Archiv der Kategorie: Sachbuch

Dawkins, Richard – entzauberte Regenbogen, Der. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie

Isaac Newton ist an allem Schuld. Seit er vor Jahrhunderten schon seine Mitmenschen darüber aufklärte, wie ein Regenbogen zustande kommt, wird er als Repräsentant einer elitären, allzu neugierigen, gottlosen Bande von Zeitgenossen geschmäht, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Welt der Wunder und Rätsel in einen seelenlosen Monumental-Mechanismus zu verwandeln. Dichter, Kirchenleute, denkfaule Dummköpfe und natürlich Volkes Stimme schimpf(t)en laut ob solcher Blasphemie und nutzten gleichzeitig die Gelegenheit, den Forschern – weltfremde, gutes Geld verschwendende, d. h. „echte“ Arbeit scheuende Elfenbeinturmbewohner – die Eierköpfe zu waschen.

Im derzeitigen Klima einer wirtschaftlichen Rezession in der westlichen Welt sind solche Vorurteile lebendiger denn je. Wieso es keinen Grund gibt sich den Ignoranten, den Sparschweinen und den Sauertöpfen zu beugen, versucht schon seit Jahren der Evolutionsforscher Richard Dawkins deutlich zu machen. Er vertritt die Meinung, dass die wahre Faszination der Natur nicht in dem liegt, was der Mensch in sie projiziert, sondern in ihrer Realität: Der Regenbogen wird durch seine Erklärung nicht „entzaubert“. Statt dessen öffnet die Deutung dem Interessierten eine völlig neue Dimension: Die Natur verwandelt sich plötzlich vom Spielball manipulierender Dogmatiker, selbst ernannter Vordenker oder skrupelloser Geschäftemacher in ein für sich selbst stehendes Wunderland schier unbegrenzter Möglichkeiten.

Dies nachzuvollziehen ist keine einfache Aufgabe. Schon im Vorwort macht der Verfasser seinen Lesern keine Illusionen: Hier werden keine leicht verdaulichen Informationshäppchen geliefert. Der Leser muss das Hirn schon anwerfen und benutzen, sonst klappt es nicht mit der Datenübertragung. Das darf man jedoch nicht zu streng nehmen: Dawkins bemüht sich um eine allgemein verständliche Sprache, die selbst hoch komplexe Prozesse erfassbar macht, ohne dass dafür die naturwissenschaftliche Realität mit Füßen getreten wird. Die angenehme Überraschung: Es funktioniert.

Mit „Die betäubende Wirkung des Vertrauten“ bereitet Dawkins das Terrain für das Folgende vor. Er schildert in lebhaften Worten die Einzigartigkeit der realen Schöpfung, die wundergläubige oder zaghafte Gesellen gegen selbst erdachte Spinnereien einzutauschen bereit sind. Bereits hier wird Dawkins‘ Argumentation klar: Die Klarheit ist dem Verharren im Bekannten, scheinbar Bewährten allemal vorzuziehen, ohne dass darunter die Eindruckskraft der Schöpfung leidet.

Statt dessen nimmt sie zu, und dies zu vermitteln sollte nicht nur Aufgabe, sondern auch Anliegen derer sein, die nicht mit der Wissenschaft, sondern eher mit der Feder umzugehen wissen. „Im Salon der Herzöge“ erzählt von der nach Auffassung des Verfassers unnötigen, ja schädlichen Unverträglichkeit von Forschern und Dichtern. Dawkins lässt einen „natürlichen“ Konflikt nicht gelten, sondern verweist erneut auf die Herausforderung, die Realität in Worte zu fassen.

Auf diese Weise vorbereitet beschreiten wir nun an Dawkins Seite diverse Wunderwelten. „Strichcodes in den Sternen“ überschreibt der Verfasser jenes Kapitel, das uns das Wesen des Universums näher bringt. Von Newtons Beobachtung, dass ein gläsernes Prisma das Licht in eine genau zu definierende Palette von Farben bricht, bis zur Entdeckung, dass sich so Aussagen auch über die Struktur unendlich weit entfernter Sterne treffen lassen, spannt sich das Spektrum – Dawkins‘ erster überzeugender Beweis dafür, dass der Realist der Welt mindestens so viel Poesie abgewinnen kann wie der Träumer.

