Archiv der Kategorie: Rezensionen

Lawhead, Stephen – Tochter des Pilgers, Die (The Celtic Crusades)

VORGESCHICHTE

Da es sich bei „Die Tochter des Pilgers“ um den letzten Teil der Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ von Stephen Lawhead handelt, möchte ich eine kurze Zusammenfassung voranstellen:

Im Jahre 1095 erhören viele Adelige den Ruf des Papstes, der zum Kampf gegen die Ungläubigen im fernen Outremer auffordert. Auch der Vater und die beiden älteren Brüder Murdo Ranulfsons begeben sich auf den Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems.

Band 1: Das Kreuz und die Lanze (Taschenbuch: Der Sohn des Kreuzfahrers)
In ihrer Abwesenheit verliert die Familie durch Intrigen der Kirche ihr Hab und Gut, und Murdo den Glauben an Gott. Er reist seinem Vater nach, um mit ihm und seinen Brüdern ihre Rechte geltend zu machen. Doch sein Vater stirbt, seine Brüder wollen nicht mehr nach Hause. Stattdessen verschreibt sich Murdo der Sache der Célé Dé („Fromme Aufgabe“), einer Gemeinschaft frommer Mönche, die sich dem „wahren Glauben“ verschrieben hat und dem Papst und seiner Kirche kritisch gegenüberstehen. Er rettet die heilige Lanze, mit der Jesus Christus‘ Tod festgestellt wurde, vor Moslems und dem Kaiser von Byzanz und versteckt sie in einem Kloster in seiner Heimat.

Band 2: Der Gast des Kalifen
Sein Sohn Duncan begibt sich Jahre später ebenfalls auf eine abenteuerliche Pilgerfahrt, auch er schließt sich den Célé Dé an und bringt einen Teil des wahren Kreuzes Christi zurück in die Heimat, trotz der Nachstellungen von Templern und Assassinen.

Band 3: DIE TOCHTER DES PILGERS

Im letzten Band der Trilogie wird Duncan in Byzanz von Templerkomtur de Bracineaux ermordet, seine Töchter Caitriona und Alethea schwören Rache für den Tod ihres Vaters. Doch auch Caitriona wird auf die Sache der Célé Dé eingeschworen: Anstelle die Gelegenheit zu nutzen und de Bracineaux zu erdolchen, stiehlt sie ihm ein geheimes Schriftstück, das von einer geheimnisvollen mystischen Rose spricht, die in Spanien in die Hände der Mauren zu fallen droht. Es stellt sich bald heraus, dass es sich um den heiligen Gral selbst handelt. Mit von ihr aus der Sklaverei freigekauften norwegischen Rittern macht sich Caitriona auf die Reise. Doch die Templer verfolgen sie, ihre Schwester Alethea wird von maurischen Banditen verschleppt und Caitriona droht den Verführungskünsten des Maurenfürsten Hassan zu erliegen. Beim Hort des Grals treffen der mordlustige Templerkomtur und seine Schergen mit Caitriona, ihren Begleitern und den Mauren zusammen…

Soweit die Zusammenfassung der Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ von Stephen Lawhead. Der Autor, ein Kenner der britisch-keltischen Geschichte und Sagenwelt, wurde in Deutschland vor allem durch das „Lied von Albion“ und den Pendragon-Zyklus bekannt. Sein Bestseller „Byzantium“ wurde in Deutschland unglücklich in zwei Bände aufgespalten, die in Deutschland „Aidan, Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“ heißen.

Interessanterweise hat dieses Buch Pate für weite Teile der Handlung der gesamten Trilogie gestanden, in der jedes der drei Bücher nach dem Schema „Reise nach Jerusalem“ abläuft. Im Handlungsverlauf ergattert der jeweilige Held aus der Familie Murdosson dann eine heilige Reliquie, wird vom Zweifler zum frommen Christen und kehrt damit in die Heimat zurück – grob vereinfacht.

Auch Caitriona, die namensgebende „Tochter des Pilgers“ (Duncan), stellt hier keine Ausnahme dar. Die Trilogie leidet jedoch sehr unter diesem Schema: Im Eiltempo wird man durch zahlreiche Orte Europas und des nahen Ostens gehetzt, wobei meistens nur Zeit für oberflächliche Betrachtungen bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass der dritte Teil keinen wirklich befriedigenden Abschluß der Trilogie bietet: Alle drei Bände wurden von einem Nachfahren Murdos, der zur Zeit des 1. Weltkriegs lebt, als Erinnerung aus der Familienchronik erzählt. Er wird gerade in den inneren Kreis des Ordens der Célé Dé initiiert und berichtet quasi zu jeder Reliquie die Geschichte des jeweiligen Buches. Mehr aber auch nicht – die mystische Verbrämung der ersten beiden Bände um die Ziele der Célé Dé, was ziemlich verwirrend wirkte und die Bücher unvollständig erscheinen ließ, wird auch im letzten Band nicht aufgeklärt. Diese unnötig aufgeblasene Rahmenhandlung, die nur dem Zwecke der Erzählung diente und den Leser mehr erwarten ließ, ist aber nur eine der Schwächen der Konzeption der gesamten Trilogie.

Ob sich Caitriona nun in Spanien bei den Mauren oder in Damaskus aufhält: Moslems haben hier und dort die gleichen Sitten, die gleiche Sprache. Da das Buch dialoglastig ist, könnte man eigentlich auch völlig auf die jeweilige Beschreibung der Örtlichkeit verzichten. Man muss nur die Kapitelüberschrift austauschen und darauf achten, in Spanien natürlich spanische Ritter als Eskorte zu bemühen.

Historische Patzer und/oder Übersetzungsfehler finden sich in Hülle und Fülle; hier zeigt sich, dass Lawhead zwar ein Keltizismus-Experte und Kenner des alten Byzanz ist, aber in Bezug auf die Templer sowie die Geographie und Geschichte Spaniens erlauben er und sein Lektor sich einen Fehler nach dem anderen: Orte werden irrtümlich zwischen Kastilien, Leon und Aragorn vertauscht, das Königreich Navarra hat Lawhead wohl ganz übersehen. Abgesehen von der Geographie sind Verhalten und Bräuche ebenso verfälscht worden: Bei einer Leichenverbrennung als Bestattungsform hätten sowohl Odin als auch Allah sich gewundert, besonders wenn diese von einem schon vor Jahrhunderten christianisierten Norweger und einem Almohaden durchgeführt wird. Wenn der zuvor als superfromm geschilderte norwegische Ritter Rognvald dann auch noch einen Erzbischof belügt, dass sich die Balken biegen, dann ist das noch lange nicht so schlimm wie die Groschenroman-Show von Fürst Hassan: Dieser versucht durchaus gekonnt und lesenswert – hier dachte ich kommt etwas Feuer und Würze in die Geschichte – Caitriona zu verführen, die ihm auf den Leim geht und den Warnungen ihrer Begleiter kein Gehör schenkt. Aber wie endet es? Grundlos peitscht Hassan seine Frau, die er bisher als seine Schwester ausgegeben hat, aus, Caitriona erwischt ihn und er entschuldigt sich, verspricht ihr weiterhin Unterstützung und damit ist die Sache gegessen – Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn mir jetzt jemand erklären könnte, wie ein Maure auf die Idee kommt, seine Frau zu verheimlichen und als Schwester auszugeben, nur weil er eine Christin verführen will, und warum es an dieser Stelle keinen weiteren Konflikt mehr gibt, wäre ich sehr dankbar…

Nun, die Handlung erfordert es eben! Ich hatte den Eindruck, hier wurde Lawhead zu einer drastischen Kürzung bzw. Änderung genötigt. Das Buch ist das deutlich kürzeste der Trilogie. Diesmal hat Lawhead auch bei den Figuren geschlampt: Caitriona ist zwar überzeugend und ähnlich streitbar wie der alte Murdo, ihre resolute Art kann unter Umständen nerven, besonders im Gespann mit ihrer – von ihr selbst zu Recht – als Nervensäge bezeichneten kleinen Schwester Alethea. Diese wird, hier möchte ich nicht zuviel verraten, eine Wandlung durchmachen, die hopplahopp und nicht nachvollziehbar geschieht. Über das seltsame Verhalten des Maurenfürsten Hassan habe ich schon geschrieben, ebenso über die Unstimmigkeiten beim ansonsten sehr glaubwürdig charakterisierten Ritter Rognvald. Der Templerkomtur de Bracineaux ist eindeutig überzeichnet als Schurke. Im zweiten Band wurde er weitaus differenzierter geschildert. Hier ist er mordlustig, herrisch und von fanatischem Eifer besessen. Lawhead wollte wohl die wohlbekannte Arroganz der Herren vom Tempel darstellen, macht das jedoch so übertrieben, dass de Bracineaux unglaubwürdig wird. Gelungener ist schon sein Begleiter, ein beherrschter, distinguiert-herablassender Templerbaron aus Frankreich. Nur… seit wann behält man seinen Titel, wenn man in den Templerorden eintritt?

Zusammfassend kann man sagen, dass nicht die zahllosen Fehlerchen dem Buch und der Trilogie das Genick brechen. Es ist vielmehr das andauernd wiederholte Reiseschema, das von einem oberflächlich und glanzlos beschriebenen Schauplatz zum nächsten führt. Die im ersten Band sanft angedeutete Kritik an Papst und Kirche wurde wohl aus Gründen der politischen Korrektheit in den Folgebänden vollständig fallengelassen, ebenso wie eine vernünftige Definition der Ziele der Célé Dé, die zur belanglosen Nebenhandlung bei der so etwas sinnentleerten Reliquiensammlung wurden. Offensichtlich, so zeigt das Auftauchen des geisterhaft-mysteriösen Bruder Andreas, das stets mit der Rekrutierung eines Murdosson endet, handelt die Sekte im Auftrag Gottes. Einen Abschluss schafft der dritte Band nicht. Ein unbefriedigendes „warum?“ bleibt im Raum stehen.

Lawhead kann es besser – „Byzantium“ ist historisch exakter, hat eine spannendere Rahmenhandlung und wiederholt nicht ständig dasselbe Schema. Blasse Charaktere mit unpassenden, unglaubwürdigen Handlungen geben dem Buch den Rest. Nur die grundsätzlich in meinen Augen hochinteressante Thematik der Trilogie sowie der angenehme und gefällige Schreibstil Lawheads bewahren das Buch vor einem totalen Desaster – die Reise nach Spanien war mit Abstand die langweiligste, viel andalusisches Flair habe ich nicht gerade erfahren dürfen.

Auf der Habenseite kann das Buch zusätzlich eine qualitativ hochwertige Bindung und optisch überzeugende Präsentation aufweisen, die sich auch im Buch selbst fortsetzt, abgesehen vom irreführenden und unpassenden Klappentext, der falsche Versprechungen macht.

Das Buch ist eine wunderschöne Mogelpackung, die sich auf Groschenroman-Niveau bewegt, und das schwächste der ganzen Trilogie, die so viel verspricht – und so wenig hält. Wer schon den Anfangsband nicht mochte, sollte dieses Buch gar nicht erst lesen. Ich kann weder „Die Tochter des Pilgers“ noch die Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ empfehlen, die von Band zu Band schwächer wurde, was Lawheads schwacher Konzeption des an und für sich hochinteressanten Stoffes anzulasten ist.

Kritiken der gesamten Trilogie „Die Keltischen Kreuzzüge“ bei _Buchwurm.info_:
Das Kreuz und die Lanze bzw. Der Sohn des Kreuzfahrers (Hardcover bzw. Taschenbuch)
Der Gast des Kalifen
Die Tochter des Pilgers (diese Kritik)

Homepage des Autors: http://www.stephenlawhead.com/

Robson, Justina – Mappa Mundi

_Anstrengende Rebellion gegen Gedankenkontrolle_

Totale Gedankenkontrolle – ein (Alb-)Traum, mindestens so alt wie George Orwells [„1984“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1373 aus dem Jahr 1948. Doch die künftige Nanotechnologie in Verbindung mit Gentechnik wird es Regierungen erlauben, Steuerungsbefehle an Menschen zu verbreiten, die als unscheinbare Grippeviren übertragen werden. „Mit einem hatschi! wirst du ein anderer Mensch“, könnte man sagen.

Doch was kann man gegen diese Forschung unternehmen und wie kann der Erfolg erreicht werden? Die englische Wissenschaftlerin Natalie Armstrong macht es vor. Dass in ihrem Kampf auch Opfer nötig sind, ist unausweichlich. Dass die Welt eine völlig andere wird, sowieso …

_Die Autorin_

Justina Robson veröffentlichte diesen ihren zweiten Roman bereits 2001. Das Buch wurde nach Angaben des Verlags für den „Arthur C. Clarke Award“ als bester Science-Fiction-Roman des Jahres nominiert, erhielt ihn aber nicht. Und das wohl zu Recht.

_Handlung_

FBI-Sonderermittler Jude Westhorpe wird von seiner indianischen Halbschwester White Horse mit der Nachricht überrascht, ihr Haus im Cheyenne-Reservat sei niedergebrannt worden: ein Anschlag ihrer verrückten Nachbarin. Als sei es noch nicht merkwürdig genug, dass im verschlafenen Dörfchen Deer Ridge in Montana Mordanschläge verübt werden, erzählt White Horse zudem, dass sie ein merkwürdiges Gerät am Rande ihres Grundstück gefunden habe: Ob er sich das Teil wohl mal ansehen könne?

Bei seinen weiteren Nachforschungen stößt Jude auf ein supergeheimes, aber höchst illegales Experiment, das eine Regierungsbehörde, möglicherweise das Pentagon, in Montana ausführen ließ: Gedankenkontrolle. Dabei scheint etwas schief gegangen zu sein.

Doch wer forscht an Gedankenkontrolle? Jude findet heraus, dass ein ganzes weltumspannendes Netz von geheimen Labors daran forscht, wie man den menschlichen Geist chargiert und sein Verhalten beeinflusst. Das höchste Ergebnis dieser Forschungsbemühungen wird „Mappa Mundi“ genannt: eine Karte der Welt. Es wurde auch schon die erste Software zur Abbildung und Steuerung von Geistesvorgängen wie etwa Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung entwickelt: Mappaware. Leider gibt es schon den ersten „Quick&Dirty“-Programmcode, der es erlaubt, den damit Behandelten paranoid schizophren werden zu lassen – ein Hinweis auf das Geschehen in Deer Ridge?

Im nordenglischen York lernt Jude mit List und Glück die Wissenschaftlerin Natalie Armstrong, die weltbeste Mappaware-Forscherin, kennen und verliebt sich in die zunächst spröde Schönheit. Doch in seinem Hotelzimmer erlebt Jude merkwürdige Geisteszustände, die ihn unsicher werden lassen, ob er wacht oder träumt. Am nächsten Tag, an den er sich erinnert, liegt ein Aktenordner neben ihm: ein geheimes Dossier von den Teilnehmern an der Mappa-Forschung, darunter einige Kriminelle, vor allem ein Russe namens Michail Guskow. Auch Natalie, der er das Dossier im Vertrauen zeigt, ist geschockt: Die Akte weist Spuren ihrer weit zurückliegenden geistigen Krise auf.

Es sieht ganz danach aus, als würde das Paar von unbekannten Hintermännern manipuliert. Doch zu welchem Zweck? Unterdessen bemüht sich Judes FBI-Kollegin Mary Delaney, die zur gleichen Zeit einen hohen Rang im Nationalen Sicherheitskomitee der USA innehat, die potenziell verheerenden Folgen des militärischen „Feldversuchs“ in Deer Ridge einzudämmen. Wenn die anderen Nationen (die ja auch an Mappa Mundi forschen) herausfinden, dass etwas schiefgelaufen ist, werden sie über die USA herfallen und mit dem Finger auf die Verantwortlichen zeigen. Das wäre das Ende der Mappa-Forschung in den USA. Und dazu darf es nicht kommen.

Also lässt sich Mary Delaney breitschlagen, mit der Mappa-Forschung in Isolation und Untergrund zu gehen – zusammen mit Michail Guskow, der seine ganz eigenen Pläne mit Mary und Mappa hat. Zu ihrem Zankapfel wird Natalie Armstrong, als deren Experiment an einem Patienten in einer Katastrophe endet: Der Patient verschwindet vor den Augen der Beobachter, und Natalie selbst wird mit einem Virus namens Selfware infiziert. Schlagartig wird sie zur wichtigsten Person der Welt.

