Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen

Das geschieht:

1963 starb auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.

Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat – Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen. Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen weiterlesen

Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis

Das geschieht:

„Never change a winning team“, lautet eine alte Binsenweisheit, die sich dieses Mal jedoch nicht verwirklichen lässt. Die bewährte Nachtschicht-Besatzung des „Crime Scene Investigation” (CSI) Las Vegas muss dieses Mal getrennt arbeiten, d. h. Tatorte sichern und meist quasi unsichtbare oder sogar unmögliche Spuren untersuchen. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegin Sara Sidle nehmen an einer Konferenz im fernen und winterlichen Bundesstaat New York teil.

Zurück bleiben Grissoms Stellvertreterin Catherine Willows und ihre Mitarbeiter Warrick Brown und Nick Stokes. Sie werden mit einem seltsamen Leichenfund konfrontiert: Weit außerhalb von Las Vegas wurde in der Wüste eine tote Frau gefunden. Der Mörder hat sich viel Mühe gegeben, die Spuren seiner Untat zu vertuschen: Sorgfältig hat er die Leiche eingefroren und sich nun erst ihrer entledigt. Max Allan Collins – CSI Las Vegas: Tod im Eis weiterlesen

Ruth Rendell – Dunkle Wasser

Das geschieht:

Kingsmarkham ist eine Kleinstadt in der britischen Grafschaft Sussex. In diesem Spätherbst haben sintflutartige Regenfälle den Kingsbrook und die anderen Flüsse über die Ufer treten lassen. Ganze Landstriche versinken in den Fluten, ein Ende der Wolkenbrüche ist nicht abzusehen. Auch dem Haus von Chief Inspector Reginald Wexford droht die Überflutung. Der Kriminalist ist daher abgelenkt, als dem Dezernat für Kapitalverbrechen ein seltsames Vorkommnis gemeldet wird: Die Geschwister Giles (15) und Sophie (13) Dade sind verschwunden. Ebenfalls vermisst wird Joanne Troy, eine Freundin der Familie, die ein Auge auf sie halten sollte.

Während Vater Roger, ein strenger und humorloser Mann, das Verschwinden seiner Kinder vor allem als Ärgernis zu betrachten scheint, verfällt Mutter Katrina der Hysterie und vermutet Sohn und Tochter irgendwo ertrunken in den Hochwasserfluten. Ein bei der Suche angeschwemmtes Shirt von Sophie könnte dies bestätigen, aber Wexford glaubt eher an eine Entführung. Ruth Rendell – Dunkle Wasser weiterlesen

Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8)

In Los Angeles wird die Leiche eines vor Jahrzehnten ermordeten Kindes entdeckt. Ein engagierter Polizist weigert sich den Fall zu den Akten zu legen und gerät darüber mit seinen Vorgesetzten und den Medien in Konflikt … – Der achte Harry-Bosch-Roman besticht weniger durch einen verzwickten Plot als durch die quasi dokumentarische Darstellung des modernen Polizeialltags. Im Vordergrund steht die Aufklärung eines Verbrechens, dessen Tragik die genretypischen Verfolgungsjagden und Schießereien weitgehend überflüssig macht.  Michael Connelly – Kein Engel so rein (Harry Bosch 8) weiterlesen

Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5]

Eine Gruppe berühmter Bühnenmagier wird vom Tod heimgesucht. Polizistin Mallory, ermittelt ein Rachemotiv, das tief in die Vergangenheit zurückführt. Der Täter muss einer der Illusionisten sein. Da diese zwar alt aber überaus fähig sind, täuschen sowohl Verdächtiger als auch potenzielle Opfer die Polizei mit immer neuen Zaubertricks, während die Leichen sich mehren … – Der fünfte der Mallory-Krimis verblüfft erneut mit Thriller-Härte und surrealen Zügen sowie mit unkonventionellen Figuren, kann aber nur bedingt an die grandiosen Vorgängerbände anschließen.
Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5] weiterlesen

MacKinlay Kantor – Signal 32

Ein erfahrener Streifenpolizist lehrt einen jungen Kollegen Tricks und Kniffe, die im Großstadt-Dschungel von New York überlebenswichtig sind. Wo Brutalität und Widerstand gegen die Staatsgewalt an der Tagesordnung sind, heißt es sonst: „Signal 32“ – Polizeibeamter in Gefahr … – Früher „Police-Procedural“-Krimi, der quasi dokumentarisch unsere Freunde und Helfer bei der Arbeit beobachtet. Die präzise Wiedergabe alltäglicher kriminalistischer Arbeit leidet unter moralinsaurer Verlogenheit und Rassismen: heute eher entlarvend interessant als unterhaltsam. MacKinlay Kantor – Signal 32 weiterlesen

Giles Blunt – Gefrorene Seelen

Das geschieht:

Algonquin Bay ist eine Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario. Die Beamten des hiesigen Morddezernats werden von den „Windigo“-Morden in Atem gehalten. Auf einer Insel wurde die Leiche der jungen Katie Pine entdeckt. Seit Monaten galt sie als vermisst. Detective John Cardinal vermutete bereits damals eine Entführung. Als wenig später zwei weitere Teenager verschwanden, sprach er sogar von Serienmord. Seinem Vorgesetzten, dem ehrgeizigen Detective Sergeant Don Dyson, missfiel diese Theorie. Als Cardinal dennoch nicht nachgab, wurde er in die Abteilung für Einbruchsdiebstähle versetzt.

