Archiv der Kategorie: Rezensionen

J. R. R. Tolkien – Der Hobbit

In „Der Hobbit“ erzählt J. R. R. Tolkien die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin. Hobbits sind nur etwa halb so groß wie Menschen und noch kleiner als Zwerge. Es ist gar nichts von Zauberei an ihnen, außer die alltägliche Gabe, rasch und lautlos zu verschwinden.

Eines Morgens bekommt Bilbo Beutlin überraschenden Besuch von Gandalf, dem Zauberer, und dreizehn Zwergen. Die dreizehn Zwerge, unter der Führung von Thorin Eichenschild, wollen versuchen, dem Drachen Smaug den Schatz wieder abzunehmen, den dieser dem Großvater von Thorin, dem König unter dem Berge, vor langer Zeit geraubt hatte. Zu diesem Zweck benötigen die Zwerge jedoch einen erfahrenen Meisterdieb, der sie unterstützen soll. Obwohl Bilbo gar keine Erfahrung als Meisterdieb und eigentlich auch überhaupt keine Lust auf ein Abenteuer hat, erklärt er sich bereit, die Zwerge auf ihrer Queste zu begleiten.

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Schätzing, Frank – Tod und Teufel

Im Jahre 1260 zieht Jacob, genannt „Der Fuchs“, seine Bettel- und Stehlrunden durch Köln, um zu überleben. Sein Leben ist bis auf „Dieb! Dieb!“-Rufe recht ereignislos – bis er sich eines Tages an die verlockenden Äpfel des Erzbischofs wagt und damit leider zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Vor seinen Augen wird der Kölner Dombaumeister Gerhard Morart von der sich noch im Bau befindlichen Kirche in die Tiefe gestürzt. Und als wäre das nicht schlimm genug, kann Jacob es sich nicht verkneifen, dem Sterbenden noch die letzten Worte abzunehmen, was dafür sorgt, dass der Mörder ihn sieht und Jagd auf ihn macht.
Gerüchten folgend war Morart mit dem Teufel im Bunde und von daher steht für Jacob fest, dass eben dieser ihm nun auf den Fersen ist. Trotzdem gelingt ihm um Haaresbreite die Flucht, was ihm ermöglicht, seinen beiden Freunden Tillmann und Maria von dem Mord zu berichten. Seine Verstörtheit ist komplett, als Zeugen auftauchen, die von einem Unfall, einem Fehltritt des Dombaumeisters, reden, denn er selbst war der einzige Zeuge des Geschehens. Kurz darauf sind Tillmann und Maria tot und Jacob muss um sein Leben rennen.

In dieser mehr als unglücklichen Situation macht er die Bekanntschaft einer höchst interessanten Familie, bestehend aus Richmodis von Weiden, ihrem Vater Goddert und ihrem Onkel Jaspar Rodenkirchen. Während ihr Vater lieber dem Weinkellerinhalt seines Bruders frönt und unsinnige Gelehrtendiskussionen mit diesem ausficht, kümmert Richmodis sich um seine Arbeit als Färber.
Der Physikus, Doktor und Dechant Jaspar entschließt sich nach genauerer Prüfung von Jacobs Intellekt und weil er sich eine anspruchsvolle Abwechslung verspricht, dem Fuchs zu helfen. Und die soll er auch bekommen, denn nach dem Aufspüren der angeblichen Zeugen zeigt sich schnell: Mit diesem Killer ist nicht zu spaßen. Die Zeugen sind kurz darauf tot und der Mörder steht mit beiden Beinen mitten in Jaspars Haus.
Ganz langsam wird den Beiden klar, dass Gerhards Ermordung nur ein lästiges Hindernisbeseitigen war, denn die mächtigste Patrizier-Familie in Köln, die Overstolzen, hat ein viel höheres Ziel…

Frank Schätzing hat mit „Tod und Teufel“ ein wirklich gelungenes Debüt hingelegt. Wie schon bei Kinkels „Die Puppenspieler“ findet sich auch hier eine perfekte Vereinigung von interessantem Geschichtsunterricht und spannender Story. Wir können Neues über die Kreuzzüge lernen (denn der Herr Jaspar Rodenkirchen hat dazu seine ganz eigene Meinung), erfahren die Entwicklung des Kölner Handels und warum sich Päpste, Könige und Erzbischöfe nie einig waren – egal, worum es ging -, wer mit wem was getan hatte und welche Auswirkungen es auf Köln hatte. Und wir laufen natürlich immer vor dem unheimlichen Mörder davon, rätseln, was die Overstolzen vorhaben und lernen vor allem unsere vier „Helden“ lieben.

Die Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet, besitzen Ausdruckskraft und überzeugen durch eine immense Lebendigkeit. Aufgeteilt in zwei gegensätzliche Lager, geht das Bild eines einzelnen Helden verloren, auch in „gut und böse“ kann man sie nicht grundsätzlich einordnen, denn Schätzing versteht es, dem Leser beide Parteien näher zu bringen, durch häppchenweise eingestreute Hintergründe der Personen, durch lehrreiche Gespräche und durch einen glänzenden Schreibstil.
Doch Glanzlicht der Charaktere sind die oben bereits erwähnten unsinnigen Diskussionen zwischen Goddert und Jaspar, die einfach herzerfrischend und liebenswürdig sind und den Leser zum Lachen bringen. Köstlich!
Kurzum: Ganz und gar empfehlenswert!

Frank Schätzing, 1957 in Köln geboren, studierte Kommunikationswissenschaften, ist Mitbegründer und kreativer Geschäftsführer der Kölner Werbeagentur „INTEVI“ und Mitbegründer der Musikproduktion „Sounds Fiction“. Nach dem Erfolg von „Tod und Teufel“ folgten 1996 der Krimi „Mordshunger“, 1997 die Kurzgeschichtensammlung „Keine Angst“ und der Psychothriller „Die dunkle Seite“ und 2000 der Politthriller „Lautlos“.
„Tod und Teufel“ und „Keine Angst“ gibt es auch als Hörbücher, die der Autor selbst liest und für die er auch die Musik mitkomponierte.

Homepage des Autors: http://www.frank-schaetzing.com

Leo Perutz – Der Meister des jüngsten Tages

Ah – endlich mal wieder ein richtig spannender Roman, der einen Schlaf und Zugfahrt vergessen lässt! Aber das Schöne dabei ist in erster Linie, dass diese Geschichte verschiedene Bedeutungsebenen hat, zum Nachdenken anregt und von einem souveränen Umgang mit der deutschen Sprache zeugt – also kein elender Schmöker sondern Hochliteratur. Gerade die Sprache schafft es, mehrere ganz unterschiedliche Stimmungsbilder einzufangen. Einmal hat sie etwas von der Exaktheit der Detektivgeschichten eines Arthur C. Doyle oder Gilbert K. Chesterton, ein andermal steht die psychologische Betrachtung des Innenlebens der Hauptperson im Vordergrund, dann wieder wechselt Traumartiges mit Realistischem.

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Autorenkollektiv – Karfunkel Nr. 48

Kaum zwei Tag lang ist es her, da bracht bei Dämmerung des Morgens der Bote eilenden Fußes die frisch von Schreibern aufgesetzte Nummero 48 der Zeitenschrift KARFUNKEL an meine Wohnstatt, mir zu gefallen und Verzücken wachzurufen. Und so nehm‘ ich dies nun als Gelegenheit zupass, Euch ein weit’res meiner bevorzugten Magazine vorzustellen, denn diese Ausgabe hat es wieder kräftig in sich, da konnte ich schlicht nicht widerstehen, den Federkiel zu zücken und Euch folgend Worte kund zu tun.

Die KARFUNKEL ist nun seit mehr als zehn Jahren im Bereich von Mittelalter, „erlebbarer Geschichte“ und Reenactment-Bewegung unterwegs und für die Fans dieser Bereiche mit Schweiß und Herzblut bei der Sache. Und spätestens seit der Jubiläumsausgabe diesen Jahres ist die Qualität, aber durchaus auch die Quantität des gebotenen Materials, allein schon in der wundervollen und makellosen Aufmachung, so überragend, dass ich ruhigen Gewissens behaupten kann, kein wirklich vergleichbares Magazin benennen zu können. In hervorragendem Druck, liebevoll gestaltetem Layout und einer schon erschlagenden Bilderfülle präsentiert die KARFUNKEL allerlei aus vergangenen und heutigen Tagen.

Geschichtliche Essays und Biografien, Handwerkskünste, Kampf- und Kriegshandwerk, Veranstaltungsberichte und -hinweise (In Sachen Veranstaltungskalender ist die Zeitschrift unangefochten Informationsträger Nummer Eins.), Notenblätter, Rezensionen, Interviews, Traditionen und Kultur der Alten Zeit, Kräuterkunde und Rezepte und dergleichen noch viel mehr werden alle zwei Monate in zunehmender Güte auf mittlerweile 122 Seiten präsentiert. Und zur Kurzweyl darf natürlich auch ein Preisrätsel für Kenner nicht fehlen, das es allerdings meist wirklich in sich hat.

Außerdem betätigt sich die Redaktion mit ihren Partnern seit geraumer Zeit als Verlag für allerlei ausgezeichnete Bücher, Infomaterialien, Info-ROMs, Kalender, Veranstaltungsführer usw. und betreibt über ihre Homepage einen mittelalterlich orientierten Web-Radiosender. Zusammen mit ihrer Netzpräsenz ist die KARFUNKEL so mit den Jahren zu dem zentralen Forum für die mittelalterlich interessierte Gemeinde im deutschsprachigen Raum schlechthin avanciert. Mit einer Auflage von inzwischen satten 24.000 Exemplaren bei über 6.000 Abonnenten macht sich das Magazin präsent und ist inzwischen für schlappe 4,60 Euro auch in den meisten größeren Zeitschriftenläden zu erstehen. Zwischenzeitlich gab es auch die erste prall gefüllte CODEX-Sonderausgabe zum Thema „Wikinger“, die ich demnächst hier näher vorstellen möchte.

Und weil das alles noch nicht programmfüllend genug ist, wurde der aktuellen Ausgabe ohne Aufschlag die erste CD der Zeitschrift, „Abmorgenland“, beigefügt, mit über 77 Minuten Mittelaltermusik, gespielt von einem Dutzend Bands auf einundzwanzig Stücken. Entstanden ist diese Neuerung in Kooperation mit Dattelschlepper und Furunkulus Bladilo sowie dem Engagement der beteiligten Bands. Der Schwerpunkt liegt hier bei authentischer Mittelaltermusik, zumeist mit orientalischem Einschlag (dem Konzept von Dattelschlepper und dem Sampler-Titel entsprechend), aber auch einige der beliebten und gut tanzbaren Spielmannslieder sind vertreten und so manch namhafte Truppe fand den Weg auf diesen Silberling, den man auch separat erwerben kann. Einige Lieder wurden eigens für dieses Projekt geschrieben, andere Stücke wurden von den Bands konzeptionell umgestaltet. Eine echte Respektarbeit jedenfalls und allemal ungewöhnlich, zumal die CD keine Auswirkung auf den Zeitschriftenpreis hatte, niemand dafür Gage verlangte und die derzeitige Auflage von 25.000 frisch gedattelten Silberscheiben in Eigenregie aufgezogen und produziert wurde. Details zur CD-Belegschaft findet ihr [hier]http://www.powermetal.de/cdreview/review-3092.html bei uns.

Doch nun zunächst genug des enthusiastischen Lobgesangs von mir und im Detail zum Inhalt dieser Ausgabe:

* Frauen auf Kreuzzügen – Streiterinnen Christi auf dem Weg nach Jerusalem?
* Gratis-CD: Abmorgenland – Dattelschlepper Vol. 1 (21 Mittelalter-Titel)
* Kundt und Wissen: Anne de Bretagne
* Kirchliche Feste im Mittelalter – Allerheiligen, Allerseelen und St. Martin
* Schinderhannes – Ein raubender Held?
* WaffG für living history – Das neue Waffengesetz
* Gesten • Zeichen • Rituale – Die verschlüsselte Sprache der öffentlichen Inszenierung im Mittelalter
* Die Kleider von Alpirsbach – Ihre Geschichte und Reproduktion & Schnittmuster: Alpirsbacher Hemd
* Die Vandalen – Ausstellung in Schloss Bevern
* Hexenverfolgung – Teil 1: Eine geheimnisvolle Hexensekte – Theologen und ihre Phantasien
* Noten: Mir ist das Herz so wunt
* Kraut und Wurz – Minze
* Der Mont Saint-Michel – Wo der Himmel die Erde berührt
* Religion und Kult der Römer
* Terminübersicht 2003
* Spürnasen für alte Rezepte – Schiffswracks und Weißkohlsuppe
* Selbermachen: Mittelalterliche Langzinkenkämme
* Lesepult
* Hörbar
* Von Begebenheyten
* Anno Domini (Veranstaltungsberichte)
* Preisrätsel

Homepage der KARFUNKEL: http://www.karfunkel.de

Wehrli, Reto – Verteufelter Heavy Metal

Ein Sachbuch zu unserem innig geliebten Musikgenre steht diesmal auf dem Rezensionsprogramm. Und welch edler Fund überdies! „Verteufelter Heavy Metal – Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz“ – Der auf den ersten Blick irreführende Titel scheint auf ein weiteres Hetz-Pamphlet hinzuweisen, das im Metal das Wirken Satans ausmachen möchte. Doch mehr als weit gefehlt; das Wörtchen „Fundamentalismus“ sollte stutzen lassen und ein Blick auf Buchrückseite sowie Inhaltsverzeichnis räumt dann jeden Zweifel aus, welche Seite dieses scheinbar endlosen Feldzuges für Anstand und Moral in diesem Werk unter Beschuss stehen wird. Zudem erschien Reto Wehrlis umfassende Schrift im Telos-Verlag, geführt von Dr. Roland Seim, der auch im Netz durch verschiedene Anti-Zensur-Webseiten präsent und wirkungsvoll in Aktion tritt. Wehrli selbst ist Psychologe, scheinbar eine für die Thematik unwesentliche Fachausbildung, doch auch hier: weit gefehlt. Die psychologischen Aspekte in dieser ganzen Streit-Thematik sind absolut wesentlich, und da sich der Autor seit fast zwanzig Jahren mit dem Phänomen Heavy Metal – selbst ein kritischer und merklich kundiger Fan – befasst und zudem das Augenmerk fachkundig auf Medienzensur richtet, sind hier optimale Voraussetzungen für eine vielversprechende Auseinandersetzung gegeben.

„Verteufelter Heavy Metal“ ist ein Fachbuch, eine wissenschaftliche Studie und Arbeit, die durchaus voraussetzungsvoll ist und sich gelegentlich in akademischen Ausdrucksformen ergeht, aber dennoch in erfrischender und faszinierender Weise geschrieben wurde, stets begleitet von einem geradezu sarkastischen Unterton und persönlichen Einwürfen, ohne dadurch unsachlich zu werden. Und die Sachlichkeit hat es in sich: Im Gegensatz zu den oberflächlichen Anwürfen der fundamentalistischen Apologeten und staatlichen Kontrollinstanzen ist hier jedes Faktum sorgsam recherchiert und durch unzählige Quellen belegt. Ein endloses Literaturverzeichnis sowie ein ausgiebiges Sachwortregister und Autorenverzeichnis runden die Wissenschaftlichkeit der Arbeit ab. Wehrli bemüht zudem ausgiebig Originalquellen sowie sorgsame Eigenrecherchen und vermeidet es, Aussagen von Abgeschriebenem abzuschreiben, wie dies so gern und bequem anderenorts praktiziert wird – was die ärgsten Peinlichkeiten verursacht und zu Gelächter einlüde, wären die Folgeerscheinungen nicht gar so unerfreulich. Kulturhistorische Details, psychologische, soziologische, politische und musikwissenschaftliche Informationen in Hülle und Fülle porträtieren ein umfassendes Bild von Rock- und Metal-Szene, moderner Musikentwicklung, Medienlandschaft, Moralgebäuden und Zensurbemühungen.

