Clark, Anne – Notes Taken, Traces Left

Anne Clark wurde am 14. Mai 1960 in Croydon, südlich von London, geboren. Ihre Mutter war Irin, ihr Vater Schotte und das Elternhaus streng katholisch. Die rebellische Anne musste die Schule bereits mit 16 Jahren verlassen und wurde trotz ihres Bedürfnisses nach künstlerischem Ausdruck und ihrer Liebe zu Musik und Büchern von den Eltern zu einem Job gezwungen. Sie arbeitete als Pflegeassistentin in einem psychiatrischen Krankenhaus, gefolgt von einer Arbeit bei Bonaparte Records, einem damaligen lokalen Plattenladen und -label in der aufkeimenden Punk- und Independentszene. In der Punkszene der ersten Stunde fand Anne mit Bands wie den SEX PISTOLS Stimmen, die ihre eigene Wut hinausschrien. Die Explosion des Punkrock führte aber auch zu einem neuen Umgang mit Musik, Kunst und der Gesellschaft als solcher. Zu dieser Zeit war alles möglich, auch dass Anne die Leitung des „Warehouse Theater“ übernahm, einem heruntergekommenen Theater in der Nähe des Plattenladens. Gegen anfänglichen Widerstand der Theaterleitung, die wohl lieber Independent- und Performancestücke dort aufgeführt gesehen hätten, arrangierte Anne dort für fast zwei Jahre Konzerte von Szenegrößen wie Paul Weller, Linton Kwesi-Jhonson, French & Saunders, The Durutti Column, Ben Watt und anderen.

Anne experimentierte bald selbst mit Musik und Texten und legte ihr Konzertdebüt bei Richard Strange´s Cabaret Futura in London ab, an der Seite von DEPECHE MODE.
Dazu war sie Mitherausgeberin von Paul Weller`s „Riot Stories“-Verlag, der von dem THE JAM-Frontmann ins Leben gerufen wurde, um junge Schriftsteller zu promoten. Sie war ebenso an zahlreichen Fernsehprojekten beteiligt, unter anderem an Programmen der BBC, und schrieb das Script für den Film „Sketch for Someone“ für Channel 4.

Ihre Experimente als Songwriterin trugen 1982 erste Früchte, als ihr Debüt „The Sitting Room“ herauskam. Während ihrer Zeit im Warehouse traf Anne auf David Harrow, der bei „Changing Places“ 1983, „Joined up Writing“ 1984 und „Hopeless Cases“ 1987 als Co-Writer fungierte. Anne und Davids Experimentierfreude an Keyboards und Synthesizern ließen sie Songs und Sounds schaffen, die als Meilensteine der elektronischen Musik der Achtziger und Neunziger bezeichnet werden müssen.

1985 kam es zur Veröffentlichung von „Pressure Points“ sowie einer Zusammenarbeit mit John Foxx, dem Gründer von Ultravox! (vor dem Einstieg von Midge Ure bzw. Ausstieg von Foxx noch Punkrock und mit ‚!‘), und im Jahr darauf begann Anne mit dem klassischen Pianisten Charlie Morgan zu arbeiten, der sie auch auf ihrer ersten Amerikatour begleitete. Charlie Morgan schrieb auch mit am Material für das Album „Hopeless Cases“ von 1987.
Ende 1987 ging Anne nach Norwegen, wo sie drei Jahre lang lebte und, zusammen mit den Norwegischen Musikern Tov Ramstad und Ida Baalsrund, neue Einflüsse verarbeitete. 1988 folgte ihr erstes Livealbum „RSVP“. Weitere Projekte, die sie mit Morgan begonnen hatte, mussten aufgegeben werden, als dieser an Krebs erkrankte und im Dezember 1992 mit 36 Jahren starb.

