Archiv der Kategorie: Rezensionen

Nesser, Hakan – Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod; Die

Die Maardamer Kriminaler haben es diesmal mit einem ebenso kuriosen wie grausigen Fall zu tun: Seine Aufklärung zieht sich über ein halbes Jahr hin und gelingt auch dann nur, weil der alte „Hauptkommissar“ van Veeteren seinen Ex-Kollegen mit seiner Spürnase und Kombinationsgabe beisteht. Ein Serienmörder, der Frauen erwürgt, verunsichert die Bevölkerung. Er scheint ein Faible für gute Literatur zu haben.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf deutsch sind unter anderem erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl).

_Der Sprecher_

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen. „Das vierte Opfer“ gibt es bislang nur als Hörspiel.

_Handlung_

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

_Mein Eindruck_

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

|Der Sprecher|

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

|Ein Autorenfehler?|

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen . Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben. Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der Fehler ist auch im Hörbuch enthalten.

_Unterm Strich_

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Umfang: 420 Minuten auf 6 CDs

Jones, Diana Wynne – heiligen Inseln, Die (Dalemark 2)

([Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=410 zu Band 1, „Die Spielleute von Dalemark“)

Der zweite Band des |Dalemark|-Zyklus erzählt hauptsächlich die Geschichte von Mitt, einem Jungen aus der südlichen Grafschaft Holand, ebenfalls eine der Hauptpersonen des Zyklus.

Mitt ist auf einem Bauernhof nahe bei Holand geboren und verbringt dort eine behütete und frohe Kindheit. Bis sich eines Tages ein Steuereintreiber auf den Schlips getreten fühlt. Plötzlich steigt die Pacht so hoch, dass die Familie bankrott geht. Der Vater geht in die Stadt, um dort Arbeit zu suchen, und als die Mutter den Hof schließlich nicht mehr halten kann, folgt sie ihm.
Eines Tages kommt der Vater nicht mehr nach Hause. Aufständische haben einen Vorratsspeicher des Herzogs angezündet, wurden aber verraten. Mitt muss sich und seine Mutter, die zwar Geld verdient, aber nicht damit umgehen kann, über die Runden bringen. Gleichzeitig will er sich an den Rebellen rächen, die seinen Vater verraten haben. Doch alles kommt ganz anders. Unversehens findet Mitt sich auf einer halsbrecherischen Flucht wieder…

Parallel dazu handelt die Erzählung von Hildrida Navistochter, einer Enkelin des Grafen, und ihrem Bruder. Hildy, wie sie genannt wird, ist ein Wildfang und Sturkopf. Weil ihr Vater die Verlobung nicht lösen will, die ihr Großvater für sie eingegangen ist, reißt sie aus, zusammen mit ihrem Bruder Ynen, und geht einfach Segeln. Und zwar mit Ynens Yacht, der |Straße des Windes|, genau dem Boot, auf dem Mitt sich vor seinen Verfolgern versteckt…

Der zweite Band ist um einiges länger als der erste. Das Schriftbild ist auf „normale“ Druckgröße geschrumpft, außerdem hat er gute fünfzig Seiten mehr.
Hier kommt der Jugendbuchcharakter schon nicht mehr so deutlich heraus wie beim ersten Band. Die Sätze sind immer noch relativ kurz und einfach gehalten, doch der Handlungsstrang verläuft über weite Strecken geteilt und die Handlung hat deutlich mehr Bewegung als im ersten Band, ohne dabei actionlastig zu werden. So bleibt auch hier wieder genug Raum für die Entwicklung der Charaktere.
Das Hauptaugenmerk liegt wie bereits geschrieben auf Mitt, dem Straßenjungen vom Hafen. Wie Moril im ersten Band wird auch Mitt in eine Auseinandersetzung mit sich selbst hineingezwungen. Dass er nicht so reagiert, wie er es von sich selbst erwartet, verwirrt ihn. Außerdem sind da diese beiden adligen Gören auf dem Boot, mit denen er sich erst noch zusammenraufen muss, was im Hinblick auf Hildys zickigen Charakter gar nicht so einfach ist. Und als es endlich so aussieht, als hätten sie es geschafft, kommt der Störenfried Al dazwischen. Mitt kann von Glück sagen, dass er beim Alten Ammet einen Stein im Brett hat.

Die Figuren des Alten Ammet und Libby Bier stehen in diesem Band für den magischen Teil der Handlung. Mit ihnen sind die Bräuche des Seefestes verbunden, die strikt eingehalten werden, auch wenn kein Mensch mehr weiß, was es eigentlich damit auf sich hat. Beide Figuren gelten als Glücksbringer, wie ein vierblättriges Kleeblatt oder ein Hufeisen. Dass viel, viel mehr dahintersteckt, erfährt Mitt erst, als sie die heiligen Inseln erreichen, denn dort leben die Angehörigen des letzten Volkes, das weiß, wer die beiden wirklich sind, und was sie vermögen. So kommt es, dass Mitt vom Inselvolk, vom Alten Ammet und Libby Bier ein Geschenk erhält, das der Quidder Morils und ihrer Magie in nichts nachsteht.

Auch dieser Band gilt als in sich abgeschlossen, und auch diesmal kann ich dem nur unter Vorbehalt zustimmen. Denn obwohl Mitts Flucht am Ende des Buches ebenfalls beendet ist, spürt man deutlich, dass etwas fehlt. Hat Mitt die Gabe der Inseln wirklich nur erhalten, um den Norden Dalemarks zu erreichen? Das erschiene mir überdimensioniert. Auch zeigt die Tatsache, dass im zweiten Band Geschehnisse aus dem ersten aus anderer Sicht erwähnt werden, deutlich den übergreifenden Zusammenhang, was eine Menge loser Handlungsfäden bedeuten würde. Die Bücher einzeln für sich zu lesen, heißt sie aus dem Zusammenhang herauszureißen und ihnen damit einen Großteils ihres Flairs zu nehmen.
Dieses Flair besitzen sie auf jeden Fall. Erwachsene mögen sie gelegentlich etwas vorhersehbar finden, aber das kann man auch von anderen Büchern behaupten, und wer Jugendliteratur liest, muss damit rechnen, dass sie vielleicht nicht ganz so scharf geschliffen ist.

Trotzdem kann man auch für den zweiten Band getrost eine Empfehlung aussprechen. Die Autorin hat sich hier durchaus gesteigert. Beide Bände haben einen soliden Grundstein für eine Weiterentwicklung gelegt, die Charaktere sind glaubwürdig, ihr Denken und Handeln nachvollziehbar. Die Handlung bietet genug Bewegung, um nicht langweilig zu werden, und lässt auch am Ende genug Rätsel offen, um die weiteren Bände damit zu füllen. Hier aufzuhören, wäre schade.

Diana Wynne Jones lebt mit ihrer Familie in Bristol und gilt als die bedeutendste Jugendbuchautorin Großbritanniens. Viele ihrer Bücher erhielten angesehene Preise, u. a. den World Fantasy Award und den Guardian Award, wurden aber nicht alle ins Deutsche übersetzt. Unter anderem schrieb sie „Eine Frage der Balance“, „Einmal Zaubern – Touristenklasse“, und den Kinderbuch-Zyklus |Die Welt des Crestomanci|, zu dem nächstes Jahr unter dem Titel „Conrad’s Fate“ ein weiterer Band erscheinen soll.

William Hope Hodgson – Das Haus an der Grenze

hodgson-haus-grenze-cover-festa-kleinEin Einsiedler sieht sein Haus von dämonischen Schweinewesen belagert. Er bekämpft die Kreaturen und gerät dabei auf eine Reise durch Zeit und Raum … – Eigentümlicher Roman und ein Klassiker der angelsächsischen Phantastik; während die Handlungsführung fahrig ist, mischt sich stimmungsvoller Grusel mit reizvoll Rätselhaftem, wobei Metaphysik und Naturwissenschaft eine zumindest literarisch funktionierende Synthese eingehen.
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Irit Neidhardt (Hrsg.) – Mit dem Konflikt leben!? Berichte und Analysen von Linken aus Israel und Palästina

Angesichts den täglichen Nachrichten ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nicht ignorierbar. Auch in linken Zeitungen wird sich besonders stark mit der Thematik auseinandergesetzt, allerdings wurde dabei irgendwann auffällig, dass die berichtenden Journalisten im Grunde Deutsche sind, die noch nicht einmal selbst im betroffenen Land waren. Deswegen hatte die Zeitung „Jungle World“ Autoren aus linken israelischen und palästinensischen Gruppen gebeten, Beiträge aus ihrer Sicht zu verfassen. Erschienen sind diese nicht, denn überraschenderweise passten die Essays nicht zu den einseitigen Vorstellungen, die hierzulande propagiert werden. Dazu einige im Buch betrachtete Ansichten und Beispiele:

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Tolkien, J. R. R. – Silmarillion, Das

Spätestens seit den Verfilmungen von Peter Jackson ist „Der Herr der Ringe“ wohl jedem ein Begriff. Die groben Züge der Handlung sind auch denen bekannt, die die Filme nie gesehen und das Buch nie gelesen haben, und dass Mittelerde in Neuseeland liegt, wurde mittlerweile auch oft genug festgestellt. Doch die Ereignisse, die in „Der Herr der Ringe“ erzählt werden, sind nur der historische Endpunkt von Tolkiens überbordender Fantasie, erzählen sie doch den Übergang des Dritten in das Vierte Zeitalter. Dies impliziert schon recht deutlich, dass Mittelerde, das Tolkien Arda nennt, schon einige tausend Jahre Geschichte gesehen hat. Die wichtigsten Ereignisse dieser früheren Zeitalter erzählt „Das Silmarillion“. Wen also Hintergründe und Vergangenheit von Mittelerde interessieren, wer wissen möchte, wo Elben, Menschen und Zwerge herkommen, der sollte „Das Silmarillion“ ruhig einmal zur Hand nehmen. Doch der geneigte Leser sei gewarnt: Eine wirklich leichte Lektüre ist das Buch nicht!

„Das Silmarillion“ verbindet eine ganze Anzahl von in sich abgeschlossenen und doch verbundenen Erzählungen vom Anfang der Welt bis zu einer kurzen Rekapitulation des Ringkriegs, dem ja „Der Herr der Ringe“ gewidmet ist. Tolkien macht hier eine komplette Mythologie auf und beginnt naturgemäß am Anfang, nämlich mit der Musik der Ainur, seiner Götter. Durch deren Musik entsteht Arda und solange ihre Musik dauert, dauert auch Arda. Die Ainur, die auf die Erde geschickt werden, um sie zu formen, werden fortan die Valar genannt, die im heiligen Land Valinor leben – vergleichbar etwa mit dem Paradies der christlichen Religion. Zu diesem Zeitpunkt ist der Rest von Mittelerde noch ein unwirtlicher und dunkler Ort, denn einer der Vala, Melkor (später Morgoth genannt), entwickelt einen reichlich zerstörerischen Charakter und lässt sich in Mittelerde nieder, um niederzureißen, was die anderen Valar aufgebaut haben.

Als nun die Elben in Mittelerde erwachen, die Erstgeborenen, laden die Valar sie ein, mit ihnen in Valinor zu leben und ein Großteil folgt dieser Einladung auch. So verbringen die Elben zunächst viele glückliche und ungetrübte Jahrtausende in Valinor im Angesicht der Valar. Doch so handlungsarm darf die Geschichte natürlich nicht bleiben. Und so werden die drei Silmaril, Edelsteine von unbeschreiblicher Schönheit, den Elben zum Verhängnis. Sie treiben einen Keil zwischen sie und die Valar und viele der Elben verlassen Valinor, um nach Mittelerde zu ziehen. Dort aber lebt immer noch Melkor und fortan, auch nach der Ankunft der Menschen, wird das Land immer wieder von Krieg überzogen.

„Das Silmarillion“ erzählt hauptsächlich von den Wanderungen und Taten der Noldor-Elben, die Valinor verließen. Tolkien bedient sich hierbei einer seinem Thema angemessenen Sprache – der Text klingt antiquiert, da er sich hauptsächlich an alten Sagen und Mythen orientiert. Erzählt wird in großen Panoramen, Personen sind meist der Handlung untergeordnet, Dialoge oder direkte Rede sind eher selten. Da Tolkien ganze Zeitalter abhandelt, wird dem Leser automatisch große Aufmerksamkeit abverlangt. Namen und Orte tauchen reichlich und in unterschiedlichen Sprachen auf, sodass es sich anbietet, eine entsprechende Tolkien-Enzyklopädie zur Hand zu haben, um nicht schon nach den ersten Seiten komplett den Überblick zu verlieren. Klett-Cotta hat sich mit seiner Ausgabe zumindest die Mühe gemacht, ein kleines Namensregister und Wortstämme in Quenya und Sindarin (den beiden Elbensprachen) anzuhängen. Außerdem gibt es eine kurze Stammtafel ( die jedoch keineswegs umfassend ist) und zwei Karten auf den Buchklappen, auf die man während des Lesens öfter mal einen Blick werfen sollte. So gerüstet übersteht man hoffentlich auch Verwirrspiele wie jenes: „Hadors Söhne waren Galdor und Gundor; und Galdors Söhne waren Húrin und Huor; und Húrins Sohn war Túrin, Glaurungs Verderber; und Huors Sohn war Tuor, Vater Earendils des Gesegneten.“ Und so weiter und so fort. Da Tolkiens Geschichten sehr konzentriert sind, empfiehlt es sich „Das Silmarillion“ in kleinen Dosen zu genießen, da sonst kaum etwas vom Erzählten beim Leser hängen bleibt.

