Archiv der Kategorie: Zeitgeschichte & Gesellschaft

Johan Stenebo – Die Wahrheit über IKEA . Ein Manager packt aus

IKEA – das Casual-Unternehmen mit der weißen Weste, die heutige Mutter aller Studentenmöbel, das Zuhause für all diejenigen, bei denen der Geldbeutel enger geschnürt werden muss. Und noch so viel mehr Positives gibt es im Zusammenhang mit der weltweit erfolgreichsten und größten Möbelhauskette zu berichten, dass sich eigentlich kaum jemand trauen würde, den schwedischen Konzern in irgendeiner Form an den Pranger zu stellen.

Johan Stenebo hat es trotzdem getan und sich nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit, die absolut nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, mit einem Buchprojekt Luft verschafft. Luft, die ihm am Ende seiner Tätigkeit beim großen Skandinavier nicht mehr geblieben war. Und Luft, die er vor allem denjenigen verschaffen möchte, die nach wie vor Teil des Unternehmens sind und womöglich nicht den geringsten Hauch einer Ahnung davon haben, was sich hinterm gelb-blauen Vorhang des Niedrigpreis-Giganten tatsächlich abspielt.

Johan Stenebo – Die Wahrheit über IKEA . Ein Manager packt aus weiterlesen

Schirach, Ferdinand von – Glück und andere Verbrechen

Ein freundlicher Arzt befreit sich auf radikale Weise aus seiner gescheiterten Ehe. Die Zeitumstellung rettet einen Unschuldigen vor der sicheren Verurteilung. Ein ganz normaler Mann verliert durch seinen versteinerten Alltag den Verstand. Ein pfiffiger junger Ausländer nutzt Vorurteile zu seinem Vorteil und nimmt ein Gericht aufs Korn. Das Verschwinden einer Teeschale und die Schweigepflicht eines Strafverteidigers sorgen für den Tod mehrerer Menschen. Ein vermeintlicher Mörder verheimlicht seine Personalien und kommt so davon.

Auf Ferdinand von Schirachs neues Buch [„Schuld“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7816 wurde ich kürzlich in der Buchhandlung aufmerksam, und nachdem ich es verschlungen hatte, kam ich natürlich nicht umhin, mir auch den Vorgänger „Verbrechen“ zu besorgen. Die hier besprochene Auflage „Glück und andere Verbrechen“ ist die Filmausgabe dieses Werkes anlässlich der Verfilmung der enthaltenen Kurzgeschichte „Glück“.

Wie auch im Nachfolger „Schuld“ arbeitet der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in „Verbrechen“ Fälle aus seiner Kanzlei literarisch auf, nur dass er den Schwerpunkt in diesem Werk nicht auf menschliche Abgründe und die Frage nach Schuld oder Unschuld legt, sondern eher von außergewöhnlichen und skurrilen Fällen erzählt. Diese regen zwar auch zum Nachdenken an und offenbaren im Einzelfall natürlich auch psychische Probleme und innere Konflikte von Menschen, die sie letztendlich dazu bringen, Verbrechen zu begehen, schockieren jedoch etwas weniger als die im Folgewerk und unterhalten eher.

Das führt auch dazu, dass „Glück und andere Verbrechen“ sehr leicht zu lesen ist. Dazu trägt auch die sehr einfache, aber präzise und aufs Wesentliche beschränkte Sprache bei, mit der es Schirach wie keinem anderen gelingt, auf den Punkt zu kommen und mit wenigen Worten genau das zu transportieren, was nötig ist. Keine Ausschweifungen, kein Um-den-heißen-Brei-Gerede, höchstens minimale Schnörkel. Eine willkommene Abwechslung zu den reichlich ausgeschmückten Romanen, die man zumeist zu lesen bekommt, so beeindruckend geschickt verschiedene Autoren auch mit Sprache umgehen können.

Einziger Kritikpunkt ist das meiner Meinung nach sehr unpassende pinke Cover. Aber das ist wohl Geschmackssache und sollte keinesfalls vom Kauf des Buches abschrecken. Dieses ist nämlich sehr zu empfehlen, wenn man Interesse an realen Kriminalfällen hat und auch nicht davor zurückschreckt, etwas über das deutsche Recht zu lernen.

|Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN-13: 978-3492300308|
http://www.piper.de

_Ferdinand von Schirach bei |Buchwurm.info|:_

[„Schuld“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=7816

Schirach, Ferdinand von – Schuld

Eine Frau stiehlt, um sich lebendig zu fühlen. Schulmädchen zerstören aus Eifersucht das Leben eines Ehemannes. Ein Internatsschüler wird im Namen der Illuminaten fast bist zu Tode gefoltert. Eine Blaskapelle schändet und erniedrigt ein junges Mädchen auf abscheulichste Weise, doch niemand muss dafür büßen. Eine junge Frau wird über Jahre von ihrem Mann misshandelt, vergewaltigt und gefoltert, bis er eines Tages erschlagen wird.

Schuld oder Unschuld, das ist die Frage – zumindest in Ferdinand von Schirachs neuem Werk „Schuld“. Nachdem der namenhafte Strafverteidiger bereits mit seinem letzten Buch „Verbrechen“ große Erfolge erzielen konnte (54 Wochen auf der |Spiegel|-Bestseller-Liste, Veröffentlichung in über 30 Ländern), folgt mit „Schuld“ nun eine zweite Sammlung von Kurzgeschichten, in denen Schirach Fälle aus seinem Alltag als Anwalt literarisch aufarbeitet.

Diese sind zuweilen sehr skurril, spektakulär und fast schon amüsant, sodass man nicht umhin kommt, ihren Wahrheitsgehalt etwas in Frage zu stellen, überwiegend jedoch schockierend, erschütternd und ergreifend. Staubtrocken, nüchtern, geradezu analytisch, auf das absolut Wesentliche reduziert und mit überaus treffsicherer Wortwahl berichtet der Autor bei den meisten Fällen zunächst aus der Erzählerperspektive, schildert Tathergänge, skizziert augenscheinlich oberflächlich die Charaktere, gibt dabei jedoch exakt so viel von ihnen preis, wie der Leser wissen muss, um sich in sie hineinversetzen zu können und mit ihnen zu fühlen oder sie zu verurteilen und zu verachten. Im Anschluss wechselt er in die Ich-Perspektive, stellt Ermittlung, Prozess oder persönliche Eindrücke des Falles dar und bringt dem Leser dabei sogar einige Grundlagen des deutschen Rechts näher. Dabei stellt er immer wieder unterschwellig die Frage nach Schuld und Unschuld, nach Gut und Böse und nach Moral und führt dem Leser so eindrucksvoll vor Augen, welch tiefe Abgründe die menschlichen Psyche aufweisen kann und wohin diese Menschen im Einzelfall bringen, zu welchen teils verabscheuungswürdigen, teils sogar nachvollziehbaren Taten sie sie treiben können.

Einzig kritisch anzumerken ist, dass die Geschichten nicht alle auf die gleiche Weise schockieren, ergreifen oder zum Nachdenken anregen. Einige extreme tun dies zwar ganz besonders, zahlreiche andere hingegen wirken etwas lückenfüllend, sorgen zugleich jedoch dafür, dass „Schuld“ nicht ganz so schwer verdaulich ist, wie man zu Beginn vermutet.

|Taschenbuch: 200 Seiten
ISBN 978-3492054225|
http://www.piper.de

Mtawa, Nicole – Sonnenkinder. Mein Leben für die Armen in Indien

_Vom Kampf um eine bessere Welt_

Die junge Nicole macht Abitur und beginnt, nachdem ihr Wunsch nach einer Hebammenausbildung nicht in Erfüllung geht, mit einem Studium. Alles scheint darauf zu hinzudeuten, dass sie den unspektakulären Lebensweg einer Frau aus gutbürgerlichem Haus gehen wird. Ein „Work and Travel“-Aufenthalt führt sie jedoch nach Australien, wo ihr Fernweh geweckt wird. Sie erkennt, „dass es nicht viel braucht, um die Welt zu bereisen und dabei jeden Tag neue wertvolle Erfahrungen zu machen.“ Nach ihrer Rückkehr sucht sie schnell die nächste Möglichkeit, wieder aus dem behüteten Leben in Deutschland auszubrechen. Sie fliegt zu einem Praxissemester nach Tansania und stellt fest, wie freundlich man dort aufgenommen wird, wie schnell man mit den Menschen in Kontakt kommt und mit wie wenig Mitteln man ein ganzes Leben in einem armen Land wie diesem verändern kann. In ihr wächst der Wunsch, ihr Leben mit den Menschen eines solchen Landes verbringen zu können. Noch während ihres Aufenthaltes in Tansania wird ihr Interesse an Indien geweckt, weil ihr dort das Leben der Armen als noch härter beschrieben wird.

Wieder gelingt es ihr, ihr Studium durch ein Praktikum mit ihren sozialen Interessen zu verbinden. Sie fliegt nach Indien und landet zufällig in einem Aschram, in dem auch behinderte Kinder betreut werden. Dort lernt sie den bis auf die Knochen abgemagerten Ganesh kennen, dessen bedauernswerter Zustand sie dazu bringt, all ihre verfügbare Zeit, Kraft und Mittel dafür einzusetzen, dass dieser Junge seinem bereits prognostizierten Tod entrinnt. Als es ihm wieder besser geht und das Datum ihrer Abreise immer näher rückt, gelingt es ihr schließlich sogar, für Ganesh und einen weiteren Jungen, der ihr sehr ans Herz gewachsen ist, Plätze in sozialen Projekten zu finden, die sich speziell um behinderte Kinder kümmern, so dass sie nach fünf Monaten mit einem guten Gefühl abreisen kann. In Indien wird ihr jedoch klar, dass sie ihr Leben solchen Kindern widmen möchte, um die sich sonst niemand auf der Welt kümmert.

Die Zeit ihrer Diplomarbeit führt sie zurück nach Tansania. Wie sie dort ihren späteren Ehemann kennenlernt und sich den Nöten der Straßenkinder annimmt, schildert sie in ihrem ersten Buch „Sternendiebe“ (2009), das sie beim Verlag |Droemer Knaur| unterbringen kann. Ihre Dankbarkeit für diese Entscheidung und die Möglichkeiten, die der Verlag ihr damit eröffnet, kommt in „Sonnenkinder“ ganz deutlich zu Ausdruck. Sie erhält so viel Aufmerksamkeit durch die Medien und Zuspruch durch Leser, dass sie sich schließlich ermutigt fühlt, den gemeinnützigen Verein „Human Dreams e. V.“ zu gründen, mit dem sie ihr lang erträumtes Projekt, ein Heim für voll pflegebedürftige Kinder in Indien zu errichten, auf einen finanziellen Grundstock stellen und sofort daran gehen kann, es in die Tat umsetzen.

In „Sonnenkinder“ erzählt sie außer der langen Vorgeschichte, die ihre Motivation deutlich werden lässt und dem Leser den größten Respekt vor dieser junge Frau einflößt, nun den ebenfalls nicht ganz einfachen Weg, ein Haus zu finden und nach den Bedürfnissen einer Pflegeeinrichtung auszustatten, die Erlaubnis zum Betrieb zu erhalten sowie geeignetes Personal zu finden, das ihren Idealismus teilt und sich wie sie selbst über alle Maßen engagiert. Kinder, die ihrer Hilfe bedürfen, finden sich dagegen vergleichsweise schnell. Einige von ihnen kann man auf den Farbfotos in der Mitte des Buches sehen.

„Sonnenkinder“ ist das ohne Dramatik flüssig erzählte und deswegen nur umso ergreifendere Zeugnis einer Frau, die ihr Leben in den Dienst für eine gute Sache stellt. Da hätte es des Untertitels nicht bedurft, denn sie gibt zwar nicht ihr ganzes Leben für die Armen in Indien, aber sie setzt einen beträchtlichen Teil ihrer Kraft und ihres Engagements dafür ein.

Während sich der Normalbürger mit Anfang dreißig bereits ein bequemes Leben in vier Wänden mit allen nötigen Versicherungen einrichtet, wandelt sie seit Jahren zwischen den Kontinenten und steckt alles verdiente Geld in ihre Projekte und eine bescheidene Zukunft in Tansania. Immer wieder findet sie Mitstreiter und motiviert ihre Umgebung, sich ihrem Feldzug für diejenigen anzuschließen, denen niemand sonst hilft. Sie macht dem Leser deutlich, wie gut es uns in Westeuropa geht und mit wie wenig finanziellen Mitteln in anderen Ländern bereits großartige Projekte auf die Beine gestellt werden können. Ohne direkt für etwas zu werben, stärkt sie damit das Bewusstsein dafür, dass tatsächlich eine kleine Spende, die einem Normalverdiener in Deutschland kein Loch ins Portemonnaie reißt, für ein Projekt in einem Entwicklungsland immer sinnvoll ist.

Man kann ihr nur wünschen, dass sie mit ihrer Offenheit und der nicht ganz ungefährlichen Bereitschaft, sich vorurteilsfrei auf das Schicksal anderer einzulassen, weiterhin so glücklich im Leben fährt und auch ihre Pläne hinsichtlich der Kinder bettelnder Frauen in Tansania in Zukunft verwirklichen kann. Wir brauchen Menschen, die uns ein bisschen Hoffnung dahingehend schenken, dass diese Welt nicht so egoistisch und kalt ist, wie sie im Alltag häufig wirkt. Daher ist dieser Erfahrungsbericht absolut lesenswert.

|240 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3426784518|
http://www.droemer-knaur.de

Mozes Kor, Eva / Rojany Buccieri, Lisa – Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele-Opfer erzählt

|“Dreimal in der Woche gingen wir in das Hauptlager von Auschwitz zu Experimenten. Diese dauerten sechs bis acht Stunden. Wir mussten nackt in einem Raum sitzen. Jeder Teil unseres Körpers wurde vermessen, betastet, mit Tabellen verglichen und fotografiert. Auf jede Bewegung wurde geachtet. Ich fühlte mich wie ein Tier in einem Käfig. Dreimal in der Woche gingen wir ins Blutlabor. Dort wurden uns Keime und Chemikalien injiziert, und sie nahmen uns viel Blut ab.“|
– Eva Mozes Kor: |Heilung von Auschwitz und Mengeles Experimenten|

Die Konzentrationslager im Dritten Reich, in Nazi-Deutschland, sind ein Schrecken, eine Mahnung an weitere Generationen und ein Beweis für ein Verbrechen, das in der Geschichte beispielslos ist. Mit dem Holocaust verbinden wir die Ermordung von sechs Millionen Juden und unzähligen Menschen, die aufgrund von Krankheiten, Behinderungen oder aufgrund von anderen ideologischen Gedanken grausam getötet wurden.