Nun beginnen einige sehr seltsame Vorgänge. Patient X ist nämlich in einen neuen Zustand verschwunden, zu dem ihn die Selfware von Mappa Mundi befähigt hat. Als Natalie sich mit ihm verbündet, erhält sie langsam wieder Oberwasser und kann Jude helfen. Für Mary Delaney aber wird die Zeit knapp.

_Mein Eindruck_

|Ein Thriller nach altem Muster|

Nachdem die wichtigsten Akteure jeweils in kurzen Szenen charakterisiert worden sind, beginnt die im Grunde wie ein Thriller aufgebaute Handlung. FBI-Agent Westhorpe will wissen, was mit seinem Volk in Montana passiert ist; Natalie Armstrong sucht neue Wege, mit Hilfe von Mappa-Technologie ihren hirngeschädigten Patienten zu helfen.

Doch das, was sie tun und lassen, geschieht ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einem engmaschigen Netz aus oftmals entgegengesetzten Interessen. Judes Schwester White Horse von den Cheyenne erhält eine Schlüsselrolle in der Auseinandersetzung zwischen Regierungsbehörden (Mary Delaney & Co.) und der konservativen Opposition. Natalies Schicksal kann über die Zukunft der gesamten Mappa-Forschung und somit über die geistige Freiheit des Menschen entscheiden. Zwischendrin entwickelt sich zwischen Jude und Natalie eine Liebesromanze.

|Ein Wissenschaftsroman|

Nun handelt es sich aber hierbei um einen Science-Fiction-Roman, in dem die Wissenschaften der Neurologie und der Kognitionsforschung eine zentrale Rolle einnehmen. So sehr also auch die menschlichen Begegnungen einen hohen Stellenwert innehaben, um die Handlung voranzubringen, so sehr wird dieses Tempo wieder von Kapiteln gebremst, in denen wissenschaftlicher Jargon das Verständnis erschwert – besonders dann, wenn die superintelligente Natalie doziert. Zum Glück kommen diese Abschnitte nur selten vor, aber sie sind anstrengend. Und außerdem vermitteln sie dem Leser den Eindruck, seine Geistesgaben reichten nicht aus, um das, was er liest, zu kapieren. Kein sonderlich angenehmes Gefühl, um es vorsichtig auszudrücken. [Schallendes Gelächter vom Lektor, das sofort in ein unterdrücktes Husten übergeht …]

|Kein US-Roman|

Wir haben es hier aber nicht mit einem Roman eines amerikanischen Autors zu tun, der von amerikanischen Lektoren für amerikanische Leser zurechtgestutzt wurde. In einem kurzen Satz dankt die Autorin zwei Redakteuren, ansonsten aber zwei Seiten lang den Informationslieferanten. Daher liegt das sprachliche wie kognitive Niveau dieses Romans nicht auf dem eines 13-jährigen Kindes, sondern auf dem von Erwachsenen. Da kann man schon ein paar anspruchsvolle Schilderungen sowie eine differenzierte Weltsicht erwarten.

|Eine vielschichtige (komplizierte?) Welt|

Außerdem befinden wir uns hier nicht mehr in der Welt von Heinlein oder Niven, sondern in der nahen Zukunft. Will heißen, dass sich verschiedenartigste Interessengruppen um den wissenschaftlichen Durchbruch, den Mappa Mundi darstellen könnte, reißen und zanken. Die Autorin schildert also verantwortungsvolle Wissenschaftler, die unter der Fuchtel von Militär und Regierungsbehörden tätig zu sein versuchen – nicht immer mit Erfolg. Und in ihren Reihen befinden sich mitunter Verräter.

Exemplarisch dafür steht der Kreis von Forscher, den Mary Delaney um Michail Guskow geschart und in eine abgeschottete Anlage in Virginia verbannt hat. Hier sollen die gewünschten Ergebnisse erbracht werden. Doch Guskow ist ein gewitzter Bursche, der Natalie, als sie hier eintrifft, beeindruckt. Leider weiß er nicht, was er mit Mappa Mundi anstellen soll: Er weiß nur, dass er ein Utopia, eine „perfekte Welt“ mit „perfekten Menschen“ schaffen könnte. Die entsprechenden Botschaften lassen sich mittels Viren in Blitzeseile über die ganze Welt verbreiten.

Die Frage ist also letzten Endes wieder einmal: Wir alle wissen, welche Art von Botschaften eine Regierung und insbesondere das Verteidigungsministerium verbreiten würde. Doch wenn wir nicht wollen, dass Menschen zu willfährigen Befehlsempfängern und braven Konsumenten degradiert werden, welches ist dann die positive Gegenvision? Die selbstzerstörerischen Aggressoren, die wir zur Zeit antreffen, wohl kaum. Nein, Natalie hat ihre Mappaware auf zwei Botschaften programmiert, die unterhalb der Gedankenebene Einfluss ausüben: „Keine Angst“ und „Vorteilhafter Kompromiss bevorzugt“.

Aber das reicht noch nicht, um gegen die aggressive Mappaware des Pentagon bestehen zu können. Ein weiterer Faktor ist notwendig: Erst die Freiheit der Information für alle bedeutet geistige Freiheit. Und die ist in der gegenwärtigen Informationshierarchie nicht zu erlangen. Zuvor muss das gesamte System transzendiert werden, damit alle frei sein können. Doch wie ist diese Transzendenz zu erreichen?

_Unterm Strich_

Was zunächst wie ein Agententhriller beginnt, wächst sich schon bald zu einem Wissenschaftsthriller à la Michael Crichton aus, allerdings um Lichtjahre anspruchsvoller, als Crichton je gewesen ist. Schließlich erscheint ein Utopia am Horizont, und die Frage stellt sich, wie man es trotz der Regierung erreichen kann. Am Ende, im ironisch so genannten „Update“, ist die Welt vollständig gewandelt, genau wie in den besten Romanen der Science-Fiction, etwa in „Der Wüstenplanet“.

Spannend mag „Mappa Mundi“ ja sein, stellenweise sogar bewegend, aber das Buch hat eine durchgehende dramaturgische Schwäche: Die Autorin versorgt den Leser nicht richtig mit spannenden Höhepunkten. Natürlich sterben wichtige Figuren auf manchmal dramatische Weise, aber deren Ende scheint irgendwie zufällig so eingetreten zu sein – als habe eine finstere, unaufhaltsame Macht kurz mal ausgeholt und sie beiseite gewischt, weil sie im Weg waren. Dem Leser schwant davor schon, dass etwas Übles im Anzug ist, aber will er es wirklich wissen?

Ich habe nur weitergelesen, weil ich schon zu weit war und wissen wollte, wie die Story ausgeht. Leider ist auch die Wandlung der Welt schließlich so unspektakulär wie das Alltagsleben selbst, obwohl die Wirkung und Bedeutung größer als die der Hiroshima-Bombe ist: ein, zwei Grippewellen, wieder einmal.

Die Autorin muss offenbar – wie einige ihrer Landsleute, die Science-Fiction schreiben – noch lernen, dass es nicht genügt, einfallsreiche und engagierte Science-Fiction spannend zu schreiben, sondern man muss diese Story auch entsprechend verpacken. Verpackung als Teil des Marketings ist heute mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, wenn nicht noch wichtiger. Ich hoffe, dass Justina Robson ihre Lektion bis zum nächsten Buch gelernt hat.

|Die Übersetzung|

Dietmar Schmidt hat schon die schwierigsten Bücher übersetzt und ist für Lübbe sehr fleißig. Auch in „Mappa Mundi“ macht er einen recht guten Job, jedenfalls meistens. Leider ist dies ein sehr langer Roman – eng gesetzt wohl so um die 500-600 Seiten lang. (Die 700 Seiten kommen daher, dass die Schrifttype ziemlich groß ist.) Und so ist es wohl zu erklären, dass ihm gegen Schluss immer mehr Druckfehler unterliefen. Das führte dazu, dass im Text nicht nur einzelne Buchstaben, sondern sogar ganze Wörter fehlen. Die muss der Leser selbst sinnvoll ergänzen.

Ein Beispiel für einen Druckfehler, der aber auch aus der Rechtschreibkorrektur stammen könnte – wer kann das schon sagen? Aus „antiklimaktisch“ wird „antiklimatisch“ (ca. S. 670). Das erste Wort drückt das Gegenteil einer Klimax (= Höhepunkt) aus, das zweite scheint etwas mit dem Klima zu tun haben, aber was nur? Nun ja, schon das Wort „antiklimaktisch“ hätte man ersetzen sollen. Ebenso wie das Wort „Vakzin“, bei dem es sich lediglich um ein Synonym für „Impfstoff“ handelt. Auch „Deliverance“, den Mappaware-Kampfstoff, hätte man übersetzen können, etwa als „Erlösung“.

|Keine Übersicht|

Ein zweites Manko, für das Schmidt aber nichts kann, ist das umfangreiche Personal, für das es keine Übersicht gibt. Drittens tauchen ständig neue Begriffe wie Mappaware, Selfware, NervePath, MUV und Deliverance auf, für die es kein Glossar gibt. Natürlich werden sie im Text erklärt und sinnvoll eingeführt, aber wer erinnert sich nach zwei, drei Tagen Lesepause noch an ihre genaue Bedeutung? Das bedeutet, dass man das Buch in einem Stück durchlesen muss, und das ist sicher nicht leicht. Ich jedenfalls habe mehrere Wochen gebraucht.

|Originaltitel: Mappa mundi, 2001
718 Seiten
Aus dem Englischen übersetzt von Dietmar Schmidt|
http://www.bastei-luebbe.de
Homepage der Autorin: http://justina.inphi.net

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Juliet Marillier – Die Tochter der Wälder (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

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MacLeod, Ken – Sternenprogramm, Das

„Nach dem Dritten Weltkrieg ist Europa ein zersplitterter Kontinent. Politische Gruppierungen von ultrarechten Nationalisten über religiöse Fundamentalisten bis hin zu Neokommunisten zerfleischen sich gegenseitig. Und während die Vereinten Nationen, gestützt auf die orbitalen Kampfstationen der USA, den Status quo aufrecht zu erhalten versuchen, verelendet Großbritannien immer mehr, grassieren Hunger und Seuchen, von denen viele aus tödlichen Biowaffen stammen. Die Lage scheint ausweglos…“

Soweit der Beginn des Klappentextes, der nur aus zwei elend langen Sätzen besteht. Immerhin ist die Beschreibung zutreffend, was bei Klappentexten ja nicht immer der Fall sein muss.

Der Schotte Ken MacLeod gehört wie Iain Banks und Charles Stross zu den ganz großen Hoffnungen der britischen Science-Fiction und in Sachen Ideenreichtum zu den besseren Autoren. Er hat einen Future-History-Zyklus geschrieben, dessen chronologischen Anfang „Das Sternenprogramm“ („The Star Fraction“) darstellt. Die Fortsetzungen heißen bislang „Die Mars-Stadt“ („The Stone Canal“) und „Die Cassini-Division“ („The Cassini Division“).

Moh Kohn ist ein Kämpfer in der Armee der Neuen Republik, kurz ANR, ein aufrechter Streiter für die sozialistische Anarchie. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn etwa die Hälfte der britischen Nation befindet sich in der politischen Anarchie: zersplittert in kleine und kleinste Fraktionen, und jede bis an die Zähne bewaffnet.
Der Rest der Nation untersteht noch immer dem Königshaus der Hannoveraner, doch die Royals haben nichts mehr zu melden, seit die amerikanisch dominierten Vereinten Nationen sie unter Kuratel gestellt haben. Die Weltraumverteidigung – in der Kreisbahn befindliche Laserkanonen – können jeden Widerstand sofort niederschlagen.
Kein Wunder also, dass alle politischen und militärischen Aktivitäten unter Tarnung stattfinden, sozusagen im Zwielicht. Jedwede Kommunikation über das Internet ist verschlüsselt und unter ständiger Bedrohung durch Viren – genau wie bereits heute.

Apropos Viren: Beim Sturm auf ein Gentechnik-Institut in einem gesperrten Bezirk Inner-Londons rettet Moh Kohn die Bio-Ingenieurin Janis Taine vor den Gegnern und zufällig auch vor der Inspektion durch ihre Investoren. Flüchtend nimmt sie ein paar manipulierte Viren mit, mit denen Moh versehentlich in Kontakt gerät. Als Folge entwickelt er einige Fähigkeiten, die sogar ihn überraschen, so etwa die Möglichkeit, mit der Künstlichen Intelligenz in seinem Maschinengewehr zu kommunizieren.

Moh und Janis verstecken sich in Norlonto: Northern London Town. Schon seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist Camden Town ein Sammelpunkt für Randexistenzen; der riesige Flohmarkt dort erzeugt ökonomischen Auftrieb. Doch zu Mohs Zeit hat sich in Norlonto Anarchie breitgemacht, gegen die sich der benachbarte Bezirk Beulah City wie ein Kloster ausnimmt: Dort herrschen christliche Fundamentalisten.
Aus Beulah City (benannt nach einem biblischen Ort) kommt Jordan Brown, ein 17-jähriger Computer-Broker im Handel mit Terminpapieren, der von anarchistischen Thesen fasziniert ist. Er tut sich mit Janis und Moh zusammen und lernt Catherine Duvalier, Mohs Ex-Geliebte, kennen. Ein Team mit Durchschlagskraft.

Allmählich braut sich nämlich etwas zusammen: Die ANR bereitet eine große Offensive vor, die in Schottland und Nordengland beginnt. Mal sehen, ob sie es bis London schafft. Denn die Front der Konservativen und Hannoveraner steht ebenfalls: Melody Lawson, Jordans frühere Arbeitgeberin, und die Herren Donovan und Bleibtreu-Fèvre schicken immer neue Software-Viren gegen die ANR vor, damit deren Verlautbarungen endlich verstummen.
Doch womit keine der beiden Fronten gerechnet hat, ist eine Aktion des sogenannten Schwarzen Plans. Diese Künstliche Intelligenz scheint nur im Netz zu existieren, auf Millionen von Rechnern als eingeschmuggeltes Programm. Und Moh Kohns Vater, der „Uhrmacher“, scheint der Urheber der KI zu sein. Er weist den Menschen den Weg zu den Sternen.

Ich habe mehrere Monate für den Roman gebraucht. Und nach der Inhaltsangabe wird das vielleicht ein wenig verständlich. Die Story, der Auftakt zu einer Trilogie, ist sehr ambitioniert: Kim Stanley Robinson, selbst Science-Fiction-Autor, nennt MacLeod sogar „revolutionär“. Fest steht zumindest, dass MacLeod’s Augenmerk weder Technik (allenfalls dem Internet) noch der Wissenschaft (allenfalls der Gentechnik) gilt, sondern vielmehr der Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Dass MacLeod sich dabei auf einem ungewöhnlichen Standpunkt befindet, macht für ihn die Sache leicht: Aus dieser Distanz kann er mit den üblichen politischen Strömungen, wie konservativ und liberal, leichter hantieren, als wenn er direkt drinsteckte. Für uns Leser macht MacLeods Sympathie für Anarchismus und marxistischen Sozialismus die Sache nicht gerade einfach: Die wenigsten von uns verfügen über Wissen in dieser Richtung. Wir müssen dem Autor quasi glauben, was er uns auftischt. Gerade bei solchen Auffassungen wie dem „Post-Futurismus“, den die ANR verkörpere, werde ich zumindest skeptisch – all diese Worthülsen scheinen der längst verflossenen 68-er-Generation anzugehören.

Die Story an sich ist relativ simpel: Eine paramilitärisch organisierte Truppe kämpft gegen etliche andere, und mitten drin befinden sich drei bis vier Sympathieträger. Alles weitere ist vielschichtig, alles andere als anspruchslos erzählt und fordert den Leser wirklich heraus. Jemand, der über keinerlei politische Theorie Bescheid weiß, kann mit einem Großteil des Romans überhaupt nichts anfangen. Und der winzige Rest an akademisch vorgebildeten Science-Fiction-Lesern, wie ich, beißt sich durch eine Handlung, von der man sich vorstellen könnte, dass sie wesentlich zügiger ablaufen könnte.

„Das Sternenprogramm“ könnte auf dem Buchmarkt die 180. Vision eines britischen Linksintellektuellen sein, wenn da nicht diese vielen Science-Fiction-Elemente wären. Diese machen den Roman wenigstens im Science-Fiction-Ghetto zu etwas Besonderem. Nicht so sehr wegen der technischen, sondern wegen der gesellschaftlichen Aspekte.

