb Fuß zu fassen. Er hinterlässt einen faszinierten und einigermaßen aufgeregten Leser mit einer ordentlichen Dosis Flausen im Kopf. So suspekt mancher Ansatz auch erscheinen mag, so ist doch jeder von ihnen gut zu begründen. – Marcus Chown selbst, seines Zeichens Physiker und Wissenschaftsjournalist (unter anderem Berater für den „New Scientist“), meint dazu: „Natürlich muss sich die wissenschaftliche Vorstellungskraft innerhalb der Grenzen bekannter Fakten bewegen. Für alle hier vorgestellten Ideen gibt es gute Argumente. Dieses Buch ist ein Tribut an außergewöhnliche Menschen mit außergewöhnlichen Ideen. Es ist eine Verneigung vor denjenigen mit dem Mut und der Vorstellungskraft, zukünftige Wissenschaft zu entwickeln.“

Oder um es mit den Worten von Niels Bohr zu sagen, an einen Kollegen gerichtet: „Ihre Idee ist verrückt. Die Frage ist nur: Ist sie verrückt genug, um wahr zu sein?“

Dick, Philip K. – Paycheck – Die Abrechnung

Der vorliegende Band enthält einige der besten Storys von Philip K. Dick (1928-82), darunter die literarische Vorlage zu John Woos Actionkrimi „Paycheck – Die Abrechnung“ (mit Ben Affleck und Uma Thurman). Etliche andere Storys erschienen bereits in der Mammutstorysammlung „Der unmögliche Planet“. Einige sind dort aber nicht enthalten, so auch „Paycheck“. Ich bespreche diese „neuen“ Storys eingehender.

Philip K. Dick ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in „Paycheck – Die Abrechnung“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Weiter ging’s mit „Total Recall“, „Screamers“, „Impostor“ und „Minority Report“. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken. Warum Dick ziemlich genau 50 Jahre nach Erscheinen der jeweiligen Storys aktuell wird, könnte etwas mit den Lizenzrechten zu tun haben. Das ist aber nur eine Vermutung.

Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.
Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn).

_Vorwort – von Sascha Mamczak_

Sascha Mamczak ist bei Heyne der verantwortliche Lektor für die Science-Fiction-Titel. In seinem Vorwort geht er auf die Frage ein, wie sich Science-Fiction und Film/Fernsehen zueinander verhalten, genauer: Wie gut könnten Verfilmungen von Science-Fiction-Stoffen sein, wenn sich Film & Fernsehen Mühe gäben? Es gibt ja so unterschiedliche Werke wie „Blade Runner“ und „Total Recall“ – der eine ein Kultfilm, der andere ein Starvehikel im Gewand eines Actionfilms. Aus seinen Antworten muss man allerdings selbst ableiten, was Mamczak von John Woos Film „Paycheck“ halten würde, wenn man ihn fragte.

Wichtiger noch sind seine Anmerkungen zur Bedeutung der Science-Fiction als literarisches bzw. multimediales Mittel, um sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen: Sie ist das einzige Genre, das die angemessenen Mittel bereitstellt. Wie sonst sollte man die Tatsache umsetzen, dass die USA & Co. einen permanenten Präventivkrieg gegen „den Terror“ führen? Wer schuldig und wer unschuldig ist – wer bestimmt das?

Die Folgen dieses neuen Kalten Krieges werden zunehmend bizarrer, je mehr deutlich erkennbar wird, wie skrupellos sich die USA und Großbritannien eine Entschuldigung für ihren Angriff auf den Irak zusammengedichtet haben. Dass die angegriffenen „Terroristen“ nun weltweit den Spieß umdrehen, wird noch zu einigem Kopfzerbrechen und leider auch zu vielen Opfern führen. Wir bekommen es bereits jetzt durch gestiegene Sicherheitsausgaben zu spüren.

_Die Storys_

**Paycheck – Die Abrechnung (1953)

Die Titelstory schildert uns die Abenteuer des Mechanikers Michael Jennings. Er ist gerade von einer zweijährigen Anstellung bei der Firma Rethrick Construction zurückgekehrt. Da man ihm aber sein Gedächtnis gelöscht hat (eine Operationsnarbe beweist das), erinnert er sich nicht daran, was er in dieser Zeit getan hat. Man kann sich seine Überraschung vorstellen, als er als Lohn für zwei Jahre Lebenszeit nicht die erwarteten 50.000 Verrechnungseinheiten, sondern lediglich eine Tüte mit sieben rätselhaften Gegenständen erhält. Doch es ist alles rechtens, wie Kelly, die Empfangsdame, beweist: Er hatte die Umwandlung des Geldes in „Naturalien“ selbst genehmigt.

In den zwei Jahren ist es zu einem Regierungsumsturz gekommen. Mittlerweile schnüffelt so etwas wie Gestapo hinter allem her – natürlich auch hinter Jennings. Man will wissen, was Rethrick baut und was Jennings dabei zu tun hatte. „Wo ist die Rethrick-Fabrik?“ Jennings hat keine Ahnung. Doch mit Hilfe der „geerbten“ Objekte kann er a) entkommen und b) sogar diese ominöse Fabrik ausfindig machen: Sie liegt in Iowa, ein grauer Betonklotz auf einem schwer bewachten, kahlgebrannten Hügel.

Da kommt Jennings ein verwegener Gedanke: Wenn er Rethrick mit dem erpressen könnte, was er in der Fabrik zu finden hofft, dann könnte er Teilhaber werden. Leider kommt es ganz anders, denn Kelly, der er sich anvertraut und auf die er baut, ist nicht die, für die sie sich ausgibt…

**Nanny (1955)

„Nanny“ (Kindermädchen) ist eine beißende Satire auf das amerikanische Konsumverhalten. – In einer Welt der nahen Zukunft gibt es Robotkindermädchen (ähnlich wie „Asimo“), die zwar ihre Schützlinge behüten wie ihren künstlichen Augapfel, aber dafür gegeneinander kämpfen bis zum Letzten. Nach wenigen Jahren sind die Modelle so veraltet, dass sie die Schlachten untereinander verlieren und durch neue ersetzt werden müssen. Das wiederum hält die Wirtschaftsmaschine am Laufen, ist aber auch ein Spiegelbild des Rüstungswettlaufs zwischen beiden großen Machtblöcken während des Kalten Krieges . Geschildert durch die Augen zweier Kinder und zweier Elternpaare ist diese Erzählung zwar sehr geradlinig, aber auch sehr einfühlsam.

**Jons Welt (1954)

Caleb Ryan lebt in einem verwüsteten Nachkriegsamerika, das sich so langsam wieder berappelt. Immerhin verfügt er als Ingenieur inzwischen über eine richtige Zeitmaschine. Damit will er in die Vergangenheit reisen, an jenen Zeitpunkt, da der Militärforscher Schonerman den Grundstein legte für jene Killerroboter à la „Terminator“, die zunächst von der UNO gegen die Sowjets eingesetzt wurden, die sich dann aber verselbständigten und Krieg gegen alle Menschen führten – und dabei fast Erfolg gehabt hätten.

Der einzige Umstand, der Ryans perfekt geordnetes Leben stört, ist das abnorme Verhalten seines Sohnes Jon. Jon hat, wie er erzählt, lebhafte „Visionen“ von einer alternativen Wirklichkeit, in der die Erde von gelben Weizenfeldern und grünen Parks bedeckt ist und weiß gewandete Menschen über das Universum diskutieren. Jons Vater lässt ihn umgehend am Gehirn operieren, um diese Hirngespinste abzustellen.

In der Vergangenheit gelingt es Ryan und seinem Begleiter Kastner, Schonermans wissenschaftliche Unterlagen zu stehlen und zu entkommen. Auf einem der Zwischenstopps zurück in die Zukunft erfährt Ryan, dass der Krieg vorüber ist. Von den Killerrobotern, den „Greifern“, haben die Soldaten nie etwas gehört, auch nicht von einem gewissen Schonerman.

Als die Zeitreisenden in ihrer eigenen Zeit ankommen, sehen sie Jons Visionen verwirklicht. Jon gibt es nicht mehr. Doch anhand der Schonerman-Papiere könnten sie in der Vergangenheit noch einmal die Wiederholung des Krieges herbeiführen…

Die Story erinnert stark an „Die Sieger“, in der Soldaten, die lange im Bunker ihre Welt errichtet hatten, plötzlich in eine grüne Welt an der Oberfläche dringen, wo Roboter herrschen. Die Pointe ist sowohl ironisch als auch tragisch, wenn man Jons Schicksal bedenkt.

**Frühstück im Zwielicht (1954)

Eine bitterböse, fesselnde Story mit einer überdeutlichen Warnung vor einem Atomkrieg.- Die fünfköpfige amerikanische Musterfamilie der McLeans frühstückt wie jeden Werktagmorgen, doch als Sohn Tommy zur Schule gehen will, ist da keine Schule mehr. Auch keine Straße, keine Häuser, nicht einmal eine Stadt. Da ist nur ein diffuser Nebel und wehende Asche vor der Haustür…

Die Soldaten, die mit Gasmasken in das Haus der McLeans eindringen, sind völlig von den Socken: ein gesunder Mann, der nicht beim Militär ist, eine Frau, die „nicht verschnürt“ ist, und Kinder, die nicht in Kanada im Lager indoktriniert werden. Und kiloweise Lebensmittel! Nachdem das gegenseitige Entsetzen und Erstaunen etwas abgeklungen ist, erklärt der herbeigerufene Politische Kommissar die Lage: 1977 – also in der Zukunft der McLeans – begannen die Sowjets, die USA mit robotergesteuerten Raketen zu beschießen. Er herrscht permanenter Weltkrieg zwischen den Machtblöcken. Die Raketen haben Amerika in eine radioaktive Wüste aus Schutt und Asche verwandelt.