„Das Silmarillion“ ist sicherlich für Leser interessant, denen schon „Der Herr der Ringe“ gefallen hat und die tiefer in die Geschichte von Mittelerde eindringen wollen. Aber auch für jene, die sich allgemein für Mythologie interessieren, dürfte Tolkiens Mammutwerk eine wahre Fundgrube sein. Orientiert an alten nordischen Sagen, hat Tolkien hier eine komplette Mythologie des fiktiven Mittelerde geschaffen, die so reich an Tiefe und Details ist, dass es dem Leser glatt die Sprache verschlägt. Egal, ob man nun Tolkiens Fantasyreich verfallen ist oder nicht, diese schriftstellerische Leistung lässt sich kaum unterschätzen. Doch gerade diese Details machen „Das Silmarillion“ zu einer anstrengenden Lektüre – sprachlich wie inhaltlich. Wer nicht die Bereitschaft mitbringt, sich auf den Text einzulassen und Passagen auch mehrmals zu lesen, den wird die Lektüre schnell langweilen oder überfordern.

„Das Silmarillion“ liegt mir in der neuen Übersetzung von Wolfgang Krege vor, die ja wegen ihrer modernen Sprache in die Kritik geraten ist. Krege hält sich allerdings, bis auf wenige Ausnahmen, mit Modernismen im „Silmarillion“ relativ zurück und bedient sich einer – stellenweise monotonen – „und dann, und dann“-Sprache, die den Effekt alter Sagen hervorrufen soll. Nur an einigen Stellen gehen ihm die Zügel durch und absolut unpassende Wendungen ragen plötzlich unschön aus dem Text heraus. Solche stilistischen Ausrutscher lassen sich natürlich ganz einfach vermeiden, wenn man eine der zahlreichen englischen Ausgaben zur Hand nimmt und sich damit gleich dem Original widmet.

„Das Silmarillion“ eignet sich also für Tolkien-Fans und solche, die es werden wollen. Der panoramische Stil verbietet es, Charaktere darzustellen, mit denen man sich durch das Buch hindurch identifizieren kann. Figuren werden eingeführt und wieder fallen gelassen. Tolkien erweckt tatsächlich überzeugend den Eindruck einer Sage, die von lang vergangenen Reichen erzählt. Wem dies nicht liegt, der wird sich mit dem „Silmarillion“ schwer tun. Allen anderen sei das Buch empfohlen!

(p.s.: Wer keine Tolkien-Enzyklopädie zur Hand hat, um die Lektüre gut gerüstet zu beginnen, der findet einen treuen und zuverlässigen Begleiter in der [Encyclopedia of Arda]http://www.glyphweb.com/arda/ im Internet.)

Esselborn, Hans (Hrsg.) – Utopie, Antiutopie und Science-Fiction im deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts

In Paris fand 2002 ein Kolloquium statt, das sich mit literarischen Bezügen zu Utopien im deutschen Roman des letzten Jahrhunderts befasste. Hans Esselborn gab dazu ein Jahr später im Verlag |Königshausen und Neumann| dokumentarisch die entsprechende Vortragsreihe heraus.

Auffallend ist die stark politische und gesellschaftsbezogene Auslese, d. h. Science-Fiction und Fantasy in dem Sinne, was die meisten heute unter diesem Genre verstehen, werden kaum behandelt. Das Augenmerk liegt auf historischen Ereignissen wie den Weltkriegen und dem Kalten Krieg und wie sich Schriftsteller damit auseinandersetzten. Aufgrund der in Frage kommenden Bandbreite präsentiert sich eine vielfältige Vermischung von Utopie, Antiutopie und Science-Fiction. Science-Fiction wurde früher in Deutschland ja auch als „utopischer Roman“ bezeichnet und war wurde als ausschließlich technisch-utopischer Zukunftsroman verstanden. Erst in späteren Jahren nannte man das Genre auch hierzulande Science-Fiction, und unter diesem Begriff hatte sich auch die Thematik völlig verändert und legt nunmehr das Hauptgewicht ebenso auf entspannendere Unterhaltung nach ähnlichem Muster wie der Abenteuer- oder Kriminalroman. Um diese modernen Varianten geht es allerdings in den vorliegenden Beiträgen, die zeitchronologisch geordnet sind, nicht.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstanden zahlreiche Kriegsromane, die man als Utopien bezeichnet. Breite Diskussion nimmt der nichtmögliche Versuch ein, den „positiv“ gewerteten Anti-Kriegsroman vom „negativ“ gewerteten Kriegsroman unterscheiden zu können. Nach politischer Gesinnung trennt man Spreu vom Weizen, d. h. wenige pazifistische Autoren von der Menge der Kriegsverherrlicher. Da der 1. Weltkrieg ein völlig neuer Kriegstypus war, gelang es nur wenigen, dies in ihren Romanen hervorzuheben und diejenigen, die das erkannt hatten, ließen ihre Romane meist in der Apokalypse enden. Der deutsche Zukunftsroman war fest in den Händen der politisch extrem rechten Autoren, die völkisch die Nation hervorhoben, mit starken Führerfiguren, und die ihre Rassenkriege normalerweise mit dem Sieg Deutschlands enden ließen. Sofern das überhaupt auf niveauvoller Ebene stattfand, orientierte man sich an der Kritik der Moderne, wie sie von Friedrich Nietzsche formuliert worden war. Um es spannend zu machen, ging man insgesamt nach dem Erzählmuster vor, wie es Jules Verne vorgelegt hatte.

Als Ikone des faschistischen deutschen Science-Fiction-Autors wird Hans Dominik herausgestellt, der zwar auch mit Kriegs- und Kriminalromanen begonnen hatte, aber später tatsächlich in der Hauptsache utopische Romane schrieb. Seine Bücher gehen bis heute in die Millionenhöhe. Ideologisch hielt er sich an die Gesinnung, die Oswald Spengler mit seinem „Der Untergang des Abendlandes“ vorgegeben hatte. In manchen seiner Romane streifte er auch das Okkulte und diese sind mit entsprechendem Hintergrund auch heute noch lesenswert – z.B. „Atlantis“ (1925) und „Befehl aus dem Dunkeln“ (1933). In den meisten Zukunftsromanen nach 1933 wimmelte es ansonsten ja eher von technischen Utopien: kühnen Ingenieuren und Kampffliegern, mysteriösen Luftschiffen und Atomkanonen etc. Vom Autor des Essays, der sich im vorliegenden Band mit Hans Dominik auseinandersetzt, wird bemängelt, dass dessen Bücher ständig neu aufgelegt werden und er kritisiert dabei, dass Dominik nie so leidenschaftlich politisch engagiert gewesen sei, dass man ihn für die durch ihn geschürten Vorurteile – von denen er profitabel leben konnte – nie zur Rechenschaft habe ziehen können.

Interessanterweise wird der sonst gern als faschistischer Romanautor geltende Ernst Jünger endlich einmal überhaupt nicht so eingeschätzt. Seine Romane sind ja die gesellschaftlichen Utopien überhaupt. Auch er hatte mit Kriegsfront-Romanen begonnen, aber innerhalb seines 103-jährigen Lebens danach noch sehr viele unterschiedliche Entwicklungen beschritten. Er hat mit den Technikprognosen in seinen Romanen die verblüffendsten Übereinstimmungen mit der Realität erzielt. Die heutige Realität stellt sich genau so dar, wie er sie visionierte. Diejenigen, die sich mit dem ganzen Werk Jüngers auseinandersetzen, erkennen den NS-Kritiker, Pazifisten und spirituellen Visionär eines Wassermann-Zeitalters mit seinem zyklischen Philosophieverständnis als einen tief Eingeweihten der Tradition, welcher die Gesellschaft genauestens beobachtete.

Ein weiterer großer Utopieroman stellt natürlich „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse dar. Dieses Alterswerk ist eine Kritik an den Schrecken des 3.Reiches, die so viele Fragen aufwirft, dass sich auch heute noch die Literaturwissenschaftler immer wieder mit neuen Aspekten darin auseinandersetzen. Im Vordergrund steht der Mythos, zu dessen Wurzeln auch Nietzsche zurückfinden wollte. Hesse rehabilitierte damit auch den Geist von Nietzsche, der ja durch die NS-Diktatur missverstanden und missbraucht und durch die herrschenden politischen und finanziellen Machthaber in ihren Dienst genommen wurde. Im „Glasperlenspiel“ wird deutlich, dass der Begriff des „Übermenschen“ als Ziel nicht falsch sein kann, aber bei den Nazis in Gift umgeschlagen war. Das „Glasperlenspiel“ ist das utopische Märchen für Erwachsene schlechthin.

Ähnlichen Raum nimmt der Roman „Der Stern des Ungeborenen“ ein, das letzte Werk von Franz Werfel. Diese 700 Seiten sind noch immer nicht entschlüsselt und stießen auf große Kritik und Unverständnis, aber vor allem deswegen, weil der Roman sich von sämtlichen vorherigen realistisch gehaltenen Schriften Werfels vollkommen unterschied. Dieser Roman ist weder Anti-Utopie noch Satire auf Utopie, sondern eine eschatologische Absage an die Utopie und tief religiös.

Der nächste breit behandelte Roman ist dann „Die Erben des Untergangs“ von Oskar Maria Graf. Darauf folgt abschließend ein Streifzug durch den Schauerroman und eigentlich utopisch-technischen Roman, der aber nur unter realistisch wichtigen Tatsachen Betrachtung findet, wie die Raketenforschungen und Weltraumprojekte von Wernher von Braun, der ja unter Hitler tatsächlich an den V-2-Raketen arbeitete und später seine Forschungen bei den Amerikanern weiterführen konnte. Das Buch schließt mit philosophischen Science-Fiction-Themen im Osten während der DDR-Zeit und der neueren Science-Fiction, die mit Gen-Technologie und Reproduktionstechniken von der Wirklichkeit bereits eingeholt wurde.

Der vorliegende Band ist also keine Darstellung zeitgenössischer Science-Fiction-Literatur (der man ihren Tiefgang durchaus nicht absprechen möchte), sondern kulturhistorisch wie oben beschrieben gewichtet und für ein Grundverständnis der Ursprünge dieser Gattung unter spezialisiertem Blickwinkel ein wesentlicher Beitrag. Der Leser sollte also zunächst entscheiden, ob diese Themenausrichtung und akademische Betrachtung seiner Erwartungshaltung und seinem Interessenschwerpunkt entspricht. Für einen aktuelleren und weniger der ernsthaften oder vornehmlich gesellschaftsrelevanten Literatur zugewandten Blick in die Sci-Fi-Szene sei alternativ (oder noch besser: ergänzend) die traditionell bei |Heyne| verlegte und von Wolfgang Jeschke herausgegebene Reihe [„Das Science-Fiction-Jahr“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3453878965/powermetalde-21 empfohlen. Die diesjährige Ausgabe ist bereits im Mai erschienen.

Baldacci, David – Abgrund, Der

Web London: Top-Mann in einem Top-Team des FBI. Gestern waren sie noch „Die Sieger“, doch heute sind alle tot – bis auf einen: Web London. Was ist der Grund für sein Überleben?

_Der Autor_

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Das Versprechen“, „Im Bruchteil der Sekunde“ (September 2004). Die Hörbuchfassung von „Der Abgrund“ ist gekürzt und 465 Minuten lang, also knapp acht Stunden auf sechs CDs.

_Der Sprecher _

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Web London ist ein knallharter Typ, aber was ihm da letzte Nacht passiert ist, haute selbst ihn um. Er gehört einem Hostage Rescue Team (HRT), also Geiselrettungsteam, des FBI an. Dementsprechend hoch qualifiziert war seine Ausbildung. Zusammen mit seinem Team schickte man ihn nach Richmond, Virginia, um ein Fabrikgebäude zu stürmen. Das Haus sollte angeblich einem Drogenbaron als Einsatzzentrale dienen und bis obenhin mit Unterlagen vollgestopft sein. Das Einzige, was sich darin befand, waren ein Dutzend Maschinengewehre. Und die nahmen seine nichts ahnenden Teamkollegen sofort unter Feuer.

Durch einen Zufall gelangt London als Letzter zu dem Schauplatz des Blutbads. Auf dem Weg dorthin kommt er an einem Jungen vorbei, der zu ihm das Wort „Donnerhall“ sagt. Fortan kann sich London kaum bewegen, er weiß nicht wieso. Mit größter Mühe gelingt es ihm, die Maschinengewehre eines nach dem anderen auszuschalten und sogar den Jungen wieder aus der Gefahrenzone wegzuschaffen. Er überlebt als einziger seines Teams. Natürlich fallen sowohl seine Vorgesetzten als auch die Medienfritzen über ihn her. Überlebt zu haben, macht ihn schuldig; es lässt ihn wie einen Verräter aussehen.

Auch London macht sich schwere Vorwürfe. Was ist der Grund für sein Überleben? Um über das Trauma hinwegzukommen, begibt er sich, wie so viele seiner FBI- und HRT-Kollegen, in psychotherapeutische Behandlung bei Dr. Claire Daniels. Zuvor war er immer bei Ed O’Bannon in Betreuung gewesen, aber Dr. Daniels wollte seinen interessanten Fall übernehmen.

In der Praxis von Daniels und O’Bannon wird regelmäßige Hypnose als Mitteleingesetzt, um auf das zugreifen zu können, was das Bewusstsein im Gedächtnis weggesperrt hat. Bei diesen Sitzungen entdecken Dr. Daniels und London eine unglaubliche Tatsache: Am Tatort waren zwei Jungen, und sie wurden gegeneinander ausgetauscht. Der Junge, der „Donnerhall“ sagte, war nicht der, den Web rettete. Doch auf die Frage, warum sich in dem angegriffenen Gebäude statt einiger harmloser Büros eine Batterie tödlicher MGs befand, hat auch Web keine Antwort. Der Gedanke an Verrat in den eigenen Reihen liegt nahe, und der Undercover-Agent Randall Cove, der den Angriff vorzubereiten half, bestätigt den Verdacht. (Das wäre in einem Baldacci-Thriller wahrlich nichts Neues.)

