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Smith, Chris – Herr der Ringe, Der: Waffen und Kriegskunst

Unter die Spezialdarstellungen über die Geschichte und den dreiteiligen Film „Der Herr der Ringe“ reiht sich dieses schöne Buch ein. Hier kommen nicht nur Rollenspieler und Tolkienfans voll auf ihre Kosten. Auch Einsteiger können von den historischen Darstellungen profitieren, denn sie erklären Ursachen und Hintergründe des Ringkrieges.

_Der Autor und die Einleitungen_

Chris Smith: Zu ihm macht der Verlag zwar keine Angaben, aber er war Angestellter der WETA-Workshop-Studios. Ich habe seinen Namen im Abspann von „Rückkehr des Königs“ entdeckt. Als WETA-Mitarbeiter hatte er natürlich hochrangigen Zugang zu allem möglichen Material: Informationen, Bilder, Interviews.
Daher ist es auch keine große Überraschung, dass sein Boss Richard Taylor die Einleitung zu Smiths Buch schrieb, zusammen mit Designer Daniel Falconer, der sämtliche Elbenkostüme und -waffen entwarf (und noch einiges mehr, wie man in den Art-Design-Büchern von Gary Russell feststellen kann). Die beiden liefern keinen Überfliegertext ab, sondern charakterisieren Mittelerde als einen Kontinent des Konflikts.
Die widerstreitenden Völker beschreiben sie in kurzen, prägnanten Sätzen und bringen somit das Thema des ganzen Buches indirekt auf den Punkt: Wie es die in der Minderzahl befindlichen Freien Menschen, die schwindenden Elben des Dritten Zeitalters und schließlich die kleinwüchsigen Hobbits schaffen konnten, gegen Saurons und Sarumans riesige Horden und Völkerschaften zu obsiegen. Und dass den Hobbits dabei eine besondere Rolle zufiel.

Das Vorwort stammt von Saruman-Darsteller Christopher Lee. Wir wissen ja von Peter Jackson, dass Lee eine Kapazität in Sachen Tolkien und besonders „Der Herr der Ringe“ ist, denn, wie Jackson auf der Extended-DVD von Teil 1 verrät, liest Lee dieses Buch jedes Jahr (!) einmal.
Lee erzählt, wie er über verschiedene Sagen und Mythen schließlich zur Lektüre von Tolkiens Büchern gelangte. Er betrachtet sich als Altphilologe, wie einst Tolkien sich selbst. Aus dieser Perspektive erscheint ihm insbesondere „Der Herr der Ringe“ als „Gipfel literarischer Erfindungskraft“. Und die Film-Trilogie Peter Jacksons, an der mitzuwirken er das Privileg gehabt habe (das schrieb er offenbar VOR seinem Boykott!), ist „Filmgeschichte…, die nicht übertroffen werden wird“. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Lee charakterisiert das vorliegende Buch in einem Satz: „Viele militärische und historische Einzelheiten sind in [diesem Buch] festgehalten, und Leser dieses Buches werden weitere wertvolle Einsichten in die Geschichte des Ringkrieges gewinnen.“ Diesem Satz zumindest kann ich zustimmen.

_Inhalte_

Die komplette Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der „historischen“ Ereignisse in Mittelerde während des Zweiten und Dritten Zeitalters. Allerdings hat der Autor Prioritäten gesetzt. Daher taucht die Beschreibung von Sauron und dem Einen Ring erst am Schluss auf, obwohl der Ring bereits im Zweiten Zeitalter geschmiedet wurde.

* Fangen wir mal klein an: mit den Schlachtplänen und Übersichten

Der Prolog des ersten Films zeigt die letzte jener Schlachten, in der das Letzte Bündnis von Menschen (Númenorer) und Elben nach jahrelangem Krieg (3431-3446 ZA) Sauron besiegte und so das Zweite Zeitalter endete. Dies war die Schlacht auf der Dagorlad und an den Hängen des Schicksalsbergs, in der die Heerführer, der Elb Gil-galad und der Mensch Elendil, starben. Die Karte, die im Buch zu sehen ist, ist ziemlich einzigartig. Nur Karen Fonstad bietet auf Seite 47 (US-Ausgabe, 2. Auflage) ihres „Atlas von Mittelerde“ einen Vorgeschmack darauf, ohne allerdings zu sehr ins Detail zu gehen.
Die zweite entscheidende Schlacht tobt um Helms Klamm (132/133). Dieser Schlachtplan war bereits in Gary Russells Band über das Art Design von Teil 2 zu sehen. Neu ist hingegen der Schlachtplan für den Kampf um Minas Tirith (196/197).
Alle Schlachtpläne sind keine schematischen Darstellungen, sondern wirken wie Gemälde des echten Geschehens. Wir sehen also Nazgul im Bild, Schiffe, Reiter usw. Das lässt die Illustration viel lebendiger wirken. Um dennoch den Überblick zu erhalten, sind die einzelnen Kombattanten in chronologischer Abfolge durchnummeriert. Im Gondor-Schlachtplan fällt die Nummer 1 den Truppen von Minas Morgul zu, die Osgiliath einnehmen und dann weiter vorrücken. Nummer 10 ist den Schiffen aus Umbar vorbehalten, die den Anduin heraufsegeln und eine hübsche Überraschung bereithalten.

* Illustrationen und Karten

Wer sich in den Gruben der Zwergenstadt von Moria orientieren will, konsultiert am besten die entsprechende Karte auf Seite 72. Eine Übersicht über die Reichweite von Waffen – ein entscheidender Faktor in der Kampftaktik und Kriegsführung – ist auf Seite 31 zu finden. Am weitesten fliegt ein Pfeil, der von Legolas‘ Galadhrim-Bogen abgeschossen wurde: 400 Meter!
Ein witziger Einfall sind die „echten historischen“ und seltenen Karten, die von den Zwergen und Elben sowie Númenorern angefertigt wurden und dementsprechend deren Schriftzeichen aufweisen. Wir sehen also auf der Zwergenkarte von Moria zwergische Runen oder Cirth. Auf einer númenorischen Karte von West-Mittelerde sind jedoch englische Wörter in elbisch anmutenden Buchstaben eingezeichnet (Seite 1). Auf Seite 145 ist eine elbische Karte von Gondor abgebildet, die elbische Tengwar-Schriftzeichen trägt. Die Krönung ist jedoch die orkische Karte vom Feldzug gegen Gondor, „die bei einer Orkleiche gefunden wurde“ (S. 171).
Ebenso liebevoll sind zahlreiche Design-Details, Entwürfe und Modelle abgebildet, die den diversen Völkern zugewiesen sind. Jede Seite ist gespickt mit grafischen Details, aber streng im Kontext gehalten. Es gibt keinerlei Beliebigkeit der Darstellung, und das ist gut so, denn sie würde Verwirrung stiften.

* Historische Darstellungen

Als wirklich „sehr wertvoll“, wie Christopher Lee schreibt, erweisen sich die historischen Darstellungen, die natürlich in Textform vorliegen. Langweilige Zeittafeln gibt es also keine. Diese Ausführungen geben dem Leser, der vielleicht zum ersten Mal mit Tolkiens Universum in Kontakt kommt, nicht nur einen chronologischen Überblick über die Ereignisse im Zweiten und Dritten Zeitalter, sondern erklären auch die Gründe und Ursachen, wie es dazu kommen konnte. Diese Erklärungen muss man sich in den Filmen mühsam erarbeiten – kein Wunder, denn auf der Leinwand will man keine Laberköpfe sehen, sondern Action! So manche Szene, in der Galadriel und Gandalf Zusammenhänge erklären, wurde auf die Extended-DVD verbannt. Dramaturgisch gesehen ist das durchaus sinnvoll. Was einem dabei entgeht, kann man nun hier nachlesen.
Am spannendsten sind dabei vielleicht die letzten Kapitel: Aragorn, Sauron, Der Eine Ring. Dies sind die wichtigsten Teilnehmer an der letzten Auseinandersetzung vor und in Mordor. Mit der Vernichtung des Ring vergeht Saurons Macht in Mittelerde, und Aragorns Aufgabe besteht darin, Frodo die Zeit zu verschaffen, den Ring in das Feuer der Schicksalsklüfte zu werfen. (Die Ironie dabei ist ja, dass Frodo, indem er sich zum Besitzer des Rings erklärt, seine Freunde verrät: Es scheint, als habe der Ring ihn doch noch überwältigt. Und an dieser Stelle kommt zum Glück Gollum ins Spiel. Was nur zeigt, dass Frodo kein Überwesen, sondern „auch nur ein Mensch“ ist.) Die Ausführungen zum Ring sind deshalb so wichtig, weil es anscheinend viele Zuschauer nicht begreifen (können), von welcher Natur der Ring ist.

* Beschreibung der Waffen und ihrer Anwender

Für Rollenspieler und solche, die es werden wollen, ist diese Komponente natürlich die wichtigste. Sie erfahren alles, einfach absolut ALLES über die jeweiligen Waffen und ihre Besitzer bzw. Anwender. Hier greift der Autor auf die Fülle an Infos zurück, die ihm nur der WETA Workshop liefern konnte: Hier wurden ja schließlich alle Waffen, Rüstungen, Banner usw. hergestellt.

Elben

Ein typisches Kapitel ist beispielsweise die Beschreibung der „Elben des Zweiten Zeitalters“, die wir im PROLOG sehen. Die – mitunter seitenlangen – Textkästen sind wie folgt eingeteilt: Schild, Bogen, Schwert, Speer, Rüstung.

Gil-galad

Ihr Heerführer Gil-galad wird kurz vorgestellt (inklusive Familienemblem!), dann folgen Textkästen zu Schild, Rüstung und Speer. Dieser Speer allerdings ist berühmt, so wie bei den Menschen die Schwerter. Es handelt sich um Aiglos, zu deutsch „Eiszapfen“. Diese Waffe wird detailliert beschrieben, wozu auch die magische Inschrift gehört – denn diese Inschriften verliehen allen elbischen Waffen, etwa Andúril oder Narsil, zusätzliche Macht: „Gil-galad führt einen prächtigen Speer; Der Ork wird meine eisige Spitze fürchten. Wenn er mich erblickt in Todesfurcht, Wird er meinen Namen kennen: Aiglos.“ (Ich lasse die elbische Variante weg.)

Berühmte Schwerter

Für Tolkienfans ebenso interessant sind die Schwerter von Elendil (Narsil), Elrond (Hadhafang), Gandalf (Glamdring; es gehörte einst dem König von Gondolin), Isildur, Théoden und Frodo (Stich). Besonderes Augenmerk gilt Aragorn Schwert Andúril und seinem restlichen Arsenal, dem noldorischen Jagdmesser (mit Elbeninschrift) und dem Bogen.

Das Balrog

In der Szene „Die Brücke von Khazad-dum“ mag sich so mancher aufmerksame Zuschauer gefragt haben, wo, zum Geier, das Balrog seine Waffen trägt: das feurige Schwert und dann, als das Schwert an Glamdring zerbricht, die enorme Peitsche. Die überraschende Antwort: Es trägt die Waffen in seinem Leib! Da es sich bei dem Balrog um einen Maia handelt, eine höhere Macht, kann es sich formen, wie es will. Und es kann nur von einem gleich- oder höherrangigen Wesen, einem anderen Maia, besiegt werden: Gandalf. (Nur ein Vala stünde noch höher als ein Maia. Auch Sauron gehört dieser Spezies an.)

Die Ringe

Auf indirekte Weise sind auch die RINGE zu den Waffen zu zählen. Daher werden sie in der „Geschichte des Ringkriegs“ ganz am Anfang (S. 2) vorgestellt: Die drei wunderschönen Elbenringe Narya (Ring des Feuers), Vilya (Ring der Luft) und – als mächtigster der drei – Nenya (Ring des Wassers). Dieser gehört Galadriel, und im Film zeigt sie ihn Frodo. Gil-galad trug Vilya zuerst, nach seinem Tod Elrond. Narya wurde zuerst Círdan, dem elbischen Schiffsbauer in Lindon, gegeben, doch dieser gab ihn Gandalf, als dieser Istar in Mittelerde ankam (um etwa 1000 DZ).

Sauron hatte sich im 2. Zeitalter als Geschenkegeber Annatar bei dem Elbenschmied Celebrimbor eingeschmeichelt, um die Schmiedekunst zu erlernen und zu beherrschen. Er schuf den Einen Ring ebenso wie Ringe für Zwerge und Menschenkönige, um alle zu beherrschen: Die Schätze der Zwergenkönige fielen in die Hände von Drachen oder Orks, die Menschenkönige wurden Nazgul, Ringgeister. (Wie er sie 3000 Jahre lang beherrschen konnte, nachdem er den Einen Ring verloren hatte, bleibt unklar, wie der Tolkien-Übersetzer Wolfgang Krege moniert. Aber sie waren längst Saurons Sklaven geworden.)

Der Eine Ring ist besonders schön dargestellt: Das Foto, das ihn an Saurons schwarzem Finger zeigt, beansprucht eine ganze Seite: Die Inschrift in Schwarzer Sprache (aber elbischen Schriftzeichen) glüht gelb. Wer sich mal gefragt hat, warum Sauron als einziges Wesen, das je diesen Ring trug, NICHT verschwand, hier wird er verstehen: Sauron ist der einzig wahre Gebieter des Rings, im wahrsten Sinne des Wortes „the lord of the rings“. Alle anderen Träger verschlingt der Ring, über kurz oder lang. Diese Inschrift wird als Grafik und als Text nochmals wiedergegeben und übersetzt.

* Das Sachregister

Wenn man den Waffen- und Rüstungsexperten John Howe, einen der Konzeptdesigner bei Jacksons Filmprojekt, fragen würde, woraus eine Rüstung besteht, so würde er dem unbedarften Zuhörer wahrscheinlich die Fachausdrücke um die Ohren hauen.
Um diesen Effekt zu vermeiden, wenn Aus-Rüstungen fachgerecht beschrieben werden, gibt es das fünf Seiten lange Sachregister. Wenn also plötzlich von einem „Ricasso“ die Rede ist, so schlägt man unter R nach und erfährt unter diesem Begriff: „Der obere Teil der Schwertklinge, der im allgemeinen nicht scharf geschliffen ist, da Krieger oft ihren Zeigefinger vor der ‚Parierstange‘ (siehe dort) platzierten. (usw.)“ Aha. Und so muss man dann zu „Parierstange“ blättern usw., bis man schließlich alle Teile eines Schwertes kennen gelernt hat. Viggo Mortensen könnte einem dazu manches erzählen, so etwa die Story, wie er schwertschwingend durch friedliche neuseeländische Straßen lief und von der Polizei angehalten wurde, die besorgte Anwohner gerufen hatten.
Das Register schließt mit einem altenglischen Satz, der vermutlich direkt aus dem „Beowulf“-Epos stammt. Der Satz wird nicht übersetzt. Eine versteckte Aufforderung, mal den „Beowulf“ zu lesen?