Die einzige Möglichkeit, wie die McLeans in dieses Horrorszenario gekommen sein können, ist eine Zeitanomalie. Nachdem sie sich dafür entschieden haben, hier nicht leben zu wollen – man hätte sie alle getrennt -, verschlägt sie ein schwerer Raketenangriff wieder in ihre angestammte Gegenwart. Erschüttert, doch unfähig, die Wahrheit über die erlebte Zukunft zu erzählen, beginnt Tim McLean zu berichten: „Es muss an dem Heißwasserboiler gelegen haben“…

**Kleine Stadt (1954)

Verne Haskel ist ein frustrierter Arbeiter in Woodland, Kalifornien. Er arbeitet in der Fabrik für Pumpen und Ventile. Seine Frau Madge ist ebenfalls frustriert und hat deshalb einen Liebhaber, Dr. Paul Tyler, aber das merkt Verne nicht. Denn Verne beschäftigt sich seit seiner Kindheit privat nur mit seiner riesigen Modelleisenbahn, die er im Keller aufgebaut hat. Madge findet sie monströs und Vernes Verhalten infantil. Dr. Tyler hingegen schwant Übles, sieht aber in Vernes Obsession zunächst eine Möglichkeit, ihn unmündig erklären zu lassen und sodann Madge zu bekommen.

Dummerweise verfällt Verne eines Nachts auf den verwegenen Gedanken, die Modelleisenbahn und das Abbild von Woodland, das sie reflektiert, abzuändern. Alles wird ersetzt und umgemodelt. Dann passiert etwas, das typisch ist für Dick: Die Vorstellung wird zur Wirklichkeit. Motto: Du kannst die Welt verändern, wenn du es willst. Und also geschah es, und Verne sah, dass es gut war.

**Das Vater-Ding (1954)

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

**Zwischen den Stühlen (The Chromium Fence, 1955)

In den USA haben zwei politische Parteien das Sagen: Die Naturalisten bestehen auf dem Recht des Menschen, Schweiß abzusondern und keine gepflegten Zähne zu haben. Die Puristen sind das Gegenteil: Die Schweißdrüsen sind zu entfernen und die Zähne penibel zu reinigen etc.

Don Walsh jedoch, ein braver Arbeiter mit Familie, weigert sich, einer dieser Parteien am Tag der Wahl sein Votum zu geben. Streit gibt es schon genug in seiner Familie: In der winzigen Wohnung kabbelt sich sein Schwager als Naturalist mit Dons Sohn Jimmy, einem Fähnrich der Puristenliga.

Am Tag, als die von der Industrie gestützten Puristen siegen, wird auch das sogenannte Horney-Gesetz verabschiedet, das Nazi-mäßige Verhältnisse einführt: Es gibt eine Konformitätskontrolle, und Don soll zur Umerziehung ins Lager. Als er allerdings erkennt, dass der Psychiater-Robot ihn falsch im Sinne der Regierung beraten hat, trifft er eine fatale Entscheidung. Dons Ende kommt unvermittelt und wirkt schockierend.

**Autofab (1955)

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metalls Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs, inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

**Zur Zeit der Perky Pat (1963)

Ähnlich wie in „Autofab“ leben auch hier die Überlebenden eines Atomkrieges in unterirdischen Anlagen, die sie „Launengruben“ nennen“, und bekommen alles Lebensnotwendige von Flugzeugen, die Care-Pakete abwerfen. Aus den mechanischen Teilen bauen die Erwachsenen aber nicht etwa besonders nützliche Dinge, sondern eine Art Puppenhaus, über das jede Familie verfügt. Das Spiel heißt „Perky Pat“ und funktioniert genau wie Monopoly, nur dass die Hauptfigur eine Barbiepuppe namens Perky Pat ist: 17, blond und unschuldig. So geben die Überlebenden ihrem Bedürfnis nach, in der Scheinwelt der Vergangenheit zu leben, einer Welt des Konsums. Währenddessen lernt die junge Generation, mutierte Tiere, sogenannte Hutzen (Hunde + Katzen) zu jagen und zu essen.

Eines Tages kommt es zu einem Wettstreit zwischen Perky-Pat-Spielern und Spielern von „Companion Connie“ aus Oakland. Die Bedrohung ihrer jeweiligen Scheinwelten ist enorm: Companion Connie ist – oh Schock! – nicht nur verheiratet und intim mit ihrem Mann, sondern erwartet auch noch ein Baby! Als die Gewinner in ihre Perky-Pat-Kolonie zurückkehren, werden sie dort mit Steinwürfen bedroht und ausgestoßen: Companion Connie ist ihnen ein Gräuel.

Zwei Jahre später (1965) weitete Dick dieses Thema zu seinem Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ aus: Die Scheinwelt von Überlebenden auf dem Mars wird durch Halluzinogene noch zementiert und plausibler.

**Allzeit-bereit (1963)

In einem Amerika der nahen Zukunft haben es die Beamtengewerkschaften geschafft, dass sie einen Stellvertreter des Präsidenten stellen können. Dieser steht auf Abruf bereit, falls das präsidiale Supergehirn Unicephalon (= Ein-Kopf) 40-D ausfallen sollte. Bei einer Alien-Invasion tritt dieser Ernstfall ein: die KI fällt für Wochen aus. Nun muss Max Fischer ran, ein behäbiger Bürokrat, der plötzlich die Rolle des Obersten Befehlshabers der Streitkräfte ausfüllen soll.

Kein Wunder, dass er Opposition hervorruft, allerdings aus einem unwahrscheinlichen Lager: von den Medien. Die Nachrichtensprecher dieser Zeit sind Clowns und sehen auch so aus: mit roter Perücke und Knollennase. Jim-Jam Briskin bestreitet, dass Max Fischer legitimer Präsident der USA ist und stellt sich selbst Gegenkandidaten auf. Es sieht nicht gut aus für Fischers gerade erst begonnene Laufbahn als Präsi und er will schon auf den Knopf zur Vernichtung von Briskin drücken, da meldet sich die KI Unicephalon zurück und bringt alle zur Räson. Na, dann vielleicht beim nächsten Mal, Max?

**Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 Jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen müsste, bei der die Temponauten sterben sollten….

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

**Die Präpersonen (1974)

Diese provokante Erzählung schildert die Welt des kleinen Jungen Walter Best, in der die Abtreibung bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes legalisiert ist. Walter lebt daher in ständiger Furcht vor den „Männern im weißen Lieferwagen“: Von ihren Eltern für unerwünscht erklärte Kinder können noch lange nach ihrer Geburt durch Euthanasie getötet werden. Die Parallelen zu den Maßgaben für eine Abtreibung sind unübersehbar – der Autor hat lediglich die Frist vom 5. Monat auf das 12. Jahr verschoben, genau wie das die US-Regierung in seiner Story-Welt tut.

Kein Wunder, dass diese Geschichte in den USA die vehemente Kritik feministischer Autorinnen hervorrief, und sogar Professor Joanna Russ, selbst progressive Science-Fiction-Autorin („Planet der Frauen“), wurde ausfallend gegenüber dem Autor! Man sollte aber berücksichtigen, dass Dick seine Ansicht zur Abtreibung hier nicht unreflektiert und pauschal formuliert hat, sondern mit Vorbedacht. Und dass es nicht unbedingt seine eigene Meinung sein muss – ähnlich wie bei „Glaube unserer Väter“. Es trifft aber zu, dass er hier Walter Bests Vater Ian, einen Abtreibungsgegner, einige sehr unschöne Dinge über Frauen sagen lässt, die sich keine Kinder wünschen. Auch ansonsten hält Dick hier starken Tobak bereit.

_Mein Eindruck_

Meine Eindrücke habe ich zu fast jeder Story geschrieben. Unter den „neuen“ Storys ragen sicherlich „Paycheck“ (1953) und „Frühstück im Zwielicht“ (1954) heraus. In „Paycheck“ entwickeln unscheinbare Gegenstände wie etwa ein Busfahrschein oder ein Poker-Chip lebenswichtige Bedeutung. In den Augen des Zeitreisenden ändert sich ihre Bedeutung für sein Leben grundlegend, weil sie sich genau dann als passend erweisen, wenn ihr Nutzen am größten ist. Hier erhebt sich die Frage, ob nicht Ursache und Wirkung vertauscht werden. Der Witz ist aber, dass bei Zeitreisen mit höchster Wahrscheinlichkeit Ursache und Wirkung vertauscht werden. Davon abgesehen, erweist sich „Paycheck“ als durchaus robuste Basis für einen Thriller. John Woo hat dann nur noch die Action hinzufügen müssen – mit den erkennbar traurigen Ergebnissen.

„Frühstück im Zwielicht“ ist eine laute und eindeutige Warnung vor dem kommenden Weltkrieg. Die Anfangsszene ist ein echter Schocker: man sitzt friedlich und nichts ahnend beim Frühstück, als ein paar Soldaten brüllend die Tür eintreten und fragen, was der Unsinn soll, schließlich herrsche Krieg! Hier erlaubt sich Dick natürlich auch einen Spaß mit Zeit, Raum und Chaos. Am besten ist aber der ironische Schluss: Die Betroffenen betrachten es als ihre Pflicht, ihren nichts ahnenden Nachbarn nichts von dem Horror, der möglicherweise auf sie zukommt, zu verraten, sondern behelfen sich lieber mit dem defekten Heißwasserboiler, der all die Verwüstung an ihrem Haus angerichtet haben muss. Mögen die Nachbarn noch lange friedlich schlafen.

Dagegen fallen die Storys „Allzeit-bereit“, „Zwischen den Stühlen“, „Jons Welt“ und „Kleine Stadt“ ein ganz klein wenig ab. Da sie aber in gleicher Weise auf eine Pointe hin geschrieben sind, verfehlen sie ihre Wirkung auf den Leser nicht. Sie sind ironisch, zuweilen tragisch oder komisch. Die Botschaft ist häufig eine Warnung oder zumindest das Anprangern eines realen oder möglichen Missstandes, selbst wenn dies die (austauschbare?) Position des US-Präsidenten betrifft.