Selbst akademisch vorgebildete Science-Fiction-Leser haben also mit diesem Roman ihre Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wer außerdem noch ein Interesse daran haben könnte, geschweige denn Vergnügen. Eine gewisse Originalität kann man dem Autor nicht absprechen, auch wenn die Umsetzung Ansprüche an das Begriffsvermögen des Lesers stellt.
Die literarischen Mittel sind hingegen gewöhnlich – da waren die sechziger Jahre schon weiter, besonders Alfred Bester und manchmal John Brunner. Warten wir also ab, was die Fortsetzungen bringen, in denen Janis und Jordan (leider ohne Moh) zu den Planeten aufbrechen: Mars und Saturn.

Wem Greg Egans Roman „Diaspora“ und Bruce Sterlings Dystopie „Brennendes Land“ („Distraction“) gefallen haben, könnte auch an „Das Sternenprogramm“ Gefallen finden.
Wer eine andere Meinung zu diesem Buch und den anderen zwei Bänden sucht, findet in „Das Science Fiction Jahr 2003“ eine entsprechende Rezension (Seite 681-684).

Zur Übersetzung: Norbert Stöbe hat sich zwar redlich bemüht, ihm sind aber dennoch einige dumme Fehler unterlaufen. Auf Seite 357 muss es „Janis“ statt „Catherine“ heißen, auf Seite 432 „Jordan“ statt „Kohn“ und auf Seite 450 wird das Blake-Gedicht „Jerusalem“, das den Text zur inoffiziellen Britischen Nationalhymne darstellt, falsch wiedergegeben: Es muss „Weiden“ („pastures“) statt „Berge“ heißen. Jedem „Jerusalem“-Kenner fällt der Fehler sofort ins Auge, daher ist er um so peinlicher.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Britain, Kristen – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.
Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…
Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.
Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.
Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.
Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.
Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.
Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.
Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.
Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.
Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“
Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.
Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.
Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com

Coleman, Loren – Kampf beginnt, Der (Mechwarrior Dark Age 2)

BattleTech-Fans können aufatmen: Auch wenn die Nachfolgeserie der beliebten TableTop-Reihe rund um die gigantischen Kampfkolosse aus Stahl ein wenig respektables Debüt mit „Geisterkrieg“ präsentierte, bei Loren Coleman’s Roman „Der Kampf beginnt“ ist der Name Programm – er zeigt, welches Potential in dem neuen Szenario steckt und lässt Stackpole’s Ausrutscher schnell vergessen.

Die Handlung des Romans spielt vollständig auf der Welt Achernar, eine der wenigen Welten der Inneren Sphäre, die noch über einen funktionsfähigen Hyperpuls-Generator verfügen. Sowohl die Republik der Inneren Sphäre als auch die der Clankultur treuen Stahlwölfe sind deshalb an der Kontrolle über diese Welt interessiert. Doch auch lokale Kräfte wie der „Schwertschwur“ der Sandovals machen ihre Rechte geltend. Der gescheiterte Mechkrieger Raul Ortega wird seine zweite Chance erhalten – der Zöllner darf einen Legionär-BattleMech in die Schlacht gegen die Stahlwölfe führen, die wie in den Zeiten der Claninvasion einen Besitztest um Achernar fordern. Für zusätzliche Verwirrung sorgen die bemerkenswert – ich spreche hier nicht nur von ihrem Mech – gut ausgestattete Mechkriegerin Tassa Kay und der nicht immer loyale Kommandeur des Schwertschwurs, Erik Sandoval-Gröll.

Loren Coleman stand bislang immer im Schatten des erklärten Lieblings Stackpole, das neue Endzeit-Szenario von Dark Age scheint ihm jedoch besser zu liegen. Anstelle ganzer Heerscharen von BattleMechs sind nie mehr als 3-4 Mechs auf einem Schlachtfeld aktiv, dazu einige wenige Panzer und Elementare. Hochgezüchtete Kampfkolosse werden durch umgebaute AgroMechs ersetzt, Tassa Kay’s moderner Ryoken II stellt auf dem Schlachtfeld die absolute Ausnahme dar. Das kommt Raul Ortega’s Legionär zugute: Ein 50-t-Mech mit nur einer einzigen Autokanone hätte wohl kaum in der klassischen Serie für Aufsehen gesorgt. In Dark Age ist er ein wandelnder Alptraum. Der klassische Mech-Einzelkampf weicht Verbundwaffentaktik – Panzer und Infanterie sowie Helikopter haben in Dark Age ihren festen Platz. Kurz, die Mechgefechte machen wieder Spaß und erinnern ein wenig an die ersten Romane um die Gray-Death-Trilogie.

Die Hauptfiguren sind allesamt interessant: Man fiebert mit Raul Ortega und Tassa Kay, auch die Clanner auf der Gegenseite oder der seine eigenen Pläne verfolgende Sandoval-Gröll haben glaubhafte Motivationen und Probleme – mancher auch das eine oder andere Geheimnis…

Ein wenig mehr Licht wird auf die aktuellen Verhältnisse der Inneren Sphäre geworfen, nicht nur die Stahlwölfe planen die Eroberung von Präfektur IV, radikale Fraktionen der früheren Herrscherhäuser nehmen alte Fehden wieder auf. Der fahrende Ritter Kyle Powers hat alle Hände voll zu tun, besonderes Augenmerk wird auf den Aufstieg von Raul Ortega in höhere Ränge gelegt, aber auch die Clanner und der Schwertschwur bekommen ihre eigenen Kapitel gewidmet, was die jeweilige Situation aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und für Abwechslung sorgt. Durch die Konzentration der Gefechte auf wenige Mechs und die vorherige Bekanntmachung des Lesers mit ihren Piloten gewinnen diese eine höhere Intensität als das am Ende massenkampflastig gewordene klassische BattleTech.

Die Übersetzung von Reinhold H. Mai ist in gewohnt guter Qualität, das Titelbild vermag sogar zu begeistern: Heyne hat ein absolut zur Handlung passendes Titelbild mit einem Legionär-Mech von Wizkids gekauft! Der einzige Wermutstropfen dieses Romans ist, dass er die Handlung der Serie nicht wirklich voranbringt. Die letzte Genialität, die Stackpoles Klassiker auszeichnete, fehlt Coleman leider auch dieses Mal.

Dafür zeigt er, wie gut man klassische BattleTech-Aspekte mit dem neuen Szenario verbinden kann – es ist hervorragend gelungen! Ob Raul Ortega es in die Herzen der Fans schaffen und einem Grayson Carlyle oder Kai Allard-Liao den Rang ablaufen kann, wird sich zeigen, sein „Legionär“-BattleMech dürfte sich bereits seit diesem Roman einen Platz im Herzen der Fans erballert haben. Von der mysterösen Tassa Kay wird man noch mehr hören, einen Teil ihrer Geheimnisse offenbart sie bereits in diesem Roman – ein Tipp für alle BattleTech-Fans: Einfach einen Blick auf das US-Cover werfen und darüber nachdenken, an wen sie euch erinnert. Der Roman gefiel mir sehr gut und ist eine wahre Erlösung nach dem frustrierenden Einstiegsband, er macht Lust auf mehr. Ganz in klassischer Clanner-Manier gesagt: Gut gehandelt und akzeptiert, Mr. Coleman!

Ich bin gespannt, wie die Neulinge Robert E. Vardeman und Martin Delrio sich schlagen werden. Dass man aus dem umstrittenen Dark Age etwas machen kann, beweist dieser Roman.

Eddings, David – Thron im Diamant, Der (Elenium)

„Zu Anbeginn der Zeit, lange ehe die Urväter von Styrikum in Felle gehüllt und mit Keulen bewaffnet aus den Bergen und Wäldern von Zemoch auf die Ebenen von Mitteleosien schlurften, hauste in einer Höhle, tief unter dem ewigen Schnee Thalesiens, ein zwergenwüchsiger, missgestalteter Troll namens Ghwerig. (…) …der Stein, der von tiefstem Saphirblau war, besaß die Form einer Rose. Er gab ihm den Namen Bhelliom, Blumenstein, und er glaubte, dass die Kraft dieser edlen Saphirrose jeden Wunsch zu erfüllen vermochte.“

So beginnt die Vorgeschichte des ersten Bandes der Elenium-Trilogie, „Der Thron im Diamant“. David Eddings schrieb diese parallel zu den letzten Bänden der Malloreon-Saga 1989 (Der Thron im Diamant), 1990 (Der Ritter vom Rubin) und 1991 (Die Rose aus Saphir). Unverkennbar die Quelle der Inspiration, der Bhelliom und Ghwerig könnten auch der Meister-Ring und Gollum sein. Allerdings hat Eddings nicht kopiert, sondern nur die besten Stücke aus Artussage, dem Herrn der Ringe und anderen Sagen in eine eigenständige Geschichte übertragen.

Die Elenium-Trilogie lebt von ihren stolzen Rittern und Recken – und ebenso üblen Schurken. Der Held Sperber gehört einem kirchlichen Ritterorden an, der sich an den legendären Templern orientiert. Um das Mittelalter mit einer gehörigen Portion Romantik und Hexerei wiederaufleben zu lassen, wird der Bhelliom erst einmal zum Heilmittel für die sterbende Königin Eleniens degradiert: Diese wurde auf Geheiß des Primas Annias mit dem tödlichen Gift Darestim vergiftet. Nur dank des Eingreifens des pandionischen Hochmeisters Vanion und der styrischen Zauberin Sephrania kann ihr Leben vorerst gerettet werden:

Zwölf Ritter verpfänden ihr Leben, um das ihrer Königin in einem unzerstörbaren Diamant zu bewahren, bis ein Heilmittel gefunden werden kann. Der Haken: Der Zauber hält höchstens ein Jahr, und jeden Monat muss einer der Ritter sterben…

Der durch eine Intrige exilierte Sperber kehrt zurück an den Königshof, um seine Aufgabe als Streiter der Königin – Sir Lancelot lässt grüßen – wieder aufzunehmen. Er macht sich mit zahlreichen Gefährten, vom edlen Ritter über den gewitzten Dieb bis hin zur liebenswerten Mystikerin Sephrania auf die Suche. Bald stellt sich heraus: Nur ein magisches Artefakt höchster Macht kann Ehlanas Leben retten und dadurch die Machtübernahme des Primas verhindern. Der lange verschollene Bhelliom muss wiedergefunden werden… doch nicht nur Sterbliche suchen ihn, die jungen Götter von Styrikum und die alten Trollgötter haben ebenfalls ihre eigenen Pläne mit dem magischen Juwel.

Klassischer geht es kaum – High Fantasy wurde durch Eddings geprägt. Etliche seiner Ideen wurden geklaut und zu einer dadurch natürlich nicht völlig neuen Geschichte verbunden. Rittertum, Kirche, Minne, Hexerei, Diebe und Meuchler – der Einfluss des Hochmittelalters ist unverkennbar, und gibt dem Buch Charme und Glanz. Eddings geizt auch nicht mit Humor: Ritter Sperber, im englischen Original „Sparhawk“, insofern ist mir der etwas seltsame deutsche Name doch lieber, hat ein bissiges Streitross und eine gebrochene Nase, plus einen etwas kernigeren Charakter als der edle Sir Lancelot. Seine Begleiter stehen da kaum nach, Sephrenia ist eine liebenswertere Variante seiner bekannten Zauberin Polgara, und Königin Ehlana darf im ersten Band eingeschlossen in Diamant warten, bis Sperber sie erlöst, wie Schneewittchen im Glassarg. Der Bastard seines Knappen Kurik ist der obligatorische smarte Dieb, mit Bevier ist ein überkorrekter und weltfremd frommer Ritter aufgeboten, der nicht gegensätzlicher zu Sperbers Erzfeind Martel, einen vom Orden verstoßenen, gefallenen Ritter, sein könnte.

Die Abenteuerfahrt durch die Wüsten von Rendor, düstere Städte und Sumpfgebiete führt im ersten Band noch nicht zum Ziel, erst in den Folgebänden wird man den Bhelliom in einer Trollhöhle finden und Ehlana heilen können – hier ist normalerweise das Happy End erreicht, Eddings setzt hier noch einen drauf – wie ich schon sagte, es gab mehrere Interessenten am Bhelliom…

Die Elenium-Saga hat mir wegen ihres stark mittelalterlich-märchenhaften Einschlags gefallen; ebenso sind die Hauptfiguren einfach liebenswert, besonders Sephrenia. Leider sind alle Figuren mehr oder minder klischeehaft, vor allem entwickeln sie sich nicht weiter. Hier erkennt man auch das Alter der Geschichte (1989): Es gibt ganz klar das Gute und das Böse, alle Figuren bleiben von Anfang bis Ende unverändert. Deshalb verliert sich der Charme der Charaktere spätestens im zweiten Band, es kommt einfach nicht mehr viel Neues hinzu. Faszinierende Entwicklungen vom Buhmann bis hin zum Sympathieträger, wie bei einem Jaime Lannister von George R.R. Martin, so etwas bietet Eddings einfach nicht. Das führt dann auch dazu, dass, sobald die Figuren an Glanz verlieren, die Story einfach nicht mehr begeistern kann, dazu ist sie viel zu simpel und linear. Keine verschlungenen Intrigen, wenig Raum zum Spekulieren. Eddings pflegt wie schon in der Belgariad-Saga einen sehr dialoglastigen Stil, verzichtet weitgehend auf detaillierte Beschreibungen, was ich nicht negativ meine. Das Szenario und sein Stil regen die Phantasie an, weshalb die laut Buch eindeutig schwarzen Rüstungen der Pandioner in meiner Vorstellung zu glänzend silbernen Harnischen mutierten – es passte einfach besser in mein Bild dieser Welt. Mehr hätte Eddings aus der Tatsache machen können, dass die elenischen Ritter, um ihren schweren Aufgaben nachzukommen, von styrischen Hexern in der Zauberei unterrichtet werden – obwohl der Glaube an die Götter Styrikums als Ketzerei gilt. Hier hatte ich auf Konflikte gehofft, ärgerlicherweise blendet Eddings die Vorbehalte der Kirchenfürsten stets aus, wenn es ihm in den Kram passt und es für die Handlung nötig ist. Das Buch ist übrigens ziemlich brutal: Von lebendig einmauern bis hin zu foltern, vergewaltigen und einfach mal so hilflos verrecken lassen – Eddings ist im ersten Band schon brutal und steigert sich bis zum letzten hin noch einmal drastisch, was mich sehr gewundert hat, in der zeitgleich geschriebenen Malloreon-Saga hält er sich in dieser Hinsicht sehr zurück.

Ein Lob verdient auch die Übersetzung, bis auf den kaum annehmbar übersetzbaren, seltsamen Namen Sperber (Sparhawk) [„Sparhawk“ leitet sich von „sparrow hawk“ her, was wiederum „Sperber“ bedeutet und ist damit tatsächlich eigentlich ebenso wenig übersetzbar wie Sir Lancelot (lance-a-lot), Anm. d. Lektors] stimmt alles, auch sind die Bücher besser lektoriert als die Belgariad- und Malloreon-Saga, sie enthalten kaum Tipp- oder Flüchtigkeitsfehler wie die genannten Werke. Die Titelbilder sind eine Klasse für sich: Besonders das Titelbild des ersten Bandes, die in Diamant eingeschlossene Königin Ehlana, hat mir gefallen. Karten begleiten fast jedes Kapitel, inklusive einer großen Übersichtskarte auf den ersten Seiten oder auf der Innenseite des Einbandes, je nach Version:

Die Trilogie ist als Sammelband „Elenium“ erschienen, etwas schöner und luxuriöser sind die schwer erhältlichen Hardcover. Als Taschenbuchausgabe existiert eine mit silbernen Lettern versehene und etwas größer formatierte Jubiläums-Edition, sowie die kleinen, schlichten Taschenbücher, auf denen die Titelbilder verkleinert und mit hässlich bunter Schrift bedeutend weniger schön abgedruckt sind.

„Der Thron im Diamant“ bietet eine spannende, abwechslungsreiche Abenteuergeschichte mit liebenswerten Charakteren. Eine besonders originelle Story sucht man jedoch vergebens, die Figuren wirken auch etwas altbacken. Die Trilogie ist abgeschlossen und mit der Tamuli-Saga ist eine bereits ebenfalls fertige Fortsetzung erschienen. Viel komplexer und moderner ist George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“ – dennoch kann ich die Elenium-Trilogie und besonders den ersten Band, „Der Thron im Diamant“, den ich für den besten halte, empfehlen.

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Colfer, Eoin – Artemis Fowl (Lesung)

Der Junge Artemis Fowl ist weder Zauberer noch Hobbit oder Elf, sondern viel moderner: ein Computerfreak. Und doch hat er indirekt mit all diesen Gestalten zu tun. Dieses Hörbuch erzählt von seinem ersten Coup in Sachen Elfenschatz.