Jetzt holt ihn Dyson zurück. Er stellt Cardinal Detective Lise Delorme zur Seite. Sie ist nicht nur eine Frau ist, sondern war bisher zuständig für interne Ermittlungen gegen möglicherweise korrupte Kollegen. Delorme ist noch unerfahren, vor allem aber hat sie einen geheimen Auftrag: Sie soll John Cardinal ausspionieren. Dieser wird verdächtigt, im Sold eines Gangsterbosses aus Toronto zu stehen, den er angeblich schon mehrfach vor geplanten Razzias gewarnt hat. Tatsächlich hat Cardinal keine reine Weste. Um seiner Tochter das teure Kunststudium an einer Elite-Hochschule zu ermöglichen, hat er vor Jahren Geld unterschlagen. Diese Tat liegt dem eigentlich ehrlichen Mann auf dem Gewissen. Zudem schickt ihm der wütende Drogenhändler aus dem Knast Drohungen: Er will sein Geld zurück!

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Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Robert Langdon is back – drei Jahre lang hat Autor Dan Brown nach seinem Bestseller „Illuminati“ nun herumgeeiert, um der mit den Füßen scharrenden Leserschaft so etwas wie einen zweiten Teil aufs Auge zu schrauben und zu schreiben. Die deutsche Leserschar musste sogar bis zum 19. Februar 2004 warten, bis die Übersetzung erschien – womit wir wieder einmal bei einem leidigen Thema wären: Warum werden für die deutschen Ausgaben immer solch vollkommen birnige Titel verhunzt, anstatt den aussagekräftigen Originaltitel korrekt mit „Der Da-Vinci-Code“ zu übersetzen? Aber nööö, offenbar haben nichts sagende Buchtitel, die mit dem Inhalt nicht im Zusammenhang stehen, grade Hochkonjunktur. Der 600 Seiten starke Hardcover-Wälzer ist also recht druckfrisch auf dem Markt und sucht seine Käufer, die bereit sind 19,90 Euronen dafür hinzublättern und ich bin sicher, die wird er auch ganz bestimmt finden, denn die Fangemeinde Browns ist nicht gerade klein – zu Recht. Doch schauen wir mal, was der Nachleger zu bieten hat, die stehen ja meist im Schatten ihres Prequels.

_Auf der Flucht – Zur Story_
Nach dem Showdown im Vatikan (siehe „Illuminati“) ist nun ein knappes Jahr vergangen und Harvard-Symbolologe Robert Langdon ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Derzeit gibt er in Paris einige Vorlesungen über religiöse Symbolik, wobei er auf einem Weg auch gleich mit einer Koryphäe zum Essen verabredet ist, mit dem er über das Manuskript seines geplanten Buches schwatzen will. Das neue Buch enthält einige Thesen, die kirchlichen Zündstoff bedeuten, daher möchte er die Meinung von Jacques Saunière – seines Zeichens Leiter der berühmten Pariser Kunstgalerie im Louvre und Experte auf diesem Gebiet – auf dessen Einladung hin einholen. Doch Saunière erscheint nicht – kann er auch nicht, denn er liegt (bereits im Prolog) erschossen im besagten Louvre. Dafür klingelt die französische Mordkommission ihn unsanft aus seinem Hotelbett. Diese hält ihm ein Polaroid der gefundenen Leiche vor die Augen und bittet ihn, sich den Tatort anzuschauen, denn die Verrenkungen, sprich: die Auffindesituation des Körpers ist nicht nur seltsam, sondern wurde vom Opfer auch offensichtlich selbst herbeigeführt und ist nicht dem Täter zuzuschreiben. Die Spuren und Hinweise, die der Sterbende mit letzter Kraft geliefert hat, sind überaus rätselhaft…

…was Langdon jedoch nicht ahnt, ist, dass er insgeheim beim leitenden Beamten als Haupttatverdächtiger gilt, denn der ermordete, umtriebige Kustus des Louvre war nicht nur ein Experte auf dem Gebiet der freimaurerischen Symbolik, sondern auch der Großmeister einer freimaurerischen Loge: Der berühmten „Prieuré de Sion“. Die Hüter des Geheimnisses über die wahre Natur und das derzeitige Versteck des heiligen Grals. Dumm für Langdon, dass der Sterbende, bevor er das Zeitliche segnete, eine ausgeklügelte Spur in die Vergangenheit gelegt hat, die nur Langdon in Zusammenarbeit mit der Enkelin (Sophie – ihres Zeichens ebenfalls Polizistin und zudem passionierte Kryptologin/Codeknackerin) des Opfers lösen kann, der Saunière auf perfide Weise auch eine verschlüsselte Botschaft hat zukommen lassen. Leider missinterpretiert die Pariser Polizei die Fingerzeige, da sie von der verwendeten und stark verschachtelten Symbolik nicht den blassesten Schimmer hat. So kommt es denn, dass die beiden – nach überhasteter Flucht vom Tatort – auf der Schnitzeljagd nach dem heiligen Gral nicht nur den wahren Killer, sondern auch die französische Polizei im Genick sitzen haben…

