Archiv der Kategorie: Zeitgeschichte & Gesellschaft

Sattler, Elfriede – Nabelfrei. Mein Leben – kein Roman

„_Kein Roman, aber genauso fesselnd_“

Geboren 1931, ungeliebt aufgewachsen, von Erwachsenen immer wieder physisch und psychisch misshandelt, vom Stiefvater missbraucht sowie selbst nach ihrer Flucht vom elterlichen Hof noch von ihrer Mutter verfolgt und fast zur Rückkehr ins Martyrium gezwungen – der erste Teil von Elfriede Sattlers Lebensgeschichte liest sich wie ein nicht enden wollender Alptraum. Da kann man kaum glauben, dass es sich dabei um die wohlproportionierte junge Frau handeln soll, die dem Leser insbesondere vom rückwärtigen Umschlagbild in einer anmutigen Tanzpose entgegenstrahlt. Doch Elfriede hat eine starke Persönlichkeit und einen unbändigen Überlebenswillen und, was sich für sie als noch viel wichtiger erweisen wird, sie hat den unbedingten Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen.

Während im Nachkriegsdeutschland für die Frauen noch die Heirat als erstrebenswertestes Ziel gilt, will Elfriede sich nie von einem Mann abhängig machen. Innerlich immer auf der Hut vor zu viel Nähe, lernt sie erst nach und nach zu verstehen, dass sie von der Natur mit einem wunderschönen und begehrenswerten Körper ausgestattet wurde, der die Männer geradezu hypnotisch anzieht. So hat sie schnell beruflichen Erfolg als Modell. Als Komparsin beim Film kommt sie gut an, doch Elfriede will mehr. Sie will Deutschland hinter sich lassen. Sie wird Tänzerin und tourt mit einer kleinen Gruppe durch Clubs und Cabarets. Auch wenn „tanzen“ in diesem Zusammenhang noch nicht mehr bedeutete, als in Unterwäsche und Negligé zur Musik über ein Podest zu spazieren, ist es der erste Schritt zu mehr Körpergefühl und zur Akzeptanz ihres Körpers.

Das lang ersehnte Engagement in Zypern endet zwar als große Enttäuschung, aber Elfriede findet einen Ausweg und macht eine Tanzausbildung, nach der sie sich bei Agenturen als Solotänzerin vorstellen kann. Schließlich trifft sie auf Artin Bahadourian und damit auf einen Agenten, der ihr Engagements in Griechenland und auch im Orient vermittelt. So ist es unvermeidlich, dass sie in Ägypten dem orientalischen Tanz begegnet. Dieser setzt ihrer inzwischen erwachten Liebe zum Orient das i-Tüpfelchen auf. „Mir war es, als hätte jemand ein bis dahin fest um mich geschnürtes Korsett zerschnitten. Und zwar jedes Band einzeln. Als zöge meine Seele in ein anderes Haus. In ein viel Schöneres. Von einer schäbigen Hütte in eine Villa. Ich legte eine Schicht von meinem Panzer ab und wurde mehr und mehr zu einer empfindenden, fühlenden Frau.“, beschreibt Elfriede Sattler ihre Gefühle nach den ersten Tanzstunden bei Samia Gamal, welche in dieser Zeit eine der gefragtesten Tänzerinnen ist und in vielen ägyptischen Filmen mitspielt. Somit beginnt ihre Leidenschaft für den orientalischen Tanz, in dem sie es in einigen Jahren zu einer Meisterschaft bringt, bei der sie mit den besten orientalischen Tänzerinnen mithalten kann und viele Stars der Szene kennenlernt.

Dennoch ist es übertrieben, wenn man diese Lebensgeschichte als „Märchen aus 1001 Nacht“ beschreibt. Trotz der märchenhaften Umgebung und Elfriedes märchenhaftem Aufstieg zu der in der orientalischen Welt hoch angesehen Tänzerin Ulfat Sharif, lässt die Autorin keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Lebensgeschichten solcher Tänzerinnen selten ein gutes Ende nahmen. Mit diesem Bewusstsein hält sie sich vor allem von den Männern fern. Obwohl sie im Laufe der Jahre einige innige Beziehungen führt, ist sie immer bestrebt, ihre Unabhängigkeit zu wahren, Geld zurückzulegen und sich nie ganz auf eine Beziehung einzulassen, bis sie eines Tages einem jordanischen Prinzen begegnet und erkennen muss, dass man seinem Herzen doch kein ganzes Leben lang davonlaufen kann.

Die knapp 400 Seiten fassende Biografie liest sich aber nicht nur als Lebensgeschichte einer Frau, der man großen Respekt entgegenbringen muss, sondern auch wie ein Panorama seiner Zeit. Die aus heutiger Sicht erschütternd emotionslose Einstellung zur Kindererziehung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sowie die Dramatik des Zweiten Weltkrieges und die Veränderungen in Deutschland kommen dabei genauso zum Ausdruck wie das kosmopolitische Leben in der international geprägten High Society im Orient, das einen krassen Gegensatz zum Leben der einfachen Orientalen darstellte. Mit Elfriede Sattler dürfen die Leser auch bei orientalischen Familienfesten dabei sein. Sie beschreibt Auftritte in Privathäusern und gibt damit Einblicke in die orientalische Lebensweise und orientalische Gebräuche. Man erlebt den sprichwörtlichen Kulturschock mit, als Elfriede in den 50ern zurück nach Europa geht, und hat mal wieder reichlich Grund, sich für den eigenen Kulturkreis fremdzuschämen, in dem eine solche Tänzerin sofort in die Schublade „leichtes Mädchen“ gesteckt wird, während man im Ursprungsland den Tanz völlig zurecht als hohe Kunstform betrachtet, deren Perfektion nur mit jahrelanger Übung und Leidenschaft zu erreichen ist.

_“Nabelfrei“ ist dabei_ keine große Literatur, sondern das in einfachen Worten aufgeschriebene bewegende Schicksal einer Frau, die sich trotz einer unvorstellbar schlechten Ausgangsposition, ein selbständiges und freies Leben in einer Welt erarbeitet hat, die sich über wenige Jahrzehnte extrem veränderte. Es ist die Geschichte einer misshandelten Frau, die mit dem orientalischen Tanz zu sich selbst und ihrem Körper gefunden hat und im späteren Leben auch in Europa für ihre Träume und ihre unabhängige Lebensweise eingetreten ist. Elfriede Sattler gibt ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man sich im Leben nicht unterkriegen lassen darf, dass man wissen muss, wohin man will – kurz, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, selbst wenn es mit dem Traumprinzen nicht klappen sollte. Wenn man das Buch erst einmal aufgeschlagen hat, kann man es nur schwer wieder zur Seite legen, denn von „ungeheuerlich“ bis „unglaublich“ ist alles dabei.

|400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3426655191|
http://www.knaur.de

Knopp, Guido – Wettlauf zum Südpol, Der: Das größte Abenteuer der Geschichte

Als sich im vergangenen Jahr die Entdeckung des Südpols exakt und genau zum einhundertsten Mal jährte, schien dies in der Wissenschaft lediglich ein Randthema zu bleiben, auch wenn die Verdienste der damaligen ‚Wettkämpfer‘ Roald Amundsen und Robert Falcon Scott insbesondere für die geografische Sparte eine immens große Errungenschaft werden sollte. Guido Knopp, bekannt aus zahlreichen geschichtsträchtigen Dokumentationen, hat diesen Anlass jedoch genutzt, um die einstige Legende noch einmal wiederzubeleben, gleichzeitig aber auch einen modernen Wettbewerb auszuschreiben, bei dem sich zwei Teams aus Österreich ähnlich wie seinerzeit Norweger und Briten darum ’streiten‘ sollten, wer nun tatsächlich als Erstes den südlichsten Punkt des Erdballs erreichen würde. Parallel dazu wurde das Projekt auch in Buchform aufbereitet und liefert neben einigen Szenenbeschreibungen des aktuellen Rennens auch alle essentiellen Details zur vergleichsweise wesentlich beschwerlicheren Mission aus dem Jahr 1911.

Allerdings beschränkt sich der Professor in erster Linie darauf, die wesentlichen Dinge zu analysieren und nicht zwingend Stellung zu den zahlreichen Fehlern zu beziehen, die vor allem die Expedition des britischen Stoßtrupps unter der Führung von Robert Falcon Scott begleitet haben. Zwar deckt Knopp anhand der Tagebucheinträge von Scott und seinen Gefährten immer wieder auf, mit welch leichtsinnigen Trugschlüssen sich die Briten seinerzeit selber das Leben schwer gemacht und ihre Mission schließlich auch in den persönlichen Exitus getrieben haben, allerdings bezieht er in einem Schlusswort noch einmal ganz klar Stellung und warnt davor, sich einer zu einseitigen Darstellung hinzugeben, die ausschließlich den ‚Sieger‘ Amundsen als unfehlbare Instanz der Südpol-Forschung auf den Thron hievt. Denn, das stellt Knopp ganz klar heraus, Scott hatte neben seinen weniger günstigen Entscheidungen auch noch mit einer Reihe ungewöhnlicher Wetterkapriolen und unverhältnismäßig vielen anderen Pechfaktoren zu kämpfen, die nicht nur auf sein schwächer ausgeprägtes Planungsgenie zurückzuführen sind, sondern in der Summe als unglückliche Schicksalsfügung gewertet werden müssen. Und genau diese Neutralität, mit der man dieser Mission in „Der Wettlauf zum Südpol: Das größte Abenteuer der Geschichte“ entgegentritt, macht die hiesige Aufbereitung auch zu einer der sympathischsten zu dieser Materie, ohne dabei bedeutsame Fakten außen vor zu lassen bzw. den wissenschaftlichen Standpunkt zu ignorieren.

Doch bevor man sich überhaupt dem Resultat des damals nicht zwingend als Wettrennen initiierten Schaulaufens von Amundsen und Scott widmet, wird man erst einmal mit der ebenfalls eminent wichtigen Vorgeschichte vertraut gemacht und mit den Ereignissen konfrontiert, die erst dazu führten, dass sich Amundsen und sein britischer Kontrahent auf den Weg zum Südpol machten. Ränke wurden geschmiedet, für die ‚gute Sache‘ gelogen, unzählige Täuschungsmanöver vorgenommen und schließlich doch für beide Parteien unmissverständlich klargestellt, dass es bei dieser Reise nur einen Sieger und einen absoluten Verlierer geben wird. Und Letztgenannter musste diese Niederlage sowie seine zahlreichen Fehler mit dem Leben bezahlen.

_Die Art und Weise_, wie sich Knopp nun diesem Thema nähert, mag vielleicht eine eher massenkompatible sein, jedoch beinhaltet sie schlussendlich all jene Fakten, die für das Verständnis, die Entwicklung der Missionen, das besondere Prestige und vor allem auch für die Wissenschaft von entscheidender Aussagekraft sind. Darüber hinaus zeichnet er nicht nur von den beiden Hauptakteuren ein sehr aufschlussreiches Psychogramm, durchdringt ihr teils sehr depressives Seelenleben (Scott) und analysiert überdies immer wieder die menschliche Seite der beiden Kämpfernaturen. Dabei stellt der Autor auch klar die elementaren Unterschiede zwischen dem treu ergebenen Marine-Kapitän Robert Falcon Scott und dem – so würde man es heute wahrscheinlich beschreiben – fast schon alternativ ausgerichteten Organisationstalent Roald Amundsen heraus. Zwar fuhren beide eine klare Linie, jedoch bewahrte der hart durchgreifende Norweger bis zuletzt seinen Verstand und ließ sich nicht von persönlichen Fehden und Missgunstentscheidungen beeinflussen – und dies sollte am Ende auch ausschlaggebend für den Erfolg sowie die unbeschadete Rückkehr in den Heimathafen sein.

Doch was ist nun mit den Helden von heute? Die Teams, die von Markus Lanz respektive Joey Kelly angeführt wurden, erlebten mit den Hilfsmitteln der heutigen Zeit eine ähnlich beschwerliche Reise, musssten sich aber selbstredend nie Gedanken über ein mögliches Ende im ewigen eis machen. bestens ausgestattet, zur Not von den TV-Teams unterstützt, durchlebten sie dennoch einige Extreme und mussten an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit gehen. Inwieweit dies jedoch tatsächlich mit dem vergleichbar ist, was die Vorbilder dieses Wettkampfes leisten mussten, sei definitiv dahingestellt. Denn auch wenn eine ausgesprochen stabile Psyche und eine überdurchschnittliche physische Fitness erforderlich sind, um die immensen Strapazen einer solchen Expedition zu bestehen, so sind die Beweggründe natürlich völlig anders gewesen. Und insofern sollte man den Wettbewerb aus dem Jahr 2011 auch nicht zwingend mit jenem 100 Jahre zuvor vergleichen. Er ist eine Erinnerung und eine Ehrerweisung an Amundsen und Scott, das sicherlich. Aber unterm Strich it er natürlich auch gewissermaßen eine Show für die Medien, die jedoch – und das ist eben das schöne – weder sensationslüstern noch aufgeblasen war und ist, sondern ausschließlich dokumentieren sollte, wie strapaziös ein Reise in den absoluten Süden und die damit verbundenen Bedingungen sein würden. Und die Darstellung dessen ist Guido Knopp wirklich gut gelungen.

Zur Aufteilung des Inhalts sei zum Schluss gesagt, dass die historische Aufarbeitung den Löwenanteil der 336 Seiten verschlingt und es nur gelegentlich kurze Zwischeneinwürfe mit der Darstellung der jüngeren Mission gibt. Hier werden Materialfragen geklärt, die Physis analysiert, ab und zu auch ein Blick auf die Mittel der Technik geworfen und schließlich auch mal ein Wort über die wunderbare Eislandschaft verloren. Diese Strukturierung ist für das Lesevergnügen grundsätzlich von Vorteil; nur hätte man vielleicht beherzigen sollen, dass es nicht viel Sinn macht, ein Kapitel immer wieder mit derartigen Sequenzen zu unterbrechen, da man ständig hin und her blättern muss, um nicht den Faden zu verlieren. An den jeweiligen Enden einer Episode zum Wettkampf Scott vs. Amundsen wäre ebenfalls ausreichend Raum für diese Skizzierungen gewesen.