Zunächst sieht es so aus, als stecke eine sektiererische Miliz namens „The Free Society“ unter einem gewissen Ernest B. Free dahinter, die zugleich auch den Drogenhandel an der Ostküste kontrolliert. Doch dann bekommen Web und sein bester Teamkamerad Paul Romano den Auftrag, einen reichen Pferdezüchter im Umland von Washington, D.C., zu beschützen. Billy Kenfield hat eine sehr schöne Frau, Gwen, und ein paar merkwürdige Gestalten als Ranchverwalter. Als ein Handy explodiert, scheint Web am richtigen Ort zu sein, um zu helfen.

Er ahnt nicht, dass auf dieser wie auch auf der Nachbarranch nicht alles so ist, wie es aussieht. Wie tief der Schlamassel ist, in den er hier geraten ist, ahnt er erst, als es schon fast zu spät ist. Unterdessen macht Claire Daniels in der Praxis ihres Kollegen O’Bannon eine erschütternde Entdeckung, und sie erkennt die Wahrheit über Web London selbst.

_Mein Eindruck_

Wie so viele Romane von David Baldacci ist auch „Der Abgrund“ eine Kombination von Psychothriller und Actionroman, garniert mit einer recht heftigen Verschwörung, die den Helden in ein frühes Grab führen soll. Wieder einmal kommt er gerade noch mit dem Leben davon.

Für die Action sorgen die spezialtrainierten HRT-Angehörigen mit ihren massenhaft eingesetzten Waffen, seien es nun Knarren oder Blendgranaten. Bis zum Showdown kann Web London also beweisen, was er draufhat. Und das ist eine ganze Menge.

Dumm nur, dass er trotz allem doch kein Terminator, sondern ein menschliches Wesen ist. Das macht ihn zum Beispiel für posthypnotische Befehlswörter wie etwa „Donnerhall“ anfällig und setzt ihn außer Gefecht. Das macht ihn aber auch fähig zur Liebe: zu Claire Daniels, zu Gwen Kenfield. Und die Hypnose legt offen, dass er in seiner Kindheit den gewaltsamen Tod seines Vaters zu ertragen hatte.

|Das ist alles schön und gut, aber funktioniert das auch in einem Hörbuch?|

Leider nur unter bestimmten Bedingungen. Wie alle Baldaccis ist auch dieses Buch mit einer Vielfalt von Personal vollgestopft, und dies erfordert vom Leser erhöhte Konzentration auf die Namen, die von Szenen zu Szene wechseln. Die erhöhte Aufmerksamkeit kann leicht zu Kopfschmerzen führen. Um damit nicht so große Mühe zu haben, sollte man sich also frühzeitig eine Liste der auftretenden Figuren mit ihren Namen anlegen. (Schon in meiner Zusammenfassung habe ich etliche Nebenfiguren weggelassen, um euch nicht zu verwirren.)

Um den Zusammenhang nicht zu verlieren, sollte man, anders als ich, keine längeren Pausen zwischen den einzelnen CDs machen, sondern sich alles in einem Stück anhören. Und dann noch ein zweites Mal. Nur dann, so glaube ich, kommt man dahinter, wer die wahren Drahtzieher hinter dem HRT-Hinterhalt in Richmond sind (Tipp: die Free Society ist es nicht).

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen muss diesmal eine breite Palette von Figuren abdecken. Mit den meisten Männerstimmen hat er keine Schwierigkeiten, und auch die Frauen bekommt er meist gut hin. Aber wenn er den Vorgesetzten von Web London, einen Bürohengst namens Percy Bates, spricht, meine ich immer, einem falschen Fuffziger zuzuhören, der den Helden aufs Kreuz legen will. Bates hat eine hohe Männerstimme und spricht auch noch hastig – nicht ganz koscher.

|Die Musik|

… stammt von Michael Marianetti und wird immer dann eingesetzt, wenn es spannend oder bewegend oder irgendwie besonders wird. Außerdem am Anfang jeder der sechs CDs. Und natürlich ganz besonders beim Showdown und am Schluss des Hörbuchs. Die Musik muss nicht anspruchsvoll sein, um gut zu wirken, und das tut sie. Einmal erklingt sogar eine recht fetzige Rockgitarre.

|Die Übersetzung|

… ist ein richtiges Ärgernis. Einer der Profis hat sie angefertigt: Uwe Anton. Er ist schon seit über 20 Jahren im Geschäft und selbst Autor von Jugendromanen. Aber er hatte wohl zu wenig Zeit, um sein Werk zu überarbeiten, und so kamen zuweilen recht auffällige sprachliche Schnitzer zustande. Was zum Beispiel hat man sich unter einem „Laserpfeil“ vorzustellen“? Auf den ersten Blick sieht das okay aus, aber wenn man darüber nachdenkt, ergibt es keinen Sinn. Entweder ein Laserstrahl existiert oder er existiert nicht. Aber keine Waffe verschießt Pfeile aus Licht! Außer natürlich in irgendwelchen billigen Science-Fiction-Filmen, wo sie zu den Spezialeffekten gehören. Allerdings ist Baldacci kein Science-Fiction-Autor. Und da er sich scheut, wie ein Dichter irgendwelche Metaphern einzusetzen, taugt „Laserpfeil“ auch als Metapher nicht. Es ist schlicht und ergreifend falsch ausgedrückt.

Es gäbe noch etliche weitere misslungene Übertragungen ins Deutsche aufzuzählen, aber dieses Beispiel mag genügen. Aufmerksame Leser und Zuhörer werden ohne Weiteres auf sie stoßen.

_Unterm Strich_

Die Mischung aus Actionabenteuer und Psychothriller plus Verschwörungstheorie macht auch aus diesem Baldacci-Roman eine kurzweilige, unterhaltsame Sache. Allerdings macht es die Fülle der auftretenden Figuren nötig, eine Liste anzulegen, oder man verliert den Überblick und Zusammenhang. Ratsam ist es daher auch, das Hörbuch an einem Stück und dann noch einmal anzuhören, um alles mitzubekommen. Es könnte sonst vorkommen, dass man die Pointe nicht mitbekommt. Erschwerend kommt hinzu, dass das Hörbuch eine gekürzte Fassung des Buches wiedergibt. Hilfreiche Szenen könnten fehlen.

Ulrich Pleitgen macht wie so oft einen guten Job, allerdings habe ich ihm eine oder zwei stimmliche Interpretationen nicht abgenommen. Er klingt eben am besten bei tiefen Männerstimmen. Die manchmal etwas schiefe Übersetzung durch Uwe Anton hat mich ebenfalls gestört. Aber da heutzutage Deutsch sowieso kaum noch jemand korrekt gebraucht, dürfte dieser Umstand nicht allzu vielen Leuten auffallen. Die Musikbegleitung wird einfach, aber wirkungsvoll eingesetzt. Insgesamt eine solide und lohnenswerte Veröffentlichung.

Jones, Diana Wynne – Spielleute von Dalemark, Die (Dalemark 1)

„Die Spielleute von Dalemark“ ist der erste Band von Diana Wynne Jones‘ |Dalemark|-Zyklus. Er erzählt die Geschichte von Moril, einer der drei Hauptfiguren des Zyklus.

Moril ist ein elfjähriger Rotschopf, der mit seinen Eltern, seinem Bruder und seiner Schwester durch die Lande zieht. Die Lande bestehen in diesem Fall aus vielen verschiedenen Grafschaften, die miteinander rivalisieren oder richtig verfeindet sind. Vor allem aber stehen sich Nord und Süd feindlich gegenüber, und nur Leute mit Freibriefen dürfen die Grenze zwischen den nördlichen und südlichen Grafschaften Dalemarks überschreiten. Solche Freibriefe erhalten in der Regel nur Barden, und Morils Vater Clennen ist einer davon.

Clennens Familie lebt aber nicht nur von ihren Auftritten in den Dörfern und Städten, sie nimmt gelegentlich auch Leute mit. So auch den jungen Kialan, den Moril und seine Schwester Brid überhaupt nicht leiden können. Tatsächlich scheint es, als bringe Kialan Unglück! Clennen wird ermordet, und Morils Mutter Lenina zieht schnurstracks in die nächste Stadt, um dort zu bleiben. Die Kinder reißen aus, um Kialan auf eigene Faust in den Norden zu bringen. Diese Reise bringt eine Menge Überraschungen und Gefahren mit sich …

Was mich gleich als Allererstes an dem Buch überraschte, war das große Schriftbild. Es erinnert an ein Buch für 12-Jährige. Tatsächlich schreibt die Autorin hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher. Den |Dalemark|-Zyklus würde ich unter „Jugendbücher“ einordnen, allerdings sollte man Jugendbücher nie unterschätzen, was auch „Das Elfenportal“ von Herbie Brennan beweist, von „Harry Potter“ ganz zu schweigen.

Dem ersten Band merkt man das Jugendbuch noch am deutlichsten an. Er ist der Kürzeste der vier, nicht nur wegen der größeren Schrift, sondern auch der Seitenzahl nach. Die Handlung verläuft einfach und linear, sie ist zwar nicht in der Ich-Form erzählt, aber konsequent aus Morils Sicht. So genannte Action gibt es so gut wie keine, erst gegen Ende kommt mehr Bewegung in die Handlung, und damit auch steigende Spannung.

Im Übrigen liegt das Hauptaugenmerk auf den Charakteren: auf der Entwicklung des Verhältnisses von Moril, Brid und Kialan, und vor allem auch auf der Entwicklung von Moril selbst. Der Verlust des Vaters zwingt ihn und seine Geschwister zum ersten Mal in ihrem Leben zu selbstständigem Handeln. Außerdem erfährt Moril eine Menge Neues und Unerwartetes, was ihn zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst zwingt. Und dann ist da natürlich noch die Quidder.

Die Quidder ist ein Saiteninstrument, ähnlich einer Laute. Die Barden begleiten sich damit, wenn sie singen. Als Clennen stirbt, vermacht er Moril seine große Tenor-Quidder. Er hat sie von seinem Vater geerbt, der sie von seinem Vater geerbt hat, und laut Clennen geht das Instrument auf Osfameron zurück, den berühmten Barden, von dem Clennen abstammen soll. Moril glaubt zuerst nicht daran, doch schon bald merkt er, dass bei diesem Instrument einiges sehr sonderbar ist.

Verbunden mit der Quidder und dem Beruf des Barden ist auch das Erzählen von Sagen aus der Vergangenheit. Diese Sagen sind voller Abenteuer und Magie, und die Quidder ist eng damit verwoben, denn Osfameron ist eine der Sagengestalten, nicht nur ein Barde, sondern auch ein Magier. Und nun hat Moril Osfamerons Quidder geerbt und muss lernen, damit umzugehen. Viel Zeit hat er nicht.

Erwachsene Leser werden sich bei der Lektüre vielleicht an kleinen Logikfehlern stören. So erklärt Kialan an einer Stelle, er hätte zuerst nicht geglaubt, dass Clennen Clennen sei, obwohl er kurz vorher noch davon gesprochen hat, er erinnere sich an Dagner, als sie noch Kinder gewesen seien. Doch das waren Kleinigkeiten, für die man passende Antworten konstruieren könnte, wenn man sich denn die Mühe machen möchte, insofern störten sie mich nicht sonderlich.

Sprachlich ist „Die Spielleute von Dalemark“ sehr einfach geschrieben, die Sätze sind relativ kurz und unkompliziert. Stimmungen, Gefühle, Gedanken und Beschreibungen von Landschaft und Leuten sind aber durchaus klar und deutlich gezeichnet und kommen gut rüber. Das Lektorat hat trotzdem wieder einige Schnitzer übersehen. Bei der relativen Kürze des Buches sollte das besser gehen. Daran muss |Bastei Lübbe| noch arbeiten.

Das Buch wird als in sich abgeschlossen bezeichnet. Dem kann ich nur bedingt zustimmen, insofern, als die Handlung zumindest nicht mittendrin aufhört. Genau genommen ist der erste Band aber nur die Einleitung, der noch jede Menge folgt. Wer nach dem ersten Band aufhört zu lesen, hat das Gefühl: Ganz nett, aber war’s das schon?

Tatsächlich werden in den folgenden Bänden die Handlungsfäden, die im ersten Band angelegt wurden, weitergesponnen und machen die Geschichte erst richtig interessant. Wäre der Zyklus kein Jugendbuch, wäre es vielleicht gar kein Zyklus geworden, sondern ein einziger Roman eben mit den ca. 1000 Seiten, die die vier Bände zusammenbringen. Jedem Erwachsenen, der die Geschichte lesen will, würde ich deshalb empfehlen, sie am Stück zu lesen, ohne größere Pausen. Das ist nicht weiter schwierig. Ein geübter Leser schafft den ersten Band locker in weniger als einem halben Tag. Die Folgebände gehen nicht mehr ganz so flott, wer aber den Zyklus als Einheit sieht und in einem Zug durchliest, profitiert davon im Hinblick auf Zusammenhang und Lebendigkeit, und dann ist der Zyklus durchaus auch etwas für Erwachsene.

_Diana Wynne Jones_ lebt mit ihrer Familie in Bristol und gilt als die bedeutendste Jugendbuchautorin Großbritanniens. Viele ihrer Bücher erhielten angesehene Preise, u. a. den |World Fantasy Award| und den |Guardian Award|, wurden aber nicht alle ins Deutsche übersetzt. Unter anderem schrieb sie „Eine Frage der Balance“, „Einmal Zaubern – Touristenklasse“, und den Kinderbuch-Zyklus |Die Welt des Crestomanci|, zu dem nächstes Jahr unter dem Titel „Conrad’s Fate“ ein weiterer Band erscheinen soll.

