Archiv der Kategorie: Rezensionen

Cobb, James – Überfall auf hoher See

|Originaltitel: „Target Lock“|

James Cobb ist einer der Newcomer im High-Tech- bzw. Militärthrillergenre und legt mit „Überfall auf hoher See“ bereits sein viertes Buch in kurzer Folge vor. Er entstammt einer traditionsreichen Marine-Familie und hat lange Zeit auf verschiedenen Kriegsschiffen der U.S. Navy gedient.

Als INDASAT 06, ein unbemannter Forschungssatellit, bei seiner planmäßigen Landung in der Arufarasee vor Indonesien von der Besatzung der STARCATCHER aufgenommen wird, wird diese kurz darauf von einer organisierten Piratenbande überfallen und versenkt. Der wertvolle Satellit mit seinen Forschungsergebnissen über Materialbearbeitung in der Schwerelosigkeit wird an einen unbekannten Ort entführt. Schnell wird klar, dass mit konventionellen Mitteln wenig zur Wiederbeschaffung beizutragen ist und die indonesische Regierung entweder korrupt ist oder zumindest vor dem seit Jahren wieder aufkeimenden Piratenproblem die Augen verschließt.

Captain Amanda Lee wird mit ihrer „Seafighter Task Force“ aus dem Mittelmeer abgezogen und läuft durch den Suez-Kanal, um vor Ort Ermittlungen anzustellen und sich dabei den Anschein eines Höflichkeitsbesuches zur Verbesserung der politischen Beziehungen zu geben. Die „Seafighter Task Force“ ist eine kleine High-Tech-Einheit der neu gegründeten „NAVSPECFORCE“ (Naval Special Forces) und besteht aus dem schlagkräftigen Stealth-Kreuzer „U.S.S. Cunningham“, dessen Kapitän sie zuvor selbst war, sowie der hochgerüsteten „LSP“ (Landing Ship Platform) „U.S.S. Evans F. Carlson“ mit mehreren bis an die Zähne bewaffneten Hovercraft-Fahrzeugen, umgerüsteten Kampfhubschraubern und einer kleinen Einheit „U.S. Marines“ und „Marine Reconnaissance Units“.

Unterstützt von einem einheimischen Polizeioffizier kommt sie bald dem charismatischen und anziehenden Makara Harconan auf die Spur, der hinter der Fassade des weltmännischen Geschäftsmanns die Sippen der uralten Bugi-Stämme mit Geld, Waffen und Logistik unterstützt und damit einen perfiden Plan zur Zerschlagung des Vielvölkerstaats Indonesien in einzelne Inselreiche verfolgt.

Nach einigen Seegefechten und Scharmützeln wird Garrett von Harconan, der zwischenzeitlich sowohl ihr erbittertster Feind, aber auch ihr leidenschaftlicher Liebhaber geworden ist, entführt und es kommt zur alles entscheidenden Schlacht um dessen letzte Festung und die Sicherheit des freien Seeverkehrs in Südostasien.

Mit seinem vierten Buch um die ebenso erfolgreiche wie unkonventionelle und sympathische Kämpferin Amanda Lee Garrett trägt Cobb extrem dick auf. Während Garrett in den ersten beiden Romanen noch Kapitän der „Cunningham“ war, dann die Leitung der experimentellen Hovercraft-Einheit „Seafighter“ übertragen bekommen und vom Polarkreis über China und Westafrika eine Spur der Vernichtung hinterlassen hat, ist sie mittlerweile der verantwortliche Offizier für die an Schlag- und Feuerkraft ständig wachsende „Task Force“. Dabei setzt sie sich, mit Wissen und Billigung ihres Vorgesetzten, reihenweise über geltendes Recht souveräner Staaten hinweg und überzieht jeglichen Widersacher mit dem, was neuerdings als „Shock and Awe Tactic“ oder „Overwhelming Force“ bezeichnet wird.

„Überfall auf hoher See“ trieft zwar nicht unbedingt vor amerikanischem Nationalstolz, mystifiziert und glorifiziert aber die Feuerkraft und Stärke der U.S. Navy in kaum erträglichem Maß. Während die in Zahl weit überlegenen, aber in Technologie meilenweit hinterherhinkenden und maximal mit ein paar schweren Maschinengewehren und veralteten Haubitzen bewaffneten ‚Bugi‘ durch High-Tech-Lenkwaffen aller Arten geradezu niedergemetzelt werden und jeder Abschuss zelebriert wird, werden eigene, zu vernachlässigende Verluste beiläufig in einem Nebensatz erwähnt. Die Darstellung von Treffern, Verletzungen und Schäden der Gegenseite werden explizit beschrieben, Verwundete in den eigenen Reihen rappeln sich meist nach kurzer Zeit wieder auf, um heldenhaft weiterzukämpfen.

Für die Zielgruppe ist „Überfall auf hoher See“ auf jeden Fall ein lesenswertes Buch. Wer grundsätzlich etwas mit SMADS (Ship Area Denial Systems), Präzisionslenkmunition für 155-mm-VGAS (Vertical Gun Advanced Ships), ATACMS (Army Tactical Missiles) und Dutzenden anderen Begriffen für Lenkwaffen, Aufklärungsdrohnen und sonstiges Kriegsgerät anfangen kann, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Cobb ist zweifelsohne ein Fachmann auf dem Gebiet der Seekriegsführung und -ausrüstung und alle seine fiktiven Waffensysteme sind weiterentwickelte Versionen heute tatsächlich bestehenden Kriegsgerätes, das fundiert, aber verständlich beschrieben wird. Lobenswert ist auch die geglückte Übersetzung vieler militärischer und seemännischer Fachbegriffe. Dazu liest sich das gesamte Buch in einem Rutsch spannend durch und ist jederzeit fesselnd, wenn auch, für Kenner der Materie, nicht wirklich überraschend.

Follett, Ken – zweite Gedächtnis, Das

Ken Follett ist als Autor spannender Agententhriller bekannt geworden. „Das zweite Gedächtnis“ stammt aus demselben Genre und bedient sich recht freizügig bei Robert Ludlum’s Klassiker „The Bourne Identity“: Wie Jason Bourne kennt auch der Raketenforscher Dr. Lucas nicht einmal mehr seinen eigenen Namen, als er im Jahre 1958 kurz vor dem geplanten Start des ersten amerikanischen Satelliten in einer Bahnhofstoilette aufwacht und von einem Penner als „Luke“ angesprochen wird… Er leidet unter einer totalen Amnesie.

Bald bemerkt er jedoch, dass er nicht ist, was er zu sein scheint: Er ist nicht alkoholkrank, er wird offensichtlich von mehreren Männern beschattet und… bemerkt recht schnell, dass er sich zwar nicht an seine Freunde, Bekannten oder seine eigene Identität erinnern kann, aber dafür in Mathematik, Physik und vor allem auf dem Gebiet des Raketenbaus eine echte Kapazität zu sein scheint. Luke schaltet nach und nach seine Verfolger aus, und bringt immer mehr Licht in das Dunkel seiner Vergangenheit… Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass er von seinem Freund Anthony, der für die CIA arbeitet, gejagt wird – ist er gar ein kommunistischer Spion?

Bei seiner Jugendliebe Billie und seinem alten Freund Bern findet er Unterstützung – doch warum jagt Anthony ihn, was für ein Spiel treibt Lukes Frau Elspeth? Luke findet heraus, wer er ist, und was er in der jüngsten Vergangenheit getan hat – und verliebt sich nebenher erneut in Billie. Warum auch immer Anthony Luke jagt – er ist sich sicher, es hat mit dem Start der Jupiter-C-Rakete und des Satelliten „Explorer“ zu tun…

Gleich zu Beginn hatte ich ein Déjà-vu – der Agent oder hier eben hochkarätige Wissenschaftler, der einsam und alleine erwacht und ganz auf sich selbst gestellt ist, das kennt man, wie oben erwähnt, schon – entweder aus dem Kino, „The Bourne Identity“ wurde mit Matt Damon und Franka Potente kürzlich zum zweiten Mal verfilmt, oder aus dem Originalbuch von Robert Ludlum. Follett führt den Part, wie sich Luke langsam erinnert, ähnlich aus, aber handelt ihn zügiger ab, um eigene Wege zu gehen. An dieser Stelle schwand langsam der ständig in meinem Hinterkopf herumspukende Plagiatsgedanke dahin… Es war durchaus spannend zu lesen, warum Luke das alles eigentlich angetan wurde.

Leider kommt Follett nicht an Ludlum heran – auch die Follett-typische Lovestory und ein diesmal überzogenes Beziehungsgewirr der vier Freunde von Luke untereinander geben der Story nicht mehr Würze: Im Gegenteil, Anthonys Motive enttäuschten mich nicht nur, so simpel und konstruiert waren sie, hier hat Follett auch die Gelegenheit verspielt, seiner Story einen über das Triviale hinausgehenden Reiz zu geben.

Wie bei Follett kaum anders zu erwarten, ist das Buch sehr flüssig und angenehm zu lesen, die Aufmachung des Hardcovers weiß auch zu gefallen. Zu der Übersetzung nur ein Wort: Perfekt. Sie liest sich, als ob es die Originalfassung wäre. Nebenbei wird dem Leser zu Beginn eines jeden Kapitels ein wenig die Raketentechnik der 50-er Jahre angenehm und leicht verdaulich näher gebracht. Gelegentliche Rückblenden in die Jugendjahre Lukes und seiner Freunde verleiten den Leser zum Spekulieren und sorgen für Abwechslung.

Dennoch ist „Das zweite Gedächtnis“ nicht das geworden, was es hätte sein können: Der Konflikt zwischen Lukes Frau Elspeth und seiner alten Flamme Billie, die er nach der Amnesie ihr vorzieht, vor allem aber die Verschwörung hinter der Amnesie – all das wird meist nur oberflächlich angerissen und nicht genügend ausgeführt, um dem Thriller etwas mehr eigenen Charakter zu geben. Spannend ist das Buch, ebenso unterhaltsam. Leider enttäuscht der Schluss mit einer einfallslosen und konstruierten Auflösung der vielen Zusammenhänge. Ebenso Lukes Freunde: Die Ex-Geliebte ist zufällig Expertin auf dem Gebiet der totalen Amnesie, Anthony arbeitet beim CIA, Elspeth und Bern… Ich will ja nicht alles verraten. Ein sehr künstliches und nicht sehr überzeugendes soziales Umfeld. Es bleibt der Eindruck, Follett habe hier die „light“-Version von Ludlums Original-Coke „The Bourne Identity“ abgeliefert. So empfand ich „Das Zweite Gedächtnis“, welches im Original den treffenderen und klangvolleren Titel „Code to Zero“ hat, zwar als spannendes und durchaus unterhaltsames, aber stark vereinfachtes Plagiat von Ludlums anspruchsvollerer Vorlage.

Ken Follett’s Homepage: http://www.ken-follett.com/

Brown, Dale – Feuerflug

|Originaltitel: „Wings of Fire“|

Der hochdekorierte ehemalige U.S. Air Force Captain Dale Brown, Navigator und Bombenschütze in B-52- und FB-111A-Bombern, führt seit seinem ersten Buch „Höllenfracht“ („Flight of the Old Dog“) regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten an und gilt mit seinen Aufsehen erregenden Technologie- und Militärthrillern als einer der Besten seines Fachs.

Der zwangspensionierte Air-Force-General Patrick McLanahan, nunmehr leitender Angestellter bei Skymasters Inc., führt über der lybischen Wüste nicht genehmigte, selbstmörderische Tests mit einem umgebauten B-52-Bomber aus. Dabei provoziert er absichtlich Angriffe mit SAM-Raketen (Surface-To-Air-Missiles) gegen sein Flugzeug, um die Funktionsfähigkeit des von Skymasters entwickelten Abwehrlasers zu testen. Zeitgleich schmiedet der betrügerische Präsident des Vereinigten Königreichs Libyen, Jadallah Salem Zuwayy, mit dem zwielichtigen russischen Öl-und Waffenhändler Kasakow und willfährigen Gefolgsleuten in der ägyptischen Regierung eine Verschwörung, um reichhaltige Ölfelder an der libysch-ägyptischen Grenze zu besetzen.

Nach einem tödlichen Attentat auf den ägyptischen Präsidenten bittet dessen Frau Susan Bailey Salaam, eine Amerikanerin und ehemalige Air-Force-Angestellte, die USA um Unterstützung bei der Verteidigung Ägyptens, wird jedoch rüde abgewiesen, da die USA keinerlei amerikanische Interessen bedroht sehen. Und dies, obwohl Libyen nachweislich im Besitz von alten, russischen SS-12-Mittelstreckenraketen mit nuklearen und biologischen Gefechtsköpfen ist. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an Patrick McLanahan, der mit einer Gruppe von Gleichgesinnten unter dem Namen „Night Stalkers“ eine hochtechnisch ausgerüstete Privatarmee führt, die gegen Bezahlung moralisch einwandfreie militärische Interessen von Kleinstaaten vertritt.

Die Night Stalkers, die wiederum inoffiziell und streng geheim mit dem amerikanischen Präsidenten in Verbindung stehen, um dessen politisch nicht opportune ‚Schmutzarbeit‘ zu erledigen, werden zwar nicht direkt für Susan Bailey tätig, aber über andere Verbindungen in den Regionalkonflikt hineingezogen und liefern sich erbitterte Luft- und Bodenschlachten über und auf libyschem Territorium. Dabei werden McLanahans Frau Wendy und weitere Night Stalkers in Gefangenschaft genommen und bei dem spektakulären Showdown kommt es zu einigen Überraschungen, auch was die wahren Absichten einiger Akteure anbelangt.

Dale Brown ist dann am besten, wenn er wie in „Feuerflug“ am dicksten aufträgt. Nachdem er bei seinen letzten Veröffentlichungen mit „Mann gegen Mann“ und „Stählerne Jäger“ doch etwas schwächere Romane abgeliefert hat, die allerdings zur Vorgeschichte von „Feuerflug“ wichtige Hintergründe bieten, kommt hier wieder seine wirkliche Stärke zum Vorschein: Luftkampf; einzelne, hochgerüstete strategische Bomber auf geheimen Einsätzen gegen strategische Ziele, bei massiver Luftabwehr durch Bodenstellungen und Abfangjäger. Dabei mischt er, genretypisch, aber geschickt, Fakten und Fiktion.

Über die von ihm seit seinem ersten Buch favorisierte ‚Tuning‘-Version der B-52 Stratofortress, bei ihm zur „Megafortress“ mit Stealth-Eigenschaften und wirkungsvollen Selbstschutzeinrichtungen sowie zum massiven Einsatz von nichtnuklearen Präzisionswaffen mutiert, ist in der einschlägigen Fachliteratur nichts bekannt. Naheliegend wäre eine derartige Aufrüstung allerdings schon. Von den seit 1952 insgesamt 744 ausgelieferten B-52 sind heute noch 85 Stück der letzten Version „H“ im aktiven Dienst – die jüngste davon ist Baujahr 1962 – und diese stellen nach wie vor das Rückgrat der strategischen Bomberflotte der USA dar und sollen bis über das Jahr 2040 hinaus im Dienst bleiben. Demgegenüber stehen nur 21 der hochmodernen B-2 „Spirit“, die ausschließlich auf der Whiteman AFB in Missouri stationiert sind, sowie 60 der Überschallbomber B-1B „Lancer“, deren Produktion allerdings bereits eingestellt wurde. Beide verfügen zwar über Stealth-Eigenschaften und eine weit höhere Geschwindigkeit als die betagte „B.U.F.F.“ („Big Ugly Fat Fucker“), haben aufgrund ihrer geringeren Reichweite und Nutzlast jedoch ein anders gelagertes Einsatzprofil und verursachen mit ca. 300 Mio $ für eine B-1B bzw. 1,2 Mrd. $ für |eine| B-2 natürlich enorm höhere Kosten als die Überbleibsel des Kalten Krieges.