Doch es gab noch grausamere Schicksale als das Endgültige und die für viele Menschen willkommene Erlösung durch den Tod. Unter der Leitung von deutschen Ärzten wurden an lebenden Menschen medizinische Experimente durchgeführt. Es ging hier nicht primär um die Entwicklung von lebensrettenden Medikamenten, sondern um die Erforschung von Infektionen und Krankheiten sowie um das Erreichen, sauberes Erbgut zu produzieren. In Auschwitz wurden kleinere Lager und Sektionen eingerichtet, um gerade Zigeuner- und jüdische Kinder zu selektieren und gesondert unterzubringen.

Dr. Josef Mengele, ein charismatischer, höflicher und gut aussehender Arzt, übernahm die Leitung in Auschwitz-Birkenau. Ehemalige Häftlinge beschrieben Dr. Mengele immer als gut gekleidet, höflich und zuvorkommend. Trotzdem war er ein Mörder, der für Zehntausende Opfer verantwortlich war, die er durch medizinische Experimente und Versuche umgebracht hat. Er war ein eiskalter Todesengel, der schon beim Eintreffen von neuen jüdischen Familien durch seine persönliche Selektion über Tod oder Leben entschied.

Besonders die medizinische Forschung an ein- und zweieigen Zwillingen war eines seiner größten Interessengebiete. Die Erforschung des identischen Erbgutes war zu der Zeit das interessanteste Thema, um sich vielleicht in medizinischen Gesellschaftskreisen profilieren zu können.

_Die jüdische Überlebende Eva Mozes Kor,_ die zusammen mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Miriam in Auschwitz interniert war, erzählt in ihrem Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ von ihrer lebensgefährlichen Zeit, in der das Zwillingspaar missbraucht worden ist.

Sehr eindringlich erzählt die überlebende Autorin ihre, noch anfänglich unbekümmerte Kinderzeit, die sich immer weiter durch Verfolgungen und Bedrohungen verschlimmerte. Sie schildert die Ankunft in dem KZ, die letzte Begegnung mit ihren Eltern und Geschwistern die es nicht überlebt haben. Der Alltag in den Fabrikanlagen des Todes ist menschenverachtend, die Glücklichen sterben als Erste, die anderen, besonders Kinder, sind oftmals nur „Meerschweinchen“ für die dortigen Ärzte.

Eva Mozes Kor transportiert ihre Erlebnisse, ohne zu dramatisieren. Erzählt von anderen Kindern, die nicht überlebt haben, von Versuchen an ihr und ihrer Schwester, die so morbide grausam klingen, dass es unmöglich ist, Dr. Mengele noch als Mensch bezeichnen zu können. Doch sie verurteilt oder beurteilt diesen Mann nicht, sie berichtet nur aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Perspektive.

Bezeugt werden Experimente mit Injektionen von Fremdstoffen und Krankheitserregen, mit Bluttransfusionen und chirurgischen Eingriffen, die ohne Narkose durchgeführt wurden. Mengele tötete oder beauftrage andere Ärzte, er war der Tod in Person.

Eva und Miriam überleben die Tortur in Auschwitz. Evas Schwester allerdings ist schwer krank und stirbt an den Folgen der Experimente 1993. Die Autorin erzählt von den Jahren später, erzählt von ihrer Übersiedlung ins Gelobte Land Israel. Doch das Grauen und die Ereignisse kann sie nicht vergessen. Mithilfe der Jugendbuchautorin Lisa Rojany Bucceri gelingt es ihr, das erlebte Grauen auf Papier zu bringen. Es ist ihr Nachlass, es ist ihre Mahnung und es auch eine Botschaft vergeben zu können.

Sie ist eine der letzten Zeitzeugen und erzählt gerade auch für jugendliche Leser ihre Lebensgeschichte, ohne künstliche Effekte oder gerade mit künstlichen Effekten ihre Erlebnisse zu dramatisieren.

Das Buch „Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele-Opfer erzählt“, ist berührend und authentisch und gerade auch für Schulklassen, die den Holocaust im Geschichtsunterricht behandeln, äußerst empfehlenswert.

Am Ende gibt es neben einigen Bildnachweisen noch eine chronologische Zeitleiste und ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, die auch in diesem Buch vorkommen.

Ich habe größten Respekt vor der Autorin, die betont, dass das Vergeben wichtig sei, aber man nicht vergessen dürfte, was den Kindern und natürlich auch den anderen Opfern des Nazi-Regimes angetan wurde. Körperliche Wunden heilen, doch seelische Narben schmerzen für immer.

_Fazit_

„Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele Opfer erzählt“ von Eva Mozes Kor und Lisa Rojany Bucciere ist eine wahre Geschichte, die man gelesen haben sollte.

Als Erinnerung an ihrer Schwester, als Mahnung und als Botschaft vergeben und vergessen zu dürfen, hinterlässt und die Autorin ein Plädoyer für den Willen zu überleben.

Eines der ganz wichtigen Bücher in diesem Jahr und für alle jugendlichen Leser eines, das man gelesen haben sollte.

_Autoren_

Eva Mozes Kor (geborene Eva Mozes; * 30. Januar1934 in Portz, Rumänien) ist eine Überlebende des Holocaust und wurde zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Miriam von Josef Mengele für Experimente in der Zwillingsforschung missbraucht. Sie löste kritische Reaktionen bei anderen Holocaust-Überlebenden aus, als sie am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz persönlich allen Nationalsozialisten ihre Taten vergab.
Kor wurde 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und erhielt die Gefangenennummer A-7063. Ihre Eltern und die zwei älteren Schwestern starben in den Gaskammern. Sie und ihre Zwillingsschwester aber überlebten die grausamen Experimente und kehrten nach dem Krieg nach Rumänien zurück. 1950 siedelten beide nach Israel über und traten später der israelischen Armee bei. Den Amerikaner Michael Kor, ebenfalls ein Überlebender der Konzentrationslager, heiratete Eva Mozes im Jahr 1960 und zog nach Terre Haute in Indiana, wo sie noch heute lebt.

Kor gründete die Children of Auschwitz-Nazi’s Deadly Lab Experiments Survivors (C.A.N.D.L.E.S.) und konnte bisher 122 Überlebende der Zwillingsexperimente ausfindig machen. Sie kämpft bis heute darum, die medizinischen Folgen und Hintergründe der Versuche in Erfahrung zu bringen – nur so können die Opfer hinreichend behandelt werden.

Die Filmemacher Bob Hercules und Cheri Pugh begleiteten Kor über Jahre hinweg mit der Kamera, woraus der Film „Forgiving Dr. Mengele“ entstand.

Lisa Rojany Buccieri hat über 100 Kinderbücher verfasst, darunter auch mehrere Bestseller und preisgekrönte Werke. Sie arbeitet zudem als Lektorin und ist seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig. Lisa Rojany Buccieri lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

|Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-13: 978-3570401095|
[www.randomhouse.de/cbjugendbuch]http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/index.jsp

Reng, Ronald – Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben

_Es ist zwei Jahre her,_ seit dem Tod des Hannoveraners und Nationaltorhüters Robert Enke. Doch das Thema Depression wird seit seinem Selbstmord sensibler und offener diskutiert.

In unserer Leistungsgesellschaft, die durch das Streben nach mehr Erfolg und öffentlicher Selbstdarstellung dominiert wird, sind persönliche Schwächen oder gar psychische Krankheiten ein Tabuthema. Schwäche ist gleichbedeutend mit der Aura des inakzeptablen Versagens. Auch im Leistungssport sind psychische Krankheiten – Depressionen, Angstzustände, Burn-out anzutreffen. Auch Profisportler sind nur Menschen, ihr Geld, ihr Vermögen, schützt sie nicht vor dem Druck zu versagen. In der Dunkelheit werden auch ihre inneren Schreie heller und die Einsamkeit ist trotz Erfolg, Geld, Ruhm eventuell immer einen Schritt voraus.

Der vorliegende Roman zeigt nicht nur Einblicke in das Profifußballgeschäft, sondern auch das Leben mit einer Depression. Doch nicht nur Robert Enke ist bzw. war ein Opfer seiner Depression, auch seine Frau Theresa litt, kämpfte und sorgte sich um ihn. Ihre Kraft muss enorm gewesen sein und ihr Arrangement nach dem Selbsttod ihres Mannes selbstlos und bewundernswert.

_Die Angst vor dem persönlichen Versagen_

Das Buch beginnt mit der chronologischen Laufbahn eines talentierten jungen Mannes, der den Schritt wagt und ins Profigeschäft einschlägt. Anfangs ein Kind voller Lebensmut und Optimismus, bei jedem beliebt und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Ein starker Charakter, so scheint es, doch die Vorboten der Schatten hatten ihn schon in Griff. Als 16-Jähriger im Fußballmagazin „Kicker“ als Jugendfußballer vorgestellt. Nur ein Jahr später der Profivertrag bei Carl Zeiss Jena. Immer schon wollte er der perfekte und fehlerlose Torwart sein, ein Vorbild, ein Idol – diesen Anspruch an sich selbst konnte er nicht erfüllen. Immer höher hinaus, immer schneller an Reaktionen und Reflexen, niemals dem Gegner oder sich nur einen Hauch von Angst zeigen oder spüren lassen. Zwar entwickelte Enke zu diesem Zeitpunkt einen inneren Schutzmechanismus, doch frei von Ängsten und Sorgen wurde er nie.

_Die Angst einfangen oder weglaufen?_

Schwierigen Situationen geht man gerne aus dem Weg oder man stellt sich ihnen. Es gibt kaum eine andere Alternative. Als Robert Enke bei Benifica Lissabon unterschreibt, wollte er wenige Stunden später alles hinwerfen. Seine persönlichen Stärken und Erfolge übersah er, als wären sie niemals dagewesen. Die Ängste beherrschten ihn völlig und letztlich gewannen sie immer wieder mehr Schlachten um die Seele des jungen Mannes.
2003 kommt die erste Depression durch. Theresa und Robert Enke hatten eine glückliche Zeit in Lissabon. Ein Transfer nach Barcelona beendete diesen Zustand schnell. Sein Selbstbewusstsein schwand von Tag zu Tag, oftmals hatte er Schwierigkeiten, sich auf einen geregelten Tagesablauf einzustellen. Seine Trainingseinheiten beim Königsclub Barcelona waren desaströs. Vor Angst gelähmt, wurde er schnell den Ansprüchen seines Trainers und des Vereins nicht gerecht.

Er suchte sich professionelle Hilfe, nicht zuletzt haben ihm seine Frau und sein bester Freund dazu geraten. Entgegen seiner innerlichen Überzeugung wechselte er nach Istanbul und nach zwei Spielen löste er seien Vertrag auf. Die ersten Selbstmordgedanken kamen an die Oberfläche und er erkannte, dass er eine Therapie machen muss, wollte er nicht alles verlieren – auch nicht seine liebende Frau Theresa, die zeitweise immer wieder am Ende ihrer Kräfte war.

Als seine Tochter Lara geboren wurde, verlagerten sich seine Prioritäten. Tragisch wurde es allerdings für die Enkes, als bei Lara ein Herzfehler diagnostiziert wurde. Trotzdem ist seine Tochter der Lebensmittelpunkt für ihn und selbst beim zweitklassigen Verein Teneriffa findet er den notwendigen Halt.

Der Wechsel nach Hannover, zurück nach Deutschland, ist für die junge Familie der notwendige Schritt und Rückhalt für sie durch Familie und Freunde.

Bei Hannover 96 wird er zum Medienliebling und zum Starspieler. Durch seine brillanten Leistungen wird er in die Nationalmannschaft gerufen. Der Druck, der damit auf ihm lastet, lässt seine Ängste wieder aufleben. Die Angst davor, dass seine Krankheit entdeckt wird, verschlimmert die Situation. Den Tod seiner Tochter Lara verkraftet er letztlich vielleicht nur durch die Hilfe seiner Frau. Auch die Überlegung, sich stationär behandeln zu lassen, lässt er fallen, denn das wäre dann auch das eventuelle Ende seiner Karriere. Nur durch Einnahme von Antidepressiva funktioniert er bei Einsätzen in der Bundesliga. Innerlich zieht er sich immer mehr und mehr zurück – und tötet sich wenig später.

_Kritik_

In dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ geht es nicht darum, von dem Fußballer und Torhüter Enke zu berichten. Sein Freund Ronald Reng erzählt die Geschichte eines Mannes, der an dem beständigen Druck zugrunde gegangen ist. Dem Leser fällt es schwer zu begreifen, warum Ronald Reng und Robert Enkes Frau Theresa es nicht schaffen konnten, Robert zu helfen. Doch durch die persönliche Nähe und Freundschaft fehlte eventuell auch die Distanz, unkonventionelle Wege zu gehen.

Ronald Reng verschönert oder idealisiert nichts, sondern setzt sich kritisch mit dieser Krankheit Depression auseinander. Durch die persönlichen Einblicke in Robert Enkes Tagebücher und Notizen und vielen, intensiven Gesprächen mit seiner Familie und Freunden, zeigt sich Robert Enke von seiner menschlichen, verletzten Perspektive.

Doch immer wieder sieht man auch, wie verantwortungsvoll und stark Robbi Enke auch war. Wie hilfsbereit er zu Kollegen und Nachbarn gewesen ist. Er beteiligte sich nicht an Intrigen oder Machtspielen innerhalb des Vereins, er wollte immer nur über Leistung überzeugen.

_Fazit_

Ein allzu kurzes Leben von Ronald Reng und Robert Enke ist ein Testament, ein berührendes Plädoyer für das Verstehen und Begreifen dieser Krankheit, die auch erfolgreiche Menschen zerstören kann und in unserer Gesellschaft noch viel zu sehr tabuisiert ist. Es ehrt den Menschen Robert Enke, aber es ist auch ein Vermächtnis, eine Mahnung zu kämpfen. Nicht nur der Patient, auch die Angehörigen sind von dieser Krankheit betroffen.

Ein allzu kurzes Leben ist nicht nur Fußballern zu empfehlen, sondern insgesamt ein sensibles Buch, das aufklärt und zu verstehen hilft. Großartig!

