Archiv der Kategorie: Rezensionen

Hennen, Bernhard – Wahrträumer, Der (Magus Magellans Gezeitenwelt)

Der |Piper|-Verlag gibt derzeit deutschsprachiger Fantasy eine größere Chance in seinem Programm und setzt nicht mehr nur auf ausländische Autoren. So ist im Sommer 2003 mit „Der Wahrträumer“ auch der erste Band eines 12-teiligen Zyklus, entworfen vom vierköpfigen Autorenteam |Magus Magellan|, erschienen. Anders als viele Fantasy-Romane behandelt die Saga der „Gezeitenwelt“ nicht das unerschöpfliche Thema des „Kampfes einer Schar Auserwählter gegen das (Ur-)Böse“, sondern erschafft eine eher phantastisch-realistische Welt, für die man sachkundigen Rat von Geophysikern, Archäologen, Anthropologen und Biologen eingeholt hat. Die Autoren beschäftigen sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Einschlag eines Asteroiden auf die Länder und Völker der Gezeitenwelt hat – und wie die Folgen der Katastrophe Gesellschaft und Kultur verändern können.

Der Autor von „Der Wahrträumer“, Bernhard Hennen, ist allerdings kein Neuling mehr. Mit etwa fünfzehn phantastischen und historischen Romanen, wie „Die Könige der ersten Nacht“, sowie seinen Arbeiten an Rollenspielsystemen ist er schon einer der bekannteren deutschen Autoren.

Alessandra Paresi hat es nicht leicht, in ihrem Dorf zu überleben. Die meisten verachten die Waise und halten sie für einen Unglücksbringer. Nur der Stumme Tormo und der kauzige Einsiedler Orlando halten zu ihr. Dann aber scheint das Mädchen sein Glück zu machen. Durch einen überraschenden Walfang – denn es ist auch noch ein Wagnis, die am Strand angespülten Riesen des Meeres zu töten -, wird sie zur reichsten Frau des Dorfes.

Daran kann sie sich aber nicht lange erfreuen. Eine Abordnung der Priesterschaft des |Abwesenden Gottes| erscheint. Um einen immer heller leuchtenden Stern zu bannen, sollen Auserwählte sich als Märtyrer zu Tode fasten, und Alessandra soll eine davon werden. Doch das Mädchen beginnt, auf der Reise an dem Sinn ihres Opfertodes zu zweifeln und wehrt sich dagegen. Schließlich flieht sie und kehrt zurück, aber sie findet ihre Heimat vernichtet vor. Nur wenige haben das Desaster überlebt und können berichten, was geschehen ist, unter ihnen auch ihre Freunde. Der in das Meer gestürzte Stern hat eine riesige Springflut ausgelöst. Diese verheerte die Küsten.

Ihre Verfolger brechen die Suche ab, denn durch die Katastrophe bricht Chaos aus und man benötigt jeden Glaubenskämpfer und Priester, um die Ordnung im Land aufrecht zu erhalten. Denn nicht weltliche Fürsten, sondern die Kirche des |Abwesenden Gottes| regiert hier mit strenger Hand. Einer ihrer Vertreter ist Francesco, der trotz seines Versagens, die Märtyrerin zum Heiligen Berg zu bringen, zum obersten Richter einer Provinz ernannt wird. In den nun folgenden Monaten hat er alle Hände voll zu tun, um Gerechtigkeit walten zu lassen, denn Missernten, Kälte und Hunger lassen die Menschen aufbegehren. Deshalb ist es umso wichtiger, die zu bestrafen, die sich an der Not bereichern wollen, wie etwa einen reicher Kaufherrn. Und dann ist da noch ein unheimlicher |Atemdieb|, der Menschen die Kraft raubt und sie dahinsiechen lässt. Ist er nur ein Hirngespinst der Kranken und Hungernden oder tatsächlich ein übernatürliches Wesen, das zum Erbe einer längst vergessenen Vergangenheit gehört? Bei seiner Suche nach Antworten entdeckt Francesco Geheimnisse, die einem Menschen den Tod bringen können.

Neben seinen Aufgaben versucht der Priester immer noch, seinen Fehler wieder gut zu machen, und lässt Alessandra, die sich mittlerweile mit Tormo und Orlando in die Berge zurückgezogen hat, jagen, bis man ihm auch dies verbietet, da andere Aufgaben wichtiger scheinen.

Die junge Frau findet indessen Unterstützung bei einer Gruppe, die gegen die strenge Herrschaft der Kirche aufbegehrt, aber um dort wirklich anerkannt zu werden, soll sie ein Zeichen setzen, und den |Atemdieb| erledigen, der in einer Stadt sein Unwesen treibt. Das bedeutet für sie aber auch, sich unter den Augen ihrer Häscher zu bewegen. Der alte Orlando ist bei diesem Unterfangen an ihrer Seite, doch auch er ist in Gefahr, da er auf der Todesliste der Kirche steht, wie sich nun herausstellt.

Fern dieser Ereignisse versucht der Seruun, die Anfeindungen verschiedener Angehöriger seines Volkes zu überleben und eine neue Heimat bei einem anderen Stamm zu finden. Der junge |Geistertänzer| ist ein mächtiger Schamane, der nicht nur die Rituale beherrscht, sondern auch über mächtige Kräfte gebietet. In seinen Träumen vermag er, die Zukunft zu sehen, doch wer hört schon gerne auf jemanden, der nur Not, Verzweiflung und Katastrophen, wie einen langen Winter, voraussieht. Erst als seine Ahnungen eintreffen, vertraut man seinem Wort, dass es besser ist, in den Süden zu ziehen, aber auch dort sind die Nomaden Widerständen ausgesetzt – durch Einheimische, die ihr Land verteidigen…

Die Idee, eine Welt zu schildern, in der nach einer Katastrophe der Mensch des Menschen größter Feind ist und Magie eine weitestgehend untergeordnete Rolle spielt, ist in der Fantasy bisher nur selten verwendet worden, da das Thema leicht in die Science-Fiction abgleiten kann. Deshalb verzichtet Bernhard Hennen bewusst auf die Verwendung technischer oder wissenschaftlicher Begriffe, sondern konzentriert sich darauf, in zwei Handlungssträngen eine spätmittelalterliche Gesellschaft zu schildern, die von Glauben und Aberglauben in festem Griff gehalten wird. Nicht zuletzt orientieren sich Kirche und Ritterschaft ganz eng an christlichen Vorbildern; Kultur, Gesellschaft, Landschaftsbeschreibungen und Namen sind an die des westlichen Mittelmeeres angelehnt. Geschickt vermischt er kirchliche Intrigenspiele und mystizistische Geheimniskrämerei, wie sie aus vielen historischen Romanen bekannt sind, mit einem eher abenteuerlichen Handlungsstrang um die eigensinnige Harpunierin Alessandra. Schamanismus und Indianerromantik bringt dagegen der dritte Handlungsstrang um den |Geistertänzer| Seruun ein, der zunächst allein und später mit seiner Gefährtin Grasfeder ums Überleben kämpft.

Bernhard Hennen weiß in „Der Wahrträumer“ das Konzept geschickt und stimmungsvoll umzusetzen, so dass kaum Langeweile aufkommt. Leider hat der Roman auch Schwächen: Zwar besitzt jeder Handlungsstrang eine eigene Dynamik, die ihn vorantreibt, aber Bernhard Hennen gelingt es nicht, die drei Themen am Ende richtig zusammenzuführen oder aufzulösen. Gerade die letzten 50 Seiten des Buches wirken gedrängt und überhastet, als sich die Ereignisse um den |Atemdieb| und Alessandra plötzlich überschlagen, und werden nur zu einem geringen Teil aufgeklärt – fast so, als würden die Geschehnisse in einem weiteren Roman fortgesetzt werden. Beschreibungen von Umgebung und kulturellen Eigenheiten oder innerkirchlichen Intrigenspielen nehmen wie in einer Rollenspielkampagne einen großen Raum ein, während die Charakterisierung der Figuren eher in den Hintergrund tritt. Selbst die Hauptfiguren Seruun, Francesco und Alessandra bleiben blass und lassen sich auf wenige Züge zusammenstreichen, der interessante Hintergrund einiger Nebenfiguren wird nicht weiter ausgeführt. Action und Spannung wird durch äußere Elemente wie Folter erzeugt.

Daher werden vor allem Leser, die dem Rollenspiel offen gegenüberstehen, auf ihre Kosten kommen. Trotzdem bleibt zu wünschen, dass die zukünftigen Autoren des Zyklus, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko, auch der Geschichte und den Charakteren ein wenig mehr Raum geben. Auf jeden Fall lohnt es sich, das Projekt erst einmal weiter zu verfolgen, da es sich abseits der üblichen Genrethemen bewegt.

_Christel Scheja_ © 2003
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Baltenstein, Dorothea S. – Vier Tage währt die Nacht

Dorothea S. Baltenstein wurde um 1890 in Schleswig geboren und lebte in der Nähe von Kattowitz. Das Manuskript dieses Romans gelangte 1944/45 durch Erbschaft und die Wirren der Vertreibung aus Schlesien nach Jena, wo es der Berliner Michael Schmid veröffentlichen ließ.

Und genau diese Geschichte um die Autorin von „Vier Tage währt die Nacht“ ist ein reines Phantasieprodukt des |Eichborn|-Verlags, wo der Roman erstmals 2002 erschien. Die Dame hat nie gelebt und dementsprechend auch nie ein Buch geschrieben. Die wahren Autoren sind vier Berliner Schülerinnen und ihr Lehrer, besagter Michael Schmid, wie die Presse herausfand.

So ungewöhnlich diese Tatsache schon ist, genauso ungewöhnlich und herrlich spannend geht es eine vier-Tage-währende-Nacht auch weiter. Doch ich greife vor, denn ich sollte wohl zuerst erwähnen, dass Sir Mortimer Pope, ein angesehener Poet und Schriftsteller, neun weitere namhafte Autoren in sein schottisches Schloss eingeladen hat, damit alle gemeinsam ein unübertreffliches Werk erschaffen, das die Literaturwelt noch nicht gesehen hat.

Und ich vergaß: Wir befinden uns im Jahre 1817, wo großartige Autoren wie z.B. Sir Walter Scott mitten in ihrem Schaffen stehen und die Welt zwar mit nahrhafter Poesie versorgt ist, allerdings die napoleonische Nachkriegszeit den Menschen noch zu sehr im Nacken sitzt, um ihr den gebührenden Respekt zu erweisen. Genau das möchte aber Sir Mortimer ändern und so treffen die neun Poeten, Dichter und Schriftsteller nach und nach ein, um sich selbst beim ersten Abendmahl kennenzulernen:

Der Vikar Father Thomas Olivier, ein scheinbar gütiger und ruhiger schottischer Geistlicher.
Der Engländer Robert Milton, der trotz seiner jungen Jahre dunkle Erfahrungen mit sich herumzutragen scheint.
Die junge, schöne Nightingale Dubois, die sich der Schauerliteratur verschrieben hat und für Sir Mortimer fast eine Nichte ist.
Das Schriftsteller-Ehepaar Alice und Geoffrey Stalliot, sie eine dunkle, traurige Schönheit und er ein korpulenter, dem Alkohol sehr zusprechender Mann.
Der schottische Professor Wilbur Prescott, in der Tat ein zerstreuter Professor, ein Gelehrter in Philosophie und Geschichte.
Der Vicomte de Marais, ein französischer, äußerlich reservierter Aristokrat und Dichter.
Der Amerikaner Samuel E. Goldsmith, dessen Repertoire Reiseberichte, politische Essays und politische Schlüsselromane umfasst.
Und nicht zuletzt der Erzähler der Ereignisse: Jonathan Lloyd, der sich sofort in Nightingale verliebt und selbst der Sohn eines engen Freundes von Sir Mortimer ist und diesen bereits jahrelang kennt und liebt.

Die sich dem Abendmahl anschließende Burgführung sorgt dann auch für die erste Aufregung, denn Sir Mortimer erzählt die düstere Geschichte der Lady Lorraine, die aus zurückgestoßener Liebe dem Wahnsinn anheim fällt und schließlich auf dem Scheiterhaufen endet. Der Legende nach geht ihr Haus |Dull Manor|, unmittelbar neben dem Schloss gelegen, alle hundert Jahre in Flammen auf – und das wäre genau diese Nacht, in der die Gäste angekommen waren.

Der Erste, den das Unglück noch in der gleichen stürmischen Nacht trifft, ist der Comte de Marais, der mit der einstürzenden Zugbrücke, dem einzigen Zugang zum Schloss, in die Tiefe gerissen wird. Den geschockten Poeten ist klar, dass der Comte das brennende |Dull Manor| sehen wollte – in der Tat steigen von dem Haus Rauchsäulen in den Himmel -, aber die Brücke hätte niemals von dem Sturm zerstört werden können, dazu war sie zu stabil. Was war passiert? Hatte der Comte das Feuer selbst gelegt und war gar noch am Leben? War er ein Irrer, der durch Tod seine poetische Phantasie anregt?

Goldsmith und Lloyd machen sich auf die Suche nach Hinweisen, als der nächste Todesfall in der zweiten Nacht hereinbricht: Geoffrey Stalliot wird im Weinkeller von herabstürzenden Weinfässern erschlagen. Kurz zuvor hatte er sich mit seiner Frau heftig gestritten und Lloyd hörte, dass er sie misshandelt und sie ihn betrogen hatte. Hatte sie ihren Mann zusammen mit ihrem neuen Liebhaber Milton umgebracht? Hatte sie auch den Comte ermordet, den sie bereits vor Ankunft im Schloss kannte?

Während gegenseitige Anschuldigungen und Verdächtigungen das literarische Unternehmen aussichtslos werden lassen, verfällt Sir Mortimer immer mehr in Depressionen und Schuldvorwürfen und der Bote, der den Eingesperrten Rettung bringen könnte, kommt erst in wenigen Tagen…

Während ich diese Zusammenfassung schreibe, wünschte ich, ich hätte dieses Buch noch nicht gelesen, damit ich noch einmal völlig unwissend in dessen spannenden Abgründe eintauchen und fieberhaft die Seiten umblättern könnte, um dem Mörder schrittweise näherzukommen und ihm dann überraschend gegenüberzustehen.

Jeder einzelne der Charaktere hinterlässt einen bleibenden Eindruck, jeder, außer unserem Erzähler, ist verdächtig und wird unter die Lupe genommen. Der Leser interpretiert in jede Bewegung, jedes Wort, jede Mimik alles und nichts hinein, weil alle Poeten ihre sympathischen, bemitleidenswerten und negativen Seiten haben. Was für ein Detektivspiel, das die Autoren da erschaffen haben!

Bestechend und eindringlich ist die perfekte Einheit zwischen Wort und Handlung, die dieses Buch von der ersten Seite an beherrscht. Die Literatur durchzieht das Geschehen wie eine Welle, mal ganz sanft, fast unterschwellig, mal aufbäumend und Beachtung erzwingend. Folgender Dialogausschnitt zeigt, welche Poesie und auch Philosophie den Leser erwartet:

|“Ich debattierte unlängst mit einem Freunde“, erzählte der Graf, „und es ging um die Frage, ob man heutigen Tages eine neue Geschichte überhaupt noch schreiben könne. Er glaubte – und es trieb ihn in die Verzweiflung -, dass alle Geschichten schon geschrieben seien. Und ich sagte zu ihm: Lieber Freund, solange der Mensch existiert, den in seiner seelischen Tiefe auszuloten wir niemals ganz erreichen werden – nur sehr wenigen ist dies gelungen, ich nenne Shakespeare -, einerlei, so lange wird es die Möglichkeit zu Geschichten geben, einmal vorausgesetzt, dass alle Geschichten mit Menschen zu tun haben. Das ist es, beiseite gesprochen, was mir Dichtung, Bücher einzig interessant macht: Es geht um Menschen. Und aus jedem guten Buch lerne ich Neues über sie.“
Ich blieb still, verwundert darüber, dass er just den Punkt angesprochen, der mir selbst zuvor durch den Kopf gegangen, die Vielschichtigkeit und Undurchschaubarkeit der Menschen.
„Nehmen Sie Mythen, Sagen, Märchen“, fuhr der Comte fort. „Sie sind wahr, weil sie uns etwas über Menschen erzählen. Wie Sie wissen, beschäftige ich mich selbst intensiv damit. Ich habe Tieck und Jakob und Wilhelm Grimm selbst kennen gelernt herüben in den deutschen Ländern. Was für Männer, welch bedeutende Wissenschaftler, Miss Nightingale, Mr. Lloyd! Ja, in den Gesprächen mit ihnen damals ward ich mir erstmals der Bedeutung von Märchen in ihrer ganzen, großartigen Universalität bewusst. Denn es ist ein grobes Missverständnis unserer Zeit, diese Gattung abzutun als lediglich den Stoff, aus dem man Kindern Gutenachtgeschichten offeriert, damit sie besser schlafen. Nein, insofern, als auch hier Menschen zu Gebote stehen, über die verhandelt wird, muss man auch hierbei vom Stoff reden, aus dem die Träume sind. Die Grimms ziehen durch die deutschen Lande mit Papier, einem Stift und offenem Geist und notieren, was sie hören, und sie haben mit dieser Ausrüstung schon jetzt einen ungeheuren Schatz geboren.“|

Der Leser wird langsam in die Geschichte eingeführt, das erste Abendmahl mit Personenvorstellung und die Burgführung sind fast 130 Seiten lang. Ich habe den Fehler begangen und war zu ungeduldig, um sie gebührend zu genießen, also macht es besser. Denn jede Seite zaubert herrlich düstere und geheimnisvolle Bilder hervor, bevor sich eine prickelnde, zum Zerreißen gespannte Atmosphäre einschleicht, die mich nicht mehr losließ, bis ich die letzte Seite mit einem bedauernden Seufzer schloss und wusste, mit diesem Buch einen echten Schatz gefunden zu haben, den ich noch oft zur Hand nehmen werde!

Fazit: Ein dichterisch glänzendes, spannendes und verzauberndes Werk mit großartigen Charakteren, in dem Spannung, Liebe, Melancholie, Philosophie und Psychologie, kleine und große Geheimnisse und vor allem Poesie zu einer unter die Haut gehenden Atmosphäre verbunden werden.