Ebenfalls keine reine Fiktion ist die „Rail Gun“ der Night Stalkers, die mittels elektromagnetischer Kräfte ein Projektil auf ca. 3000-4000 Meter/Sekunde beschleunigen soll, oder das „Exo-Skelett“ aus Verbundfaserstoff, das über dem Kampfanzug getragen dem „Future Warrior“ der U.S. Army ab 2025 fast schon übermenschliche physische Kräfte verleihen und ihn gegen Beschuss bis hin zu leichten Infanteriegeschützen sowie Strahlung schützen soll. Auch der von Skymasters entwickelte bordgestützte Laser zur Abwehr von Raketen gehört durchaus nicht in das Reich der Science-Fiction, das ALS („Airborne Laser System“) ist sogar schon in einem relativ späten Entwicklungsstadium, allerdings mit über 80 Tonnen Gewicht und einer noch mangelhaften Energieproduktion sicherlich noch lange nicht einsatzbereit.

Insofern bietet „Feuerflug“ wieder einmal alles, was das Herz des Freundes von hochkarätigen Technologie-/Militärthrillern sich wünscht: detailgetreu und fachmännisch geschilderter Luftkampf in Hülle und Fülle, inwieweit realistisch, wissen wohl nur Kampfpiloten zu beurteilen, aber immer nervenaufreibend spannend. Dazu intelligent gestrickte geopolitische Vorgänge, ebenfalls mit einer gesunden Mischung aus Fakten und Fiktionen, sowie lebendig geschilderte Akteure (bei denen man sich manches Mal allerdings eine etwas weniger stereotype Darstellung wünschen würde).

Stören kann man sich an dem fast schon kühlen, technokratischen Stil, mit dem Brown den Einsatz der schlimmsten Massenvernichtungswaffen der Menschheit schildert. Von VX-Nervengas über schmutzige Bomben aus wieder aufbereitetem Uran bis hin zu thermonuklearen Mittelstreckenraketen wird alles eingesetzt, was verfügbar ist und möglichst großen Schaden anrichtet. Wer sich daraus nichts macht und beim Lesen nicht über ideologische Probleme grübeln muss, der hat ein paar ausnehmend spannende und actionreiche Lesestunden vor sich. Schlussfolgernd also ein „Knaller“, im wahrsten Sinn des Wortes, für die Zielgruppe, aber wenig geeignet für den Genrefremden.

Homepage des Autors: http://www.megafortress.com

Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

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Coonts, Stephen – Jagt die \’America\‘

Beim Start einer Trägerrakete mit dem neuen Raketenabwehr-Satelliten |SuperÄgide| kommt es zu einer gewaltigen Panne und die dritte Brennstufe stürzt aus ungeklärten Ursachen mitsamt dem milliardenteuren Satelliten über offenem Meer ab. Noch Monate später sind die USA auf der Suche, als es erneut zu einer Panne kommt. Das hochmoderne U-Boot |America|, ausgestattet mit revolutionärer Sonartechnik, einem zusätzlichen Mini-U-Boot für Spezialeinsätze und voll bewaffnet, wird von einer kleinen Gruppe Saboteuren beim Auslaufen zum ersten Manöver entführt. Die Täter gehen mit äußerster Brutalität vor, erschießen mehrere Seeleute noch während der Kaperung und verschwinden mit dem Boot im Atlantik, bevor die politische Führung den Mut fasst, einem nur wenige Meilen entfernten Zerstörer den Befehl zur Versenkung zu geben.

Admiral Jake Grafton wird als Verbindungsoffizier zwischen Navy sowie ausländischen und amerikanischen Geheimdiensten mit der Aufklärung und Wiederauffindung des U-Bootes betraut. Die Entführer brauchen nicht lange, um von den Waffensystemen der |America| Gebrauch zu machen und schießen Marschflugkörper vom Typ Tomahawk, ausgestattet mit einem neuem Gefechtskopf namens |Flashlight|, auf Washington ab. |Flashlight| erzeugt einen elektromagnetischen Impuls, ähnlich dem einer Nuklearexplosion, und legt in Sekunden das öffentliche und wirtschaftliche Leben in der amerikanischen Hauptstadt lahm. Flugzeugabstürze führen zu Hunderten Toten und die Regierungsgeschäfte sind empfindlich beeinträchtigt.

Während die |America| zunächst der amerikanischen Flotte, die sie mit dem Befehl zur sofortigen Versenkung jagt, entkommen kann und weitere |Flashlights| auf New York City abschießt, kommt Grafton langsam einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur und tastet sich an die Hintermänner der Entführung heran, die auch beim Absturz des Satelliten ihre Finger im Spiel hatten.

„Jagt die America“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Dass Stephen Coonts ein Fachmann für Militärtechnologie ist, wird auch in diesem Roman wieder klar. Wie seine Genrekollegen mischt er aktuelle Technologie und bekannte Fakten über Weiterentwicklungspläne mit Visionen und ein bisschen Phantasie. Ob es in absehbarer Zeit zu einem U-Boot der |America|-Klasse kommen wird, ist mehr als zweifelhaft. Die |Los Angeles|-Boote der ‚vorletzten‘ Generation (ab 1976) werden reihenweise stillgelegt (19 von 62 Stück zwischen 1995 und 2008) und bei den verbleibendenden Booten wird davon ausgegangen, dass ihre aktive Dienstzeit von 30 auf bis zu 50 Jahre verlängert wird. Vom derzeit modernsten U-Boot der neuen |Seawolf|-Klasse, das bereits moderner Kriegsführung Rechnung trägt und für den Transport und Einsatz von amphibischen Spezialeinheiten ausgerüstet ist, wird erst 2004 das erste volltaugliche Boot in Dienst gestellt. So detailgetreu Coonts die Ortungsversuche der |P3-Orion|-U-Bootjäger und den Unterwasserkampf der |America| mit der real existierenden |La Jolla| der |Los Angeles|-Klasse schildert, so vage bleibt er bei der Beschreibung des revolutionären Sonarsystems |Enthüllung| (dessen Bezeichnung vielleicht besser nicht übersetzt worden wäre).

Geradezu einfach macht Coonts es sich, wenn es um die Beschreibungen der Computermanipulationen geht, die den Satelliten zum Absturz bringen. Hier wird nur von ‚eindringen‘, ‚hacken‘ und ‚einklinken‘ gesprochen, ohne auch nur die Spur eines wissenschaftlichen Hintergrunds zu vermitteln. Noch banaler ist der Plot um den milliardenschweren Börsenspekulanten, der die einbrechende amerikanische Wirtschaft nutzt, um mit Valutenspekulationen das große Geld zu verdienen. Als bestenfalls verwirrend und unnötig muss man die Begleitstory um die geheimdienstlichen Hintergründe bezeichnen, die die Entführung der |America| überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber fast schon lachhaft wirkt der krampfhafte Showdown, bei dem eine Handvoll Militärs mit ihren Ehefrauen versucht, sämtliche Bösewichte, deren es (zu) viele gibt, auf einen Streich zwischen Abendessen und Drinks an der Bar eines Luxus-Kreuzfahrtschiffes zu erledigen, nachdem diese bereits identifiziert und lokalisiert waren.

Genrefreunde werden ob der sicherlich vorhandenen Spannung zwar wohl wie gewohnt auf ihre Kosten kommen, sich aber dennoch einen reinrassigen U-Boot-High-Tech-Thriller wünschen, wie sie derzeit Patrick Robinson am besten schreibt. Der Versuch, Militärtechnologie und -taktik, globale wirtschaftliche und politische Vorgänge, Computerkriminalität und hochkarätige Geheimdienstaktivitäten in einen Thriller zu packen, ging bei „Jagt die Amerika“ leider daneben und Coonts hat sich in der Vielzahl der Personen und Handlungen leider selbst verstrickt. Weniger wäre, wie so oft, auch hier eindeutig mehr gewesen.

Stephen Coonts war einige Jahre Pilot einer A-6 Intruder bei der U.S. Navy und flog vom Flugzeugträger |Enterprise| aus Einsätze in Vietnam. 1977 schied er aus dem aktiven Dienst aus und wurde Rechtsanwalt in einer Ölfirma. Sein erster Roman „Flug durch die Hölle“ (Flight Of The Intruder) erschien 1986 und wurde erfolgreich verfilmt; seitdem haben es 13 seiner Werke in die Bestsellerlisten der New York Times geschafft.

Homepage des Autors: http://www.stephencoonts.com/

Ken Follett – Mitternachtsfalken

„Mitternachtsfalken“ spielt, wie schon Ken Follett’s Debütroman, „Die Nadel“, und sein direkter Vorgänger, „Die Leopardin“, während des 2. Weltkriegs: Diesmal im nazibesetzten Dänemark des Jahres 1941.

Im Mittelpunkt steht „Freya“, ein neuartiges deutsches Radargerät an der Küste Dänemarks. Es fügt dem britischen Bomberkommando schwere Verluste zu, in einer Zeit, in der Rommel in Afrika triumphiert und die politische Stimmung in England angesichts der bisher alle Erwartungen übertreffenden Erfolge der Wehrmacht bei der Invasion Russlands von Furcht geprägt ist. Stalin fordert von Churchill, die Luftangriffe auf Deutschland zu verstärken. Doch ohne nähere Kenntnisse, wie die deutsche Luftraumüberwachung funktioniert, fürchtet man eine Niederlage und faktische Zerstörung der Bomberflotte…

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Hohlbein, Wolfgang – Intruder

Drei deutsche Biker haben ihren Traumurlaub im Marlboroland zwischen Grand Canyon und Monument Valley gebucht. Doch ein wütender Indianergeist, der Wendigo, sorgt für einiges Ungemach: Es wird ein Albtraum-Urlaub…

Wolfgang Hohlbein ist schlicht und ergreifend einer der erfolgreichsten Autoren von phantastischen Erzählungen, meist in Romanform. Zu „Intruder“ muss man allerdings anmerken, dass dieser Roman in sechs Lieferungen verkauft wurde. Dieses Vorgehen haben schon Stephen King und John Saul vorgemacht. Hohlbein kann es genauso gut. Jede der Lieferungen entspricht einem Tag des erzählten Geschehens. Und am siebten Tage ruhte der Schöpfer und sah, dass es gut war…

Es hatte eigentlich ein unbeschwerter Urlaub werden sollen: mit der Harley-Davidson über die Route 66 und andere legendäre Landstraßen im Südwesten der USA brausen und die unendliche Weite und das „Gefühl von Abenteuer und Freiheit“ genießen. Marlboro-Land: der Grand Canyon und das Monument Valley. Yeah, baby.

Die drei Freunde haben alles schon von Deutschland aus organisiert und gebucht. Mike Wolff, der Schriftsteller, ist der Pessimist und Skeptiker – das ist bei seiner berufsbedingten lebhaften Fantasie ja kein Wunder. Stefan, der Zahnarzt, und Frank sind die optimistischen Planer im Trio. Doch einer von ihnen hat Mist gebaut: Statt der gewünschten Harley-Davidsons gibt es nur behäbige Suzuki-Schüsseln zu steuern: VL800, mit dem ominösen Beinamen „Intruder“ (Eindringling).

Es liegt aber nicht an den Motorrädern, dass die Tour, die von Arizona zum Grand Canyon führt, unter einem schlechten Stern zu stehen scheint. Als die drei Deutschen einer Indianerfamilie begegnen, verursacht das Hänseln des kleinen Indianerjungen bei Mike einen Wutanfall, den er nur mit Mühe unterdrückt – und nicht ohne sich lächerlich zu machen. Das wiederholt sich, und so hat Mike die Indianerfamilie in ihrem schwarzen Van auf dem Kieker.

In einer Schlucht am Ende einer abgelegenen Straße besuchen die drei einen alten Indianerfriedhof. Dabei hat Mike eine lebhafte Vision: eine plötzliche hervorbrechende Wasserwand, die ihn in der trockenen Schlucht zu ersäufen droht. In einer Indianersiedlung hat Mike eine zweite Erscheinung: In einer der kargen Hütten kontaktiert ihn der Geist eines Schamanen und verspricht, ihm beizustehen. Mike muss zunächst eine lebenslange Furcht überwinden.

Das hilft ihm aber wenig, als er bei der Rückfahrt aus der Schlucht den bewussten kleinen Indianerjungen überfährt und vor Schreck einen schweren Unfall erleidet. Seltsamerweise sind er und das Motorrad kaum in Mitleidenschaft gezogen. Überzeugt davon, er habe den Jungen auf dem Gewissen, fährt Mike weiter und trifft seine Freunde wieder.

Doch von nun an sollen Mike, Stefan und Frank kaum noch eine ruhige Minute haben. Das Pech klebt ihnen an den Fersen. Schließlich kommt es zu Szenen, die die drei nur aus John-Wayne-Western kennen: wilde Schießereien zum Beispiel. Mike, so erzählt ihm der Geist des Schamanen, hat den Indianergeist Wendigo herausgefordert. Und wie jedes Kind weiß, ist mit wütenden Geistern nicht gut Kirschen essen. Auch Mikes Freunde müssen seine „Vergehen“ ausbaden.

Hohlbein aktiviert das komplette Arsenal aller Indianerfilme, Western und Geistergeschichten, die er je gesehen oder gelesen hat: angefangen bei Skalps und Friedhöfen, über Schamanen und Flüche bis hin zu 44er-Colts. Da aber hinsichtlich Geistern bekanntlich nichts so ist, wie es scheint, fällt der Zuhörer von einer Überraschung in die andere. Da ist Aufmerksamkeit gefordert, um noch mithalten zu können. Zum Glück mache ich mir bei den meisten Hörbüchern Notizen (die ich später für den Bericht gut gebrauchen kann).

Zunächst lässt sich die Geschichte ganz locker an. Nur ein paar Merkwürdigkeiten stören den geplanten Ablauf der Dinge. Zwischen den einzelnen Rastpausen ist genügend Zeit, um geistig durchzuatmen und sich für die nächste Katastrophe zu wappnen. Allerdings werden diese Verschaufpausen zunehmend kürzer und seltener, je mehr sich die bizarren Ereignisse häufen und schließlich überschlagen. Ganz am Schluss hatte ich Mühe, den seltsamen Erscheinungen, die sich gleichzeitig auf zwei Realitätsebenen abspielen, zu folgen. Aber dafür gibt es ja die Replay-Taste.

Der Sprecher Jörg Schüttauf erledigt hier einen kompetenten Job. Da sich die hauptsächlich männlichen Stimmen kaum voneinander unterscheiden, sind seine Intonierungsfähigkeiten nur begrenzt gefordert. Wenn ich mich richtig erinnere, kommt überhaupt keine Frauenfigur vor, die etwas Wichtiges sagt. Schüttauf braucht also nie in einer höheren Tonlage zu sprechen. Festzuhalten ist, dass er richtig betont und nicht zu schnell vorträgt. Jörg Schüttauf erhielt 1993 den Adolf-Grimme-Preis und 1995 den Fernsehpreis der Akademie für Darstellende Künste. Der Schauspieler machte sich mit Rollen im „Tatort“ und im „Fahnder“ einen Namen.

Man mag von Hohlbeins Erzählkunst halten, was man will, so viel steht fest: Er versteht es zu unterhalten. Wie gesagt, bietet er dafür das komplette Inventar des amerikanischen Südwestens auf, gestapelt in einer immer wilder werdenden Geister- und Visionen-Story, die sich an ihrem Höhepunkt zu reiner Fantasy auswächst.

Die Horrorelemente sind strategisch wirkungsvoll platziert, so dass für ordentlich Gänsehaut gesorgt ist. Da sie meist unvermittelt auftauchen, ist auch eine gewisse Schockwirkung gewährleistet. Leider wirken diese „Spezialeffekte“ nach einer Weile willkürlich inszeniert und lassen den anspruchsvollen Zuhörer zunehmend gleichgültig reagieren. Daher muss der Autor die „Dosis“ steigern. Und das führt zu einem Höhepunkt, dessen Sinn für manchen schon recht zweifelhaft aussieht.