_Verschwörungstheorie – Kritik_
Das überaus bewährte Strickmuster Browns geht in die Zweite (wenn man „Meteor“ hinzurechnet, sogar in die dritte) Runde. Jedoch ist dies der zweite Roman mit Robert Langdon als Protagonisten, daher muss er sich als Nachleger direkt mit dem ersten Werk messen lassen… und die Messlatte liegt hoch. Wieder ist es das „alte Europa“, wieder ist es ein alter Geheimbund, um den sich alles dreht. Für Browns Geschichten halten stets reale Orte und ebenso reale Begleitumstände her, allerdings liegt es in der dichterischen Freiheit eines Belletristikers, Realität und Fiktion miteinander zu vermengen, im Idealfall springt dabei ein spannender Plot heraus. Das ist ihm hier auch ganz gut gelungen, obschon dem gut informierten Verschwörungstheoretiker vieles sehr bekannt, anderes allerdings hanebüchen und etwas verfälscht vorkommt.

Wie schon bei Illuminati, stehen die Kontrahenten bereits auf den ersten Seiten augenscheinlich fest, da hätten wir in der roten Ecke die Loge der „Prieuré de Sion“, die sich als Hüter und rechtmäßige Erben des heiligen Grals und Nachkommen des biblischen Stammes David sehen. In der blauen Ecke hockt – ob dieser Gotteslästerung hoch motiviert – der Hardliner-Flügel des Katholizismus, „Opus Dei“, die den klerikalen Status Quo liebend gern mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen. Doch kann man bei Brown darauf vertrauen, dass die Loyalitäten und Absichten seiner Figuren im Laufe der Handlung nicht in Stein gemeißelt sind.

Wie gewohnt verquickt er Mystizismus und Symbolik in einem Kriminalroman, der wieder einmal in einem wilden Wettlauf gegen die Mächte der (weltlichen und kirchlichen) Finsternis gipfeln, diesmal jedoch ist sein Protagonist der Gejagte, dabei ist es nicht nur die französische Polizei, vor der sich Langdon in Acht nehmen muss, da er unter akutem Mordverdacht steht. Ein ganzer Tross mehr oder weniger zwielichtiger Gestalten mischt auch noch mit, und deren Motivationen sind bis zuletzt nicht ganz klar. Die intelligent – und in Teilen real nachvollziehbare – gemachte Schnitzeljagd erhält durch den Ständig-auf-der-Flucht-Faktor eine etwas andere Komponente, erscheint jedoch an mancher Stelle etwas durchschaubar, was den groben Handlungsverlauf angeht – richtig interessant sind aber die Lösungswege, die Brown wieder mal gekonnt inszeniert und herleitet.

Doch auch da waren mir einige Sachen ZU offensichtlich, als Beispiel sei hier die ominöse Fibonacci-Folge als Code für ein Bankschließfach genannt, da möchte man den Figuren eine schallende Ohrfeige verpassen, weil sie scheinbar zu blöd sind, solche Zusammenhänge zu erkennen und sich unnötigerweise Seiten schindend die Köpfe heiß rätseln, während der Leser von einem akuten Gähnanfall in den anderen fällt. Glücklicherweise sind solche Hänger in der Geschichte die Ausnahme und auch den Vorwurf des Eigenplagiats wegen einiger Parallelen zu „Illuminati“ muss sich Brown nicht vorwerfen lassen – Die Geschichte ist trotz mancher Ähnlichkeit eigenständig genug, um sich vom Erstlingswerk abzusetzen.

Die Thematik des heiligen Grals und die Zusammenhänge mit der Hochgradfreimaurerei sind alles andere als unumstritten und gerade die Prieuré de Sion ist für manchen Sachbuchautor heutiger Tage alles andere als ein harmloser, sektiererischer Haufen idealistischer Gutmenschen (allenfalls etwas spleenig, was ihre Rituale angeht), sondern immer noch einer der mächtigsten, freimaurerischen – und mithin gefährlichsten, sofern man daran glaubt – existenten Geheimbünde unserer Zeit. Ein verklärt-romantischer Eindruck entsteht jedoch beim Lesen von „Sakrileg“, und das fügt der Mythen- und Legendenbildung ein weiteres (fragwürdiges) Steinchen hinzu.