Laura Lippman – In einer seltsamen Stadt

Lippman Stadt Cover kleinIn Baltimore treibt ein Mörder sein Unwesen, der sich vom Dichter Edgar Allan Poe inspirieren lässt. Privatdetektivin Tess Monaghan erkennt, dass sich dahinter handfeste finanzielle Interessen krimineller Natur verbergen … – Eleganter Krimi mit weiblicher Detektivin, die primär ihrem Job nachgeht, statt plakativ die moderne Musterfrau des 21. Jahrhunderts zu mimen. Viel Lokalkolorit aus Baltimore fließt in die Handlung ein. Insgesamt als Thriller keine Offenbarung aber ein mit leichter Feder geschriebenes, über die gesamte Distanz unterhaltendes und amüsantes Werk.
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Meyer, Kai – Fließende Königin, Die (Merle 1)

Kai Meyer ist, neben Wolfgang Hohlbein, wohl der erfolgreichste zeitgenössische deutsche Phantastikautor. Bestseller wie [„Die Alchimistin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73 stammen aus seiner Feder. Da Meyer einen hohen Ausstoß an Werken hat (ähnlich wie Hohlbein, aber längst nicht so überdimensional), erscheinen seine Bücher breit gestreut in vielen Verlagen (u. a. bei |Heyne|, |Econ Ullstein List|, |Aufbau|, |Loewe| und auch der kleinen |Edition Metzengerstein|).
Das vorliegende Buch ist der Auftakt der phantasievollen und spannend geschriebenen |Merle|-Trilogie und gehört zweifellos zum Besten, was Meyer je geschrieben hat.

Der Autor erzählt hier die Geschichte der jungen Merle, die in einem Waisenhaus in Venedig aufgewachsen ist. Merles Venedig ist jedoch nicht mit der italienischen Stadt in unserer Welt zu vergleichen, denn hier wirken Zauberkräfte. Wunderwesen leben in dieser Welt, die von den Armeen des wiedererweckten ägyptischen Pharaos bedroht wird. Dessen Priester haben ein Mittel gefunden, Tote zu erwecken und sie als Krieger zu versklaven. Damit überrennen sie die zivilisierte Welt. Nur das russische Zarenreich und Venedig halten dem Ansturm stand. Während die Russen von der mächtigen Hexe und Göttin Baba Jaga beschützt werden, wird Venedig seit dreißig Jahren belagert und nur die schwindende Macht der |Fließenden Königin| hält die Invasoren auf. Doch Verrat droht und die Königin scheint ihre Macht eingebüßt zu haben. Nur Merles Eingreifen rettet die magische Entität. Das Mädchen schluckt die Essenz dieses Zauberwesens. Mit Hilfe des gewaltigen steinernen, fliegenden Löwen Vermithrax und der Königin in sich versucht das Mädchen, aus der bedrohten Stadt zu fliehen, um die Hölle aufzusuchen, denn der dortige „Fürst des Lichts“ versprach den Bewohnern von Venedig Unterstützung. Doch kann man dem Teufel trauen?

Kai Meyers Auftaktband einer Trilogie ist ein fulminantes Fantasybuch, durchweg spannend und phantasievoll, teilweise sogar düster, bei dem es den Leser einfach wundern muss, dass es als Jugendbuch erscheint. Denn inhaltlich unterscheidet sich „Die Fließende Königin“ kaum von einem Erwachsenenroman, ist bezüglich Qualität, Anspruch und Phantasie wohl am ehesten mit Philip Pullmans Trilogie „His dark Materials“ (dt. als Hardcover und TB bei |Carlsen|, als TB bei |Heyne| unter den Titeln „Der goldene Kompass“, „Das magische Messer“ und „Das Bernstein-Teleskop“) zu vergleichen, die aber ebenfalls in einem Verlag erschienen sind, der eher für Jugendbücher bekannt ist.

Ähnlich wie Pullman wimmelt auch Meyers Trilogie von Anspielungen auf klassische Mythen und vergisst auch die christliche Religion nicht mit einzubeziehen. So lernt Merle bei einem magischen Spiegelmacher die ehemalige Meerjungfrau Unke kennen, die ihren Schwanz zugunsten ihrer Liebe aufgegeben hat, nur um dann von ihrem Geliebten verleugnet und verschmäht zu werden. Steinerne Löwen, die fliegen können, Mumienkrieger und Hexen machen deutlich, dass der Autor sich aus den Mythen vieler Kulturkreise bedient hat. Dass dabei auch der Hollywood-Erfolgsfilm „Die Mumie“ kräftig Pate gestanden haben dürfte, erscheint nahe liegend. Trotzdem gelingt es dem Autor mühelos, seine Leser zu fesseln und zu faszinieren.

Die von Meyer entwickelten Charaktere sind überzeugend und glaubwürdig, sind vor allem weit weg von fantasytypischer Schwarz-Weiß-Malerei à la Harry Potter, die vor allem Leser, die nicht nur eindimensional in Gut/Böse-Schemata denken, abschrecken könnte. So erweist sich zum Beispiel die Fließende Königin nicht immer als rein und altruistisch. Merle lernt sie auch als diktatorisch und egoistisch kennen.

Mit Verve und Geschick erschafft der Autor eine bunte und bizarre magische Welt, welche phantasiebegabte und intelligente Leser faszinieren und begeistern sollte. Wie bei Pullman deutet auch Meyer an, dass es sich bei der vorgestellten Welt um eine Alternativwelt zu unserer handelt. So sieht man im nächtlichen Wasserspiegelbild Venedigs oft eine ganz andere Stadt und scheinbar ist es schon einigen Menschen gelungen, die Welten zu wechseln, was aber immer dazu führt, dass diese zu machtlosen Schemen wurden.

Meyers Auftaktroman ist ein bestrickendes, ungewöhnlich phantasievolles und fesselndes Fantasymeisterwerk, weit ab von den ausgetretenen Pfaden öder amerikanischer Ritter- und Zaubererlangweiler. Absolut empfehlenswert (und sicherlich alles andere als ein Kinderbuch)!

Band 1: [Originalausgabe]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3785540159/powermetalde-21 bei |Loewe|, Juni 2001, ISBN 3785540159
Band 2: [„Das Steinerne Licht“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/378554278X/powermetalde-21 bei |Loewe|, Januar 2002, ISBN 378554278X
Band 3: [„Das Gläserne Wort“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3785544030/powermetalde-21 bei |Loewe|, 2002, ISBN 3785544030

_Gunther Barnewald_ ©
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Manfred Hobsch/Michael Petzel – Heinz Erhardt. Mopsfidel im Wirtschaftswunderland

Merkwürdige Mischung aus Biografie, zeithistorischer Betrachtung und Bilderbuch, das sich mit der Karriere des deutschen Komikers Heinz Erhardt (1909-1979) beschäftigt bzw. diese zelebriert. Die Gliederung ist z. T. schwer nachvollziehbar da sprunghaft, die Texte sind relativ knapp aber informativ. Das unschlagbare Plus des in jeder Hinsicht gewichtigen Werks sind seine Fotos, die in Auswahl und Wiedergabequalität schlicht Maßstäbe setzen.

Ein Komiker als Sinnbild einer Ära

Er war in den Augen seines Publikums und der zeitgenössischen Kritik ‚nur‘ ein Komiker, der Witze riss, die Deutschland mehrheitlich unterhielten. Tatsächlich muss man ihn als Multitalent werten: Heinz Erhardt (1909-1979) war Dichter, Komponist, Musiker, Sänger, Film- und Theaterschauspieler, Produzent und, und, und … – ein Workaholic, der hart für seinen Erfolg und an der scheinbaren Leichtigkeit seines Witzes arbeitete.

Obwohl er nicht sehr alt wurde und zudem ab 1971 nach einem Schlaganfall halb gelähmt und stumm zurückgezogen lebte, umspannt Erhardts Karriere knapp vierzig Jahre. Das vorliegende Werk nimmt davon jene beiden Jahrzehnte unter die Lupe, in denen der Künstler in der deutschen Unterhaltung quasi omnipräsent war und das Fundament eines Ruhmes legte, der bis auf den heutigen Tag nachwirkt und seinen Urheber unbestreitbar zum Kult werden ließ.

In den 1950er und 60er Jahren stand Heinz Erhardt auch als Schauspieler auf der Höhe seines Ruhms. Seine Filme wurden von einem Millionenpublikum gesehen. Es lohnt sich daher, einen Blick auf das Erhardtsche Schaffen zu werfen. Manfred Hobsch und Michael Petzel unternehmen den Versuch, dies anhand der ‚typischen‘ Filme dieser Ära darzustellen.

Ein Leben im Unterhaltungs-Dauerstress

„Heinz Erhardt“ wird eingeleitet durch eine kurze aber umfassende Biografie, die unter dem Titel „Aus dem Leben eines Komikers“ steht. Es folgt eine Art Ausblick („Papa Heinz wird es schon richten und Erhardts Ausflüge in den Wilden Westen“) auf den sich anschließenden Hauptteil, der in folgende Kapitel gegliedert ist:

„Vater, Mutter und neun Kinder (1958)“ berichtet auf den Seiten 60-182 (!) vom gleichnamigen Kinofilm, mit dem Erhardts Filmkarriere seinen eigentlichen Anfang nahm. Mit „Natürlich die Autofahrer (1959)“ setzte sich diese fort, um mit „Drillinge an Bord (1959)“ nach Ansicht der Kritik bereits ihren Höhepunkt zu erreichen.

„Der letzte Fußgänger (1960)“ zeigte den Komiker noch einmal in einer Hauptrolle, bevor „Freddy und der Millionär (1961)“ Erhardts ‚Abstieg‘ in größere und später immer kleinere Nebenrollen einläutete. „Der Ölprinz (1965)“ und „Das Vermächtnis der Inka (1965)“ informieren ausführlich über Erhardts kuriose Ausflüge in das Western- bzw. Abenteuer-Genre, in dem man ihn kaum vermutet hätte.

Ab S. 400 listet ein Lebenslauf Leben und Werk des Künstlers auf. Angesichts seiner Arbeitswut wundert es kaum, dass diese Aufstellung volle 18 Seiten umfasst. Auf noch einmal 100 Seiten folgt eine „Kommentierte Filmographie“, die Erhardts Kinoschaffen würdigt, sowie eine Liste der TV-Filme, in denen er auftrat. Für jeden Film finden die Mitwirkenden vor und hinter der Kamera Erwähnung. Es schließt sich eine Inhaltsangabe an, gefolgt von einigen Hintergrundinformationen und Zitaten aus zeitgenössischen Kritiken. Zu guter Letzt rundet eine Biografie der Werke von und über Heinz Erhardt das Werk ab.

Alte Fakten in neuem Blickwinkel

Was für ein Buch! 30 cm ist es hoch, 25 cm breit, 5 cm stark. Gewogen habe ich es nicht, aber auf dem Rücken liegend & den Bauch als Stütze nutzend lässt es sich nur kurz lesen. Ein Prachtband also, gedruckt auf edles und schweres Kunstdruckpapier, das vor allem die zahlreichen Bilder (s. u.) zur Geltung kommen lässt. Als Objekt des Buchdrucker-Kunsthandwerks ist er seinen stolzen Preis wert.

Der Textteil gibt bei näherer Betrachtung jedoch zu einiger Kritik Anlass. So ist zunächst darauf hinzuweisen, dass dieses Heinz-Erhardt-Buch seinen Vorgängern nichts grundsätzlich Neues beizufügen hat. Allenfalls Sekundärliteratur wurde für den Text ausgewertet, Primärquellen werden jedenfalls nicht angegeben.

„Mopsfidel im Wirtschaftswunderland“ ist dennoch kein lieblos aus Zitaten, Vorläuferliteratur & Hörensagen nachgebetetes Machwerk. Die Dichte der Erhardt-Informationen mag vergleichsweise gering sein, doch die Verfasser arbeiten intensiv mit ihnen. Sie schaffen daraus nicht das übliche Starporträt, sondern betten eine Vita in das historische Umfeld ein: Heinz Erhardt lebte nicht nur in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders, sondern er repräsentierte es auf seine Weise.

Weg von tradierten Vorurteilen

Dies wird nicht auf den ersten Blick ersichtlich bzw. wurde von der Erhardt als Galionsfigur (oder Hofnarr) des oder des Nachkriegs-Establishments nicht immer objektiv gewogenen Kritik in ein schiefes Licht gesetzt. Hobsch & Petzel arbeiten heraus, was Erhardt zur Verkörperung des Wirtschaftswunderlands werden ließ und wieso diese Schlüsse nicht selten auf historisch bedingten Missverständnissen und Vorurteilen basieren.

So einfach ist es tatsächlich nicht, die spezifische Erhardt-Komik zu ‚erklären‘. Der nüchterne Gegenwarts-Deutsche mag sich fragen, wer über solche harmlosen Witzchen lachen geschweige wie man darauf eine Karriere darauf gründen konnte. Ungeachtet dessen ist da Erhardts Kultstatus, der nach Ansicht der Verfasser eine tiefgründende Sehnsucht der angeblich so zynischen Gegenwartsgenerationen nach der alten = guten Zeit verrät, als Massenarbeitslosigkeit, Auflösung des sozialen Netzes u. a. Unerfreulichkeiten noch unbekannt waren.

Dieser spezifische Aspekt hält – neben der qualitätvollen, zunächst unauffälligen Hintergründigkeit zahlreicher Kalauer – den ‚Kult‘ Heinz Ehrhardt am Leben. Insofern waren Hobsch & Petzel gut beraten, das Schwergewicht ihrer Darstellung auf die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zu beschränken: Vorher und später war bzw. wurde auch Heinz Erhardt Opfer der Zeit- und Lebensumstände und war noch nicht bzw. nicht mehr die angenehm alltagsferne Lichtgestalt, die seinen zeitlosen Reiz ausmacht.

Weniger reden, mehr sagen!