Ich persönlich stehe mehr auf psychologisches Gruseln, ab und zu auch mal auf Clive Barker oder etwas von Stephen King. Hohlbein bietet mit „Intruder“ handfeste, nahrhafte Horror-Fantasy-Kost, die wohl vor allem ein männliches Publikum anspricht. Und das müssen nicht unbedingt Motorradfans sein. Auch wer nicht mal eine Harley-Davidson von einer Suzuki-„Reisschüssel“ unterscheiden kann, wird wohl professionell von Hohlbein bedient.

Spielzeit: 407 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Stackpole, Michael A. – Geisterkrieg (Mechwarrior Dark Age 1)

Unglaublich, aber wahr: Das Merchandising boomt, und die Firma, welche die Initialzündung gab, geht Pleite. Die Rede ist von der FASA Corporation. Diese hatte im Rollenspiel-/Brettspielbereich große Erfolge, Shadowrun und BattleTech sind in Deutschland und weltweit erfolgreiche und bekannte Serien. BattleTech brachte es auch im Computerspielbereich zu einigem Ruhm: Die beliebte MechWarrior-Serie wurde erst von Activision und später Microsoft vertrieben, sogar im Konsolenbereich wurden die Stahlkolosse dieser Serie in die Schlacht geschickt.

Für mich persönlich, der nur die Computerspiele und die Romanserie kannte, waren die Bücher allerdings das Größte: Einigen Autoren, allen voran Michael Stackpole, gelang es, dem tumben Gekloppe meterhoher, schwer bewaffneter Kampfmaschinen mit Pilot (den BattleMechs) ein zeitweise überdurchschnittlich hohes literarisches Niveau zu geben, und so dem ganzen zugehörigen BattleTech-Universum Esprit und Leben einzuhauchen.

Leider verspekulierte FASA sich, 2001 musste die Firma die Rechte an BattleTech an WizKids abtreten – davor sprangen schon zahlreiche der besten Autoren, u.a. Stackpole, ab und das Niveau litt am Ende teilweise erheblich. Vom Glanz der Highlights wie Stackpoles „Blut der Kerensky“-Trilogie oder der Saga der „Gray Death Legion“ zurück ins Mittelmaß.

WizKids machte einen recht radikalen Schnitt: Man startete die neue Serie „Dark Age“, die in einer apokalyptischen Zeit spielt, in der die alten Strukturen der bekannten BattleTech-Romane nicht mehr existieren. Wo einst Mech-Regimenter aufeinander losgingen und Söldnereinheiten von Planet zu Planet zogen, klopfen sich nun umgebaute Agro-Mechs mit veralteter Hardware und wahre BattleMechs sind zur Seltenheit geworden.

Die Regelwerke für das TableTop wurden verfeinert, und man konnte für die Wiederauferstehung BattleTechs namhafte Autoren gewinnen: Michael Stackpole ist wieder dabei, ebenso Loren Coleman. Die Einführung in das neue „Dunkle Zeitalter“ überließ man dem Liebling der Fans, Michael Stackpole – der Einstiegsroman „Geisterkrieg“ kam allerdings bei vielen Fans nicht so gut an wie erhofft…

Anstelle einer Inhaltsangabe des ersten Bandes gebe ich das Szenario wieder, das vorgestellt wird – und verzichte darauf, einige Überraschungen zu verraten:

Die Innere Sphäre hat es geschafft: Nach dem Ende des Bürgerkriegs haben Extremisten von Blake’s Wort die Hyperpuls-Generatoren ComStars sabotiert, die galaxisweite Kommunikation brach zusammen und es kam zu einer Katastrophe, die dem Endes des damaligen Sternenbundes nicht unähnlich war: Das Lyranische Commonwealth, die Liga Freier Welten, nicht einmal die Konföderation Capella noch das Draconis-Kombinat existieren noch in ihrer alten Form. Erneut hat sich die Menschheit fast in die Steinzeit zurückgebombt. Lokale Warlords rissen die Macht an sich, die einzige größere Macht ist die Republik der Inneren Sphäre, die mit ihren „Rittern“ streng darüber wacht, dass niemand zu viele BattleMechs um sich schart und selbst mit ihren oft eher als Undercover-Agenten arbeitenden Mechkriegern versucht, die überall aufflammenden Krisenherde unter Kontrolle zu halten.

Einer dieser inoffiziellen Phantomritter ist Sam Donelly. Er merkt bald, dass hinter terroristischen Anschlägen auf einer eher unbedeutenden Welt gezielte Beeinflussung von außen steckt: Der große Unbekannte agiert mit seinen Untergebenen wie mit Bauern in einem Schachspiel, in dem ganze Welten ihm für ein Bauernopfer nicht zu schade sind.

Sam ist der Einzige, der neben dem greisen und in Ehren ergrauten Victor Davion die schwer erkennbaren Zusammenhänge hinter diesen Scharmützeln sieht. Infiltration und klassische Doppelagententätigkeit sind hier mehr gefragt als die Schießkünste der offiziell agierenden Ritterin Janella Lakewood, die mit ihren Mechkriegern und Sam den offiziellen Auftrag der Republik erhält, dieser mysteriösen Bedrohung ein Ende zu setzen.

Soweit, so gut. Oder sagen wir gleich: So schlecht. Obwohl Michael Stackpole das klassische BattleTech-Universum zu dem gemacht hat, was es ist, gefällt mir seine neue Idee ganz und gar nicht.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, ganze BattleMech-Heere durch den interessanteren und persönlicheren Kampf weniger Mechs gegeneinander zu ersetzen, aber leider gibt es in diesem Buch ziemlich exakt nur ein einziges, wenig berauschendes Scharmützel. Stattdessen wird Sam auf haarsträubende Weise in eine Terrororganisation eingeschleust, die Stackpoles Variante des „gemäßigten Terrorismus“ praktiziert, der die lokale Regierung diskreditieren soll, damit der neue Machthaber als der kompetente Retter erscheinen und die ganze Welt einsacken kann. Die Vorgeschichte dieser kaputten Welt wird, für Stackpole untypisch, kaum erzählt, und wenn, dann als lieblose und oberflächliche Litanei. Statt dessen lamentiert er zu Beginn des Buches über einen Vorwurf, er würde anspruchslose Literatur schreiben, den er recht aufdringlich auf unpassende Weise der Hauptperson in den Mund legt – und bestätigt ihn damit in gewisser Weise. Auch die ominöse Macht im Hintergrund wird nur in Nebensätzen erkennbar, man muss wohl weitere Bände abwarten. Sam kann keinen Charakter entwickeln – der alte Victor Davion muss als Repräsentant der guten, alten Zeit als Rentner reaktiviert werden. Furchtbar!

Schlimmer ist, dass die „Ritter“ wie eine Jedi-Ritter-Kopie daherkommen und quasi einen ominösen Osama jagen, während die sowieso schon am Boden liegende Welt von Terrorismus noch mehr gebeutelt wird. Für fremdartige Kulturen wie die Clans, oder das japanisch angehauchte Draconis-Kombinat, blieb in dieser US-amerikanischen Endzeitwelt kein Platz.

Logische Ungereimtheiten und die blassen Charaktere – ich musste erst einmal den Nachnamen der Hauptperson nachschlagen! – geben dem Buch den Todesstoß. Zumal BattleTech-Fans wohl erwarten dürfen, dass sie, wenn sie BattleTech lesen wollen, auch BattleTech geliefert bekommen, und nicht minderwertige Agenten-Thriller. Hier hat Stackpole ein Eigentor geschossen – in diesem Genre ist er kein Meister, hier sollte er die Bühne anderen überlassen.

Fazit: Interesse geweckt hat das Buch nicht gerade. Entsetzen hervorgerufen, das schon eher. Auch die gewohnt gute Übersetzung von Reinhold H. Mai kann da nichts mehr retten. Infos über das neue Szenario findet man eher im Internet als im Einstiegsband, der einen wahrlich ein „Dunkles Zeitalter“ befürchten lässt. Keine Reanimation, eher eine Leichenschändung einer ehemals erfolgreichen Merchandise. „Classic“ BattleTech erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; wie es im TableTop-Bereich aussieht, möchte ich nicht beurteilen, den Erfolg und positiven Einfluss, den die alten BattleTech-Romane auf die ganze Serie hatten, wird man nach diesem fehlgeschlagenen Einstand und dem fast besser zu Shadowrun passenden Szenario nicht mehr erwarten können. Mein Tipp: Lieber die alten BattleTech-Romane komplett sammeln – unterhaltsamer und ein potenzieller Kandidat für hohe Preise im Antiquariat in fünf bis zehn Jahren.

Homepage von Michael Stackpole: http://www.stormwolf.com/
(inklusive interessanter Diskussion über das neue Szenario)

Dick, Philip K. – Minority Report

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ – daher auch der Titel dieser Sammlung. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsame Ideen.

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott 1980 seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood neben der „Matrix“-Idee verfilmt hat. Ben Affleck soll in naher Zukunft in einem Film namens „Paycheck“ auftreten, der auf der gleichnamigen Dick-Story aus dem Jahr 1953 beruht. An einem Skript zu Dicks Roman „Der dunkle Schirm“ wird seit Jahren gebastelt. Und vom Roman „UBIK“ hat Dick selbst ein Skript erstellt (das in der Heyne-Ausgabe vom 11/2003 enthalten ist), das aber noch keine Umsetzung gefunden hat.

Die Storys (* = verfilmt):

1) *Der Minderheiten-Bericht („Minority Report“)

Man stelle sich die Handlung von Steven Spielbergs Film etliche Nummern kleiner vor und wird sich so ungefähr der Dimension der Story annähern. John Anderton, der Polizist beim Projekt „Pre-Crime“, verhindert Verbrechen, noch bevor sie begangen werden. Der Grund: Die drei Präkognitiven (Pre-Cogs) von Pre-Crime haben das Verbrechen vorausgesehen. Doch eines Tages treffen zwei merkwürdige Umstände ein: Es wird eine Verbrechenswarnung über Anderton selbst ausgegeben – dieser kennt sein angebliches Opfer noch gar nicht. Und es gibt dazu einen Minderheitenbericht: Einer der Pre-Cogs äußerte eine davon abweichende „Meinung“. Es wird eng für John Anderton, als ihn seine früheren Kollegen zu verfolgen beginnen…
Wer soll die Wächter bewachen? Diese alte römische Frage stellt Dick auch diesmal wieder. Die Folgen bei Spielberg: Drama & Action, bei Dick einige interessante Dialoge und Gedankenspiele. Auf jeden Fall lesenswert.

2) Kriegsspiel (War game)

Generäle spielen Kriegsspiele, das weiß jeder. Aber in einer von Krieg und Militarismus beherrschten Nation (wie etwa der amerikanischen) spielen auch Kinder Kriegsspiele. Buchstäblich. Und diese muss ja jemand testen. Die Tester von der Importkontrolle erhalten Spielprototypen von einem mysteriösen Hersteller, der auf dem Jupitermond Ganymed herstellen lässt. Und die Ganymedianer sind ja bekanntlich ziemlich hinterlistige Burschen. Den Testern ist nicht ganz klar, um wen es sich bei den Ganymedianern genau handelt, aber das Spiel ist interessant, geradezu realistisch – und didaktisch. Die Tester werden trainiert, ohne es zu merken. Aber wenn die Hersteller nun Aliens wären, die die Abwehrbereitschaft der Erde prüfen wollten?
„Kriegsspiel“ ist eine unterhaltsame und augenzwinkernde Satire auf Militär und Geheimdienst, die es in sich hat.

3) Was die Toten sagen (What the dead men say)

Diese Erzählung von 1964 bildet eine Vorstufe zu Dicks Roman „UBIK“ (1969). Im Kälteschlaf-Institut von Herbert Schönheit von Vogelsang können Menschen im Kältepack dennoch für gewisse Zeit – das „Halbleben“ – mit ihrer Umwelt kommunizieren, etwa um Ratschläge zu erteilen und Anteil an bestimmten Entwicklungen zu nehmen. Doch Louis Sarapis, der mächtigste Industriemagnat des Sonnensystems, reagiert nicht auf Versuche, ihn im Halbleben zu reaktivieren. Statt dessen meldet er sich plötzlich aus einer Lichtwoche Entfernung aus dem Weltall. Hintergrund dieses Phänomens ist wohl, dass Sarapis‘ Erbin die Stimme aus dem All vorgetäuscht hat. Der Protagonist der Story, Gordon Barefood, bricht auf, um die Frau auszuschalten, wiewohl er sich in sie verliebt hat.
Wenngleich der Autor eine logische Erklärung für die Vorgänge findet, haftet der Geschichte über weite Strecken ein starkes Gefühl der Verfremdung und des Unbehagens an. Motto: Die Welt ist aus den Fugen geraten, doch Dicks Helden geben niemals den Versuch auf, die Rätsel aufzuklären. Dick hat hier das Potenzial verschenkt, die Aspekte des Halblebens im Kältepack auszuloten. Das hat er 1969 in „UBIK“ nachgeholt.

4) Ach, als Blobel hat man’s schwer! (Oh, to be a blobel!)

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Blobel, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

5) *Erinnerungen en gros („Total Recall“)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.
Und so geht Dougie zur Endsinn AG (von ‚entsinnen‘, sich erinnern; im Original „We can remember it for you wholesale“). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster…
Die Story ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. (Nix Genaues weiß man nich.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem Mega-SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Knowledge Worker, Donald Hogan, vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

6) Glaube unserer Väter (Faith of our fathers, 1967)

Dick verknüpft in einer seiner anstoßerregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben. Sie erschien zuerst 1967 in der berühmten SF-Anthologie „Dangerous Visions“.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.
Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.
Nachdem Tanya ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur dekadenten Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, muss so manche Leser des Jahres 1967, während der Vietnamkrieg tobte, in Weißglut versetzt haben. Vaterlandsverrat
Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem gab es in seiner Story noch Drogenkonsum und Sex, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte inzwischen erledigt oder relativiert haben.
In seiner Original-Nachbemerkung zu seiner eigenen Story (ein seltener Fall!) dementierte der Autor 1967, irgendeine der vorgebrachten Ansichten oder Thesen selbst zu vertreten. Aber er findet den Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und theologischer Erkenntnis interessant. Herausgeber Harlan Ellison bemerkte dazu in seiner Story-Einleitung, dass sich auch dieser Aspekt inzwischen sehr relativiert habe: Nichts als heiße Luft. Wie auch immer: Dick schrieb Ende der 70er Jahre seine VALIS-Trilogie, inder er ein gottähnliches Wesen, eben VALIS, auftreten lässt.

7) Die elektrische Ameise (The electric ant, 1969)

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.
Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)
Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: Der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur eine Wirklichkeit: die eigene. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

8) *Variante zwei (Second Variety; „Screamers“)

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Rutger Hauer in einer der Hauptrollen verfilmt.
Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.
Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichtsahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.
Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

9) *Hochstapler („Impostor“)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.
Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit der sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.
Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…
Dick beschreibt hier auf brillante Weise eine vermeintliche Paranoia, die sich zur Realitätssuche auswächst: Kurze Zeit gibt es Hoffnung für Spence Olham, denn er kann immer neue Beweise für seine Identität aufbieten. Doch die harte Pointe enthüllt die Wahrheit.

Diese Sammlung enthält in der Tat, wie es der Original-Untertitel „Classic Stories“ verspricht, eine Reihe „klassischer Storys“ Philip K. Dicks. Sie veranschaulichen demjenigen, der sich Dicks Werk erschließen möchte, Zugang zu einigen zentralen Themen darin: Die Auslotung der Unterschiede zwischen Mensch und Maschine (= Android) sowie die Untersuchung der Natur der Wirklichkeit. Zu letzterer gehören etliche Paranoia-Stories, von denen hier nur wenige gesammelt sind. In Geschichten wie „Impostor“ finden beide Themen zueinander.