Dennoch steckt in dem verarbeiteten Material so manches Korn mehr Wahrheit und (anti-)klerikale Weltanschauung der Loge bzw. der erzkatholischen Falken-Sekte von Opus Dei, als dem unbelasteten Leser, der meint ’nur‘ einen Thriller zu konsumieren, bewusst sein dürfte. Auch Opus Dei ist als real existierende Vatikan-Splittergruppe kein unbeschriebenes Ruhmesblatt der Kirchengeschichte und einen aufmerksamen Blick in diverse Publikationen wert. Es lohnt sich also auf jeden Fall, vor oder nach der Lektüre Sekundärliteratur zum Thema Geheimbünde und Vatikan griffbereit zu haben, ohne Vorwissen macht der Roman nämlich nur halb so viel Spaß. Browns unfreiwillige (ist sie das wirklich?) Interpretation des Stoffes ist bärig interessant und nett verpackt.

Dem Kenner der Materie huscht des Öfteren ein wissendes Grinsen übers Gesicht, wenn beispielsweise vom „göttlichen Weiblichen“, sexual-okkulten Riten oder den „Merowingern“ die Rede ist, die Anspielungen selbst bis ins kleinste Detail (auch der Name des Mordopfers Saunière ist tatsächlich historisch und freimaurerisch vorbelastet) sind für gestandene Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen. Bleibt die Frage, ob Brown solch freimaurerisches Gedankengut absichtlich – hübsch verpackt – über das Transportmedium Thriller unters Volk bringen will, weil er der Bruderschaft bzw. ihrer Ideologie nahe steht (Ohne ihm hier etwas unterstellen zu wollen, aber das wäre eine Erklärung, warum die Prieuré de Sion hier relativ gut wegkommt, während die klerikale Seite – schon wieder mal – regelrecht abgewatscht wird) oder ob Sakrileg einfach nur das ist, was es vorgibt zu sein: Ein flotter Roman, der Fakten und Fiktion spannend miteinander verknüpft. Das ist bei Brown ja stets der Clou: Man kann auch vor Ort in der Realität tatsächlich vieles nachprüfen.

_Dr. Kimball-Langdon und der heilige Gral – Fazit_
Das Warten hat sich durchaus gelohnt, mit „Sakrileg“ hält man ein Buch in den Händen, das man so schnell nicht beiseite legt; wenn die rasante Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, möchte man trotz kleiner Unpässlichkeiten in der Originalität dann doch wissen, wie es weitergeht und in Erfahrung bringen, welcher Natur der heilige Gral denn nun eigentlich ist und wo er versteckt wird. Gerade Liebhaber von grenzwissenschaftlicher Enthüllungsliteratur finden im Plot eine Menge interessanter freimaurerischer und sakraler Symbolik wieder.

So an den Haaren herbeigezogen ist die Sache nämlich nicht, wie Otto-Normal-Leser vielleicht annehmen mag, der sich mit solchen oft in der Öffentlichkeit als Spinnerei geschmähten Theorien zur alternativen Menschheits- und Kirchengeschichte noch nie beschäftigt hat. Im Roman ist jedenfalls viel mehr zu finden als das profane Auge („Profane“ nennt man in Freimaurerkreisen uns nicht-eingeweihte Normalsterbliche) des unbedarften Lesers sieht. Zumindest beweist die mehr oder weniger versteckte Präsentation von in den Öffentlichkeit wenig bekannten (oder ignorierten) Informationen über die Geheimbündelei und die Gralslegende, dass Brown seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hat. Ganz kommt „Sakrileg“ nach meinem Dafürhalten nicht an „Illuminati“ ran, aber ein guter Thriller ist es allemal.

Wolfram Fleischhauer – Das Buch, in dem die Welt verschwand

1780 gerät der Arzt Nicolai Röschlaub in eine mysteriöse Verschwörung. Diverse Geheimbünde kämpfen miteinander und gegen die kaiserliche Regierung. Es ist auch ein Ringen zwischen Reaktion und Aufklärung. Dabei werden keine Gefangenen gemacht. Um sein Leben zu retten, will Röschlaub die Hintermänner entlarven, doch je tiefer er gräbt, desto mehr löst sich das Komplott in ein Gewirr unverständlicher Einzelintrigen auf … – Ein Roman aus Deutschland, der Anspruch mit hohem Unterhaltungswert kombiniert. Sehr elegant spinnt Autor Wolfram Fleischhauer vordergründig ein Garn aus Historie, Krimi und Mystery, das geschickt und überraschend, aber sehr philosophisch aufgelöst wird, wobei der Autor die Kraft zu verdeutlichen versucht, die einer Idee innewohnen kann. Wolfram Fleischhauer – Das Buch, in dem die Welt verschwand weiterlesen

Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1]

Pfarrer Lavelle aus Irland findet in seiner Kirche eine ‚geopferte‘ Frau. Als Spezialist für moderne Kulte (und Tatverdächtiger) beginnt er in eigener Sache zu ermitteln, wobei ihm ein freundlicher Polizist und eine Kunstexpertin helfen. Man kommt einer pseudoreligiösen Verschwörung auf die Spur, die einen neuen Kreuzzug plant, um diese sündige Welt zu ‚reinigen‘ … – Debütautor Dunne schert sich wenig um Handlungslogik oder Figurentiefe, sondern serviert, was das Genre seit Dan Brown dominiert: Kirchen-Geheimnisse und saftige Morde: Munkel-Thriller von der Stange. Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1] weiterlesen