Was an einem Werk dieser Preislage stört, ist das Fehlen eines konsequent gelegten roten Fadens. Es fallen viele unnötige Wiederholungen auf. Der Lebenslauf gegen Ende des Buches ist manchmal wortidentisch mit der Einleitungsbiografie. Auch die Vorschau auf die Filmbesprechungen nimmt außerordentlich viel von dem vorweg, was später noch einmal breit ausgewalzt wird.

Zwar interessant aber dem Konzept des Werkes widersprechend sind die eingestreuten Biografien diverser Erhardt-Kolleginnen und Kollegen. Die Auswahlmodalitäten bleiben unklar; Trude Herr als vierfache Filmpartnerin verdient zweifelsohne eine gesonderte Erwähnung, aber trifft dies auch auf Freddy Quinn, Harald Phillipp oder Erik Schuhmann zu? Ihre Viten sind nicht hilfreich in dem Bemühen, Heinz Erhardts Leben und Werk zu illustrieren.

Ein Aspekt des vorliegenden Werkes lässt indessen Negativkritik nachdrücklich verstummen: Hobsch & Petzel haben eine Fülle selten oder nie gesehener Fotos zusammengetragen. Ihr Buch wirkt über weite Strecken wie ein Heinz-Erhardt-Schrein. In allen Lebenslagen sieht man den Künstler, der – so machen diese Bilder deutlich – eigentlich immer ‚im Dienst‘ war: Stets gab Erhardt den Erhardt, sobald sich ein Fotograf zeigte.

Die Macht des Bildes

Wobei diese Abbildungen sich in Stand-, Arbeits- und Privatfotos unterteilen lassen. Allerdings sind die Grenzen fließend: Viele angebliche Arbeitsfotos verraten durch ihre Präzision den eigentlichen Zweck: Sie entstanden zu Werbezwecken für die Presse und vermitteln folglich ein geschöntes Bild von der Atelier- oder Außendreh-Realität. Hobsch & Petzel präsentieren manchmal ganze Fotoserien, die stets das identische Motiv mit nur variierten Körperhaltungen und Gesichtsausdrücken zeigen. Auch hier sehen wir Erhardt als Profi, der geduldig in seiner Rolle als Komiker posiert.

Dank ihres wahrlich königlichen Formats kommen die Fotos richtig zur Geltung. Sie sind zudem von einer Wiedergabequalität, die einfach nur staunen lässt. Schwarzweiße Schärfe, akkurat ausgeleuchtet – auch die Art des Fotografierens sagt viel über die Zeit aus, in der diese Bilder entstanden: Nicht einmal in der freien Natur duldete man ‚Unordnung‘; jeder Grashalm steht stramm, Staub und Steine sind ordentlich gefegt. Außenaufnahmen entwickeln eine seltsam Sterilität, in der sich sichtlich nur zahme, harmlose, ‚saubere‘ Unterhaltung entfalten kann. (Die wenigen farbigen Aufnahmen wirken dagegen allzu ‚natürlich‘.)

Heute sind solche Fotos selbst Dokumente geworden. Außerdem versetzen Hobsch & Petzel jenen Filmbuch-Autoren, die ihre Leser mit miserablen, verschwommenen, lieblos zusammengestoppelten ‚Starfotos‘ für dumm verkaufen, einen verdienten Doppeltritt in die Hintern. Sie übertreiben es hier und da, wenn sie schier endlose Serien oder Porträtstudien zum Abdruck bringen. Aber „Mopsfidel im Wirtschaftswunderland“ ist dennoch ein formal wie inhaltlich (in dieser Reihenfolge) gelungenes Buch, das dem Objekt seiner Darstellung nahe kommt, statt sich auf pubertäre Götzenverehrung oder das Wühlen nach schmutziger Privatwäsche zu verlassen.

Gebunden: 523 Seiten
Deutsche Erstausgabe (geb.): Juni 2004 (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)
http://www.schwarzkopf-verlag.net

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Huff, Tanya – Blutlinien

Obwohl Tanya Huff in den USA durch Fantasy-Zyklen wie die „Quarters“-Tetralogie und eine Unzahl von Romanen, die man sowohl dem Horror als auch der |Urban Fantasy| zurechnen kann, sehr bekannt ist, erschienen in Deutschland nur wenige ihrer Romane bei |Heyne|, bis |Feder & Schwert| sich der Abenteuer der Privatdetektivin Vicki Nelson und des Vampirs Henry Fitzroy angenommen hat. Die bisher fünf Romane dieser Reihe sind mittlerweile auch auf Deutsch erschienen.

Im kanadischen Ontario häufen sich seltsame Todesfälle rund um ein Museum. Ein Doktor der Archäologie und einige Wärter sterben kurz nach der Ankunft eines ägyptischen Mumiensarkophages scheinbar an Herzversagen, doch Detective-Sergeant Michael Celluci will nicht so recht an Zufälle glauben, zumal er mit dem Übernatürlichen vertraut ist und ihm einige Umstände seltsam vorkommen.
Er weiß, dass es mehr gibt als das Sichtbare und Vertraute, denn seine frühere Kollegin Vicki Nelson lebt mit einem Vampir zusammen und hatte selber schon mit ähnlichen Fällen zu tun. Trotz aller Rivalität zu dem gut 500 Jahre alten Nebenbuhler erzählt er den beiden von diesen Vorfällen.
Vicky zieht verrückte, aber gar nicht mal so abwegige Schlüsse: Könnte es nicht sein, dass ein altägyptischer Zauberpriester von den Toten auferstanden ist und versucht – just wie einst Boris Karloff in „Die Mumie“ – sein Werk fortzusetzen? Worin auch immer dies bestehen mag?
Auch Henry, der Bastardsohn Heinrich VIII. horcht auf, denn ihn quälen seit einiger Zeit schreckliche Alpträume. Die beiden beschließen Michael zu helfen und stürzen sich in die Ermittlungen, sammeln bald Informationen über weitere unerklärliche Todesfälle von Erwachsenen und Kindern.
Schon bald kommen sie auf die Spur eines Fremden, der sich Anwar Tawfik nennt, sich in die höchsten Kreise der Gesellschaft eingeschlichen hat und diese Menschen stark zu beeinflussen scheint. Sie rücken ihm auf den Leib, aber das ist ein Fehler…
Vicki und Henry müssen erkennen, dass sie es mit einem mächtigen und über 5000 Jahre alten ägyptischen Zauberpriester zu tun haben, den sie weder in seiner Macht noch in seinem Listenreichtum unterschätzen dürfen. Nicht zuletzt, weil er Vicki als Opfer seines Gottes Akhekh ausersehen hat…

Tanya Huff ist eine packende Erzählerin, der es gelingt, Action und Tiefgang miteinander zu verbinden. Sie setzt nicht nur auf eine spannende und überraschende Handlung, die kaum Kämpfe und nur wenig Blut benötigt, sondern auch auf interessant geschilderte Charaktere. Während jede der Hauptpersonen ihre Ecken und Kanten hat und die Kabbeleien zwischen Fitzroy, Celluci und Nelson die Handlung eher auflockern, gibt die Autorin dem ägyptischen Zauberpriester ebenfalls Tiefe und Raum. Er ist kein bloßer 08/15-Bösewicht, der stur nach seinem Schema handelt, sondern hat auch seine Höhenflüge und Zweifel, kann ebenso leidenschaftlich wie skrupellos handeln und findet sich schnell in der jetzigen Zeit zurecht, die ihn mehr als alles andere fasziniert.
Dadurch werden sowohl die Geschichte als auch die Charaktere lebendig, ohne dass der Roman in sentimentalen Gefühlskitsch abgeleitet, wie es bei vielen Romanen in der Richtung von Anne Rice üblich ist. Ich jedenfalls konnte den Roman kaum aus der Hand legen und möchte ihn vor allem den Leuten empfehlen, die intelligent erzählte Dark Fantasy mögen, die ohne Splatter auskommt.

Rezension des ersten Teils: [Blutzoll]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=123

http://www.meishamerlin.com/TanyaHuff.html

_Arielen_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Arnaldur Indriðason – Nordermoor [Erlendur 3]

In der isländischen Hauptstadt Reykvavík wird ein alter Mann umgebracht. Das Opfer war ein Gewaltverbrecher, der vom Gesetz gedeckt wurde, bis ihn nun die Vergeltung ereilte. Kommissar Erlendur Sveinsson folgt hartnäckig den Spuren eines Verbrechens, das alle Beteiligten gern unter den Teppich gekehrt sähen … – Endlich wieder ein Krimi aus Skandinavien, der die kollektiven Vorschussbeeren verdient, die hierzulande für Texte aus dem Norden allzu großzügig vergeben werden. Tragik, Spannung, dazu ein leiser aber kundig eingesetzter Humor: „Nordermoor“ ist das gelungene deutsche Debüt eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht.
Arnaldur Indriðason – Nordermoor [Erlendur 3] weiterlesen

Pearl, Matthew – Dante-Club, Der

Eine Mordserie erschüttert das Boston des Kriegsjahres 1865: Der Mörder tötet mit jenen Methoden, wie Dante seiner Zeit im „Inferno“ die Sünder bestrafen ließ. Und einige dieser Methoden sind recht bizarr.

Doch wer kann die Gräueltaten aufklären? Offenbar weder die korrupte Polizei noch die bestechlichen Detektive des Bürgermeisters noch diejenigen der Detektei Pinkerton. Es sind vielmehr die gesetzten älteren Herrschaften, die sich im |Dante Club| einem ehrgeizigen literarischen Projekt verschrieben haben: der ersten US-amerikanischen Übersetzung von Dantes |Göttlicher Komödie|. Dabei geraten sie selbst in Lebensgefahr.

_Der Autor_

Matthew Pearl, geboren 1977, hat in Harvard, wo ein Großteil der Handlung spielt, Englische und Amerikanische Literatur studiert und 1997 seinen Abschluss mit summa cum laude gemacht. 1998 erhielt er für seine Forschungen den Dante-Preis der |Dante Society of America|. Die erste Fassung seines Thrillers „The Dante Club“ schrieb er, während er an der Yale Law School promovierte.

Er wuchs in Fort Lauderdale auf und lebt in Cambridge, Massachusetts, wo er Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet. „Der Dante Club“, sein erster Roman, ist bisher in mehr als einem Dutzend Ländern erschienen. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Burghart Klaußner ist im Kino, im Fernsehen und auf der Bühne gleichermaßen präsent. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Max-Reinhardt-Schule war er an zahlreichen Theaterbühnen in Deutschland und der Schweiz engagiert. 1999 wurde er mit der „Goldenen Maske“ des Schauspielhauses Zürich ausgezeichnet. Seit 1995 wirkt er als Kommissar Heimeran in der ARD-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ mit. Klaußner war zudem in Kinofilmen wie „Das Superweib“, „Rossini“, „23“, „Crazy“ und „Goodbye Lenin“ zu sehen. (Verlagsinfo)

Klaußner liest die von Gisela Mathiak gekürzte Fassung.

_Hintergrund: „Die göttliche Komödie“_

Dante Alighieris erzählendes Mega-Gedicht, entstanden zwischen 1307 und 1321 (der Erstdruck erfolgte erst anderthalb Jahrhunderte später: 1472), erzählt von des Dichters Wanderung durch das Jenseits, geleitet von Vergil, einem römischen Dichterkollegen. Ein Drache namens Geryon stellt sich als Flugvehikel zur Verfügung, während der Weg durch drei Reiche führt:

– das Reich der Verdammten (Hölle bzw. Inferno)

– den Läuterungsberg bzw. das Reich der erlösbaren Büßer (Fegefeuer bzw. Purgatorio) und

– das Paradies (Paradiso)

Überall begegnet Dante den Seelen der Verstorbenen und Vergil erklärt ihm die ganze Chose. Es ist für das Verständnis des Romans wichtig zu wissen, wie sich Dante das Jenseits vorstellt und warum sein Gedicht von manchen als so gefährlich für die amerikanische Gesellschaft des Kriegsjahres 1865 erachtet wird. Denn es ist natürlich auch eine moralische Predigt – an die Lebenden.

Am Anfang des „Inferno“-Teils tritt Dante durch das Höllentor in die Vorhölle, in welche die Gleichgültigen verbannt sind. Von da aus gelangt er in die eigentliche Hölle, an deren Eingang Minos sitzt – in der Antike der Richter der Unterwelt, bei Dante ein Dämon. Minos weist den Verdammten die ihnen bestimmten Höllenstufen zu, wobei die Strafe entsprechend dem Vergehen des Sünders festgesetzt wird (contrapasso). In der Oberen Hölle (2. bis 5. Kreis) werden die Sünder aus Leidenschaft, in der Unteren Hölle (7. bis 9. Kreis) die aus Bosheit bestraft. Je größer ihre Schuld, desto tiefer ihr Platz oder Rang im Höllenschlund.

Auf seiner Reise durch das „Inferno“ trifft Dante auf verschiedene Sünder (mitunter Politiker und Kirchenmänner), deren Qualen dem Möder aus „Der Dante Club“ als Vorbild für seine Verbrechen dienen …

_Handlung_

John Kurtz, der Polizeichef von Boston im Jahre 1865, wird aufs Land zu einem ungewöhnlichen Tatort gerufen. Meist ist Kurtz mit seinen Leuten in den ausgedehnten Elendsvierteln der Stadt tätig, doch das neueste Mordopfer wurde vor einer Villa am Rande der Stadt gefunden. Der Coroner identifiziert den Toten als Richter Healey. Oder vielmehr dessen sterbliche Überreste: madenzerfressen, von Fliegen umschwärmt und – zum Entsetzen der Frauenwelt – nackt. Richter Healeys Witwe Edna ist außer sich und wirft dem Kommissar zielsicher eine Vase an den Kopf. Der Coroner bringt ihn noch rechtzeitig in Sicherheit. Sie lässt sich versprechen, nicht eher zu ruhen, als bis der Täter bestraft ist. Für Kurtz wird das also eine ernste Sache, denn mit einer Patrizierin ist nicht zu spaßen, wenn einem der Job lieb ist.