„Strichcodes in der Luft“ führt in eine weitere Wunderwelt ein – die des Schalls, der sich ähnlich entwirren und zur Lösung mannigfacher Probleme und Fragen einsetzen lässt. Für den Leser, der dennoch hartnäckig nach dem „Nutzen“ von Forschung fragt, verfasste Dawkins den Beitrag „Strichcodes vor Gericht“, was sicherlich die Fans der diversen „CSI“-Fernsehkrimis sogleich aufhorchen lässt.

„Märchen, Geister, Sternendeuter“ leitet den vielleicht spannendsten Abschnitt dieses Buches ein. Es geht um jene, die den Regenbogen nicht erklären, ihn aber auch nicht entzaubern, sondern ihn um des eigenen Vorteils missbrauchen – und um jene, die missbraucht werden wollen, weil sie lieber in einer Hokuspokuswelt angeblicher „Wunder“ als im Hier und Jetzt leben. Dawkins ist ein Mann, der keine Rücksicht auf den Zeitgeist nimmt, der Astrologie, Parapsychologie, New-Age-Gewaber und UFO-Esoterik schätzt oder gar der Wissenschaft vorzieht. Wieso dem so ist und warum er dies als echte Gefahr (z. B. im Zusammenhang fundamentalistischer Unterdrückungs-Religion) betrachtet, weiß er hier und im Kapitel „Berechnete Schauer“ sehr deutlich zu machen.

„Wolkige Symbole von höchster Romantik“ straft die moderne „Voodoo Science“ ab. Sie kleiden abstruse Theorien in wohl klingende Worte und missbrauchen die Realität, indem sie diese nach eigenem Gusto verbiegen. Das Nachsehen haben wieder einmal die redlichen, aber leider grauen, weil weniger wortgewandten, von den Medien missachteten, lobbylosen Labormäuse, deren auf langwierigen Nachforschungen basierende Urteile einfach nicht „attraktiv“ genug für die breite Öffentlichkeit ausfallen.

Dann wird es Ernst. Dawkins, der Evolutions-Spezialist, wählt den eigenen Fachbereich, um den Zauber der wissenschaftlich fundierten Realität im Detail zu belegen. Er wählt ein schwieriges, aber auch hochaktuelles Thema, denn es geht um Gene. „Der egoistische Kooperator“ berichtet von der aus brachialökologischer Sicht höchst unbeliebten Tatsache, dass sich das Leben auf der Erde primär per Konflikt weiterentwickelt und keineswegs eine übergeordnete „kosmische Intelligenz“ es kooperieren lässt. Harte Fakten beschreiben den Weg des Lebens, dem romantische Interpretationen höchstens nachträglich und zwanghaft übergestülpt werden können.

„Das genetische Totenbuch“ ist ein „Friedhof“ von Genen, die womöglich ursprünglich wichtige Aufgaben erfüllten, aber inzwischen ihre Bedeutung verloren haben. Ihre Deutung ermöglicht vielleicht einen Blick in die Vergangenheit. „Die Welt wird neu verwoben“ leitet in die Gegenwart über. Dawkins führt aus, dass unser Gehirn die Welt weniger registriert als übersetzt. Seine unglaubliche Leistungsfähigkeit lässt sich eben nicht oder nur bedingt durch den Vergleich mit dem technischen Wunderwerk Computer erklären. Das Gehirn hat zur Interpretation tausendfacher Umwelteinflüsse seine eigenen Methoden entwickelt; es schafft sich schon seit Äonen seine „virtuelle Realität“, die wir nur zum Teil entschlüsseln können, aber bereits bestaunen sollten.

Unter dem flappsigen Titel „Ein Ballon zum Denken“ spekuliert Dawkins darüber, wie das Gehirn seine einzigartige Kraft entwickelt haben könnte. Das lässt ihn letztlich den Kreis schließen, denn es war genau dieses Hirn, das ein Buch wie dieses ermöglichte, welches stellvertretend für die „richtige“ Art steht, sich die Welt zu erschließen. Noch einmal hält Dawkins sein Plädoyer gegen Augenwischerei und Aberglaube und für die Poesie der (naturwissenschaftlichen) Realität.

Und er hat zumindest die Realisten unter seinen Lesern überzeugt. Dawkins ist ein Romantiker. Das gibt er zu; dass für ihn die Poesie zur Naturwissenschaft gehört, macht schon der (manchmal allzu) reichliche Einsatz von Zitaten bekannter Literaten wie Shakespeare, Keats & Co. deutlich. Dies unter Beweis zu stellen, ist schließlich auch sein aktuelles Vorhaben.