Aus dem Booklet über den Autor: „Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“ Kein Wunder, dass der zweite Artemis-Band schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben ist!

Der Sprecher Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten und engagiertesten Hörbuchsprecher („-vorleser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Artemis Fowl ist zwar erst zwölf Jahre alt, hat es aber bereits faustdick hinter den Ohren. Der ausgefuchste Computerfan trägt stets Anzug und Krawatte, wie man es an vielen britischen Schulen sehen kann. Er lebt in einem schlossartigen Anwesen, doch das hat nichts zu besagen: Die Halbwaise lebt dort nur mit seiner geistig gestörten Mutter und seinem Butler, der einfach nur „Butler“ heißt. Außer dem Haus ist den Fowls praktisch nichts geblieben.
Artemis – dies ist der griechische Name der Göttin der Jagd, die unter dem Namen Diana eine gewisse Popularität erlangte – ist entschlossen, das kärgliche Vermögen seiner kriminell veranlagten Familie aufzubessern und die Ehre der Fowls zu retten. Dazu plant er als Meisterdieb einen gewagten Coup.

Mit brutalster Erpressung gelangt er in den Besitz des Kodex und Magiebuches der Elfen und entdeckt ein Geheimnis, von dem kein Mensch etwas ahnte (und das auch jeder Ire ins Reich der Sagen verwiesen hätte): Tief unter der Erdoberfläche haben sie überlebt, die Elfen und Gnome, Kobolde, Trolle und Feen aus den Märchen.
Es klingt nach dem sagenhaften Land der irischen Sagen: Tir na n’Og, das Land ewiger Jugend. Wehe dem Menschen, der sich dorthin verirrt. Die Zeit, so die Sage, verläuft dort ganz anders als an der Oberfläche, und wenn mein Mensch von dort zurückkehrt, sind in hiesigen Landen bereits Jahre vergangen, obwohl es ihm nur ein paar Tage scheinen mögen.

Artemis Fowl, nicht auf den Kopf gefallen, setzt seinen Plan um, um an den sagenhaften Elfenschatz zu gelangen. Er und Butler nehmen – mit recht unfairen Methoden – eine Angehörige der Elfenpolizei, der Z.U.P., gefangen und kerkern sie in Fowl Manor ein. Kommt und holt sie! Oder zahlt ein anständiges Lösegeld…

Ab diesem Punkt besteht das Buch aus einem Versuch nach dem anderen, Fowl Manor zu erstürmen und die Gefangene zu befreien. Doch ein Bergungstrupp der Z.U.P. versagt ebenso wie ein Troll und ein Zwerg. Dabei werden alle möglichen Waffen und Hilfsmittel eingesetzt: Sichtschutzfelder ebenso wie ein Zeitstopp und schließlich, als ultimo ratio, eine Biobombe.
Artemis und sein Helfer haben eigentlich keine Chance. Oder?

Artemis Fowl – „fowl“ heißt eigentlich „Geflügel“, klingt aber genauso wie „foul“, also „schlecht, durchtrieben“ – wird durch das Elfenbuch zu einem Zauberlehrling, der sich mit der gesamten unterirdischen Bevölkerung anlegt. Dies tut er aber nicht, um wie Harry Potter Wissen (oder gar Weisheit) zu erlangen, sondern Geld. Ein reichlich niederer Beweggrund, aber weiß Gott ein starker.

Seine Gegner sind ja nicht von Pappe: Die Zentrale Untergrundpolizei ZUP bietet einiges gegen ihn auf, wobei diese Mittel immer größer und wirkungsvoller werden: erst ein normaler ZUP-Polizistentrupp, dann ein Zwerg, der ins Schloss eindringt, dann ein Troll, schließlich, als alles nichts hilft, die BOMBE. Der Commander der ZUP ist nämlich entschlossen, seine gefangen genommene Kollegin aus dem Manor der üblen Fowls herauszuholen, koste es, was es wolle. Und außerdem steht der Elfenschatz auf dem Spiel.

Für Leser/Hörer ab zwölf Jahren bietet das Buch sicher ein ebenso großes Vergnügen wie es das für mich war. Viel zu schnell ist die actiongeladene Handlung schon wieder vorüber.

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen, sei es ein Zentaur, der bei jedem Satz wiehert, oder ein Erde fressender Zwerg mit dem schönen Vornamen Mulch. Die besten Stimmen haben der ZUP-Commander, der am liebsten Befehle brüllt, und seine Kollegin, die ZUP-Elfe. So fällt es leicht, die Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken kann. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt.

Dieses erste Hörbuch zu Artemis Fowl (es gibt bereits ein zweites) ist eine ebenso kurze wie kurzweilige Angelegenheit, die viel Spaß beim Zuhören macht. Artemis, der dunkle Bruder eines Harry Potter, legt sich mit einem Gegner an, der über ebenso fantasievolle wie vielfältige Mittel verfügt, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Und wenn die ausgefuchste Hightech nicht mehr ausreicht, greift man allseits auf bewährte Magie zurück.

In „Artemis Fowl“ kommen mehrere literarische und kulturelle Entwicklungen zusammen. Da ist natürlich der unvermeidliche Harry-Potter-Kult, andererseits die uralte Sagenwelt Irlands, zum dritten aber auch die moderne Welt der Computerspiele. Mit Tolkiens Fantasywelt hat das Fowl-Universum noch wenig zu tun, auch wenn Trolle und Elfen daran erinnern mögen. Aber Professor Tolkien hätte sich von einem respektlosen Spaß wie „Artemis Fowl“ mit Grausen abgewandt.

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

_Michael Matzer_ (c) 2002ff

Follett, Ken – Schlüssel zu Rebecca, Der

Afrikafeldzug, 1942:
Nicht nur an der Wüstenfront wird gekämpft, auch hinter den Linien geht der Kampf der Spione weiter. Kaum in Kairo angekommen, begeht der deutsche Spion Alex Wolff einen Fehler und muss einen britischen Soldaten töten. Major William Vandam vom britischen Geheimdienst nimmt zuerst erfolglos seine Spur auf. Wolff dagegen ist sehr erfolgreich: Dank seiner verführerischen Komplizin, der populären Tänzerin Sonja el-Aram, kann er von einem Adjutanten des britischen Oberbefehlshabers Auchinleck regelmäßig geheimste Informationen ausspionieren. Als halber Araber kennt Wolff zudem Bräuche und Sitten der Ägypter und hat hervorragende Kontakte zur Unterwelt Kairos.

Vandam hat mittlerweile allerdings auch schon vieles über Wolff in Erfahrung gebracht und setzt eine frisch rekrutierte Agentin auf ihn an. Die erotische Elene Fontana ist Halbjüdin und möchte nach Israel auswandern – durch ihre Arbeit für den Geheimdienst möchte sie die begehrte Ausreisegenehmigung erhalten. Bald taucht Wolff wieder bei dem Kaufmann Aristopoulos auf – und beißt an. Da er noch eine Gespielin für seine exquisiten Liebespiele mit Sonja sucht, ist die schöne Elene für ihn unwiderstehlich.

Aber nicht nur für ihn. Auch der eher brave Major Vandam hat sich in sie verliebt. Es wird für ihn immer unerträglicher, Elene in der Nähe dieses gefährlichen Mannes zu wissen. Nicht nur um ihr Leben fürchtet er, der Gedanke, dass Wolff Sex mit ihr haben könnte, bereitet ihm schlaflose Nächte.

Die Zeit drängt: Rommel steht nur noch 25 km vor Kairo, bereits einmal haben Wolff’s Informationen die Schlacht zu seinen Gunsten entschieden. Vandam muss handeln. Leider schlägt die Verhaftung Wolffs wiederholt fehl, Elene und Vandam’s Sohn Billy geraten in Lebensgefahr, als Wolff mit ihnen als Geiseln aus Kairo flieht…

Ein sehr spannender Mix aus Agenten- und Detektivgeschichte mit einem ordentlichen Schuss Erotik! In der Tat ist der ausführlich beschriebene Dreier in diesem Buch die wildeste Sexszene, die ich bisher von Follett gelesen habe.

Gewohnt fundierte Sachkenntnis des Spionagegeschäfts beweist Follett bei dem namensgebenden Codebuch: Der Roman „Rebecca“ dient zusammen mit einem Codeschlüssel Wolff zur sicheren Nachrichtenübermittlung. Desweiteren wurde das Verhältnis der ägyptischen Bevölkerung zu Deutschen und Briten differenziert geschildert. Besonders gelungen sind die Charakterisierungen der Hauptpersonen, Vandam und Wolff. Letzterer ist halb Deutscher, halb Araber, taucht gerne mal in einer Moslemverkleidung unter und wird oft von dem schlitzohrigen Abdullah bei seinen schmutzigen Geschäften unterstützt. Ich fand sowohl den intelligenten Wolff als auch seinen smarten Gegner Vandam ausgesprochen sympathisch. Die Frauenfiguren sind ein bisschen nuttig geraten, wobei Sonja eindeutig ein Äquivalent der berüchtigten Mata Hari ist. In Elene erkennt man Charakterzüge späterer weiblicher Hauptfiguren Follett’s, wie auch der Duellcharakter zwischen den beiden Agenten starke Ähnlichkeiten zu Follet’s „Leopardin“ aufweist.

Die Szenerie ist perfekt recherchiert und in Szene gesetzt, sogar historische Persönlichkeiten wie Rommel und Kesselring wurden in die Handlung integriert. Wolff spielt Rommel Informationen zu, dieser siegt. Bei der Entscheidungsschlacht bei El Alamein kann er leider nicht mehr auf dessen Dienste zurückgreifen…

Weniger gelungen ist der „Auftritt“ von Anwar El-Sadat, dem späteren Staatsoberhaupt Ägyptens: Geradezu zwanghaft scheint Follett in seine Romane solche nur kurz und ohne näheren Zusammenhang zur Handlung stehenden Figuren einbauen zu müssen. Wie in „Mitternachtsfalken“ der König von Dänemark, ist auch Sadat für den Handlungsverlauf absolut verzichtbar!

Ein schlimmer Bruch folgt im letzten Drittel des Buches: Ein sehr gut recherchiertes und stimmiges Szenario mit interessanten Charakteren und viel Erotik wird nun mit dem Vorschlaghammer zerstört!

Ich konnte es kaum glauben, auf einmal mutiert Wolff zum perversen Lüstling, der mit Elene einiges anstellt, damit nicht genug, er entführt auch noch Vandam’s Sohn, um mit ihm und Elene als Geiseln seine Flucht abzusichern. Nicht nur bei gegebener Lage zu diesem Zeitpunkt idiotisch, müssen zahlreiche Charaktere sich nun wegen der Notwendigkeit, die Handlung nicht zu gefährden, dämlich anstellen, damit Wolff fliehen und die Geschichte sich weiter entwickeln kann.

Das Happy End macht aus der sich ehemals von ihren Liebhabern haushaltenden Elene eine respektable Mrs. Vandam, die sowohl Sohn Billy als auch Mr. Vandam ausgesprochen glücklich macht. Sehr schön, aber auch sehr schnulzig. Nach erwähntem Bruch lebt das Buch von der Spannung, die durch die tödliche Gefahr, in der Elene und Billy schweben, entsteht. Leider wird das Buch hier auch trivialer als mancher Groschenroman, Follett konnte es wie so oft in seinen Büchern nicht lassen, maßlos zu übertreiben und indirekt Vandam alleine den Sieg bei El Alamein zuzuschreiben. Besonders verärgert war ich über die bestürzende Verwandlung des sehr interessanten Charakters Wolff hin zu einem hirnlosen Nazi mit perversen Gelüsten, war er doch vorher sehr differenziert geschildert worden.

Wer einen Spionagethriller light vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs mit einer wahrlich heißen und erotischen Dreiecksgeschichte sucht, wird „Rebecca“ trotz des verkorksten letzten Drittels lieben. Schade, ohne diese Mängel hätte es auf einer Stufe mit den vergleichbaren Romanen „Die Nadel“, „Die Leopardin“ und „Mitternachtsfalken“ gestanden.

Homepage des Autors: http://www.ken-follett.com

Suzuki, Kôji – Ring

Dies ist die Romanvorlage für die japanische und die US-amerikanische Verfilmung „The Ring“: ein Gruselschocker, der in Japan eine Renaissance des Psychohorrors auslöste und acht Millionen Exemplare von der Ring-Saga verkaufte. Die Unterschiede zur US-Verfilmung, die ich kürzlich gesehen habe, sind erheblich. Ich gehe in meinem Bericht darauf ein. Wer den US-Film kennt, wird die Unterschiede interessant finden.

Kôji Suzuki wurde 1957 in Japan geboren und studierte an der Keio University. Er gewann 1990 mit dem Roman „Rakuen“ den japanischen Fantasy Novel Award, bevor ihm ein Jahr später mit „Ring“ der Durchbruch gelang. Drei weitere Romane aus der Mystery-Saga – ein Prequel und zwei Sequels – um das verhängnisvolle Videoband machten ihn in Japan zum Erneuerer des Psychohorrors. Auf dieser Saga basieren bislang drei japanische Kinofilme, doch erst die Dreamworks-Verfilmung von Gore Verbinski im Jahr 2002 brachte den ersten Teil der Saga auf den Radarschirm des internationalen Publikums. Man muss selbst entscheiden, welche Version besser gelungen ist. Eingefleischte Horrorfans meinen, es sei die japanische.

Der japanische Reporter Asakawa Kazuyuki erfährt zufällig von einem Tokioter Taxifahrer, dass an einer Ampel wenige Tage zuvor ein junger Mann einfach so von seinem Motorrad fiel – und natürlich das wertvolle Gefährt des Taxifahrers beschädigte. Etwas an diesem Vorfall macht Asakawa persönlich betroffen. Es ist die Uhrzeit: Zur gleichen Zeit, wohl auch am gleichen Tag, starb seine 17-jährige Nichte Tomoko Oishi. Noch eine weitere Übereinstimmung gibt es: Die beide jungen Menschen starben an Herzversagen.

Als noch zwei weitere Leichen mit den gleichen Übereinstimmungen gefunden werden, riecht Asakawa eindeutig eine Story. Aber da gibt es einen Haken. Zwei Jahre zuvor hat sich Asakawa bei einer Story über Okkultismus bis auf die Knochen blamiert. Daher verweigert sein Chef diesmal die Genehmigung für einen Artikel.
Seine persönliche Anteilnahme lässt Asakawa aber keine Ruhe. Er hat selbst Weib und Kind – was, wenn ein neuer Virus um sich greift? TBC und Pocken mögen ja schon 25 jahre lang ausgerottet sein, aber was ist mit AIDS oder einem neuen Virus des Militärs?

In Tomokos Kram findet er einen Mitgliedausweis für eine Ferienanlage in den Bergen. Er lautet nicht auf ihren Namen. Als Asakawa in der ordentlichen, absolut unverdächtigen Anlage eintrifft, mietet er die gleiche Blockhütte wie Tomoko und jene drei anderen „Opfer“. Opfer von was? Die Blockhütte ist absolut ohne Hinweise, und erst, als er überlegt, was sie wohl gemacht haben, um sich zu vergnügen, kommt er auf den Videorekorder. Aber normale Videos haben ja keine tödliche Wirkung. Daher sucht er beim Verwalter, und tatsächlich: ein absolutes No-name-Video steht im Regal.
Das Betrachten dieses Videos schockt und verwirrt den Reporter. Der Inhalt ist nur irritierend, doch die Warnung am Schluss beunruhigt ihn: Wer dieses Video sieht, muss binnen sieben Tagen sterben – nach einem Anruf. Und prompt klingelt auch das Telefon. (ring! ring!)

In Panik verlässt Asakawa die Ferienanlage und vertraut sich einem Jugendfreund an, Ryuji. Dies ist ein recht seltsamer Knabe: ein Philosophieprofessor, der allerdings Logik lehrt. Das ist schon ‚mal sehr förderlich für Asakawas Bemühungen, Licht in die rätselhafte Sache mit dem Todes-Video zu bringen. Allerdings hat Ryuji einen Haken: Er hat in der Oberschule gegenüber Asakawa zugegeben, eine Frau vergewaltigt zu haben. Vertraut man einem solchen Freund? Notgedrungen, ja.
Nachdem auch Ryuji eine Kopie des Videos bis ins Kleinste analysiert hat, stoßen sie auf merkwürdige Unstimmigkeiten: Es wurde nicht mit einer Kamera aufgenommen, sondern direkt in die Bildröhre des TV-Geräts gesendet, von dem der Videorekorder aufnahm. Nur ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten würde das fertigbringen, oder? Aber wozu? Und wer hat die Stelle auf dem Band gelöscht, die verrät, wie man den Fluch des Videos abwenden oder aufheben kann?