_Unterm Strich_

„Paycheck“ ist bietet eine ähnlich gute Auswahl an Storys wie „Minority Report“ – ebenfalls ein Film-Tie-in, wie die Amerikaner sagen. Die Überschneidungen sind geringer, als man zunächst befürchten würde – so fehlt etwa die harte Story „Glaube unserer Väter“. Diese Storys hier sind wahlweise provokativ („Präpersonen“), kritisch („Nanny“, Vater-Ding“, „Zwischen den Stühlen“), ironisch („Paycheck“), tragisch („Jons Welt“, „Temponauten“) und komisch („Kleine Stadt“, „Perky Pat“), aber stets mit einer Pointe versehen, die den Leser mit einer klaren Aussage des Autors zurücklässt.

Diese Auswahl – mit sechs Filmfotos illustriert – bietet dem deutschen Leser, der vielleicht nicht mehr auf die Haffmans-Story-Gesamtausgabe zurückgreifen kann, eine Menge weiterer Storys, die in den letzten Jahren nicht mehr zugänglich waren – auch nicht in „Der unmögliche Planet“ mit seinen 832 Seiten.

Die einzige Geschichte, die in Philip K. Dicks persönlicher Auswahl seiner besten Storys („Best of PKD“, 1977, vgl. die Moewig-Ausgabe) noch nicht in diesen späten Auswahlbänden vorliegt, ist „If there were no Benny Cemoli“ aus dem Jahr 1963. Die genannte PKD-Ausgabe von 1977 enthält übrigens ein gutes Vorwort von Dicks englischem Kollegen John Brunner sowie ein Nachwort und Anmerkungen vom Meister selbst.

_Michael Matzer_ ©2004ff

[Nachtrag des Lektors: Die Seitenangabe bei amazon weicht ab, es sind 381 Seiten.]

Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann?

Das geschieht:

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ein großer Meteorit am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater in die Erde geschlagen. Die Wissenschaft hat ihm den Namen „Wolf-Creek“ verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn „Lucifer’s Couch“.

In diesem Krater liegt die Leiche eines Mannes. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. „Bony“, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus. Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann? weiterlesen

Stoker, Bram – Dracula

Seit dem ersten Erscheinen des Romans 1897 hat „Dracula“ mittlerweile über 100 Jahre Zeit gehabt, um sich einen festen Platz in der heutigen Popkultur zu sichern, was dazu führte, dass Dracula und Vampir synonyme Wörter geworden sind. Zwar gab es bereits vor Stokers Roman Vampirgeschichten und -romane, doch hat keiner je wieder solch umfassende und weitreichende Nachwirkungen gehabt: Unzählige Verfilmungen haben sich Draculas angenommen und ebenso ungezählte nachfolgende Erzählungen und Romane haben versucht, dem Dracula-Stoff neues Leben einzuhauchen. So hat beispielsweise Freda Warrington mit „Dracula kehrt zurück“ eine moderne Fortsetzung geschrieben, die die Reise der Freunde um das Ehepaar Harker nach Transilvanien beschreibt, die am Ende von Stokers Roman erwähnt wird.

Doch worum geht es nun in „Dracula“? Der junge Anwaltsgehilfe Jonathan Harker wird nach Transilvanien geschickt, um dort mit dem Grafen Dracula den Ankauf eines Grundstücks in London abzuschließen. Einmal in dem baufälligen und mit sehr viel gotischer Atmosphäre ausgestattenen Schloss Draculas angekommen, wird Harker mit der Zeit immer misstrauischer gegenüber dem geheimnisvollen und exzentrischen Grafen. Nie sieht er ihn essend, nie sieht er ihn tagsüber und eines Nachts entdeckt er gar, wie Dracula auf allen Vieren die Hauswand hinunterklettert. Bald bestätigen sich Harkers Ängste, denn Dracula reist nach London ab, während er Harker als Gefangenen in seinem Schloss zurücklässt – bewacht von dessen drei Vampirbräuten.

Währenddessen ist Harkers Verlobte Mina zu Besuch bei ihrer reichen Freundin Lucy in der Hafenstadt Whitby. Lucy beginnt, nachts ihre alte Gewohnheit des Schlafwandelns wieder aufzunehmen und Mina ist ständig beschäftigt, sie wieder „einzufangen“. Eines Nachts jedoch entwischt Lucy in diesem Zustand nach draußen und wird von Dracula angegriffen, der zuvor mit dem Schiff in Whitby eingefallen ist. Lucys sich daraufhin rapide verschlechternder gesundheitlicher Zustand ruft eine ganze Schar von Männern auf den Plan (angeführt von ihrem Verlobten Holmwood), die versuchen, die Ursache ihrer Schwäche herauszufinden. Doch auch der eilig herbeigerufene Holländer van Helsing kann Lucys Leben nicht mehr retten. Den Männern bleibt nur, Lucy postmortem zu pfählen und zu köpfen, um zu verhindern, dass sie als Vampir umgeht. Kaum hat die heldenhafte Männerschar Lucy den ewigen Frieden geschenkt, schnappt sich Dracula Mina. Um wenigstens ihr Leben zu retten, müssen die Männer den Grafen bis nach Transilvanien verfolgen, um ihn endgültig unschädlich machen zu können.

Der irische Autor Bram Stoker (eigentlich eher ein Theatermann, da er Agent des damals berühmtesten Shakespeare-Darstellers Henry Irving war) soll sehr pikiert darüber gewesen sein, dass sein „Dracula“ in der Erstausgabe in gelbem Einband erschien – der Farbe, die damals pornographische Literatur kennzeichnete. Tatsächlich lassen sich in „Dracula“ ohne große Mühe vielerlei kaum verhüllte sexuelle Anspielungen finden, denn die wirkliche Gefahr, die von dem Vampir ausgeht ist nicht etwa, dass er seinen Opfern den (Un)Tod bringt. Stattdessen verwandelt er die Frauen, die er anfällt (und als Nahrungsquelle wählt er nur Frauen) von sittsamen und angepassten Frauenzimmern in wolllüstige und laszive Femmes Fatales – eine Tatsache, die im viktorianischen Zeitalter natürlich nicht ungeahndet bleiben darf. Im Schlagabtausch mit van Helsing kämpft Dracula um die Vorherrschaft über die von ihm gebissenen Frauen – und muss in beiden Fällen als Verlierer hervorgehen, damit die westliche, englische Moral am Ende des Romans wieder hergestellt ist.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass „Dracula“ darum wirbt, als authentisches Dokument betrachtet zu werden. Der Roman setzt sich komplett aus Tagebucheintragungen der handelnden Personen, Briefen, Notizen und Zeitungsartikeln zusammen. Somit wird die Geschichte von multiplen Erzählern vorgetragen, der einzige, der vollkommen stumm bleibt, ist der Titelheld selbst. Dracula erscheint immer nur gefiltert durch die Sichtweise eines der Protagonisten. Dabei schildert ihn Harker im ersten, in Transilvanien spielenden, Teil des Romans am eindrucksvollsten. Dracula agiert hier vor unterschiedlichen gotischen Kulissen – düsteren Wäldern, dem monströsen Schloss, den heulenden Wölfen und immer wieder in Beziehung zum Mond. Stokers Landschaftsbeschreibungen setzen die Stimmung für das gesamte Buch und das, obwohl er Transilvanien nie gesehen hat. In den Jahren, die er an „Dracula“ gearbeitet hat, verfiel er von seinem ursprünglichen Schauplatz, der Steiermark, auf Transilvanien als Heimat des Vampirs, als er alte Dokumente über Vlad Dracula fand. Bis dahin sollte sein Roman einfach „The Un-Dead“ heißen, doch Dracula war schon als historische Persönlichkeit so eindrucksvoll, dass sie leicht als Titelheld herhalten konnte. Vergleicht man Stokers Beschreibung Draculas mit den Gemälden, die von Vlad Dracula bekannt sind, so wird man eine frappierende Ähnlichkeit ohne weiteres feststellen können.

Wirklich fürchten wird sich ein heutiger Leser bei der Lektüre wohl nicht mehr. Zu bekannt ist dafür die Mähr vom Vampir und wie man ihn besiegen kann, sodass man van Helsing und seinen Mannen unter Umständen zurufen möchte: „Seht doch hin! Ein Vampir!“ Trotzdem lohnt es sich auch heute noch, den Roman zur Hand zu nehmen, denn selten hat man einen so eindrücklichen Bösewicht wie hier gesehen – und das, obwohl Dracula selbst hauptsächlich durch Abwesenheit glänzt. Doch sein Schatten hängt unmissverständlich über der gesamten Erzählung, wie es der Titel ja auch verspricht. Wer also auch nur das geringste Interesse an Horror hat, der sollte „Dracula“ zur Hand nehmen. Ohne ihn ist die gesamte folgende Vampirliteratur nicht denkbar; ganz abgesehen von dem Genre des Vampirfilms, das sein ganz eigenes Dracula-Bild entwickelt hat (entweder Bela Lugosi mit Theatercape oder Christopher Lee mit blutroten Augen). Van Helsings wilde Jagd auf den untoten Grafen wirkt auch heute noch faszinierend und lohnt damit unbedingt die Lektüre!

|Siehe ergänzend dazu auch:|
Michael Matzers [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 anhand der Hörspielfassung von |Titania Medien|
Michaela Dittrichs [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=622 der Hörspielfassung des |Hörverlags|

Brown, Dan – Sakrileg

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Warnung: Keinesfalls vor einer Prüfung oder ähnlich wichtigen Ereignissen anfangen – man kann das Buch kaum aus der Hand legen!

_Der Autor_

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Co-AUTORIN!