Julian Rathbone – Die Könige von Albion

Rathbone Albion CoverEin indischer Prinz sucht seinen in England verschollenen Bruder. In Begleitung eines Kaufmanns begibt er sich auf den Weg in die ihm völlig fremde Welt der Barbaren des Nordens und gerät in die „Rosenkriege“, die das westliche Europa in ein Schlachtfeld verwandeln … – Trotz düsteren Umfelds heiterer Roman, der sich nie zwanghaft um historische Genauigkeit schert, stattdessen eine Mischung aus Reiseerzählung und Abenteuer mit Thriller-Elementen bietet und eine Reflexion darüber darstellt, was das Typische der englischen Kultur ist und wie es in die Welt kam.

Das geschieht:

1459 tritt der Kaufmann Ali ben Quatar Mayeen, geboren nahe Damaskus, die Reise seines Lebens an. Schon mehrfach hatte es ihn, der ein rechter Sindbad auf den Meeren der bekannten Welt ist, nach „Ingorland“ verschlagen, eine verregnete Insel hoch im Nordwesten Europas, die von unzivilisierten, grobschlächtigen und ständig Krieg führenden Barbaren bewohnt wird. Dort kauft Ali Wolle und versucht sich an der Einführung eines Getränkes, das man einst „Kaffee“ nennen wird.

Die Engländer führen Krieg gegen die Franzosen, vor allem aber untereinander. Es geht um Macht und Religion, aber so recht durchschaut Ali das nicht; sein Interesse hält sich ohnehin in Grenzen. Das rächt sich, als ihn eines Tages ein Mönch anspricht, der ihm aufträgt, eine Botschaft in das ferne Reich Vijayanagara zu tragen. Ali lehnt zunächst ab, zumal besagter Mönch kurz darauf als Ketzer und Landesverräter auf dem Scheiterhaufen landet. Als seine Geschäfte schlecht zu gehen beginnen, beschließt Ali, die Nachricht des ‚Mönches‘ trotzdem zu überbringen und hofft auf die hoffentlich lukrative Dankbarkeit des Empfängers.

Vijayanagara liegt in Südindien, beherrscht wird es vom Prinzen Harikara Raya Kurteishi. Es steht schwer unter dem Druck der muslimischen Nachbarn. Der Prinz schickte deshalb vor Jahren seinen Bruder Jehani nach England, um dort Waffen zu kaufen und Söldner zu werben. Stattdessen geriet Jehani in eine mysteriöse Verschwörung und gilt als verschollen. Nun bringt Ali frohe Kunde: Jehani lebt, aber er ist verletzt und muss sich in England verbergen.

Harikara beschließt Jehani höchstpersönlich zu retten. Der überraschte Ali sieht sich als Führer angeheuert. Mit seinem Anhang macht sich der Potentat aus dem fernen Osten auf in die Fremde – und gerät nicht nur in eine exotisch fremde, kaltfeuchte, düstere Welt, sondern sogleich in die Wirren der „Rosenkriege“, deren notorisch misstrauische und verfeindete Parteien den in ihrer Mitte erschienenen braunhäutigen Gästen viel Misstrauen entgegenbringen …

Vertrautes durch fremde Augen

Über seine Schwierigkeiten mit dem Genre des Historischen Romans hat sich dieser Rezensent schon oft ausgelassen. Die meisten Elaborate stimmen ihn eher missmutig. Da ist es eine angenehme Abwechslung, ein Werk uneingeschränkt loben zu können. „Die Könige von Albion“ ist ein wunderbares Stück literarischer Unterhaltung. Handlung, Personenzeichnung, Stil – da gibt es wirklich nichts zu meckern.

Autor Rathbone beginnt bereits mit einem originellen Ansatzpunkt. Die Geschichte spielt in England, aber sie wird von völlig Ortsfremden erlebt. Das gestattet dem Verfasser einen (scheinbar) objektiven Blick auf Land und Leute. England erstrahlt in einem doppelt fremden Licht: Es leuchtet über einer mittelalterlich unerforschten Welt und wird gebrochen in den Augen der Gäste aus dem wahrlich fernen Vijayanagara. Die Idee ist nicht neu; so ließ u. a. auch Michael Crichton in „Eaters of the Dead“ (dt. „Die ihre Toten essen“, im Film als „Der 13te Krieger“ umgetitelt) einen gebildeten Morgenländer in den barbarischen Norden reisen: Eine wirklich gute Story erkennt man daran, dass sie sich variieren lässt, ohne ihre Anziehungskraft einzubüßen.

Neben der Gelegenheit, eine spannende Geschichte aus einer turbulenten Zeit zu erzählen, unterzieht Rathbone seine Landsleute einer Art Untersuchung: Was macht den Engländer eigentlich ‚britisch‘, und wie hat sich das entwickelt? Das interessiert ihn mehr als die bis ins Detail detaillierte Rekonstruktion des 15. Jahrhunderts – er sei ohnehin kein Historiker, wurde Rathbone in Interviews nie müde zu versichern.

Ohne falsche Ehrfurcht

Folglich bedient sich Rathbone auch nicht des für historische Romane gern eingesetzten ‚zeitgenössischen‘ Tonfalls, der in der Regel hölzern, schwülstig oder einfach nur peinlich wirkt, sondern schreibt „Die Könige von Albion“ in einem modernen, ironischen Stil, der sich außerordentlich erfrischend und flott liest.

Richtig dankbar kann ihm der Freund des wahren Historienromans zudem dafür sein, dass „Die Könige von Albion“ sich bei aller Stilisierung der Vergangenheit als echter Roman seines Genres bzw. – legt man Wert auf diese Kategorisierung – als ‚richtige‘ Literatur erweist. Dies ist weder ein Krimi aus alten Zeiten, noch verkappte Fantasy, die taffe Templer im Kampf gegen Verschwörer aus dem Vatikan antreten lässt, und vor allem keine sich historisch gebende „chick lit“, die Hebammen, Wanderhuren & andere pseudo-emanzipatorisch rückwärts modulierte Kunstgestalten in Zeit und Raum auf der Suche nach Mr. Right zeigt.

Der Witz wird in „Die Könige von Albion“ primär literarisch, d. h. durch das geschriebene Wort vermittelt, doch der Effekt wird verstärkt durch gewisse Übertreibungen in der Figurenzeichnung. Kaufmann Ali ist Überlebenskünstler und kosmopolitisches Chamäleon zugleich, überall und nirgendwo zu Hause und daher die ideale Zentralfigur.

Wer ist der Feingeist, wer der Barbar?

Harikara Raya Kurteishi ist ein Prinz im buchstäblichen Sinne. Noch unter den unwirtlichsten Umständen tritt er auf wie ein Herrscher und möchte gefälligst als solcher behandelt werden. Das sorgt für immer neue Verwicklungen und Ärger, weil sich selbst der ungebildetste Europäer sich den heidnischen ‚Wilden‘ aus der Fremde überlegen dünkt und dem Prinzen höchstens die Rolle eines der drei biblischen Waisen aus dem Morgenland im Weihnachtsspiel zubilligt.

Gar nicht gut scheint Rathbone mit seinen Landsleuten umzuspringen. Das täuscht; zum einen schont er in seiner Darstellerriege niemanden, zum anderen weiß er deutlich zu machen, dass für diese Engländer das 15. Jahrhundert die Realität ist und sie folglich den Denkmustern ihrer Epoche verhaftet bleiben – oder in ihnen gefangen sind. Sie verhalten sich deshalb nicht absichtlich besonders grausam oder dumm, sondern glauben sich im Recht. Das ist der Boden, auf dem offenbar viel von dem wuchs, das noch heute die Inselnation prägt.

‚Authentisch‘ ist das sicher nicht, macht aber Spaß. Das ist kein schlechtes Ergebnis für einen Roman, der darüber hinaus gut geschrieben sowie übersetzt und seltsamerweise hierzulande bisher nicht wieder aufgelegt wurde.

Exkurs: zwei (kurze) historische Anmerkungen

Obwohl unsere Geschichte den Titel „Die Könige von Albion“ (= die britischen Inseln) trägt, erstrecken sich ihre Schauplätze über einen weiten Ausschnitt der damals bekannten und besiedelten Welt. Wie Rathbone im Vorwort selbst schreibt, hat es das südindische Hindu-Großreich Vijayanagara tatsächlich gegeben. Es existierte zwischen 1346 und 1565, bis muslimische Armeen es eroberten und die gleichnamige Hauptstadt zerstörten. An ihrer Errichtung sollen einst die in Europa verfemten Tempelritter beteiligt gewesen sein, was Rathbone einen willkommenen Anknüpfungspunkt für seine Geschichte bot.

England beschreibt der Verfasser im Zeitalter der Rosenkriege, die trotz ihres lyrischen Namens von den üblichen bewaffneter Konflikte gekennzeichnet wurden, die in diesem Fall ab 1455 um den englischen Thron zwischen den Seitenlinien York (weiße Rose im Wappen) und Lancaster (rote Rose) des Hauses Plantagenet ausgetragen wurden. Unsere Reisenden aus dem Morgenland waren schon lange wieder verschwunden, als diese Auseinandersetzung 1485 endlich durch den Sieg des Lancaster-Erben Heinrich VII. beendet wurde (der die Dynastie Tudor begründete).

Autor

Julian Rathbone (geb. 1935 in Blackheath, Süd-London) – ein Großneffe des Schauspielers Basil Rathbone – lebte in Dorset. Nach einem Englisch-Studium arbeitete er als Lehrer und ging u. a. für drei Jahre ins türkische Istanbul. Hier spielten seine ersten vier Romane, die zwischen 1967 und 1972 erschienen. Der Erfolg sorgte für den Beschluss, freier Schriftsteller zu werden sowie nach Spanien zu ziehen, wo Rathbone u. a. heiratete. Er veröffentlichte mehr als 40 Romane, wobei er Genregrenzen ignorierte. Julian Rathbone, der trotz langer und schwerer Krankheit bis zuletzt schrieb, starb am 28. Februar 2008.

Gebunden: 479 Seiten
Originaltitel: Kings of Albion (London : Little, Brown and Company 2000)
Übersetzung: Karin Dufner

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Stephen Baxter – Zeit (Das Multiversum 1)

Botschaften aus der Zukunft, Reisen in eine Milliarden Jahre entfernte Zukunft: „Zeit“ (orig.: „Manifold: Time“) ist ein Science-Fiction-Roman voller effektvoller Ideen, die sich der Autor jedoch nicht aus den Fingern gesogen hat. Sein Nachwort belegt seine fundierten wissenschaftlichen Quellen. Das muss nicht bedeuten, dass diese Ideen innerhalb der Science-Fiction neu sind, vielmehr beutet Baxter sie auf neue Weise aus.

Baxter hat sich in den letzten paar Jahren zu einem würdigen Nachfolger von Arthur C. Clarke (einem Ko-Autor) und Isaac Asimov emporgeschrieben. Mit Romanen wie „Ring“ (aus dem Xeelee-Zyklus) und „Titan“ öffnete er dem Science-Fiction-Publikum die riesigen Dimensionen, die das Universum charakterisieren.

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King, Stephen – Susannah (Der Dunkle Turm VI)

|“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“|

So begann im Jahre 1982 der Revolvermann Roland von Gilead seine surreale Jagd auf den Mann in Schwarz und seine Suche nach dem „Dunklen Turm“ in der westernähnlichen Mitt-Welt. Stephen King lag der „Turm-Zyklus“ nach eigenen Angaben seit seiner Jugend am Herzen, er ist sozusagen sein Lebenswerk. Inspiriert von einem alten Gedicht Robert Brownings aus dem Jahr 1855, „Childe Roland to the Dark Tower came“, war „The Gunslinger“/“Schwarz“ zwar nichts King’s Durchbruch, aber die Geschichte hatte ihr eigenes Flair, obwohl sie stilistisch noch ein unausgereiftes Frühwerk war. In der Tat hat King den ersten Band nach Jahren in einer neuen Fassung herausgebracht, die zahlreiche Details enthält, die in der ursprünglichen fehlen, was für diese Rezension noch von Bedeutung sein wird. Der gesamte Turm-Zyklus ist geprägt von Referenzen auf andere Figuren und Werke Kings, der in „Susannah“ sogar sich selbst in persona in die Handlung einbaut!

„Susannah“ ist der sechste und damit vorletzte Band des Zyklus. Stephen King möchte sich als Autor langsam zurückziehen, er hat sich aber noch einmal aufgerafft und in Rekordzeit die letzten drei Bände des Zyklus geschrieben.

_Ein kurzer Überblick der Turm-Saga:_

Schwarz (The Gunslinger) 1982
Drei (The Drawing of the Three) 1987
Tot (The Waste Lands) 1991
Glas (Wizard and Glass) 1997
[Wolfsmond]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=153 (Wolves of the Calla) 2003
Susannah (Song of Susannah) 2004
[Der Turm]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822 (The Dark Tower) Ende 2004

Man beachte die großen Zeitabstände zwischen den einzelnen Bänden. Die letzten drei Bände erschienen in einem neuen, sehr hübschen und zeitgemäßen Gewand bei Heyne. Die ganze Saga wird in Kürze als Sammelbox in einheitlichem Design und mit der zweiten Version von „Schwarz“ erhältlich sein.

Wer einen Einstieg in die Turm-Saga plant, muss von vorne beginnen. Der Zyklus ist bereits für Kenner aufgrund der zwei Fassungen von „Schwarz“ und des langen Zeitrahmens schwer überschaubar.

_Was geschieht in „Susannah“?_

Mia hat im Körper der hochschwangeren Susannah die Flucht in das New York des Jahres 1977 angetreten. Detta und Susannah kämpfen um die Kontrolle ihres Körpers, während Mia sich auf ihr Kind freut, obwohl sie es nur wenige Jahre behalten darf, da sie es an zwielichtige Vampire in Diensten des Turmes verschachert hat.

Ein weiterer Balken des Turms stürzt ein und verursacht Beben in Mitt-Welt, wo es Roland, Eddie, Jake und Callahan gelingt, Susannah in ihre Gegenwart zu folgen. Dort werden sie jedoch bereits von Balazar’s Mafiosi erwartet, nur dank Rolands Schießkünsten können sie dem Hinterhalt entkommen. Sie machen sich auf den Weg zu Calvin Tower, von dem sie in der Vergangenheit das Grundstück des Dunklen Turms gekauft haben. Sie treffen sogar auf Stephen King selbst, der davon geschockt ist und ihnen bestürzende Dinge offenbart.

Derweil erfährt Susannah, wer der Vater ihres Kindes ist, und was für eine bedeutende Rolle es für das Schicksal des Turms spielt…

_Der schiefe Turmbau_

Konnte man „Wolfsmond“ noch für den deutlich erfahreneren und versierteren Schreibstil Kings loben, war eine Schwäche die langsame Weiterentwicklung der Geschichte um den Turm selbst. Das westernartige Ambiente von Mitt-Welt und die Charakterisierungen der Figuren dagegen stimmten.

„Susannah“ fängt nahtlos dort an, wo „Wolfsmond“ aufhörte – kommt aber handlungstechnisch genauso wenig vom Fleck. Große Ereignisse werden wohl für den Abschlussband aufgespart. Susannah steht im Mittelpunkt, Roland und Co. treten extrem in den Hintergrund. Dafür tritt der Autor selbst in seinem Roman auf, nicht mehr nur Figuren aus seinen anderen Werken. Für mich das eigentliche Highlight des Romans, denn Susannah’s psychologisches Duell mit Mia ist ziemlich seicht. Der Vater ihres nun auf einmal unglaublich bedeutenden Kindes ist vollkommen an den Haaren herbeigezogen, was nur noch von ihrer lächerlichen psychologischen Visualisierungstechnik getoppt wird: Mia stellt sich ein Armaturenbrett vor und dreht den Schalter „Wehen“ ein paar Grade zurück.

Ihr plötzliches Auftauchen in New York beschert einer Passantin Albträume, die sich so etwas einfach nicht vorstellen kann. Sie fühlt sich daraufhin „tervös-naub“… dies als Beispiel für die zahllosen Wortschöpfungen Kings, wie auch die penetrante Sprache der Calla „sagen Danke sehr“ dem Ka-Tet in unsere nahe Vergangenheit gefolgt ist. Diese kann man dem Übersetzer Wulf Bergner nicht anlasten, sie sind im Original genauso überflüssig. Er hat sich dafür Patzer bei feststehenden Redewendungen geleistet: „Die Welt hat sich weiterbewegt“ – Bergner hat die Übersetzung seines Vorgängers Körber dafür offensichtlich nicht gelesen…

Man erhält dadurch den Eindruck, King würde alt, kindisch und sentimental. Dieser verstärkt sich, wenn man zum interessanten Teil des ansonsten mit Susannah handlungsarm dahindümpelnden Buchs kommt: King plaudert aus dem Nähkästchen – ob real oder fiktiv, sei dahingestellt. Er gibt Roland und Eddie Informationen, die wohl eher für den Leser der Turm-Romane als diese selbst einfach bestürzend sind. So gibt King freimütig zu, sich nie groß Gedanken über den Zyklus gemacht zu haben, es existierte einmal ein Exposé, aber er hat es verloren und weitgehend vergessen.

Er selbst wusste nicht, wie sein Zyklus enden soll, während er ihn geschrieben hat. Das mag auch die langen Pausen zwischen den einzelnen Romanen und das langsame Voranschreiten der Kernhandlung während der letzten Bände erklären. Man darf gespannt sein, wie King das alles auflösen will. Wahrscheinlich entzaubert er nur sein eigenes Werk, bei dem die Spekulationen um den Turm interessanter sind als die tatsächliche Geschichte. Diese bietet keine Ereignisse, über die man spekulieren könnte, sie ist voller |deus ex machina|-Elemente, die Handlung ohne besondere Konsistenz und Richtung, dazu wird zu viel einfach an den Haaren herbeigezogen. Musterbeispiele dafür das plötzliche Auftauchen Callahans im letzten Band und in diesem der Vater von Mias Baby. Wenn die eigenen Ideen ausgehen, greift man halt auf alles zurück, was einem gerade so durch den Kopf geht: Seien es Harry Potter, die Jedi-Ritter, Marvel-Comics oder eben als Krönung der Bezug des einstürzenden WTC zum ebenfalls wankenden Dunklen Turm. Es ist zu viel; die gute Idee, das reale Weltgeschehen in die Geschichte einzubeziehen, wirkt so langsam zwanghaft.

