Paul Chambers – Die Archaeopteryx-Saga. Das Rätsel des Urvogels

Kleiner Vogel – große Wirkung

In 15 Kapiteln informiert Verfasser Paul Chambers populärwissenschaftlich über die Stammesgeschichte der Vögel. Als ‚Aufhänger‘ dient ihm dabei der Archaeopterix, der als erster „Urzeitvogel“ 1861 im bayrischen Solnhofen als Versteinerung gefunden (Kap. 1: „Der Glücksfund des Doktors“) und zum ‚Leitfossil‘ für die Rekonstruktion des Vogel-Stammbaums wurde. Der Archaeopterix stellte für die Zeitgenossen vor ein Rätsel, da er die Merkmale eines Reptils und eines Vogels vereint.

Er tauchte in einem Augenblick auf, als die Forscherwelt sich in einem religiös begründeten Streit zusätzlich entzweite. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Theorie einer Evolution der Arten nicht nur neu, sie widersprach auch der kirchlichen Lehre, wonach Gott Tiere (und Pflanzen) wie in der Bibel beschrieben geschaffen habe und diese unveränderlich seien. Das ‚Mischwesen‘ Archaeopterix verkörperte jenen Widerspruch, den die Anhänger der Evolution erwartet und deren Gegner gefürchtet hatten (Kap. 2: „Das fehlende Glied“; Kap. 3: „Der gefiederte Rätsel“).

Schon um den Besitz des Fossils entspann sich ein heftiges Hin und Her (Kap. 4: „Harte Verhandlungen“), bis es schließlich für eine gewaltige Geldsumme außer Landes und nach London ging (Kap. 6: „Der Adler ist gelandet“). Hier gerieten renommierte Naturwissenschaftler in einen so erbitterten Streit über die Deutung des Fossils, dass es einige den Ruf und die Karriere kostete (Kap. 5: „Evolutionsrivalen“).

Auch als sich die Evolutionslehre allmählich durchsetzte, löste eine neue Generation von Forschern das grundsätzliche Archaeopterix-Rätsel nicht. War er ein bzw. womöglich DER Vorfahre der Vögel? Stammte er von den Dinosauriern ab? Gab es ein älteres, noch unbekanntes Reptil, von dem Dinosaurier und Vögel abstammten? (Kap. 7: „Wie passt das zusammen“; Kap. 8: „Vögel mit Zähnen“). Fragen über Fragen, deren Diskussion und Klärung von verbissenen geführten Gelehrtenkriegen und Eifersüchteleien begleitet wurden, die sich durch weitere Archaeopterix-Fossilien eher noch steigerten (Kap. 9: „Ein zweites Exemplar“), bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein dänischer Wissenschaftler den Gordischen Knoten endlich zu durchschlagen und die wahre Stammesgeschichte der Vögel enträtselt schien (Kap. 10: „Die Entstehung der Vögel“). Daraufhin kehrte Ruhe in der Forscherwelt ein (Kap. 11: „Magere Jahre“), wobei indes die Theorie von den Dinosauriern als „Vorfahren“ der Vögel weiterhin für Konflikte sorgte (Kap. 12: „Gleich und gleich“).

Rückkehr der Dummheit und neuer Fortschritt

Für Aufsehen sorgte die Rückkehr religiös motivierter Anti-Evolutionisten, die zwar nun an die Entstehung und Entwicklung von Arten ‚glauben‘, doch einen lenkenden Gott bzw. ‚Lebenssporen‘ aus dem Weltall als Verursacher sehen wollen. Die strengen Vertreter dieser und anderer absurder Irrlehren prangerten das Archaeopterix-Fossil, das solche Theorien ad absurdum führte, kurzerhand als Fälschung an (Kap. 13: „Das Teufelsfossil“).

Echte Bewegung (sowie Stoff für neue Konflikte) kam in die Erforschung der Vogelgeschichte, als in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die bisher abgeschotteten Regionen der ehemaligen Sowjetunion sowie Chinas naturwissenschaftlich erschlossen wurden. Unzählige, völlig unbekannte Urzeitwesen wurden entdeckt, darunter die ersehnten Vorzeit-Vögel (Kap. 14: „Ein neuer Schwarm neuer Vogelfossilien“). Die Auswertungen und Deutungen haben gerade erst begonnen, wertvolle Erkenntnisse zeichnen sich ab.