Zensur? Minderheiten- und Randgruppendiskriminierung? In einer Demokratie? Gar in Deutschland? Unsinn! möchte der Leser an dieser Stelle vielleicht abwinkend ausrufen. Nun, gesetzlich gibt es eine Zensur natürlich nicht, doch betrachtet man sich die reale Umsetzung verschiedener Grundrechte wie Meinungs­- und Religionsfreiheit usw. genauer, hat man vielleicht eine Andeutung davon, wie es mit zensorischen Maßnahmen aussieht. Hier kann man vielleicht eher von einer gezielt aufgebauten ‚Filterung‘ sprechen, einer geradezu automatisierten und durch Zwänge und Gegebenheiten bestimmten Selbstkontrolle – allerdings nicht ganz so freiwillig, wie die bekannte Kontrollinstanz dies namentlich vermuten lassen möchte. Die Demokratie ist hier gezwungen, subtiler vorzugehen, doch die Wirkungsweise ist effektiver als man glauben würde. Bis zu direkten Zugriffen, Polizeirazzien etc. reicht das Repertoire der besorgten Ordnungsinstanzen in der Musik- und Kunstlandschaft allerdings ebenfalls, auch wenn der Durchschnittsbürger solche Szenarien allzu leicht ins Reich der paranoiden Phantasterei verbannen möchte. Wehrli geht hierauf ausführlich und mit belegten Fallbeispielen vor allem aus den USA (wo Bücher-Barbecue ein recht beliebtes Spektakel zu sein scheint; ein Schelm, wer dabei Parallelen zieht), Skandinavien und dem deutschsprachigen Raum ein, doch dazu später mehr, zunächst der Reihe nach zum Buchinhalt (Ihr merkt, ich könnte mich diesmal wieder etwas ausführlicher auslassen. Ich hoffe, der Kaffee steht griffbereit.):

Bereits der Einleitungstext meißelt zentrale Probleme und Fragwürdigkeiten im Umgang mit der Thematik des Heavy Metal und seiner Subkultur heraus, von Gesellschaftsunterwanderung und Amoralität bis hin zu Satanismusprojektionen und der Frage, wie gesichert und vertrauenswürdig so manche Studie sein mag, die sich letztlich auf nichts als urbane Mythen berufen kann.

Damit überhaupt fachkundig auf die zentralen Themen eingegangen werden kann, muss zunächst abgeklärt und analysiert werden, wovon überhaupt die Rede sein soll und worum es sich beim Heavy Metal eigentlich handelt. Dazu bietet Reto Wehrli in den ersten vier Kapiteln einen ausführlichen Überblick zur musikwissenschaftlichen Entwicklung des Metal, zur kulturhistorischen Bedeutung und Einordnung, zu den verschiedenen Metal-Stilen, zur Subkultur und den damit verbundenen soziologischen, politischen und psychologischen Mustern. Hierbei wird, das muss angemerkt werden, deutlich, durchaus nicht einseitig argumentiert und so manche Skurilität, (chauvinistische) Klischeelastigkeit und Blöße der Metal-‚Philosophie‘ aufgezeigt. Für jeden Metal-Fan eine bildende Bereicherung und für jeden Schimpftiradenkanonier Pflichtlektüre, denn wie sagte Dieter Nuhr so beflügelnd: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!“

Wie wenig Ahnung die Ankläger im Regelfall von ihrem Streitobjekt haben, zeigt Wehrli in einem Hauptblock des Buches, nachdem er mit Kapitel 5 vorweg einige der beständig gleichen Kernvorwürfe und interessante Statistiken und Begebenheiten kurz als Appetizer anreißt. In diesem zentralen und sehr umfangreichen Kapitel „…And Justice for All“ gibt der Autor einen Überblick über alle historisch wesentlichen Bands, die für die Thematik bedeutsam sind, von den BEATLES 1960 bis zu MARILYN MANSON 1989. Die Großmeister des Heavy Metal fehlen dazwischen natürlich auch nicht. Dabei wird jeweils die Bandgeschichte präsentiert, teils mit interessanten Details gespickt, sowie die jeweils mit der Band verknüpften Skandale, Prozesse und zensorischen Maßnahmen aufgeführt. Zugleich wird der Großteil dieser Anwürfe als unsinnig zerpflückt, prozessierte Texte im Original verglichen und interpretiert, beschlagnahmte Platten-Cover präsentiert und desgleichen mehr. Da wird es manchmal schwierig, den Text im Auge zu behalten, da der Kopf beständig in ungläubigem Staunen (oder Entsetzen?) hin und her geschüttelt wird. Bei soviel kirchlichem, staatlichem, in jedem Falle aber amtlichem Stumpfsinn musste meine Schreibtischkante arg leiden, da ich mich veranlasst sah, allzu oft mit einem Homer Simpson’schen „Nein!“ auf den Lippen die Stirn gegen selbige zu schlagen. Kann man für geistige Schmerzen eigentlich Schadensersatzforderungen einklagen?

Auf den offenbar fragwürdigen geistigen Zustand der Ausführenden solch fabulöser Hexenjagden geht Wehrli angebrachterweise später noch ein, doch zunächst widmet er sich einer der beliebtesten urbanen Legenden des Heavy Metal: der „Backward Maskings“ oder unterschwelligen Botschaften. Hier wird zum ersten Mal in der mir bekannten Fachliteratur wirklich wissenschaftlich argumentiert. Dies mit der durch keinen Gegenbeleg zu entkräftenden Folgerung, dass diese heiß geliebten „Satansbotschaften“ etwa so wirkungsvoll sind wie Hufeisen über der Haustür und in den meisten Fällen überdies gar nicht vorhanden und krampfhaft in Gehörtes hineininterpretiert – da kann man die Tonspur noch so besessen [sic] rückwärts laufen lassen. Darauf geht der Autor bei den einzelnen Bands und im Verlauf des Buches gelegentlich jeweils noch ausführlicher ein.

Es schließt sich ein wahres Genusskapitel an, in dem sich Wehrli nun genauer den Gegnern des Heavy Metal widmet, sie institutionell und psychologisch durchleuchtet und die Beweggründe aufzuspüren sucht. Traditionalisten, Fundamentalisten, Christensekten und Anthroposophen bilden hier den Schwerpunkt.

Hernach folgt ein ausführliches Rezensionskapitel, in dem der Autor die führenden und gern als Fachreferenz herangezogenen Pamphlete, Entschuldigung, Fachbücher über Rock, Metal und ihr satanisches Wirken komplett und genüsslich zerpflückt und dabei nicht im geringsten zimperlich oder verbal zurückhalten verfährt. Da kommt Freude auf.

Die folgenden beiden Kernkapitel widmen sich nun den Zensurinstanzen und ihrem Wirken sowie den einzelnen Zensurfällen, die bedeutsam waren. Hier gibt es übrigens allerlei Bild- und Schriftmaterial für Genießer zu begutachten. Da das meiste davon indiziert wurde, wundert es mich, dass diese schwer beschaffbaren Quellen hier in dieser öffentlichen Form herangezogen werden konnten, ohne die Fürsorge des Großen Bruders auf den Plan zu rufen. In jedem Falle: Respekt! Da gehen einem wahrhaft die Augen über und die permanente Scheibenwischergeste beim Lesen ist vorprogrammiert; man mag kaum glauben, zu welchen Einzelfällen es dabei auch hier in deutschen Landen kam, aber auch die Lage in Übersee wird natürlich ausgiebig beleuchtet. Wehrli wirft auch einen vielsagenden Blick auf andere Medienbereiche, vornehmlich Horrorfilme und Comics. Auch da gibt es allerlei Auswüchse von beiden Seiten der Front.

Das letzte Kapitel vor dem nachdenklichen Schlusswort richtet den Blick gen Norden, zu den Auswüchsen des Metal-Underground in Skandinavien. Hier gibt es dann tatsächlich einmal Grund zu aufrichtig angebrachter Sorge, denn was sich hier in einer Vermischung aus Pseudosatanismus, Nationalsozialismus und hartem Metal zusammengebraut hat und auch vor Folgeerscheinungen in Deutschland nicht Halt machte, ist in der Tat erschreckend. So werden also wirkliche Problemzonen, wie eingangs schon angemerkt, nicht ausgeblendet oder beschönigt. Was glänzend und völlig daneben ist, wird von Wehrli ebenso beim Namen genannt wie er dies bei den etwas fehlgeleiteten Metalgegnern und Randgruppenhetzern (Gesellschaftliche Feindbilder sind noch immer eines der wirksamsten Werkzeuge der Macht.) zuvor tat. Allerdings kommt auch hier letztlich zum Ausdruck, dass nicht der Metal, wie gern angeführt, das ursächliche Problem, sondern nur ein Symptom der Krankheit ist, von deren Wurzeln die Gesellschaft anklagend ablenken möchte, um sich nicht mit den wahren Pathologien ihres Daseins befassen zu müssen.

Alles in allem ist „Verteufelter Heavy Metal“ zum Thema das zweifelsohne umfassendste und bestrecherchierte Werk im Buchsektor. Für den Fan finden sich zahllose Fakten und Details und die Aufmerksamkeit für Problemzonen der scheinbar freien Demokratie wird deutlich geschärft. Für Szenegegner ist dieses Buch unverzichtbar, wenn sie ernsthaft an einer Diskussion interessiert sein sollten und bestrebt sind, sich mit wahrhaften Hintergründen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Betrüblich ist, dass dieses Mitte 2001 erschienene Buch noch immer in der ersten Auflage von 750 Exemplaren steckt, während allerlei Schundwerke sich zu Zehntausenden verkauft haben und als Referenzmaterial herhalten müssen. Auch preislich bewegt sich das Buch im grünen Bereich, denn die 400 kleinstbedruckten Seiten mit mehr als 100 Abbildungen entsprechen etwa dem Umfang eines 800-seitigen Taschenbuches. Und für Fachliteratur, gerade von Kleinverlagen, sind die Kosten normalerweise geradezu exorbital. In jedem Falle: Zwei enthusiastisch erhobene Daumen für diese Glanzleistung.

Grobes Inhaltsverzeichnis:

Intro
1. Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal
2. „Stampfen, Toben, Fäuste schwingen“ – Eskapismus als Lebensrealität
3. Schwer und leicht, schwarz und weiß
4. „Recognize your age – it’s a teenage rampage!“
5. „Sex, Gewalt und Satanismus“: Auf jeder Platte ein Dämon!
6. „…And Justice for All“: Die verteufelten Bands im Überblick
7. Der Satan kommt von hinten: ‚Backward Maskings‘
8. Jäger des verlorenen Schamgefühls – Wer sind die Gegner des Heavy Metal?
9. Am Anfang war das letzte Wort: Bücher gegen den Heavy Metal
10. Wer zensiert was? Die Unterschiedlichkeit des Unzulässigen
11. Große allgemeine Verunsicherung! Musikzensur in Deutschland
12. Auswüchse aus dem Untergrund
13. Schluss
Literatur
Diskografien
Autorenverzeichnis
Register

Verlags-Homepage: http://www.telos-verlag.de

_Nachtrag:_ Am 21. März 2005 erschien die stark erweiterte Neuauflage des Buches.

Reto Wehrli: Verteufelter Heavy Metal – Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte
Münster: Telos Verlag 2005, 2. Auflage (März)
ISBN [3-933060-15-X]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/393306015X/powermetalde-21
740 Seiten
ca. 300 Abbildungen
Bilderdruckpapier, broschiert, Farbcover
Format: 21 x 15 cm
Bibliographie, Diskographie
EUR 37,50
http://www.telos-verlag.de/seiten/buch5rw.htm

Joachim Bumke – Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter

Der zuletzt in Köln Literaturgeschichte des Mittelalters lehrende Professor Joachim Bumke ist jedem Studenten der älteren Germanistik ein Begriff: Seine in der „Sammlung Metzler“ erschienene Einführung in die Epen des Wolfram von Eschenbach („Parzival“) gehört zum unverzichtbaren Standardrepertoire des Studierenden. Dadurch neugierig geworden, habe ich mich auf dieses Buch gestürzt, als die Gelegenheit da war, es zu rezensieren.

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Autorenkollektiv – Aufklärungsarbeit Nr. 12

Unsere Gesellschaft befindet sich in einer kritischen Umbruchsphase, die nahezu alle Lebensbereiche betrifft und derzeit insbesondere durch die politischen Entwicklungen allen Grund zu skeptischer Reflektion gibt, zumal Zweifel an der Wirklichkeit demokratischer Grundsätze mehr als angebracht sind. Es ist wichtig, dass in dieser Zeit – die von gesteuerten Massenmedien zentral beherrscht wird, welche absichtsvoll die öffentliche Meinung lenken, die Bildungsinhalte bestimmen sowie Denken und Moral in nutzbringende Richtungen bewegen – unabhängige Meinungsorgane gibt, die alternative Sichtweisen und Hintergrundinformationen verfügbar machen. Nur so ist es möglich, sich ein differenziertes Gesamtbild zu verschaffen und eine Einsicht zu bewirken, die nicht bereits einseitig vorbestimmt ist, da es ohne verschiedene Sichtweisen und Faktenquellen keine Alternativen und Wahlmöglichkeiten (auch im Sinne demokratischer Informationsbildung) gibt. Eines dieser Medien, die sich der unkonventionell nicht-angepassten Meinungsbildung verschrieben haben, ist das Magazin [Aufklärungsarbeit]http://www.aufklaerungsarbeit.de , das seit März 2003 auch am Kiosk zu erwerben ist und inzwischen mit hoher Auflage an die deutschsprachige Bevölkerung herantritt.

Ein zentraler Punkt der kritischen Berichte, Kommentare und Essays dieser Zeitschrift ist die politische Information über Missstände und Bedenklichkeiten, die sich aus den globalen Entwicklungen in neuerer Zeit ergeben haben, im Schwerpunkt natürlich rund um alles, was mit 9/11 und den Folgekriegen zu tun hat. So wird über Zensur (die es ja natürlich offiziell gar nicht gibt, ebenso wie die Meinungs- und Religionsfreiheit so schön idealistisch im Grundgesetz zu finden ist – und leider auch nur dort auf dem Papier) informiert, über Begebenheiten und Hintergründe, die aus den Mainstream-Medien gezielt herausgehalten werden, über Kontrollversuche der Machthaber, über alternative Medizin und Spiritualität, über Militärprojekte, Vernebelungsversuche von Big Brother und über alternative Geschichtsdarstellungen, wie sie von den Siegern und Gewinnern des globalen Machtwettstreites nicht gern erwähnt gefunden werden, über Grenzwissenschaften bis hin zu Paläo-SETI und UFO-Forschung. Wer das alles ohnehin für spinnerten Verschwörungsquatsch hält, kann sich jetzt natürlich den restlichen Text ersparen und sich wieder vor den Fernseher klemmen für seine tägliche Dosis Hirnbrei – Big-Brother-Konzepte als unterhaltsames Medienspektakel für die gelangweilte Masse, perfider geht’s kaum noch.