_Unterm Strich_

Dieser prächtige Band ist nur mit den drei Design-Art-Bänden von Gary Russell zu vergleichen. Dabei könnte man sagen, dass er zum Teil die Quintessenz daraus bietet, indem er sich auf nur einen einzigen Aspekt konzentriert: Waffen, Krieger und Kriegskunst.
Das wäre aber nicht die ganze Wahrheit, wie man an meiner Inhaltsangabe ablesen kann. Das Buch bietet viel mehr. Es spricht nicht nur den Rollenspieler an, indem es massenhaft Details zu den Waffen etc. liefert, sondern informiert und unterhält auch jene Leser, die die Welt von Mittelerde nicht nur aus der kriegerischen Perspektive kennen lernen wollen.
Ihnen kommen die historischen Darstellungen entgegen, die schönen Illustrationen und „garantiert echten“ Landkarten auf „echtem Pergament“. Und sie erfahren, welche Bedeutung der Eine Ring letzten Endes für die Geschichte hat. Dabei bleibt der Autor immer auf dem Teppich, versteigt sich nie zu literarischen Interpretationen – das ist Gelehrten wie Tom Shippey vorbehalten.

Aber auch dieses Buch weist Fehler auf, die selbst dem Übersetzer und dem Korrektor entgangen sind. Auf Seite 209 wird behauptet, Sauron habe einmal „Minas Tirith“ erobert. Das ist nicht zutreffend, wenn ich die Annalen richtig kenne. Wenn man daraus allerdings „Minas Ithil“, das spätere „Minas Morgul“ macht, wird die Beschreibung sinnvoll. (In Minas Morgul erbeutete Sauron einen der Sehenden Steine, den Palantir, und konnte damit sowohl Saruman als auch Denethor täuschen und bezwingen. Und später schlug dort der Fürst der Nazgul, vormals der Hexenkönig von Angmar, sein Hauptquartier auf.)
Zudem ist bei der Berechnung von Aragorns Lebensalter ein Rechenfehler aufgetreten und bei der Anzahl der Reiter von Rohan hat sich eine zusätzliche Null eingeschlichen.

Fazit: Ich kann das Buch unter den genannten Bedingungen uneingeschränkt empfehlen. Zumal es nun mit 15 Euro einen recht günstigen Preis aufweist. Da ein Hardcover fehlt, sollte man es pfleglich behandeln.

Ein Tipp: Der erwähnte „Atlas von Mittelerde“ bildet eine sinnvolle Ergänzung für Rollenspieler und andere Tolkienisten. Die ausgebildete US-Geografin Karen Wynn Fonstad hat Karten zu allen Zeitaltern und wichtigen Ereignissen des „Herrn der Ringe“ gezeichnet und kommentiert. Die Kommentare stützen sich in erster Linie auf Tolkiens eigene (mitunter widersprüchliche) Angaben. Die 2. Auflage von 1991 (Klett-Cotta, Stuttgart, 1994) enthält korrigierte und erweiterte Darstellungen. Auf diese sollte man sich also stützen.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Joachim Schmidt – Satanismus – Mythos und Wirklichkeit

Dr. Joachim Schmidt, Jahrgang 1961, studierte Religionswissenschaft, Psychologie und Europäische Ethnologie. In seinem Buch „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“, das nun in zweiter und überarbeiteter Auflage erschien, nimmt er sich eines allzu gern strapazierten Schlagwortes und ideologischen Kampfbegriffes an, wofür er neben seiner akademischen Ausbildung in besonderer Weise qualifiziert ist. Im Gegensatz zur unerfreulich hohen Zahl von allzu phantasiebegabten, weltanschaulich festgefahrenen und psychisch offenbar angeschlagenen Schreibtischtätern kann er neben gründlichen und sachkundigen Studien nämlich darauf zurückblicken, sich langjährig aktiv wie auch beobachtend in esoterisch-okkulten Kreisen bewegt zu haben.

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Serkis, Andy – Russel, Gary – Herr der Ringe, Der: Gollum – auf die Leinwand gezaubert

Nach der Beendigung der letzten Dreharbeiten und Nachdrehs bekamen die Hauptdarsteller von Peter Jackson ein Erinnerungsstück überreicht: Orlando Bloom (Legolas) erhielt den schönen Galadhrim-Bogen und Elijah Wood als Frodo natürlich den originalen Einen Ring (von über einem Dutzend Kopien in allen Größen). Und was bekam Andy Serkis, der Gollum praktisch zum Leben erweckt hatte, nach fünf Jahren Arbeit? Einen blauen Lycra-Anzug…

Von Andy Serkis stammen die Tagebucheinträge zu „Der Herr der Ringe: Gollum – auf die Leinwand gezaubert“. Der Engländer Andy Serkis hatte vor dem „Herr der Ringe“-Projekt v.a. als Theaterschauspieler gearbeitet, unter anderem spielte er in den letzten Jahren die facettenreiche Rolle des Jago in Shakespeares „Othello“ sowie den Sykes in „Oliver Twist“. Mit „Snake“ drehte er seinen eigenen Kurzspielfilm. Er ist inzwischen mit seiner Frau Lorraine verheiratet und hat zwei Kinder, Töchterchen Ruby und Sohn Sonny (geboren 2000). Sein Humor und seine Fähigkeit, leicht Freundschaften zu schließen, werden von allen Kommentatoren als sympathischste Eigenschaften hervorgehoben.
Gary Russell ist der Autor aller drei Fachbücher, die die HdR-Filme als Kunstwerke vorstellen. Von ihm stammen die Interviews, die als als grau-beige unterlegte Kästen eingefügt sind.

_Andys Tagebuch_

Aus drei Monaten wurden fünf Jahre

Eigentlich wollte New Line Cinema’s Casting-Agenten Andy nur für etwa drei Monate anheuern. Er sollte dem digitalen Gollum seine Stimme leihen, nicht mehr. Andy hatte erst einmal keine Ahnung, wer Gollum war und welche immens wichtige Rolle er im HdR spielte. Daher stellte er sich eine überaus langweilige Mitwirkung vor. Das änderte sich, als Lorraine (s.o.) ihm erklärte, welch wichtige Rolle Gollum spielt. Andy erkannte anhand des Romans, dass Gollums tatsächlich sogar die einzige Figur war, die Tolkien psychologisch vielschichtig und schillernd angelegt sowie mit einer langen Entwicklungsgeschichte versehen hatte! Aus den drei Monaten sollten schließlich fünf Jahre werden.

Gollums Kern und Stimme

Als Theaterschauspieler musste Andy, so dachte er, erst einmal zum Kern der Figur vordringen. Das war gar nicht so einfach. Aber Andys Auffassung unterschied sich noch erheblich von dem, was sich die Leute vorstellten, die die Aufgabe hatten, eine digitale Figur zum Leben zu erwecken. Sie hatten ihren Gollum schon seit 1998 „im Kasten“ und zeigten Andy die kleinen Standbilder, die sie Maquettes nannten. (Diese ganze Geschichte lässt sich jetzt auf der Langfassung der DVD unter dem Titel „Smeagols Zähmung“ nachsehen.) Doch Andy hatte für Gollum eine ganz eigentümliche Sprechweise und Stimme entwickelt sowie ein „gollum, gollum“, das er seiner Katze abgehört hatte.

CGI-Techniken konkurrieren

Andy brachte Peter Jackson (PJ) zu der Erkenntnis, dass er seine fabelhafte Gollum-Stimme nur produzieren konnte, wenn er den entsprechenden Gesichtsausdruck und die angemessene Körperhaltung (wg. Atmung und Resonanz) einnahm: Mimik und Sprechen waren eine untrennbare Einheit. Das jedoch hatte schwerwiegende Folgen: Nach zwei Jahren Vorarbeit sahen sich die CGI-Animateure gebeten, ihren Gollum komplett zu überarbeiten: binnen zwei Monaten! Nur so konnten sie Gollum der Mimik und den Körperbewegungen Andys anpassen. Dazu setzten sie (siehe DVD wegen Details) drei verschiedene Technologien ein, um einen Streit zwischen Verfechtern verschiedener Techniken abzuwenden: das herkömmliche Key-Frame-Verfahren, das neue Motion Capturing (= Bewegungserfassung, kurz: Mocap) und das uralte Rotoscoping. Ein Amalgam der neuen Technik nannten sie „Roto-Animation“. Für Mocap musste Andy seinen zunächst weißen, späten dunkelblauen Lycra-Anzug tragen. Er sah aus, „als käme er direkt aus einem Laden für Fetischartikel“. (Koproduzent Rick Porras, so ist auf der Extended-DVD zu sehen, sprang an einem Tag für Andy ein. Die Ergebnisse waren einfach blamabel. Das beweist am besten, wie überzeugend Andys Arbeit wirklich war.)

„Niemand mag dich…“

Für die Vermittlung von Gollums einzigartiger Psyche ist eine Szene von zentraler Bedeutung, die als „schizoide Szene“ bezeichnet wird: Gollum/Smeagol streitet sich mit sich selbst, irgendwo in Ithilien. Bislang konnte das Publikum meistens über Gollum lachen. Doch als der Gollum-Teil, der väterliche Überlebenskünstler, den kindlichen Smeagol als „Mörder“ bezeichnet und diese Anklage offenbar der Wahrheit entspricht, ist Schluss mit lustig. Nun nimmt das Publikum Gollum/Smeagol als eigenständigen Charakter wahr. Mit einem Mörder (der uninformierte Zuschauer erfährt erst im 3. Teil, warum) ist schließlich nicht zu spaßen.

Szenen aus dem dritten Teil

Diese zentrale Szene erarbeitete Philippa Boyens, die mit Fran Walsh und Andy Serkis stark an der Ausarbeitung von Gollums Kern und Entwicklung beteiligt war. Die Schizo-Szene macht auch dem letzten Zuschauer klar, dass Gollum ein Ring-Junkie ist, ein Mörder, der jederzeit rückfällig werden kann – eine große Gefahr für die Mission des Ringträgers. Der Begriff des Junkie und der Sucht stammt von Andy. In den Kapiteln „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“ (Déagol ist Sméagols Vetter, den er tötet, um den Ring zu erlangen) und „Die Rückkehr des Königs“ offenbart Serkis Szenen aus dem 3. Teil, die viele Zuschauer noch nicht gesehen haben. Andy konnte beim Kampf zwischen Déagol und Sméagol selbst Regie führen. Und das kann man von keinem anderen Darsteller sagen.

Private Unternehmungen

Ist die Beschreibung dieser Arbeiten schon allein recht spannend, so sind es auch manche von Andys gelungenen Berichten über seine Wanderungen (er ist Bergsteiger) und die einzige Kanufahrt, die er bewältigte. Ansonsten änderte sich sein Leben auf erhebliche Weise. Seine Familie vergrößerte sich um einen Sohn, den er von England mit zu den Kiwis brachte, und er heiratete seine Freundin. Sie lebten in verschiedenen Wohnwagen, Hotels, Pensionen, sogar einem eigenen Haus. Ganz en passant nimmt uns Andy auf eine Rundtour auf den Inseln des Neuseeland-Archipels mit. Die beigefügten Fotos liefern weitere Infos, so etwa vom Vulkan Mount Ruapehu, der die Kulisse für die Emyn Muil abgab. Am eindrucksvollsten zeigt sich Andy von der Begegnung mit Sir Edmund Hillary, einem der beiden Erstbesteiger des Mt. Everest, der in Neuseeland sozusagen der Grand Old Man ist.

Die Gollum-Revolution

Abgeschlossen werden die Tagebuchaufzeichnungen mit den Konsequenzen des veröffentlichten Films „Die zwei Türme“: Die Weltöffentlichkeit war von Gollum überrascht und begeistert, aber die Welt der Filmschauspieler machte sich ernsthafte Sorgen. Gollum bedeutete ein Revolution: Zum ersten Mal hatte ein echter Schauspieler es geschafft, eine digital erzeugte Figur mit Leben zu erfüllen und sie mit Realdarstellern interagieren zu lassen, so dass ein enorm hoher Grad an Glaubwürdigkeit erzielt wurde. Das ist die Gollum-Revolution, und so mancher Darsteller begann um seinen Job zu fürchten. Andy tat alles, um diese Ängste als unbegründet zu widerlegen. Gerade durch seine am Theater entwickelten Fähigkeiten hatte er ja erst die CGI-Figur zum Leben erwecken können. (Außerdem erzählt Andy noch zahlreiche witzige Szenen mit Journalisten, die nicht schmeichelhaft sind.)

_Russells Interviews_

Das ganze Buch würde stark den Eindruck von Selbstbeweihräucherung und Subjektivität erwecken, gäbe es nicht die Statements, die Gary Russell in vielen Interviews gesammelt und hier kondensiert wiedergegeben hat. Hier kommen die führenden Köpfe des HdR-Projekts wie der Regisseur, die Produzenten, die Autoren, die Leiter der Grafikabteilungen, von Weta Workshop und Weta Digital zu Wort sowie viele unbekannte Mitarbeiter, die sich gerne an Andy erinnern. Manche dieser Zitate sind mehr als eine Seite lang.

So gut und erhellend die Zitate auch sind, so können sie doch nicht alleine stehen, weil sie sonst zu trocken und belehrend wirken würden. Erst zusammen bilden das Tagebuch und die Statements eine Einheit, die bereits zwei Drittel des Buches ausmacht. Der Rest besteht aus hunderten von Fotos und allen Arten von Grafiken und Zeichnungen.

_Die Illustrationen und Fotos_

Abgesehen von vielen privaten Aufnahmen, die Andys Leben illustrieren, enthält das Buch eine erstaunliche Fülle von Grafikmaterial, das eines Gary-Russell-Bandes (s.o.) würdig ist (und wohl auch daraus stammt). Interessanter als die bekannten und auf der Extended-DVD zu findenden Grafiken aus „Die zwei Türme“ ist das bis dato nie gesehene Material aus „Die Rückkehr des Königs“.