Wem die Ideen Dicks durchaus interessant und verdaubar erscheinen, sollte sich eine Stufe weiter wagen und sich den einen oder anderen der Romane vornehmen. Sie wurden bei Heyne in einer kommentierten und sprachlich überarbeiteten Form herausgegeben. Natürlich ist auch ein so bekannter Roman wie „Blade Runner“ darunter. Aber auch „Marsianischer Zeitsturz“ und „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ verdienen Aufmerksamkeit. Sie gehören zum Besten, was Dick je geschrieben hat. Und das war eine ganze Menge.

Hinweis: Von Dick-Experte Uwe Anton, einem bekannten Übersetzer und Autor, ist 1993 im Thomas-Tilsner-Verlag, Bad Tölz, eine sehr gute und hilfreiche Monografie erschienen: „Philip K. Dick – Entropie und Hoffnung“ (ISBN 3-910079-01-6, ca. 17,40 €). Allein die Bibliografie ist mit rund 50 engbedruckten Seiten eine der umfangreichsten zu Philip K. Dick im deutschen Sprachraum.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Mankell, Henning – Mörder ohne Gesicht

Ein altes Ehepaar wird auf seinem abseits gelegenen Bauernhof grausam überfallen und ermordet. Als der schwedische Polizist Kurt Wallander am Tatort eintrifft, ist die Frau noch am Leben und gibt mit dem Wort „Ausländer“ einen verwirrenden und hochbrisanten Hinweis auf die Täter. Denn keinerlei Spuren deuten auf Ausländer hin, im Gegenteil: Ein Bekannter der Toten enthüllt den Beamten, dass eher eine ehemalige Geliebte des Ermordeten und ihr gemeinsamer Sohn als Täter in Frage kommen, weil diese um das geheim gehaltene Vermögen des Bauern wussten.

Als an die Öffentlichkeit gelangt, dass auch nach Ausländern gefahndet wird, geben ein Brandanschlag auf ein Asylheim und ein nachfolgender Mord an einem Somalier den Polizisten zusätzliche Arbeit und setzen sie unter Zwang, den Doppelmord schnellstmöglich aufzudecken. Doch die Ermittlungen in Richtung Familie der Ermordeten enden schnell in einer Sackgasse und keine neue Hinweise durch mögliche Zeugen gehen ein. Wallander und seine Kollegen sind ratlos und befürchten, dieses grausame Verbrechen zu den ungelösten Fällen ablegen zu müssen, bis eine Bankangestellte sich an etwas erinnert …

Der „Mörder ohne Gesicht“ läutete die Wallander-Erfolgsstory ein und schnell wird klar, warum diese Romane süchtig machen: Die Figur Wallander wird binnen weniger Kapitel zum alten Bekannten, den man bemitleidet, bewundert und gleichzeitig mag und nicht mag. Der Leser folgt ihm wie unter Zwang auf seinen zwei Lebenswegen: Auf der einen Seite sein Polizistendasein, mit dem er hadert, in dem er leidet, das ihm menschliche Seiten zeigt, die er nicht versteht, aber auf’s Argste bekämpfen möchte und das ihn zur Verzweiflung treibt, wenn es scheinbar nicht möglich ist.

Auf der anderen Seite Wallanders Privatleben: Geschieden, der Tochter entfremdet, oft in Alkohol fliehend, vegetiert er dahin, von utopischen Wünschen und Hoffnungen erfüllt, die doch nie wahr werden. Eine jämmerliche Existenz, die jedoch vielleicht gerade deswegen den Leser fasziniert und in einem Gefühlschaos versinken lässt.

Stilistisch gesehen bietet Henning Mankell in seinen Romanen nicht sehr viel. Seine Stärke ist die Darstellung der Charaktere, nicht seine Ausdruckskraft. Viele Wiederholungen, vor allem Passagen Wallanders persönliches Dilemma betreffend, stoßen doch öfter auf, da sie einfach den Lesefluss stören und der Leser aus der eigentlichen Geschichte herausgerissen wird. So leidet auch der Spannungsbogen hauptsächlich in der Mitte des Romans ganz erheblich.

Mankell versteht es zwar, Bilder von seiner Hauptfigur in allen Situationen im Leser auferstehen zu lassen, doch bleibt alles andere größtenteils verschwommen, was meiner Meinung nach sehr schade ist, denn Mankells schriftstellerisches Potenzial ist deutlich erkennbar. Durch Wallander entsteht zwar eine melancholische Atmosphäre, diese könnte aber weit mehr ausgefeilt werden – so weit, dass der Roman schließlich von ihr beherrscht und der Leser durch sie gnadenlos bis zum tiefsten Abgrund geführt wird.

Doch Wallander-Fans werden diese kleinen Schwächen dem schwedischen Autor (nähere Infos im Review zu [„Hunde von Riga“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=95 verzeihen und das ist auch richtig so, denn „Mörder ohne Gesicht“ ist allemal lesenswert und lädt zum kniffligen Ratespiel ein: Wer ist denn nun der Mörder ohne Gesicht?

Homepage von „Kurt Wallander“: http://www.wallander-web.de

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Orden des Phönix

Wohl kein Buch wurde und wird von so vielen Menschen so sehnsüchtig erwartet wie der fünfte Teil der Harry-Potter-Reihe: „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Der 1000-Seiten-Wälzer wiegt 1,13 Kilogramm, so dass mit einer deutschen Startauflage von zwei Millionen Exemplaren insgesamt 2268 Tonnen ausgeliefert werden müssen. Dabei hilft auch die Post, die das Buch sogar zur Geisterstunde zu den erwartungsvollen Lesern nach Hause bringt.
Von den ersten vier Bänden wurden jeweils zwischen 3,5 und 4,6 Millionen Bücher in Deutschland verkauft, eine Zahl, die ´“Harry Potter und der Orden des Phönix“ wohl locker schlagen wird. Schon jetzt ist die Autorin J.K. Rowling die reichste Schriftstellerin der britischen Geschichte. Die 38-Jährige hat allein in den vergangenen 12 Monaten umgerechnet 182 Millionen Euro verdient. Dabei hat sie ihre Vergangenheit als Sozialhilfeempfängerin aber nicht vergessen: Um Aufmerksamkeit für die sozial Schwachen der Gesellschaft zu wecken, durften die Straßenmagazine der Obdachlosen das erste Kapitel vorab drucken und verkaufen.

Und so geht die Saga weiter: Normalerweise sind die Sommerferien ohnehin schon sehr unerfreulich für den 15-jährigen Harry, da er sie immer bei seinen Verwandten, den Dursleys, verbringen muss, aber in diesem Jahr ist es schlimmer als sonst. Darauf zu warten, dass der zurückgekehrte Lord Voldemort seinen nächsten diabolischen Zug macht, ist fast zuviel für Harry. Täglich verfolgt er angespannt die Nachrichten der Muggels und hat sogar den Tagespropheten abonniert, doch kein Wort über Voldemort. Ron und Hermine sind schwer beschäftigt mit geheimnisvollen Aufgaben für Dumbledor, von denen sie Harry nichts erzählen dürfen.
Doch plötzlich wird Harrys lange Wartezeit durch den Angriff zweier Dementoren unterbrochen. Dementoren, die Wächter von Askaban, sind übermenschlich große, unheimliche Kreaturen, die sich meist vollständig unter Umhängen mit Kapuzen verbergen. Sie entziehen allen Menschen in ihrer Nähe die guten Emotionen und lassen nur noch schlimme Erinnerungen übrig. Mit einem Kuss rauben sie ihren Opfern anschließend die Seele. Der Körper bleibt eine funktionierende Hülle, ohne Geist und ohne Erinnerung, ein willenloser Zombie. Harry kann sich nur noch durch die Ausübung des Patronus-Zaubers vor ihnen retten, doch dafür bekommt er eine Vorladung ins Ministerium für Magie, wegen unerlaubter Zauberei in den Ferien. Sollte er für schuldig befunden werden, könnte er sogar seinen Zauberstab verlieren und von Hogwarts ausgeschlossen werden. Da es bei den Dursleys offensichtlich zu gefährlich für Harry geworden ist, lässt Dumbledor ihn in das Hauptquartier des Phönix-Ordens bringen. Der Orden des Phönix ist eine Geheimgesellschaft, die schon einmal den Widerstand gegen Voldemort angeführt hat und nun erneut zu diesem Zweck zusammengerufen wurde. Im Hauptquartier trifft Harry seine Freunde wieder, die Weasleys, Hermine und seinen Patenonkel Sirius, der sich immer noch als gesuchter Verbrecher verstecken muss. Hier erfährt er dann auch, warum im Tagespropheten kein Wort über die Rückkehr Voldemorts verloren wurde. Das Ministerium für Magie will dies nämlich auf keinen Fall zugeben und versucht statt dessen alles, um Dumbledor und Harry zu diskreditieren. Leider mit großem Erfolg, denn die Mehrheit der Zauberer glaubt lieber dem Ministerium, das ihnen vorlügt, es gebe nichts zu befürchten, als der schlechten Nachricht von der Rückkehr Voldemorts.
Obwohl Harry den Patronus-Zauber nur zur Selbstverteidigung ausgesprochen hat, sieht es zunächst äußerst schlecht für ihn aus, niemand glaubt ihm. Nur durch Dumbledors Hilfe, der einen Zeugen für den Angriff der Dementoren benennen kann, wird er schließlich freigesprochen. Zurück in Hogwarts, scheint das Jahr für Harry auch nicht besser weiterzugehen. Nicht genug, dass in diesem Jahr die Examen vor der Tür stehen, gibt es da auch noch eine neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dolores Umbridge, die auf Harry gar nicht gut zu sprechen ist. Und dann diese furchtbaren Träume. Harry träumt jede Nacht von einer geheimnisvollen Tür. Bald glaubt er, dass dieser Traum von Voldemort kommt, denn anscheinend sind Harry und dieser miteinander verbunden. Was bedeutet diese Tür für Voldemort? Kann es sein, dass sich dahinter eine Waffe verbirgt, die ihm den entscheidenden Vorteil über Dumbledor und den Orden des Phönix bringt? Dieser Gedanke bringt Harry dazu, alles zu versuchen, um die Tür vor Voldemort zu finden und zu öffnen. Doch vielleicht ist das Ganze ja nur eine Falle?

Im fünften Teil der Serie wird Harry langsam erwachsen. Er steckt mitten in der Pubertät, entgegen seiner sonst so freundlichen, optimistischen und alles verzeihenden Art ist er nun aufbrausend, nachtragend und jähzornig. Nicht dass er keinen Grund dafür hätte, immerhin wurde am Ende des vierten Teils seine ganze Welt erschüttert. Ein Mitschüler und Freund wurde vor seinen Augen getötet, bevor er selber auf das Grausamste gequält und schließlich sogar gezwungen wurde, mit seinem eigenen Blut Voldemort zu alter Stärke zu verhelfen. Er konnte zwar fliehen, muss jedoch von nun an mit dem Bewusstsein leben, dass Cedric seinetwegen gestorben ist und dass die einzigartige Kraft, die ihn bisher vor Voldemort geschützt hat, nicht mehr existiert.
Nun ist Harry zurück in seiner ganz persönlichen Ferienhölle bei den Dursleys und diesmal erscheint es ihm noch schlimmer, denn er fühlt sich völlig von den Geschehnissen in der Zaubererwelt ausgeschlossen. Nicht einmal Ron oder Hermine haben Zeit für ihn. Dann tauchen die Dementoren auf, die wohl unheimlichsten Gestalten in Rowlings Werken, mitten in der Muggelwelt. Eigentlich sollte Harry bei den Dursleys doch sicher sein. Ganz allein muss er sich gegen sie behaupten und wird dann auch noch vorgeladen, weil er unerlaubterweise in den Ferien gezaubert hat.
Durch den ganzen Roman zieht sich eine bedrückende und düstere Stimmung, die mit dem Auftauchen der Dementoren ihren Anfang nimmt. Obwohl Harry schließlich freigesprochen wird und nach Hogwarts zurück darf, ist das Internat plötzlich nicht mehr dieser strahlende Ort voller Wunder und Magie nach den dunklen, ereignislosen Ferien bei den Dursleys. Gleich zu Anfang bemerkt man eine Distanz zwischen den drei Freunden Harry, Ron und Hermine. Ron und Hermine wurden von Dumbledor zu Präfekten ernannt und können deshalb im Hogwarts-Express nicht mehr im selben Abteil wie Harry fahren. Im Internat müssen sie den anderen Schülern mit einem guten Beispiel vorangehen und sind für die jüngeren Schüler verantwortlich, weswegen sie weniger Zeit mit Harry verbringen können. Wenn Harry dann auch noch bei der neuen Lehrerin Dolores Umbridge Strafarbeiten mit seinem eigenen Blut schreiben muss und sie ihn vom Quidditch ausschließt, nur weil er sich nicht der Lüge des Ministeriums über Voldemorts Rückkehr anschließt, könnte man vor Wut und Ärger über diese Ungerechtigkeit laut schreien.
Dann kommt es noch schlimmer für Harry. Er erfährt, dass sein von ihm über alles verehrter Vater nicht der strahlende Held ohne Fehl und Tadel war und dass Snape wohl durchaus das Recht hat, James Potter und seine Freunde von ganzem Herzen zu hassen. Plötzlich verschwimmt die bisherige klare Teilung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse zu einem trüben, alles verdüsternden Grau.
Was sich im vierten Teil schon abzeichnete, wird in „Harry Potter und der Orden des Phönix“ Realität, der Wandel von einer wunderschönen Geschichte für Kinder zu einer wirklich gelungenen Fantasy-Erzählung für Erwachsene. Wie in allen vorhergehenden Bänden schafft J.K. Rowling es, die losen Fäden spannend miteinander zu verknüpfen und die Figuren lebendig werden zu lassen. Die Geschichte ist kraftvoll und sehr mitreißend geschrieben, so dass Langeweile beim Lesen garantiert nicht aufkommt. Das Buch hat nur den einen Nachteil, dass es irgendwann zuende ist und man wieder so lange auf den nächsten Teil warten muss.

[Deutsche Harry-Potter-Homepage]http://www.carlsen-harrypotter.de

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und die Kammer des Schreckens

In Harrys zweitem Schuljahr in Hogwarts geschehen schreckliche Dinge, irgendjemand oder irgendetwas hat es auf einige der Schüler abgesehen. Immer wieder werden Schüler versteinert aufgefunden und niemand weiß, was den Bann verursacht hat. Bald geht das Gerücht um, die Kammer des Schreckens sei wieder geöffnet worden. Diese Kammer wurde vor Jahrhunderten von Salazar Slytherin, einem der Gründer Hogwarts, gebaut. Slytherin war der Meinung, dass Schlammblüter, also muggelgeborene Zauberer, nichts auf Hogwarts verloren hätten, konnte sich jedoch nicht gegen seine Partner Ravenclaw, Hufflepuff und vor allem Gryffindor durchsetzen, deshalb schuf er die Kammer des Schreckens und verschloss in ihr ein tödliches Ungeheuer. Der Legende nach kann nur der wahre Erbe Slytherins die Kammer öffnen und das Ungeheuer befreien. Als sich bei einem Zauber-Duell gegen Draco Malfoy herausstellt, dass Harry in der Lage ist, mit Schlangen zu sprechen – eine äußerst seltene Fähigkeit, die auch Salazar Slytherin besaß und ebenso Lord Voldemort – vermuten die Schüler in Harry den Erben Slytherins, den Öffner der Kammer und damit den Urheber der Anschläge. Nur Ron und Hermine glauben an Harrys Unschuld und setzen alles daran, den wahren Schuldigen zu überführen. Schließlich gelingt es ihnen, den Zugang zur Kammer zu finden und tatsächlich ist Harry in der Lage, die Kammer mit Hilfe der Schlangensprache öffnen. Dort findet er Ron’s jüngere Schwester Ginnie. Diese steht unter dem Bann Tom Riddles, eines in einem Tagebuch eingeschlossenen Abbildes von Lord Voldemort. Selbst Schüler in Hogwarts gewesen, gelang es Voldemort damals für kurze Zeit, die Kammer zu öffnen. Ein Abbild seines jungen Selbst wurde dabei in einem Tagebuch gefangen. Ohne böse Absicht geriet Ginnie durch die Benutzung des Tagebuches in seinen Bann und öffnete für ihn die Kammer des Schrecken. Nun muss Harry gegen den Schrecken von Slytherins Kammer antreten, doch es sieht schlecht aus, denn wie kann er einen riesigen Basilisk besiegen, der sowohl durch seine Bisse als auch durch seine Blicke töten kann?