Jenen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, legt Dawkins eine Fülle überzeugender Beweise dafür vor, wieso man unter der gemütlichen „Akte X“-Decke hervor und an die frische Luft der blanken Tatsachen sollte. Diese Luft mag einem zwar zunächst kalt ins Gesicht blasen, aber sie macht den Kopf klar, statt das Hirn mit lauwarm vorgewärmten und -gekauten, aber eben erfundenen „Fakten“ zu verkleistern. Dies wird übrigens nur der unverbesserliche Weltverschwörungstheoretiker als Arroganz verstehen, denn Dawkins bemüht sich auch, den Mechanismen nachzuspüren, die Pseudowissen so attraktiv wirken lassen.

In einem ist Dawkins freilich konsequent. Überhaupt kein Verständnis bringt er für jene gefährlich dummen Zeitgenossen auf, die Wissenschaft nur unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt gelten lassen wollen. Auf diese Weise lässt sich leicht ein neues geistiges Mittelalter erzeugen; der Verfasser kann beunruhigend gute Argumente dafür anführen.

Wichtiger noch: Dawkins ruft jene, die hinter die Kulissen der Natur schauen wollen, zur Standhaftigkeit auf. Allzu mürbe sind die Vertreter „unnützer“ Wissenschaften bereits geworden; sie neigen dazu sich dem Urteil der „Realisten“ zu beugen, das eigene Wissen zu verleugnen, es in Frage zu stellen. Dawkins steuert dagegen, legt die Ungeheuerlichkeit dieser Verkehrung aller Werte offen: Wer viel weiß, solle nicht stolz im Sinne von überheblich, sondern selbstbewusst und froh durchs Leben schreiten, so sein Rat, denn er oder sie habe allen Grund dafür. Auf Unwissenheit oder gar Ignoranz brauche man sich dagegen überhaupt nichts einbilden.

Das ist nicht nur Balsam für geplagte Eierkopf-Seelen, sondern ein schlichtes Faktum: Obwohl die Wissenschaft – die schließlich von Menschen betrieben wird – der Menscheitsgeschichte ihren Teil an Irrtümern, Tragödien und Verbrechen zugefügt hat, lässt sich ihr fundamentaler Anteil am Fortschritt nicht leugnen. Deshalb gibt es keinen Grund, sich falschen Kritikern zu beugen oder sich gar von pseudo-ökologischen Bilderstürmern und fanatisierten Weltverbesserern gängeln zu lassen. (Damit es klar ist: Dawkins setzt diese nicht mit Umweltschützern oder anderen konstruktiven Gruppen gleich.) Selbst wenn man im Detail nicht mit dem Verfasser übereinstimmen mag (der sich manchmal vom gerechten Zorn gar zu sehr hinreißen lässt), ist sein Werk doch wie ein einsamer Leuchtturn über einer See der Ignoranz und lohnt deshalb die Lektüre, auch wenn manchmal der Kopf dabei zu schmerzen beginnt; es ist ein gutes Gefühl, das Hirn wirklich in Gang zu setzen …

Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren. Die Familie verließ Kenia 1949 und kehrte nach England zurück. Dort studierte Richard in Oxford. Seinen Abschluss als Zoologe machte er 1962, blieb aber zunächst in Oxford, um als Doktorand für und mit dem berühmten Ethnologen Nikolaus Tinbergen zu arbeiten. 1967 ging Dawkins nach Kalifornien und lehrte in Berkeley, kehrte aber 1970 als Dozent nach Oxford zurück.

Sein erstes Buch („The Selfish Gene“; dt. „Das egoistische Gen“) erschien 1976 und wurde sogleich ein internationaler Sachbuch-Bestseller. Es folgten „The Blind Watchmaker“ (dt. „Der blinde Uhrmacher“) und 1982 seine Fortsetzung „The Extended Phenotype“. Weitere Erfolge: „River Out of Eden“ (1995, dt. „Und es entsprang ein Fluss in Eden“), „Climbing Mount Improbable“ (1996, dt. „Gipfel des Unwahrscheinlichen“) und „Der entzauberte Regenbogen“.