Reale Anmerkung oder Fiktion?
Die „Seiten aus dem Tagebuch eines Schriftstellers“ beschreiben im Anhang quasi, wie der Turm entstand und was sich King dabei dachte. Beeindruckend und entlarvend dabei seine eigene Niedergeschlagenheit über einen Fanbrief der todkranken Coretta Vele im Jahr 1992, die vor ihrem Ende gerne von King wissen würde, wie die Turmsaga endet… sie würde es niemandem verraten. King selbst schreibt, wie niedergeschlagen er war, er wusste es selbst nicht.

Es folgt eine fast philosophische Abhandlung über das Dasein als Schriftsteller und seinen schweren Autounfall im Jahr 1999, hier kann man sich fragen, ob King nicht der psychologischen Betreuung bedarf, wurde dieser doch bereits in anderen Werken von ihm ausführlich aufgearbeitet und integriert. Die Zahlen 19, 99 und Prim, auf die auch zu Beginn des Romans Bezug genommen wird (eine fette 99 in der Seitenmitte, links unten eine kleine 19 – steht vermutlich für das Jahr 1999, daneben das Wort „Reproduktion“) fehlen zudem in den ersten Bänden der Saga, erst in der von King neu aufgelegten zweiten Fassung sind diese Elemente enthalten, was für zusätzliche Verwirrung und einen gewissen Groll sorgt: Muss man als King-Fan jetzt wirklich noch einmal die vier alten Romane oder die ganze (zugegeben: Das Metallic-Design ist sehr gelungen!) Sammelbox kaufen, um in den Genuss einer abgeschlossenen und in sich schlüssigen Reihe zu kommen?

_Mehr Schein als Sein_

„Susannah“ ist als Buch handlungsarm, von schwachen Charakterisierungen, inkonsistenten und völlig willkürlichen, unvorhersehbaren Ereignissen geprägt. Der interessante Teil ist ironischerweise Kings eigenwilliges Philosophieren über seine Beziehung zu seinem Turm-Zyklus. Leider auch eine einzige Entzauberung und Selbstoffenbarung: King hat mehr die Fantasie der Fans angeregt, als er sich selbst jemals im Traum vorstellen konnte. Er hatte kein Konzept, nicht einmal eine Idee, wie der Zyklus enden soll. Jetzt biegt er schnell alle losen Enden zusammen und geht danach in Rente. Ende.

Die Atmosphäre und der surreale Reiz von Mitt-Welt geht „Susannah“ vollkommen ab, der Roman hat keinerlei Charme, erzeugt keine Immersion. Dafür zahllose Seiten der Langeweile und Horror der besonderen Art: Was – das soll es jetzt gewesen sein?

Der Roman endet mit der Geburt von Mias Kind und einem der nervig werdenden Gesänge, die jedes Kapitel einleiten oder beenden:

VORSÄNGER: |Commala-come-kass!|
|The child has come at last!|
|Sing your song, O sing it well,|
|The child has come to pass.|

CHOR: |Commala-come-kass,|
|The worst has come to pass.|
|The Tower trembles on its ground;|
|The child has come at last.|

Wäre King bei seinem Autounfall tatsächlich ums Leben gekommen, man hätte den Turm-Zyklus als ein Musterbeispiel innovativer Phantastik angesehen, trotz seiner Schwächen. Jetzt entzaubert er ihn selbst als Machwerk überbordender Symbolik. Vielleicht gelingt es King, mit dem Abschlussband „Der Turm“ seine Fans wieder zu versöhnen, für sich gesehen ist „Susannah“ viel Lärm um nichts, ein grauenhaft langweiliger, uninteressanter Roman, der selbst hartgesottene King- und Turm-Fans enttäuschen wird. Es würde mich sehr wundern, wenn das Finale den Anfängen gerecht werden und der Turm-Zyklus sich nicht als Konglomerat einiger faszinierender Ideen ohne klares Ziel und jegliche Konzeption erweisen sollte.

Für das Lesen sagen Danke sehr.

P.S.: Es empfiehlt sich definitiv nicht, eine Zusammenfassung zu lesen bevor man sich an den Turm-Zyklus wagt. Aber für Fans, die gerne ein paar Karten, ein Personenregister sowie Hinweise auf welche Werke Kings im Turm-Zyklus eingegangen wird haben möchten, ist Robin Furth’s „Das Tor zu Stephen Kings Dunklem Turm I-IV“ (ISBN 3453875559) eine Empfehlung wert. Ein Folgeband für die Bände V-VII ist in Vorbereitung. Das definitive Nachschlagewerk für Turm-Fans – als zusätzliches Schmankerl ist die exklusive Kurzgeschichte „Die Kleinen Schwestern von Eluria“ enthalten.

Marklund, Liza – Prime Time

Die bekannteste Fernsehmoderatorin Schwedens wird erschossen in ihrem Sende-Übertragungswagen aufgefunden. Der Kreis der Tatverdächtigen ist groß: fast alle Teilnehmer ihrer letzten Talkshow. Die Stockholmer Journalistin Annika Bengtzon ermittelt in der Medienszene und stößt in ein Schlangennest, in dem keiner dem anderen etwas gönnt.

_Die Autorin_

Liza Marklund, geboren 1963, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. Marklund lebt in Stockholm. (Verlagsinfo)

_Die Sprecherin_

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u.a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Studio 6“ und „Paradies“ gelesen.

Winter liest die von Gisela Mathiak gekürzte Fassung.

_Handlung_

Annika Bengtzon ist Journalistin bei der Stockholmer Boulevardzeitung „Abendblatt“. Sie will gerade mit Lebensgefährte Thomas und ihren zwei Kindern Ellen und Kalle in einen Kurzurlaub zu Thomas‘ Eltern auf dem Land aufbrechen, als ihr Chef anruft. Da sie Bereitschaftsdienst hat, muss sie seinem Ruf folgen, so Leid es ihr auch tut. Thomas droht: „Das werd‘ ich dir nie verzeihn.“ Sie geht dennoch, denn an diesem Wochenende ist kein anderer Reporter verfügbar. Vielmehr ist der Kollege Karl Wennagren selbst unakömmlich – am Tatort.

Der Grund für den dringenden Einsatz draußen an der Küste ist der Mord an Schwedens erfolgreichster Fernsehmoderatorin Michelle Carlsson. Dort hatte sie auf Schloss Ixterholm einige Sendungen für die Reihen „Sommerschloss“ und „Frauen-Couch“ aufgenommen und drehte parallel dazu einen Dokumentarfilm über sich selbst. Als Annika eintrifft, sind die Medien schon da, können aber nicht in das Schloss, weil die Polizei unter Kommissar Kuh alles abgesperrt hat.

Von ihrer Freundin Anne Snaphane, die sich im Schloss befindet, erfährt Annika, dass der Kommissar rund ein Dutzend Leute festhalten lässt, die als Zeugen angesehen werden. Sie und andere, die schon abgereist sind, waren in der vorhergegangenen Mordnacht im Schloss, als nach der letzten Sendung Radau und Streit ausbrachen. Michelle und ein Rockstar hatten danach in einem abgelegenen Kämmerchen Sex miteinander.

Eine „Neonazi-Tante“, Hannah Persson, hatte die Tatwaffe, einen Revolver, mit in die Sendung gebracht und damit gegenüber den feministischen Anarchistinnen angegeben, die natürlich sofort mit Prügel drohten. Annika erkennt schnell, dass praktisch jeder der zwölf verbliebenen Zeugen ein Motiv hatte, Michelle umzubringen. Folglich muss sie versuchen, mit jedem zu sprechen, um den Täter, den die Polizei nicht findet, aufzuspüren.

Fotos, die Annikas Kollege Karl Wennagren gemacht hat, und eine klammheimlich mitgeschnittene Tonaufnahme aus dem Übertragungswagen, wo man die Leiche fand, spielen eine entscheidende Rolle beim Aufspüren des Täters.

Während ihrer Ermittlungen spitzt sich Annikas Beziehungskrise mit Thomas zu. Doch er muss erst einmal lernen, mit den hohen Ansprüchen seiner Mutter fertig zu werden und innerlich von seiner Exfrau Eleonor, einer Bankdirektorin, Abschied zu nehmen. Zudem befürchtet er, demnächst arbeitslos zu werden, was ja bekanntlich nie gut fürs männliche Ego ist, und muss auch den Haushalt managen.

In diesem Szenengeflecht fällt es kaum auf, dass sich Annika von ihrem Redaktionschef Schümann dazu benutzen lässt, den unfähigen Chefredakteur und Herausgeber des „Abendblatts“, Torstensen, mit einer raffinierten Intrige auszubooten. Ob sie damit den Untergang ihres Blattes abwenden kann?

_Mein Eindruck_

In einer großen deutschen Tageszeitung war ein Porträt von Liza Marklund zu lesen. Darin bekennt sie, dass „Prime Time“ geschrieben wurde, als die Autorin unter dem Einfluss der Ereignisse nach der Ermordung der beliebten schwedischen Ministerin Anna Lindh stand, die sie selbst gut gekannt hatte. Zunächst wollte die Polizei, die unter dem Fahndungsdruck der Medien arbeitete, einen anderen als den wahren Mörder verhaften, musste ihn aber wieder laufen lassen, als die Verdachtsmomente nicht ausreichten.

In „Prime Time“ stellt die ehemalige Reporterin die Fähigkeit der Medien in Frage, überhaupt konstruktiv zur Ermittlung von Tatverdächtigen fähig zu sein. Sie stellt sogar in Frage, dass es ihnen überhaupt um die Wahrheit, um den wahren Täter gehe. Ob ihnen nicht die Quote, die Verkaufszahlen viel wichtiger seien. Und ob es nicht einige unfähige und korrupte Leute zu viel in den Reihen der Medien gebe. Das sind wichtige Fragen, die uns alle angehen.

Andererseits kann sich Marklund nicht hinstellen und mit dem Finger auf bestimmte Leute zeigen. Stattdessen lässt sie ihre Heldin Bengtzon nicht so sehr den Täter ermitteln, sondern vielmehr die Umstände, die zu der Mordtat geführt haben. Sie bezieht das gesamte Umfeld mit ein: Biografie, Psychologie, berufliche Laufbahn, wirtschaftliches Umfeld, personelle Hierarchien – und schließlich auch die Wahrheit des eigentlichen Tathergangs, den zu ermitteln die Polizei offenbar unfähig ist, obwohl Annika Bengtzon und Anna Snaphane das gleiche Material auswerten: Fotos, Tonaufnahmen, Videos.

Die Ermittlerin von eigenen Gnaden Bengtzon erscheint aber nicht als Heilige, die sich zur Richterin aufschwingt, sondern als normale (ziemlich gestresste) Frau, die sich auch um Kinder und einen Lebensgefährten zu kümmern hat. Zu ihrem gelinden Entsetzen merkt sie, dass sie Thomas genau so behandelt wie ihren ersten Mann, den sie in Notwehr tötete. (An einer Stelle heißt es, sie sei auf Bewährung frei.) Sie hat also nichts dazugelernt? Sie merkt es gerade noch rechtzeitig, um das Richtige zu tun.

Sie ist also eine Ermittlerin, die sich stets bemüht, doch mitunter wird auch das missverstanden – oder sogar missbraucht. Denn die Autorin zeigt nicht nur das Fernsehen als Schlangennest, in dem keine der anderen etwas könnt – und das wusste M. Carlsson am besten -, sondern auch Bengtzons eigene Redaktion: Ihr eigener Redaktionschef Schümann schickt sie auf Recherche gegen seinen Chef. Torstensen hat wohl Insidergeschäfte getätigt, aber das muss man ihm erstmal nachweisen. Es ist schon eine vielsagende Szene, wenn Schümann seine „Munition“ herausholt und sich überlegt, welche Unterlagen – die meisten illegal kopiert – er verwenden soll, um Torstensen „abzuschießen“. Gottlob, nur für einen guten Zweck: Um das Revolverblatt, das sich mit jeder Ausgabe eine Verleumdungsklage einhandelt, wieder auf anständigen Kurs zu bringen. Doch es ist sicher kein Zufall, wenn Torstensens Missetat in einem Fernsehinterview enthüllt wird, das Anne Snaphanes Lebensgefährte beim Fernsehen führt. Und Anne ist Annikas beste Freundin. Gelobt sei die Seilschaft!

_Spannung gefällig? Ja, bitte!_

Spannung darf in einem Krimi wie diesem nicht fehlen. Und doch ging sie über längere Strecken hinweg flöten. Das liegt nicht an fehlender Brisanz des Themas – die ist ja gegeben -, sondern an dem dramaturgischen Problem, dass die Heldin knapp ein Dutzend Verdächtige zu beackern hat. Es dauert eine ganze Weile, bis Verdachtsmomente aufgedeckt und geprüft sind. Selbst am Schluss der langwierigen Ermittlungsarbeit bedarf Bengtzon der mutigen Tat ihrer Freundin Anne, um die wahre Täterin zu einem Geständnis zu veranlassen.

Dass dies mit einer Bandaufnahme gelingt, die von der Polizei geprüft wurde, spricht ja nicht gerade für die Qualität der Polizeiarbeit, wie schon die ganze Geschichte hindurch Bengtzon dem Kommissar ihre hilfreichen Tipps geben muss, damit überhaupt etwas vorankommt. Der Inhalt des Bandes wird uns nur häppchenweise mitgeteilt, auch eine clevere Methode, Spannung aufzubauen.

_Sex, massenhaft_

Müssen schwedische Romane immer Sexszenen enthalten? Nicht immer, aber ganz bestimmt, wenn sie die Medien aufs Korn nehmen. Daher finden saftige Fotos ihren Weg in die Redaktion von Annikas Revolverblatt – und der Fotograf würde sie am liebsten auf Seite 1 bringen: Michelle Carlssen beim Sex mit Rockstar John Essex – wow, was für ein Knüller! („Oder wenigstens auf der Homepage, Chef? Bitte!“)

Auch besagte Bandaufnahme dreht sich um Michelles sexuelle Gymnastik, diesmal im Ü-Wagen. Und unter Einsatz eines Schießeisens… Und dass auch Anne Snaphane einen Unterleib hat, belegt ebenfalls eine entsprechende Szene. Als ob wir das nicht schon irgendwie geahnt hätten. Aber die Szene verrät auch ein wenig Humor, wenn Anne und Mehmet von Annes Kind gestört werden. Ansonsten ist der Humor eher grimmiger Art, mit einer gehörigen Portion Zynismus.

_Die Sprecherin _

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Und die Hauptfigur des Romans, Annika Bengtzon, hat ja gleich zwei davon. Vereinzelt kommen auch elektronische Verzerrungen hinzu, da ja in der Medienlandschaft laufend Stimmen über irgendwelche Endgeräte verfremdet ausgegeben werden.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlagen größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Mittendrin rezitiert sie eine längere englische Passage, ein Briefzitat. Für den des Englischen nicht Mächtigen ist das vielleicht langweilig, aber ich fand Winters Aussprache einwandfrei. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher ähnliche Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, falls die Aussprache schwankt. Aber bei Personennamen wie Persson oder Carlssen kann man nicht viel falsch machen, oder?

_Unterm Strich_

„Prime Time“ – der englische Begriff steht für die „Hauptsendezeit“ am frühen Abend zwischen 19 und 21 Uhr. Zu dieser Stunde sind die Quotenjäger unterwegs. Doch einige davon leben recht gefährlich, wie der Mord an der TV-Moderatorin zeigt. Die Geschichte der Aufklärung dieses Mordes ist durchaus spannend mitzuverfolgen, und die Autorin stützt die Authentizität des geschilderten möderischen Medienmilieus mit den Beobachtungen aus ihrer Tätigkeit bei Fernsehen und Zeitung.

Allerdings fragt man sich bisweilen, was das nun werden soll, so ziellos erscheint die Fragerei der Hauptfigur im Kreis der Verdächtigen. Das soll wohl nur verschleiern, dass sich Mosaikstein zu Mosaikstein fügt, bis endlich – beinahe – das Bild komplett ist. In diesem Irrgarten aus Motiven und Tätern erscheint plötzlich selbst die engste Freundin Bengtzons, Anne, als mögliche Täterin: Jeder hatte ein Motiv, Michelle das Lebenslicht auszublasen. Und diese war offensichtlich auch nicht gerade ein Sonnenscheinchen.

Ist also Marklund ein weiblicher Mankell? Das politische und moralische Anliegen hätte sie ja schon mal. Das erzählerische Vermögen geht ihr ebenfalls nicht ab, ganz im Gegenteil. In „Studio 6“ nahm sie die Korruption von Politikern aufs Korn, nun die in einem Medienkonzern und beim Fernsehen.

Eines steht fest: Man kann nach Marklund ebenso süchtig werden wie nach Mankell. Und unweigerlich dürfte sich das ZDF bereits um die Verfilmung dieser Romane bemühen. Nordlandkrimis sind ja in.

Das Hörbuch „Prime Time“ ist zwar auf die wichtigsten Vorgänge gekürzt, mir aber trotzdem immer noch zu lang: Vier CDs statt der 366 Minuten auf fünf CDs hätten auch gereicht. Judy Winter zuzuhören, ist ein Genuss und ein Erlebnis. Sie lässt das Geschehen erst lebendig werden und sorgt für spannende und bewegende Highlights.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Prokofieff, Sergej O. – Menschen mögen es hören. Das Mysterium der Weihnachtstagung

Seit Ostern 2001 ist der Russe Prokofieff Mitglied im Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach (Schweiz) und mit seinen Ideen und Tätigkeiten scheint ein gewaltiger Umbruch bei den Anthroposophen stattzufinden. Er konzentriert sich bei den Aufgaben der anthroposophischen Gesellschaft auf die Weihnachtstagung von 1921, die seit mehr als achtzig Jahren heftigst innerhalb der Mitgliedschaft diskutiert wird und lange Zeit als Tabuthema galt. Über das letzte Jahrzehnt hinweg konnte sich endlich damit offen auseinandergesetzt werden, allerdings mit dem vorläufigen Ergebnis, dass schweizerische Gerichte Anfang 2004 den ganzen damaligen Verein für rechtlich nicht einwandfrei erklärten und alle Entwicklungen, die seitdem bei den Anthroposophen stattfanden, als rechtlich unwirksam erklärten. Ein vernichtendes Urteil für die Anthroposophen, die sich zwar über Positionen stritten, aber kaum jemand war wohl mit der Aussicht auf einen solchen Ausgang vor Gericht gegangen.