Jeder darf nun online ein Sakrileg begehen: Mehr Infos sowie ein „Sakrileg“-Online-Spiel gibt’s auf der deutschen Homepage http://www.dan-brown.de

_Handlung_

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University, weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnische Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunière liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis. Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei, am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Sie kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei, schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb mussten der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunière hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer nun wem welches Geheimnis wo, wann und wie abjagt, darum drehen sich die restlichen 450 Seiten. Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen spannenden und sehr leicht zu lesenden Roman in nur wenigen Tagen ausgelesen. Sehr einfach zu lesen ist das Buch deshalb, weil die doch recht vielschichtige geschichtliche Materie, um die es geht, stets fein säuberlich erklärt wird. Was der Symbolologe Langdon nicht versteht, erklärt ihm die Codespezialistin Sophie Neveu. Und umgekehrt.

Als beide zu einem Spezialisten fahren, den Langdon kennt, kommen noch tiefe historische Dimensionen hinzu. Wenn alle drei nicht mehr mit ihren Entschlüsselungsversuchen weiterkommen, gibt es ja immer noch Spezialbibliotheken, auch solche auf dem modernsten technischen Stand.

Und wenn selbst das nicht mehr hilft, um die Rätselsprüche, die Jacques Saunière hinterlassen hat, aufzuklären, muss die gute alte Eingebung und Intuition herhalten. Denn nicht jeder Freund, der sich als solcher ausgibt, stellt sich am Ende auch als solcher heraus. Und wenn man in die Mündung einer Pistole schaut, bringt das die kleinen grauen Zellen ungemein auf Trab.

_Die Akteure_

Auch die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Sophie lernen wir am besten kennen, denn ihre Familiengeschichte und ihre Ausbildung stellen sie an eine ganz besondere Position innerhalb des Themas, das ich bislang noch nicht verraten habe und auch nicht werde.

Schließlich sind da noch die Schurken: Der körperlich außergewöhnliche Mörder des Museumsdirektors, ein Albino, ist ein williges Werkzeug zweier Meister. Der eine davon ist der Opus-Dei-Bischof, doch der andere ist lediglich als „der Lehrer“ bekannt. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bleibt dessen wahre Identität lange Zeit im Dunkeln, nur um dann umso stärker zu schockieren. Das ist sauber ausgetüftelt.

_Good old Europe_

Ohne nun das zentrale Thema zu verraten, kann man doch sagen, dass einem amerikanischen Leser der alte Kontinent Europa wie das reinste Kuriositätenkabinett dargeboten wird. Dies erfolgt in Form einer Schnitzeljagd: ein gelöstes Rätsel führt zum nächsten und so weiter, immer tiefer in die Vergangenheit: von der Kreuzigung über die Kreuzzüge und Tempelritter bin hin zu modernen Geheimbünden.

Der Autor macht den Leser selbst zum Codeknacker, Symbolkundler, Rätsellöser – kurzum: zum Geheimdienstler à la NSA oder CIA. Wir sind dann alle kleine oder große Spykids, genauso wie es die Großmeister der Bruderschaft stets waren. Leonardo da Vinci, auch ein Spykid, verschlüsselte seine Botschaften, wie es schon die alten Juden zu Jesu Zeiten taten. Und der Museumsdirektor des Louvre, in da Vincis Nachfolge, baute die codegeschützten Nachrichtenbehälter da Vincis nach.

Donald Rumsfelds spitzes Wort gegen „das alte Europa“, auf das die europäische Intelligentsia so hochmütig selbstbewusst reagierte – hier, in Dan Browns Roman, nimmt es für jeden Amerikaner Gestalt an. Und wenn wundert’s da noch, dass es am Schluss der Ami Langdon ist, dem doch noch die Lösung des Rätsels in den Schoß fällt. Wenigstens erweist er der Offenbarung seine Reverenz. Na, das ist doch schon mal was.

_Unterm Strich_

Als hätte ihm seine werte Gattin, die Kunsthistorikerin, die geistige Feder geführt, liefert Dan Brown zwar wieder mal einen routinierten Mystery-Thriller ab. Doch dieser spielt mit so vielen geschickt verpackten Hinweisen aus der Kunstgeschichte, dass sich der Leser nicht wie in einem Seminar vorkommt, so wie bei einer sehr anschaulichen Führung durch die Museen und Bibliotheken Europas. Dass dabei noch Mörder, Geheimbünde und die Polizei sowieso hinter den Helden herjagen, tut der Spannung gut, die bis fast zum Schluss aufrechterhalten bleibt. Übrigens finde ich die Übersetzung mit den zahllosen Übersetzungen aus Latein, Englisch, Französisch, Hebräisch usw. sehr gelungen.

In jedem Fall lautet das Motto dieser literarischen Schnitzeljagd „Einer wird Millionär“. Und dreimal dürfen wir raten, wer das wohl sein wird.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.
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Philip K. Dick – Der unmögliche Planet

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ und nun auch „Paycheck“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken.

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Carey, Jacqueline – Kushiel\’s Dart

Es gibt wohl kaum überlaufenere Genres als Fantasy und historische Romane aller Art. Als Jungautor muss man gegen den heiligen Gral – sprich das Konzept des Herrn der Ringe – und allerlei AD&D und Standardfantasy antreten, das Mittelalter diente schon als Rahmen für zahllose historische Romane, so dass man sich schon einiges einfallen lassen muss, will man nicht in diesem Einheitsbrei untergehen.

Jacqueline Carey ist eine weitgehend unbekannte Autorin, die Kushiel-Trilogie ist ihr erster Romanzyklus. Die 1964 geborene Autorin hat einen Abschluss in Psychologie und englischer Literatur und hat von Finnland bis nach Ägypten im Rahmen ihrer kunsthistorischen Forschungen schon viele Länder bereist. Ihre ersten Sachbücher trugen die Titel „Angels: Celestial Spirits in Legend and Art“ und „Emerald Magic: Great Tales of Irish Fantasy“. Bemerkenswert insofern, als dass ihre gesammelten Erkenntnisse in die Kushiel-Trilogie einflossen und diese weitgehend prägten.

Altbekannt und gewissermaßen das Fantasy-Standardrezept: Man rühre eine gleiche Menge Elfenohr mit Zwergenbart in einer Hobbit-Fußpilzsoße und verfeinere mit einigen Schwertstreichen Orkgeschnetzeltem und einer fein abgeschmeckten Prise Magie – Voilà, damit hätte man schon die Grundlagen eines Fantasyromans.

Jacqueline Careys Rezept ist etwas schärfer gewürzt: Man nehme eine sadomachosistische Kurtisane und einen kampferprobten Klosterbruder, lasse Maria und Jesus ein Kind zeugen und dieses zum Stammvater eines Volkes werden, das in heidnischer Weise Halbgötter und gefallene Engel, Gefährten von Elua, dem Sohn von Jesus und Maria, anbetet. Das oberste Gebot Eluas wird dabei über alles gestellt: Die D’Angelines sind durch ihre halbgöttliche Abstammung Schönlinge sondergleichen und in der Liebe sehr freizügig, Prostitution und Homosexualität sowie alle Spielarten der Liebe sind akzeptiert und vollständig in die Gesellschaft integriert – „Liebet wie ihr wollt“…

In dieser Welt, die, wie man anhand der Landkarte im Einband feststellen kann, eine exakte Kopie Europas ist, liegt das halbgöttliche Terre D’Ange, das Land der Engel, an der Stelle Frankreichs. Italien heißt Caerdicca Unitas, Venedig La Serenissima und bemerkenswerterweise ist das Skaldia genannte Germanien noch so wild und barbarisch wie zu Zeiten der Römer. Ebenso herrscht in Ägypten – Menekhet – ganz unchronologisch noch ein Pharao, und Alba (England) befindet sich noch im düstersten Mittelalter.

In der Stadt Eluas, wir würden sie Paris nennen, beginnt die Geschichte der „Anguisette“ Phèdre nó Delaunay, die als unerwünschter Bastard einer ehemaligen Konkubine des „Court of Night-Blooming Flowers“ ihr Leben in der untersten sozialen Schicht eines der dreizehn Häuser des Night Court beginnt: Sie hat einen roten Fleck im linken Auge, etwas, das im auf absolute Schönheit achtenden Night Court ihr eine Karriere in Diensten Namaah’s als Hetäre (Edelhure) verbauen dürfte. Bis der Adelige Anafiel Delaunay sie kauft und in seinen Haushalt adoptiert. Er erkennt den roten Fleck in ihrem Auge als göttliches Zeichen, „Kushiel’s Dart“. Der Engel Kushiel war einst einer der Bestrafer Gottes, bis er verdammt wurde, weil er Elua folgte, seine Blutlinie genießt Schmerz und Strafe als Lust, als einzigen Weg zu Sühne und Erlösung. In Phèdre’s Fall geht das jedoch weit darüber hinaus: Als einzige lebende „Anguisette“ empfindet sie auch dann noch Lust, wo andere nur noch Schmerz empfinden würden. Delaunay erkennt als einer von wenigen ihren Wert und bildet sie in seinem Haushalt zur Spionin weiter. Phédre lernt, den Gesichtsausdruck und zahllose andere Anzeichen für Lüge oder Nervosität zu deuten, ihr Gedächtnis wird geschult, während Delaunay’s zweiter Schüler, Alcuin, eher im Entschlüsseln und Knacken von Codes Begabung zeigt, ist Phédre besonders sprachbegabt. Zu Delaunays Leidwesen auch im Davonlaufen, sie trifft sich in der Stadt öfters heimlich mit ihrem Jugendfreund, dem Tsingano (Zigeuner) Hyacinthe.