Die Antworten finden sich weit entfernt, sowohl geografisch als auch zeitlich. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt für die beiden Hobbydetektive. Und da inzwischen auch Asakawas Frau und Tochter das Video-Original gesehen haben, muss er auch um seine Familie bangen.

In der Romanvorlage ist die Hauptfigur also ein Mann, im US-Film eine Frau: Rachel (Naomi Watts). Sein Helfer ist ein merkwürdiger Freund namens Ryuji, im US-Film ist es der Ex-Mann Rachels (Martin Donaldson). Beide Hauptfiguren haben ein Kind, aber nur Rachels Sohn Aidan ist ein Medium. Die Lösung des Rätsels finden beide in einer abgelegenen Region, in der sich eine Familientragödie zugetragen hat. Und beide müssen unter der Blockhütte, wo das Todes-Video entstand und erstmals wirkte, nach einem Brunnen suchen und hineinsteigen.
Doch die Wege, wie sie zu der Hintergrundgeschichte und zu diesem Brunnen gelangen, sind völlig verschieden. Die japanische Story ist viel stärker sexuell aufgeladen, was in der US-Version völlig verwässert, ja geradezu ostentativ ignoriert wird.
In beiden Fassungen ist die Urheberin des Todes-Video ein rachsüchtiges Mädchen, das noch aus dem Grab heraus Vergeltung verlangt. Wer nicht gehorcht, stirbt. Doch wodurch dem Fluch gehorchen? Asakawa und Rachel finden es beinahe zu spät heraus.
Das Mädchen starb in der Originalfassung nach einer Vergewaltigung. Sie beging quasi Selbstmord. Dieser Aspekt fehlt in der US-Fassung völlig, denn dort wird sie ermordet. In beiden Fällen besteht Grund zur Vergeltung. Ungewöhnlich ist die Methode: nicht Gedankenfotografie – das kennt man schon länger -, sondern ein per Gedankenenergie belichteter Videofilm. Die Pointe will ich hier natürlich nicht verraten.

Suzuki erzählt seine Geschichte relativ schnörkellos und ohne sich allzusehr um das Innenleben seiner Figuren zu sorgen. Lediglich die beiden Hauptfiguren Asakawa und Ryuji erhalten etwas mehr Tiefe. Asakawa als erstes Opfer zeigt beunruhigende Symptome geistiger Beklemmung, fast schon Umnachtung. Bei Ryuji sind die Symptome eher körperlicher Natur.
Was mir überhaupt nicht gefallen hat, ist der autoritäre und ruppige Umgang Asakawas mit seiner Frau Shizu (die Stille). Er scheißt sie regelrecht zusammen, teils aus Angst um sie, teils aus Wut über ihre Unbotmäßigkeit. Dennoch zeigt er eine erstaunliche Zärtlichkeit für seine kleine Tochter Yoko. Die amerikanische Rachel ist hingegen ganz anders. Sie hat für ihren Ex-Mann wenig Liebe übrig, kooperiert aber laufend mit ihm. Und für ihren Sohn Aidan hat sie viel Neugier und Liebe übrig. Normalerweise haben Reporter weniger Zeit zur Verfügung.

„The Ring“ (wörtlich: der Kreis, aber auch das Klingeln) ist ebenso wie der beste Stephen King ein detailliert recherchierter, vielschichtiger und höchst realistisch geschilderter Thriller um ein übernatürliches Phänomen. Das erinnert an Filme à la „Akte X“, doch das Grauen reicht weiter und endet auch nicht mit dem Schluss des Buches.
Wer will, kann noch mehr in die Geschichte hineininterpretieren: Videos als moderne Viren, die sich rasant ausbreiten – das steht schon im Buch. Ist damit eine Medienkritik verbunden? Oder Gesellschaftskritik? Das muss jeder für sich herausfinden.
Jedenfalls lohnt sich die spannende Lektüre. Ich habe das Buch in drei Tagen verschlungen. Die Übersetzung ist einwandfrei und gibt auch japanische Eigentümlichkeiten angemessen wieder.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Crisafulli, Chuck – Nirvana – Teen Spirit – Die Story zu jedem Song

Die zweite herausragende Neuerscheinung im aktuellen Programm des Rockbuchverlags beschäftigt sich mit der wohl einzigen Rock-Band, die man mögen *muss*. „Nirvana – Teen Spirit – die Story zu jedem Song“ erzählt uns auf 136 wiederum sehr ausführlich mit guten Fotos bebilderten Seiten die Geschichte des letzten großen Rockstars unserer Generation, lässt uns einen Blick in sein Leben werfen und analysiert auf beachtliche Weise die eher impressionistischen Gedankengebilde von Kurt Cobain, dem John Lennon der Neunziger.

Es gab und gibt nur wenige Bands, die einen derartigen Fleck auf der musikalischen Landkarte hinterlassen haben wie NIRVANA, die eine ganze Kultur in eine Prä- und eine Post-Phase eingeteilt haben, die ein Genre so maßgeblich geprägt, die den Rock derart exzessiv und originalgetreu gelebt haben und dann mit einem Big Bang untergegangen sind. Better to burn out than to fade away.

Der freie Schriftsteller und Journalist Chuck Crisafulli, der auch selbst eines der seltenen Cobain-Interviews am Ende der Laufbahn der Band geführt hat (welches selbstverständlich in „Teen Spirit“ enthalten ist) und regelmäßig als Musikjournalist (u.a. für den amerikanischen „Rolling Stone“) in Erscheinung getreten ist, hat Ahnung von der Materie, vielleicht mehr als viele andere vor ihm, das merkt man sofort, wenn man in „Teen Spirit“ zu lesen beginnt: Er stellt schlüssig und nachvollziehbar dar, wie es dieser Band gelingen konnte, zu genau jenem Zeitpunkt die Charts zu stürmen und derart erfolgreich zu werden und zeichnet insgesamt ein Bild von NIRVANA, wie es wohl dem, was diese Band wirklich ausmachte, kaum näher kommen kann.

Kernstück des Buches bilden auch in „Teen Spirit“ ausführliche Besprechungen der einzelnen Platten und der dazugehörigen Songs und Texte. Hier lehnt sich Crisafully zwar teilweise auch sehr weit aus dem Fenster, was die Interpretation angeht, kann aber zu jeder Zeit einen Querverweis zu Cobains Leben liefern, der deutlich macht, wie er zu seinen Argumentationen kommt, und weiß so schlussendlich zu überzeugen und die Cobain’schen Wortfragmentpuzzles zu stimmigen Entstehungs- und Hintergrund-bildern der Kompositionen werden zu lassen, wie man sie selten zuvor in einem deutschen Buch gesehen hat. Ironischerweise macht Crisafully hier aber auch leider genau das, was Kurt Cobain im Opener ‚Serve The Servants‘ von „In Utero“ der Presse vorwirft: Er biographisiert die Texte, um sie zu deuten. Im Endeffekt handelt er zwar richtig, denn eben dieses muss man mit Cobains Texten machen, um sie zu entschlüsseln, aber ein etwas dummer Nachgeschmack für den wirklichen Fan bleibt dabei schon.

Wirkliche Kritikpunkte gibt es hingegen nur einige wenige: Zum Einen bleibt auch nach der Lektüre noch einigermaßen unklar, warum man unbedingt die Live-Alben „MTV Unplugged In New York“ und „From The Muddy Banks Of The Wishkah“ ebenfalls so ausführlich besprechen musste wie die Studiowerke und zum anderen stört es gerade bei der Rezension der „Unplugged“-Stücke etwas, wie der Autor hier unbedingt seine prophetischen Qualitäten beweisen muss, indem er, gegensätzlich zu seiner sonst sehr kompetenten Herangehensweise, jedes noch so unpassende Fitzelchen auf den folgenden Selbstmord Cobains bezieht

Insgesamt muss man auch hier, wie im Falle von METALLICA, ganz klar attestieren: Klares Highlight und unbedingte Kaufempfehlung für den NIRVANA-Liebhaber. Das Referenzwerk zur Band an sich ist „Teen Spirit“ zwar nicht (da gibt es deutlich ausführlichere Werke) geworden, wer sich aber explizit für die Person Cobain und die Texte der Band interessiert, kommt an „Teen Spirit“ nicht mehr vorbei.

Gemmell, David – Nacht des Falken, Die (Rigante 2)

Dieser Fantasyroman erinnert in seinem Kern an nichts so sehr wie an Ridley Scotts Film „Gladiator“ und an Kubricks „Spartacus“. Doch sowohl die Ausgangslage als auch die Ergebnisse der dramatischen Ereignisse der Gladiatorenkämpfe unterscheiden sich in entscheidenden Punkten von jenen verfilmten Geschichten. Und das bringt dem Buch einige Pluspunkte ein. „Midnight Falcon“ ist der zweite Roman um das keltische Volk der Rigante, das sich der Bedrohung von jenseits des Meeres gegenübersieht: den Armeen des Imperiums von Stone, das stark an das antike Rom erinnert.

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde er ab 1984 mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.
Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.
Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

Die Handlung von „Die Nacht des Falken“ verläuft im gleichen einfachen Schema wie schon in „Die steinerne Armee/Sword in the Storm“: Aufbruch, hin und zurück, Entscheidungen (mehrere Höhepunkte).
Die Hauptfigur ist diesmal Bane the Bastard, der uneheliche Bastardsohn von König Connavar. Schon sein ganzes Leben hasst Bane, der Midnight Falcon, seinen Vater dafür, dass dieser nie seine Mutter besucht hat. Banes Mutter starb geächtet, kummervoll und einsam. Daher hat sich Bane für ein Leben als Gesetzloser, am Rande der Gesellschaft der Rigante entschieden. Bis dann Dinge geschehen, die ihn dazu zwingen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Davon handelt dieser Roman.
Der 17-jährige Bane hat einen Freund namens Banouin, den Sohn des Händlers Banouin und der Seherin Vorna. Banouin hat nicht nur ihre seherischen und heilenden Fähigkeiten übernommen, sondern ist, ganz im Gegensatz zu Bane, auf dem besten Weg, ein Gelehrter zu werden. Und wo findet man in der Welt die größte und höchste Gelehrsamkeit? Natürlich in der Hauptstadt der mächtigsten Nation der Welt: in Stone, jenseits des Meeres.

Bane begleitet seinen jungen Freund, und das erweist sich als sehr hilfreich, denn der Kämpfer kann dem Gelehrten mehrmals das Leben retten. Was aber Banouin abstößt: Bane scheint das Töten im Kampf zu genießen. Schließlich gelangen sie in die rigantische Hafenstadt Accia am Meer, wo sich Banouin nach Stone einschiffen will. Sie übernachten bei einem ehemaligen General, einem Renegaten Stones. Bane verliebt sich auf der Stelle in dessen schöne Tochter Lia. Leider ist ihrer beider Glück nicht von Dauer.
Schon am nächsten Tag tauchen zwei „Ritter von Stone“ auf, die offenbar den Auftrag haben, den abtrünnigen General und seine Familie auszulöschen. Sie sollen die Götter von Stone verraten haben. Während sich Banouin furchtsam aus dem Staub macht, gelingt es Bane, einen dieser Profikiller zu töten. Doch zu seiner Verzweiflung kann er nicht verhindern, dass der zweite Ritter seine geliebte Lia tötet. (Ich erspare euch lieber die blutigen Details.) Bane selbst wird tödlich verwundet, doch die Göttin Morrigu, der wir schon mehrmals begegnet sind, bewahrt ihn vor dem Gang ins Schattenreich.

Bane setzt ins Reich von Stone über und heuert in der Hafenstadt Goriasa in einem Circus an, um als Gladiator erstens Geld zu verdienen und zweitens seine Fähigkeiten als Schwertkämpfer so weit auszubilden, dass er es mit jenem Ritter, der ihn fast getötet hätte, aufnehmen kann. Rache für Lia ist sein ständiger Gedanke, und er weiß auch schon den Namen jenes Ritters: Voltan.
Der Gladiator Bane steigt unter der Ausbildung eines Veteranen zu einem Star auf, der schließlich auch in Stone auftreten kann. Hier trifft er Banouin wieder. Beide geraten in Gefahr, denn in der Reichshauptstadt haben die Blutroten Priester eine Schreckensherrschaft errichtet, die sich gegen alle missliebigen Bürger richtet, insbesondere aber gegen den Baumkult. Dessen Anhänger sind Pazifisten und stellen allein dadurch die Militärideologie des Reiches infrage. Banouin hat eindeutige Sympathien für den Baumkult entwickelt.
Doch der Hohepriester der Stadt hat vor, den Imperator – wir kennen Jasaray bereits – zu stürzen und sich selbst auf den Thron zu setzen. Das wissen die beiden Riganter mit ihren Freunden zu verhindern, doch sie geraten selbst in Lebensgefahr. Und so freut sich Bane, endlich seinem Erzfeind Voltan in der Arena gegenübertreten zu können…
Danach kehren alle Riganter in ihre Heimat zurück, um die Entscheidungsschlacht gegen Jasaray zu schlagen. Wie dieser Kampf ausgeht, ist mit einigen Überraschungen verbunden. In dieser Schlacht verändert sich die Welt der Rigante für immer.

Wie bereits erwähnt, erinnert der Handlungsverlauf stark an „Die steinerne Armee“, das ebenfalls einem klassischen Schema folgt. Doch Gemmell ist ein versierter Geschichtengestalter. Er wandelt die Figuren und ihre Motive auf einfallsreiche Weise ab, so dass sie teils bekannte Elemente aus den Drenai- und Druss-Romanen aufweisen, teils aus dem neuen Rigante-Zyklus.
Natürlich ist Bane als Charakter wesentlich unsympathischer als der Held Connavar (obwohl der auch kein Unschuldslamm ist). Während sich nämlich Conn für sein Volk aufopferte und engen Umgang mit den Sidhe pflegte, folgt Bane zunächst einem eigensüchtigen Ziel: Rache für seine getötete Geliebte. Auf solche Helden können wir verzichten. Erst nach seiner Rückkehr aus Stone setzt er sich mit seinen bescheidenen Mitteln für seine unmittelbare Heimat ein, denn er wird weiterhin scheel angesehen.
Doch auch in der Entscheidungsschlacht erreicht er nur Pflichterfüllung und somit soziale Akzeptanz, nicht aber seine persönliche Erlösung: die Wiedervereinigung mit seiner Geliebten. Man lese selbst, ob ihm dies vergönnt ist.

Ridley Scotts erfolgreicher Sandalenfilm mit Russell Crowe in der Hauptrolle hat den Weg frei gemacht für eine ganze Reihe von medialen Produkten zur Kultur der Gladiatoren und des Circus. Kubricks „Spartacus“ wird wiederaufgeführt, und auch Bücher zum Thema bleiben nicht aus. „Midnight Falcon“ ist sicherlich eines davon. Gladiatoren haben nämlich den Vorteil, als Außenseiter jedeglicher Gesellschaft durch Überleben und Verdienst bis zu deren jeweiliger Spitze vorstoßen zu können. Genau dies gelingt auch Bane. Das geht aber nur in einer römischen Kultur wie Stone; in Rigantelanden kennt und braucht man keine professionellen Schwertkämpfer.

Natürlich sorgen die Kampfszenen in der Arena für Drama und Action. Aber Gemmell wäre nicht der erfolgreiche Profiautor, der er ist, wenn er seinen Gladiatoren nicht jeweils unverwechselbare, sehr realistische Charakterzüge verliehe. Der Veteran Rage, der Blade in Goriasa ausbildet, ist zum Beispiel schon „altes Eisen“ und völlig ohne Illusionen. Doch er hat einen wunden Punkt: seine Pflegetochter Cara. Und so muss er doch Dinge tun, denen er schon längst entsagt hatte. Als Rage und Voltan in der Arena aufeinandertreffen, ist dies ein Kampf der Titanen.

„Midnight Falcon“ ist die direkte Fortsetzung von „Sword in the Storm/Die steinerne Armee“, mit einem zeitlichen Abstand von 17 Jahren. Im direkten Vergleich schneidet „Falcon“ schwächer ab: Das liegt aber nicht an mangelnder Action oder fehlender Magie: Beides ist in zufriedenstellendem Maße vorhanden. Nein, es ist die Figur des Bane the Bastard, für die ich mich nicht recht erwärmen konnte: Er handelt zu lange nur aus Eigennutz und Rache und gelangt erst spät zu uneigennützigen Ansichten und Handlungen. Nun, ich schätze, man muss ihn nehmen, wie er uns gezeigt wird und alle anderen Vorzüge des Buches auskosten.