Als Autoren konnte die „Aufklärungsarbeit“, die ihrem Namen alle Ehre macht, treffend das Motto „Information statt Desinformation“ gewählt hat und monatlich erscheint, so illustre Personen – zumeist Buchautoren – gewinnen wie Jo Conrad, Jan Udo und Johannes Holey, Andreas von Rétyi, Wolfgang Eggert, Jürgen Elsässer, Armin Risi, Hans Tolzin oder Dieter Rüggeberg. Wer sich eingehender mit alternativer und unabhängiger Wahrheitsfindung befasst hat, wird mit diesen Namen bereits vertraut sein.
Seit kurzer Zeit gibt es über die Webseite auch einen [Buchversand]http://aufklaerungsarbeit.pilt.de/ mit vielfältigen Veröffentlichungen zu diesen Bereichen und teils wenig bekannten Schriftwerken.

In dieser Ausgabe Nummer 12 vom Juli 2003, die diesmal einen deutlich spirituellen Schwerpunkt hat, findet ihr folgende Artikel:

_Virus in der Matrix_
G8-Gipfel in Evian
Die Programmierer der Neuen Weltordnung suchen den Fehler ihres Systems.
Ein politischer Kommentar von Jürgen Elsässer.

_Das Inschallah-Phänomen_
oder: „Wer denkt denn da?“
Gedanken zu Determinismus und Freiem Willen von Raphaela Nießen.

_Placebo-Effekt und die Wirklichkeit_
Ein interessanter Bericht über Forschungsergebnisse, die Erstaunliches über die Fähigkeit der Menschen offen legen, was Selbstheilung und die Erschaffung der eigenen Realität anbelangt. Von Jo Conrad.

_Jesus – Sie wollten einen anderen Messias_
Teil 2 eines langen Essays über eine alternative Darstellung des historischen Jesus, über Interpretationen der Bibel, Übersetzungsprobleme und theologische Konsequenzen. Von Johannes Holey.

_Jesus – Der erstgeborene Sohn Gottes_
Jesu Identität aus vedischer Sicht – ein theologischer und religionswissenschaftlicher Vergleich von Armin Risi.

_Kurzmeldungen_
… zu aktuellen Geschehnissen und politischen Entwicklungen.

_ Die Soldaten haben Angst, nachts nach draußen zu gehen_
Ein Erlebnisbericht aus dem besetzten Irak und Hintergrundinformationen von Robert Fisk.

_ Verschollen in der Sahara_
Spuren, die uns offiziell nicht gezeigt werden.
Eine skeptische und sorgfältig recherchierte Betrachtung zum Entführungsdrama in Algerien von Udo Schulze.

Körperausdruck und Persönlichkeit oder: _Erkenne dich selbst_
Teil 1 einer Persönlichkeitsanalyse fünfer Arche-Typen von Barbara Thielmann.

_M wie … Möllemann_
Eine Analyse der Hintergründe des Todes von Jürgen W. Möllemann. Von Barbara Thielmann.

Homepage des Magazins: http://www.aufklaerungsarbeit.de
Zur Bestellseite der Aufklärungsarbeit geht es [hier]http://www.aufklaerungsarbeit.de/kontaktabo.php entlang.

Huff, Tanya – Blutzoll

„Blutzoll“ beginnt mit einem grauenhaften Mord in der U-Bahn von Toronto. Vicki Nelson, ein früheres Mitglied der Mordkomission und jetzt Privatdetektivin, wird durch einen Hilfeschrei des Opfers alamiert. Sie kommt aber zu spät, denn der Mörder ist bereits fort und seinem Opfer, einem jungen Mann, ist nicht mehr zu helfen.

Der Mord in der U-Bahn ist der Auftakt zu einer schrecklichen Mordserie, die in den nächsten Tagen die Stadt erschüttert. Weitere Menschen fallen dem Mörder zum Opfer und werden alle mit herausgerissener Kehle und völlig blutleer zurückgelassen. Die Morde werden zwischen zwölf und ein Uhr nachts verübt und am Tatort gibt es keinerlei Spuren, die auf den Täter schließen lassen. Außerdem gibt es keine Augenzeugen und eine Verbindung zwischen den Opfern ist nicht erkennbar. Die Polizei steht vor einem Rätsel, doch für die Presse ist schnell klar: „Vampir sucht Stadt heim!“

Dabei ahnt niemand, dass tatsächlich ein Vampir in Toronto lebt. Henry Fitzroy, ein fast 500 Jahre alter Vampir, ist aber in keiner Weise für die Morde verantwortlich, sondern bemüht sich, ein völlig unauffälliges „Leben“ als Schriftsteller zu führen. Er glaubt, dass ein wahnsinniger Vampir in sein Revier eingedrungen ist und die Morde verübt. Besorgt, dass die Aufmerksamkeit der Menschen auf ihn gelenkt werden könnte, beschließt er den Schuldigen zu finden und zu vernichten.

Auch Vicki Nelson, die Privatdetektivin, versucht den Mörder im Auftrag der Verlobten des ersten Opfers zu finden.
Weder der Vampir noch die Privatdetektivin können ahnen, dass noch etwas viel grauenhafteres als ein wahnsinniger Vampir die Morde verübt und dass sie ihre Kräfte vereinigen müssen, um die Stadt vor dem Untergang zu bewahren.

Tanya Huff ist mit „Blutzoll“ ein Vampir-Roman der Extraklasse gelungen. Anders als in den Büchern von Anne Rice steht jedoch nicht der Vampir im Mittelpunkt. Die Hauptfigur des Romans ist ohne Zweifel Vicki Nelson, ehemals die beste Ermittlerin der Mordkomission, die jedoch durch eine Krankheit, die sie langsam erblinden lässt, gezwungen wurde, ihren Job aufzugeben und nun als Privatdetektivin arbeitet. Dabei bleibt der Vampir Henry Fitzroy aber keine schemenhafte Nebenfigur, sondern wird genauso lebendig charakterisiert wie Vicki. Die Autorin stützt sich bei seiner Darstellung teilweise auf den von Bram Stoker aufgestellten Vampirmythos, hat aber auch eigene sehr originelle Ideen.
Spannung, ein intelligenter Plot, glaubwürdige Charaktere, eine geradlinige Story und eine gehörige Portion Humor machen „Blutzoll“ zu einem schauerhaft-schönen Mix aus Krimi und Horror-Roman.

„Blutzoll“ bildet den Auftakt einer fünfteiligen Serie um die Privatdetektivin Vicki Nelson und den Vampir Henry Fitzroy. Bisher sind drei Teile davon auf deutsch erschienen: „Blutzoll“, „Blutspur“ und „Blutlinien“. Der vierte Teil „Blutpakt“ erscheint im November, ebenfalls beim Feder & Schwert Verlag. Mit 12,95 Euro sind die Bücher ziemlich teuer, bieten aber eine wirklich gute Aufmachung: große Schrift, festes weißes Papier und ein tolles Cover-Bild.

Tanya Huff wurde 1957 in Halifax geboren und ging als eine der ersten Frauen Kanadas zur Canadian Naval Reserve, der kanadischen Marine. Sie lebt heute irgendwo im Nirgendwo Kanadas in der Nähe von Toronto mit ihrer Gefährtin Fiona Patton, einer Menge Katzen und einem Chihuahua.

Homepage der Autorin: http://www.meishamerlin.com/TanyaHuff.html

Iles, Greg – Infernal

Die Kriegsfotografin Jordan Glass stößt auf eine bizarre Gemäldeserie. Eine der im todesähnlichem Schlaf dargestellten Frauen ist ihre verschwundene Schwester Jane. Zusammen mit dem FBI stößt Jordan auf vier Verdächtige in New Orleans: Alle sind Kunstmaler. Wissen sie, ob Jane bereits tot ist? Lebt sie wieder Erwarten noch? Plötzlich wird Jordan selbst zum Ziel des Serienmörders.

Greg Iles wurde in Deutschland geboren und verbrachte seine Jugend in Natchez am Mississippi. 1983 beendete er sein Studium an der University des Staates Mississippi, seither widmet er sich dem Schreiben. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit seinem Roman „@E.R.O.S.“ finden sich seine Werke in den Bestsellerlisten. Zu dem Film „24 Stunden in seiner Gewalt“ mit Kevin Bacon und Courtney Love schrieb Iles das Drehbuch, das auf seinem Roman beruht.

Als die Fotografin Jordan Glass für Buchrecherchen ein Museum in Hongkong besucht, erleidet sie den Schock ihres Lebens: Die aktuelle Gemäldeausstellung des Kunstmuseums zeigt eine Serie von nackten Frauen, die zu schlafen scheinen. Doch sie sind so blass, dass sie genauso gut tot sein könnten. Und das Gesicht einer dieser Frauen ist ihr eigenes: das ihres eineiigen Zwillings Jane. Auch die anderen Besucher des Museum erleiden einen Schock: Da hängen Bilder von nackten, möglicherweise toten Frauen an der Wand, und plötzlich spaziert eine der Totgeglaubten mitten unter ihnen umher… Als Jordan aus dem Chaos, das ihr Erscheinen verursacht hat, entkommen kann, schnappt sie sich den erstbesten Flieger, der sie in die Staaten bringt und ruft das FBI an.
Ihre Schwester Jane ist bereits über ein Jahr verschwunden – entführt, wie man glaubt. Und nun könnte das in Hongkong entdeckte Gemälde der endgültige Beweis sein, dass sie tot ist. Schon lange arbeitet daher Jordan mit Stellen des FBI in Quantico zusammen. Jordans Schreck sitzt tief, doch sie kann ihn bezähmen: Als Kriegsfotografin hat sie schon so ziemlich jede Horrorszene erlebt, die man sich vorstellen kann; auch am eigenen Leib…

Sofort fliegt sie nach New York City, um den Händler zu treffen, der dem japanischen Besitzer der Museumsbilder die Gemälde verkauft hatte: Christopher Wingate. Doch kaum ist sie mit ihren hartnäckigen Reporterfragen ein Stück weit in die Vorgeschichte der Gemälde eingedrungen, als in der Galerie Feuer gelegt wird. Sie entkommt mit knapper Not dem Inferno, doch Wingate schafft es nicht. Ein Besuch bei einem von Wingates Kunden, dem Exilfranzosen Marcel de Becque, verläuft ziemlich ergebnislos: Er hatte die ersten fünf Bilder gekauft, doch nicht auch jenes bekommen, das Jane zeigt.

Die Spur der in Hongkong sichergestellten Bilder führt über extrem seltene Pinselhaare direkt an die Universität von New Orleans, die Tulane University. In dieser Stadt hatte Jane mit ihrer Familie gelebt, hier hatte Jordan mal bei einer Tageszeitung gearbeitet. (Und hier kennt sich der in Mississippi aufgewachsene Autor hervorragend aus.) Zusammen mit FBI-Leuten, dem Special Agent John Kaiser und dem Psychologen Dr. Arthur Lenz, darf Jordan an den Verhören von vier Verdächtigen teilnehmen, darunter einem weltbekannten Kunstmaler namens Wheaton. Ist Jane noch am Leben? Als Jordan bereits glaubt, ihre Nachforschungen würden ergebnislos verlaufen, verschwindet eine der Verdächtigen direkt vor den Augen ihrer FBI-Beschatter. Wenig später wird ein perfekt organisierter Angriff auf Jordan und ihre FBI-Beschützerin ausgeführt. Nur gut, dass auch John Kaiser in der Nähe ist…

Ich habe seit einiger Zeit keinen derart spannenden Thriller mehr gelesen. Nach dem furiosen Auftakt, der zur Hauptsache aus der erschütternden Entdeckung von Janes Bild und dem Brand in Wingates Galerie besteht, gerät die Handlung erst einmal in ruhigeres Fahrwasser. Die Befürchtung, die Verhöre der vier Verdächtigen könnten sich als falsche Fährte erweisen, die der Autor ausgelegt hat, um uns irrezuführen, bewahrheitet sich nicht: Hier sind wir schon genau richtig. Die Lage spitzt sich bereits nach 250 bis 300 Seiten einigermaßen zu, als Jordan brutal angegriffen wird, wobei ihre Beschützerin ihr Leben opfert. Von da an überschlagen sich die Informationen und Ereignisse, bis zu einer langen und beklemmenden Passage, in der sich Jordan hilflos in den Gewalt des Mörders wiederfindet und erfährt, wie alles begann. Nach dem obligatorischen Showdown findet eine doppelte Wiederauferstehung statt. Mehr darf ich nicht verraten.

Menschlich anrührend ist der Roman in sehr vielen Szenen, ganz gleich, ob es sich um die Ich-Erzählerin Jordan Glass geht oder um die gewaltsam verwaiste Familie ihrer Schwester. Hilfe und Beistand findet die 40-jährige Jordan, die sich in ihrer Arbeit verloren hat, bei Special Agent John Kaiser. Nach einigen zaghaften Annäherungsversuchen, die immer wieder von dienstlichen Anrufen unterbrochen werden, finden die beiden schließlich zueinander, um gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. Ungewöhnlich an der mittlerweile gewohnten Plottidee des psychisch abnormalen Serienmörders ist das Milieu, in dem der Täter zu suchen ist. Die Kunstmalerei war bislang nicht besonders dafür bekannt, Schauplatz blutiger Morde oder anderer Kapitalverbrechen zu sein. Prompt kommt auch hier der Verweis auf Oscar Wildes berühmte Novelle „Das Bildnis des Dorian Gray“, in dem der „Titelheld“ einen Mord begeht und sich danach ewige Jugend verschafft – zumindest vorerst. Greg Iles verrät große Detailkenntnisse, für die er sich bei den konsultierten Sachverständigen am Schluss des Buches artig bedankt.

Oftmals das Sorgenkind bei Romanen mit solch spezialisierten Fachbereichen, wie sie hier auftreten, ist die Übersetzung diesmal ausgezeichnet gelungen. Anders als bei Tom Clancys letztem Buch hat auch das Lektorat keine Fehler übersehen. Obwohl ich den Übersetzer Axel Merz nicht gerade als den Allerbesten seines Fachs kennengelernt habe – er übertrug den kompletten Armageddon-Zyklus von Peter F. Hamilton ins Deutsche -, so hat diesmal die möglicherweise bessere Bezahlung als beim Taschenbuch für einwandfreie Arbeitsergebnisse gesorgt. Schon lange habe ich den Eindruck, dass Hardcover-Übersetzungen eine höhere Qualität besitzen als Taschenbücher. Ausnahmen wie Clancy bestätigen die Regel.