Nach Monaten der Neuorientierung und des Wandels wurde 1993 „The Law Is An Anagram Of Wealth“ aufgenommen, unter den Texten fünf Werke des Lyrikers Friedrick Rückert, und veröffentlicht. Ebenso führte sie ihre Zusammenarbeit mit Tov Ramstad fort und begann weitere mit Paul Downing, Martyn Bates und Andy Bell. 1994 entschied sich Anne, mit einer reinen Akustikband zu touren. Das Resultat kann man auf dem Livemitschnitt „Psychometry“, aufgenommen in der Berliner Passionskirche im gleichen Jahr, hören. Im folgenden Jahr veröffentlichte sie mit „To Love and Be Loved“ ein weiteres elektronisch-akustisches Album in Zusammenarbeit mit Martyn Bates, Paul Downing, Andy Bell und Chris Elliot. Ende 1996 stellten einige Bands, Produzenten und DJs eine Dokumentation Annes Arbeit als Tribut an ihren Einfluss zusammen, „Wordprocessing“ enthält Remixe von Songs wie ‚Our Darkness‘, ‚Sleeper in Metropolis‘, ‚Wallies‘ oder ‚Virtuality‘.

1998 kehrte Anne erneut zu den Akustik-, Folk- und Klassikeinflüssen zurück. „Just After Sunset“, wiederum in musikalischer Zusammenarbeit mit Martyn Bates, enthält Übersetzungen des Poeten Rainer Maria Rilke. 2002 wurde „Just After Sunset“ wiederveröffentlicht und Anne ging mit ihrer neuen Gruppe, bestehend aus Murat Parlak (Gesang/Piano), Jann Michael Engel (Cello), Niko Lai (Schlagzeug/Percussion) und Jeff Aug (Gitarre) auf eine ausgedehnte Europatour. Während der Tour entstanden in den Slowakischen Radiostudios in Bratislava Liveaufnahmen, die im September 2003 mit dem Titel „From The Heart – Live In Bratislava“ veröffentlicht wurden.

[Anm.: Die Biographie wurde teilweise der offiziellen Deutschen Fansite http://www.anneclark.de entnommen]

Im Januar 2003 unterschrieb Anne, die sich schon immer eher als Dichterin denn als Musikerin sah, einen Vertrag mit dem Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf und veröffentlichte ihr Buch „Notes Taken, Traces Left“ mit allen Texten in englischem Original und deutscher Übersetzung sowie Kommentaren und reichhaltigem Bildmaterial und ist damit seit einiger Zeit auf Lesetour durch Europa.

„Notes Takes, Traces Left“ liegt hier in der Hörbuchversion vor und umfasst zwei CDs mit insgesamt 2:20 Stunden Spielzeit. „This is a spoken word recording, there is no music on this CD“ macht dann auch denen klar, die nicht das Glück hatten, eine Vorab-Rezension zu lesen, dass es sich hierbei um eine reine Lesung handelt und nicht um ein weiteres Soundexperiment. Liest sich das ein bisschen wie die bei Medikamenten übliche Warnung, so fehlt denn zu dem optisch einfachen, aber ansprechenden Doppel-Digipack auch jeglicher Begleitzettel. Was sollte es auch zu einer Hörbuchversion eines Buches noch weiter zu schreiben geben?

CD 1 beginnt mit einer knapp achtzehnminütigen Einführung zu dem Buch (‚Introduction To Book‘), die auch gleich das Highlight des Werkes darstellt. Mit fast emotionsloser, dennoch sanfter und zerbrechlicher Stimme mit gelegentlich ironischem Tonfall schildert Anne, wie sie aufgewachsen ist, ihre Probleme mit Elternhaus und Schule, ihren erzwungenen Einstieg in das Berufsleben und wie sie in die damalige Szene hineingewachsen ist und ihre ersten eigenen Aufnahmen verwirklichte. Auch wenn das alles Informationen sind, die man in einschlägigen Biographien lesen kann, hat es eine ganz besondere, annähernd intime Atmosphäre, es von Anne selbst zu hören. Ihr sprachlicher Ausdruck ist dabei weitgehend einfach gehalten, auch Hörer mit durchschnittlichen Kenntnissen der englischen Sprache werden ihr recht mühelos folgen können.