Zunächst gibt es keinerlei Verbindungen zu Dantes „Göttlicher Komödie“. Doch es gibt sehr wohl den |Dante Club| des Titels. Der Club besteht aus den vier angesehensten Dichtern von Neuengland: Prof. emer. Henry Wadsworth Longfellow (Dichter), Prof. James Russell Lowell (Sprachen), Prof. Oliver Wendell Holmes (Anatom) und Prof. G. W. Green (Historiker). Der Fünfte im Bunde ist ihr Verleger J. T. Fields, der ihre Übersetzung des Dante-Textes drucken wird.

Dieses Quintett steht unter Beschuss, denn die ehrwürdige (und offenbar völlig verkalkte) |Harvard Corporation| torpediert das Publikationsprojekt, wo und wie sie nur kann. Die |Harvard Corp.| stellt die wirtschaftliche Leitung der Universität dar, und Augustus Manning ist ihr (beinahe) allmächtiger Schatzmeister. Er setzt alle Hebel gegen das Dante-Projekt in Bewegung, denn in seinen Augen ist die poetische Dante’sche Predigt geeignet, die moralische Festigkeit selbst der besten Bürger Neuenglands zu untergraben: Sie ist katholisch! In Bostons puritanischem Geistesklima verursacht auch die von Holmes vorgenommene anatomische Sektion einer weiblichen Leiche einen Aufruhr unter den Studenten.

Ja, die Zeiten ändern sich: In Bostons Straßen patrouilliert der erste schwarze Polizist Neuenglands, wenn auch nicht in Uniform – eigentlich ein Mulatte mit dem schönen Namen Nicholas Ray (so heißt im 20. Jahrhundert ein bedeutender Filmregisseur). Ray hat die zweifelhafte Ehre, auf dem Polizeirevier von einem besoffenen Selbstmörder etwas ins Ohr geflüstert zu bekommen: vermutlich etwas Italienisches. Der Mann springt danach aus dem Fenster in den Tod. Ray wendet sich an die Kapazitäten des |Dante Club|, die eine Transkription der letzten Worte des Selbstmörders deuten sollen. Es handelt sich um eine Zeile aus dem „Inferno“ …

Nur wenige Tage danach bitten Kurtz und Ray Dr. Holmes, seinen Sezierraum benutzen zu dürfen: eine neue Leiche wäre zu untersuchen. Es handelt sich dabei um Reverend Elisha Talbot von der 2. Unitarierkirche in Cambridge. Auffälligstes Merkmal: die völlig verkohlten Füße. Nachdem sich der zartbesaitete Arzt mit Grausen abgewendet hat, fällt ihm eine Stelle bei Dante ein: Verbrannte Füße – so werden im „Inferno“ die bestechlichen Kleriker genannt, die Simonisten. Bestraft also jemand Verbrecher mit Dantes Strafmaß, dem |contrapasso| (s.o.)?

Allmählich erkennen die fünf Übersetzer, dass jemand in Boston genau jene Strafen austeilt, die sie gerade dabei sind, ins Englische zu übertragen. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen den Übersetzungssitzungen und den entsprechenden Verbrechen. Der |Dante Club| muss entscheiden, ob er gewillt ist, die Verantwortung zu tragen und entsprechend zu handeln, oder die ganze Angelegenheit, so absurd sie klingen mag, der korrupten Polizei zu übergeben. Denn Schutz für sie selbst bedeutet auch den Schutz für das Dante-Projekt. Und daher darf niemand von dem Zusammenhang mit den Verbrechen erfahren, soll das Projekt nicht völlig diskreditiert werden. Manning spioniert ihnen bestimmt bereits nach.

George Washington Green gibt schließlich den Ausschlag: Nehmen wir uns ein Beispiel an Alfred Lord Tennysons Darstellung des Odysseus und seien wir Männer, auch wenn wir schon alte Männer sind! Daraufhin schlägt der nur 48 Jahre junge Lowell forsch vor, selbst Ermittlungen anzustellen und die Polizei im Dunkeln zu lassen. Doch Letzteres gelingt nicht, denn Ray ist dafür viel zu schlau. Aber die Ermittlungen führen schon bald auf die Spur eines von der Uni verstoßenen Italienisch-Dozenten namens Pietro Bacchi. Und der hat eine verdächtige Vorliebe für Dante. Aber ist er auch der wahre Täter?

_Mein Eindruck_

Dies ist lediglich das erste Drittel der Handlung, denn es handelt sich um einen sehr umfangreichen Roman. Nach einigen Verwicklungen, weiteren Morden und einer überraschenden Wendung kommt es zu einem ausgedehnten, höchst dramatischen Finale, in dem alle Mitglieder des |Dante Club| in Lebensgefahr geraten. Für Spannung und Action ist also durchaus gesorgt.

Aber in Pearls vielschichtigem Roman geht es nicht vordergründig um die Morde, so grausig und spektakulär sie mitunter auch sein mögen. Auch der Spionagekrieg zwischen dem Club und der |Harvard Corporation| kommt nicht zu kurz, ist aber nicht das Fundament, sondern eine Auswirkung der Vorbedingungen in Boston und Cambridge. Denn die Historie spielt eine bedeutende Rolle, nicht nur die internationale, die literarische, die kulturelle, sondern vor allem auch die nationale Geschichte.

|Schatten des Bürgerkriegs|

1865 ist das letzte Kriegsjahr des amerikanischen Bürgerkriegs. In seiner „Beichte“ gewährt uns der Täter einen privaten und unmittelbaren Einblick in das Grauen der Zustände in den Lagern und während der blutigen Schlachten. Der Tod war in vielfältiger Form allgegenwärtig: Nicht nur Kugeln aus Gewehren oder Kanonen mähten die Männer dahin wie Heu im Juni, sondern auch zahlreiche Krankheiten sowie die Kurpfuscherei der Lagerärzte, die im Zweifel stets eine Amputation vornahmen. Schmeißfliegen legten ihre Eier in die amputierten Gliedmaßen oder hastig verscharrten Leichen, und schon bald wimmelten sie von Maden – genau wie Oberrichter Artemus Healey …

|Verantwortung der Dichter|

„Der Dante Club“ ist also kein Buch für schwache Mägen oder Nerven. Die Verantwortung, vor die sich die Mitglieder des Clubs gestellt sehen, ist angesichts der Gräuel, die die Morde in Boston darstellen, unabweisbar. Es handelt sich jedoch in der Mehrzahl um recht gesetzte Herrschaften zwischen 48 (Lowell) und über 60 (Longfellow). Welche Strapazen werden sie auf sich nehmen müssen, um den Täter zu ermitteln? In welche Tunnel unter Bostons Straßen werden sie kriechen müssen, um den Täter aufzustöbern? Zu welchen Gewaltmitteln werden sie greifen müssen, um ihn zur Strecke zu bringen? All diese Bedenken lassen sie zögern, von der Macht des Wortes abzuweichen. Aber um das Dante-Projekt zu schützen, müssen sie schweigen und zur Tat schreiten, wie Odysseus. Aus Rednern müssen Kämpfer werden, so wie 565 Jahre zuvor der Florentiner Dante selbst in den Krieg (gegen Pisa) ziehen musste, bevor man ihn ins Exil verbannte… Was sie allerdings nicht ahnen, ist, dass es das Projekt selbst ist, das die Morde auslöst!

|Bücherverbrennung: das Ende der Literatur?|

Am Ausgang der Anstrengungen des Dante-Clubs wird sich entscheiden, ob die literarische Führung Neuenglands in Amerika und Westeuropa, wo diese Dichter und ihr Dante-Projekt sehr wohl beachtet werden, weiterstrahlen oder in die Bedeutungslosigkeit stürzen wird. Dabei steht ihnen nicht nur die Mordserie entgegen, sondern auch die |Harvard Corporation| unter ihrem Schatzmeister. A. Manning veranlasst sogar eine öffentliche Bücherverbrennung der Schriften des „Ketzers“ Charles Darwin! Da wissen sie, was ihnen blüht, sollten sie versagen.

_Der Sprecher_

Burghart Klaußner sorgt für eine deutliche Charakterisierung jeder einzelnen Stimme. Bei den Mitgliedern des Clubs ist es besonders Longfellow, der mit einer langsamen und tiefen Patriarchenstimme aus der Gruppe herausragt. Im Vergleich zu ihm ist der 48-jährige Lowell geradezu ein flinkes Wiesel. Wenn Longfellow mit seiner Tochter Annie Allegra spricht, sieht man förmlich das Bild des silberbärtigen Alten vor sich, der über die Redakteursambitionen seiner Tochter schmunzelt. Da kommt ein sehr menschlicher Humor zum Tragen. Auch die Stimme von Green ist unverwechselbar, markant in ihrer Atemnot.

Den krasseste nur denkbaren Gegensatz dazu bilden die quengeligen Stimmen der Gegner des Clubs: Augustus Manning, der fiese Schurke an der Uni, und Stadtrat Fitch, der Polizeichef John Kurtz auf die Hörner nimmt. Wenn er sich da mal nicht verhebt. Frauen kommen selten vor, und so hat der Sprecher keine Mühe, ihnen eine markante Stimm- und Tonlage zu verleihen.

Beeindruckend ist Klaußners Fähigkeit zur korrekten Aussprache. Nicht nur sein Englisch ist völlig korrekt, sondern auch sein astreines Italienisch. Die poetischen Verse des Florentiners intoniert er so flüssig und klangvoll, dass man meinen könnte, er habe das jahrelang geübt.

_Unterm Strich_

„Der Dante Club“ hat mir außerordentlich gut gefallen. Einige Aspekte erinnern an Donna Tartts Bestseller „Die geheime Geschichte“, so etwa der Uni-Schauplatz und der literarische Zirkel der Täter. Bei „Dante Club“ kommt die komplexe Geschichte nur schwer in Fahrt, denn zunächst muss allen Hauptfiguren ein glaubwürdiges menschliches Innenleben verliehen werden. Außerdem ist zu erklären, was das Besondere an ihrem Übersetzungsprojekt ist und welche Konflikte es auslöst.

Doch schon bald beginnen sich Handlungsstränge und Motive zu verbinden, und es werden mehrere zentrale Konflikte sichtbar, die sich bis zum Finale gegenseitig verstärken sollen. Das letzte Drittel ist besonders spannend, denn die Suche nach dem wahren Täter nähert sich ihrem Ende und die sich ergebenden Konsequenzen sind für alle Beteiligten lebensgefährlich.

Besonders großen Spaß am Zuhören vermochte mir der fabelhafte Vortrag des Sprechers Burghart Klaußner zu verschaffen. Seine italienischen Verse klingen praktisch wie im florentinischen Original, und sein Englisch ist makellos. Die Charakterisierung der Figuren gelingt über weite Strecken so gut, dass der Zuhörer keine Zweifel hat, wer da gerade spricht.

Wegen des schleppenden zweiten Kapitels, als nach dem Healey-Leichenfund eine lange Setup-Phase die Mitglieder des Clubs vorstellt, erreicht das Buch zwar nicht ganz meine persönliche Bestwertung, für eine Spitzenposition im Gesamteindruck reicht es aber immer noch.

|Siehe ergänzend dazu unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1776 der Buchausgabe.|

Nichols, Peter – Allein auf hoher See. Abenteuer einer Weltumseglung

Sinnlos selbst gesetzte Hürden

Warum steigt der Mensch auf hohe Berge? Wieso taucht er in tiefe Meere? Aus welchem Grund durchquert er Wüsten auf Stelzen und trägt dabei mit den Zähnen einen Kanaldeckel aus Gusseisen? In der Regel einfach deshalb, weil es vor ihm (oder ihr) noch niemand getan hat! Unter uns tagarbeitenden und in der Freizeitgestaltung vergleichsweise fantasiearmen Zeitgenossen gibt es seit jeher Exoten, die es dazu drängt, eine ungewöhnliche Note in ihr Leben zu bringen. Nach Sinn und Logik darf man da nicht fragen, sondern muss das Phänomen als solches mit Interesse und Neugier zu Kenntnis nehmen. Man ist ja nicht zur Nachahmung verpflichtet.

In diese seltsame Welt eigentümlicher Individualisten, die sich heute gern selbst zu „Extrem-Sportlern“ adeln, entführt uns der Journalist und Segler Peter Nichols. Er hat eine bizarre Fußnote der Sporthistorie ausgegraben und erweckt dahinter eine fesselnde Geschichte zu neuem Leben. Die Chronik des „Golden Globe Race“ von 1968/69 wird von solchem Irrwitz geprägt, dass wir sie als Film mit Unglauben und Spott quittieren würden. Aber die Geschichte ist wahr, und als Sachbuch mit Thriller-Qualitäten glauben wir sie ihrem Verfasser, denn Nichols ist ein fabelhafter Schriftsteller. Nichols, Peter – Allein auf hoher See. Abenteuer einer Weltumseglung weiterlesen

Bradley, Rebecca / Sloan, Stewart – Temutma

„Ein Mörder wütet in Hongkong, Nacht für Nacht. Die Leichen tragen den Biss einer Fledermaus, das Blut bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Racheakte der Triaden, satanische Rituale oder gar ein Vampir? Langsam nur und mit wachsendem Grauen begreift Superintendent Michael Scott, womit er es zu tun hat. Die Spuren führen in die Ummauerte Stadt von Kowloon, in deren Kellern Temutma schlummert, ein uraltes Wesen, blutdürstig und unsterblich. Nur der weise Wong weiß, wie man es bezwingen kann. Temutmas Macht wächst, und sie richtet sich auf ein ganz besonderes Opfer: die junge Julia.“ (Verlagsinfo)

_Die Autoren_

Die Kanadierin Rebecca Bradley, geboren 1952, ist von Haus aus Archäologin, arbeitete dann als technische Redakteurin, bevor sie Anfang der neunziger Jahre mit dem Schreiben anfing. Eine Fantasy-Trilogie ist auch bei uns erschienen. In Hongkong schrieb sie zwei Horrorromane: „Kong Kong Macabre“ und „Hong Kong Grotesque“. 1997 kehrte sie nach Kanada zurück, wo sie heute in Calgary Archäologie lehrt. Sie schreibt weiterhin.

