Agatha Christie – Alibi

Das geschieht:

King’s Abbot ist ein Dorf irgendwo in Südengland. Auf den ersten Blick ist die Zeit hier stehengeblieben; es geht beschaulich zu, die große Welt ist weit entfernt, Neuigkeiten bestehen aus Klatsch & Tratsch, der sich meist auf die zahlenarme örtliche Prominenz konzentriert. Diese beschränkt sich auf die Familien Ferrars und Ackroyd, die auf King’s Paddock bzw. auf Fernly Park residieren. Bisher stand Mrs. Ferrars im Zentrum des Dorfgeredes; sie gilt als Mörderin ihres Gatten, der vor einem Jahr recht unerwartet starb. Die Polizei sah keinen Grund zum Eingreifen, zumal Hausarzt Dr. James Sheppard einen natürlichen Tod bescheinigte. Nun starb auch Mrs. Ferrars – der Selbstmord einer von Reue zerfressenen Frau, wird in King’s Abbot gemunkelt.

Ein ‚echter‘ Mord sorgt augenblicklich für eine neue Sensation. Roger Ackroyd, ein wohlhabenden Fabrikant, wurde auf Fernly Park in seinem Arbeitszimmer durch einen Messerstich in den Hals umgebracht. Dabei verschwindet ein Brief, in dem die verstorbene Mrs. Ferrars einen Erpresser bloßstellen wollte: Offensichtlich gibt es hier Zusammenhänge. Inspektor Davis kommt in ein mit Verdächtigen gut gefülltes Haus. An der Spitze seiner Liste steht Ralph Patons, Ackroyds Stiefsohn, dem dieser wegen seiner Verschwendungssucht ständig Vorwürfe machte. Wenig Liebe erfuhr Ackroyd außerdem durch seine verwitwete und mittellose Schwägerin und deren Tochter Flora, die auf seine ungern geleistete finanzielle Unterstützung angewiesen waren. Sekretär Geoffrey Raymond, der allzu allgegenwärtige Butler Parker sowie Hausgast und Großwildjäger Major Hektor Blunt werden ebenfalls unter die Polizei-Lupe genommen.

Als Flora Ackroyd erfährt, dass sich der berühmte Detektiv Hercule Poirot in King’s Abbot zur Ruhe gesetzt hat, fragt sie diesen sofort um Rat. Poirot langweilt sich sehr und muss nicht überredet werden. Er stürzt sich mit seinem neuen Assistenten Dr. Sheppard in den Fall, dem er bald überraschende Aspekte abringt …

Ein doppelt unmöglicher, perfekter Mord

„Alibi“, der vierte Roman von Agatha Christies Serie um den Privatermittler Hercule Poirot, bietet nicht nur dem Leser, der im Wettkampf mit der Autorin nach dem Täter fahndet, sondern auch sowie ganz besonders dem Rezensenten eine harte Nuss: Was diesem Buch eine Ausnahmestellung in der Geschichte des Kriminalromans sichert, darf eigentlich mit keinem Wort Erwähnung finden, da sonst das Besondere und damit das Lektürevergnügen für noch nicht kundige Leser augenblicklich verpufft.

Dies wäre nicht nur unfair, sondern eine echte Gemeinheit. Schließlich sollte auch der Leser von Heute die Überraschung erleben, die Christie 1926 ihrem Publikum bescherte. Dass sie erfolgreich war, wusste sie spätestens dann, als der Blätterwald der zeitgenössischen Presse mächtig zu rauschen begann. Christie war erleichtert, denn die Herausforderung war mindestens ebenso groß wie das Risiko des Scheiterns gewesen. Schließlich hatte sie sich am eigentlich Unmöglichen versucht – an einem „Whodunit“, der die sorgfältig befestigten Grenzen dieses Krimi-Genres durchaus sprengte, während er sie andererseits besonders strikt beachtete.

Das Ergebnis war ein Seiltanz, denn „Alibi“ ist als Krimi in seiner Wirkung noch wesentlich stärker als der übliche „Whodunit“ auf die finale Aufdeckung des Verbrechens angewiesen. Hier musste Christie quasi zaubern, und es gelang ihr so gut, dass viele Kritiker wohl auch deshalb verschnupft reagierten, weil man sie ebenso dreist wie erfolgreich an ihren Nasen herumgeführt hatte.