Etwas anders wird das im weiteren Verlauf, wenn jede reguläre CD nach dem gleichen Muster ‚abgearbeitet‘ wird, ausgenommen das Album „Just After Sunset“ mit den Werken von Rilke. Anne gibt eine in der Regel drei- bis fünfminütige Einführung zu dem jeweiligen Album, in der sie die näheren Umstände der Aufnahmen und ihre Beweggründe beschreibt. Dabei ist schon der eine oder andere Ausdruck, der gegebenenfalls einen Blick in ein Dictionary erforderlich machen könnte. Nach der jeweiligen Einführung folgen dann in ein- bis dreiminütigen Lesungen die Texte aller Songs.

Bis auf die ersten zwei oder drei Alben, zumindest in meinen Erstpressungen, sind die regulären CDs mit Texten ausgestattet. Annes Sprechstimme auf „Notes Taken, Traces Left“ unterscheidet sich ebenfalls nicht wesentlich von ihrem Sprechgesang auf den jeweiligen Alben. Warum also eine Lesung von Texten, die es bereits mit Musik gibt und/oder nachgelesen werden können?

Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Konzeptionell waren die Werke von Anne Clark immer eine perfekte Symbiose, wenn auch zum Teil gerade durch ihren Gegensatz aus dunklen Texten um Verzweiflung, Liebe, Leid und Hoffnung und experimentellen, zuweilen befremdlich kühlen, elektronischen Klängen. Beraubt dieser Klänge, öffnet sich dem Hörer nun ein weitaus intimerer und persönlicherer Zugang zu den Texten und damit zu der Seelen- und Gedankenwelt des Menschen und der Person Anne Clark, statt zu der außerordentlichen und musikalisch visionären Künstlerin Anne Clark. Alles wirkt herausgelöst und offenbart, fragiler und in seiner poetischen Intellektualität weniger bedrohlich.

Es verbleiben die Fragen nach dem ‚Wofür‘ und dem ‚Warum‘ einer solchen Veröffentlichung. Die Fans werden dieses Werk genauso gierig aufnehmen wie jedes andere Album. Diejenigen, die nicht das Glück hatten, eine Lesung von Anne Clark live zu erleben, haben die außergewöhnliche Möglichkeit, das ganz privat für sich nun nachzuholen. Diejenigen, die mit den Werken von Anne Clark noch nie etwas anfangen konnten, werden auch mit einer Textlesung nicht bekehrt werden können. Desgleichen gilt für ‚Neueinsteiger‘, die ohne die jeweiligen Originale gehört und reflektiert zu haben, keinerlei Bezug werden herstellen können [Anm.: Interessierten seien nach Meinung des Rezensenten die erwähnten Livealben empfohlen].

Ein Werk für ihre Fans also. Warum? „Notizen gemacht, Spuren hinterlassen“ – Wann schreibt jemand über die Spuren, die er bereits hinterlassen hat? Wenn es keine weiteren Spuren geben wird, über die es zu berichten gelten wird? Es sind keinerlei Informationen darüber zu finden, dass Anne Clark ihr künstlerisches Schaffen einzustellen gedenkt. Dazu würde auch ihre zyklisch wiederkehrende kreative Hochphase, auf der sie sich im Moment wieder zu befinden scheint, nicht passen. Vielleicht sollten wir „Notes Taken, Traces Left“ als einen Moment der Retrospektive verstehen, als einen Rückblick auf bisheriges Schaffen aus heutiger Sicht der Dinge, eine Zwischenbilanz in einer Phase des Wandels.

Es verbleibt ein sehr persönliches Werk einer großen Künstlerin, dass fesselnd und niemals langwierig ist, jedoch jederzeit volle Konzentration erfordert. Was allerdings nicht schwer fällt, denn trotz des Wissens darum, dass er hier keine Spannungskurve oder einen großen Knall, ähnlichem einem Hörbuch-Thriller, geben wird, zieht dich Annes Stimme beständig in einen Bann, dem sich zu entziehen kaum möglich ist.

Zum eigentlichen Buch liegt derzeit leider kein Rezensionsexemplar vor, wir hoffen, dies nachholen zu können.

Homepage: http://www.anneclark.com