Stewart Sloan lebt als Nachfahre europäischer Einwanderer in der dritten Generation in Hongkong. Schon früh von der Horrorliteratur fasziniert, veröffentlicht er seit 1988 Storys. Er lernte Bradley kennen, sie wurden Freunde und Nachbarn. 1994 gründeten sie den Verlag |Hong Kong Horror Publishing|, in dem er den Roman „The Sorceress“ und die Novelle „The Isle of Rat“ herausgab, beides Geschichten, die in Hongkong spielen. Im Hauptberuf ist er Privatdetektiv.

_Die Sprecher & die Produktion_

Der WDR hat das Hörspiel 2002 produziert. Und weil der WDR eine Menge Geld hat, konnte er auch relativ hochkarätige Schauspieler anheuern, um die Rollen zu sprechen. Andrea Sawatzki etwa kennt man aus „Das Experiment“, Dietmar Mues (geb. 1945) aus unzähligen Theateraufführungen und dem „Herr der Ringe“-Hörspiel sowie Axel Milberg aus Film und Fernsehen. Sascha Icks, die „Julia“ des Hörspiels, nimmt sich dagegen mit ihren 35 Jahren richtig jung aus.

Jünger ist aber noch der Regisseur Leonhard Koppelmann, geboren 1970 in Aachen. Zwischen 1995 und 1998 führte er Regie am Hamburger Thalia-Theater. Inzwischen arbeitet er als Regisseur und Autor an Hörspielen mit, darunter an sämtlichen Camilleri-Bearbeitungen und dem Houellebecq-Hörspiel „Elementarteilchen“.

_Handlung_

Die Zeit des Geschehens: Anfang der neunziger Jahre. Kowloon ist der chinesische Teil der britischen Kronkolonie Hongkong. „Die Ummauerte Stadt“ Kowloons steht nun ganz im Zeichen von Unruhe und Veränderung. Denn dieses praktisch rechtsfreie Boowntown-Viertel soll abgerissen und durch ein Parkgelände ersetzt werden. Das Gängegewirr zwischen und unter den Wohnböcken bietet einen Nährboden für Kriminalität aller Art, den Justizbehörden ein Dorn im Auge.

Die Regierung der Kronkolonie entmietet die „Ummauerte Stadt“, indem sie die Mieter mit geringen Entschädigungen aus ihren Wohnungen vertreibt. In einem Kellergewölbe, das auf keinem Plan von Kowloon verzeichnet ist, stößt ein Kanalarbeiter auf ein seltsames Lebewesen. Er ahnt nicht, dass er beim Betreten des Raumes einen Schutzzauber außer Kraft gesetzt hat. Schon bald macht sich ein namenloser Schrecken über ihn und seinen Kollegen her.

Die junge Julia Ralston kehrt nach einem Abendessen mit ihrem Verehrer Simon nach Hause zurück. Was sie dort vorfindet, führt zu einem Nervenzusammenbruch: ihre Eltern, ein junger Mann und das Hausmädchen liegen tot in der Wohnung, aber keineswegs in ihrem Blut, wie man erwarten würde. Vielmehr entsetzt Julia besonders, dass ihre teilweise entblößten Körper so „fischbauchweiß“ sind. Etwas hat ihnen den letzten Blutstropfen ausgesaugt.

Sie wird ins Hospital eingeliefert. Dort liegt bereits ein uralter Mann von 152 Jahren mit einer Krankheit darnieder. Der weise Wang erzählt uns von sich, seinem überlangen Leben und seiner Funktion: Er ist der Wächter des Schreckens, der Julias Familie getötet hat. Und der Name des Schreckens lautet |Temutma|. Wangs Aufgabe ist es auch, den Vampir zu „füttern“. Er findet Julia Ralston äußerst interessant. Als Empath hat er Verbindung zu Temutma und erfährt, was dieser mit Julia vorhat: spielen.

Nach diesem Horror-Intro kommt endlich auch die Kriminalhandlung zu ihrem Recht. In Gestalt des Ermittlungsführers (Superintendent) Michael Scott und des Spurensicherungsspezialisten Albert Masters – Al und Mike also – treten zwei klassische Figuren auf. Als die beiden auch Julia befragen wollen, erleidet sie einen weiteren emotionalen Zusammenbruch, der sehr realistisch inszeniert ist.

Da Temutma inzwischen geistig mit Julia verbunden ist, erfährt er auch von den beiden Bullen. Er besucht Scotts Freundin in der Badewanne… Scott hört ihren Todesschrei leider zu spät, doch kann er Temutmas „Essenz“ verletzen. Immer noch weigert er sich, die Theorie Alberts zu akzeptieren, dass der Serienmörder ein Wesen mit Fledermausflügeln und extrem scharfen Zähnen sei.

Nachdem Mr. Wang aus dem Krankenhaus entlassen wurde und in die Ummauerte Stadt zurückgekehrt ist, statten die beiden Cops ihm und seiner Bibliothek einen Besuch ab. Zu ihrer nicht geringen Verblüffung zeigt er ihnen sein Tagebuch – aus dem Jahr 1894! Nicht genug damit, dürfen sie auch 4000 bis 5000 Jahre alte Papyri und ähnlich ausgefallene Dokumente begutachten. Allmählich lässt sich auch Scott überzeugen – womit sie es hier zu tun haben, ist ein sogenanntes |Kuang-shi|, ein Seuchendämon mit der Gestalt eines gelben Affen. Und Mr. Wang ist sein Wächter.

Endlich darf Julia Ralston wieder nach hause zurückkehren. Ihre Wohnung wird von mehreren Polizisten gut bewacht. Denkt sie. Doch schon bald erhält sie ungebetenen Besuch. Erst ein gelber Nebel, dann ein schwebendes Gesicht mit spitzen Zähnen.

_Mein Eindruck_

Anders als das Buch beginnt „Temutma“ wie eine klassische Horrorstory, die von King oder Koontz stammen könnte. Nach dem ersten Drittel taucht das klassische Ermittlerduo Scott und Masters auf, um den seltsamen Dingen auf den Grund zu gehen. Dem irrationalen Horror rückt die Vernunft zu Leibe, doch leider nur mit kläglichen Ergebnissen. Weitere Opfer folgen. Erst die Begegnung mit der Mythologie Kowloons in Gestalt des Wächters Wang Sen-bo bringt die Wende.

Das klingt fast wie ein Akte-X-Abenteuer, könnte man meinen. Auch wenn keine glotzäugigen Aliens auftauchen und der weibliche Ermittlerpart fehlt, so vereint „Temutma“ doch klassische Kriminalistik mit der fernöstlichen Variante des Vampirmythos. Das klingt vielleicht nicht sonderlich originell, doch auf die Umsetzung kommt es an.

|Die Inszenierung|

Das Hörspiel hat im Unterschied zum Hörbuch weitaus mehr Mittel zur Verfügung. Was 1926 als deutsches Radiospiel begann, hat sich mittlerweile zu einem Gesamtkunstwerk des akustischen Mediums gemausert. Lediglich das Bild fehlt noch, damit sich der Zuhörer in einem Film wähnt.

Eine ganz wichtige Rolle spielen die Musik von Henrik Albrecht sowie die dramaturgisch wichtigen Geräusche, wie etwa Schüsse oder das leise, nervende Ticken einer Uhr. Die Musik wirkt direkt auf die Gefühle des Zuschauers ein. Lediglich eine lieblich-romantische Pausenmusik im chinesischen Stil bringt Entspannung.

Nachdem der Erzähler mit Mr. Wangs Stimme (Hermann Lause) uns in die Geschichte eingeführt hat, hören wir bereits das Ungeheuer (Mues) raunen, als es geweckt wird. Der Schrecken, den es Julia (Icks) in geistigen Besuchen bereitet, entlädt sich erst in Schreien und Weinen, dann aber packt es Julias Seele, bis sich die junge Frau wollüstig dem Eroberer ergeben will. Sascha Icks legt derart viel Emotion in Julias unterschiedliche Äußerungen, dass ein rein rational orientierter Zuhörer damit ein Problem haben könnte. Eine Steigerung dieses Niveaus ist jedoch noch möglich: Die Szene in der Badewanne, als Temutma die Freundin von Michael Scott „besucht“, ist enorm erotisch.

Zum Glück gibt es hin und wieder Momente klarer Vernunft, in denen vor allem die beiden Ermittler ((Wolfram Koch und Jan-Gregor Kremp) als Ergründer des Rätsels hervortreten. Auch Andrea Sawatzki als Krankenschwester funkt Temutma dazwischen, allerdings auf pflichtbewusste statt intelligente Weise. Daraus entsteht eine ironische Spannung: Sie hat keinen Schimmer von Wesen wie einem Kuang-shi. Fröhlich trällert sie Mr. Wang das Geburtstagslied vor: zu seinem Neunzigsten, wie sie meint, doch in Wahrheit zu seinem 152. Jahrestag.

Es lohnt sich wirklich, das Hörspiel mehrmals hinterinander zu hören, die Augen zu schließen und sich in die Szenen hineinzuversetzen. In ihrer Vielschichtigkeit lassen sie immer weitere Entdeckungen zu, auch zu ihren – mitunter ironischen – Wechselwirkungen.

|Die Ausstattung von Booklet und Verpackung|

… ist vorbildlich. Man erfährt sehr viel über die Autoren, die Mitwirkenden und die Story. Außerdem gibt es eine ziemlich genaue Beschreibung des Ungeheuers: sein Alter, sein Name, seine Fähigkeit zur Telepathie, sein geistiges wie körperliches Eindringen in vorzugsweise weibliche Opfer, die es |lilitaks| nennt. Da könnte sich der gute alte Dracula noch eine Scheibe von abschneiden. Nur Coppolas Verfilmung lässt etwas von dieser immateriellen Zaubermacht ahnen.

Doch im Gegensatz zu dem lüsternen Langzahn aus Transsylvanien steht das Kuang-shi direkt für zwei weltweit verbreitete Phänomene: Es ist die Verkörperung von Verbrechen und Seuchen. Daher gibt es das Wesen bereits von alters her. Weit schlimmer: Es kann wie diese Phänomene nicht vernichtet werden, wie auch? Lediglich ein Blutzauber, erzeugt vom jeweiligen Wächter, vermag es in Schlaf zu versetzen und mit einem Bann zu belegen. Bis der nächste stolpernde Idiot es wieder aufweckt.

_Unterm Strich_

„Temutma“ funktioniert sowohl als Horrorstory wie auch als Krimi. Es hat mir ausnehmend gut gefallen, und beim zweiten Anhören sogar noch besser. Da gibt es viel Emotion, spannende Ermittlungen in unbekanntes Terrain, eine in sich geschlossene und konsequent zu Ende gedachte Logik der Mythologie des Kuang-shi. Und schließlich mündet dies in ein Action-Finale, dem eine wiederum plausibel erscheinende, von Anfang vorbereitete Entscheidung seitens Julias folgen muss. Mehr ist nicht nötig. Die schwarze Romantik, wie Meyrinks „Golem“ sie für das alte Prager Ghetto verkörperte, hätte nichts Besseres und Zeitgemäßeres hervorbringen können.

Leonhard Koppelmanns Regie, Henrik Albrechts Musik und alle Sprecher in ihrer Gesamtheit machen „Temutma“ zu einem akustischen Erlebnis, das vergessen lässt, dass es sich hier um die einfache Kombination von klassischem Krimi und fernöstlichem Vampirmythos handelt.

Umfang: 72 Minuten auf 1 CD

_Michael Matzer_ © 2004ff

Haydon, Elizabeth – Tochter des Feuers (Rhapsody / Symphony of Ages)

Mit „Tochter des Feuers“ kommt der |Symphony of Ages|-Zyklus (deutsche Fassung: |Rhapsody|-Zyklus) zu einem vorläufigen Abschluss.

Rhapsody, Achmed und Grunthor haben den Rakshas, das Werkzeug des Dämons, zur Strecke gebracht – zu einem hohen Preis – und sie haben das schlafende Kind, zumindest vorerst, vor dem Zugriff des F’dor bewahrt. Jetzt steht ihnen das Schwierigste bevor: den F’dor selbst zu stellen.

Rhapsody und Achmed machen sich auf die Suche nach den Kindern, die der Rakshas gezeugt hat. Achmed will vor allem die reine Essenz des F’dor aus ihrem Blut herausdestillieren, um seine Spur aufnehmen zu können. Rhapsody will außerdem auch noch die Kinder retten. Deshalb besteht sie darauf, alle Kinder zu finden, nicht nur eines, und sie lebend zu Fürst Rowan zu bringen, dem Herrn über das Reich jenseits des Lebens der Welt, den sie um Hilfe bitten will. Die Kinder aufzuspüren und nach Tyrian, ins Reich der Lirin, zu bringen, ist eine unerwartet schwierige Aufgabe.

Ashe dagegen kämpft um das Überleben von Dorndreher, einem Gefolgsmann seines Onkels Anborn. Langsam lüftet sich der Schleier seines Umhangs, der ihn zwanzig Jahre lang verborgen hat, Ashe kehrt ins Leben und ins Bewusstsein der Menschen zurück.