Schon früh setzte sich Dawkins dafür ein, Wissen dort, wo es angebracht war, allgemein verständlich zu vermitteln. Folgerichtig ist er der erste Inhaber des 1995 ins Leben gerufenen „Charles Simonyi Chair of Public Understanding of Science“.

Gleichzeitig bemühte sich Dawkins um die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, die er persönlich nicht im Widerstreit sieht. Für seine Bemühungen nahm ihn 1997 die „Royal Society of Literature“ auf.

Weitere Fakten zu Leben und Werk lässt sich folgender Website entnehmen: http://www.brainyencyclopedia.com/encyclopedia/r/ri/richard__dawkins.html

Peter James / Nick Thorpe – Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit

Inhalt:

Ein sechsteiliger Schlag gegen (allzu) lieb gewonnene Rätsel der (Erd-) Geschichte, unterteilt in diverse Unterkapitel, die sich auf bestimmte Favoriten (= Dauerbrenner der Boulevard-Medien in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit) konzentrieren. Sie dienen als repräsentative Beispiele für die jeweiligen Gesamtphänomene, die da wären:

„Versunkene Kontinente und Katastrophen“: Hier lesen wir u. a. über Atlantis, das ‚historische‘ Vermächtnis des Griechen Plato, der sich auf Wolke Nr. Sieben vermutlich totlacht über die monströse Lawine haltloser Spekulationen, die den ‚verlorenen‘ Kontinent der Urzeit völlig ‚logisch‘ an praktisch jedem Ort unseres Globus‘ orten. Dabei ist nie (und für die Atlantis-Jünger glücklicherweise) ein handfester, wirklich glaubhafter Hinweis auf seine Existenz aufgetaucht wäre. James und Thorpe legen sachlich und plausibel dar, wieso dies so ist – so sein muss.

Weiterhin scheuen sie sich nicht, den Kopf in den Rachen gewisser ‚Forscher‘ zu legen, welche die Bibel in den Rang eines Geschichtsbuchs erheben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und haarsträubenden Verbiegungen historischer Tatsachen belegen sie am Beispiel der Suche nach Sodom und Gomorrha. Auch Noahs Arche wurde inzwischen mehrfach erspäht … Wer’s lieber ein wenig sachlicher mag, wird durch die Vorstellung der Polverschiebungstheorie eines Schlechteren belehrt.

„Himmelsbeobachtungen“: Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher herausstellt, dass die Menschen der Vorzeit keine grunzenden, in Höhlen hausenden Wilde waren, sondern sich bereits die Köpfe über erstaunlich transzendente Themen zerbrachen, sammeln sich die Anhänger jener Theorie, nach der es überall auf dieser Erde ‚Priestergelehrte‘ prähistorischer, hoch zivilisierter, leider fundlos verschwundener Kulturen gab, die ihre Schäfchen schwere Steine zu komplizierten Mustern wuchten ließen, um auf diese Weise den Sternen- und Planetenhimmel abzubilden. Diese Steinzeit und Bibel Astronomie ist geradezu ein Steckenpferd für ‚Historiker‘ geworden, die an eine Vergangenheit glauben möchten, in der die Magie der Natur noch stark war in der Welt.

„Architektonische Wunderwerke“: Hier treffen wir u. a. krypto-historische Dauerbrenner wie Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden oder die Steinfiguren der Osterinseln – und jene selbst ernannten Bilderstürmer, die frischen Wind in die etablierte und damit zwangsläufig verkrustete und langweilige Wissenschaft – wozu studieren, wenn man auch spinnen & Fakten klittern kann? – bringen möchten, indem sie beispielsweise „Götter aus dem All“ den Urzeit-Menschen hilfreich zur Hand gehen und prähistorische „Computer aus Stein“ errichten lassen.

„Erdmuster“: Aber ganz ohne eigene seltsame Kraft waren unsere Vorfahren auch nicht. Ohne böse Zivilisation (oder Wissenschaft) hatten sie noch Mutter Naturs Ohr. Ihre prähistorischen Sternwarten, Raumschiffhäfen und Kultstätten (Glastonbury, Somerset, Nazca) vernetzten sie durch „Erdmuster“ (Ley Linien), durch die nicht selten eine Art ätherische Erdstrahlung floss – gleichzeitig eine Art Telefonleitung, über die Geistwesen und/oder Außerirdische den weiter oben genannten Priestergelehrten ihre Anweisungen durchgaben. („Heute nur fünf Jungfrauen opfern.“)