Prokofieffs Buch ist eine hervorragende Arbeit, deren Wichtigkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Er entwickelt aus der Anthroposophie erstmals eindeutig eine eigenständige moderne Religion, was in solcher Weise durch die letzten hundert Jahre hinweg noch keiner vor ihm zu formulieren wagte. Dies macht die Auseinandersetzung mit dem umfassenden Werk auch für Nicht-Anthroposophen notwendig. Abgesehen davon, dass er sich in seinem ganzen Ideenkomplex nur auf die wenigen „poetischen“ Verse der Grundstein-Meditation von Steiner besagter Tagung beruft – es ist schon sehr verwegen, diese derart umfangreich zu kommentieren, mit dem Ergebnis, eine Religion geschaffen zu haben -, bildet seine Arbeit den wichtigsten derzeitigen Impuls für eine Anthroposophie von morgen.

Für ihn war die Weihnachtstagung keine irdische Angelegenheit, sondern eine kosmische, die auch göttlich-geistige Hierarchien betraf. Rudolf Steiner wird bei ihm zu einer Messias-Gestalt und alle damals beteiligten Vorstandsmitglieder und engen Getreuen zu einer Art von Aposteln. Steiner sei der führende Rosenkreuzermeister des 20. Jahrhunderts gewesen, der als moderner Gesandter Michaels vor die Menschheit trat. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in der Fortsetzung des traditionellen Rosenkreuzertums sei ein ganz neues Rosenkreuzertum des 20. Jahrhunderts. Das Einweihungsprinzip bildet darin einen ganz bedeutenden Schwerpunkt. Die anthroposophische Religion ist eine christliche Religion – worüber ich als Rezensent durchaus streiten würde, was aber die Buchbesprechung zu sehr von ihrem Inhalt wegführen würde – , die ihren Schwerpunkt auf die Auferstehungskräfte legt und sich zum ersten Mal seit Entstehung des Christentums überhaupt mit der Auferstehungsbotschaft an das volle Bewusstsein jedes individuellen Menschen wendet und den „Sündenfall“ im Bereich der Erkenntnis überwinden hilft. Bislang war es dem Menschen nicht möglich, sich durch Wissenschaft an das Geistige anbinden zu können, denn er musste sich an die Materie angleichen. Dieser Höhepunkt ist jetzt fast erreicht, dem Mensch steht nach dem Verlust des Geistes nun auch der Verlust der Seele bevor, was zur Folge haben wird, dass sie schließlich gänzlich und endgültig mit der Materie Eins werden wird. Zwar ist der Materialismus eine völlig irrige Lehre, aber offensichtlich leben wir in einer Zeit, wo diese schreckliche Gefahr im Sinne der Apokalypse wahr zu werden droht. Die anthroposophische Religion will das verhindern.

Rudolf Steiner verstand sich als führender Meister der Weißen Loge, Seite an Seite und auf einer Stufe mit Christian Rosenkreutz. Seine Arbeit sollte den Menschen erstmals direkt zu einem schöpferischen Wesen im Weltall werden lassen, der über die höchsten Kräfte verfügt, die aus der jenseits des geschaffenen Kosmos und aller mit ihm verbundenen neun Hierarchien liegenden Sphäre der göttlichen Dreifaltigkeit erfließen. In seiner Definition der Dreifaltigkeit „Vater, Sohn und heiliger Geist“ ersetzte er den Begriff „Sohn“ mit dem Namen „Christus“. Darin folgt er der esoterischen Tradition des Rosenkreuzertums. Im heutigen materiellen Kosmos sind die Kräfte des Vaters nicht mehr zugegen. Sie verließen ihn, zusammen mit den Hierarchien, damit der Mensch in diesem erstorbenen Kosmos zum Erleben der Freiheit kommen könne. Wenn diese erreicht sein wird, kann der Mensch sich selbst und die ihn umgebende Welt zu voller Vergeistigung führen. Vergöttlichung (durchaus also etwas Satanistisches, was von Kritikern den Anthroposophen auch vorgeworfen wird) ist in diesem Sinne das Ziel. Anthroposophen selbst sehen sich wie alle wahren Eingeweihten durchaus auch unter den Empfängern der Urweisheit durch luciferische Wesenheiten, allerdings stellen sie sich dem Anspruch, mit diesem Wissen nicht Lucifer zu dienen. Ihrer Ansicht nach sind die „Engel“ wie die „Götter“ auf das menschliche Denken angewiesen; ganz radikal behauptet die anthroposophische Religion, dass ohne das menschliche Bewusstsein über Gut und Böse selbst für himmlische Hierarchien kein Verständnis des „Göttlichen“ möglich ist. Rudolf Steiner nannte diesen Prozess „Erlösung für die Engel“.

Zur anthroposophischen Religion, die eine „Sonnen“-Religion ist, gehört auch der Glaube an die Reinkarnation. Steiner packte diese Lehre von Wiederverkörperung und Karma nicht nur in eine christliche Form, sondern verband diese auch mit dem michaelischen Karma als Grundlage für eine neue soziale Gemeinschaft. Neben der Rosenkreutzertradition steht die anthroposophische Religion auch in der Gralstradition, die in heutiger Zeit nicht nur das Gralslicht (der Stein Lucifers ist für sie der heilige Gral) zu erschauen in der Lage ist, sondern sich darüber hinaus mit den in der Christussphäre wirkenden (dem Christus dienenden) Elementargeistern vereinigen kann. Der heilige Gral diente Christus beim Abendmahl, um das Sakrament der Kommunion einzusetzen. Danach wurde auf dem Hügel von Golgatha sein Blut darin gesammelt. In der religiösen Vorstellung der Anthroposophen folgt dann auch die ganze Entwicklung der Gralsrezeption, wie man sie kennt: Der Auferstandene übergibt ihn Joseph von Arimathia – der dann in Glastonbury den Gralsdienst begründet – und der Gral wird nach dessen Tod wieder auserwählten Engeln in Obhut gegeben. Als dann der hohe Eingeweihte Tituriel in Spanien die Gralsburg baute, wurde er erneut zur Erde gebracht. Die Anthroposophie spricht von sich auch gerne als der modernen „Wissenschaft vom Gral“.

Neben Christus spielt allerdings auch die Göttin eine große Rolle in dieser neuen Religion. Steiner entwickelte ja eine „neue Isis-Mythologie“, welche die Sophia (die Weisheit) in den Mittelpunkt stellt und die Entwicklung der Seele präsentiert. Deswegen auch der Name Anthropo-Sophia. Die dem Christus dienenden Elementargeister stehen direkt unter Führung von Sophia und Michael. Ähnlich wie Thelemiten vom „wahren Willen“ sprechen, bezeichnen – allerdings angelehnt an den Apostel Paulus – die Anthroposophen „Nicht ich, sondern der Christus in mir“ als das wahre Ich. Auch bei ihnen steht das Abendmahl im Mittelpunkt des religiösen Rituals, wobei Brot (Feuer) und Wein (Wasser) den Polaritäten und den in Atlantis gebildeten zwei Mysterienströmungen entsprechen und nur in ihrer Vereinigung kann der Christus real in dem Mysterium zugegen sein.

Steiner selbst sah in der Anthroposophie ein „Christentum der Zukunft, das im Besitz der Geheimnisse von dem Ehernen Meer und dem Goldenen Dreieck“ ist. Aus dieser Perspektive baut dann Prokofieff historisch die damals Beteiligten zu einer Art neuer „Christus und seine Apostel“-Geschichte auf. Die Trinität Rudolf Steiner, Marie Steiner und Ita Wegmann steht im Zentrum und bildet das „Geheimnis des Christian Rosenkreutz“ (Goldenes Dreieck). Alle anderen geistigen Strömungen wurden innerhalb des Gründungsvorstandes (Ehernes Meer) repräsentiert, wobei jedes einzelne Mitglied von ihm aus esoterischer Sicht kommentiert und erläutert wird. Da diese insgesamt die Zahl fünf ausmachten, wird ihre Funktion am Pentagramm dargestellt, dem geistigen Urbild des Menschen, das auf den zwei Säulen von Jakim und Boas ruht. Mit Steiner selbst noch gerechnet, waren es allerdings sechs Personen und immerhin damit absolute Parität zwischen dem weiblichen und dem männlichen Prinzip: drei Frauen und drei Männer. Damit brach er mit der lang andauernden okkulten Logengepflogenheit männlicher Vorherrschaft (was allerdings auch schon in der so genannten irregulären Freimaurerei, wo er als Höchsteingeweihter des O.T.O. genügend Erfahrungen sammelte, Normalität darstellte). Das beginnende „karmische Gleichgewicht“ zwischen Männlich und Weiblich sieht Prokofieff als ein Zeichen des Wirkens des Christus als Herr des Karma in der Menschheit.

Okkultes Wissen und Praktik sind somit in der neuen Religion vollkommen enthalten. Auch dafür bietet das Buch dem Kenner sehr viel hilfreiche Informationen zur eigenen Arbeit. Besonders im Kapitel über Eurythmie während der Weihnachtstagung – die erstaunlicherweise sehr viele Abweichungen im Verlauf zur bekannten Eurythmie aufweist – sind unschätzbare Hinweise für eine Choreografie energetisch-magischer Strukturen eingebettet, die natürlich hervorragend adaptiert werden können. Ähnliche Funktion haben die Mysteriendramen, die Steiner hinterließ, deren Arbeit leider wegen des Ausbruches des 1. Weltkrieg abgebrochen wurde. Sonst gebe es eigentlich sieben anstatt der drei vorhandenen. Steiner äußerte mal über sie, dass wenn die Anthroposophen diese Dramen wirklich verstünden, er dann keine weiteren Bücher mehr schreiben oder Vorträge halten müsse. Aus magischem Interesse heraus ist das Kapitel über den Bau des Tempels ebenso unschätzbar wertvoll, denn da sind Hinweise enthalten über den Sinn der Elemente in bestimmten Richtungen ebenso wie zur energetischen Choreografie während der Zeremonien des Kultes. Gerade an den hier beschriebenen Arbeitsstellen des Buches wird ersichtlich, dass Prokofieff tatsächlich auch zu den höheren Eingeweihten und Magiern der Jetztzeit gezählt werden muss.

Ihm geht es nicht um eine zahlenmäßig große Anthroposophie, sondern um die geistige Substanz. Steiner bereits 1905: |“In ihren Vereinigungen sollen sich geistige Wesenheiten hernieder senken, um durch die einzelnen Menschen zu wirken, wie die Seele durch die Glieder des Körpers wirkt“|. Interessanterweise bezeichnete er da die in „Bruderliebe“ verbundenen Glieder als Zauberer: |“Zauberer sind die Menschen, die in der Bruderschaft zusammenwirken, weil sie höhere Wesen in ihren Kreis ziehen… Wenn wir dann als Mitglied einer solchen Gemeinschaft handeln oder reden, so handelt oder redet in uns nicht die einzelne Seele, sondern der Geist der Gemeinschaft. Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken“|.

Nach dem umfangreichen Aufbau einer neuen Religion kommt Prokofieff dann nach knapp über der Hälfte seiner Arbeit zur historischen Geschichte der Anthroposophie zurück, in deren Mittelpunkt natürlich die Weihnachtstagung und der Versuch der Gründung der weltweiten |Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft| stehen. Es ging dabei wie bei den ersten Christen um das Entstehen einer neuen Erde und eines neuen Himmels. Dass dies historisch gesehen eigentlich als gescheitert betrachtet werden müsste, wird von ihm anders interpretiert, nämlich als ein Teil des religiösen Glaubens. Das Scheitern war das große Opfer und alle wahren Meister des esoterischen Christentums mussten diesen Weg der Freiheit und des Opfers (der Freiheit und der Liebe) beschreiten. Die höchste Äußerung des Opfers ist nun mal das der Liebe. Diese Verantwortung kann jeder nur aus eigenem freiem Entschluss auf sich nehmen. Im Gegensatz zu den alten Mysterien der Weisheit – z.B. noch in den freimaurerischen Organisationen wird der Schüler von Führern beobachtet und beurteilt, bis er als reif und würdig genug empfunden wird und man ihm gestattet, durch einen Zugang zur nächst höheren Stufe Verantwortung zu übernehmen – wird in den Neuen Mysterien diese Verantwortung nicht mehr von außen auferlegt, sondern erfolgt nur durch eigenes, errungenes, inneres Verständnis.

Prokofieff macht auch keinen Hehl aus gerne verschwiegenen Tatsachen, dass Steiner wohl vergiftet wurde, damit seine Bemühungen vereitelt würden, was sich schon mit dem Brand aufs erste |Goetheanum| – das dabei zerstört wurde – anbahnte und nennt auch den eigentlichen Gegner: das Jesuitentum. Was im 16. Jahrhundert von Ignatius von Loyala aus ebenfalls luciferischer Inspiration gegründet wurde, hat im Laufe der Zeit einen ahrimanischen Charakter angenommen und die okkulte jesuitische Praxis ist heute wie vor hundert Jahren rein ahrimanisch. Das ist besonders bei solchen katholischen Organisationen wie dem „Opus Dei“ zu beobachten, das aus der weitergehenden Ahrimanisierung der Prinzipien der jesuitischen Einweihung hervorgegangen ist. Bei dieser Lage der Dinge gibt es keine Hoffnung auf einen Friedensschluss mit dieser Strömung: „Niemand kann zwei Herren dienen!“ (Mt. 6,24). Die ganzen Diskussionen innerhalb der Anthroposophie um die Weihnachtstagung und die Gesellschaft lehnt Prokofieff ab. Zwar braucht der Geist eine Form, um in der irdischen Welt zu erscheinen und zu wirken, jedoch beansprucht die Anthroposophie, dass nicht die Form den Geist hervorbringt, sondern umgekehrt: Alle irdischen Formen sind aus dem Geist entstanden. Alle revolutionäre Beschlüsse, die die Anthroposophische Gesellschaft (oder sogar deren Elite, die |Freie Hochschule für Geisteswissenschaft|) von außen (juristisch, statutenmäßig) ändern wollen, stellen nicht die Sorge um den Geist an die Spitze, sondern missverstehen die Weihnachtstagung.

Generell erscheinen in anthroposophischen Verlagen sehr anspruchsvolle und gute Titel, mitunter aber auch endlos sich Wiederholendes. Das Buch von Prokofieff nimmt dabei einen ganz besonderen Stellenwert ein. Vielleicht die wichtigste Arbeit innerhalb der Anthroposophie der letzten Jahrzehnte.

Die einzigen ernstzunehmenden Vorgänger, die einen Weg zum Verständnis der Weihnachtstagung bereiten wollten, waren:

Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven: Der Grundstein
Rudolf Grosse: Die Weihnachtstagung als Zeitenwende
Bernard Lievegoed: Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien

Sergej O. Prokofieff wurde 1954 in Moskau geboren. Er studierte Malerei und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Moskau. Zur Zeit ist er als Vortragsredner und Schriftsteller tätig. Im |Verlag Freies Geistesleben| sind von ihm erschienen: „Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien“, „Der Jahreskreislauf als Einweihungsweg zum Erleben der Christus-Wesenheit“, „Die okkulte Bedeutung des Verzeihens“ und „Der Jahreskreislauf und die sieben Künste“. (Verlagsinfo)

_Aus dem Inhalt:_

Der Lebensweg Rudolf Steiners im Lichte der Weihnachtstagung
Die Mysterienhandlung der Grundsteinlegung am 25. Dezember 1923
Die Rhythmen der Weihnachtstagung
Die Grundsteinmeditation in der Eurythmie
Das esoterische Urbild des Gründungsvorstands
Die Anthroposophische Gesellschaft als Tempel der neuen Mysterien
«Die Philosophie der Freiheit» und die Weihnachtstagung
Rudolf Steiner und das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft
Die Grundsteinmeditation. Karma und Auferstehung.

[Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft]http://www.goetheanum.ch/
[Rudolf Steiner]http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner (|wikipedia|)

Alistair MacLean – Eisstation Zebra

Am Nordpol ist ein russischer Spionagesatellit abgestürzt, den neugierige Meteorologen geborgen haben. Sowohl die Sowjets als auch die US-Amerikaner wollen den Film aus dem Satelliten, der den Standort diverser westlicher Raketenstützpunkte verrät. Ein „Maulwurf“ sabotiert erst die Station und später das U-Boot der Retter, um diese so lange aufzuhalten, bis ein sowjetisches Geheimdienstteam eintrifft … – Abenteuergarn aus der Hochzeit des Kalten Kriegs, sauber geplottet, schnörkellos erzählt, sehr spannend dank der eindrucksvollen Polar-Kulisse, in der sich einfach gezeichnete, aber einprägsame Charaktere ein schwer durchschaubares Katz-und-Maus-Spiel liefern: zweifellos zu Recht ein Klassiker seines Genres.
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Heitz, Markus – Schatten über Ulldart (Die Dunkle Zeit 1)

In den letzten Jahren hat sich eine auffällige Entwicklung bei den Verlagen ergeben: Man entsinnt sich immer öfter einheimischer Autoren und schielt nicht mehr länger nur über den großen Teich, um sich dort die Sahnehäubchen abzufischen. Aus finanziellen Gründen – amerikanische Verlage haben die Kosten für Lizenzen drastisch erhöht, ohne zu begreifen, dass der deutsche Markt einen Bruchteil der Größe des englischsprachigen besitzt – werden neben Wolfgang Hohlbein und Bernhard Hennen auch immer öfter unbekanntere Autoren gefördert, die zumindest etwas Schreiberfahrung besitzen, wie etwa Markus Heitz, der Autor des Zyklus um „Die dunkle Zeit“, von dem bei |Heyne| auch zwei |Shadowrun|-Romane erschienen sind und der nunmehr mit „Die Zwerge“ und „Der Krieg der Zwerge“ Erfolge feiern konnte.