Besonders Kapitel 7, betitelt „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“, gewährt aufregende Einblicke: Hier wird die weitere Entwicklung des Hobbits Sméagol in Wort und Bild festgehalten, bis aus dem betuchten, dandyhaften Hobbit ein jämmerlicher, ausgemergelter und hasserfüllter, weil ringloser Ring-Junkie geworden ist: 500 Jahre im Zeitraffer sozusagen, ausgearbeitet von Autorin Ph. Boyens und inszeniert von Andy Serkis himself. Kap. 13 liefert einen Vorgeschmack auf „Die Rückkehr des Königs“, so etwa das Tor von Minas Morgul. (Aber auch hier ist Kankra nicht zu sehen.)

Andy ist ein Buch zum Film gelungen, das mich als erstes in Klett-Cottas Filmbuchreihe restlos zu begeistern und zu überzeugen wusste. Das lag nicht nur an Andys lebendiger und anschaulicher Erzählweise, sondern vor allem und in erster Linie an seinem Humor.

Dieser Humor ist einerseits recht britisch und trocken, andererseits gelingt Andy damit die Beschreibung des Besonderen, das eine seltsame Szene und Situation nach der anderen ausmacht. Wir erleben mit ihm den ersten verwirrenden Tag in Wellington, in den Wingnut Studios, im Weta Workshop und sogar schon am Set. Niemand mag dich… wer bist du überhaupt in deinem komischen Ganzkörperkondom?! Andy wusste genau, wie sich Gollum fühlte…

Außerdem genehmigt er sich ein paar nette Seitenhiebe auf das Filmbusiness und die Leute, die daran beteiligt sind – von den begriffsstutzigen Filmjournalisten bis zu den Agenten, die am liebsten sogar für Würmer am Angelhaken „saftige Honorare für zusätzliche Stunteinsätze“ herausschlagen würden, wenn sie könnten (S. 60, Spalte 2).

Zur Übersetzung: Peter Torberg musste nach Angaben des Verlags viel recherchieren, um all die Fachausdrücke aus der Welt der Computergrafik, Animation und des Motion-Capture-Verfahren fachgerecht ins Deutsche übertragen zu können. Aber er hat seine Aufgabe mit Bravour erledigt.
Die einzigen Fehler sind in den Plural- und Kasusformen bestimmter Wörter wie etwa Pronomina etc. zu finden. Die hätte ein Korrektor oder Grammatikprüfprogramm eigentlich leicht entfernen können. Anders als in „Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst“ konnte ich jedoch keine Sachfehler finden.

Ich habe das ganze Buch auf der Hin- und Rückfahrt zwischen Stuttgart und München lesen können. Es ist nicht ermüdend, sondern abwechslungsreich, gespickt mit fachlichen Infos, aber unterhaltsam genug mit persönlichen Erfahrungen angereichert.
Außerdem wird das Tagebuch, wie gesagt, durch die zahlreichen Zitate und das umfangreiche Grafikmaterial abgerundet, so dass eine Einheit entsteht, die dennoch vielschichtig genug ist, dass man das Buch gleich mehrmals hintereinander lesen möchte (und könnte).
Der spezielle Humor, den Andy Serkis einbringt, lässt die informative Lektüre zu einem vergnüglichen Erlebnis werden, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.
Das einzige andere Buch, das ähnliche tiefe Einsichten zum HdR-Projekt liefert, ist Brian Sibleys Buch von Ende 2001, das im Frühjahr 2004 ergänzt werden soll. Sibley beschreibt die Hintergründe des Buches und des Films sowie den Werdegang vom Buch zum Skript.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Oidium, Jan – Fire & Steel III – The Death Of Planet King

Jan Oidium ist freier Illustrator, den es nach einem abgebrochenen Studium in Graphikdesign im Jahr 2000 nach Berlin verschlagen hat, wo er heute eine eigene Verlagsgesellschaft betreibt und nebenbei seinem Hobby Musik nachgeht; seine erste CD „Solist“ mit experimentellen Klavierstücken wurde vor Kurzem veröffentlicht. „Fire & Steel 3“ erscheint erstmalig außerhalb der metallischen ‚fünften Jahreszeit‘, sprich dem W:O:A:, und wird nun auch über den Zeitschriftenhandel in Deutschland, der Schweiz und Österreich vertrieben.

Oidium widmet die erste Seite einem Kurzbericht über seine Aktivitäten im vergangenen Jahr und zieht Bilanz über das „lauteste Dixie der Welt“, das er in Wacken aufstellte und die Besucher zum fröhlichen Bangen in seinem 800-Watt-Klo einlud. Auf der zweiten Seite ist ein interessanter Bericht des Wacken-Teams mit einigen Daten und Fakten zum Festival 2003 (Wusstet ihr, dass dort 45.000 Rollen Klopapier verbraucht wurden?).

Und nach der mittlerweile obligatorischen Darstellung der Figuren (neu dabei der „Splatterling“, ein kosmisches Flugrudeltier, und als Gaststar Arjen Lucassen (VENGEANCE, AYREON, STAR ONE) sind wir dann auch gleich im Geschehen. Der kleine Planet, den der Oitiontiser aus dem All geholt hat, um die im Vorgängerheft durch die Gewalt der Soundschlacht zwischen den Bands PLANET KING und ETERNAL WINTERFROST abgesprengte Hälfte zu ersetzen, wird aufgrund eingedrungener Bakterien leider abgestoßen.

Rettung verspricht nur der oitiontiserische Blauschimmelkäse, der „stärkste und brutalste Käse des Universums, den nur der mächtige Oitiontiser zu essen vermag“. Nur ist dessen letzter Laib lange verzehrt und die Zunft der Käsehersteller bei dessen Herstellung zu Tausenden ausgestorben. Thunderforce zieht sich zum Nachdenken in den Tower of Truth zurück und findet schließlich die Lösung. Helfen kann nur ein sogenannter Holländer – diese sind schließlich berühmt dafür, Käse herzustellen – namens Arjen Lucassen, der ein elektrisches Schloss auf dem Planeten „Stern 1“ bewohnt.

Derweil lässt sein Widersacher Dark Even McBaron nach der Absprengung der Planetenhälfte auf „dem wimpigsten, untruesten und verabscheuungswürdigsten Planeten, den es für Blackmetaller geben kann“ – gemeint ist die Sonne – die Maulwurfsmenschen unter Führung seines Schergen Neroon ein Raumschiff aus dem Magma der Sonne bauen, um zum Planeten King zurückzukehren und mit seinem Feind abzurechnen.

Mehr wollen wir hier noch nicht verraten, da „Fire & Steel 3“ erst am 17. Dezember erschienen ist. An beknackten Ideen ist Nummer Drei des Spektakels nicht ärmer als seine Vorgänger. Alleine der oitiontiserische Blauschimmelkäse und das Gelaber unserer beiden Helden über bakterielle Zersetzung im Inneren von Planeten und Käselaiben ist einfach köstlich und beweist einmal mehr Oidiums schrägen Humor. Als Anmerkung und Aufklärung sei erwähnt, dass „Oidium“, auch Echter Mehltau oder Äscherich genannt, eine Schimmelsorte ist, die Weinreben befällt und demnach natürlich ein Künstlername. Aber wer sucht sich schon den Namen einer Schimmelsorte als Künstlername aus?

Herrlich sind auch wieder die beiden „truen Tiere“ Drachenwurm und Iron Igel, die gelangweilt auf der Couch sitzen und sich eine Folge ihrer Lieblingsserie „Captain Kosmos“ anschauen, deren Dialoge verdächtig an eine an Schwachsinn potenzierte Version von „Raumschiff Orion“ erinnern („Wir gehen in Megamorphmodus.“), bevor ihnen der Neuzugang „Splatterling“, eine Art Heavy-Metal-Schmetterling, von den bösen Plänen Dark Even McBarons berichtet.

Die ironischen Anspielungen auf die Werke von Arjen Lucassen – sowohl Oidium als auch Thunderforce sind eingeschworene Fans des Holländers – sind wirklich gelungen und beweisen, dass der sympathische Holländer wohl auch ein Freund von blühendem Blödsinn ist (Natürlich wurde zu der Verballhornung seiner Figur – er tritt in dem etwas merkwürdigen silbernen Raumanzug der STAR ONE-Tour auf – seine Zustimmung eingeholt).

Stilistisch gibt es gegenüber dem Vorgänger nicht viel Neues, Oitiontiser und Thunderforce scheinen noch ein wenig runder und voller, der doch etwas eckige und kantige Stil des ersten Hefts gehört wohl der Vergangenheit an. Für Eingeweihte bleibt die nicht wirklich interessante Frage, ob denn der Oitiontiser irgendwann einmal mit kurzem Haar zu sehen sein wird, nachdem sich auch Oidium von seiner Matte getrennt hat.

Wem Teil Zwei gefallen hat, der wird auch Teil Drei mögen und gespannt auf die Fortsetzung warten.

Beziehen könnt ihr „Fire & Steel 3“, wie eingangs erwähnt, im gutsortierten Zeitschriftenhandel, im Powermetal.de-Online-Shop, über die Homepage von Jan oder über http://www.metaltix.de.

Auf http://www.oidium-comics.de sind auch andere Illustrationen von Oidium (u.a. Poster von GAMMA RAY und IRON MAIDEN) sowie einige seiner Auftragswerke) zu sehen.

David Brawn – Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs – Fotos aus Mittelerde

Teile der nachfolgenden Buchbesprechung decken sich mit der Rezension zum „offiziellen Begleitbuch“ von Jude Fisher, das ebenfalls hier vorgestellt wurde.
Wieder einmal hat sich der Autor David Brawn dazu hergegeben, kleine Infotexte zu den Fotos dieses Begleitbuches zur filmischen HdR-Trilogie zu schreiben. Er richtet sich dabei natürlich nach dem Drehbuch von Walsh, Jackson, Boyens u.a. Da aber bekanntlich die Kinofassung um mindestens eine Stunde gekürzt wurde (die hoffentlich auf der DVD der Special Extended Edition landet), so dass von Saruman nichts zu sehen ist, hat Brawns Verlag vorsichtshalber nur die unwichtigen und sichersten Szenen des Films berücksichtigt. Für den Käufer ist das nicht sonderlich zufrieden stellend.

David Brawn – Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs – Fotos aus Mittelerde weiterlesen

Oidium, Jan – Fire & Steel II

Jan Oidium ist freier Werbezeichner, den es nach einem abgebrochenen Studium in Graphikdesign im Jahr 2000 nach Berlin verschlagen hat, wo er heute eine eigene Verlagsgesellschaft betreibt und nebenbei seinem Hobby Musik nachgeht; seine erste CD „Solist“ mit experimentellen Klavierstücken wurde vor Kurzem veröffentlicht. Zum Wacken Open Air 2003 erschien Ausgabe Zwei seines Comic „The Heavy Metal World Of Fire & Steel“ und wurde vorerst nur auf dem Festival vertrieben.

Oidium selbst störte an „Fire & Steel 1“, dass man seiner Meinung nach nicht richtig erkennen konnte, wohin die ganze Sache ging. Bei „Fire & Steel 2“ ist dies jedoch eindeutig zu erkennen. War das Vorgängerheft noch der Anfang einer Idee, so hat sich diese im zweiten Teil zu einer kompletten Geschichte entwickelt, die sich über fast das gesamte Heft erstreckt.

Der Wahnsinn beginnt mit einer Art Zeitungsnachricht, verfasst von Georg Weihrauch, die über einen heimtückischen Angriff auf das Leben des Zeichners durch die bösartigen Maulwurfsmenschen berichtet, dem er nur mit knapper Not und durch den beherzten Einsatz seines Schwertes entrinnt. Die zweite Seite gehört wieder einem Auszug aus dem „Buch der Macht“ und die folgende Doppelseite bietet eine Karte vom „Land der Welt“, bevor es nach einer Darstellung der Figuren mit der Geschichte losgeht.

Der mächtige Oitiontiser und sein Gehilfe Thunderforce erhalten eines Tages unliebsamen Besuch von einem Beamten des Einwohnermeldeamtes. Da der Oitiontiser nach eigenem Bekunden seit Anbeginn der Zeit in dem „Land der Welt“ lebt, sich jedoch niemals die Mühe einer Anmeldung machte oder Steuern abführte, schuldet er dem Fiskus nunmehr die auch für ihn nicht ganz unbeträchtliche Summe von 400 Millionen Tonnen Gold. Aufgrund einiger verschwenderischer Anschaffungen, wie zum Beispiel die 34 Kilometer lange, aus Edelmetall gegossene Schlittschuhbahn, auf der er mit seinen diamantenen Kufen durch die Kathedrale gleitet, ist seine Kasse jedoch bedenklich leer. Um den irrwitzigen Forderungen nachzukommen, beschließen die beiden, ein gewaltiges Konzert der Band PLANET KING zu veranstalten, um mit den Einnahmen der Besucher; immerhin wird nicht weniger als die gesamte Bevölkerung erwartet; die Schuld zu begleichen.

Dummerweise plant auch sein Widersacher, Dark Even McBaron, unterstützt von seinem Schergen Neroon, ein mächtiges Konzert seiner Black-Metal-Band ETERNAL WINTERFROST. Für die Konzerte ist natürlich nur ein Ort ‚true‘ genug, nämlich Wacken. Dort allerdings ist man gerade noch dabei, die Spuren des Open Air vom letzten Jahr zu beseitigen. Nur durch die Hilfe der „truen Tiere“ Drachenwurm und Iron Igel kann der Veranstaltungsort rechtzeitig für das Konzert vorbereitet werden und die beiden rivalisierenden Bands versuchen sich in einem irrwitzigen Showdown von den gegenüber liegenden Bühnen aus zu übertönen. Erst durch die Kopplung der Systeme von PLANET KING, MANOWAR und SPINAL TAP (deren Verstärker bekanntermaßen eine Skala bis 11 haben) kann der dunkle Feind endgültig vernichtet werden. Leider auf Kosten des gesamten Planeten, der durch die mächtige Soundgewalt in zwei Stücke gerissen wird.

„Fire & Steel 2“ hat von allem mehr als sein Vorgänger. Mehr Story, mehr Farben, mehr Figuren und vor allen Dingen mehr Blödsinn. Daran sind sicherlich die Gehilfen Thunderforce und Neroon nicht ganz unschuldig, im richtigen Leben Freunde Oidiums mit echtem Namen, nunja, eben Thunderforce und Neroon – um bei ihren Nicknames in einem Heavy-Metal-Forum zu bleiben – die Oidium durch Inspiration und Unsinn unterstützt haben.