Währenddessen findet in Navarne der Winterkarneval, das Wintersonnwendfest, statt. Hinter der fröhlichen, ausgelassenen Kulisse spinnt der F’dor seine heimlichen Netze, bevor ein Albtraum über das Fest hereinbricht.

Als Rhapsody Achmed endlich das reine Blut des F’dor überreichen kann, hängt das drohende Gespenst des Krieges über dem Kontinent …

All das zeigt bereits, dass der letzte Band der Trilogie mit besonders vielen Handlungssträngen arbeitet: Rhapsodys Suche nach den Kindern, Ashes Wanderungen und innere Kämpfe, Llaurons Bemühungen, der Dämon, der immer häufiger auftaucht, ohne seine Identität zu verraten, Achmed und Gruthor … Vieles geschieht gleichzeitig, die Szenen wechseln rascher als bisher, jedoch verhindern gewissenhafte Ortsangaben bei jedem Wechsel, dass man durcheinander gerät. Auch Zeitsprünge kommen gelegentlich vor, so wird zum Beispiel nur die „Entführung“ des ersten und des letzten Dämonenkindes ausführlicher beschrieben, die Zeit dazwischen fehlt. Die Sprünge sind aber gut gemacht, sodass der Leser keine Schwierigkeiten hat, ihnen zu folgen.

Diesmal geht es bei den verschiedenen Handlungen allerdings weniger um das Sammeln von Informationen. Der dritte Band ist vollauf damit beschäftigt, alle bestehenden Fäden zusammenzuführen und die in den vorigen Bänden angelegten Rätsel aufzulösen und die Prophezeiungen Manwyns und die Visionen Rhapsodys zu deuten. Dementsprechend kommt in diesem Band nicht mehr allzu viel dazu. Lediglich die Finder sind ein völlig neues Element.

Eines der wichtigsten Rätsel ist natürlich die Identität des F’dor. Die Autorin hat es – fast wie in einem guten Krimi – verstanden, den Leser auf immer neue Fährten zu locken, nur um ihm dann jemand völlig Unerwartetes zu präsentieren. Der Kreis der in Frage kommenden Personen ist im dritten Band bereits auf weniger als zehn Personen beschränkt, immer wieder tauchen die freundlichen blauen Augen des Wirtes auf, die an Llauron denken lassen, aber nie lässt sich etwas eindeutig festmachen. Selbst in dem Moment, als Achmed den F’dor identifiziert und handelt, ist der Leser nicht sicher, bis schließlich der Name des Wirtes fällt.

Die Suche nach dem F’dor bildet seit mindestens eineinhalb Büchern den Kern der gesamten Handlung, folglich ist es nur logisch, dass der endgültige Kampf mit dem Dämon auch den Höhepunkt des Buches bildet. Wie auch in den beiden vorangehenden Bänden baut sich der Spannungsbogen immer weiter auf, allerdings nicht so kontinuierlich wie bisher, sondern eher wellenförmig, bis er in im Endkampf mit dem F’dor mündet. Dieser findet erstaunlich früh statt, etwa zweihundert Seiten vor Ende des Buches. Die folgenden Seiten enthalten aber immer noch genug Handlung, um das Buch bis zum Ende zu tragen, ja gegen Ende wird es noch einmal richtig spannend. Dementsprechend traten sowohl Humor als auch Romantik bei diesem Buch stark in den Hintergrund.

Das Lektorat war auch diesmal wieder nicht hundertprozentig, allerdings war die Fehlerzahl im Verhältnis zur Seitenzahl sehr gering. Meine Ausgabe ist, da |Heyne Fantasy| von |Piper| übernommen wurde, logischweise auch von Piper, allerdings hat |Piper| angenehmerweise das Design des Covers nur geringfügig verändert, sodass es fast noch besser zum Stil der Vorgänger passt als der Entwurf von |Heyne|.

Insgesamt kann man von der Trilogie getrost sagen, dass sie rundum gelungen ist. Offiziell werden die beiden Bände „Requiem for the Sun“ und „Elegy for a Lost Star“ ebenfalls diesem Zyklus zugeordnet. Ich habe die ersten drei Bände trotzdem als Trilogie bezeichnet, weil der Grundtenor des Buches, die Jagd nach dem F’dor, mit dem dritten Band abgeschlossen ist. Wem also nach über 2.500 Seiten die Puste ausgegangen ist, der hat jetzt einen guten Zeitpunkt erwischt um auszusteigen.

Wer jetzt noch nicht genug hat, für den wurden im Epilog, der wieder aus der Sicht Meridions erzählt ist, eine Menge neuer Andeutungen gemacht, aus denen die Autorin mit Sicherheit eine Menge neuer Handlungsfäden ziehen wird. Bisher gibt es die Folgebände aber nur auf Englisch.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer |Symphony of Ages| schrieb sie auch |The Journals of Ven Polypheme| für Kinder.

Unsere Rezensionen der ersten beiden Bände von |Rhapsody / Symphony of Ages:|

[Tochter des Windes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=37
[Tochter der Erde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=329

Homepage der Autorin: http://www.elizabethhaydon.com/

Hans Bankl – Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin

„Geschichten aus der Gerichtsmedizin“ lautet der Untertitel dieses Werkes; er muss ihm vom hilflos zwangsverpflichteten Lektor verliehen worden sein, um dem krausen Durcheinander wenigstens notdürftig ein Motto überzustülpen. Ansonsten gibt es nämlich keinerlei roten Faden, obwohl das Ganze halbwegs verheißungsvoll startet – mit einem Rückblick auf die Geschichte der Gerichtsmedizin und ihren langen Weg zwischen Skalpell und Hightech.

Aber dann springt uns plötzlich ein Kapitel mit der Überschrift „Nichts ist interessanter als ein toter Promi“ an, wir befinden uns in der Gegenwart und werden mit absolut oberflächlichen Regenbogenpresse-„Informationen“ über Fleddereien halb vergessener Leichen wie Elvis Presley gelangweilt.

Hans Bankl – Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin weiterlesen

John Dickson Carr – Der Tote im Tower

Carr Tower kleinDas geschieht:

In den Märztagen der noch jungen 1930er Jahre treibt in London der „Verrückte Hutmacher“ sein Unwesen: ein seltsamer Dieb, der Polizeihelme, Zylinder und andere Kopfbedeckungen an sich nimmt, um sie an möglichst auffälliger Stelle auszustellen. Da primär Respektspersonen attackiert werden, ist das Interesse der Medien groß. Vor allem für den jungen Reporter Philip Driscoll wird die Jagd auf den Hutmacher zum persönlichen Anliegen. Er will Karriere machen in seinem Job, denn Ansehen und Verdienst sind ihm wichtig, um endlich vor seinem Onkel Sir William Bitton, dem reichen Ex-Politiker und Sammler seltener Bücher, bestehen zu können.

Der liebt seinen Neffen eigentlich wie einen Sohn, hat ihn das aber als echter Mann nie spüren lassen. Nun ist es zu spät, denn Philip ist tot: Man findet ihn unterhalb von Traitor’s Gate im Tower von London, der alten Festung an der Themse. Er trägt Golfkleidung, auf dem Kopf einen Zylinder Sir Williams, und ein Armbrustpfeil ragt aus seiner Brust. John Dickson Carr – Der Tote im Tower weiterlesen

Bradbury, Ray – Fahrenheit 451

Auf dem Kopf den Helm mit der 451, das Salamanderabzeichen am Ärmel und die Phönixplakette – dies sind die Merkmale von Guy Montags Feuerwehruniform. Montags Aufgabe besteht nicht darin, Brände zu löschen, sondern sie zu legen. Auf dem Rücken trägt er einen Flammenwerfer, gefüllt mit Kerosin. In Bradburys Welt vollstreckt die Feuerwehr eine staatlich legitimierte Bücherverbrennung: Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier brennt (233 Grad Celsius). Literatur ist verboten, wer Bücher besitzt, macht sich strafbar. Es gilt, „die kärglichen Reste der Kulturgeschichte auszutilgen“. Denunziationen lassen die Alarmglocken bei der Feuerwehr schrillen, das Haus wird ebenfalls eingeäschert, und der Delinquent erhält von einem mechanischen Hund mit Kanülenzunge eine kräftige Dosis Morphium injiziert.

Die Bücher wurden ersetzt durch Fernsehwände, auf denen interaktive hohlköpfige Soaps ablaufen -„Wozu etwas lernen, wenn es genügt, den Knopf zu drücken?“ Ansonsten amüsieren sich die Menschen in Turbinenautos, rasen mit aberwitziger Geschwindigkeit über die Autobahnen und wer zu langsam fährt, wird verhaftet. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Es gibt ein eigens dafür eingerichteten Express-Service, der mit Magen- und Blutpumpe anrückt und die Lebensmüden reanimiert. Das Familienleben existiert als solches nicht mehr. Kinder befördert man ins Fernsehzimmer und knipst an. „Es ist wie mit der Wäsche, man stopft sie in die Maschine und knallt den Deckel zu“.

Eines Tages trifft Montag die junge Clarisse, die nicht zu den normalen Menschen gehört, sondern zu jenen, die nicht nur wissen wollen „wie etwas gemacht wird, sondern warum“ und merkt in den Gesprächen mit ihr, wie unzufrieden und unglücklich er ist. „Er trug sein Glück wie eine Maske, und das Mädchen war damit davongelaufen; es bestand keine Möglichkeit, bei ihr anzuklopfen und die Maske zurückzufordern“. Doch die Begegnung ist von kurzer Dauer. Als man sie eines Tages verschwinden lässt, holt Montag die bei seinen Einsätzen heimlich gesammelten Bücher hervor und versucht damit die Wand zu seiner Frau und die Eintönigkeit seiner Ehe zu durchbrechen. Doch es geht um viel mehr. Er sieht die Bücher als einzigen Ausweg „aus dem Dunkel“, als einziges Mittel „zu verhindern, daß wir immer wieder dieselben unsinnigen Fehler machen.“ In den Büchern sucht er ein Mittel, einen Weg, der scheinbar unaufhaltsamen Annäherung an den Abgrund entgegenzusteuern. Seine Frau, das „Haar von Chemikalien zu sprödem Stroh zerfressen“, der Leib von Abmagerungskuren ausgemergelt und „das Fleisch weiß wie Kochspeck“, reagiert mit Befremden und Abscheu auf seine Rezitationen. Nur in dem ehemaligen Literaturprofessor Faber findet Montag einen Verbündeten, der ihn ermutigt und im Widerstand gegen seinen Vorgesetzten Hauptmann Beatty unterstützt. Einerseits bemerkenswert intellektuell und offenkundig belesen, andererseits ein fanatischer Inquisitor, entwickelt sich Beatty zu Montags entschiedenstem Gegenspieler und Feind. Als Montags eigene Frau ihn bei der Feuerwehr anzeigt und er sein Haus niederbrennen muss, hetzt Beatty den mechanischen Hund auf ihn und die Situation eskaliert. Montag muss flüchten und schließt sich einer Gruppe von Intellektuellen an, die in der Wildnis leben und durch das Auswendiglernen von Büchern das Wissen der Menschheit bewahren.

Vielleicht am falschesten verstanden wird die Rolle der Clarisse, vermutlich durch Truffauts Verfilmung des Romans. Clarisse Rolle im Buch ist kurz, sie dient nur als Katalysator, der Montags ohnehin schon schwelendes Umdenken beschleunigt. Faber, der ehemalige Literaturprofessor, unterstützt diesen Wandlungsprozeß. Hauptmann Beatty aber ist derjenige, der ihn bestätigt, indirekt vollendet und damit ist er eigentlich die wichtigste Figur des Romans. Bemerkenswert ist, dass Bradbury ähnlich wie Huxley die Wurzeln seiner Dystopie nicht in Verordnungen oder Zensur bettet, sondern in freiwilliger Lust an der Verdummung. 1953 von Bradbury publiziert, ist Fahrenheit 451 von beeindruckender visionärer Kraft. Die Dekadenz des Fernsehzeitalters, der parallele Verfall der Kultur und die hingebungsvolle Hinwendung zur Blödheit, die sich heute in den Bestsellerlisten und Reality-Soaps widerspiegelt und sicherlich noch krassere Ausdrucksformen finden wird, all das findet man in Bradburys düsterer Welt vorweggenommen.
Fahrenheit 451: ein Meisterwerk!

Ray Bradbury wurde am 22. August 1920 in Waukegan, Illinois geboren. Er besuchte die Schulen in Waukegan, Illinois, und später in Los Angeles, California. Seine schriftstellerische Karriere begann Bradbury 1940 als Zeitungsjunge in Los Angeles. 1943 fing er an, ganztägig zu schreiben, und seit damals hat er mehr als 500 Arbeiten – Romane, Kurzgeschichten, Spiele, Drehbücher, Fernsehspiele und Poesie – veröffentlicht. Als Drehbuchautor ist er durch Werke wie John Huston´s Film |Moby Dick| und François Truffaut´s |Fahrenheit 451| (wo er die Romanvorlage lieferte) bekannt. |Fahrenheit 451| ist auch der Titel, mit dem die meisten Leser den Autor in Verbindung bringen. Von den meisten zeitgenössischen Schriftstellerkollegen der Science-Fiction unterschied er sich deutlich durch das hartnäckige Ignorieren der „Science“. Bei Bradbury spielte der technologische Hintergrund immer eine untergeordente Rolle, menschliche Aspekte stehen in seinen Büchern im im Vordergrund.

Ray Bradbury gewann eine Vielzahl von Preisen für seine schriftstellerische Arbeit, zum Beispiel die |National Book Foundation Medal for Distinguished Contribution to American Letters|, 2000; zwei |O. Henry Memorial Awards|, 1947 und 1948; den |Master Nebula Award|, 1988; den |Benjamin Franklin Award|, 1954 oder den |World Fantasy Award|, 1977.

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|