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin

Das geschieht:

Jacob „Jake“ Geismar hat als US Auslandskorrespondent ab 1936 erfolgreiche Jahre in Deutschland verbracht, bis Propagandaminister Josef Goebbels ihm wegen offen nazifeindlicher Äußerungen die Abreise dringend nahelegte. Zurück ließ Geismar Lena, die Liebe seines Lebens, deren Gatte, der Mathematiker Emil Brandt, ein guter Freund des Amerikaners war, ohne vom Ehebruch zu wissen. Lenas wegen kehrt Geismar im Juli 1945 zurück. Außerdem soll er über den Alltag in der von den vier Siegermächten besetzten Hauptstadt berichten.

Berlin ist eine gigantische Geister und Totenstadt. In der endlosen Ruinenwüste fristen die Überlebenden ein von Not geprägtes Leben. Die Amerikaner sehen die Besatzung pragmatisch. Geismar erlebt, wie hier Kriegsverbrecher gestellt und verurteilt werden, während dort andere heimlich aus dem Land geschmuggelt werden, weil sie über wissenschaftliches oder technisches Wissen verfügen, das den Siegern wichtiger ist als Gerechtigkeit. Zudem beteiligen sich Besatzungssoldaten an Schwarzmarktgeschäften, verschieben gestohlene Kunstschätze, handeln mit Entnazifizierungs Papieren eine Unterwelt, in die es Geismar durch den Mordfall Patrick Tully verschlägt. Der US- Lieutenant hatte Emil Brandt zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen. Brandt wird es zu Lena ziehen, die Geismar inzwischen ausfindig machen konnte. Sie haben ihr Verhältnis wieder aufgenommen. Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin weiterlesen

Ellery Queen – Chinesische Mandarinen

Queen Mandarinen Cover kleinEin eigentlich unmöglicher Mord ruft Meisterdetektiv Ellery Queen auf den Plan. Wie hat es der Täter geschafft – und wieso hat er sich solche Mühe gegeben, dem Opfer die Kleidung verkehrt herum anzuziehen und im Mordzimmer alle Einrichtungsgegenstände gegen die Wände zu drehen …? – „Whodunit“-Krimi aus der „Goldenen Ära“ dieses Genres, komplex und liebevoll abgedreht, in Handlung und Personal Krimi-Klassik pur, dazu spannend und witzig. Ellery Queen – Chinesische Mandarinen weiterlesen

Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann?

Das geschieht:

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ein großer Meteorit am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater in die Erde geschlagen. Die Wissenschaft hat ihm den Namen „Wolf-Creek“ verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn „Lucifer’s Couch“.

In diesem Krater liegt die Leiche eines Mannes. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. „Bony“, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus. Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann? weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Warnung: Keinesfalls vor einer Prüfung oder ähnlich wichtigen Ereignissen anfangen – man kann das Buch kaum aus der Hand legen!

_Der Autor_

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Co-AUTORIN!

Jeder darf nun online ein Sakrileg begehen: Mehr Infos sowie ein „Sakrileg“-Online-Spiel gibt’s auf der deutschen Homepage http://www.dan-brown.de

_Handlung_

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University, weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnische Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunière liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis. Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei, am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Sie kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei, schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb mussten der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunière hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer nun wem welches Geheimnis wo, wann und wie abjagt, darum drehen sich die restlichen 450 Seiten. Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen spannenden und sehr leicht zu lesenden Roman in nur wenigen Tagen ausgelesen. Sehr einfach zu lesen ist das Buch deshalb, weil die doch recht vielschichtige geschichtliche Materie, um die es geht, stets fein säuberlich erklärt wird. Was der Symbolologe Langdon nicht versteht, erklärt ihm die Codespezialistin Sophie Neveu. Und umgekehrt.

Als beide zu einem Spezialisten fahren, den Langdon kennt, kommen noch tiefe historische Dimensionen hinzu. Wenn alle drei nicht mehr mit ihren Entschlüsselungsversuchen weiterkommen, gibt es ja immer noch Spezialbibliotheken, auch solche auf dem modernsten technischen Stand.

Und wenn selbst das nicht mehr hilft, um die Rätselsprüche, die Jacques Saunière hinterlassen hat, aufzuklären, muss die gute alte Eingebung und Intuition herhalten. Denn nicht jeder Freund, der sich als solcher ausgibt, stellt sich am Ende auch als solcher heraus. Und wenn man in die Mündung einer Pistole schaut, bringt das die kleinen grauen Zellen ungemein auf Trab.

_Die Akteure_

Auch die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Sophie lernen wir am besten kennen, denn ihre Familiengeschichte und ihre Ausbildung stellen sie an eine ganz besondere Position innerhalb des Themas, das ich bislang noch nicht verraten habe und auch nicht werde.