Das Schicksal ist manchmal – belgisch

„Alibi“ gehört zu Christies Frühwerk. Noch ist sie experimentierfreudig, und noch ist ihr nicht wirklich klar, in welchem Maß sie der Figur Hercule Poirot ihren Erfolg verdankt. In den nächsten Jahren wird sie diese behutsam neu formen, ohne ihr jemals die Posen und Eigenheiten völlig zu nehmen. Diese Entwicklung war erforderlich, weil Christie Poirot als alten Mann am Ende seiner aktiven Laufbahn eingeführt hatte. In „Alibi“ erleben wir ihn als Ruheständler, der sich wie weiland Sherlock Holmes in die englische Provinz zurückgezogen hat, wo er nicht Bienen, sondern Kürbisse züchten will. Mehrfach betont Poirot sein Alter; dies scheint nicht nur seine übliche Koketterie zu sein, denn die übrigen Figuren teilen diesen Eindruck.

Der Poirot von 1926 ist noch ein klassischer „Armchair Detective“; es ist sehr unwahrscheinlich, dass er im Nahen Osten und anderen exotischen Ausländern Fälle klären wird. Christie nahm Poirot später die Gebrechen des Alters und ließ ihn unternehmungslustiger werden. in „Alibi“ steht er vor allem herum und ergeht sich in rätselhaften Andeutungen, die einerseits den Leser unterhaltsam verwirren und andererseits die Polizei blamieren sollen, die betont bodenständig Poirots geistigen Höhenflügen nicht folgen kann. Noch steht das Indiz über der psychologischen Deutung, was die Handlung im Mittelteil als wiederholtes Frage-und-Antwort-Spiel etwas zäh geraten lässt.

Hat man den finalen Twist überstanden, gewinnen diese Passagen einen neuen Unterton: Poirot spricht quasi mit gespaltener Zunge. Seine Worte sind stets auch Botschaft an den anwesenden Mörder, den der Detektiv längst entlarvt hat. Doch auch dieser erkennt Poirots kriminalistisches Genie erst, als es zu spät für ihn ist.

Die Idylle als Hölle

Die Bezeichnung „Landhauskrimi“ wird in der Regel fehlinterpretiert. Zwar spielen zahlreiche englische Kriminalromane in der Provinz. Das einsame Haus auf dem Land ist jedoch vor allem ein isolierter Schauplatz mit überschaubarem Figurenensemble. Weil sich der Täter traditionell aus diesen Reihen rekrutiert, muss deutlich werden, dass kein handlungsfremder Unhold die Mordwaffe schwingt.

Da dieses Konzept starr ist, weicht Christie es ein wenig auf. Das Geschehen in „Alibi“ beschränkt sich nicht auf Fernly Park, sondern erweitert sich auf ausgesuchte Orte in und um King’s Abbot. Die Zahl der Verdächtigen erhöht sich dadurch nur scheinbar; die guten Bürger des Dorfes sorgen vor allem für Lokalkolorit.

Schon 1926 sahen gute Krimi-Schriftsteller im Landvolk nicht nur kuriose Gestalten, die für ulkige Auftritte gut waren. Zwar bringt Christie mit Caroline Sheppard eine solche Figur ins Spiel, doch schon dabei betont sie ein weniger erfreuliches Element des dörflichen Gemeinschaftslebens: Niemand ist je ohne Aufsicht. Die Nachbarn sind nah und aufmerksam. Das Böse wird gern verschwiegen aber hinter den Rücken der Betroffenen diskutiert. Wer sich dem entzieht, gilt als Geheimniskrämer und steht auf jeder Liste weit oben, wenn nach Verdächtigen gefahndet wird.

Der Schein und die Wirklichkeit

Die „High Society“ ist davon keineswegs ausgeschlossen. Ihre Angehörigen müssen auf ihren guten Ruf achten – eine Forderung, die wesentlich wichtiger als heutzutage ist. Selbst verarmte Verwandte wie Ackroyds Schwägerin gelten als Respektspersonen. Sollte sich allerdings herausstellen, dass Stiefsohn Ralph der Mörder ist, zieht dies seine Verlobte Flora ebenso zuverlässig wie ihn selbst in den Abgrund: Obwohl sie absolut unschuldig ist, wäre ihr Ruf so ruiniert, dass sie für den Rest ihres Lebens auf eine ‚standesgemäße‘ Heirat verzichten müsste: So streng sind die Sitten!