Vor etwas mehr als 400 Jahren überzog der Eroberer Sinured mit seinen Horden und der Macht des gebrannten Gottes Tzulan den Kontinent Ulldart mit Angst und Schrecken. Menschenopfer und Zerstörungen, Krieg, Not und Leid wurden erst beendet, als die Mutigsten der unterdrückten Völker mit Hilfe ihres Schutzgottes Ulldrael Sinured besiegten und damit auch dem Gott die Macht nahmen. Magie wurde verbannt und alle Spuren beseitigt. Ulldart kehrte zum Frieden zurück. Dennoch lebte man seither in Furcht vor einer Rückkehr Sinureds und Tzulans, die für ein Jahr angekündigt wurde, in dem alle drei Zahlen gleich waren. Doch die Jahre 111 bis 333 verstrichen ereignislos und die Menschen begannen wieder zu hoffen.

Nun naht aber das Jahr 444. Eine neuerliche Prophezeiung spricht von einem Mann, der das Schicksal Ulldarts in den Händen hält: Lodrik, der Thronerbe von Tarpol. Doch dieser ist ein fetter, fauler und träger Knabe von 14 Jahren, den man gemeinhin den „Keksprinzen“ nennt.

Die Handlung setzt ein, als sein Vater, der dem genießerischen Treiben seines Sohnes nicht länger zusehen kann, den jungen Prinzen als Gouverneur in die Verbannung schickt. Im einsamen Granburg soll er lernen, ein Mann zu werden. Nur sein Lehrer und Berater Stoiko und eine kleine Leibgarde unter dem rauen, geheimnisvollen Waljakow begleiten den Jungen, der zunächst mit seinem Schicksal hadert, dann aber plötzlich Ehrgeiz entwickelt, als er Gefühle für Norina Miklanowo, ein kluges, aber schnippisches Mädchen, entwickelt und von seiner älteren Cousine Aljascha zutiefst gedemütigt wird. Er beginnt abzunehmen, seine Waffenübungen zu vertiefen und die Politik aufmerksamer zu beobachten. Das ist auch bitter nötig, denn sein Vorgänger will Lodrik das Amt des Gouverneurs nicht kampflos überlassen, und er muss sich mehrfach der Anschläge unbekannter Attentäter erwehren.

Der Prinz reift mit Hilfe von Stoiko und Waljakow zu einem verantwortungsvollen Regenten heran, der Güte und Gerechtigkeitssinn besitzt, aber auch gnadenlose Härte zeigen kann. So gewinnt er auch das Herz Norinas, die wie er von einer besseren und gerechteren Zukunft für das ganze Volk Tarpols träumt und die Rechte des Adels beschneiden möchte. Das Glück scheint vollkommen.

Doch dann stirbt Lodriks Vater, und als neuer Kabcar, d.h. Herrscher von Tarpol, muss Lodrik seine Cousine Aljascha heiraten, um ein Bündnis mit den nachbarschaftlichen Baronien zu festigen. Das führt jedoch zu Krieg mit einem Nachbarland, das ebenfalls Ansprüche auf die Baronien erhebt. Als sei dies nicht genug, löst Lodrik durch seine tiefgreifenden Reformen zur Verbesserung der Lebensbedingungen des einfachen Volkes einen Aufstand des Adels aus.

In dieser Krisenzeit taucht der geheimnisvolle Mortva Nesreca auf, der behauptet, ein entfernter Cousin Lodriks zu sein. Trotz der Warnungen seiner väterlichen Freunde Stoiko und Waljakow hört Lodrik von nun an auf die Einflüsterungen Nesrecas, der ihm eine glorreiche Zukunft verheißt, wenn er nur seinen Weg weiter geht und Widerstände aus dem Weg räumt. Warum soll er nicht ganz Ulldart seine Reformen bringen?

Und wie durch einen Wink des Schicksals wird der Adelsrat Tarpos vergiftet und der Feind an den Grenzen besiegt – durch einen unerwarteten Helfer. Sinured ist aus den Tiefen seines Grabes auferstanden, um Lodrik beizustehen.
Berauscht von seinen Erfolgen, vertraut der junge Herrscher seinem neuen Berater immer mehr und stößt die alten Freunde von sich. Selbst Norina, seine Geliebte, muss fliehen, obwohl sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trägt. Waljakow begleitet sie, um das Kind zu beschützen, Stoiko aber landet im Kerker. Von Mortva Nesreca überzeugt, lässt auch Aljascha ihren Abscheu gegen Lodrik fallen und schenkt ihm drei Kinder.

Lodrik feiert einen Sieg nach dem anderen und glaubt immer noch, Ulldart Glück und eine glorreiche Zukunft zu schenken, denn Mortva schenkt ihm durch die Einführung von Schusswaffen einen Vorteil gegenüber den anderen Reichen.

Fünfzehn Jahre später hat Tarpol bis auf ein Reich an der Südspitze des Kontinents ganz Ulldart erobert, und auch der Fall dieses Landes steht bevor. Dann jedoch begreift Lodrik, dass er in all den Jahren nur von seinen vermeintlichen Freunden benutzt worden ist, um die Macht Tzulans zu stärken und dessen Rückkehr vorzubereiten. Er versucht noch, sich mit der Macht des Herrschers gegen seine Frau und seinen Berater zu stellen – aber zu spät. Seinen Sturz besiegelt jemand, von dem er es am allerwenigsten vermutet hätte. Nun scheint „Die dunkle Zeit“ nicht mehr aufzuhalten zu sein …

Man mag von der deutschen Fantasy denken, was man will, aber in den letzten Jahren beweist gerade die jüngere Generation, dass Romane und Erzählungen aus unseren Landen nicht nur märchenhaft, versponnen oder belehrend sein müssen, sondern auch einfach nur abenteuerlich unterhalten dürfen. Dabei folgt man hier durchaus den gängigen Trends, wie sie in Amerika vorgegeben werden. Roman-Zyklen im Stil von Rollenspiel-Romanen, die in den 80er Jahren ihren Siegeszug antraten, sind dort keine Seltenheit, wie R. A. Salvatore und Robert Jordan mit ihren Romanen beweisen, die in eigenerdachten Welten spielen.

Markus Heitz folgt mit dem Zyklus um „Die dunkle Zeit“ der Tradition. Seine Romane sind eindeutig auf die Zielgruppe ausgerichtet, die man der Fantasy allgemeinhin zuordnet, dem jugendlichen Leser, der vertraute Kulturen, in die man sich nicht erst seitenlang einlesen muss, eine spannende, aber gradlinige Handlung und einfache Charaktere bevorzugt, die sich genau so verhalten, wie man sie sich als Jugendlicher vorstellt. Nicht die Weiterentwicklung der Personen und das Zusammenspiel der Figuren stehen im Vordergrund, sondern die Präsentation von neuen Waffen, detaillierte Schilderungen von Kriegen, Kämpfen und neuen Strategien – die auf ein nachvollziehbares Maß vereinfacht sind.

Subtile Beschreibungen von Verhaltensweisen, die auf den Charakter einer Person hinweisen, fehlen ganz, es wird klipp und klar gesagt, dass Person X genüsslich die nächsten Schritte plant, um den Kabcar zu verführen, Figur Y eine sexsüchtige, machtgierige und auf ihr Äußeres fixierte rothaarige Giftspritze ist und Charakter Z ein wilder, fröhlicher Wikinger-Freibeuter mit Herz und Übermut.

Auch die übrigen Personen lassen sich auf gängige Archetypen mit nur wenigen herausragenden Eigenschaften reduzieren: den rauen, geheimnisvollen Waffenmeister mit durchschlagender Kampfkraft und liebevollem Herz oder den weisen und väterlichen Lehrer, der den jungen Helden auf den richtigen Weg zu bringen versucht.

Humorvolle, aber auf Dauer etwas nervige Abwechslung, bieten der Feinschmecker-König von Ilfaris und sein Hofnarr, die auch für den unaufmerksamsten Leser die Entwicklung der ulldartschen Politik zusammenfassen, wenn sie nicht der Erforschung der neusten Kreationen ihrer Konditoren frönen.

Die Frauenfiguren des Zyklus sind auf die heute üblichen Rollen als Geliebte des Helden mit Mutterrolle, machtgierige und intrigante Hure im Herrscherkostüm, zufriedene Hausfrau oder geschlechtslose Kameradin im Kampf gegen die anderen reduziert, führen aber kein eigenständiges Dasein.

Weitere vertraute Inhalte dürfen nicht fehlen: Magie ist hier zunächst verbannt und auf die reine Heilkunst reduziert. Natürlich zeigt der Held entsprechende Fähigkeiten und wird wie ein gewisser junger Jedi-Ritter mit der Macht seiner Gaben vertraut gemacht und zum Bösen verführt. Sie gewinnt im Laufe des Zyklus einen immer größeren Stellenwert als Waffe der Bösen und der Guten.

Wichtiger für den Fortlauf der Handlung ist die Entwicklung und Benutzung von pulverbasierenden Schusswaffen, wobei wenig auf wissenschaftliche Logik bei der Einführung und Weiterentwicklung der Waffen gelegt wird – sie sind einfach da und werden benutzt, wie man sie braucht.

Mit Kreaturen wie dem wieder auferstandenen Sinured, der untoten Priesterin Belkala, die als Vampirin Blut und Fleisch Lebender benötigt, oder nicht zuletzt den geheimnisvollen grünhaarigen und spitzzähningen Kensustrianern, die sich nicht in die Karten schauen lassen, werden auch die Monster und Fremdrassen-Fans zufriedengestellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Zyklus um „Die dunkle Zeit“ durchaus spannende, gefällig geschriebene Unterhaltung bietet, die erst im fünften Band nachlässt, da die sich dort überstürzende Handlung Brüche und Längen zeigt, als ob der Autor den Zyklus schnell zu einem Ende bringen wolle. Die fünf Romane verlangen insgesamt keine großen Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Lesers und sind gut zu konsumierende Bahn- und Urlaubslektüre – solider Durchschnitt, der einem aber nicht längerfristig im Gedächtnis haften bleibt.

Wer jedoch hintergründige, ineinander verwobene Handlungsstränge sucht, bei denen nicht alles gleich verraten wird, über interessante Charaktere mit nachvollziehbaren Entwicklungen lesen möchte, die einem im Gedächtnis bleiben, oder etwas mehr Logik in den Beschreibungen von Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur erwartet, könnte ziemlich enttäuscht werden.

_Christel Scheja_ © 2004
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Gentle, Mary – steinerne Golem, Der (Die Legende von Ash 3)

Mary Gentle’s „Der steinerne Golem“ ist der dritte Band ihres „Ash“-Zyklus.

Der in England in einem einzigen Buch erschienene Roman wurde für die deutsche und amerikanische Ausgabe geviertelt – was bei 2326 Seiten Umfang verständlich ist.

Die Geschichte spielt in unserem Mittelalter, das jedoch surreal anmutet. Der Historiker Dr. Ratcliff kann kaum glauben, was er in Ash’s Memoiren liest:

Von einem Feldzug der Karthago beherrschenden Westgoten ist die Rede, von einer in Nordafrika herrschenden und sich über Europa ausbreitenden Finsternis und mechanischen Golems… Mailand und Venedig wurden kurzerhand niedergebrannt, der Papst ist verflucht und deshalb gibt es keinen mehr. Mittendrin in diesem Schlamassel steckt die Söldnerführerin Ash mit ihrer Truppe, dem „Blauen Löwen“. Sie hört genau wie die Faris, die geheimnisvolle karthagische Feldherrin, die Stimme des Steingolems, eine Art Taktikcomputer, der ihr stets korrekte militärische Ratschläge erteilt.

Dr. Ratcliff ist fassungslos, als der zuerst als historisch eingeordnete Text unter „Heldensagen“ auftaucht… die Realität scheint sich zu verändern, was im Mittelalter geschieht, Auswirkungen auf die Gegenwart zu haben…

Aktuell ist Ash aus der Gefangenschaft in Karthago entkommen und auf dem Rückweg in das belagerte Burgund, das die Karthager um jeden Preis erobern wollen. Beziehungsweise die „Ferae Naturae Machinae“, pyramidenartige Gebilde aus Silizium, die danach trachten die Menschheit zu vernichten. Ash ist durch dieses Wissen tief bedrückt, denn nur sie kann diese Stimmen hören… und sie wurde genau wie die Faris gezüchtet, um für diese „Maschinen“ ein dunkles Wunder zu wirken, welches das Ende der Menschheit bedeuten soll. Doch erst muss – warum auch immer – Burgund fallen und dessen Herzog Karl sterben, damit dies geschehen kann!

Diese ziemlich haarsträubende Geschichte ist komplex und nicht auf die Schnelle zu erklären, darum empfehle ich Interessenten, zuvor die Rezensionen der ersten beiden Bände zu lesen. Dort finden sich auch Details zum bemerkenswerten Werdegang der Autorin und zum ungewöhnlichen Mix aus SciFi, Fantasy, Horror und historischem Roman, der den |Ash|-Zyklus auszeichnet.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: [„Der Blaue Löwe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303 (ISBN 3404283384)
Band 2: [„Der Aufstieg Karthagos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=333 (ISBN 3404283406)
Band 3: „DER STEINERNE GOLEM“ (ISBN 3404283430)
Band 4: „Der Untergang Burgunds“ (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
„Ash – A Secret History“ (ISBN 1857987446)

„Der steinerne Golem“ setzt die Handlung mit Ash’s Rückkehr aus Karthago fort. Sie wird sich nach Dijon durchschlagen und den Belagerungsring durchbrechen, um an der Seite ihrer Kompanie und Herzog Karls gegen die karthagischen Invasoren zu streiten. Der Schock über die „wilden Maschinen“ und über die Gräuel ihrer Gefangenschaft sitzt noch tief – aber auch die Faris ist erschüttert, auch sie hat die „wilden Maschinen“ gehört und ist nun, ohne die Ratschläge des verstummten Steingolems, hilflos und verunsichert.

Ash jedoch ist kaltblütig und kampferfahren, sie übernimmt erfolgreich die Verteidigung Dijons. Doch die karthagischen Golems treiben unermüdlich Gänge unter die Mauern, um sie zum Einsturz zu bringen, stählerne Belagerungsmaschinen und riesige Trebuchets, die tonnenschwere Steinbrocken oder griechisches Feuer schleudern, sorgen für schwere Verluste unter den demoralisierten Verteidigern.

Herzog Karl ist verwundet und liegt im Sterben – ist er tot, können die Maschinen durch die Faris ihr dunkles Wunder wirken…

Nach den spannenden Enthüllungen und dem subtilen, an Lovecraft erinnernden Horror des letzten Bandes schneidet der dritte Band leider verhältnismäßig schlecht ab, mehrere Dinge werden ihm zum Verhängnis: Die Aufteilung ist leider ungünstig, er endet mit dem Tod Karls und der Kür eines unerwarteten neuen Herzogs. Nähere Details zu den „Maschinen“, der Bedeutung Burgunds, und warum die Verarbeitung eines Hirsches bei der Herzogkür zu Koteletts von höchster Bedeutung ist, erfährt der Leser nicht. Man kommt sich bei diesem abrupten Ende und seinen ungeklärten Ereignissen zu Recht veralbert vor. Denn diese interessanten Details und das Finale des Zyklus, all das findet sich im Abschlussband „Der Untergang Burgunds“.

So bleibt es bei einer blutigen Belagerung und näheren Charakterisierungen von Ash’s Mitstreitern, im Mittelpunkt steht vor allem das Verhältnis der Faris zu Ash. Sie schwankt in ihrer Treue zu Karthago, weiß nicht mehr, was sie tun soll, was Ash auszunutzen versucht. Neben einer beeindruckenden Beschreibung eines von einem Trebuchet auf ein Haus geschleuderten Kalkblocks bleibt es somit bei einem recht detailliert beschriebenen Gemetzel, bei dem Gliedmaßen reihenweise abgetrennt werden. Für die Story relevante Dinge ereignen sich eher im Hintergrund, so bricht der neue Emir Karthagos persönlich nach Burgund auf, während Europa immer mehr von Dunkelheit und Kälte überzogen wird.

Dr. Ratcliff setzt den E-Mail-Dialog mit seiner Lektorin Anna Longman fort, in dem weiter auf die sich verändernden parallelen Vergangenheiten und ihren realen Einfluss auf die Gegenwart eingegangen wird.

Alles in allem ein eher mäßiger Teil, der aber die Grundlage für den fantastischen Abschlussband liefert. Der „Golem“ selbst ist sehr handlungsarm und wirklich nur ein Atemholen vor dem fulminanten Finale der Reihe, das Mittelalter, Gegenwart und modernste Theorien der Physik sowie philosophische Gedanken hinsichtlich der „wilden Maschinen“ in ungewöhnlicher und erschreckender Weise miteinander verbindet.

„Ash“ mag auf den ersten Blick als zu verrückt erscheinen, man sollte sich jedoch nicht täuschen lassen. Trotz gelegentlicher Schwächen ist der Roman bzw. der deutsche Zyklus eines der bemerkenswertesten und innovativsten Werke der Phantastik der letzten Jahre.

Clute, John – Sternentanz

In der Dämmerung des vierten Jahrtausends ist für den Händler Nathanael Freer alles „business as usual“. Die „Fliesentänzer“, sein Schiff, ist in den sicheren Händen von KathKirtt, einer künstlichen Intelligenz mit zwei Bewusstseinen, und einer loyalen Crew aus kybernetischen und androiden Helfern.
Freer lebt in einer Welt, in der Menschen mit zahllosen anderen Lebensformen auf tierischer, pflanzlicher oder quantenelektronischer Basis eine lockere Gemeinschaft bilden. Überlichtschnelle Raumschiffe, Nanotechnik und intelligente Daten-Netzwerke erlauben ein hohes zivilisatorisches Niveau, führen aber auch zu einer extremen Abhängigkeit von der Technik. Der so genannte „Schimmel“, eine Art Systemabsturz, verursacht durch Datenrückstau, wird in zunehmendem Maße ein schwerwiegendes Problem, dem ganze Welten zum Opfer fallen. Die weniger anfälligere, aber veraltete Technik wird plötzlich zu einer heißbegehrten Handelsware.
Freers letzter Auftrag lautete, eine Schiffsladung Materie-Compiler von dem ziemlich heruntergekommenen Planeten Schanzer an Bord zu nehmen und zu einem zunächst unbekannten Bestimmungsort zu bringen. In seinen eigenen Worten ist alles „okey-dokey“. Doch schon bald gerät er zwischen die Fronten einer uralten Auseinandersetzung, deren Wurzeln in der fernsten Vergangenheit liegen und deren Ausgang die Zukunft des gesamten Universums bedrohen kann.