„Infernal“ ist ein kompetent gebauter und sehr spannend erzählter Thriller, der mit ähnlichen Elementen umgeht wie etwa „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ und damit Erfolg hat. Nur dass seine Figurenzeichnungen außer bei der Hauptfigur nicht besonders tiefgründig sind. Jordan und ihre Familie erhalten eine eigene Historie, die psychologisch untermauert wird und für eine subtile Spannung sorgt. Daher versteht man auch, warum Jordan so sehr bemüht ist, die Wahrheit über Janes Schicksal herauszufinden: Sie muss sich selbst retten, bevor sie zusammenbricht. Nun könnte man noch meinen, die Morde an den „Schlafenden Frauen“ wären sinnlos, weil sie von einem psychisch Gestörten begangen werden. Dem ist keineswegs so – die Botschaft, die Iles geschickt verpackt hat, lautet wie folgt: Je höhere Preise Gemälde mit bestimmten Motiven erzielen können, desto mehr wird das entsprechende Angebot zunehmen: das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Schlecht für die Opfer: Erst als die nackten Frauen realistisch so dargestellt werden, als befänden sie sich im Todesschlaf, steigen die Preise rasant in die Höhe: Das letzte Gemälde bringt fast zwei Millionen Dollar! Kunst killt.

Ich habe den Roman in nur drei Tagen gelesen, wobei ich in der letzten Sitzung die restlichen 300 Seiten einfach am Stück lesen musste. Das Buch ist zu spannend, um es einfach zwischendurch mal weglegen zu können. Die Mühe hat sich gelohnt. Ich bin rundum zufrieden mit dem Buch.

Homepage des Autors: http://www.gregiles.com

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nyary, Josef – Vinland-Saga, Die

Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Wikinger Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika landeten, wenn auch in einem nördlicheren Teil.

Der 1944 nahe Berlin geborene Joseph Nyary, heute als freier Journalist in Hamburg tätig, hat sich diesem weitgehend unbeschriebenen Blatt in der Geschichte der Nordleute angenommen: Wo bei Frans G. Bengtsson’s Klassiker „Die Abenteuer des Röde Orm“ die Raubfahrten der Wikinger nach England, Spanien und sogar in die Flüsse Russlands die Grundlage bildeten, verschiebt Nyary die Handlung weit in den Westen: Grönland, Island und eben Neufundland/Labrador als „Vinland“ sind Handlungsorte seiner Wikinger-Saga.

Basierend auf der Saga des legendären „Erik dem Roten“ wird berichtet, wie es zur Entdeckung Vinlands kam: Auf der Heimfahrt von einem Raubzug in Bremen kommt das Schiff Bjarne Herjulfssohns vom Kurs ab, er verfehlt Grönland und wird an die amerikanische Küste abgetrieben, traut sich dort jedoch nicht an Land und segelt zurück. Seine Gefährten nimmt er unter Eid, ihre Entdeckung vorerst geheim zu halten: Gerade eben erst haben die Herjulfssohns auf Grönland einen günstig gelegenen Hof erworben, der Hauptumschlagsplatz für den Handel der von Erik dem Roten entdeckten Eisinsel ist.

In einer Ironie des Schicksals sollen zwei Gefangene des Bremen-Raubzugs die Geschicke Grönlands für immer verändern: Mit Tyrker kam ein christlicher Priester ins Land der Heiden, der Eriks Sohn Leif das Leben rettet und bald große Missionierungs-Erfolge verbucht. Die schöne Nonne Frilla wird von ihrem Bruder, dem Ritter Dankbrand, gesucht, zudem ist der Wikinger Aris Bardssohn, der Held der Geschichte, auch ganz vernarrt in sie. Leider hat sie der übelste Nordmann überhaupt, der Berserker Thorhall, seinem Freund Erik zum Geschenk gemacht. Doch hängt der Haussegen schief, die Frau Eriks des Roten ist unheimlich sauer auf ihn, und die ohnehin sehr willensstarke Frilla muss ausziehen und erhält ihren eigenen Hof.

Leif Erikssohn wird der erste sein, der von dem Geheimnis Vinlands erfährt. Zusammen mit dem Bischof Tyrker wird er dorthin segeln und als Christ wieder nach Grönland heimkehren, sehr zum Missfallen seines Vaters Erik und seines Freundes, des Urtypus des rauhen Nordmanns, Thorhall.

Weitere Fahrten Bjarne Herjulfssons und Thorfinn Karlsefnis folgen, und die Wikinger stoßen schließlich auf Indianer. Durch die tückische uneheliche Tochter Frillas und Eriks, die ganz und gar nicht fromme Freydis, kommt es zu Kämpfen mit den Rothäuten. Schließlich geht sie gar mit Thorhall gegen die christlichen Wikinger in Vinland vor…

Wer erwartet, dass ein großer Teil der Geschichte in Amerika spielt, liegt falsch. Der Konflikt zwischen den die Asen anbetenden und den bekehrten Wikingern nimmt große Teile des Buches ein, und spielt sich weitgehend auf Grönland und vor Norwegens und Irlands Küsten ab. Dabei steht der urige Thorhall für die alten Götter, Frilla und Tyrker für das Christentum und unser Held Aris Bardssohn ist Atheist. Mit Erik dem Roten und Thorhall trägt er wegen Frilla manchen Strauß aus, und die Fahrt Eriks nach Vinland ist eher Folge der Spannungen in Grönland und geradezu Nebenhandlung, wie auch alle weiteren Fahrten anderer Wikinger recht knapp abgehandelt werden. Der Kontakt der Wikinger mit den Indianern und Eskimos wird sehr oberflächlich und auf recht wenigen Seiten abgehandelt. Hier wusste der Autor nicht, Prioritäten zu setzen. Das lustige Wikingerleben und die metaphernreiche Sprache werden sehr gut rübergebracht von Bjarnes Gefährten mit illustren Namen wie Sven Stinkhals (wg. Mundgeruchs), Ulf Mädchenauge und dem grindigen Gorm. Als genretypisch und immer wieder unterhaltsam empfand ich die Auslegungen und schlauen Sprüche der Nordleute zu verschiedenen Naturereignissen, hier hat sich Nyary nicht lumpen lassen.

Manchmal schoss er jedoch über das Ziel hinaus, wenn seine Wikinger ihren Skalden den Schneid abkaufen und mehr reimen denn sprechen:

S. 648:
„Gorms Haar war gleichfalls weiß wie Schnee und sein Gesicht zeigte Runzeln wie ein vertrockneter Apfel. Die Kraft des Grindigen schien jedoch ungebrochen und sein Durst ungelöscht, denn er leerte sein Trinkhorn schneller als ein Igel ein aufgeschlagenes Ei.“

„In seinen Reden aber ähnelte er einem christlichen Priester in keiner Weise. ‚Bei Hengstes Hoden und Gletscherbärs Glied!‘ schimpfte er laut. ‚Das Bier ist sauer wie Altweibermilch!'“

„Durch Saufen und Fressen wird viel Weisheit vergessen.“
„Mancher denkt nicht weiter als ein fettes Schwein springt.“
„Spart’s der Mund, so frißt’s der Hund!“
„Volle Töpfe, leere Köpfe.“

Das mag lustig sein, aber seitenweise solche Simpelreime können den Leser schon etwas irritieren. Der Knackpunkt ist jedoch, dass die Oberflächlichkeit der Vinlandexpeditionen dem Buch das Genick bricht – ab der Buchmitte hat Nyary wohl seine besten Ideen bereits aufgebraucht, und er setzt auf nordische Mystik: Thorhalls Bruder Magog ist ein leibhaftiger Troll, Tyrker wird Asgard und das Reich der Hel gezeigt, Erik der Rote und Bjarne Herjulfssohn eilen als Wiedergänger (von den Toten auferstandene) umher und Leif darf um eines chronologischen Zusammenhangs willen ein halbes Jahr in der Höhle einer Wölwa (Hexe) abtauchen…

Das Buch ist historisch sehr exakt, das Auftauchen solch übernatürlicher Phänomene zu schalen Zwecken wie dem Schließen einer kleinen zeitlichen Lücke, die nur aufmerksamen Lesern auffällt, sowie die Einbindung eines wiedergekehrten Toten als Stichwortgeber und viele andere der phantastischen Dinge zeigen eigentlich nur, wie verzettelt auch Nyary seine Ausflüge nach Vinland durchführte: Die zweite Buchhälfte erleidet handlungsmäßigen Schiffbruch und entsetzt durch die aufgesetzt wirkenden phantastischen Elemente.

Ich kann das Buch nur Wikingerfreunden empfehlen, die den bereits verfilmten Klassiker „Röde Orm“ und ähnliche Werke wie das besser gelungene „Die Männer vom Meer“ von Konrad Hansen gelesen haben. Unterhaltsam und lustig, mit einem deutlichen Qualitätsknick ab der Mitte und einem unausgegorenen Ende, kann man der Vinland-Fahrt dennoch nicht ihren Reiz absprechen. Leider kommt sie nicht an Nyary’s beste Romane wie „Nimrods letzte Jagd“ heran. Dazu fordert sie dem Leser auch sehr viele Vorkenntnisse der nordischen Edda ab, und geizt mit Erklärungen: So kann ich nur vermuten, dass ein „Ägirshirsch“ wohl einen hörnertragenden Narwal darstellen soll. Deshalb nur eine Empfehlung für Nordleute, die bereits alle Klassiker des Genres gelesen haben – die vorhandenen Schwächen und die hohen Voraussetzungen an das Wissen des Lesers sind jedoch eine klare Abfuhr für Wikinger auf ihrem ersten Raubzug in dieser Romangattung.

Kress, Nancy – Moskito

In der Region um Washington, D.C., bricht eine Seuche unter der schwarzen Bevölkerung aus. Der Erreger dieser schrecklichen Malaria, die zum Gehirnschlag führt, ist jedoch genmanipuliert. Handelt es sich also um eine Biowaffe? Doch wer hat sie entwickelt? Die Regierung, das Militär, Terroristen, Saddam? – Obwohl der Roman bereits 1998 erschien, wirkt er heute geradezu prophetisch. Und er ist außerdem spannend zu lesen, wofür ich daher lediglich drei Tage brauchte.

Die 1948 geborene Amerikanerin Nancy Kress gehört zur ersten Garde der wichtigen Science-Fiction-Autoren. Nachdem sie zunächst (ab 1981) mit drei ungewöhnlich konstruierten Fantasyromanen debütiert hatte, errang sie 1988 mit dem Science-Fiction-Roman „Fremdes Licht“ erste Auszeichnungen. Darin erforschen Aliens die Aggressivität der menschlichen Spezies anhand der Auseinandersetzungen zwischen zwei Menschengruppen in einer Versuchsanordnung. In „Schädelrose“ erforschte sie die Konsequenzen einer AIDS-ähnlichen Krankheit, die Erinnerungen dezimiert. Ein neuartiges Experiment soll Abhilfe schaffen, allerdings um einen hohen Preis. Ihr bestes Werk bislang ist jedoch die Trilogie „Bettler in Spanien“, „Bettler und Sucher“ und „Bettlers Ritt“. Darin treten genetisch veränderte junge Menschen, die fortan keinen Schlaf benötigen, gegen den Rest der Menschheit an. Die Autorin erörtert die ethische Verpflichtung, die solch eine genetisch bedingte Überlegenheit mit sich bringt, eingebettet in eine spannende Handlung. Die Romane „In grellem Licht“, „Verico Target“ und dessen Fortsetzung „Moskito“ stellen ebenfalls das gesellschaftskritische Engagement der Autorin unter Beweis. Obwohl diese Romane als kriminalistische Thriller aufgebaut sind, hebt Kress damit doch erfolgreich warnend die Hand und sagt uns: „Geht hier besser nicht entlang.“ In dieser Haltung, diesem Anliegen trifft sie sich mit einem der besten britischen Science-Fiction-Autoren, John Brunner. Dessen Öko-Horrorvision „Schafe blicken auf“ vermag auch heute noch, 30 Jahre nach der Veröffentlichung, heftig zu berühren.

Doch nun zum vorliegenden Roman: Eines Tages bekommt Robert Cavanaugh, ein uns bereits aus „Verico Target“ bekannter Special Agent des FBI, den besorgten Anruf einer Krankenschwester: Ob er sich wohl mal darum kümmern könnte, warum in letzter Zeit so viele Schwarze mit Gehirnschlag eingeliefert würden? Ob das nicht etwas zu besagen habe? Da Cavanaugh in seinem neuen Büro in Maryland Süd, wo sehr viele Schwarze leben, sowieso nichts Wichtigeres zu tun hat, kümmert er sich darum – und sticht in ein Wespennest. Schon nach wenigen Tagen sind bereits mehrere Dutzend Menschen an völlig überraschend aufgetretenem Gehirnschlag gestorben oder liegen mit schwerer Hirnschädigung im Koma. Es handelt sich ausnahmslos um Farbige oder Inder aus einer bestimmten Gegend. Doch erst als ein farbiger Präsidentschaftskandidat, der Senator von Pennsylvania, an einem Gehirnschlag stirbt, kümmert sich auch die Medizin intensiv um die Aufklärung der Ursache des Phänomens. Im eilends einberufenen Krisenstab sitzt auch Robert Cavanaugh.

Die Fakten sind folgende: Nach 50 Jahren ist wieder einmal die Malaria in den USA ausgebrochen. Als wäre diese Nachricht nicht Schrecken erregend genug, finden die Seuchenspezialisten heraus, dass der Malariaerreger genmanipuliert ist: Er greift ausschließlich Träger der so genannten Sichelzellenanlage an, die ihren Träger eigentlich vor Malaria schützen soll. Der Erreger zerstört solche roten Blutkörperchen, die eine Sichelform aufweisen und das entsprechende Gen haben, von innen heraus und verursacht gezielt im Gehirn eine Blutung: Der Tod schlägt aus heiterem Himmel zu, so etwa mitten auf der Autobahn.

Dass eine derart raffinierte Tötungsmethode auf eine natürliche Mutation zurückzuführen sein soll, geht auch der Seuchenspezialistin Melanie Anderson vom Seuchenzentrum in Atlanta nicht in den Kopf. Die farbige Wissenschaftlerin sieht nicht nur sich selbst, sondern ihre Brüder und Schwestern (sie war mal bei den Black Panthers) bedroht. Für sie ist der Ausbruch der Epidemie, die von der Anopheles-Mücke übertragen wird, ein Biowaffenkrieg, der von der Regierung gesteuert wird. Mögliches Ziel: der Völkermord an einem Teil der schwarzen Bevölkerung, eventuell auch in Afrika. Leider hat sie dafür keinerlei Beweise. Robert Cavanaugh greift jedoch den Hinweis auf. Dummerweise bekommen die Medien Wind von der Geschichte, und schon bald überschlagen sich die Ereignisse: Die Politik des FBI verlangt, dass die kompetentesten Leute, wie etwa Cavanaugh, die unnützesten Jobs erledigen müssen, aber die unnützesten Leute an die große Glocke gehängt werden. Die FBI-Führung demonstriert ihre Besorgnis, hat aber selbst nach Wochen nur einen einzigen unschuldigen Verdächtigen vorzuweisen. Die Aussagen gegen den Wissenschaftler Donohue sind fingiert. Brisantes Detail: Er ist selbst zu einem Teil ein Schwarzer – warum sollte er seine Brüder umbringen wollen?!

Cavanaugh darf inzwischen sämtliche rassistischen Radikalengruppen Marylands abgrasen. Nach wenigen Wochen sind bereits über hundert Menschen gestorben, und eine neue Malaria-Ausbreitungswelle steht bevor. Da kommt Robert Cavanaugh ein aufgeweckter (schwarzer) Schuljunge zu Hilfe, der ein ernsthaftes Faible für die kleinen Plagegeister hat: Moskitos sind Earl Lesters Steckenpferd. Die Spur führt zu einem nahe gelegenen Militärstützpunkt – und zur CIA, die dort ein Geheimlabor unterhält.