„Original oder Fälschung“ erzählt vom Hang des Menschen, der Wahrheit manchmal etwas nachzuhelfen bzw. sie in eine Gestalt zu zwingen, die der erwünschten Realität (König Artus‘ Grab – endlich gefunden!) oder wenigstens dem eigenen Ruhm zu Gute kommt (Heinrich Schliemann und ‚sein‘ Troja Schatz). Dieses Kapitel verdeutlicht aber auch, dass die Vergangenheit echte Überraschungen birgt (Ötzi, die Mumie, die aus der Steinzeit kam, oder die Schriftrollen vom Toten Meer), die als solche zunächst nicht erkannt werden oder die als ‚unmöglich‘ abgelehnt werden: Die etablierte Forschung kann irren, aber im Gegensatz zur „Voodoo Science“ verfügt sie über Mechanismen der Korrektur, auch wenn‘s manchmal ein wenig dauert.

„Übersinnliches und Archäologie“: Hier wird es endgültig wundersam und wunderlich. Tutanchamuns Fluch kennt sicherlich jede/r, den Fall Omm Seti weniger. Faszinierend auch die Story des „Bundes von Avalon“, der einen Geschichtsforscher quasi exklusiv aus dem Jenseits beriet.

Wie es sich gehört, stehen am Ende unseres Werkes eine Bibliografie (die notgedrungen mit den Jahren an Wert verliert) sowie ein Namens und Sachregister – immer ein Qualitätsmerkmal für ein Sachbuch, mit dem man arbeiten kann. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass „Halley, Hünen, Hinkelsteine“ das im Text Gesagte durch zahlreiche Grafiken und (schwarz weiße) Fotos verdeutlicht.

Der Mensch will (Unsinn) glauben

Die einen mögen sie Spielverderber und/oder Knechte der weltumspannenden Verschwörung skrupelloser Politiker, Großkonzerne & Wissenschaftler schimpfen, die uns Bürger dumm und ahnungslos und dadurch leicht regierbar halten sollen, die anderen begrüßen sie als Stimme der Vernunft. Auf jeden Fall gleiten Peter James und Nick Thorpe aufrecht über das Glatteis, auf das sie sich freiwillig begeben haben. In der (guten, alten) gar nicht so lange verstrichenen Zeit nannte man das „Aufklärung“: die sachliche Beschäftigung mit strittigen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaft, das Abwägen von Für- und Wider-Argumenten, die Formulierung einer (vorläufigen) Schlussfolgerung auf der Basis der gesammelten und ausgewerteten Fakten.

Dass solche Aufklärung alles andere als langweilig oder gar überholt ist, beweist unser Autorenduo eindrucksvoll. (Vor und frühgeschichtliche) Rätsel verlieren keineswegs ihre Faszination, nur weil keine Besucher aus dem All, Geister oder sonstige esoterische Lichtgestalten hinter ihnen stecken. James und Thorpe beeindrucken durch eine gar nicht selbstverständliche Gabe: Sie können komplexe, oft recht schwer verständliche Themenkomplexe allgemeinverständlich präsentieren.

So reagieren sie auf den oft und mit Recht der Wissenschaft gemachten Vorwurf, bei der Vermittlung des Entdeckten zu knausern bzw. sich in einen Nebel hochgeistiger Formulierungen zu hüllen, der vor allem den Kollegen Wissen und Seriosität suggerieren soll. Gute Sachbücher vermitteln erfolgreich zwischen dem Forscher-Olymp und den akademischen Bergtälern, in denen durchaus interessierte Laien hausen – und sie leuchten in die düsteren Höhlen, welche die Scharlatane beherbergen.

Manchmal verloren auf einem Meer der Dummheit

Dabei trennen James und Thorpe Fakten und Spekulationen voneinander. Ganz so streng geht es trotzdem nicht zu. Zwar behaupten die Autoren u. a., sie wollen in Sachen Rätsel einen Schlussstrich im Jahre 1492 ziehen – Columbus segelt nach Amerika und läutet dadurch quasi die Neuzeit ein -, halten sich aber nicht durchweg daran. Andererseits gehört die Diskussion um das berühmte „Marsgesicht“ durchaus zum Thema, denn gibt es ein besseres Beispiel für die Kapriolen der Selbsttäuschung, die dem menschlichen Geist manchmal unterlaufen?