_Autor_

Ronald Reng, geboren 1970 in Frankfurt, lebt als Sportreporter und Schriftsteller in Barcelona. Sein Bestseller »Der Traumhüter«, das glänzende Porträt eines unbekannten Torwarts, erreichte über die Fußballgemeinde hinaus eine große literarische Leserschaft. Für Reportagen über Robert Enke wurde er mehrmals mit dem Großen Preis der Deutschen Sportjournalisten ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman »The Funny German«

|Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (November 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3492273169|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de/piper/index.php

Soboczynski, Adam – Kleist – vom Glück des Untergangs

_Das könnte man sich ersparen_

_Autor_

Der 1975 in Polen gebürtige Adam Soboczynski studierte in Bonn Literatur, promovierte über Heinrich von Kleist und erinnerte sich gerade noch rechtzeitig seines damaligen Themas, um uns ein Büchlein zu schenken, das er offenbar aus ganzen sechzehn Quellen deriviert hat. Mitglied der „Feuilleton-Gesellschaft“, die wir heute in Deutschland haben, ist er leitender Mitarbeiter der „Zeit“. Er wohnt in Berlin und Hamburg.

_Antipathie_

Die bedrückende Stimmung, die auf dem Datum des 21. November 1811 liegt, eines nach Zeugenaussagen fröhlichen Selbstmords zweier Liebender, die einander vielleicht nur platonisch zugetan waren, gilt es zu wenden in Optimismus. Inzwischen weiß jeder, dass die vom Autor als Komplizen bezeichneten Selbstmörder unmittelbar vor diesem Schlussakkord schäkernd und ausgelassen am Wansee umhertollten. Dieser Ort wird heute zur Touristenattraktion hochstilisiert, weniger für Henriette Vogel als für den Dichter Kleist, den doch eigentlich keiner mag.

Der Klappentext will uns mit der glatten Unwahrheit fangen, dass das Buch „dem maßlosen Glück dieses Dichters auf der Spur“ sei, denn von Glück ist in dem ganzen Buch keine Rede. Wir erfahren auch nicht, worin wohl das Glück des Untergangs bestanden haben könnte, wie gleich der Untertitel verspricht. Auch dass das Büchlein „eine kleine Anleitung zur Erfolglosigkeit“ sei, ist nur eine Erfindung des Klappentexters, der den Leser auf die spärlichen Seiten locken möchte, die angefüllt sind mit maßloser Missgunst. Nicht einmal Kleists Königsberger Unterleibsschmerzen will der Autor gelten lassen, sie seien viel mehr „Geburtswehen“ gewesen, unter denen er auch die Erzählung „Das Erdbeben von Chili“ gebar. Auch an diesem lässt der Autor kein gutes Haar, handelt es sich doch dabei aber um ein romantisches, vielleicht nur etwas kitschiges Werk.

Keinem Lektor fällt heute mehr auf, wenn der Textbaustein, ein ganzer Passus einer „aberwitzigen Stilisierung und Dramatisierung des Dichters“ auf Seite 23 zwei Seiten später noch einmal komplett auftaucht. Kleists antinapoleonische Gesinnung, die sicher dichterisch überhöht war, wird als bare Handlungsanleitung genommen, wie alle seine Werke, und schon ist der unliebsame Hasardeur Kleist gebacken.

Andere Autoren schreiben aus achtungsvoller Distanziertheit über Kleist, Soboczynski macht sich den Habitus des Allwissenden zueigen, der den Stab über Kleist völlig bricht. Dieses Gift konnte nicht länger reichen, als achtzig Seiten. Für Leute, die sich einigermaßen auskennen, mehr als genug. Gedankentiefe, ob in Kleists Leben und Sterben eine Botschaft für die heutige Zeit liegen könnte, kann man von einem Feuilletonautor nicht erwarten, und man fragt sich, warum er sich diesem Thema wohl für einige Jahre verschrieben haben muss.

Was wundert es noch, dass so ein Scheusal seine Verlobte in die Schweiz hat zwingen wollen, unter der unerquicklichen Aussicht, dort Bäuerin zu werden. Man soll die Meinung des Autors teilen, dass einem Selbstmord mit großer Empörung zu begegnen ist, wie es angeblich Kleist geschehen. Da gibt es weitaus andere verbürgte Stimmen. Für den Autor ist das nichts als eine „dreiste Tat“. Kennt er sich denn wirklich in den Wortbedeutungen der deutschen Sprache aus?

_Nur ein schönes Bild_

Nicht neu ist das Bild des Gewölbes, das sich doch ohne Stütze trägt, und zwar, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen. Ein solches Gebilde ist auch unser Kleist, dessen Steine heute aus Kritikern bestehen, die ihn allesamt herabstürzen wollen und keiner so richtig die Nase vorn hat. Dem Publikum, das mit guter Berechtigung den Kleist eigentlich gar nicht liest, ist es umso mehr ein Genuss, dies feste Gewölbe zu sehen. Die dreisten Taten tragen Früchte.

|Hardcover: 96 Seiten
ISBN-13: 978-3630873633|
[www.luchterhand.de]http://www.randomhouse.de/ebook/Kleist-Vom-Glueck-des-Untergangs/Adam-Soboczynski/e369844.rhd?edi=369844

_Adam Soboczynski bei |Buchwurm.info|:_
[„Die schonende Abwehr verliebter Frauen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5228

Steingart, Gabor – Ende der Normalität, Das

_Aus der Feuilletongesellschaft_

|Der Spannungsbogen|

Das Buch trägt den Untertitel |Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war| und das Coverdesign gemahnt dementsprechend an eine Todesanzeige. |Das Ende der Normalität| bedeute keinen einfachen Übergang vom verklärten Gestern in ein später ebenso zu verklärendes Heute und Morgen, sondern der Autor will deutlich machen, dass etwas Grundsätzlicheres vor sich geht, eine solche Auflösung jeglicher Normen, dass der wehmütige Blick zurück gerechtfertigt erscheint.

Das ist auch sehr spannend, weil ausgesprochen kategorisch, wenn der Spannungsbogen nicht seinen Tribut forderte. Nachdem der grundsätzlichen Idee Genüge getan ist, nimmt er einige Argumente hinzu, die das Ganze nicht gar so schlimm erscheinen lassen. Dann fasst er dem Leser selbst an die Nase, indem er ihn als „entfesselten Kunden“ bezeichnet, wo wir doch gern den entfesselten Kapitalismus haftbar gemacht hätten. Da langweilt man sich schon ein bisschen, weil man sich doch selbst ganz gut kennt. In einem dritten Teil streift er die sattsam bekannte Weltpolitik, sieht auch dort nur wenige Unvermeidlichkeiten, um dann zum Schluss noch mal die Philosophen zu Rate zu ziehen, die uns wie Sloterdejk zu bescheiden haben: „Du musst Dein Leben ändern“.

Das ist leider nicht anders zu beschreiben, als ein stetig fallender Spannungsbogen, zumal bei den weltpolitischen Themen, die da sind: Terrorismus, Finanzkrise und Großmächte, dann eben die schönen Bilder und Beispiele ausgehen und man mehr in die Rolle eines nur bedingt verstehenden Betrachters gedrängt ist, ganz wie er uns gleich zweimal Büchners Danton ausrufen lässt: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten gezogen“. Diese unbekannten Gewalten, freilich, hätte man gern enträtselt.

Man könnte versucht sein, den Marx und den Engels, diese Gespenster des Kommunismus, immer noch für die Lösung zu halten, aber Steingart bescheinigt, dass es sich beim Kommunismus um „das freundlichste Schreckgespenst“ handelt, und im Übrigen wäre die Sache demokratisch entschieden, denn die Arbeiter „fegten das System nicht hinweg, wie Marx ihnen geraten hatte, sondern schlossen sich an die große Gewinnmaschine an“. Hier könnten dem Autor ein paar Details der Geschichte entgangen sein, die immerhin den Status von „Experimenten“ hatten, die mit dem erfolgreichen Slogan Adenauers „keine Experimente“ doch nur teilweise vermieden werden konnten.

|Brillante Fakten|

Wo wir uns wirklich an die eigene Nase fassen müssen, ist, dass wir jetzt im Schnitt vier Stunden fernsehen, während wir noch in den 70ern mit einer Stunde auskamen und dass nur noch jeder zweite Deutsche überhaupt einer geregelten Beschäftigung nachgeht. Beschwichtigen soll uns, dass jeder Zweite über Wohneigentum verfügt und 90% ein Auto haben und dass in jedem Haushalt jetzt durchschnittlich zwei Fernseher vorhanden sind, es uns also eigentlich besser geht als je zuvor. Dass noch vor fünfzig Jahren doppelt so viel Babys zur Welt kamen, haben wir wieder uns selbst zuzuschreiben. Auch dass wir als Kunden zu wählerisch seien, „frivole Bürschchen“ nennt uns Steingart da, und die Industrie entsprechend reagiert, gehört zum Thema Selbstkritik.

Dass nur noch drei Viertel der Jobs Vollzeitstellen sind und Spitzeninvestmentbanker 200 Mal so viel verdienen, wie ein Ingenieur, hält der Autor für kritikwürdig, aber es tritt vor unserem eigenen Kerbholz zurück. Denn dass wir nach vierzig Jahren im Schnitt mit 135 PS herumfahren und nicht mehr mit 50, ist wohl auch unsere eigene Kaufentscheidung. Ein Werktätiger in der Autoindustrie stellte vor dreißig Jahren jährlich zehn Autos her, heute sind es dreißig.

Als Ausweg aus unserem Überalterungsproblem hält es Steingart für eine geeignete Maßnahme ein Drittel der deutschen Bevölkerung durch Ausländer zu ersetzen, bei denen er davon ausgeht, dass sie dann widerspruchslos unsere Alten finanzieren und betun. Könnte das nicht eine Illusion sein?

_Der Autor_

Gabor Steingart, der erfolgreiche Spiegelredakteur und jetzige Handelsblatt-Chefredakteur lieferte nicht nur griffige journalistische Berichte, sondern brillierte auch mit Büchern wie 2007 |Die Machtfrage|, die nicht weniger antizipierte als das Ende der Ära der Parteien. Der Sprachwitz, die eingängigen Bilder und umfassende Bildung bieten immer wieder gute Unterhaltung, bis hin zu revolutionierenden Gedankengängen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse scheinen da obsolet, wenn Gravitation und Magnetismus im fulminanten Eingangsbild dieses neuesten Essays, einer Reise zum Mittelpunkt der Erde, und später noch einmal, fröhlich durcheinandergebracht werden. Dass solche Ungenauigkeiten heute als verzeihlich gelten, führt manchen zu dem Schluss, dass wir in einer |Feuilletongesellschaft| leben, in der genau das zur Norm geworden ist.

_Fazit_

Es gibt eben keine Normalität mehr, und das fängt bei uns an. Es sind Zeiten in Aussicht, die die glücklichsten sein könnten, aber auch die fangen bei uns an. Also dann, wo fangen wir an?

|Hardcover: 176 Seiten
ISBN-13: 978-3492054591|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de

_Christian Rempel_

Lindner, Lilly – Splitterfasernackt

_Inhalt_

Lilly ist sechs, als sie das erste Mal von einem Nachbarn in dessen Wohnung vergewaltigt wird. Danach folgen Jahre der Misshandlung. Seitdem fühlt sich Lilly ihrem Körper nicht mehr zugehörig. Sie fängt an sich zu bestrafen, indem sie hungert, um nicht mehr da zu sein. Zeitweise hat sie auch Bulimie. Sie verletzt sich selbst und versucht sich mehrmals umzubringen.

Da sie ihren Eltern nichts über den Missbrauch erzählt, trifft sie auf Unverständnis und Gleichgültigkeit. Mit siebzehn hält sie es nicht mehr aus und zieht in eine eigene Wohnung. Nach einer Weile fängt sie an, in einem Edelbordell ganz in ihrer Nähe zu arbeiten. Sie prostituiert sich, weil ihr Körper eh nicht mehr zu ihr gehört. Und so kann sie wenigstens damit Geld verdienen, denkt sie sich.

Während der Zeit im Bordell, fängt sie an über ihr Leben zu schreiben, um somit die Ereignisse zu verarbeiten.

_Kritik_

Das Buch „Splitterfasernackt“ von Lilly Lindner ist unfassbar real und ergreifend geschrieben. Allein der Titel des Buches hat mich wie magisch angezogen. So, dass ich direkt wissen musste, was dahinter steckt. Nachdem ich den Klapptext gelesen hatte, wurde ich noch neugieriger auf die Geschichte, die Lilly zu erzählen hat.

Dennoch fällt es mir unglaublich schwer, eine Rezension über dieses Buch zu schreiben. Es hat mich einerseits fasziniert, aber auch fast sprachlos gemacht. Schon beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich es wohl schaffe, eine angemessene Bewertung für dieses Buch abzugeben.

Die ersten Seiten des Buches sind noch etwas ungewohnt zu lesen und man fragt sich, wie die Autorin damit ganze 400 Seiten füllen will. Aber man gewöhnt sich schnell an den Schreibstil. Dann sind die Sätze auch flüssiger zu lesen und man fügt sich in die Geschichte ein. Je länger man liest, desto mehr fühlt man sich zu Lilly hingezogen. Man findet sie sympathisch, obwohl sie ihren Körper selber schändet und bestraft. Man möchte ihr helfen und hofft, dass es ein Happy End in der Erzählung gibt.

Die Erlebnisse von Lilly sind grausam, aufwühlend und interessant zugleich. Man weiß, dass diese Frau all das, was sie niedergeschrieben hat, erlebte. Aber genau das ist es, was das Buch ausmacht. Man liest über reale Gefühle und man bekommt Einblicke in die Welt einer labilen und psychisch angeknacksten Persönlichkeit und erfährt die unglaublich grausame Wahrheit.

Ich bewundere die gefundene Stärke, die Lilly Lindner aufgebracht haben muss, um ihre Geschichte auf Papier zu bringen und für alle Welt öffentlich zu machen. Und ich hoffe, dass ihr das geholfen hat, das Erlebte zu verarbeiten, so dass sie nun ein einigermaßen normales Leben führen kann.

_Autor_

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie, autobiographische Texte und Romane zu schreiben. Viel Zeit verbringt sie heute mit der Arbeit mit Kindern. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Splitterfasernackt“ von Lilly Lindner ist eine extrem bewegende Erzählung, prall gefüllt mit realen und erschütternden Erfahrungen und Gefühlen. Mich hat das Buch sehr berührt und aufgewühlt. Es geht wirklich unter die Haut.