Im Heft stellen die beiden Adjutanten jeweils eine Art von Intelligenz und Vernunft ihrer durchgeknallten Herrscher dar und verfügen über magische Kräfte: Neroon kann durch „roonen“ die Gedanken anderer manipulieren und Thunderforce kann alles und jeden mit Hilfe von „Force-Strahlen“ in Stücke „forcen“. Gerade Letzteres hat im Vorfeld der Veröffentlichung wieder einmal zu einer Internet-Anekdote geführt, nachdem Odium allen Ernstes das Wort „forcen“ samt plastischer Beschreibung zur Aufnahme in das Wörterbuch eines semi-professionellen Forums von Übersetzern beantragt hat und dann laut- und wortstark von einem guten Dutzend Metallern unterstützt wurde, die wie marodierende Heuschrecken über die bierernste Gruppe von Germanisten und Anglistikern hergefallen sind. Zu deren Ehrenrettung soll gesagt sein, dass es sich bei dem Forum um eine wirklich sinnvolle Einrichtung handelt und es durchaus nicht nur aus Vertretern der Anti-Spaß-Fraktion besteht, zumindest war für ein paar Tage dort aber mehr ‚Bewegung‘ als sonst das ganze Jahr über und hat ihnen sicherlich den längsten Thread ihrer Existenz verschafft.

„Fire & Steel 2“ hat noch mehr Detailfülle an wirklich vollkommen Unsinnigem, als das nach dem ersten Heft als vorstellbar erschienen wäre. Das fängt schon mit dem getürkten Zeitungsartikel über den Angriff der Maulswurfsmenschen samt Bildkollage an und geht über die kleingedruckten rechtlichen Hinweise weiter (in denen Oidium „auf ewig über alle Rechte herrscht“), bevor der Autor mit dem „Buch der Macht“ dann beweist, dass dem Schwachsinn in seinem Paralleluniversum wirklich keine Grenzen gesetzt sind. Dort huldigen die Bewohner des Planeten dem Oitiontiser kniend 27 Jahre lang, nachdem sie ihn zur Feier seines Sieges über die acht Plagen viermal um den ganzen Planeten getragen haben; Thunderforce forct ganze Schweineherden in Stücke, die von seinem Herrn in die Luft geschleudert werden, damit sie den acht Milliarden Gläubigen wie gebratene Tauben in den Mund fallen; Tausende von Schreibern sterben, weil sie es nicht wagen zu atmen und die Luft mit ihrem unreinen Atem zu verpesten, während der Oitiontiser über sein Diktat nachdenkt.

Die Karte zum „Land der Welt“ zeigt dann den geographischen Zusammenhang von Orten wie dem „Tower of Truth“, dem „Black Iceberg of Doom“, der „Kathedrale zu Oi“ oder dem „Berg der Macht“, die im folgenden Comic von Bedeutung sind und liefert auch gleich die offiziellen Umrechnungskurse der Zentralbank des Planet King zwischen Euro und der einheimischen Währung, bestehend aus Humpen, Krempen, Fobbel und Asser, teilweise unterteilt in Nominationen von Halb-, Unter- und Quatter (z.B. 1 Quatterfobbel = 25 Euro-Cent).

Während Oitiontiser und Thunderforce in satten Blau-, Braun- und Grautönen dargestellt werden, sind die dunklen Gestalten Dark Even McBaron und Neroon konsequent mit weißen Strichen auf schwarzem Hintergrund gezeichnet, und stolpern dann in ihrer selbstgewählten Dunkelheit auch gleich über ihre eigenen Merchandisingartikel und stechen sich an ihren Nieten, bevor Neroon dann ein Licht anbringen darf, natürlich ein besonders dunkles. Ein herrlich ironischer Seitenhieb ist die Antwort auf die Frage nach der Gestaltung eines Logos für die Black-Metal-Band: „Ach, mach es wie bei allen Black-Metal-Logos. Nimm einen Haufen Nacktschnecken, tunk sie in weiße Farbe und lass sie über einen schwarzen Untergrund kriechen. An strategisch günstigen Stellen haust du sie dann platt.“

Für mehr als nur einen Lacher sorgen auch wieder die ‚truen Tiere‘, die dem Konzertveranstalter H. (als Gaststar : Wacken-Organisator Holger Hübner) beim Aufräumen in Wacken helfen. Der Drachenwurm zieht es nämlich vor, sich mit den Resten der Bar zu besaufen und wird von H. versehentlich in einen Cocktail aus vierzigprozentigem Whisky und achtzigprozentigem Strohrum gemischt („macht 120 Prozent Alk-Anteil“) und verschluckt. In seiner Panik kachelt er dann mit seinem Motorroller und samt Drachenwurm in die noch im Weg stehenden Bühnenaufbauten und zerlegt diese in ihre Bestandteile, der Wurm hat seinen Job erledigt („Nur gut, dass ich keine Knochen habe, die ich mir brechen kann. All Hail To The Weichtiere“).

Und so reiht Oidium einen Schwachsinn an den nächsten, nicht zu vergessen das zweiseitige Special in der Heftmitte, bei dem die beiden truen Tiere Verstärkung von dem gehörnten Lungenfisch („fick mich“) und der wandelnden Alk-Blume („ich ficke nicht, ich werde bestäubt“) bekommen sowie dem „Power Pin-Up“, in dem der Iron Eagle von PRIMAL FEAR eine Kralle auf den Drachenwurm stellt („nimm den komischen Papagei von mir runter“) und der Iron Igel ihm dafür den ausgestreckten Mittelfinger zeigt.

Stilistisch gesehen, hat sich Oidium sichtlich weiterentwickelt, die Figuren wirken etwas flüssiger und stimmiger und zeigen auch deutlichere Gesichtsmimik, die Farben sind weitaus satter als das noch beim ersten Heft der Fall war. Darüberhinaus ist „Fire & Steel 2“ Schwachsinn in Reinkultur und übertrifft das erste Heft noch bei weitem. Man darf gespannt auf das nächste Heft warten und auf die Beantwortung der Frage, ob Oidium das alles noch einmal übertreffen kann.

Restexemplare können im Powermetal.de-Online-Shop, über http://www.metaltix.de oder über die Homepage von Jan bezogen werden: http://www.oidium-comics.de , auf der auch andere Illustrationen (u.a. Poster von GAMMA RAY und IRON MAIDEN sowie einige seiner Auftragswerke) zu sehen sind.

Blatty, William Peter – Exorzist, Der

Die junge Tochter einer erfolgreichen Schauspielerin wird zunehmend von einem Dämon in Besitz genommen. Die moderne Wissenschaft versagt bei der Diagnose und Heilung. Der verzweifelten Mutter bleibt nur die Zuflucht zu einem professionellen Teufelsaustreiber. Pater Merrin weiß, gegen wen er kämpft…

W.P. Blatty ist leider nur vor allem für diesen Roman bekannt: In der Verfilmung durch William Friedkin wurde der „Exorzist“ zu einem der ersten Blockbuster der Siebziger. Kein Wunder, denn verschlüsselt beschreibt er das Phänomen einer „entarteten“ Jugend, der sich eine hilflose Elterngeneration gegenübersieht. Ohne je diese Tiefe zu erreichen, entstanden in der Folge dieses Megaerfolges solche Horrorfilme wie „Das Omen“, „Damien“ und „The Changeling“.

Joachim Kerzel ist deutsche Stimme von Dustin Hoffman, Jack Nicholson und fast allen Stephen-King-Hörbüchern. Seine Stimme ist hier durch zahlreiche Filter gejagt, um die zahlreichen Stimmen, in denen der Dämon zu uns spricht, darstellen zu können – ein wahres Stimmenkonzert, dazu geeignet, nicht nur Ehrfurcht und Verwunderung, sondern auch tiefe Angst auszulösen. Die Warnung des Verlags kann ich daher nur eindringlich unterstreichen: Dieses Hörbuch ist nur ab 16 Jahren zu empfehlen! Am besten hört man sich die Lügen und Obszönitäten des Dämons nur in Begleitung an.

Das Hörbuch lässt den gesamten Vorspann weg, der im Irak spielt, und steigt gleich mit den ersten Szenen ein, die sich im Haus der Schauspielerin Chris abspielen, im noblen Washingtoner Vorort Georgetown, wo es auch eine katholische Universität gibt. Gegenüber liegt das Jesuitenkolleg. Chris ist geschieden, steht auf eigenen Beinen und ist erfolgreich. Sie dreht einen Film mit einem Regisseur namens Burke Dennings an der Uni.

Regan, die 12-jährige Tochter der Schauspielerin, beginnt sich negativ zu verändern. Der Dämon Pazuzu hat sich im Haus eingenistet und verursacht zunächst nur Klopfgeräusche auf dem Dachboden. Regan nennt ihn Captain Howdy und spielt mit ihm. Sie wird unzufrieden und vergesslich.
Wenige Tage später bekommt Regan bereits zahlreiche Medikamente, die dazu dienen sollen, Schizophrenie, Hysterie und andere Syndrome zu bekämpfen. Sie redet in unbekannten Sprachen und ist gewalttätig. Eines Tages liegt Burke Dennings tot am Fuße der Treppe neben dem Haus. Er hat ein gebrochenes Genick, sein Hals ist nach hinten gedreht. Wurde er ermordet, aus dem Haus gestoßen?

Die Polizei nimmt die Ermittlungen in Gestalt eines William Kinderman auf, der sich als Vorläufer von Inspektor Columbo entpuppt: ebenso hinterlistig zerstreut, aber dennoch äußerst kompetent. Kinderman konzentriert sich auf den zwielichtigen Schweizer Diener namens Angstrom und stößt auf ein Geheimnis.
Als Kirchenschändungen in Georgetown entdeckt werden, untersucht auch Kinderman dies und begegnet dabei Pater Damien Karras, einem Psychiater unter den Jesuiten, der an der Uni Vorlesungen hält. Wochen später, nachdem alle Mittel der Wissenschaft an Regan versagt haben, gerät Chris über Kindermans indirekte Vermittlung an Karras. Sie bittet ihn um eine Teufelsaustreibung, einen Exorzismus.
Karras, der zunächst an hysterische Autosuggestion bei Regan glaubt, wird vom Dämon Pazuzu eines Besseren belehrt. Er kommt sogar dem fremdartigen Gestammel des Dämons auf die Spur, als er sein Tonband rückwärts ablaufen lässt. Er beantragt einen Exorzismus und erhält die Genehmigung der Kirche, das Römische Ritual mit der Hilfe eines erfahrenen Exorzisten namens Lancaster Merrin durchzuführen. Merrin kennt den Dämon Pazuzu bereits aus dem Irak.

Der Rest ist sozusagen Geschichte. Am Ende müssen zwei Patres ihr Leben lassen, um das des Mädchens zu retten.

Ich habe das Buch bereits an anderer Stelle rezensiert und möchte nicht viel Weiteres hinzufügen. Es gibt sicherlich Stellen, die man hätte kürzen können, denn der Autor geht stark auf die vorhandene Fachliteratur ein. Das ganze Hinundher mit Wissenschaft, Psychologie, Psychotherapie und so weiter scheint nur aufzuhalten, dient aber letzten Endes dazu klarzumachen, wie verzweifelt ein Mittel wie der Exorzismus sein muss – sozusagen der letzte Strohhalm, den Chris ergreift.
Der Exorzismus selbst ist keineswegs Show, sondern ein vorgeschriebenes Ritual, das Jahrhunderte alt ist. Die konkrete Teufelsaustreibung an Regan ist eine schmerzvolle, oftmals ekelerregende Prozedur, die den Glauben der beiden Patres auf die härteste Probe stellt. Karras, dem eine Mitschuld am Tod seiner kürzlich verstorbenen Mutter gegeben wird, ist einigermaßen geschwächt durch Selbstzweifel. Und so sieht er für sich und die Situation nur einen Ausweg: Selbstopferung.

Wie ich schon des öfteren geschrieben habe, gehört für mich Joachim Kerzel zur ersten Garde der deutschen (Synchron-) Sprecher. Auch seine Kooperation etwa mit Franziska Pigulla klappt hervorragend (kürzlich bei Folletts „Leopardin“). Doch beim „Exorzisten“ hat er sich selbst übertroffen.
Seine Fähigkeit, seine Stimme jeder Situation, Figur und Emotion anzupassen, ist schon erstaunlich genug. Doch diesmal erhält er Unterstützung von der Technik. Die Klangeffekte und digitalen Sprachfilter, durch die wir seine Stimme hören, sind von verblüffender Vielfalt und Effektivität. Dadurch wird seine Vortrag zu wesentlich mehr: zu einem Einmann-Hörspiel.
Telefonstimmen sind ja noch das Einfachste. Doch Halleffekte und Dubbings kommen hinzu. Insgesamt hat man sich bei der Soundregie offenbar am Vorbild des Friedkin-Films orientiert. Verzerrte Atemgeräusche des Dämons, tiefes Knurren, Spritz- und Kratzgeräusche, Poltern, Scheppern und Krachen gehören dazu. Am beunruhigendsten für den Zuhörer ist nicht diese Geräuschkulisse der Gewalt. Es ist vielmehr der subtil schleichende Eindruck, den sehr tiefe Töne erzeugen: der Eindruck von etwas äußerst Bedrohlichem.

Es ist unmöglich, sich dieser beängstigenden Wirkung, die unterschwellig wirkt, willentlich zu entziehen, und das macht das Anhören des Hörbuchs, besonders ab CD 5, so potenziell gefährlich. Man möchte nicht gerade bei solchen Szenen riskante Überholmanöver auf der Autobahn versuchen.