Eines ist indes unverändert geblieben: Noch immer toben um den Archaeopterix und seine Urvogel-Kollegen Macht- und Glaubenskämpfe – wissenschaftliche und religiöse. Dazu passt das letzte Kapitel, das davon erzählt, wie ganz aktuell und im 21. Jahrhundert Fossilien gefälscht werden, um Evolutionsgeschichte nicht zu rekonstruieren, sondern unter dem Druck sensationshungriger aber finanzstarker Medien zu erfinden (Kap. 15: „Archaeoraptor: der Piltdown-Vogel“).

In einem Epilog, entstanden zur später veröffentlichten amerikanischen Ausgabe dieses Buches, berichtet der Verfasser vom sensationellen Fund des „Microraptors“, der anscheinend ein echter Dinosaurier mit Federn war und die Abstammung der Vögel endgültig klären könnte.

Illustriert wird der Text mit zahlreichen zeitgenössischen und modernen Zeichnungen, Karten, Tabellen, Zeitstrahlen und Fotos. Eine umfangreiche Bibliografie schließt den Text ab; ein Register fehlt. „Die Archaeopterix-Saga“ ist die formal kaum bearbeitete Taschenbuchversion einer gebundenen Ausgabe, was sich an einem recht kleinen Schriftbild und an schmalen Seitenrändern, vor allem aber an den oft beschnitten wirkenden Abbildungen erkennen lässt.

Hinterher ist jeder schlauer

Er war nur so groß wie eine Taube und ist schon seit Jahrmillionen tot. Trotzdem scheinen der Archaeopteryx bzw. sein steinernes Fossil aus hoch explosivem Material zu bestehen, ist es ihm doch in 150 Jahren gleich mehrfach gelungen, ohnehin feurige Diskussionen hoch auflodern und in weltweiten Auseinandersetzungen eskalieren zu lassen, die immer wieder den naturwissenschaftlichen Rahmen sprengten und wissenschaftliche Laien in ihren Bann schlugen.

Als die wertvolle Kalksteinplatte im Frühling des Jahres 1861 gefunden wurde, betrachtete der Mehrheit der Naturforscher die Tier- und Pflanzenwelt noch mit den Augen der Kirche: Gott hatte Seine Geschöpfe erschaffen, wie es in der Bibel geschrieben steht. Sie hatten sich danach nie verändert, sondern waren Fische, Vögel, Säugetiere etc. geblieben. Doch andere Wissenschaftler, allen voran der Brite Charles Darwin, hatten diese dogmatische Lehrmeinung bereits in Frage gestellt. Es gab handfeste Beweise für eine Evolution: Lebewesen passen sich in langen Zeiträumen kontinuierlich ihrer Umwelt an. Sie verändern sich dabei und bilden neue Arten und sogar Klassen. Der Archaeopteryx belegt, wie aus einem Reptil ein Vogel werden konnte.

Heutzutage lässt sich nur schwer nachvollziehen, welcher Aufschrei dieser Theorie folgte. Nicht nur die Welt der Naturwissenschaft spaltete sich in zwei Lager. Der religiöse Aspekt der Evolutionslehre verschärfte den Streit. Ihre Befürworter schlossen ein göttliches Wirken in diesem Prozess mehr oder weniger offen aus. Das roch selbst in dieser ‚modernen‘ Zeit nach Blasphemie. Ein langer, erbitterter Krieg setzte ein.

Faktor Mensch

Dabei ging es um mehr als die stammesgeschichtliche Entwicklung der Tierwelt: Überaus menschliche Züge und Schwächen traten zu Tage. Was nicht sein durfte konnte nicht sein. Wissenschaftliche Beweise wurden gefälscht, unterdrückt, verspottet. Beide Seiten schenkten sich nichts. Karrieren standen auf dem Spiel.

Natürlich hätte die Krise auch ohne den Archaeopteryx stattgefunden. Er war nur zur richtigen Zeit am richtigen (bzw. falschen) Ort präsent und ein prächtiger Katalysator für ohnehin anstehende grundsätzliche Klärungen. Der Archaeopteryx steht deshalb nicht nur für ein Kapitel der Naturgeschichte, sondern ist auch als Leitfossil für die Evolution der Naturwissenschaft zu betrachten.