Wer wirklich Interesse für diese Art von Erfahrungen zeigt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

|Broschiert: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3426226063|
[www.droemer.de]http://www.droemer.de

_Nadine Stifft_

Lahm, Philipp – feine Unterschied, Der – Wie man heute Spitzenfußballer wird

_Viel Lärm um nichts?_

Eigentlich hätte Philipp Lahm ja damit rechnen sollen, dass die Publikation eines Fußballspielers, der als Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft und des erfolgreichsten hiesigen Klubvereins eine Menge Verantwortung trägt und dementsprechend ständig in den Medien präsent ist, bereits vor der eigentlichen Veröffentlichung von der Boulevardpresse zerpflückt wird. So geschehen ist dies dann auch vor wenigen Wochen, als das berüchtigte Revolverblatt mit den vier Buchstaben einige Passagen aus „Der feine Unterschied“ zitierte und damit auch sofort für Skandalmeldungen und Gesprächsstoff sorgte, wodurch der Spieler des FC Bayern sofort in die Schusslinie gerät. Namhafte Ex-Begleiter wie Rudi Völler und Jürgen Klinsmann empörten sich über Lahms offenkundig angriffslustige Seite und beklagten dessen wortreiche Freizügigkeit bei der Kritik an seinen einstigen Förderern und Mitstreitern. Wie sich mit der endgültigen Freigabe des biografischen Werks nun jedoch herausstellt, ist „Der feine Unterschied“ jedoch alles andere als die vorab propagierte Abrechnung mit dem deutschen Fußball. Stattdessen beschreibt Top-Star Lahm lediglich die Tücken des Profidaseins anhand seines persönlichen Lebenswegs und blickt hierbei ausschließlich auf Erfolge und Niederlagen seiner Karriere zurück, die ihn schließlich zu dem Fußballer und Menschen geformt haben, der derzeit wohl die größte Last auf seinen vergleichsweise kleinen Schultern trägt. Skandale? Mitnichten! Aufwiegelei? Nein, das war nie die Motivation dieses Buches. Insofern sind die Vorankündigungen zu jener Geschichte, die mit „Wie man heute Spitzenfußballer wird“ untertitelt bleibt, völlig irreführend – und haben letzten Endes wieder gezeigt, wozu eine gewisse Stimmungsmache fähig ist. Nämlich in diesem Fall dazu, viel Lärm um nichts zu machen!

_Profi durch und durch_

„Der feine Unterschied“ wird seinem Titel schließlich insofern gerecht, dass Philipp Lahm sich intensiv mit seiner Vergangenheit als Kind und Jugendlicher auseinandersetzt und beschreibt, worauf es bereits in dieser Zeit ankommt, hat man die Motivation, sich eines Tages als Profi auf dem Platz zu präsentieren. Geduld, Enthaltsamkeit, ein absoluter Wille sind seines Erachtens die tragenden Säulen, die ein talentierter Fußballer zwingend mitbringen sollte, um die Bühnen, auf denen sein Spiel stattfindet, peu à peu zu vergrößern. Lahm selber hatte das Glück, relativ bald bei der Jugend des FC Bayern unterzukommen und dort unter besten Bedingungen trainieren zu können. Und dennoch schien sein Heißhunger auf die großen Stadien nicht so gierig zu sein, dass er sein Privatleben voll und ganz missachtete. Für Lahm ist diese Kombination der Schlüssel zum Erfolg, auch heute noch. Ein Profifußballer ist gleichzeitig ein Teil der landesweiten Prominenz, insbesondere in der Stellung eines Nationalspielers, aber dennoch darf die Familie nie zu kurz kommen, selbst wenn vergleichsweise größere Opfer gebracht werden müssen. Planung ist daher alles, so dass man sich bereits in frühen Jahren Gedanken machen muss, wer zum Stab der Vertrauten heranwächst, wie man sein eigenes Management aufbaut, wie man verhandelt, aber auch wie man zurücktritt, um sich einer ganzen Mannschaft unterzuordnen. Profisport ist in zweiter Linie auch Planwirtschaft, vielleicht vor einem anderen Hintergrund, aber im Rahmen des knallharten Geschäfts namens Bundesliga sicherlich in diesem Setting passend. Und wer sich damit nicht arrangieren will und zu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen mag, der bleibt ganz einfach auf der Strecke.

Lahm beschreibt, wie er die Tücken bewältigt hat, wie er sich anpassen musste, und welche universelle Bereitschaft vorhanden sein muss, um den langen, harten Weg an die Spitze zu meistern. Dabei zeigt er auch einige unschöne Seiten auf, bekundet aber letzten Endes, dass jede Entbehrung schlussendlich auch zu großem Lohn geführt hat – wirtschaftlich, aber auch rein mental. Denn dieses Gefühl, das er beschreibt, welches einen überkommt, wenn man vor unzähligen Fans in einem WM- oder im Heimstadion aufläuft, entschädigt Woche für Woche für all die Strapazen, die er in inzwischen 27 Jahren auf sich genommen hat. Ein Profi durch und durch eben, dieser Philipp Lahm – aber eben auch ein Mensch, der genau weiß, was er will und was er aufzubringen hat, um seine Ziele zu erreichen!

_Eine lesenswerte Biografie – mehr nicht_

Rein strukturell ist Lahms Titel schließlich eine zumeist chronologisch geführte Autobiografie, die hier und dort ein paar kritische Randbemerkungen bereithält, am Ende aber niemanden frontal attackiert. Wenn man ein paar Worte über die zweifelhaften Methoden eines Louis van Gaal auf den Tisch kommen, bewahrt Lahm immerzu den Respekt vor seinem ehemaligen Trainer. Und auch die angesprochenen Herren Völler und Klinsmann sollten eigentlich keinen Grund haben, sich über die Inhalte des Buches zu beklagen, da Lahm sachlich analysiert, aber eben nicht angreift. Für solche Begleiterscheinungen bleibt auf den rund 270 Seiten allerdings auch gar kein Spielraum, weil Lahms bisheriger Karriereverlauf und die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben als Fußballer schon genügend Stoff bieten, um die Seiten zu füllen. Er beschreibt seine Jugend, seinen Start bei den Amateueren, den rasanten Aufstieg nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart und schließlich die Einberufung in die Nationalelf, die analog zur Rückkehr zum FC Bayern dazu führte, dass sich Lahm als Weltstar und einer der besten Abwehrstrategen der deutschen Fußballgeschichte etablieren konnte. Und all diese Begeisterung, die in diesen Worten mitschwingt, transferiert der Autor schließlich auch in „Der feine Unterschied“. Vergessen sind am Ende, die plumpen Vorab-Storys, das Geschwätz, die überflüssigen Statements in den vermeintlich großen Blättern – denn rein inhaltlich ist die Biografie eigentlich nicht angreifbar. Lediglich die Tatsache, dass Lahm sich nicht bis zum Ende seiner Karriere Zeit gelassen hat, ist verwunderlich. Den Lesegenuss trübt sie aber keinesfalls!

|Hardcover: 269 Seiten
ISBN-13: 978-3888977299|
[www.kunstmann.de]http://www.kunstmann.de

Conze, Eckart / Frei, Norbert / Hayes Peter – Amt und die Vergangenheit, Das

Eine der langlebigsten Legenden der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts befasst sich mit dem Widerstand des Auswärtigen Amts gegen die offensive Gewaltpolitik des NS-Regims. Obschon die Nürnberger Prozesse vermehrt Verbindungen zwischen den Fragen der Judendeportation und der Beteiligung an der ‚Endlösung‘ entlarvten, schworen viele einflussreiche Diplomaten über Jahre hinweg ihre Unschuld an den Vergehen der Hitler-Diktatur und begründeten ihre Parteimitgliedschaft vorrangig mit dem wachsenden politischen Druck sowie der parallel entstandenen Panik vor persönlichen Konsequenzen im Rahmen der Verfgolgungspolitik des Nationalsozialismus.

Nachdem die Thematik in den letzten Jahrzehnten ständig wie ein kaum greifbarer Schatten über dem Amt und den einstigen Beschäftigten in der Wilhelmstraße schwebte, gelang es einem der kontroversesten Außenminister schließlich, die oftmals angekündigte, aber nie konsequent umgesetzte Vergangenheitsfrage zur Pflichtaufgabe zu erklären. Die 2005 einberufene Kommission sollte die Verbindungen und Verstrickungen des Amtes endgültig aufdecken, das Politische Archiv offenlegen und schließlich auch mit der jahrelang betriebenen Beschönigung befestigter Fakten aufräumen. Fünf Jahre später wurde schließlich das umfangreichste Dokument zu jenem nebenpolitischen Schauplatz fertiggestellt – und es offenbart erwartungsgemäß einige erschreckende Entwicklungen und Wendungen in der deutschen Außenpolitik!

_“Das Amt und die Vergangenheit“_ hat sich jedoch nicht zum Ziel gesetzt, rückwirkend anzuprangern und verschonte Drahtzieher in offenkundig hohen politischen Positionen zu verurteilen. Zwar werden schonungslos Tatsachenberichte auf Basis intensiver Recherchen bereitgestellt, dies jedoch völlig wertfrei und manchmal fast schon erschreckend nüchtern. Stattdessen geht es in der großen Studie darum, bekannte Straftaten im Rahmen der NS-Kriegsverbrechen nachzuvollziehen, die oberflächlich unschuldige Rolle einiger Diplomaten ins rechte Licht zu rücken und nachzuweisen, dass das Auswärtige Amt einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf viele Entscheidungen die Judenfrage betreffend gebilligt oder partiell sogar durch Hilfestellungen unterstützt hat. Gerade im zweiten Abschnitt des Buches, der sich mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs beschäftigt und Stück für Stück aufdeckt, an welchen elementaren Deportationsverfahren verschiedene Mitarbeiter der auswärtigen Behörde beteiligt waren, stolpert man über unzählige passive wie aktive Verbrechen, die zwar in ihrer personenbezogenen Komplexität gut verschleiert werden, nach ausführlicher Recherchearbeit jedoch nicht mehr länger verschwiegen werden konnten.

Insofern gerät man in einen regelrechten Schockzustand, wenn man im ausführlichen Kapitel über die Nachkriegszeit erfährt, wie einfach sich die am Massenmord beteiligten Diplomaten reinwaschen konnten und im Rahmen der Entnazifizierung dank der Solidarität der Kollegen als entlastet eingestuft wurden. Als Schein-Oppositionelle aufgetreten konnten sie sich im Rahmen der Prozesslawinen gegenseitig die Bälle zuschieben und eine Lüge über Jahre hinweg, teilweise sogar über ihren Tod aufrechterhalten. Viel brisanter noch: Ein Großteil der einstigen Mitarbeiter, die nachweislich einen aktiven Part in der NS-Politik eingenommen hatten, wurden später wiederbeschäftigt und teils in höhere Ämter berufen, um einen Staat zu vertreten, unter dessen Banner sie Jahre zuvor noch für faschistische Werte gekämpft hatten – prominente Beispiele wie den Präsidentenvater Ernst von Weizsäcker nicht ausgeschlossen.

Die mehr als 800 Seiten mächtige Studie ist trotz ihres Umfangs aber dennoch gewissermaßen begrenzt, da der Fokus in erster Linie auf der Entwicklung des Amtes und vielen fragwürdigen Personalentscheidungen liegt, sodass viele Verbrechen, die auch im Namen des Amtes begangen wurden, lediglich als Randnotiz erwähnt werden können. Weiterhin schwierig ist die Fülle an Namen, die „Das Amt und die Vergangenheit“ stellenweise recht unübersichtlich gestaltet, zumal Personen in späteren Abschnitten wiederkehren und es oftmals schwerfällt, jedwede individuelle politische Einstellung sofort wieder adäquat einzustufen, ohne dabei Fakten zu vermischen. Das Buch verfolgt zwar einen chronologischen Ansatz, wagt aber dennoch sehr viele Sprünge, was vorrangig damit zu begründen ist, dass die Arbeit vor allem in den Jahren 1939-45 an unheimlich vielen Schauplätzen parallel ausgetragen wurde.

_Das Problem der_ mangelnden Übersichtlichkeit ist jedoch eines, welches man im Hinblick auf den Lohn, den dieses Dokument mit sich bringt, gerne in Kauf nimmt. „Das Amt und die Vergangenheit“, so belegen mehr als 100 Seiten Quallenangaben, ist eines der ambitioniertesten Aufklärungswerke der deutschen Nachkriegsgeschichte – und im Hinblick auf die Belege, die einen scheinheiligen Mythos endgültig beenden sollten, sicherlich die Referenz zur Geschichte des Auswärtigen Amts.

|Gebundene Ausgabe: 880 Seiten
ISBN-13: 978-3896674302|
[www.randomhouse.de/blessing]http://www.randomhouse.de/blessing/index.jsp

Efinger, Marianne – Gottes leere Hand

_Inhalt:_

Als Wissenschaftsexperte ist die Meinung von Manuel Jäger stets sehr gefragt. Vor allem sein bester Freund Lothar schätzt Manuels Wissen und seinen belesenen Charakter und diskutiert oftmals bis in die Nacht hinein mit dem Enddreißiger. Doch soviel Achtung Manuel auch entgegengebracht wird, an seinem wohl größten Problem können selbst die meist ambitionierten Experten nichts ändern: Jäger leidet unter der Glasknochenkrankheit und hat in seinem bisherigen Leben schon hunderte Knochenbrüche über sich ergehen lassen. Auch seine aktuelle Erkältung scheint lediglich ein Routineablauf zu sein, die ihn auf Lothars Drängen hin jedoch vorsorglich ins Krankenhaus führt, wo er ein paar Tage beobachtet werden soll.

Doch der Aufenthalt im Marienhospital verändert Manuels Einstellung zum Leben radikal. Als ihm zum wiederholten Male schmerzlich bewusst wird, dass einem Menschen wie ihm nicht die gebührende Akzeptanz entgegengebracht wird und wahre Werte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe vor allem an jenem Platz, an dem Menschen Unterstützung und Beistand zukommen soll, völlig außer Acht gelassen werden, fasst er einen folgenschweren Entschluss …

Auch Dagmar, lange Jahre als Krankenschwester im Marienhospital beschäftigt, gehen die Entwicklungen an ihrem Arbeitsplatz längst gegen den Strich. Der Idealismus des Personals ist nur noch eine Farce, kleine Grabenkämpfe belasten das Betriebsklima, und überdies werden berufliche Fehltritte immer wieder vertuscht und manipuliert – Hauptsache der makellose Ruf des Krankenhauses wird nach außen gewahrt. Ähnlich wie bei Manuel sind ihre Zukunftsgedanken ernüchternd. Und auch Dagmar beschließt, wenn auch spät, an ihrem Leben etwas Entscheidendes zu ändern …

_Persönlicher Eindruck:_

Der Pflege- und Allgemeinzustand in deutschen Krankenhäusern wird nicht erst seit gestern massiv beklagt – allerdings verzichten die entsprechenden Kräfte und Angestellten aus Ehrfurcht vor der Herabsetzung ihres Berufsbildes und möglichen Konsequenzen für ihre Anstellung zumeist darauf, die Realität nach außen zu tragen. Diese Form der Stagnation scheint Marianne Efingr nicht zu dulden. In ihrem Roman „Gottes leere Hand“ weist sie nicht nur in unterschwellig politischer, teils auch sehr zynischer Form auf die Art und Weise hin, wie man offenkundigen Sonderlingen und Abnormalitäten zumeist entgegentritt – und zeichnet dabei ein allzu finsteres Bild von Hospitalismus, Selbstaufgabe, Enttäuschung und Frustration.