Ist der Horror- und Kriminalroman an sich bereits ein spanenndes und beklemmendes Erlebnis, so wird diese Wirkung noch vielfach potenziert durch die Mittel, die bei diesem Hörbuch – um nicht zu sagen: Hörspiel – eingesetzt werden. Das Anhören ist ein unvergessliches Erlebnis, und für so manche schlaflose Nacht ist gesorgt.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Brown, Dan – Meteor

Große Freude: Der „Meteor“ ist eingeschlagen!
Nach Dan Browns Bestseller „Illuminati“ wurde nun auch „Deception Point“ ins Deutsche übersetzt. Der Vorgänger konnte mit einem Mix aus Rätseln, uralten Mythen und Glauben sowie den Gegensätzen zu moderner Forschung und Technik begeistern.
Nun lässt es Brown in der Arktis krachen – wird der „Meteor“ in der Eiswüste erneut Begeisterungsstürme entfachen? Die Erwartungshaltung der Fans legt nach „Illuminati“ die Messlatte sehr hoch …

Die NASA ist wie alle Regierungsbehörden nicht gerade ein Muster an Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Senator Sedgewick Sexton, im Aufwind befindlicher Präsidentschaftskandidat, nutzt sie als Thema seiner Wahlkampfkampagne: Der amtierende Präsident Herney ist bekannt als starker Befürworter der Weltraumforschung. Leider hat die NASA in letzter Zeit eine Serie von katastrophalen Fehlschlägen aufs Parkett gelegt, welche die öffentliche Meinung zu Gunsten Sextons und der hinter ihm stehenden Space Frontier Foundation beeinflusst haben. Diese möchte die staatliche Erforschung hinter kommerzielle Aspekte der Nutzung des Weltraums stellen – die staatlichen Gelder sollen stattdessen in Bildung und Erziehung sowie andere chronisch untersubventionierte Gebiete fließen.

Dem Präsidenten kommt der Zufall zur Hilfe: Die NASA entdeckt im Milne-Schelf der Arktis einen Meteoriten. Nichts Besonderes, wären da nicht die zahlreichen enthaltenen Fossilien… der Beweis für außerirdisches Leben! Eine Entdeckung von unschätzbarer Bedeutung.

Herney nutzt die Gunst der Stunde: Er ordnet Geheimhaltung an und lässt eine Filmdokumentation erstellen, die nach seiner Ansprache ausgestrahlt werden und Sexton vernichtend aus dem Rennen schlagen soll. Als besonderen Clou darf dessen Tochter Rachel, die für das National Reconnaissance Office arbeitet, als „neutrale“ Beobachterin ihrem Vater das politische Grab schaufeln …

So weit der Plan. Die Realität sieht anders aus: Etwas stinkt nach Verrat im ewigen Eis …
Noch bevor Rachel zum Fundort des Meteors gebracht wird, werfen Elitesoldaten der Delta Force einen kanadischen Geologen mitsamt seinen Huskies aus ihrem Hubschrauber in eine Gletscherspalte …

Die Bühne ist bereitet, die Show kann beginnen. Warum musste der Forscher sterben? In wessen Auftrag handelten die Soldaten? Viele Spuren, denen der Leser nachgehen kann. Erst hatte ich Sexton im Verdacht, dann den Präsidenten, dann wieder andere… Brown legt hier meisterlich Köder für den Leser aus.

Leider blieb mir der Fisch im Hals stecken: Bald lässt Brown technisches Gerät auffahren, das wohl sogar Bond’s Cheftüftler Q eine Spur zu futuristisch wäre. An Ian Fleming’s klassische Bondromane erinnert auch die Anwendung desselben durch die bösen Jungs – bald jagen sie Rachel und ihren neuen Freund, einen gutaussehenden Meeresbiologen, bis ins Eismeer und schaffen es einfach nicht, sie umzubringen.

Rachel wird übrigens von einer F-14 in die Arktis geflogen und auf einer Eisscholle treibend von einem U-Boot gerettet… die Delta Force bewegt sich mit einem ca. sechsfach überschallschnellen Jet zurück nach Washington und benutzt auch sonst selbst für jede Kleinigkeit High-Tech. Ein bisschen zu dick aufgetragen für meinen Geschmack.

Ms. Rachel Sexton wird uns detailliert als hübsch, modisch und nett vorgestellt, dasselbe gilt für ihren ansonsten total unwichtigen Lover, Präsident Herney wird als sympathischer Landesvater und Papa Sexton als fieser Opportunist und Populist dargestellt. Hier tragen die Bösewichte graue Mäntel und schwarze Hüte, sehr zuvorkommend, Mr. Brown!

Obwohl Politik nicht mein Genre ist, konnte der Roman hier punkten: Die einzige Figur mit einer gewissen Charakterentwicklung ist Sextons persönliche Referentin Gabrielle Ashe, die dieser natürlich bereits „clintonized“ hat. Sie soll ins Lager des Präsidenten wechseln, zweifelt aber und traut bald keiner Seite in diesem Spiel mehr.

Ansonsten bleiben alle Figuren eindimensional blass, der Roman lebt von seiner durchgehend spannend erzählten Story, die immer wieder überraschende Wendungen bietet, was einen guten Thriller auszeichnet. Brown demonstriert erneut, dass sein packender Erzählstil keine Eintagsfliege war.

Seine Recherche war aber diesmal nicht gerade hervorragend: Von der Flut genial kombinierter Fakten bei „Illuminati“ blieb nicht allzu viel übrig. Das Heer von Experten hätte sich einige Details um den Meteor sehr einfach erschließen können, mehr erzähle ich aber hier nicht dazu. Auch biegt Brown die Fakten der Realität diesmal wesentlich stärker, um sie in den Roman einzupassen – eben mit der Brechstange, wenn es sein muss.

Die Auflösung, wer der geheime Drahtzieher hinter den Aktionen der Delta Force ist, und warum diese im Gebiet des Meteors aktiv wird, enttäuscht leider ebenfalls, da sie nicht unbedingt nachvollziehbar konstruiert ist.

Fazit: Leider nicht der erhoffte Knaller, der Steinbrocken säuft im Eismeer ab. Spannung und einen sehr guten und flüssigen Erzählstil findet man wieder, überzeugen kann der Roman wegen seiner Schwarzweißmalerei und dem für einen Thriller viel zu simplifizierten Politschema dennoch nicht. Die unnötigen Technikspielereien und sonstige an Mr. Bond erinnernde Anleihen kommen leider ohne den augenzwinkernden Charme, der denselben auszeichnete, nicht gut rüber.

Dan Brown kann es besser: In „Sakrileg“ wird Robert Langdon aus „Illuminati“ reaktiviert und darf wieder in Kunst, Kultur, Geschichte und Wissenschaft Rätsel und Intrigen lösen. Sein Eintopf aus Tom Clancy (Politik/Militär), Ian Fleming (Bond) und Akte X (Aliens/Wissenschaft) hingegen ist zu unglaubwürdig und konstruiert, um wirklich zu begeistern. Den Charme von Robert und Vittoria konnten Rachel und Michael (Barbie und Ken?) auch nicht erreichen.

Ohne den Erfolg von „Illuminati“ würde wohl niemand diesem Roman mehr als Mittelmaß bescheinigen. Das soll nicht heißen, der Roman wäre schlecht: Es gibt nur zahlreiche bessere, und nur Browns gefälligem Schreibstil ist zu verdanken, dass er nicht vollends in der Masse untergeht.

Homepage des Autors: http://www.danbrown.com

Fisher, Jude – Herr der Ringe, Der: Die Rückkehr des Königs – Das offizielle Begleitbuch

Mit zahlreichen Fotos und Illustrationen geschmückt führt dieser Band in das Geschehen und Hintergründe des dritten Teils der „Herr der Ringe“-Saga ein, die Peter Jackson in seiner Filmtrilogie erzählt. Endlich tritt auch Kankra, das Spinnenmonster auf, auf das die Tolkien-Fans im zweiten Teil vergeblich warten mussten.
Dieses Buch bietet – neben den Publikationen (Kalender usw.) anderer Verlage – den einzigen vorbereitenden Einblick in den dritten Film, der etwas taugt. Das „Fotobuch“ dient ja nur als Appetizer oder Souvenir. Was danach kommt, ist ein Buch von Gary Russell, das sich, wie schon seine zwei Vorgänger, ausschließlich mit dem Design und Artwork von „Die Rückkehr des Königs“ befasst.

Die Britin Jude Fisher hat zwanzig Jahre lang als Verlegerin und Buchhändlerin gearbeitet und ist Autorin aller „Offiziellen Begleitbücher“ (Visual Companions) der drei „Herr der Ringe“-Filme. Außerdem hat sie selbst einen Fantasyroman verfasst und ist eigentlich Spezialistin für altisländische Texte („Die Edda“ usw.). Laut Verlag hat sie unter dem Pseudonym „Gabriel King“ vier Romane verfasst, und wie man weiß, handelt es sich dabei um mindestens zwei Katzen-Fantasy-Romane, die bei Heyne erschienen sind: „Auf geheimen Pfaden“ und „Die Goldene Katze“.
Interviewausschnitte mit Jude Fisher sind auf der Special Extended Edition von „Die zwei Türme“ zu finden, und zwar auf der dritten DVD, in den „Anhängen“.

Professor Tolkien wollte den dritten „Teil“ seines umfangreichen Buches eigentlich „Der Ringkrieg“ nennen, der Verlag bestand aber auf dem Titel „Die Rückkehr des Königs“. Und um das typische Geschehen in einem Krieg geht es hier auch: Der Höhepunkt des globalen Konflikts findet auf den Pelennorfeldern vor den Toren der gondorischen Festung Minas Tirith statt.

Für Actionfans gibt es alles, was das Herz begehrt, und die Fotos dieses Bandes zeigen es in düsteren Farben: fliegende Drachen der Nazgul, turmhohe Mumakil-Elefanten, Orks in rauen Mengen und schließlich die Krieger der Toten, die von Aragorn in ihr letztes Gefecht geführt werden, bevor er sie von ihrem Bann erlösen kann. Auch Merry, Pippin und selbst Eowyn tauchen endlich in Rüstung auf.

Doch auch der Feind in den eigenen Reihen schläft nicht: Statthalter Denethor wurde von Sauron über den Verlauf der Dinge (per Palantír) getäuscht und hat alle Hoffnung fahren lassen. Er will sich mit seinem noch lebenden Sohn Faramir auf einem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

Auch Gollum ist ein Verräter, wie man seit dem Schluss von Teil 2 weiß. Nachdem Frodo ihn an Faramir verraten hat, um sein Leben zu retten, führt Gollum die beiden „Hobbitse“ in das Versteck der Riesenspinne Kankra. Leider ist das Monster an keiner Stelle des Buches abgebildet. Das Titelbild jedoch zeigt Frodo mit Stich und Galadriels Phiole in der Hand, wie er Kankra gegenübertritt – ein eindrucksvolles Motiv.

Als das siegreiche Menschenheer vor dem Schwarzen Tor Aufstellung bezieht, hängt dennoch der Erfolg dieser Armee von drei kleinen Hobbits ab: Gollum, Frodo und Sam kämpfen am Schicksalsberg ums nackte Überleben – und um den „Schatzzzzz“!

Die Fülle der Fotos im Begleitbuch täuscht darüber hinweg, dass die interessantesten Motive fehlen:

1) Aragorns Täuschung durch den von Sauron missbrauchten Palantír Isengarts, so dass er glaubt, Arwen sei tot;
2) die toten Ritter, die Aragorn aus dem Dwimorberg ruft, wo sie als Schatten unter Isildurs Fluch dahinvegetieren – also seit rund 3000 Jahren; selbst für einen Geist ist das offenbar eine verdammt lange Zeit;
3) die Szene, in der Eowyn und Merry den Fürsten der Nazgul, den Hexenkönig von Angmar, tödlich verwunden;
4) der Zweikampf Frodos und Sams mit Kankra;
5) Aragorns Krönung zu König Elessar;
6) Gollums Ende.

Jude Fisher hat eine sehr brauchbare Einführung geschrieben, die zudem noch sehr gut aussieht. Was für Neulinge, die das Buch nicht kennen, am wichtigsten ist: Zahlreiche Begriffe und Figuren, die in den ersten beiden Filmen nur gezeigt, aber nicht erklärt wurden, finden hier eine Erläuterung, so dass man nicht als Unwissender in den dritten Film stolpert, den Höhepunkt der Trilogie.

Nach einem zusammenfassenden Rückblick auf Teil 2 geht es los mit einer Beschreibung des Königreiches Gondor. Weitere Erläuterungen folgen, vor allem zu den Elementen des Feindes: Sauron, Nazgul, der Hexenkönig von Angmar, Barad-dur (der Schwarze Turm), Kriegsmaschinen u.v.a.m.

Erst ab Seite 40 kommt die Handlung in Gang: zuerst die Völkerschlacht auf den Pelennorfeldern vor Minas Tirith, die absolut gigantisch ist – dann die Geschehnisse um die drei „Hobbitse“ in Cirith Ungol (dem Pass der Spinne) und in Mordor selbst. Der Schluss wird auch von der Autorin nicht verraten – Ehrensache!

Es fällt auf, dass Saruman überhaupt nicht mehr auftaucht – genau wie in der Kinofassung des Films. Darüber war Christopher Lee, der Saruman-Darsteller, nicht erfreut und beschloss, die Filmpremieren zu boykottieren. Um also Sarumans Wiederauftauchen zu sehen, können wir uns mal wieder auf die Zusatzszenen der „Special Extended Edition“ freuen, die wohl erst in einem Jahr veröffentlicht wird…

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Persona Non Grata e.V. – Persona Non Grata

Das Heft beginnt im Editorial mit einer Abhandlung über Ledertangas mit „Warlock“-Applikation für Männer, zum Beispiel als „Schutz vor den Zumutungen des Lebens“. Ja, das PERSONA NON GRATA-Heft ist anders als andere Hefte – und besser. Die Macher verzichten auf den Tunnelblick und schauen in die Breite, alles (Un-)Mögliche von Pop bis Metal tummelt sich auf den fast 150 Seiten, Hauptsache es ist abgedreht und hat eine nachvollziehbare musikalische Seele. Das aktuelle Heft bietet für abgedrehte Metal-Heads genau den richtigen Fokus: Es gibt lange und informative Specials über die Labels „Relapse“ und „Rage of Achilles“. Gerade der „Relapse“-Teil über fast 17 Seiten besticht durch ein Interview mit dem Label-Chef Matt Jacobson und die Vorstellung der wichtigsten „Relapse“-Bands wie NASUM, DISFEAR und BURNT BY THE SUN. Außerdem wird noch das Sublabel von „Relapse“, die Schmiede von „Release“-Records ausreichend gewürdigt. Zu „Rage Of Achilles“ stehen 14 Seiten im Heft, ähnlich informativ, ähnlich schön geschrieben.