Wie immer hat Nancy Kress auch diesmal ihre Story klug ausgedacht und spannend inszeniert, so dass ihr Roman es mit den Könnern des Thrillergenres durchaus aufnehmen kann – Leuten wie Jeffery Deaver etwa. Mit diesem teilt sie sich auch die Vorliebe für wissenschaftliche Detailarbeit. Ein Indiz führt zum nächsten, bis ein Puzzle entstanden ist, dessen Bild bzw. Schlussfolgerung unausweichlich ist. Und dennoch warten auch in dieser Phase noch Überraschungen auf die Helden.
Unter all dieser Jagd nach wissenschaftlichen und anderen Indizien könnte der Human Interest verloren gehen, so befürchtet man. Doch eine Reihe von kurzen Kapiteln, die als „Interim“ betiteln sind, schildert schlaglichtartig Aspekte und wichtige Ereignisse aus dem Leben der von der Malaria Betroffenen. (So etwa den Gehirnschlag des Fahrers eines Touristenbusses mitten auf der Autobahn, was natürlich zu einer Katstrophe führt.) Auch dies ist ein Kniff, dessen sich John Brunner in seinen großen Romanen bedient hat, besonders in „Morgenwelt“ („Stand on Zanzibar“, 1968).
Die Story ist besonders zu Beginn sehr spannend erzählt, geradezu filmreife Szenen folgen in raschem Tempo aufeinander. Doch dann gerät die Handlung in ruhigeres Fahrwasser, und menschliche Aspekte der Ermittler Cavanaugh und Anderson treten in den Vordergrund. Weil sie aber allen Widrigkeiten trotzen, denen sie begegnen, ist ihnen letzten Endes ein Erfolg gegönnt, und der Leser ist überrascht, wie die Lösung dieses Puzzles lautet.

Die Aktualität des Romans ist durchaus gegeben. Das Buch erschien in den USA 1998, also lange vor dem für die USA so schrecklichen Jahr 2001, aber bei uns rund vier Wochen nach dem 11. September. Zuerst ereigneten sich die vier Anschläge in New York City und Washington, D.C., dann, kurz darauf, tauchten die Anthrax-Briefe auf und töteten weitere Menschen. Anthrax ist eine Biowaffe wie die im Roman erfundene genmanipulierte Malaria.
Nun braucht man nur Zwei und Zwei zusammenzuzählen: Würden ausländische Terroristen mit Sympathisanten in den USA (wie Al-Qaida oder IRA) auf amerikanischem Boden eine solche Biowaffe entwickeln, könnten sie jederzeit zuschlagen – etwa um zahlreiche Schwarze zu treffen und so üble Rassenunruhen auslösen.
Kress zeigt auf, dass es genügt, einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung zu töten, um eine Regierung zu stürzen. Nicht nur in den USA, sondern auch in England oder in einem Land Afrikas. Dass dies keine leere Behauptung ist, dürften die Geschehnisse in mehreren Staaten Zentral- (Kongo, Ruanda) und Westafrikas (Liberia) belegen. Die AIDS-Epidemie führt bereits jetzt dazu, dass die Regierungsstreitkräfte kaum noch in der Lage sind, ihre Sollstärke zu halten. Gefährdet ist besonders Botswana.

Nancy Kress ist ein spannender und kompetent geschriebener Wissenschafts-Thriller gelungen. Allerdings ist sie weit entfernt von Autoren wie Tom Clancy oder Michael Crichton, die auf Schockeffekte setzen und zudem einen Alleskönner als Helden präsentieren (z.B. Jack Ryan). Bei ihr sind Idealisten am Werk, die Gutes tun wollen, aber von den Umständen daran gehindert werden. Dass die von einer Biowaffe verursachte Seuche ihre Horroreffekte hat, ist nicht zu leugnen. Aber diese Szenen werden nicht ausgeschlachtet, um Sensationsgier zu befriedigen. Im Mittelpunkt steht die Puzzlearbeit von Kriminalisten und Epidemiologen. Das ist der Grund, warum sich der Roman nur eingeschränkt für Leser ohne Vorstellung von wissenschaftlicher Arbeitsweise eignet. Aber ein wenig Anspruch darf schon sein. Dass ihr Roman so prophetisch wirkt, hat die Autorin wohl selbst nicht geahnt.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Eckart Peterich, Pierre Grimal – Götter und Helden

Der Kunsthistoriker und bekannte Reiseschriftsteller („Rom“) Eckart Peterich sowie der Altphilologe Pierre Grimal lassen in diesem Buch die Vorstellungen dreier antiker Völker wieder lebendig werden: Peterich schreibt über Götter und Helden der Griechen und Germanen, während Grimal die Entwicklung der römischen Sagenwelt nachzuzeichnen versucht. Die Kapitel sind kurz und knapp gehalten, aber anschaulich, ja unterhaltsam geschrieben. Archaisierungen werden im Stil dabei ebenso vermieden wie Ironie oder aufgesetzte Peppigkeit.

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Cordy, Michael – Lucifer – Träger des Lichts

Eigentlich ist es ganz einfach: Man braucht nur das Headset mit dem Surround-Vision-Displayvisier und die dazugehörigen Kopfhörer aufsetzen, das Mikrophon und das Geruchspad in die richtige Position verschieben und man ist dabei: bei der virtuellen Echtzeit-Realität, im Optinet! Chatten mit Lesen und Schreiben? Veraltet! Nutzt einfach den hochentwickeltsten Computer, den es gibt: den Lucifer! Datenübertragung, -verarbeitung und -speicherung, Berechnungen der kompliziertesten mathematischen Gleichungen in Lichtgeschwindigkeit – mit Lucifer ist alles möglich.

Wovon ich hier eigentlich schreibe? Von der Nutzbarkeitmachung des Lichts, die in Michael Cordys neuem Wissenschafts-Thriller „Lucifer – Träger des Lichts“ bereits seit Jahren die Welt beherrscht. Möglich wurden damit technische Entwicklungen wie erwähntes Optinet. Oder der Neuro-Translator, ein Gerät, das menschliche Hirnströme speichert, verarbeitet und sogar verändern kann. Einsetzbar ist es zum Beispiel bei der Heilung von Phantomschmerzen, wo der Neuro-Translator die Schmerzsignale eindämmen oder vollkommen auflösen kann.
In diesem Zeitalter der höchsten technischen Stufe bleibt allerdings eine Frage nach wie vor unbeantwortet und somit auch weiterhin eine Glaubensangelegenheit: Was passiert nach dem Tod? Und auch da hat Lucifer seine Bytes im Spiel. Die Kirchen, wie wir sie kennen, sind so gut wie ausgelöscht. Nur die katholische Kirche kränkelt aufgrund ihrer ehemaligen Machtposition noch vor sich hin. Weltbeherrschend, übers Optinet spielend leicht zu erreichen, wacht die Kirche der Seelenwahrheit über ihre Schäfchen – dogmatisch, selbstgefällig und machtgierig, wie alle anderen Religionen zuvor auch. Doch der Rote Papst, das Oberhaupt, will noch mehr als eine millionenschwere Anhängerschaft – er will den Menschen ihre letzte Frage beantworten und damit wie Gott auf Erden wandeln.

Dr. Bradley Soames, der Bezwinger des Lichts und Erbauer von Lucifer, führt mit sterbenskranken Patienten Seelen-Experimente durch. Ihm ist es bereits gelungen, die Seele eines Menschen sichtbar zu machen, herauszufinden, dass jede Seele ihren eigenen „Code“ hat und es damit möglich wäre, hätte man diesen Code geknackt, sie im Jenseits anzurufen, also mit ihr zu kommunizieren. Das Problem besteht allerdings darin, dass er diesen Code nicht festhalten kann.
Als ihm auffällt, dass seine Mitarbeiterin Amber Grant immer zu dem Augenblick Phantom-Migräne bekommt, wenn ein Testpatient getötet wird, schickt er sie zu dem Neurologen Dr. Miles Fleming, dem Erfinder des Neuro-Translators.
Bereits in der ersten Nacht zeichnet das Gerät aufgrund einer Astralreise Ambers die Seelen-Welle auf.
Als Fleming seinem verunglückten Bruder mittels seiner Erfindung wieder zum Sprechen verhelfen will, geschieht das Unfassbare: Der Bruder stirbt und sechs Minuten nach seinem Tod spricht er durch den Neuro-Translator. Fleming, durch und durch Atheist, sucht Beweise für eine Fehlfunktion, entdeckt die Seelen-Welle und wird dabei von seiner Chefin Dr. Virginia Knight, der Leiterin der Klinik, gestört.
Knight, die eine fanatische Anhängerin des Roten Papstes ist und den Experimenten die Todespatienten zuführte, leitet die Entdeckung an Soames weiter, der daraufhin Amber als perfekte Testperson entführen lässt und ihre Seele zwingt, den Körper immer wieder zu verlassen, um die Frequenz festzustellen.
Fleming wird suspendiert und trifft bei seinen Nachforschungen auf Soames. Ohne ihn einzuweihen, bringt der Wissenschaftler Fleming dazu, für ihn einen leistungsstärkeren Neuro-Translator zu bauen, der schließlich zum Erfolg führt und damit den großen Tag des Roten Papstes möglich macht: Er, selbst im letzten Stadium seiner Krebs-Erkrankung, wird sich töten lassen, um aus dem Jenseits die Kunde zu verbreiten, dass seine Kirche die einzig Wahre ist und wer ihr folgt, wird erlöst werden und zu Gott in den Himmel kommen.
Doch was, wenn Gott nicht existiert?

Dann lesen wir einfach weiter Bücher über ihn und seine Engel. Und die lesen wir natürlich gerne, wenn sie auch noch so spannend sind wie „Lucifer – Träger des Lichts“. Dachte ich am Anfang, dies sei wieder mal einer dieser typischen Thriller über Satan und Sekten, kann ich jetzt sagen, dass zwar das Teufelchen seinen Hinkefuß nicht zu Hause lassen konnte, allerdings die Umsetzung einfach großartig ist, weil sie aus einem ganz anderem Blickwinkel stattfindet.

Stellt euch eine reichgedeckte Tafel mit lauter leckeren Sachen vor, und wenn ihr gerade von einem Gericht probiert habt, wird alles abgeräumt und mit genauso verführerischen Sachen neu gedeckt, wieder abgeräumt, bevor ihr alles probieren konntet. Dann kommen die ersten Gerichte erneut auf den Tisch und ihr könnt davon etwas mehr kosten, bevor alles wieder weg ist… Genauso füttert Cordy seine Leser an, die Kapitel sind durchgehend sehr kurz gehalten (4 – 5 Seiten), und enden immer an einer super spannenden Stelle, was das Weglegen so gut wie unmöglich macht.

Die technischen und physikalischen Details, die gerade im ersten Drittel des Buches zahlreich auftauchen, sind glücklicherweise optimal platziert und gut verständlich in die Story eingebaut. Wer sich gar nicht dafür interessiert und es überliest, hat trotzdem keinerlei Schwierigkeit, der Geschichte zu folgen. Gelungen!

Kleiner Schwachpunkt sind die Charaktere. Während Fleming und Grant einigermaßen nachvollziehbar strukturiert sind und somit eine Persönlichkeit rüberbringen können, bleiben diverse Charaktere, u.a. Knight und der Rote Papst selbst, blass und unausgefüllt und während der gesamten Lektüre fremd. Schade, müsste doch gerade der Rote Papst, dem eine ungeheure Anziehungskraft auf Menschen zugedichtet wird, beim Leser Faszination hervorrufen. Tut er leider nicht. Wer das allerdings zweihundertprozentig schafft, ist Soames. Auch er wirkt ständig zurückgesetzt und ohne Substanz, weckt jedoch gerade deswegen eine gewisse Neugierde und jedem ist sofort klar: mit dem stimmt etwas ganz und gar nicht. Bei ihm passt das Nicht-Greifen-Können seiner Figur wie die berühmte Faust aufs Auge.

Ein unzähliges „Daumen hoch“ geht an das Ende des Buches, das, wie ich glaube, nie und nimmer ein Leser vorhersehen kann. Mich hat es vollkommen überrumpelt, dachte ich doch ab der Hälfte des Romans, die Wahrheit längst erkannt zu haben – aber wie der Rote Papst bin auch ich auf die Nase gefallen. Ein Ausgang, der zum Philosophieren geradezu einlädt und das Attribut „genial“ – wie ich finde – absolut verdient.

Insgesamt also ein Buch, zu dessen Anschaffung ich nicht nur Thriller-Lesern rate, auch wenn mit zwölf Euro ein happiger Taschenbuchpreis verlangt wird. Allerdings ist diese Ausgabe gleichzeitig die Deutsche Erstausgabe und dafür wiederum preisgünstig.
Und ich werde mich mal auf die Socken begeben, um Cordys weitere Bücher „Das Nazareth-Gen“ und „Mutation“ in die Hände zu bekommen.

Fosar, Grazyna / Bludorf, Franz – Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen

Der Schlaf gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Jeder Mensch verschläft rund ein Drittel seines Lebens, dabei ist aber das Schlafbedürfnis jedes Menschen individuell höchst unterschiedlich und sowohl durch seine Lebensumstände als auch genetisch bestimmt. Auch das Alter spielt eine große Rolle, so schläft ein Säugling ca. 16 Stunden, ein Kleinkind noch etwa 12 Stunden, ein Erwachsener 7-9 Stunden, während alte Menschen im Durchschnitt nur noch 6 Stunden Schlaf brauchen.
Schlafstörungen drohen heutzutage zu einer Volkskrankheit zu werden. Viele finden keine Erholung im Schlaf oder fühlen sich trotz ausreichenden Schlafes tagsüber müde. Dabei gibt es im Grunde genommen nur vier Ursachen für schlechten Schlaf: bestimmte Krankheiten (Schichtarbeiter-Syndrom, Schnarchen, Depressionen, nächtliches Zähneknirschen oder Allergien), Umweltfaktoren (Wettereinflüsse, Elektrosmog), Ernährungsfehler und psychische Probleme (beruflicher Stress, Sorgen, Ängste, Unfähigkeit vom Tagesbetrieb abzuschalten).
Grazyna Fosar und Franz Bludorf nennen in „Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ einige erfolgversprechende Möglichkeiten, die Schlafqualität zu verbessern. So bilden die „10 Gebote gesunden Schlafes“ und die „Stressless-Übung“ eine gute Grundlage für besseren Schlaf. Auch eine Veränderung der Schlafzimmereinrichtung kann schon Abhilfe bei Schlafstörungen schaffen.
Außerdem diskutieren die beiden Autoren den Einfluss bestimmter Umweltfaktoren wie Elektrosmog, Wettereinflüsse, Schumann-Erdresonanzfrequenzen (elektromagnetische Frequenzen, die aufgrund der Wettervorgänge in unserer Atmosphäre entstehen), Mond und Sonne auf die Qualität des Schlafes.