Die Fülle des vorgestellten Materials bedingt manche Vereinfachung oder Verkürzung – davor warnen die Autoren einleitend selbst -, die hier und da Fehlinterpretationen durch den Leser begünstigt. Troja und seine Geschichte ist ein komplexes Thema, das gerade in den letzten Jahren auf der Basis neuer bzw. neu bewerteter Funde in der wissenschaftlichen Diskussion steht. Diese Autoren legen das Schwergewicht ein wenig zu stark auf den ‚Kriminalfall‘ Schliemann und den mysteriösen, womöglich frisierten Schatz des Priamos.

Den eigenen Prinzipien eindeutig untreu werden James und Thorpe, wenn sie ihrer Begeisterung für Kometen & Meteoriten als Katalysatoren aller möglichen (und unmöglichen) irdischen Umwälzungen ein wenig zu blauäugig nachgehen. Das ist aber der einzige gravierende Vorwurf, den man den Verfassern machen kann, deren Ausführungen man ansonsten mit Vergnügen und Gewinn folgt.

Autoren

Peter James studierte in Birmingham und London Alte Geschichte und Archäologie. Dabei spezialisierte er sich auf den Nahen Osten und den Mittelmeerraum und hier wiederum auf die Bereiche Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Nick Thorpe studierte Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Reading und London. Er lehrt am King Alfred’s College in Winchester. Darüber hinaus leitete er mehrere Forschungsprojekte in Großbritannien und Dänemark und verfasste Aufsätze und Bücher über Landwirtschaft, Handwerk, frühgeschichtliche Gesellschaftsformen und Astronomie.

Taschenbuch: 492 Seiten
Originaltitel: Ancient Mysteries (New York : Ballantine Books, a division of Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Annette von Heinz u. Susanne Hornfeck
http://www.dtv.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Jonathan Neale – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya

Eine Geschichte des Bergsteigens im Himalaya aus der Sicht der nepalesischen Sherpas, die den großen, weißen Forschern jahrzehntelang Arsch & Gepäck auf die höchsten Gipfel dieser Welt hinterher trugen, bis sie sich emanzipierten und für den eigenen Ruhm zu kraxeln begannen … – Sehr gut und vor Ort recherchiertes, durch viele Interviews mit bisher kaum oder gar nicht befragten Zeitzeugen angereichertes Sachbuch, das eine Lücke in der Himalaya-Historie schließt und Licht auf viele bisher unbekannte Kapitel wirft, was nebenbei manchen gefeierten Berghelden plötzlich recht unvorteilhaft beleuchtet. Jonathan Neale – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya weiterlesen

Russell Martin – Beethovens Locke

1827 wurde Ludvig van Beethoven auf dem Totenbett eine Locke vom Haupt geschnitten. 1995 tauchten diese Haare wieder auf und wurden zum Mittelpunkt einer spektakulären, von den Medien ausgeschlachteten Untersuchung, welche die wahre Ursache von Beethovens Ende klären sollte. Parallel dazu recherchierte man aufwändig den historischen Weg der berühmten Locke in die Gegenwart … – Autor Russell Martin folgt beiden Untersuchen, die rasch den Charakter kriminalistischer Nachforschungen annehmen. Trotz lückenhafter Quellen können die meisten Rätsel gelöst werden. Wie das gelang – oder manchmal nicht -, schildert Martin in dieser spannenden, manchmal etwas pathetischen Mischung aus Sachbuch und Thriller. Russell Martin – Beethovens Locke weiterlesen

Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit

Vor 13000 Jahren wurde Nordamerika von Gletschereis geprägt und von Elefanten mit und ohne Fell, walrosszahnigen Raubkatzen, turmhohen Faultiere und bärengroßen Bibern bewohnt. „Wildes Amerika“ stellt die eiszeitliche Landschaft, die Pflanzen und vor allem die Tiere vor. Letztere präsentieren sich uns nicht nur als bleiche Knochen, sondern werden digital ins ‚Leben‘” zurückgerufen … – Begleitbuch zur BBC-Serie gleichen Namens; wissenschaftlich präzise aber inhaltlich simpel gestrickt. Das Interesse gilt eindeutig den à la „Jurassic Park“ nachgebauten Kreaturen, die qualitativ nicht mit den BBC-Sauriern der Serie „Im Reich der Giganten“ mithalten können: informativ aber nicht mitreißend.
Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit weiterlesen