Es ist kaum zu glauben, aber man freut sich schon fast mehr als Harry, wieder zurück in Hogwarts zu sein und neue spannende Abenteuer mit den drei Freunden zu erleben. Die detaillierte Schilderung des Internats, in dem nicht Mathematik und Chemie, sondern Levitation und Zaubertränkebrauen auf dem Stundenplan stehen, ist wunderbar gelungen, und neue Nebenfiguren lassen den Alltag in Hogwarts nicht langweilig werden. Gerade mit dem neuen Lehrer gegen die dunklen Künste, Gilderoy Lockhart, erlebt Harry die unglaublichsten Sachen. Und obwohl die grundlegende Idee der Geschichte sich seit dem ersten Teil nicht unbedingt verändert hat, gelingt es der Autorin trotzdem, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Genau wie beim [ersten Teil]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=139 herrscht also in hohem Maße Suchtgefahr.

[Deutsche Harry-Potter-Homepage]http://www.carlsen-harrypotter.de

Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Stein der Weisen

Joanne Kathleen Rowling kann man wohl zu Recht als die Erfolgsautorin der Jahrtausendwende bezeichnen. Arbeitslos und von Sozialhilfe abhängig, erdachte die allein erziehende Mutter, die Französisch und Altphilologie studierte, die zauberhafte Geschichte des Waisenkindes Harry Potter. Der erste Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ erschien zum ersten Mal 1997 und löste einen wahren Begeisterungssturm bei Lesern jeden Alters aus. Die Bücher der Reihe sind mittlerweile in 47 Sprachen übersetzt und in 200 Ländern mit etlichen hundert Millionen Exemplaren Auflage verkauft worden. Die ersten zwei Bände wurden bereits mit großem Erfolg verfilmt. Außerdem gab es natürlich zahllose Literaturpreise für das Werk, und auch Rowling selbst hatte bis hin zu Ehrendoktorwürden und dem „Member of the Order of the British Empire“-Rang so einiges von ihrem Erfolg und ihren damit verbundenen Verdiensten.

Harry Potter wächst bei seinen gemeinen Verwandten den Dursleys auf, da seine Eltern kurz nach seinem ersten Geburtstag ums Leben kamen. Mit elf Jahren erhält Harry die Möglichkeit, auf das Zauberer-Internat Hogwarts zu gehen und dort wie seine Eltern vor ihm die Zauberei zu erlernen. Die Einladung nach Hogwarts wird vom riesenhaften Hagrid auf Weisung des Schulleiters Dumbledor überbracht. Durch Hagrid erfährt Harry dann auch die Wahrheit über den Tod seiner Eltern. Vor zehn Jahren wurde die Gemeinschaft der Zauberer vom bösen und niederträchtigen Lord Voldemort in Atem gehalten. Voldemort und seine Anhänger verachteten alle Muggels (Menschen, die nicht zaubern können), vor allem aber Zauberer, die aus Muggelfamilien stammen. Die Absicht Lord Voldemorts war es, diese, von seinen Anhängern als Schlammblüter bezeichneten Zauberer zu beseitigen. Durch seine großen Zauberkräfte und die Unterstützung seiner zahlreichen Anhänger hätte es ihm gelingen können, sein böses Vorhaben zu verwirklichen, wäre da nicht auch eine Widerstandsbewegung von Zauberern gewesen, zu denen unter anderem neben Hagrid und Dumbledor auch Harrys Eltern gehörten. Bei einem Anschlag Lord Voldemorts kamen Harrys Eltern ums Leben, dem einjährigen Harry gelang es jedoch, den Todesfluch Voldemorts zu überleben und diesen sogar auf den bösen Zauberer zurückzuwerfen. Damit war die Gemeinschaft der Zauberer befreit, denn ohne Voldemort fehlte es seinen Anhängern an Macht und Zusammenhalt, und sie konnten überwältigt und eingesperrt werden.

In Hogwarts lernt der in der Muggelwelt aufgewachsene Harry nun, dass es noch eine andere, für Muggels unsichtbare Welt gibt, in der Hexen, Zauberer, Elfen, Drachen oder Gnome völlig normal sind. Schnell schließt er Freundschaft mit zwei ebenfalls neuen Schülern, Ron Weasley und Hermine Granger. Als der stark geschwächte und verstümmelte Lord Voldemort nach Hogwarts kommt, um den dort aufbewahrten Stein der Weisen zu stehlen, der seinem Besitzer unermessliche Kräfte und sogar Unsterblichkeit verleiht, versuchen Harry und seine beiden neuen Freunde alles, um ihn daran zu hindern.

„Harry Potter und der Stein der Weisen“ mag vielleicht ein Kinderbuch sein, bietet aber auch den älteren Lesern durch die sehr lebendig und witzig erzählte Geschichte eine Menge Spaß. Die Autorin stattete die Welt Harry Potters mit einer liebevoll gestalteten Fülle von Einzelheiten und Nebenpersonen aus. So erschafft sie eine Welt, die schon bald sehr vertraut wirkt, mit einer faszinierenden, manchmal sogar gruseligen Atmosphäre. Der Roman bietet einen geradlinigen Handlungsbogen, dem zu folgen nicht schwer fällt, der dabei aber immer hochgradige Spannung erzeugt. Unbedingt lesen!

[Deutsche Harry-Potter-Homepage]http://www.carlsen-harrypotter.de

Fosar, Grazyna / Bludorf, Franz – Fehler in der Matrix

Der 1982 verstorbene visionäre Autor [Philip K. Dick]http://www.philipkdick.de war die Inspirationsquelle für etliche der wegweisenden Science-Fiction-Filme unserer Zeit, wie zum Beispiel „Blade Runner“, „Minority Report“, „Total Recall“, „eXistenZ“, „The Thirteenth Floor“, „Vanilla Sky“, demnächst „Paycheck“ (von John Woo) – und auch für die bahnbrechende „Matrix“-Reihe. Die Philosophie und beeindruckende Umsetzung von „The Matrix“ hat auch außerhalb der Kinosäle so einiges bewegt, und dies tatsächlich trotz aller Action im Comic-Stil auch in den Köpfen des Publikums. Der – zeitlebens rebellische, mit dem Gesetz konfliktierende und Drogen konsumierende – Autor hat sich stets mit Fragen nach staatlicher Kontroll-Allmacht, dem freien Willen oder der Existenz Gottes befasst und diese Grundmotive immer wieder in seine zahlreichen Schriften einfließen lassen. Wesentlich war die Frage nach der wahren Struktur der Realität und der Manipulation der alltäglichen Wirklichkeit, die er – als studierter Philosoph und Germanist – bis hinein ins Metaphysische trieb. Und keine andere Grundidee hat sich wohl so stark ausgewirkt wie die in „The Matrix“ umgesetzte virtuelle Realität, gesteuert von einer gewaltigen Matrix, die Scheinwelten in die Köpfe der versklavten Menschheit projiziert. Die Matrix-Erschaffer haben nur zwei Probleme, die sich nicht beheben lassen: den freien Willen und die verräterischen „Fehler in der Matrix“.

Dieses Konzeptes haben sich die Wissenschaftsautoren Grazyna Fosar und Franz Bludorf angenommen, über die es in meiner Buchbesprechung zu [Vernetzte Intelligenz]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id_book=56 mehr zu lesen gibt (und Kollegin Bianca hatte sich im September des Buches „Spektrum der Nacht“ angenommen). Kommen wir direkt zum Inhalt ihres aktuellen populärwissenschaftlich abgefassten Buches. Der Matrix-Begriff wird hier in mehrerer Hinsicht verwendet: zum einen natürlich aus aktuellem Anlass im Rahmen der „Matrix“-Euphorie und auch mehrfach unter Bezug auf die Filmdialoge und -grundideen, dann als vernetzende Metapher für einige Aspekte ihrer Betrachtungen, aber letztlich als konkret angewandte mathematisch-physikalische Struktur für Abbildungen oder Projektionsvorgänge. Denn so wie es sich darstellt, lässt sich unsere, für uns scheinbar vierdimensionale, Wirklichkeit sowohl als Fraktalstruktur (eine selbstbezügliche Abbildungsform) als auch als Projektion aus der höherdimensionalen Realität auffassen.

Wer hier abwinken möchte, weil die Erwähnung von „höheren Dimensionen“ ihm – oh schrecklich – nach Esoterik klingt, dem sei gesagt, dass nach den derzeit aktuellsten Theorien (String-, Bran- oder M-Theorien und Vergleichbares) unser Universum mindestens elfdimensional beschaffen sein muss, möglicherweise mehr, damit die entsprechenden Gleichungen korrekte Lösungsmengen liefern. Auch der Bezug zu Fraktalen ist an einem kleinen, durchaus bekannten, Beispiel zu veranschaulichen: Will man die Küste Englands vermessen, so stellt man fest, dass die Länge vom verwendeten Maßstab und der Genauigkeit der Messung abhängt. Werden die Messbedingungen immer präziser, so nehmen die Struktur und damit der Umfang der beobachteten Oberfläche der Küsten“line“ beständig zu, bis hinein in die atomaren Bindungen usw., so dass man in mathematischer Entwicklung guten Gewissens sagen kann, diese Küste sei tatsächlich unendlich lang. Das ist eigentlich auch gar nicht so unerwartet, denn man verwendet schon lange Zeit Fraktale, um natürliche Formen wie Landschaften oder Pflanzen zu berechnen und zum Beispiel in Computerspielen darzustellen. Eine weitere Besonderheit der Fraktale ist, dass sie aus dem immer wieder gleichen Grundmuster aufgebaut sind, nur die Abbildungsvorschrift selbst bestimmt die endgültige Form des Objektes, so dass man zum Aufbau fraktaler Welten wenn nötig nur eine einzige Basisform benötigen würde. Wichtiger ist eben das „Programm“, das diese Form anschließend anordnet und aufbaut – Ähnlichkeiten zur DNA, die, immer wieder gleich, doch komplexen Organismen wie uns Form und Funktion gibt, sind hierbei wohl nicht ganz zufällig.

Was die Dimensionsprojektion angeht, so stellt euch einen Ball vor, der von einer Lampe angestrahlt wird. Dies produziert ein Schattenbild – eine zweidimensionale Bild-Projektion des für uns dreidimensionalen Gegenstandes, wobei zusätzliche Informationen durch diesen Vorgang verloren sind. Diese Überlegung kann man nun auf unsere Wirklichkeit anwenden und unseren vierdimensionalen Alltag als Projektion aus dem mehrdimensionalen Hyperraum betrachten (Platon lässt grüßen?). Auch dabei ginge natürlich vorher vorhandene Information für uns verloren – Information allerdings, die nach wie vor existent ist und sich auf die anderen Dimensionen auswirkt, für uns aber ebenso wenig erfahrbar ist wie die dreidimensionale Realität des Balles für einen zweidimensionalen Menschen in einer flachen Welt.

Diese Projektionsvorgänge und Fraktalerschaffungen der uns umgebenden Struktur funktionieren nun nicht streng deterministisch, linear oder vorhersehbar. Die moderne Physik schlägt sich bereits seit einiger Zeit mit zahlreichen Unbestimmtheiten herum, die es schlicht unmöglich machen, exakte Wissenschaft zu betreiben und statt dessen komplizierte Methoden aus der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung benötigen, um überhaupt noch irgendwie in mathematische Sprache gefasst werden zu können. Diese Unbestimmtheiten, das beständige Wabern und Wogen des „Quantenschaums“, der uns umgibt und durchdringt, die beständige Selbsterschaffung der Vakuumstruktur mit ihren Fluktuationen und Unbeständigkeiten machen auch die Wirklichkeit, in der wir leben, zu einer Welt, die nicht immer so präzise funktioniert, wie sie den Gewohnheiten in unseren Köpfen entsprechen sollte. Die höheren Realitäten und Projektionsvorgänge machen sich also durch Fehler bemerkbar – und erst diese sind es, die es uns ermöglichen, das „Mehr“ zu erkennen, aus dem heraus unsere Lebenswelt erschaffen wird.

Und so berichten Fosar und Bludorf von verschiedenen Störungen und Anomalien, die auf diese Zusammenhänge hinweisen und zur Hinterfragung einer stabilen (Schein-)Wirklichkeit Anlass geben. Parapsychologische Phänomene, Gravitations- und Zeitanomalien, veränderte Bewusstseinszustände, Doppelgängerphänomene, Genetikforschung, Nanotechnologie und militärische Forschungsprojekte, Chaosforschung, Kosmologie, die neue Quantenphysik und allerlei manipulative Eingriffsversuche in die Beschaffenheit der Wirklichkeit zeigen in einem vernetzenden Zusammenhang als Gesamtbild, dass die Matrix nicht perfekt ist und Fehler hat, durch die sie sich uns zu erkennen gibt. Dabei greifen sie neben ihren früheren Werken auf aktuelle akademische Veröffentlichungen zurück sowie auf exotisch wirkende Theorieansätze, wie die Vielweltenhypothese oder die Transaktionale Interpretation der Quantenphysik. Wissenschaftler wie Hugh Everett und John Wheeler, Edward Witten, Stephen Hawking, Fritz-Albert Popp, Richard Feynman, Jack Scarfatti, Hartmut Müller, Fred Alan Wolf, John G. Cramer oder Dean Radin gehören mit ihren Theorien zu den wichtigen und bekannteren Größen, deren Arbeiten in diesem Werk Verwendung finden. Hinzu kommen aber vielfach weniger bekannte akademische Arbeiten und Experimentalergebnisse, zum Teil wieder aus dem russischen Raum, Asien oder Australien, aber auch von den Autoren selbst durchgeführte Untersuchungen, mit deren Hilfe verschiedene, höchst ungewöhnliche Beobachtungen und Theorien mit- und zueinander in Relation gesetzt werden können und in der Summe ein erstaunliches Konzept mit so manchem Aha-Effekt offenbaren.

Gelegentlich setzen die Autoren die Kenntnis ihrer früheren Schriften voraus, zumindest dort, wo Theorien und Feststellungen eher knapp angemerkt und herangezogen werden, die dem darüber noch nicht informierten Leser einige Fragezeichen bescheren dürften. Wenn man diese Passagen aber für den Faktenaufbau zunächst einfach hinnimmt, ist es kein Problem, den Ausführungen weiterhin zu folgen, aber für ein intensiveres Verständnis der Zusammenhänge kann ich die zusätzliche Lektüre vor allem von „Vernetzte Intelligenz“ wirklich empfehlen. Allgemein ist der Schreibstil wieder sehr gut zugänglich, das Buch liest sich streckenweise so spannend wie ein Wissenschafts-Thriller. Und wem die Faktenfülle noch nicht ausreicht, für den haben die Autoren in das Buch zusätzliche Hintergrundtexte in Boxen mit der Überschrift „Was Einstein noch fragen würde…“ eingebaut, die es fachlich zum Teil ziemlich in sich haben und ebenso wie zahlreiche Erwähnungen des Schaffens anderer Wissenschaftler zum ausgiebigen Stöbern in der Buchhandlung einladen, um die Lektüre zu vertiefen. Zahlreiche Quellenangaben sowie eine ausgiebige Literaturliste sorgen für die gebotene wissenschaftliche Sorgfalt (wenngleich das Buch selbst nicht wissenschaftlichen Standards genügen kann und sich eben in populärwissenschaftlicher Darstellung zum Glück einem breiteren Leserpublikum zuwendet), ein Glossar sorgt für den begrifflichen Überblick, zahlreiche Grafiken sowie 44 Farbabbildungen im Fototeil ergänzen die visuelle Verständnisebene und das Register macht „Fehler in der Matrix“ auch als Nachschlagewerk tauglich.