_Weitere Kritikpunkte sind_ dann aber nicht zu benennen; im Gegenteil: Professor Guido Knopp hat hier einen sehr kurzweiligen Erlebnisbericht mit einem authentischen Bezug zu den legendären Expeditionen aus dem Jahr 1911 geschaffen, der nicht nur einen genauen Überblick über die damaligen Geschehnisse liefert, sondern mehr oder weniger unbewusst auch die Entwicklungen in der Polarforschung anhand der jeweiligen Missionsresultate vor Augen führt. Prädikat: Absolut lesenswert!

|Taschenbuch: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3442744503|
http://www.randomhouse.de/btb

_Guido Knopp bei |Buchwurm.info|:_
[„Hitlers Manager“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1239

Belli, Giaconda – Republik der Frauen, Die

_Politik mit „gesundem Menschenverstand“_

Vermutlich macht das Cover des neuen Romans der nicaraguanischen Autorin Giaconda Belli, das riesige rote Pumps zeigt, vor allem Frauen neugierig. Was soll das sein – diese Frauenrepublik? Eine Amazonengesellschaft in Louboutins? Mich ließ der Titel sofort an Robert Merles etwas in die Jahre gekommene Dystopie „Die geschützten Männer“ (1974) denken, in der die Frauen die Herrschaft über die ganze Welt übernehmen, weil ein ausschließlich Männer befallender Virus diese in Scharen dahinrafft, bis nur noch wenige von ihnen übrig sind, welche dann in Camps gehalten und vor dem Virus geschützt werden müssen.

Bei Giaconda Bellis Behandlung des Themas fällt jedoch sofort auf, dass schreibende Frauen und Männer in unterschiedlichen Dimensionen denken: Muss es bei einem Mann wie Merle gleich die ganze Welt sein, nimmt sich eine Frau erst mal nur ein kleines Land vor. Was außerdem in „Die geschützten Männer“ heute befremdlich anmutet, ist die Tatsache, dass Merle seine Geschichte so konstruiert, dass die Frauen genau die gleichen Verhaltensmuster an den Tag legen wie die Männer vorher. Belli hingegen wird der Tatsache gerecht, dass Frauen und Männer doch recht unterschiedlich denken und handeln.

Das fängt schon dabei an, dass eine Frau einen weniger aggressiven Grund dafür findet, warum den Männern die Macht entgleiten kann. So müssen diese nicht gleich sterben, sondern ein Vulkanausbruch und die Stoffe in der Luft sind daran schuld, dass der Testosteronspiegel im Blut der Männer des kleinen südamerikanischen Staates „Faguas“ erheblich sinkt, so dass sich bei den anstehenden Wahlen im Land der ungewollten Softies eine neue Frauenpartei durchsetzen kann und es bis zur Präsidentschaft bringt. Sie mobilisiert vor allem Frauen, die mit den Zuständen in ihrem Land (Müllproblem, Arbeitslosigkeit, mangelnde Kinderbetreuung, Wasserknappheit etc.) nicht zufrieden sind, dahingehend, wieder andere Frauen von ihrer Partei zu überzeugen, „die sich vornimmt, dem Land das zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt, es in Ordnung hält, wie eine Frau ihr Haus in Ordnung hält“. Auf diese Art verbreiten sich die Ideen der „Partei der Erotischen Linken“ wie ein Lauffeuer.

Bei Belli müssen die Frauen das Weibliche nicht ablegen, um Macht ausüben zu dürfen. Im Gegenteil, die Präsidentin Viviana Sansón ist eine attraktive Journalistin, die sich schon immer traute, anzuecken und Missstände in ihrem Land aufzudecken. Gleich zu Beginn des Buches wird sie jedoch angeschossen und muss aufgrund ihrer Verletzung ins Koma versetzt werden. Während Freunde und Verwandte am Krankenbett um ihr Schicksal bangen, erfährt der Leser die ganze Geschichte der Parteigründung, der Wahlen und der Veränderungen in Faguas aus der Sicht der unterschiedlichen Charaktere. So lernt man auch die einzelnen Schicksale des harten Kerns um die Präsidentin kennen. Da ist von der braven Hausfrau bis zu einer jungen Frau, die als Mädchen verkauft und sexuell missbraucht wurde, alles dabei.

Das Symbol der Partei ist ein Fuß mit roten Zehennägeln, denn die Anfangsbuchstaben der Partei „PIE “ bedeuten in der spanischen Landessprache „Fuß“. Und genau so wollen die Politikerinnen das Land auch voranbringen: indem sie einen Fuß vor den anderen setzen. Die Anhänger der Partei lackieren nicht nur ihre Nägel rot, um ihre Weiblichkeit zu betonen, sondern tragen auch T-Shirts mit der Aufschrift „Ich segne mein Geschlecht“. Die Ziele der Partei kann man ebenso als „weiblich“ definieren. Als sie gewonnen haben, organisieren sie das Leben in diesem Staat völlig um. Wie Kinder nehmen sie die Menschen an eine liebende aber fordernde Mutterhand. Statt wie es bisher in der Politik üblich war, alle Anstrengungen in die militärische Richtung zu lenken, verpflichten sie die Einwohner, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie führen das Studienfach „Mutterschaft “ ein, um dafür zu sorgen, dass alle Kinder einen guten Start ins Leben bekommen. Die Wirtschaft wird vorangebracht, indem der Anbau und Export von Blumen gefördert wird. Damit stoßen sie auf großen Anklang. Auch die Einführung einer Aktion, bei der das sauberste Viertel einer Stadt keine Wasserkosten bezahlen muss, wird positiv gesehen.

Bei Belli wird aber auch deutlich, dass man einen ganz rigorosen Schnitt machen muss, weil die Männer sonst an den über Jahrhunderte etablierten Strukturen festhalten und solche tiefgreifenden Veränderungen blockieren wollen. Also schickt man alle Männer des öffentlichen Dienstes für sechs Monate nach Hause und ersetzt ihre Stellen durch Frauen. Die Männer erhalten zwar vollen Lohnausgleich und manche finden auch ihr Gutes an der Situation, aber nicht bei allen stößt sie auf Gegenliebe. Auch die öffentliche Ausstellung und Tätowierung von Vergewaltigern wird vor allem von Männern kritisch gesehen. Die Autorin zeigt also, dass es keinen langsamen Übergang geben kann, weil die Ideen zu weit auseinandergehen. Doch das Attentat auf die Präsidentin macht klar, dass es wieder eine Annäherung geben muss. Ein „Frauen gegen Männer “ ist nicht möglich. Man muss beide Geschlechter auf seiner Seite haben, um langfristig an der Macht zu bleiben, denn mit einer gewonnen Wahl steht man eben erst am Anfang.

In ihrer Danksagung schreibt Giaconda Belli, dass sie in den 80er Jahren selbst einer geheimen „Partei der Erotischen Linken“ angehört hat. Obwohl diese nie zu Einfluss gelangte, war die Gruppe „eine Erfahrung in Kameradschaft und Kreativität, die uns alle bereicherte“. In „Die Republik der Frauen“ hat Belli die damals entstandenen Träume und Visionen gedanklich weitergesponnen, denn das Land „Faguas“ ist unschwer als „Nicaragua“ auszumachen, da sie dieses Pseudonym bereits in ihrem Roman „Bewohnte Frau“ (1988) für die Hauptstadt ihres Landes benutzte. Allerdings erinnern die Probleme von „Faguas“ und damit der südamerikanischen Länder auch an die Probleme der Länder Europas – beispielsweise an das Müllproblem in Neapel, die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien oder alles blockierende Verwaltungsapparate in Griechenland sowie Mitglieder der Exekutive und Legislative, die sich aufgrund von Geld und Einfluss alles erlauben können. In Faguas halten sie sich extravagant Pinguine und in Europa veranstalten sie Bunga-Bunga-Partys, schachern sich Kredite zu oder schmuggeln Teppiche am Fiskus vorbei. Selbst Menschenhandel, die sexuelle Ausbeutung von Frauen oder häusliche Gewalt gegen sie sind in Europa nicht fremd. Von daher ist „Die Republik der Frauen“ ein Buch, das globale Probleme auf eine zeitgemäße Art und Weise mit feministischen Anliegen zusammenführt und Lösungen sucht. „Die Ideen in meinem Roman sind einfach gesunder Menschenverstand. Ich bin erstaunt, dass wir Frauen sie noch nicht in die Tat umgesetzt haben. “

|Originaltitel: El país de las mujeres
Übersetzung: Lutz Kliche
304 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426199152|
http://www.droemer.de

_Corinna Hein_

Jens Bisky – Unser König: Friedrich der Große und seine Zeit

_Der König_

Friedrich II. (1712-1786) erstaunte die europäische Welt zuerst durch seine Jugend als künstlerisch interessierter junger Mann. Als Sohn des Soldatenkönigs, der durch sein sparsames und militantes Regime, das allerdings zu keinem großen Kriege führte, bekam er die Härte von dessen Erziehung zu spüren, so dass er schon mit seinem Freund Katte durchbrennen wollte, was ihm die väterliche Anklage wegen Hochverrats eintrug und er zusehen musste, wie Katte in Küstrin hingerichtet wurde.

Als er dann 1740 selbst an die Macht kommt, wandelt er sich abrupt zum Eroberer, der unter fadenscheinigen Gründen Schlesien annektiert. Im Siebenjährigen Krieg hat er dann einer Übermacht zu widerstehen, die Preußen an den Rand der Katastrophe bringt, denn Preußen liegt als Flickenteppich zwischen den Großmächten Russland, Österreich und Frankreich. Immerhin gelingt es ihm, in Besitz von Schlesien zu bleiben, auch wenn ihn das teuer zu stehen kommt.

Der Alte Fritz, wie man Friedrich den Großen in späteren Jahren vertraulich nannte, bläst dann täglich drei Stunden die Querflöte, verbringt die Tage mit Regieren, Dinieren und Erzählungen der immer wieder gleichen Anekdoten, und die Nächte nicht in den Armen einer Maitresse, sondern an der Seite einer Hündin, seinen Windspielen, von denen er einige Dutzend hielt.

Ab und an regiert er auch mal in die eigene Justiz hinein und bringt schon einmal ein paar Gerichtsmänner hinter Schloss und Riegel, weil sie im Falle des Müllers Arnoldt, dem angeblich das Wasser abgegraben wurde, seiner Meinung nach falsch entschieden haben. Das rückt erst sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. wieder gerade, der aber nicht nur das Maitressenwesen wieder einführte, sondern auch die Friederizianische Gedankenfreiheit wieder zurückdrehte.

_Das Buch_

Der Autor Jens Bisky hat ein Gespür für aktuelle Stoffe. Hat er zum 200. Todestag Kleists eine Biographie herausgebracht, so lässt er den 300. Geburtstag Friedrichs ebenfalls nicht aus. Jugend, Glanz, Krieg und Alter heißen die vier Bestandteile seines Kleeblatts, das er uns offeriert, und jeden Abschnitt durch einen eigenen Text einleitet. Dass Bisky, wie schon bei Kleist, auch für Friedrich kein inniges Verhältnis findet, kann man nachempfinden, denn er war eben ein Monarch, der, auch wenn er uns die Kartoffel als Feldfrucht geschenkt hat, immer eine gewisse Distanz verlangt. Zwei Drittel des Buches sind allerdings Originaldokumente, die recht bunt sind und auf bequeme Weise aus der überschaubaren Arbeit ein umfängliches Werk machen.

_Fazit_

Bisky bringt die reichhaltigen Quellen zu Friedrich dem Großen in überschaubarem Umfang in unsere Bücherregale. Die Aktualität findet er vor allem darin, dass sich der König als „erster Diener“ seines Staates ansah. Diese Pflichttreue, obgleich er vielleicht lieber Musiker und Schöngeist hatte sein wollen, hält zum Muster heutiger Politiker her. Wiederentdeckt wurde diese Tugend schon zu DDR-Zeiten, als man das Rauchsche Reiterdenkmal wieder unter die Linden brachte, aber auch heute ist noch kein Ende in der Faszination erkennbar, stattdessen vielleicht sogar die Sehnsucht nach einem guten König.

|Hardcover, 400 Seiten
ISBN-13: 978-3871347214|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de

Chinua Achebe – Alles zerfällt

Als „Alles zerfällt“ im Jahre 1958 veröffentlicht wurde, rückte es den jungen Schriftsteller Chinua Achebe schnell in den Fokus aller Fans von Afrika-Literatur, da es zu den wenigen Werken zählte, die nicht über Afrika, sondern sozusagen aus Afrika erzählt wurde. Von einem Nigerianer, der über die jüngste Geschichte seines eigenen Volkes, dem in Nigeria beheimateten Igbo-Stamm, erzählt. Nicht umsonst entwickelte sich das Werk zu einem Klassiker der afrikanischen Literatur, das heute mehr als zehn Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurde.

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Kastrop, Jessica – Liebe in Zeiten der Champions League

_“Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.“_

Spätestens wenn in Büros, auf Laternenmasten und von Wohnzimmerfenstern deutsche Flaggen wehen, fällt es jedem – auch dem letzten nicht an Fußball interessierten Menschen – auf, dass sich entweder eine Fußball-EM oder gar eine -WM nähert. Glaubt man allen Versicherungen und Statistiken, bricht die damit zusammenhängende Hysterie tatsächlich nur alle zwei Jahre aus. Gefühlt tritt ein solches sportliches Großereignis aber wesentlich häufiger auf, und man kann ihm durch nichts – nicht einmal durch geschickte Urlaubsplanung – entgehen. Für diejenigen, denen erst jetzt die Schuppen von den Augen fallen, wäre es für dieses Vorhaben vermutlich ohnehin zu spät. Auch vielen anderen weniger Begeisterten wird eine Flucht nicht vergönnt sein, wenn schon in diesem Sommer wieder der EM-Ball rollt. Sehen wir also der Tatsache gefasst ins Auge und hören mit dem Jammern auf! Was bleibt, ist, sich in nahezu unmenschlicher Toleranz zu üben und sich auf die Zeit nach der EM zu freuen oder zu versuchen, mit Jessica Kastrop die Flucht nach vorn anzutreten.