Während die Autorin an der Oberfläche die Geschichte vom hochbegabten Manuel erzählt, der aufgrund seiner Glasknochenkrankheit schon viele Barrieren im Leben meistern musste, gräbt sie zeitgleich tiefer und stellt den Krankenhausalltag in einer sehr erschreckenden Weise dar. Da mobben sich Schwestern gegenseitig, weil sie mit dem verbliebenen Idealismus ihrer Kolleginnen nicht zurechtkommen und sich mit allerlei Vitamin B in höhere Positionen hieven wollen. Da werden medizinische Fehlgriffe heruntergespielt, als seien sie für den Gesundheitszustand der Betroffenen schier bedeutungslos. Und zuletzt wird dort ständig über den Kopf von Patienten hinweg entschieden, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ihren Lebensabend im Kreise ihrer Lieben zu verbringen, dabei aber in ihrer Würde und der noch existenten Entscheidungsfreiheit derart krass beeinflusst werden, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht.

Nichtsdestotrotz wirft Efinger einen sehr detaillierten Blick auf die Einzelschicksale ihrer Protagonisten und schildert in den jeweiligen Einzelfällen, inwieweit man den eigentlich unschuldigen Patienten ihr letztes Bisschen Menschlichkeit nimmt. Dies beginnt bereits bei der Beurteilung des Pflegezustandes, geht über plötzlich beschlossene Verlegungen und unüberlegte medikamentöse Eingriffe und reicht schließlich bis zu jenem Punkt, an dem die internen Kritiker mundtot gemacht werden.

Im Mittelpunkt bleibt Manuel, dessen Schicksal eh schon schwierig genug ist, der von seiner einzigen Geliebten aber unverhofft Abschied nehmen musste, als diese von einem alkoholisierten Autofahrer umgebracht wurde. In seiner Person wird all die Verzweiflung und Ernüchterung beschrieben, eine Form der Selbstaufgabe und der hoffnungslosen Akzeptanz seiner Situation wie derer im Krankenhaus, aber auch die Erfahrung, dass alles Drängeln und Hoffen eh zu nichts führt, da die medizinischen Fachkräfte lediglich in eine Maschinerie eingebunden sind, in der kein Systemfehler geduldet wird. In nur wenigen Tagen findet er für all das Bestätigung, was sein Leben außerhalb der Krankheit belastet hat und nimmt sich dabei jegliche positive Zukunftsaussicht mit seinem Entschluss, den Teil des Lebens, der wirklich lebenswert gewesen war, bereits gelebt zu haben.

Ihm gegenüber steht die privat chaotische, im Job aber stets motivierte Dagmar, die jeden Tag aufs Neue mit unglaublichen Entschlüssen konfrontiert wird, in ihrer Position aber nicht viel mehr ausrichten kann, als an bessere Zeiten zu glauben – trotz aller Rückschläge, die alleine der Wochenablauf an ihrem Arbeitsplatz bietet. Hinzu kommen Dagmars Kolleginnen, die größtenteils intrigant sind und sicherlich auch viele Klischees erfüllen müssen, um dem sarkastischen Blick auf die Szenerie Wirkung zu verleihen. Hier reicht die Spanne von der Manipulation von Beurteilungsbögen bis zur gnadenlos unfairen Gestaltung des Dienstplanes, lediglich zum Zwecke, aufbegehrende Schwestern in die Schranken zu weisen. Und all dies läuft unter dem Banner Gottes, des christlichen Trägers, der seinerzeit zum Bau des Marienhospitals führte.

Sofern man dieses Buch bereits verschlungen hat, darf man eigentlich nicht zu viele Details preisgeben, da man wirklich erleben muss, was Marianne Efinger hier zu Papier gebracht hat. Im Rahmen einer fiktiven Story hat sie so viel Abschreckendes geschaffen, so viele Enttäuschung in die Realität übertragen und eine Menge an oftmals verschwiegenen Fakten zusammengetragen, dass der Drang zum Idealismus zumindest noch bei denjenigen geweckt werden kann, die noch zum Kämpfen bereit sind. Zwar dient „Gottes leere Hand“ nicht ausschließlich dazu, anhand verschiedener erfundener Schicksale die Krankenhausrealität an den Pranger zu stellen. Doch die Sicht der Dinge ist sehr realistisch und wird auch in keiner Phase des Buches beschönigt, um in einem Maße Schadensbegrenzung zu betreiben, wo sie nicht angebracht ist. Für manchen wird der Inhalt stellenweise übertrieben anmuten – und dennoch ist es durch und durch lesenswert, was die Autorin hier zusammengefasst hat und sollte gerade denjenigen Mut machen, die seit Jahr und Tag als Pflegekraft gegen Mauern ankämpfen. Auch wenn man bezweifeln darf, dass dies die eigentliche Intention des Buches ist. Aber es ist ein absolut begrüßenswerter Nebeneffekt einer Geschichte, die sehr bewegend und zwischen den Zeilen auch sehr emotional ist!

|Gebundene Ausgabe: 377 Seiten
ISBN-13: 978-3937357409|
[www.bookspot.de]http://www.bookspot.de

Badde, Paul – Grabtuch von Turin, Das (oder das Geheimnis der heiligen Bilder)

_Original oder Fälschung?_

Als das berühmte Grabtuch von Turin im vergangenen Jahr erstmals nach jahrzehntelanger Verhüllung wieder der Öffentlichkeit übergeben und damit auch sichtbar gemacht wurde, starteten gleichzeitig auch wieder jene altbekannten Spekulationen über die Echtheit und Originalität des historischen Relikts. Während Theologie und Wissenschaft sich in zwei Lager spalten, die auf der einen Seite belegen wollen, dass die Herkunft des Leinens keinesfalls aus jener Zeit stammen kann, andererseits aber aufgrund historischer Belege darauf schließen möchten, dass es sich hierbei tatsächlich um jenes Stück Stoff handelt, mit dem der Leichnam von Jesus von Nazareth seinerzeit bedeckt worden sein soll, wird gleichzeitig eine Art Fanatismus um jenes Tuch gestartet, der vor allem im Bereich des christlichen Glaubens seinesgleichen sucht. Ob es sich nun um ein Original oder doch um eine Fälschung handelt, will Paul Badde in seinem aktuellen Buch, welches er einzig und alleine der Geschichte um dieses vermeintliche Grabtuch widmet, gar nicht erst klarstellen. Stattdessen legt er schlichtweg die Fakten auf den Tisch, umrahmt diese mit vielen prächtigen Bildern und gibt der Faszination für eines der wichtigsten Relikte der Weltgeschichte einen völlig neuen Rahmen.

Dennoch lässt sich der Autor hin und wieder auf eine Gegenüberstellung der Pro- und Kontra-Fakten ein und beschäftigt sich näher mit den Aussagen von Kritikern, Zweiflern und den ihnen gegenüberstehenden Gläubigen. Dabei ist immer wieder interessant zu sehen, wie er sich gegen die wissenschaftlichen Fakten sträubt und selbst die frühzeitig eingesetzte Radiokarbon-Methode als keinen hundertprozentigen Beweis für die falsche Herkunftseinschätzung akzeptiert. Mit jenem Vorgang wurde 1988 geprüft, aus welcher Epoche der Stoff stammt, der unter bestimmten Lichtverhältnissen die Fassade eines Mannes entlarvt, der offenkundig mit diesem Tuch in Berührung gekommen ist – und bekanntermaßen wies bei der Analyse alles darauf hin, dass das Tuch in etwa um das 13. Jahrhundert entstanden sein muss. Umgekehrt sieht Badde keine Widersprüche im Beweis der Echtheit des Tuches, zu der er – so liest man es nicht nur zwischen den Zeilen – aufgrund seiner jahrelangen Studie und der umfassenden Gegenüberstellungen ganz klar tendiert. Der Autor scheint selbst vom Kult infiziert und von der Begeisterung angesogen, die jene Geschichten, die vor allem im Mittelalter immer wieder mit diesem Tuch in Zusammenhang gebracht wurden. Und so schildert er voller Begeisterung, wenn auch nicht zu stark vom Hype um jenen Gegenstand geblendet, wie das Tuch seinen Weg durch die europäische Geschichte gemacht hat, wo es Station machen musste, wie oft es verschollen war, wie häufig man befürchten musste, es sei auf seinem Weg zerstört worden und schließlich, wie heftig teilweise die Diskussionen verliefen, die um diese Thematik entbrannt waren.

Und gerade diese umfassenden Schilderungen machen „Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder“ zu einer absolut lesenswerten Veröffentlichung, vorrangig geprägt von den jüngeren wissenschaftlichen Betrachtungen, hierbei mit vielen Widersprüchen gegenübergestellt, dann wieder von der Euphorie gelenkt, die ein solcher Fund auszulösen imstande ist und schließlich von Baddes sehr persönlichem Bezug zum Thema abgerundet, der unterm Strich womöglich die größte Bedeutung in diesem Buch hat. Nicht zu vergessen ist hierbei das tolle Bildmaterial, welches teilweise bekannt, teilweise aber auch sehr exklusiv ist und Baddes historischen Pfad beispielhaft zum Leben erweckt und maßgeblich dazu beiträgt, dass seine Dokumentation ganzheitlich aufregend wirkt – und gerade dieser Umstand hebt „Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder“ sehr deutlich aus der Masse derartiger Werke heraus und weckt schließlich die Faszination für diese doch sehr spezielle Thematik!

|Hardcover: 160 Seiten
ISBN: 978-3629022615|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Sounes, Howard – Paul McCartney – Das Porträt

Über Sir Paul McCartney sind bereits viele Worte geschrieben, viele Berichte verfasst und viele tiefer greifende Analysen abgefasst worden. Das biografische Material hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil in der gesamten Beatles-Nachlese, manchmal fundierter, manchmal aber auch sehr subjektiv. McCartney schwankt hier zwischen Enfant Terrible und kreativem Genie, zwischen Lebemann und richtungsweisendem Künstler, zwischen Mensch und Superstar – und etwas Wahres ist sicher an allem dran.

Howard Sounes hat sich nun erneut die Mühe gemacht, in der McCartney-Mottenkiste zu graben und seine persönliche Sicht der Dinge zu beschreiben. Wie so viele seiner vorangegangenen Kollegen erzählt er die Geschichte des einst unscheinbaren Musikliebhabers in einer lückenlosen Chronologie, bemüht sich sogar zeitweise mehr denn je um Vollständigkeit, was den Katalog des Paul’schen Lebenswerkes anbetrifft. Allerdings liegt in „Paul McCartney – Das Porträt“ gerade auch hier der Hund begraben.

Natürlich sind es vor allem die Anfangstage, diese magische Entwicklung eines musikalischen Ausnahmeprodukts, die den Leser zum wiederholten Male in ihren Bann ziehen. Die Entstehungsgeschichte manches besonderen Songs, die Leidenschaft und Hingabe für die Musik als solche, die einzigartige Magie des nicht immer kongruenten Pärchens Lennon & McCartney – all das sind einerseits Fakten, aber andererseits auch immer wieder emotionale Momente, die man ergriffen aufsaugt und gerne wieder von Neuem erlebt. Doch es sind umgekehrt auch Tatsachenberichte, die dem potenziellen Interessenten nicht mehr viel Frisches vermitteln.

Also versucht Sounes auf dem naheliegenden Weg, Einblick in das Leben eines Menschen zu geben, der als prominente Figur von Jahr zu Jahr immer mehr zu polarisieren vermochte. Das unschuldige Lächeln des Mannes mit den strahlenden Augen wird einigen Skandalporträts gegenübergestellt, die den Protagonisten dieser Biografie in kein besonderes Licht mehr rücken. Sounes bemüht vor allem diese negativen Schlagzeilen, so etwa die unbeholfenen Statements zu John Lennons Tod, die Schlammschlachten in seinen jüngsten Beziehungen, das fehlende Verantwortungsbewusstsein für persönliche Fehler, schließlich aber auch den Sturkopf, der hinter McCartney steckt, und dessen eigenwilliges Denken ihn in den Augen vieler Beteiligten zu einem Aushängeschild für all das gemacht hat, was das Musikbusiness aus einem Menschen machen kann, wie es ihn in ein stilles kleines Monster verwandelt hat, das den Schein häufig nach außen wahren konnte, sein Seelenleben aber lediglich in den eigenen Trauerphasen an die Öffentlichkeit bringen wollte.

In diesem Sinne geht der Autor sehr kritisch mit seiner Starfigur um, bleibt weder bei den lyrischen Ergüssen der Legende zimperlich mit ihr um, noch beschönigt er sein privates Vermächtnis, das mit zahlreichen Schatten besudelt ist. Sounes geht es nach wie vor um Fakten und die Realität, doch in erster Linie darum, einen Gegensatz zu jener schillernden Figur zu zeichnen, die uns mit ‚Yesterday‘ und ‚Let It Be‘ Jahrhundertsongs beschert hat, für die man nicht ausreichend danken kann. Und genau jener Umstand macht „Paul McCartney – Das Portät“ auf Dauer zu einem recht unschönen Erlebnis; der Fluss der magischen Momente wird kontinuierlich unterbrochen, die Highlights ausgeblendet und zugunsten der eher zwiespältigen Ereignisse in den Hintergrund gedrängt. Natürlich, man erwartet auch im Falle von McCartney (bzw. gerade hier) keine unkritische Heldenverehrung im Sinne des Superstars. Doch einen Mann, dessen Einfluss noch über Jahrzehnte präsent sein wird, so in die Ecke zu drängen und seine Musik nicht als Rehabilitation für manchen falschen Entschluss zu akzeptieren, gehört nicht zwingend zu den Inhalten einer Biografie, die sich das Recht herausnimmt, einen objektiven Blick auf die Dinge zu werfen. Denn wenn eines sich an Sounes‘ Porträt unweigerlich anschließt, dann das Bewusstsein dafür, dass McCartney ein Mann mit vielen Unzulänglichkeiten und Fehlern war und weiterhin ist. Und auf diesem subjektiven Weg bekommt man zwar Zugang zu dieser ansonsten so unnahbaren Person; doch er zeigt nicht wirklich das, was den zum Ritter geschlagenen Ex-Beatle in all seinen Facetten und vor allem in seinem unbestrittenen Genie ausmacht.