Hiermit ist Fosar und Bludorf ein weiterer begeisternder Geniestreich gelungen, der Weltbilder zu bewegen weiß und zumindest bei mir für zahlreiche Assoziationen und Synchronizitäten sorgte und das Verständnis einiger Zusammenhänge und Theorieansätze sehr erleichterte, die ich bislang in dieser Form nie weiter durchdacht hatte. Wer mit offenem Geist, aber mit geboten kritischer (in doppelseitiger Bedeutung) Sichtweise an die Lektüre geht und bereit ist, festgefahrene Wege zu verlassen, um neue Pfade zu beschreiten und eigene Spuren im Sand der Zeit zu hinterlassen, findet hier eine wirkliche Bereicherung für die eigene Weltsicht und eine wichtige Ergänzung für ein grundlegendes Verständnis vom Zusammenhang der Dinge, die unsere Wirklichkeit erschaffen. Fosar und Bludorf haben sich spätestens mit ihren letzten beiden Veröffentlichung jedenfalls an die Spitze meiner persönlichen Favoriten für grenzwissenschaftliche Literatur katapultiert.

Homepage der Autoren: http://www.fosar-bludorf.com

Kerr, Philip – Esau

„Aber Esau, mein Bruder, ist ja ein haariger Mann, und ich bin ein glatter Mann.“
1. Mose 27.11

Der Kalifornier Jack Furness gehört zu den Besten seiner Zunft. Kaum ein Gipfel, den er noch nicht bezwungen hat, bevorzugt ohne Sauerstoffgerät, dafür nur mit Eispickel, Steigeisen und einem Halteseil bewaffnet. Diesmal hat er sich im Annapurna-Gletschergebiet ausgerechnet den Machhapuchhare vorgenommen – den heiligsten aller Berge, von der nepalesischen Regierung seit Jahrzehnten zum Sperr- und Schutzgebiet erklärt. Und als wollten die Götter der Berge ihn und seinen Begleiter Didier für diesen Frevel strafen, gibt es scheinbar einen Meteoriteneinschlag in den schneebedeckten Gipfeln und eine Lawine fegt die beiden Eindringlinge hinab in die weiße Hölle des Eises. Jack überlebt den enormen Absturz, eingebettet in die dämpfenden Schneemassen, und erwacht in einer Gletscherhöhle, wo er einen höchst absonderlichen und gut erhaltenen fossilen Schädel findet, den er für seine Freundin Swift einpackt und mitnimmt.

Doch zuvor ein Szenenwechsel zum Pentagon: Perrins wird mitten in der Nacht wegen Datenmaterials der höchsten Sicherheitsstufe SCI zu einer Dringlichkeitssitzung in das offiziell gar nicht existierende Amt für Weltraumsysteme gerufen. Pakistan und Indien liegen am Rande eines offenen Konfliktes und sind kurz davor, ihre Nuklearwaffen abschussbereit zu machen. Ein Zwischenfall und die zugespitzte Lage machen die Aufklärung des Krisengebiets Indien/Pakistan/Nepal/Tibet/China dringend notwendig. Als der erste Versuch kläglich scheitert, kommt ein Bericht über das Bergunglück von Jack und Didier gerade richtig, ein nur den Geheimdiensten nützlicher Hinweis ist darin zu finden und man beschließt, einen Agenten loszuschicken. Dabei kommt die Initiative von Jack und Swift recht gelegen…

Swift, eigentlich Doktor Stelle Swift, ist Paläoanthropologin an der Universität Berkeley, einer der bedeutendsten Brutstätten menschlichen Forschungswissens. Jacks Besuch unterbricht ihre Lehr- und Forschungsarbeit jäh und mit unerwarteten Wendungen, denn dieser Schädelfund will so gar nicht in das Schema der Schulweisheiten passen. Und so recht fossil wirkt er auf Swift auch nicht. Nach allerlei Untersuchungen und der Beratung von Spezialisten verschiedener Fachrichtungen, von denen Swift in Berkeley glücklicherweise Weltspitzenkräfte zur Verfügung hat, wird ein waghalsiger Entschluss gefasst: Eine Expedition zum Machhapuchhare, die natürlich als Reise zum erlaubten Gebiet des Annapurna ausgegeben wird. Ein Spezialistenteam wird unter Schweigeverpflichtung engagiert, und obwohl die Expedition zunächst von den Geldgebern abgewiesen wird, kommt es verspätet doch noch zu einer Erlaubnis. Jack kommt etwas daran nicht ganz geheuer vor, und so steigt er freikletternd in ein Bürogebäude des Prüfungsausschusses ein, nur um dort Unterlagen über eine Involvierung der Geheimdienste zu finden. Jemand im Team ist also nicht ganz das, was er vorzugeben scheint. Jack behält dieses Wissen zunächst für sich und hält die Augen offen. Was weder er noch die Auftraggeber der Geheimdienste ahnen und zu spät erfahren: Der Agent hat eine zunehmend instabile Persönlichkeitsneurose, die ihn unberechenbar macht.

Wer bei der Verbindung zwischen Himalaja und anthropoiden Schädelfunden, die sich nicht einordnen lassen, an den berüchtigten Schneemenschen Yeti (eigentlich „Felsenmensch“) denkt, liegt natürlich richtig. Und auf der Suche nach Spuren menschlicher Vergangenheit stürzt sich das Forschungsteam in ein waghalsiges Abenteuer, das mehr Komplikationen und Bedrohungen mit sich bringt, als ohnehin schon von den erfahrenen Bergsteigern und Wissenschaftlern befürchtet…

Philip Kerr, der zu jenem Zeitpunkt bereits mit „Game over“ und „Das Wittgensteinprogramm“ für Aufmerksamkeit in der Thrillerwelt sorgte, ist mit „Esau“ ein vielschichtiger Thriller gelungen, der von Bergsteigerdrama und Wissenschaftsutopie über Agenten-Thriller bis hin zu Philosophie und Metaphysik so einiges zu bieten hat. Die Detailtiefe ist dabei erstaunlich, in allen nötigen Wissenschaftsbereichen wird profunde Kenntnis dargeboten, jedes Verfahren, jedes technische Instrument und jeder Theorieansatz werden sachkundig beschrieben, die Lokalitäten sind präzise illustriert, die Charaktere glaubwürdig ausgeformt; insbesondere die Hauptakteure Jack und Swift, wobei die emotionalen und psychologischen Ebenen ebenfalls nicht vergessen werden. Wer sich für wissenschaftliche und technische Details nicht zu begeistern weiß, wird über einige Strecken dieses Buches etwas überfordert sein; aber erst die realistische Tiefe dieser Darstellungen, die bis hinein in die örtlichen Sprachkenntnisse sowie religiösen und kulturellen Betrachtungsweisen reichen, erwecken die Thematik von „Esau“ zum Leben. Der Schreibstil ist zwar nicht sonderlich gehobener Prosa zuzuordnen, jedoch stets präzise und ohne Plattitüden formuliert. Dafür versteht Kerr, der wie beschrieben in jedem Falle seine Hausaufgaben als Autor sorgfältig erledigt hat, ganz besonders etwas von dramaturgischer Dichte und davon, hier und dort mit Andeutungen und einem sich erst nach und nach entfaltenden Informationsfluss zu arbeiten, der die Spannung aufrecht erhält. Zudem lesen sich weite Strecken des Romans wie die bildhafte Beschreibung zu einem Drehbuch (dem Ende zu leider etwas zu viel Abenteuergeschichte und zu wenig neue Erkenntnisse und Wendungen), die lebendige Bilder vor des Lesers Augen aufleben lässt, und die Geschichte selbst ist faszinierend und fesselnd genug für ein eindringliches Leseabenteuer, das auf gut 500 spannenden Taschenbuchseiten zudem viel Wissenswertes in sich birgt und zum Nachdenken über die Diskussionen und Theorien über die Menschheitsentwicklung und das Menschsein anzuregen weiß. Leider kann Kerr das Niveau in Spannung, Erzählfluss und originellen Ideen nicht immer aufrecht erhalten und über Strecken wird ein rein beschreibender Reisebericht daraus, bei dem die Staunmomente fehlen, aber ich kann das Buch dennoch zu einer erhellenden und fesselnden Lektüre empfehlen.

Tuczay, Christa – Magie und Magier im Mittelalter

Puh – eine ziemliche Fülle an Material schüttet die Wiener Germanistin Christa Tuczay hier vor uns aus, so dass man sich manchmal ganz schön durchgraben muss. Die meisten werden, wenn sie die Begriffe „Magie“ und „Mittelalter“ hören, sicher zuerst an die Zauber-Grimoires wie den „Schlüssel Salomons“ oder an die alte Faustsage denken, die als Vorlage für Goethes berühmtes Theaterstück diente. Ja, jener Pakt mit dem Teufel, um sich tiefes Wissen und ungeahnte Erfahrungen anzueignen, ist gemeint – ein wahrhaft europäisches Motiv! Nicht umsonst hat der Kulturphilosoph Oswald Spengler vom faustischen Menschen gesprochen und damit den Abendländer gemeint. Es ist die geistige Unruhe, die gestillt werden muss, und sei es um den Preis eines Todes auf dem Scheiterhaufen oder ewiger Qualen in der Hölle.

Auch für die Autorin waren die Vorläufer des Faust der Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit den Magiern im Mittelalter. Magie definiert sie nach Karl Beth als „die einfache und unverhüllte Objektivierung des Wunsches in der menschlichen Vorstellung“ oder wie es in den Märchen der Brüder Grimm heißt: „Es war einmal in jener Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…“. Die mittelalterliche Magie beruhte auf dem Grundsatz der „Wesensidentität von Mensch und All, d.h. der Allbeseelung“. Nach dem Sympathieprinzip „Gleiches bewirkt Gleiches“ und dessen Umkehrung „Gegenteiliges bewirkt Gegenteiliges“ zauberte man z.B. einen Regen durch das Ausschütten von Wasser in einer bestimmten Zeremonie herbei, während das Verdunsten des Wassers Trockenheit hervorrufen sollte. Desweiteren galt, dass ein Teil für das Ganze stehen konnte. Der Fingernagel eines Menschen repräsentierte also diesen selbst, und es war möglich, ihn durch Manipulationen mit einem solchen ehemaligen Körperbestandteil zu beeinflussen.

Vieles, was sich in unseren heutigen Vorstellungen vom Zauberer findet, entstammt dem Mittelalter. Im Buch wird das Beispiel eines Priesters geschildert, der einen nicht an Zauber glaubenden Ritter überzeugen will. Er zieht mit dem Schwert einen Schutzkreis und befiehlt dem Ritter um jeden Preis innerhalb dieses Kreises zu bleiben. Der Magier beschwört nun die Dämonen herauf, bis der Teufel selbst erscheint und den Ritter aus dem Kreis zu locken sucht. Im Mittelalter galten die durch Magie erzeugten Phänomene in der Regel bei ihren Gegnern nicht etwa als Betrügerei – sondern als Illusionen, die durch die Dämonen hervorgerufen worden. Der Magier rief allerdings vorher die Hilfe des christlichen Gottes an, bevor er sich mit den Höllenmächten einließ.

Wie es scheint, verblieb die Magie des Mittelalters innerhalb eines christlichen Weltbildes. Doch man muss differenzieren. Im vorher erwähnten Beispiel findet die Beschwörung um die Mittagszeit statt. Diese Zeit aber war in der Antike die typische Geisterstunde. Christa Tuczay widmet gleich das erste Kapitel den Wurzeln der mittelalterlichen Vorstellungen, die in die griechische und römische Antike reichen. Dort finden wir schon die Angst vor dem Schadenszauber, eine Handlung, die im römischen Gesetz mit dem Feuertod bedroht wurde. Sogar heute noch glaubt man vielerorts an den sogenannten „Bösen Blick“.

Der Begriff „Magus“ geht auf altpersische Vorstellungen zurück. Dort durfte laut Cicero keiner König sein, der nicht vorher die Magie studiert hatte. In der Antike sind die magische und religiöse Sphäre ursprünglich nicht getrennt. Der Magier wird als von göttlichen Kräften besessen betrachtet, die seinen Handlungen die Weihe eines initiierenden Mysteriums geben.
Erst in der Spätantike kommt es zu einer Verbindung des Magus mit dem Maleficus (Schadenszauberer), die für das Mittelalter bestimmend wird. Davon trennt sich der Zweig der Theurgie – im Prinzip ist das die weiße Magie, die eben mit den Göttern in Verbindung steht, während sich andere Zweige der Magie der Dämonen bedienen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Figur des Jesus Christus in einigen Stellen der Überlieferung als Magier erscheint, z.B. im apokryphen Evangelium des Nicodemus, in dem die Juden Jesus als Dämonenbeschwörer verklagen. Besonders extrem in dieser Hinsicht ist die arabische Kindheitsgeschichte Jesu. Als ein Spielkamerad einen von Jesus gebauten Abflusskanal zerstört, bedient sich Jesus eines Sympathiezaubers, der das Leben des Spielkameraden in jener Geschwindigkeit verlöschen lässt, in der das Wasser aus dem zerstörten Kanal fließt.

Im Mittelalter wurden die Sakramente und viele Bibelstellen als Zaubermittel bzw. Zaubersprüche benutzt. Diese Entwicklung wurde von der Kirche als Missbrauch bekämpft. Dass dieser Kampf gegen die Zauberer durchaus ambivalent zu sehen ist, zeigt Christa Tuczay in den Kapiteln über die Zauberei der Päpste und Bischöfe. Zwischen einem Exorzisten, der den Teufel austrieb und einem Magier, der ihn herbeirief, bestand eine nur sehr sehr verschwommene Grenze. Insofern überrascht es nicht, wenn wir in diesem Buch hören, dass es viele Legenden über Kirchenobere gab, die sich der Schwarzkunst verschrieben. Beispielsweise existieren Sagen über den Papst Sylvester II. (gest. 1003), der ein gestohlenes Zauberbuch in Besitz gehabt haben soll und schließlich von Dämonen bei der Kirchmesse zerstückelt wurde.

Die Zauberbücher umgab im Mittelalter ein Schleier aus Unheimlichkeit und Ehrfurcht. Der Kraft des Wortes wurde große Bedeutung beigemessen. Ein Großteil der Zauberbücher kursierte vor allem in herrschaftlichen und höfischen Kreisen, die dem Zugriff der Kirche entzogen waren. So soll Friedrich II. von Hohenstaufen seinen Hofastrologen Michael Scotus zum Verfassen eines Buches über die Schwarzkunst und Arnold von Villanova zu einer Abhandlung über Sigillenmagie veranlasst haben. Einen hohen Bekanntsheitsgrad erlangte das auf arabische und griechische Quellen zurückgehende Zauberbuch „Picatrix“, welches Wissen über Talismane, die Planeten und Beschwörungen enthielt. Der Gott Hermes galt als Verfasser einiger vornehmlich alchemistischer und astrologischer Traktate – machmal identifizierte man ihn mit dem ägyptischen Gott der Schreibkunst, Thot. Oftmals wurden die Bücher berühmten Persönlichkeiten zugeschrieben wie etwa dem griechischen Philosophen Aristoteles. Geschichten über solche Persönlichkeiten erfreuten sich im Mittelalter hoher Beliebtheit. Die Autorin berichtet beispielsweise über den römischen Schriftsteller Vergil, der im Mittelalter zum „Dichter, Magier und Meisterkonstrukteur“ wurde. Ebenso setzt sie sich mit dem Zauberer Simon von Samaria, dem Gegenspieler der Apostel Paulus und Petrus, auseinander.