Wenn man es dann geschafft hat und endlich wieder gut schlafen kann, oder noch nie Probleme mit dem Schlafen hatte, gibt das Buch Einblicke in die Welt der Träume. „Spektrum der Nacht“ bietet dabei keine Deutung von Träumen nach Art herkömmlicher Traumbücher, sondern eine Anleitung, die Bedeutung seiner Träume selbst herauszufinden und zu verändern.
Ein Mensch träumt jede Nacht mehrmals, kann sich aber nicht immer daran erinnern, meist bleibt nur der letzte Traum kurz vor dem Aufwachen schwach in Erinnerung. Man kann jedoch seine Traumfähigkeiten trainieren, seine Traumerinnerung verbessern und unter Umständen erlernen, seine Träume bewusst zu erleben oder sie sogar verändern, das sogenannte Klarträumen. Klarträume erlauben es, neue Verhaltensmuster oder Bewegungsabläufe beim Sport zu trainieren oder bewusst im Traum auf Reisen zu gehen, z.B. nach New York. „Ein Klartraum ist ein Traum, in dem der Mensch weiß, daß er träumt, und sich zusätzlich der Tatsache bewußt ist, daß er in die Traumhandlung steuernd eingreifen kann.“

„Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ ist ein gut zu lesendes Selbsthilfebuch für alle von Schlaflosigkeit oder Albträumen geplagten Menschen. Faszinierend ist jedoch vor allem die detallierte Anleitung zum Klarträumen. Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, seine Träume steuern zu können? Schritt für Schritt lernt man mit „Spektrum der Nacht“ seine Träume bewusst zu erleben und dann gezielt zu verändern. Von großer Hilfe dabei ist die dem Buch beigefügte „Dreamcard“, ein kleines Kärtchen im Scheckkartenformat, bedruckt mit den Worten: „Wach‘ ich oder träum‘ ich?“ Richtig angewendet, dient sie dazu, die Realität zu überprüfen und schnell festzustellen, ob man träumt.
Aber auch wenn man keine Schlafprobleme hat oder nichts an seinen Träumen verändern will, ist „Spektrum der Nacht“ ein wertvolles Nachschlagewerk zum Thema Schlafen und Träumen.

Grazyna Fosar und Franz Bludorf sind Physiker und Mathematiker sowie ausgebildete Heilpraktiker und Hypnosetherapeuten. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit sind Neue Physik, Geomantie und Bewußtseinsforschung. Sie sind Autoren mehrerer Bücher zu grenzwissenschaftlichen Themen. Starke internationale Beachtung fanden ihre Bücher „Vernetzte Intelligenz“ (siehe Rezension in unserer Bücherecke), „Das Erbe von Avalon“ und „Zaubergesang“. Weitere Titel u. a.: „Der kosmische Mensch“, „Reif für die Zukunft“, „Dialog mit dem Unsichtbaren“.

Homepage der Autoren: http://www.fosar-bludorf.com

Anton Szandor LaVey – Die Satanische Bibel & Rituale

Wenn heute der Reizbegriff „Satanismus“ angeführt wird, so schwingt stets die Reminiszenz an den „schwarzen Papst“ mit dem Wahlnamen Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) mit, der wie kein anderer zuvor die satanische Strömung in die Moderne und in das trübe Licht der Öffentlichkeit trug. Die Grundprinzipien und Wesenszüge dieser Ausrichtung lassen sich in nahezu allen Kulturen bis in die Anfänge zurück verfolgen und aufzeigen, und speziell im europäischen Raum erwuchs gerade um 1900 der „linkshändige Pfad“ (ein tantrischer Begriff) – der allerdings nicht schlicht mit dem Schlagwort „Satanismus“ gleichzusetzen ist, aber eine breite Basis damit teilt – aus vielerlei Orden und Gruppierungen zu einem gesellschaftlich merklichen Kraftstrom, verbunden mit Namen wie Hellfire Club, Golden Dawn, Ordo Templi Orientis, Fraternitas Saturni und all den Vermischungen und Splittergruppen, aber auch mit konkreten Namen wie natürlich Aleister Crowley, wenngleich dieser weder einen reinen Satanismus praktizierte noch speziell oder gar ausschließlich die Grundidee an sich voran tragen wollte.

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King, Stephen – Mädchen, Das

Muss man noch etwas über Stephen King sagen? Vermutlich nicht, nur dass der erfolgreichste Horrorschriftsteller sich in den letzten Jahren bemüht hat, nicht mehr nur Genre-Horror zu schreiben, sondern sein Spektrum Richtung klassischer englischer Erzählliteratur auszudehnen. Zu diesen – nicht immer einhellig begrüßten – Ausflügen gehören „Dolores“, „Der Buick“ und eben auch „Das Mädchen“. Schrecken und Grauen (keineswegs das Gleiche) haben viele Gesichter. Für King haben Monster ausgedient.

„Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie will.“ Diese elementare und niederschmetternde Erfahrung muss in diesem Hörbuch ein Mädchen machen, das nur neun Jahre alt ist (und groß für sein Alter): Patricia McFarland. Kaum ist sie vom Weg abgewichen, zeigt sich eben jene Welt in den Wäldern auf gnadenlose Weise. Aber Trisha hält durch, gerade mal so. Dieses fabelhaft produzierte Hörbuch bietet die ungekürzte, musikalisch und akustisch untermalte Lesung zweier Spitzenkräfte der Sprecherszene: Joachim Kerzel und Franziska Pigulla.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.
Joachim Kerzel ist die deutsche Stimme von Dustin Hoffman, Jack Nicholson und fast allen Stephen-King-Hörbüchern.

Zur Handlung: Die neunjährige Patricia McFarland geht auf einer Wanderung durch die westlichen Wälder und Vorberge Maines verloren. Eigentlich wollte sie ihrer Mutter und ihrem Bruder Pete, die sich vor lauter Streit nicht mehr an Trishas Existenz zu erinnern schienen, nur eins auswischen: Schaut, ich bin weg – macht euch in die Hosen vor Angst um mich! Es ist wie ein kleiner Selbstmord, mit einem Hilferuf als Botschaft. Doch aus dem kleinen Abstecher wird bitterer Ernst, als sich Trisha immer weiter im undurchdringlichen Urwald des westlichen Maine verliert, aus dem kein Weg herauszuführen scheint. Bis zu ihrer Rettung zehn Tage später verliert sie mehr als zehn ihrer mageren 44 Kilo! Mutterseelenallein kämpft sie sich durch eklige Sümpfe und Schwärme von Stechmücken. Und ein wildes Tier schleicht wie ein Gespenst um sie herum. Schließlich hat sie vor lauter Auszehrung und Krankheit Visionen, so etwa vom Gott der Verirrten, der aus Wespen zu bestehen scheint.

Einzig und allein ihr Walkman-Radio bewahrt sie vor dem Untergang. Sie hört die Reportagen von Baseballspielen in Boston, Massachusetts. Zu den Red Sox gehört ihr verehrter Lieblingsspieler Tom „Flash“ Gordon. Sie trägt eine von ihm signierte Baseballkappe und sein Trikot mit der Spielernummer 36 drauf. Sie muss immerzu an ihn denken und die Art, wie er nach einer erfolgreichen Aktion den Zeigefinger gen Himmel reckt. Auf wen oder was zeigt er da bloß? Auf Gott? Nach mehr als einer Woche, völlig entkräftet, beginnt Tom Gordon sie zu begleiten. Er erklärt ihr, wann ihre letzte Chance, dieses Todesspiel für sich zu entscheiden, gekommen ist: „Gott erscheint immer erst in der zweiten Hälfte des neunten [= letzten] Durchgangs“, also kurz vor Schluss. Und so kommt es, dass sich Trisha in einer schier übermenschlichen Anstrengung das Leben bewahren kann. Denn ihr Widersacher, den sie den „Gott der Verirrten“ nennt, stellt sich ihr in letzter Sekunde in den Weg. Aber Tom Gordon hat sie einen Trick gelehrt, mit dem sie sich zu wehren weiß.

Das Leben als tödliches Baseball-Match? Für die junge, tapfere Trisha schon. Und wie viele kleine Kinder reißen von zu Hause aus, weil ihre Eltern geschieden sind und sie die Trennung unerträglich finden, nur um dann in der Drogenszene oder Prostitution zu enden? Das Leben hat Zähne, und es beißt zu, wenn man es am wenigsten erwartet – diese Lektion bekommt Trisha am eigenen Leib zu spüren. Hier nimmt sich Stephen King ohne allzu viel Spezialeffekte des Schicksals der Opfer von gescheiterten Beziehungen an. Die Kinder sind zudem die schwächsten Opfer. Geliebte Idole wie Tom Gordon helfen offenbar nach Kings Meinung, einiges zu überstehen. Tom erzählt Trisha nicht nur vom Leben, sondern auch von Gott. Der hilft dir nur, wenn du bereit bist, dich nicht selbst aufzugeben. Und das schafft das kleine Mädchen – mit knapper Not. Der Glaube an Tom Gordons Gott steht ihrer Neigung entgegen, sich der Lockung des Gottes der Verirrten zu ergeben: der Verzweiflung durch das Aufgeben der letzten Hoffnung. So findet in ihr der ewige Kampf um das Festhalten an einem Sinn für das eigene Leben statt, den jeder, der in Not ist, ausfechten muss.

Es ist der erste, bislang ungenannte Gott, von dem sie als erstes abfällt, weil er sie nicht unterstützt. Es ist der Gott ihres Vaters. Larry Mcfarland, ein Alkoholiker vor dem Herrn, faselte Trish gegenüber etwas von dem „unterschwellig Wahrnehmbar“ vor. Im Original verwendete er wohl das Wort „subliminal“, korrekterweise. Aber im allgemeinen wird der christlich-jüdische Gott (Jahwe) als „das Sublime“ bezeichnet: das Erhabene, das zugleich Schrecken und Schönheit birgt (seit dem 17. Jahrhundert). Aber das „unterschwellig Wahrnehmbare“ ist nichts, auf das man wie Tom Gordon zeigen und sagen könnte: „Seht her – ich hab’s Gott gezeigt.“ Und einen solchen Gott braucht Trisha unbedingt. Denn sonst unterliegt sie, wie sich zeigt, den Schrecken und der Verzweiflung und der Selbstaufgabe, die ihr der Wespengott, der Gott der Verirrten, der „Herr der Fliegen“, anbietet.

In ihrer „rite of passage“ durchläuft Trisha die verschiedenen Stadien der Verzweiflung. Geprüft bis zum innersten Kern, muss sie sämtliche Werte, die ihr die Welt mitgegeben hat, auf den Prüfstand stellen und sich nach dem Ergebnis richten. Die Erkenntnis von Welt und Gott verwandeln sie völlig, und die Eltern, die an ihrem Krankenhausbett wachen, erkennen die neue Trisha kaum wieder – bis auf ihren Vater, dem sie eine Botschaft übermittelt, die nur ein Baseballfan versteht.

Trisha ist mit Sicherheit die glaubwürdigste weibliche Figur, die King je geschaffen hat, obgleich es sich zunehmend um eine metaphysisch stattfindende Reise handelt, die King erzählt. Seine Prosa war selten so angemessen und wirkungsvoll, auch wenn ab und zu auktoriale Absätze mit Erklärungen eingeschoben sind. Er scheut sich nicht, die peinlichsten Situationen zu schildern und bricht (nur amerikanische?) Tabus, wenn er ein kleines weißes Mädchen Wörter wie „Scheiße“, „Zum Teufel“ und sogar „Fuck you!“ sagen lässt. (Okay, diese Sachen hat sie eigentlich von ihrer Freundin Pepsi Robichaux.) Und er lässt sie sogar in ihre eigene Kacke fallen, wovon sie natürlich nie ein Sterbenswörtchen verraten würde. Die deutsche Übersetzung von Wulf Bergner nimmt ebenso kein Blatt vor den Mund. So geht nichts von der sprachlichen Wucht des Textes verloren, der sich kein Leser entziehen kann.

Die beiden Sprecher wechseln sich ab. Das Buch ist ja in „Durchgänge“ eingeteilt, also Innings wie bei einem zünftigen Baseballmatch. Jeder spricht ein oder zwei solcher Durchgänge. Man kann dadurch sehr gut ihre individuelle Vortragsweise vergleichen. Kerzels Stimme ist natürlich bassbetont, verfügt aber auch über die Fähigkeit, sich in erstaunliche Höhen emporzuschrauben, um Trishas Kinderstimme wiederzugeben. Man könnte nicht sagen, dass er bestimmte Passagen besser oder schlechter liest als seine Kollegin, aber er trägt den Text definitiv schneller vor. Ich hatte den Eindruck, dass er Reisepassagen bevorzugt, während Pigulla überlegende Passagen vorzieht, die Trishas ‚inner space‘ widerspiegeln. Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Sie wispert, kreischt, jauchzt und brüllt – Letzteres in jenes virtuelle Mikro, das die Basellballmatches in Trishas Walkman überträgt. Der Mikro-Effekt wird sehr wirkungsvoll eingesetzt. Meist sind es die bekannten Sportkommentatoren, die Trisha im Radio hört und die sie alle bewertet. Der Mikro-Effekt erlaubt es der Sprecherin, größte Lautstärke einzusetzen. Am besten hat mir gefallen, wenn sie Trisha „Yeah, baby!“ rufen ließ. Die Musik wechselt je nach Anlass und Stimmung – von Hardrock für Action bis hin zu heiterer, trauriger oder angespannter Instrumentierung. Zu den eingesetzten Geräuschen gehören Donnerschläge, aber auch das Zirpen von Grillen oder Heuschrecken – und natürlich Wespen…

Nach dem Epilog folgt noch ein Nachwort des Autors. Das wird von Ulrich Pleitgen gesprochen, was nirgends auf der CD vermerkt ist. King bedankt sich bei den Experten, ist aber selbst ein Fachmann für Baseball. Sein eigener Sohn Owen spielt(e) in der Little League mit – er könnte das Vorbild für Trisha gewesen sein.

Aufgrund der zahlreichen Effekte und der Musikuntermalung rückt dieses Hörbuch schon in die Nähe einer dramatischen Inszenierung, wie sie ein Hörspiel darstellt, nur dass im Hör- oder Radiospiel die Rollen von verschiedenen Sprechern vorgetragen werden. Aber auch so ist „Das Mädchen“ eine höchst dramatische Angelegenheit. Dass es Leser gibt, die diese Erzählung für das langweiligste Buch halten, das sie je von Stephen King gelesen haben, erscheint angesichts der Dramatik, die die Geschichte entwickelt, beinahe unglaublich. Wie auch immer: „Das Mädchen“ kann es an Grauen und Schrecken beinahe mit dem ebenso fabelhaft und effektreich inszenierten Hörbuch „Der Exorzist“ aufnehmen, das Kerzel alleine spricht. Wen diese Aussage verwundert, sei auf das Anhören des entsprechenden Hörbuchs verwiesen. Wer bei einer King-Story auf Berge von Leichen und das eine oder andere UFO oder Alien wartet, dürfte natürlich bitter enttäuscht werden. Das einzige Alien, das hier auftaucht, ist der Wespengott – und der befindet sich zu 99 Prozent in Trishas Einbildungskraft. Die Aliens, die sind wir selber. Was brauchen wir noch UFOs dafür?