Selbst wenn man eine hohe Anzahl von verschiedenen Möglichkeiten annimmt, so muss man am Ende doch feststellen, dass die Science-Fiction-Literatur sich immer wieder auf ausgetretenen Pfaden bewegt, so ähnlich, wie wir immer den gleichen Weg von der Arbeit nach Hause fahren.
Wenn wir einen Sci-Fi-Roman aufschlagen, können wir bestimmte Situationen, Schauplätze und Charaktere erwarten und in der Regel werden wir da auch nicht enttäuscht. Völlig wertungsfrei kann man feststellen, dass nahezu das gesamte Genrepotenzial mit vollen Händen verschenkt wird und man keineswegs ein Interesse daran zeigt, mal etwas völlig Anderes auszuprobieren, aber …

… aber es gibt natürlich Ausnahmen zu dieser goldenen Regel, eine kleine Gruppe von Autoren, die Sci-Fi mit Vision gleichsetzen, auf inhaltlicher ebenso wie auf sprachlicher Ebene. Es ist an dieser Stelle nicht nötig, andere Namen zu nennen, da werden wohl jedem ein paar einfallen; hier soll es vielmehr um die Frage gehen, ob wir einen weiteren Autor in diesem erlesenen Kreis begrüßen dürfen.
John Clutes „Sternentanz“ sticht auf jeden Fall aus der Masse der Sci-Fi-Literatur heraus, daran kann schon einmal kein Zweifel bestehen. Mit seinem ersten Roman hat der gefeierte und einflussreiche Kritiker Clute die Frage beantwortet, was er denn nun, da er mit „Science-Fiction. Die illustrierte Enzyklopädie“ ein Standardwerk vorgelegt hat, eigentlich mit seiner Zeit anfangen will.

„Sternentanz“ ist einfach anders, so, als läse man einen Roman aus der fernen Zukunft. Vermutlich wird man auch noch in vielen hundert Jahren Romane schreiben, aber ein Buch, das irgendwie beispielsweise aus dem 24. Jahrhundert zurückkäme, wäre vermutlich ziemlich unverständlich für uns. Das ist vielleicht die treffenste Umschreibung für „Sternentanz“; was Cute auf gerade einmal 363 Seiten packt, sind genug Bilder, Ideen und Neologismen, um eine ganze Armada an Weltraumschiffen mit Treibstoff zu versorgen.
„Sternentanz“ verhält sich zu anderen Sci-Fi-Büchern wie ein Raumschiff zu einem Kleinwagen – gewiss, beide fahren mit dir irgendwo hin, aber ersteres bringt dich auf eine Art und Weise, an die du nie gedacht hast, an Orte, von denen du nicht einmal zu träumen gewagt hast.

Darin liegt natürlich auch das Manko des Romans – „Sterntanz“ ist mit Sicherheit eines nicht: leicht zu lesen. Tatsächlich ist das Internet voll von Beschwerden über Clutes unverständliche und vermeintlich sinnfreie Sprache, aber lasst euch nicht täuschen und bildet euch eure eigene Meinung. Ein anderer Kritiker hat einmal über dieses Buch gesagt: „Wenn du der Typ bist, der einen doppelten Espresso mag, dann ist das definitiv deine Tasse Kaffee.“
Es ist vielleicht kein Buch für jeden Leser, aber das sollte es sein. In ein paar Jahren, da bin ich mir fast ganz sicher, wird „Sternentanz“ ein Klassiker sein, der zu den großen Standardtexten des Genres gehört.

_Marcel Dykiert_
|Diese Rezension wurde in Kooperation mit unserem Partnermagazin [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Ted van Baarda, Markus Osterrieder, Markus Osterrieder, Jürgen Erdmenger, Ramon Brüll – Die Jahrhundertillusion

„Die Jahrhundertillusion: Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, Steiners Kritik und die Frage der nationalen Minderheiten heute“ ist eine Zusammenstellung verschiedener Autoren zu einem sehr wichtigen Thema, wofür Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, ein Vorwort schrieb. Das Wichtigste dabei – deswegen auch der Haupttitel des Buches – ist eine völlig neue Bewertung der Einschätzung von Staaten an sich. Unhinterfragt nehmen wir das bislang immer so hin. Dabei ist ein Nationalstaat unseres Verständnisses etwas recht Junges. Staaten waren im Grunde bis zur großen Änderung nach dem 1. Weltkrieg keine Nationalstaaten wie heutzutage. Schon immer lebten in den Ländern überall verschiedene Völker mit entsprechenden Mehrheiten und Minderheiten. Solange es Herrscher gab – Kaiser, Könige oder sonst etwas – war die Herrschaftsfrage eine andere Sache als später, nachdem die Demokratien oder andere Formen von Volksherrschaft an ihre Stelle traten. Selbst heute – wenn wir genau hinschauen – ist die Frage, was eine Nation oder ein Volk ausmacht, von Land zu Land völlig anders geregelt. Bei uns Deutschen ist die deutsche Abstammung wichtig – egal, wo man geboren wird. In anderen Ländern ist Abstammung unwichtig, es zählt, wo man geboren wurde und dazwischen gibt es noch verschiedene Mischformen.

Ted van Baarda, Markus Osterrieder, Markus Osterrieder, Jürgen Erdmenger, Ramon Brüll – Die Jahrhundertillusion weiterlesen

Scarborough, Elizabeth A. – Frau im Nebel, Die

Edinburgh um 1800. Der junge Jurist und Schriftsteller Walter Scott beginnt sich einen Namen als Chronist seiner schottischen Heimat zu machen. Er sammelt alte Sagen und Lieder, die er auch in seinen historischen Romanen verarbeitet. Dass es tatsächlich Magie und Fabelwesen gibt, ist nicht neu für ihn. Als ständiger Begleiter des Sheriffs – diesen Posten wird er bald selbst übernehmen – kommt er weit herum und hat viel Unheimliches gesehen.

Der Nor‘ Loch ist ein kleiner See, der die Altstadt Edinburghs von der Neustadt trennt. Nun soll er aufgeschüttet und bebaut werden. Im Verlauf der Arbeiten werden Überreste einer Frauenleiche im Schlick gefunden. Ihr gesellen sich bald weitere Opfer zu. Eine Gruppe fahrender Kesselflicker hat im Wald vor der Stadt ihr Lager aufgeschlagen. Des Nachts werden sie mehrfach überfallen, Frauen und Mädchen entführt. Die „Noddies“, skrupellose Leichenräuber, die Studienobjekte für die Seziersäle der Universität besorgen, sollen dahinterstecken.

Scott wird mit der Untersuchung betraut. Er lernt im Lager Midge Margret Caird kennen – und bald schätzen. Seine Ermittlungen führen ihn auf die Spur des „Wissenschaftlers“ Cornelius Primrose. Hinter der Maske des biederen Kirchenmannes lauert der Wahnsinn. Primrose will seine vor Jahren verstorbene Frau zum Leben erwecken und transplantiert einem selbst gebastelten Neu-Körper frische Leichenteile. Scott kommt ihm auf die Spur, doch zu spät, denn schon hat der „Doktor“ sein begehrliches Auge auf Midge Margret geworfen und verschleppt auch sie in sein grausiges Labor …

„Die Frau im Nebel“ gehört in eine (kleine) Nische des Fantasy-Genres. Elizabeth Scarborough siedelt das Geschehen in einer verfremdeten Realität an. Edinburgh Anno 1800 hat sich mit seinen Bewohnern dem Zeitgenossen durchaus so dargeboten wie die Autorin es beschreibt. Aber dennoch ist es gleichzeitig eine Spielwiese, auf der um des Effektes willen allerlei Übernatürliches vorgeht.

Am besten stellt man sich Scarboroughs Edinburgh als „Parallelstadt“ zur echten Metropole vor, eingebettet in eine Welt, in der Zauberei oder Gespenster zwar nicht alltäglich, aber möglich sind. Als Idee funktioniert das vorzüglich, weil im Jahr 1800 – dem realen und dem fiktiven – der europäische Mensch auf dem schmalen Grat zwischen dem Mystizismus des Mittelalters und der Aufklärung der Moderne balanciert.

In diese Kulissen – der Vergleich ist nicht schlecht, wie gleich auszuführen sein wird – platziert Scarborough ihre Geschichte. Flott geschrieben ist sie und ohne die gedrechselten Altertümeleien, die so mancher Autor unverzichtbar für eine in der Vergangenheit spielende Handlung hält. Besondere Originalität kann Scarborough zwar nicht für sich beanspruchen; sie bedient sich kräftig diverser, durch die Kinomühlen gedrehter Trivialmythen. Der böse Primrose wirkt beispielsweise wie eine Mischung der Doktores Frankenstein und Phibes, ergänzt durch mehr als einen Hauch Jack the Ripper.

Aber der Nostalgiefaktor ist durchaus einkalkuliert in Scarboroughs Spiel. „Die Frau im Nebel“ ist sauber getischlerte Unterhaltung, die einfach Spaß macht und sich wohltuend abhebt von den x-bändig ausladenden Tolkien/König Artus/Nibelungen-Abklatschen, mit denen wir Fantasy-Freunde viel zu ausgiebig gepiesackt werden.

(Sir) Walter Scott (1771-1832) ist eine echte Gestalt der Geschichte, die indes von Scarborough von ihrer Biografie gelöst und in ein fiktives Abenteuer gestürzt wird. Mit Leib und Seele gleicht „ihr“ Scott dennoch dem Original – einem ungestümen, unternehmungslustigen, lesewütigen und neugierigen Mann aus Schottland, der 1799 in der Tat zum Sheriff – freilich in der Grafschaft Selkirk – ernannt wurde und sich bis zum Sekretär des Gerichtshofs zu Edinburgh hocharbeitete, ein gut dotierter Posten, der ihm die Muße schenkte, seiner geliebten Schriftstellerei zu frönen. Mit 40 abenteuerlichen, meist historischen Werken wie dem Ritterroman „Ivanhoe“ (1819) erreichte Scott ein kopfstarkes Publikum und wurde ein schottischer Nationaldichter.

In unserer Geschichte ist Walter Scott der Repräsentant zweier Welten. Scheußliche Morde ereignen sich. Das war (und ist) in einer großen Stadt nicht ungewöhnlich. Scott beginnt seine Ermittlungen als Kriminalist, der sich für seine Zeit ungewöhnlich fortschrittlicher Methoden bedient. Damit kommt er nicht weit, so dass er relativ rasch wieder auf „traditionelle“ Praktiken zurückgreift, die das Übernatürliche nicht nur anerkennen, sondern auch nutzen. Schließlich hat Scott selbst einen „echten“ Magier unter seinen Vorfahren. Außerdem ist er Schotte. Bei aller Skepsis akzeptiert er deshalb letztlich die Existenz unerklärlicher Phänomene.

Auf seine Weise steht auch das Böse in unserer Geschichte mit je einem Bein fest in beiden Welten. Es trägt die Gestalt des „Doktors“ Cornelius Primrose, der ein |mad scientist| reinsten Wassers ist, obwohl nicht die Wissenschaft ihn ohne Rücksicht und Skrupel antreibt, sondern die wahnsinnige Liebe zur unter traurigen Umständen dahingeschiedenen Gattin. Die will er zum Leben erwecken und tritt dabei nicht nur als Frankenstein im modernen Labor auf den Plan, sondern auch als Alchimist und Magier der Vergangenheit. Kein Wunder, dass es ihm genauso ergeht wie Goethes Zauberlehrling und die eigene, weder verstandene noch gar lenkbare Schöpfung über ihn kommt.

Für Midge Margret Caird hat Elizabeth Scarborough einen Winkel in der zeitgenössischen Gesellschaft gefunden, in dem eine Frau relativ frei und ungebunden agieren konnte. Als vagabundierende Kesselflickerin steht sie am Rande und bleibt daher von vielen Konventionen verschont. Ihr freigeistiges Denken und Handeln ist wichtig, da ein Roman ohne mindestens eine weibliche Hauptrolle heute vom Publikum schlecht angenommen wird. Trotzdem umgeht Scarborough allzu ausgehöhlte Klischees elegant, indem sie Scott und Margret eben nicht, wie zu erwarten wäre, in Liebe entflammen lässt. Die schöne Kesselflickerin steht zunächst nicht einmal auf Primroses Liste unfreiwilliger Organ- und Körperspenderinnen. Sie ist kein Objekt, sondern handelnde Person. Das bleibt sie sogar, als sie schließlich doch im Labor des Diakons landet.

Elizabeth Ann Scarborough wurde am 23. März 1947 in Kansas City, Missouri, geboren. Sie lernte in der |Bethany Hospital School of Nursing| und studierte an der |University of Alaska| (!); während des Vietnamkriegs diente sie als Krankenschwester.

Seit 1982 arbeitet Scarborough als Schriftstellerin. Sie debütierte mit „Song of Sorcery“ (dt. „Zauberlied“) und erwies sich rasch als sowohl fleißige wie auch gewandte Autorin, die in der Science-Fiction genauso beheimatet ist wie in der Fantasy. Bis heute verfasste sie zwanzig nicht seriengebundene Romane beider Genres, darunter „Healer’s War“, für den sie 1989 einen |Nebula Award| gewann. Dazu kommen weitere Romane, die sie gemeinsam mit Anne McCaffrey schrieb, sowie Episoden zu ihren beiden Erfolgsserien „Petaybee“ und „Acorna“.

Scarborough gibt Kurse für angehende Schriftsteller am |Penninsula Community College|. Außerdem entwirft sie volkstümelnden Perlenschmuck, den sie online vertreibt. Ihre offizielle [Website]http://www.olympus.net/personal/scarboro beschränkt sich primär auf die Präsentation ihrer Waren, über deren künstlerische Qualität an dieser Stelle zu Gunsten der Autorin kein Urteil gefällt werden soll.

Egan, Greg – Diaspora

Die Menschheit steht an der Schwelle zum vierten Jahrtausend, und einiges hat sich verändert. Ein Großteil der Menschheit existiert als sich selbst bewusste Software – entweder in einer der Poleis (einer Art Rechenzentrum) oder innerhalb von Roboterkörpern, den Gleisnern, und ist untereinander komplett vernetzt. Die körperlich lebende Menschheit lebt noch auf der Erde, während die Poleis und die Gleisner das Sonnensystem erkundet und eingenommen haben. Die Körperlichen wollen nichts von den innerhalb der Software vergeistigten Menschen wissen; und so existiert ein Vertrag, der den Bewohnern der Poleis und den Gleisnern verbietet, sich bestimmten Gegenden der Erde zu nähern – etwas, das diese sowieso nicht besonders interessiert.

In die Konishi-Polis wird ein Waisenkind geboren – ein neuer Mensch, dessen Parameter jedoch nicht von realen Eltern, sondern von einer Art Geburtssoftware festgelegt wurden. Dieser Vorgang ergibt sich häufiger, will die Software hiermit doch verschiedene unbekannte Parameter in ihrer Wirkung aufeinander erkunden. Im Rahmen der Bewusstwerdung verleiht sich das Waisenkind den Namen „Yatima“ – und erkundet nicht nur die Welt der Poleis und des Netzes im Allgemeinen, sondern bricht auch zur die Erde auf, wo hie im aufgegebenen Körper eines Gleisners die körperliche Menschheit besucht. Hie und hein Begleiter werden freundlich aufgenommen – zu diesem Zeitpunkt weiß aber auch noch niemand, dass sie in wenigen Jahren wieder in die Enklave der Körperlichen zurückkehren werden, diesmal jedoch mit einer Warnung vor einer kosmischen Katastrophe, die die körperliche Menschheit vernichten wird.

Nachdem bereits die Gleisner die Grenzen des Sonnensystems verlassen haben, beschließen auch die Bürger der Poleis eine Diaspora, um ein Volk zu suchen, das ihnen die Hintergründe für die kosmische Katastrophe erklären könnte. Doch anders als die Gleisner versuchen Bürger der Konishi-Polis, die anderen Sterne durch Wurmlöcher zu erreichen. Bis dies jedoch gelingt, ist noch viel (Forschungs-)Arbeit vonnöten…

Gleich eins vorweg: Die zwischendurch auftauchenden Ausdrücke „hie“ und „hein“ im Handlungsanriss haben durchaus in dieser Form ihre Berechtigung. Denn Greg Egan verwendet diese als neutrale Personalpronomen – schließlich hat ein körperloser Mensch innerhalb einer Software nur schwerlich ein Geschlecht. Und Greg Egan verwendet dieses neutrale Pronomen fast konsequent (kleinere Ausrutscher können allerdings passieren) – wie schon in seinem vorherigen in Deutschland erschienen Roman „Qual“. Dies macht den Roman zwar einerseits am Anfang recht schwer lesbar, wer jedoch „Qual“ gelesen hat, sollte problemlos damit zurechtkommen. Allerdings verzichtet man hier darauf, diese Personalpronomen noch einmal vor dem Roman zu erwähnen – einzig und allein im umfangreichen und mehr als nur notwendigen Anhang wird kurz auf ihre Bedeutung verwiesen. Für Leser, die „Qual“ nicht kennen, wird die Sache also deutlich undurchschaubarer…

Undurchschaubar wird dieser Roman jedoch auch für so ziemlich jeden, der sich nicht mit dem neuesten Stand der Forschung in Sachen Physik und Astronomie auskennt. Denn Greg Egan bezieht sich stark auf neueste Erkenntnisse und erweitert diese in einem Umfang, der den Leser schnell an die Grenzen seines Mithaltevermögens kommen lässt. In manchen Teilen erinnert „Diaspora“ weit mehr an einen physikalischen Sachtext als an einen Roman – und dies nicht nur, weil Egan konsequent jede Lesbarkeit durch Verwendung fachspezifischer und sonstiger Fremdwörter vermeidet, worunter der Roman im Allgemeinen stark leidet. Hat Egan bei „Qual“ noch recht human mit seinen Theorien um sich geworfen, so übertreibt er es in „Diaspora“ meines Erachtens dann doch ein ganzes Stück, da er stark an die Grenzen der Abstraktions- und Vorstellungskraft des Lesers stößt und an vielen Stellen weit darüber hinausgeht. Zum wirklichen Verständnis des Romans ist wahrscheinlich eine Promotion in Physik und Mathematik erforderlich – Voraussetzungen, die wohl nur der geringste Teil der Leserschaft erfüllen dürfte… Dabei ist der Roman an sich hochfaszinierend – ein bekannter Vulkanier würde mir hier sicherlich zustimmen… Ähem…

Wenn man bereit ist, zuzugeben und zu akzeptieren, dass man weite Teile der physikalischen und mathematischen Hintergründe nicht versteht und in der Lage ist, diese als einfach so gegeben anzunehmen, sie nicht nachzuvollziehen versucht, sondern teilweise einfach darüber hinwegliest, eröffnet sich dem Leser jedoch eine faszinierende Welt. Allein schon die ersten rund 50-60 Seiten, die nur die Entstehung und Selbstfindung des Waisenkindes Yatima behandeln, sind zwar sicherlich nicht in allen Schritten wirklich nachvollziehbar, erreichen jedoch durch die innere Handlung schon ein Niveau von Spannung und Interesse, das man bei anderen Autoren lange suchen wird. Und es gelingt Egan, diese Form über den weiteren Roman durchzuhalten. Auch wenn man bei weitem nicht alle Hintergründe versteht – man will über weite Strecken einfach nicht aufhören zu lesen. Und dies ist ein Phänomen, das dem Autor bereits in „Qual“ gelungen ist und sich hier fortsetzt – wenn auch zugegebenermaßen lange nicht in diesem Maße.