Schließlich sind da noch die Schurken: Der körperlich außergewöhnliche Mörder des Museumsdirektors, ein Albino, ist ein williges Werkzeug zweier Meister. Der eine davon ist der Opus-Dei-Bischof, doch der andere ist lediglich als „der Lehrer“ bekannt. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bleibt dessen wahre Identität lange Zeit im Dunkeln, nur um dann umso stärker zu schockieren. Das ist sauber ausgetüftelt.

_Good old Europe_

Ohne nun das zentrale Thema zu verraten, kann man doch sagen, dass einem amerikanischen Leser der alte Kontinent Europa wie das reinste Kuriositätenkabinett dargeboten wird. Dies erfolgt in Form einer Schnitzeljagd: ein gelöstes Rätsel führt zum nächsten und so weiter, immer tiefer in die Vergangenheit: von der Kreuzigung über die Kreuzzüge und Tempelritter bin hin zu modernen Geheimbünden.

Der Autor macht den Leser selbst zum Codeknacker, Symbolkundler, Rätsellöser – kurzum: zum Geheimdienstler à la NSA oder CIA. Wir sind dann alle kleine oder große Spykids, genauso wie es die Großmeister der Bruderschaft stets waren. Leonardo da Vinci, auch ein Spykid, verschlüsselte seine Botschaften, wie es schon die alten Juden zu Jesu Zeiten taten. Und der Museumsdirektor des Louvre, in da Vincis Nachfolge, baute die codegeschützten Nachrichtenbehälter da Vincis nach.

Donald Rumsfelds spitzes Wort gegen „das alte Europa“, auf das die europäische Intelligentsia so hochmütig selbstbewusst reagierte – hier, in Dan Browns Roman, nimmt es für jeden Amerikaner Gestalt an. Und wenn wundert’s da noch, dass es am Schluss der Ami Langdon ist, dem doch noch die Lösung des Rätsels in den Schoß fällt. Wenigstens erweist er der Offenbarung seine Reverenz. Na, das ist doch schon mal was.

_Unterm Strich_

Als hätte ihm seine werte Gattin, die Kunsthistorikerin, die geistige Feder geführt, liefert Dan Brown zwar wieder mal einen routinierten Mystery-Thriller ab. Doch dieser spielt mit so vielen geschickt verpackten Hinweisen aus der Kunstgeschichte, dass sich der Leser nicht wie in einem Seminar vorkommt, so wie bei einer sehr anschaulichen Führung durch die Museen und Bibliotheken Europas. Dass dabei noch Mörder, Geheimbünde und die Polizei sowieso hinter den Helden herjagen, tut der Spannung gut, die bis fast zum Schluss aufrechterhalten bleibt. Übrigens finde ich die Übersetzung mit den zahllosen Übersetzungen aus Latein, Englisch, Französisch, Hebräisch usw. sehr gelungen.

In jedem Fall lautet das Motto dieser literarischen Schnitzeljagd „Einer wird Millionär“. Und dreimal dürfen wir raten, wer das wohl sein wird.

_Michael Matzer_ © 2004ff

Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.
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Greg Iles – Infernal

Das geschieht:

Ihre Fotografien von den Schlachtfeldern dieser Welt haben sie berühmt gemacht. Doch nun ist Jordan Glass ausgebrannt. Sie begibt sich auf eine Reise nach Asien – und gerät in Hongkong vom Regen in die Traufe: In einem Kunstmuseum findet sie eine unheimliche Ausstellung. Der anonyme, hoch talentierte Maler bildet Frauen ab: nackt, schlafend – oder sogar tot? Jordans faszinierte Abscheu verwandelt sich in Schrecken, als sie in einem der ‚Modelle‘ ihre Zwillingsschwester Jane erkennt. Die ist vor einem Jahr in New Orleans während eines Jogginglaufes spurlos verschwunden. Das FBI kennt noch mehr dieser Fälle, denen eines gemeinsam ist: Eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt, eine Leiche nie gefunden.

Können nun die Ermittlungen wieder aufgenommen werden? Die Behörden sind willig aber auch ratlos. Kein Mensch hat den Künstler bisher gesehen. Auf eigene Faust beginnt Jordan nach ihm zu fahnden. In New York kann sie seinen Galeristen ausfindig machen. Auch dieser Christopher Wingate behauptet jedoch, seinen Auftraggeber nicht zu kennen, und bedroht die lästige Jordan, die ihm ein lukratives Geschäft zerstören kann. Doch plötzlich geht die Galerie in Flammen auf, denen nur Jordan entkommt. Der unheimliche Maler ist wohl näher als gedacht und schützt sich rigoros davor, enthüllt zu werden. Greg Iles – Infernal weiterlesen

Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco (*05.01.1932), piemontesischer Professor der Semiotik, dürfte den meisten Lesern durch „Baudolino“ und „Der Name der Rose“ bekannt sein. Letzteres wurde bereits mit Sir Sean Connery, F. Murray Abraham und Christian Slater verfilmt, mit etwas anders gesetzten Schwerpunkten.