Chown, Marcus – Universum nebenan, Das

Je mehr uns die Naturwissenschaften über das Wirken der Welt offenbaren, umso klarer wird uns zugleich, wie wenig wir tatsächlich wissen und verstehen. Dies trotz ihres unbestreitbaren und vergleichslosen Siegeszuges in den letzten einhundert Jahren und der zahllosen Belege für die „Richtigkeit“ (eher: Wirksamkeit) der Theorien und ihrer technischen und praktischen Umsetzungen. Und dennoch: Beständig wird klar, wie viele offene Fragen sich noch stellen, wie viele neue Bereiche sich offenbaren, wenn wir mit unserem analytischen Verstand tiefer in die noch unerforschten Regionen der Schöpfung vordringen (oder: eindringen). Jede Weiterentwicklung bietet neue Ansätze für noch gewagtere Theorien, und noch immer scheut der Mensch – mehr emotional als rational – vor allzu Neuem zurück und greift auf verschiedenerlei Abwehrmechanismen zurück. Dabei sind es die gewagten Ideen, die mutig voran blickenden Visionen, die ungewöhnlichen Ansätze jenseits etablierter Konventionen, die stets – wenn auch mit vehementem Widerstand und allzu oft erst nach langer Zeit – der Wissenschaft erlaubten, „das unentdeckte Land“ zu bereisen und wirklichen Fortschritt im Sinne eines Voranschreitens zu erreichen. Chown nennt es das „Grenzland der Vorstellungskraft“.

Dass man sich dafür heutzutage, dank diverser revolutionärer Theorieansätze mit zahlreichen offenen Anknüpfungspunkten, nicht mehr gänzlich abseits der anerkannten und in der Anwendung bestätigten Lehren bewegen muss, zeigen die von Marcus Chown präsentierten „revolutionären Ideen in der Astrophysik“ in seinem aktuellen Buch „Das Universum nebenan“, das der dtv in der „premium“-Reihe veröffentlicht. Und dass er dabei über die reine Kosmologie hinausgeht und ganzheitlicher ansetzt als der Untertitel es vermuten ließe, ist fast unvermeidlich, wenn man daran denkt, dass eine der vordergründigsten Bestrebungen der Wissenschaft darin besteht, die immer wieder bemerkbaren Verbindungen von Makrokosmos und Mikrokosmos, Relativitätstheorien und Quantentheorien, von Urknall und schwarzen Löchern aufzuspüren.

Dabei gliedert Chown seine Essays in drei Buchteile, die sich mit der Beschaffenheit der Realität, der Beschaffenheit des Universums und dem Leben im Universum befassen. Diese Bereiche sind untereinander allerdings verbunden, ebenso wie der Autor die einzelnen Kapitel sehr geschickt miteinander verknüpft und durch neugierige Fragestellungen überleitet. Das macht es geradezu unmöglich, das Buch am Ende eines Kapitels aus der Hand zu legen. Zudem schreibt Marcus Chown derart inspiriert, spannend und locker, dass sich „Das Universum nebenan“ geradezu gezwungenermaßen am Stück inhalieren lässt. Aufgrund des Schreibstils und der faszinierenden – um nicht zu sagen: phantastischen – Faktensammlung liest sich das Buch fast schon wie ein Science-Fiction-Roman, ohne allerdings die gebotene Sachlichkeit missen zu lassen. Zahlreiche Anmerkungen, Quellenbelege und ein Register tragen der Sorgfalt Rechnung, und ein umfangreiches Glossar mit einer Erläuterung aller auftauchenden Fachbegriffe macht den Besuch im Universum nebenan auch für Laien leicht verständlich und sehr gut zugänglich. Chowns Darstellungsweise selbst ist allerdings meist bereits Erklärung genug – sehr anschaulich-verspielt und mit ausreichenden Seitensprüngen zu Basisthemen versehen, die jeweils von Bedeutung sind. Jedes Kapitel wird übrigens von passenden Zitaten diverser Autoren und Wissenschaftler eingeleitet und macht durch direkte Fragestellungen neugierig.