Hierbei ist vor allem die Geschichte vom missglückten magischen Flug erwähnenswert, den Simon mit Hilfe der Dämonen ausführt und dabei durch die Kraft eines Heiligen zu Fall gebracht wird. Diese Geschichte verweist auf eine andere Frage, die Christa Tuczay diskutiert: Inwieweit ist die Magie des Mittelalters von schamanistischen Praktiken durchsetzt? Der magische Flug gehört zu den typischen Merkmalen des Schamanen. Daran schließt sich die Problematik der Unterscheidung des Magiers von den späteren Hexen an. Auch wenn im Hochmittelalter die Zauberer bereits verfolgt wurden, handelt es sich im Ganzen gesehen doch um Einzelfälle, die man nicht mit den in der Zeit von 1450 bis 1750 ca. 40000 bis 50000 hingerichteten Menschen vergleichen kann. Interessant ist der Hinweis der Autorin, dass in der kirchenrechtlichen Schrift Reginos von Prüm die „nachtfahrenden Weiber“ von der Göttin Diana angeführt werden, welche ähnlich wie Hermes in der Spätantike zu einer hauptsächlichen Gottheit der Zauberei (siehe auch Hekate) wurde. Andere mittelalterliche Überlieferungen weisen auf „ekstatische Kulte“ hin.

Ein besonderes Augenmerk richtet Christa Tuczay auf das Verhältnis von Magie und Naturwissenschaft. Fakt ist, dass die Gelehrten des Mittelalters (und auch noch der frühen Neuzeit) selten beide Künste voneinander trennten oder zumindest einzelne Teildisziplinen wie die Astrologie, bestimmte magische Heilpraktiken (z.B. die Alraune, auf die im Buch ebenfalls eingegangen wird) oder Planetenbeschwörungen als zur Wissenschaft gehörig betrachteten. Vielfach wurde zwischen der „magia naturalis“, die die geheimen Kräfte hinter der Natur erforschte, und der Dämonenmagie, die auf dem Teufelspakt beruhte, unterschieden – allerdings wiederum mit sehr verschwommenen Grenzen.

Gesonderte Kapitel behandeln die weiteren Einflüsse, die neben der klassischen Antike die Vorstellungen des Mittelalters bestimmten. Einerseits haben die alteuropäischen germanischen und keltischen Motive und Traditionen in der mittelalterlichen Magie fortgelebt. Andererseits wurde sie stark durch die Zauberpraktiken der Juden und arabische Gelehrsamkeit beinflusst. Neben der antiken Überlieferung transportierte gerade letztere auch die gnostischen und neuplatonischen Einflüsse, die sich vor allem in den astralmagischen Vorstellungen wie den Planetensphären usw. niederschlugen.

Damit ist die Themenvielfalt des Buches aber immer noch nicht erschöpft. Christa Tuczay widmet sich ebenfalls der Frage nach dem Zusammenhang von Magier und Ketzer, dem Strafprozess, den Gauklern, den Beschreibungen wunderbarer Automaten, dem Bild- und Liebeszauber, den magischen Gestalten der höfischen Literatur, wie dem Nectanebos des Alexanderromans, der Morgana aus dem Artus-Zyklus, dem Klingsor aus der Parzivalsage, den Feenrittern usw. usf.

Ich hoffe, dass ich euch ein wenig für das Thema erwärmen konnte. Mit diesem Buch liegt eine faszinierende religionswissenschaftliche Studie vor, die zeigt, wie ambivalent die Magie im Mittelalter betrachtet wurde und woher viele unserer eigenen Vorstellungen von diesem Gegenstand kommen. Die Autorin legt sich dabei nicht auf einen bestimmten Blickwinkel fest, sondern beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten. Das Buch ist im Ton immer sachlich und gut verständlich geschrieben.

Letzteres muss ich allerdings mit einer kleinen kritischen Einschränkung versehen. Mich irritiert häufig der Umgang mit den Übersetzungen der Zitate. Finden sich am Anfang des Buches noch alle lateinischen Stellen ausnahmlos mit Übersetzung, so tauchen zum Ende hin plötzlich solche ohne Übersetzung auf. Genauso unlogisch ist, dass alle altfranzösischen Zitate unübersetzt bleiben. Ich frage mich, wer unter den Lesern wohl des Altfranzösischen mächtig sein wird. Mit einigen längeren Zitaten in frühneuhochdeutscher Sprache dürfte kaum jemand Schwierigkeiten haben. Allerdings bin ich mir da bei den mittelhochdeutschen Texten nicht so sicher – Klar, mit einiger Mühe versteht vielleicht auch ein Laie auf diesem Gebiet zumindest die Grundaussage… Trotzdem wäre eine Übersetzung leserfreundlicher. Englische Zitate werden gar nicht übersetzt, was für die meisten heutzutage verschmerzbar sein dürfte.

Rein quantitativ betrachtet fallen die unübersetzten Zitate nicht sonderlich ins Gewicht, so dass ich das Buch bedenkenlos empfehlen kann.

Ambrose, David – EX

Joanna Cross recherchiert als Journalistin verdeckt im „Camp Starburst“, um die dortigen Machenschaffen der Esoterik- und Spiritisten-Maffia auffliegen zu lassen. Dies gelingt ihr auch, und neben dem Hass der Hauptakteure Eleanor „Ellie“ und Murray Ray zieht sie damit die Medienaufmerksamkeit auf sich, landet unter anderem in einer Talkshow zu diesem Thema. Einer der Gäste der Gesprächsrunde ist Mr. Towne. Dr. Sam Towne ist Psychologe an der Manhattan University und leitet dort mit Hilfe von Physikern, Technikern, Statistikern und anderen Psychologen das Parapsychologische Institut, das sich anomalen Phänomenen wie Telepathie, Präkognition, Psychokinese oder Hellsichtigkeit befasst. In Gesprächen nach den Fernsehaufnahmen weckt Sam das Interesse von Joanna an der Parapsychologie, diese wiederum kann ihren Herausgeber für das Thema erwärmen und gemeinsam vereinbaren sie ein ganz besonderes Experiment, das abseits von Signifikanzen und Statistiken für die Eingeweihten auch genug handfestes Material zu bieten hat, um als Aufhänger für einen Zeitschriftenartikel dienlich zu sein. Dabei soll versucht werden, mittels Gruppendynamik einen Egregor, ein energetisches Geistwesen zu erschaffen, das sich real manifestiert und allerlei ungewöhnliche Effekte mit sich führt. Diese Zielrichtung ist deshalb bereits zu Beginn so klar umrissen, weil es nicht das erste Mal ist, dass dieses Experiment durchgeführt wird; es gab bereits einige frühere Versuche anderer Gruppierungen mit ähnlichen Auswirkungen. Das Experiment gelingt in der Tat, doch sind die Auswirkungen für die Teilnehmergruppe alles andere als erfreulich, denn der erschaffene Geist „Adam Wyatt“ zeigt so gar keine Bereitschaft, das Experiment enden zu lassen und wieder in die Tiefen der Psyche seiner Erschaffer zu verschwinden. Viel lieber scheint es ihm, dass jene an seiner Statt diese Realitätsebene verlassen. Realität und Illusion, Materie und Geist beginnen sich zu durchdringen, die Wirklichkeit verändert sich und ein Mystery-Thriller der Königsklasse beginnt sich zu entfalten…

David Ambrose war bereits vor „EX“ mit „Der 8. Tag“ ein Bestseller gelungen, der es in sich hatte. „EX“, im Original von 1997 „Superstition“ betitelt, basiert auf einem Experiment, das Anfang der Siebzigerjahre tatsächlich stattgefunden hatte und in der Fachliteratur ausführlich behandelt wird. Hilfe bekam er dabei durch Berichte von Teilnehmern, er studierte insbesondere die Werke „Conjuring Up Philip – An Adventure in Psychokinesis“ von Iris M. Owen und Margaret Sparrow, „Margins of Reality“ von Robert G. Jahn, „Parapsychology – A Concise History“ von John Beloff, zudem Werke von Kit Pedlar, Stan Gooch, Michael Harrison, Alan Gaud und A. D. Cornell. Unterstützt wurde er in seinen Recherchen vom PEAR (Princeton Engineering Anomalies Research Program), von der Eileen-J.-Garrett-Bibliothek der Parapsychology Foundation Inc. New York sowie von Michaeleen C. Mather aus New York, die sich in ihren Arbeiten mit paranormalen Phänomenen beschäftigt und von deren hohem wissenschaftlichem Standard Ambrose sich sehr beeindruckt zeigte.

Wie man sieht, steckt hinter der Arbeit an diesem Thriller ein solides Interesse und einiges an Fachkundigkeit in der Thematik. Für grenzwissenschaftlich Interessierte und Mystery-Liebhaber gibt es einiges an fachkundigen Ausführungen sowie theoretischen Ansätzen zu entdecken, aber auch philosophische Gedankengänge lassen sich finden. Davon ab gehört „EX“ eindeutig zu den spannendsten Thrillern, die mir bislang untergekommen sind. Dementsprechend zügig und mit gebannter Aufmerksamkeit habe ich mir den Buchinhalt dann einverleibt. Allein die finalen Wendungen sind geradezu erstaunlich. Auch an der Charakterzeichnung gibt es nichts zu bemängeln, und die emotionale Ebene kommt ebenfalls nicht zu kurz, wenngleich beides keine Schwerpunkte bildet und vornehmlich den beiden Hauptprotagonisten vorbehalten bleibt. Etwas mehr lebensnahe und zwischenmenschliche Ausgestaltungen und Nebenhandlungen hätten das Werk zwar perfektioniert, tun in der vorliegenden Form der Gewichtung und Erzählung selbst jedoch keinen Abbruch. Das inhaltliche Material, die Geschichte selbst sowie die Art der Darstellung gäben auch einen ausgezeichneten Psycho-Thriller auf der Leinwand ab, ich wüsste allerdings gerade nicht, ob das Buch tatsächlich schon verfilmt wurde. Wenn nicht: Zeit wird’s, aber die wissenschaftlichen Grundlagen dabei nicht vergessen.

Ambrose beginnt seine Darstellung übrigens fast am Ende der Erzählung, was beim neugierigen Leser Fragen aufwirft, die für Spannung sorgen und im Verlauf der Geschichte eigentlich erst zum Ende hin klarer werden. Nach dem Prolog geht es dann in die Vergangenheit, die Charaktere und Hintergründe werden aufgebaut, aber nichts davon ist irgendwie für die Hauptgeschichte unwesentlich. Alles hat seine Bedeutung, jede handelnde Person bekommt im Verlauf ihre Rolle zugewiesen, die ganze Geschichte ist sehr sorgsam konstruiert und sorgt für allerlei Aha-Effekte und staunende Momente. Und wer auf ein Happy End hofft – nun, lasst euch überraschen und von diesem Meisterstück gefangen nehmen.

Wer übrigens herausgefunden hat, warum das Buch im Deutschen „EX“ heißt, möge sich bei mir melden.

Geza von Nemenyi – Heilige Runen

Bei den Runen handelt es sich um die Schriftzeichen unserer germanischen Vorfahren, die für magische Zwecke und schriftliche Mitteilungen benutzt wurden. Eine Rune bezeichnet immer gleichzeitig einen Laut sowie einen bestimmten Begiff – so steht beispielsweise die Rune *Berkanan einerseits für den Laut b und andererseits für die Birke einschließlich ihrer symbolisch-mythologischen Bedeutung. Die Runen sind in wissenschaftlichen und esoterischen Kreisen in Bezug auf Alter, Herkunft und Deutung heftig umstritten, wobei die Diskussionsbeiträge fast immer vom weltanschaulichen Hintergrund des jeweiligen Protagonisten geprägt sind. Die Germanen selbst betrachteten – wie die Edda-Überlieferung und einige Runeninschriften übereinstimmend berichten – diese Zeichen als „reginnkunum“, d.h. götterentstammt. In der Edda wird der Ekstase-, Sieg- und Weisheitsgott Odin als Schöpfer der Runen dargestellt. Der bislang älteste anerkannte Runenfund ist die Fibel von Meldorf, die in das Jahr 50 n.Zw. datiert wird. In der Wikingerzeit wurde das ältere Futhark (Runenreihe) von 24 Runen auf 16 Runen verringert – ein Rätsel, weil der Lautstand sich eigentlich erhöht hatte.

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Akron – Dantes Inferno

Mit der „Göttlichen Komödie“ schuf Dante Alighieri ein bild- und wortgewaltiges Epos, einen umfassenden Spiegel seiner Zeit, der theologische, weltliche und unbewusst seelische Dimensionen mit Titanenschritten durchmaß, zugleich seine Gegenwart wie auch Vergangenheit manifestierte und ein spirituelles Kulturgemälde schuf, das sich auflehnend rebellisch präsentierte, doch stets befangen blieb in den Grenzen, den die kirchlichen Machthaber seiner Zeit setzten: Eine Hölle, die Mittel zum Machtzweck war, nicht allegorisches Instrument der Selbsterkenntnis innerer Seelenräume, wenngleich Dante selbst es ist, der an der Seite seines Seelenführers Vergil die infernalen Unendlichkeiten durchmisst. Dante gelang es zwar, einen Zwischenweg zu finden, blieb jedoch auf die instrumentalisierten Höllenvorstellungen seiner Zeit beschränkt, die bereits tausend Jahre zuvor erste Beschreibungen erhielten, und diente somit letztlich und weniger gewollt den Zwecken der Machtobrigkeit, indem die Schrecken der christlichen Hölle visualisiert wurden, in einem epochalen Meisterwerk, das die kulturellen Wandlungen überdauerte und spätere Zeiten ebenso prägte, wie es selbst von früheren Zeiten geprägt war.

Charles F. Frey alias Akron stellt die Frage, inwiefern eine solche Darstellung aber heutigentags noch bedeutsam und glaubwürdig sein kann, über eine rein kulturhistorische Betrachtung hinaus; in einer Zeit, die spirituelle Umbrüche mit sich brachte, die durch das theologische Bild von Sünde, Hölle, Sühne und Bestrafung nicht mehr in ihrem Innersten erreicht werden können. Während Dante noch im weitesten Sinne die Hölle im Äußeren fand und beschrieb und dabei die inneren Dimensionen eher sekundär streifte (wenngleich man ihn als den christlich-theologisch orientierten Freud seiner Epoche betrachten mag), wendet sich Akron, der im Gegensatz zu Dante auf den Arbeiten von Freud, mehr noch Jung oder Strauß-Klöbe und ihrer Nachfolger aufbauen kann, explizit den inneren Höllenräumen zu. Die inneren Ängste vor Teilen unserer Lebens- und Erfahrungswelt erschaffen die Höllenqualen, die uns peinigen; und Verdrängungsmechanismen sowie die verschämte Hinwendung zu den lichten Vorhöfen unserer Schattenwelten sind nicht der Schlüssel, die Türen zu diesen im Dunkeln verborgenen Räumen zu öffnen, um uns der eigenen Hölle zu stellen und sie als Teil der Ganzheit menschlicher Gedankengebäude zu erfassen, zu integrieren und mit ihnen zu arbeiten; um eine holistische Persönlichkeit ausformen zu können, den dämonischen Bildern ihren Schrecken zu nehmen, der Hölle entrinnen zu können, die uns in uns selbst einkerkert.