_Wer also Interesse_ daran hat, mehr über McCartney zu erfahren und seine Karriere Revue passieren zu lassen, der ist besser damit beraten, den Einstieg nicht mit diesem Werk zu wagen. Sofern es überhaupt notwendig sein sollte, „Paul McCartney – Das Porträt“ zu lesen. Wirklich empfehlenswert ist der dicke Schmöker nämlich letzten Endes nur mit sehr, sehr vielen Einschränkungen!

|Hardcover: 848 Seiten
Originaltitel: The Life of Paul McCartney
ISBN-13: 978-3426275092|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home

Sarrazin, Thilo – Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

Ende August 2010 ist Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ erschienen und hat eine wilde, nicht immer qualifizierte Diskussion ausgelöst. Von daher kann es nützlich sein, einige Monate später das Buch noch einmal durchzugehen, nachdem die gedruckte Auflage die Millionengrenze überschritten hat, der Bundesbankvorstand Sarrazin vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden ist, ein Parteifunktionär, der Staatsoberhaupt spielt, sich gründlich blamiert hat, verschiedene Politiker, die den Autor kürzlich noch verteufelten, sich einige seiner Forderungen – zumindest verbal – zu eigen gemacht haben und die kurzatmige Medienwelt bereits die nächste Sau durchs Dorf treibt.

Gemäß dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ stellt Sarrazin die Hauptthese auf, dass Deutschland (wie auch andere westliche Industriestaaten) ihre eigene Existenz gefährden, weil sie es zugelassen haben, dass sich massive Probleme auftürmten, und diese nicht angepackt, sondern durch eine fahrlässige Gesetzgebung teilweise sogar selbst verschärft haben. Der Autor stellt in jedem der Kernkapitel zu den Problemfeldern Sozialpolitik, Arbeitsmarkt, Bildung, Zuwanderung und Demographie zunächst den Ist-Zustand anhand von umfangreichen Daten vor, diskutiert vorhandene Lösungsvorschläge auf ihre Tauglichkeit und – sofern umgesetzt – auf ihren (Miss-)Erfolg und unterbreitet zuletzt seine eigenen Vorschläge. Dabei mutet er Lesern, die selten Sachbücher konsumieren, einiges an Begriffsdefinitionen, Statistiken und Zitaten mit einem Anmerkungsapparat über Dutzende Seiten zu. Wer unter seinen gefühlten Anhängern und Gegnern ein Pamphlet erhofft hat, wird enttäuscht. Sarrazin schießt sich auch nicht auf Ausländer ein, nur eines der neun Kapitel befasst sich hauptsächlich mit Zuwanderungsproblemen.

Dabei breitet der Autor jede Menge Zündstoff aus, etwa dass Kinder aus Hartz-IV-Familien überdurchschnittlich oft einen Fernseher im Kinderzimmer stehen haben. Oder dass die untaugliche Phrase „Menschen mit Migrationshintergrund“ nicht nur Ausländer und deutsche Aussiedler vermischt, sondern auch Kinder mit einem bundesdeutschen Elternteil undifferenziert untermengt. Darf man annehmen, dass diese Begriffsverwirrung gewollt ist? Oder dass der emotionalisierbare Begriff „Armut“ nicht an absoluten Mängelkriterien, sondern relativ zum Durchschnitt definiert ist, sodass nach dieser Definition nicht nur der Verhungernde unter fast Verhungernden nicht arm ist, wohl aber der Millionär unter Milliardären; auch wird es damit offizielle Armut, solange keine friedhofsmäßige Gleichheit eintritt, zwangsläufig immer geben – und damit auch einen Arbeitsmarkt für die Betüttelungsindustrie aus Betreuern, Sozialarbeitern und anderen „Experten“. Oder, gleich mehrere Brennpunkte verknüpfend: „Deutsche Transferempfänger leben wie der durchschnittliche Tscheche, aber durchaus besser als der durchschnittliche Pole und weitaus besser als der durchschnittliche Türke“ (S: 148).

Der deutsche Sozialstaat bekämpft nicht die sozialen Probleme, sondern perpetuiert sie vielmehr. Wenn sich Menschen aus unterentwickelten Ländern nach Deutschland aufmachen, wo sie allein für ihre Existenz ein höheres Einkommen beziehen als in ihrer Heimat für Arbeit, verhalten sie sich ökonomisch rational. Ebenso Transferempfänger, wenn sie – unabhängig von ihrer Nationalität – überdurchschnittlich viele Kinder in die Welt setzen, weil sie so ihr verfügbares Einkommen erhöhen. Die offiziell steigenden Abiturientenzahlen sind durch deutliche Absenkungen der Anforderungen erkauft. (Der Verfasser dieser Zeilen gibt seit über 20 Jahren Unterricht und kann das zumindest für NRW bestätigen.) Sarrazin weist nach, dass der populistische Schnellschuss „mehr (Steuer-)Gelder = mehr Bildungserfolg“ keineswegs aufgeht, solange unsinnige Reformen den Schulen immer wieder Stöcke zwischen die Beine werfen. In all diesen Punkten könnte die Politik gegensteuern.

Dass Sarrazin sich das demokratische Verdienst erworben hat, brisante Informationen nicht immer als Erster, aber mit der größten Breitenwirkung unters Volk gebracht zu haben, darf nicht dazu verleiten, ihn unkritisch zu lesen oder Lücken in seiner Argumentation zu übersehen. So übergeht er bei seinen Lösungsvorschlägen völlig das Problem Europa, also die Frage, inwieweit Ideologen und Lobbyisten in Brüssel und Straßburg eine souveräne deutsche Gesetzgebung überhaupt noch zulassen. Wenn Sarrazin die relativ hohe Geburtenrate in Frankreich lobt, geht er nicht darauf ein, dass die dortige jakobinische Staatsauffassung es nicht ermöglicht, diese Geburtenrate nach echten Französinnen und eingebürgerten Araberinnen aufzuschlüsseln, also dass die vermeintliche Lösung eher einen Teil des Problems darstellen kann. Und natürlich sollte es jemandem, der regelmäßig Statistiken auszuwerten hat, nicht passieren, dass er bei einer Bevölkerungsprognose Mittelwert (Durchschnitt) und Zentralwert (Median) verwechselt.

Die rabiate Feindseligkeit aus dem Establishment aber dürfte vor allem zwei Gründe haben: Zum einen betont Sarrazin, dass viele menschliche Eigenschaften, z. B. die Intelligenz, stärker vom Erbgut als von sozialen Einflüssen abhängen. Das ist ein Frontalangriff auf den Machbarkeitswahn des Zeitgeistes, der glaubt, mit genug Geld alles managen zu können, und damit auf selbstgefällige Wahlkampfrhetorik. Das Wort „Sozialdarwinismus“ ist schnell bei der Hand, wenn man liebgewordene Denkgewohnheiten und Machtmittel aufgeben soll. Sarrazin ist ehrlich genug, auch von eigenen Lösungsvorschlägen zu sagen, dass sie gewisse Missstände nicht beseitigen, sondern nur vermindern können. Aber wer könnte sich einen Parteipolitiker vorstellen, der öffentlich sagt: „Ich kann das Problem genauso wenig lösen wie andere“ oder „Hier müssen die Betroffenen Eigenverantwortung ergreifen, der Staat darf und kann nicht alles regeln“?

Zum anderen plaudert hier ein ehemaliger Amtsträger (u.a. Berliner Finanzsenator, Bundesbankvorstand) aus dem Nähkästchen des Politik- und Medienbetriebs aus, wie dort die wahre Problemlage und die eigene Unfähigkeit vorsätzlich vertuscht werden. Hier nur einige wenige Beispiele:

– Die Merkel-Regierung hat den Bericht über Zuwanderungs- und Integrationsfragen 2009 so ausgeschrieben, dass eine Differenzierung nach verschiedenen Migrantengruppen nicht möglich ist (S. 261, Fußnote 7.5). Man will es also gar nicht so genau wissen.
– Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, Ergebnisse künftiger Pisa-Studien nicht mehr getrennt nach Bundesländern zu veröffentlichen, weil das für einige der für Schulpolitik zuständigen Länder zu peinlich wäre (S. 250). Das Volk soll es auch nicht so genau wissen.
– Der Kameramann eines mutmaßlich öffentlich-rechtlichen Senders sagt aus, dass er von oben die Anweisung hat, „in den Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern so zu filmen, dass man die umfangreiche elektronische Ausstattung nicht sehe“ (S. 118).
Allein um solche – das Wort ist nicht übertrieben – Skandale bekannt zu machen, ist dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen. Der Autor attackiert also weniger unterprivilegierte Minderheiten als vielmehr genau diejenigen, die am lautesten geschrien haben.

Wenn Sarrazin außerdem aussagt, dass die Mittelschicht die Lage verschärft, wenn sie eine längere Lebensarbeitszeit ablehnt oder zu wenige Kinder kriegt, mutet er auch seiner Leserschaft einige unangenehme Botschaften zu. Dass sich sein Buch dennoch zu Hunderttausenden verkauft, gibt Grund zur Hoffnung, dass das Volk durchaus bereit ist, unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen. Vom Bücherlesen allein hat sich die Welt freilich noch nie verändert.

|Gebundene Ausgabe: 463 Seiten
ISBN-13: 978-3421044303|
[www.dva.de]http://www.dva.de

Vitale, Giuseppina – Ich war eine Mafia-Chefin

Die Mafia – in Italien so bekannt wie die gute Gastronomie, das Forum Romanum, Kultur und Geschichte. Na ja, die Mafia ist gleichbedeutend Kultur und Geschichte im Süden Europas und durchdringt nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern natürlich auch Politik und Wirtschaft.

In Sizilien gehört die Mafia zum Alltag. Oftmals sind es Tragödien, die ganze Familien in den Abgrund der Kriminalität, des organisieren Verbrechens reißen, und somit alles in Frage stellen, wofür sie eigentlich leben.

Die Mafia ist für sich eine einzigartige Metropole, in der die „Herrscher“ in den mächtigen Familien sich wie kleine Könige aufführen. Zumeist sind es Männer, die hier in der nicht immer durchsichtigen Hierarchie das Sagen haben. Doch, was ist mit den Frauen dieser mächtigen, kriminellen Familien? Wo bleiben sie, wenn die Männer sich auf der Flucht vor dem Staatsanwalt in wilden Berggegenden verstecken, oder sich durch Verrat oder Überheblichkeit in einem italienischen Gefängnis wiederfinden?

Es ist ein Kampf der Männer um Geld, Macht, Respekt und Einfluss, doch hin und wieder zieht auch eine Frau die Fäden hinter der Bühne, und organisiert die wenig legalen bis zu hochkriminellen Geschäfte ihrer Brüder oder Ehemänner.

In dem Buch „Ich war eine Mafia-Chefin“ von Giuseppina Vitale mit Unterstützung der Journalistin Camilla Costanzo, erzählt die Autorin von ihrem Leben mit der Mafia und ihrer Rolle in diesem Mordsspiel, bei dem es am Ende doch kaum Gewinner gibt.

_Inhalt_

Giuseppina Vitale wächst in Sizilien auf, als viertes Kind und einzige Tochter ihrer Familie ist das Leben nicht einfach. Ihr Vater ein Landwirt, dessen Leidenschaft Pferde sind und ihre Mutter, die ein strenges Regime führt, sind einfache Menschen, die zwar um die Existenz der ehrenwerten Gesellschaft kennen, sich aber distanziert aus allen Geschäften heraushalten.

Doch der Vitale-Clan, wie er auch später im Buch bezeichnet wird, kann sich nicht verschließen. Giuseppinas ältere Brüder wandeln schnell auf kriminellen Pfaden und verirren sich auch schnell unter dem Einfluss von Macht und Gewalt. Diese Gewalt spüren die junge Frau und ihre Eltern am eigenen Leib. Nicht selten werden sie von den drei Söhnen, die nun „Mafiosi“ sind, bedroht und verprügelt, selbst vor ihrem eigenen Vater haben sie kein Respekt mehr. Was hier noch zählt, ist Ehre und damit verbunden seinen Willen durchzusetzen, mit allen Mitteln und gerne mit Gewalt.

Giuseppinas Welt bestimmte 33 Jahre lang die Cosa Nostra. Immer wieder wird sie mit Gewalt konfrontiert, entweder durch ihre Brüder oder durch ihren Ehemann, sie kann sich nicht freimachen und ihre Wurzeln liegen in Partinco, einer Kleinstadt bei Palermo. Unaufhaltsam werden die Brüder von der italienischen „Krake“ – La Piovra in den hierarchischen Stufen an die Spitze der ehrenwerten Gesellschaft gezogen, und somit wird die junge Frau immer mehr in die Geschäfte ihrer Brüder involviert.

In ihrem Buch, das mehr Aufarbeitung und eine Abrechnung ist, beschreibt sie kompromisslos und sehr persönlich ihr Leben. Immer den Schein der Normalität vor sich her tragend beschreibt sie die Brutalität ihrer Brüder, die Verhaftungen und den Besuch in Gefängnissen. Blut ist dicker als Wasser, und hier wurde genau das gelebt, egal wie rücksichtslos ihrer Familie auch zu ihr, geliebt hat sie, sie immer.

Doch auch ihre Brüder zeigen sich „ehrenwert“ ihr gegenüber und verletzen und beschützen sie mit einer Intensität, die man schon als krankhaft bezeichnen kann, und ohne Rücksicht auf andere.

Guiseppina erzählt von der Brutalität der Bosse gegenüber der Politik und der Justiz. In den späten 80er Jahren, wie auch in den 90ern bekämpfen sich die Mafia und der italienische Staat mit allen Mitteln. Höhepunkte sind die brutalen Morde an Richter Falcone und wenig später an dem Staatsanwalt Boresellino. Erst danach sieht sich der Staat gezwungen zu reagieren und ein Krieg entbrennt um die Macht im Staate. Als ihre Brüder entweder auf der Flucht sind oder sich in Haft befinden, fällt die Befehlsgewalt an die junge Frau und damit wird sie zur Chefin eines ganzen Landkreises, und manchmal ist das gleichbedeutend über Leben und Tod zu entscheiden.