Die attraktive Sportjournalistin moderiert die Bundesliga und die Europa League auf |Sky| und ist unter einem fußballbegeisterten Vater zu einer Liebhaberin des runden Leders herangewachsen. So etwas kann vorkommen und passiert durchaus häufiger, als man annimmt. Auch eine meiner Arbeitskolleginnen wuchs auf dem Rasen auf, während ihr Vater seine Schiedsrichterfunktion bekleidete. Vermutlich konnte sie eher „Tor“ als „Mama“ rufen. Dennoch hält sie nicht viel von Jessica Kastrop und warnte mich bereits vor dem Lesen des Beziehungsratgebers „Liebe in Zeiten der Champions League“, dass der Ball, welcher die blonde Reporterin dereinst während einer Moderation unsanft am Kopf getroffen hatte, damals schon keinen größeren Schaden mehr anzurichten vermochte. Nun, ja, beim Fußball geht es nicht immer sanft zu – auch nicht verbal und schon gar nicht außerhalb des Rasens. Vielleicht ist Frau Kastrop also gar keine Quotenfrau sondern tatsächlich kompetent, steht jedoch auf den falschen Verein und kann deswegen bei meiner Kollegin nicht punkten. Egal! Wie oben beschrieben, droht die EM, und, da ich in einem Fußballland wie Italien mit einem fußballbegeisterten Lebensgefährten und seiner fußballbegeisterten Familie diesem Großereignis ebenso wenig wie den wöchentlichen Spielen des mittelmäßig erfolgreichen AS Bari entgehen können werde, schlug ich alle Warnung in den Wind und wollte die „besten Beziehungstipps für fußballgeplagte Frauen“ (so der Untertitel) studieren, auf dass der kommende EM-Sommer nicht gleichzeitig der Sommer unseres Beziehungsendes werde.

Der Ratgeber teilt sich in fünf große Abschnitte. Der erste Abschnitt, „Anpfiff“, behandelt, wie man in einem Stadion ganz leicht einen Fußballfan kennenlernt und Verständnis für sein Hobby entwickelt. Kastrop beschreibt den Fußball für den Mann als Ausgleich zur Arbeit, Ventil für Emotionen sowie zum Aggressionsabbau. Er diene dazu, Teamgeist zu entwickeln und siegen oder verlieren zu lernen. Erwachsenen Frauen gelingt es scheinbar nur in einem gefühlsmäßigen Ausnahmezustand und „geschützt durch die rosarote Brille“, Gefallen am Fußball zu finden. In dieser Zeit müsse die Frau das Verständnis für den Fußballmann entwickeln, um späterhin zu lernen, wie seine Beziehung zu einer Frau mit der frühkindlich geprägten Liebe zum Verein auf einen Nenner gebracht werden könne. Die Autorin rührt die Werbetrommel für Fußball als Gemeinschaft fördernden, identitätsstiftenden und grenzüberschreitenden Sport, der zudem auch familienbezogen sei, weil er Väter und Kinder zusammenschweiße.

Teil zwei geht davon aus, dass man sich den Fußballfan nun erfolgreich geangelt hat und versuchen muss, das gemeinsame Zusammenleben um das Hobby herum zu organisieren. Kompromisse und Kooperation stellt sie als Grundpfeiler der funktionierenden Partnerschaft heraus und wirbt auch hier um Verständnis: „Männer bleiben immer kleine Jungs und man soll sie an der langen Leine lassen.“ Wenn man also davon genervt sei, dass der Partner seine Wochenenden nur mit Fußball verbringe, helfe es, sich an die guten Seiten des Partners zu erinnern, sich selbst und den Partner liebevoll anzunehmen, herauszufinden, ob wirklich Probleme vorliegen, fair zu kommunizieren und vor allem die Schuld nicht auf den Fußball zu schieben. Was die Journalistin meint, beschreibt sie in allen Kapiteln anhand von Anekdoten aus der Bundesliga. Dennoch stellt man sich immer häufiger die Frage, ob die „Fußballplage“ nicht vielmehr mit jedem exzessiv ausgeübten und deswegen beziehungstötenden Hobby gleichzusetzen sein könnte. Außerdem verfestigt sich immer mehr das Gefühl von Absurdität, welches die geneigte Leserin bereits im ersten Teil beschlichen hat: Warum sollte man sich einen Fußballfan zum Freund wünschen, wenn man mit dessen Hobby nicht leben kann?

Die Teile drei und vier widmen sich im Grunde vom Sport gänzlich unabhängigen Beziehungsthemen: wie Frau sie selbst bleibt, Freundschaften pflegt, mit Seitensprüngen oder Burnout umgeht, wann Paartherapie sinnvoll ist, was Torschlusspanik bedeuten kann und dass man Lebensziele realistisch stecken sollte. Im Leben ginge es darum, Selbstzufriedenheit zu erreichen und für den Partner begehrenswert zu bleiben.

Teil fünf befasst sich mit dem Ende von Beziehungen. Auch hier arbeitet Kastrop mit Fußballvergleichen; „… haben Sie schon einmal eine Fußballmannschaft gesehen, die sich direkt nach der Niederlage wieder in ein Spiel gegen die Siegermannschaft stürzt? … und zwischen Hin- und Rückrunde der Bundesliga gibt es nicht zufällig sogar eine Winterpause! Da sollen die Spieler auftanken, Mannschaften werden ergänzt, alten Wunden geleckt, Trainer manchmal entlassen und neu berufen.“ Fußballer sind also Menschen mit einer relativ normalen Psyche und haben bestimmte Strategien entwickelt, mit Niederlagen fertig zu werden. Wenn Fußballer das können, kann es die verlassene Frau selbstverständlich auch. Am Beispiel von Kate Middleton wird betrachtet, wie man sich seinen Prinzen wieder zurück erobert, und es werden entsprechende Verhaltensregeln aufgestellt. Für den Fall, dass es damit trotzdem nicht klappt, hat Jessica Kastrop ebenfalls einen Ratschlag und ein passendes Zitat parat: „Niederlagen einzustecken, zählt ganz sicher nicht zu den leichtesten Aufgaben im Leben. Aber trösten Sie sich mit einem Fußballzitat: ‚Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war‘ (Fredi Bobic).“ Für die Zeit danach gibt sie ebenfalls zahllose Ratschläge und empfiehlt z. B. Internetdating. Darf man ketzerisch fragen, warum sie nicht vorschlägt, sich einen anderen von den Tausenden Männern im Fußballstadion zu angeln?

Der letzte Teil, „Das Finale“, ist jedoch wieder auf einen Fußballfan bezogen. Hier finden sich konkret wertvolle Tipps, die eine Hochzeit mit einem Fan nicht zum Desaster werden lassen – beispielsweise den Hochzeitstermin in die Sommerpause eines ungeraden Jahres zu legen, damit einem die Eingangs besprochenen Großereignisse nicht in die Quere kommen. Im Anhang sind schließlich die Sprüche versammelt, mit denen man bei Fußballfans punkten können soll. Problem ist nur, dass man diese genauso schnell wieder vergisst, wie man sie gelesen hat, wenn man sich dafür einfach nicht interessiert. Schon beim Lesen des ersten Teils des Buches stellt man sich als Leserin die Frage, warum man sich in einem Stadion einen Freund suchen sollte, wenn man sich nicht für Fußball interessiert und die ganze Atmosphäre dort als befremdlich empfindet.

Kastrop schreibt für ein – vorsichtig formuliert – „blondes“ Klientel, das damit rechnet, dass „die klassische Viererkette“ im Sport etwas mit Schmuck zu tun habe. Außerdem wird den Leserinnen von vornherein unterstellt, dass sie sich im Grunde nicht für Fußball, sondern für Schuhe interessieren, denn immer wieder weist sie auf den „Sex and the City“ liebenden Shoemaniac hin (S. 28, 41, 48). Allerdings sind manche Vergleiche mit Klatschpressethemen zur besseren Illustration der Vorgänge in einem Fußballfanherzen durchaus witzig und erleichtern das Verständnis: „Nur mit ‚eigenen Pokalgesetzen‘ lässt es sich erklären, warum zum Beispiel der FC Bayern im Jahr 1994 am unterklassigen TSV Vestenbergsgreuth scheiterte. Bis dato eine Riesenschmach für alle Bayern-Fans. So in etwa würde sich Brad Pitt fühlen, wenn ihn Angelina Jolie wegen Guido Westerwelle verlassen würde. So in etwa …“ Um eine Fußballanfängerin zu beeindrucken, lässt sie also genügend Sachkenntnis und Erfahrung blitzen. Dennoch darf bezweifelt werden, dass ihre Anleitung dafür, sich als Interessierte zu maskieren, einem Laien viel nutzen wird, wenn das nötige Herzblut fehlt. Schlimmstenfalls manövriert man sich mit dem gefährlichen Halbwissen aus vorgeschlagenen Kommentaren und der Kenntnis vereinzelter Anekdötchen in eine ausweglose Situation der Bloßstellung, wenn der Mann interessiert auf einen solchen Kommentar eingeht. Ich jedenfalls werde mir trotz der Lektüre des Ratgebers meine eigene Strategie im Umgang mit Fußballfans bis zum Beginn der EM zurechtlegen müssen. Vermutlich werde ich mich wie immer völlig desinteressiert zeigen und milde lächeln, wenn sich die Fans vor dem TV versammeln. Die Spielzeiten der Champions League haben sich beispielsweise als wertvolle Leseminuten erwiesen. Das lässt sich mit Sicherheit auf die Europameistermeisterschaftsspiele übertragen. Bei mir stapeln sich bereits die dicksten Wälzer.

„Liebe in Zeiten der Champions League“ liest sich durch den lockeren Ton auch für einen Nicht-Shoemaniac, der nie „Sex and the City“ gesehen hat, schnell und flüssig. Das Buch ist sogar manchmal amüsant; z. B. zeugt der Buchtitel, der, wenn man ihn als Anspielung auf „Liebe in Zeiten der Cholera“ liest, den Fußball mit einem gefährlichen Brechdurchfall gleichsetzt, von einer gewissen Komik, die hoffentlich beabsichtigt war. Leider habe ich auf Seite 58 des Ratgebers beschlossen, mich der Kopfballtheorie meiner fußballaffinen Arbeitskollegin anzuschließen. An dieser Stelle konnte sich die Autorin nicht zurückhalten, von ihrer Beziehung mit einem Süditaliener zu berichten. Sie tritt dafür ein, die Beziehungen mit einem Italiener zu überdenken und lieber auf einen weniger charmanten, aber dafür weniger familiär gebundenen deutschen Mann zurückzugreifen. Als Einzelkind war es ihr offensichtlich nicht vergönnt, deutsche Großfamilien kennenzulernen. Dadurch wäre sie vielleicht mit entsprechendem Verständnis für größere Familien ausgestattet worden – so wie ihr Aufwachsen unter Fußballfans sie für das Leben mit Fußballfans abgehärtet hat. Kurz und gut: „Liebe in Zeiten der Champions League“ kann man lesen, muss man aber nicht.

|240 Seiten, Paperback
ISBN-13: 978-3426785454|
http://www.droemer-knaur.de
http://jessica-kastrop.de

Johan Stenebo – Die Wahrheit über IKEA . Ein Manager packt aus

IKEA – das Casual-Unternehmen mit der weißen Weste, die heutige Mutter aller Studentenmöbel, das Zuhause für all diejenigen, bei denen der Geldbeutel enger geschnürt werden muss. Und noch so viel mehr Positives gibt es im Zusammenhang mit der weltweit erfolgreichsten und größten Möbelhauskette zu berichten, dass sich eigentlich kaum jemand trauen würde, den schwedischen Konzern in irgendeiner Form an den Pranger zu stellen.

Johan Stenebo hat es trotzdem getan und sich nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit, die absolut nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, mit einem Buchprojekt Luft verschafft. Luft, die ihm am Ende seiner Tätigkeit beim großen Skandinavier nicht mehr geblieben war. Und Luft, die er vor allem denjenigen verschaffen möchte, die nach wie vor Teil des Unternehmens sind und womöglich nicht den geringsten Hauch einer Ahnung davon haben, was sich hinterm gelb-blauen Vorhang des Niedrigpreis-Giganten tatsächlich abspielt.

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Schirach, Ferdinand von – Glück und andere Verbrechen

Ein freundlicher Arzt befreit sich auf radikale Weise aus seiner gescheiterten Ehe. Die Zeitumstellung rettet einen Unschuldigen vor der sicheren Verurteilung. Ein ganz normaler Mann verliert durch seinen versteinerten Alltag den Verstand. Ein pfiffiger junger Ausländer nutzt Vorurteile zu seinem Vorteil und nimmt ein Gericht aufs Korn. Das Verschwinden einer Teeschale und die Schweigepflicht eines Strafverteidigers sorgen für den Tod mehrerer Menschen. Ein vermeintlicher Mörder verheimlicht seine Personalien und kommt so davon.

Auf Ferdinand von Schirachs neues Buch [„Schuld“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7816 wurde ich kürzlich in der Buchhandlung aufmerksam, und nachdem ich es verschlungen hatte, kam ich natürlich nicht umhin, mir auch den Vorgänger „Verbrechen“ zu besorgen. Die hier besprochene Auflage „Glück und andere Verbrechen“ ist die Filmausgabe dieses Werkes anlässlich der Verfilmung der enthaltenen Kurzgeschichte „Glück“.

Wie auch im Nachfolger „Schuld“ arbeitet der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in „Verbrechen“ Fälle aus seiner Kanzlei literarisch auf, nur dass er den Schwerpunkt in diesem Werk nicht auf menschliche Abgründe und die Frage nach Schuld oder Unschuld legt, sondern eher von außergewöhnlichen und skurrilen Fällen erzählt. Diese regen zwar auch zum Nachdenken an und offenbaren im Einzelfall natürlich auch psychische Probleme und innere Konflikte von Menschen, die sie letztendlich dazu bringen, Verbrechen zu begehen, schockieren jedoch etwas weniger als die im Folgewerk und unterhalten eher.