PERSONA NON GRATA hebt sich wohltuend vom restlichen Magazin-Einerlei ab. Fast poetisch geschriebene Berichte aus der Pop- bis Metal-Schiene lesen sich ähnlich gut wie die im Heft enthaltenen Kurzgeschichten. Der Hit der aktuellen Ausgabe ist ein Erfahrungsbericht von 1990: Ein Typ besucht darin mit seinen Freunden das erste „DDR-Grind-und-Noisecore-Festival“ und erlebt traumatische Ereignisse in einem Inferno aus Alk, Schlamm und Grindcore-Freaks. Die Reviews sind ebenso genial geschrieben, der Mundwinkel verzerrt sich öfters zu einem Lächeln, besonders die Verisse bestechen durch Häme und Bosheit. Damit ist PERSONA NON GRATA eine intellektuellere Variante des „Cothurnus“-Magazins, leider jedoch ohne ganz dieses Niveau zu erreichen. Das liegt einmal am manchmal etwas unübersichtlichen Layout, oft auch an der verwendeten und nicht unbedingt lesefreundlichen Schriftart. Wer sich allerdings in den Stil des dicken Heftes hineingefuchst hat, wird es auch bis zum Ende lesen, zumal tolle Anatomie-Fotos auch die Medizin-Freaks unter den Lesern befriedigen. Der Preis für die reguläre neue Ausgabe beträgt drei Euro. Allerdings gibt es noch eine besondere Ausgabe mit zwei CDs, die das Wort „Preis-Leistung“ neu definiert. Die Bonus-Edition kostest sechs Euro, dafür ist auf den zwei beiliegenden CDs fast der komplette Back-Katalog (WAHNSINN!!!) von „Realpse“ und „Rage of Achilles“ vertreten. Zudem kommt die teurere Ausgabe in einem edlen silbergeprägten schwarzen Umschlag. Die Bezugsadresse: Die Netzseite von [Persona Non Grata]http://cms.png-online.de/ oder Sven Hartig, Arthur-Hoffmann-Str. 69, 04275 Leipzig.

CD 1:
KAPTAIN SUN – Golden Harvest
HATEPULSE – God Of Hypocrisy
FACEBRAKER – Beyond Redemption
OMNIUM GATHERUM – Amor Tonight
APOCRYPHAL VOICE – Choose Your Side
AXIS OF PERDITION – To Walk The Corridors Of Hell
THE ENTITY – Duality
SONATA NOCTURNA – Hatefull
FROST – Rest In Piss
DARKFLIGHT – Under The Shadow Of Fear
DER GERWELT – Into Mayhem

CD 2:
BURNT BY THE SUN – Forlani
MASTODON – March Of The Fire Ants
NOSTALGIA – Occulta Fama
DYSRHYTHMIA – And Just Go
BURST – Sculpt The Lives
NILE – Sacrophagus
NASUM – Scoop
HIGH ON FIRE – Hung, Drawn And Quartered
AGORAPHOBIC NOSEBLEED – Mosquito Holding Human Cattle Prod
ALCHEMIST – Alpha Capelle Nova Vega
MANDIBLE CHATTER – Tangle In Delirium
TODAY IS THE DAY – Crooked
ALABAMA THUNDERPUSSY – Motor-Ready
PIG DESTROYER – Piss Angel
DILLINGER ESCAPE PLAN – Clip The Apex … Accept Instruction
vidnaObmana – Spore
NEUROSIS – The Tide (Single Edit)
DISFEAR – The Horns
HALO – Meat

Stephen King – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V)

Die surreale Jagd des Revolvermanns Roland von Gilead auf den Mann in Schwarz und seine Suche nach dem „Dunklen Turm“ durch die westernähnliche Mitt-Welt begann bereits im Jahre 1982.

Stephen King spukten die Ideen zu seinem selbsterklärten Lieblingswerk schon seit seiner Jugend im Kopf herum. Man kann an der Serie, die alle 5-6 Jahre fortgesetzt wurde, auch gut stilistische Veränderungen Kings erkennen. Verglichen mit dem noch unausgegorenen ersten Band, in dem mit Roland eine der eindrucksvollsten Romanfiguren Kings entstand, ist der 5. Band „Wolfsmond“ („Wolves of the Calla“) bereits ein Brilliant. Die abschließenden zwei Bände werden im Sommer bzw. Herbst 2004 erscheinen.

Stephen King – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V) weiterlesen

Jan Oidium – The Heavy Metal World Of Fire & Steel

Jan Oidium ist freier Werbezeichner, den es nach einem abgebrochenen Studium in Graphikdesign im Jahr 2000 nach Berlin verschlagen hat, wo er heute eine eigene Agentur betreibt und nebenbei seinem Hobby Musik nachgeht; seine erste CD „Solist“ mit experimentellen Klavierstücken wurde vor kurzem veröffentlicht. Anlässlich des Wacken Open Air 2002 erschien sein erstes Comic „The Heavy Metal World Of Fire & Steel“ und wurde in einer Auflage von zunächst 4.000 Stück ausschließlich auf dem Festival vertrieben.

Jan Oidium – The Heavy Metal World Of Fire & Steel weiterlesen

Erskine, Barbara – Herrin von Hay, Die

Reinkarnation – Gab es ein Leben vor dem Leben? Die eine Gruppe von Wissenschaftlern legt Beweise dafür vor, die andere Gruppe widerlegt sie. Die Meinung darüber ist geteilt. In vielen Religionen bildet die Reinkarnation einen wichtigen Bestandteil des Glaubens.

In Barbara Erskines Debüt „Die Herrin von Hay“ lässt sich eine junge Jounalistin für einen Artikel durch Hypnose in die Vergangenheit zurückversetzen, genau wie viele Ärzte das heute mit ihren Patienten machen, um die Ursachen von Psychosen und anderen Krankheiten aufdecken und heilen zu können. Dabei ist es vorgekommen, dass die Hypnotisierten von einer Zeit vor ihrer Geburt erzählen, fremde Sprachen perfekt beherrschen, die sie vorher noch nicht konnten. Alles Humbug? Wie auch immer, „Die Herrin von Hay“ macht sich diese Berichte zunutze, um eine gelungene Story rund um die Seelenwiedergeburt zu erzählen.

Erskine, 1944 geboren, hat ihren Abschluss in mittelalterlicher schottischer Geschichte an der Universität von Edinburgh gemacht und schrieb mittlerweile Bestseller wie „Die Tochter des Phönix“, „Der Fluch von Belheddon Hall“ und recht neu „Das Lied der alten Steine“.

Joanna Clifford ist 19 Jahre alt, als sie sich im Rahmen klinischer Therapieversuche einer Regressionshypnose unterzieht und sie erfolgreich in die Vergangenheit zurückgeführt wird. Doch schon nach kurzer Zeit setzt ihre Atmung aus, denn ein furchtbares Erlebnis bewirkt einen Schock und der Arzt Dr. Sam Franklyn sowie der Wissenschaftler Professor Cohen können sie nur mühsam wieder zurückholen. Vorsichtshalber löschen sie bei der jungen Frau die Erinnerung an dieses Erlebnis.

26 Jahre später ist Jo eine knallharte, bissige Journalistin, mit Sam Franklyn immer noch befreundet, von dessen Bruder Nick frisch getrennt und davon überzeugt, Hypnose funktioniere nicht bei ihr. Aus dem Grund nimmt sie ihren neuen Auftrag auch gerne an: Reinkarnationstherapie. Sie will beweisen, dass alles ein Schwindel ist. Als Nick davon erfährt, verständigt er seinen Bruder und versucht sie davon abzuhalten, was nur dazu führt, dass Jo sich schließlich selbst hypnotisieren lässt und sich als Matilda de Braose im Wales des Jahres 1174 wiederfindet.

Matilda, eine selbstbewusste, schöne, junge Frau, wird in ihrem Leben zum Spielball von drei ihr nahestehenden Männern: Zuerst ihr grausamer Ehemann, der Baron William, dann der schöne, junge Earl Richard von Clare, dem ihr Herz gehört, und zuletzt der Königssohn und spätere König John Plantagenet, der aus zurückgewiesener Liebe zu ihrem größten Feind wird. Von ihrem Mann im Stich gelassen und vom König als Verräterin dem Hungertod ausgeliefert, kann auch Richard ihr nicht helfen.

Jo glaubt zunächst, dass das Erlebte pure Suggestion war, doch als sich Nicks Verhalten drastisch ändert und er ihr gegenüber aggressiver wird, beginnt sie zu forschen und immer öfter in Matildas Welt einzutauchen, bis ihr Leben mit dieser leidenschaftlichen Frau fast unauflösbar verbunden ist. Und auch Sam benimmt sich sonderbar und scheint einen grausamen Plan zu haben. Langsam wird klar, dass nicht nur Matildas Seele die Jahre überbrückt hat, sondern dass sich der Kampf zwischen den drei Männern im 20. Jahrhundert entscheiden wird.

Alle Achtung! Erskine ist gleich mit ihrem Debüt ein rasanter Paukenschlag gelungen. Das Tempo der Geschichte ist wirklich enorm und lässt den Leser stellenweise sogar das Atmen vergessen. Das Spiel mit den zwei zeitlich getrennten Spannungsbögen, die wiederum durch einen einrahmenden dritten massiv verstärkt werden, ist schon ein kleiner Geniestreich, den die Autorin meisterhaft beherrscht.

Ein flüssiger Schreibstil, bildhafte Ausdruckskraft und eine in sich schlüssige Geschichte runden das Ganze zu einem eindrucksvollen Lesevergnügen ab. Hinzu kommen glänzend ausgearbeitete Charaktere, die sich ineinander verstricken, miteinander spielen und dann wieder in zerstörerischer Wut aufeinanderprallen. Selbst Nebencharaktere gewinnen in ihren kurzen Auftritten an ungeheurer Aufmerksamkeit des Lesers, schwer, sich ihrer Lebendigkeit und Persönlichkeit zu entziehen.

Das Wales des 12. Jahrhundert hat die Autorin geschichtlich natürlich korrekt und enorm anschaulich beschrieben. Mit viel Detailtreue schildert sie das Leben auf Burgen, die schwierige Beziehung der Krone zu den walisischen Fürsten und natürlich das Schicksal der Frauen – machtlos, hilflos und abhängig von der Gnade oder eben Ungnade ihrer Ehemänner. Gerade die Figur der Matilda, die sich von einer energischen, leidenschaftlichen Frau zu einer auf die Knie gezwungenen, bemitleidenswerten Bittstellerin entwickelt, ist hervorragend beschrieben. Mit einer angefügten Zeittabelle und einer Erklärung zu den historischen Charakteren wird dem neugierigen Leser gleich mit auf dem Weg gegeben, welche Ereignisse dokumentarisch belegt sind und welche nur auf Vermutungen beruhen. Sehr schön!

Natürlich beantwortet der Roman die Frage nach der Existenz von Reinkarnationen nicht, aber wer bereit ist, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, verspürt vielleicht ja selbst die Neugierde, so eine Regressionshypnose mal auszuprobieren. Bildet euch eine Meinung, wie ihr wollt, aber lest dieses Buch, es lohnt sich einfach!

Cobb, James – Überfall auf hoher See

|Originaltitel: „Target Lock“|

James Cobb ist einer der Newcomer im High-Tech- bzw. Militärthrillergenre und legt mit „Überfall auf hoher See“ bereits sein viertes Buch in kurzer Folge vor. Er entstammt einer traditionsreichen Marine-Familie und hat lange Zeit auf verschiedenen Kriegsschiffen der U.S. Navy gedient.

Als INDASAT 06, ein unbemannter Forschungssatellit, bei seiner planmäßigen Landung in der Arufarasee vor Indonesien von der Besatzung der STARCATCHER aufgenommen wird, wird diese kurz darauf von einer organisierten Piratenbande überfallen und versenkt. Der wertvolle Satellit mit seinen Forschungsergebnissen über Materialbearbeitung in der Schwerelosigkeit wird an einen unbekannten Ort entführt. Schnell wird klar, dass mit konventionellen Mitteln wenig zur Wiederbeschaffung beizutragen ist und die indonesische Regierung entweder korrupt ist oder zumindest vor dem seit Jahren wieder aufkeimenden Piratenproblem die Augen verschließt.

Captain Amanda Lee wird mit ihrer „Seafighter Task Force“ aus dem Mittelmeer abgezogen und läuft durch den Suez-Kanal, um vor Ort Ermittlungen anzustellen und sich dabei den Anschein eines Höflichkeitsbesuches zur Verbesserung der politischen Beziehungen zu geben. Die „Seafighter Task Force“ ist eine kleine High-Tech-Einheit der neu gegründeten „NAVSPECFORCE“ (Naval Special Forces) und besteht aus dem schlagkräftigen Stealth-Kreuzer „U.S.S. Cunningham“, dessen Kapitän sie zuvor selbst war, sowie der hochgerüsteten „LSP“ (Landing Ship Platform) „U.S.S. Evans F. Carlson“ mit mehreren bis an die Zähne bewaffneten Hovercraft-Fahrzeugen, umgerüsteten Kampfhubschraubern und einer kleinen Einheit „U.S. Marines“ und „Marine Reconnaissance Units“.

Unterstützt von einem einheimischen Polizeioffizier kommt sie bald dem charismatischen und anziehenden Makara Harconan auf die Spur, der hinter der Fassade des weltmännischen Geschäftsmanns die Sippen der uralten Bugi-Stämme mit Geld, Waffen und Logistik unterstützt und damit einen perfiden Plan zur Zerschlagung des Vielvölkerstaats Indonesien in einzelne Inselreiche verfolgt.

Nach einigen Seegefechten und Scharmützeln wird Garrett von Harconan, der zwischenzeitlich sowohl ihr erbittertster Feind, aber auch ihr leidenschaftlicher Liebhaber geworden ist, entführt und es kommt zur alles entscheidenden Schlacht um dessen letzte Festung und die Sicherheit des freien Seeverkehrs in Südostasien.

Mit seinem vierten Buch um die ebenso erfolgreiche wie unkonventionelle und sympathische Kämpferin Amanda Lee Garrett trägt Cobb extrem dick auf. Während Garrett in den ersten beiden Romanen noch Kapitän der „Cunningham“ war, dann die Leitung der experimentellen Hovercraft-Einheit „Seafighter“ übertragen bekommen und vom Polarkreis über China und Westafrika eine Spur der Vernichtung hinterlassen hat, ist sie mittlerweile der verantwortliche Offizier für die an Schlag- und Feuerkraft ständig wachsende „Task Force“. Dabei setzt sie sich, mit Wissen und Billigung ihres Vorgesetzten, reihenweise über geltendes Recht souveräner Staaten hinweg und überzieht jeglichen Widersacher mit dem, was neuerdings als „Shock and Awe Tactic“ oder „Overwhelming Force“ bezeichnet wird.