„Das Foucaultsche Pendel“ hat ebenfalls einen Bezug zum Mittelalter, allerdings ist es anders aufgebaut: Ein vermeintlicher Geheimplan zur Weltbeherrschung der Tempelritter wird hier von drei Mailänder Verlagslektoren in den Siebzigerjahren aufgedeckt – und nahezu alle bekannten Verschwörungstheorien in diesen ominösen, großen Geheimplan eingewoben.

Die Handlung

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Hill, Reginald – dunkle Lady meint es ernst, Die

Nicht von ungefähr kam Eileen Chung, die exzentrische Regisseurin am Kemble-Theater zu Mid-Yorkshire im Norden Englands, auf die Idee, in dem von ihr geplanten mittelalterlichen Mysterienspiel die Rolle Gottes mit Detective Superintendent Andrew Dalziel zu besetzen. Als solcher sieht sich der eigenwillige Chef der Kriminalpolizei selbst nicht ungern. Sein gewaltiges Ego, übertroffen nur vom Leibesumfang, und seine kaum vorhandenen Manieren werden vom Mid-Yorker Stadtklüngel und den eigenen Kollegen geduldet bzw. ertragen, weil Dalziel ein fabelhafter Polizist mit erstaunlicher Aufklärungsquote ist.

Dieses Mal hat er den Vogel abgeschossen. In schlafloser Nacht schaut Dalziel hinaus in die Nacht – und erkennt, dass sich im Nachbarhaus ein Drama abspielt. Unerschrocken eilt er hinüber und stellt den Bauunternehmer Philip Swain, der mit rauchendem Revolver über der Leiche seiner Gattin Gail steht. Ebenfalls anwesend: Hausherr Gregory Waterson, der sich als Liebhaber der Verstorbenen entpuppt.

Noch am Ort des Geschehens nimmt Dalziel Swain fest. Der Fall scheint klar, obwohl der Unternehmer leugnet. Seine Frau sei depressiv gewesen und habe Selbstmord begangen, so seine Aussage. Dumm für Dalziel, dass Waterson dies bestätigt. Der Superintendent rückt nicht von seiner Mordtheorie ab, nach der beide Männer sich abgesprochen haben. Aussage steht gegen Aussage. Selbst in Inspector Peter Pascoe, Dalziels rechte Hand und Freund, und dem treuen Sergeanten Wield steigen leise Zweifel auf. Steigert sich ihr Chef dieses Mal in eine fixe Idee hinein, die sogar ihn zu Fall bringen könnte?

Nebenbei beunruhigen auch die Briefe der „dunklen Lady“, einer Bürgerin von Mid- Yorkshire, die Dalziel anonyme Briefe schickt, in denen sie ihren baldigen Selbstmord ankündigt. Das Mysterienspiel wird alle Beteiligten zusammenführen. Neben Dalziel als Gott soll Waterson als Luzifer auf die Bühne treten – ein Streich des Schicksals, der den Superintendent erst recht erbost und anstachelt, worunter seine Leute und der brandneue Parkplatz der Polizeiwache heftig zu leiden haben …

Gute Zeiten für die Freunde ebensolcher Kriminalromane: Der längeren Pause bis zum neuen Dalziel/Pascoe-Fall einerseits und dem offensichtlichen Erfolg des Duos beim deutschen Leser verdanken wir diesen schon älteren Band der Serie, der aus Gründen der Kontinuität – Buchkäufer sind scheue Gewohnheitstiere – eingeschoben wurde, bis neues Lesefutter erscheint. Das Alter ist bei einem Roman von Reginald Hill seit jeher kein qualitätsminderndes Handicap. Statt dessen darf man sich auf das Übliche, d. h. fein gesponnene Vergnügen eines kniffligen Plots mit zahllosen Haken und Ösen freuen, das vom Verfasser mit dem nötigen Ernst und trockenem Witz – Könner schaffen es, beides zu verknüpfen – dargeboten wird. (Die Übersetzung lässt es am Leben.)

Mid-Yorkshire ist auf den ersten und auch auf den zweiten Blick die typische Provinzstadt des englischen Landhaus-Krimis. Wir befinden uns in einer beschaulichen und überschaubaren kleinen Welt, bevölkert mit skurrilen oder exzentrischen Gestalten, die sich auch durch Mord & Totschlag nur marginal aus dem üblichen Trott werfen lassen. Doch so einfach strickt Hill seine Krimis nicht: Mid-Yorkshire ist eine moderne Schlangengrube, bevölkert von ehrgeizigen Politikern, skrupellosen Geschäftsmachern, korrupten Künstlern, die untereinander kräftig mauscheln und schieben.

Die Filzokratie wird von Hill mit viel Sarkasmus bloßgestellt. Dieses Mal werden die üblichen gesellschaftlichen Grenzen im großen Mysterienspiel aufgehoben. Hinter diversen Masken kommt allerlei Unerwartetes zum Vorschein: ein großartiges Vexierspiel doppelter und dreifacher Täuschungen, das Hill hier entwirft, ein würdiger Höhepunkt für einen wunderbaren Thriller, der mit einer unerwarteten, die eigentliche Aufklärung des Falles tragisch überschattenden Tragödie endet – kein angeklebter Buh!-Bätsch!-Der-war’s-doch- nicht-Schluss à la Jeffery Deaver, sondern die traurige Quintessenz einer bemerkenswerten Nebenhandlung.