Das führt auch dazu, dass „Glück und andere Verbrechen“ sehr leicht zu lesen ist. Dazu trägt auch die sehr einfache, aber präzise und aufs Wesentliche beschränkte Sprache bei, mit der es Schirach wie keinem anderen gelingt, auf den Punkt zu kommen und mit wenigen Worten genau das zu transportieren, was nötig ist. Keine Ausschweifungen, kein Um-den-heißen-Brei-Gerede, höchstens minimale Schnörkel. Eine willkommene Abwechslung zu den reichlich ausgeschmückten Romanen, die man zumeist zu lesen bekommt, so beeindruckend geschickt verschiedene Autoren auch mit Sprache umgehen können.

Einziger Kritikpunkt ist das meiner Meinung nach sehr unpassende pinke Cover. Aber das ist wohl Geschmackssache und sollte keinesfalls vom Kauf des Buches abschrecken. Dieses ist nämlich sehr zu empfehlen, wenn man Interesse an realen Kriminalfällen hat und auch nicht davor zurückschreckt, etwas über das deutsche Recht zu lernen.

|Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN-13: 978-3492300308|
http://www.piper.de

_Ferdinand von Schirach bei |Buchwurm.info|:_

[„Schuld“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=7816

Schirach, Ferdinand von – Schuld

Eine Frau stiehlt, um sich lebendig zu fühlen. Schulmädchen zerstören aus Eifersucht das Leben eines Ehemannes. Ein Internatsschüler wird im Namen der Illuminaten fast bist zu Tode gefoltert. Eine Blaskapelle schändet und erniedrigt ein junges Mädchen auf abscheulichste Weise, doch niemand muss dafür büßen. Eine junge Frau wird über Jahre von ihrem Mann misshandelt, vergewaltigt und gefoltert, bis er eines Tages erschlagen wird.

Schuld oder Unschuld, das ist die Frage – zumindest in Ferdinand von Schirachs neuem Werk „Schuld“. Nachdem der namenhafte Strafverteidiger bereits mit seinem letzten Buch „Verbrechen“ große Erfolge erzielen konnte (54 Wochen auf der |Spiegel|-Bestseller-Liste, Veröffentlichung in über 30 Ländern), folgt mit „Schuld“ nun eine zweite Sammlung von Kurzgeschichten, in denen Schirach Fälle aus seinem Alltag als Anwalt literarisch aufarbeitet.

Diese sind zuweilen sehr skurril, spektakulär und fast schon amüsant, sodass man nicht umhin kommt, ihren Wahrheitsgehalt etwas in Frage zu stellen, überwiegend jedoch schockierend, erschütternd und ergreifend. Staubtrocken, nüchtern, geradezu analytisch, auf das absolut Wesentliche reduziert und mit überaus treffsicherer Wortwahl berichtet der Autor bei den meisten Fällen zunächst aus der Erzählerperspektive, schildert Tathergänge, skizziert augenscheinlich oberflächlich die Charaktere, gibt dabei jedoch exakt so viel von ihnen preis, wie der Leser wissen muss, um sich in sie hineinversetzen zu können und mit ihnen zu fühlen oder sie zu verurteilen und zu verachten. Im Anschluss wechselt er in die Ich-Perspektive, stellt Ermittlung, Prozess oder persönliche Eindrücke des Falles dar und bringt dem Leser dabei sogar einige Grundlagen des deutschen Rechts näher. Dabei stellt er immer wieder unterschwellig die Frage nach Schuld und Unschuld, nach Gut und Böse und nach Moral und führt dem Leser so eindrucksvoll vor Augen, welch tiefe Abgründe die menschlichen Psyche aufweisen kann und wohin diese Menschen im Einzelfall bringen, zu welchen teils verabscheuungswürdigen, teils sogar nachvollziehbaren Taten sie sie treiben können.

Einzig kritisch anzumerken ist, dass die Geschichten nicht alle auf die gleiche Weise schockieren, ergreifen oder zum Nachdenken anregen. Einige extreme tun dies zwar ganz besonders, zahlreiche andere hingegen wirken etwas lückenfüllend, sorgen zugleich jedoch dafür, dass „Schuld“ nicht ganz so schwer verdaulich ist, wie man zu Beginn vermutet.

|Taschenbuch: 200 Seiten
ISBN 978-3492054225|
http://www.piper.de

Mtawa, Nicole – Sonnenkinder. Mein Leben für die Armen in Indien

_Vom Kampf um eine bessere Welt_

Die junge Nicole macht Abitur und beginnt, nachdem ihr Wunsch nach einer Hebammenausbildung nicht in Erfüllung geht, mit einem Studium. Alles scheint darauf zu hinzudeuten, dass sie den unspektakulären Lebensweg einer Frau aus gutbürgerlichem Haus gehen wird. Ein „Work and Travel“-Aufenthalt führt sie jedoch nach Australien, wo ihr Fernweh geweckt wird. Sie erkennt, „dass es nicht viel braucht, um die Welt zu bereisen und dabei jeden Tag neue wertvolle Erfahrungen zu machen.“ Nach ihrer Rückkehr sucht sie schnell die nächste Möglichkeit, wieder aus dem behüteten Leben in Deutschland auszubrechen. Sie fliegt zu einem Praxissemester nach Tansania und stellt fest, wie freundlich man dort aufgenommen wird, wie schnell man mit den Menschen in Kontakt kommt und mit wie wenig Mitteln man ein ganzes Leben in einem armen Land wie diesem verändern kann. In ihr wächst der Wunsch, ihr Leben mit den Menschen eines solchen Landes verbringen zu können. Noch während ihres Aufenthaltes in Tansania wird ihr Interesse an Indien geweckt, weil ihr dort das Leben der Armen als noch härter beschrieben wird.

Wieder gelingt es ihr, ihr Studium durch ein Praktikum mit ihren sozialen Interessen zu verbinden. Sie fliegt nach Indien und landet zufällig in einem Aschram, in dem auch behinderte Kinder betreut werden. Dort lernt sie den bis auf die Knochen abgemagerten Ganesh kennen, dessen bedauernswerter Zustand sie dazu bringt, all ihre verfügbare Zeit, Kraft und Mittel dafür einzusetzen, dass dieser Junge seinem bereits prognostizierten Tod entrinnt. Als es ihm wieder besser geht und das Datum ihrer Abreise immer näher rückt, gelingt es ihr schließlich sogar, für Ganesh und einen weiteren Jungen, der ihr sehr ans Herz gewachsen ist, Plätze in sozialen Projekten zu finden, die sich speziell um behinderte Kinder kümmern, so dass sie nach fünf Monaten mit einem guten Gefühl abreisen kann. In Indien wird ihr jedoch klar, dass sie ihr Leben solchen Kindern widmen möchte, um die sich sonst niemand auf der Welt kümmert.

Die Zeit ihrer Diplomarbeit führt sie zurück nach Tansania. Wie sie dort ihren späteren Ehemann kennenlernt und sich den Nöten der Straßenkinder annimmt, schildert sie in ihrem ersten Buch „Sternendiebe“ (2009), das sie beim Verlag |Droemer Knaur| unterbringen kann. Ihre Dankbarkeit für diese Entscheidung und die Möglichkeiten, die der Verlag ihr damit eröffnet, kommt in „Sonnenkinder“ ganz deutlich zu Ausdruck. Sie erhält so viel Aufmerksamkeit durch die Medien und Zuspruch durch Leser, dass sie sich schließlich ermutigt fühlt, den gemeinnützigen Verein „Human Dreams e. V.“ zu gründen, mit dem sie ihr lang erträumtes Projekt, ein Heim für voll pflegebedürftige Kinder in Indien zu errichten, auf einen finanziellen Grundstock stellen und sofort daran gehen kann, es in die Tat umsetzen.

In „Sonnenkinder“ erzählt sie außer der langen Vorgeschichte, die ihre Motivation deutlich werden lässt und dem Leser den größten Respekt vor dieser junge Frau einflößt, nun den ebenfalls nicht ganz einfachen Weg, ein Haus zu finden und nach den Bedürfnissen einer Pflegeeinrichtung auszustatten, die Erlaubnis zum Betrieb zu erhalten sowie geeignetes Personal zu finden, das ihren Idealismus teilt und sich wie sie selbst über alle Maßen engagiert. Kinder, die ihrer Hilfe bedürfen, finden sich dagegen vergleichsweise schnell. Einige von ihnen kann man auf den Farbfotos in der Mitte des Buches sehen.

„Sonnenkinder“ ist das ohne Dramatik flüssig erzählte und deswegen nur umso ergreifendere Zeugnis einer Frau, die ihr Leben in den Dienst für eine gute Sache stellt. Da hätte es des Untertitels nicht bedurft, denn sie gibt zwar nicht ihr ganzes Leben für die Armen in Indien, aber sie setzt einen beträchtlichen Teil ihrer Kraft und ihres Engagements dafür ein.

Während sich der Normalbürger mit Anfang dreißig bereits ein bequemes Leben in vier Wänden mit allen nötigen Versicherungen einrichtet, wandelt sie seit Jahren zwischen den Kontinenten und steckt alles verdiente Geld in ihre Projekte und eine bescheidene Zukunft in Tansania. Immer wieder findet sie Mitstreiter und motiviert ihre Umgebung, sich ihrem Feldzug für diejenigen anzuschließen, denen niemand sonst hilft. Sie macht dem Leser deutlich, wie gut es uns in Westeuropa geht und mit wie wenig finanziellen Mitteln in anderen Ländern bereits großartige Projekte auf die Beine gestellt werden können. Ohne direkt für etwas zu werben, stärkt sie damit das Bewusstsein dafür, dass tatsächlich eine kleine Spende, die einem Normalverdiener in Deutschland kein Loch ins Portemonnaie reißt, für ein Projekt in einem Entwicklungsland immer sinnvoll ist.

Man kann ihr nur wünschen, dass sie mit ihrer Offenheit und der nicht ganz ungefährlichen Bereitschaft, sich vorurteilsfrei auf das Schicksal anderer einzulassen, weiterhin so glücklich im Leben fährt und auch ihre Pläne hinsichtlich der Kinder bettelnder Frauen in Tansania in Zukunft verwirklichen kann. Wir brauchen Menschen, die uns ein bisschen Hoffnung dahingehend schenken, dass diese Welt nicht so egoistisch und kalt ist, wie sie im Alltag häufig wirkt. Daher ist dieser Erfahrungsbericht absolut lesenswert.

|240 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3426784518|
http://www.droemer-knaur.de

Mozes Kor, Eva / Rojany Buccieri, Lisa – Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele-Opfer erzählt

|“Dreimal in der Woche gingen wir in das Hauptlager von Auschwitz zu Experimenten. Diese dauerten sechs bis acht Stunden. Wir mussten nackt in einem Raum sitzen. Jeder Teil unseres Körpers wurde vermessen, betastet, mit Tabellen verglichen und fotografiert. Auf jede Bewegung wurde geachtet. Ich fühlte mich wie ein Tier in einem Käfig. Dreimal in der Woche gingen wir ins Blutlabor. Dort wurden uns Keime und Chemikalien injiziert, und sie nahmen uns viel Blut ab.“|
– Eva Mozes Kor: |Heilung von Auschwitz und Mengeles Experimenten|

Die Konzentrationslager im Dritten Reich, in Nazi-Deutschland, sind ein Schrecken, eine Mahnung an weitere Generationen und ein Beweis für ein Verbrechen, das in der Geschichte beispielslos ist. Mit dem Holocaust verbinden wir die Ermordung von sechs Millionen Juden und unzähligen Menschen, die aufgrund von Krankheiten, Behinderungen oder aufgrund von anderen ideologischen Gedanken grausam getötet wurden.

Doch es gab noch grausamere Schicksale als das Endgültige und die für viele Menschen willkommene Erlösung durch den Tod. Unter der Leitung von deutschen Ärzten wurden an lebenden Menschen medizinische Experimente durchgeführt. Es ging hier nicht primär um die Entwicklung von lebensrettenden Medikamenten, sondern um die Erforschung von Infektionen und Krankheiten sowie um das Erreichen, sauberes Erbgut zu produzieren. In Auschwitz wurden kleinere Lager und Sektionen eingerichtet, um gerade Zigeuner- und jüdische Kinder zu selektieren und gesondert unterzubringen.

Dr. Josef Mengele, ein charismatischer, höflicher und gut aussehender Arzt, übernahm die Leitung in Auschwitz-Birkenau. Ehemalige Häftlinge beschrieben Dr. Mengele immer als gut gekleidet, höflich und zuvorkommend. Trotzdem war er ein Mörder, der für Zehntausende Opfer verantwortlich war, die er durch medizinische Experimente und Versuche umgebracht hat. Er war ein eiskalter Todesengel, der schon beim Eintreffen von neuen jüdischen Familien durch seine persönliche Selektion über Tod oder Leben entschied.

Besonders die medizinische Forschung an ein- und zweieigen Zwillingen war eines seiner größten Interessengebiete. Die Erforschung des identischen Erbgutes war zu der Zeit das interessanteste Thema, um sich vielleicht in medizinischen Gesellschaftskreisen profilieren zu können.

_Die jüdische Überlebende Eva Mozes Kor,_ die zusammen mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester Miriam in Auschwitz interniert war, erzählt in ihrem Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ von ihrer lebensgefährlichen Zeit, in der das Zwillingspaar missbraucht worden ist.

Sehr eindringlich erzählt die überlebende Autorin ihre, noch anfänglich unbekümmerte Kinderzeit, die sich immer weiter durch Verfolgungen und Bedrohungen verschlimmerte. Sie schildert die Ankunft in dem KZ, die letzte Begegnung mit ihren Eltern und Geschwistern die es nicht überlebt haben. Der Alltag in den Fabrikanlagen des Todes ist menschenverachtend, die Glücklichen sterben als Erste, die anderen, besonders Kinder, sind oftmals nur „Meerschweinchen“ für die dortigen Ärzte.

Eva Mozes Kor transportiert ihre Erlebnisse, ohne zu dramatisieren. Erzählt von anderen Kindern, die nicht überlebt haben, von Versuchen an ihr und ihrer Schwester, die so morbide grausam klingen, dass es unmöglich ist, Dr. Mengele noch als Mensch bezeichnen zu können. Doch sie verurteilt oder beurteilt diesen Mann nicht, sie berichtet nur aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Perspektive.