„Überfall auf hoher See“ trieft zwar nicht unbedingt vor amerikanischem Nationalstolz, mystifiziert und glorifiziert aber die Feuerkraft und Stärke der U.S. Navy in kaum erträglichem Maß. Während die in Zahl weit überlegenen, aber in Technologie meilenweit hinterherhinkenden und maximal mit ein paar schweren Maschinengewehren und veralteten Haubitzen bewaffneten ‚Bugi‘ durch High-Tech-Lenkwaffen aller Arten geradezu niedergemetzelt werden und jeder Abschuss zelebriert wird, werden eigene, zu vernachlässigende Verluste beiläufig in einem Nebensatz erwähnt. Die Darstellung von Treffern, Verletzungen und Schäden der Gegenseite werden explizit beschrieben, Verwundete in den eigenen Reihen rappeln sich meist nach kurzer Zeit wieder auf, um heldenhaft weiterzukämpfen.

Für die Zielgruppe ist „Überfall auf hoher See“ auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Wer grundsätzlich etwas mit SMADS (Ship Area Denial Systems), Präzisionslenkmunition für 155-mm-VGAS (Vertical Gun Advanced Ships), ATACMS (Army Tactical Missiles) und Dutzenden anderen Begriffen für Lenkwaffen, Aufklärungsdrohnen und sonstiges Kriegsgerät anfangen kann, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Cobb ist zweifelsohne ein Fachmann auf dem Gebiet der Seekriegsführung und -ausrüstung und alle seine fiktiven Waffensysteme sind weiterentwickelte Versionen heute tatsächlich bestehenden Kriegsgerätes, das fundiert, aber verständlich beschrieben wird. Lobenswert ist auch die geglückte Übersetzung vieler militärischer und seemännischer Fachbegriffe. Dazu liest sich das gesamte Buch in einem Rutsch spannend durch und ist jederzeit fesselnd, wenn auch, für Kenner der Materie, nicht wirklich überraschend.

Follett, Ken – zweite Gedächtnis, Das

Ken Follett ist als Autor spannender Agententhriller bekannt geworden. „Das zweite Gedächtnis“ stammt aus demselben Genre und bedient sich recht freizügig bei Robert Ludlum’s Klassiker „The Bourne Identity“: Wie Jason Bourne kennt auch der Raketenforscher Dr. Lucas nicht einmal mehr seinen eigenen Namen, als er im Jahre 1958 kurz vor dem geplanten Start des ersten amerikanischen Satelliten in einer Bahnhofstoilette aufwacht und von einem Penner als „Luke“ angesprochen wird… Er leidet unter einer totalen Amnesie.

Bald bemerkt er jedoch, dass er nicht ist, was er zu sein scheint: Er ist nicht alkoholkrank, er wird offensichtlich von mehreren Männern beschattet und… bemerkt recht schnell, dass er sich zwar nicht an seine Freunde, Bekannten oder seine eigene Identität erinnern kann, aber dafür in Mathematik, Physik und vor allem auf dem Gebiet des Raketenbaus eine echte Kapazität zu sein scheint. Luke schaltet nach und nach seine Verfolger aus, und bringt immer mehr Licht in das Dunkel seiner Vergangenheit… Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass er von seinem Freund Anthony, der für die CIA arbeitet, gejagt wird – ist er gar ein kommunistischer Spion?

Bei seiner Jugendliebe Billie und seinem alten Freund Bern findet er Unterstützung – doch warum jagt Anthony ihn, was für ein Spiel treibt Lukes Frau Elspeth? Luke findet heraus, wer er ist, und was er in der jüngsten Vergangenheit getan hat – und verliebt sich nebenher erneut in Billie. Warum auch immer Anthony Luke jagt – er ist sich sicher, es hat mit dem Start der Jupiter-C-Rakete und des Satelliten „Explorer“ zu tun…

Gleich zu Beginn hatte ich ein Déjà-vu – der Agent oder hier eben hochkarätige Wissenschaftler, der einsam und alleine erwacht und ganz auf sich selbst gestellt ist, das kennt man, wie oben erwähnt, schon – entweder aus dem Kino, „The Bourne Identity“ wurde mit Matt Damon und Franka Potente kürzlich zum zweiten Mal verfilmt, oder aus dem Originalbuch von Robert Ludlum. Follett führt den Part, wie sich Luke langsam erinnert, ähnlich aus, aber handelt ihn zügiger ab, um eigene Wege zu gehen. An dieser Stelle schwand langsam der ständig in meinem Hinterkopf herumspukende Plagiatsgedanke dahin… Es war durchaus spannend zu lesen, warum Luke das alles eigentlich angetan wurde.

Leider kommt Follett nicht an Ludlum heran – auch die Follett-typische Lovestory und ein diesmal überzogenes Beziehungsgewirr der vier Freunde von Luke untereinander geben der Story nicht mehr Würze: Im Gegenteil, Anthonys Motive enttäuschten mich nicht nur, so simpel und konstruiert waren sie, hier hat Follett auch die Gelegenheit verspielt, seiner Story einen über das Triviale hinausgehenden Reiz zu geben.

Wie bei Follett kaum anders zu erwarten, ist das Buch sehr flüssig und angenehm zu lesen, die Aufmachung des Hardcovers weiß auch zu gefallen. Zu der Übersetzung nur ein Wort: Perfekt. Sie liest sich, als ob es die Originalfassung wäre. Nebenbei wird dem Leser zu Beginn eines jeden Kapitels ein wenig die Raketentechnik der 50-er Jahre angenehm und leicht verdaulich näher gebracht. Gelegentliche Rückblenden in die Jugendjahre Lukes und seiner Freunde verleiten den Leser zum Spekulieren und sorgen für Abwechslung.

Dennoch ist „Das zweite Gedächtnis“ nicht das geworden, was es hätte sein können: Der Konflikt zwischen Lukes Frau Elspeth und seiner alten Flamme Billie, die er nach der Amnesie ihr vorzieht, vor allem aber die Verschwörung hinter der Amnesie – all das wird meist nur oberflächlich angerissen und nicht genügend ausgeführt, um dem Thriller etwas mehr eigenen Charakter zu geben. Spannend ist das Buch, ebenso unterhaltsam. Leider enttäuscht der Schluss mit einer einfallslosen und konstruierten Auflösung der vielen Zusammenhänge. Ebenso Lukes Freunde: Die Ex-Geliebte ist zufällig Expertin auf dem Gebiet der totalen Amnesie, Anthony arbeitet beim CIA, Elspeth und Bern… Ich will ja nicht alles verraten. Ein sehr künstliches und nicht sehr überzeugendes soziales Umfeld. Es bleibt der Eindruck, Follett habe hier die „light“-Version von Ludlums Original-Coke „The Bourne Identity“ abgeliefert. So empfand ich „Das Zweite Gedächtnis“, welches im Original den treffenderen und klangvolleren Titel „Code to Zero“ hat, zwar als spannendes und durchaus unterhaltsames, aber stark vereinfachtes Plagiat von Ludlums anspruchsvollerer Vorlage.

Ken Follett’s Homepage: http://www.ken-follett.com/

Brown, Dale – Feuerflug

|Originaltitel: „Wings of Fire“|

Der hochdekorierte ehemalige U.S. Air Force Captain Dale Brown, Navigator und Bombenschütze in B-52- und FB-111A-Bombern, führt seit seinem ersten Buch „Höllenfracht“ („Flight of the Old Dog“) regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten an und gilt mit seinen Aufsehen erregenden Technologie- und Militärthrillern als einer der Besten seines Fachs.

Der zwangspensionierte Air-Force-General Patrick McLanahan, nunmehr leitender Angestellter bei Skymasters Inc., führt über der lybischen Wüste nicht genehmigte, selbstmörderische Tests mit einem umgebauten B-52-Bomber aus. Dabei provoziert er absichtlich Angriffe mit SAM-Raketen (Surface-To-Air-Missiles) gegen sein Flugzeug, um die Funktionsfähigkeit des von Skymasters entwickelten Abwehrlasers zu testen. Zeitgleich schmiedet der betrügerische Präsident des Vereinigten Königreichs Libyen, Jadallah Salem Zuwayy, mit dem zwielichtigen russischen Öl-und Waffenhändler Kasakow und willfährigen Gefolgsleuten in der ägyptischen Regierung eine Verschwörung, um reichhaltige Ölfelder an der libysch-ägyptischen Grenze zu besetzen.

Nach einem tödlichen Attentat auf den ägyptischen Präsidenten bittet dessen Frau Susan Bailey Salaam, eine Amerikanerin und ehemalige Air-Force-Angestellte, die USA um Unterstützung bei der Verteidigung Ägyptens, wird jedoch rüde abgewiesen, da die USA keinerlei amerikanische Interessen bedroht sehen. Und dies, obwohl Libyen nachweislich im Besitz von alten, russischen SS-12-Mittelstreckenraketen mit nuklearen und biologischen Gefechtsköpfen ist. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Patrick McLanahan, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten unter dem Namen „Night Stalkers“ eine hochtechnisch ausgerüstete Privatarmee führt, die gegen Bezahlung moralisch einwandfreie militärische Interessen von Kleinstaaten vertritt.

Die Night Stalkers, die wiederum inoffiziell und streng geheim mit dem amerikanischen Präsidenten in Verbindung stehen, um dessen politisch nicht opportune ‚Schmutzarbeit‘ zu erledigen, werden zwar nicht direkt für Susan Bailey tätig, aber über andere Verbindungen in den Regionalkonflikt hineingezogen und liefern sich erbitterte Luft- und Bodenschlachten über und auf libyschem Territorium. Dabei werden McLanahans Frau Wendy und weitere Night Stalkers in Gefangenschaft genommen und bei dem spektakulären Showdown kommt es zu einigen Überraschungen, auch was die wahren Absichten einiger Akteure anbelangt.

Dale Brown ist dann am besten, wenn er wie in „Feuerflug“ am dicksten aufträgt. Nachdem er bei seinen letzten Veröffentlichungen mit „Mann gegen Mann“ und „Stählerne Jäger“ doch etwas schwächere Romane abgeliefert hat, die allerdings zur Vorgeschichte von „Feuerflug“ wichtige Hintergründe bieten, kommt hier wieder seine wirkliche Stärke zum Vorschein: Luftkampf; einzelne, hochgerüstete strategische Bomber auf geheimen Einsätzen gegen strategische Ziele, bei massiver Luftabwehr durch Bodenstellungen und Abfangjäger. Dabei mischt er, genretypisch, aber geschickt, Fakten und Fiktion.

Über die von ihm seit seinem ersten Buch favorisierte ‚Tuning‘-Version der B-52 Stratofortress, bei ihm zur „Megafortress“ mit Stealth-Eigenschaften und wirkungsvollen Selbstschutzeinrichtungen sowie zum massiven Einsatz von nichtnuklearen Präzisionswaffen mutiert, ist in der einschlägigen Fachliteratur nichts bekannt. Naheliegend wäre eine derartige Aufrüstung allerdings schon. Von den seit 1952 insgesamt 744 ausgelieferten B-52 sind heute noch 85 Stück der letzten Version „H“ im aktiven Dienst – die jüngste davon ist Baujahr 1962 – und diese stellen nach wie vor das Rückgrat der strategischen Bomberflotte der USA dar und sollen bis über das Jahr 2040 hinaus im Dienst bleiben. Demgegenüber stehen nur 21 der hochmodernen B-2 „Spirit“, die ausschließlich auf der Whiteman AFB in Missouri stationiert sind, sowie 60 der Überschallbomber B-1B „Lancer“, deren Produktion allerdings bereits eingestellt wurde. Beide verfügen zwar über Stealth-Eigenschaften und eine weit höhere Geschwindigkeit als die betagte „B.U.F.F.“ („Big Ugly Fat Fucker“), haben aufgrund ihrer geringeren Reichweite und Nutzlast jedoch ein anders gelagertes Einsatzprofil und verursachen mit ca. 300 Mio $ für eine B-1B bzw. 1,2 Mrd. $ für |eine| B-2 natürlich enorm höhere Kosten als die Überbleibsel des Kalten Krieges.

Ebenfalls keine reine Fiktion ist die „Rail Gun“ der Night Stalkers, die mittels elektromagnetischer Kräfte ein Projektil auf ca. 3000-4000 Meter/Sekunde beschleunigen soll, oder das „Exo-Skelett“ aus Verbundfaserstoff, das über dem Kampfanzug getragen dem „Future Warrior“ der U.S. Army ab 2025 fast schon übermenschliche physische Kräfte verleihen und ihn gegen Beschuss bis hin zu leichten Infanteriegeschützen sowie Strahlung schützen soll. Auch der von Skymasters entwickelte bordgestützte Laser zur Abwehr von Raketen gehört durchaus nicht in das Reich der Science-Fiction, das ALS („Airborne Laser System“) ist sogar schon in einem relativ späten Entwicklungsstadium, allerdings mit über 80 Tonnen Gewicht und einer noch mangelhaften Energieproduktion sicherlich noch lange nicht einsatzbereit.

Insofern bietet „Feuerflug“ wieder einmal alles, was das Herz des Freundes von hochkarätigen Technologie-/Militärthrillern sich wünscht: detailgetreu und fachmännisch geschilderter Luftkampf in Hülle und Fülle, inwieweit realistisch, wissen wohl nur Kampfpiloten zu beurteilen, aber immer nervenaufreibend spannend. Dazu intelligent gestrickte geopolitische Vorgänge, ebenfalls mit einer gesunden Mischung aus Fakten und Fiktionen, sowie lebendig geschilderte Akteure (bei denen man sich manches Mal allerdings eine etwas weniger stereotype Darstellung wünschen würde).

Stören kann man sich an dem fast schon kühlen, technokratischen Stil, mit dem Brown den Einsatz der schlimmsten Massenvernichtungswaffen der Menschheit schildert. Von VX-Nervengas über schmutzige Bomben aus wieder aufbereitetem Uran bis hin zu thermonuklearen Mittelstreckenraketen wird alles eingesetzt, was verfügbar ist und möglichst großen Schaden anrichtet. Wer sich daraus nichts macht und beim Lesen nicht über ideologische Probleme grübeln muss, der hat ein paar ausnehmend spannende und actionreiche Lesestunden vor sich. Schlussfolgernd also ein „Knaller“, im wahrsten Sinn des Wortes, für die Zielgruppe, aber wenig geeignet für den Genrefremden.