Für die Leser des 21. Jahrhunderts ist die Kenntnis solcher historisch gewordener Fakten wichtig, denn nur so können sie die Brisanz mancher Handlungsschwünge begreifen und nachvollziehen. Vor allem die Polizei wird durch meist ungeschriebene aber deshalb nicht weniger fixe Regeln gehandicapt. 1926 ist es für die Mitglieder ‚guter‘ Familien einerseits eine Zumutung und andererseits eine widerwillig gewährte Gnade, mit der Polizei zu sprechen. Man schickt ihnen deshalb möglichst ranghohe Beamte ins Haus, die halbwegs auf einer Ebene mit den Befragten stehen.

Der Wolf narrt als Dandy die Schafe

Unter diesen Umständen erfordert eine Ermittlung auch diplomatisches Fingerspitzengefühl, was die eigentliche Fahndungsarbeit beeinträchtigen kann. Hier kommt Hercule Poirot ins Spiel. Er ist in mehrfacher Hinsicht ein Außerseiter als Ausländer, der seltsam redet und sich noch seltsamer kleidet. Die höflichen Engländer sind zwar irritiert, zeigen sich Poirot gegenüber aber auch toleranter als gegen ihre Landsleute; der Fremde weiß es halt nicht besser.

Sie verkennen dabei, dass Poirot sein Auftreten sorgfältig kontrolliert und kultiviert, es auf die Spitze treibt und dabei sein Bild vom exzentrischen Fremdling inszeniert. Auf diese Weise kann er vorgeblich höflich aber faktisch unbarmherzig den sozialen Kodex ignorieren. Poirot kommt damit weiter als die Polizei. Seine ‚Opfer‘ begreifen erst (zu) spät oder gar nicht, wie ihnen geschieht. Plötzlich hat sie Poirot enttarnt – nicht als Mörder aber als Lügner, die wichtiges Wissen über den Mordfall Ackroyd verschleiern, weil es sie in anderem Zusammenhang schlecht aussehen lässt.

So arbeitet sich Poirot systematisch, kühl aber nicht mitleidlos durch den Wust widersprüchlicher Indizien. Mehrfach warnt er davor, ihn zu Rate zu ziehen: Ist er einmal auf der Spur, wird er den Fall klären, auch wenn er dabei Hässliches zu Tage fördern und einen Mann oder eine Frau an den Galgen bringen wird. Genauso kommt es auch. Am Ende ist nicht nur der Mörder wie ein Tier in die Enge getrieben. Viele Masken sind gefallen. Für interessanten Gesprächsstoff in King’s Abbot ist jedenfalls gesorgt; Pech, dass einige Bürger dabei auf die falsche Seite geraten sind …

„Alibi“ in anderen Medien

In den frühen Tagen des (Stumm-) Films war das Theater durchaus noch ein ernsthafter Konkurrent. Der Autor Michael Morton bearbeitete Christies Geschichte für die Bühne; „Alibi“, das Stück, wurde am 15 .Mai 1928 im Prince of Wales Theatre in London uraufgeführt. Die Rolle des Hercule Poirot übernahm ein noch junger Charles Laughton (1899-1962). „Alibi“ erlebte 250 Vorstellungen und wurde 1932 unter dem Titel „The Fatal Alibi“ – wieder mit Laughton als Poirot – am New Yorker Broadway aufgeführt, wo das Stück allerdings erfolglos blieb.

Bereits 1931 entstand in den englischen Twickenham Film Studios „Alibi“ als erster Tonfilm nach einem Roman von Christie. Leslie S. Hiscott (1894-1968) inszenierte mit Austin Trevor (1897-1978) als Hercule Poirot und J. H. Roberts (1884-1961) als Dr. Sheppard. Trevor nahm die Poirot-Rolle 1931 („Black Coffee“) und 1934 („Lord Edgware Dies“) erneut auf.

Selbstverständlich wurde „Alibi“ auch im Rahmen der seit 1989 laufenden BBC-Fernsehserie „Agatha Christie’s Poirot“ verfilmt. David Suchet fahndete 2000 nach dem Mörder von Roger Ackroyd.

Autorin

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex Gatten nicht ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen vor allem die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino und TV Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt. (Wer mehr über Leben und Werk der A. C. erfahren möchte, wende sich hierher.)

Taschenbuch: 285 Seiten
Originaltitel: The Murder of Roger Ackroyd (London : William Collins & Sons 1926/New York : Dodd, Mead & Company 1926)
Übersetzung: Michael Mundhenk
http://www.atlantikverlag.de

eBook: 1079 KB
ISBN-13: 978-3-455-17019-1
http://www.atlantikverlag.de

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