Bezeugt werden Experimente mit Injektionen von Fremdstoffen und Krankheitserregen, mit Bluttransfusionen und chirurgischen Eingriffen, die ohne Narkose durchgeführt wurden. Mengele tötete oder beauftrage andere Ärzte, er war der Tod in Person.

Eva und Miriam überleben die Tortur in Auschwitz. Evas Schwester allerdings ist schwer krank und stirbt an den Folgen der Experimente 1993. Die Autorin erzählt von den Jahren später, erzählt von ihrer Übersiedlung ins Gelobte Land Israel. Doch das Grauen und die Ereignisse kann sie nicht vergessen. Mithilfe der Jugendbuchautorin Lisa Rojany Bucceri gelingt es ihr, das erlebte Grauen auf Papier zu bringen. Es ist ihr Nachlass, es ist ihre Mahnung und es auch eine Botschaft vergeben zu können.

Sie ist eine der letzten Zeitzeugen und erzählt gerade auch für jugendliche Leser ihre Lebensgeschichte, ohne künstliche Effekte oder gerade mit künstlichen Effekten ihre Erlebnisse zu dramatisieren.

Das Buch „Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele-Opfer erzählt“, ist berührend und authentisch und gerade auch für Schulklassen, die den Holocaust im Geschichtsunterricht behandeln, äußerst empfehlenswert.

Am Ende gibt es neben einigen Bildnachweisen noch eine chronologische Zeitleiste und ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, die auch in diesem Buch vorkommen.

Ich habe größten Respekt vor der Autorin, die betont, dass das Vergeben wichtig sei, aber man nicht vergessen dürfte, was den Kindern und natürlich auch den anderen Opfern des Nazi-Regimes angetan wurde. Körperliche Wunden heilen, doch seelische Narben schmerzen für immer.

_Fazit_

„Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele Opfer erzählt“ von Eva Mozes Kor und Lisa Rojany Bucciere ist eine wahre Geschichte, die man gelesen haben sollte.

Als Erinnerung an ihrer Schwester, als Mahnung und als Botschaft vergeben und vergessen zu dürfen, hinterlässt und die Autorin ein Plädoyer für den Willen zu überleben.

Eines der ganz wichtigen Bücher in diesem Jahr und für alle jugendlichen Leser eines, das man gelesen haben sollte.

_Autoren_

Eva Mozes Kor (geborene Eva Mozes; * 30. Januar1934 in Portz, Rumänien) ist eine Überlebende des Holocaust und wurde zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Miriam von Josef Mengele für Experimente in der Zwillingsforschung missbraucht. Sie löste kritische Reaktionen bei anderen Holocaust-Überlebenden aus, als sie am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz persönlich allen Nationalsozialisten ihre Taten vergab.
Kor wurde 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und erhielt die Gefangenennummer A-7063. Ihre Eltern und die zwei älteren Schwestern starben in den Gaskammern. Sie und ihre Zwillingsschwester aber überlebten die grausamen Experimente und kehrten nach dem Krieg nach Rumänien zurück. 1950 siedelten beide nach Israel über und traten später der israelischen Armee bei. Den Amerikaner Michael Kor, ebenfalls ein Überlebender der Konzentrationslager, heiratete Eva Mozes im Jahr 1960 und zog nach Terre Haute in Indiana, wo sie noch heute lebt.

Kor gründete die Children of Auschwitz-Nazi’s Deadly Lab Experiments Survivors (C.A.N.D.L.E.S.) und konnte bisher 122 Überlebende der Zwillingsexperimente ausfindig machen. Sie kämpft bis heute darum, die medizinischen Folgen und Hintergründe der Versuche in Erfahrung zu bringen – nur so können die Opfer hinreichend behandelt werden.

Die Filmemacher Bob Hercules und Cheri Pugh begleiteten Kor über Jahre hinweg mit der Kamera, woraus der Film „Forgiving Dr. Mengele“ entstand.

Lisa Rojany Buccieri hat über 100 Kinderbücher verfasst, darunter auch mehrere Bestseller und preisgekrönte Werke. Sie arbeitet zudem als Lektorin und ist seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig. Lisa Rojany Buccieri lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

|Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-13: 978-3570401095|
[www.randomhouse.de/cbjugendbuch]http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/index.jsp

Reng, Ronald – Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben

_Es ist zwei Jahre her,_ seit dem Tod des Hannoveraners und Nationaltorhüters Robert Enke. Doch das Thema Depression wird seit seinem Selbstmord sensibler und offener diskutiert.

In unserer Leistungsgesellschaft, die durch das Streben nach mehr Erfolg und öffentlicher Selbstdarstellung dominiert wird, sind persönliche Schwächen oder gar psychische Krankheiten ein Tabuthema. Schwäche ist gleichbedeutend mit der Aura des inakzeptablen Versagens. Auch im Leistungssport sind psychische Krankheiten – Depressionen, Angstzustände, Burn-out anzutreffen. Auch Profisportler sind nur Menschen, ihr Geld, ihr Vermögen, schützt sie nicht vor dem Druck zu versagen. In der Dunkelheit werden auch ihre inneren Schreie heller und die Einsamkeit ist trotz Erfolg, Geld, Ruhm eventuell immer einen Schritt voraus.

Der vorliegende Roman zeigt nicht nur Einblicke in das Profifußballgeschäft, sondern auch das Leben mit einer Depression. Doch nicht nur Robert Enke ist bzw. war ein Opfer seiner Depression, auch seine Frau Theresa litt, kämpfte und sorgte sich um ihn. Ihre Kraft muss enorm gewesen sein und ihr Arrangement nach dem Selbsttod ihres Mannes selbstlos und bewundernswert.

_Die Angst vor dem persönlichen Versagen_

Das Buch beginnt mit der chronologischen Laufbahn eines talentierten jungen Mannes, der den Schritt wagt und ins Profigeschäft einschlägt. Anfangs ein Kind voller Lebensmut und Optimismus, bei jedem beliebt und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Ein starker Charakter, so scheint es, doch die Vorboten der Schatten hatten ihn schon in Griff. Als 16-Jähriger im Fußballmagazin „Kicker“ als Jugendfußballer vorgestellt. Nur ein Jahr später der Profivertrag bei Carl Zeiss Jena. Immer schon wollte er der perfekte und fehlerlose Torwart sein, ein Vorbild, ein Idol – diesen Anspruch an sich selbst konnte er nicht erfüllen. Immer höher hinaus, immer schneller an Reaktionen und Reflexen, niemals dem Gegner oder sich nur einen Hauch von Angst zeigen oder spüren lassen. Zwar entwickelte Enke zu diesem Zeitpunkt einen inneren Schutzmechanismus, doch frei von Ängsten und Sorgen wurde er nie.

_Die Angst einfangen oder weglaufen?_

Schwierigen Situationen geht man gerne aus dem Weg oder man stellt sich ihnen. Es gibt kaum eine andere Alternative. Als Robert Enke bei Benifica Lissabon unterschreibt, wollte er wenige Stunden später alles hinwerfen. Seine persönlichen Stärken und Erfolge übersah er, als wären sie niemals dagewesen. Die Ängste beherrschten ihn völlig und letztlich gewannen sie immer wieder mehr Schlachten um die Seele des jungen Mannes.
2003 kommt die erste Depression durch. Theresa und Robert Enke hatten eine glückliche Zeit in Lissabon. Ein Transfer nach Barcelona beendete diesen Zustand schnell. Sein Selbstbewusstsein schwand von Tag zu Tag, oftmals hatte er Schwierigkeiten, sich auf einen geregelten Tagesablauf einzustellen. Seine Trainingseinheiten beim Königsclub Barcelona waren desaströs. Vor Angst gelähmt, wurde er schnell den Ansprüchen seines Trainers und des Vereins nicht gerecht.

Er suchte sich professionelle Hilfe, nicht zuletzt haben ihm seine Frau und sein bester Freund dazu geraten. Entgegen seiner innerlichen Überzeugung wechselte er nach Istanbul und nach zwei Spielen löste er seien Vertrag auf. Die ersten Selbstmordgedanken kamen an die Oberfläche und er erkannte, dass er eine Therapie machen muss, wollte er nicht alles verlieren – auch nicht seine liebende Frau Theresa, die zeitweise immer wieder am Ende ihrer Kräfte war.

Als seine Tochter Lara geboren wurde, verlagerten sich seine Prioritäten. Tragisch wurde es allerdings für die Enkes, als bei Lara ein Herzfehler diagnostiziert wurde. Trotzdem ist seine Tochter der Lebensmittelpunkt für ihn und selbst beim zweitklassigen Verein Teneriffa findet er den notwendigen Halt.

Der Wechsel nach Hannover, zurück nach Deutschland, ist für die junge Familie der notwendige Schritt und Rückhalt für sie durch Familie und Freunde.

Bei Hannover 96 wird er zum Medienliebling und zum Starspieler. Durch seine brillanten Leistungen wird er in die Nationalmannschaft gerufen. Der Druck, der damit auf ihm lastet, lässt seine Ängste wieder aufleben. Die Angst davor, dass seine Krankheit entdeckt wird, verschlimmert die Situation. Den Tod seiner Tochter Lara verkraftet er letztlich vielleicht nur durch die Hilfe seiner Frau. Auch die Überlegung, sich stationär behandeln zu lassen, lässt er fallen, denn das wäre dann auch das eventuelle Ende seiner Karriere. Nur durch Einnahme von Antidepressiva funktioniert er bei Einsätzen in der Bundesliga. Innerlich zieht er sich immer mehr und mehr zurück – und tötet sich wenig später.

_Kritik_

In dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ geht es nicht darum, von dem Fußballer und Torhüter Enke zu berichten. Sein Freund Ronald Reng erzählt die Geschichte eines Mannes, der an dem beständigen Druck zugrunde gegangen ist. Dem Leser fällt es schwer zu begreifen, warum Ronald Reng und Robert Enkes Frau Theresa es nicht schaffen konnten, Robert zu helfen. Doch durch die persönliche Nähe und Freundschaft fehlte eventuell auch die Distanz, unkonventionelle Wege zu gehen.

Ronald Reng verschönert oder idealisiert nichts, sondern setzt sich kritisch mit dieser Krankheit Depression auseinander. Durch die persönlichen Einblicke in Robert Enkes Tagebücher und Notizen und vielen, intensiven Gesprächen mit seiner Familie und Freunden, zeigt sich Robert Enke von seiner menschlichen, verletzten Perspektive.

Doch immer wieder sieht man auch, wie verantwortungsvoll und stark Robbi Enke auch war. Wie hilfsbereit er zu Kollegen und Nachbarn gewesen ist. Er beteiligte sich nicht an Intrigen oder Machtspielen innerhalb des Vereins, er wollte immer nur über Leistung überzeugen.

_Fazit_

Ein allzu kurzes Leben von Ronald Reng und Robert Enke ist ein Testament, ein berührendes Plädoyer für das Verstehen und Begreifen dieser Krankheit, die auch erfolgreiche Menschen zerstören kann und in unserer Gesellschaft noch viel zu sehr tabuisiert ist. Es ehrt den Menschen Robert Enke, aber es ist auch ein Vermächtnis, eine Mahnung zu kämpfen. Nicht nur der Patient, auch die Angehörigen sind von dieser Krankheit betroffen.

Ein allzu kurzes Leben ist nicht nur Fußballern zu empfehlen, sondern insgesamt ein sensibles Buch, das aufklärt und zu verstehen hilft. Großartig!

_Autor_

Ronald Reng, geboren 1970 in Frankfurt, lebt als Sportreporter und Schriftsteller in Barcelona. Sein Bestseller »Der Traumhüter«, das glänzende Porträt eines unbekannten Torwarts, erreichte über die Fußballgemeinde hinaus eine große literarische Leserschaft. Für Reportagen über Robert Enke wurde er mehrmals mit dem Großen Preis der Deutschen Sportjournalisten ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman »The Funny German«

|Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (November 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3492273169|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de/piper/index.php

Soboczynski, Adam – Kleist – vom Glück des Untergangs

_Das könnte man sich ersparen_

_Autor_

Der 1975 in Polen gebürtige Adam Soboczynski studierte in Bonn Literatur, promovierte über Heinrich von Kleist und erinnerte sich gerade noch rechtzeitig seines damaligen Themas, um uns ein Büchlein zu schenken, das er offenbar aus ganzen sechzehn Quellen deriviert hat. Mitglied der „Feuilleton-Gesellschaft“, die wir heute in Deutschland haben, ist er leitender Mitarbeiter der „Zeit“. Er wohnt in Berlin und Hamburg.

_Antipathie_

Die bedrückende Stimmung, die auf dem Datum des 21. November 1811 liegt, eines nach Zeugenaussagen fröhlichen Selbstmords zweier Liebender, die einander vielleicht nur platonisch zugetan waren, gilt es zu wenden in Optimismus. Inzwischen weiß jeder, dass die vom Autor als Komplizen bezeichneten Selbstmörder unmittelbar vor diesem Schlussakkord schäkernd und ausgelassen am Wansee umhertollten. Dieser Ort wird heute zur Touristenattraktion hochstilisiert, weniger für Henriette Vogel als für den Dichter Kleist, den doch eigentlich keiner mag.

Der Klappentext will uns mit der glatten Unwahrheit fangen, dass das Buch „dem maßlosen Glück dieses Dichters auf der Spur“ sei, denn von Glück ist in dem ganzen Buch keine Rede. Wir erfahren auch nicht, worin wohl das Glück des Untergangs bestanden haben könnte, wie gleich der Untertitel verspricht. Auch dass das Büchlein „eine kleine Anleitung zur Erfolglosigkeit“ sei, ist nur eine Erfindung des Klappentexters, der den Leser auf die spärlichen Seiten locken möchte, die angefüllt sind mit maßloser Missgunst. Nicht einmal Kleists Königsberger Unterleibsschmerzen will der Autor gelten lassen, sie seien viel mehr „Geburtswehen“ gewesen, unter denen er auch die Erzählung „Das Erdbeben von Chili“ gebar. Auch an diesem lässt der Autor kein gutes Haar, handelt es sich doch dabei aber um ein romantisches, vielleicht nur etwas kitschiges Werk.