Dieses Hörbuch ist ziemlich teuer: knapp 45 Euro. Dafür bekommt man schon eine Reihe von DVDs unter 10 Euro. Da aber dieses Buch aus dramaturgischen und ästhetischen Gründen bis auf weiteres nicht verfilmt werden dürfte, stellen Buch und Hörbuch die einzigen Medien dar, in denen man es genießen kann. In der jetzigen Form ist das Hörbuch jeden Cent wert, den man dafür ausgeben muss. In einer Zeit, in der sogar die meisten TV-Filme nur gekürzt gezeigt werden, bietet es zur Abwechslung mal ungekürztes Vergnügen an.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Lawhead, Stephen – Gast des Kalifen, Der (The Celtic Crusades)

Stephen Lawhead lässt in „Der Gast des Kalifen“, dem zweiten Band der „Celtic Crusades“-Trilogie, einen Sohn seines Helden Murdo eine Pilgerfahrt ins Heilige Land antreten.

Wie schon im Vorgänger „Das Kreuz und die Lanze“ ist das Ziel der Reise eine Reliquie von unschätzbarem Wert: Dieses Mal nicht die Heilige Lanze, sondern der Schwarze Stamm, Überrest des Wahren Kreuzes, an dem Jesus starb. Lawhead, der Theologie studierte, bietet auch diesmal wieder eine Melange aus mit Keltizismen vermischtem Christentum und katholischer Reliquienverehrung im Rahmen eines historischen Romans – garniert mit einem christlichen Geheimbund, der die Mission der frommen Männer aus dem Mittelalter auch in unserer Zeit fortsetzt.

Da alle drei Bände dieser Serie in etwa diesem Schema des braven Schotten, der zum Reliquiensammeln aufbricht, entsprechen, sind sie sich vom Stil und Inhalt sehr ähnlich, an dieser Stelle möchte ich zur besseren Orientierung eine Auflistung der Trilogie einfügen:

The Celtic Crusades
1. Das Kreuz und die Lanze (The Iron Lance)
2. Der Gast des Kalifen (The Black Rood)
3. The Mystic Rose (dt. Übersetzung Ende 2003 / 2004)

Achtung: Die Taschenbuchausgabe des ersten Bandes ist unter dem irreführend geänderten Titel „Der Sohn des Kreuzfahrers“ erschienen (siehe auch unsere Rezension dazu im Archiv).

Duncan’s Reise ins Heilige Land beginnt im schottischen Caithness. Murdo Ranulfson ist schon Jahre von seiner Kreuzfahrt zurückgekehrt, hat ein Stück Land erworben sowie die Eiserne Lanze, die den Leib Christi durchbohrte, der Obhut der Mönche der Célé Dé übergeben – und wurde selbst Mitglied des inneren Kreises dieser christlichen Sekte, die für das „wahre Christentum“ streitet, dem Papst und Kreuzfahrer nicht treu geblieben sind in ihren Augen.

Murdos Bruder Torf-Einar kehrt todkrank zurück, anstelle von Ruhm, Gold und Ehre fand er im Heiligen Land nur Habgier und Intrigen, er ist verarmt und körperlich am Ende. Bevor er stirbt, erzählt er Murdos Sohn Duncan vom Heiligen Land, auch vom Schwarzen Stamm, der vom Wahren Kreuz Christi stammt und in vier Teile getrennt wurde, da jedes Heer, das unter seinem Zeichen kämpfte, bisher den Sieg errang. Duncan ist fasziniert.

Torf stirbt, Duncans Frau kurze Zeit später im Kindbett. Duncan ist am Ende, er will Selbstmord begehen, wird aber von einem Freund, dem Mönch Padraig, daran gehindert. Mit neuem Lebensmut stellt sich Duncan eine Aufgabe: Er will ins Heilige Land und das Wahre Kreuz bergen. Murdo ist entsetzt, ihm selbst hat seine Kreuzfahrt während seiner Abwesenheit den Verlust seiner Ländereien durch skrupellose Kirchenmänner eingebracht, und sie verlief ganz anders als er sie sich vorgestellt hat. Duncan ahnt ein wenig von der Verbindung seines Vaters mit den Célé Dé, ist aber nicht eingeweiht.

Gegen den Widerstand seines Vaters bricht er mit dem Mönch Padraig auf. Sie nehmen in Frankreich den Sohn des armenischen Königs auf, den letzten Überlebenden einer Gesandtschaft zum Hofe König Ludwigs. Eine Krankheit und die ungewohnte Nahrung in Frankreich hat die Armenier das Leben gekostet. Roupen empfiehlt den beiden, über Flüsse quer durch Frankreich nach Marseille zu segeln, was sie auch tun. Auf dieser Fahrt erleben sie einige Abenteuer mit Räubern und Hass gegen den fremdländischen Roupen, obwohl er als Armenier auch ein Christ ist, wird er oft als Jude beschimpft.

In Marseille tun sie einem Komtur der Tempelritter einen Gefallen und segeln an Bord seines Schiffes nach Palästina. Dort erleben sie, wie wenig fromm die Mönchsritter sich mitunter benehmen können – saufen wie ein Templer war damals ein Sprichwort mit realem Hintergrund. Der Komtur Renaud de Bracineaux zieht schließlich Duncan ins Vertrauen: Bohemund II. plant von Antiochia aus einen Überfall auf das christliche Armenien. Er ist ehrgeizig und will seine Grenzen erweitern. Er bittet Duncan ihm zu helfen, Bohemund von diesem Unternehmen abzubringen. Roupen will er derweil schützen.

Bohemund ist jedoch nicht geneigt, dem Templer und seinen Begleitern zuzuhören. Bracineaux wird festgesetzt, Duncan flieht mit Roupen nach Famagusta auf Zypern. Dort soll laut Bracineaux ein Kopte namens Jordanus ihnen helfen, dieser unangenehmen Situation zu entfliehen. Jordanus bringt sie schließlich nach Anavarza, wo sich bald zeigt, dass ihre Warnung nicht unbedingt nötig ist: Die Armenier haben sich mit den Seldschuken verbündet, und das Heer Bohemunds rennt ins Verderben. Bei der Abreise wird Duncan von seinen Gefährten getrennt und von Emir Ghazi gefangen genommen. Unter der Beute befindet sich auch der Schwarze Stamm, was die Moslems jedoch nicht erkennen. Ghazi verschenkt ihn über Umwege an den Kalifen von Kairo. Dieser beschließt schließlich Duncans Hinrichtung. In den wenigen Tagen davor schreibt er seine Geschichte auf, wird jedoch bei einem Aufstand befreit und kann mit dem Wahren Kreuz fliehen.

Doch auch die Templer und Haschischin [= „Assassinen“, Anm. d. Lektors] suchen das Wahre Kreuz und arbeiten Hand in Hand, und so werden Duncan und seine Freunde von Attentätern verfolgt…

Vieles wird geboten – Templer, Haschischin, quer durch Frankreich und von Zypern ins Heilige Land nach Ägypten und wieder zurück geht Duncans Reise. Leider fehlen so auch deutliche Schwerpunkte, kein einziger Aspekt wird wirklich zufrieden stellend in Szene gesetzt. Die interessante Verbindung zwischen den Templern und den Haschischin ist in wenigen Sätzen aufgebaut, und das war es dann auch schon. An keinem der zahlreichen Handlungsorte wird näher ins Detail gegangen, die Reise wird im Buch sehr zügig vorangetrieben. So wurde mir zwar nicht langweilig, aber es blieb leider bei oberflächlichen Betrachtungen.

Größter Kritikpunkt ist die Ähnlichkeit zu vorherigen Romanen Lawheads: Dieses Schema wurde schon in „Das Kreuz und die Lanze“ verwendet, welches wiederum in dem abenteuerlicheren „Byzantium“ abgehandelt wurde, welches in der deutschen Version in zwei Teile aufgeteilt wurde, die vielsagende Titel haben: „Aidan – Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“. Eine Reise die in der Gefangenschaft eines Kalifen endet… Lawhead käut hier denselben Gedanken wieder wie eine Kuh das Futter – leider ist das nicht gerade Appetit anregend… zudem war „Byzantium“ detaillierter, abwechslungsreicher und spannender.

So wirken die Celtic Crusades wie eine schwächere Neuauflage dieses Buches, nicht zuletzt bedingt durch eine Erzählweise Lawheads, die in meinen Augen schon immer seine Schwäche war: Der ominöse Geheimbund der Célé Dé lässt einen Nachfahren Murdos und Duncans in unserer Zeit die Reisemanuskripte ihrer Vorfahren lesen und… ja was und? Welche Ziele die Célé Dé haben, ist nie klar definiert, auch weiß ich selbst nach zwei Bänden nicht, was sie überhaupt tun. Reliquien sammeln? Besser wird die Geschichte durch die oftmals ins teils Sentimentale rutschenden Gedanken von Duncans Nachfahren nicht. Hier wird nur offenbar, dass Lawhead selbst als ehemaliger Theologiestudent offensichtlich seine Vorliebe für keltische Kultur und Lebensweise in den Célé Dé mit dem Christentum, wie er es sich vorstellt mixt – für die katholische Kirche und den Papst hatte er im Vorläufer sehr wenig übrig, dieses Mal ist diese Kritik nicht so ersichtlich, aber die einzig richtig frommen Christen sind wieder einmal die Célé Dé.

Ein Eigenplagiat mit einer wenig gelungenen übergestülpten Handlung in der Jetztzeit präsentiert erneut Lawheads Liebe zu den Kelten in einer rasanten Rundfahrt durch weite Teile der damaligen Welt. Da die Hauptfiguren recht sympathisch sind und das Ganze sehr gut lesbar ist, die Übersetzung hervorragend, man könnte meinen sie wäre das Original, kann man „Der Gast des Kalifen“ dennoch genießen. Große Höhepunkte sollte man jedoch nicht erwarten. Vielleicht schließt ja der dritte Band die unbefriedigende Geheimnistuerei in der Gegenwart zufrieden stellend ab, allen anderen empfehle ich als ähnliche Lektüre das wesentlich spannendere „Byzantium“, in der dt. Übersetzung als „Aidan – Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“ erschienen.

Homepage des Autors: http://www.stephenlawhead.com/

Cornwell, Bernard – Stonehenge

Einen Roman über die Entstehung von Stonehenge konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Geben die „aufgehängten Steine“, so eine mögliche Übersetzung des Namens Stonehenge, doch seit jeher Rätsel auf. Bis heute konnte nur die Frage nach dem Wann? zufrieden stellend gelöst werden, jedoch die Antworten auf das Wie?, Wer? und vor allem Warum? bestehen aus Spekulationen, Vermutungen und purem Rätselraten. Optimale Voraussetzungen für einen umfangreichen historischen Roman rund um das berühmteste Bauwerk dieser Art, dessen sich der britische Autor Bernard Cornwell – u.a. durch seine Arthur-Trilogie bekannt geworden – leidenschaftlich annimmt.

Wahrheit und Fiktion – was was ist, erklärt der ehemalige BBC-Reporter in einem ausführlichen Nachwort selbst, das auch die wissenschaftlichen Ergebnisse in Bezug auf vorgeschichtliche Steinkreis-Anlagen – die in der Zeit von 4000 bis 1500 v.Chr. in ganz Nordwesteuropa entstanden sind – und im Besonderen auf Stonehenge zusammenfasst. Sehr informativ und gut erklärt! Darum werde ich mir einen Vergleich auch sparen, nur so viel sei erwähnt, dass der Autor die geschichtlichen Fakten für ein glaubwürdiges, mitreißendes Spektakel geschickt verwendet und den Leser gekonnt glauben macht: Genau so und nicht anders ist es passiert!

Aber was ist nun passiert?

Fremdländisches Gold zerstört die Idylle von Ratharryn und bringt die Gottheiten zum Wüten. Aufgefunden in einem nicht mehr benutzten Tempel, weiß niemand, woher es stammt und warum es aufgetaucht ist. Und die Fremdländischen wollen es zurück, denn es sind göttliche Schätze, deren Verlust nur Unglück bringen kann. Zwietracht bringt es auch nach Ratharryn, denn des Clanführers ältester Sohn Lengar will es zum Krieg gegen den Nachbarn Cathello verwenden. Doch sein Vater entscheidet, dass es nun zum Stamm gehört, und um die Götter zufrieden zu stellen, muss der Tempel neu erbaut werden.

Lengar kehrt mit den Fremden in ihr Land zurück, womit sein jüngster Bruder Saban nun der zukünftige Clanführer ist, denn der mittlere Bruder Camaban ist verkrüppelt und damit aus dem Stamm ausgestoßen. Doch Camaban schafft es, bei der mächtigen Zauberin Sannas von Cathello in die Lehre zu gehen. Er geht ebenfalls zu den Fremden, mit dem Plan, Slaol, dem Sonnengott, den größten, beeindruckendsten Tempel aller Zeiten zu bauen, denn als Ausgestoßener hat er in eben jenem verfallenen Tempel gelebt, als das Gold kam und Slaol hat schon immer zu ihm gesprochen. Und er will einen Steintempel, genau wie Cathello, nur mächtiger und größer.

Nachdem Saban die Mannbarkeitsprüfung überstanden und Derrewyn aus Cathello geheiratet hat, kehrt Lengar mit einem Vernichtungsfeldzug zurück, tötet seinen Vater, schickt Saban in die Sklaverei zu den Fremden nach Saramennyn und erhebt sich selbst zum neuen Clanführer.

In Saramennyn angekommen, wird Saban wieder frei und lernt die Gebräuche der Fremden kennen. Jedes Jahr zur Mitsommerwende wird eine Sonnenbraut dem Sonnengott durch Verbrennen geopfert, jedoch ist diese Sonnenbraut für einen Monat vorher eine Göttin. Als Aurenna, die neue Sonnenbraut, vom Gott verschont bleibt, wird sie seine neue Frau, allerdings bleibt sie immer in Kontakt mit dem Gott.

Camaban erwählt Saban zum Baumeister und die Suche nach den richtigen Steinen beginnt ca. 135 Meilen von seiner Heimat entfernt. Sie finden nicht nur die Steine, sondern einen fertigen Tempel, den der verrückt gewordene Hohepriester der Fremden auf einem Berganhang gebaut hatte. Saban muss jetzt noch eine Lösung für den unmöglich erscheinenden Transport finden, doch Camaban lässt ihm keine Ruhe und so baut Saban Schiffe, die stark genug sind, um die mannshohen Steine fortbewegen zu können. Der Transport der Steine und der neue Aufbau erstreckt sich über viele Jahre und als der neue Tempel steht, ist er enttäuschend klein und unscheinbar. Ein neuer Tempel soll gebaut werden, diesmal der richtige, denn hinzu kommt, dass der Tempel nun noch mehr Bedeutung hat: Er soll den Sonnengott und die Mondgöttin zusammenführen und damit den Tod, den Winter und alles Leid aus der Welt vertreiben …

Mit jeder Seite von „Stonehenge“ bricht eine Informationswelle über den Leser herein, die einerseits ein wenig erdrückend erscheint, andererseits so detailliert und fesselnd ist, dass ich zumindest nichts überlesen konnte und wollte. Die Story wird nie langweilig, da immer wieder Drehungen und Windungen den roten Faden zu einer Schleifenlinie werden lassen und neue Charaktere einen völlig anderen Wind hineinbringen. Die Charaktere sind überhaupt großartig, allein Camaban fasziniert durch seine herausfallende Entwicklung und den heranwachsenden Wahnsinn, der in der damaligen Zeit sicherlich bei Priestern und Zauberern vorherrschte und somit das Volk in Schach hielt.