Diese Dualität arbeitet Paul Chambers meisterhaft heraus. Ohne den biologischen Aspekt der Stammesgeschichte des Federviehs zu vernachlässigen, richtet er seinen Blick gleichwertig auf die Forschungsgeschichte, welche die Archaeopteryx-Rezeption immer wieder in ein menschliches Drama verwandelte. Nicht umsonst spricht der Original-Untertitel von „Archaeopteryx-Skandalen“.

Das änderte sich beileibe nicht, als die Naturwissenschaft den darwinistischen Evolutionskriegen entwachsen war. Deutlich belegt Chambers, dass Forscher auch nur Menschen sind. Ihnen ist es selten oder gar nicht gelungen Gefühle und Fakten getrennt zu halten. Wissenschaftler sind stets eingebunden in ihre Zeit, ihre Gesellschaft, finanziell oder emotional geprägt von politischen oder geistigen Strömungen, dazu individuell bzw. ethisch keinesfalls gefeit vor tadelswertem Benehmen. Chambers zeigt berühmte Wissenschaftler als eifersüchtige, machthungrige Konkurrenten, die einander den Ruf streitig machen und die Ehre abschneiden, Intrigen spinnen, missliebige „Kollegen“ systematisch und manchmal mit bitterem Hass zu Fall bringen oder gar vernichten.

Er präsentiert Beispiele aus anderthalb Jahrhunderten, denn diese Schattenseiten sind nicht Bestandteil einer längst überwundenen Vergangenheit. Chambers Schilderung des Archaeoraptor-Skandals belegt eindrucksvoll, dass die Mechanismen des 19. Jahrhunderts auch heutzutage funktionstüchtig sind. Im Zeitalter leerer Forscherkassen und finanzstarker aber auf präsentable ‚Ergebnisse‘ pochender Sponsoren werden sie höchstens durch neue Abwege ergänzt.

Sachbuch mit Thriller-Qualität

Ohne die Fakten zu beugen verwandelt der Verfasser „Die Archaeopterix-Saga“ in ein Sachbuch mit Thriller-Qualitäten. Sie sprechen für sich, doch vor allem werden sie in eine Form gebracht, welche die oft unterschätzte Wirkung verständlich und spannend vorgetragener Informationen verdeutlicht. Es gibt eigentlich keine langweiligen Themen, sondern nur langweilig geschriebene Bücher. Dieses gehört ganz bestimmt nicht dazu. Selbst der naturwissenschaftliche Laie, der vom Archaeopterix noch nie gehört hat und sich auch für andere uralte Knochen nicht interessiert, wird rasch fasziniert.

Natürlich arbeitet Chambers mit literarischen Tricks, die vor allem aus deutscher Sicht den ‚Ernst‘ des Dargestellten in Frage stellen könnten. Eine seltsame Meinung ist das, denn wo steht geschrieben, dass ‚gute‘ Sachbücher trocken oder langweilig sein müssen? Chambers Stil ist schwungvoll, er scheut vor ironischer Zuspitzung und Anekdotischem nicht zurück. Das unterhält ebenso wie es informiert, denn die Fakten sind dem Verfasser trotzdem wichtiger als der Stil. Als Sachbuchautor ist es nicht seine Aufgabe, neues Wissen zu schaffen, sondern vorhandenes Wissen zu sammeln und allgemeinverständlich aufzubereiten. Diese Aufgabe hat Chambers glänzend gemeistert.

Autor

Kein Wunder, denn Paul Chambers (geb. 1968) ist Doktor der Mikropaläontologie sowie Autor und Journalist. Lange war er für das Londoner Natural History Museum tätig. Später arbeitete er u. a. als wissenschaftlicher Berater für die überaus erfolgreiche BBC-Serie „Walking with Dinosaurs“ (dt. „Dinosaurier – Im Reich der Giganten“).

Taschenbuch: 304 Seiten
Originaltitel: Bones of Contention: The Archaeopteryx Scandals (London : John Murray Ltd. 2002)
Übersetzung: Bernd Rullkötter
http://www.piper.de

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