Chown führt den Leser in geradezu klassischer Weise durch die Gedankenwelt innovativer Wissenschaft. Die Grundfragen, die in den einzelnen Kapiteln gestellt werden, sind:

Gibt es Bereiche im Kosmos, in denen die Zeit „verkehrt“ abläuft? Gibt es neue Belege und Ansätze für die Vielweltentheorie, welche die Gleichzeitigkeit unendlicher Realitäten erlaubt? Ist das Unteilbare teilbar und sind daher die „Elementarteilchen“ doch nicht ganz so elementar wie generell angenommen wird (eine Situation, die erst zum Beginn moderner Wissenschaft unteilbare Atome ihres Sonderstatus enthob)? Sind Elementarteilchen vielleicht letzten Endes nur winzige Raumzeitkrümmungen, die sich in Zeitschleifen bewegen und ließen sich so Relativitätstheorie und Quantentheorien vereinen? Was hat es mit den prognostizierten zusätzlichen Dimensionen auf sich, die spätestens seit den Stringtheorien aktuell geworden sind?

Im darauf folgenden Buchteil wird die Möglichkeit diskutiert, dass das Universum mit kleinen schwarzen Löchern geradezu übersät ist. Die Theorie der Spiegelmaterie spielt anschließend ebenfalls eine Rolle bei den Erklärungsmöglichkeiten für die verzweifelt gesuchte, fehlende „dunkle Materie“. Analog zur Vielweltenhypothese geht Chown sodann auf die Möglichkeiten von Paralleluniversen und den aktuellen Stand der Forschung zu diesem Thema ein, um diesen Teil mit spekulativen, aber begründeten Betrachtungen abzuschließen, die sich mit der Erschaffung neuer Universen befassen und die Frage aufkommen lassen, ob auf solche Weise auch unser Kosmos kreiert worden sein kann.

Die letzten Passagen über das Leben im Universum beginnen mit der Möglichkeit, dass der interstellare Raum, einigen Messungen und Theorien zufolge, mit Planeten übersät sein könnte. Wie sieht es dort mit Lebensmöglichkeiten aus? Welche Rolle spielen dabei die Erkenntnisse über Kometen? Kam das irdische Leben aus den Tiefen des Alls? Und wenn in der Galaxis intelligentes Leben existieren (oder existiert haben) sollte – müsste man dann vielleicht einen genaueren Blick in den scheinbar leeren Raum werfen, um den „außerirdischen Müll“ zu finden, der zurückgeblieben sein sollte?

Mit dieser bereits sehr utopischen Blickrichtung beschließt Chown seinen bereichernden und inspirierenden Ausflug in den Grenzbereich akademischer Zukunftsvisionen, die derzeit kursieren und dabei sind, im Forschungsbetrieb Fuß zu fassen. Er hinterlässt einen faszinierten und einigermaßen aufgeregten Leser mit einer ordentlichen Dosis Flausen im Kopf. So suspekt mancher Ansatz auch erscheinen mag, so ist doch jeder von ihnen gut zu begründen. – Marcus Chown selbst, seines Zeichens Physiker und Wissenschaftsjournalist (unter anderem Berater für den „New Scientist“), meint dazu: „Natürlich muss sich die wissenschaftliche Vorstellungskraft innerhalb der Grenzen bekannter Fakten bewegen. Für alle hier vorgestellten Ideen gibt es gute Argumente. Dieses Buch ist ein Tribut an außergewöhnliche Menschen mit außergewöhnlichen Ideen. Es ist eine Verneigung vor denjenigen mit dem Mut und der Vorstellungskraft, zukünftige Wissenschaft zu entwickeln.“

Oder um es mit den Worten von Niels Bohr zu sagen, an einen Kollegen gerichtet: „Ihre Idee ist verrückt. Die Frage ist nur: Ist sie verrückt genug, um wahr zu sein?“

Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.) – Lexikon der Zauberwelten

Wissen.de, das größte europäische Netzportal für lexikalisches Wissen und Bildung (zur Bertelsmanngruppe gehörend), hat eine Reihe eigener Bücher herausgebracht, bei denen es sich um Lexika oder Denksport-Bände handelt und die durch ihre Darstellungsform ebenso wie die Webseite gerade für die jüngere Leserschaft sehr reizvoll sind. „Lexikon der Zauberwelten – Gandalf & Co.“ widmet sich dem Bereich der Phantasie und Mythologie in einer modernen, optisch wie inhaltlich sehr ansprechenden Form und bereichert Buchsammlung wie Rundumbildung jedes Liebhabers von Fantasy, Science-Fiction oder Mythen.

Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.) – Lexikon der Zauberwelten weiterlesen