Die Geschichte der Rigante wird fortgesetzt in „Ravenheart“ und „Stormrider“. Mittlerweile erschien unter dem Titel „White Wolf“ ein neuer Drenai-Roman.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Band 1: [„Die Steinerne Armee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522
Band 2: [„Die Nacht des Falken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169
Band 3: [„Rabenherz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498
Band 4: [„Sturmreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2961

Ingham, Chris – Metallica – Hit The Lights – Die Story zu ihren größten Songs

Was sind eigentlich die Wurzeln der größten Metalband der Welt? Welche Gedanken und Ereignisse sind es, die hinter den wütenden Lyrics von „St.Anger“ stehen? Was meint James Hetfield eigentlich mit ‚Until It Sleeps‘? Und wie war das noch damals, bei den Aufnahmen von „Master Of Puppets“?

Diese und weitere Fragen will das neue METALLICA-Buch „Hit The Lights – Die Story zu ihren größten Songs“ klären, das kürzlich im Rockbuch-Verlag erschienen ist. Der Autor, kein Geringerer als Chris Ingham, der Herausgeber der wohl neben „Kerrang“ wichtigsten Rock- und Metal-Zeitschrift der Welt ist (nämlich dem ebenfalls englischen „Metal Hammer“), zeichnet in 150 reichlich und gut bebilderten Geschichten die Geschichte METALLICAs nach, wie man sie zwar präsent irgendwie im Hinterkopf kennt, aber bisher nie so kompakt und gut geschrieben parat hatte.

Das Buch startet relativ glanzlos mit dem kurzen Kapitel „Einflüsse“, das man als treuer Fan fast überspringen könnte, denn bei der Beschreibung der NWOBHM-Bands und der Punk-Combos, die zu den Wurzeln METALLICAs gehören, bleibt Ingham doch sehr auf der Oberfläche und liefert kaum mehr als jeweils eine kurze Bio des jeweiligen Acts und einen passenden Kommentar von Lars Ulrich (von wem auch sonst *g*). Richtig interessant wird es im Anschluss, wenn im zweiten Teil die Gründung und die frühen Jahre der Band näher beleuchtet werden, wobei auch Dave Mustaine und MEGADETH ein ganzes Unterkapitel gewidmet ist.

Der eigentliche Kern des Buches sind und bleiben allerdings die ausführlichen Kapitel zu allen Studioalben mit den Songbesprechungen und jeweils mehr oder weniger kurzen Lyric-Analysen, die den Hauptteil von „Hit The Lights“ ausmachen. Wer weiß schon wirklich aus dem Gedächtnis, dass „Kill ‚Em All“ nur 12.000 $ gekostet hat, wie lange man mit „Ride The Lightning“ auf Tour war oder wie das Meisterstück „Master Of Puppets“ Gestalt annahm?

Das größte Problem an „Hit The Lights“ sind unterdessen nicht die fesselnden Beschreibungen von jedem einzelnen Song, den diese Band bis dato auf eine Studioplatte gebracht hat, sondern die immer wieder eingestreuten textlichen Interpretationen, die Chris Ingham vornimmt. Dass ‚One‘ ursprünglich nicht als Anti-Kriegs-Song gedacht war, weiß man aus Interviews mit Hetfield, aber an vielen Stellen sind es einfach nur lose Assoziationen und Ideen, die vom Autor absolut gesetzt werden, obwohl dieses gerade mit James Hetfields zu jeder Zeit schwerstens mehrdeutigen oder relativ schwammigen Texten eigentlich kaum möglich ist. ‚Mama Said‘ ist freilich nicht das Problem, aber zum Beispiel ‚Fight Fire With Fire‘ eine politsche Komponente zu verpassen, die dieses gar nicht hat, oder in ‚King Nothing‘ eine König-Midas-Analogie zu lesen, ist dann doch etwas weit hergeholt.

Trotz dieser kleinen Mängel ist „Hit The Lights“ (natürlich auch mangels Konkurrenz) ein großartiges Buch geworden. Liest man die nie störenden oder aufdringlichen Interpretationen zu den Lyrics als bloße Anregungen eines vielleicht ein bisschen übereifrigen Autors, kann man sogar wunschlos glücklich mit diesem Buch werden.

Machen wir das Fazit kurz und schmerzlos: Das hier ist im Print-Bereich ganz eindeutig das neue Referenz-Werk zum Thema METALLICA in deutscher Sprache, bietet Tonnen von zwar nicht unbedingt enorm tiefen aber dafür topaktuellen Infos, die zudem völlig ausreichend sind für den Hausgebrauch und hat außerdem auf 152 Seiten massenweise tolle Fotos von der Band zu bieten. Klare Kaufempfehlung.

Joseph Ratzinger – Glaube, Wahrheit, Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen

Der umstrittene Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“ im Vatikan (früher „Heilige Inquisition“ genannt), Kardinal Ratzinger, legt ein Buch über das Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen vor, welches überraschend hohes Niveau aufweist und zur Beschäftigung damit geradezu ruft. Und obwohl die katholische Kirche in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit durch ambivalentes Hin und Her zwischen Fortschritt und Rückschritt allen Kopfzerbrechen bereitet und das kaum noch einzuordnen ist, hatte gerade Ratzinger noch im letzten Jahr durch das „Opus Jesus“ die Unvereinbarkeit der katholischen Kirche mit allen anderen christlichen Kirchen dargelegt und viele Hoffnungen auf Fortschritt begraben.

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Autorenkollektiv – Aufklärungsarbeit Nr. 14

Nachdem ich euch die Ausgabe 13 der „Aufklärungsarbeit“ bereits unterschlagen habe und Ausgabe 15 schon wieder unterwegs ist, wird es höchste Zeit, euch die mir derzeit vorliegende Ausgabe 14 vorzustellen. Einige nähere Ausführungen zu diesem ungefähr monatlich erscheinenden alternativen Magazin hatte ich ja bereits an [dieser Stelle]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=124 geschrieben, kommen wir also diesmal direkt zum Inhalt des (noch) aktuellen Heftes.

Diesmal konzentriert sich das Redaktionsteam ganz auf allerhand rund um Ägypten und die Pyramiden. Insbesondere hat man sich mit dem Ingenieur Axel Klitzke, Jahrgang 1947 und Autor des ungewöhnlichen Werkes „Die kosmische 6“, Verstärkung ins Team geholt und sich erneut auf den Weg nach Ägypten begeben, um die derzeitigen Entwicklungen auf dem Gizeh-Plateau zu beobachten und allerlei Vermessungen anzustellen. Doch dazu gleich mehr.

Das Thema „Ägypten“ wird in diesem Themenheft sehr vielseitig angegangen. So gibt es Artikel zu weniger bekannten, aber um so faszinierenderen Teilen der altertümlichen Historie des ägyptischen Reiches, Ausführungen zur Mythologie und Kultur, unerwartete Neuigkeiten zur Sperrzone und zum Mauerbau rund um das Plateau und, ganz zentral, exklusive Arbeiten und Berechnungen sowie Vermessungen von Herrn Klitzke, die Erstaunliches zu Tage fördern. Als Einstieg in diesen Hauptteil des Heftes gibt es noch ein Essay über das Wesen der Zahlen und die Verbindungen zur Mystik und Mythologie. Denn wie in allen anderen alten Hochkulturen auch, so waren Wissenschaft, Architektur, Mystik und Mythen eng miteinander verwoben und gingen fließend ineinander über, so dass man zu einem wirklichen Verständnis und einer Dekodierung dessen, was uns die Altvorderen hinterlassen haben, über den Spezialisierungstunnelblick hinaus Betrachtungen anstellen muss, deren Breite durch die Artikelauswahl recht gut abgedeckt wird.

Für den zentralen Heftteil kommt man somit allerdings nicht umhin, so manchen Zahlenkolonnen und -spielereien sowie (allerdings einfachen) Berechnungen zu folgen, dabei assoziativ mitzudenken und sich die Bedeutung so manchen Zusammenhangs, verborgen und ausgedrückt in Zahlenwerten, genüsslich durch den Kopf gehen zu lassen.

Der Inhalt des Heftes gestaltet sich nun im Einzelnen wie folgt:

_Echnaton_
Ein Versuch, in knappen Sätzen eine der schillerndsten Epochen überhaupt zu fassen.
Von Maria S. Rossmanith

_Rätsel der Amarna-Kultur_
und: War der Schauplatz um Echnaton eine Ausschlag gebende Quelle des Christentums?
Von Andreas von Rétyi (Bestseller-Autor, „Die Stargate-Verschwörung“)

_Die Große Pyramide und die Freimaurer_
Warum sagten die Ägypter das größte Spektakel zum Millennium ab?
Von Robert G. Bauval

_Das letzte Geheimnis der Cheops-Pyramide?_
Eine schwache Vorstellung des ZDF. Rückbetrachtung der Schachtöffnung von 2002, um aktuelle Entwicklungen ergänzt.
Von Manuel Strapatin

_Sperrzone Pyramiden_
Wer mauert sich da seinen Weg frei?
Manuel Strapatin war mit einem kleinen Team vor Ort und hat sich die eigenartigen und geheimniskrämerischen aktuellen Vorgänge auf dem Plateau näher angesehen. Zum Beispiel den meterhohen Sicherheitszaun und die Mauer, die seit dem Sommer 2002 am Plateau hochgezogen werden und sich kilometerweit in die Wüstenlandschaft erstrecken.

_Geheimnis und Wesen der Zahlen_
Die architektonischen Details der altägyptischen Bauten sind natürlich kein Zufall, ebenso wie die Mystik in die Abmessungen gotischer Kathedralen einfloss. Barbara Thielmann vom Caduceum liefert numerologische Betrachtungen zur Entstehung und Bedeutung der Ziffern,

_Die Geheimnisse Ägyptens_
Auf 22 Seiten bietet Axel Klitzke neueste Forschungsergebnisse rund um ägyptische Maße und Architektur:

* Der Urzoll, die Zahlenfolge (1)-2-7-3-2 und die Cheops-Pyramide
* Die Geheimnisse der Cheops-Pyramide, Königs-Elle und Code des „Sarkophags“
* Die Bedeutung von Königinnen- und Königskammer

Außerdem: Die Sterne im November, Kurzmeldungen und redaktionelles Vorwort

Homepage des Magazins: http://www.aufklaerungsarbeit.de/

Smith, Chris – Herr der Ringe, Der: Waffen und Kriegskunst

Unter die Spezialdarstellungen über die Geschichte und den dreiteiligen Film „Der Herr der Ringe“ reiht sich dieses schöne Buch ein. Hier kommen nicht nur Rollenspieler und Tolkienfans voll auf ihre Kosten. Auch Einsteiger können von den historischen Darstellungen profitieren, denn sie erklären Ursachen und Hintergründe des Ringkrieges.

_Der Autor und die Einleitungen_

Chris Smith: Zu ihm macht der Verlag zwar keine Angaben, aber er war Angestellter der WETA-Workshop-Studios. Ich habe seinen Namen im Abspann von „Rückkehr des Königs“ entdeckt. Als WETA-Mitarbeiter hatte er natürlich hochrangigen Zugang zu allem möglichen Material: Informationen, Bilder, Interviews.
Daher ist es auch keine große Überraschung, dass sein Boss Richard Taylor die Einleitung zu Smiths Buch schrieb, zusammen mit Designer Daniel Falconer, der sämtliche Elbenkostüme und -waffen entwarf (und noch einiges mehr, wie man in den Art-Design-Büchern von Gary Russell feststellen kann). Die beiden liefern keinen Überfliegertext ab, sondern charakterisieren Mittelerde als einen Kontinent des Konflikts.
Die widerstreitenden Völker beschreiben sie in kurzen, prägnanten Sätzen und bringen somit das Thema des ganzen Buches indirekt auf den Punkt: Wie es die in der Minderzahl befindlichen Freien Menschen, die schwindenden Elben des Dritten Zeitalters und schließlich die kleinwüchsigen Hobbits schaffen konnten, gegen Saurons und Sarumans riesige Horden und Völkerschaften zu obsiegen. Und dass den Hobbits dabei eine besondere Rolle zufiel.

Das Vorwort stammt von Saruman-Darsteller Christopher Lee. Wir wissen ja von Peter Jackson, dass Lee eine Kapazität in Sachen Tolkien und besonders „Der Herr der Ringe“ ist, denn, wie Jackson auf der Extended-DVD von Teil 1 verrät, liest Lee dieses Buch jedes Jahr (!) einmal.
Lee erzählt, wie er über verschiedene Sagen und Mythen schließlich zur Lektüre von Tolkiens Büchern gelangte. Er betrachtet sich als Altphilologe, wie einst Tolkien sich selbst. Aus dieser Perspektive erscheint ihm insbesondere „Der Herr der Ringe“ als „Gipfel literarischer Erfindungskraft“. Und die Film-Trilogie Peter Jacksons, an der mitzuwirken er das Privileg gehabt habe (das schrieb er offenbar VOR seinem Boykott!), ist „Filmgeschichte…, die nicht übertroffen werden wird“. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Lee charakterisiert das vorliegende Buch in einem Satz: „Viele militärische und historische Einzelheiten sind in [diesem Buch] festgehalten, und Leser dieses Buches werden weitere wertvolle Einsichten in die Geschichte des Ringkrieges gewinnen.“ Diesem Satz zumindest kann ich zustimmen.

_Inhalte_

Die komplette Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der „historischen“ Ereignisse in Mittelerde während des Zweiten und Dritten Zeitalters. Allerdings hat der Autor Prioritäten gesetzt. Daher taucht die Beschreibung von Sauron und dem Einen Ring erst am Schluss auf, obwohl der Ring bereits im Zweiten Zeitalter geschmiedet wurde.

* Fangen wir mal klein an: mit den Schlachtplänen und Übersichten

Der Prolog des ersten Films zeigt die letzte jener Schlachten, in der das Letzte Bündnis von Menschen (Númenorer) und Elben nach jahrelangem Krieg (3431-3446 ZA) Sauron besiegte und so das Zweite Zeitalter endete. Dies war die Schlacht auf der Dagorlad und an den Hängen des Schicksalsbergs, in der die Heerführer, der Elb Gil-galad und der Mensch Elendil, starben. Die Karte, die im Buch zu sehen ist, ist ziemlich einzigartig. Nur Karen Fonstad bietet auf Seite 47 (US-Ausgabe, 2. Auflage) ihres „Atlas von Mittelerde“ einen Vorgeschmack darauf, ohne allerdings zu sehr ins Detail zu gehen.
Die zweite entscheidende Schlacht tobt um Helms Klamm (132/133). Dieser Schlachtplan war bereits in Gary Russells Band über das Art Design von Teil 2 zu sehen. Neu ist hingegen der Schlachtplan für den Kampf um Minas Tirith (196/197).
Alle Schlachtpläne sind keine schematischen Darstellungen, sondern wirken wie Gemälde des echten Geschehens. Wir sehen also Nazgul im Bild, Schiffe, Reiter usw. Das lässt die Illustration viel lebendiger wirken. Um dennoch den Überblick zu erhalten, sind die einzelnen Kombattanten in chronologischer Abfolge durchnummeriert. Im Gondor-Schlachtplan fällt die Nummer 1 den Truppen von Minas Morgul zu, die Osgiliath einnehmen und dann weiter vorrücken. Nummer 10 ist den Schiffen aus Umbar vorbehalten, die den Anduin heraufsegeln und eine hübsche Überraschung bereithalten.