Sowohl Alcuin als auch Phèdre werden in den Dienst Namaah’s gestellt, als Konkubine Delaunays hat Phèdre bald einen sehr guten Ruf – als einzige lebende Anguisette zieht sie die entsprechende sadomachosistische Klientel an, was für Delaunay oft Grund höchster Sorge ist. Erfolgreicher in Sachen Bettgeflüster und Spionage ist Alcuin: Er findet heraus, dass Haus Trevalion die Ermordung der Dauphine Ysandre plant – der König hat sonst keine Nachkommen, und die Thronfolge würde auf Haus Trevalion übergehen. Dass Spionage ein gefährliches Spiel ist, zeigt sich, als Guy, der Hausdiener und Beschützer Delaunays, bei der Verteidigung Alcuins stirbt und dieser verwundet wird – ein hoher Preis für die wichtige Information.

Sein Nachfolger als Beschützer seiner Spione wird Joscelin Verreuil, ein Mönch der Cassilinischen Bruderschaft, die dem Engel Cassiel geweiht ist, dem einzigen Anhänger Eluas, der zölibatär ihm als der perfekte Gefährte zur Seite stand und sich zwischen den Zorn Gottes und Elua stellte. Die Bruderschaft stellt zudem die zwei traditionellen Leibwächter des Königs von Terre d’Ange, ihr Kampfstil ist geprägt von zwei Dolchen und Armschützern als einzige Rüstung und dem auf den Rücken geschnallten Schwert, das nur gezogen werden darf, wenn nicht mehr nur beschützt, sondern getötet werden muss, was jedoch in den Augen der Bruderschaft eine Sünde ist, die nur dann gerechtfertigt ist, wenn der Schutzbefohlene nicht anders gerettet werden kann. Das Verhältnis zwischen dem humorlosen und steifen Joscelin und Phèdre, deren Gelüste für ihn Zeichen der größten Verdammnis und Fehlleitung sind, ist von gegenseitiger Missachtung geprägt – Joscelin flucht über sein Schicksal, warum gerade er diese ihm sehr unangenehme Aufgabe übertragen bekam. Dennoch bleibt er dem Motto „dienen und beschützen“ treu, auch wenn es ihm unerträglich ist, die stets arg zerschundene Phèdre von ihren perversen Patronen nach Hause zu begleiten – vor allem, wenn sie dann noch recht zufrieden dreinblickt.

Dank der Informationen Delaunay’s kann das Komplott zerschlagen und die Verschwörer hingerichtet werden, jedoch entkommt Melisande Shahrizai. Diese ehemalige Geliebte Delaunays ist wie er mit allen Wassern gewaschen und kann mangels Beweisen nicht überführt werden. Es gelingt ihr auch, Phèdre gegen ihren Mentor zu benutzen, ohne dass diese es ahnt.

Sie gibt Phèdre ein großzügiges Geschenk, so wertvoll, dass sie ihre traditionelle Tätowierung als Dienerin Namaahs auf dem Rücken vollenden und damit auch Delaunay ihren Kaufpreis erstatten kann – womit sie nur noch auf freiwilliger Basis oder gar nicht mehr für ihn arbeiten müsste. Während Phèdre tätowiert wird, überfallen Söldner Delaunays Landsitz und töten ihn. Phèdre und Joscelin werden von Melisande abgefangen und in die Sklaverei nach Skaldia verkauft – als Geschenk für den skaldischen Kriegsherren Waldemar Selig. Nach und nach erkennt Phèdre, gefangen unter den Barbaren, die Pläne Melisandes. Erst jetzt wird ihr klar, dass sie es riskiert, Terre d’Ange in die Hände des unter den Skaldi beinahe als König verehrten Selig fallen zu lassen, nur um sich selbst an die Stelle der Königin zu setzen. Doch Selig spielt falsch: Er plant seine Mitverschwörer ebenfalls zu beseitigen. Haben die abtrünnigen D’Angelines erst einmal seiner Armee den Weg über die Pässe gewährt, hält er seine Truppen für zahlreich genug, um sowohl die Revoluzzer als auch die königliche Armee zu vernichten.

Phèdre plant jeden Tag auf ihre Flucht hin, während Joscelin hart unter seinem Sklavendasein leidet. Auf der Flucht lernen sie sich schätzen, nur durch Joscelins Geschick und Phèdres Raffinesse können sie den Skaldi entkommen und sich zurück in Terre d’Ange durch die Reihen der Verschwörer mit Hilfe von Phèdres altem Freund Hyacinthe schmuggeln. Leider haben sie keinen Beweis für ihre Anklagen gegenüber Melisande und für Seligs Plan, was ihre Situation erschwert – beide sind in Abwesenheit des Mordes an Delaunay schuldig gesprochen worden. Es gelingt ihnen dennoch, die mittlerweile zur Königin gewordenen Ysandre zu überzeugen.

Sie werden auf eine gefährliche Mission geschickt: Um die Verräter nicht zu warnen, und um militärisch stark genug zu sein, um sowohl die abtrünnigen als auch die Skaldi zu stoppen, werden Phèdre und Joscelin in geheimer Mission nach Alba geschickt. Sie sollen den Cruarch (König) von Alba dazu bewegen, Ysandre und Terre d’Ange beizustehen – was kein Problem sein sollte: Er ist der heimliche Verlobte von Ysandre. Leider stehen dem Plan zwei Dinge im Weg. Erstens ist Drustan im eigenen Land in einen Bürgerkrieg verwickelt und derzeit im Exil in Eire (Irland), und würde selbst dringend die Hilfe der gar nicht so bereitwilligen Iren benötigen, um sein eigenes Land zurück zu erobern. Zweitens gestattet der Master of the Straits, ein Wesen, das über Wind und Wetter im Kanal zwischen Alba und Terre D’Ange gebietet, keinem Schiff mehr die Passage.

Natürlich gelingt es Drustan, seine Krone zurück zu erobern, und auch der Master of the Straits kann mit einem großen Opfer besänftigt werden – hierzu verrate ich aber nichts Näheres. Bei Troyes-le-Mont kommt es zum Gefecht, doch selbst mit der Hilfe Albas sind die Heerscharen der Skaldi den durch Verrat geschwächten D’Angelines noch überlegen. Erst Phèdres Raffinesse verhilft Königin Ysandre zum Sieg – die Skaldi werden geschlagen, die Hochverräterin Melisande verhaftet. Phèdres und Joscelins Ehre wird offiziell wiederhergestellt und ihr Name wird nicht mehr nur wegen ihres berüchtigten Rufes als Anguisette geehrt. Als Heldin des Reiches wird sie zur Comtesse de Montrève ernannt und zur engsten Vertrauten der Königin.

Mehr historischer Roman denn Fantasy – die einzigen Fantasy-Elemente in „Kushiel’s Dart“ stellen die Geschichte um den Master of the Straits dar, die in den Folgebänden an Gewicht gewinnen wird, sowie die für Terre d’Ange erfundene Kultur und Religion. Dabei kann Carey gewaltig punkten: „Angels: Celestial Spirits in Legend and Art“ und „Emerald Magic: Great Tales of Irish Fantasy“ waren Inspiration und Quelle hierfür, genauso wie ihre Reisen durch ganz Europa. Die Namensgebung ist eng an den Ort gebunden, die germanischen Namen sowie die französischen Namen sind zwar arg kompliziert, aber stimmig, ebenso wie die in Folgebänden aus Afrika und Persien stammenden.

Carey achtet sehr auf die unterschiedlichen Mentalitäten der verschiedenen Völker und beschreibt Charakter und Aussehen aller Personen sehr detailliert – dafür werden Gebäude und Landschaften bis auf Ausnahmen wie die winterliche Wildnis Skaldias oft nur zweitrangig beschrieben. Sprachlich schreibt sie in der oberen Liga, ohne einen Guy Gavriel Kay zu erreichen, was aber auch nicht nötig ist. Im Gegenteil, ihr schlichterer Stil gefällt mir sehr gut. Zu Anfang des Buches im Night Court erschlägt und verschreckt sie jedoch mit einer übertrieben blumigen Sprache voller, später nicht mehr auftauchender, geschwollener Satzkonstruktionen, die durch die Wahl exotischen Vokabulars wohl sogar gebürtige Engländer fordern dürfte – wer dieses Buch wirklich genießen möchte, sollte Englisch fließend und ohne Hilfe eines Wörterbuches lesen können. Definitiv nichts für ungeübte Leser, auch wenn nur das erste Drittel wirklich kompliziert ist.

Ein interessanter Kniff ist es, die Heldin Phèdre selbst ihre Geschicht erzählen zu lassen. Sie ist eine sehr sympathische Person; da sie den Leser stets an ihren Gedanken teilnehmen lässt, kann man einfach nicht anders, als sie zu mögen – auch wenn ihre sexuellen Vorlieben starker Tobak sind. Hier hatte ich auf etwas Erotik gehofft – Carey versteht es aber, durch die harten, sadomachosistischen Sexszenen den Leser zu verblüffen und zu verwundern. Joscelin darf hier ein wenig die Rolle des Lesers übernehmen und sich an seiner Stelle über Phèdre ärgern und wundern. Ein recht gelungener Kniff – zumal die anfangs nur Verwunderung bis Bestürzung hervorrufenden Folterszenen in den Folgebänden der Trilogie an religiöser Bedeutung und Sinn gewinnen, in diesem Buch selbst sind sie nur ein ziemlich gewagter Aspekt des Charakters Phèdre, den sie prinzipiell nicht nötig hätte. Phèdre ist ein wenig an die klassische Phaedra oder die Phèdre Jean Racines angelegt, ihre Gefährten ereilt meist ein tödliches Schicksal… Ihr Schicksal ist eng mit Leid und Tragik verbunden, das selbst ihr als Anguisette einiges abverlangt.