Keinem Lektor fällt heute mehr auf, wenn der Textbaustein, ein ganzer Passus einer „aberwitzigen Stilisierung und Dramatisierung des Dichters“ auf Seite 23 zwei Seiten später noch einmal komplett auftaucht. Kleists antinapoleonische Gesinnung, die sicher dichterisch überhöht war, wird als bare Handlungsanleitung genommen, wie alle seine Werke, und schon ist der unliebsame Hasardeur Kleist gebacken.

Andere Autoren schreiben aus achtungsvoller Distanziertheit über Kleist, Soboczynski macht sich den Habitus des Allwissenden zueigen, der den Stab über Kleist völlig bricht. Dieses Gift konnte nicht länger reichen, als achtzig Seiten. Für Leute, die sich einigermaßen auskennen, mehr als genug. Gedankentiefe, ob in Kleists Leben und Sterben eine Botschaft für die heutige Zeit liegen könnte, kann man von einem Feuilletonautor nicht erwarten, und man fragt sich, warum er sich diesem Thema wohl für einige Jahre verschrieben haben muss.

Was wundert es noch, dass so ein Scheusal seine Verlobte in die Schweiz hat zwingen wollen, unter der unerquicklichen Aussicht, dort Bäuerin zu werden. Man soll die Meinung des Autors teilen, dass einem Selbstmord mit großer Empörung zu begegnen ist, wie es angeblich Kleist geschehen. Da gibt es weitaus andere verbürgte Stimmen. Für den Autor ist das nichts als eine „dreiste Tat“. Kennt er sich denn wirklich in den Wortbedeutungen der deutschen Sprache aus?

_Nur ein schönes Bild_

Nicht neu ist das Bild des Gewölbes, das sich doch ohne Stütze trägt, und zwar, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen. Ein solches Gebilde ist auch unser Kleist, dessen Steine heute aus Kritikern bestehen, die ihn allesamt herabstürzen wollen und keiner so richtig die Nase vorn hat. Dem Publikum, das mit guter Berechtigung den Kleist eigentlich gar nicht liest, ist es umso mehr ein Genuss, dies feste Gewölbe zu sehen. Die dreisten Taten tragen Früchte.

|Hardcover: 96 Seiten
ISBN-13: 978-3630873633|
[www.luchterhand.de]http://www.randomhouse.de/ebook/Kleist-Vom-Glueck-des-Untergangs/Adam-Soboczynski/e369844.rhd?edi=369844

_Adam Soboczynski bei |Buchwurm.info|:_
[„Die schonende Abwehr verliebter Frauen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=5228

Steingart, Gabor – Ende der Normalität, Das

_Aus der Feuilletongesellschaft_

|Der Spannungsbogen|

Das Buch trägt den Untertitel |Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war| und das Coverdesign gemahnt dementsprechend an eine Todesanzeige. |Das Ende der Normalität| bedeute keinen einfachen Übergang vom verklärten Gestern in ein später ebenso zu verklärendes Heute und Morgen, sondern der Autor will deutlich machen, dass etwas Grundsätzlicheres vor sich geht, eine solche Auflösung jeglicher Normen, dass der wehmütige Blick zurück gerechtfertigt erscheint.

Das ist auch sehr spannend, weil ausgesprochen kategorisch, wenn der Spannungsbogen nicht seinen Tribut forderte. Nachdem der grundsätzlichen Idee Genüge getan ist, nimmt er einige Argumente hinzu, die das Ganze nicht gar so schlimm erscheinen lassen. Dann fasst er dem Leser selbst an die Nase, indem er ihn als „entfesselten Kunden“ bezeichnet, wo wir doch gern den entfesselten Kapitalismus haftbar gemacht hätten. Da langweilt man sich schon ein bisschen, weil man sich doch selbst ganz gut kennt. In einem dritten Teil streift er die sattsam bekannte Weltpolitik, sieht auch dort nur wenige Unvermeidlichkeiten, um dann zum Schluss noch mal die Philosophen zu Rate zu ziehen, die uns wie Sloterdejk zu bescheiden haben: „Du musst Dein Leben ändern“.

Das ist leider nicht anders zu beschreiben, als ein stetig fallender Spannungsbogen, zumal bei den weltpolitischen Themen, die da sind: Terrorismus, Finanzkrise und Großmächte, dann eben die schönen Bilder und Beispiele ausgehen und man mehr in die Rolle eines nur bedingt verstehenden Betrachters gedrängt ist, ganz wie er uns gleich zweimal Büchners Danton ausrufen lässt: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten gezogen“. Diese unbekannten Gewalten, freilich, hätte man gern enträtselt.

Man könnte versucht sein, den Marx und den Engels, diese Gespenster des Kommunismus, immer noch für die Lösung zu halten, aber Steingart bescheinigt, dass es sich beim Kommunismus um „das freundlichste Schreckgespenst“ handelt, und im Übrigen wäre die Sache demokratisch entschieden, denn die Arbeiter „fegten das System nicht hinweg, wie Marx ihnen geraten hatte, sondern schlossen sich an die große Gewinnmaschine an“. Hier könnten dem Autor ein paar Details der Geschichte entgangen sein, die immerhin den Status von „Experimenten“ hatten, die mit dem erfolgreichen Slogan Adenauers „keine Experimente“ doch nur teilweise vermieden werden konnten.

|Brillante Fakten|

Wo wir uns wirklich an die eigene Nase fassen müssen, ist, dass wir jetzt im Schnitt vier Stunden fernsehen, während wir noch in den 70ern mit einer Stunde auskamen und dass nur noch jeder zweite Deutsche überhaupt einer geregelten Beschäftigung nachgeht. Beschwichtigen soll uns, dass jeder Zweite über Wohneigentum verfügt und 90% ein Auto haben und dass in jedem Haushalt jetzt durchschnittlich zwei Fernseher vorhanden sind, es uns also eigentlich besser geht als je zuvor. Dass noch vor fünfzig Jahren doppelt so viel Babys zur Welt kamen, haben wir wieder uns selbst zuzuschreiben. Auch dass wir als Kunden zu wählerisch seien, „frivole Bürschchen“ nennt uns Steingart da, und die Industrie entsprechend reagiert, gehört zum Thema Selbstkritik.

Dass nur noch drei Viertel der Jobs Vollzeitstellen sind und Spitzeninvestmentbanker 200 Mal so viel verdienen, wie ein Ingenieur, hält der Autor für kritikwürdig, aber es tritt vor unserem eigenen Kerbholz zurück. Denn dass wir nach vierzig Jahren im Schnitt mit 135 PS herumfahren und nicht mehr mit 50, ist wohl auch unsere eigene Kaufentscheidung. Ein Werktätiger in der Autoindustrie stellte vor dreißig Jahren jährlich zehn Autos her, heute sind es dreißig.

Als Ausweg aus unserem Überalterungsproblem hält es Steingart für eine geeignete Maßnahme ein Drittel der deutschen Bevölkerung durch Ausländer zu ersetzen, bei denen er davon ausgeht, dass sie dann widerspruchslos unsere Alten finanzieren und betun. Könnte das nicht eine Illusion sein?

_Der Autor_

Gabor Steingart, der erfolgreiche Spiegelredakteur und jetzige Handelsblatt-Chefredakteur lieferte nicht nur griffige journalistische Berichte, sondern brillierte auch mit Büchern wie 2007 |Die Machtfrage|, die nicht weniger antizipierte als das Ende der Ära der Parteien. Der Sprachwitz, die eingängigen Bilder und umfassende Bildung bieten immer wieder gute Unterhaltung, bis hin zu revolutionierenden Gedankengängen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse scheinen da obsolet, wenn Gravitation und Magnetismus im fulminanten Eingangsbild dieses neuesten Essays, einer Reise zum Mittelpunkt der Erde, und später noch einmal, fröhlich durcheinandergebracht werden. Dass solche Ungenauigkeiten heute als verzeihlich gelten, führt manchen zu dem Schluss, dass wir in einer |Feuilletongesellschaft| leben, in der genau das zur Norm geworden ist.

_Fazit_

Es gibt eben keine Normalität mehr, und das fängt bei uns an. Es sind Zeiten in Aussicht, die die glücklichsten sein könnten, aber auch die fangen bei uns an. Also dann, wo fangen wir an?

|Hardcover: 176 Seiten
ISBN-13: 978-3492054591|
[www.piper-verlag.de]http://www.piper-verlag.de

_Christian Rempel_

Lindner, Lilly – Splitterfasernackt

_Inhalt_

Lilly ist sechs, als sie das erste Mal von einem Nachbarn in dessen Wohnung vergewaltigt wird. Danach folgen Jahre der Misshandlung. Seitdem fühlt sich Lilly ihrem Körper nicht mehr zugehörig. Sie fängt an sich zu bestrafen, indem sie hungert, um nicht mehr da zu sein. Zeitweise hat sie auch Bulimie. Sie verletzt sich selbst und versucht sich mehrmals umzubringen.

Da sie ihren Eltern nichts über den Missbrauch erzählt, trifft sie auf Unverständnis und Gleichgültigkeit. Mit siebzehn hält sie es nicht mehr aus und zieht in eine eigene Wohnung. Nach einer Weile fängt sie an, in einem Edelbordell ganz in ihrer Nähe zu arbeiten. Sie prostituiert sich, weil ihr Körper eh nicht mehr zu ihr gehört. Und so kann sie wenigstens damit Geld verdienen, denkt sie sich.

Während der Zeit im Bordell, fängt sie an über ihr Leben zu schreiben, um somit die Ereignisse zu verarbeiten.

_Kritik_

Das Buch „Splitterfasernackt“ von Lilly Lindner ist unfassbar real und ergreifend geschrieben. Allein der Titel des Buches hat mich wie magisch angezogen. So, dass ich direkt wissen musste, was dahinter steckt. Nachdem ich den Klapptext gelesen hatte, wurde ich noch neugieriger auf die Geschichte, die Lilly zu erzählen hat.

Dennoch fällt es mir unglaublich schwer, eine Rezension über dieses Buch zu schreiben. Es hat mich einerseits fasziniert, aber auch fast sprachlos gemacht. Schon beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich es wohl schaffe, eine angemessene Bewertung für dieses Buch abzugeben.

Die ersten Seiten des Buches sind noch etwas ungewohnt zu lesen und man fragt sich, wie die Autorin damit ganze 400 Seiten füllen will. Aber man gewöhnt sich schnell an den Schreibstil. Dann sind die Sätze auch flüssiger zu lesen und man fügt sich in die Geschichte ein. Je länger man liest, desto mehr fühlt man sich zu Lilly hingezogen. Man findet sie sympathisch, obwohl sie ihren Körper selber schändet und bestraft. Man möchte ihr helfen und hofft, dass es ein Happy End in der Erzählung gibt.

Die Erlebnisse von Lilly sind grausam, aufwühlend und interessant zugleich. Man weiß, dass diese Frau all das, was sie niedergeschrieben hat, erlebte. Aber genau das ist es, was das Buch ausmacht. Man liest über reale Gefühle und man bekommt Einblicke in die Welt einer labilen und psychisch angeknacksten Persönlichkeit und erfährt die unglaublich grausame Wahrheit.

Ich bewundere die gefundene Stärke, die Lilly Lindner aufgebracht haben muss, um ihre Geschichte auf Papier zu bringen und für alle Welt öffentlich zu machen. Und ich hoffe, dass ihr das geholfen hat, das Erlebte zu verarbeiten, so dass sie nun ein einigermaßen normales Leben führen kann.

_Autor_

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie, autobiographische Texte und Romane zu schreiben. Viel Zeit verbringt sie heute mit der Arbeit mit Kindern. (Verlagsinfo)

_Fazit_

„Splitterfasernackt“ von Lilly Lindner ist eine extrem bewegende Erzählung, prall gefüllt mit realen und erschütternden Erfahrungen und Gefühlen. Mich hat das Buch sehr berührt und aufgewühlt. Es geht wirklich unter die Haut.

Wer wirklich Interesse für diese Art von Erfahrungen zeigt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

|Broschiert: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3426226063|
[www.droemer.de]http://www.droemer.de

_Nadine Stifft_

Lahm, Philipp – feine Unterschied, Der – Wie man heute Spitzenfußballer wird

_Viel Lärm um nichts?_

Eigentlich hätte Philipp Lahm ja damit rechnen sollen, dass die Publikation eines Fußballspielers, der als Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft und des erfolgreichsten hiesigen Klubvereins eine Menge Verantwortung trägt und dementsprechend ständig in den Medien präsent ist, bereits vor der eigentlichen Veröffentlichung von der Boulevardpresse zerpflückt wird. So geschehen ist dies dann auch vor wenigen Wochen, als das berüchtigte Revolverblatt mit den vier Buchstaben einige Passagen aus „Der feine Unterschied“ zitierte und damit auch sofort für Skandalmeldungen und Gesprächsstoff sorgte, wodurch der Spieler des FC Bayern sofort in die Schusslinie gerät. Namhafte Ex-Begleiter wie Rudi Völler und Jürgen Klinsmann empörten sich über Lahms offenkundig angriffslustige Seite und beklagten dessen wortreiche Freizügigkeit bei der Kritik an seinen einstigen Förderern und Mitstreitern. Wie sich mit der endgültigen Freigabe des biografischen Werks nun jedoch herausstellt, ist „Der feine Unterschied“ jedoch alles andere als die vorab propagierte Abrechnung mit dem deutschen Fußball. Stattdessen beschreibt Top-Star Lahm lediglich die Tücken des Profidaseins anhand seines persönlichen Lebenswegs und blickt hierbei ausschließlich auf Erfolge und Niederlagen seiner Karriere zurück, die ihn schließlich zu dem Fußballer und Menschen geformt haben, der derzeit wohl die größte Last auf seinen vergleichsweise kleinen Schultern trägt. Skandale? Mitnichten! Aufwiegelei? Nein, das war nie die Motivation dieses Buches. Insofern sind die Vorankündigungen zu jener Geschichte, die mit „Wie man heute Spitzenfußballer wird“ untertitelt bleibt, völlig irreführend – und haben letzten Endes wieder gezeigt, wozu eine gewisse Stimmungsmache fähig ist. Nämlich in diesem Fall dazu, viel Lärm um nichts zu machen!