Greg Egans Romane sind jedenfalls auf keinen Fall für die breite Masse geeignet – hier entwickelt sich jedoch ein Nischen-Autor, der seinesgleichen sucht. Für all jene, die „gehobene SF“ bevorzugen, ist Egan jedenfalls ein Muss – der normale Entspannungsleser sollte jedoch wohl am besten die Finger davonlassen. Und auch der Physikstudent sollte zum wirklichen oder auch nur ansatzweisen Verstehen des Romans schon einmal einen Monat in einer gutsortierten Uni-Bibliothek einplanen, wenn er die Gedankengänge wirklich nachvollziehen will.

_Winfried Brand_ © 2002
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Ramsland, Katherine – Vampire unter uns

Bram Stoker veröffentlichte 1897 einen Roman, der gleichzeitig den Höhepunkt und das Ende der Gothic Novel bezeichnen sollte: [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210. Stokers Figur des Vampirs hat unsere Wahrnehmung der Blutsauger so nachhaltig geprägt, dass die Worte „Dracula“ und „Vampir“ in vielen Fällen synonym verwendet werden. Dracula ist ein Verführer, aber auch ein ruchloser Killer. Besonders interessant an Stokers Roman ist die Tatsache, dass der Vampir nur im ersten Drittel wirklich auftaucht. Danach glänzt er durch Abwesenheit und wird durch die Beschreibung der handelnden Figuren nur noch mysteriöser, grausamer, blutgieriger und unbesiegbarer. Stokers Dracula ist ein Monster, das nichts anderes verdient hat, als am Ende des Buches zu Staub zu zerfallen.

Doch wollen wir heutzutage wirklich noch, dass der Vampir am Ende unterliegt? Es scheint nicht so und ein Beweis dafür sind die erfolgreichen Vampir-Romane von Anne Rice („Die Chronik der Vampire“). Sie hat die leblose Gestalt des Untoten in eine moderne Figur verwandelt, mit der sich der Leser tatsächlich identifizieren kann. Ihre Vampire sind empfindsam, sie stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie wollen ihre eigene Existenz erforschen und sie fühlen sich von der Unendlichkeit und Einsamkeit ihres Daseins erdrückt. Dies alles scheinen Eigenschaften zu sein, die heutige Leser ansprechen – so weit ansprechen, dass sie sich selbst wünschen, Vampire zu sein.

Katherine Ramsland kennt sich mit Vampiren aus, zumindest mit fiktiven. Sie hat mehrere Bücher über Anne Rice veröffentlicht, unter anderem auch eine Biographie. In ihrem hier vorliegenden Bericht (nennen wir es mal so) hat sie sich nun an den realen Vampir herangewagt. Sie wollte herausfinden, ob es tatsächlich Wesen gibt, die nachts durch die Gegend streifen und das Blut ihrer Opfer trinken. Anlass für ihre Recherchen war das Verschwinden von Susan Walsh 1996. In „Vampire unter uns“ beschreibt Ramsland Susan Walsh als aufstrebende Journalistin, die bis zu ihrem großen Durchbruch in einem Striplokal arbeitet und im Vampirmilieu von New York forscht. Das Transcript von „Unsolved Mysteries“ auf FOX spricht eine etwas andere Sprache: Susan Walsh hatte auch schon früh in ihrem Leben Bekanntschaft mit Alkohol und Drogen gemacht. War ihr Verschwinden also den Vampiren geschuldet? Wurde sie entführt, getötet, weil sie einer Verschwörung oder großen Geheimnissen auf der Spur war? Oder ist sie „einfach“ wieder ins Drogenmilieu abgerutscht – profan und überhaupt nicht übernatürlich? Fragen, die im Buch von Katherine Ramsland nicht gelöst werden. Sei’s drum – Susan Walsh ist Ramslands Vorwand, sich tief in die amerikanische Subkultur vorzuwagen.

Zunächst geht sie es allerdings vorsichtig an. Sie recherchiert im Internet und macht einige interessante, aber in ihren Ansichten auch widersprüchliche Vampirsites ausfindig. Sie verbringt Nacht um Nacht in Vampir-Chats und knüpft dort Kontakte. Bald verselbstständigen sich diese und ihr Buch bewegt sich daraufhin zwischen Conventions, wissenschaftlichen Symposien, S/M-Clubs und Fetischpartys.

Um es kurz zu machen: Ja, es gibt Vampire. Es gibt Menschen, die sich von der Natur des Vampirs genug angezogen fühlen, dass sie sich nicht nur in der Gothic-Szene bewegen (dass die Vampire aus „Vampire unter uns“ alle schwarz tragen, ist wohl selbstverständlich), sondern auch anfangen, Blutspiele in ihre Sexpraktiken einzubauen oder ihre Haustiere auszusaugen. Ramslands Interviews zeigen recht deutlich, dass der moderne Vampir sein Verlangen nach Blut oft an Sex koppelt. Die Hingabe des Opfers an eine übermenschliche Figur, die totale Aufgabe des eigenen Selbst ist dabei nur noch eine Täuschung. Denn auch Vampire können sich böse Krankheiten einfangen. So ist das Einverständnis des Opfers in der Regel Voraussetzung. Und viele der beschriebenen Vampire leben ohnehin in einer festen Beziehung. Somit ist die Rolle des Opfers gewollt – es zieht aus dem Blutaustausch ebenso seinen Vorteil wie der Vampir.

Die interessanteste Frage aber, warum nämliche Menschen zu Vampiren „werden“ (schließlich handelt es sich ja um eine bewusste Entscheidung), bleibt oberflächlich betrachtet und ungeklärt. Von einer studierten Philosophin und Psychologin (Ramsland wird nicht müde, ihre akademische Bildung zu betonen) hätte ich tiefere Einsichten in dieses kulturelle Phänomen erwartet. Sie liefert keine Lösungen; möchte man tiefer in die Materie eindringen, so muss man ihr Material genau und kritisch lesen und sich selbst seine Gedanken dazu machen. So scheint das (sehr junge) Vampirphänomen auf drei Hauptvoraussetzungen aufzubauen: Wie eingangs schon erwähnt, hat Anne Rice den Vampir zu einer romantischen Figur gemacht. Für den Leser ist es sowohl verführerisch, sich einen Vampir herbeizuwünschen, wie sich einzubilden, selbst ein Vampir zu sein. Eine Identifikation auf dieser Ebene ist mit dem guten alten Dracula nicht möglich. Anne Rice spiegelt in ihren Romanen moderne Probleme – die Probleme der Generation X nämlich. So liefert ein Psychologe in Ramslands Buch eine sehr interessante Theorie, die einen Zusammenhang zwischen Vampirkultur und Generation X zu beweisen sucht: Sie entstammen zerrütteten Familien, haben das Vertrauen in die Gesellschaft und ihre Politik verloren und nehmen ihre Zeit als eine Zeit des Niedergangs und Zerfalls wahr. In dieser Gesellschaft fühlen sie sich einsam und als Außenseiter – da wird der Vampir die perfekte Projektionsfläche.

Ein weiterer Faktor ist das Rollenspiel „Vampires: The Masquerade“, das 1991 von White Wolf entworfen wurde und eine große Anhängerschaft besitzt. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass in Rollenspielen nur versteckte Vampire agieren: Dennoch, das Rollenspiel hat zur Popularisierung des modernen Vampirs beigetragen (unter anderem auch mit einer kurzlebigen Fernsehserie) und kann Anziehungspunkt für zukünftige Kinder der Nacht sein.

Ein dritter – und sehr wichtiger – Punkt ist meiner Ansicht nach das Internet. Katherine Ramsland ergeht sich nicht umsonst in der Beschreibung ihrer umfangreichen Online-Recherchieren und durchchatteten Nächte. Es scheint, als würde die Anonymität des Internets der Vampirsubkultur in die Hände spielen. Webseiten und Chats ermöglichen eine übergeordnete Organisation dieser Subkultur und machen es einfacher, Menschen mit den selben Vorlieben und Interessen (für Blut) ausfindig zu machen. Außerdem ist es in einem so anonymen Medium einfacher, Rollen und Identitäten auszuprobieren und zu erfinden. So kann der zukünftige Vampir im Chat zuerst virtuell testen, wie seine Vampiridentität „ankommt“.

Wenn sich Ramslands Interviews und Recherchen auch spannend lesen (und manchmal kann man sich eines gewissen „Ick-Faktors“ nicht erwehren), so haben sie doch einen fahlen Beigeschmack. Das liegt zum größten Teil daran, dass Ramsland ihre Interviews mit Vampiren unreflektiert im Raum stehen lässt. Als Psychologin versucht sie nicht, auch bei augenscheinlich schizoiden Persönlichkeiten, das Verhalten ihrer Gesprächspartner zu deuten. Sie bleibt fast immer neutral. Das lässt sie leichtgläubig scheinen und erweckt beim Leser zeitweise sogar das Gefühl, dass es sich um ein zumindest teilweise fiktionales Buch handelt. Haben sich ihr all diese Vampire wirklich so freimütig anvertraut? Ich habe nicht das Gefühl. Vielmehr schien mir bei der Lektüre, dass sie es mit drei unterschiedlichen Typen von Menschen zu tun hatte: Da waren zum einen Personen, die sie augenscheinlich auf den Arm nehmen wollten und sich Geschichten ausdachten. Manche Erzählungen klingen so phantastisch und romantisierend, dass man sich dieses Eindrucks einfach nicht erwehren kann. Dann scheint es eine weitere Gruppe von Menschen zu geben, die zwar glauben, was sie erzählen, dies aber nicht wirklich erlebt haben. Überschäumende Phantasie also oder Schizophrenie? Und die letzte Gruppe sind dann die wirklich Aufrichtigen – bei einigen Personen ist man sich sicher, dass sie die Wahrheit sagen und dass sich die Dinge so abgespielt haben können.

„Vampire unter uns“ ist damit ein Buch, das man auf jeden Fall einer kritischen Lektüre unterziehen sollte. Da die Autorin selbst kaum Antworten, sondern nur eine Stoffsammlung liefert, muss man sich darauf einstellen, eigene Denkarbeit leisten zu müssen. Ansonsten wäre das Buch nur ein weiteres im Regal „Horror“ – mit besonderem Kick natürlich, da man den Zusatz „real“ als besonders schaurig empfinden kann.

Homepage der Autorin: http://www.katherineramsland.com/

Clark, Mary Higgins – Denn vergeben wird dir nie

Das Stöbern in der Vergangenheit wird für die Journalistin Ellie Cavanaugh zu einem lebensgefährlichen Unterfangen, denn der vor 22 Jahren ihretwegen verurteilte und jetzt freigelassene Mörder ihrer Schwester gehört einer mächtigen Familie an – und er ist absolut skrupellos.

_Die Autorin_

Die US-Lady gehört zu den meistgelesenen Krimiautorinnen, verlautbart ihr Verlag, |Heyne|. Ihre Romane wurden in 15 Sprachen übersetzt. Ich habe bislang keinen einzigen gelesen.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, geboren 1964, hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen, ebenso „das Mädchen“ von Stephen King, „Die Kinder von Eden“ von Ken Follett, diverses von Patricia D. Cornwell und einige Dutzend anderer Produktionen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Später war sie Moderatorin und Sprecherin bei SAT.1, n-tv, SFB, Deutsche Welle TV und bei der BBC.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich gesprochen. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber. Sie hat u.a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“) synchronisiert sowie natürlich Gillian Anderson („Akte X“).

_Handlung_

Die Journalistin Ellie Cavanaugh ist außer sich: Nach 22 Jahren soll Rob Westerfield, der missratene Spross einer reichen und äußerst einflussreichen Familie in New York State, auf Bewährung aus dem Knast entlassen werden. Bis zum heutigen Tag schwört er, den Mord an der damals 15-jährigen Nachbarstochter, Andrea Cavanaugh, nicht begangen zu haben.

Andrea aber war Ellis geliebte ältere Schwester. Ellie war sieben, als Andrea tot aufgefunden wurde: von Ellie selbst. Andrea lag blutüberströmt in der Garage des Nachbarhauses, erschlagen mit einem Wagenheber. Bis zum heutigen Tag macht sich Ellie Vorwürfe, dass sie damals ihre Eltern nicht warnte, dass Andrea mit Rob ausgehen wollte. Denn sie hatte gesehen, wie sich Andrea einen goldenen Anhänger in Form eines Herzens umgelegt hatte, den sie von Rob hatte. Merkwürdig, dass der Anhänger verschwunden war, als man die Leiche fand.

Obwohl Ellies Aussage im Mordprozess entscheidend zur Verurteilung Rob Westerfields beitrug, liegt über ihrem Leben immer noch der Schatten der Vergangenheit. Sie selbst hat nie geheiratet, nie Ruhe gefunden, sich in ihre Arbeit vergraben. Und ihr Hass auf den Mann, den sie für das Zerbrechen ihrer Familie und den Selbstmord der Mutter verantwortlich macht, ist daher ungebrochen.

Sofort reist sie in ihre Heimat, die Kleinstadt Oldham-on-the-Hudson, die im idyllischen Hudson Valley liegt. Unter dem Vorwand, für ihre Zeitung in Atlanta berichten und ein Buch schreiben zu wollen, stellt sie Nachforschungen an, die dazu dienen sollen, Rob Westerfield endgültig und für den Rest seines Lebens hinter schwedische Gardinen zu bringen. Sie richtet eine Website ein, um im Internet sofort die wichtigsten Indizien und Neuigkeiten zu publizieren. Sie hat zwar ab und zu Zweifel, ob ihre Kindheitserinnerungen alle stimmen, doch sie findet mehr und mehr Bestätigungen dafür, dass sie Recht hatte. Und sie stößt auf Hinweise auf einen weiteren Mädchenmord, der auf Robs Konto geht.

Doch die Gegenseite schläft nicht. Denn für die Westerfield geht es um alles oder nichts. Dorothy Westerfield, Robs Großmutter, droht damit, das gesamte Familienvermögen wohltätigen Stiftungen zu vererben statt ihrer Familie, falls sich Rob als schuldig erweisen sollte. Der Anwalt der Familie, William Hamilton, engagiert Zeugen, die Robs Unschuld beweisen sollen. Eine Anti-Website bewirft Ellie Cavanaugh mit Dreck, und eines nachts wird das Haus, in dem sie übernachtet, in Brand gesteckt.

Ellie ahnt allmählich (und bekommt es ständig von allen Freunden gesagt), dass sie sich mit einem mächtigen und skrupellosen Gegner eingelassen hat. Doch sie ruht nicht und gibt nicht nach. Was sie nicht ahnt: Rob Westerfield ist derartig in die Enge gedrängt worden, dass er nur noch einen Ausweg sieht: Ellie muss sterben.

_Mein Eindruck_

Na, das klingt doch schon ganz passabel für einen Krimi, bei dem die Vergangenheit die Hauptrolle spielt. Bloß gut, dass die meisten Leute, die Ellie befragt, über so ein tolles Erinnerungsvermögen verfügen – es ist so gut, dass man sich nach einer Weile schon wundert. Immerhin ist Ellie aber auch Reporterin und setzt ihre Recherchefähigkeiten dazu ein, alle möglichen Leute über Rob Westerfield auszufragen.

Ihre Hartnäckigkeit führt dazu, dass sie aufdeckt, dass Rob unter dem Schauspielerpseudonym „Jim Wilding“ an einem Anschlag auf das Leben seiner Großmutter beteiligt gewesen war. Na, da wundert jetzt fast nichts mehr, als noch eine weitere Mädchenleiche auftaucht und um Gerechtigkeit fleht. Wenn Ellie jetzt schlappmachen würde, wäre nicht nur der Roman vorzeitig aus, sondern sie könnte sich gleich aufhängen: Sie hat ihre Schuld nicht abbezahlt. Aber so weit lässt es die Autorin denn doch nicht kommen, was für ein Glück! Vielmehr taucht Ellies Halbbruder Teddy als Retter in der Not und Ritter in schimmernder Rüstung auf – auch wenn Ellie das gar nicht will. And there’s always daddy…

Ich glaube, allmählich wird klar, warum ich keine Romane von Mary Higgins Clark lesen mag. Hier schlägt das, was man in Frauenromanen obligatorisch „Schicksal“ nennt, denn doch ein wenig zu häufig zu – und immer zugunsten der gebeutelten Heldin. Außerdem wird unheimlich viel gequasselt, habe ich den Eindruck. Das ist bei Frauen sicher nicht verwunderlich, schließlich hat Mutter Natur sie dafür hervorragend ausgestattet. Glücklicherweise werden die meisten Hörbuchfassungen von Romanen so gekürzt, dass mann sich auf die Handlung konzentrieren und so ein wenig Spannung genießen kann.