Fantasyfreunde kommen hier arg zu kurz – Spionagethriller und historischer Abenteuerroman, gemischt mit einer eigenwilligen und interessanten Religion nebst dazu passender Kultur, das beschreibt den Roman am besten. Allein alle dreizehn Häuser des Nightcourt sowie ihre besonderen Disziplinen – von den Mystikern Haus Gentians bis zu den eher weltlichen Buchhaltern Haus Bryonys – aufzuzählen, nebst allen Gefährten und Engeln Eluas in Terra d’Ange, würde hier zu weit führen.

Das Schöne ist, „Kushiel’s Dart“ ist in sich abgeschlossen – einzig das einleitende erste Drittel, in dem lange nichts wirklich für die Handlung Wichtiges passiert, deutet darauf hin, dass noch zwei volle Bände einer Trilogie darauf aufbauen werden. Recht clever gemacht – doch der Roman war in den USA ein Erfolg und einer Komplettierung der Trilogie stand nichts mehr im Wege.

Ich kann die Trilogie empfehlen, und zwar für jedermann – dies ist keineswegs ein Frauenroman. Der dritte Band ist geradezu genial und kombiniert die Stärken des an einen Krimi erinnernden zweiten Bandes (der für mich leider etwas langatmig und enttäuschend war) mit einer sehr interessanten Suche nach dem wahren Namen Gottes, die mich ein wenig an eine anspruchsvollere Version von Indiana Jones‘ Suche nach dem heiligen Gral erinnerte. Auch Phèdres persönliche Nemesis und Hassliebe Melisande ist nicht totzukriegen und in beiden Folgebänden wieder mit von der Partie, was man am Ende des ersten Bandes nicht mehr erwartet hätte.

Ein Wort zur deutschen Ausgabe von Knaur: „Kushiel’s Dart“ wurde gedrittelt, die sehr schönen und passenden Titelbilder (der 2. Band der Trilogie zeigt exakt die Tätowierung auf Phèdres Rücken sowie genau das passende Kleid mit dazugehörigen Schleier in der richtigen Farbe z.B.) wurden durch süßliche Bildchen ersetzt, der Titel „Die Geheimnisse des Nachtpalais“ suggeriert auch wohl eher etwas anderes als Phèdres eher harte Leidenschaften und dürfte die falsche Zielgruppe ansprechen bzw. die passende verschrecken. Die Teilung selbst ist tödlich – Eine Einleitung, ein Mittelteil ohne Vorgeschichte und Schluss und dann das Finale als separates Buch? Das geht selten gut, hier ist es tödlich. Da das Buch sich sehr komplexer Sprache bedient, ist die Übersetzung wohl ähnlich wie bei Guy Gavriel Kay leider wirklich nur ein Kompromiss und ganz klar zweite Wahl.

Jacqueline Carey plant weitere Romane in Terre d’Ange, allerdings mit anderen Hauptfiguren. Man darf gespannt sein.

Die Trilogie im Überblick:

Kushiel’s Dart (ISBN 0-765-34298-7)
Kushiel’s Chosen (ISBN 0-312-87239-9)
Kushiel’s Avatar (ISBN 0-765-34753-9)

Homepage der Autorin:
http://www.jacquelinecarey.com/

Empfehlenswerte Fanseite:
http://www.stargirl-designs.com/rw_main.html

Frances Sherwood – Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes

Die jüdische Gemeinde in Prag wird 1601 von der katholischen Kirche und Kaiser Rudolf II. bedroht. In ihrer Not erschaffen sich die Juden aus Lehm einen Golem, der sie beschützen soll. Der künstliche Mensch entwickelt Geist und Gefühle, die von einer jungen Frau erwidert werden … – Historischer Roman, der die Golem-Sage um den Rabbi Löw variiert. Die Verfasserin erzählt mit Schwung und angenehmer ironischer Distanz diese Geschichte, ohne sich in der bloßen Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Welt zu verlieren. Der historischen Handlung eingeflochten wird eine Liebesgeschichte, die allerdings diese Tugenden vernachlässigt und in Herz-Schmerz-Klischees abrutscht, was den ansonsten positiven Eindruck verwässert.
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Winkler, Dieter – magische Reich, Das (Wolfgang Hohlbeins Enwor – Neue Abenteuer 1)

Mit „Das magische Reich“ hat Piper eine weitere Fortsetzung zu Wolfgang Hohlbeins Enwor-Zyklus veröffentlicht. Die Enwor-Welt ist ein gemeinsames Kind von Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler, wobei die eigentliche Schreibarbeit bisher hauptsächlich von Herrn Hohlbein geleistet wurde. „Das magische Reich“ ist der erste Band aus Herrn Winklers Feder.

Der junge Daart ist zusammen mit seiner Partnerin Carnac auf dem Weg nach Irapûano. Offiziell befinden sie sich auf ihrer Erweckungsreise, aber nebenbei haben sie auch noch einen dringlichen Auftrag: die Essenz des Lebens zu besorgen. Obwohl sie beide noch nicht geweiht sind, tragen sie echte Sternenstahlschwerter, ein Zeichen, wie dringlich die Mission ist. Denn Enwor droht im Chaos zu versinken, und die Satai verlieren mehr und mehr die Kontrolle.
Der Gnom, der die beiden unfertigen Krieger führen soll, scheint allerdings den Weg nicht zu kennen. Zusätzlich zu diesem Ärgernis sind sie kurz davor, in einen Schneesturm zu geraten. Dann stürzt Daart ab. Er überlebt, wacht aber zu seiner großen Überraschung mitten im Dschungel wieder auf. Der Führer ist noch da, offenbar an derselben Stelle abgestürzt, aber Carnac ist verschwunden. Daart macht sich auf die Suche und trifft dabei auf Irana, die von sich behauptet, zum Orden der Prophetinnen zu gehören. Ihre Anwesenheit an diesem Ort – und nicht nur die – wirft für Daart eine Menge Fragen auf, doch er kommt nicht dazu, sie zu stellen, denn sie werden angegriffen. Ihre halsbrecherische Flucht ist der Auftakt zu einem endlosen Verwirrspiel. Beide landen letztendlich in Nyingma, der Festung und Hauptstadt der Aralu, und in der Gewalt von Nubina, deren Herrscherin. Nubinas Macht beruht auf Schein und Täuschung, und schon bald weiß Daart nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dabei kann er sich Zweifel überhaupt nicht leisten. Sein und Iranas Leben stehen auf dem Spiel und nebenbei auch noch das Schicksal von ganz Enwor, denn Nubina strebt nach Unsterblichkeit, nach der Essenz des Lebens, die sie durch Zelebrieren der Großen Zeremonie gewinnen will. Um jeden Preis müssen Daart und Irana die Durchführung dieser Zeremonie verhindern. Auf dem Weg dorthin begegnet Daart seinem schlimmsten Alptraum…

Der Hauptteil des Buches dreht sich um Daarts Kampf gegen Halluzinationen, Sinnestäuschungen und nicht greifbare Wahrnehmung. Nichts ist so, wie es scheint, alles wirkt verdreht, unwirklich und bizarr. Eine solche Welt lässt, zumindest bis zu einem gewissen Grad, etwas zu, was sonst nicht einmal in der Fantasy möglich wäre: das Aushebeln der Logik. Die Handlung ist vergleichbar mit einem Traum. Eine Person, die ursprünglich als Frau erschien, ist plötzlich ein Mann und dann wieder einen Frau; Tote leben wieder; Personen tauchen auf, sind plötzlich wieder verschwunden, um dann anderswo wieder aufzutauchen; und das alles nicht unbedingt in einem erkennbaren Zusammenhang. Das einzige, was von Anfang an klar ist, ist die Tatsache, dass den Sinnen an diesem Ort nicht zu trauen ist, am allerwenigsten den Augen. – Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Daarts Sicht. Was mit den anderen geschieht, während sie voneinander getrennt sind, erfährt man also nicht. Man ist ganz auf die Sinne Daarts angewiesen, und Irana, die offenbar weiß, worum es bei all dem geht, beantwortet seine Fragen nur ausweichend und diffus. Dieser Umstand, zusammen mit der teilweise überstürzten Handlung, zwingt den Leser in dieselbe Verwirrung, die Daart empfindet. Das macht es ziemlich hautnah, allerdings bleibt durch eben diese aufgezwungene Verwirrung die Spannung auf der Strecke. Man ist als Leser viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, Ordnung und einen gewissen Sinn in dieses Chaos zu bringen, um der Zuspitzung auf das Ende folgen zu können. – Für die Charaktere bleibt in diesem actionlastigen Wirrwarr nicht viel Raum. Daarts Person erhält als einzige ein wenig Profil durch die immer wieder einfließenden Erinnerungen, die sein Fühlen einigermaßen nachvollziehbar machen, andererseits geht durch sein verwirrtes Denkvermögen auch wieder einiges an Charakterzeichnung verloren. Von Nubina dagegen erfährt man überhaupt nichts, außer, dass sie offenbar größenwahnsinnig ist. Auch Harkon, der Führer und Gnom, bleibt ziemlich blass. Alle anderen vorkommenden Personen sind nur Randerscheinungen, wenn man so will eher Requisite als Darsteller.