In dem Buch vermittelt die junge Frau eine hervorragende Innenansicht der Clans, der Familien und deren finanziellen und auch emotionalen Machtverhältnissen. Leider können wir mit vielen dort genannten Namen nicht wirklich viel anfangen, bis auf wenige Ausnahmen.

Guiseppina erzählt ihre Geschichte zeitlich chronologisch und das mit einer Offenheit, die überzeugend wirkt. Nichtsdestotrotz, so erschreckend plausibel ihre Geschichte auch ist, wirkt sie zwar für den Leser aufwühlend, aber noch lange nicht schockierend.

Ein großes und vielleicht alles entscheidende Manko ist es, dass die Autorin ihre Kindheit und Jugend im Kreise der Familie, also auch im Dunstkreis der Mafia erzählt, erst die letzten Kapitel beschreiben ihre Machtbefugnisse und auch diese sind nur oberflächlich. Als sie verhaftet wird, und das ist wirklich ihre Rettung, ist sie auf einmal auf sich alleine gestellt. Ihr beiden Kinder vermissend, konfrontiert sie sich mit ihrer Vergangenheit und zieht letztlich einen Schlussstrich, der endgültig ist. Ihre Mutter hat nun keine Tochter mehr und ihre eigenen Brüder wünschen ihr den Tod.

Im Kronzeugenprogramm des italienischen Staates, der sie ständig unter polizeilichen Schutz stellt, fühlt sie das erste Mal das Glück, alleinige Entscheidungen zu vertreten. Das ist ein Luxus, den sie sich all die Jahre nicht leisten konnte.

_Fazit_

„Ich war eine Mafia-Chefin“ von Giuseppina Vitale ist ein oberflächliches, vielleicht sogar überflüssiges Buch, da es nicht das bietet, was der Leser eigentlich vermutet. Viel Neues erfährt der Leser aus dem Buch nicht, weder über die Machtspielchen der Mafia, noch über die Verbindungen, die bis in die Politik reichen. Das Buch ist eher eine Abrechnung mit ihrer Vergangenheit, eine Aufarbeitung der Sünden, der Abhängigkeit und des Schmerzes. Die Rolle der Frau eines Mafiosi bleibt fast unangetastet.

Ihre Geschichte ist die Spitze des Eisberges, das eigentliche Volumen bleibt aus welchen Gründen auch immer im Verborgenen. Vielleicht ist es auch zu schmerzhaft, sich tiefer mit ihrer eigenen Psychologie zu befassen, wir werden es nicht erfahren.

„Ich war eine Mafia-Chefin“ ist nur bedingt empfehlbar. Für italienische Frauen nichts Neues, für andere Menschen Europas sowieso nicht nachvollziehbar. Andere Kulturen bergen immer fremde und seltsame Sitten die Außenstehende halt schwerlich begreifen.

_Autorin_

Giuseppina Vitale, geboren 1972, war die erste Frau in der Cosa Nostra, die als Chefin einem Clan vorstand. Nach ihrer Verhaftung hat sie als Kronzeugin vor Gericht ausgesagt. Heute lebt sie zusammen mit ihren Kindern im Zeugenschutzprogramm – weit weg von ihrer Familie und ihrer Heimat Sizilien. (Verlagsinfo)

|Hardcover: 192 Seiten
Originaltitel: Ero cosa loro L’amore di una madre può sconfiggere la Mafia
Originalverlag: Mondadori
Aus dem Italienischen von Julia Eisele
ISBN: 978-3-421-04442-6|
[www.randomhouse.de/dva]http://www.randomhouse.de/dva/index.jsp

Effenberg, Claudia – Eigentlich bin ich ja ganz nett

Dass Claudia Effenberg bereits ihre eigene Biografie schreibt, mag für all diejenigen, die sich zumindest ein wenig mit dem einstigen Model und der Frau des berühmten Fußballers beschäftigt haben, recht befremdlich anmuten – denn an sich betrachtet hat diese Dame in ihrer medialen Laufbahn noch nicht derart viel (respektvolle) Beachtung bekommen, als dass hierfür die Berechtigung, geschweige denn ein Markt bestehen könnte. Die einstige Gattin von Ex-Bayern-Star Thomas Strunz hat ihr erstes Buch allerdings auch aus einer ganz eigenen Motivation geschrieben. Der Antrieb bestand darin, Mut zu machen, den Kampfgeist zu wecken und aufzurütteln, dass man mit ganz normalen Mitteln, aber eben mit dem nötigen Ehrgeiz, mehr erreichen kann, als man sich vorab je zugetraut hätte. Doch ist „Eigentlich bin ich ja ganz nett“ daher gleich das Buch einer ambitionierten Feministin? Oder sind es letzten Endes doch nur wiedergekäute Erfahrungswerte einer Karrierefrau, die das Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?

Die 160 Seiten, die Claudia Effenberg damit verbringt, ihren Erfahrungsschatz auszubreiten und persönliche Episoden aus ihrem Leben zu erzählen, lassen eher auf Letztgenanntes schließen. Die Autorin berichtet in erster Linie aus einer Art Rechtfertigungshaltung, die ihr stellenweise zweifelhaftes Bild aus den Medien zurechtzurücken bemüht und in der Gesamtdarstellung sehr plakativ wirkt. Effenberg schildert ihre Rolle als Mutter und Kämpfernatur, beschreibt die Probleme ihrer Ehe, ihre dauerhafte Medienpräsenz und letzten Endes auch den Weg, der sie in diese Position gebracht hat. Eine Menge Pathos ist im Spiel, wenn Effenberg auf relativ lockere Weise ihr Verhältnis zum Elternhaus und ihrer Schwester analysiert und immer wieder darauf zurückkommt, wie viel Herzblut sie in ihre Laufbahn investiert hat. Das alles ist bis zu einem gewissen Punkt auch recht unterhaltsam, führt allerdings schnell dazu, dass man sich durch die ständigen Wiederholungen auch gewissermaßen genervt fühlt. Bereits nach dem ersten Streckenabschnitt durchschaut man schließlich, dass die Motivation hinter dem Buchprojekt nicht lautete, eine fundierte Biografie zu schreiben, sondern einfach nur ein Buch auf den Markt zu bringen, dessen Triebfeder der klangvolle Name sein sollte. Es ist letzten Endes bei Weitem zu wenig Content, der den Leser bei der Stange halten könnte, und – eigentlich am schlimmsten – fast gar nichts, was man aus dem Geschriebenen mitnehmen und für sich herausziehen könnte, da es schwerfällt, Claudia Effenberg als Identifikationsfigur und Vorbild anzunehmen und ihre oberflächlichen Weisheiten produktiv zu verinnerlichen.

Schlussendlich ist „Eigentlich bin ich ja ganz nett“ daher auch in erster Linie ein Titel für die Klatschpresse, ein Statement aus erster Hand, jedoch zu einigen Themengebieten, die im Revolverblatt besser aufgehoben sind als in jedem erdenklichen Buchtitel. Es ist sicher in Ordnung, dass Claudia Effenberg ihr enormes Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis in einem solchen Werk zum Ausdruck bringt. Aber die alles entscheidende Frage bleibt trotzdem bestehen: Wer soll das lesen?

|Taschenbuch: 168 Seiten
ISBN-13: 978-3426783320|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home

Kampusch, Natascha – 3096 Tage

_Trauriges Resultat einer unfairen Hetzjagd_

Die Bilder sind noch lebhaft in Erinnerung: Die ersten Kontakte in den Medien, die triviale, manchmal gar grotesk-ambivalente Berichterstattung und diese unsichere junge Frau, die um ihre Würde bemüht war, der man aber zunächst nicht mehr zugestand als die Opferrolle bzw. den Part des großen Kuchens, von dem plötzlich jeder ein Stück für sich beanspruchte. Als Natascha Kampusch an jenem 23. August 2006 nach mehr als 8 Jahren ihrer Gefangenschaft entfliehen konnte, war die junge Österreicherin auf vieles gefasst. Bereits zuvor hatte sie kurze Ausflüge an der Seite ihres Entführers Wolfgang Priklopil genehmigt bekommen, hatte ein kleines Bild dessen erhaschen dürfen, was sich für Frau Kampusch zusehends als Scheinrealität darstellte und ihre Tagträumereien an diese kurzen Ausschnitte anpassen müssen.

Dennoch hätte sie geglaubt, dass nicht nur das Medienecho, sondern generell das Interesse an ihrer Person andere Züge angenommen hätte als diejenigen, die das traurige Schauspiel schließlich genommen hat. Sogar die Unterstellung, Kampusch habe potenzielle Komplizen Priklopils gedeckt, kursierte über viele Monate durch den Blätterwald und auch durch die Fahndungsbücher der Gendarmerie. Und so hat man am Ende eigentlich genau dort angesetzt – diese freie Wertung sei an dieser Stelle erlaubt – wo der Entführer kurz nach Natascha Kampuschs zehntem Geburtstag begonnen hatte: Aus dem jungen Mädchen wurde ein Opfer, und das direkt nach ihrer Zeit als Opfer eines der schlimmsten Verbrechen der letzten Jahrzehnte.

_Kämpferisch – mehr als 3096 Tage_

Dass sich die junge Dame ihren Stolz dennoch bewahrt hat, ja sogar noch die Kraft aufbringen konnte, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren, während sie langsam aber sicher versuchte, im noch möglichen Rahmen Normalität in ihr Leben zu bringen, verdient Respekt. Größten Respekt. Doch Natascha Kampusch hat gleichzeitig auch einen therapeutischen Weg gefunden, der wohl noch viel beachtlicher ist als die bloße Tatsache ihrer Entführung bzw. der Selbstbefreiung: Sie hat ihre Erfahrungen zu Papier gebracht, ihr Grauen ein weiteres Mal durchlebt und sich letzten Endes gezwungen, all die schrecklichen Momente in Priklopils Verlies zu vertiefen, um sich einerseits mitzuteilen und nach Verständnis zu suchen (als wenn dies überhaupt nötig wäre …), andererseits aber auch soweit mit dieser Geschichte abzuschließen, wie das nach der psychischen und physischen Belastung jener 3096 Tage im Wiener Nebenbezirk Strassfeld überhaupt möglich ist.

Die Biografie ihres ganz persönlichen Schicksals soll nun endgültig dazu beitragen, Natascha Kampusch als den Menschen zu betrachten, der mit Sensationslust ebenso wenig gemein hat wie mit all den übrigen Verschmähungen, die man ihr infolge ihrer TV-Auftritte und Interviews nachgerufen hat. Und vor allem soll das Buch noch einmal ganz klar vergegenwärtigen, dass es sich hierbei um ein kleines Mädchen handelt, dessen Jugend nicht nur beraubt und verblendet wurde, sondern welches trotz der schier ausweglosen Situation ein für ihr Alter unglaubliches Durchhaltevermögen gezeigt hat und von der Gewalt und dem Psychoterror ihres Entführers nie ganz gebrochen wurde.

_Erschütternde Fakten – nicht mehr, nicht weniger_

Dementsprechend schwierig ist daher auch die Analyse des knapp 300 Seiten starken Werkes, welches sich vorrangig mit den prägnanten Erlebnissen in Priklopils Haus beschäftigen und einen Einblick in Geschehnisse liefern, bei dem man manchmal selbst nach der Kraft sucht, diese Fakten als gegeben zu betrachten – zumal Kampusch all dies oftmals mit einer paralysierenden Nüchternheit dokumentiert, die fast schon erschreckender ist als die Taten selber. Zu sehr ins Detail zu gehen, würde die Grenzen sprengen. Festzuhalten bleibt allerdings, dass vor allem die Gewaltauswüchse und die ständigen Drohungen Frau Kampusch derart eingeschüchtert haben, dass sie selbst in den sehr seltenen Momenten von Fremdkontakten nie daran gedacht hat, einen ersten Schritt in die Freiheit zu wagen. Und dennoch konnte sie sich Priklopil immer wieder widersetzen, dies zwar oftmals mit dem Preis von Tritten und Faustschlägen, doch mit einer Würde, die in dieser Situation naiv wirkt, ihr aber schließlich die Kraft gegeben hat, durchzuhalten.

So erfährt man von verschenkten Weihnachtsfesten, dauerhaft präsenten Sehnsüchten, der minutiösen Abkapselung von der Außenwelt, einem schimmligen Kellerraum, einem krankhaft-zwanghaften Verbrecher und einer Täter-Opfer-Beziehung, die einerseits abstrakt scheint, aber schließlich auch ein Arrangement wurde, welches für das Überleben der seinerzeit Jugendlichen Kampusch immens wichtig wurde. Und immer wieder stößt man auf die gleichen unglaublichen Sätze, das personifizierte Ekel, die monströsen Szenarien, beklemmend und in ihrer manchmal sehr objektiven Betrachtung auch intensiv – aber, damit wäre etwas Entscheidendes gesagt, niemals mit dem Hang zur Selbstdarstellung. Denn auch das schwebt aus unerfindlichen Gründen über dem Namen Kampusch und der Person, deren mediale Unsicherheit ihr oftmals als Arroganz ausgelegt wird. Dabei ist es lediglich das Bedürfnis, einen Ballast abzuladen, der so schwer wiegt, dass er nie ganz verschwinden wird, zu verarbeiten und mitzuteilen, was über mehr als acht Jahre nicht mitgeteilt werden konnte – und das ist ihr nicht nur zu gönnen, sondern darüber hinaus auch noch sehr lesenswert, vielleicht auch auf eine makabere Art und Weise.

_Ein trauriges Vermächtnis_

Dabei sollte zuletzt erwähnt werden, dass hinter diesem Buch auch eine bestimmte Erwartungshaltung steckt, die „3096 Tage“ voll und ganz erfüllt. Man bekommt die bislang versteckten Details, erfährt viel Persönliches, hört von Einstellungen und Motiven und erhält schließlich eine grobe Übersicht über all das, was Kampusch in ihrer Gefangenschaft erleben musste. Dass die Dokumentation dieses Lebensabschnitts zudem sehr spannend ist, liegt in der Natur der Sache, dass das Einfühlungsvermögen zum, ja man muss es so nennen, Mitfiebern animiert und man der jungen Natsacha, wie sie gebeugt mit Untergewicht und keinem Haar auf dem Kopf in ihrem grausamen Dilemma gefangen ist, einfach nur wünscht, endlich das letzte Bisschen Kraft zu schöpfen, um sich selber einen Ausweg zu bereiten.