Um sich bei dieser inneren Betrachtung nicht in sich selbst zu verlieren, bedient sich Charles F. Frey gleichsam Dantes Vergil eines inneren Führers, in diesem Falle seines alter ego „Akron“, der zugleich künstlerisches Pseudonym ist. Unter diesem Namen gelangte der Autor zu einiger Bedeutung, als er gemeinsam mit H. R. Giger „Baphomet“ erschuf, das Tarot der Unterwelt, das auch die Aufmerksamkeit der Sittenwächter auf sich zog, denn wer Giger kennt, weiß, dass sich diese Kunstdarstellungen stets und bewusst am Rande zur Pornographie bewegen. Gleichsam wird der Leser auch in „Dantes Inferno“ und seinen Illustrationen fündig werden, doch dazu später mehr. Akron brachte außerdem „Das Astrologie-Handbuch“, „Partnerschafts-Astrologie“ und gemeinsam mit Hajo Banzhaf „Der Crowley-Tarot“ heraus. Der schweizerische Schriftsteller, Essayist, Schattenarbeiter und Magier-Philosoph verwendet sein profundes astrologisches Wissen, um daran seine persönliche Darstellung von Dantes Inferno auszurichten und dem Werk Struktur zu geben, an dem sich auch der Leser besser orientieren kann, um sich selbst in seinem Lesen zu erkennen. Dabei ist es nicht nötig, selbst Kenntnisse in Astrologie zu haben, diese dient nur als Orientierungsmuster und bietet dem Eingeweihten zusätzliche Erkenntnismöglichkeiten. Wechselseitige Befruchtungen zwischen Tiefenpsychologie, Astrologie oder I Ging sind übrigens nicht unüblich.

Diese Ansätze für Akrons Werk sind es noch nicht, die „Dantes Inferno“ so bedeutsam und ungewöhnlich machen. Die tiefenpsychologischen Inhalte zeugen von erstaunlich intuitiver Kenntnis der inneren Welten und sind eine enorme Erkenntniserweiterung auch für den Leser. Doch die wirkliche Tiefe des Werkes liegt in der Beschreibungsweise selbst. Charles F. Frey schreibt ein Buch, in dem er selbst ein Buch schreibt, während er mittels seines alter ego in innerem Dialog steht und zugleich die multiplen Persönlichkeitsmuster durchwandert, sich selbst aus vielfacher Perspektive erlebt, mit den verschiedensten Aspekten seiner Psyche kommuniziert, um sich dann wiederum über die erlebten Bilder und ihre Betrachtung (und die Betrachtungsweise) mit sich selbst bzw. Akron auszutauschen, nur um durch die, sagen wir einmal, betrachtende Betrachtung der Betrachtung durch sich selbst zu fallen, die beschränkenden Muster dualer Denkwirklichkeiten zu durchbrechen und ihre Sinn heuchelnden Gaukeleien zu entblößen. Klingt verwirrend? Ist es auch. Und wie. Akron verwirrt unsere linearen Lesegewohnheiten und er verwirrt unsere vergeblichen Versuche, klare Strukturen und zweiwertige Betrachtungslogiken aufbauen zu wollen. Dies gelingt bildgewaltig und mit erlesen wohlgesetzten Worten, allerdings auf einer archetypischen Komplexitätsebene, die gezwungen ist, unsere gewohnten Denkmuster zu verlassen, um nicht am surrealen und unbewusst wirksamen Charakter dieser Schriftschöpfung zu zerschellen. Bilder in Bildern, Handlungen in Handlungen, Betrachtungen in Betrachtungen und Metaebenen der Analyse, die letztlich doch nur wieder in sich selbst und in den untersten Schichten des Begreifens enden.

Und so gibt es mannigfaltige Wege, dieses Buch zu lesen und verstehen zu wollen. Man kann versuchen, alle Handlungsfäden nachzuvollziehen und die komplexen, oftmals paradoxen und an Zen-Koans gemahnenden Satzmuster logisch zu analysieren. Dafür muss man das Buch definitiv regelrecht studieren, die Teile und das Ganze mehrfach lesen und während des Lesens zahlreiche Verständnis- und Betrachtungsebenen betreten. Man kann das Buch auch zunächst im Stück durchlesen und sich darauf beschränken, die perspektivisch wechselnden Bilder auf sich (und das Unterbewusste) wirken zu lassen. Oder man kann sich auf die Illustrationen von Voenix konzentrieren und diese für sich deuten. Oder alles zugleich oder nacheinander. In jedem Falle ist die Lektüre alles andere als leicht zugänglich, und man sollte sich, obwohl eine phantasievolle Erzählhandlung geboten wird, darüber klar sein, dass bis hin zu den Reaktionen, Emotionen und Dialogsätzen zwischen Charles/Akron und seinen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen alles konstruiert ist und auch konstruiert und überdimensional (im mehrdeutigen Sinne) wirkt; ein wenig wie die alt-philosophischen (inneren) Dialoge (bzw. abwechselnden Monologe) mit einem Mentor, deren Konzepte auch in „Sophies Welt“ Anwendung fanden.

Zu Voenix und seiner visuellen Umsetzung sollte ich noch einige Worte anmerken. Allein die visionäre Kraft der zahlreichen Bilder (70 teils ganzseitige, teils farbige Illustrationen) des charismatischen Künstlers (der als Autor durch „Magie der Runen“, „Weltenesche – Eschenwelten“, „Im Liebeshain der Freyia“ oder „Tolkiens Wurzeln“ Anerkennung fand) ist eine Erlebensebene für sich. Symbolbehaftet und ausdrucksstark umgesetzt, unterstützen Voenix‘ Werke den Leser auf seiner Reise in die Unterwelt des Untergründigen. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass Voenix und Akron gemeinsam eine hochwertige Comic-Serie herausbringen, die auf „Dantes Inferno“ basiert und ebenso betitelt wurde. Eine brillante Arbeit, die ihr euch unbedingt ansehen solltet. Ebenso wie das Buch „Dantes Inferno“ natürlich, Akrons bedeutsamstes Werk, wie er es selbst sieht. Eine ungewöhnliche Erfahrung auf 400 gebundenen Seiten, darauf ausgerichtet, die gewöhnliche und gewohnte Alltagslogik zu zersetzen und zu unterwandern, das rationale Verstandesdenken an seine Grenzen zu führen, um innere Barrieren aufzulösen und Horizonte zu öffnen. Wir lesen uns wieder bei „Inferno II: Das Auge der Hölle“.

Homepage von Akron: http://www.akron.ch
Homepage von Voenix: http://www.voenix.de
[Vorwort von Akron]http://www.akron.ch/verlag/vorwort.htm (Die Rechtschreibfehler der Netzversion sind in der Druckversion nicht vorhanden.)
[Akron’s Biografie]http://www.newaeon.de/newaeon/index.php?act=view__location&location__id=6505
[Templum Baphomae in New Aeon City]http://www.newaeon.de/newaeon/index.php?act=view__location&location__id=5037

Eddings, David – Kind der Prophezeiung (Belgariad)

David Eddings wurde am 7. Juli 1931 geboren. Man kann ihn schon allein deshalb als einen „Altmeister“ der Fantasyliteratur bezeichnen. Mit seiner Frau Leigh hat er seit 1973 bis heute zahlreiche Fantasyzyklen geschrieben, deren bekanntester die Belgariad-Saga ist.

Eine Welt ohne Orks und Elfen… und dennoch klassische Fantasy? Die Welt, die der Belgariad- und der Malloreon-Saga zugrunde liegt, ist geprägt von ihrer seltsamen Geographie und Theologie: So gibt es sieben Götter, die jeder ein Menschenvolk regierten und ihm ihre Charakteristiken aufprägten. Nur ein Gott, Aldur, war anders. Er nahm sich einige wenige Schüler, wie Garath, die ihm dienten und zu mächtigen Magiern wurden. Aus Garath wurde der Magier Belgarath, der zusammen mit seiner Tochter Polgara schon seit Jahrtausenden das Schicksal der Welt mitgestaltet.

Auch unter Göttern sind Eifersucht und Neid keine Fremdwörter: So versuchte der Gott Torak ein mächtiges Artefakt seines Bruders, das Auge Aldurs, zu rauben. Er wurde von Belgarath und einem Heer der Anhänger aller anderen Götter gestoppt, die ungeheure Macht des Auges zerriss jedoch die Welt in einen großen West- und einen Ostkontinent. Torak konnte von seinen Magierschülern gerettet werden und schläft nun an einem unbekannten Ort, während sein Volk, die Angarakaner, „Murgos“ in Anlehnung an ihre Hauptstadt genannt, bis zum heutigen Tag den meisten anderen Völkern verhasst sind – aus gutem Grund, säen sie doch nach wie vor Zwietracht und streben danach, ihren Gott wieder auferstehen zu lassen. Das Auge Aldurs wird auf der „Insel der Stürme“ von einem Hüter bewahrt, denn es kann nur noch von einem Nachfahren der nahezu ausgelöschten Linie des Königs von Riva und Belgaraths Tochter Beldaran berührt werden.

Eines Tages gelingt es dennoch einem Diener Toraks, das Auge zu stehlen. Damit wäre die Prophezeiung, alle Völker des Westens können in Frieden leben, solange das Auge Aldurs ruht, gebrochen… Torak droht wiedererweckt zu werden.

Belgarath und Polgara lebten jahrelang als alter Geschichtenerzähler und Haushälterin unter den Menschen, um den jungen Garion zu behüten. Dieser spielt eine wichtige Rolle in einer Prophezeiung, wie man die Welt noch vor Torak retten kann. Denn wie man bald unschwer erraten kann, wird Garion zu Belgarion, Hüter des Auges und machtvoller Magier.

Vorerst ist er ein überforderter kleiner Junge, der gar nicht so recht weiß wie ihm geschieht, als seine Tante Pol und Onkel Wolf sich langsam als mehr entpuppen als sie zu sein scheinen. Zusammen mit einigen schillernden Charakteren, die in den Augen Belgaraths den Schlüssel zu der Erfüllung der Prophezeiung zur Rettung vor Toraks bieten, wird Garion auf die Spur von Grolimpriestern und vor allem dem mysteriösen Murgo Asharak angesetzt, die den Leser in den Folgebänden in die zahlreichen Länder dieser Welt mit ihren archetypischen und sehr unterschiedlich charakterisierten Völkern entführt.

Trotz des Verzichts auf die fantasytypischen Rassen wie Orks, Elfen und Zwerge erkennt man die Grundzüge eines klassischen Fantasyzyklus: Der Hinterwäldler, der mit tapferen Mitstreitern loszieht, um die Welt zu retten und bedeutender ist als er selbst zuerst weiß, kommt sowohl im „Rad der Zeit“ von Robert Jordan als auch Tolkiens „Herr der Ringe“ und zahllosen anderen Werken der Fantasyliteratur vor.

„Kind der Prophezeiung“ ist nicht in sich abgeschlossen, es ist nur der Auftakt zu dem fünfbändigen Belgariad-Zyklus, der einem genauso langen Folgezyklus, der Malloreon-Saga, und Prequels über Belgarath und Polgara vorangeht.

Mit Magie geht Eddings zu Beginn sehr sparsam um, oft werden subtile Beeinflussungen hypnotischer Art wahren „Wundern“, wie Verwandlungen Belgaraths in einen Wolf oder Polgaras in eine Eule, vorgezogen. Später nimmt die magische Komponente mehr Raum ein, je mehr Garion sich zum Zauberer mausert.

Erzählerisch ist die Geschichte sehr linear gehalten, auch die Intrigen sind nicht annährend so verschlungen wie bei moderner Fantasy, wie George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“-Zyklus. Ebenso haben die Charaktere zwar Tiefe und Stärken und Schwächen, sind jedoch eindeutig in „Gute“ und „Böse“ aufteilbar, somit eher in der Schwarz-Weiß-Liga des Herrn der Ringe als in der modernen Grauschleier-Fantasy zu finden.

Sprachlich ist Eddings deutlich leichtere Kost als der Herr der Ringe: Dialoge der Hauptfiguren machen den größten Teil des Buches aus, auf Kosten detaillierter Ortsbeschreibungen und nur konzentriert lesbarer Hintergrundinformationen. Hier kann man wirklich verschlafen im Bett drüberlesen; da die Storyline schnörkellos und geradlinig ist, kann man ihr problemlos folgen.

Viel Raum wird dem Humor gegeben, der sich aus dem Zusammenspiel der Charakteren wie Polgara und ihrem Vater Belgarath ergibt. Besonders Polgara hat ihre Eigenheiten, Ecken und Kanten, an denen sich andere Protagonisten und der Leser stoßen können.

Einen breiten Charakter-Pool stellen die Begleiter der Drei dar: Der cherekische Krieger Barak, der verschlagene drasnische Gauner Silk, sowie der simple und grundehrliche sendarische Schmied Durnik sind typische Vertreter ihrer Völker. Genauso wie alle Murgos hinterhältige Lügner und Hetzer sind, die nur Übles im Schilde führen. Zum Glück sind die Figuren alle mit ihren Besonderheiten versehen, sonst würde ich diese Schemata als ziemlich langweilig empfinden.

Erwähnenswert: Liebesgeschichten werden alle recht harmlos gehalten, ebenso hält sich Eddings bei den Kämpfen zurück – diese werden selten detailliert und brutal beschrieben, sind allerdings auch nicht seine Stärke und nicht gerade packend geschrieben, wie es ein R.A. Salvatore z.B. tun würde. Leider wirkt der meist einem harten Kampf folgende ironische Kommentar (meist vom gaunerhaften Silk oder dem tapferen Mandorallen) mir stets ein bisschen zu aufgesetzt, um wirklich als humorig durchzugehen.

Eddings hat eine große, schöne Fantasywelt geschaffen, die zu den besten des Genres zählt. Leider nichts für Gelegenheitsleser: Wer nur den ersten Band liest, hat noch nicht viel erlebt. Seine Charaktere kann man lieben, die schöne Zauberin Polgara und der stets etwas arrogante Mandorallen haben es mir besonders angetan. Alle Bücher sind in verständlicher Form geschrieben und sehr gut übersetzt, die Originale sprachen in den USA sehr viele Leser an, es handelt sich um keine besonders anspruchsvolle, aber dafür um eine verdammt gute und unterhaltsame Serie.

Es geht also auch ohne Elfen und Orks – dennoch fand ich Raymond Feist’s Midkemia-Romane einen Tick besser, da sich der Charme Polgaras und der anderen Akteure im Verlauf des Zyklus etwas abnutzt und dann eine eher einfache und seichte Handlung bleibt. Komplexere Handlung und Intrigenspiele sowie ausgefeiltere Charaktere bietet George R.R. Martin.

Wem jedoch der „Herr der Ringe“ als Buch manchmal zu langatmig war, sollte zugreifen: Auch für ungeübte Leser ist Eddings sehr gut genießbar, kurz ist sein Werk jedoch keinesfalls – unbedingt alle fünf Bände des Zyklus lesen!

Hier liegt auch ein weiteres Problem: Die 5. Auflage der Belgariad-Saga erschien 2001, bei Amazon konnte man im September 2003 nur noch vier der fünf Bände erwerben. Erstaunlich ist, das trotz der 5. Auflage die Bücher immer noch schlampig lektoriert sind: Buchstaben werden oft ausgelassen oder gedreht, manchmal findet sich auch ein sinngemäß falsch übersetztes Wort.

Zum Abschluss noch ein paar frei übersetzte Worte von Eddings über sein eigenes Werk:

„Ich habe eine Welt erschaffen, die es so nicht geben könnte, mit ungewöhnlichen Religonen und noch ungewöhnlicherer Geologie (Anm.: Der vom Auge Aldurs geteilte Kontinent ist gemeint). Mein Magiesystem ist sehr pragmatisch – viele Erklärungen, wie Magie funktioniert, sind ziemlich absurd, aber die Charaktere glauben daran und zweifeln nicht, und so ergeht es dann auch dem Leser. Vielleicht ist das die „wahre“ Magie. Das ist die grundlegende Formel für Fantasy. Ein bisschen Magie, gemischt mit einigen entwickelbaren archetypischen Mythen, lass die Hauptfiguren schwitzen und sich plagen und im unpassendsten Moment hungrig werden, garniere das Ganze mit einer gewaltigen und umfangreichen Vorgeschichte und lass der Handlung ihren Lauf.“

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/