So viel Freiheit ein Szenario wie das obige dem Autor auch bieten mag, es ist trotzdem nicht ganz ohne Tücken. Es besteht die Gefahr, dass der Autor selbst den Überblick verliert. Von einem Alptraum erwartet man nicht, dass er sich nach dem Aufwachen durch ein paar Antworten plötzlich erklären lässt, insofern spielt es keine Rolle, wenn man nicht erfährt, ob Nubin und Nubina nun eine oder zwei Personen waren. Aber manchmal gelten die Gesetze der Logik eben auch für einen Albtraum, und zwar dann, wenn das Geschehen nicht wirklich ein Traum ist, sondern nur albtraumähnliche Züge trägt. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind in „Das magische Reich“ größtenteils verwischt, das ist natürlich Absicht und im Großen und Ganzen auch gut gemacht. Aber es ist kein reiner Traum, wie sich am Ende herausstellt. Der Handlungsablauf muss sich also dem Anspruch stellen, in sich schlüssig zu sein, und das ist er nicht immer. Dass zum Beispiel jemand, der gemäß seiner eigenen Aussage die Kunst der Illusion selbst nur sehr unvollkommen beherrscht, tatsächlich in der Lage sein soll, einen Meister dieser Kunst damit zu täuschen, wie Irana es tat, kommt mir irgendwie unwahrscheinlich vor. Nun, dafür könnte man vielleicht eine Erklärung konstruieren. Ein zweiter Punkt ist, dass Zar`Toran, ein Magier, den Daart aus seiner Kindheit kennt, plötzlich wieder auftaucht, obwohl er eigentlich tot sein sollte. Vielleicht liegt der Schlüssel dazu im vorhergehenden Band. Der dritte und störendste Punkt aber ist die Frage: wozu eigentlich dieses ganze Theater? Laut Iranas Aussage dient alles, was Nubina mit Daart anstellt, nur dazu, seinen Willen zu brechen, um Informationen preis zu geben, die er nicht verraten darf. Tatsächlich will Nubina aber etwas ganz anderes von Daart, nämlich, dass er Irana für sie tötet, die eine Bedrohung für sie darstellt. Warum braucht sie Daart dafür? Sie hätte Irana mehrfach selbst ausschalten können und Daart gleich dazu, oder das von ihren Kriegern erledigen lassen können. Diese Tatsache lässt die gesamte Handlung aufgebläht, umständlich und überflüssig erscheinen, etwas, das ich auch schon bei anderen Hohlbein-Büchern festgestellt habe, und es wäre gut, wenn zumindest im nächsten Band dem Autor gute Gründe dafür einfallen. – Abgesehen von all dem muss ich sagen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass einige Ideen auf fremdem Mist gewachsen sind. Dass die Landkarte von Enwor der des nordamerikanischen Kontinents verblüffend ähnelt, ist dabei das Geringste, sowas kennen wir bereits von Xanth. Gleichzeitig klingt aber der Name des Magiers Zar`Toran doch sehr nach Kal`Torak, dem finsteren Gott aus Eddings Elenium-Saga, und auch die Opferriten erinnern daran, auch wenn das Feuer hier einen stärkeren Einfluss hat als bei Eddings. Der Gezeitenwurm ist mir, wie ich meine, ebenfalls schon mal irgendwo begegnet.

Sprachlich gesehen ist das Buch ziemlich leicht zu lesen, wobei sich Winklers Sprach- und Erzählstil nicht sehr von Hohlbeins unterscheidet. Er schreibt etwas straffer und temporeicher, aber größere Unterschiede gibt es nicht, auch nicht in der Gewichtung von Handlung zu Personendarstellung. Negativ ist mir aufgefallen, dass es an manchen Stellen holpert. Häufig tauchen dieselben Formulierungen auf, Wörter kommen im selben Satz zweimal an unterschiedlichen Stellen vor, obwohl einmal genügen würde, und mancher Druckfehler macht durch fehlende Umlautpunkte aus einem Konjunktiv einen Indikativ. Ansonsten liest es sich flüssig.
Der Enwor-Zyklus umfasst insgesamt zwölf Bände, von denen ich allerdings nur den Neuesten gelesen habe. Normalerweise steigt niemand so weit hinten in einen solchen Zyklus ein – dass ich es getan habe, war reine Unwissenheit – , deshalb wurde verständlicherweise auf die Erklärung von Spezialwörtern der Enwor-Welt verzichtet, was es anfangs etwas mühsam machte. Auch einiges Vorwissen aus den vorigen Bänden fehlte mir, das für die Handlung an sich zwar nicht unabdingbar ist, aber im Hinblick auf das Gesamtbild der Enwor-Welt erwies sich dieser Mangel doch als Handikap. Ich empfehle deshalb jedem, der sich für diesen Zyklus interessiert, vorne anzufangen. Die ersten zehn Bände erzählen offenbar die Geschichte eines anderen Satai namens Skar, dessen Name auch in diesem Band genannt wird, der aber selbst nicht wirklich vorkommt. Mit Band Elf beginnt dann die Geschichte von Daart, die wohl auch Einzelheiten zu dem enthält, was man im neuesten Band durch seine Erinnerungen erfährt. Vielleicht vertieft das auch nochmal die Charakterzeichnung der Protagonisten, die mir bisher bei allen Hohlbein-Büchern – auch den in Kooperation geschriebenen – immer arg zu kurz gekommen ist, selbst wenn das Geschehen nicht so actionreich und hektisch war wie in „Das magische Reich“.

Für mich bedeutet diese zuletzt genannte Oberflächlichkeit in der Charakterzeichnung zusammen mit dem Punkt der grundlos umständlichen und damit unrealistischen Handlungsführung das k.o.-Kriterium für weitere Winkler- und Hohlbein-Bücher, obwohl in diesem Fall die Grundidee, die Verwirrung und Zerstörung der objektiven Wahrnehmung durch Illusion und Drogen und der dadurch bewirkte geistige Zusammenbruch eines Menschen ein durchaus interessantes Thema wären. Und da dieser Band mit seiner ausgefallenen Handlung wohl auch nicht repräsentativ für den restlichen Zyklus stehen dürfte, werde ich diesen nicht nachlesen. Pure Action liegt mir einfach nicht.

http://www.hohlbein.de/
http://www.dieter-winkler.de/

Dick, Philip K. – besten Stories von Philip K. Dick, Die

Über diesem himmelblau gefärbten Titelbild steht in breiten Lettern PLAYBOY. Was soll uns das sagen? Handelt es sich um erotische Storys, in Hugh Hefners Auftrag geschrieben? Oder wurden hier nur PLAYBOY-Autoren beauftragt, Einschlägiges über Häschen und damit verbundene Freuden zu Papier zu bringen?

Leider wird auch der Häschen-Liebhaber enttäuscht, denn die Storys dieses Bandes stammen aus der Schreibfabrik eines einzigen, wenn auch bekannten Science-Fiction-Autors. Und der schrieb zwar ab und zu mal für Hefners Häschen-Blatt (denn es zahlte gut), aber leider in den seltensten Fällen über Einschlägiges. Vielmehr waren die zwei Fragen „Was ist menschlich?“ und „Was ist die Wirklichkeit?“ seine Hauptanliegen.

Das Vorwort schrieb 1976 John Brunner. Er war zu dieser Zeit selbst einer der renommiertesten britischen Science-Fiction-Autoren.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstress‘ durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“, „Screamers“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf einer Dick-Story beruht.

_Die Storys_

Und da liegt dann das Wobb

Auf dem kolonisierten Mars nehmen die Astronauten unter Captain Franco ein einheimisches Lebewesen an Bord, das sie zunächst für ein Schwein halten und als Nahrungsmittel vorgesehen haben. Das Wobb beginnt zu sprechen, denn es hat erhebliche Einwände gegen die Vorstellung, verspeist zu werden. Es würde sich lieber über menschliche Mythen wie Odysseus unterhalten, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend… Nachdem sich Captain Franco und seine Matrosen von ihrer Überraschung erholt haben, knallt Franco das Wobb kaltblütig ab. Er lässt es zubereiten und servieren. Während die anderen kaum etwas davon runterbringen, lässt es sich Franco schmecken. Und dann fordert er Peterson zu einer Fortsetzung der unterbrochenen Diskussion über Odysseus auf, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend. Peterson starrt ihn entsetzt an… Gute Pointe, nicht wahr? Auf eine solche Verteidigungsstrategie der Wobb-Spezies muss man erst einmal kommen.

Ruug

Boris ist ein braver Wachhund, der das Heim der Cardossis zuverlässig bewacht. Aber auch er hat keine Chance, als die Ruugs kommen. Die schnappen sich eines Nachts einfach die „Opfergaben“, die die Menschen in einer Tonne vor der Haustüre abstellen.- Die Aliens als Müllmänner? Warum nicht! – Stellen wir uns mal die Story im Kontext des Kalten Krieges vor: Was, wenn die bösen Sowjets es „nur“ auf amerikanischen Müll abgesehen hätten statt auf amerikanische Töchter? Lächerlich genug? – Oder wenn die Alien-Armada käme, um die Menschen um ihren Müll zu erleichtern? Willkommen genug? Aber wir befänden uns dann in der Lage des machtlosen Wachhundes Boris. Und diese Vorstellung ist wohl nicht so angenehm.

Die Zweite Variante

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Paul Weller in einer der Hauptrollen verfilmt. – Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichts ahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.

Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

Der Infiltrant (Impostor)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.

Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit denen sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.

Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…

Kolonie

Planet Blau ist endlich bereit für die Übergabe an die Siedler von der Erde: eine idyllische Welt, die der Mensch in Besitz nehmen kann, nachdem er die Erde mehr oder weniger zur Sau gemacht hat. Es gibt nicht einmal richtige Krankheitserreger hier. Nur etwas ist merkwürdig, muss Major Lawrence Hall eines Tages feststellen: Gegenstände werden lebendig und greifen Menschen an! Nachdem er beinahe das Opfer seines Mikroskops geworden wäre, unterzieht sich Hall einer psychologischen Untersuchung: nichts. Dann erfolgt der nächste Angriff…

Offenbar kann die beherrschende Lebensform jede beliebige Gestalt annehmen. Nicht mehr nur Menschen haben sich gegen Hall & Co. verschworen, sondern alles vom Handtuch bis zum Raumschiff. Paranoia in höchster Vollendung: No-one here gets out alive!

Entbehrlich

Eine kleine Phantasie über einen einsamen Mann ohne Namen, der die Tiere versteht. Nicht irgendwelche Tiere, sondern jene Insekten, die sein Haus zu belagern scheinen: Raupen, Spinnen, Ameisen. Vögel, Gott sei Dank, nicht. Er leidet eindeutig unter akutem Verfolgungswahn.