* Illustrationen und Karten

Wer sich in den Gruben der Zwergenstadt von Moria orientieren will, konsultiert am besten die entsprechende Karte auf Seite 72. Eine Übersicht über die Reichweite von Waffen – ein entscheidender Faktor in der Kampftaktik und Kriegsführung – ist auf Seite 31 zu finden. Am weitesten fliegt ein Pfeil, der von Legolas‘ Galadhrim-Bogen abgeschossen wurde: 400 Meter!
Ein witziger Einfall sind die „echten historischen“ und seltenen Karten, die von den Zwergen und Elben sowie Númenorern angefertigt wurden und dementsprechend deren Schriftzeichen aufweisen. Wir sehen also auf der Zwergenkarte von Moria zwergische Runen oder Cirth. Auf einer númenorischen Karte von West-Mittelerde sind jedoch englische Wörter in elbisch anmutenden Buchstaben eingezeichnet (Seite 1). Auf Seite 145 ist eine elbische Karte von Gondor abgebildet, die elbische Tengwar-Schriftzeichen trägt. Die Krönung ist jedoch die orkische Karte vom Feldzug gegen Gondor, „die bei einer Orkleiche gefunden wurde“ (S. 171).
Ebenso liebevoll sind zahlreiche Design-Details, Entwürfe und Modelle abgebildet, die den diversen Völkern zugewiesen sind. Jede Seite ist gespickt mit grafischen Details, aber streng im Kontext gehalten. Es gibt keinerlei Beliebigkeit der Darstellung, und das ist gut so, denn sie würde Verwirrung stiften.

* Historische Darstellungen

Als wirklich „sehr wertvoll“, wie Christopher Lee schreibt, erweisen sich die historischen Darstellungen, die natürlich in Textform vorliegen. Langweilige Zeittafeln gibt es also keine. Diese Ausführungen geben dem Leser, der vielleicht zum ersten Mal mit Tolkiens Universum in Kontakt kommt, nicht nur einen chronologischen Überblick über die Ereignisse im Zweiten und Dritten Zeitalter, sondern erklären auch die Gründe und Ursachen, wie es dazu kommen konnte. Diese Erklärungen muss man sich in den Filmen mühsam erarbeiten – kein Wunder, denn auf der Leinwand will man keine Laberköpfe sehen, sondern Action! So manche Szene, in der Galadriel und Gandalf Zusammenhänge erklären, wurde auf die Extended-DVD verbannt. Dramaturgisch gesehen ist das durchaus sinnvoll. Was einem dabei entgeht, kann man nun hier nachlesen.
Am spannendsten sind dabei vielleicht die letzten Kapitel: Aragorn, Sauron, Der Eine Ring. Dies sind die wichtigsten Teilnehmer an der letzten Auseinandersetzung vor und in Mordor. Mit der Vernichtung des Ring vergeht Saurons Macht in Mittelerde, und Aragorns Aufgabe besteht darin, Frodo die Zeit zu verschaffen, den Ring in das Feuer der Schicksalsklüfte zu werfen. (Die Ironie dabei ist ja, dass Frodo, indem er sich zum Besitzer des Rings erklärt, seine Freunde verrät: Es scheint, als habe der Ring ihn doch noch überwältigt. Und an dieser Stelle kommt zum Glück Gollum ins Spiel. Was nur zeigt, dass Frodo kein Überwesen, sondern „auch nur ein Mensch“ ist.) Die Ausführungen zum Ring sind deshalb so wichtig, weil es anscheinend viele Zuschauer nicht begreifen (können), von welcher Natur der Ring ist.

* Beschreibung der Waffen und ihrer Anwender

Für Rollenspieler und solche, die es werden wollen, ist diese Komponente natürlich die wichtigste. Sie erfahren alles, einfach absolut ALLES über die jeweiligen Waffen und ihre Besitzer bzw. Anwender. Hier greift der Autor auf die Fülle an Infos zurück, die ihm nur der WETA Workshop liefern konnte: Hier wurden ja schließlich alle Waffen, Rüstungen, Banner usw. hergestellt.

Elben

Ein typisches Kapitel ist beispielsweise die Beschreibung der „Elben des Zweiten Zeitalters“, die wir im PROLOG sehen. Die – mitunter seitenlangen – Textkästen sind wie folgt eingeteilt: Schild, Bogen, Schwert, Speer, Rüstung.

Gil-galad

Ihr Heerführer Gil-galad wird kurz vorgestellt (inklusive Familienemblem!), dann folgen Textkästen zu Schild, Rüstung und Speer. Dieser Speer allerdings ist berühmt, so wie bei den Menschen die Schwerter. Es handelt sich um Aiglos, zu deutsch „Eiszapfen“. Diese Waffe wird detailliert beschrieben, wozu auch die magische Inschrift gehört – denn diese Inschriften verliehen allen elbischen Waffen, etwa Andúril oder Narsil, zusätzliche Macht: „Gil-galad führt einen prächtigen Speer; Der Ork wird meine eisige Spitze fürchten. Wenn er mich erblickt in Todesfurcht, Wird er meinen Namen kennen: Aiglos.“ (Ich lasse die elbische Variante weg.)

Berühmte Schwerter

Für Tolkienfans ebenso interessant sind die Schwerter von Elendil (Narsil), Elrond (Hadhafang), Gandalf (Glamdring; es gehörte einst dem König von Gondolin), Isildur, Théoden und Frodo (Stich). Besonderes Augenmerk gilt Aragorn Schwert Andúril und seinem restlichen Arsenal, dem noldorischen Jagdmesser (mit Elbeninschrift) und dem Bogen.

Das Balrog

In der Szene „Die Brücke von Khazad-dum“ mag sich so mancher aufmerksame Zuschauer gefragt haben, wo, zum Geier, das Balrog seine Waffen trägt: das feurige Schwert und dann, als das Schwert an Glamdring zerbricht, die enorme Peitsche. Die überraschende Antwort: Es trägt die Waffen in seinem Leib! Da es sich bei dem Balrog um einen Maia handelt, eine höhere Macht, kann es sich formen, wie es will. Und es kann nur von einem gleich- oder höherrangigen Wesen, einem anderen Maia, besiegt werden: Gandalf. (Nur ein Vala stünde noch höher als ein Maia. Auch Sauron gehört dieser Spezies an.)

Die Ringe

Auf indirekte Weise sind auch die RINGE zu den Waffen zu zählen. Daher werden sie in der „Geschichte des Ringkriegs“ ganz am Anfang (S. 2) vorgestellt: Die drei wunderschönen Elbenringe Narya (Ring des Feuers), Vilya (Ring der Luft) und – als mächtigster der drei – Nenya (Ring des Wassers). Dieser gehört Galadriel, und im Film zeigt sie ihn Frodo. Gil-galad trug Vilya zuerst, nach seinem Tod Elrond. Narya wurde zuerst Círdan, dem elbischen Schiffsbauer in Lindon, gegeben, doch dieser gab ihn Gandalf, als dieser Istar in Mittelerde ankam (um etwa 1000 DZ).

Sauron hatte sich im 2. Zeitalter als Geschenkegeber Annatar bei dem Elbenschmied Celebrimbor eingeschmeichelt, um die Schmiedekunst zu erlernen und zu beherrschen. Er schuf den Einen Ring ebenso wie Ringe für Zwerge und Menschenkönige, um alle zu beherrschen: Die Schätze der Zwergenkönige fielen in die Hände von Drachen oder Orks, die Menschenkönige wurden Nazgul, Ringgeister. (Wie er sie 3000 Jahre lang beherrschen konnte, nachdem er den Einen Ring verloren hatte, bleibt unklar, wie der Tolkien-Übersetzer Wolfgang Krege moniert. Aber sie waren längst Saurons Sklaven geworden.)

Der Eine Ring ist besonders schön dargestellt: Das Foto, das ihn an Saurons schwarzem Finger zeigt, beansprucht eine ganze Seite: Die Inschrift in Schwarzer Sprache (aber elbischen Schriftzeichen) glüht gelb. Wer sich mal gefragt hat, warum Sauron als einziges Wesen, das je diesen Ring trug, NICHT verschwand, hier wird er verstehen: Sauron ist der einzig wahre Gebieter des Rings, im wahrsten Sinne des Wortes „the lord of the rings“. Alle anderen Träger verschlingt der Ring, über kurz oder lang. Diese Inschrift wird als Grafik und als Text nochmals wiedergegeben und übersetzt.

* Das Sachregister

Wenn man den Waffen- und Rüstungsexperten John Howe, einen der Konzeptdesigner bei Jacksons Filmprojekt, fragen würde, woraus eine Rüstung besteht, so würde er dem unbedarften Zuhörer wahrscheinlich die Fachausdrücke um die Ohren hauen.
Um diesen Effekt zu vermeiden, wenn Aus-Rüstungen fachgerecht beschrieben werden, gibt es das fünf Seiten lange Sachregister. Wenn also plötzlich von einem „Ricasso“ die Rede ist, so schlägt man unter R nach und erfährt unter diesem Begriff: „Der obere Teil der Schwertklinge, der im allgemeinen nicht scharf geschliffen ist, da Krieger oft ihren Zeigefinger vor der ‚Parierstange‘ (siehe dort) platzierten. (usw.)“ Aha. Und so muss man dann zu „Parierstange“ blättern usw., bis man schließlich alle Teile eines Schwertes kennen gelernt hat. Viggo Mortensen könnte einem dazu manches erzählen, so etwa die Story, wie er schwertschwingend durch friedliche neuseeländische Straßen lief und von der Polizei angehalten wurde, die besorgte Anwohner gerufen hatten.
Das Register schließt mit einem altenglischen Satz, der vermutlich direkt aus dem „Beowulf“-Epos stammt. Der Satz wird nicht übersetzt. Eine versteckte Aufforderung, mal den „Beowulf“ zu lesen?

_Unterm Strich_

Dieser prächtige Band ist nur mit den drei Design-Art-Bänden von Gary Russell zu vergleichen. Dabei könnte man sagen, dass er zum Teil die Quintessenz daraus bietet, indem er sich auf nur einen einzigen Aspekt konzentriert: Waffen, Krieger und Kriegskunst.
Das wäre aber nicht die ganze Wahrheit, wie man an meiner Inhaltsangabe ablesen kann. Das Buch bietet viel mehr. Es spricht nicht nur den Rollenspieler an, indem es massenhaft Details zu den Waffen etc. liefert, sondern informiert und unterhält auch jene Leser, die die Welt von Mittelerde nicht nur aus der kriegerischen Perspektive kennen lernen wollen.
Ihnen kommen die historischen Darstellungen entgegen, die schönen Illustrationen und „garantiert echten“ Landkarten auf „echtem Pergament“. Und sie erfahren, welche Bedeutung der Eine Ring letzten Endes für die Geschichte hat. Dabei bleibt der Autor immer auf dem Teppich, versteigt sich nie zu literarischen Interpretationen – das ist Gelehrten wie Tom Shippey vorbehalten.

Aber auch dieses Buch weist Fehler auf, die selbst dem Übersetzer und dem Korrektor entgangen sind. Auf Seite 209 wird behauptet, Sauron habe einmal „Minas Tirith“ erobert. Das ist nicht zutreffend, wenn ich die Annalen richtig kenne. Wenn man daraus allerdings „Minas Ithil“, das spätere „Minas Morgul“ macht, wird die Beschreibung sinnvoll. (In Minas Morgul erbeutete Sauron einen der Sehenden Steine, den Palantir, und konnte damit sowohl Saruman als auch Denethor täuschen und bezwingen. Und später schlug dort der Fürst der Nazgul, vormals der Hexenkönig von Angmar, sein Hauptquartier auf.)
Zudem ist bei der Berechnung von Aragorns Lebensalter ein Rechenfehler aufgetreten und bei der Anzahl der Reiter von Rohan hat sich eine zusätzliche Null eingeschlichen.

Fazit: Ich kann das Buch unter den genannten Bedingungen uneingeschränkt empfehlen. Zumal es nun mit 15 Euro einen recht günstigen Preis aufweist. Da ein Hardcover fehlt, sollte man es pfleglich behandeln.

Ein Tipp: Der erwähnte „Atlas von Mittelerde“ bildet eine sinnvolle Ergänzung für Rollenspieler und andere Tolkienisten. Die ausgebildete US-Geografin Karen Wynn Fonstad hat Karten zu allen Zeitaltern und wichtigen Ereignissen des „Herrn der Ringe“ gezeichnet und kommentiert. Die Kommentare stützen sich in erster Linie auf Tolkiens eigene (mitunter widersprüchliche) Angaben. Die 2. Auflage von 1991 (Klett-Cotta, Stuttgart, 1994) enthält korrigierte und erweiterte Darstellungen. Auf diese sollte man sich also stützen.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Joachim Schmidt – Satanismus – Mythos und Wirklichkeit

Dr. Joachim Schmidt, Jahrgang 1961, studierte Religionswissenschaft, Psychologie und Europäische Ethnologie. In seinem Buch „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“, das nun in zweiter und überarbeiteter Auflage erschien, nimmt er sich eines allzu gern strapazierten Schlagwortes und ideologischen Kampfbegriffes an, wofür er neben seiner akademischen Ausbildung in besonderer Weise qualifiziert ist. Im Gegensatz zur unerfreulich hohen Zahl von allzu phantasiebegabten, weltanschaulich festgefahrenen und psychisch offenbar angeschlagenen Schreibtischtätern kann er neben gründlichen und sachkundigen Studien nämlich darauf zurückblicken, sich langjährig aktiv wie auch beobachtend in esoterisch-okkulten Kreisen bewegt zu haben.

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Serkis, Andy – Russel, Gary – Herr der Ringe, Der: Gollum – auf die Leinwand gezaubert

Nach der Beendigung der letzten Dreharbeiten und Nachdrehs bekamen die Hauptdarsteller von Peter Jackson ein Erinnerungsstück überreicht: Orlando Bloom (Legolas) erhielt den schönen Galadhrim-Bogen und Elijah Wood als Frodo natürlich den originalen Einen Ring (von über einem Dutzend Kopien in allen Größen). Und was bekam Andy Serkis, der Gollum praktisch zum Leben erweckt hatte, nach fünf Jahren Arbeit? Einen blauen Lycra-Anzug…

Von Andy Serkis stammen die Tagebucheinträge zu „Der Herr der Ringe: Gollum – auf die Leinwand gezaubert“. Der Engländer Andy Serkis hatte vor dem „Herr der Ringe“-Projekt v.a. als Theaterschauspieler gearbeitet, unter anderem spielte er in den letzten Jahren die facettenreiche Rolle des Jago in Shakespeares „Othello“ sowie den Sykes in „Oliver Twist“. Mit „Snake“ drehte er seinen eigenen Kurzspielfilm. Er ist inzwischen mit seiner Frau Lorraine verheiratet und hat zwei Kinder, Töchterchen Ruby und Sohn Sonny (geboren 2000). Sein Humor und seine Fähigkeit, leicht Freundschaften zu schließen, werden von allen Kommentatoren als sympathischste Eigenschaften hervorgehoben.
Gary Russell ist der Autor aller drei Fachbücher, die die HdR-Filme als Kunstwerke vorstellen. Von ihm stammen die Interviews, die als als grau-beige unterlegte Kästen eingefügt sind.

_Andys Tagebuch_

Aus drei Monaten wurden fünf Jahre

Eigentlich wollte New Line Cinema’s Casting-Agenten Andy nur für etwa drei Monate anheuern. Er sollte dem digitalen Gollum seine Stimme leihen, nicht mehr. Andy hatte erst einmal keine Ahnung, wer Gollum war und welche immens wichtige Rolle er im HdR spielte. Daher stellte er sich eine überaus langweilige Mitwirkung vor. Das änderte sich, als Lorraine (s.o.) ihm erklärte, welch wichtige Rolle Gollum spielt. Andy erkannte anhand des Romans, dass Gollums tatsächlich sogar die einzige Figur war, die Tolkien psychologisch vielschichtig und schillernd angelegt sowie mit einer langen Entwicklungsgeschichte versehen hatte! Aus den drei Monaten sollten schließlich fünf Jahre werden.

Gollums Kern und Stimme

Als Theaterschauspieler musste Andy, so dachte er, erst einmal zum Kern der Figur vordringen. Das war gar nicht so einfach. Aber Andys Auffassung unterschied sich noch erheblich von dem, was sich die Leute vorstellten, die die Aufgabe hatten, eine digitale Figur zum Leben zu erwecken. Sie hatten ihren Gollum schon seit 1998 „im Kasten“ und zeigten Andy die kleinen Standbilder, die sie Maquettes nannten. (Diese ganze Geschichte lässt sich jetzt auf der Langfassung der DVD unter dem Titel „Smeagols Zähmung“ nachsehen.) Doch Andy hatte für Gollum eine ganz eigentümliche Sprechweise und Stimme entwickelt sowie ein „gollum, gollum“, das er seiner Katze abgehört hatte.