Was währenddessen geschieht, sollte man in den eigenen Worten der Autorin in Erfahrung bringen, die es ferner schafft, wirklich alle oberflächlich effektreichen Inhalte auszuradieren und womöglich sogar bewusst das unterdrückt, was die Boulevardpresse in „3096 Tage“ am liebsten lesen würde. Genau das nennt man schließlich, es sei einmal mehr betont, Würde – und mit eben jener neigt der Rezensent sein Haupt vor einem aufwühlenden Zeitdokument einer außerordentlich tapferen, bewundernswerten Persönlichkeit und ihrem eigenartigen literarischen Lebenswerk.

|Hardcover: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3471350409|
[www.ullsteinbuchverlage.de/listhc]http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc

Janesch, Sabine – Katzenberge

_Wenn man bedenkt_, wie viele Geschichten der Krieg zu erzählen hat, kann einem alleine schon beim Blick auf die vielen Einzelschicksale der Vertriebenen und plötzlich Heimatlosen regelrecht schwindelig werden. Vor allem im heutigen Polen wimmelt es von Nachzüglerfamilien, deren Ursprung nicht in ihrer jetzigen Heimat, ja manches Mal sogar völlig unbekannt ist. Dieses Thema hat Sabine Janesch offenkundig fasziniert und bewegt. Und die Nachwuchsautorin, die als Mittzwanziger definitiv das Zeug dazu hat, schon relativ bald als Shooting Star auf dem hiesigen Literaturmarkt zu landen, weiß definitiv, wovon sie spricht – bzw. wovon die vielen Inspiratoren reden, die mit ihren Geschichten Janeschs Phantasie zum Leben erweckt und ihr eine ganz außergewöhnliche, auf perfide Art und Weise gestaltete, mitreißende Geschichte entlockt haben.

Das bereits von Günter Grass in den höchsten Tönen gelobte Talent erzählt von der jungen, unscheinbaren Redakteurin Nele Leibert, die in ihrem Berliner Büro, nicht ganz überraschend, vom Tod ihres Großvaters erfährt. Leibert, die von der Aura des Verstorbenen stets beeindruckt und berührt war, lässt sich daher nicht lange bitten und tritt die Reise nach Schlesien an – wohlgemerkt ohne ihren emotionslosen Gatten Carsten, der die Herkunft seiner Frau immerzu missachtet hat und auch auf dieser Reise keine Rolle spielen möchte. Mit Ach und Krach stürzt Nele noch zur Beerdigungsgesellschaft und wird sich ein letztes Mal darüber im Klaren, was für ein geschätzter Mann Stanislaw Janeczko zu Lebzeiten gewesen ist.

Doch Leibert weiß ebenso um die Verbitterung, die er jahrelang mit sich getragen hat. Der Hass wendet sich vor allem gegen die deutschen und russischen Besatzer, die ihm seinerzeit die Heimat, damit auch auf noch bitterere Art seine Familie und schließlich auch seinen Stolz genommen haben. Auch wenn es Nele zunächst nicht leicht fällt, den Anlass zu Nutzen und auf Bitten ihrer Tante in der Vergangenheit zu stöbern: Gerade nach seinem Tod soll das Vermächtnis des alten Janeczko ein letztes Mal geehrt werden, so wie es bis dato nie geschehen ist.

Doch aller Anfang ist schwer, wie Leibert alsbald erfahren muss. Die Spurensuche erweist sich als schwierig, da sie sich nur auf den Erzählungen ihres begrabenen Großvaters stützen, sie vor allem jedoch in der ostpolnischen Heimat Janeczkos auf einige Widersprüche stößt. Doch das Puzzle, woher er kam, wer er vor seiner Zeit in Schlesien tatsächlich war, warum seine Familie ihn verstieß und welche Rolle sein Bruder dabei spielte, setzt sich nach und nach zusammen. Und weckt neben einigen nostalgischen Erinnerungen auch ein grausames Bild jener Zeit und jener Menschen, die unmittelbar für Janeczkos Werdegang verantwortlich waren.

_Sabine Janesch ist_ eine fabelhafte Erzählerin. Punkt! Man lässt sich von ihrer betören, mit simpel-philosophischen Texten verwöhnen, spürt ihre Leidenschaft für die einfachen, aber effizienten Gedankensprünge und lässt sich schließlich immer häufiger dazu verleiten, sich in den düsteren, mithin sehr emotionalen Text fallenzulassen. Dabei ist die Geschichte so unkonventionell und ungewöhnlich, beinhaltet nicht einmal einen klar herausgearbeiteten Spannungsbogen und droht so manches Mal, auf der Stelle zu treten und vor sich hin zu plätschern. Doch für derartige Fehltritte gibt Janesch letzten Endes dann doch nicht den erforderlichen Raum. Stattdessen erzählt sie einerseits aus der Vergangenheit und Sicht des Großvaters, andererseits aber auch von der suchenden Nele und lässt die beiden Stränge mit einigen unglaublichen Wendungen miteinander verschmelzen. Herausragend sind hierbei nicht etwa irgendwelche spektakulären Einheiten, sondern schlichtweg der Hang dazu, einfache Leute aus einer ebenbürtig einfachen Sicht einzufangen – und das ist über die Gesamtdistanz schlichtweg fantastisch gelungen.

Der Rahmen bleibt schließlich auch ein ungewohnter. Hört man ansonsten oftmals von den Flüchtigen und ihren existenziellen Nöten, beschreibt die Autorin von „Katzenberge“ die Geschichte eines Mannes und seiner Familie, wie sie auf schlesischem Boden neues, ebenfalls zurückgelassenes Land entdeckt und sich dort zwangsweise ansiedelt. Und genau in diesem Faktum schwingt besagte Verbitterung mit; allein deswegen, weil der Ursprung aufgegeben werden musste, aber auch weil der Geist der Besatzer, hier als Dämon symbolisch personifiziert, ein Leben lang die Verfolgung antritt und den neuen Bewohnern des Hofes keine Ruhe gönnt.

Es sind Sagen und Märchen aus der Vergangenheit, die hier ebenfalls Einzug halten, verknüpft mit einem authentischen Gesellschaftsbild aus einer ländlich-rückständigen Region, in der selbst die Ankunft einer Deutschen (und das ist Nele letzten Endes ja) ein geradezu bedeutsames Ereignis ist. Und das scheint ehrlich, in diesem Bereich – und auch das gibt es ja zuhauf – alles andere als sensationslüstern oder mit dem Drang versehen, möglichst krasse Schicksale ins Auge zu fassen, was „Katzenberge“ zu einem unspektakulär-aufregenden, vor allem aber aufwühlenden Buch macht, welches schließlich aber nur ein Ziel verfolgt: Eine Geschichte zu erzählen. Und diese sollte man lesen, da sie es wert ist, gelesen zu werden!

|Hardcover: 277 Seiten
ISBN-13: 978-3351033194|
[www.aufbau-verlag.de]http://www.aufbau-verlag.de

Dobyns, Jay – Falscher Engel – Mein Höllentrip als Undercover-Agent bei den Hells Angels

Was genau mag in Jay Dobins vorgegangen sein, als sein Arbeitgeber ihm die lukrative, aber eben auch gefährliche Mission offerierte, als Undercover-Agent die Hells Angels zu unterwandern und dem Arizona-Ableger neben Mord, Waffen- und Drogenschmuggel sowie Bandenkriminalität nachzuweisen, dass die Mitglieder zum größten Teil mehr Dreck am Stecken haben als so mancher gesuchter Schwerverbrecher? Dobyns, der in seinem Polizistendasein schon manchen lebensbedrohlichen Auftrag gemeistert hatte und dabei auch schon mehrfach verwundet wurde, wird es aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr ganz genau wiedergeben können. Doch eines, das betont er in diesem Zusammenhang sehr deutlich, weiß er genau: Er hätte diesen Auftrag jederzeit und in jeder Situation wieder angenommen – sei es wegen der speziellen Lebenserfahrung, die er ihm beschert hat, oder einfach nur des persönlichen Erfolgs halber, den die Operation “Black Biscuit“ mit sich gebracht hat. Dobyns hat über seine Mission Zeugnis abgelegt, die Enttäuschungen und Fortschritte festgehalten und vor allem für sich selber analysiert, was der Job und “Black Biscuit“ an Konsequenzen und Spätfolgen nach sich gezogen hat. Und der Mann teilt sein Wissen nun, einerseits weil die Geschichte schon fast unglaublich (weil eben real) anmutet, andererseits aber auch, um sich das von der Seele zu schreiben, was ihn seither prägt wie wohl keine andere Erfahrung in seinem nicht mehr ganz so jungen Leben.

_Wir schreiben das Jahr 2002_,als Slats, ein renommierter Ermittler und ein gebrandmarktes Technik-Genie, an Dobyns herantritt und ihn an den Fall heranführt. Die ATF möchte gezielter gegen die sich häufende Bandenkriminalität in den ansässigen Bikerverbänden ermitteln und vor allem die Drahtzieher an den Pranger stellen. Die Sache ist groß, richtig groß, vielleicht sogar zu groß, als dass sie für eine kleine Einsatztruppe wie das Team, das von nun an unter dem Banner “Black Bisscuit“ operieren soll, geschaffen ist. Dennoch ist Dobyns überzeugt, den Job übernehmen zu können und ein Schauspiel zu inszenieren, das in diesem Ausmaß wohl einmalig bleibt und bleiben wird.

Unter seinem neuen Spitznamen Bird macht er sich in Arizona schnell einen Namen als Waffenschieber und Geldeintreiber – und baut seinen Status dabei ausschließlich auf Gerüchten und Lügen auf. Die lokalen Schlägerbanden und Bikertruppen werden schnell auf Dobyns und seine Mitstreiter aufmerksam, was dieser wiederum nutzt, um einen weitestgehend unbekannten Verband zu missbrauchen und die eigentlich in Mexiko ansässigen Solo Angeles in Arizona zu etablieren. Mit einer Menge Selbstbewusstsein, weiteren, kunstvoll aufgebauten Lügen und einer Menge Einfühlungsvermögen für all die Gaunereien, die von den jeweiligen Verbandsgrößen bzw. den Vorsitzenden der einzelnen Hells-Angels-Charters begangen werden, schafft er tatsächlich sehr schnell das, was zunächst nur eine vage Hoffnung war: Akzeptanz für einen eigenen Motorradclub zu finden und sein Standing Schritt für Schritt auszubauen. Dobyns wird zu einem wichtigen Ansprechpartner, hängt mit den wichtigsten Leuten der Angels-Szene ab, besucht Partys, beteiligt sich an bedeutenden Besprechungen und arbeitet sich in der lokalen Hierarchie immer weiter hoch – bis ihm schließlich gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als die Offerte, als Anwärter bei den Hells Angels einzusteigen, anzunehmen.

_“Falscher Engel“ schildert_ diesen denkwürdigen, natürlich auch zweifelhaften Aufstieg mit all seinen Gefahren und den möglichen Risiken für Jay und seine Familie. Doch die Geschichte, die der Agent erzählt, hat weitaus mehr zu bieten, als einen oberflächlichen Bericht über die Infiltration der öffentlich bekannten Gangstervereinigung auf zwei Rädern. Vielmehr rechnet Dobyns auch mit sich selber ab und stellt seine Persönlichkeitsentwicklung zur Diskussion, die in den zwei Jahren der verdeckten Ermittlungen im Wespennest der Rocker einige beängstigend krassen Verlauf genommen hat. Spielt Dobyns alias Bird zunächst nur das Tough-Guy-Image, welches notwendig ist, um die Toleranz der Biker zu genießen, wird er immer mehr eins mit seiner Rolle und weiß irgendwann nicht mehr zwischen der eigentlichen Realität und der Scheinwahrheit als Mitglied der Motorradgang zu unterscheiden. Die Besuche in seiner Heimat werden seltener, die Abkanzlung von seiner Familie nimmt derweil immer gravierendere Formen an, was schließlich solch unwirkliche Formen annimmt, dass der Autor von „Falscher Engel“ irgendwann an einen Punkt angelangt, an dem er sogar bereit ist, sein bürgerliches Leben aufzugeben, um sich ganz seiner Aufgabe zu widmen – oder vielleicht sofort ganz zu den Hells Angels überzutreten.

Das Buch zeigt daher vor allem den bemerkenswerten Lebenswandel, die Persönlichkeitsveränderung, aber eben auch all das, was die Hells Angels und ihren ständigen Konflikt mit dem gesetzt ausmacht. Dobyns geht stark ins Detail und beschreibt anhand von Fakten, was sich tatsächlich im Untergrund abspielt, wer die Drahtzieher sind, aber auch welchen Weg man gehen muss, um endlich den entsprechenden Aufnäher auf seine Kutte nähen zu dürfen. Er gebärdet sich als absoluter Outlaw, lügt sich hierbei an den Rand des eigenen Verderbens und setzt alles auf eine Karte, damit die Mission Erfolg haben kann. Und gerade jene Faktoren, die in der Draufsicht wie die Sage eines Machos und Möchtegernhelden erscheinen, sind letztendlich so leidenschaftlich aufbereitet und auch in der schriftlichen Performance (und Übersetzung) so überzeugend dargeboten, dass einen die Erlebnisse, die Dobyns von nun an auch mit der übrigen Welt teilt, kaum mehr loslassen. Unbegreiflich ist lediglich, dass der gute Mann noch keinem Attentat zum Opfer gefallen ist. Denn nach all diesen Offenbarungen sollte der Herr zu denjenigen Persönlichkeiten gehören, deren Kopfgeld astronomische Summen annimmt – doch dieses Risiko, und wenn es eines seiner letzten im Falle „Black Biscuit“ sein sollte, ist er eingegangen um ein fast schon romanartiges, spannendes und aufregendes Buch zu verfassen, welches das Prädikat ‚lesenswert‘ wahrscheinlich mehr verdient als nahezu alle Künstler- und Starbiografien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Und die Ursache liegt auf der Hand: Hier wurde nichts beschönigt oder nachgebessert, sondern lediglich das festgehalten, was (erschreckenderweise) tatsächlich geschehen ist!

_Mehr zum Thema_ findet man im Übrigen in einer DMAX-Reportage, die den Fall noch einmal neu aufrollt und den Protagonisten noch einmal persönlich in den Fokus rückt. Diverse Online-Videoportale bieten hier einen Einblick, der die bewegenden Eindrücke von „Falscher Engel““ nur noch weiter verstärkt.

|Hardcover: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3868830262|
[www.rivaverlag.de]http://www.rivaverlag.de