Mit Recht! Denn die Ameisen blasen zum Angriff. Zu oft hat der Mann Angehörige ihrer Spezies vernichtet. Nun gelingt es ihm zwar dank einer Warnung der Spinne an seinem Gehweg, einen Großangriff der Ameisen zurückzuschlagen, doch das bedeutet nur einen Aufschub, keinen Sieg.

Immerhin bieten sich ihm nun die Spinnen als Verbündete an. Schließlich seien die Menschen auf der Erde auch nur Zugereiste. Folglich müssten sie sich gegen die Einheimischen – Ameisen etc. – zur Wehr setzen. Man könnte sich ja zusammentun: Spinnen und Menschen gegen Ameisen. Aber für ihn, den Mann, als Individuum, sei es leider zu spät. Er selbst erweist sich als entbehrlich. Zu schade!

Diese kurze Parabel scheint auf verschlüsselte Weise die Diplomatie des Krieges zu schildern. Die Vereinigten Staaten suchen Verbündete in der Dritten Welt, natürlich gegen die Kommunisten. Leider müssen die Verbündeten, vielleicht ein wenig zu spät, erfahren, dass sie ein ganz klein wenig „entbehrlich“ sind. Denkt man an die Südvietnamesen, wird ein Schuh draus.

Foster, Du bist tot

Diese Story war die erste, die Dick auch in die Sowjetunion verkaufen konnte.- Mike Foster hat’s in der Schule schwer. Sein Vater, ein Möbelhandlungsbesitzer, ist der einzige Bürger der Stadt, der keinen privaten Schutzbunker besitzt, keine Beiträge für die Permanente Nationale Verteidung zahlt und auch die Gebühr für den Schulbunker nicht entrichtet hat. Kein Wunder, dass die Lehrerin, Mrs. Cummings, darüber sehr erstaunt und enttäuscht ist, von seinen Mitschülern wird Mike wie ein Aussätziger behandelt.

Doch Bob Foster entgegnet auf die Vorwürfe seines Sohnes und seiner Frau Ruth, dass diese Bunker erstens zu teuer für ihn seien und zweitens der reinste Konsumterror. Ja, der Präsident hat sogar die Städte zu einem Wettbewerb untereinander angespornt. Nur um damit den Umsatz von General Electronics zu steigern. Aber er lässt sich breitschlagen und kauft das neueste Bunkermodel, einen GEC S 1972 für 20.000 Dollar auf Raten. Mike ist total happy, und auch die Nachbarn begrüßen den früheren Abtrünnigen in ihrer Mitte.

Doch kaum ist der Bunker unter der Erde verbuddelt, kommt die Nachricht, die Sowjets hätten Bohrgranaten entwickelt, und gegen die müsse man nun Adapter kaufen. Bob Foster hatte Recht: Dieser Konsumterror wird ewig weitergehen. Seinem Sohn bricht es fast das Herz, als er erfährt, dass sein Vater den Bunker hat zurückgeben müssen. Er fühlt sich so tot, wie alle sagen, dass er es bald sein werde, wenn er nicht…

Diese Erzählung ist wirklich erstaunlich gelungen, nicht nur in ihrer Aussagekraft, sondern auch in der emotionalen Kraft der Charakterisierung von Figuren, die sich einer bizarren Situation ausgesetzt sehen, die aber allen außer einem (Mikes Vater) völlig normal und vernünftig vorkommt.

Das Vater-Ding

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Doch Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.- Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

Wartungsdienst

David Courtland ist Forschungsdirektor bei einem Farbenhersteller in San Francisco. Da schneit eines Abends ein Servicetechniker herein, um seinen „Swibbel“ zu reparieren. Courtland wusste gar nicht, dass er so etwas besitzt. Doch der sofort wieder weggeschickte Techniker hat seinen Auftragszettel auf der Fußmatte hinterlassen: Seine Firma wurde 1993 gegründet – Courtland lebt im Jahre 1955!

David wittert eine Riesenchance für einen lukrativen Geschäftszweig und trommelt seinen Boss, diverse Techniker und eine Stenographin zusammen. Vielleicht kommt der Mann aus der Zukunft ja zurück. Als dieser Fall eintritt, wird er von den Männern ausgequetscht, die sich natürlich dumm stellen. Aber ihre Gesichter werden mit jeder weiteren Erklärung länger: Swibbel wurden nach dem ersten europäischen Krieg 1991 von R. J. Wright erfunden, um das Problem der Überläufer zu lösen. Die künstlich gezüchteten Organismen sorgten durch Telepathie für totale Loyalität. Und wer nicht loyal sein wollte, wurde von ihnen gefressen. Im zweiten europäischen Krieg von 2005, dem Großen Krieg, bewährten sie sich ausgezeichnet.

Als der Service-Techniker alles erklärt, vom Nichtvorhandensein eines Swibbels in Courtlands Haushalt erfahren hat und wieder in seine Zeit zurückgekehrt ist, versuchen sich die Versammelten von ihrem Schock zu erholen. Da klingelt es schon wieder an der Tür: Es sind vier Service-Techniker aus der Zukunft. Was werden sie wohl bringen?– Eine echt paranoide Story: Nicht nur die Regierung hat sich gegen die Bürger verschworen (siehe Edgar Hoover und Nixon), sondern auch die Maschinen und Haushaltsgeräte.

Autofab

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metall Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

Was menschlich ist

Die Story aus dem Jahr 1955 lotet menschliches und fremdartiges (androidisches, außerirdisches) Verhalten aus, so dass sie Dicks Credo beinhaltet, was für ihn „menschlich“ ist. – Lester Herrick mag vielleicht ein guter Wissenschaftler sein, aber er ist in den Augen seiner Frau Jill ein gefühlskalter Pedant, dem sie nichts recht machen kann. Eines Tages wird er auf einem Fremdplaneten von einem Alien übernommen – und wird plötzlich zu einem liebevollen Ehemann.

Jill überwindet ihr Misstrauen und bewahrt daraufhin das Alien vor der Vernichtung: Sie hat ihrem Bruder Frank ihre Verwunderung über Lesters Verhaltensänderung gestanden, doch Frank arbeitet beim Nachrichtendienst. Ihm ist klar, dass Lester auf Rexor Interview von einem Alien übernommen worden sein muss, das von seiner sterbenden Welt fliehen wollte. Doch ohne Jills Zeugenaussage kann er die Vernichtung des Aliens und die Umkehrung der Veränderung nicht veranlassen… –

Nicht der Umstand, wo oder mit welcher Hautfarbe man geboren wurde, macht Menschlichkeit aus, sondern Freundlichkeit und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen. Dieses Credo findet sich in fast allen Alien- und Androidengeschichten Dicks.

In „Was menschlich ist…“ protestiert er einerseits gegen den McCarthyismus seiner Zeit, lässt aber auch einen Alien auftreten, der sich anhand veralteter terranischer Bücher den Charme eines Gentleman von vor 200 Jahren angeeignet hat. Dieses Detail erinnert an die Story von „Kate und Leopold“. Jill Herricks ist über den neuen Gentleman an ihrer Seite sicherlich nicht unglücklich und will ihn noch eine Weile behalten.

Oh, wenn man ein Blobel ist!

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Mensch, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

Der Glaube unserer Väter

Dick verknüpft in einer seiner Anstoß erregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.

Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.

Nachdem sie ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, war 1967, während des Vietnamkrieges, ein Gräuel. Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem gab es noch Drogenkonsum und Sex, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte erledigt oder relativiert haben.

Die elektrische Ameise

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.

Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)

Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur seine eigene Wirklichkeit. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

_Unterm Strich_

Diese Sammlung, die noch zu Dicks Lebzeiten erschien, nämlich 1977, enthält einige wichtige Geschichten wie etwa „Das Vater-Ding“, „Foster, du bist tot“ und „Glaube unserer Väter“. Aber es fehlen ebenso wenig witzige Pointen-Geschichten wie „Ruug“, „Wobb“ und „Blobel“. Insgesamt sind hier mehr Geschichten versammelt, die Dick als den Ideen-Autor der fünfziger Jahre zeigen statt den Realitätssezierer der sechziger Jahre. Aus den Sechzigern stammen „Glaube unserer Väter“, „Blobel“ und „Elektrische Ameise“.

Ich vermisse die Vorlage zu „Total Recall“: „Erinnerungen en gros“. Auch amüsant-ironische Geschichten wie „Nanny“ oder „Die Verteidiger“ hätten in die Sammlung Eingang finden sollen, aber wahrscheinlich war wieder einmal kein Platz dafür.

Wie auch immer: Auch diese Sammlung ist eine gute Einführung in Dicks Story-Werk und sollte dazu anspornen, sich mal den einen oder anderen Roman vorzunehmen, beispielsweise „Zeit aus den Fugen“, der eine unübersehbare Ähnlichkeit mit „The Truman Show“ hat. Er wurde aber bereits 1959 veröffentlicht.

_Michael Matzer_ ©2003ff

Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers

Das geschieht:

Für Gaius Julius Cäsar endete der Britannien-Feldzug des Jahres 54 v. Chr. mit einer doppelten Niederlage. Der spätere Herrscher des Römischen Imperiums wurde von den Inselbewohnern vertrieben. Im Tumult blieb eine riesige Truhe mit geraubten Schätzen zurück; sie konnte im letzten Augenblick versteckt werden.

Knapp einhundert Jahre später plant Imperator Claudius eine neue Invasion Britanniens. Außerpolitischer Erfolg tut Not, denn der Herrscher ist unbeliebt. Truppen werden in Gang gesetzt. Darunter befindet sich auch die in der germanischen Provinz stationierte Zweite Legion, genannt „Augusta“: fünfeinhalbtausend Männer, die zu den besten Soldaten des Reiches gehören. Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers weiterlesen