_Profi durch und durch_

„Der feine Unterschied“ wird seinem Titel schließlich insofern gerecht, dass Philipp Lahm sich intensiv mit seiner Vergangenheit als Kind und Jugendlicher auseinandersetzt und beschreibt, worauf es bereits in dieser Zeit ankommt, hat man die Motivation, sich eines Tages als Profi auf dem Platz zu präsentieren. Geduld, Enthaltsamkeit, ein absoluter Wille sind seines Erachtens die tragenden Säulen, die ein talentierter Fußballer zwingend mitbringen sollte, um die Bühnen, auf denen sein Spiel stattfindet, peu à peu zu vergrößern. Lahm selber hatte das Glück, relativ bald bei der Jugend des FC Bayern unterzukommen und dort unter besten Bedingungen trainieren zu können. Und dennoch schien sein Heißhunger auf die großen Stadien nicht so gierig zu sein, dass er sein Privatleben voll und ganz missachtete. Für Lahm ist diese Kombination der Schlüssel zum Erfolg, auch heute noch. Ein Profifußballer ist gleichzeitig ein Teil der landesweiten Prominenz, insbesondere in der Stellung eines Nationalspielers, aber dennoch darf die Familie nie zu kurz kommen, selbst wenn vergleichsweise größere Opfer gebracht werden müssen. Planung ist daher alles, so dass man sich bereits in frühen Jahren Gedanken machen muss, wer zum Stab der Vertrauten heranwächst, wie man sein eigenes Management aufbaut, wie man verhandelt, aber auch wie man zurücktritt, um sich einer ganzen Mannschaft unterzuordnen. Profisport ist in zweiter Linie auch Planwirtschaft, vielleicht vor einem anderen Hintergrund, aber im Rahmen des knallharten Geschäfts namens Bundesliga sicherlich in diesem Setting passend. Und wer sich damit nicht arrangieren will und zu oft seinen eigenen Kopf durchsetzen mag, der bleibt ganz einfach auf der Strecke.

Lahm beschreibt, wie er die Tücken bewältigt hat, wie er sich anpassen musste, und welche universelle Bereitschaft vorhanden sein muss, um den langen, harten Weg an die Spitze zu meistern. Dabei zeigt er auch einige unschöne Seiten auf, bekundet aber letzten Endes, dass jede Entbehrung schlussendlich auch zu großem Lohn geführt hat – wirtschaftlich, aber auch rein mental. Denn dieses Gefühl, das er beschreibt, welches einen überkommt, wenn man vor unzähligen Fans in einem WM- oder im Heimstadion aufläuft, entschädigt Woche für Woche für all die Strapazen, die er in inzwischen 27 Jahren auf sich genommen hat. Ein Profi durch und durch eben, dieser Philipp Lahm – aber eben auch ein Mensch, der genau weiß, was er will und was er aufzubringen hat, um seine Ziele zu erreichen!

_Eine lesenswerte Biografie – mehr nicht_

Rein strukturell ist Lahms Titel schließlich eine zumeist chronologisch geführte Autobiografie, die hier und dort ein paar kritische Randbemerkungen bereithält, am Ende aber niemanden frontal attackiert. Wenn man ein paar Worte über die zweifelhaften Methoden eines Louis van Gaal auf den Tisch kommen, bewahrt Lahm immerzu den Respekt vor seinem ehemaligen Trainer. Und auch die angesprochenen Herren Völler und Klinsmann sollten eigentlich keinen Grund haben, sich über die Inhalte des Buches zu beklagen, da Lahm sachlich analysiert, aber eben nicht angreift. Für solche Begleiterscheinungen bleibt auf den rund 270 Seiten allerdings auch gar kein Spielraum, weil Lahms bisheriger Karriereverlauf und die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben als Fußballer schon genügend Stoff bieten, um die Seiten zu füllen. Er beschreibt seine Jugend, seinen Start bei den Amateueren, den rasanten Aufstieg nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart und schließlich die Einberufung in die Nationalelf, die analog zur Rückkehr zum FC Bayern dazu führte, dass sich Lahm als Weltstar und einer der besten Abwehrstrategen der deutschen Fußballgeschichte etablieren konnte. Und all diese Begeisterung, die in diesen Worten mitschwingt, transferiert der Autor schließlich auch in „Der feine Unterschied“. Vergessen sind am Ende, die plumpen Vorab-Storys, das Geschwätz, die überflüssigen Statements in den vermeintlich großen Blättern – denn rein inhaltlich ist die Biografie eigentlich nicht angreifbar. Lediglich die Tatsache, dass Lahm sich nicht bis zum Ende seiner Karriere Zeit gelassen hat, ist verwunderlich. Den Lesegenuss trübt sie aber keinesfalls!

|Hardcover: 269 Seiten
ISBN-13: 978-3888977299|
[www.kunstmann.de]http://www.kunstmann.de

Conze, Eckart / Frei, Norbert / Hayes Peter – Amt und die Vergangenheit, Das

Eine der langlebigsten Legenden der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts befasst sich mit dem Widerstand des Auswärtigen Amts gegen die offensive Gewaltpolitik des NS-Regims. Obschon die Nürnberger Prozesse vermehrt Verbindungen zwischen den Fragen der Judendeportation und der Beteiligung an der ‚Endlösung‘ entlarvten, schworen viele einflussreiche Diplomaten über Jahre hinweg ihre Unschuld an den Vergehen der Hitler-Diktatur und begründeten ihre Parteimitgliedschaft vorrangig mit dem wachsenden politischen Druck sowie der parallel entstandenen Panik vor persönlichen Konsequenzen im Rahmen der Verfgolgungspolitik des Nationalsozialismus.

Nachdem die Thematik in den letzten Jahrzehnten ständig wie ein kaum greifbarer Schatten über dem Amt und den einstigen Beschäftigten in der Wilhelmstraße schwebte, gelang es einem der kontroversesten Außenminister schließlich, die oftmals angekündigte, aber nie konsequent umgesetzte Vergangenheitsfrage zur Pflichtaufgabe zu erklären. Die 2005 einberufene Kommission sollte die Verbindungen und Verstrickungen des Amtes endgültig aufdecken, das Politische Archiv offenlegen und schließlich auch mit der jahrelang betriebenen Beschönigung befestigter Fakten aufräumen. Fünf Jahre später wurde schließlich das umfangreichste Dokument zu jenem nebenpolitischen Schauplatz fertiggestellt – und es offenbart erwartungsgemäß einige erschreckende Entwicklungen und Wendungen in der deutschen Außenpolitik!

_“Das Amt und die Vergangenheit“_ hat sich jedoch nicht zum Ziel gesetzt, rückwirkend anzuprangern und verschonte Drahtzieher in offenkundig hohen politischen Positionen zu verurteilen. Zwar werden schonungslos Tatsachenberichte auf Basis intensiver Recherchen bereitgestellt, dies jedoch völlig wertfrei und manchmal fast schon erschreckend nüchtern. Stattdessen geht es in der großen Studie darum, bekannte Straftaten im Rahmen der NS-Kriegsverbrechen nachzuvollziehen, die oberflächlich unschuldige Rolle einiger Diplomaten ins rechte Licht zu rücken und nachzuweisen, dass das Auswärtige Amt einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf viele Entscheidungen die Judenfrage betreffend gebilligt oder partiell sogar durch Hilfestellungen unterstützt hat. Gerade im zweiten Abschnitt des Buches, der sich mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs beschäftigt und Stück für Stück aufdeckt, an welchen elementaren Deportationsverfahren verschiedene Mitarbeiter der auswärtigen Behörde beteiligt waren, stolpert man über unzählige passive wie aktive Verbrechen, die zwar in ihrer personenbezogenen Komplexität gut verschleiert werden, nach ausführlicher Recherchearbeit jedoch nicht mehr länger verschwiegen werden konnten.

Insofern gerät man in einen regelrechten Schockzustand, wenn man im ausführlichen Kapitel über die Nachkriegszeit erfährt, wie einfach sich die am Massenmord beteiligten Diplomaten reinwaschen konnten und im Rahmen der Entnazifizierung dank der Solidarität der Kollegen als entlastet eingestuft wurden. Als Schein-Oppositionelle aufgetreten konnten sie sich im Rahmen der Prozesslawinen gegenseitig die Bälle zuschieben und eine Lüge über Jahre hinweg, teilweise sogar über ihren Tod aufrechterhalten. Viel brisanter noch: Ein Großteil der einstigen Mitarbeiter, die nachweislich einen aktiven Part in der NS-Politik eingenommen hatten, wurden später wiederbeschäftigt und teils in höhere Ämter berufen, um einen Staat zu vertreten, unter dessen Banner sie Jahre zuvor noch für faschistische Werte gekämpft hatten – prominente Beispiele wie den Präsidentenvater Ernst von Weizsäcker nicht ausgeschlossen.

Die mehr als 800 Seiten mächtige Studie ist trotz ihres Umfangs aber dennoch gewissermaßen begrenzt, da der Fokus in erster Linie auf der Entwicklung des Amtes und vielen fragwürdigen Personalentscheidungen liegt, sodass viele Verbrechen, die auch im Namen des Amtes begangen wurden, lediglich als Randnotiz erwähnt werden können. Weiterhin schwierig ist die Fülle an Namen, die „Das Amt und die Vergangenheit“ stellenweise recht unübersichtlich gestaltet, zumal Personen in späteren Abschnitten wiederkehren und es oftmals schwerfällt, jedwede individuelle politische Einstellung sofort wieder adäquat einzustufen, ohne dabei Fakten zu vermischen. Das Buch verfolgt zwar einen chronologischen Ansatz, wagt aber dennoch sehr viele Sprünge, was vorrangig damit zu begründen ist, dass die Arbeit vor allem in den Jahren 1939-45 an unheimlich vielen Schauplätzen parallel ausgetragen wurde.

_Das Problem der_ mangelnden Übersichtlichkeit ist jedoch eines, welches man im Hinblick auf den Lohn, den dieses Dokument mit sich bringt, gerne in Kauf nimmt. „Das Amt und die Vergangenheit“, so belegen mehr als 100 Seiten Quallenangaben, ist eines der ambitioniertesten Aufklärungswerke der deutschen Nachkriegsgeschichte – und im Hinblick auf die Belege, die einen scheinheiligen Mythos endgültig beenden sollten, sicherlich die Referenz zur Geschichte des Auswärtigen Amts.

|Gebundene Ausgabe: 880 Seiten
ISBN-13: 978-3896674302|
[www.randomhouse.de/blessing]http://www.randomhouse.de/blessing/index.jsp

Efinger, Marianne – Gottes leere Hand

_Inhalt:_

Als Wissenschaftsexperte ist die Meinung von Manuel Jäger stets sehr gefragt. Vor allem sein bester Freund Lothar schätzt Manuels Wissen und seinen belesenen Charakter und diskutiert oftmals bis in die Nacht hinein mit dem Enddreißiger. Doch soviel Achtung Manuel auch entgegengebracht wird, an seinem wohl größten Problem können selbst die meist ambitionierten Experten nichts ändern: Jäger leidet unter der Glasknochenkrankheit und hat in seinem bisherigen Leben schon hunderte Knochenbrüche über sich ergehen lassen. Auch seine aktuelle Erkältung scheint lediglich ein Routineablauf zu sein, die ihn auf Lothars Drängen hin jedoch vorsorglich ins Krankenhaus führt, wo er ein paar Tage beobachtet werden soll.

Doch der Aufenthalt im Marienhospital verändert Manuels Einstellung zum Leben radikal. Als ihm zum wiederholten Male schmerzlich bewusst wird, dass einem Menschen wie ihm nicht die gebührende Akzeptanz entgegengebracht wird und wahre Werte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe vor allem an jenem Platz, an dem Menschen Unterstützung und Beistand zukommen soll, völlig außer Acht gelassen werden, fasst er einen folgenschweren Entschluss …

Auch Dagmar, lange Jahre als Krankenschwester im Marienhospital beschäftigt, gehen die Entwicklungen an ihrem Arbeitsplatz längst gegen den Strich. Der Idealismus des Personals ist nur noch eine Farce, kleine Grabenkämpfe belasten das Betriebsklima, und überdies werden berufliche Fehltritte immer wieder vertuscht und manipuliert – Hauptsache der makellose Ruf des Krankenhauses wird nach außen gewahrt. Ähnlich wie bei Manuel sind ihre Zukunftsgedanken ernüchternd. Und auch Dagmar beschließt, wenn auch spät, an ihrem Leben etwas Entscheidendes zu ändern …

_Persönlicher Eindruck:_

Der Pflege- und Allgemeinzustand in deutschen Krankenhäusern wird nicht erst seit gestern massiv beklagt – allerdings verzichten die entsprechenden Kräfte und Angestellten aus Ehrfurcht vor der Herabsetzung ihres Berufsbildes und möglichen Konsequenzen für ihre Anstellung zumeist darauf, die Realität nach außen zu tragen. Diese Form der Stagnation scheint Marianne Efingr nicht zu dulden. In ihrem Roman „Gottes leere Hand“ weist sie nicht nur in unterschwellig politischer, teils auch sehr zynischer Form auf die Art und Weise hin, wie man offenkundigen Sonderlingen und Abnormalitäten zumeist entgegentritt – und zeichnet dabei ein allzu finsteres Bild von Hospitalismus, Selbstaufgabe, Enttäuschung und Frustration.

Während die Autorin an der Oberfläche die Geschichte vom hochbegabten Manuel erzählt, der aufgrund seiner Glasknochenkrankheit schon viele Barrieren im Leben meistern musste, gräbt sie zeitgleich tiefer und stellt den Krankenhausalltag in einer sehr erschreckenden Weise dar. Da mobben sich Schwestern gegenseitig, weil sie mit dem verbliebenen Idealismus ihrer Kolleginnen nicht zurechtkommen und sich mit allerlei Vitamin B in höhere Positionen hieven wollen. Da werden medizinische Fehlgriffe heruntergespielt, als seien sie für den Gesundheitszustand der Betroffenen schier bedeutungslos. Und zuletzt wird dort ständig über den Kopf von Patienten hinweg entschieden, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ihren Lebensabend im Kreise ihrer Lieben zu verbringen, dabei aber in ihrer Würde und der noch existenten Entscheidungsfreiheit derart krass beeinflusst werden, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht.