Homepage des Autors: http://www.megafortress.com

Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

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Coonts, Stephen – Jagt die \’America\‘

Beim Start einer Trägerrakete mit dem neuen Raketenabwehr-Satelliten |SuperÄgide| kommt es zu einer gewaltigen Panne und die dritte Brennstufe stürzt aus ungeklärten Ursachen mitsamt dem milliardenteuren Satelliten über offenem Meer ab. Noch Monate später sind die USA auf der Suche, als es erneut zu einer Panne kommt. Das hochmoderne U-Boot |America|, ausgestattet mit revolutionärer Sonartechnik, einem zusätzlichen Mini-U-Boot für Spezialeinsätze und voll bewaffnet, wird von einer kleinen Gruppe Saboteuren beim Auslaufen zum ersten Manöver entführt. Die Täter gehen mit äußerster Brutalität vor, erschießen mehrere Seeleute noch während der Kaperung und verschwinden mit dem Boot im Atlantik, bevor die politische Führung den Mut fasst, einem nur wenige Meilen entfernten Zerstörer den Befehl zur Versenkung zu geben.

Admiral Jake Grafton wird als Verbindungsoffizier zwischen Navy sowie ausländischen und amerikanischen Geheimdiensten mit der Aufklärung und Wiederauffindung des U-Bootes betraut. Die Entführer brauchen nicht lange, um von den Waffensystemen der |America| Gebrauch zu machen und schießen Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, ausgestattet mit einem neuem Gefechtskopf namens |Flashlight|, auf Washington ab. |Flashlight| erzeugt einen elektromagnetischen Impuls, ähnlich dem einer Nuklearexplosion, und legt in Sekunden das öffentliche und wirtschaftliche Leben in der amerikanischen Hauptstadt lahm. Flugzeugabstürze führen zu Hunderten Toten und die Regierungsgeschäfte sind empfindlich beeinträchtigt.

Während die |America| zunächst der amerikanischen Flotte, die sie mit dem Befehl zur sofortigen Versenkung jagt, entkommen kann und weitere |Flashlights| auf New York City abschießt, kommt Grafton langsam einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur und tastet sich an die Hintermänner der Entführung heran, die auch beim Absturz des Satelliten ihre Finger im Spiel hatten.

„Jagt die America“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Dass Stephen Coonts ein Fachmann für Militärtechnologie ist, wird auch in diesem Roman wieder klar. Wie seine Genrekollegen mischt er aktuelle Technologie und bekannte Fakten über Weiterentwicklungspläne mit Visionen und ein bisschen Phantasie. Ob es in absehbarer Zeit zu einem U-Boot der |America|-Klasse kommen wird, ist mehr als zweifelhaft. Die |Los Angeles|-Boote der ‚vorletzten‘ Generation (ab 1976) werden reihenweise stillgelegt (19 von 62 Stück zwischen 1995 und 2008) und bei den verbleibendenden Booten wird davon ausgegangen, dass ihre aktive Dienstzeit von 30 auf bis zu 50 Jahre verlängert wird. Vom derzeit modernsten U-Boot der neuen |Seawolf|-Klasse, das bereits moderner Kriegsführung Rechnung trägt und für den Transport und Einsatz von amphibischen Spezialeinheiten ausgerüstet ist, wird erst 2004 das erste volltaugliche Boot in Dienst gestellt. So detailgetreu Coonts die Ortungsversuche der |P3-Orion|-U-Bootjäger und den Unterwasserkampf der |America| mit der real existierenden |La Jolla| der |Los Angeles|-Klasse schildert, so vage bleibt er bei der Beschreibung des revolutionären Sonarsystems |Enthüllung| (dessen Bezeichnung vielleicht besser nicht übersetzt worden wäre).

Geradezu einfach macht Coonts es sich, wenn es um die Beschreibungen der Computermanipulationen geht, die den Satelliten zum Absturz bringen. Hier wird nur von ‚eindringen‘, ‚hacken‘ und ‚einklinken‘ gesprochen, ohne auch nur die Spur eines wissenschaftlichen Hintergrunds zu vermitteln. Noch banaler ist der Plot um den milliardenschweren Börsenspekulanten, der die einbrechende amerikanische Wirtschaft nutzt, um mit Valutenspekulationen das große Geld zu verdienen. Als bestenfalls verwirrend und unnötig muss man die Begleitstory um die geheimdienstlichen Hintergründe bezeichnen, die die Entführung der |America| überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber fast schon lachhaft wirkt der krampfhafte Showdown, bei dem eine Handvoll Militärs mit ihren Ehefrauen versucht, sämtliche Bösewichte, deren es (zu) viele gibt, auf einen Streich zwischen Abendessen und Drinks an der Bar eines Luxus-Kreuzfahrtschiffes zu erledigen, nachdem diese bereits identifiziert und lokalisiert waren.

Genrefreunde werden ob der sicherlich vorhandenen Spannung zwar wohl wie gewohnt auf ihre Kosten kommen, sich aber dennoch einen reinrassigen U-Boot-High-Tech-Thriller wünschen, wie sie derzeit Patrick Robinson am besten schreibt. Der Versuch, Militärtechnologie und -taktik, globale wirtschaftliche und politische Vorgänge, Computerkriminalität und hochkarätige Geheimdienstaktivitäten in einen Thriller zu packen, ging bei „Jagt die Amerika“ leider daneben und Coonts hat sich in der Vielzahl der Personen und Handlungen leider selbst verstrickt. Weniger wäre, wie so oft, auch hier eindeutig mehr gewesen.

Stephen Coonts war einige Jahre Pilot einer A-6 Intruder bei der U.S. Navy und flog vom Flugzeugträger |Enterprise| aus Einsätze in Vietnam. 1977 schied er aus dem aktiven Dienst aus und wurde Rechtsanwalt in einer Ölfirma. Sein erster Roman „Flug durch die Hölle“ (Flight Of The Intruder) erschien 1986 und wurde erfolgreich verfilmt; seitdem haben es 13 seiner Werke in die Bestsellerlisten der New York Times geschafft.

Homepage des Autors: http://www.stephencoonts.com/

Ken Follett – Mitternachtsfalken

„Mitternachtsfalken“ spielt, wie schon Ken Follett’s Debütroman, „Die Nadel“, und sein direkter Vorgänger, „Die Leopardin“, während des 2. Weltkriegs: Diesmal im nazibesetzten Dänemark des Jahres 1941.

Im Mittelpunkt steht „Freya“, ein neuartiges deutsches Radargerät an der Küste Dänemarks. Es fügt dem britischen Bomberkommando schwere Verluste zu, in einer Zeit, in der Rommel in Afrika triumphiert und die politische Stimmung in England angesichts der bisher alle Erwartungen übertreffenden Erfolge der Wehrmacht bei der Invasion Russlands von Furcht geprägt ist. Stalin fordert von Churchill, die Luftangriffe auf Deutschland zu verstärken. Doch ohne nähere Kenntnisse, wie die deutsche Luftraumüberwachung funktioniert, fürchtet man eine Niederlage und faktische Zerstörung der Bomberflotte…

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Hohlbein, Wolfgang – Intruder

Drei deutsche Biker haben ihren Traumurlaub im Marlboroland zwischen Grand Canyon und Monument Valley gebucht. Doch ein wütender Indianergeist, der Wendigo, sorgt für einiges Ungemach: Es wird ein Albtraum-Urlaub…

Wolfgang Hohlbein ist schlicht und ergreifend einer der erfolgreichsten Autoren von phantastischen Erzählungen, meist in Romanform. Zu „Intruder“ muss man allerdings anmerken, dass dieser Roman in sechs Lieferungen verkauft wurde. Dieses Vorgehen haben schon Stephen King und John Saul vorgemacht. Hohlbein kann es genauso gut. Jede der Lieferungen entspricht einem Tag des erzählten Geschehens. Und am siebten Tage ruhte der Schöpfer und sah, dass es gut war…

Es hatte eigentlich ein unbeschwerter Urlaub werden sollen: mit der Harley-Davidson über die Route 66 und andere legendäre Landstraßen im Südwesten der USA brausen und die unendliche Weite und das „Gefühl von Abenteuer und Freiheit“ genießen. Marlboro-Land: der Grand Canyon und das Monument Valley. Yeah, baby.

Die drei Freunde haben alles schon von Deutschland aus organisiert und gebucht. Mike Wolff, der Schriftsteller, ist der Pessimist und Skeptiker – das ist bei seiner berufsbedingten lebhaften Fantasie ja kein Wunder. Stefan, der Zahnarzt, und Frank sind die optimistischen Planer im Trio. Doch einer von ihnen hat Mist gebaut: Statt der gewünschten Harley-Davidsons gibt es nur behäbige Suzuki-Schüsseln zu steuern: VL800, mit dem ominösen Beinamen „Intruder“ (Eindringling).

Es liegt aber nicht an den Motorrädern, dass die Tour, die von Arizona zum Grand Canyon führt, unter einem schlechten Stern zu stehen scheint. Als die drei Deutschen einer Indianerfamilie begegnen, verursacht das Hänseln des kleinen Indianerjungen bei Mike einen Wutanfall, den er nur mit Mühe unterdrückt – und nicht ohne sich lächerlich zu machen. Das wiederholt sich, und so hat Mike die Indianerfamilie in ihrem schwarzen Van auf dem Kieker.

In einer Schlucht am Ende einer abgelegenen Straße besuchen die drei einen alten Indianerfriedhof. Dabei hat Mike eine lebhafte Vision: eine plötzliche hervorbrechende Wasserwand, die ihn in der trockenen Schlucht zu ersäufen droht. In einer Indianersiedlung hat Mike eine zweite Erscheinung: In einer der kargen Hütten kontaktiert ihn der Geist eines Schamanen und verspricht, ihm beizustehen. Mike muss zunächst eine lebenslange Furcht überwinden.

Das hilft ihm aber wenig, als er bei der Rückfahrt aus der Schlucht den bewussten kleinen Indianerjungen überfährt und vor Schreck einen schweren Unfall erleidet. Seltsamerweise sind er und das Motorrad kaum in Mitleidenschaft gezogen. Überzeugt davon, er habe den Jungen auf dem Gewissen, fährt Mike weiter und trifft seine Freunde wieder.

Doch von nun an sollen Mike, Stefan und Frank kaum noch eine ruhige Minute haben. Das Pech klebt ihnen an den Fersen. Schließlich kommt es zu Szenen, die die drei nur aus John-Wayne-Western kennen: wilde Schießereien zum Beispiel. Mike, so erzählt ihm der Geist des Schamanen, hat den Indianergeist Wendigo herausgefordert. Und wie jedes Kind weiß, ist mit wütenden Geistern nicht gut Kirschen essen. Auch Mikes Freunde müssen seine „Vergehen“ ausbaden.

Hohlbein aktiviert das komplette Arsenal aller Indianerfilme, Western und Geistergeschichten, die er je gesehen oder gelesen hat: angefangen bei Skalps und Friedhöfen, über Schamanen und Flüche bis hin zu 44er-Colts. Da aber hinsichtlich Geistern bekanntlich nichts so ist, wie es scheint, fällt der Zuhörer von einer Überraschung in die andere. Da ist Aufmerksamkeit gefordert, um noch mithalten zu können. Zum Glück mache ich mir bei den meisten Hörbüchern Notizen (die ich später für den Bericht gut gebrauchen kann).

Zunächst lässt sich die Geschichte ganz locker an. Nur ein paar Merkwürdigkeiten stören den geplanten Ablauf der Dinge. Zwischen den einzelnen Rastpausen ist genügend Zeit, um geistig durchzuatmen und sich für die nächste Katastrophe zu wappnen. Allerdings werden diese Verschaufpausen zunehmend kürzer und seltener, je mehr sich die bizarren Ereignisse häufen und schließlich überschlagen. Ganz am Schluss hatte ich Mühe, den seltsamen Erscheinungen, die sich gleichzeitig auf zwei Realitätsebenen abspielen, zu folgen. Aber dafür gibt es ja die Replay-Taste.

Der Sprecher Jörg Schüttauf erledigt hier einen kompetenten Job. Da sich die hauptsächlich männlichen Stimmen kaum voneinander unterscheiden, sind seine Intonierungsfähigkeiten nur begrenzt gefordert. Wenn ich mich richtig erinnere, kommt überhaupt keine Frauenfigur vor, die etwas Wichtiges sagt. Schüttauf braucht also nie in einer höheren Tonlage zu sprechen. Festzuhalten ist, dass er richtig betont und nicht zu schnell vorträgt. Jörg Schüttauf erhielt 1993 den Adolf-Grimme-Preis und 1995 den Fernsehpreis der Akademie für Darstellende Künste. Der Schauspieler machte sich mit Rollen im „Tatort“ und im „Fahnder“ einen Namen.

Man mag von Hohlbeins Erzählkunst halten, was man will, so viel steht fest: Er versteht es zu unterhalten. Wie gesagt, bietet er dafür das komplette Inventar des amerikanischen Südwestens auf, gestapelt in einer immer wilder werdenden Geister- und Visionen-Story, die sich an ihrem Höhepunkt zu reiner Fantasy auswächst.

Die Horrorelemente sind strategisch wirkungsvoll platziert, so dass für ordentlich Gänsehaut gesorgt ist. Da sie meist unvermittelt auftauchen, ist auch eine gewisse Schockwirkung gewährleistet. Leider wirken diese „Spezialeffekte“ nach einer Weile willkürlich inszeniert und lassen den anspruchsvollen Zuhörer zunehmend gleichgültig reagieren. Daher muss der Autor die „Dosis“ steigern. Und das führt zu einem Höhepunkt, dessen Sinn für manchen schon recht zweifelhaft aussieht.

Ich persönlich stehe mehr auf psychologisches Gruseln, ab und zu auch mal auf Clive Barker oder etwas von Stephen King. Hohlbein bietet mit „Intruder“ handfeste, nahrhafte Horror-Fantasy-Kost, die wohl vor allem ein männliches Publikum anspricht. Und das müssen nicht unbedingt Motorradfans sein. Auch wer nicht mal eine Harley-Davidson von einer Suzuki-„Reisschüssel“ unterscheiden kann, wird wohl professionell von Hohlbein bedient.

Spielzeit: 407 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)