Jeder von ihnen besticht durch Lebendigkeit, Kraft und eine ureigene, perfekt ausgearbeitete Persönlichkeit, die zusammengebracht ein Feuerwerk höchsten Lesegenusses auslösen. Lengar, der eiskalte Krieger, Saban, der ruhige, kluge Baumeister, Camaban, der sich selbst als die Verkörperung des Sonnengottes sieht, Derrewyn, die hasserfüllte, gnadenlose Zauberin und schließlich auch Aurenna, die, durch Camaban angesteckt, selbst dem Wahn anheimfällt und glaubt, die Mondgöttin zu sein – sie alle verfolgen ihre eigenen Ziele, haben ihre eigenen Wünsche und doch verbindet sie der Bau des Tempels. Freiwillig oder unfreiwillig, sie beugen sich den Göttern.

Ebenfalls ein wichtiger Beitrag zu diesem Meisterwerk sind die Beschreibung der Gedanken von Camaban, die geistige Entstehung des Tempels und das stetige Wachsen seiner Bedeutung. Beeindruckend schildert Cornwell, wie das Leben seiner Protagonisten voll und ganz auf den Glauben ausgerichtet ist, wie alles mit den Göttern zusammenhängt und welche Abhängigkeit sich daraus ergibt.

Es ist natürlich sehr wahrscheinlich, dass Stonehenge zur Himmelsbeobachtung genutzt wurde, aber auch Rituale wie Beerdigungen, Hochzeiten, Opferungen etc. werden dort stattgefunden haben, doch warum dieses große, beschwerliche, fast übermenschliche Unterfangen? In vielen Urvölkern gibt es die Legende, dass die Sonne und der Mond vor Beginn der Zeit Liebende waren und sich im Streit getrennt haben – vielleicht wurde Stonehenge ja wirklich erbaut, um beide wieder zueinander zu führen?

Auf jeden Fall ist „Stonehenge“ ein Buch, das allemal lesenswert ist, für mich eines der besten historischen Werke, die ich bis jetzt in der Hand hatte.

Homepage des Autors: http://www.bernardcornwell.net

Mehr zu dem Thema:
http://www.england-seiten.de/specials/stonehenge
http://www.stonehenge.brain-jogging.com

Grundy, Stephan – Rheingold

Rheingold – wer jetzt an einen Zug der Bundesbahn denkt, der fährt auf dem falschen Gleis. Der sagenumwobene Nibelungenschatz im Rhein ist hier gemeint.

„Rheingold“ ist das Erstlingswerk und gleichzeitiger Bestseller des Autoren Stephan Grundy, der auf die ältere Wälsungen-Saga zurückgreift. Der 1967 in New York geborene Grundy schrieb seine Doktorarbeit über den germanischen Kriegsgott Wotan, er ist zweifellos ein Kenner der Materie. Sein Verdienst ist es, die Geschichte in eine zeitgemäße Sprache umgesetzt zu haben.

Wer kennt die Geschichte um den Drachentöter Siegfried, den grimmen Hagen und den Untergang der Burgunder nicht, die besonders in der Nazizeit zum deutschesten aller deutschen Epen hochstilisiert und missbraucht wurde? Das Rheingold, ein Zwergenschatz, zu dem auch der verfluchte Ring der Nibelungen gehört, ist jedoch in der bekannten Form eher nebensächlich – bei Wagner’s Oper geht es viel mehr um menschliche Tragödien, Pflichterfüllung und Rachsucht. Bei Grundy erfährt der Leser wesentlich mehr.

Er beschreibt, wie es zum Fluch des Rheingoldes kam. Loki musste eine Blutschuld zahlen für den Sohn seines Gastgebers, den er unwissentlich getötet hat. Um Wotan, der als Geisel zurückblieb, wieder auszulösen, knöpfte er listig den Schwanenjungfrauen und den Zwergen ihren Schatz ab. Doch seine rücksichtslose Betrügerei blieb nicht ohne Folgen, denn die Zwerge verfluchten das Rheingold, insbesondere den Ring. Doch der listige Loki zahlte der Sippe der Wälsungen den Ring und das Rheingold als Wehrgeld…

Vor Gier nach Gold töteten Fafnir und Regin ihren eigenen Vater, Fafnir wurde zum Drachen und behütete den Hort mit dem Gold, Regin wurde Lehrling der Zwerge. Hier zeigen sich erste Unterschiede zum bekannten Nibelungenlied auf, die ich nur stichpunktartig und unvollständig erwähnen werde – so bleibt euch eine gewisse Spannung bestehen, denn die Wälsungen-Saga unterscheidet sich teilweise ganz erheblich von der bekannteren wagnerianischen Fassung!

Im ersten Buch, DIE WÄLSUNGEN, wird erzählt, wie es zum Fluch des Goldes kommt. Streit und Neid in der Sippe führen dazu, dass Sigmund, der Vater Sigfrids, gegen den Gemahl seiner Schwester, Siggeir, Krieg führt. Einem Zweig der Sippe schob Wotan seine Walküre Hild als Frau unter, von dieser rührt die übermenschliche Stärke der Wälsungen her. Mit Sigmunds Tod und der Annahme seiner Frau Herwodis und ihrem ungeborenen Sohn Sigfrid durch den fränkischen Fürsten Alprecht beginnt das zweite Buch.

In SIGFRID beginnt der klassische Teil des Nibelungenlieds, allerdings bekämpft hier Sigfrid nicht den Zwerg Alberich, vielmehr hilft ihm der zum Zwerg gewordene Regin, den Drachen Fafnir zu töten. Auch erbeutet er nicht das Zauberschwert Balmung, sondern er schmiedet das Gram genannte Schwert seines Vaters Sigmund wieder zusammen. Das Verhältnis von Sigfrid zu Gunter und Hagen ist auch differenzierter als bei Wagner: Der grimme Hagen schwört sogar Sigfrid Blutsbrüderschaft, es herrscht kein Hass zwischen den beiden. Auch wird Sigfrid nicht mit Krimhild vermählt, sondern mit Gunters Schwester Gudrun. Die auf Erden gefangene Walküre Brünhild, der er zuvor die Ehe versprochen hat, trickst er ohne eigene Schuld aus, denn ein Liebestrank seiner Schwiegermutter Krimhild lässt ihn alle alten Schwüre vergessen. Doch bald weiß jeder, was Sache ist – und das Unheil nimmt seinen Lauf…

Im letzten Buch, GUDRUN, kommt es zum Streit zwischen Brünhild und Gudrun. Diese fühlt sich betrogen und fordert von allen, den eidbrüchigen Sigfrid zu strafen, zusätzlich fordert sie noch als Königin seinen Kopf. Hagen führt die Pflicht aus, und wird danach von allen gehasst. Gudrun flieht im Zorn auf ihre Brüder und kehrt erst Jahre später zurück, als ihre Mutter Krimhild im Sterben liegt. Sie wird mit Attila, dem König der Hunnen, vermählt. Anders als bei Wagner warnt sie jedoch ihre Brüder Hagen und Gunter, als dieser sie in seine Halle einlädt: Die Römer fordern den Kopf Gunters, und Attila selbst möchte endlich das Gudrun von Sigfrid als Morgengabe überreichte Rheingold. Auch endet das folgende Gemetzel anders, so kämpft Gudrun auf Seiten ihrer Brüder. Mehr verrate ich euch aber nicht.

Es gibt noch einige weitere bemerkenswerte Unterschiede: So wird Sigfrid als starker, mutiger, ehrlicher Kerl beschrieben, der jedoch leichtsinnig und unbedacht handelt, keine Geduld hat und nicht gerade der Hellste ist. Hagen wird als unbeliebter Eigenbrötler beschrieben, der hier jedoch keinen persönlichen Groll gegen Sigfrid hegt, auch nicht als er für das Wohl seiner Sippe – Hagen gehört entfernt zum Zwergengeschlecht der Nibelungen – und für Burgund sich schließlich ins soziale Abseits rückt und Sigfrid tötet. In dieser Fassung hat er sogar eine Frau und einen Sohn, der ihn nach seinem Tod an Attila rächen darf. War bei Wagner die Feindschaft Hagens und Sigfrids sowie der beiden Frauen Krimhild und Brünhild zentrales Thema, wird hier Krimhild zur Drahtzieherin im Hintergrund und durch die nicht rachsüchtige Gudrun ersetzt, Hagen nicht zum Feind Sigfrids, sondern zum doch eher düsteren, aber klugen und bedacht handelnden Vertreter der Zwerge. Auch die Tarnkappe wird anders beschrieben als bei Wagner, die ganze Tötung Fafnirs unterscheidet sich stark von dem, was ich bisher kannte.

Rheingold war wider Erwarten spannend, obwohl ich das Nibelungenlied kannte, insbesondere das erste Buch über die Ursprünge der Wälsungen war mir völlig neu. Alle Personen sprechen ein zeitgemäßes Deutsch, die Sitten, Gebräuche und Anreden, wie „Frowe“ für die Herrin des Hauses, blieben jedoch erhalten. Ebenso das Flair, das eine Sage in meinen Augen ausmacht. Der Sprachstil dürfte jedoch ein breites Publikum ansprechen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Nibelungenlied zu profanisieren.

Was mir weniger gut gefiel war ein Hinweis auf Zensur im Nachwort, die „Völsung“-Saga ist in einer wilden und rauhen Zeit entstanden, so wurden Grausamkeiten Siglinds wie das Annähen von Lederhemden in die Haut von Kindern, die sie auf ihr Wälsungen-Blut prüfen will, oder Hagens Rat in der Halle Attilas, das Blut der Gefallenen zu trinken, da Wassermangel herrschte, gestrichen oder durch harmloses Wasser aus der Küche ersetzt. Mich stört das, andere freut es vielleicht, denn obwohl öfter Männer im Kampf sterben, ist das die friedlichste Umsetzung der blutigen Sage überhaupt. Der Kern der Geschichte wird davon nicht berührt, und ich bin mir nicht sicher, ob das Nachwort „in dieser Fassung gestrichen“ nur die deutsche Version oder alle Sprachausgaben von Rheingold meint. So bleiben selbst Szenen wie ein in einen Werwolf verwandelter Sigmund, der Menschen im Wald anfällt, sehr harmlos und unblutig, was das Buch für jüngere Leser eignen würde, aber andererseits zielt es auf ein erwachsenes Publikum ab in Länge, Anspruch und Umfang. Leider erweckt dieser Gewaltverzicht auch oft den Eindruck, Sigfrids Männer wären keine wilden und brutalen Eroberer, oft Vergewaltiger, sondern ein gesitteter Haufen gewesen. Übrigens: Historisch gesichert ist nur die Figur des Gunter, alles andere hat keinen besonders nahen Bezug zur tatsächlichen Geschichte.

Die Übersetzung ist erstklassig, die beiden Übersetzer haben die englischen Varianten der Namen sehr gut und stimmig im Sinne des Autors übersetzt, mein einziger Kritikpunkt an der stilistisch und sprachlich vorzüglichen Leistung: Warum hat man, wenn man heute bekannte Namen wählt und zum Teil auf philologisch korrekte Namensgebung bewusst verzichtet, nicht das heutige SIEGFRIED anstelle von SIGFRID genommen?

Im ganzen Buch ist mir kein einziger Setzungsfehler aufgefallen, Satz und Druck sind ebenfalls ausgezeichnet. Das sehr schöne Titelbild zeigt Brünhild oder Gudrun mit Sigfrids Schwert am Rheinufer. Mit 846 Seiten Umfang, die dicht bedruckt sind in einer platzsparend kleinen Schriftgröße, ist das Buch zudem sehr umfangreich. Selbst Vielleser haben einiges zu tun. Es ist sehr gut gebunden, selten ist ein Softcover so gut verarbeitet, dass die Seiten nicht zur Loseblattsammlung mutieren und es sich nicht selbst zublättert. Zum Glück, bei dem Unfang wäre das auch eine ziemliche Plage.

Ein großer Mythos – für unsere Zeit neu erzählt. So steht es auf dem Buchrevers. Dem kann ich mich nur anschließen. Wer auch nur einen kleinen Funken für Sagen oder Geschichte allgemein übrig hat, sollte sich das Buch unbedingt kaufen. Selbst wer das Nibelungenlied kennt – Grundys Mix aus dem von Wagner her bekannten Stoff und der Völsung-Saga ist gerade wegen der oft gravierenden Unterschiede sehr interessant zu lesen. Wer auf den Geschmack gekommen sein sollte und mehr über den auch hier mysteriösen Hagen lesen möchte, dem sei das inoffizielle Prequel „Wodans Fluch“ vom gleichen Autor empfohlen. „Rheingold“ ist ein Buch, das jeden Cent wert ist.

Rüggeberg, Dieter – Theosophie und Antroposophie im Licht der Hermetik

Mit diesem Buch liegt eine sehr gute Einführung in Theosophie, Antroposophie und Hermetik vor. Der Autor wählt als Hauptbezugspunkt die hermetische Tradition nach Bardon, um die anderen Disziplinen zu vergleichen. So erreicht er eine wichtige Distanz zu den teils widersprüchlichen oder für sich genommen schwer verständlichen Aussagen Steiners und Blavatskys. Rüggeberg gibt mehr Überblick, wo andere Autoren voreingenommen sind oder aus ideologischen Gründen Kritik keinen Platz hat. Der Autor ist mit den Themen umfassend vertraut und bietet eine gelungene Mischung aus Zitaten und erklärenden eigenen Überlegungen. Mit Rudolf Steiners oder Helena Blavatskys Originaltexten werden ‚Einsteiger‘ oft Schwierigkeiten haben, da die verwendeten Begriffe und Modelle nur wenig erklärt werden; außerdem sind – besonders bei Steiner – viele Grundzusammenhänge nicht systematisch aufbereitet. Genau hier ist vergleichende Sekundärliteratur wichtig. Angenehm fielen mir die über das Buch verteilten Tabellen auf, in denen Aspekte des Kosmos und des Menschen dargestellt werden. Rüggeberg zeigt auch Lücken und Schwachstellen auf, dabei ist er stets sachlich begründend.

Zum Anliegen des Buches schreibt der Autor: „Eine Aussage von Steiner, die ich … voll unterstreichen kann…: ‚Nichts ist schlimmer für den esoterischen Schüler, als wenn er bei einer gewissen Summe Begriffe, die er schon hat, stehen bleiben will, und mit ihrer Hilfe alles begreifen.‘ Es sind insbesondere Sätze wie dieser, die mich zur Veröffentlichung des vorliegenden Werkes veranlaßt haben, weil mir die Unlust vieler Schüler zu vergleichenden Studien gut bekannt ist. Außerdem schien es mir notwendig, auch die theosophisch-antroposophischen Lehren noch um einige Begriffe zu erweitern.“ (S. 127) Diesem Anliegen ist er gerecht geworden.
Fazit: Unbedingt empfehlenswertes Einführungswerk zur westlichen Esoterik.

aus dem Inhalt:
Akasha und die vier Elemente
Geist, Seele und Körper
Mentale, astrale und physische Welt
Die geistige Hierarchie und die Planetensphären
Der okkulte Weg zur Einweihung
Wer oder was ist Christus?

_Knut Gierdahl _
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de/
Ausgabe 04/2003 (August/September)