Nichtsdestotrotz wirft Efinger einen sehr detaillierten Blick auf die Einzelschicksale ihrer Protagonisten und schildert in den jeweiligen Einzelfällen, inwieweit man den eigentlich unschuldigen Patienten ihr letztes Bisschen Menschlichkeit nimmt. Dies beginnt bereits bei der Beurteilung des Pflegezustandes, geht über plötzlich beschlossene Verlegungen und unüberlegte medikamentöse Eingriffe und reicht schließlich bis zu jenem Punkt, an dem die internen Kritiker mundtot gemacht werden.

Im Mittelpunkt bleibt Manuel, dessen Schicksal eh schon schwierig genug ist, der von seiner einzigen Geliebten aber unverhofft Abschied nehmen musste, als diese von einem alkoholisierten Autofahrer umgebracht wurde. In seiner Person wird all die Verzweiflung und Ernüchterung beschrieben, eine Form der Selbstaufgabe und der hoffnungslosen Akzeptanz seiner Situation wie derer im Krankenhaus, aber auch die Erfahrung, dass alles Drängeln und Hoffen eh zu nichts führt, da die medizinischen Fachkräfte lediglich in eine Maschinerie eingebunden sind, in der kein Systemfehler geduldet wird. In nur wenigen Tagen findet er für all das Bestätigung, was sein Leben außerhalb der Krankheit belastet hat und nimmt sich dabei jegliche positive Zukunftsaussicht mit seinem Entschluss, den Teil des Lebens, der wirklich lebenswert gewesen war, bereits gelebt zu haben.

Ihm gegenüber steht die privat chaotische, im Job aber stets motivierte Dagmar, die jeden Tag aufs Neue mit unglaublichen Entschlüssen konfrontiert wird, in ihrer Position aber nicht viel mehr ausrichten kann, als an bessere Zeiten zu glauben – trotz aller Rückschläge, die alleine der Wochenablauf an ihrem Arbeitsplatz bietet. Hinzu kommen Dagmars Kolleginnen, die größtenteils intrigant sind und sicherlich auch viele Klischees erfüllen müssen, um dem sarkastischen Blick auf die Szenerie Wirkung zu verleihen. Hier reicht die Spanne von der Manipulation von Beurteilungsbögen bis zur gnadenlos unfairen Gestaltung des Dienstplanes, lediglich zum Zwecke, aufbegehrende Schwestern in die Schranken zu weisen. Und all dies läuft unter dem Banner Gottes, des christlichen Trägers, der seinerzeit zum Bau des Marienhospitals führte.

Sofern man dieses Buch bereits verschlungen hat, darf man eigentlich nicht zu viele Details preisgeben, da man wirklich erleben muss, was Marianne Efinger hier zu Papier gebracht hat. Im Rahmen einer fiktiven Story hat sie so viel Abschreckendes geschaffen, so viele Enttäuschung in die Realität übertragen und eine Menge an oftmals verschwiegenen Fakten zusammengetragen, dass der Drang zum Idealismus zumindest noch bei denjenigen geweckt werden kann, die noch zum Kämpfen bereit sind. Zwar dient „Gottes leere Hand“ nicht ausschließlich dazu, anhand verschiedener erfundener Schicksale die Krankenhausrealität an den Pranger zu stellen. Doch die Sicht der Dinge ist sehr realistisch und wird auch in keiner Phase des Buches beschönigt, um in einem Maße Schadensbegrenzung zu betreiben, wo sie nicht angebracht ist. Für manchen wird der Inhalt stellenweise übertrieben anmuten – und dennoch ist es durch und durch lesenswert, was die Autorin hier zusammengefasst hat und sollte gerade denjenigen Mut machen, die seit Jahr und Tag als Pflegekraft gegen Mauern ankämpfen. Auch wenn man bezweifeln darf, dass dies die eigentliche Intention des Buches ist. Aber es ist ein absolut begrüßenswerter Nebeneffekt einer Geschichte, die sehr bewegend und zwischen den Zeilen auch sehr emotional ist!

|Gebundene Ausgabe: 377 Seiten
ISBN-13: 978-3937357409|
[www.bookspot.de]http://www.bookspot.de

Badde, Paul – Grabtuch von Turin, Das (oder das Geheimnis der heiligen Bilder)

_Original oder Fälschung?_

Als das berühmte Grabtuch von Turin im vergangenen Jahr erstmals nach jahrzehntelanger Verhüllung wieder der Öffentlichkeit übergeben und damit auch sichtbar gemacht wurde, starteten gleichzeitig auch wieder jene altbekannten Spekulationen über die Echtheit und Originalität des historischen Relikts. Während Theologie und Wissenschaft sich in zwei Lager spalten, die auf der einen Seite belegen wollen, dass die Herkunft des Leinens keinesfalls aus jener Zeit stammen kann, andererseits aber aufgrund historischer Belege darauf schließen möchten, dass es sich hierbei tatsächlich um jenes Stück Stoff handelt, mit dem der Leichnam von Jesus von Nazareth seinerzeit bedeckt worden sein soll, wird gleichzeitig eine Art Fanatismus um jenes Tuch gestartet, der vor allem im Bereich des christlichen Glaubens seinesgleichen sucht. Ob es sich nun um ein Original oder doch um eine Fälschung handelt, will Paul Badde in seinem aktuellen Buch, welches er einzig und alleine der Geschichte um dieses vermeintliche Grabtuch widmet, gar nicht erst klarstellen. Stattdessen legt er schlichtweg die Fakten auf den Tisch, umrahmt diese mit vielen prächtigen Bildern und gibt der Faszination für eines der wichtigsten Relikte der Weltgeschichte einen völlig neuen Rahmen.

Dennoch lässt sich der Autor hin und wieder auf eine Gegenüberstellung der Pro- und Kontra-Fakten ein und beschäftigt sich näher mit den Aussagen von Kritikern, Zweiflern und den ihnen gegenüberstehenden Gläubigen. Dabei ist immer wieder interessant zu sehen, wie er sich gegen die wissenschaftlichen Fakten sträubt und selbst die frühzeitig eingesetzte Radiokarbon-Methode als keinen hundertprozentigen Beweis für die falsche Herkunftseinschätzung akzeptiert. Mit jenem Vorgang wurde 1988 geprüft, aus welcher Epoche der Stoff stammt, der unter bestimmten Lichtverhältnissen die Fassade eines Mannes entlarvt, der offenkundig mit diesem Tuch in Berührung gekommen ist – und bekanntermaßen wies bei der Analyse alles darauf hin, dass das Tuch in etwa um das 13. Jahrhundert entstanden sein muss. Umgekehrt sieht Badde keine Widersprüche im Beweis der Echtheit des Tuches, zu der er – so liest man es nicht nur zwischen den Zeilen – aufgrund seiner jahrelangen Studie und der umfassenden Gegenüberstellungen ganz klar tendiert. Der Autor scheint selbst vom Kult infiziert und von der Begeisterung angesogen, die jene Geschichten, die vor allem im Mittelalter immer wieder mit diesem Tuch in Zusammenhang gebracht wurden. Und so schildert er voller Begeisterung, wenn auch nicht zu stark vom Hype um jenen Gegenstand geblendet, wie das Tuch seinen Weg durch die europäische Geschichte gemacht hat, wo es Station machen musste, wie oft es verschollen war, wie häufig man befürchten musste, es sei auf seinem Weg zerstört worden und schließlich, wie heftig teilweise die Diskussionen verliefen, die um diese Thematik entbrannt waren.

Und gerade diese umfassenden Schilderungen machen „Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder“ zu einer absolut lesenswerten Veröffentlichung, vorrangig geprägt von den jüngeren wissenschaftlichen Betrachtungen, hierbei mit vielen Widersprüchen gegenübergestellt, dann wieder von der Euphorie gelenkt, die ein solcher Fund auszulösen imstande ist und schließlich von Baddes sehr persönlichem Bezug zum Thema abgerundet, der unterm Strich womöglich die größte Bedeutung in diesem Buch hat. Nicht zu vergessen ist hierbei das tolle Bildmaterial, welches teilweise bekannt, teilweise aber auch sehr exklusiv ist und Baddes historischen Pfad beispielhaft zum Leben erweckt und maßgeblich dazu beiträgt, dass seine Dokumentation ganzheitlich aufregend wirkt – und gerade dieser Umstand hebt „Das Grabtuch von Turin oder das Geheimnis der heiligen Bilder“ sehr deutlich aus der Masse derartiger Werke heraus und weckt schließlich die Faszination für diese doch sehr spezielle Thematik!

|Hardcover: 160 Seiten
ISBN: 978-3629022615|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Sounes, Howard – Paul McCartney – Das Porträt

Über Sir Paul McCartney sind bereits viele Worte geschrieben, viele Berichte verfasst und viele tiefer greifende Analysen abgefasst worden. Das biografische Material hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil in der gesamten Beatles-Nachlese, manchmal fundierter, manchmal aber auch sehr subjektiv. McCartney schwankt hier zwischen Enfant Terrible und kreativem Genie, zwischen Lebemann und richtungsweisendem Künstler, zwischen Mensch und Superstar – und etwas Wahres ist sicher an allem dran.

Howard Sounes hat sich nun erneut die Mühe gemacht, in der McCartney-Mottenkiste zu graben und seine persönliche Sicht der Dinge zu beschreiben. Wie so viele seiner vorangegangenen Kollegen erzählt er die Geschichte des einst unscheinbaren Musikliebhabers in einer lückenlosen Chronologie, bemüht sich sogar zeitweise mehr denn je um Vollständigkeit, was den Katalog des Paul’schen Lebenswerkes anbetrifft. Allerdings liegt in „Paul McCartney – Das Porträt“ gerade auch hier der Hund begraben.

Natürlich sind es vor allem die Anfangstage, diese magische Entwicklung eines musikalischen Ausnahmeprodukts, die den Leser zum wiederholten Male in ihren Bann ziehen. Die Entstehungsgeschichte manches besonderen Songs, die Leidenschaft und Hingabe für die Musik als solche, die einzigartige Magie des nicht immer kongruenten Pärchens Lennon & McCartney – all das sind einerseits Fakten, aber andererseits auch immer wieder emotionale Momente, die man ergriffen aufsaugt und gerne wieder von Neuem erlebt. Doch es sind umgekehrt auch Tatsachenberichte, die dem potenziellen Interessenten nicht mehr viel Frisches vermitteln.

Also versucht Sounes auf dem naheliegenden Weg, Einblick in das Leben eines Menschen zu geben, der als prominente Figur von Jahr zu Jahr immer mehr zu polarisieren vermochte. Das unschuldige Lächeln des Mannes mit den strahlenden Augen wird einigen Skandalporträts gegenübergestellt, die den Protagonisten dieser Biografie in kein besonderes Licht mehr rücken. Sounes bemüht vor allem diese negativen Schlagzeilen, so etwa die unbeholfenen Statements zu John Lennons Tod, die Schlammschlachten in seinen jüngsten Beziehungen, das fehlende Verantwortungsbewusstsein für persönliche Fehler, schließlich aber auch den Sturkopf, der hinter McCartney steckt, und dessen eigenwilliges Denken ihn in den Augen vieler Beteiligten zu einem Aushängeschild für all das gemacht hat, was das Musikbusiness aus einem Menschen machen kann, wie es ihn in ein stilles kleines Monster verwandelt hat, das den Schein häufig nach außen wahren konnte, sein Seelenleben aber lediglich in den eigenen Trauerphasen an die Öffentlichkeit bringen wollte.

In diesem Sinne geht der Autor sehr kritisch mit seiner Starfigur um, bleibt weder bei den lyrischen Ergüssen der Legende zimperlich mit ihr um, noch beschönigt er sein privates Vermächtnis, das mit zahlreichen Schatten besudelt ist. Sounes geht es nach wie vor um Fakten und die Realität, doch in erster Linie darum, einen Gegensatz zu jener schillernden Figur zu zeichnen, die uns mit ‚Yesterday‘ und ‚Let It Be‘ Jahrhundertsongs beschert hat, für die man nicht ausreichend danken kann. Und genau jener Umstand macht „Paul McCartney – Das Portät“ auf Dauer zu einem recht unschönen Erlebnis; der Fluss der magischen Momente wird kontinuierlich unterbrochen, die Highlights ausgeblendet und zugunsten der eher zwiespältigen Ereignisse in den Hintergrund gedrängt. Natürlich, man erwartet auch im Falle von McCartney (bzw. gerade hier) keine unkritische Heldenverehrung im Sinne des Superstars. Doch einen Mann, dessen Einfluss noch über Jahrzehnte präsent sein wird, so in die Ecke zu drängen und seine Musik nicht als Rehabilitation für manchen falschen Entschluss zu akzeptieren, gehört nicht zwingend zu den Inhalten einer Biografie, die sich das Recht herausnimmt, einen objektiven Blick auf die Dinge zu werfen. Denn wenn eines sich an Sounes‘ Porträt unweigerlich anschließt, dann das Bewusstsein dafür, dass McCartney ein Mann mit vielen Unzulänglichkeiten und Fehlern war und weiterhin ist. Und auf diesem subjektiven Weg bekommt man zwar Zugang zu dieser ansonsten so unnahbaren Person; doch er zeigt nicht wirklich das, was den zum Ritter geschlagenen Ex-Beatle in all seinen Facetten und vor allem in seinem unbestrittenen Genie ausmacht.

_Wer also Interesse_ daran hat, mehr über McCartney zu erfahren und seine Karriere Revue passieren zu lassen, der ist besser damit beraten, den Einstieg nicht mit diesem Werk zu wagen. Sofern es überhaupt notwendig sein sollte, „Paul McCartney – Das Porträt“ zu lesen. Wirklich empfehlenswert ist der dicke Schmöker nämlich letzten Endes nur mit sehr, sehr vielen Einschränkungen!

|Hardcover: 848 Seiten
Originaltitel: The Life of Paul McCartney
ISBN-13: 978-3426275092|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home