„Chef der Kripo von Mid-Yorkshire; der Dicke, das Ekelpaket, das Genie vom CID“ – so stellt uns Reginald Hill Andrew Dalziel vor – sein aktueller Kriminalroman wird stilvoll von einer Liste der auftretenden Figuren eingeleitet: einer der vielen eleganten Scherze des belesenen Verfassers, der uns seine Geschichte als Freiluft-Schauspiel präsentiert, wie Eileen Chung es zu inszenieren gedenkt. Hill doppelt gern seine Handlung bzw. spiegelt sie spielerisch in diversen literarischen Formen und Vorbildern. So haben wir Dalziel bereits in einem früheren Leben als den sagenhaften Odysseus erlebt („Das Haus auf der Klippe“), während ein anderer Fall („Die rätselhaften Worte“) damit endet, dass ihn die Mordopfer im Jenseits klären. Der gegenwärtige Dalziel lehnt sich in Gestalt und Lebensart zudem eng an Shakespeares tragikomischen Falstaff an.

Dalziel balanciert haarscharf auf dem schmalen Grad zur Karikatur. Da ist es gut, dass uns Hill immer wieder daran erinnert: Der Dicke kultiviert sein Image als grobinanischer Bürgerschreck. Dahinter verbirgt sich ein hochintelligenter Skeptiker, der eingleisiges Denken sowie verkrustete Strukturen hasst, und ein komplexer, durchaus menschenfreundlicher, lebenslustiger Charakter. Um Dalziel wenigstens zeitweise aufs Glatteis zu führen, bedarf es schon eines besonderen Gegners. Hill findet ihn in Gestalt eines jämmerlichen Feiglings und Blenders, der indes kein Dummkopf ist und seinen unerbittlichen Verfolger immer wieder mit Finten und Hakenschlägen übertölpeln kann.

Für alle Fälle gibt es Peter Pascoe, den Hill deutlich „realistischer“ zeichnet. Er leistet die Fußarbeit, während Dalziel sich klugerweise auf gelegentliche Auftritte beschränkt, so dass sich seine Figur nicht abnutzen kann. Wenn wir hier lesen, dass Pascoe nach einer Zwangspause von drei Monaten zum Dienst zurückkehrt, so bezieht sich das auf frühere Ereignisse, die hierzulande bereits 1989 (!) in „Unter Tage“ geschildert wurden und sicherlich auch dem Hill-Fan nicht unbedingt präsent sind.

Sergeant Wield kämpft weiterhin mit den Konsequenzen seines „Outings“. Ein homosexueller Polizist in der englischen Provinz darf sich keinen Beförderungswünschen hingeben, um es vorsichtig auszudrücken. Die daraus entstehenden Konflikte sorgen in diesem und vielen weiteren Bänden der Dalziel/Pascoe-Serie für den Seifenoper-Anteil, der mindest ebenso wichtig wie die eigentliche Kriminalhandlung ist.

Die „dunkle Lady“, welche hier natürlich nicht enttarnt werden soll, ist in das eigentliche Geschehen nicht verwickelt, aber stets präsent, bis sie zu schlechter Letzt ihren dramatischen Auftritt hat. Sie lässt den Triumph der Gerechtigkeit schal werden, ohne dass dies einen Missklang in das ausgeklügelte Geschehen bringt – die Lady bringt es selbst auf den Punkt: „I think also that our bodies are in truth naked. We are only lightly covered with buttoned cloth; and beneath these pavements are shells, bones and silence“, zitiert sie aus „The Waves“ der ebenfalls unglücklich geendeten Dichterin Virginia Woolf (1882- 1941) – die letzten drei Wörter bilden übrigens den englischen Originaltitel von „Die dunkle Lady …“.

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im nordöstlichen England geboren, doch die Familie zog bald nach Cumbria um. Als Student ging Hill nach Oxford und wurde später Lehrer in Yorkshire. Hier arbeitete er an seinen schriftstellerischen Ambitionen und debütierte 1970 mit „A Clubbable Woman“ (dt. „Eine Gasse für den Tod“), gleichzeiitg der erste Auftritt von Andrew Dalziel und Peter Pascoe.

Diese Serie umfasst inzwischen zwanzig Episoden und wird weiterhin mit großem Erfolg fortgesetzt. Die BBC hat sich ihrer inzwischen angenommen; Warren Clarke and Colin Buchanan spielen unsere Helden im Fernsehen.

Die Abenteuer von Dalziel und Pascoe stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller ist fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst – längst nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science-Fiction.
Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell. („The Long Kill“ veröffentlichte der Bastei-Lübbe-Verlag als „Der lange Mord“ 1988 unter der Taschenbuch-Nr. 13152.)

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau der Hill-Geschichten. Das schlägt sich unter anderem in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte der „Diamond Dagger“ für seine Verdienste um das Genre.

Autorenhomepage: http://www.randomhouse.com/features/reghill/