CGI-Techniken konkurrieren

Andy brachte Peter Jackson (PJ) zu der Erkenntnis, dass er seine fabelhafte Gollum-Stimme nur produzieren konnte, wenn er den entsprechenden Gesichtsausdruck und die angemessene Körperhaltung (wg. Atmung und Resonanz) einnahm: Mimik und Sprechen waren eine untrennbare Einheit. Das jedoch hatte schwerwiegende Folgen: Nach zwei Jahren Vorarbeit sahen sich die CGI-Animateure gebeten, ihren Gollum komplett zu überarbeiten: binnen zwei Monaten! Nur so konnten sie Gollum der Mimik und den Körperbewegungen Andys anpassen. Dazu setzten sie (siehe DVD wegen Details) drei verschiedene Technologien ein, um einen Streit zwischen Verfechtern verschiedener Techniken abzuwenden: das herkömmliche Key-Frame-Verfahren, das neue Motion Capturing (= Bewegungserfassung, kurz: Mocap) und das uralte Rotoscoping. Ein Amalgam der neuen Technik nannten sie „Roto-Animation“. Für Mocap musste Andy seinen zunächst weißen, späten dunkelblauen Lycra-Anzug tragen. Er sah aus, „als käme er direkt aus einem Laden für Fetischartikel“. (Koproduzent Rick Porras, so ist auf der Extended-DVD zu sehen, sprang an einem Tag für Andy ein. Die Ergebnisse waren einfach blamabel. Das beweist am besten, wie überzeugend Andys Arbeit wirklich war.)

„Niemand mag dich…“

Für die Vermittlung von Gollums einzigartiger Psyche ist eine Szene von zentraler Bedeutung, die als „schizoide Szene“ bezeichnet wird: Gollum/Smeagol streitet sich mit sich selbst, irgendwo in Ithilien. Bislang konnte das Publikum meistens über Gollum lachen. Doch als der Gollum-Teil, der väterliche Überlebenskünstler, den kindlichen Smeagol als „Mörder“ bezeichnet und diese Anklage offenbar der Wahrheit entspricht, ist Schluss mit lustig. Nun nimmt das Publikum Gollum/Smeagol als eigenständigen Charakter wahr. Mit einem Mörder (der uninformierte Zuschauer erfährt erst im 3. Teil, warum) ist schließlich nicht zu spaßen.

Szenen aus dem dritten Teil

Diese zentrale Szene erarbeitete Philippa Boyens, die mit Fran Walsh und Andy Serkis stark an der Ausarbeitung von Gollums Kern und Entwicklung beteiligt war. Die Schizo-Szene macht auch dem letzten Zuschauer klar, dass Gollum ein Ring-Junkie ist, ein Mörder, der jederzeit rückfällig werden kann – eine große Gefahr für die Mission des Ringträgers. Der Begriff des Junkie und der Sucht stammt von Andy. In den Kapiteln „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“ (Déagol ist Sméagols Vetter, den er tötet, um den Ring zu erlangen) und „Die Rückkehr des Königs“ offenbart Serkis Szenen aus dem 3. Teil, die viele Zuschauer noch nicht gesehen haben. Andy konnte beim Kampf zwischen Déagol und Sméagol selbst Regie führen. Und das kann man von keinem anderen Darsteller sagen.

Private Unternehmungen

Ist die Beschreibung dieser Arbeiten schon allein recht spannend, so sind es auch manche von Andys gelungenen Berichten über seine Wanderungen (er ist Bergsteiger) und die einzige Kanufahrt, die er bewältigte. Ansonsten änderte sich sein Leben auf erhebliche Weise. Seine Familie vergrößerte sich um einen Sohn, den er von England mit zu den Kiwis brachte, und er heiratete seine Freundin. Sie lebten in verschiedenen Wohnwagen, Hotels, Pensionen, sogar einem eigenen Haus. Ganz en passant nimmt uns Andy auf eine Rundtour auf den Inseln des Neuseeland-Archipels mit. Die beigefügten Fotos liefern weitere Infos, so etwa vom Vulkan Mount Ruapehu, der die Kulisse für die Emyn Muil abgab. Am eindrucksvollsten zeigt sich Andy von der Begegnung mit Sir Edmund Hillary, einem der beiden Erstbesteiger des Mt. Everest, der in Neuseeland sozusagen der Grand Old Man ist.

Die Gollum-Revolution

Abgeschlossen werden die Tagebuchaufzeichnungen mit den Konsequenzen des veröffentlichten Films „Die zwei Türme“: Die Weltöffentlichkeit war von Gollum überrascht und begeistert, aber die Welt der Filmschauspieler machte sich ernsthafte Sorgen. Gollum bedeutete ein Revolution: Zum ersten Mal hatte ein echter Schauspieler es geschafft, eine digital erzeugte Figur mit Leben zu erfüllen und sie mit Realdarstellern interagieren zu lassen, so dass ein enorm hoher Grad an Glaubwürdigkeit erzielt wurde. Das ist die Gollum-Revolution, und so mancher Darsteller begann um seinen Job zu fürchten. Andy tat alles, um diese Ängste als unbegründet zu widerlegen. Gerade durch seine am Theater entwickelten Fähigkeiten hatte er ja erst die CGI-Figur zum Leben erwecken können. (Außerdem erzählt Andy noch zahlreiche witzige Szenen mit Journalisten, die nicht schmeichelhaft sind.)

_Russells Interviews_

Das ganze Buch würde stark den Eindruck von Selbstbeweihräucherung und Subjektivität erwecken, gäbe es nicht die Statements, die Gary Russell in vielen Interviews gesammelt und hier kondensiert wiedergegeben hat. Hier kommen die führenden Köpfe des HdR-Projekts wie der Regisseur, die Produzenten, die Autoren, die Leiter der Grafikabteilungen, von Weta Workshop und Weta Digital zu Wort sowie viele unbekannte Mitarbeiter, die sich gerne an Andy erinnern. Manche dieser Zitate sind mehr als eine Seite lang.

So gut und erhellend die Zitate auch sind, so können sie doch nicht alleine stehen, weil sie sonst zu trocken und belehrend wirken würden. Erst zusammen bilden das Tagebuch und die Statements eine Einheit, die bereits zwei Drittel des Buches ausmacht. Der Rest besteht aus hunderten von Fotos und allen Arten von Grafiken und Zeichnungen.

_Die Illustrationen und Fotos_

Abgesehen von vielen privaten Aufnahmen, die Andys Leben illustrieren, enthält das Buch eine erstaunliche Fülle von Grafikmaterial, das eines Gary-Russell-Bandes (s.o.) würdig ist (und wohl auch daraus stammt). Interessanter als die bekannten und auf der Extended-DVD zu findenden Grafiken aus „Die zwei Türme“ ist das bis dato nie gesehene Material aus „Die Rückkehr des Königs“.

Besonders Kapitel 7, betitelt „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“, gewährt aufregende Einblicke: Hier wird die weitere Entwicklung des Hobbits Sméagol in Wort und Bild festgehalten, bis aus dem betuchten, dandyhaften Hobbit ein jämmerlicher, ausgemergelter und hasserfüllter, weil ringloser Ring-Junkie geworden ist: 500 Jahre im Zeitraffer sozusagen, ausgearbeitet von Autorin Ph. Boyens und inszeniert von Andy Serkis himself. Kap. 13 liefert einen Vorgeschmack auf „Die Rückkehr des Königs“, so etwa das Tor von Minas Morgul. (Aber auch hier ist Kankra nicht zu sehen.)

Andy ist ein Buch zum Film gelungen, das mich als erstes in Klett-Cottas Filmbuchreihe restlos zu begeistern und zu überzeugen wusste. Das lag nicht nur an Andys lebendiger und anschaulicher Erzählweise, sondern vor allem und in erster Linie an seinem Humor.

Dieser Humor ist einerseits recht britisch und trocken, andererseits gelingt Andy damit die Beschreibung des Besonderen, das eine seltsame Szene und Situation nach der anderen ausmacht. Wir erleben mit ihm den ersten verwirrenden Tag in Wellington, in den Wingnut Studios, im Weta Workshop und sogar schon am Set. Niemand mag dich… wer bist du überhaupt in deinem komischen Ganzkörperkondom?! Andy wusste genau, wie sich Gollum fühlte…

Außerdem genehmigt er sich ein paar nette Seitenhiebe auf das Filmbusiness und die Leute, die daran beteiligt sind – von den begriffsstutzigen Filmjournalisten bis zu den Agenten, die am liebsten sogar für Würmer am Angelhaken „saftige Honorare für zusätzliche Stunteinsätze“ herausschlagen würden, wenn sie könnten (S. 60, Spalte 2).

Zur Übersetzung: Peter Torberg musste nach Angaben des Verlags viel recherchieren, um all die Fachausdrücke aus der Welt der Computergrafik, Animation und des Motion-Capture-Verfahren fachgerecht ins Deutsche übertragen zu können. Aber er hat seine Aufgabe mit Bravour erledigt.
Die einzigen Fehler sind in den Plural- und Kasusformen bestimmter Wörter wie etwa Pronomina etc. zu finden. Die hätte ein Korrektor oder Grammatikprüfprogramm eigentlich leicht entfernen können. Anders als in „Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst“ konnte ich jedoch keine Sachfehler finden.

Ich habe das ganze Buch auf der Hin- und Rückfahrt zwischen Stuttgart und München lesen können. Es ist nicht ermüdend, sondern abwechslungsreich, gespickt mit fachlichen Infos, aber unterhaltsam genug mit persönlichen Erfahrungen angereichert.
Außerdem wird das Tagebuch, wie gesagt, durch die zahlreichen Zitate und das umfangreiche Grafikmaterial abgerundet, so dass eine Einheit entsteht, die dennoch vielschichtig genug ist, dass man das Buch gleich mehrmals hintereinander lesen möchte (und könnte).
Der spezielle Humor, den Andy Serkis einbringt, lässt die informative Lektüre zu einem vergnüglichen Erlebnis werden, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.
Das einzige andere Buch, das ähnliche tiefe Einsichten zum HdR-Projekt liefert, ist Brian Sibleys Buch von Ende 2001, das im Frühjahr 2004 ergänzt werden soll. Sibley beschreibt die Hintergründe des Buches und des Films sowie den Werdegang vom Buch zum Skript.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Oidium, Jan – Fire & Steel III – The Death Of Planet King

Jan Oidium ist freier Illustrator, den es nach einem abgebrochenen Studium in Graphikdesign im Jahr 2000 nach Berlin verschlagen hat, wo er heute eine eigene Verlagsgesellschaft betreibt und nebenbei seinem Hobby Musik nachgeht; seine erste CD „Solist“ mit experimentellen Klavierstücken wurde vor Kurzem veröffentlicht. „Fire & Steel 3“ erscheint erstmalig außerhalb der metallischen ‚fünften Jahreszeit‘, sprich dem W:O:A:, und wird nun auch über den Zeitschriftenhandel in Deutschland, der Schweiz und Österreich vertrieben.

Oidium widmet die erste Seite einem Kurzbericht über seine Aktivitäten im vergangenen Jahr und zieht Bilanz über das „lauteste Dixie der Welt“, das er in Wacken aufstellte und die Besucher zum fröhlichen Bangen in seinem 800-Watt-Klo einlud. Auf der zweiten Seite ist ein interessanter Bericht des Wacken-Teams mit einigen Daten und Fakten zum Festival 2003 (Wusstet ihr, dass dort 45.000 Rollen Klopapier verbraucht wurden?).

Und nach der mittlerweile obligatorischen Darstellung der Figuren (neu dabei der „Splatterling“, ein kosmisches Flugrudeltier, und als Gaststar Arjen Lucassen (VENGEANCE, AYREON, STAR ONE) sind wir dann auch gleich im Geschehen. Der kleine Planet, den der Oitiontiser aus dem All geholt hat, um die im Vorgängerheft durch die Gewalt der Soundschlacht zwischen den Bands PLANET KING und ETERNAL WINTERFROST abgesprengte Hälfte zu ersetzen, wird aufgrund eingedrungener Bakterien leider abgestoßen.

Rettung verspricht nur der oitiontiserische Blauschimmelkäse, der „stärkste und brutalste Käse des Universums, den nur der mächtige Oitiontiser zu essen vermag“. Nur ist dessen letzter Laib lange verzehrt und die Zunft der Käsehersteller bei dessen Herstellung zu Tausenden ausgestorben. Thunderforce zieht sich zum Nachdenken in den Tower of Truth zurück und findet schließlich die Lösung. Helfen kann nur ein sogenannter Holländer – diese sind schließlich berühmt dafür, Käse herzustellen – namens Arjen Lucassen, der ein elektrisches Schloss auf dem Planeten „Stern 1“ bewohnt.

Derweil lässt sein Widersacher Dark Even McBaron nach der Absprengung der Planetenhälfte auf „dem wimpigsten, untruesten und verabscheuungswürdigsten Planeten, den es für Blackmetaller geben kann“ – gemeint ist die Sonne – die Maulwurfsmenschen unter Führung seines Schergen Neroon ein Raumschiff aus dem Magma der Sonne bauen, um zum Planeten King zurückzukehren und mit seinem Feind abzurechnen.

Mehr wollen wir hier noch nicht verraten, da „Fire & Steel 3“ erst am 17. Dezember erschienen ist. An beknackten Ideen ist Nummer Drei des Spektakels nicht ärmer als seine Vorgänger. Alleine der oitiontiserische Blauschimmelkäse und das Gelaber unserer beiden Helden über bakterielle Zersetzung im Inneren von Planeten und Käselaiben ist einfach köstlich und beweist einmal mehr Oidiums schrägen Humor. Als Anmerkung und Aufklärung sei erwähnt, dass „Oidium“, auch Echter Mehltau oder Äscherich genannt, eine Schimmelsorte ist, die Weinreben befällt und demnach natürlich ein Künstlername. Aber wer sucht sich schon den Namen einer Schimmelsorte als Künstlername aus?

Herrlich sind auch wieder die beiden „truen Tiere“ Drachenwurm und Iron Igel, die gelangweilt auf der Couch sitzen und sich eine Folge ihrer Lieblingsserie „Captain Kosmos“ anschauen, deren Dialoge verdächtig an eine an Schwachsinn potenzierte Version von „Raumschiff Orion“ erinnern („Wir gehen in Megamorphmodus.“), bevor ihnen der Neuzugang „Splatterling“, eine Art Heavy-Metal-Schmetterling, von den bösen Plänen Dark Even McBarons berichtet.

Die ironischen Anspielungen auf die Werke von Arjen Lucassen – sowohl Oidium als auch Thunderforce sind eingeschworene Fans des Holländers – sind wirklich gelungen und beweisen, dass der sympathische Holländer wohl auch ein Freund von blühendem Blödsinn ist (Natürlich wurde zu der Verballhornung seiner Figur – er tritt in dem etwas merkwürdigen silbernen Raumanzug der STAR ONE-Tour auf – seine Zustimmung eingeholt).

Stilistisch gibt es gegenüber dem Vorgänger nicht viel Neues, Oitiontiser und Thunderforce scheinen noch ein wenig runder und voller, der doch etwas eckige und kantige Stil des ersten Hefts gehört wohl der Vergangenheit an. Für Eingeweihte bleibt die nicht wirklich interessante Frage, ob denn der Oitiontiser irgendwann einmal mit kurzem Haar zu sehen sein wird, nachdem sich auch Oidium von seiner Matte getrennt hat.

Wem Teil Zwei gefallen hat, der wird auch Teil Drei mögen und gespannt auf die Fortsetzung warten.

Beziehen könnt ihr „Fire & Steel 3“, wie eingangs erwähnt, im gutsortierten Zeitschriftenhandel, im Powermetal.de-Online-Shop, über die Homepage von Jan oder über http://www.metaltix.de.

Auf http://www.oidium-comics.de sind auch andere Illustrationen von Oidium (u.a. Poster von GAMMA RAY und IRON MAIDEN) sowie einige seiner Auftragswerke) zu sehen.

David Brawn – Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs – Fotos aus Mittelerde

Teile der nachfolgenden Buchbesprechung decken sich mit der Rezension zum „offiziellen Begleitbuch“ von Jude Fisher, das ebenfalls hier vorgestellt wurde.
Wieder einmal hat sich der Autor David Brawn dazu hergegeben, kleine Infotexte zu den Fotos dieses Begleitbuches zur filmischen HdR-Trilogie zu schreiben. Er richtet sich dabei natürlich nach dem Drehbuch von Walsh, Jackson, Boyens u.a. Da aber bekanntlich die Kinofassung um mindestens eine Stunde gekürzt wurde (die hoffentlich auf der DVD der Special Extended Edition landet), so dass von Saruman nichts zu sehen ist, hat Brawns Verlag vorsichtshalber nur die unwichtigen und sichersten Szenen des Films berücksichtigt. Für den Käufer ist das nicht sonderlich zufrieden stellend.

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