_Die Sprecherin_

Pigulla ist seit „Die Leopardin“ eine meiner bevorzugten Sprecherinnen. Bei „Denn vergeben wird dir nie“ setzt sie ihre dunkle, samtweiche Stimme sehr flexibel ein, um sowohl tiefe Männer- als auch hohe Frauenstimmen wiederzugeben.

Ja, sie geht noch wesentlich weiter, indem sie die Stimmen von Besoffenen (Will N.) und von mental Beeinträchtigten (Paulie) realistisch intoniert, ohne sie bis ins Lächerliche zu übertreiben. Anders als ihre männlichen Kollegen, die es sich zuweilen einfach machen und nur vom Blatt ablesen, spricht Pigulla, wie man eben auf der Bühne sprechen würde: mit Atemholen, Seufzern, Aufatmen usw. Dieses Sprechen mag manchem theatralisch erscheinen, doch wenn Frauen unter sich sind, dürften sie genau so sprechen.

_Unterm Strich_

Es ist vor allem Franziska Pigullas Vortrag, der diesen figurenreichen und verschlungenen Krimi zu einer wahren Freude macht. Man möchte ihr am liebsten noch viel länger lauschen. Aber auch die Story ist nicht übel. Zwar werden in der Hauptfigur durchaus Zweifel laut, doch die meiste Zeit gelingt es ihr, Indizien gegen ihren Erzfeind zu sammeln. Das ist durchaus befriedigend, auch wenn aus Ellie Cavanaugh dadurch noch kein Sherlock Holmes wird. Als ganz besonders raffiniert erweist sich aber der Umstand, dass jede CD mitten in einer wichtigen Szene abbricht. Um den Rest zu erfahren, muss man sofort die nächste CD einlegen. Die 330 Minuten vergehen auf diese Weise wie im Fluge.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Shirley Jackson – Spuk in Hill House

Ein Forscher will das Rätsel des Hill House-Anwesens lüften, in dem es umgeht. Mit zwei parapsychisch begabten Begleitern zieht er ein. Unter ihnen: eine seelisch gestörte junge Frau, die sich als idealer Katalysator für das Grauen des Hauses erweist und einen wahren Totentanz des Schreckens entfesselt … – Ein Klassiker des phantastischen Genres und einer der besten Romane um Spuk und Besessenheit. Die Autorin entwirft mit infamem Geschick eine Atmosphäre der Unsicherheit: Spukt es wirklich in Hill House, oder wird das Unheimliche ‚importiert‘? Auch sprachlich weit über dem üblichen Geisterschmarrn.
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Meyer, Kai – Haus des Daedalus, Das

Die junge Restauratorin Coralina entdeckt bei ihren Restaurationsarbeiten in der Kirche Santa Maria del Priorato in einem Hohlraum die originalen Carceri-Kupferplatten von Giovanni Battista Piranesi. Mit der Absicht, sich als Kunsträuber zu betätigen, lockt sie ihren Bekannten Jupiter nach Rom, damit dieser als Kunstdetektiv ihr dabei evtl. helfen kann. Doch Jupiter weigert sich, an einem Kunstdiebstahl teilzunehmen, und überredet Coralina, ihren Fund zu melden, was dieser in Hinsicht der Geldschwierigkeiten, in der sie und ihre Großmutter, die Shuvani, stecken, nicht gerade leicht fällt. Doch schließlich willigt sie ein.

Später jedoch eröffnet sie Jupiter, dass sie nicht nur die 16 bekannten Carceri-Platten entdeckt hat, sondern noch eine siebzehnte, die sie bereits vorher aus der Kirche geschmuggelt hatte – zusammen mit einer vorchristlichen Tonscherbe, in die nachträglich Zeichen eingeritzt wurden. Auf der siebzehnten Platte ist jedoch neben der alptraumhaften Szenerie der anderen Stiche des Zyklus auch das Abbild eines Schlüssels enthalten. Jupiter ist nicht gerade erfreut über diesen Alleingang, doch kann Coralina ihn erst einmal davon überzeugen, dass der Diebstahl dieser Artefakte sicherlich nicht bemerkt werden wird, da sie der Öffentlichkeit unbekannt sind.

Jupiter beginnt, sich für die Geschichte dieser unbekannten Objekte zu interessieren, und stößt bereits bei seinen ersten Erkundigungen auf einen Sumpf von Intrigen und Mord. Jemandem im Vatikan scheint sehr daran gelegen zu sein, die beiden Objekte an sich zu bringen, doch bleibt Coralina und Jupiter nur eine Lebensversicherung: Sie müssen die Artefakte behalten.

Währenddessen befindet sich ein Kapuziner-Mönch auf der Flucht. Drei seiner Brüder sind beim Abstieg in ein geheimnisvolles Gewölbe ums Leben gekommen – der letzte von ihnen hat eine Videokamera und sechs Kassetten zurück an die Oberfläche gebracht, bevor er seinen Wunden erlag. Santino, der am Anfang der Treppe Wache gehalten hat, flieht nun vor dem Stier und seinen Gefolgsleuten und hat nur noch ein einziges Ziel: Die sechs Videobänder zu betrachten, bevor er ermordet wird. Er muss einfach wissen, was seinen Brüdern wiederfahren ist, die Band um Band eine titanische Treppe hinuntersteigen…

Huch? Was ist denn dies für ein Kai-Meyer-Roman?!? Gänzlich ungewohnte Aspekte eröffnen sich dem Leser, die er bisher von diesem Autor nicht gewohnt war. Zwar ist ein gewisser Einfluss des historisch-phantastischen Romans durchaus zu spüren, doch bewegt sich der Autor hier recht stark von seinen bisherigen Werken hinweg. Fast vermeint der Leser, hier die Einflüsse von King (erzählerische Virtuosität), Poe (geschickt aufgebauter Schauerroman) und Lovecraft (in den Wahnsinn treibender Horror) zu erkennen – und auf der Ebene des Kapuziner-Mönchs macht sich auch noch ein „Blair Witch“-Gefühl breit.

Kai Meyers Roman nur als reine Mischung all dieser Ingredienzen abzutun , ist zwar vordergründig vielleicht richtig, nichtsdestotrotz jedoch absolut falsch, wenn man sich dieses Werk genauer ansieht. Meyer „entleiht“ hier nur selten (stilistische) Motive, sondern erfindet sie neu, und das in einer Virtuosität, die seine bisherigen Werke bei weitem übertrifft. Mit „Das Haus des Daedalus“ hat Kai Meyer sein bisheriges Meisterstück abgeliefert.

Allein schon der Aufbau des Romans vermag den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Meyer gelingt das Kunststück, bereits im ersten Kapitel einen Spannungsbogen aufzubauen, den er bis zum Ende durchzuziehen in der Lage ist. Wo andere Autoren die Hälfte des Roman benötigen, reichen Kai Meyer gerade mal vielleicht 20 Seiten – ein Loslösen von der Handlung ist bereits zu diesem Zeitpunkt kaum mehr möglich. Zu stark wird man von der Intensität des psychologischen Horrors gefangengenommen, der immer wieder durch recht reale und heftig geschilderte Szenen unterbrochen wird. Kai Meyer ist dabei in der Lage, Lovecraftsche Intensitäten auch ohne Ich-Erzähler zu entwickeln. Stattdessen setzt er auf die Charakterisierung seiner Hauptpersonen, die in ihrer Plastizität die Identifikationsfiguren für den Leser bilden, der mit ihnen mitleidet und dem die Haare buchstäblich zu Berge stehen – und das rund 350 Seiten lang.

Da verzeiht man Kai Meyer gerne die kleineren Unstimmigkeiten, bei denen es manchmal scheint, als ob er mit Zahlen nicht gerade besonders gut umgehen könne. So gibt es anfangs sechs Videokassetten; unter der Brücke sieht sich Santino jedoch die zweite von dreien an…

Auch die Frage, weshalb die Mönche nun mindestens sechs Videokassetten à 4 Stunden mitnehmen, wenn sie ein ihnen unbekanntes Gewölbe betreten, ist nicht ganz geklärt… Vor allem, wenn man erfährt, dass der Eingang zu diesem Gewölbe innerhalb einer Touristenattraktion zu finden ist. Hier sollte wohl kaum die Möglichkeit gegeben sein, mal eben einen Tag Wache zu stehen, bis der letzte Bruder mit den Kassetten zurückkommt (wir erinnern uns: 6 Kassetten à 4 Stunden…), ohne dass dies irgendjemandem auffällt, oder?

Abgesehen davon ist es doch recht unwahrscheinlich, dass die drei Mönche eine Videokamera mitgenommen haben, die Standard-Kassetten für die Aufnahme verwendet. Meines Wissens sind solche Kameras eigentlich niemals in den Handel gekommen – doch trotzdem muss es sich wohl um eine solche handeln, denn die zwei Standards S-VHS und VHS-C bieten keine Aufnahmekapazität von 4 Stunden pro Kassette… (Wobei die Frage, woher besitzlose Mönche wie die Kapuziner eine Videoausrüstung bekommen haben, noch gar nicht angesprochen ist…)

All dies irritiert zwar ein wenig – aber wahrscheinlich sowieso nur den Rezensenten. Der Normalleser wird diese Gedanken wahrscheinlich gar nicht hegen – vor allem, weil er vor Spannung gar nicht dazu kommt. Und schließlich: Wer fragt schon bei Lovecraft oder Poe nach Logik?!? Manche Meisterwerke brauchen nun einmal Freiraum – auch wenn es gegen die Logik ist!

Mit dem „Haus des Daedalus“ schiebt Kai Meyer sich nun jedenfalls endgültig in eine Reihe mit Andreas Eschbach. Und da sage noch einmal jemand, die deutsche Phantastik sei tot…

Fazit (und um es noch einmal zu erwähnen): Bis zu diesem Zeitpunkt Kai Meyers Meisterwerk! Hinsichtlich der atmosphärischen Dichte und spannungsgeladenen Handlung hat man von einem deutschen Autoren selten etwas Gleichwertiges gelesen. Kai Meyer fabuliert in der Tradition der großen Phantasten wie Poe, Lovecraft und King und vermengt deren Stärken zu seinem eigenen Stil. Minimale Unstimmigkeiten kann man da gerne verkraften, vor allem, wenn sie für die Handlung nicht weiter wichtig sind…

_Winfried Brand_ © 2002
|Veröffentlichung mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de |

Nigel McCrery – Denn grün ist der Tod [Dr. Samantha Ryan 1]

Während sie sich mit karrieresüchtigen Vorgesetzten und Kollegen sowie ihrer lästigen Familie herumplagt, versucht Pathologien Dr. Samantha Ryan einen Mord aufzuklären, der offenbar der letzter einer langen Kette ähnlicher Bluttaten ist … – Der erste Roman der Samantha-Ryan-Serie bietet modernes britisches Krimihandwerk mit Seifenschaum-Einlagen, weshalb es nicht lange dauerte, bis das Fernsehen aufmerksam wurde: solide, durchschnittliche Unterhaltung. Nigel McCrery – Denn grün ist der Tod [Dr. Samantha Ryan 1] weiterlesen

Manchette, Jean-Patrick – Volles Leichenhaus

Der Name Jean-Patrick Manchette (1942 – 1995) ist eng mit der Erneuerung des französischen Krimis verknüpft. Er gilt als Begründer des Neo-Polar, der französischen Antwort auf amerikanische hard-boiled Krimis. Seine Krimis zeichnen sich durch knappen Schreibstil, Sozialkritik und bitterbösen Humor aus. Er hat aber nicht bloß die amerikanischen Tradition von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett auf französischen Boden gepflanzt, sondern diesen lakonischen Schreibstil in die Post-68er-Ära übertragen. Seine Romane sind von seiner Verachtung gegen die Bourgeoisie durchzogen, deren moralischen Abgründe er bloßlegt. Dieses Thema verbindet ihn mit Chabrol, der auch Manchettes Roman „Nada“ verfilmte.

Manchette schrieb zehn Krimis, davon einige mit dem erfolglosesten Privatdetektiv aller Zeiten: Eugène Tarpon. Ferner arbeitete er noch als Drehbuchautor, denn neben der Literatur waren das Kino und der Jazz große Leidenschaften von Jean-Patrick Manchette. Und diese Leidenschaften passen wunderbar zusammen: Sein Schreibstil ist schnell und actionreich und bietet sich als Filmvorlage an. Und über allem schwebt ein leichter Hauch von Miles Davis.

Jean-Patrick Manchette starb im Alter von nur 52 Jahren in Paris. Die Romane wurden und werden vom |DistelLiteraturVerlag| (|DLV|) neu übersetzt und veröffentlicht, ältere Veröffentlichungen erschienen bei |Lübbe| und |Ullstein|.

Helden in der Tradition Chandlers und Hammetts sind Männer, die einen „Sinn für Charakter und Ehre“ haben, „nicht wissen, was (ihre) Aufgabe ist“, „einsam“ sind und deren „Stolz darin liegt, daß man (sie) wie einen stolzen Mann behandelt, oder es tut einem verdammt leid, daß man ihm überhaupt über den Weg gelaufen ist“. Sie sprechen, wie „Männer ihres Alters reden, das heißt mit rauhem Witz, mit einem lebhaften Sinn für das Groteske, mit Abscheu für Heuchelei und mit Verachtung für Kleinlichkeit.“ Sie erscheinen „in ihrer geschäftlichen Erfolgslosigkeit fast wie sozial Deklassierte“. Ihre Einmischung oder Beteiligung beginnt eher zufällig, sie werden hineingezogen und sind aktiv am Geschehen beteiligt, ohne eine Reflektion des Falles. Auf ihrer Suche nach der verborgenen Wahrheit begegnen sie der Gewalt, und Gewalt durchdringt den gesamten Alltag, in dem die Handlung angesiedelt ist (Zitate aus Chandlers Essay „The Simple Art of Murder“).

Manchettes Held Eugène Tarpon wird mit dieser Charakterisierung gut getroffen: Er ist ein ehemaliger Gendarm, d.h. er war Teil einer Ordnungsmacht, die „in Mannschaftsbussen ohne Toiletten kaserniert“ wurden und „hin und wieder Arbeiterdemonstrationen auseinandertrieben“. Während eines solchen Einsatzes tötete Tarpon einen Menschen und quittierte den Dienst. Er wird Privatdetektiv („Im wirklichen Leben beschäftigt sich ein Privatdetektiv mit Scheidungen, Geschäftsüberwachungen, und, wenn er besser dasteht als ich, mit Wirtschaftsspionage. Nicht mit Gewaltverbrechen, … denn dann muß man die Polizei rufen … „) und hält sich mit kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser. Man merkt ihm noch die Gewohnheiten eines kasernierten Gendarmen an, denn er spült sein Geschirr gleich nach der Benutzung oder baut sein Schlafsofa nach dem Aufstehen ordentlich zusammen. Er ist erfolglos, hat so wenig zu tun, dass sogar sein Papierkorb leer bleibt, während sich sein Kopf mit einem Nebel düsterer Melancholie füllt. Doch anstatt sich aus dem Fenster zu stürzen, tut er etwas viel Schlimmeres: Er ruft seine Mutter an und erklärt ihr, er wolle zu ihr in die Provinz zurückkehren, will wieder heim zu Muttern. Kann man tiefer fallen? Wenig später steht ein Mädchen vor seiner Tür und bittet um seine Hilfe, weil ihre Freundin ermordet wurde. Tarpon lehnt genervt ab und stolpert dennoch in eine unübersichtliche Geschichte hinein, bei der er wenig gewinnen kann – außer der Entdeckung eigener verschütteter Gefühle.

Seine Motivation ist unklar, sein Einmischen könnte er selbst nicht begründen, und trotzdem ist er mit einem Male mitten in einem Fall. Er stolpert von Situation zu Situation, mehr ein Getriebener als einer, der die Geschichten aktiv antreibt. Er muss Prügel einstecken und kann sich selten dafür revanchieren. Er ist zynisch und ohne Illusionen, aber eine begonnene Aufgabe wird trotz aller Gegenreaktion und Gewalt zu Ende gebracht. Manchette knüpft, wie eingangs ausgeführt, an die Tradition von Raymond Chandler und Dashiell Hammett an und findet eine moderne, auf Europa zugeschnittene Form des amerikanischen „hard-boiled“ Krimis, nämlich die starke Verankerung in der Geschichte sowie im sozialen und politischen Alltag Frankreichs. „Volles Leichenhaus“ deutet diese politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen an: Besatzungszeit, die Nazis, die Kollaborateure und die alten Kameraden sowie die Unterdrückung und Ausbeutung der sozial Schwachen („…Ich jagte bedauernswerte idiotische Penner, um zu verhindern, daß sie Besitzende … um ihren Besitz brachten; …während Drogenhändler in der Nationalversammlung und sonstwo saßen …). Die Integration der Kritik an gesellschaftlichen Missständen in einen Kriminalfall ist nicht neu. Aber bei Ross Thomas, um einen dieser Autoren zu nennen, spielen die Protagonisten am Ende das schmutzige Spiel mit! Die zunächst nur am Rande blitzlichtartig erleuchteten politischen und historischen Themen bilden zum Ende den gesellschaftspolitischen Kosmos, den Tarpon, erheblich Federn lassend, in diesem Roman durchstreift und durch den er traurige Berühmtheit erlangt.

Manchette erzählt seine Geschichte sehr filmisch, mit knappen Beschreibungen, knappen Dialogen und einem trockenen Wortwitz. Die erste Szene mit dem „Heuler“ gehört wohl zum Absurdesten, was jemals in einem Krimi zu lesen war, und die dilettantische Entführung Tarpons mit zum Komischsten. Manchettes Stil ist lakonisch, trocken und trotzdem packend. „Volles Leichenhaus“ wird in einem Sog erzählt, der den Leser mitreißt und ihn nicht ruhen lässt, bis die 200 Seiten verschlungen sind. Eugène Tarpon macht süchtig … nach mehr Geschichten um Eugène Tarpon.

_Claus Kerkhoff_ © 2000
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|